Czytaj książkę: «Anleitung zum Träumen»

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Anleitung zum Träumen

von

Brigitte Holzinger

Anleitung zum Träumen

von Brigitte Holzinger

ISBN ebook: 978-3-9679943-0-8

zweite Auflage, überarbeitete Fassung

Kunstwerk Titelbild: Marianne Steinberg

Umschlag: Marin Abrashev

Konzept: Brigitte Holzinger

Original Erstausgabe

ISBN: 978-3-608-86008-5

erschien bei Verlag: Klett-Cotta

ISBN der Printausgabe: 978-3-9501952-4-8

Neue Kapitel enthalten Elemente der

Schlafcoaching(Holzinger-Klösch)® Methode

Copyright © 2019 Brigitte Holzinger

Inhalt

Vorwort

Gesunder Schlaf für bessere Träume – Bessere Träume für gesünderen Schlaf

Schlafcoaching (Holzinger – Klösch)®

Grundlagen des Schlafes

Schlafedukation und dessen Wurzeln in der Kognitiven Verhaltenstherapie

Entspannungsmethoden wie Hypnose und Meditationstechniken

Traumspuren, Oder: Wie wir unseren Träumen näher kommen

Teil 1: Einige Grundregeln

Wie erinnert man sich am besten?

Übung: Träume erinnern und erspüren

Teil 2: Der zweite Schritt – Traumarbeit re-dreamed

Was träumen in anderen Kulturen bedeutet

Worauf wir zurückgreifen, wenn wir uns mit Träumen befassen

Träume deuten:

Sigmund Freud (1856 – 1939) und Carl Gustav Jung (1875 – 1961)

Sigmund Freud

Carl Gustav Jung

»Neuronenfeuer« – Was wir über unser träumendes Gehirn wissen

Im Gespräch mit Allan Hobson

Der Schlafzyklus

Die Physiologie des REM-Schlafs unter besonderer Berücksichtigung des Träumens

Traumarbeit in der Gestalttherapie

Übung: Träume fühlen

Wie sich der Körper in unseren Träumen ausdrückt

Übung: Auf die »Körpersprache« eines Traumes achten:

Luzides Träumen Innere Weitung oder die Eroberung der Traumumgebung

Übung: Das nächste Mal, wenn ich träume, weiß ich, dass ich träume…

Wie man Albträume bändigen und bewältigen kann

Luzides Träumen – eine Technik zur Bewältigung von Albträumen

Übung: Albträume zähmen

Übung: Aus Träumen schöpfen

Epilog

Literatur *

Vorwort

Dieses Buch soll in erster Linie Freude machen – den Lesern beim Lesen (hoffentlich), vor allem aber beim Träumen. Ich muss zugeben, dass ich beim Recherchieren und beim Schreiben dieses Buches selber über weite Strecken große Freude empfunden habe. Meine Interviewpartner haben maßgeblich dazu beigetragen: Sie waren eine große Inspiration!

Dafür danke ich allen von Herzen: den Wissenschaftlern, den Kreativen und den Träumern!

Alle Träume, die ich in diesem Buch schildere, sind mir wirklich im Lauf der Jahre erzählt worden. Alle Träumer haben mir ihr Einverständnis gegeben, dass ich sie in diesem Buch veröffentlichen darf. Manche hatten sogar den Eindruck, dass sie es der Welt schuldig sind, ihr Wissen und ihre Erfahrungen über das Träumen anderen zugänglich zu machen. Aber um persönliche Grenzen und die Integrität der Person zu wahren, sind die TräumerInnen anonymisiert worden und kommen entweder ohne oder mit falschem Namen vor. Die WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen, die Kreativen, sind allerdings mit richtigem Namen, korrekter Funktion und weitestgehend wörtlich zitiert.

Danken möchte ich noch einigen Leuten: allen voran meiner Freundin, Marguerite Kurz, die mich über viele Jahre hinweg inspiriert und unterstützt hat; allen KollegInnen aus der Schlafmedizin und der Traumforschung, ohne deren Arbeit wir nicht wüssten, was wir heute über Schlaf und Traum wissen, besonderer Dank gebührt Gerhard Klösch, der seit vielen Jahren das Institut für Bewusstseins- und Traumforschung mit mir leitet und ohne dessen Genauigkeit und Liebe zum Thema unsere Arbeiten nie möglich gewesen wären; ein großes Danke auch an alle KollegInnen aus der psychotherapeutischen Szene und ein großes Danke an alle Freunde, mit denen im Gespräch Ideen geflossen sind, an Larissa und besonders an meinen geduldigen Freund Andy Hill, der mir zum Schluss noch einige Formulierungen eingegeben hat. Diese Gelegenheit möchte ich außerdem nützen, dem Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank zu danken, der unsere Arbeit mit den Finanzen der Forschungsförderung überhaupt erst möglich gemacht hat. Danke auch an das Klett-Cotta-Team.

