Czytaj książkę: «Monster»

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Brigitte Jünger

wurde 1961 in Köln geboren. Sie studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie und arbeitet als Autorin und freie Journalistin für mehrere Rundfunkanstalten in Deutschland. Sie macht Hörfunkbeiträge zu Themen wie Musik, Kunst, Religion, Zeitgeschichte, Naher Osten und das Zusammenleben verschiedener Kulturen.

Seite 41: Reiner Kunze, rudern zwei. Aus: ders., gespräch mit der amsel

S.Fischer Verlag GmbH, Franfurt am Main 1984

ISBN 978-3-7026-5959-2

eISBN 978-3-7026-5960-8

1. Auflage 2021

Einbandgestaltung: b3k

© 2021 Verlag Jungbrunnen Wien

Alle Rechte vorbehalten – printed in Austria

Druck und Bindung: Buch Theiss GmbH, A-9431 St. Stefan

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Brigitte Jünger

Monster


Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Kapitel 90

Kapitel 91

Kapitel 92

Kapitel 93

Kapitel 94

Kapitel 95

Kapitel 96

Kapitel 97

Kapitel 98

Kapitel 99

Kapitel 100

Kapitel 101

Kapitel 102

Kapitel 103

Kapitel 104

Kapitel 105

Kapitel 106

Kapitel 107

Kapitel 108

Kapitel 109

Kapitel 110

Kapitel 111

Kapitel 112

Kapitel 113

Kapitel 114

Kapitel 115

Kapitel 116

Kapitel 117

Kapitel 118

Kapitel 119

Kapitel 120

Nachwort

1

Felix war der Letzte, der das Schwimmbad verließ. Er rannte die Treppen zum Ausgang hinunter, nahm immer zwei Stufen gleichzeitig. Die schwere Glastür fiel mit einem lauten Knall hinter ihm ins Schloss. Da hatte er die Straße schon erreicht, schlug nach wenigen Metern einen Haken nach rechts und bog unmittelbar danach in die nächste Querstraße ein. Niemand weit und breit! Waren sie alle schon weg? Felix wunderte sich nur kurz, denn im nächsten Moment fuhr der Bus, auf den er sonst immer warten musste, in die Haltestelle ein. Ungeduldig starrte er auf die sich langsam und ächzend öffnende Fahrzeugtür, sprang hinein und stürmte sogleich nach hinten durch.

„He, Freundchen! Fahrausweis?“

Felix stoppte abrupt, kramte seinen Schülerausweis aus der Jackentasche und ging zurück nach vorne.

„Auch wenn’s die letzte Fahrt ist, umsonst ist der Tod“, sagte der Busfahrer, warf einen kurzen Blick auf Felix’ Ausweis und nickte dann, weil alles okay war.

Die Letzte? Wieso die Letzte? Jetzt erst bemerkte Felix, dass der Bus leer war wie sonst nie. Er ließ sich auf einen Sitz in der letzten Reihe fallen und fühlte sich plötzlich merkwürdig ausgebremst. Vielleicht hätte er nach Hause laufen sollen. Jetzt saß er hier fest und kam sich vor, als hätte er das normale Raum- und Zeitkontinuum verlassen und wäre unvermittelt in eine andere Galaxie katapultiert worden. Alles fühlte sich anders und fremd an, und doch gab es auch hier einen Bus, den Fahrer, die blauen Sitze, die gelben Stangen und die grauen Haltegriffe, die von oben herunterbaumelten. Felix begann sie abzuzählen, sprang mit den Augen von Griff zu Griff, immer weiter nach vorne, wo es schwer wurde, die einzelnen Dinger auseinanderzuhalten. Waren das zwei oder war es nur einer, da rechts, fast beim Fahrer? Egal, Felix wanderte auf der linken Seite zurück, es kam nicht drauf an. Vierundfünfzig? Er startete seine Abzähltour noch einmal. In der Dämmerung nahm er die Felder, die draußen vorbeizogen, nicht wahr. Er zählte weiter, unterbrochen nur von der Stimme der Haltestellenansage, die ihn jedes Mal zusammenzucken ließ. Wieso war sie so viel lauter als sonst? Der Bus erreichte die nächste Ortschaft und der Fahrer schaltete in der Kurve einen Gang hinunter. Kein Mensch weit und breit. An der nächsten Haltestelle wurde der Bus nur langsamer, er hielt gar nicht mehr richtig an, denn kein Mensch wollte hinein oder hinaus. Lavendelweg. Nicht meine. Er hätte jetzt aussteigen können, um wenigstens das letzte Stück zu laufen, doch da gab der Bus schon wieder Gas. Zu spät. Lauter falsche Entscheidungen. Felix schaute aus dem Fenster und wünschte sich plötzlich, es würde immer so weitergehen, fahren, schauen, zählen. Ein Leben im Unterwegs, eingefroren auf drei unvermeidliche Tätigkeiten, die ihn zu einer neuen Spezies machten, einem komplett leeren Augenwesen, das ohne jeden Gedanken an ein Vorher und ein Nachher auskam.

Dahlienweg. Warum ist die Tonbandstimme heute nur so laut? Felix drückte schnell auf den Aussteigeknopf. Im nächsten Moment bremste der Bus und das zischende Geräusch der Türen schnitt ihm ins Trommelfell. Er ging ein paar Schritte, dann schrie die Amsel ihren Abendruf aus den Bäumen herüber, den sie der Welt bei einbrechender Dunkelheit hinterließ. Wer hat all die Geräusche so hochgetunt?

Felix bog in den Geranienweg ein und begann die Platten auf dem Gehweg zu zählen. Zufällig traf sein Blick das Straßenschild, und während er weiter zählte, kam ihm ein anderer Gedanke in den Kopf. Er erinnerte sich, dass er früher immer gedacht hatte, es hieße Geraniehnweg anstatt Gerani-enweg. Dabei war er damals schon im zweiten Schuljahr. Gerade hierhergezogen und neu. Mit hochgezogenen Schultern lief er weiter die stille Straße entlang. Dreiundsechzig. Die Einfamilienhäuser klebten aneinander wie Streichholzschachteln in der Verpackung. Typisch Vorort, verschlafene Ödnis. Er hatte schon damals gewusst, dass er sich nie daran gewöhnen würde. Nicht meine Entscheidung! Pah, selbst die Worte in seinem Kopf klangen lauter als sonst. Links tauchte der Magnolienweg auf. Diese bescheuerten Blumen. Felix begann von Neuem zu zählen, auch wenn er die Platten kaum noch richtig sehen konnte. Alles war besser, als an das Schwimmbad zu denken. Die Dusche. Vierunddreißig, fünfunddreißig, sechsunddreißig. Es kostete Mühe, aber es funktionierte. Noch vier Häuser, dann hatte er seine Schachtel erreicht. Sie lag fast vollständig im Dunkeln. Ein dünner Lichtstreifen aus dem Inneren bahnte sich seinen Weg bis zum Küchenfenster, das neben der Haustür lag. Mama saß vor dem Fernseher. Felix schloss vorsichtig die Tür auf und versuchte leise zu sein.

2

„Felix?“ Er hatte gerade seine Schuhe abgestreift und wollte die Holztreppe nach oben in sein Zimmer gehen, da fing ihn die Stimme der Mutter ein. „In der Küche sind noch Tortellini im Topf, kannst du dir warm machen. Ich komme nicht mehr hoch, bin total k.o.“

Die vertraute Stimme, der entfernte Geruch nach irgendeinem Parfüm, das sie ins kleine Klo neben der Treppe verbannt hatte, die Stimmen aus dem Fernseher. Diese Normalität schnürte Felix die Luft ab. Alles war wie immer, nur er war ein anderer. Ein Ausgestoßener. Diese Erkenntnis zog sich schmerzhaft durch seinen ganzen Körper, vom Hals bis in die Eingeweide. Messerscharf.

„Felix? Kommst du? Der Millionär ist noch dran, hat heute eine Extrasendung. Du bist spät.“ Er setzte sich auf eine der hölzernen Stufen gegenüber der Wohnzimmertür und schloss die Augen.

„Komme gleich.“

Die Arme um seinen Körper geschlungen, versuchte er den toten Punkt in seinem Inneren zu überwinden. Ein riesiger Graben lag zwischen ihm und allem, was hier vertraut und selbstverständlich war. Wie soll ich diesem Schlund entkommen? Gleichzeitig war es nur ein kleiner Schritt, denn nur er wusste davon. Dass er ein Fremder geworden war in diesem Haus, in einer dieser Blumenstraßen, in dieser Welt. Die Normalität um ihn herum war die Gleiche geblieben. Vielleicht musste er es nur schaffen, so zu tun, als wäre sie auch für ihn weiter normal.

