Czytaj książkę: «Cervantes»

Czcionka:

Bruno Frank

Cervantes


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2022

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066367237

Inhaltsverzeichnis

ERSTES BUCH

AUDIENZ

DER SPRACHLEHRER

GEEHRTE, GELIEBTE ELTERN...

DIE VENEZIANERIN

FIEBER

FLOTTENPARADE

LEPANTO

IM SCHWARZEN HUT

EL SOL

DIE TOTEN KÖNIGE

DALI-MAMI

DIE STADT ALGIER

DER SKLAVE DON MIGUEL

DREI VERRÄTER

DIE HEIMKEHR

ZWEITES BUCH.

ERSTER ABEND

UNICA CORTE

THEATER

AUFATMEN

LÜGENBANK

ANA FRANCA

STRASSENKREUZUNG

DAS DORF IN DER MANCHA

DER KOMMISSAR

BLUTSPRÜFUNG

2557029 MARAVEDIS

DER SELTSAME KERKER

ESCORIAL

DER RITTER

VERZEICHNIS DER WERKE BRUNO FRANKS

ERSTES BUCH

Inhaltsverzeichnis

AUDIENZ

Inhaltsverzeichnis

Es gab in Madrid keine Kutschen. Der Kardinal-Legat mußte zur Audienz reiten. Man hatte ein weißes Maultier für ihn aufgetrieben, darauf saß er seitlich, nach Art der Frauen, das leuchtende Gewand lang hinabwallend. Es regnete fein und eisig auf seinen flachen Purpurhut. Der alte Fabio Fumagalli, Kanonikus von Sankt Peter, führte sein Reittier am Zügel. Hinterdrein und zur Seite stapften die Leute seines Gefolges im Schmutz, drei Kleriker minderen Ranges und mehrere Bediente, alle unheiteren Gesichts niederschauend auf ihre Strümpfe, die kotig wurden bis über die Waden. Die geistlichen Herren hielten mit beiden Händen ihre Röcke hoch wie Bauernweiber und gedachten der schöngepflasterten römischen Promenaden.

Es war eine seltsame Hauptstadt, nach der sie da entsandt worden waren. Einen Marktflecken, nichts anderes, hatte sich dieser König zur Residenz ausgesucht. Wenn 15000 Christenmenschen hier beieinander hausten, war es viel. Die Häuser waren fast alle aus Lehm, einstöckig, so niedrig, daß der Kardinal auf seinem Maultier mühelos hätte die Dächer berühren können. Dies war die Hauptstadt der halben Welt. Von diesem Schmutznest aus wurde Spanien regiert, Burgund, Lothringen, Brabant, Flandern, und die fabelhaften Goldreiche überm Weltmeer. Von hier aus empfingen in Neapel, Sizilien und Mailand spanische Vizekönige ihre Weisungen. Gegen den Herrscher, der hier sich gefiel, hielten sich mühsam noch aufrecht der König von Frankreich, die Republik Venedig und der Staat des Heiligen Vaters. In Tracht und Sitte war Spanisch Weltmode; von hier ging sie aus.

Die spärlichen Passanten im Novemberregen beugten das Knie vor dem Reiter im Fürstenkleid. Die zu ihm aufschauten, blickten betroffen. Da ritt ein Knabe. Ein schmales, blasses, kränkliches Gesicht schimmerte unter dem Purpurrand.

Der Kardinal Giulio Aquaviva war 22 Jahre alt. Der Papst hatte ihn hergeschickt, um sein Beileid zum Tode des Thronfolgers Don Carlos zu überbringen, eine sehr besondere Mission, denn niemand zweifelte daran, daß hier der Vater dem Sohn zum Sterben verholfen hatte.

Beinahe einen Monat war die Delegation unterwegs gewesen von Rom nach Madrid. Das Meer war stürmisch, allenthalben kreuzten die Raubschiffe der Barbaresken. Die geistlichen Herren gingen halbtot an Land. Ein Aufenthalt ohne Bequemlichkeit erwartete sie. Der Kardinal-Legat saß die Nächte durch aufrecht in seinem nassen harten Bett in der Madrider Nuntiatur und hustete.

Während der langen, entsetzlichen Seefahrt hatte sein Kommen noch einen weiteren finstern Sinn bekommen. Auch zum Tode der Königin konnte er nun gleich mitkondolieren. Die schöne, sanfte Elisabeth von Frankreich war nur 25 Jahre alt geworden. Nach den Marien von Portugal und von England war sie die dritte Tote in Philipps Ehebett. Was seine Hand berührte, das welkte und ging.

Vorwand genug nun also für die Reise. Denn ihr geheimer und eigentlicher Zweck war ein anderer. Zwischen dem Allerkatholischsten Könige, Schild des Glaubens, Richtschwert der Ketzer, und dem Vatikan herrschte Zwist. Der Sohn Karls des Fünften lag im Staub vor Gott und der reinen Lehre, keineswegs vor dem Papst. „Für Spanien gibt es keinen Papst,” hatte der Präsident seines Rates in öffentlicher Sitzung gesagt... Der 22 jährige kranke Herr war Träger sehr ernster Botschaften.

Denn der ständige Nuntius hatte garnichts erreicht. Audienzen wurden ihm selten gewährt, stets von neuem verwies man ihn auf den schriftlichen Weg. König Philipp liebte den schriftlichen Weg. Leise und zäh hauste er unter Papieren. So sparsam er sprach, so gern, so methodisch schrieb er. Das Gebet und die Akten, dies war sein Leben.

Von seinem Kondolenzgesandten erhoffte der Papst, was sein Beamter nicht durchsetzte. Unter tragischen Umständen würde der Jüngling vor diesem König erscheinen, vielleicht fand er den Weg zu seinem Gefühl, zu seiner belasteten Seele. Man liebte Aquaviva in Rom. Pius selbst, unter seiner dreifachen Krone ein unerbittlicher alter Dominikaner, liebte ihn. Vielleicht würde auch Philipp ihn lieben.

Der ständige Nuntius war voller Hohn. Zunächst einmal quartierte er den kranken Herrn schlecht ein in seinem Hause, kein Mensch kümmerte sich um sein Wohlergehen, seine Begleitung bekam nichts zu essen.

Schließlich schlug der Kanonikus Fumagalli Skandal. Er war ein weißbärtiger Bauer aus der Romagna, von mächtigem Körperbau, zum Soldaten mehr als zum Priester erschaffen, und dem Hause Aquaviva seit jungen Jahren dienend befreundet. Auch er liebte den hochgeweihten, zarten und frommen Jüngling. Mit dem Hausherrn hatte er eine kurze, völlig respektlose Unterhaltung. Danach wurde alles besser.

Aber mit befriedigtem Hohn beobachtete der Nuntius weiterhin, wie der Aufenthalt des ungebetenen Logiergastes sich müßig hinzog. Drei Wochen war er nun schon da. Auf die ehrerbietige Anfrage, wann die Traueraudienz genehm sei, war erst viele Tage überhaupt keine Antwort gekommen, endlich ein Bescheid aus der Staatskanzlei, das Beileid möge schriftlich abgestattet werden. Schriftlich, das Allerweltswort, aber dem Kirchenfürsten gegenüber, der einen Monat unter Fährnissen gereist war, eine kaum tragbare Insolenz. Dennoch war nichts übrig geblieben als nochmals zu bitten. Unmöglich konnte er nach Rom zurückfahren und Petri Nachfolger bekennen: man hat Deinen Botschafter garnicht ins Haus gelassen. Als endlich der Zutritt gewährt wurde, war von vornherein das Gleichgewicht peinlich verschoben. Und das war der Zweck gewesen.

Das Königsschloß war erreicht. Aber der geistliche Zug konnte den Eingang nicht finden. Ein Gerüst zog sich um den burgmäßigen, verwinkelten Alcazar. Im Regen hämmerten Arbeiter. Immer wurde an Philipps Häusern gebaut.

Sie zogen um den ganzen zackigen Komplex. Vor einer Hinterpforte stieg der Legat von seinem Tier. Pikenträger in riesigen Hüten, gelben Wämsern und rotgelben Pluderhosen hielten Wache. Sie verstanden kein Wort. Es waren Deutsche. Schließlich, auf das Rufen der Diener, kam ein Mann in Priesterkleidung die steile Stiege herab und gab auf Lateinisch Bescheid. Von hier aus war kein Zugang zu den königlichen Gemächern. Aufgesessen also noch einmal und im Halbkreis zurück zur Vorderfront mit den Gerüsten.

Die Begleitung verblieb in einem Wachtlokal zu ebener Erde. Es war kalt hier, durch die winzigen, vom Balkenwerk verstellten Fenster kam jetzt um Mittag kaum Licht. „Das sind Vergnügungsreisen!” sagte Fumagalli, der den nassen roten Hut des Legaten auf den Knien hielt, „die Eminenz wird uns sterben an diesem Ausflug!”

Der Kardinal ging langsam, unter Seitenstechen, die dunklen Treppen hinauf. Es roch schlecht in diesem mittelalterlichen Burgpalast. Ein Hofherr schritt seitlich voran, immer höher. Ich glaube, der König von Spanien sitzt auf dem Dach und erwartet mich da, dachte Aquaviva, denn er war fröhlichen Gemüts unter seinem Purpur, ein gütiger heiterer Knabe bei all seiner frommen Klugheit.

Nun ging es im obersten Stockwerk seitlich ab, durch einen offenen Zinnengang erst, in den der Nordsturm hereinblies, und von dem aus man das ganze lehmschmutzige Städtchen recht armselig liegen sah und jenseits das nackte, traurige Hochland von Kastilien. Dann kamen Säle, niedrig und lang, mit ein paar Truhen spärlich möbliert. Überall Herren vom geistlichen Stand, in der Sutane oder im Ordenskleid, in Gruppen sich beredend, untätig harrend. Ein viereckiges Zimmer dann, voll mit Bewaffneten. Ihr Offizier erwies klirrend Salut. Im nächsten Raum, einem völlig leeren Gang, verließ ihn der Hofherr zur Meldung.

Unmittelbar zu Aquavivas Häupten schlug eine Glocke stark und nachhallos die Mittagsstunde. Die Tür ging auf. Der Kämmerer ließ ihn passieren.

Das Zimmer war hell. Aus hohen Fenstern strömte von links und von rechts stumpfes, kalkiges Licht auf dem Schreibtisch zusammen, hinter dem König Philipp arbeitete. Er legte sein Gerät zur Seite und blickte aus großen, gewölbten, unnennbar ruhigen Augen dem Eintretenden entgegen. Der verneigte sich, und wartete dann in höfischer Haltung auf eine Anrede. Doch die kam nicht. So hatte er Muße, den meistberedeten Herrn der getauften Welt zu betrachten.

Der Anblick erstaunte ihn, und er gab sich auch Rechenschaft über den Grund. Philipp saß ohne Hut, wie er auf keinem seiner vielen Portraits erschien, und wie man also nicht gewohnt war, ihn sich zu denken. So sah der Kardinal, wie blond er war: hellblond das seidig frisierte Haupthaar, nur wenig dunkler der Bart, der einen großen, geistreich gezogenen Mund umrahmte. Sehr zart und hübsch gebildet die Nase, porzellanen durchsichtig die weiße Haut, Eleganz und Gepflegtheit der vorherrschende Eindruck. Nur die vorgebaute und schwere Stirn brachte einen unbestimmt drohenden Zug in das anmutige Ganze.

Schwarzer Samt war sein Anzug. Selbst die Halskrause war in diesen Tagen der Trauer verschwunden, der Orden des Vlieses hing an einer Kette aus dunklen Edelsteinen über der Brust und schimmerte schwach.

Soll ich selber denn anfangen? dachte Aquaviva und stellte mit Mißbehagen fest, daß ihm Gesicht und Hände vor verlegener Hitze brannten. Ein wenig ratlos schickte er den Blick durch das Königszimmer. Da war nicht viel zu sehen. Gobelins bedeckten die Wände. Wenige schwere und simple Möbel. Seitlich neben Philipp stand ein Tischchen mit einem kleinen Kruzifix und zwei Reliquienkästchen aus Silber.

„Einen jungen Priester schickt mir die Heiligkeit,” sagte ziemlich leise eine höfliche und vollkommen leere Stimme in mühsamem Italienisch. „Sagt Euern Auftrag!”

„Der Heilige Vater, Majestät, entbietet Euch seinen Gruß und seinen apostolischen Segen. Mein Auftrag ist, auszudrücken, mit wie tiefem, innigen Anteil die Heiligkeit den Tod Eures Infanten Don Carlos erfahren hat, und daß ihr tägliches, unermüdlich wiederholtes Gebet dem Entschlafenen gilt.”

„Das ist viel Ehre für diesen Prinzen,” sagte die glanzlose Stimme.

Aquaviva verstummte. Dies ging wider alle Voraussicht. Mochte an sämtlichen Höfen der Christenheit ohne Umschweife von diesem aufregenden Trauerfall geredet werden, der König selbst, dies stand doch wohl fest, würde mit ein paar steifen Redensarten alles zudecken. Er hatte ja Anlaß dazu.

Dieser Prinz war ein Krüppel und ein halb Irrsinniger gewesen. Da er der Erbe der halben Welt war, kannte die ganze Welt seine Schritte von Kind auf. Sie wußte von seinen Ammen, denen der Säugling die Brüste zerbiß, so daß sie starben, von den Tieren, die der Knabe lebendig am Pfahl briet, den Hofleuten, die er zu kastrieren befahl, seinen Wutausbrüchen, Schreikrämpfen, epileptischen Anfällen. Auch vor dem Vater machte das Halbtier nicht Halt. Daß er ihm den Tod schwur, wäre ertragen worden. Aber in der vergangenen Weihnacht wurde sein Plan ruchbar, zu fliehen und sich in Flandern an die Spitze der Ketzer zu setzen. Mit geheimnisvoller Schnelle war dies auch in Rom bekannt. Der Papst geriet in Ängste. Er wurde beruhigt. Schon hielt man in Madrid den Prinzen gefangen. Er starb. Zu diesem Tod überbrachte Aquaviva die Kondolation.

„Die Heiligkeit,” sprach er mit Anstrengung weiter, „hat einen Trauergottesdienst angeordnet. Am 5. September wurde er in Sankt Peter abgehalten. Um dem Erben eines so mächtigen Reiches die höchste Ehre zu erweisen, hat die Heiligkeit dieser Feier selbst angewohnt. Ich darf darauf hinweisen, Majestät, daß solche Ehre bis auf diesen Tag nur Königen zu Teil geworden ist.”

„Nur Königen,” wiederholte der König, plötzlich in hartem Latein. „Ich danke dem Heiligen Vater. Gott hat mir die Last auferlegt, den wahren Glauben unverletzt zu erhalten, Gerechtigkeit und Frieden zu halten und nach meinen wenigen Lebensjahren die anvertrauten Staaten in fester Ordnung zurückzulassen. Alles hing in erster Reihe von der Person meines Nachfolgers ab. Es hatte aber Gott zur Strafe meiner Sünden gefallen, den Prinzen Don Carlos mit so vielen und schweren Mängeln zu behaften, daß er zur Regierung ganz untauglich war. Fiel ihm das Reich als Erbe zu, so war es gefährdet. Er konnte keineswegs leben. Nehmet den Stuhl!”

Die letzten Worte waren genau im selben Tone gesprochen wie das Vorangehende. Der junge Kardinal, betäubt und geblendet von so viel unerwarteter, schneidend heller Aufrichtigkeit, begriff nicht sofort.

„Nehmt Euch den Stuhl,” wiederholte der König.

Es stand nur einer im Zimmer, ein niedriger Schemel ohne Lehne. Aquaviva zog ihn heran. Das lebendige Rauschen seiner Seide um ihn beim Niedersitzen war wie ein Trost.

