Czytaj książkę: «Das Gewicht aller Dinge»

Czcionka:

Britta Röder

Das Gewicht

aller Dinge


Roman

Inhaltsverzeichnis

1 Das Gewicht aller Dinge

2 Widmung

3 1

4 2

5 3

6 4

7 5

8 6

9 7

10 8

11 9

12 10

13 11

14 12

15 13

16 14

17 15

18 16

19 17

20 18

21 19

22 20

23 21

24 22

25 23

26 24

27 25

28 26

29 27

30 Epilog

31 Impressum

Orientierungsmarken

1 Inhaltsverzeichnis

Für meine Großeltern:

Grete und Fritz

Godelieve und Günther

Anni und Jakob

„Weißt du, Valerio, daß selbst der Geringste unter den Menschen so groß ist, daß das Leben noch viel zu kurz ist, um ihn lieben zu können?“

aus: Georg Büchners „Leonce und Lena“, 3. Akt, 1. Szene

1

So nah waren sie dem Himmel noch nie gekommen: Die makellose Unendlichkeit über der Piazza del Campo, darunter die Stadt Siena in ihrem Festgewand aus Gotik und Renaissance und mittendrin er mit Sybille an einem kleinen runden Caféhaustisch.

Die Luft erfüllt vom babylonischen Stimmengewirr der Touristen, ein ständig auf und ab brandendes Plaudern, Lachen und Rufen, dazwischen italienische Popmusik. Der klare Klang der Kirchenglocken hebt sein Herz empor. Wie auf einer Insel außerhalb der Zeit sitzen Sybille und er inmitten des Gewimmels, gut behütet unter den strengen Blicken der Kellner. Alles zusammen eine beeindruckende Choreografie durch die Hand eines großen Meisters, der keinen Aufwand gescheut hat, um genau diesen Moment perfekt zu erschaffen.

Das ist ihr Moment. Der Moment, in dem sich die ganze Welt nur um sie dreht, weil sie sich in diesem Moment selbst die ganze Welt sind. Ein Moment ohne Angst und Sorgen, ohne Kriege und Gefahren, ohne Krankheit und Tod, ohne das Böse in der Welt, das Gierige, das Rachsüchtige und Hartherzige. Ein Moment, in dem alles um sie herum im Einklang steht. So perfekt wie nur eine Illusion es sein kann.

Überwältigt wagen sie kaum sich zu bewegen, zu sprechen noch weniger. Wortlos reichen sie einander über das Mamorrund hinweg die Hände, als bräuchten sie Halt in so schwindelerregender Höhe. So nah waren sie dem Himmel noch nie gekommen.

»Deine Idee mit der Reise war wundervoll«, flüstert Rolf vorsichtig, um das perfekte Schweigen zwischen ihnen nicht zu verletzen. Doch obwohl der Zauber dieses besonderen Moments noch immer andauert, hat er durch die Verwendung des kleinen Wörtchens war unbewusst bereits damit begonnen, diesen in eine Erinnerung zu verwandeln. Vielleicht, weil nur in der Erinnerung das perfekte Glück auf Dauer zu ertragen ist?

Auch Sybille entzieht sich dem Augenblick. Unbekümmert lässt sie ihre Gedanken vorauseilen.

»Wir könnten noch ein paar Tage dranhängen«, flüstert sie zurück. »Zu Hause läuft uns nichts davon.«

Er lächelt nur.

Inzwischen hat der Nachmittag seinen goldenen Zenit überschritten. Es wird Zeit, Pläne für den Abend zu schmieden.

»Wollen wir in der kleinen Trattoria essen, an der wir gestern vorbeigefahren sind?«, fragt Rolf.

»Was hältst du von einem kleinen Umweg?« Sybilles Blick funkelt vielsagend. »Wir könnten einen Stopp auf der Wiese einlegen, auf der wir gestern unser Picknick hatten. Um diese Zeit sind wir sicher allein dort.«

Ein zarter Sog erfasst beide, umspielt sie wie eine sanfte Dünung. Genüsslich schieben sie ihren Aufbruch vor sich her, kosten ihre Erwartungen aus. Dann, ohne ein Wort, nicken sie einander zu und erheben sich einvernehmlich.

Auf einmal haben sie es eilig. Sie können es kaum abwarten, die Stadt hinter sich zu lassen. Ungeduldig wirft Rolf einen Geldschein auf den Tisch und ohne das Wechselgeld abzuwarten, eilen sie zum Wagen und fahren los.

Wie im Traum fliegen sie in ihrem Cabrio über die zypressengesäumten Hügel und Täler. Ein Sommerwunderland nur für sie. Der Wechsel von Schatten und Sonne in den langgezogenen Alleen wirft ihnen verspielte Lichtreflexe in die Augen. Völlig benommen erreichen sie einen einsamen Feldweg und laufen Hand in Hand in das blühende Wiesengrün. Laut auflachend, werfen sie ihre Kleidung von sich und sinken nackt auf ein Bett aus Gräsern und Blumen. Liebkosungen und Küsse auf ihrer Haut. Wieder und wieder. So nah waren sie dem Himmel noch nie gekommen.

Erst als die Sonne sich matt dem Horizont zuneigt, spüren sie die aus dem Grund aufsteigende Kühle, die nach ihnen greift. Hastig schlüpfen sie zurück in ihre Kleider.

Ihr Hunger meldet sich und erinnert sie daran, dass sie noch weiterfahren wollen. Also eilen sie zum Auto und setzen ihren Weg fort.

Der Empfang in der Trattoria ist so herzlich, als habe man sie erwartet. Unaufgefordert bringt man ihnen Essen und Wein. Ein Abendmahl von himmlischer Fülle, reichhaltig und zugleich exquisit. Bis spät in die Nacht hinein tafeln sie, kosten Oliven, Käse und frisches Brot, probieren verschiedene Pasta-Gerichte, Fleisch und Gebäck, bis ihre Sinne völlig erschöpft sind.

Später würde Rolf sich fragen, ob ihn so viel Glück nicht hätte misstrauisch machen müssen. Ob er nicht hätte wissen müssen, dass man sich nicht so leichtfertig in die Nähe des Himmels begeben darf. Dass man niemals aufhören darf, achtsam zu sein.

Kalter Schweiß tritt Rolf auf die Stirn, denn er weiß, was jetzt gleich passieren wird: Die Fahrt zurück ins Hotel auf der nachtschwarzen Straße. Sie beide im Wageninnern, vom blauen Licht der Armaturen zärtlich eingehüllt. Sybille am Steuer, da sie keinen Wein getrunken hat. Ihr müdes verträumtes Lächeln, in einer leichten Rechtskurve das grellgelbe Aufblitzen zweier Scheinwerfer direkt vor ihnen, das betäubende Dröhnen des Aufpralls. Und dann, noch entsetzlicher, die urplötzliche Stille.

Ein Riss ist durch den Himmel gegangen. Nirgendwo gibt es Halt. Er fällt und fällt. Ein Sturz ins Nichts. Ein nicht enden wollender Sturz.

Das erste Geräusch, das Rolf wahrnimmt, ein sanftes stetes Tropfen. Er kann es nicht zuordnen. Benzin, Kühlwasser, Blut?

Rolf erwacht in einem Albtraum. Sein Blick fällt auf Sybille, die er neben sich am Steuer weiß. Ein schmaler Streifen Blut läuft über ihre Stirn und in den noch immer offenen Blick hinein. Blut in den Haaren. Blut, das aus ihrem Leib sickert oder dem, was davon noch zu erkennen ist. Das Lenkrad hat sich tief in ihren Bauch gegraben. Ihre Beine sind in einem Knäuel aus Blech verschwunden.

Rolf will jetzt endlich aufwachen.

Er versucht sich zu bewegen, aber sein Körper gehorcht ihm nicht.

Sein Körper? Ein Gefäß ohne Boden, in dem nichts haften bleibt. Fassungslos, leer, taub.

Stimmen tauchen aus dem Dunkel auf, laute und hektische Gesichter, Blaulicht, Hände.

Nun müsste er doch endlich erwachen, sich bewegen und sprechen können.

Ohne etwas zu fühlen, steht er da und beobachtet, wie man sie aus den Trümmern zieht. Ein zerrissener Leib, unterhalb der Brust nur blutiges, matschiges Fleisch. Nur ihr Blick noch immer offen und fassungslos. Die Blutspur auf ihrer Stirn, fast getrocknet, verwischt kaum, als man die schwarze Plastikhülle über ihrem Kopf schließt.

Das Surren des Reißverschlusses.

Schließt für immer.

Nie wieder dieser Blick.

Auf immer und ewig dieser Blick.

Auf ihn gerichtet in seinen Träumen.

Jede Nacht.

Immer und immer wieder.