„Kommst du?“ Wieder Mamas Stimme. „Die achttausend Euro Frage: Wer wurde 1976 in Montreal Weltmeister über hundert Meter Freistil der Männer? James Montgomery, Jerry Heidenreich, Wladimir Bure oder -?“

„Mark Spitz.“

Ein Name, eine Brücke hinüber auf die andere Seite der Welt. Felix gab sich einen Ruck, stand auf und ging in die Küche, um sich die Tortellini warm zu machen. Er stellte erleichtert fest, dass er das noch konnte. Als er mit dem Teller ins Wohnzimmer ging, war die Schwimmerfrage glücklicherweise längst abgehakt. Er setzte sich zu Mama aufs Sofa, legte seine Füße auf den Couchtisch und begann zu essen. Mama rückte näher und strubbelte ihm durchs Haar.

„Na, alles okay, Großer?“

Felix riss seinen Kopf so heftig zur Seite, dass die Tortellini vom Teller aufs Sofa schwappten. Er sprang auf und knallte den Teller auf den Tisch.

„Mensch, spinnst du denn?“ Mama schaute erschrocken, aber mehr noch empört, und sprang dann ebenfalls auf, lief in die Küche und holte einen Wischlappen. Da war Felix schon aus dem Zimmer gestürmt und die Treppe hinauf in sein Zimmer gerannt. Keine verdammte Berührung, hämmerte es in seinem Kopf. Das mit der Brücke war vorerst ein Irrtum.

3

Unter Wasser atmen. Seit ich die ersten Züge durchs Wasser gemacht habe, als ich noch ein kleiner Junge war, habe ich diesen Traum. Abtauchen, wegschwimmen, nicht zurückkehren. Durchs Wasser gleiten, widerstandslos, immer weiter durchs Grünblau, aufmerksam jede Regung zwischen den Algen und den verschwommen auftauchenden Felsen betrachten. Leicht sein und völlig eins mit dem Wasser. Jetzt, unter der Bettdecke, ist es ganz einfach, sich das vorzustellen. Seegras kitzelt mich am Bauch und ein Korallenfisch kommt um die Ecke und schaut mir erstaunt in die Augen. Mama wollte nie nach Griechenland in den Urlaub. Zu teuer. Aber ich sehne mich danach, zu schnorcheln und mit den Fischen zu schwimmen. Das machen immer nur die anderen. Unten schlägt Mama die Wohnzimmertür zu. Sie ist immer noch wütend. Wahrscheinlich. Dass sie mir hinterherläuft und hier in meinem Zimmer auftaucht? Ne, das macht sie nicht. Sie läuft einem nie hinterher. Seit Papa weg ist, reagiert sie auf irgendwelche Wutausbrüche mit Eiseskälte. Tür zu und Schluss. Okay, manchmal kann sie auch ausflippen. Das war scheiße, die Tortellini auf dem Sofa und dem Teppich. Sie wollte ja nur lieb sein. Ich weiß es ja, es ist einfach nicht fair. Sie ist doch die Einzige, mit der immer alles gut geklappt hat.

4

Endlich konnte er weinen. Über alles. Über Mama, aber am meisten über sich selbst. Wie in einem Tunnel lief die Zeit in Sekundenschnelle im Rückwärtsgang und wieder stand er im Schwimmbad unter der Dusche. Weller hatte ihn länger trainieren lassen als die anderen. Der nächste Wettkampf stand in wenigen Wochen bevor. Erschöpft stand er endlich unter der heißen Dusche. – Cut! – Er wollte nicht länger hinschauen. Hier war Schluss.

5

Das Heft, die leere Seite, der Stift. Die Linie irrt umher und weigert sich, irgendeine Gestalt anzunehmen. Wie soll man einen Geruch zeichnen? Die Starre? Den Ekel? Wieso gelingt mir überhaupt gar nichts? Die Wut über mich selbst fließt in die Mine des Stiftes und kritzelt alles weg. Den Spind, das Handtuch, die Stille. Wieso war eigentlich niemand mehr da gewesen? Ich kritzele weiter und aus den wilden Strichen wird ein Gitter, ein Gefängnisgitter. Ich sperre alles in dieses tiefe, dunkle Verlies. Soll er dort verrecken.

6

Felix erwachte vom Gekeife der Krähen und Elstern, die sich im Baum vor seinem Fenster ein lautstarkes Wortgefecht lieferten. Seid ihr bescheuert?! Er warf die Bettdecke von sich und fasste sich unter den nass geschwitzten Pulli. Kein Wunder, wenn man mit allen Klamotten ins Bett geht! Halb acht. Er sprang auf und ging unter die Dusche. Zehn Minuten später kam er hinunter in die Küche, wo Mama schon saß und durch die Zeitung blätterte. Sie schaute kurz auf, sah dann aber wieder auf das Papier vor sich. Felix nahm sich einen Kaffee und setzte sich ihr am Tisch gegenüber.

„Sorry.“

Sie wusste, was er meinte, schaute aber nicht auf, sondern blätterte die Seite um, die sie gerade überflogen hatte. Dann erst blickte sie auf und landete punktgenau in seinen Augen. „Dein nasses Schwimmzeug steht auch immer noch im Flur.“

Er schaute hinunter in seinen Kaffeebecher und nickte.

„Ich geh nicht mehr.“

„Schwimmen?“

Er hatte sie aus dem Konzept gebracht. Merkte man deutlich. Das gefiel ihr nicht.

„Nach sieben Jahren Training taugt der Sport jetzt plötzlich nicht mehr?! Ist irgendjemand besser als du?“

„Ja, klar!“ Sofort war die Wut wieder da. Felix stand abrupt auf, schnappte sich seine Tasche und lief aus dem Haus. War ja klar. War ja sowas von klar.

7

Am Schultor hatten es die Fünfer, wie immer, besonders eilig. Sie wimmelten herum, mussten noch dieses und jenes erledigen und quasselten ohne Unterlass. Im Gegensatz dazu schlurfte Felix mit einer Schicksalsergebenheit durch das Gewusel auf dem Hof, die eine Gruppe Siebener für besondere Lässigkeit hielt und aus den Augenwinkeln heraus neiderfüllt bewunderte. Er war immerhin so etwas wie der Star der Schule, denn er hatte sie bei der letzten Schwimmmeisterschaft zum Stadtsieger gemacht und es sogar zu einer Erwähnung auf der Lokalseite der Zeitung gebracht. Felix nahm keine der herumstehenden Schülergruppen sonderlich wahr. Sie waren die Staffage, die zu jedem Schultag dazugehörte. Er ging über den Hof, ohne auf den Weg zu achten, den er schon tausende Male gegangen war, vertieft in die Frage, ob man ihm eigentlich etwas ansah. So lief er auf den rechteckigen Schulbau zu, vier Reihen Fenster übereinander, ein Eingang rechts, ein anderer links, dazwischen eine Reihe vernachlässigter Sträucher, zwischen denen Coladosen und Papier vergammelten. Genauso fühlte er sich auch. Benutzt. Man musste es ihm doch ansehen! Es stand doch in großen Buchstaben auf seiner Stirn geschrieben, für jeden sichtbar: Ich bin ein Dreck. Aber niemand beachtete die rotglühende Flammenschrift.

„Hey, Hummuckel!“

Noch ehe Felix das Schulgebäude erreicht hatte, umschlangen zwei dicke Arme die Mitte seines Körpers und das dazugehörige Gesicht drückte sich fest in seinen Bauch. Er roch nach Gummibärchen und war wie immer voll guter Laune. Felix sog seinen Geruch ein und drückte ihn ebenfalls.

„Hallo Juri, altes Haus.“

Der Junge hielt Felix weiter umklammert, hob aber nun den Kopf und sah zu ihm auf. „Quatschkopf du! Du dünner Hering. Ich bin doch ein junges Haus.“

Er schmatzte beim Sprechen und die Worte kamen mit Pausen zwischen den Buchstaben aus seinem Mund. Dann hob er seine geschlossene Faust und Felix reagierte sofort und hielt ihm seine entgegen und sie klatschten sich ab, Faust an Faust. Gleich darauf fuhr Juri den Zeigefinger seiner rechten Hand aus und sagte:

„Weißt du, dass Heringe die Lieblingsspeise vom Haifisch sind?“ Er grinste.

Felix grinste mechanisch zurück.

„Du hast wohl mal im Unterricht aufgepasst oder wie kommst du darauf?“

„War gestern im Fernsehen“, antwortete Juri. „Die sind soooo gruselig, wenn die das Maul aufreißen!“ Er schüttelte sich. „Zum Glück bin ich kein Hering, sondern Astronaut!“

„Astronaut?! Und wo sind dein Raumanzug und dein Helm?“

Juri stemmte seine Fäuste in die Hüfte.

„Brauch ich doch nicht! Wenn die Erde der Mond ist, kann ich doch ganz einfach Sauertopf atmen.“

„Sauerstoff!“

Juri schlenkerte mit seinen Armen. „Ja, genau, sag ich doch. Du Besserwürstchen.“ Er hob die Faust und sie klatschen sich wieder ab. „Bis dann“, sagte Juri, „und schwimm nicht so weit raus, okay!“ Im nächsten Augenblick breitete er seine Arme aus und lief als Flugzeug in Richtung des Schulhauses davon. Dabei zog er Schleifen nach links und nach rechts direkt auf die Gruppe der Siebener zu, die auseinanderstoben und „Spasti!“ riefen. Felix sah ihm grinsend hinterher.