„Majestät, ich gehorche. Aber nicht sitzend dürfte ich mich meines ferneren Auftrags entledigen. Der Heilige Vater hat ihn mir nicht selbst mehr erteilen können, aber ich weiß, daß sein Herz ihn mir über das Meer zusendet. Gott hat vor wenigen Wochen auch Ihre Majestät die Königin zu sich heimgerufen, die beste, die frömmste, die edelste Seele, und so...”

„Es ist gut, Kardinal. War sonst noch etwas?”

Ablehnung schwang in der höflichen Stimme. Denn diese heitere, gütige, entzückende Französin hatte der König geliebt.

„Geschäfte schweben, Euer Majestät.”

„Geschäfte. Gewiß. Der Papst unterhält einen ständigen Vertreter bei meinem Hof.”

Aquaviva hatte zwei kreisrunde Flecken auf den Wangen, rot wie sein Kleid.

„Der ständige Nuntius ist schon lange von der Person des Heiligen Vaters entfernt. Meine Worte ersucht die Heiligkeit als unmittelbar aus ihrem Munde kommend zu betrachten.”

„Ich werde aufmerksam hören,” sagte Philipp. Ein Sturmstoß warf prasselnd den Regen gegen die Fensterscheiben. Beide lauschten. Als dies Geräusch vorüber war, setzte der König langsam und mit Präzision hinzu:

„Seine Heiligkeit weiß, und es kann sich daran nichts ändern, daß ich lieber auf meine Krone verzichten will, als mir das entreißen lassen, was der Kaiser und König, mein Souverain und mein Vater, vor mir besessen hat.”

Auf meine Krone verzichten... Es war cäsarisches Latein, jeder Satzteil wie eine Quader. Um Redensarten ging es hier nicht. „Wenn mein Sohn,” hatte der gleiche Mann einst gesagt, „der Ketzerei verfiele, würde ich selber Holz herbeitragen, um ihn zu verbrennen.” Er hatte noch keinen Sohn besessen, als er so sprach... Dieser unbedingten, schweren und langsamen Seele war jedes Äußerste zuzutrauen. Nicht über Rom, auf unmittelbarem Wege erging an ihn, der eingesetzt war in die Herrschaft, Gottes Befehl. Spaniertum und Rechtgläubigkeit waren das Selbe für ihn. Er war Gottes schwer beladener Verwalter, sein irdisches Königsdasein in unerschauter Machtfülle war ein schmaler Vorhof der Ewigkeit, auf die sein Auge unverrückbar gerichtet blieb. Draußen auf ödem Vorland der Sierra erstand schon die ungeheure Lebensgruft des Escorial, steinerner Traum seiner Frömmigkeit, fugenlos nackt sich hinlagernd in nackte Landschaft, Machtburg, Glaubenskaserne und Grabkirche, wo er die Toten seines Geschlechts zu vereinigen dachte. Er war ein schöner, eleganter Herr und vierzig Jahre alt. Aber schon waren mit jeder Einzelheit die dreißigtausend Totenmessen angeordnet, mit denen der ganze Heerbann spanischer Priester dereinst seiner Seele den Weg zur Seligkeit sichern sollte.

Kein Papst in aller Vergangenheit hätte diesem König mehr entsprechen können als der alte Mann, der jetzt auf Petri Stuhle saß, der asketische Mönch, Großinquisitor vordem — Philipps düster glanzloses Gegenbild jenseits des Südmeers. Und mit ihm lag er im Streit.

Es ging nicht um wenig. Es drohte die Loslösung. Es drohte die Spanische Staatskirche. Die Anzeichen waren da.

Giulio Aquaviva begann zu reden. Das kranke Haupt im Scharlachkäppchen geneigt, den Blick schräg vor sich hin auf eine Tierfigur des Teppichs geheftet, baute er die vatikanischen Beschwerden vor dem Allerkatholischsten Herrscher auf, sacht beginnend mit Läßlichem, minder Bedeutsamem, sodann Befremden, Betrübnis, Entsetzen kunstvoll steigernd, keine Periode ohne ein frommes Kompliment vor dem König, seine Verdienste hoch und höher erhebend, um hernach umso tiefer klagen und anklagen zu können. Er nahm all seine Klugheit, Glaubenskraft, Innigkeit, ja unbewußt auch allen rührenden Reiz seiner kranken Jugend zusammen, — welch gebrechlich holden Geräts bedient sich hier der wahre Glaube, hätte jeder andere Hörer bei sich denken müssen. Es ging um alles. Der Augenblick war entscheidend. Höchst ungewiß, ob er wiederkehrte. Giulio sprach nun ebenfalls Latein, bestes Latein, aus Höflichkeit gegen den König, der sich dieser Sprache soeben bedient hatte.

Der Anstände waren so viele. Von ganzer Seele wünschte der Papst sie beseitigt zu sehen. Er liebte und ehrte den König, auf ihm lag all seine Hoffnung gegen die Ketzerei, die allenthalben entsetzlich sich erhob. Mit welch christlicher Freude hatte er noch kürzlich erfahren, daß das Haupt der flandrischen Häresie, Graf Egmont, auf dem Brüsseler Schafott öffentlich gefallen war, ungeachtet der Dienste und Siege, die dieser Ketzer einst hatte leisten dürfen. Ganz sicherlich waren auch jetzt alle Übergriffe und Beleidigungen das Werk untergeordneter Diener, die Majestät hieß sie nicht gut.

Unerträglich zum Beispiel war das Verhalten des spanischen Vizekönigs in Neapel, des Herzogs von Alcala. Er verhöhnte die Autorität. Bischöfe, Abgesandte des Vatikans, ließ er tagelang im schlechtesten Vorzimmer warten. Kamen sie endlich vor ihn, so empfing er sie im Bette liegend, und, wie es hieß, nicht stets allein.

Philipp erwiderte nichts und blickte mit etwas hängender Unterlippe ins Leere.

Hierzulande war es nicht anders. Ein Jahr erst war es her, da hatte der Papst die Stiergefechte verboten. Den Veranstaltern war der Bann angedroht. Die im Stierkampf Getöteten durften nicht kirchlich bestattet werden. Aber sie wurden kirchlich bestattet. Aber die Bischöfe gaben dem Bann keine Folge. Aber der Zulauf und Prunk waren größer als je. Und das geschah schließlich unter den Augen des Königs.

Aquaviva erhob den Blick und machte eine respektvoll abwartende Pause.

Philipp antwortete auch. Ein paar Worte freilich nur. Aber es war höchst seltsam: Aquaviva verstand nicht. Etwas in der Sprache des Königs klang fremd, rauh entgleitend. Hab ich denn Fieber, dachte Aquaviva, mir scheint, ich bin doch ganz klar im Kopfe... Fragen konnte er nicht. Er fuhr fort.

Das waren Einzelheiten. Aber wurde denn in Spanien die apostolische Gerichtsbarkeit überhaupt noch geachtet? Und wie war es mit den Finanzen? Besteuerte nicht der König den Klerus nach Gutdünken und leitete ungeheure Summen der spanischen Staatsfinanz zu, statt in die römische Hauptkasse der katholischen Christenheit? Gott wußte, und der König wußte es auch, daß dem Heiligen Vater Eigennutz fern lag. Christi Statthalter lebte wie ein Bettelmönch. Eine Brotsuppe und ein halbes Glas Wein zu Mittag, am Abend ein wenig Obst. Seine Kleidung war so schlecht, daß sie Anstoß erregte. Doch er benötigte das Geld für die Verwaltung des ungeheuren Seelenreiches, das ihm anvertraut war. Er bat seinen geliebten und großen Sohn, dies doch einsehen zu wollen.

Der König sprach wieder einige Sätze. Der Kardinal verstand wieder nicht. Er öffnete vor Anstrengung des Horchens den Mund, der ihm austrocknete. Er bekam Tränen in seine guten Augen, vor Scham, Ärger und Ratlosigkeit. Und diesmal merkte der König, daß er nicht verstanden wurde. Einen Schein wie von einem bleichen Lächeln meinte Aquaviva über das gepflegte Antlitz hingleiten zu sehen. Das konnte ein Irrtum sein. Aber was und wie, bei allen Heiligen, sprach dieser König? Das war doch eine seltsame Art von Latein — denn Italienisch war es nicht, obwohl es auch wieder ähnlich klang und einzelne Worte aufzufassen waren — einerlei, der Kardinal konnte nicht dasitzen und grübeln. Es hieß weiterkämpfen auf wankendem, weichendem Boden. In diesem Augenblick sehnte sich der fromme Knabe Aquaviva namenlos nach seinem Appartement im Vatikan, nach seiner kleinen, dämmerigen, immer so gut geheizten Hauskapelle, wo er vor einem schönen Muttergottesbild des Umbriers Perugino innig gern zu beten pflegte. Das waren gute Stunden. Der Heilige Vater hatte ihm da eine Fahrt durchs Fegfeuer auferlegt, nun denn, er mußte durch die Flammen hindurch.

Er richtete sich in die Höhe. Er gab seiner Stimme Metallklang. Es kam ein Schul- und Hauptfall, der endlich ausgetragen werden mußte. Um den unglücklichen Erzbischof von Toledo handelte es sich, den ersten Prälaten des Landes, Bartolomé Carranza, der von der spanischen Inquisition der Neigung zum Luthertum angeklagt war. Von der spanischen Inquisition allein, Aquaviva unterstrich das. Nie habe Rom an die Schuld des höchst würdigen Mannes geglaubt. Der Papst, der Strengste der Strengen, finde keine Schuld an ihm. Ginge es nach der Kurie, so wäre der unglückselige Greis längst befreit. Aber die spanischen Richter widersetzten sich — und zwar auf strikten Befehl des Königs. Inzwischen aber stehe das Toledaner Bistum, das erste und reichste in Spanien, verwaist, und der Staat ziehe die gewaltigen Einkünfte ein, ohne Rest. Nicht der Heilige Vater, nicht er sein Legat, wohl aber die Meinung der Welt sehe hier die eigentliche Ursache der königlichen Unerbittlichkeit.

Dem sei wie dem wolle — Aquaviva erhob sich, es schien ihm der Augenblick dazu — dies werde nicht weiter geduldet. Der Heilige Vater habe ihm in diesem Punkt äußerste Deutlichkeit auferlegt. Es handle sich um den Entscheidungskampf der spanischen Theologie mit der römischen. Die Frage sei, ob der Allerkatholischste Herrscher, Schild des Glaubens, Schwert der Ketzer, sich löblich unterwerfe oder ob er die Autorität des Papstes mißachte und die Spanische Staatskirche wolle, also den Abfall. Unmißverständlich wünsche der Papst zu erklären, daß er in diesem Fall vor nichts zurückschrecken werde, vor nichts — vor dem Bannfluch nicht!

Schweigen. Schweigen. Kein Auffahren des Königs, nicht die mindeste Geste, kein Zucken in den weißen Zügen. Eine höflich lauschende Miene, ein Blick, der an dem Kardinal vorbei schräg zum Wandteppich ging.

„Der Apostolische Stuhl,” sprach Aquaviva nun feierlich, „entscheidet gegen die Inquisition. Der Erzbischof kehrt nach Toledo zurück. Der Papst fordert seine Rehabilitierung. Carranza verdient sie. Und” — mit einem außerordentlichen Effekt plötzlicher Milde und Wärme — „nicht nur der Christ, der gehorsame Katholik, auch der Sohn muß sie willig gewähren, denn der Kaiser und König, sein Souverain und sein Vater, Karl glorreichen Namens, ist im Kloster Yuste in den Armen dieses selben Bischofs Carranza gestorben.”

Das war nun gesprochen. Aquaviva atmete hoch auf aus seiner schmalen Brust. Gut angelegt, gut gesteigert, das Äußerste gesagt, mit dem Banne gedroht, und geschlossen mit einem vollen menschlichen Glockenton. Darauf mußte geantwortet werden. Das war kein Gegenstand mehr für Kanzleien. Da gab es kein Verweisen auf den schriftlichen Weg. Der Kardinal wartete.

Der König wartete auch. Dann, ohne das Auge zu erheben, mit mäßiger Stimme begann er zu reden. Und Aquaviva verstand nicht. „Imperator et rex, dominus meus et pater” zwar begann es, aber schon wieder glitt das Idiom ab, verwandelte sich — wo hatte er denn seine Ohren gehabt: Philipp sprach Spanisch zu ihm, ein besonderes Spanisch allerdings, wie er dunkel zu spüren glaubte. Es war so. Ganz sacht und allmählich entstellte der Spanier seine Sprache ein wenig, tilgte Zungen- und Gaumenlaute, färbte das O dunkel in U um und brachte so ein foppendes Pseudolatein zustande, dessen Sinn der Andere stets zu erhaschen meinte, und das ihm doch immer entglitt. Ein Meisterspiel, das durfte man sagen.

Es fehlte sehr wenig, und Giulio hätte geweint. Was war er auch hergereist, ohne die Sprache zu kennen. Aber wem erschien denn das nötig! Noch war Italienisch das Idiom der vornehmen Welt und Latein gemeinsam allen kirchlich Erzogenen. Zu jeder Mission in Europa war man damit gerüstet. Gegen diesen einen Menschen freilich nicht.

Ihm fiel ein, was ihm gestern noch der französische Botschafter flüsternd erzählt hatte: wie der König die langsame Agonie seines Sohnes durch eine Öffnung in der Kerkerwand viele Stunden lang beobachtet habe, ruhigen Herzens, ohne sich bemerkbar zu machen. Er hatte gestern Herrn Fourquevaux kein Wort geglaubt; jetzt glaubte er’s.

Philipp sprach. Er sprach sehr ausführlich, mit feinen Modulationen der Stimme jetzt, leise zwar, aber in eleganten, effektvollen Kadenzen, mit einem offenkundigen, ruhigen Genuß. Er hatte Zeit. Er ließ sich Zeit. Es hatte für den unglücklichen Knaben im roten Mantel den Anschein, als werde er weiterreden bis zum Abend. Vor seinen Ohren brauste und zischte es, hie und da schlug ein halbvertrautes Wort durch die Brandung — er schwankte, er wäre fast auf seinen Sessel zurückgesunken, er war ja auch krank. Da sagte die höfliche Stimme abschließend auf Italienisch:

„Dies ist es, was ich sagen kann, Kardinal. Ich halte Sie nun nicht mehr zurück.”

Er mochte, ohne sichtbare Geste, eine Glocke in Bewegung gesetzt haben. Die Tür stand offen und der Kämmerer bereit, ihn hinwegzuführen.

Der Regen draußen hatte aufgehört. Eine bleiche Sonne, fast schon eine Wintersonne, schien. Der alte Fumagalli führte das Maultier am Zügel. Besorgt schaute er zu seinem Herrn und Zögling auf, der leichenbleich und erschöpft sich in seinen Frauensattel werfen ließ.

„Du siehst so müde aus, geliebter Sohn,” sprach er leise zu ihm hinauf. In guten und in sehr schlechten Stunden duzte er ihn immer noch wie als Knaben.

„Müd bin ich,” sagte der von seinem Maultier herunter.

„Du mußt fort aus diesem Lande, Giulio. Das ist kein Klima für Dich.”

„Ich gehe, sobald man mich ruft.”

„Was sollst Du denn noch! Was willst Du noch hier?”

„Spanisch lernen. Such einen Lehrer!”

DER SPRACHLEHRER

Inhaltsverzeichnis

„Das ganze Vorzimmer ist voll, Eminenz,” sagte Fumagalli, der von draußen zurückkam. „Ein Dutzend Kerlchen sitzen da, alle sehr hungrig und trübselig anzuschauen.”

„Ein Dutzend Sprachlehrer! Wo kommen die her?”

„Aus den Humanistenschulen. Es gibt sechs oder sieben in diesem Kuhdorf. Denen hab ich Zettel hingeschickt.”

„Sehr praktisch von Dir,” sagte Aquaviva.