Rolf fuhr schweißnass in die Höhe. Sein Pyjama klebte am Körper. Frierend verließ er das Bett. Langsam tastete er sich durch die dunkle Wohnung voran bis ins Bad. Erst im grellen Neonlicht des Badezimmerschränkchens fühlte er sich wieder sicher. Die Fliesen unter seinen Füßen waren kühl und hart. Es tat gut, diese klare Grenze zu spüren. Er warf sich kaltes Wasser ins Gesicht und atmete erleichtert auf. Wartete, bis er sich wieder an sein Spiegelbild gewöhnt hatte, bis er wieder der Mann war, dem er ins Gesicht sah. Wach, lebendig, ruhig. Dann wartete er noch etwas ab, ließ den Wunsch, ins warme Bett zurückzukehren, anwachsen und gab ihm schließlich nach.

Der Albtraum war vorüber. In dieser Nacht würde er nicht wiederkehren.

Seit über einem Jahr quälten ihn die nächtlichen Bilder und hinderten ihn daran, in Ruhe um Sybille zu trauern. Bestrafte ihn sein Unterbewusstsein? Büßte er so für seine Schuld? Dafür, dass er lebte und sie tot war? Dafür, dass er ihren Tod noch immer nicht akzeptierte? Dafür, dass er sich noch immer nach ihr sehnte? Überhaupt war ihm völlig unklar, wie das gehen sollte, dieses Frieden schließen mit dem, was geschehen war. Wie sollte er seinen Frieden machen mit einem Ereignis, das absolut kein Sinn ergab? Heißt Frieden machen nicht akzeptieren? Einverstanden sein? Wenn das der Preis für seinen inneren Frieden war, dann war er ihm zu hoch. Er hatte diese Sinnlosigkeit vor einem Jahr nicht akzeptiert, er akzeptierte sie noch immer nicht. Es würde keine Zeit kommen, in der er sich dazu herablassen würde.

Der Unfallbericht kam ihm wieder in den Sinn. Dieses völlig absurde Dokument, mit dem die italienische Polizei das Geschehen zusammenfasste, als könnten sauber zu Papier gebrachte Worte dem Ereignis nachträglich einen Sinn verpassen. Ein Lastwagen war an der Unfallstelle ins Schlingern geraten, hieß es darin. Für das entgegenkommende Fahrzeug ein unerwartetes Hindernis, das bei der vermutlich übermüdeten und ortsfremden Fahrerin eine schreckhafte Reaktion hervorgerufen hatte. Während der Lastwagen sich mühelos wieder gefangen hatte, war das Cabrio über die Straße hinausgeschossen und gegen einen Olivenbaum geprallt. Nur einem seltenen Zufall sei es zu verdanken, dass die Beifahrerseite fast unbeschädigt geblieben war, während die Fahrerseite zertrümmert wurde. Ein Wunder, dass der Beifahrer unverletzt aus dem Unfallgeschehen herausgekommen war. Der Tod der Fahrerin bedauerlicherweise unvermeidlich.

Als Rolf den Bericht las, geriet er außer sich. Nichts daran war unvermeidlich gewesen. Er hätte den Wagen steuern müssen. Es war unverzeihlich, schrecklich, unfassbar tragisch und sein Überleben ganz bestimmt kein verdammtes Wunder. Am liebsten hätte er dem italienischen Beamten den Bericht in die kaltschnäuzige Fresse geprügelt.

Seine verbalen Entgleisungen, die man auf der italienischen Behörde nur dem Tonfall nach verstand, hatte man glücklicherweise dem emotionalen Stress zugeschrieben, unter dem er stand. Sein Freund und Anwalt Jochen, eilig nach der Unfallnacht herbeigerufen, hatte ihm geraten, den Bericht zu unterzeichnen, was nötig war, um alle weiteren Formalitäten zu regeln. An der Sache war nichts zu rütteln. Sybille war tot und ihr verstümmelter Leichnam so gut wie auf dem Weg nach Deutschland zu ihren Eltern.

Ohne wirklich begriffen zu haben, was vor sich ging, hatte Rolf sich schließlich Jochens Autorität gefügt und sich kaum vierundzwanzig Stunden später zu Hause wiedergefunden, in der Wohnung, die er nur wenige Tage zuvor noch mit Sybille geteilt hatte.

Ihre gemeinsame Wohnung, der Mittelpunkt ihres Lebens. Als sie sich vor sieben Jahren auf einer Party begegnet waren, hatten sie sofort gewusst, dass sie zusammengehörten. Keine zwei Wochen später war sie bei ihm eingezogen.

Sybille und er waren wie zwei ruhige Flüsse, die zusammengeflossen waren, um gemeinsam einen großen Strom zu bilden. Eine Beziehung wie ein Naturgesetz, elementar und unaufhaltsam. Sybille war eine feste Größe in seinem Leben gewesen, so zuverlässig wie der morgendliche Sonnenaufgang oder der Lauf der Jahreszeiten.

Nichts hatte diesem Weltbild etwas anhaben können. Auch ihre einzige Krise nicht. Im Gegenteil.

Sybille hatte gerade ihr Studium beendet und war für einen Zeitvertrag nach München gegangen. Wie Tausend andere Paare begannen also auch sie, eine dieser aufreibenden Fernbeziehungen zu führen, bei denen man sich die rare gemeinsame Zeit am Wochenende damit verdarb, den fehlenden Alltag krampfhaft kompensieren zu wollen. Eine Weile hatten sie sich die Situation schöngeredet, hatten sich mit wachsendem Bemühen und schwindender Aufrichtigkeit versichert, wie wichtig die neu gewonnenen Freiräume für ihre Karrieren seien und wie problemlos sie mit der Situation zurechtkämen. Am Ende hatte Rolf nicht mehr gewusst, was ihn mehr zermürbte: Ihr vorzuspielen, wie wenig sie ihm unter der Woche fehlte, oder sich selbst.

Bis dahin hatte er immer verschmäht ›Ich liebe dich‹ zu sagen. Diese Formel war ihm wie eine billige Allzweckwaffe erschienen, derer man sich bediente, um Beziehungsrisse und Unebenheiten zu übertünchen, also zu kitten und zu glätten, ohne an die Ursachen zu gehen. Plötzlich hatte er jedoch genau diese Worte empfunden, stärker noch in Sybilles Ferne als in ihrer Nähe. Aber aus Furcht, seiner eigenen Sentimentalität zum Opfer zu fallen, hatte er nicht gewagt, sie auszusprechen, obwohl er gespürt hatte, wie wichtig sie zu diesem Zeitpunkt gewesen wären. Damals war ihm das erste Mal bewusst geworden, wie sehr sie dabei waren auseinanderzudriften.

An einem Freitagabend hatte Sybille dann die Botschaft mitgebracht, dass ihr eine Professur in London angeboten wurde. Sofort hatten sie begonnen, waghalsige Szenarien zu entwerfen, wie sie ihr zukünftiges Leben gestalten würden. Ein verkrampftes Unterfangen, welches am Sonntagabend plötzlich in der Einsicht gemündet war, in Wahrheit nicht ihr Zusammenleben zu organisieren, sondern eine Trennung auf Raten vorzubereiten. Auf einen Schlag war die jahrelang überstrapazierte Selbsttäuschung wie ein riesiger Ballon geplatzt.

Der angestaute Frust war groß gewesen und schließlich war er in einem heftigen Wortgefecht eskaliert, der nur dadurch unterbrochen wurde, dass Sybille aufgesprungen war, um ihren Sonntags-Intercity nach München zu erwischen.

Im Streit waren sie auseinandergegangen. Nie zuvor war ihnen so etwas passiert. Die darauffolgenden Tage waren Rolf unerträglich erschienen. Unaufhaltsam war in ihm die Vorstellung gereift, Sybille verlieren zu können, ja sie vielleicht bereits verloren zu haben.

Doch schließlich hatte ihm seine Angst die Augen geöffnet. Auf einmal war ihm klar geworden, was er zu tun hatte. Nichts und niemand war ihm je wichtiger gewesen als Sybille. Seine bisherigen Bedenken waren ihm plötzlich völlig lächerlich erschienen. Er würde sie einfach begleiten, notfalls auch nach London. Dies zu denken und entsprechend zu handeln, war eins gewesen. Nie zuvor war ihm eine Entscheidung so einfach und natürlich erschienen.

Rolf erinnerte sich noch genau. Es war am Donnerstagabend nach ihrem Streit gewesen. Er hatte erfreut festgestellt, dass er mit etwas Glück und Eile den letzten Intercity nach München noch würde erreichen können. Was er Sybille zu sagen hatte, hatte zu schwer für ein Telefonat gewogen. Er war sich der Dramatik eines spätnächtlichen Auftritts in ihrem Einzimmer-Appartement absolut bewusst gewesen, hielt einen solchen Effekt aber für völlig angemessen. Er hatte sich vorgenommen, ihr noch in dieser Nacht einen Antrag zu machen.

Als er gerade zum Telefon gegriffen hatte, um sich ein Taxi zu bestellen, hörte er das Drehen des Wohnungsschlüssels an der Tür. Müde und abgekämpft und auch ein wenig verlegen hatte Sybille vor ihm gestanden. Nie würde er diesen Moment vergessen, den er fortan zu den kostbarsten seines Lebens zählte.