Dieses Buch richtet sich an Leserinnen und Leser, die mit ihren Träumen umgehen wollen, sich Tipps holen und sich inspirieren lassen wollen. Die einzelnen Kapitel geben meine höchstpersönlichen Zugänge wieder.

Ich versuche in diesem Buch, meinen Zugang zum Träumen und was uns Träume schenken können darzustellen, und erhebe damit nicht den Anspruch, allumfassend allem, was so existiert zum Thema Traum, gerecht werden zu wollen oder zu können.

Manchmal ufere ich vielleicht ein wenig aus, aber richtig in esoterische Untiefen einzutauchen, vermeide ich, denn mir persönlich geben der psychologisch-psychotherapeutische und der naturwissenschaftliche Boden mehr Halt.

Nichts stellt Kontakt eher her und mit kaum etwas anderem wird man auch offener, offener für Einflüsse von außen wie mit einer Traumerzählung und einem Gespräch. Es schafft Kontakt, oder, wie der Psychotherapeut oder die Psychotherapeutin sagen würde, »Rapport« und zwar direkt, tief und schnell! Einander Träume mitzuteilen verbindet! Es ist kaum vorstellbar, dass man einander Träume mitteilt, in Ruhe und mit Respekt und Achtung, und dass man sich danach aggressiv und zerstörerisch begegnen könnte. Man öffnet sich, teilt seine verwundbare, fragile, kindliche, oft lustige und humorvolle Seite mit.

Meine Thesen gründen in der Gestalttheorie, so habe ich ja auch einen meiner größten Mentoren kennengelernt, Paul Tholey. Er hat aus der Gestalttheorie heraus das Klarträumen entwickelt. Die Gestalttheorie ist eine Erkenntnistheorie, die sich mit der Gestaltpsychologie entwickelt hat. Die Gestaltpsychologie ist jedem jedenfalls über Bilder bekannt: die sogenannten Kippbilder oder Vexierbilder, die alte und die junge Frau zum Beispiel. Gestaltpsychologie und Gestalttheorie gehen davon aus, dass es eine Wirklichkeit gibt, die uns letztlich verborgen bleiben muss, an die wir uns aber annähern, einerseits über Wahrnehmen, über das Phänomen und damit das Phänomenale, und andererseits über das Erfassen der Dinge über Mathematik und Physik, die der Naturwissenschaft also. Beide Zugänge werden als gleichwertig gepflegt!

Das beschreibe ich deshalb so genau, weil mir diese Art zu denken, gerade wenn es um Traumforschung geht, sehr geholfen hat. Von dieser Warte aus gibt es keinen Graben zwischen naturwissenschaftlichen Zugängen und psychodynamischen Erklärungen und Denkarten, denn sie können plötzlich gleichberechtigt koexistieren und haben beide Wertvolles beizutragen. Traditionell ist es für Psychiatrie und Psychotherapie eine große Schwierigkeit, die Kluft zwischen den naturwissenschaftlichen Erklärungen und den psychotherapeutisch-psychodynamischen Zugängen zu überbrücken. Diese Kluft hat Hass und Neid, gegenseitiges Ignorieren und tiefe Grabenkämpfe verursacht und u. a. auch dazu geführt, dass in der Traumforschung die meisten Repräsentanten entweder ins Feld der Naturwissenschaften oder ins Feld der Psychodynamik, des Erlebens, gehören. So werden sie jedenfalls wahrgenommen.

So wird etwa Allan Hobson, ein weiterer wichtiger Mentor von mir, der mich auf allen Ebenen der Traumarbeit unglaublich inspiriert, wenn nicht geprägt hat – ein ganz großes Danke an Allan Hobson –, als Reduktionist, Freud-Kritiker und strikter Naturwissenschaftler rezipiert. Er hat sich zum Teil auch selber so platziert. Die wenigsten wissen aber, dass er selber klarträumt und ein Interesse am Klarträumen – wissenschaftlich und persönlich – hat und dass er selber als Psychotherapeut gearbeitet hat, dass er jetzt in seinen späteren Lebensjahren sein Anwesen in ein Traummuseum umgewandelt hat und dort die erste Wanderausstellung zum Thema Schlaf, aber vor allem REM-Schlaf und damit dem Träumen, allen, die sie sehen wollen, zur Verfügung stellt. Diese Wanderausstellung hat er vor etwa dreißig Jahren mit seinem Team kreiert.