„Wissen möchte ich bloß, warum Ihr noch Spanisch lernen wollt!”

Der Kardinal sah ihn an. „Noch sagst Du, Fabio, noch! Du gibst mir nicht viele Jahre mehr, wie?”

„Noch — als erwachsener Mann und Fürst der Kirche!” rief Fumagalli erschrocken.

„Ich werde Dir eine Geschichte erzählen. Hör zu! Am Abend, ehe der weise Sokrates sterben sollte, kam ein Freund ins Gefängnis und sah, daß der Musiklehrer da war und ihm auf der Leier ein Lied beibrachte. Wie denn, rief der Freund, morgen sollst Du sterben und lernst heute noch ein neues Lied? Und Sokrates sprach: wann soll ich es denn lernen, Du Lieber?”

„Wer redet vom Sterben! Das bißchen Husten. Hast Du’s denn warm genug?”

Aquaviva saß in einem Lehnsessel, gut zugedeckt, neben ihm stand mit heller Glut ein Kohlenbecken aus Bronze, rund und groß, ruhend auf drei wundervoll gearbeiteten Löwentatzen. Fumagalli hatte das schöne Stück mit eigenen Händen aus dem Schlafzimmer des apostolischen Nuntius geholt, ohne jemand zu fragen.

„Gut warm habe ich’s,” sagte Aquaviva. „Was aber das Spanische betrifft, so ist eine zweite Audienz nicht ausgeschlossen, und da macht sich’s doch hübsch, wenn ich den König mit ein paar Brocken überraschen kann.”

Fabio kniff die Augen zusammen. So verdächtig gemütlich redete er immer von diesem König! Erzählt hatte er garnichts. Aber kränker war er seit dem Empfangstag.

„Zweite Audienz! Ich glaub’ nicht daran. Er ist droben beim Escorial und überwacht seine Bauleute.”

„Einerlei. Ohne Spanisch kommt man nicht aus. Es ist auch wichtig für die vatikanische Korrespondenz. Der Heilige Vater wird es anerkennen.”

„Wie die Eminenz meint. Dann werd’ ich also ein paar von den Vögeln hereinlassen.”

„Aber einzeln, Fabio! Immer nur einen!”

Das Vorzimmer war voller Menschendunst. Die Zahl der Bewerber hatte sich fast noch verdoppelt. Es waren meist junge Leute, schlecht genährt und nicht besser gewaschen. In ihren Studentenkragen aus grobem schwarzem Tuch saßen sie aufgereiht auf der samtbezogenen Mauerbank, drehten ihre Mützen in den Händen und beschauten einander mit unguten Blicken. Wer würde den unerhörten Treffer ziehen in dieser Lotterie?

Mit Notwendigkeit blieb Fumagallis Auge sogleich auf einer Erscheinung haften, die sich aus all dieser schlechtgelüfteten Jugend auffällig heraushob. Er trat auf den Mann zu, der sich erhob und nun im langfließenden, dunklen Seidenmantel groß vor ihm stand, das hochgeschnittene Barett auf dem grauhaarigen, bartlosen Haupt.

„Sind Euer Ehren nicht irrtümlich hier?” fragte er höflich, denn die Tracht des Mannes schien ihm gelehrte Grade zu verraten. „Der Empfang heute dient einem besonderen Zweck.”

„Der Zweck ist mir bekannt, Euer Würden, und mit Vorbedacht bin ich hier.”

Fumagalli vollführte eine einladende Geste und schritt gegen die Türe voran. Zugleich mit dem Gelehrten hatte sich neben ihm ein Student erhoben, ein schlankes, behendes Bürschchen mit lebhaften Augen, angezogen wie alle, nur vielleicht besser gewaschen, und machte unsicher Anstalten, mitzugehen.

„Du bleib nur einstweilen,” sagte der Mann im Talar, „Du würdest nur alles verderben.” Gehorsam nahm der Student wieder Platz, für die Protektion, die er genoß, von allen Seiten durch zornige Blicke versengt.

„Euer Eminenz,” meldete Fabio drinnen mit Förmlichkeit, „unter den Wartenden befand sich auch dieser Herr. Es schien mir richtig, ihn als Ersten einzuführen.”

Der Gelehrte stellte sich vor. Er war Don Juan Lopez de Hoyos, wohlbekannten Namens, wie er hinzufügte, Doktor der Universität Valladolid und Vorsteher einer jener Grammatik- und Kunstschulen, der berühmtesten in ganz Spanien, er verschwieg es selber nicht.

„Euer Besuch ist eine Ehre für mich,” sprach Aquaviva und wies auf einen Sessel. „Ich weiß sie zu schätzen. Aber unmöglich darf ich glauben, daß ein Mann Eurer Grade bereit ist, Elementarunterricht zu erteilen.”

„Eminenz, es war vorauszusehen, wie viele Anwärter sich einstellen würden. So habe ich einen meiner Zöglinge herbegleitet, in der Hoffnung, ihm durch Empfehlung zu dienen. Das Glück ist so blind,” setzte er hinzu, da er in den Zügen des Kardinals eine kleine ärgerliche Verfinsterung zu bemerken glaubte, „es mag mir erlaubt sein, ihm ein wenig die Augen zu öffnen.”

„Mir wollen Euer Ehren die Augen öffnen, ohne Metapher gesprochen. Ich sehe aber ganz gut.” Und Aquaviva lachte.

Der Humanist entschloß sich mitzulachen. „Der junge Mann, der mich begleitet, ist schüchtern, er bringt es nicht fertig, sein Licht leuchten zu lassen. Lobt ihn jemand, so widerspricht er eher — er hätte sich Eurer Eminenz selbst nicht empfohlen. Und da er begabt ist...”

„Er braucht doch nur Spanisch zu können.”

„Spanisch können! Das eben ist’s! Spanisch kann nur, wer Latein kann. Und wie kann er Latein! Den Beweis dafür habe ich mitgebracht.”

Aus den Falten seines Doktortalars hatte er zwei Hefte in Quart hervorgeholt und hielt sie auf seinen schwarzbekleideten Händen dem Kardinal hin.

„Was ist das?” fragte Aquaviva, ohne die Schriften zu nehmen. Er war voller Abwehr gegen den Schulfuchs und Musterlateiner, der ihm da aufgeredet werden sollte.

„Das eine Heft,” antwortete Hoyos, „enthält gedruckt ein Gedicht, mit dem mein Schüler bei dem jüngsten öffentlichen Dichterturnier den ersten Preis davon getragen hat — den ersten, Eminenz, obwohl der sonst in unserem Lande fast stets nach hohem Stand und Protektion vergeben wird. Das zweite...”

„Bleiben wir bei dem einen! Vielleicht beliebt es Euer Ehren, die Verse vorzulesen.”

„Mit Freuden,” sagte der Humanist. „Es handelt sich natürlich um eine Glosse.”

„Glosse?”

Man sah Hoyos an, daß so viel Ignoranz ihn erstaunte. „Bei unseren Wettbewerben,” erklärte er ein wenig überheblich, „wird den Kandidaten in Versform ein Thema gestellt. Dies auf der Stelle zu kommentieren, in makellosen Strophen, darum handelt es sich. Die Zeilen des Themas werden dabei wiederholt.” Und er las:

„Wär Vergangnes nicht entflohn,

Könnt ich wieder glücklich sein,

Träfen meine Wünsche ein,

Wär ich noch des Glückes Sohn.”

„Vergänglichkeit ist also das Thema?”

„Und dies die Glosse,” sprach Hoyos:

„So wie alles einst entschwindet,

So entschwand mein süßes Glück,

Da ihm nichts die Schwingen bindet,

Kehrt es nimmer mir zurück.

Ob sich auch im Staube windet

Dieses Herz vor seinem Thron,

Ach seit Jahren seufz ich schon,

Doch es senkt sich nicht hernieder.

Glücklich wär ich immer wieder,

Wär Vergangnes nicht entflohn.”

„Scheußlich,” sagte Fumagalli, ebenfalls auf Latein. Der Humanist fuhr herum, ins Herz getroffen. Ungesehen von ihm warf Aquaviva dem Freund einen sehr strengen Blick zu.

„Ich meine nur,” erläuterte der Kanonikus, „es scheinen hier gewisse Widersprüche zu bestehen. Entweder ist das Glück ein Vogel, hat Schwingen und fliegt durch die Luft, oder es ist ein Fürst und sitzt auf einem Thron. Aber Beides...”

„In gar keiner Weise, mein Herr, widerspricht das der Kunst! Die Kunst umwandelt ihren Gegenstand und läßt ihn jeden Augenblick in andersfarbigem Lichte neu aufleuchten. Das ist ein Elementargesetz,” schloß er mitleidig. „Gestatten Eminenz, daß ich fortfahre.”

„Bitte!”

„Nicht begehr ich andre Freuden,

Siege oder Ruhm und Macht,

Nicht des Reichtums Herrlichkeiten,

Weder Glanz noch eitle Pracht,

Nur Zufriedenheit sei mein,

Ach in ihres Lichtes Schein,

Der wie Morgensonne schimmert

Und in meinen Augen flimmert,

Könnt ich wieder glücklich sein.”

„Es genügt,” sagte der Kardinal. „Ich sehe schon.”

„Aber es rundet sich ja noch nicht! Zwei Strophen fehlen.”

„Sie werden auf gleicher Höhe stehen, Meister Hoyos. Was aber beweist mir, daß dieser flinke Latinist ein ebenso tüchtiger Lehrer des Spanischen sei?”

„Diese zweite Schrift hier beweist es.” Und er hielt Aquaviva das andere Büchlein so dringend hin, daß der nicht umhin konnte, es zu nehmen.

Es war auf edlerem Papier gedruckt und zeigte auf seinem Umschlag ein Titelbild: einen Schau- und Staatskatafalk, der mit Wappen, Emblemen, Figuren und Inschriften ganz übersät, von Kerzen und wehenden Fahnen umstellt war.

„Was Eminenz in Händen halten, ist der offizielle Bericht über das Leichenbegängnis der jüngst verstorbenen Königin. Er ist gestern erschienen. Die Trauerode, ausgewählt durch die berufensten Richter, hat eben den jungen Mann zum Verfasser, den ich empfehle — und dessen Verse jener Herr dort als scheußlich bezeichnet.”

„Nehmt das nicht tragisch! Vergeßt es. Was aber die Ode betrifft...”

„So ist sie spanisch, Eminenz, und Ihr könnt sie nicht lesen. Verlaßt Euch auf meine Autorität, wenn ich sage: sie ist im feinsten, blumigsten Hochkastilianisch verfaßt, voll von Vergleichen und eleganten Figuren, von der Alltagssprache so weit entfernt als nur möglich.”

„Aha!”

„Seine Abstammung disponiert meinen Zögling zu guten Formen. Er ist von Familie, adelig, Hidalgo...”

Der Rektor blickte sich um nach Fumagalli, der aber unbeteiligt zum Fenster hinaussah, und beugte sich auf seinem Sessel vor: „Er trägt den Namen und ist ein naher Verwandter...” Er flüsterte.

„In der Tat?” sagte Aquaviva. „Das ist interessant, und es freut mich.”

„So darf ich ihn rufen?”

„Ich bitte darum, Meister Hoyos.”

Der Humanist nahm Abschied, von Aquaviva durch eine Geste entlassen, die zwischen Gruß und Segen taktvoll die Mitte hielt.

„Miguel!” hörte man ihn im Vorzimmer rufen, „Seine Eminenz erwartet Dich,” und dann den Raum durch die jenseitige Pforte verlassen.

Das Bürschchen mit den lebhaften Augen trat ein. Als es sich aus tiefer Verneigung in die Höhe richtete, malte sich sehr komisch ein ungeheures Erstaunen in seiner Miene. Offenkundig hatte es einen eisgrauen Patriarchen erwartet und fand nun einen Altersgenossen. Der Mund blieb ihm offen, und die blitzenden Augen zu Seiten der Adlernase wurden ganz rund. Auch diese Adlernase selbst wirkte komisch, ganz als wäre erst sie allein fertig geworden in dem unflüggen Gesicht, und als sollte der Rest ihr erst nachrücken.

„Tretet nur näher,” sagte der Kardinal und spürte, daß ihn das Lachen in der Kehle kitzelte. „Ihr habt einen enthusiastischen Fürsprech an Euerm Rektor.”

„Meister Hoyos ist sehr gut zu mir, Eminenz. Er weiß, daß ich arm bin, und will mir helfen.”

Die Stimme war fertig, nicht tief zwar, doch klingend und von männlicher Wärme.

„Ihr seid ein Dichter, wie man mir zeigt.” Aquaviva hob das Heftchen mit dem Katafalk in die Höhe.

„Das eben macht mich ängstlich, Eminenz, ob ich zu einem Sprachlehrer auch geschickt bin. Wenn man zu sehr darauf gedrillt ist, über jeden Gegenstand in der Welt spanische und lateinische Verse zu machen, verliert man am Ende die Natürlichkeit. Dichtung und täglicher Umgang sind zweierlei.”

„Ihr meint also eigentlich, ich sollte mir meinen Lehrer nicht unter Studenten suchen?”

Er wurde rot. „Während ich draußen saß, habe ich mir in der Tat überlegt, ob der erste beste Juwelier oder Waffenschmied für Euer hohe Gnaden nicht tauglicher wäre.”

„Setzt Euch doch,” sagte der Kardinal. Das Bürschchen nahm Platz. „Ihr redet, als wünschtet Ihr garnicht, die Stelle zu bekommen.”

„Ich wünsche es mir brennend, Eminenz, es wäre ein Glück ohne Gleichen. Aber ich habe eine entsetzliche Angst, zu enttäuschen.”

„Ihr bringt ja auch Vorzüge mit. Ein Waffenschmied oder was Ihr sonst meint, spricht die Sprache des Volks. Ihr aber seid aus berühmtem Haus, seid von Adel...”

„Wieso?”

„Nun, Euer Lehrer wird sich nicht irren. Ihr seid Hidalgo.”

„Ach Gott!”

„Was heißt denn das Wort? Es klingt stolz.”

„Filius de aliquo — Sohn von jemand Rechtem, und stolz klingt es wirklich. Aber es bedeutet garnichts. Hidalgo ist jeder. Zum Beispiel jeder, der in der Residenzstadt des Königs wohnt, durch Dekret.”

„Euer Waffenschmied wäre es auch?”

„Wär es auch, Eminenz.”

Fumagalli in seiner Ecke wiegte den bärtigen Kopf. Er war gewonnen und schnitt dem Kardinal ungesehen eine wohlgefällige kleine Grimasse. Aber Aquaviva reagierte darauf nicht.

So jung er war, so hatte ihn doch sein Rang mit zu viel Eigensucht und höfischem Raffinement in Berührung gebracht. Der Junge da war ihm zu treuherzig. Das konnte Methode sein.

„Sollten wir einig werden,” sprach er ohne Lächeln, „so würdet Ihr in kurzem Euer Land verlassen müssen. Ich verhehle Euch nicht, daß Euer Platz in meinem Haushalt ein ziemlich geringer wäre. Ihr wäret nicht mehr als ein Page oder Kammerdiener. Macht Euch da keine Illusionen!”

„Ich wäre glücklich, nach Rom zu gehen, Eminenz.”

„Auch der Rang Eures Verwandten würde Euch da keine Ausnahmestellung erwirken. Ihr habt wohl keinen Begriff, was alles an Bischofsverwandten in Rom sich umhertreibt. Die Stadt ist voll davon.”

„Jetzt verstehe ich Euer hohe Gnaden nicht mehr,” sagte das Bürschchen betreten.

„Stellt Euch nicht so!” Aquaviva hatte eine Falte der Ungeduld zwischen den Brauen. „Euer Lehrer hat mir ja gesagt, daß Ihr ein Neffe des Erzbischofs seid.”

„Welches Erzbischofs?”