»Ich wollte dich nicht anrufen. Aber bis Freitag warten wollte ich auch nicht«, hatte sie gesagt. »Wenn London für dich nicht akzeptabel ist, dann lassen wir es eben.«

Wie zwei Überlebende waren sie einander in die Arme gestürzt. Überglücklich hatten sie sich festgehalten. Zwei, die sich gegenseitig gerade noch gerettet hatten. Später, als sie längst zu Bett gegangen waren, hatte sich Sybille ganz dicht an ihn geschmiegt, um ihm ins Ohr zu flüstern: »Ich wünsche mir, dass unser Kind hier groß wird.«

Wie einen tiefen Stich direkt ins Herz hatte Rolf das Glück in diesem Moment empfunden. Ein heftiger Schmerz, dem er völlig schutzlos ausgeliefert war. So fest er konnte, hatte er Sybille in seine Arme gezogen, um sie zu halten und nie wieder loszulassen.

Ihr den Antrag zu machen, war nun nicht mehr nötig gewesen. Die Reise nach Italien wurde zu ihrer vorgezogenen Hochzeitsreise. Noch nie zuvor war er dem Himmel so nah gekommen. Nie mehr wieder würde er es.

2

Es gab viele trostlose Flecken in Frankfurt, aber dieser war einer der trostlosesten. Vor einigen Jahren von gelangweilten Städteplanern aufs Papier geworfen, kurz darauf auf den Mittelstreifen einer mehrspurigen Allee gepflanzt, war die Grünanlage ein Paradebeispiel dafür, welche Hässlichkeit menschliche Gleichgültigkeit produzieren konnte.

Kurz vor Sonnenaufgang erreichte die Trostlosigkeit dieses Ortes ihren Höhepunkt. Das Morgengrauen entzog der Grünfläche den letzten Rest an Farbe. Alle Spuren der Verwahrlosung, die die Straßenbeleuchtung eben noch überglänzt hatte, traten nun zu Tage: Das vor Dreck und Hundekot starrende Rasenstück, die verknöcherten Bäume, die ihre Stümpfe in den Himmel reckten, und die durch die Autoabgase ergraute Hecke, in der sich Plastiktüten verfangen hatten. Der einzige Mülleimer hatte keinen Boden mehr. Die Sitzbank aus Stahlrohr stand verwaist am Rand verwitternder Gehwegplatten. Selbst den Junkies und Obdachlosen der Stadt bot dieser vom Leben vergessene Flecken nichts, das sie anzog.

Doch dann ging die Sonne auf.

Rosig ergoss sich das Licht über die Erde und tauchte alles in zartes Pastell. Die schroffen Konturen des Astwerks verwandelten sich in einen filigranen Scherenschnitt. Das Grün der Blätter erglühte. Der Schmutz auf der Bank erschien als Patina, die der Raststatt eine rührende Vergänglichkeit verlieh. Eine Amsel sang ihr Lied. Der hässliche Fleck wurde zur Oase, zu einem Ort der Hoffnung, zu einer Idylle mitten im urbanen Dickicht.

Das Ganze geschah innerhalb weniger Sekunden. Kaum länger, als ein Atemzug dauert. Unbemerkt, so wie meistens, wenn ein Wunder passiert. Denn ein Wunder war es, weil etwas völlig Neues begann.

Der Platz auf der Bank war nun nicht mehr leer. Ein Mädchen schlief darauf. Eher eine junge Frau, die soeben erwachte. Sie trug nur ein helles Kleid, das ihr kaum bis zu den Knien reichte. Wie ein Kind rollte sie sich noch einmal zusammen, um sich schützend in sich selbst zurückzuziehen, in den Traum, der soeben noch ihre Welt gewesen war. Zögernd setzte sie sich auf und sah sich um.

Das Unkraut, das zwischen den verwitterten Gehwegplatten spross, erzitterte leicht. Oder waren es ihre Füße, die sie unsicher auf den grauen Beton setzte? Klamm stand die Morgenkühle zwischen den borstigen Sträuchern und Bäumen. Das graue Stahlrohr unter ihr war kalt. Es fröstelte sie.

Behutsam erhob sie sich und lenkte ihre Schritte in Richtung Straße. Der erwachende Berufsverkehr floss an ihr vorbei.

Kreuz und quer begann sie, die Stadt zu erkunden, beobachtete, hörte, schaute und staunte. Alles war neu. Alles war fremd. Mit jedem weiteren Schritt wuchs ihre Neugier.

Wer waren all diese Menschen? Woher kamen sie? Wohin gingen sie? Was war ihr Ziel?

Die Welt um sie herum war unfassbar groß. Eine Fülle, die ihre Sinne überflutete. Die sie berauschte. So viel auf einmal. Was war Antwort? Was war Frage? Was war was? Die Frau geriet leicht ins Taumeln.

Da drängte sich etwas in ihr Bewusstsein, das klarer war als alle anderen Eindrücke. Erst leise und dann immer fordernder. Wie an einem Seil klammerte sie sich daran fest. Es lenkte sie in sich selbst hinein. Es stach und biss. Ein Schmerz in ihrer Mitte. Auch ihr restlicher Körper machte sich bemerkbar. Ihre Beine waren schwer, die Füße wund. Doch der Schmerz in ihrer Mitte überlagerte alle anderen Empfindungen.

In einer Fußgängerzone blieb sie stehen. Aus der geöffneten Ladeklappe eines Lieferwagens wehte ihr ein köstlicher Duft entgegen. Warm und lebendig hüllte er sie ein. Kiste um Kiste trug ein Mann ofenfrische Ware in einen Laden, während sie nur dastand und roch.

Der Schmerz brandete erneut in ihr auf. Wie ein Messer fuhr er ihr in die Eingeweide, sodass sie sich hilflos gegen die nächste Hauswand stützen musste.

Der Lieferant wandte sich erschrocken um. Er fühlte sich beobachtet. Hinter ihm stand eine junge Frau und starrte in seine Richtung. Ihr seltsames Verhalten weckte sein Misstrauen. Ein grobes Wort lag ihm auf der Zunge. Er hasste es, angebettelt zu werden. Wütend taxierte er sie, bereit, sie fortzujagen.

Da traf ihn ihr Blick und er erschrak erneut. Doch diesmal war es anders. Etwas Tröstendes ging von der Fremden aus. Ihr Gesicht erinnerte ihn an seine Schwester. Die gleichen grünen Augen. Das gleiche braune Haar, das offen über ihren schmalen Schultern lag. Sie hatte sogar die gleichen verspielten Sommersprossen über Nase und Oberlippe.

Natürlich war die Fremde nicht seine Schwester, das konnte ja auch gar nicht sein, denn seine Schwester war schon seit vielen Jahren tot. Gestorben, als sie fast noch ein Kind war. Und wenn man genauer hinsah, dann bemerkte man auch, dass die Haare dieser jungen Frau heller waren, die Augen etwas weniger grün, die Sommersprossen nicht so zahlreich. Aber nun war es zu spät. Seine Zuneigung war erwacht, die Besorgnis um ihr Wohlergehen konnte er nicht mehr rückgängig machen.

Er musterte das dünne Sommerkleid und die nackten Füße auf dem Straßenpflaster und schüttelte sogleich seinen Kopf. Wie eine Obdachlose sah sie nicht aus, dachte er erleichtert. Eher wie jemand, der eine durchfeierte Nacht hinter sich hatte und auf dem Weg in sein Bett war. Sicher hatte sie ihre Schuhe nur ausgezogen, weil sie sie beim Tanzen gestört hatten und sie dann vergessen. Allerdings trug sie auch keine Handtasche bei sich. Erneut schüttelte er den Kopf über so viel jugendlichen Leichtsinn. Das ersehnte Frühstück würde sie sich so nicht kaufen können.

»Hunger?«, fragte er.

Sie nickte.

»Geht aufs Haus«, sagte er und reichte ihr ein Brötchen.

Zaghaft nahm sie sein Geschenk entgegen, betrachtete es von allen Seiten, atmete tief den Duft ein und schlug ihre Zähne in die knusprige Kruste. Der Mann verfolgte, mit welcher Lust sie abbiss und wie die goldene Hülle zwischen ihren Zähnen splitterte.

In Sekundenschnelle hatte sie alles verschlungen, wischte sich zufrieden die letzten Krümel vom Stoff ihres Kleides und strahlte ihn an.

»Danke«, sagte sie und noch ehe er etwas erwidern konnte, war sie bereits weitergegangen.

Wie auf einem langsamen Fluss trieb sie voran. Schaute und staunte. Die Zeit zerrann. Immer besser gelang es ihr, sich die Dinge einzuteilen. Nicht ihr Schauen sollte sie lenken, sondern sie ihr Schauen. Vorausschauen. Planen. Der Hunger hatte sie eine wichtige Lektion gelehrt. Sie besaß einen Körper, dessen Bedürfnisse sie nicht übergehen konnte. Es galt nicht nur, die vielen offenen Fragen zu stillen, sondern auch einen vernünftigen Weg zu finden, um zu überleben.