So also ist die Landschaft, die man im Hintergrund mitdenken muss, bei allen Themen, die uns heute beschäftigen. Letztlich ist es das berühmte Leib-Seele-Problem, das uns jetzt schon viele Jahrhunderte begleitet. Ich glaube, dass uns auch beim Thema Traum, wie bei vielen interessanten Gegenständen, eine Mehrdimensionalität unseres Denkvermögens abgeht, mit der wir manches besser verstehen und erklären könnten. Jetzt könnte man sagen, dass man, worüber man nicht ausreichend denken kann, schweigen sollte. Aber ich glaube sogar, dass uns das Träumen, das Phänomen Traum, REM-Schlaf und was sonst noch in den Themenkreis gehört, sogar helfen kann, die Fähigkeit zu entwickeln, einen kleinen Blick in diese Vieldimensionalität zu werfen.

So sind also alle meine Gedanken und Zugänge zum Thema immer auch vor dem Hintergrund der dazugehörigen Physiologie entstanden – was passiert im Körper, wenn wir träumen, und von welcher körperlichen Grundlage ist auszugehen, wenn wir uns mit dem Träumen befassen.

Vielleicht war John Lennon mit seinem wunderbaren Lied »Imagine«, das viele Jahre mein Lieblingslied war, viel mehr Visionär, als uns klar war, wenn er uns in der dritten Strophe erzählt:

You may say I’m a dreamer

But I’m not the only one

I hope someday you’ll join us

And the world will be as one

Kapitel 1:

Gesunder Schlaf für bessere Träume – Bessere Träume für gesünderen Schlaf
Schlafcoaching (Holzinger – Klösch)®

Als auf Schlaf und Träume spezialisierte Psychotherapeutin habe ich mich und mein Institut für Bewusstseins- und Traumforschung selbstverständlich dazu verpflichtet, Patienten zu helfen, die an den vielen unterschiedlichen Arten von Schlafstörungen leiden. Ein ungesundes Schlafmuster beeinträchtigt sowohl die physische als auch die psychische Gesundheit derjenigen, die darunter leiden, stark, und diese Problematik wird bei der Diagnoseerstellung bedauerlicherweise allzu oft nicht in Betracht gezogen.

Aus diesem Grund haben Gerhard Klösch und ich das Programm “Schlafcoaching (Holzinger – Klösch)®” entwickelt, das jetzt an der Medizinischen Universität Wien gelehrt wird und diejenigen adressiert, die im Rahmen ihrer medizinischen Tätigkeit mit Patienten in Berührung kommen können, die an Erkrankungen leiden, welche mit Schlafstörungen in Verbindung gebracht werden können. Langfristig ist mein Hauptziel, dass nicht nur die Symptome von Schlafstörungen, sondern auch die grundlegenden Ursachen der Schlafstörungen, die zur gesundheitlichen Beeinträchtigung geführt haben, adressiert und behandelt werden. Dies ist bei Herz-Kreislauf oder bei Magen-Darm-Erkrankungen oft der Fall, um nur einige prävalente Beispiele zu nennen, bei denen oftmals außer Acht gelassen wird, dass eine Schlafstörung Ursache der Erkrankung sein kann.

Diese Methodik des Schlafcoaching baut auf dem grundliegenden Gedanken der Gestalttherapie auf, nach dem das Ich (der Menschen) in Folge der Interaktion mit der Umgebung, dem „Feld“, entsteht. In diesem offenen Rahmen inkludiert Schlafcoaching vier Elemente, die Schlafstörungen aufdecken und behandeln. Unsere vier Elemente, die sich in der Welt der Gestalt Therapie frei entfalten (können), sind die folgenden:


- Schlafedukation und das Wissen um den Schlaf
- Schlaftraining mit den Wurzeln in der Verhaltenstherapie (Cognitive Behavioral Therapy)
- Entspannungsmethoden wie Hypnose und Meditationstechniken
- Traumarbeit mit Hauptaugenmerk auf einer gestalttherapeutischen Annäherung

Ein sehr wichtiger Aspekt und Vorteil der Schlafcoaching Methode ist die rasche Wirkung, und die damit einhergehende Verbesserung der Schlafqualität der von Schlafstörungen Betroffenen. Dies befreit Betroffene rasch von den negativen psychologischen und physiologischen Auswirkungen von ungesundem Schlaf. Schlafcoaching wirkt sich auch langfristig aus und hat daher eine nachhaltige positive Wirkung auf die Lebensqualität.