„Des Erzbischofs von Tarragona, Gaspar Cervantes.”

„Das müßt ich doch auch wissen, Eminenz.”

„Es stimmt also nicht?”

„Ich kenne ihn nicht, ich weiß nichts von ihm.”

Die skeptische Falte in Aquavivas Gesicht war verschwunden. Er wechselte mit dem Kanonikus einen Blick. Der verließ seinen Platz, öffnete die Türe zum Vorzimmer und rief hinaus:

„Die Stelle ist schon besetzt, meine Herren Studenten! Seine Eminenz läßt bedauern.”

Füßescharren, Gemurmel. Sie gingen und ließen eine Atmosphäre zurück, die dick war von Neid und Körperdunst. Fumagalli riß draußen die Fenster auf.

GEEHRTE, GELIEBTE ELTERN...

Inhaltsverzeichnis

An Don Rodrigo de Cervantes Saavedra und seine Gattin Doña Leonor aus dem Geschlechte de Cortinas,

zu Alcala de Henares,

im Hause neben der Posada de la Sangre de Cristo.

Geehrte, geliebte Eltern!

Kaum drei Monate ist es her, seitdem Ihr mir beim Abschied Euern Segen mitgabt auf die Reise, mir aber ist es zu Mute, als seien inzwischen Jahre vergangen. Soviel Neues hat Euer Kind unterdessen gesehn und erfahren, wovon dieser Brief Euch nur einen ganz unzulänglichen Begriff geben kann. Täglich danke ich Gott, der es so gnädig gefügt hat, daß mir in jungen Jahren seine Welt sich schon öffnet, voll mit Wundern, von denen ich vor kurzer Zeit nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Ein Hauptmann der päpstlichen Schweizergarde, der nach Spanien reist, hat die Beförderung dieses Briefes übernommen. Er scheint ein guter und redlicher Mann zu sein, und so vertraue ich ihm gleichzeitig einen Wechsel über 40 Realen an, den Euch das Bankkontor in Madrid bar auszahlen wird. Da es ja nur drei Reitstunden hinüber sind, wird gewiß bald jemand von Euch das Geld abheben können. Die Summe ist nicht groß, und ich bitte, daß Ihr sie nur als einen Anfang betrachtet. Vielleicht fügt es Gott, daß ich reich werde, und Eurer Bedürftigkeit ein Ende machen kann. Täglich begegnet man hier Leuten, die weit geringerer Erziehung sind als Euer Kind, und die es doch zu großem Wohlstand gebracht haben.

Bitte suchet doch auch Ihr nach einer Gelegenheit, mir Nachrichten zu senden, und erneuert dabei Euern Segen. Gebet mir auch Kenntnis vom Ergehen meiner Schwestern Andrea und Luisa und meines sehr geliebten Bruders Rodrigo, besonders auch darüber, ob er inzwischen seinen Plan ausgeführt hat und als Soldat dem Könige dient. Ich wünschte sehr, daß es der Fall sei, denn das Sprichwort, das sie bei uns zuhause haben, scheint mir die Wahrheit auszusprechen:

Kirche, Meer oder Königshaus,

Wähle dir eines, so kommst du aus.

Wenn Ihr nun aber fragt, wohin Ihr solche Nachrichten in der gewaltigen Stadt Rom richten sollt, damit sie mich auch erreichen, so lautet die Antwort majestätisch genug, nämlich an den Vatikanischen Palast. Jawohl, es ist so, im gleichen Hause und unter einem Dach mit dem Nachfolger Petri wohnt Euer Sohn, obgleich das mit dem Dach auch wieder nicht so wörtlich zu nehmen ist. Denn der Vatikan hat viele Dächer und wohl mehr als tausend Zimmer. Er ist für sich eine Stadt und keine gar kleine, in langen Zeiträumen entstanden und ohne große Regel durcheinandergebaut, so daß es auch jemand, der länger darin wohnt, schwer fallen kann sich zurechtzufinden. Von den tausend Gemächern aber bewohne gewiß ich eines von den allergeringsten, es befindet sich ganz oben in einem Turm, den einst der Papst Paschalis aufgeführt haben soll, und darin es mehr Ratten gibt als Bequemlichkeit. Immer ist die Rede davon, ihn abzureißen und etwas Schöneres an die Stelle zu setzen, aber immer wieder kommen schlechte Zeiten, dann ist zu wenig Geld vorhanden, und alles bleibt liegen. So ist es sogar mit der Kirche Sankt Peter, an der seit dem Tode des Meisters Buonaroti vor jetzt fünf Jahren nur noch nachlässig weitergebaut wird. Von der großen Kuppel, die sich über dem Hauptaltar erheben soll, ist noch nichts zu sehen als ein mächtiges Gerüst, darin aber selten Arbeiter erscheinen, und dessen Latten morsch werden und manchmal herunterfallen.

Was Ihr nun sicherlich zuerst wissen wollt, wird sein, ob ich den Papst in Person erblickt habe, so daß ich eine Beschreibung von ihm abgeben kann. Dies ist bis jetzt zweimal der Fall gewesen. Das erste Mal wurde er mir aus einem Fenster gezeigt, wie er in einem der inneren Gärten mit zwei Ordensgeistlichen sich erging. Von Prunk und Reichtum der Kleidung war nichts an ihm zu bemerken. Er trug einen weißen Mantel, der nicht einmal ganz sauber war, wandelte barhaupt und stützte sich auf einen Stock. Er ist ein Greis von vielleicht 65 Jahren, völlig kahl, mit langem schneeweißem Bart, augenscheinlich sehr mager und von furchteinflößendem Ausdruck. Man sieht gleich, daß mit ihm nicht zu spaßen ist, und daß die Verteidigung unseres heiligen Glaubens bei ihm in guten Händen ruht. Bei keiner Sitzung der Inquisition soll er fehlen, die Gefängnisse werden zu klein für die vielen Ketzer, und im vergangenen Jahr allein sind sechs durch das Feuer und zwei mit dem Strang hingerichtet worden. Das zweite Mal sah ich den Papst, da er in Sankt Peter die heilige Messe las. Er las sie nicht vor dem Hauptaltar, dies geschieht nur viermal im Jahre, aber sieben große goldene Leuchter brannten, und die Wände waren mit Purpur behangen. Der Papst teilte selbst die Kommunion aus, und seine Haltung dabei stach sehr ab von jener der meisten anwesenden Prälaten, die recht ungeniert herumsaßen, bedeckten Hauptes, und konversierten als wären sie sonstwo. Da ich frühzeitig gekommen war, konnte ich jede Einzelheit deutlich beobachten. Die Geräte sind ganz die gewöhnlichen, nur am Kelch fiel mir eine unbekannte Vorrichtung auf, die aus drei goldenen Röhrchen besteht. Man erzählte mir später geheimnisvoll, sie solle den Papst vor Gift schützen. Übrigens spendete er selbst nur an wenige bevorzugte Personen, mit und nach ihm übernahmen dies Amt die Kardinäle Saraceni, Serbelloni, Madruzzo und mein sehr geliebter Herr, Kardinal Aquaviva.

Dies war eines der seltenen Male, daß mein Herr seine Zimmer verlassen konnte. Mit seiner Gesundheit steht es garnicht gut, sie hat den Strapazen der Seefahrt und des Madrider Winterklimas nicht standgehalten. Viele geben ihm nur noch Monate, höchstens einige Jahre, und er selber spricht mit größter Unbefangenheit von seinem sicheren frühen Tode. Er ist von einer unbeschreiblichen Milde und freundlichen Heiterkeit, und wenn es wirklich dahin kommt, so wird er gewiß, ohne viel Aufenthalt unterwegs, zur Herrlichkeit eingehen. Mit andauerndem Fleiß erledigt er von seinem Sessel aus die Geschäfte seiner Ämter, zu denen vor kurzem noch ein besonders ehrenvolles gekommen ist: das große Bleisiegel ist ihm anvertraut, und kein Breve geht aus dem Palaste hinaus, er hätte es denn mit seiner Hand bekräftigt. Zu seinen spanischen Studien, um derentwillen er mich doch mitgenommen hat, findet er hingegen nicht so viel Zeit, als mir lieb wäre, so daß ich oft mehrere Tage hindurch ganz frei bin und hingehen kann, wohin mir beliebt. Dann komme ich mir unnütz vor, so recht wie einer aus dem ungeheuern Heer der Nichtstuer und Lungerer, die den Vatikan und die Kardinalshaushalte bevölkern, und von denen jeder geheimnisvoll tut, als sei er unentbehrlich.

Ich selber sehe deutlich, wie wenig der Kardinal mich hier in Rom nötig gehabt hat. Denn hätte er hier nach einem spanischen Sprachlehrer gesucht, so konnte er fünfzig haben für einen. Die Stadt ist voll von Spaniern, spanische Priester, spanische Mönche und Reisende sind in erstaunlicher Zahl vorhanden, unsere Tracht ist sehr gewöhnlich und kommt auch unter den Römern selbst immer mehr in Aufnahme, und sogar viele Bettler betteln auf Spanisch.

Ihr könnt Euch denken, daß ich meine viele freie Zeit dazu verwende, um die Stadt recht fleißig zu betrachten. Rom ist freilich groß, aber man sieht, daß es einst noch gewaltig viel größer gewesen sein muß, denn innerhalb der tausendjährigen Stadtmauer, die noch steht, ist viel Raum, der unbebaut oder von Trümmern bedeckt ist. Prächtige Paläste wechseln ab mit elenden Hütten, in denen die Armen wohnen. In die cäsarischen Theater und Tempel sind sonderbar die Wachttürme der christlichen Ritterschaft hineingebaut, so daß alle Zeiten durcheinandergehen. Auf Schritt und Tritt sieht man, wie blutig zu allen Zeiten hier gekämpft worden ist. In manchen älteren Häusern sind aus Gründen der Verteidigung gar keine Treppen, und man läßt sich aus den Fenstern an Seilen herunter. Auch heute ist die Sicherheit noch nicht groß. Das Stadtgebiet zu verlassen gilt als ein Abenteuer, und wenn Pilger die vorgeschriebene Wanderung durch die sieben äußeren Basiliken antreten, lassen sie sich durch Bewaffnete begleiten.

Die Kirche ist alles in Rom, und ehrlicherweise muß man zugeben, daß sonst kein Mensch hier etwas zu tun hat. Selbst in Madrid, das doch so viel kleiner und unscheinbarer ist, sieht man mehr Handelsverkehr und geschäftliches Treiben. Das fehlt hier ganz, so daß man sich verwundert fragt, wie eigentlich alle diese Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen. Das Straßenbild ist Sonntags und Werktags ganz gleich, und die Hauptbeschäftigung der Römer scheint planloses Umherspazieren zu sein. Unglaublich für mich ist die Anzahl der Kutschen, in denen Personen von Stand langsam herumfahren. Manche von diesen Wagen haben oben kreisrunde Öffnungen, damit man besser hinaussehen und an den Fenstern die schönen Damen beobachten kann. Dazwischen aber ist alles wieder ganz ländlich, zwischen der Engelsburg und dem Vatikan weidet das Vieh, und noch nicht drei Tage ist es her, da sah ich mitten auf dem Platz vor Sankt Peter eine schwarze Sau mit fünf munteren Ferkelchen niederkommen.

In Rom spricht jeder davon, wie sehr sich das Leben hier verändert habe, und wie viel vergnügter und prächtiger es einst hier gewesen sei. Seitdem in Trient die versammelten Väter ihre strengen Beschlüsse gefaßt haben, und besonders unter dem jetzigen Papst, ist alles frömmer und einfacher geworden. Selbst die Karnevalslustbarkeiten, die sich sonst über Wochen erstreckten, hat man auf wenige Tage eingeschränkt. Was ich davon sah, habe ich kindisch gefunden. Hauptsächlich wurden Wettrennen veranstaltet, und zwar sehr seltsamen Charakters. Die Bewerber liefen völlig nackt einher, angefeuert von der Menge. Einmal war es ein Wettlauf von Kindern, dann einer von ganz alten Männern und schließlich einer von langbärtigen Juden, der Anlaß zu viel Gelächter gab.

Es ist aber wohl zu verstehen, daß der Heilige Vater in ernsten Zeiten Ausgelassenheit und lärmendes Vergnügen nicht gerne sieht. Zu groß sind seine Sorgen um die Sache unseres Glaubens. Wie man hört, bereitet sich der Sultan wieder zum Angriff vor, und sein nächstes Ziel ist die Insel Zypern, die den Venezianern gehört und in jenem Teil des Meeres das letzte Bollwerk der Christenheit ist. Von entsetzlichen Greueln ist die Rede, die die Ungläubigen an christlichen Gefangenen verüben, die in ihre Hand fallen. Die große Hoffnung des Heiligen Vaters ist eine Allianz gegen den Sultan, an der alle katholischen Könige und sogar Rußland Teil haben sollen. Die Verhandlungen scheinen zu stocken. Aber Krieg liegt in der Luft, und mit jeder Woche erblickt man in den römischen Straßen mehr Männer von kühnem, militärischem Aussehen, die hier zusammenströmen. Kommt es soweit, so mag ja wohl auch unser Rodrigo an diesen verdienstlichen Kämpfen teilnehmen, und manchmal ist mir, als müßte ich ihn um das Teil beneiden, das er erwählt hat.

Diesen Brief habe ich nicht ohne Hast in der Nacht geschrieben, denn mit dem Frühesten verläßt der schweizerische Hauptmann schon die Stadt. Verzeiht also, wenn ich Wichtiges und Zufälliges ohne viel Wahl zusammengefügt habe. Von ganzem Herzen wünsche ich Euch Gesundheit und Sorglosigkeit und bitte Gott innig, daß er Euch in seinen gnädigen Schutz nehmen möge.

In Dankbarkeit und kindlicher Liebe küsse ich Eure Hände.

Euer Sohn

Miguel de Cervantes Saavedra.

Rom, am dritten Tag nach Lätare 1569.

Wenn Jemand von Euch nach Madrid geht, um den Wechsel zu beheben, tut mir die Liebe, an der Calle de Francos bei dem Buchhändler Pablo de Leon vorzusprechen und Euch nach dem Verkauf meines Schäfergedichts „Filena” zu erkundigen, dessen Vertrieb er übernommen hat. Ihr wißt, daß mehrere Kenner es gelobt haben.

Miguel.

DIE VENEZIANERIN

Inhaltsverzeichnis

Er ging in seinem heimatlichen Schwarz einher, und der Schnitt seiner Kleidung hatte sich leicht ins Geistliche verändert. „Söhnchen,” hatte Fumagalli zu ihm gesagt, „bald läßt Du Dir ja doch die Tonsur scheren und kriegst eine kleine Pfründe. Wozu wohnst Du sonst hier im Haus!” Und gutmütig gab er ihm Ratschläge. Dabei konnte er selbst nicht so recht als ein Muster für geistliches Aussehen gelten. Mit dröhnendem Schritt kam er daher auf knarrenden Sandalen, und sein Priestergewand fiel wie ein Kriegsmantel.

Kirchenglaube und fromme Übung war für den jungen Miguel so selbstverständlich wie das Atmen. Auf seinen Quergängen durch die Stadt trat er häufig in eine der Kirchen ein und hielt seine Andacht. Es war kein Mangel an ihnen; jeden Alters, jeder Größe und Schönheit, erhoben sie sich an allen Ecken. Aber er hatte bald das Gotteshaus gefunden, nach dem es ihn zog.