Ein einziges winziges Gen hatte Juri zu einem lebendigen Beispiel dafür gemacht, dass eben nicht alle Menschen auf die gleiche Weise normal waren. Aber was hatte seine Normalität für unglaubliche Vorteile! Für ihn gab es keine unsichtbaren Mauern, die andere selbstverständlich umgaben. Er trat auf jeden ohne Scheu zu und sagte, was er sagen wollte. Oder stellte sich zu einer Gruppe, die ihn auf irgendeine Weise anzog, einfach dazu, sagte Hallo und war dabei. All die tausend Bedenken, die jeder andere mit sich herumschleppte, schienen für ihn nicht zu existieren. Außerdem hatte er oft so eine Art siebten Sinn für das, was mit den anderen los war. Als besäße er einen geheimen Draht in das Innere der Menschen. Es war schwer, etwas vor Juri zu verheimlichen.

Felix hatte zuerst einen Schreck bekommen, als Juri da eben auf ihn zu gekommen war. Aber wenn selbst er nichts gemerkt hatte, dann konnte Felix ziemlich sicher sein, dass niemand etwas bemerkte. Juris Seismografenblick konnte durchaus unangenehm sein – wie überhaupt der ganze Juri mit seiner tapsigen Gestalt, den schrägen Augen und dem meist offen stehenden Mund nicht überall auf große Gegenliebe stieß. Mongo war noch die harmloseste Bezeichnung, die die Schüler hinter seinem Rücken benutzten. Felix mochte ihn exakt deshalb, weil er anders normal war. Er war ein Lichtblick, genau wie Dahlmeier.

Heute hätte er diesen Lehrer wirklich gebraucht. Einfach weil er so war, wie er war. Aber heute hatten sie kein Deutsch. Als Felix das Schulgebäude betrat, schaute er sich suchend um, ob er die schlenkernde Gestalt Dahlmeiers nicht irgendwo auf den Gängen entdeckte. Schon von Weitem fiel auf, dass ihm das Gehen Mühe machte. Das rechte Bein schien bei jedem Schritt gegen einen Widerstand anzugehen und funktionierte nur mit Verzögerung. Humpelnd lief er herum, wobei sein rechter Arm leblos an der einen Seite seines Körpers herunterhing. Nach einem Unfall vor etlichen Jahren war der Arm zu nichts mehr zu gebrauchen und fristete sein Dasein als lästiges Anhängsel. Aber die öde Wüste des Schulalltags öffnete sich einen Spalt weit, wenn Dahlmeier für den Deutschunterricht in die Klasse kam. Wenigstens ein Blick auf diesen Lehrer hätte Felix heute Morgen Mut gemacht. Als er kurze Zeit später das Klassenzimmer betrat, war alles wie immer. Marius feilte seine Fingernägel. Einar schaute in sein Heft und ging noch mal seine ellenlange Hausaufgabe durch, um gleich mindestens einen schlauen Satz raushauen zu können. Vince lag halb auf seinem Pult und hörte Musik. Hamid war in ein Buch versunken. Pufu, mit dem Felix manchmal zusammen Ballerspiele und Waldläufe machte, hob kurz seine Hand und Alva schaute ebenfalls zu ihm herüber, wechselte von der Kippel- in die normale Sitzposition und lächelte. Lächelte so einfach und so selbstverständlich, wie sonst niemand hier. Felix war sogleich wieder verunsichert. Sollte das alles wirklich bedeuten, dass er einfach so weitermachen konnte wie vorher? Niemand reagierte anders als sonst. Keiner sagte: Felix? Wieso bist du heute so anders? Felix, wieso bist du heute so ein Häuflein Asche und nicht mehr der strahlende Schwimmheld?

Er sank an seinem Platz auf den Stuhl, dann kam der Teschner herein und sie hatten Mathe. So ein Mist. Felix holte sein Heft heraus und schaltete im gleichen Moment ab. Er beobachtete die Spinne, die schon gestern begonnen hatte, in der rechten Ecke des mittleren Fensters ihr Netz zu weben. Jetzt saß sie dick und fett mittendrin und Felix wunderte sich, dass Manu noch nicht in hysterisches Gekreische ausgebrochen war. Aber sie saß mit dem Rücken zum Fenster und hatte die Spinne wahrscheinlich noch gar nicht gesehen. Er begann wieder zu zählen, die Fenster, die Rahmen, die Griffe, die Vorhänge. Kleine Fische. Er wanderte hinüber zu den Fliesen an der Wand mit der Tafel, die schon eine größere Herausforderung waren und versuchte, nicht aus der Spur zu geraten. Mathe fand irgendwo in einem anderen Universum statt und er bekam nicht mit, dass der Teschner ihm schon zum zweiten Mal die gleiche Frage stellte.

„Felix! Würdest du dich eventuell zu einer Antwort herablassen?“ – Pause. – „Felix! Bist du bekifft oder einfach nur gewohnheitsmäßig abwesend?“ Der Teschner hob das Mathebuch vom Pult und ließ es im nächsten Moment mit einem lauten Knall auf die Tischplatte fallen.

Schwerfällig veränderte Felix seine Sitzposition und sagte: „Keine Ahnung.“

Die Jungs in der hinteren Reihe lachten anerkennend, aber gerade noch so, dass sie keine Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Der Teschner sagte: „Okay, Einar, hast du vielleicht das, was diesem Herrn hier fehlt?“ Er hatte.

8

Alva wartete in der Pause am Zaun auf ihn. Sie lächelte. So einfach und schön wie ein Lächeln sein konnte, das ohne Hintergedanken am Horizont aufsteigt und strahlt. Felix war jedes Mal aufs Neue erstaunt, dass es ihm galt. Immer noch. Auch über die Selbstverständlichkeit, mit der sie jetzt in der Pause gemeinsam über den Hof Richtung Raucherecke schlenderten. Geraucht wurde dort zwar schon lange nicht mehr, aber in dieser Ecke, hinter dem Hauptgebäude, entging man den jüngeren Schülern, die auf dem Hof herumrannten oder Fußball spielten.

„Der Teschner hat voll den Knall“, sagte Alva.

Felix grinste. Rührend, dass sie immer noch daran dachte, war doch schon zwei Stunden her. „Ach, der dumme Hund. Aber man weiß immer, woran man bei ihm ist.“

Alva sah kurz zu ihm herüber und jetzt war sie es, die grinste.

„Ach, du steckst den einfach in deinen imaginären Zwinger und da kann er dann so lange bellen, wie er Lust hat? Ziemlich brillant!“

Felix griff in die Tasche seines Parkas und holte ein abgegriffenes Heft heraus, blätterte darin und reichte Alva im Gehen die aufgeschlagene Seite. Sie blieb stehen und betrachtete die Karikatur. „Nicht dein Ernst! Wieso kannst du so gut zeichnen? Dieser Köter mit den gefletschten Zähnen ist dem Teschner wie aus dem Gesicht geschnitten!“ Sie fing an zu blättern, sah sehr viel Gekritzel, aber auch ein Rotkehlchen, einen Totenkopf und verschiedene verdrehte Figuren, doch da nahm Felix ihr das Heft schnell wieder aus der Hand und ließ es zurück in die Parkatasche gleiten.

„Ist ja nur so eine Kritzelei.“

Er wusste nur zu gut, dass es leider nicht immer so leicht funktionierte wie beim Teschner. Sie hatten die Raucherecke erreicht.

„Dreamteam, da seid ihr ja endlich! Wollt ihr auch einen Lolli?“ Vince nahm seinen kugelrunden Lutscher aus dem Mund und hielt Alva und Felix die Tüte mit den gestreiften Zuckerdingern hin. Dann steckte er seinen eigenen wieder in den Mund, saugte daran und tat im nächsten Moment so, als würde er Rauch aus dem Mund blasen.

„Kannst du dich immer noch nicht damit abfinden, dass Rauchen auf dem Schulgelände verboten ist?“, fragte Alva und verdrehte die Augen. Vince lutschte weiter genüsslich an seinem Lolli und schob ihn dann in eine seiner Backentaschen.