Die Passanten, deren Weg sie kreuzte, schenkten ihr kaum Beachtung. In einer so großen Stadt wie dieser fiel der Anblick verlorener Seelen nicht weiter auf. Neugier und Anteilnahme waren die Ausnahme. Wie blind rannten die Leute an ihr vorbei zum Bus und zur Bahn. Die Gedanken fest verhaftet mit dem Unsichtbaren. Vielleicht wurden auch sie vom Schmerz gedrängt. Oder vielleicht durch etwas Wichtiges gelenkt? Vielleicht fehlten ihnen aber so wie ihr auch die Antworten auf die vielen Fragen, die das Gesehene aufwarf?

Schließlich mündete ihr erster Tag in den Abend.

Auf einer Brücke hinter dem Bahnhof sah sie hinunter auf die Schienen, ein verwirrendes Netz aus Gleisen und Weichen. So viele Wege, dachte sie. Ein wenig ratlos nahm sie auf den glatten Stufen einer Treppe Platz und streckte erschöpft die Beine von sich.

›Ich werde Schuhe brauchen‹, dachte sie und merkte dabei nicht, wie sie diese Worte tatsächlich vor sich hin flüsterte.

»Du siehst so aus, als seien Schuhe dein geringstes Problem.«

Die Stimme, die ihre Einsamkeit unterbrach, war rau. Aus dem Schatten eines Mauervorsprungs tauchte eine graue Gestalt auf, das Gesicht halb verborgen hinter einer Sonnenbrille. Die Sonnenbebrillte, eine Frau mittleren Alters, kam näher.

»Hat man denn nirgends mehr seine Ruhe?«, schimpfte sie und nahm ihre schwarzen Gläser vom Gesicht, um der jungen Frau einen wütenden Blick zuzuwerfen.

»Guck nicht so blöd!«, fuhr sie verärgert fort. »Das ist ganz alleine meine Sache, was ich hier mache. Und wenn ich springen will, dann springe ich halt.«

Sie stützte sie sich erschöpft auf das Brückengeländer.

»So geht das nicht«, murmelte sie. »Ich muss allein sein. So geht das einfach nicht.« Sie weinte.

Das Mädchen zu ihren Füßen schwieg.

»Hau endlich ab!« Erneut machte sie einen Schritt in Richtung der ungebetenen Zuschauerin, die nur dasaß und sie ansah. Voller Wut beugte sie sich über das junge Gesicht und erstarrte. Es war wie der Blick in einen Spiegel.

Dieses unschuldige Gesicht wiederzuerkennen, war ein Schock. Die braunen Augen, die schmale, etwas zu lange Nase, das blonde Haar, die ungleichmäßig geröteten Wangen.

Fassungslos taumelte sie zurück.

Natürlich war das Mädchen da zu ihren Füßen nicht sie selbst. Wie sollte das auch gehen? Und wenn man genauer hinsah, dann bemerkte man auch, dass die Augen nicht wirklich braun waren, die Nase kürzer war und das Haar dunkler. Aber nun war es zu spät. Wer immer auch diese Fremde sein mochte, nichts änderte sich daran, dass sie gerade eben sich selbst erblickt hatte, so wie sie früher einmal gewesen war. Eine Ausreißerin auf der Straße.

Konnte es einen solchen Zufall überhaupt geben? An Wunder glaubte sie schon lange nicht mehr. Aber ein bisschen wie ein Wunder war diese Begegnung, ausgerechnet jetzt, in diesem Moment. Und mehr noch. Ein Ausweg. Ihr Selbstmitleid verwandelte sich in Mitleid für das fremde Mädchen. Plötzlich war da ein Sinn, nach dem sie greifen konnte. Denn die junge Frau im hellen Kleid schwebte in Gefahr. Niemand wusste besser als sie, wie schnell man aus der Verzweiflung heraus in der Kriminalität, in der Prostitution und am Ende in einem ruinierten Leben stranden konnte. Niemand wusste das besser als sie und darum konnte auch niemand besser helfen.

»Haste dich verlaufen?« Ihre Worte klangen fast wie ein Vorwurf. Im Freundlichsein war sie völlig aus der Übung. Selbstlose Freundlichkeit war keine Währung, mit der man in ihrer Welt zahlen konnte. Um ihre gute Absicht zu betonen, versuchte sie sich an einem Lächeln.

Plötzlich fühlte sie sich nackt. Der Blick des fremden Mädchens durchdrang sie schonungslos. Doch sie hielt mit aller Kraft stand. Nun war sie sich sicher. Sie würde die Kleine retten. Das war sie sich selbst schuldig.

»Hab keine Angst.« Behutsam beugte sie sich der Ausreißerin entgegen. »Du kannst mit mir kommen. Dich ausruhen. Was essen.« Mit einer leichten Kopfdrehung deutete sie in Richtung Stadt.

»Übrigens, ich bin Maria«, sagte sie und hatte auf einmal das Gefühl, der Fremden mit ihrem Namen ihr Leben zu Füßen zu legen. So wie man einem Kind die Hand entgegenstreckt, hielt sie der Fremden die Hand entgegen. Ohne zu zögern, griff die Ausreißerin zu.

»Und wie heißt du?«, fragte Maria, während sie durch eine schmale Gasse liefen.

Es überraschte sie nicht, dass die Fremde schwieg. »Du musst es mir nicht sagen. Ist schon okay.«

Nur wenige Straßen weiter erreichten sie ein dichtbebautes Wohnviertel. Graffitibesprühte Hauswände, aber auch Blumenkästen an den Fenstern. Sie betraten ein Mehrfamilienhaus. Vor dem Gebäude befand sich ein Spielplatz. Ein Rosenbeet zierte den Eingangsbereich.

Marias Wohnung wirkte wie ein gut gehütetes Geheimnis. Sie war winzig, aber sehr gepflegt. Ein Ort, an dem man sich sofort geborgen fühlte.

In der Küche setzte Maria Wasser auf und deckte den Tisch.

»Setz dich«, bat sie ihren Gast. »Ich weiß ja nicht, was du so magst.«

Eine tiefe Zufriedenheit erfüllte sie – das fast vergessene Glück, etwas uneigennützig Gutes zu tun. Nachdem sie gegessen hatten, führte sie die Fremde in ihr Schlafzimmer zum Kleiderschrank.

Schnell fand sich ein passendes Outfit. Eine Jeans, ein T-Shirt, eine Strickjacke und ein paar flache Schuhe.

Noch immer hatte die junge Frau kaum gesprochen, hatte außer ›danke‹ so gut wie kein Wort hervorgebracht. Dafür sprach Maria umso mehr. Schon lange hatte ihr keiner mehr richtig zugehört. Und Zuhören, das konnte diese Fremde. In ihren Augen lag etwas, das ihr nahezu grenzenlos Trost schenkte.

Inzwischen war es Nacht geworden und Maria deutete auf die Couch. »Du kannst hier übernachten«, sagte sie und bereitete ihrem Gast mit einem Kissen und einer Decke ein Bett.

»Ich war auch mal in so einer Situation wie du. Wäre froh gewesen, wenn mir jemand geholfen hätte.« Seufzend nahm Maria neben dem fremden Mädchen Platz. »Ich bin von zu Hause weg, weil ich mit dem neuen Freund meiner Mutter nicht klarkam.«

Plötzlich war alles wieder da. Die Wut, die Angst, die Verzweiflung, die Scham. Ihre Hände zitterten, Tränen schossen ihr in die Augen. Maria nahm ihre ganze Kraft zusammen. Es war ein Kampf gegen sich selbst. Ein letztes Aufbäumen gegen die Flut lang angestauter Erinnerungen, aufgewühlt durch den Anblick der Fremden. Ein Wirbel in ihrem Innern, ein Tosen, ein Sturm. So sehr sie sich auch wehrte, jetzt brach der Damm.

»Ich war vierzehn, als er mich das erste Mal angefasst hat.«

Abwartend, fast unbeteiligt, sah die Fremde sie an. Ihre Zurückhaltung verlieh Maria Sicherheit. Vor ihr musste sie sich nicht beherrschen und so sank sie schluchzend in sich zusammen. Minutenlang heulte sie hemmungslos, den Kopf im Schoß der Fremden, die ihr mit mechanischen Gesten übers Haar strich. Zwischen ihr und ihrem Gast war nichts, das sie trennte. Marias Vertrauen war grenzenlos. Wie von alleine flossen ihr die Worte von den Lippen.

»Meine Eltern haben sich früh scheiden lassen. Meinen Vater kenne ich gar nicht. Viele Jahre haben meine Mutter und ich alleine gelebt. Doch dann tauchte dieser neue Kerl in Mamas Leben auf. Ich konnte ihn von Anfang an nicht ausstehen. Ständig hat er sich eingemischt. Hat geglaubt, er könne mir Vorschriften machen. Okay, vielleicht habe ich es meiner Mutter nicht immer leicht gemacht. In der Schule lief es nicht so rund. Ich hatte auch ein paar schräge Freunde. Aber ist das nicht normal, wenn man dreizehn ist? Irgendwann fiel mir auf, dass er immer dann besonders streng zu mir wurde, wenn Mama in der Nähe war. So als wolle er sich ihr gegenüber stark zeigen. Doch sobald ich mit ihm alleine war, wurde er ganz sanft und nachsichtig. Und irgendwann rückte er mir dabei sogar richtig auf die Pelle. Anfangs hielt ich das für Zufall. Aber mit der Zeit gab es keine Zweifel mehr. Der Typ baggerte mich an, sobald meine Mutter nicht in der Nähe war.«

Maria richtete sich auf und schnaubte empört auf. Dann warf sie ihre Haare in den Nacken und wurde wieder zu dem aufbegehrenden Mädchen von damals.