In diesem Buch werde ich mein Hauptaugenmerk auf Traumarbeit richten, das Element der Schlafcoaching-Methode, die die Langfristigkeit der Behandlung sichert. Mittels vieler Beispiele und Übungen werden wir entdecken, wie wir, indem wir unserem inneren Selbst und unseren Träumen mehr Aufmerksamkeit widmen, zu mehr Ausgeglichenheit finden und infolge dessen ein gesünderes und glücklicheres Leben führen können.

Basis der Traumarbeit sind selbstverständlich die Träume, die nur während des Schlafes entstehen können. Demnach müssen wir zunächst ein besseres Verständnis für die Abläufe des Schlafs entwickeln und den Zusammenhang zwischen Schlaf und Träume aus Sicht des heutigen Stands der Wissenschaft beschreiben; danach können wir uns damit befassen, was gesunder Schlaf ist, wie ungesunder Schlaf uns beeinträchtigt, und wie wir aktiv dazu beitragen können, unsere Schlafqualität zu verbessern und unsere Träume besser zu erinnern.

Grundlagen des Schlafes

Wir alle leben unserer inneren Uhr entsprechend, dem sogenannten zirkadianen Rhythmus. Diese innere Uhr ist es, die dazu führt, dass wir zu gewissen Zeiten hungrig sind, sie bestimmt über unsere Konzentrationsfähigkeit und lässt unsere Körper wissen, wann wir uns ausruhen und Schlafengehen sollten. Der zirkadiane Rhythmus ist von Mensch zu Mensch verschieden und macht einige von uns zu sogenannten „Eulen“, andere wiederum zu „Lerchen“.

Wir sind Rhythmus, den ganzen Tag über – Der zirkadiane Rhythmus, wie der Name bereits impliziert, dauert ‘circa a day’ (24 Stunden). Es gibt jedoch noch viel mehr Rhythmen in unserem Leben, einige länger, einige kürzer. Der Mensch ist wie Musik und besteht nahezu aus den unterschiedlichsten Rhythmen, vom Herzschlag bis zum Schlaf. Ein anderer für den Schlaf maßgeblicher Rhythmus ist der so genannte BRAC – basic rest activity cycle – der grob 90 Minuten lang ist und uns sowohl durch die Nacht als auch durch den Tag begleitet. Er kann während des Schlafes gut aufgedeckt werden und drückt sich in unterschiedlichen Schlafphasen aus: diese werden nun REM-Schlafphase (R) und Non-REM Schlafphasen (N1 – N3) genannt.

Die erste Schlafphase besteht aus einem sehr leichten Schlaf (N1). Dieser dauert in etwa 5 bis 10 Minuten: unsere Beine und Arme fühlen sich schwerer an, wir entspannen uns und gleiten schließlich in die zweite Schlafphase (N2), und dann in die dritte (N3), auch Tiefschlaf genannt. Atmung, Herzschlag und Hirnwellen verlangsamen sich. In dem ersten BRAC der Nacht erreichen wir recht schnell die Tiefschlafphase, in etwa nach 20 Minuten. Während des ersten “Schlafzyklus” bleiben wir in etwa für eine Stunde im Tiefschlaf – so ist es, wenn wir gesund und unter 50 Jahre alt sind. Soweit wir es wissen, haben wir noch nicht geträumt, zumindest haben wir keinen dieser lebhaften Träume erlebt, die typisch für die REM-Schlafphase sind. Kehren wir zurück zur Schlafphase N2, werden wir jetzt natürlich nicht in die Einschlafphase, sondern stattdessen in die REM-Schlafphase gehen.

Wir beginnen also nach etwa 90 Minuten Schlaf zu träumen - am Ende unseres ersten BRAC. An diesem Punkt träumen wir nicht lange. Die meisten Menschen wachen nach dieser ersten REM-Schlafphase auf, merken es aber nicht, und schon beginnt ein neuer BRAC.