Es war Santa Maria ad Martyres, vom Volke Santa Maria Rotonda genannt, seit Urzeiten aber noch anders... Der Platz, an dem sie lag, war nicht sehr groß und nicht besonders schön, armselige kleine Häuser standen regellos umher, auf der linken Seite waren sie unmittelbar an die Kirche herangebaut. Anderthalb Jahrtausende hatten das Niveau des Platzes erhöht, so daß man auf einer schlechten Treppe zum Eingang hinuntersteigen mußte. Aber schon unter dem Portikus mit seinen mächtigen, granitenen Säulen ward ihm seltsam wohl, und mit einem immer erneuten hohen Schauer trat er ins ungeheure Innere. Jedesmal stand er hochatmend lang inmitten des Riesenrunds, ehe er sich zu einem der Nischenaltäre zu christlicher Andacht wandte.

„Sieh einmal an, das Pantheon!” sagte Fumagalli und betrachtete ihn aus zugekniffenen Augen. „Genau das hast Du Dir ausgesucht, Söhnchen?”

Sie saßen bei einander im Zimmer des Kanonikus, einem großen Raum, geschmückt mit vier Gobelins, die Hannibals Alpenübergang darstellten. Man sah auf einen der Brunnenhöfe des Vatikans hinunter.

„Ich weiß nicht, wie mir da wird, hochwürdiger Vater! Sonst in einem Gotteshaus fühlt man auch Andacht und innige Frömmigkeit, aber man muß dieses Gute erst rufen, muß sich versenken, und Priesterwort und Musik tun das Ihre. Aber hier! Ohne Wort und Gesang reißt der Raum ganz allein zur Anbetung hin. Nirgends wird mir so gut und himmlisch heiter und frei zu Mute wie hier. Es ist, als müsse man gleich zum Himmel fahren, hinauf in das Licht, das durch die weite herrliche strahlende Öffnung oben hereinbricht. Und der gewaltige Rundraum, der einen umfängt, so makellos vollkommen, so stark, er ist wie ewiges Gesetz. Gesetz und Freiheit, beide sind da. Mir ist, als könnt ich an keinem Orte der Welt mehr Ähnliches empfinden.”

„Schau schau, kleiner Miguel, das Pantheon! Wie ich aber höre, ist Gott in der ärmsten und engsten Dorfkirche ebenso gegenwärtig als in Deinem rundem Dom mit den Säulen und dem olympischen Auge.”

„Gewiß,” sagte Miguel.

„Gewiß! Mehr hat er nicht zu antworten. Aber sag einmal, hat man darum 28 Wagen voll Märtyrerknochen in diesen Heidentempel hineingefahren, damit Dir jetzt so sonderbar wohl wird! Freiheit und Gesetz und der blaue Äther und hinauf in das Licht — kommst Du Dir nicht selber ein bißchen verdächtig vor? Die 28 Fuhren haben, scheint’s, nicht genügt als Gegenkraft gegen die alten Bewohner.”

Er lachte, stand auf und schritt auf krachenden Kriegersandalen im Raum auf und ab, zwischen seinen Hannibalsteppichen. Miguel folgte ihm betreten mit dem Blick.

Von seiner Vorliebe abzulassen, fand er aber doch keinen Grund. Schließlich war Santa Maria ad Martyres ein hochgeweihter Ort, und von jener Überführung heiliger Reste schrieb sich sogar das Allerheiligenfest her. Es war ernsthaft nichts einzuwenden, und der Kanonikus zog ihn nur auf. Aber er kürzte jetzt das Verweilen unter dem Himmelsauge ein wenig ab und beugte früher das Knie vor seinem Altar.

Es waren keine Betstühle da. Man kniete auf dem uralten Fußboden aus Porphyr und Marmor.

Als er sich einmal erhob, um zu gehen, wandte eine Frau, deren Anwesenheit er keineswegs wahrgenommen, den Kopf nach ihm um. Ein etwas breites, helles, sinnliches Gesicht schaute zu ihm auf, mit einem zugleich trotzigen und einladenden Ausdruck. Er ging ziemlich hastig. Aber genau nach der Uhr war er am nächsten Tag wieder zur Stelle. Sie kniete am gleichen Fleck.

Daheim in Spanien hatte er keine Frauen gekannt, ja er hatte eigentlich keine gesehen. Spanische Damen zeigten sich nicht. Erblickte man eine von fern, so erschien sie wie verpackt in hochgeschlossener, wattierter, drahtstarrender Tracht, das Haar stets bedeckt, die Ohren in die steife Krause versenkt.

Hier in dieser geistlichen Hauptstadt voller Junggesellen war alles anders. Mochte der asketische Papst predigen lassen und Kleider- und Sittengesetze verkünden, noch war viel übrig von einstiger Lebensheiterkeit. Mochte Spanisch Mode sein, die römischen Frauen wandelten die Madrider Tracht ins weiblich Lose und Lockere. Farbige, schmiegsame Seide modellierte den Wuchs, die Krause umstand als offener Spitzenfächer reizvoll das Haupt mit dem freigetragenen, natürlich frisierten Haar, das nicht blond genug sein konnte. Man zeigte den Hals, freigebig auch den Ansatz der Brüste.

Er war entschlossen, seiner Schönen zu folgen. Am Ausgang der Kirche, unter den Säulen, verließ ihn der Mut. Sie verschwand im Gassengewirr gegen den Fluß hin.

Am dritten Tag war er lang vor der Zeit zur Stelle. Seine Andacht war ohne Versenkung. Er stand auf und schritt in dem Tempel auf und ab, unfähig stillzuhalten. Die wenigen Beter wandten gestört die Augen nach ihm. Sie kam nicht. Sie kam auch die folgenden Tage nicht. Sie kam nie mehr. Der Widerhaken saß ihm im Fleisch. Das stumpfnäsige, breite, verlockend helle Gesicht schien ihm idealisch schön und schöner mit jeder Nacht.

Es war Herbst, als er wieder einmal zu jenem Bankier sich aufmachte, der ihm seinerzeit den Wechsel auf Spanien ausgestellt hatte. Dies geschah nun zum vierten Mal. Sein kranker Herr, den er kaum mehr unterrichtete, hatte ihm unter Vorwänden wiederholt die Bezüge erhöht, und freudigen Herzens trug er diesmal volle zehn Taler zu dem Wechsler. Das war schon eine stattliche Summe. Die Eltern daheim würden achtzig Realen ausgezahlt bekommen, ein Betrag, der im ländlichen Alcala den Lebensunterhalt einer bescheidenen Familie Wochen lang bestreiten konnte.

Beschwingt überschritt er die Engelsbrücke und bog dann nach wenigen Schritten links ab in die Via di Tor Sanguigna. Hier wohnte sein Mann, der Bankier aus Siena, in einem hübschen alten Hause, drei Fenster nur breit, das unten am Eingang zwei Säulchen aufwies und im zweiten, dem obersten Stockwerk eine heitere Loggia. Das Kontor lag im Hof, Miguel hatte einen dunklen Hausflur zu durchschreiten, um hinzugelangen. Postsäcke und Ballen lagen umher, die dem Sienesen gehörten, der nicht Geldhandel nur, auch Warenverkehr betrieb. Miguel erledigte drinnen frohen Herzens sein treues Geschäft, faltete die Quittung zusammen und ging.

Der Hof lag leer und still. Von ungefähr blickte er an der Hinterfront des Hauses empor. Er erstarrte. Dort oben im zweiten Stockwerk sah er sie. In einem lichtgrünen Hausgewand stand sie an einem der offenen Hoffenster. Es mochte die Wohnung des Sienesen sein, und sie seine Frau. Er konnte die Augen nicht abwenden, die sich vor Erregung und Intensität des Schauens mit Tränen füllten. Nun erschien sie ihm schwimmend in unsicher lockendem Kontur. Im Hausgang mußte er sich an die Mauer lehnen. Dann riß er sich zusammen, schüttelte kritisch den Kopf über sich und stand wieder draußen auf der Straße.

Sie war von neuem da. Sie war in ihrer Wohnung nach vorne gekommen. In der Mitte ihrer Loggia stand sie, ein wenig vorgebeugt, die Hände seitlich hingestützt auf den Steinsims, so daß die weiten, grünseidenen Ärmel vorfielen, und blickte unverkennbar zu ihm herunter. Ihr helles, leuchtendes Gesicht lächelte.

Ehe er zu denken vermochte, fühlte er sich am Arme berührt. Neben ihm stand eine Frau von mittlerem Alter, nach Dienerinnenart gekleidet, und mit geraden Worten, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, trug sie ihm an, ihr zu folgen. Ihre Dame erwarte ihn.

Er stolperte auf der dunklen Treppe, die Frau mußte ihn festhalten. Dann war sie verschwunden, und in einem kleinen Vorraum, der kein Fenster hatte und worin zwei Lämpchen brannten, stand er der Beterin aus dem Pantheon gegenüber.

„Ich habe Euch öfters bemerkt,” sagte sie lächelnd, mit einem Akzent, der nicht römisch war und den er gleich überwältigend fand, „da war es Zeit, endlich Bekanntschaft zu schließen.” Und sie lud ihn durch eine Geste ein, weiterzukommen, in das größere Zimmer, das durch einen aufgeschlagenen Vorhang sichtbar war.

Hier herrschte volles Tageslicht. Zwei Sessel standen da, ein Schminktisch, und inmitten des Raumes, breit und prächtig, mit einer weißseidenen, goldgestickten Decke darüber, das Bett.

Der junge Miguel war noch in keiner römischen Wohnung gewesen, er hatte auch mit keiner Frau dieser Stadt ein Wort gewechselt, außer mit ein paar Mägden und Krämerinnen. Sein Leben vollzog sich in der Männeratmosphäre des Vatikans. Ihm fehlte jede Möglichkeit, zu vergleichen und zu urteilen.

Die Frau spürte das Ungewöhnliche. Sie wurde befangen.

„Ihr seid ein Priester,” sagte sie fragend, als sie in den zwei Sesseln einander gegenübersaßen, und wies unbestimmt an seiner Kleidung hinunter.

Miguel gab sogleich Auskunft, eifrig, als säße er in einer Prüfung. Aber dann ermutigte er sich am Klang seiner eigenen Stimme. Er sprach sehr gut, das Wort stand ihm flüssig zu Dienst, wenn ein Impuls ihn erfüllte. Kaum habe er gewagt, ihrer Güte zu folgen, er sei sich des Abstandes wohl bewußt, aber zu deutlich sei doch der Fingerzeig, daß er sie, die er als Einzige wahrgenommen, bewundert, verloren, gesucht, nun in dem einzigen Hause in Rom wiederfinde, in das ein Geschäft ihn führte.

Und nun war er im Fluß. Er malte die Begegnung in Santa Maria Rotonda, auf den tausendjährigen Fliesen unter dem Himmelsauge, seine Unfähigkeit, sich im Gebet zu sammeln, nachdem er sie einmal erschaut, den Augenblick, da sie im Gassengewirr gegen den Fluß hin entschwand, seine Verzweiflung, als sie nicht wiederkehrte. Und nun, und nun — unfaßbar die Fügung, unendlich das Glück!

Er redete in einem Taumel. Von ihrer leichtbekleideten, weichen Gestalt ging ein Duft aus, der ihn anders berauschte als gewohnter Weihrauch, ein Hauch von jungem, blühendem Fleisch, dem eine Spur eines scharfen Parfüms beigemischt war.

Plötzlich, mit brüsker Bewegung, stand sie auf und erklärte, nun müsse er gehen. „Um nicht wiederzukommen?” fragte er, fast ohne Laut.

Sie bedachte sich und sah ihn prüfend an. Und dann, ganz unerklärlich, zog ein Lachen ihre hellen, geschlitzten Augen noch mehr zusammen, der verlockende Mund wurde breit, die weiße Kehle spannte sich, sie nahm ihn mit einem festen Griff bei beiden Händen.

Oh ja, wiederkommen dürfe er, aber nur zur bestimmten Stunde, Vormittags, immer nur Vormittags, und ja nur an einem Dienstag, zu jeder anderen Zeit sei es bedenklich. Und während sie ihn zum Ausgang leitete, fügte sie einige vage Sätze hinzu, deren Inhalt er erst daheim, in seinem Vatikans-Turm, sich zurechtlegte und klar zu machen versuchte. Aus ihnen schien hervorzugehen, daß sie als Witwe eines Kaufherrn allein und in Zurückgezogenheit lebte, gewärtig einer neuen vorteilhaften Verbindung, die angebahnt war, und die unter keinen Umständen gefährdet werden durfte.

Als er am Dienstag kam, mit dem Glockenschlag, war die Blonde ersichtlich in schlechter Laune. Vielleicht war sie unausgeschlafen. Sie bemühte sich kaum, die ärgerliche Reue zu verbergen, die sie über ihr zweckloses Abenteuer empfand, und schnitt dem jungen Miguel bösartige, kleine Frätzchen, während er sie respektvoll zu unterhalten suchte. Und dann, ohne jeden Übergang, beendete sie die Konversation, indem sie aufstand, sich aufs Lager warf und ihn unwirsch und ungeduldig heranwinkte zum Liebesdienst. Die teure Seidendecke lag übrigens nicht auf dem Bett, sorgsam gefaltet hing sie über einem Schemel.

Der junge Miguel war unerfahren. Geringschätzig, ein schales Lächeln in den hängenden Mundwinkeln, ertrug sie seine Liebkosung. Er sah überhaupt nichts mehr in seiner Betäubung, gewiß hätte ihn sonst ihr Ausdruck ernüchtert. Aber dann verging ihr das Lachen.

Er war ein Neuling. Aber er war geboren zur Leidenschaft. Ein untrüglicher Instinkt wies ihm den Weg zur gemeinsamen Lust. In einem bestimmten Augenblick stemmte sie ihre Hände gegen seine Schultern, sah ihm groß in die Augen, als erblickte sie ihn zum ersten Mal. Sie murmelte: „Komm, komm! Du bringst Dich ja um und mich auch!”

Als er dann neben ihr ruhte, in ihrem Arm, ließ sie nicht ab, ihn zu betrachten. „Du bist ja ein erstaunlicher kleiner Sprachlehrer,” sagte sie achtungsvoll.

Das Gesicht ihr zur Seite war mit einem Mal schön geworden. Das war kein Knabe mehr, kein dürftiges Halbpriesterlein, sondern ein Mann mit festem Mund und lebensvoll blitzenden Augen. Die Flügel der Adlernase bewegten sich langsam und stark. Das volle Haar von Kastanienfarbe lag wirr und weich auf der Stirn.

Dies war der Anfang. Miguel lebte nur noch von einer Umschlingung zur andern. Eine durchdringende Seligkeit füllte ihm Herz und Nerven. Er strömte über vor Freundlichkeit. Er hätte vor den Bauernkarren die Eselein umarmen mögen. Auf endlosen Märschen durch Rom suchte er seine Kraft zu beruhigen; unbekümmert um das Raubgesindel, das dort auf der Lauer lag, streifte er durch das melancholisch zaubervolle und öde Umland. Wer ihm die Hand reichte, spürte im Druck ein elektrisches Feuer.

„Was ist in Dich gefahren, Söhnchen,” sagte Fumagalli. „Ein künftiger Priester muß sacht einhergehen. Du springst ja die heiligen Treppen herunter, als wärst Du im Tanzsaal!”

Er war schlechter Laune. Er schimpfte. Das Neueste, was der Heilige Vater plante, war ein Verbot der Barttracht für Kleriker. Fumagalli trug seinen Bauernvollbart, es war der einzige, den es noch gab im Domkapitel von Sankt Peter. Er werde sich keineswegs fügen, erklärte er jedem, der zuhören wollte, eher spränge er noch aus dem Priesterrock. Mit sechzig noch ein anderes Gesicht, oh nein! So viel er sähe, trage der Papst ja selber den Bart. Das könnte ihm fehlen!

Miguel beruhigte ihn liebreich, er hatte einen gewaltigen Schatz an Güte und Herzlichkeit zu verschwenden. Es werde dahin nicht kommen, sagte er überzeugend. Das mit dem Verbot sei ein Schreckschuß, er wisse es aus verläßlicher Quelle. In vier Wochen werde kein Mensch davon reden.