„Es ist und bleibt Freiheitsberaubung“, dozierte er wie ein Universitätsprofessor. „Sind wir nicht vierzehn und dürfen unsere Religion frei wählen, allein in Urlaub fahren und uns an allen sichtbaren und unsichtbaren Stellen piercen lassen? Nicht zu vergessen: Niemand kann uns verbieten, Sex zu haben! Schon mal etwas davon gehört?“ Vince lächelte sein boshaftes Lächeln, bei dem eine seiner Augenbrauen bis zum Haaransatz in die Höhe rutschte. Felix wich seinem Blick aus. Die Aufzählung, die Vince ihnen unter die Nase gerieben hatte, verursachte ihm Übelkeit. Der Blödmann hatte doch überhaupt keine Ahnung! Felix setzte sich auf das Mäuerchen, das die Raucherecke begrenzte und hatte alle Mühe, das geheime Verlies in seinem Inneren unter Kontrolle zu halten. Einar, der sich sichtlich langweilte, sagte: „Oh, Mann, diese Diskussion schon wieder! Willst du wirklich zum hundertsten Mal über den Sinn oder Unsinn von Rauchverboten diskutieren? Damit hast du uns alle doch lange genug genervt!“ Pufu konnte ihm nur zustimmen. „Kannst du dich vielleicht endlich mal damit abfinden, dass es einfach Regeln gibt, die auch du einhalten musst? Regeln, die Sinn machen! Rauchen ist schließlich sowas von Scheiße.“ Er hatte ebenfalls einen Lolli in der Hand und steckte ihn nach diesen drei Sätzen entnervt wieder in seinen Mund.

„Aber die Freiheit! Leute, denkt doch mal nach: die Freiheit!“ Vince hatte sogar mal erwogen, eine Klage bei der Schulbehörde einzureichen, um seine Rauchfreiheit zu erlangen. Doch zum Glück hatten die anderen ihn von der Nutzlosigkeit einer solchen Aktion überzeugen können. Hamid, der keinen Lutscher brauchte und nur selten etwas sagte, sah zu Vince hinüber, aber eigentlich sah es eher so aus, als würde er durch ihn hindurchschauen.

„Freiheit ist doch nicht dafür da, dass jeder machen kann, was er will.“

Vince’ Augenbraue rutschte wieder nach oben.

„Unser persischer Klugscheißer! Der hat ja mal wieder ganz genau aufgepasst. Persisch oder war es arabisch? Wo kommst du noch mal her?“ Es war zwecklos, Hamid provozieren zu wollen. Der schaute nur auf die Spitzen seiner abgewetzten Sneakers und sagte trocken: „Ich bin Deutscher, in Köln geboren, wie du. Schon vergessen?“

Vince hob die Hände und spuckte den abgelutschten Stiel seines Lollis auf den Boden.

„Okay, okay, ich will euch nicht die Laune verderben. Ihr seid die Guten und ich hab mal wieder die Arschkarte gezogen. Lasst uns den Mantel des Schweigens über dieses Gerede ausbreiten. Gleich haben wir Englisch und die Klausur wird sicher nicht einfach.“

Man konnte über Vince denken, was man wollte, wenigstens wusste er, wann er aufhören musste. Aber er schickte noch etwas hinterher: „Übrigens, Leute, nicht vergessen, nächste Woche Samstag steigt endlich die Fete bei mir. Schreibt es euch rot in den Kalender!“

9

Nach der siebten Stunde war es diesmal Felix, der am Schultor stand und wartete, ob Alva noch kommen würde. Sie hatten nie darüber geredet, nichts vereinbart und kannten sich auch erst seit einem halben Jahr, als sie neu in die Klasse gekommen war. Trotzdem gab es diese stille Übereinkunft, dass einer auf den anderen wartete, um das Stück Weg gemeinsam nach Hause zu gehen, das sie miteinander teilten. Es passte einfach und fühlte sich gut an. Aber sie war nirgendwo zu sehen.

„Na, wie lief es?“

Vince schon wieder! Er blieb einfach vor ihm stehen. Aber vielleicht wusste er, wo Alva blieb. „Sind alle fertig mit der Klausur?“ Zusammen mit der Frage warf Felix einen schnellen Blick über den Schulhof und die Schüler, die dem Ausgang entgegenströmten.

„Ich war der Letzte“, antwortete Vince. „Gehst du ein Stück mit?“

Felix hatte eigentlich keine Lust, den Heimweg zusammen mit Vince anzutreten, aber er fürchtete, sich möglicherweise wieder irgendeinen dummen Kommentar anhören zu müssen, wenn er es nicht tat, von wegen Romeo wartet lieber noch oder etwas Ähnliches. Vince konnte sowas raushauen und lag damit doch vollkommen daneben. Außerdem wusste Felix ja tatsächlich nicht, ob Alva überhaupt noch kommen würde. Wie blöd, jetzt war doch Wochenende.

Kaum hatten sie die Schule hinter sich gelassen und waren um die nächste Ecke gebogen, hielt Vince an einem Betonpoller an, setzte sich und holte seinen Tabak aus der Tasche. Felix beobachtete, wie er das Papierchen aus dem Beutel zog, Tabak darauf streute und beides mit geschickten Fingern in eine ordentliche Zigarette verwandelte. Vince betrachtete sie noch einmal und sah dann Felix an, als warte er auf eine besondere Belobigung.

„Kann ich mir auch mal eine drehen?“

„Echt jetzt?“ Vince zögerte einen Moment. „Bisher reichte dir doch dein umwerfender Charme! Gib’s zu, ohne den hättest du keinen einzigen Wettkampf gewonnen.“

Felix war nicht nach Scherzen zumute.

„Vor allem, weil dieser Charme unter Wasser so besonders gut zur Geltung kommt!“

Oh, Mann, der war gut. Normalerweise fiel Felix die passende Antwort immer erst ein, wenn er abends im Bett lag.

„Okay.“ Vince zündete sich seine Zigarette an und gab Felix den Tabak. „Ich sehe, dass du dich auf deinen Charme wohl nicht mehr verlassen kannst! Behalt den Tabak. Das ist meine letzte Fluppe.“

„Wirklich? Du hörst tatsächlich auf?“ Felix nahm ein Blättchen und streute Tabak darauf.

„Ich sag’s dir, ihr habt mich kleingekriegt. Hab keinen Bock mehr darauf, dass ihr mich wegen ein paar Kippen wie einen Aussätzigen behandelt.“

„Wir dich?“ Felix musste sich aufs Drehen konzentrieren. Vince rückte näher und besah sich die Sache aus allernächster Nähe.

„Wird nichts“, urteilte er, „du bist noch nicht im richtigen Rollmodus. Das da ist mehr so die Faltmethode.“

Felix leckte das Papierchen an und drückte die Enden zusammen, dann hielt er das krumme Ding in die Höhe.

„Für den Anfang will ich mal nichts sagen“, raunte Vince. „Aber du weißt schon, dass du Sportler bist?“ Felix zuckte mit der Schulter, nahm die Zigarette, steckte sie sich zwischen die Lippen und ließ sich Feuer geben. Er nahm einen Zug, füllte seine Wangen mit Rauch und stieß ihn gleich wieder aus.

„Lass gut sein“, sagte Vince, „paffen kann jeder.“ Er hob die Hand und verabschiedete sich. „Nicht vergessen, immer schön fröhlich bleiben.“

Arschloch.

10

Mama war nicht zu Hause, ihre Schicht im Pflegeheim ging bis um sieben. Normalerweise hätte Felix jetzt das vorbereitete Essen heiß gemacht, sich eine halbe Stunde vor den Fernseher gehauen und dann den Bus zum Schwimmbad genommen. Heute gab er der Tasche mit seinem Schwimmzeug, die immer noch im Flur stand, nach dem Essen einen Tritt und ließ dann die Haustür hinter sich ins Schloss fallen, ohne eine Ahnung zu haben, was er jetzt tun würde. Bloß nicht stillsitzen. Er lief durch die ruhigen Vorortstraßen, wo nichts, aber auch gar nichts los war. Alle saßen anscheinend in ihren Bunkern oder waren bei der Arbeit und die klingenden Blumennamen waren ihnen sowas von scheißegal. Sie machten das Leben auch nicht besser. Sollte er Pufu anrufen, um ihn zu fragen, ob er Lust hatte, ein bisschen zu zocken? Mit ihm konnte man sich auch spontan verabreden, sie kannten sich seit der Grundschule. Aber der würde sich nur wundern, dass er Zeit hatte und nicht ins Schwimmbad fuhr. Außerdem war er wahrscheinlich selbst beim Training. Handball spielte er schon ewig.

Felix spürte, wie ihm ein übles Gefühl in den Nacken kroch und von hinten an die Kehle griff. Vielleicht hätte er damals mit Pufu zusammen in den Handballverein eintreten sollen. Dann wäre das alles nicht passiert. Aber als Pufu sich dazu entschloss, ging er doch schon längst zum Schwimmtraining. Das war seine ganze Seligkeit. Und nichts, absolut nichts, hatte darauf hingedeutet, dass das jemals anders sein würde.