»Schließlich nahm ich allen Mut zusammen und erzählte meiner Mutter davon. Aber die flippte völlig aus. Sie hielt meine Geschichte für eine Lüge, einen pubertären Trick, um ihren Freund zu vergraulen. Von da an wurde alles nur noch schlimmer. Zwischen meiner Mutter und mir herrschte Eiszeit. Zwar hatte ich das Gefühl, dass sie uns ab und an beobachtete, aber ihr Macker war nicht so dumm gewesen, sich mir zu nähern, solange sie in der Nähe war. Also hielt sie ihn weiter für unschuldig. Dafür hatte sie jetzt ständig etwas an mir auszusetzen. Nichts konnte ich ihr mehr recht machen. Und dieser Kerl war clever genug, das für sich auszunutzen. Wenn Mama mal besonders in Fahrt kam und mit mir schimpfte, dann sprang er auf einmal für mich ein. Tat so, als wäre er der verständnisvolle Erwachsene. Ein, zwei Mal haben sie sich sogar wegen mir gezofft. Das führte dazu, dass meine Mutter noch wütender auf mich wurde. Für sie war klar, dass ich versuchte, einen Keil zwischen ihr und ihn zu treiben. Ich war völlig allein. Mama wollte mir einfach nicht glauben. Was hätte ich denn tun sollen?«

Maria zögerte kurz, straffte ihren Rücken und fuhr fort:

»Ich konnte doch nicht zulassen, dass er alles kaputt macht. Ich hatte doch nur noch meine Mutter. Sie war meine Familie. Und er war dabei, sie mir wegzunehmen. Dagegen musste ich etwas tun. Um ihn zu entlarven, wollte ich ihn vor ihren Augen bloßstellen. Wenn sie sah, wie weit er ging, dachte ich, dann würde sie endlich begreifen, was für ein Mistkerl er war.

Ich beschloss, mein Vorhaben an einem Freitag umzusetzen. Denn jeden Freitag war Mama beim Chor. Ihr einziges echtes Hobby. Solange ich denken kann, ging sie zu diesen Treffen, um zu singen. Sogar als ich noch ganz klein war und wir alleine lebten, hielt sie daran fest. Anfangs bat sie noch eine Nachbarin, auf mich aufzupassen. Später, als ich groß genug war, blieb ich eben allein. Pünktlich um acht verschwand sie und kam stets um elf zurück.

Als ihr Freund bei uns einzog, war er natürlich nicht so begeistert davon, jeden Freitagabend allein dazusitzen. Doch Mama ignorierte seine Nörgelei. Der Chor war ihr heilig, und das sagte sie ihm auch. Nichts konnte sie davon abhalten, sich im Gemeindehaus mit anderen Frauen zu treffen, um dort alte Schlager und Gospels zu trällern. Diese drei Stunden am Freitag gehörten ganz allein ihr. Für mich bedeutete dies, dass ich mich an den Freitagabenden in meinem Zimmer verkroch, um ihm nicht über den Weg zu laufen.

Mein Plan sah vor, dass ich ihn dazu bringen wollte, mich vor den Augen meiner Mutter zu begrabschen. Das würde ihr sicher die Augen öffnen.

Anfangs lief alles so, wie ich es mir ausgemalt hatte. Mama ging pünktlich los, der Idiot hockte sich ins Wohnzimmer vor seinen Laptop. Ich wartete bis kurz nach zehn in meinem Zimmer, dann schritt ich zur Tat. In der Küche holte ich Bier aus dem Kühlschrank und nahm, um mir Mut einzuflößen, ein paar tiefe Züge. Alkohol war ich damals noch nicht gewohnt. Das Bier stieg mir sofort in den Kopf. Ich fühlte mich leicht und mutig. Mit der angebrochenen Flasche in der einen und einer neuen Flasche in der anderen Hand ging ich ins Wohnzimmer.«

Noch einmal unterbrach Maria ihre Worte und holte tief Luft, um auch die letzte Hürde zu nehmen. Nun gab es kein Zurück mehr, sich daran zu erinnern und davon zu erzählen war eins. Widerstandslos flossen ihr die Worte aus dem Mund. Die Erinnerung war so lebendig geworden, dass sie sich von nun an ganz allein vorwärts bewegte. Unaufhaltsam. Wie ein Film lief alles vor ihrem inneren Auge ab:

»Zehn Uhr zwanzig.

Er saß auf der Couch und spielte Computer. ›Was machst du?‹, fragte ich. Und: ›Willst du es mir zeigen?‹

Sofort rückte er zur Seite, um mich besser sehen zu lassen. Er klickte im Bild herum und faselte was von Punkten und Highscore. Ich nickte, obwohl ich vor Aufregung kein Wort verstand. Mein Herz schlug so laut, ich hörte kaum etwas anderes.

Ich gab ihm die volle Flasche und betete darum, er würde mich nicht durchschauen und wegschicken. Doch er schüttelte nur kurz sein ungläubiges Gesicht und musterte mich grinsend. Sein Blick klebte auf mir, es war eklig. Die Zeiger auf der Wohnzimmeruhr riefen mir Mut zu.

Zehn Uhr fünfundzwanzig.

Noch fünfunddreißig Minuten. Solange musste ich noch durchhalten.

›Darf ich mich zu dir setzen?‹, fragte ich. Ich spürte, wie ich rot wurde, und hoffte, er würde es nicht merken.

Kaum saß ich neben ihm, ging es los.

›Du bist eine schöne Frau‹, sagte er und hauchte dabei gegen meinen Hals. Seine Finger folgten dem biergetränkten Atem und wanderten von meinen Schultern die Arme hinunter.

Inzwischen war ich völlig erstarrt. Ich versuchte zu lächeln, damit er nicht misstrauisch wurde. Ich trank einen tiefen Schluck aus der Flasche und gab mich lässig. Die Zeiger auf der Uhr bewegten sich kaum. Zehn Uhr dreißig.

›Du bist so schön‹, wiederholte er. ›So schön.‹ Inzwischen lag seine Hand auf meinem Oberschenkel. Er rückte immer näher. Schnell hob ich die Flasche an den Mund und trank. Ein kläglicher Versuch, irgendetwas zwischen mich und ihn zu bringen. Eine Ablenkung, eine Geste, eine weitere Verzögerung.

Zehn Uhr zweiunddreißig.

Noch achtundzwanzig Minuten, dachte ich und ertappte mich das erste Mal bei dem Gedanken, ich könnte die Situation vielleicht doch nicht wirklich unter Kontrolle haben. Aber mein Kopf war leer, mir fehlten weitere Ideen, um Zeit zu schinden.

›Warum so schüchtern?‹, sagte er. Seine widerlichen Hände waren nun überall, sie nestelten an meiner Kleidung herum, sie suchten nach einem Weg, um den Stoff loszuwerden. Wie gelähmt saß ich da. Alles, woran ich dachte, war: Nur nicht weglaufen. Durchhalten.

Zehn Uhr vierzig.

Als seine Hand meine Brust berührte, hielt ich es nicht länger aus. Ich sprang auf. Ein Reflex. Aber auch ein Rückzug.

›Nein‹, rief ich. Nein zu ihm, nein zu mir, zu meinem Plan, der gescheitert war. Längst gescheitert. Es war zu spät. Nein! Ich hatte keine Chance.

Seine Hände waren wie Schraubstöcke. Er hielt mich fest und zwang mich zurück auf die Couch. Er drückte mich so tief in das weiche Polster, so tief, dass ich kaum Luft bekam.

Ich wollte wissen, wie spät es war. Aber die Uhr war außer Sicht geraten. Jeder meiner Versuche, mich nach oben zu kämpfen, spornte ihn an, noch schneller zu werden. Nichts passte mehr zusammen. Die Zeit war zum Stillstand gekommen, jede Sekunde eine Ewigkeit, während das Unsagbare immer schneller, hastiger, gieriger über mich hereinbrach.

Es hätte doch nun endlich soweit sein müssen, dass meine Mutter nach Hause kam. Jeden Moment hätte das Geräusch der Wohnungstür zu hören sein sollen.

›Wenn du willst, hole ich uns noch ein Bier‹, bettelte ich. Mein letzter Versuch zu entkommen. Er durchschaute ihn sofort.

›Halt endlich dein Maul‹, zischte er und schlug mir ins Gesicht.

Ich war so schockiert, dass ich noch nicht einmal den Schmerz spürte.