„Brav bist Du, Söhnchen!” murmelte der Kanonikus. „Du kannst einen trösten. Aber ist’s denn nicht eine bizarre Schande, was man sich da gefallen lassen muß! Man hätte was Anderes werden sollen auf dieser lebendigen Erde.” Er sagte nicht, was.

Die Gina war eine Venezianerin — mehr als dies und den Namen erfuhr der junge Miguel kaum von ihr, selbst nach Wochen nicht. Sie redete wenig, diese Stunde am Vormittag war eine einzige Glut. Ohne viel Widerstand zu finden, hatte er’s erreicht, daß sie ihm zweimal die Woche zu kommen erlaubte, nun auch am Freitag. Mehrmals traf er sie ganz verschlafen, im unaufgeräumten Zimmer, und zur Liebe nicht aufgelegt. Er schalt die Langschläferin, die Faule, sie blinzelte ihn seltsam und tückisch an. Aber seiner Flamme war nicht zu widerstehen. Er riß sie hin, nicht minder lechzend als er lag sie an seiner Brust. Es kam vor, daß er Fragen stellte, mit kaum verborgener Angst, denn es war ja doch möglich, daß jene Heirat plötzlich in die Nähe trat, die alles zerstören mußte. Daran war schlimm zu denken, schlimm auch an das Unrecht, das er jenem arglosen Bewerber in Sünden antat. Er wagte keineswegs, im Beichtstuhl sich zu erleichtern, so unmöglich schien ihm das Gelöbnis, hinfort von dieser Sünde zu lassen. Aber Gott war barmherzig, er würde ihn nicht verwerfen um einer Glut willen, deren Lodern nicht zu beherrschen war.

Antwort bekam er niemals. Die Gina zog ihn an ihre weiße Brust und erstickte die Fragen. Und war es nicht gut so? Denn wäre auf ihre Beziehung, die so wild im Unwirklichen schwebte, das Licht des realen Daseins gefallen, was hätte er selber nur sagen sollen! Was ihr ankündigen, mit welcher Verheißung von der eigenen Zukunft sprechen? Maß- und gestaltlose Hoffnung erfüllte ihn freilich, er träumte in seinem Turm von Ehren und Ruhm, die sie teilen sollte — als Dichter, als Kriegsmann, als Entdecker sogar, nur natürlich niemals als Priester. Sicher war, daß er niemals auf sie verzichten konnte, auf den Leib und den Duft, auf die Stimme, das Lachen. Er hatte nicht gelebt, eh’ er sie kannte.

Vielleicht aber wartete sie? Harrte nur auf ein Wort, um jede Fessel zu brechen? Vielleicht sammelte sich Groll an in ihrem Herzen, weil er schwieg? Sie war ja verschlossen, von gefährlicher Stummheit. Vielleicht verdarb er alles, weil er nicht sprach?

Aber als er sich entschloß und den Mund auftat und von Zukunft redete und gemeinsamem Leben, als gar das Wort Ehe fiel, war die Wirkung höchst schrecklich. Die Gina brach in ein Lachen aus, in eines, wie er’s noch nicht von ihr vernommen. Ein Lachen ohne Heiterkeit, rauh und gläsern von Klang, höhnisch und bösartig und nicht zu stillen.

„Heiraten willst Du mich, Priesterlein!” brachte sie endlich hervor, mit zersprungener Stimme. „Willst Du in Deinem Turm mit mir leben, von Wasser und Rattenfleisch? So etwas Dummes hat doch kein Mensch noch gehört!” Und das Gespräch endete, wie alle endeten, in Feuer und lechzenden Küssen.

Nein, er wußte nicht das Geringste von ihr. Sie wurde gesprächig nur bei einem Gegenstand. Das war Venedig, die Heimatstadt. Sie war doch wahrhaftig fromm genug und gab Gott das Seine, Miguel wußte es ja. Aber sie haßte Rom, seine Feierlichkeit, sein steifes Wesen, die Unzahl der Priester und schmutzigen Mönche, die Büßer, die sich in Prozessionen singend den Rücken zerfleischten, die kalten Straßen ohne Geschäft, das ewige Glockengebimmel, das Trümmerwerk, das herumlag. Und sie malte Venedig, die Heimat. Die volkreiche, wimmelnde Weltstadt im lebendigen Wassergeflecht, die schimmernde Piazza, auf der sich’s abends köstlich promenierte, die Gassen und Plätze im zärtlichen Licht. Den Zusammenstrom vornehmer Reisender aus allen Ländern, im bunten Schmuck eleganter Trachten — lauter Leute, die nicht herkamen, um anzubeten und abzubüßen, sondern um sich zu unterhalten, um fröhlich zu sein unter Frohen, um Geld auszugeben für gute Dinge. Sie wurde beredt, wenn sie das Gewimmel um den Rialto malte, die Unzahl geschmückter Gondeln, darin wohlgekleidete Frauen sich stolz in die Kissen zurücklehnten. „Jeder arme Gondolier ist dort schön,” rief sie aus, „und für die scharlachroten Hosen, die er trägt, gebe ich gern alle römischen Kardinalsröcke!” Und der Karneval erst — ein Fest die ganze herrliche Stadt viele Wochen lang, alles maskiert Tag und Nacht, alles lachend und wirbelnd hinterm Vergnügen her, Piazza San Marco ein ewiger Ballsaal, jedes Höfchen eine verschwiegene Loge. Heiterkeit alles, Sorglosigkeit, freundliche Duldung. Kein eifernder Bettelmönch als Herrscher, sondern eine Regierung, die mit Wohlwollen die Freude gewähren ließ, sich niemals einmischte, die mildeste Polizei...”

„Was willst Du nur immer mit der Polizei,” sagte er dazwischen, denn nicht zum ersten Mal tauchte das Wort bei ihr auf, „was geht denn Dich die Polizei an! Tut Dir die römische was?” Und er lachte.

Sie sah ihn sonderbar an, und blieb stumm und verdrossen.

Dies war an einem Dienstag. Als er am Freitag wiederkam, in der Hand ein Päckchen mit einem Seidentuch, das er ihr bringen wollte, öffnete niemand. Er pochte, mit der Hand erst, dann heftig mit dem bronzenen Klopfer. Alles blieb still. Während er wieder im Hausflur stand, mit böser Ahnung, unfähig noch, sich fortzumachen, kam im Halbdunkel ihre Magd vorbei. Er hatte sie nicht wiedergesehen seit jenem Tag, da sie ihn von der Straße geholt hatte. Er hielt sie auf. Wo ihre Herrin sei.

„Fort,” sagte sie giftig, „Ihr sehts ja.”

„Wo?” brachte er hervor. „Bei ihrem Verlobten? Heiratet sie?”

Sie betrachtete ihn von oben bis unten wie ein exotisches Tier. „Wahrscheinlich! Die heiratet. Einen Prinzen heiratet die.”

„Redet nicht albern! Gebt Auskunft.” Er holte Geld aus der Tasche hervor. „Wo wohnt sie? Kann ich sie sehen?”

„Oh ja, die könnt Ihr sehen, und ganz bequem. Wißt Ihr den Portugieserbogen?”

Er schüttelte den Kopf.

„Dann fragt, wo er ist! Da trefft Ihr sie sicher.”

„Und wann?”

„Abends natürlich. Recht spät!” Und sie ging davon, der Treppe zu.

„In welchem Haus denn?” rief er ihr nach.

„Ihr werdet ja sehen.”

Der Nachmittag verging nicht. Und sein Unstern wollte, daß er gerade heute für den Abend zum Unterricht befohlen wurde. Das geschah jetzt ganz selten. Eher einmal bediente sich Aquaviva seiner als Sekretär, ließ ihn aushilfsweise Schriftstücke kopieren und ordnen. Der spanische Unterricht, wenn er je einmal angesetzt wurde, bestand in gemeinsamer Lektüre. So nahm er auch heute dem Lehnsessel seines Herrn gegenüber Platz, und sie begannen aus zwei gedruckten Exemplaren ein Stück des Spaniers Lope de Rueda zu lesen. Es war die hochberühmte „Armelina”, ein Schauspiel, das der junge Miguel immer für ein Meisterwerk gehalten und das ihm sogar den heimlichen Ehrgeiz eingegeben hatte, es auch seinerseits einmal mit dem Theater zu versuchen.

Aber heute erschien ihm alles grob und gemacht. Was waren alle die Wundermedizinen und Liebestränke, von denen da die Rede war, gegen den Höllensaft, der ihm in den Adern brannte! So leer konnte nur einer reden, der nie dergleichen verspürt hatte. Seine Gedanken schweiften ab, er brachte es nicht mehr fertig, Aussprache und Betonung des Kardinals zu verbessern, die beide zu wünschen übrig ließen.

„Ihr seid nicht ganz bei der Sache, Don Miguel,” sagte Aquaviva freundlich und schloß sein Buch. „Ihr seht auch schlecht aus. Fehlt Euch etwas?”

Miguel entschuldigte sich. Das Einfallen der kalten Jahreszeit setze alljährlich zu. Das verging.

„Dabei ist es milder in Rom als in Euerm Madrid. Aber vielleicht wohnt Ihr nicht gut. Kann man Euer Turmgemach denn recht heizen?”

Das sei alles zum Besten, erwiderte Miguel, gerührt von der Fürsorge des kranken Herrn. Endlich entließ ihn der Kardinal.

Es war in der zehnten Stunde. Neues Mißgeschick. Die Tore rings am Palast waren verschlossen und streng bewacht. Seit kurzem benötigte jeder, der bei Nacht die Papstburg verließ, einen schriftlichen Ausweis. An zwei Stellen versuchte Miguel zu parlamentieren, aber die wachehabenden Schweizer wollten ihn nicht verstehen und wiesen ihn ab, in kehligem Alemannisch. Er irrte zurück, über Treppen und Gänge, durch Gärten, Galerien, Höfe und Vorhöfe, und fand endlich weit abgelegen die kleine Porta Posterula unbehütet und unverschlossen. Sie führte in lehmiges Ödland.

Im Bogen umlief er den mächtigen Komplex, fand Zäune und Gräben auf seinem Weg, und gelangte durch die schweigenden Gassen des Borgo zur Engelsbrücke. Drüben lief er weiter am Fluß entlang, die ungepflasterte Uferstraße war ganz ohne Licht, kein Mond schien in der feuchten Dezembernacht, die nicht kalt war. Er passierte den Tiberhafen, ein paar elende Barken lagen vor Anker, von der einen blinkte ein grünes Laternchen. Ein Schifferhund schlug an bei den eiligen Schritten.

Er bog ein wenig landeinwärts ab, wie ihm der Weg beschrieben war. Die geradelaufende Straße hier war die Ripetta. Auf einmal stolperte er und fiel schmerzhaft. Wie er hinsah, unterschied er, was ihn zu Fall gebracht hatte. Mitten in der Straße lag, in vier große Stücke zerbrochen, ein uralter Obelisk. Man hatte ihm die Stelle geschildert, er war nah am Ziel.

Rechts von ihm hob sich aus der Nacht ein seltsamer Rundbau, und er wußte auch, was es war: das Grabmal des Kaisers Augustus. Aus seiner Öffnung oben nickten Bäume ins Dunkel. Kleine niedrige Gassen duckten sich um den Riesen. Hier mußte es sein.

Es war die Gegend, in der arme Fremdlinge siedelten. Straßenweise waren sie eingeteilt. Die Orte hießen nach ihnen: Griechenhof, Slawonengasse, Portugieserbogen. Ungute Gestalten bewegten sich. Miguel fragte und bekam mundfaule Auskunft. Übrigens war ja alles umsonst, das war ihm nun klar, wie sollte sie Wohnung genommen haben in solcher Umgebung! Da stand er still.

Der Portugieserbogen war ein schlechtes Gemäuer aus Backsteinen, mit zwei neuen, jetzt offenen Holzflügeln, die den Blick freigaben in eine gekrümmte Gasse.

Hier brannte Licht. An den einstöckigen Häuschen zur Rechten und Linken waren in Mauerringen Fackeln aufgesteckt, die phantastisch ein nächtiges Treiben erhellten. Miguel ging vorwärts wie in einem Schrecktraum. Frauen standen in Rudeln beisammen, Dutzende, höchst verschieden gekleidet, sehr prächtig manche, viele in grauen billigen Mänteln. Sie stritten und schwatzten, sie hielten die Männer an, die geduckt prüfend zwischen ihnen umherstrichen. Viele Fenster waren erleuchtet, man hörte Geschimpf und Gelächter.

Plötzlich stand er ihr gegenüber. Fackellicht strahlte blutig über das weitflächige, weiße Gesicht. Sie stand bei vier anderen. Sie sah ihn, winkte und schrie.

„Da kommt einer, den seht Euch an! Der will mich heiraten. Er ist ein Pfaff, aber heiraten will er mich. Nur los, Herr Miguel, bloß nicht geniert! Hier könnt Ihr mich heiraten, Tag und Nacht. Aber teurer ist’s im Seraglio als drin in der Stadt. Kostet pro Hochzeit bar einen Scudo!”

Und stolz auf das Beifallsgelächter, das sich erhob, ging sie wirklich voran zu ihrer Tür. Es war gleich die nächste.

Er war weit zurückgewichen. Er konnte den Blick nicht wegwenden. Einer, der getrunken hatte, taumelte aus einer der Türen und stieß ihn hart an. Miguel fand einen Spalt zwischen zwei Häusern, stolperte rückwärts hindurch und stand auf freiem, windigem Feld.

Es war ihm, als hätte er den Tod gesehen.

FIEBER

Inhaltsverzeichnis

Er hatte das Schriftstück selbst in den Händen gehabt...

Daß ein eifernder Papst wie Pius die Sittenfreiheit seiner Hauptstadt haßte, war natürlich. In jeder Schwäche sah er die Todsünde, war keiner Vorstellung zugänglich, kannte kein Mittel als erbarmungslose Strenge. Gleich zu Anfang seines Pontifikats schritt er dazu, Todesstrafe auf Ehebruch zu setzen. Mit genauer Not beließ er es dann bei Auspeitschung und lebenslangem Kerker. Davor schützte nicht Rang noch Verdienst.

Das Kurtisanenwesen auszurotten, war er entschlossen. Zwar die Zeit war lange vorbei, da die freilebenden Frauen über die römische Gesellschaft unumschränkt herrschten, da in ihren Salons die Kardinäle, Gesandten und Künstler sich glänzendes Stelldichein gaben, da der Hausstand einer Imperia den Zuschnitt eines Fürstenhofs zeigte und der Zutritt bei ihr schwerer zu erlangen war als eine Papstaudienz.

Aber der kosmopolitische Charakter der geistlichen Hauptstadt, die Ehelosigkeit ihrer herrschenden Schicht, ließen auch in graueren Zeiten die Zahl der käuflichen Frauen nicht sinken. Noch immer hatten sie in den stattlichsten Straßen ihre Wohnungen, im Viertel der Prälaten und Hofbeamten, der Bankiers und reichen Nichtstuer, an der Via Giulia also, der Via Sistina, am Canale di Ponte. Sie lebten geachtet, und was es in Rom an Geschäftsleuten gab, existierte durch sie.

Für Pius waren sie Teufelsbrut. Am liebsten hätte er sie sämtlich verbrannt. Nicht lang sah er zu. Ein bündiges Dekret erschien, das die Frauen verbannte: binnen sechs Tagen hatten sie Rom zu verlassen, binnen zwölf Tagen den Kirchenstaat. Dann war die heilige Hauptstadt gereinigt, dem Gebot Genüge getan, dann war Ruhe.