Felix erreichte den Park, der hinter dem Wohnviertel begann, und versuchte, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Er dachte an das alte vierstöckige Haus, in dem sie in der Stadt gewohnt hatten, als er noch klein war und eine richtige Familie hatte. Die Zimmer waren riesig, der Flur war genau richtig zum Fußballspielen und vom Balkon im dritten Stockwerk konnte man bis an den Rhein schauen. Seine Erinnerungen waren bruchstückhaft, aber er wusste noch genau, dass die kleinen Griffe an den Schranktüren unter dem Küchenfenster metallene Fische waren, die er immer wieder betrachtet und abgezeichnet hatte. Die Zeichnungen hatten überall in seinem Zimmer an den Wänden gehangen und er hatte sich vorgestellt, dass er mit ihnen zusammen durchs Meer schwimmen würde. Er erinnerte sich auch noch an die vielen Ausflüge, die er mit Mama und Papa unternommen hatte. An den Rhein, in den Stadtwald, in den Zoo oder einfach irgendwohin, wo es schön war und sie etwas Spannendes erleben konnten.

Als er sechs war und in die Schule gekommen war, hatte Papa ihm endlich das Schwimmen beigebracht. Es hatte nur wenige Wochen gedauert, dann konnte er es und hatte das entdeckt, was ihm von da an am allermeisten Spaß auf der Welt machte. Papa stand am Beckenrand und lobte ihn ohne Ende. Er hatte etwas an sich, das es einem leicht machte, sich immer weiter anzustrengen und noch besser zu werden. Felix war süchtig nach Papas strahlendem Gesicht und seinem Lob geworden. Dann war Papa plötzlich weg. Als hätte jemand ein Riesenstück aus Felix’ Lieblingskuchen rausgeschnitten und weggeschleppt.

Er versuchte sich zu erinnern, wann es angefangen hatte, dass die Eltern sich nur noch stritten. Manchmal waren sie richtig laut geworden, besonders abends, wenn er schon im Bett lag. Unter der Bettdecke hatte er sich die Ohren zugehalten und trotzdem ihre Stimmen gehört. Ich werde mir beim Untertauchen nicht mehr mit den Fingern die Nase zuhalten, hatte er ihnen heimlich geschworen, ich werde noch schneller schwimmen! Aber es hatte alles nichts genützt. Papa ging nur noch selten mit ihm ins Schwimmbad, und es wurden keine Pläne mehr für die Sommerferien gemacht. Oma kam und nahm ihn mit in ihr Dorf, wo er die ganzen vielen Ferienwochen verbrachte und sogar glücklich gewesen war. Felix ballte die Fäuste in den Jackentaschen.

11

Wie konnte ich nur so glücklich sein, wenn sich doch gerade meine Familie auflöste? Ich bin so ein absoluter Vollhorst, der schon damals keine Ahnung hatte! Diese Ahnungslosigkeit fühlt sich schrecklich an. Immer noch. Am Ende der Ferien hat Mama mich abgeholt und Papa existierte nicht mehr. Er war einfach weg, ohne Erklärung. Oder hat Mama mir irgendetwas erklärt, das ich aber nicht kapiert und sofort wieder vergessen habe? Musste sie gar nicht, ich wusste doch längst, was los war. Papa war weg, weil er enttäuscht von mir war. Ich war einfach nicht gut genug. Er hatte sich so viel Mühe gegeben, aus mir einen Superschwimmer zu machen, aber ich hatte mich einfach nicht genug angestrengt. Aber ich würde der Beste werden! Das hatte ich mir damals geschworen. Dann würde Papa vielleicht zurückkommen und alles wäre wie früher. Aber das riesengroße Loch, das plötzlich in meinem Leben war, ist einfach immer dageblieben. Nie wird etwas wie früher.

12

Felix hatte bald aufgehört, seine Mama nach dem Warum zu fragen. Er wollte nicht, dass sie wieder zu weinen anfing. Sie hatten einfach nicht mehr über Papa gesprochen und waren in den Magnolienweg gezogen, in eine der kleinsten Schachteln in dieser Straße. Der Garten war winzig, aber Felix hatte seither zwei Zimmer, eins zum Schlafen und eins zum Spielen. Oder er tat sowohl das eine als auch das andere in beiden Zimmern. Und er ging weiter zum Schwimmen, diesmal in einem Verein. Zuerst einmal in der Woche, dann montags, mittwochs, donnerstags und freitags. Er machte Ferienfreizeiten, in denen er trainierte, und fuhr immer öfter zu Wettkämpfen. Weller stand am Beckenrand mit der Stoppuhr in der Hand und strahlte. Auf Felix war Verlass. Selbstverständlich. Felix, der Charming Boy, der Liebling des Trainers. Wie hatte er diesen besonderen Platz an dessen Seite genossen. Blindlings. Jetzt ekelte er sich vor sich selbst. Er dachte an die Nachrichten, die ab und zu auf seinem Handy angekommen waren. „Du bist der Beste.“ „Dein Body sieht verdammt gut aus. Bist du echt erst vierzehn?“ „Geiler Sixpack, den du dir antrainiert hast.“ „Bist du bereit für Olympia? Ich bringe dich hoch – aufs Treppchen.“ Je älter er wurde, umso häufiger kamen solche Nachrichten von Weller. Wie blind war er gewesen?! Es war ja tatsächlich alles seine eigene Schuld. Felix trat gegen einen Laternenpfahl, der das Pech hatte, gerade dort zu stehen. Was hielt er sich mit diesem Scheiß auf? Dieses verdammte Leben war absolut nutzlos. Ein Zufall hatte einen in diese Welt geworfen und dann konnte man sehen, wie man mit seiner Sehnsucht nach Glück zurechtkam. Er verbiss sich den Kloß, der schon wieder in seiner Kehle auftauchte und rannte einen kleinen Abhang hinunter. Rennen tat gut. Es machte den Kopf leer und pulverisierte die Gedanken zu Staub. Felix lief eine Runde um die große Wiesenfläche und dann den Hügel auf der anderen Seite wieder hinauf, bis er die ausgestorbene Ladenzeile erreichte, die dort lag. Hier begann das nächste Vorortviertel. Als er noch in die Grundschule ging, die direkt nebenan lag, hatte es unter den Geschäften, die sich um den kleinen Platz in der Mitte gruppierten, einen Bäcker gegeben, bei dem man Zimtschnecken kaufen konnte, die so köstlich waren wie nirgendwo sonst. Jetzt gab es auch dieses Geschäft nicht mehr. Felix ging weiter und überquerte die große Straße, die hinter der Ladenzeile um den Ort herumführte, und gelangte zum See.

Unter Wasser atmen. Manchmal hatte es sich tatsächlich so angefühlt, als wäre das möglich. Dabei hatte er doch immer den Kopf ein winziges Stück aus dem Wasser gehoben, als er die Bahn durchpflügte. Aber das war so schnell gegangen und hatte sich irgendwann so selbstverständlich angefühlt, dass es zu einem einzigen Zustand geworden war. Die perfekte Anpassung an eine dritte Dimension. So wie aus vielen Einzelbildern, wenn man sie nur schnell genug aneinanderreiht, ein bewegter Film wird. Felix verließ den Weg, der sich am Wasser entlangschlängelte und setzte sich an einer abgelegenen Stelle auf einen Baumstumpf, der zwischen einer Ansammlung von hohen Bäumen übrig geblieben war. Er atmete tief aus, schaute über das Wasser und begann die Bäume auf der anderen Seite des Sees zu zählen. Langsam beruhigte sich sein Herzschlag und er schaute einfach nur übers Wasser.

Dieser verrückte Vogel da oben! Er gab nicht auf. Sang sich die Seele aus dem Leib als gäbe es dafür etwas umsonst. Immer die gleiche Melodie. Vielleicht auch nur fast die gleiche. Als müsste er dem Leben eine Verzierung verpassen. Felix holte das Päckchen mit dem Tabak aus seiner Jackentasche. Wieder schnürlte die perlende Melodie durch die Luft, machte eine winzige Pause und setzte von Neuem ein. Die Beklemmung, die ihn vorhin mit kalter Hand ergriffen hatte, war verschwunden. Felix legte etwas Tabak aufs Papierchen, leicht und geschmeidig ließ er sich diesmal einrollen. Lecken, andrücken, überstehenden Tabak abschnipsen – die Kippe sah doch ganz passabel aus, nicht wie das krumme Ding von heute Mittag. Aber rauchen würde er sie nicht, es schmeckte einfach zu widerlich. Wie hatte Vince das nur die ganze Zeit ausgehalten? Felix versenkte die Zigarette in seiner Jackentasche und blieb noch einen Moment auf dem Baumstumpf sitzen. Da passierte es wieder. Irgendetwas wollte ihm die Luft abdrücken und ihn verschlingen, doch der anmutige Gesang des Vogels, kraftvoll und gleichzeitig hauchzart, schien das einfach wegzusingen. Er hatte das überraschende Gefühl, sein Körper würde sich entspannen. Etwas tief drinnen in seiner Brust dehnte sich und wurde weit wie sonst nur nach hundert Bahnen im Becken oder einer halben Stunde Joggen um den Weiher im Stadtwald. Er legte den Kopf in den Nacken und folgte den Tönen mit seinen Augen. Ast für Ast tastete er ab und konnte das Rotkehlchen doch nicht entdecken. Als ihm vom Hochschauen schwindelig wurde, schaute er zu Boden und dachte: Vögel müssen nichts anderes sein als nur Vögel. Plötzlich bewegte sich ein Schatten von rechts oben nach links unten auf den Boden und Felix schaute automatisch hinüber. Da saß das Rotkehlchen keine drei Meter von ihm entfernt im Gehölz und schaute mit seinen kugelrunden schwarzen Augen aufmerksam zu ihm herüber. Es stakste ein Stück weiter, warf einige Blätter zur Seite und pickte auf dem Boden herum. Dabei bewegte es sich unerschrocken noch ein Stückchen näher auf Felix zu. Er hielt den Atem an und fragte sich, wie nah es wohl kommen würde. Gleichzeitig hoffte er, es würde sich bis zu ihm vorwagen. Im nächsten Moment schrillte eine Fahrradklingel auf dem Weg und das Rotkehlchen flog hinauf in den nächsten Baum und in den übernächsten und war verschwunden.