Und dann ging alles ganz schnell. Ein Ruck und er riss mir die Hose von den Beinen. Ein Ruck, der Moment, in dem er in mich drang. Ein Ruck, mit dem er mich von sich warf wie eine Sache, die er nicht mehr brauchte.

In dem Maße, in dem ich wieder zu mir kam, verwandelte sich mein Körper in Schmerz. Ich sah, wie er sich die Hose wieder anzog, als sei nichts passiert. So beiläufig, als käme er gerade von der Toilette.

›Zieh dich an, Schlampe.‹ Er grinste mich an. In Zeitlupe raffte ich mich auf. Endlich fiel mein Blick auf die Uhr an der Wand.

Elf Uhr zwanzig.

›Oh, wartet die Kleine auf ihre Mama?‹, spottete er und beugte sich noch einmal über mich. ›Hast wohl nicht gewusst, dass sie heute später heimkommt? Geburtstagsfeier. Wolltest mich also reinlegen? Aber dir hab ich’s gezeigt.‹ Lachend verließ er den Raum und ich blieb allein zurück.«

Endlich hatte Maria alles erzählt. Nun durfte sie wieder schweigen. Erleichtert schweigen. Eine Schweigeminute für ihre verlorene Kindheit.

Als sie wieder zu sprechen begann, hatte sie sich gefasst. »Ich habe mich so sehr geschämt. Ich dachte, das alles sei meine Schuld. Wenn ich nicht so dumm gewesen wäre, wäre an diesem Abend nichts passiert.«

Sie seufzte und stand auf.

»Noch nie habe ich mit jemandem darüber gesprochen. Immer habe ich geschwiegen. Ich traute mich nicht, meiner Mutter etwas zu sagen, und tat so, als wäre alles wie immer. Doch dabei fühlte ich mich noch schuldiger. Wie eine Lügnerin kam ich mir vor.

Die Stimmung zu Hause wurde immer schlechter. Mutter merkte, dass etwas nicht stimmte, und schimpfte nun noch mehr mit mir. Und ihren Kerl, den konnte ich einfach keine Sekunde länger in meiner Nähe ertragen. Also bin ich abgehauen. Hab mich irgendwie durchgeschlagen. Hab einiges gemacht, auf das ich nicht sehr stolz bin.«

Maria lächelte.

»Weißt du, wie schwer es ist, sich selbst zu verzeihen? Jetzt begreife ich, dass mir etwas passiert ist, wofür ich nichts kann. Vielen Menschen passieren schlimme Dinge. Ich bin absolut nicht allein. Aber man kann damit leben. Der erste Schritt ist, zu akzeptieren, dass das passiert ist, was passiert ist. Eine Wunde heilt nicht, indem man sie ignoriert. Es ist okay, wenn man Hilfe annimmt. Es ist wichtig, seinen Schmerz mitzuteilen. Schweigen ist wie Weglaufen und Weglaufen bringt nichts. Du kannst nicht vor dir selbst weglaufen oder vor dem, was dir passiert ist. Alles, was dir passiert ist, ist von da an ein Teil von dir.«

Maria nickte ihrer Zuhörerin zufrieden zu.

»Wir sollten uns jetzt gute Nacht sagen. Morgen sehen wir weiter. Und natürlich kannst du vorerst hierbleiben.« Sie klopfte auf die Sitzfläche. »Die Couch ist sehr bequem. Du wirst schon sehen.«

Sie wandte sich zur Tür, drehte sich dann aber noch einmal um.

»Wie soll ich dich nennen? Magst du mir nicht doch deinen Namen verraten?«

»Ja schon, aber …« Die junge Frau sah ratlos zu ihr auf. »Ich weiß ihn nicht.«

»Du weißt deinen Namen nicht mehr?« Nur mühsam konnte Maria ihr Entsetzen zügeln.

»Ich weiß ihn einfach nicht«, erklärte die Fremde völlig ruhig.

»Ach Gott, Kind.« Maria nahm wieder neben ihrem Gast Platz. Am liebsten hätte sie die Besucherin umarmt, doch sie hielt sich zurück. »Da lasse ich meinen ganzen Ballast bei dir ab und du, du hast deinen eigenen Kummer.«

»Kummer? Ich bin nicht traurig.«

»Du bist so tapfer, Schätzchen.« Aufmunternd tätschelte Maria ihre Hand. »Alles wird gut. Du wirst schon sehen. Wir finden eine Lösung.« Das ›Wir‹ machte Maria plötzlich stark.

»Angelica«, sagte sie einer plötzlichen Eingebung folgend. »Diesen Namen mochte ich schon immer. Wenn ich dich vorerst so nennen würde, wäre das okay für dich?«

»Angelica.« Die Fremde zögerte erst, dann wiederholte sie den Namen Silbe um Silbe. Der weiche Klang schmiegte sich um sie wie der zarte Stoff eines neuen Kleides. »Angelica«, wiederholte sie, strahlte und nickte.

»Na dann, ist ja alles gut.« Nun erhob Maria sich endgültig, schüttelte ihrem Gast noch einmal die Kissen auf und strich das Laken glatt.

»Gute Nacht, Angelica.«

3

Maria fühlte sich wie neu geboren. Für jemanden verantwortlich zu sein, jemanden bei sich zu haben, der ihr zuhörte und sie respektierte, jemandem Zuneigung zu schenken, all das brachte sie Schritt für Schritt ins Leben zurück. Zwar war Angelica kein Kind mehr, aber in ihrer abwartenden Haltung lag etwas, das Maria anspornte, sie mit der Welt vertraut zu machen.

Noch nie hatte ihr eine andere Person mit solcher Intensität zugehört wie Angelica. Alles, was Maria ihr erzählte, saugte Angelica auf, als höre sie es zum ersten Mal. Sie war wie ein Schwamm, der keinen einzigen ihr einmal gegebenen Tropfen verlor.

Natürlich wunderte sich Maria mehr als einmal über Angelicas Unwissenheit. Im Stillen fragte sie sich, was dem armen Mädchen zugestoßen war, was sie so aus der Bahn geworfen hatte. Angelicas Hilflosigkeit weckte Marias Stärke. Gebraucht zu werden, verlieh ihrem Leben wieder Sinn.

So baute sie ihrem Gast einen neuen Alltag auf. Zeigte ihr, wie man sich etwas zu essen kochte, wo und was man einkaufte und wie man Wäsche wusch. Sie kleidete Angelica ein und verwöhnte sie mit ihren Lieblingsrezepten.

Angelica lernte schnell. Nach nur wenigen Tagen ging sie ihrer Gastgeberin bereits in allen Dingen geschickt zur Hand und in Marias Eifer mischte sich mütterlicher Stolz. Obwohl sie und Angelica auf engem Raum zusammenlebten, kam es Maria so vor, als wäre ihre kleine Wohnung heller und auch größer geworden. Und obwohl die Tage auf einmal im Fluge vergingen, waren sie ereignisreicher und voller denn je.

Abends überließ es Maria dem Fernseher, Angelica die Welt zu erklären. Während sie strickend auf der Couch neben ihrem Gast entspannte und das TV-Programm wie ein plätschernder Bach an ihnen vorüber rauschte, beobachtete sie amüsiert, mit welcher Faszination die junge Frau den bunten Bildern folgte. Als eines Abends eine Quizshow angekündigt wurde, mischte sie sich ein.

»Pass mal auf, hier kannst du jede Menge bei lernen.« Eifrig griff sie zur Fernbedienung und erhöhte die Lautstärke.

Moderator und Kandidat saßen sich im Kreuzverhör auf hohen Stühlen gegenüber, der eine akkurat im Anzug und allwissend lächelnd, der andere leger in Jeans und Shirt, seine Nervosität nur ungeschickt kaschierend. Soeben hatte er sich für das Themengebiet Geografie entschieden und der TV-Profi begann sofort, Fragen auf ihn abzufeuern. Dem Kandidaten blieben nur wenige Sekunden für jede Antwort. Jede richtige Antwort beförderte ihn auf eine höhere Gewinnstufe, jedes Versagen warf ihn gnadenlos zurück. Ein schnelles Wort-Ping-Pong aus Hauptstädten und Ländernamen.

»Frankreich?«

»Paris.«

»Ungarn?«

»Budapest.«

»Norwegen?«

»Oslo.«

Auch Maria riet mit, erfreut über jede Antwort, die sie schneller abgeben konnte als der sichtlich durch Lampenfieber gepeinigte Kandidat.

»Rumänien?«

»Bukarest.«

»Spanien?«

»Madrid.«

»Ägypten?«

»Kairo.«

»Kanada?«

»Toronto«, rief Maria euphorisch, als säße sie selbst im Studio.

»Ottawa«, berichtigte Angelica sie sanft. Der Kandidat zögerte und schwieg. »Ottawa«, bestätigte der Moderator.

»Japan?«

»Tokio.«

»Malaysia?«

»Kuala Lumpur.«

»Australien?«

Wieder zögerte der Kandidat. »Sydney«, dachte Maria und sah zu Angelica. »Canberra«, antwortete diese. »Canberra«, bestätigte der Moderator.

»Montenegro?«

»Podgorica.«

»Burkino Faso?«

»Ouagadougou«.