Aber es gab keineswegs Ruhe. Es gab Aufregung. Wer Handel trieb und Waren umsetzte, war völlig verzweifelt. Die Kaufleute, die den Frauen Kredit gegeben, meldeten sich ruiniert. Die Zollpächter traten zusammen und erklärten, künftig werde die Staatskasse einen Ausfall von jährlich 20000 Dukaten zu tragen haben; so stark werde die Einfuhr von Luxuswaren zurückgehen, wenn man die Kurtisanen vertreibe. Rom, hieß es, werde entvölkert. Mit einer Abnahme der Bewohnerzahl um ein Viertel sei sicher zu rechnen. Und warum das alles, warum... Aber deutlicher wagte niemand zu werden. Das geistliche Gericht wachte und lauschte.

Eine Abordnung von vierzig wohlbeleumdeten Bürgern erschien beim Papst in Audienz. Sie waren umsonst sehr beredt. Entweder die oder er, sprach der Mönch. Im heiligen Rom, wo so viel Märtyrerblut geflossen sei, so vieler Heiligen Reste ruhen, wo die Religion ihr Zentrum, Petri Nachfolger seinen geweihten Sitz habe, sei für Huren kein Platz. Entweder er oder die: eher werde er seine Residenz an einen minder verderbten Ort legen, als dies noch weiterhin dulden. Man möge sich bescheiden.

Man beschied sich durchaus nicht. Eingabe folgte auf Eingabe. Kardinäle der freieren Richtung intervenierten vergeblich. Die Gesandten von Florenz und von Portugal, ja der von Spanien, ließen sich vorschieben und erlitten strenge Zurechtweisung.

Der Auszug begann. Hausbesitzer und Händler rangen die Hände. Die Frauen machten sich auf: in Pferdesänften und Kutschen die reichsten, die anderen zu Maultier und Esel. Einige strebten Genua zu, manche Neapel, nach Venedig sehr viele. Sie führten mit sich, was sie besaßen. Aber sie kamen nicht weit. Der Staat des Heiligen Vaters, schon die nächste Umgebung der Residenz, war voll von Räuberbanden. Rechts und links der elenden Straßen lagen sie unverschämt auf der Lauer, von keiner Polizei ernsthaft behelligt. Von den Frauen, die trüb ihres Weges zogen, wurden eine große Zahl überfallen und ausgeraubt, mehrere wurden ermordet. Die Entronnenen kehrten ratlos, verstört und verzweifelt, nach Rom zurück.

Dies führte zur Duldung derer, die noch nicht abgereist waren. Sie mochten bleiben. Aber die Mitte der Stadt, überhaupt alle Quartiere, darin ehrbare Bürger sich aufhielten, wurden von ihnen gesäubert. Man bestimmte ihnen ein Ghetto, eben jenes verwahrloste und abgelegene Viertel beim Grab des Augustus. Elegante Hetären, die ihren Catull lasen und in vier Sprachen konversierten, wurden mit groben Liebesmägden zusammengesperrt. Bei Nacht und bei Tag durfte keine diesen Seraglio verlassen, bei Strafe der Auspeitschung.

Das war vor drei Jahren gewesen. Niemand außer dem Papste selbst stand so recht zu diesem Gesetz. Die Beamten drückten ein Auge zu. Das Gebot wurde durchbrochen, umgangen, geriet in Vergessenheit. In jenen Gassen blieb bald nur gröberes Frauenvolk zurück. Die anderen, protegiert durch Verehrer, wohnten von neuem verstreut in guten Quartieren. Der frühere Zustand, bescheidener freilich, stellte sich her. Man sah die Kurtisanen nur an ihren Fenstern. Verließen sie einmal das Haus, um unter Männer zu gehen, so besuchten sie Kirchen. Kirchgang entschuldigte vieles.

Da brachte in diesem Winter eine Denunziation den Dominikaner aufs neue in eifernden Zorn. Er verlangte genauen Bericht, sah, wie es stand, und griff abermals zu.

Listen wurden gefertigt. Von einer Stunde zur andern, auf einen Schlag, drang die gemaßregelte Polizei in die Wohnungen, ergriff die Nichtsahnenden und trieb sie zusammen. Dem Hausherrn, der künftig noch eine von ihnen zu herbergen wagte, wurde Kerker auf Lebenszeit angedroht. Das Ghetto beim Augustusgrab sollte ummauert werden. Pius zog einen Pestkordon um die fleischliche Lust.

Der junge Miguel Cervantes hatte jene Liste selbst in der Hand gehabt, und sie seinem Kardinal hingereicht, der das Bleisiegel anlegte. Er hatte sie nicht beachtet, die Liste, was ging sie ihn an! Nun sah er das Blatt wieder vor sich, in furchtbarer Vergrößerung, mit jedem Schnörkel des Schreibers. „Die Dirnen Panada, Toffoli, Scappi, Zucchi, Zoppio...” Regina Toffoli, das war sie.

Seine Natur parierte den furchtbaren Einbruch von Scham und Gram, sie wich aus, er wurde krank. Als kleinem Bübchen daheim in Alcala war es ihm einmal ähnlich ergangen: als ihn zwei größere und stärkere Knaben überfielen, ihm die Hände banden und den Wehrlosen durchprügelten. Fast wäre er daran gestorben. Es war damals wie heute ein starkes Fieber, unter Erlahmen wichtiger Leibesfunktionen, subjektiv ein durchaus erträglicher Zustand: Schmerzen fehlten zunächst, und ein sanftes Delirium hob ihn aus der Realität.

So lag er in seiner Turmstube auf schlechtem Bett. Niemand bekümmerte sich um ihn. Ein stumpfsinniger Zisterzienser brachte ihm zweimal abgestandenes Essen, als es unangerührt blieb, erschien er garnicht mehr.

Am fünften Tag vermißte Fumagalli den Schützling. Er erschrak, als er ihn mit glühendem Haupt und unnatürlich leuchtenden Augen auf seinem Strohsack erblickte, neben sich ein Schaff mit zweifelhaft sauberem Trinkwasser. Es war eiskalt in dem unheizbaren Raum, in den es durch vier Fenster hereinzog.

Der Kanonikus schlug den Kranken in die wollene Bettdecke, hob ihn auf wie ein Wickelkind und trug ihn über Stiegen und hallende Korridore in sein Zimmer hinüber. Cervantes ruhte nun auf bequemem Lager, die Augen vom Licht abgekehrt, zwischen den Hannibalsteppichen.

Der Arzt kam, Doktor Ippolito Benvoglienti, hochstirnig, feierlich, in feinstes schwarzes Tuch gekleidet. Er sah und prüfte, horchte und klopfte. Das dauerte lang.

„Ein hitziges Fieber,” erklärte er schließlich.

„Ich habe schon gemeint, er kriegt ein Kind!” sagte der Kanonikus höhnisch.

Der beleidigte Gelehrte verschrieb Medizinen und zog sich zurück.

Fumagalli ließ sich ein Feldbett aufschlagen. Er verließ sein Söhnchen keine Stunde. Er wusch ihn und legte ihm lauwarme Wickel an. Da der Leib sich hart und geschwollen anfühlte, verabreichte er ihm ein Klistier, dem er Öl, Kamillen und Anis zusetzte, und das seine Wirkung tat. Am dritten Tage stellten sich Kopfschmerzen ein. Der Kanonikus legte auf Miguels Schläfenadern zwei Mastixpflaster. Am vierten Tag ließ das Fieber nach, am fünften war es verschwunden.

Fumagalli ging selbst in die Küche hinüber und probierte die Suppen. Nichts war ihm recht, er zerschmiß zwei Teller, die Köche zitterten.

Einmal, als er mit der dampfenden Brühe zurückkam, fand er Miguel in Tränen. Er stellte die Schüssel warm. Er ließ ihn weinen.

„Iß,” sagte er dann. „Grüble nicht mehr. Es liegt hinter Dir. Die Welt ist weit.” Er hatte ihm nie eine Frage gestellt.

Eine nahe Uhrglocke schlug zwölf. „Ich muß fort,” sagte Fumagalli, „Messe lesen. Ich hab einen Rüffel gekriegt.”

„Dann eilt Euch, mein Vater! Ne fiat missa serius quam una hora post meridiem,” zitierte Miguel mit schwachem Lächeln.

„Aber hernach lesen wir,” rief Fumagalli unter der Türe, „und ganz etwas Anderes!”

Dies Andere war Fumagallis Lieblingswerk: die Kommentare Caesars.

Miguel kannte das Buch, aber der Kanonikus wußte es beinahe auswendig. Langsam las er mit seiner Baßstimme. Cervantes lag und lauschte. Am gleichmäßigen Tritt der Legionen in Gallien beruhigte sich sein Blut. Aus den Felsen der Gobelins schaute das Haupt des Puniers ihm gerade und kühn in Gesicht.

Er gesundete und wollte aufstehen. Der Kanonikus erlaubte es nicht. Der alte Mann war glücklich bei dieser Pflege.

Von näheren Kriegsereignissen war jetzt zwischen ihnen die Rede. Fumagalli brachte die Nachrichten. Es handelte sich um die Türken, um Zypern und um das Mittelmeer.

Schwer vollzog sich die Einigung zwischen den christlichen Staaten. Man war fromm und ergrimmt, aber zäh und verschlagen und äußerst genau. Frankreich sperrte sich völlig, in Wien der Kaiser hatte Bedenken, zwischen Philipp, dem Papst und Venedig, die übrigblieben, erhob sich ein Feilschen um die Ausrüstung jeder Galeere, um jede Getreidelieferung. Philipp vor allem war ein höchst kaufmännischer Partner. Er schob auf und wog ab und gab nicht Bescheid. Jede Beihilfe zu der gottgefälligen Unternehmung ließ er sich abkaufen. Um den Zwieback jedes Ruderknechts wurde gemarktet.

Aber jede entweichende Woche machte die Lage kritischer. Schon war auf Zypern Nicosia gefallen, die Hauptstadt Famagusta ohne Hoffnung bedroht, Kreta, Korfu und Ragusa in naher Türkengefahr.

Endlich hieß es, es sei so weit: von den Kriegskosten werde der Papst ein Sechstel übernehmen, Venedig zwei Sechstel, Spanien die Hälfte.

Wenn der Kanonikus derlei berichtete und gegen die Knauser und Zauderer loszog, hörte der genesende Miguel kaum hin. Diese trübe und lächerliche Realität bestand nicht für ihn. Das Innerste seiner Natur kehrte sich ab von ihr. Glaube und Heldentum, ungebrochen und strahlend, das war seine Wirklichkeit. Und der kriegerische Bauer im Priesterkleid war nicht der Mann, das zu tadeln.

Aus dem Elternhause in Alcala kam in diesen Tagen ein lang erwarteter Brief. Nach umständlichen Ratschlägen und Segenswünschen enthielt er auch Nachricht über Bruder Rodrigo. Rodrigo war wirklich Soldat geworden. In den Kämpfen gegen die letzten spanischen Mauren, im wilden Gebirge südlich Granadas, hatte er sich Ansehen verdient und würde nun seinem Feldherrn zur Flotte folgen, in den Entscheidungskampf gegen den Sultan.

Wer war dieser Feldherr? Don Juan d’Austria. Prächtiger Name, für Miguel nur ein Schall. Er fragte den Priester. Der wußte Bescheid. Es war erstaunlich, wie er Bescheid wußte, es war gefährlich.

„Ein Sohn vom Kaiser Carolus ist das, Söhnchen,” erzählte er hitzig. „Ganz jung noch, keinen Tag älter als Du. Ein Halbbruder von Deinem Philipp, den ich Dir schenke. Die Mutter war eine Deutsche. Schön soll er sein wie ein Gott und nichts träumen als Siege. Dein Philipp hat einen Kardinal machen wollen aus ihm, das versteht sich. Aber jetzt ist er Großadmiral und zieht gegen die Türken, und wenn’s nach unserem Oberhaupt im Hause hier geht, dann gibt’s einen Kreuzzug, und Don Juan erobert das heilige Grab.”

Das Gemüt des jungen Miguel war ein gelockerter Acker. Jedes Wort ging auf. Da er ein Mensch der Phantasie, der sinnlichen Vorstellungskraft war, sah er den Kaisersohn vor sich, in weißem Glanz, seine schönen Züge wurden eins mit denen des Puniers, der unter einem Renaissancehelm mit flatterndem Busch auf sein Lager herabsah. Wäre es möglich, Rom zu verlassen und dieser Standarte zu folgen! Rom war ihm verhaßt nach dem, was geschehen war. Und zum Kleriker war auch er nicht geschaffen, so wenig wie der, der den Kardinalshut ausschlug. Er genas und erwog.

Da brachte Fumagalli die Einzelheiten vom Falle Nicosias. Den Verteidigern der venezianischen Feste war freier Abzug zugesagt worden. Aber die Türken brachen das Abkommen, und zwanzigtausend entwaffnete Menschen fielen ihrer Mordlust zum Opfer.

Das war entsetzlich. Der fromme Christ und der fühlende Mensch waren in Miguel entflammt. Er wog nicht ab und er fragte nicht. Er dachte auch keineswegs an die Untaten, die sein eigenes Spanien an Andersgläubigen beging, nicht an Folter, Austreibung, Mord, die seit Isabellas und Ferdinands Tagen hunderttausendfach gegen Mauren und Juden gewütet hatten. Da herrschte Gottes Gebot, und der Zweifel war Sünde. Christenmord war ein Anderes.

An diesem Tage war ihm erlaubt, zum ersten Mal aufzustehen. Aber Fumagalli hätte das nicht erzählen sollen. Entgeistert sah er die Wirkung. Das Fieber war wieder da, ein heftiger Rückfall. Der Kranke warf sich und schrie. Fumagalli mußte ihn mit beiden Händen festhalten in seinem Bett.

„Du mußt auch nicht alles gleich glauben!” sagte der Alte, als der Anfall vorüber war, „die Menschen lügen ja auch.”

Aber es war viel zu spät.

FLOTTENPARADE

Inhaltsverzeichnis

Der Feldherr kam nicht. Seit zwei Monaten lagen die Schiffe der Venezianer und die des Papstes vor Messina. Auch einige spanische Galeeren waren schon da, in Erwartung der Hauptzahl. Sie ankerten abseits, damit Händel vermieden würden. Trafen Soldaten der verschiedenen Kontingente einander an Land, in den Gassen und Schenken der lustigen Hafenstadt, so gab’s jedesmal blutige Köpfe. Der spanische König, hieß es, sei vom Vertrage zurückgetreten, Don Juan d’Austria reise nicht ab, man verschimmele hier, während die Türken die Adria hinauffuhren. Die Venezianer sahen sie schon auf dem Markusplatz. Es war Ende August. Don Juan mit den Schiffen kam nicht. Jetzt war es klar, daß er ausblieb.

Aber er war unterwegs. Er reiste nur langsam mit seinen Galeeren. Er hatte Zeit. Er ließ sich feiern. Zuerst vier Wochen in Genua, wo er im Palazzo Doria glänzenden Hof hielt. Alle Frauen waren verliebt in den Großadmiral. Dann einen Monat im spanischen Neapel, wo es noch rauschender herging. Turnier und Ball wechselten ab mit kirchlichen Feiern. Der Feldherrnstab ward überreicht und das Banner der heiligen Liga geweiht. Das erforderte Vorbereitung. Das Ausarbeiten der Sitzordnung in Santa Chiara allein beanspruchte schon drei Tage.

Unbestimmte Nachricht von dem allen kam nach Messina zu dem päpstlichen Befehlshaber Colonna und zu dem greisen Venier, der die venezianischen Schiffe führte. Die Mannschaft wußte garnichts. Sie schimpfte. Man hatte Dienst, anstrengenden Dienst, und das war niemand gewohnt. Was sollten diese Schießübungen und dies Exerzieren im Fechten? Jeder wußte doch, wie man zuhieb und zustieß. Jeder wußte doch, was eine Seeschlacht war: man fuhr heran an das feindliche Schiff, warf Enterbrücken hinüber und schlug die Ungläubigen tot. Das war keine Kunst. Übrigens blieb wie gewöhnlich der Sold aus, man konnte sich kaum mehr vergnügen an Land. Und immerfort gab es an den Schiffen was auszubessern, man mußte dichten und teeren und sich im Takelwerk die Hände blutig reißen. Und Don Juan kam nicht.