13

„Morgen Vormittag Cop Show im Stadtwald?“ Felix schloss gerade die Haustür auf, als ihn diese Nachricht von Pufu auf seinem Handy erreichte. Für den Querfeldeinlauf durch den Wald gaben sie sich die Namen von Kommissaren, Spionen oder Agenten, die sie sich vorher auf einer Liste ausgesucht hatten. Der Waldlauf machte irgendwie mehr Spaß, wenn man sich dabei vorstellte, einen Verbrecher zu jagen. Es war auf jeden Fall nicht der schlechteste Start ins Wochenende.

„Okay, wann?“

„Neun?“

„Super!“

Die Tür knallte hinter Felix zu, er lief nach oben und ging unter die Dusche. Dabei überlegte er sich, welcher Kommissar er morgen sein würde.

Ich muss auf die Liste schauen, dreihundertvier Namen und wir haben noch längst nicht alle durch.

Als er wenig später aus der Dusche trat, hörte er, dass Mama nach Hause kam.

„Hallo?“, rief sie durchs Haus. „Jemand da?“

Er traf sie in der Küche.

„Du kommst aber spät heute!“

Mama stöhnte. „Wir hatten kurz vor dem Schichtende einen Neuzugang, der partout nicht bleiben wollte. Hat immer wieder beteuert, er müsse noch das Auto in die Werkstatt bringen und seine Frau zum Friseur begleiten.“

„Und das stimmte nicht?“

Mama seufzte. „Der ist zweiundneunzig, seine Frau ist schon seit fünf Jahren tot und ein Auto hat er auch längst nicht mehr.“

„Krass!“

„Ja, so ist das Leben. Kann ja nicht jeder so fit sein wie Opa. Er hat übrigens heute Morgen angerufen und braucht Hilfe bei irgendwas. Ruf mal zurück. “ Mama nahm den Tee, den sie sich gekocht hatte, und steuerte auf die Tür zu, an der Felix lehnte. „Brauchst du noch was? Ich muss aufs Sofa.“ Felix ließ sie vorbeigehen, da drehte sie sich noch einmal um. „Deine Sporttasche liegt schon wieder da drüben im Flur. Wird das jetzt zur Gewohnheit? Und denk an Opa!“

Damit zog sie ab ins Wohnzimmer. Felix schaute hinüber zum Eingangsbereich, er hatte die Tasche aus seinem Blick ausradiert, sie war ihm beim Heimkommen nicht aufgefallen.

14

Verdammtes Drecksstück! Es ist mir scheißegal, was du gekostet hast. Das war dem nassen Badezeug sowieso egal. Ich weiß, du kannst nichts dafür, aber für mich bist du gestorben. Geschieht dir ganz recht, die Kellertreppe hinuntergeworfen zu werden. Ist noch Platz in der Mülltonne? Okay, zwei Beutel raus, Tasche rein und die Beutel drüber. Hier kannst du verrotten und landest nach der nächsten Leerung hoffentlich in der stinkendsten Ecke auf der Kippe oder direkt im Verbrennungsofen. Komm mir ja nie wieder in die Quere!

15

Als Felix sich oben in seinem Zimmer aufs Bett warf, kam ihm ein anderer Gedanke. Eigentlich war es gut, dass die Tasche im Flur gelegen hatte. Mama war anscheinend automatisch davon ausgegangen, er wäre ganz normal beim Training gewesen. Dann gab es wenigstens keine neuen Diskussionen. Erst einmal.

16

„Du fährst nach Mutscheid zu Oma und Opa? Das ist ja mal eine gute Idee! Schade, dass ich Dienst habe, sonst könnten wir zusammen fahren.“

Felix stellte seinen Rucksack am Boden ab und setzte sich zu Mama an den Tisch.

„Ich glaube, sie brauchen Hilfe bei irgendwas im Garten. Und ich war ja auch schon echt lange nicht mehr da.“

Mama nickte. „Wahrscheinlich haben sie sich auch etwas wegen Opas Geburtstag überlegt und wollen das besprechen. Also, von mir aus können wir alles so machen, wie sie es sich wünschen. Aber nicht mehr als hundert Gäste. Das ganze Dorf einzuladen, wird zu teuer.“

„Schon klar.“ Felix stopfte sich ein Brötchen in den Mund.

„Aber hast du heute kein Training?“ Felix kaute und versuchte ruhig zu bleiben. Er nahm sich ein Stück von der Wochenendzeitung und sah stur an Mama vorbei.

„Nein. Ist doch nicht jeden Samstag.“

„Welchen Zug nimmst du?“

„Den um elf.“ Felix las den Sportteil und blätterte den Rest so durch, wie Mama beim Frühstück während der Woche. Da sah er die Schlagzeile: Die netten Männer von nebenan. Der Fall Bergisch-Gladbach. Felix sprang auf und lief hinauf in sein Zimmer. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Sieben, acht, neun, zehn. Er legte die Wange an die Fensterscheibe und zählte auch die Bäume auf dem Nachbargrundstück. Sein Handy brummte. „Bist du Leaphorn oder Santamaria?“ Scheiße, er hatte vergessen, Pufu abzusagen!

17

Felix nahm die S-Bahn zum Hauptbahnhof und war zu früh. Um sich die Zeit zu vertreiben, ging er nach draußen auf den Vorplatz und natürlich fiel sein Blick als Erstes auf die riesenhafte Kathedrale, die dort in unmittelbarer Nähe aus dem Boden wuchs. Auf den Treppenstufen, die zu ihr hinführten, saßen Leute in der Frühjahrssonne. Mitten auf dem Platz, wo einmal der Reibekuchenstand gewesen war, hatte ein Eierverkäufer seine Paletten aufgestellt. „Bauer Felix verkauft nur Eier von glücklichen Hühnern“ war auf einem Schild zu lesen. Felix drehte sich um und ging zurück zum Gleis. Was für ein schlechter Scherz, dachte er. Mein Name ist eine Lüge. Wer ist nur auf die saublöde Idee gekommen, mich so zu nennen? Meine Mutter oder mein verschollener Vater? Felix – der Glückliche? Das war einmal. Ich habe die Seiten gewechselt und gehöre jetzt zu denen, mit denen keiner tauschen will. Nicht mal sie selbst.

18

Der Zug war pünktlich und Felix verkroch sich in ein Abteil, in dem keine anderen Fahrgäste saßen. Die Fahrt dauerte etwa doppelt so lang wie mit dem Auto und führte durch eine grüne Hügellandschaft, die sich immer mehr von allem Städtischen entfernte. Wenn er als Kind mit seiner Mutter zu den Großeltern gefahren war und aus dem Zugfenster geschaut hatte, hatte er sich immer vorgestellt, sie würden eine Zeitreise machen und direkt ins Mittelalter hineinfahren. Im Städtchen, das Mutscheid am nächsten lag und in dem sie in den Bus umsteigen mussten, gab es tatsächlich eine Burg, eine alte Stadtmauer mit hohen, massiven Toren, und lauter spitzgieblige Fachwerkhäuser, die den Bach säumten, der mitten hindurch floss. Im Dorf der Großeltern jedoch, mit seinen gut hundert Einwohnern, war von all dem nichts mehr zu spüren. Hier waren nur noch Felder und Wege und der Wald, den Felix zusammen mit seinem Großvater auf der Suche nach Rittern, Pilzen, Feuersalamandern und essbaren Früchten durchstreift hatte. Als er jetzt aus dem Bus stieg, war das alte Kindheitsgefühl sofort wieder da. Felix atmete tief durch. Hier war er vor allem eines: Weit weg von allem.