Während der Kandidat die letzten Antworten schwitzend verschwieg, gab Angelica ganz entspannt Auskunft. Maria musterte sie irritiert von der Seite. Indessen ging das Rateduell weiter. Dank eines Jokers durfte der Kandidat nun doch in die nächste Runde. Diesmal ging es um Geschichte. Historische Ereignisse wurden eingeblendet, denen der Kandidat im Multiple-Choice-Verfahren Jahreszahlen zuordnen sollte.

»Oje«, Maria winkte ab. »Das ist nix für mich. Zu schwer.« Der Kandidat hingegen schlug sich wacker.

»Die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus?«, forderte der Moderator.

»1492«, konterte der Mann wie aus der Pistole geschossen.

»Beginn der Französischen Revolution?«

»1789«, antworten Kandidat und Angelica synchron.

»Kennedys Ermordung?«

»22. November 1963.« Diesmal war Angelica schneller.

»Sag mal«, Maria, die zwischen der Entdeckung Amerikas und dem Ausbruch der französischen Revolution längst das Strickzeug zur Seite gelegt hatte, ließ den TV-Ton mit einem Klick der Fernbedienung verstummen, »du hast keine Ahnung wie ein Erdbeereis schmeckt, aber wann Kennedy ermordet wurde, weißt du ganz genau.«

»Er starb mittags um 12 Uhr 32.«

»Findest du das nicht unheimlich? Woher weißt du das so genau?«

»Keine Ahnung. Ich weiß nicht, was ich weiß. Die Antwort ist auf einmal einfach da.«

Marias Gastfreundschaft kühlte schlagartig ab. Nichts über Angelica zu wissen, war kein Problem gewesen, als sie diese bei sich aufgenommen hatte. Angelica war für sie ein unbeschriebenes Blatt gewesen, auf das sie ihr eigenes Bild einer verfolgten Unschuld projiziert hatte. Doch plötzlich begann sie, ihre eigene Gutmütigkeit in Frage zu stellen. Nichts von einer Person zu wissen, bedeutete in der Regel nicht, dass es nichts zu wissen gab. Im Gegenteil. Und je weniger man wusste, desto mehr war möglich. Bis zu diesem Tag hatte Angelica keinen einzigen Versuch unternommen, sich Maria zu erklären. Bis zu diesem Moment war Maria davon ausgegangen, dass Angelica nichts erzählte, weil sie schlicht nichts wusste. Weil sie ein Opfer schlimmer Umstände war, das ihre Hilfe brauchte. Doch genau dieses Bild hatte soeben einen empfindlichen Riss bekommen. Gab sie vielleicht nur nichts von sich preis, weil sie etwas zu verbergen hatte? Maria fügte dem unbeschriebenen Blatt einige hoch beunruhigende Fragen hinzu. Nichts über ihren Gast zu wissen, barg auch ein Risiko.

»Vielleicht ist das ein Hinweis auf dein früheres Leben?«

»Du meinst, zu wissen, wann Kennedy starb, hilft mir herauszufinden, wer ich bin?«

»Falls du herausfindest, warum du es weißt.«

Angelica zuckte müde mit den Schultern.

»Vielleicht sollten wir etwas unternehmen, um deine Identität zu klären.« Maria setzte sich auf. »Wir könnten zur Polizei gehen.«

»Nein!«

Die Heftigkeit, mit der Angelica reagierte, überraschte Maria. Sie fühlte sich in ihren Bedenken bestätigt.

»In Ordnung.«

Sie holte tief Luft und griff schließlich nach ihrer Handarbeit. Die Stricknadeln klapperten zwischen ihren Fingern, während sie mit jedem Faden, den sie in die nächste Masche schob, einen weiteren Gedanken sortierte. Sie wollte und brauchte keinen Ärger. Daher wurde es Zeit, sich von ihrem Gast zu verabschieden. Je länger sie Angelica beherbergte, desto größer wurde das Risiko, in ihre Probleme verstrickt zu werden. Dennoch war sie ihr zu großem Dank verpflichtet. Die Fremde hatte sie gerettet. Ja, wenn sie Angelica fortschickte, dann nur, indem sie dabei ihre Schuld beglich.

Plötzlich hatte sie eine Idee. Die Lösung lag auf der Hand und erschien Maria ebenso patent wie ihr Strickmuster.

»Sehen wir das Ganze als positives Zeichen. Dein Gedächtnis kehrt zurück. Vielleicht findest du am ehesten zurück in dein Leben, wenn du anfängst, auf eigenen Füßen zu stehen.«

Angelica nickte.

»Ich kenne jemanden, bei dem du arbeiten könntest. Ist zwar nur ein Putzjob, aber dafür werden keine Fragen gestellt. Das wäre ein guter Anfang, oder?«

Zufrieden ließ Maria den stillgelegten Ton ihres Fernsehers wiederaufleben.

»Wenn du einverstanden bist, gehen wir morgen gleich mal hin.«

4

So richtig recht war Boško dieser Neuzugang nicht. Er musste vorsichtig sein. Mitarbeiter, die keine gültigen Papiere besaßen, verschafften ihm zwar eine ganz ordentliche Gewinnspanne, aber sie einzustellen, war riskant. Die Steuerfahndung saß ihm quasi ständig im Nacken. Vertrauen war eine Investition, die er sich genauso wenig leistete wie Mitleid. In erster Linie war er Geschäftsmann und kein Wohltätigkeitsheini. Emotionalitäten lagen ihm nicht. Boško genoss den Ruf, ein harter Hund zu sein, und unternahm alles, um diesem auch gerecht zu werden. Nun war er Maria allerdings noch etwas schuldig und in diesem Sinne war das zwischen ihm und ihr geschäftlich.

Boško knirschte mit den Zähnen, während er die junge Frau musterte, die Maria in seinem Büro abgesetzt hatte und der er nun einen Job in seiner Putzkolonne überlassen sollte. Allerdings währte sein Misstrauen nicht lange. Vielleicht lag es daran, dass die Neue eine so verblüffende Ähnlichkeit mit Tara besaß. Sie hätte ihre Tochter sein können. Die gleichen grünen Augen, die für eine so zierliche Frau sehr große Nase, derselbe Rotstich im blonden Haar. Die Erinnerung an Tara, die ihm vor einundzwanzig Jahren das Herz gebrochen hatte, und seine Vorstellung von ihrer Tochter, die er nie gesehen hatte, ließen seine Knie weich werden.

Boško musste sich setzen. Natürlich war sie nicht die Tochter seiner großen Liebe, die eigentlich seine hätte werden sollen. Taras halbverwaiste Tochter, das wusste er aus sicherer Quelle, studierte Architektur in Serbien, in Niš, um genau zu sein. Ganz sicher war sie nicht auf billige Putzjobs angewiesen. Davor bewahrte sie das Geld ihres Vaters, dieses neureichen Opportunisten Peta, den Tara ihm einst vorgezogen hatte und der seiner Tochter nach dem frühen Krebstod seiner Frau jeden nur erdenklichen Wunsch von den Augen ablas.

Eine Sekunde lang barg Boško das Gesicht in seinen Händen und atmete tief durch.

Die junge Frau wartete geduldig darauf, dass er sie wieder ansah. Natürlich war sie nicht Taras Tochter. Er war nur übermüdet und seine Sinne hatten ihm einen Streich gespielt. Wenn man aufmerksam hinschaute, dann fiel einem auch sofort auf, wie gering die Ähnlichkeit tatsächlich war.

Aber da war es schon zu spät. Er war bereits von ihrem Äußeren eingenommen. Außerdem besaß sie den typischen Zungenschlag seiner Heimat.

»Sag mal, von wo aus Serbien kommst du eigentlich? Du klingst so, als kämst du direkt aus der Gegend von Niš.« Die junge Frau schlug verlegen die Augen nieder und sofort bereute er seine Frage. Er wusste doch, dass diejenigen, die sich bei ihm ohne nennenswerte Referenzen bewarben, meistens ihre kleinen Geheimnisse mitbrachten.

»Sei es drum, Kleines«, sagte er ungewohnt väterlich. Und weil ihn die junge Frau so unendlich rührte, fügte er noch ein ihn selbst überraschendes »Aber wenn du mal in der Klemme bist, kannste gerne zu mir kommen« hinzu.

Eine der erfahrensten Kräfte in Boškos Team war die Albanerin Aferdita. Boško rief sie zu sich und wies sie an, Angelica unter ihre Fittiche zu nehmen. Mit ihrer robusten Art war Aferdita für jeden Neuling eine echte Bewährungsprobe. Wer sich von ihr nicht abschütteln ließ, das wusste Boško, war auch den übrigen Zumutungen des Jobs gewachsen. Der perfekte Weg, um Angelica möglichst nahtlos in sein Putz-Team zu integrieren.

Seit drei Jahren lebte Aferdita in Deutschland und fast auf den Tag genauso lange arbeitete sie für Boško. Drei Jahre, in denen ihre schroffe Art wie eine Austernschale gewachsen war, um sich vor der Außenwelt zu schützen. Die regelmäßigen Vorurteile der Deutschen prallten inzwischen fast spurlos von ihr ab. Sie machte sich kaum noch etwas daraus, wenn man ihr mit schlecht versteckter Verachtung oder Hass begegnete.