Ein besonders schlechtes, altes Fahrzeug war die „Marquesa”. Alle zwei Tage zog sie Wasser, die Eimer standen nicht still. Der Hauptmann Diego de Urbina, der hier kommandierte, ein vollblütiger Mensch mit gutmütigem Gesicht unter der Eisenhaube, war bei den Leuten beliebt. „Meine Herren Soldaten!” hieß es vor jedem Kommando. Aber er kommandierte viel. Vielleicht wollte er die Mannschaft ermüden, damit sie nicht Unfug stiften konnte.

Man wohnte eng aufeinander gepackt in dem winzigen Schiff. Hundertundfünfzig Soldaten schliefen im niedrigen Raume beisammen. Kaum konnte man aufrecht stehen. Man atmete mühsam. Da wie stets Gerüchte aufkamen, im Hafen schleiche die Pest, tranken viele die Medizin, die hiergegen beliebt war: Branntwein mit Knoblauch. Wahrscheinlich schmeckte es ihnen. Der Gestank wich nicht mehr aus den Gelassen.

Hier lebte Miguel de Cervantes und war guten Mutes. Das römische Halbpriesterlein war nicht zu erkennen. Er war breiter geworden, das Gesicht unterm Eisenhut hatte Farbe, er trug Schnurrbart und Knebelbart, die er sich selbst mit der Schere allwöchentlich zustutzte.

Lang hatte er mit seiner Kompagnie in Neapel herumgelegen. Das war eine mißliche Zeit. Die Soldaten, arger Pöbel zumeist, Entgleiste, die vorm Strafgesetz niedertauchten unter das Fahnentuch, witterten mit Abneigung die zarter organisierte Natur. Er hatte sich täglich zu wehren. Er wehrte sich. Er teilte Prügel aus und empfing noch schlimmere, er sprach mit phantasievoller Einfühlung ihre Sprache, wußte Geschichten und gute Späße, war hilfsbereit und kein Streber. Ein letztes Mal kam es zu einem wilden Auftritt hier vor Messina. Etwas nämlich hatte der junge Miguel an sich, was für die Anderen, ohne Ausnahme, unangenehm lächerlich war: er las. Vier, fünf gedruckte Bücher hatte er immer unter seiner Decke verborgen. Eins davon fand er eines Tages aufgeschlagen liegen, in viehischer Weise verunreinigt. Es war der Caesar, den ihm Fumagalli bei der Abreise verehrt hatte, ein schönes Exemplar, mit schöner Widmung. „Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae,” stand auf der ersten, jetzt besudelten Seite, recht heidnisch übrigens für einen Kleriker.

Es war am Abend, beim Schein einer Ölfunzel streckte man sich zur Ruhe, dicht nebeneinander.

„Wer hat mir das da getan,” fragte Cervantes. Vielstimmiges Gelächter antwortete, denn die Tat war bekannt, der Urheber hatte sie öffentlich verübt, und man hielt sie für einen köstlichen Scherz.

Er stand auch gleich auf, halbnackt, mit zottiger Brust, kam er auf den Beleidigten zu. Es war ein Riesenkerl, ein nordspanischer Bauernknecht aus der Provinz Galicia, tierisch und albern.

„Du hast’s verdreckt, Du leckst es auf,” sagte Cervantes. Er war noch angekleidet, im ledernen Koller mit schwarzen Ärmeln. Zu aller Antwort spie ihm der Andere vor die Füße. Es war still geworden, man wartete höchst gespannt.

„Du magst nicht, dann mußt Du!” Und mit voller Gewalt schlug er ihm den geschändeten Klassiker auf das Maul, zweimal und dreimal. Das Buch ging in Fetzen. Der Andere war schon über ihm, sie knieten auf einer der Pritschen im Halbdunkel, der Knecht mit seiner Vierecksgestalt deckte den schlanken Cervantes fast zu.

„Da gibt’s eine Leiche,” sagte einer behaglich.

Aber Cervantes hatte Glück. Ausholend traf er mit der Faust den Bauer am Kinn, an jener Stelle ein wenig unterhalb und seitlich, die jeder geübte Schläger kennt und hochschätzt. Es war Zufall gewesen, aber einer von gründlicher Wirkung. Der Gallego lag mit verdrehten Augen und baumelnden Armen. Ein Beifallsgelächter erhob sich. Miguel schob dem Gefällten den entehrten Band als Kissen unter den Kopf, wusch sich im Eimer die Hände und legte sich schlafen.

Am Morgen hieß es, der Feldherr sei da. Er war die Nacht von Neapel gekommen. Die ganze reiche Stadt war auf. Sie war für ihre Feste berühmt, Kaiser Karl schon, der doch Empfänge gewohnt war, hatte beteuert, nirgends sei er so aufgenommen worden wie in Messina. Die Uferstraße war im Augenblick dekoriert, von Palast zu Palast spannte sich Purpursamt. Ein Flaggenwald flammte empor in den Sonnenhimmel. Glockengeläute, vielstimmig, scholl über den Hafen. Von der Zittadelle dröhnte unausgesetzt das Geschütz.

Aber von den Schiffen durfte niemand an Land. Für den Nachmittag war Flottenparade angesagt. Alles scheuerte: Schiff, Waffen, sich selbst.

Don Juan d’Austria war mit 49 Galeeren gekommen. Sie lagen draußen in der Meerenge, kaum unterscheidbar. Aber ganz nahe, mitten im Hafen, ankerte das Admiralsschiff. An seinem rückwärtigen Teil, vor der „Poppa”, war ein mächtiges goldenes Kreuz aufgerichtet, daneben auf hohem Mast das Banner der Liga, vom Vizekönig in Neapel übergeben, in Santa Chiara geweiht. Die Kriegsmannschaft ringsumher, alle die kindlichen Männer, Cervantes mit ihnen, unterbrachen oft ihre Scheuerarbeit, blickten hin, besprachen jede Einzelheit. Aus blauem, gesteiftem Seidendamast bestand die Standarte. Sie wies oben in der Mitte, gewaltig groß, den Heiland am Kreuz. Zu seinen Füßen das Wappen, erhaben gearbeitet, war das des Papstes, rechts das von Spanien, links von Venedig. Goldene Ketten schlangen sich von Emblem zu Emblem, von ihrer Knotung hing schwer und massiv ein viertes Wappenschild: das des Kaisersohnes und Großadmirals.

Sie hatten zu schauen. Es wurde ihnen etwas geboten, wahrhaftig. Denn als sie am Nachmittag, um die vierte Stunde, aufgereiht standen auf ihren Verdecken, alle Segel gesetzt, die langen Ruder gleichmäßig ausgerichtet, und als das Admiralsschiff unter Kanonengedröhn langsam an ihnen vorüberfuhr, da wurde jedem von ihnen in voller, leuchtender Figur dynastischer Kriegsglanz vor die Augen getragen, jedem von diesen dumpfen und rohen Söldnern der Inbegriff aller kriegerischen Eleganz des Jahrhunderts.

Das Bild war eigens für sie gestellt, das sollten sie mitnehmen, es sollte sie im Voraus bezahlen für Mühsal, Wunden und Untergang. Dies Bild im Herzen sollten sie sterben. Wer überlebte und einmal nach Hause kehrte, sollte es in der Winterstube erwecken, wenn die Anderen um ihn hockten mit offenen Mäulern. Cervantes auch würde es nie vergessen. Als er schon alt war und wissend und Don Juan tot, früh durch Gift aus der Welt geräumt — auch da noch lebte das Bild, und er sprach davon und malte es farbenstark, wenn er auch dazu lächelte.

Nur die Ruderer sahen es nicht. Tief genug unterm gewölbten Schiffsrand, daß kein Ausblick über die Meerflut sich auftat, hockten sie halbnackt, zu dreien auf ihre Bänke geschmiedet: Verbrecher, Kriegsgefangene und Ketzer, zu Halbtieren geworden, nichts vor sich als den Rücken des Vordermanns am Tage und in der Nacht. Der Aufseher mit der Peitsche ging umher zwischen ihnen und hieb zu nach Ermessen. Alte mit weißem Bart waren darunter. Sie saßen hier, seitdem die altersschwache Galeere schwamm. Die allein sahen nichts.

Don Juan d’Austria stand an der hochaufgebogenen Poppa seines Staatsschiffs neben dem Kreuz, unter seiner blauen Standarte. Ihm zu Seiten, ein wenig zurück, rechts Colonna der Römer, mit kahlem Eikopf, von Hals zu Fuß dunkel geharnischt, links der ehrwürdige Sebastiano Venier, im Goldmantel eines venezianischen Generalkapitäns. Sie waren barhaupt wie Don Juan.

Weißhäutig war er, feinzügig und blond. Das weiche Haar umwallte zurückgeworfen sein junges Haupt. Keck aufgebogen trug er den Schnurrbart. Was aber jedermann hinreißen mußte, was sicher in Wochen studiert und zusammengestellt worden, das war sein Anzug. Jeder Soldat hatte sofort das Gefühl, daß er so etwas zum ersten und letzten Mal sah in seinem gefährdeten Leben. Der Panzer allein war ein Wunder. Es war ein Zierpanzer aus Silber, leuchtend poliert und vorn auf der Brust zu einer scharfen Schiene emporgetrieben, in der sich augenblendend die sizilianische Sonne brach. Aus der Halsberge stieg blütenweiß und köstlich gefältelt die Krause und umschmiegte das rasierte Kinn. Hellseidene Ärmel, mit Goldrosetten besetzt, modellierten die Arme. Aber besonders unterhalb war Don Juan d’Austria herrlich zu schauen. Die Strumpfhosen aus Seidentrikot, ohne ein Fältchen, von besorgniserregender Straffheit, erreichten beinahe die Hüften, und darüber, rundwulstig ausgestopft, bauschte sich das kurze modische Beinkleid aus rotem Atlas mit Goldbrokat, geschlitzt, gepufft und durchbrochen, einem Frauenröckchen nicht ungleich. In der Hand trug der Schöne den geweihten Feldherrnstab, überm Harnisch das Goldene Vlies. Er lächelte und er regte sich nicht. Er stand wie aus farbigem Gips, aus Gründen der Wirkung gewiß, wahrscheinlich aber auch, weil die geringste Bewegung den Sitz seines Prachtkleids gefährdet hätte. Es mußte anstrengend sein, so zu stehen.

Das rohe Kriegsvolk schaute versunken. Dies war eine sakrale Darbietung und jedem Zweifel völlig entrückt. Außerdem bedeutete der Aufwand eine Ehrung für jeden. Nicht die Flotte wurde ja hier gemustert, umgekehrt war es. Unter einem wahrhaft hocheleganten Halbgott zog man da morgen zur Schlacht.

Aber damit hatte es gute Weile. Man blieb im Hafen. Verstärkungen wurden erwartet. Es wurde weiter exerziert und geschossen, an den Schiffen gehämmert, kalfatert und Segel geflickt, während der Admiral in Messina seine Bälle, Bankette und Abenteuer bestand. Es war Mitte September. Viele erklärten, für dieses Jahr sei es zu spät.

Auf einmal war Gottesdienst angesagt. Von den Kapuzinern und Jesuiten, die in Scharen die Flotte begleiteten, empfing jeder Kriegsknecht das Sakrament. Nun wurde es Ernst.

Zwei Tage später lag man an der albanischen Küste, Korfu gegenüber. Neue Untätigkeit. Zwist gärte unter den Admiralen. Als Don Juan auf den Gedanken verfiel, hier nun ernsthaft die gesamte Flotte zu mustern, wurde ihm unter Vorwänden der Gehorsam verweigert. Venier seinerseits, heißblütig trotz seiner Jahre und äußerst nervös durch die Prinzenallüren des Kaisersohns, ließ ein paar frech meuternde Spanier kurzerhand aufhängen. Darin sah Don Juan einen Eingriff in Rechte, die ihm allein zustanden, und kündigte dem General der Republik ein Kriegsgericht an. Aufstand der Venezianer. Schon zogen ihre Galeeren sich drohend um Don Juans Flaggschiff zusammen, an die Schaustellung von Messina dachte jetzt niemand. Der Römer Colonna vermittelte. Die Aufregung schwand. Man schrieb Oktober.

Da brachte am vierten des Monats ein Eilschiff die Nachricht vom Fall Famagustas. Zypern gehörte den Türken. Ihre Flotte, man wußte es, lag gesammelt und schlagbereit im Korinthischen Busen, wenig südlich von hier. Man entschloß sich.

Die Hauptleute erhielten Instruktion. Jeder versammelte seine Mannschaft.

Auf Deck der altersschwachen „Marquesa” waren die 150 Soldaten angetreten. Hauptmann Urbina begann. „Meine Herren Soldaten!” begann er. Sein gutmütiges Gesicht unterm Eisen war noch röter als sonst. Reden war peinlich. Aber die Tatsachen sprachen für sich.

Zypern also, das war nun heidnisch, in jenen Meeren herrschte der Halbmond, frei war der Weg für den Sultan zu den Städten der Christen.

Ein trunkener Wüterich war dieser Selim, soff seinen verbotenen Wein vermischt mit Christenblut. Die tapferen Verteidiger von Famagusta waren schmählich geschlachtet worden, die Frauen verstümmelt, Kinder zu Haufen an den Mauern zerschellt vor den Augen der Mütter. Da sah man, was Venedig, was Rom, was die spanischen Städte zu befahren hatten, wenn nicht Einhalt geschah!

Zum Schluß erst erzählte der Hauptmann das Äußerste... Die Türken kannten und haßten den heldenmütigen Bragadino, Haupt und Seele der Venezianer. Ihn fingen sie sich heraus aus den Opfern, und in langer Beratung ersannen sie für ihn eine nie erhörte Marter.

Der Unglückliche wurde lebendig geschunden. Seine abgezogene Haut wurde ausgestopft, in venezianische Amtstracht gekleidet und, auf den Rücken einer Kuh gebunden, durch die Straßen von Famagusta geschleppt. Die mächtige Natur des Gemarterten widerstand, er lebte noch tagelang. So sah er sich selber vorüberreiten.

„Das, meine Herren Soldaten,” schloß der Hauptmann Urbina, „sind Eure Feinde. Trefft sie, schlagt sie, es geht zum Kampf! Gott und die Jungfrau!”

Der Bericht von dem Ungeheuren, wahr oder übertrieben, hatte seine Wirkung getan. Die Stumpfsinnigsten waren aufgewühlt.

Miguel taumelte, als man auseinandertrat. Er lehnte sich über Bord und erbrach.

Es ging gegen Abend. Er tappte die Stiege hinunter und warf sich aufs Lager. Er zitterte. Er schloß die Augen, mit äußerster Energie bemüht, das Vernommene fortzudrängen. Die Zähne schlugen ihm aneinander. Mit Verzweiflung spürte er das Fieber aufbrennen in seinem Blut. Von den Sklavenbänken über ihm schollen Flüche herunter. Die Peitsche klatschte. Dann war es still.

Als die Anderen kamen, um sich zur Nacht hinzustrecken, lag er ohne Bewußtsein. Er warf und bäumte sich. Er delirierte und schrie. Seine Einbildungskraft formte das Entsetzliche zu unerträglicher Greifbarkeit aus. „Zu den Waffen,” schrie er und „Gottesrache!”

Niemand konnte einschlafen. Schließlich trugen sie ihm den Strohsack nach vorn in einen Winkel unter der Schiffstreppe, fünf Fuß lang und drei breit. Eine Luke stand offen. Kühlere Luft strich herein. So fuhr er zur Schlacht.

Darmowy fragment się skończył.

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16 stycznia 2025
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