Als er das wie immer unverschlossene Haus der Großeltern betrat, umfing ihn der vertraute Geruch und eine große Stille. Sie waren noch beim Mittagsschlaf. Felix stellte vorsichtig seinen Rucksack ab und schlich ins Wohnzimmer, um zu schauen, ob sie sich dort niedergelassen hatten. Da stand nur ein Kuchen auf dem Tisch. Er ging die Wände entlang und betrachtete alles, was dort hing, die Bilder, die der Großvater gemalt hatte. Der einsame Reiter durch die russische Steppe war eines seiner Selbstporträts, das liebte der Großvater am meisten. Daneben Zeichnungen, getrocknete Blumen, verschiedene große und kleine Ikonen, das Metallkreuz mit dem abgeschrägten Balken, das ihm im Krieg das Leben gerettet hatte, dazwischen auf einem Bord getöpferte Vasen und Becher. Das Museum ihres Lebens, ging es Felix durch den Kopf, dann ließ er sich in einem der abgewetzten Sessel nieder. Sie wollten nichts Neues, Moderneres. „Lohnt sich doch nicht mehr“, war seit Jahren der Standardspruch der beiden Alten, „das alles sind wir.“ Auf dem kleinen Tischchen neben dem Sofa stand er selbst in vielen verschiedenen Versionen, als Baby und Kleinkind, mit gebrochenem Arm und Eis in der Hand, mit Schultüte und in Badehose mit Wettkampfmedaille um den Hals. Felix drehte das Bild um. Schmerzlich wurde es ihm wieder bewusst. Er war eine Enttäuschung. Ein Versager, ein mühsam zusammengehaltenes Jenga-Spiel. Sie wussten es nur noch nicht. Draußen vor dem Fenster bewegte sich etwas. Erst da sah er, dass die Großeltern dort unter den Bäumen auf ihren Holzliegen lagen, zugedeckt mit graugrün karierten Decken, perfekt der Umgebung angepasst. Oma drehte sich zum Wohnzimmerfenster um und winkte ihm zu. Wie hatte sie nur gemerkt, dass er da war?

19

„Wir vereinsamen hier noch ohne dich.“

Felix nippte am heißen Tee und verstand sehr gut, was sie meinte. Endlich mal Abwechslung! Die Großeltern vereinsamten hier in diesem Dorf nämlich keineswegs. Jeden Tag kamen Freunde, Nachbarn, ehemalige Schüler oder verirrte Wanderer auf einen Schwatz vorbei oder weil sie sich Rat erbaten in den verschiedensten Dingen des Lebens. Oma Grete war noch ganz schön aktiv, ging zur Gymnastik, fuhr ins Schwimmbad, bemalte Gläser oder kochte Obst und Gemüse ein. Langeweile war ein Fremdwort für sie. Allerdings war sie auch zwanzig Jahre jünger als Opa Wolf. Mit seinen weit über neunzig Jahren war er im Laufe der Zeit immer kleiner und hutzliger geworden. Immer öfter schlief er tagsüber in seinem Sessel ein. In seine Töpferwerkstatt im Keller ging er kaum mehr. Das war einmal Felix’ Lieblingsort gewesen und er hatte sich gewünscht, dass der Großvater ihm das Töpfern beibrächte. Doch je mehr er Schwimmen gegangen war, desto weniger Zeit hatte er gehabt, nach Mutscheid zu fahren.

„Was macht die Schule? – Hast du deine Zeichnungen dabei? Gibt es neue? – Wie geht es deiner Mutter? – Hast du genug Platz im Rucksack, dann gebe ich dir ein paar Gläser eingemachte Kirschen mit!“ Oma Grete war für ihre vielen Fragen bekannt. Sie wollte das Gespräch stets am Laufen halten und möglichst viel über sein Leben in der fernen Stadt erfahren, in die sie nur noch sehr selten kam. Felix beantwortete die Fragen kurz und knapp und berichtete das Nötigste, damit er möglichst schnell wieder in den großelterlichen Kosmos eintauchen konnte.

„Habt ihr schon überlegt, wen ihr zu Opas Geburtstag einladen wollt?“ Es war nicht schwer, ein Gesprächsthema zu finden, das in harmlosere Gebiete führte und Oma und Opa waren schnell bei der Sache und gerieten in Aufregung über das bevorstehende Fest.

„Der Schützenverein wird sicher vor der Tür stehen und ein Ständchen bringen, aber die können wir nicht auch noch alle einladen“, fiel Oma Grete ein. „Einen Schnaps müssen sie allerdings bekommen, da müssen wir dran denken. Kannst du das mal aufschreiben bitte!“

Felix holte Zettel und Stift. Nichts leichter als das. Sie planten, aßen Kuchen und taten bald das, was sie immer taten, wenn Felix zu Besuch war. Die Großeltern zeigten ihm den Garten, diskutierten, was sie für ihn kochen könnten, stöhnten über ihre alten Knochen und darüber, was eigentlich an ihrem Haus alles gemacht werden müsste. Sie kramten das abgegriffene Mensch ärgere dich nicht-Spiel hervor, freuten sich über jeden Spielstein, den sie rauswerfen konnten oder stritten sich abends bei einer Rateshow im Fernsehen über die richtigen Antworten, bevor der Moderator den Streit entschied.

„Das Holz hacke ich dann morgen früh!“

Oma Grete nickte. „Magst du mal den Wolf in sein Bett bringen? Dann räume ich noch die Küche auf.“

20

Der Großvater nahm Felix’ Hand und ging in kleinen Trippelschritten mit ihm über den großen Flur bis in sein Zimmer.

„Mach das Fenster weit auf“, bat er, „damit ich im Wald schlafen kann.“

Felix musste lächeln. Der Opa und sein Wald!

„Fühlst du dich dann wieder wie in Russland?“ Opa Wolf, der mit erstaunlicher Geschwindigkeit seine Klamotten ausgezogen hatte und gerade in Unterhemd und langer Unterhose unter die Bettdecke kroch, sagte: „Ein bisschen.“

Dann winkte er Felix zu sich heran auf die Bettkante. Er nahm seine Hand und schaute ihn aus seinen blauen Augen an.

„Hast du Kummer?“

Felix musste schlucken. So ein altmodisches Wort! Die blöden Tränen ließen sich einfach nicht zurückhalten. Er wusste nicht, ob der Opa ihn zog oder ob er von allein auf seinen Arm sank. Als er sich wieder aufsetzte, sah es so aus, als würde Opa Wolf schlafen. Er wollte seine Hand loslassen, aber da merkte er, dass er sie festhielt.

„Kannst du nicht drüber reden?“

Felix schüttelte den Kopf. Die kleine alte Hand des Großvaters drückte seine wieder. „Verstehe ich. Manchmal sind Worte zu klein.“

Felix wischte sich mit der freien Hand die Tränen aus den Augenwinkeln.

„Du schaffst das.“

21

Ich sitze auf dem Baumstumpf, auf dem ich gerade noch das Holz gehackt habe, das Beil zwischen meinen Füßen. Mir tun die Arme weh, aber es tut so gut, das Beil über den Kopf zu heben und dann mit voller Kraft in das Holz zu schlagen und es klein zu hauen. Alles, alles kann man damit klein hacken. Jetzt sitze ich hier und schaue über das Dorf mit seinem weißen Kirchturm, der wie ein Bleistift in die Höhe ragt. Muss sich immer alles in sein Gegenteil verwandeln? Können wir gar nicht anders, als schuldig zu werden? Kommen wir schon so auf die Welt? Aber wie wird man das wieder los? Schlafen geht hier so gut wie schon lange nicht mehr. Am liebsten würde ich bleiben. Dann hat Opa Wolf immer jemanden zum Holzhacken im Haus und muss nicht warten, bis einer der Nachbarn mal Zeit hat. Und ich könnte Oma Grete im Garten helfen. Morgens fahre ich mit dem Bus in den nächstliegenden Ort, dort gibt es auch ein Gymnasium. Vielleicht hat Alva ja mal Lust, mich zu besuchen.

22

„Felix, wir müssen los, sonst verpasst du den Bus. Der fährt heute nur einmal in der Stunde.“ Felix nahm seinen Rucksack und gab Opa Wolf seine schmerzende Hand. Auf der Innenfläche hatten sich zwei Blasen gebildet.

„Komm bald wieder“, sagte der Großvater, „hier ist immer Platz für dich.“

Kurze Zeit später stand er mit der Großmutter an der Bushaltestelle.

„Noch fünfzehn Minuten“, sagte sie mit schuldbewusster Stimme, „wie immer zu früh! Komm, lass uns noch eine Runde durchs Dorf gehen.“

In fünfzehn Minuten hätte man locker auch zwei Runden geschafft. Felix war es recht, geduldig hörte er sich an, wer gestorben war, was die Nachbarn machten und wann der Chor das nächste Konzert geben würde. Alles hatte seine Ordnung.

„Schau mal da drüben“, sagte sie und wies auf ein Haus am Dorfrand, „der alte Hof von Meiers Dietrich ist wieder vermietet. Stell dir mal vor!“

Felix schaute hinüber und betrachtete das Haus und die Wiesen, die es umgaben. Er erinnerte sich so gut daran, wie er dort in der windschiefen Scheune des alten Dietrich mit den anderen Kindern des Dorfes herumgeklettert war. Obwohl es strengstens verboten war, waren sie dort vom obersten Balken ins frische Heu gesprungen, immer und immer wieder. Das Heu roch so gut, man konnte einfach nicht genug davon bekommen.