Sie nahm den Auftrag ihres Chefs entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken. Zwei ungeübte Hände an ihrer Seite, auf die sie auch noch achten sollte, waren eine Belastung, auf die sie gern verzichtet hätte. Aber sie war zu müde, um sich darüber aufzuregen.

Aferdita nickte nur und verließ wortlos Boškos Büro. Vor der Tür wartete bereits die Neue. Aferdita schenkte ihr kaum Beachtung. In den letzten Jahren hatte sie schon so viele Gesichter kommen und gehen sehen, dass sie ihre Reserven für Neugier und Anteilnahme restlos aufgebraucht hatte.

»Los, komm mit!«, befahl sie in ihrem hart klingenden Deutsch.

Sie stiegen in den grauen Firmen-Transporter, der draußen im Hof wartete, und ließen sich mit fünf anderen Boško-Leuten in die Innenstadt bringen. Vor einem Bürokomplex mit schicker Glasfront wurden sie abgesetzt. Hier war die Versicherung untergebracht, deren Räume Boškos Firma regelmäßig reinigte. Zehn Etagen, das waren hundertsechs Räume mit insgesamt zweihundertzwei Schreibtischen, zweihundertzwanzig Mülleimern, acht Teeküchen, neun Waschräumen und vierzig Toiletten. Viel Dreck für wenig Zeit. Aferdita und ihre Kollegen kämpften jeden Tag gegen die Uhr. Ein Kampf, den man auf Dauer nur überlebte, wenn man nicht versuchte, ihn zu gewinnen.

»Sei so schnell du kannst, aber nur so gründlich wie du musst«, sagte Aferdita. »Ansonsten schau einfach, was ich mache, und mach es nach.«

In der ersten Stunde folgte ihr Angelica auf Schritt und Tritt und beobachtete jeden ihrer Handgriffe. In der zweiten Stunde arbeitete sie bereits völlig autark. War etwas neu, kam sie kurz, fragte und arbeitete weiter. In der dritten Stunde war es Aferdita, die die Neue beobachtete. Angelica arbeitete so effizient, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht. Dabei wirkte sie völlig entspannt und zufrieden. Manchmal lächelte sie Aferdita zu, aber ansonsten war sie still.

Gegen Ende ihrer Schicht bemerkte die Albanerin, dass sie ihre Handschuhe verlegt hatte. Angelica reichte ihr ungefragt das eigene Paar.

»Danke, falemnderit«, rutschte es Aferdita heraus.

»Ju lutem«, antwortete Angelica auf Albanisch mit der gleichen Selbstverständlichkeit. Aferdita stutzte und sah die Neue das erste Mal richtig an. Einen Augenblick lang wunderte sie sich darüber, wie sehr die Fremde ihrer Freundin Elvana ähnelte, die vor über zwanzig Jahren bei einem Autounfall gestorben war. Seit Jahren hatte sie nicht mehr an Elvana gedacht und darüber fast vergessen, wie stark sie ihre Freundin noch immer vermisste.

Am darauffolgenden Tag war es Aferdita, die darum bat, in die gleiche Schicht mit Angelica eingeteilt zu werden. Nach drei Jahren gab es endlich jemanden, von dem sie sich verstanden fühlte. Nicht nur weil sie in Gegenwart der jungen Frau ihr sperriges Deutsch ablegen konnte, mit dem sie sich selbst so sehr im Weg stand, auch war Aferdita sich sicher, noch nie eine so angenehme Kollegin gehabt zu haben. Kein überflüssiges Geschwätz, keine lästigen Fragen, nur freundliche Aufmerksamkeit und …, Aferdita musste tatsächlich überlegen, um den passenden Begriff zu finden: Respekt. Angelica zeigte Interesse, ohne aufdringlich zu sein. Sie war offen, ohne zu urteilen. Sie behandelte Aferdita mit Respekt. Etwas, was die Albanerin schon lange nicht mehr erfahren hatte.

Während sie Seite an Seite die Arbeitsflächen einer Großküche schrubbten, das Küchenpersonal würde erst in Stunden eintreffen, um seinen Kantinendienst aufzunehmen, begann Aferdita auf einmal zu erzählen.

»Hast du Kinder?«, fragte sie.

Angelica verneinte.

»Ich habe zwei, eine Tochter und einen Sohn.« Sie zog ein verknittertes Foto aus ihrem Portemonnaie und reichte es ihr.

Angelica betrachtete die beiden kleinen Menschen: Ein etwa dreijähriger Junge auf einer Couch, der voller Stolz in die Kamera strahlte, und ein Baby auf seinem Schoß, um das er zärtlich seine Arme gelegt hatte.

»Seit drei Jahren habe ich sie nicht mehr gesehen«, fuhr Aferdita fort. Sie ließ sich einfach auf den Boden gleiten, lehnte sich gegen einen Schrank und streckte die Beine von sich. Angelica setzte sich neben sie und gab ihr das Bild zurück. Ab diesem Moment war Aferdita nicht mehr zu bremsen. Die Worte strömten aus ihrem Mund, als hätten sie sich seit Jahren dort angestaut.

»Als mein Mann gestorben ist, war Tia gerade ein halbes Jahr alt. Schon vorher war es schwer für uns. Aber ohne ihn …, wie sollte ich da unsere Familie ernähren? Ich komme übrigens aus Grila, aus der Nähe vom Shko­drasee. Es ist schön da, aber leider gibt es dort keine Arbeit. Also keine, mit der man genug verdient.

Ich wollte nicht weggehen. Aber dann hätten meine Kinder in Armut leben müssen. Also habe ich meine Kleinen bei meiner Mutter gelassen und bin nach Tirana gegangen. Habe alles an Arbeit gemacht, was ich bekommen konnte. Meistens habe ich geputzt, so wie hier. Aber dabei verdient man nicht genug, um allein eine Familie durchzubringen. Nicht in Albanien. Also sagte ich mir: Wenn ich schon weggehe, dann wenigstens richtig weg, dorthin, wo es wirklich besser ist. So kam ich hierher, nach Deutschland.

Meine Kleinen können bei meiner Mutter in Ruhe aufwachsen, während ich hier arbeite. Ich wüsste auch nicht, wie ich sie hier in Frankfurt unterbringen sollte. Ich wohne bei Bekannten, habe dort nur ein Zimmer. In Grila, da haben sie es besser. Alles, was ich verdiene, schicke ich zu ihnen. Für Albanien ist das genug, um gut zu leben. Dafür arbeite ich gern hart. Es macht mich stolz, dass ich für sie sorgen kann. Ich spare sogar für sie. Meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich. Sie sollen eine gute Ausbildung bekommen, dann können sie auch in Albanien einen Job finden, der zum Leben reicht. Oder sie kommen nach Deutschland und studieren. Ganz offiziell. Nicht so wie ich. Niemand darf wissen, dass meine Papiere falsch sind. Wenn man mich abschiebt, wäre das mein Tod. Nein, schlimmer, es wäre auch für meine Kinder das Ende. Dann hätten sie keine Zukunft mehr. Ich bin doch die Einzige, die für sie sorgt.« Noch immer hielt Aferdita das Foto in der Hand. Mit ihren Fingerspitzen fuhr sie zärtlich über die kleinen Köpfe. »Sie fehlen mir mehr, als ich sagen kann. Meine Kinder sind mein Leben. Nur für sie mache ich das alles.«

Obwohl Angelica keinen einzigen Ton von sich gegeben hatte, fühlte sich Aferdita bestätigt. Wie sehr hatten sie in den letzten Jahren ihre Schuldgefühle geplagt? Was konnte schlimmer sein, als die eigenen Kinder zurückzulassen? Angelicas Zuhören empfand sie als Absolution. Sie hatte stets nur aus den besten Motiven heraus gehandelt. Sie war eine gute Mutter. Schwerfällig rappelte sie sich wieder auf. »Meine Kinder haben alles, was sie brauchen. Nur darauf kommt es an. Und jetzt wieder an die Arbeit.«

Den anderen in Boškos Team entging nicht, dass es der neuen Kollegin gelungen war, Aferditas gefürchtete raue Schale zu durchbrechen. Das war sonderbar, aber längst nicht so sonderbar wie die Neue selbst. Keiner von ihnen war es gewohnt, die Dinge groß zu hinterfragen. Angelica hingegen zeigte an allem Interesse. Ihre Neugier irritierte und amüsierte die Kollegen gleichermaßen.

Der Arbeitstag begann früh. Oft traten sie gemeinsam noch im Dunkeln den Kampf gegen die Müdigkeit und den Dreck fremder Leute an. Sie putzten in Büros und Hotels, ab und an auch in Kneipen und Bars. Immer drückte die Uhr. Schnelle Sprüche, kleine Lästereien, derbe Witze, das musste reichen, um sich den Alltag von der Seele zu halten.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
191 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783957712882
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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