Plötzlich stutzte Felix, als er den Zaun des Hofes betrachtete. Merkwürdige bunte Zeichen schwebten dort auf den hölzernen Latten herum.

„Sag mal, Oma, was ist das denn? Sind das Buchstaben?“

Die Großmutter lachte. „Da wohnt jetzt eine Künstlerin. Die steckt diese großen bunten Holzbuchstaben jede Woche in anderen Kombinationen auf ihren Zaun. Kannst du lesen, was da steht?“ Felix strengte seine Augen an. Was hängt wie zusammen?, las er. Ein Stückchen weiter stand: Wie weit reichen deine Worte? Auch auf eines der Fenster war in großen Buchstaben ein Satz gemalt: Wann beginnt das Ende? Verrückt! Plötzlich sahen sie, dass am Dorfeingang der Bus auftauchte und beeilten sich, rechtzeitig zur Haltestelle zu kommen.

23

Felix stieg aus dem Zug und fühlte sich sofort entsetzlich müde und erschöpft. Das ganze Wochenende war es ihm nicht so gegangen. War das immer noch vom Holzhacken? Auf die S-Bahn musste er nicht warten und war zehn Minuten später in seinem Vorort. Als er die Station verließ, traf er auf dem Platz davor auf Juri, der mit seinem Fahrrad immer die gleichen Runden drehte. Als Juri Felix aus dem Gebäude kommen sah, sprang er vom Sattel und ließ das Rad, wie immer, allein weiterlaufen, bis es von irgendeinem Gegenstand gestoppt wurde oder einfach umfiel. Ein Fußgänger musste ausweichen und schimpfte ins Leere, denn er hatte nicht gesehen, wer das Rad einfach losgelassen hatte. Juri blieb breitbeinig vor Felix stehen.

„Warst du in Amerika?“, rief er. „Warum hast du mich nicht mitgenommen?“

Felix lächelte gequält.

„War es nicht schön?“

Warum konnte der Mongo ihn nicht einfach in Ruhe lassen?

„Du hast wohl keine Lust auf zu Hause, was?“

Scheiße, Felix wollte ihn nicht so nennen.

„Soll ich dich ein Stück auf meinem Fahrrad mitnehmen?“

Felix sah hinüber zum Rand des Platzes, wo das Rad im Grünzeug hängen geblieben war. „Aber nur, wenn du nicht wieder wie ein Kamikaze-Pilot einfach abspringst!“

„Okay!“ Juri hob seinen Daumen, lief hinüber zu seinem Fahrrad und pflückte es aus dem Gebüsch.

Felix schwang sich auf den Gepäckträger. „Alles klar, Juri, fahr los!“

24

Monday, Monday … Würde das ein guter Tag werden? Montage sind eigenartig, ganz anders jedenfalls als andere Wochentage. Sie sind der Einstieg in eine lange Zeitstrecke, von der man nicht weiß, wie sie im Einzelnen aussehen wird. Okay, man weiß, dass am Ende Freitag ist, aber das ist auch alles. An einem Montag kann man sich auf den Rest der Woche freuen oder ihn fürchten. Schlimmer finde ich es, wenn man weder das eine noch das andere tut. Dann ist der Montag wie ein vereister See, den man betritt und nicht weiß, wo die dünnen Stellen sind. Die, an denen man einbricht. Darüber muss ich gerade nachdenken, als ich den Geranienweg verlasse und Richtung Schule abbiege. Denn es ist doch so: Würde ich einen Kalender besitzen, hätte da bisher fast an jedem Tag „Training“ gestanden. Aber das brauchte ich mir nicht aufzuschreiben, denn es war ja schon jahrelang so. Es war einfach in meinem Kopf. Jetzt ist da ein schwarzer Fleck. Zugesperrt und vernagelt. Betreten verboten. Ich frage mich: Was mache ich jetzt mit diesen ausradierten Stellen in meinem Kalender? Ganz schön viel Zeit, die sich da plötzlich auftut. Vor allem muss ich wegen Mama aufpassen. Sie wird es nicht akzeptieren, dass ich nicht mehr schwimmen gehe. Ich muss mir also etwas einfallen lassen. Meinte Opa das mit seinem: „Du schaffst das schon“?

25

„He, Felix, guten Morgen! Schläfst du noch?“

Er drehte sich nach der Stimme hinter ihm auf dem Gehweg um.

„Alva!“

„Ich hab dir vorhin an der Ecke schon gewunken, aber du hast überhaupt nicht reagiert. Wie war dein Wochenende?“

Oh, Alva, hüll mich ein mit deiner schönen Stimme. Ich könnte dir stundenlang zuhören. Aber frag nicht nach mir, ich hab doch gar nichts zu sagen. Für einen Moment gibt mir deine Stimme das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Aber ich bin doch nur ein dreckiges kleines Nichts. Wenn ich von der Seite deine unglaublichen Haare anschaue, erklingt ein Ton in meinem Inneren, so als würde man ein Glöckchen anschlagen. Diese Farbe! Nicht blond, nicht braun und schon gar nicht rot, aber so eine Mischung aus allem. Doch du musst verstehen, das werde ich dir niemals sagen können. Ich bin einfach viel zu scheiße für dich.

„Felix?“

„Oh, sorry.“

„Stör ich dich?“

„Ne, gar nicht, tut mir echt leid, ich war grad so in Gedanken. Mein Wochenende? War okay, ich war bei meinen Großeltern und hab Holz gehackt.“

„Das ganze Wochenende Holz gehackt? Ganz schön sportlich!“

„Na, ja, nicht ununterbrochen, nur ein bisschen. Sonst halt so das Übliche.“

Spielte Alva jemals Mensch ärgere dich nicht?

„Und wie sind die so?“

„Wer?“

„Na, deine Großeltern?“

Ich bin echt so saublöd!

„Ja, die sind total super. Echt nett. Mein Opa, der ist voll der Russlandliebhaber. Er war da im Krieg und anschließend war er nur noch Fan von diesem Land. Er kann richtig ins Schwärmen geraten, wenn er anfängt, davon zu erzählen.“

„Wirklich? Dabei waren das doch die Feinde.“

„Ja, stimmt, aber irgendwie hat er wohl kapiert, als er dort war, welchen Scheiß ihm die Nazis über die Russen eingeredet hatten.“

„Cool. Aber hat er denn nicht gegen die Russen gekämpft?“

„Mein Opa war Meldereiter, also, der war die meiste Zeit allein mit dem Pferd unterwegs und hat irgendwelche Nachrichten von einer Stellung zur nächsten gebracht. Später war er dann in Russland in Gefangenschaft.“

„Wie alt ist denn dein Opa? Ich kenne überhaupt niemanden, der Soldat im Zweiten Weltkrieg war.“

„Wir feiern im Sommer seinen Hundertsten.“

„Echt? Ist ja unglaublich! Was der alles erlebt hat. Im Krieg war sicher alles ganz schön hart. Vielleicht gab es für ihn gar keine andere Möglichkeit, als dieses Russland zu lieben, damit er das alles aushalten konnte.“

„Also, du meinst, man muss seine Feinde lieben oder so ähnlich? So ein Quatsch! Seine Feinde muss man hassen, so richtig hassen und in Stücke hauen!“

„Ey, ey, ey! Was ist denn mit dir los? Du bist ja total aggro!“

Felix zuckte mit den Schultern.

„Ich mein ja nicht die Russen. Die richtigen Feinde.“

26

Ich weiß auch nicht, was los ist und warum ich plötzlich so hochgekocht bin. Mein Gott, wahrscheinlich denkt Alva jetzt, dass ich den ganzen Abend immer nur Ballerspiele am Computer spiele und gar nicht mehr davon loskomme. Das denken doch alle immer sofort, wenn man erwähnt, dass das durchaus ab und zu mal Spaß machen kann. Dabei spiel ich das ja gar nicht besonders oft. Und da geht’s auch gar nicht um die Feinde, sondern um Geschicklichkeit. Aber das kapiert ja eh keiner von denen, die immer darüber meckern und sofort Angst kriegen, wenn davon die Rede ist. Auf jeden Fall hab ich keinen guten Eindruck bei Alva hinterlassen. Kann mir auch egal sein. Hab eh keine Chance. Aber sie ist natürlich viel zu nett, um mir das deutlich zu zeigen. Vielleicht sollte sie sich lieber an Marius halten. Da ist er ja. Wieso hängt der hier am Schultor rum?

„Hi, Marius, wie läuft’s?“

Sonst ist er doch immer einer der ersten in der Klasse. Wie der heute wieder rumläuft, in dieser schlabbrigen Jeans und der abgewetzten Jacke! Aber die Haare gegelt und gestriegelt. Man sieht doch gleich, dass er eigentlich ein Schönling ist, der nur so tut, als wäre er ein Nerd. Ich frage mich, was der sonst noch verbergen will.

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
01 grudnia 2025
Objętość:
171 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783702659608
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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