Das Schlafmuster ändert sich ein wenig im Laufe der Nacht. Wir schlafen zunehmend weniger tief (tatsächlich erleben wir Tiefschlaf (N3) nur während der ersten 3 BRACs der Nacht), während die REM-Schlafphase sich im Laufe des Schlafes verlängert. Im letzten BRAC der Nacht kann die REM-Schlafphase bis zu 45 Minuten lang sein. Das ist lang genug, um ganze Universen in unseren Träumen entstehen zu lassen! Leider erinnern wir uns nicht an all diese Entstehungswunder.

Wachen wir jedoch während oder genau nach diesem REM-Schlaf auf, scheint es, dass wir diese Träume besser erinnern. Es geht also darum, das genaue Timing für das Aufwachen zu setzen! Manchmal reicht es, den Wecker auf nur 10 Minuten früher zu stellen, um die Träume zu erinnern. Daher: Den eigenen BRAC-Rhythmus zu kennen kann der Schlüssel dazu sein, die eigenen Träume besser zu erinnern. Jeder sollte diesen optimalen Aufwachzeitpunkt für sich selbst entdecken, indem er vor dem Schlafengehen auf die Uhr schaut und den Wecker versucht so zu stellen, dass er den REM-Schlaf erwischt. Natürlich funktioniert das nur für diejenigen unter uns, die regelmäßige Schlafrhythmen haben, aber ein Versuch lohnt sich allemal.

Wenn wir uns morgens nicht ausgeschlafen fühlen, liegt es oft daran, dass wir nicht genug Tiefschlaf erlebt haben, denn dies ist die Schlafphase, während der unser Körper sich regeneriert. Um mehr Tiefschlaf zu erleben, hilft es auch physisch müde zu sein. Für viele von uns, die in Büros arbeiten, ist es nicht leicht dies zu erreichen: der Geist wird müde, nicht aber der Körper, der nicht viel zu tun hatte. Trainieren ist eine sehr gesunde Lösung zu diesem Phänomen der modernen Zeiten, denn es bringt nicht nur unsere Körper dazu, Endorphine zu produzieren, die sogenannten „Glückshormone“, es hilft auch dabei, fit zu bleiben, reduziert daher das Risiko für Kardiovaskuläre Erkrankungen und wenn die Zeit zum Schlafengehen näher kommt, schlafen wir schneller ein und schlafen tiefer.

Trainieren hat auch einen anderen wichtigen Effekt: wenn unsere Körper wirklich müde sind, ist der Gedanke an ein warmes bequemes Bett weitaus verlockender. Hier möchte ich auf eine Schlafcoaching Lehre aufmerksam machen: den Augenblick des Schlafengehens zu zelebrieren. Es wirkt sich positiv aus, eine abendliche Zu-Bett-geh Routine zu entwickeln: z.B. das Licht dimmen, das Schlafzimmer lüften, einen Kräutertee trinken, einige Yoga Übungen machen, entspannende Musik hören… In dem man jeden Abend eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen dieser Routine nachgeht, werden sich Körper und Geist auf’s Schlafengehen einstellen und im Schlafmodus umstellen: die entsprechenden Hormone werden produziert und Vorfreude wird aufkommen, bei dem Gedanke einen guten, tiefen Schlaf und danach neue Traumabenteuer zu erleben.

Bildschirm Licht und grelle Beleuchtung sollten vor dem Schlafengehen vermieden werden, denn nicht nur der Inhalt dessen, was wir auf den Bildschirmen sehen, ist aufregend und Stress verursachend (Arbeitsthemen, Action-geladene Filme, Chats und so weiter), Bildschirme selbst verhindern durch den hohen Anteil an blauem Licht die Produktion von Melatonin, dem Schlafhormon.

Die Freude auf das Zu-Bett-Gehen und eine möglichst große Entspannung zu dem Zeitpunkt sind die Schlüssel sind die Schlüssel zu gesundem Schlaf und bessere Träume.

Schlafedukation und dessen Wurzeln in der Kognitiven Verhaltenstherapie

Wenn Schlaf nicht ganz natürlich wie von selbst entsteht, kann kognitive Verhaltenstherapie „Cognitive Behavioral Therapy for Insomnia“ (CBT-I) das perfekte „erste Hilfe Paket“ sein. CBT-I bietet einen großen Vorteil: rasche Hilfe. Das liegt daran, dass in der CBT-I nicht versucht wird, der Ursache für die Schlafstörung auf den Grund zu gehen, was oftmals sehr aufwendig ist. Stattdessen liegt das Hauptaugenmerk auf der Lösungsfindung, indem Verhaltens- und Denkmuster gelehrt werden, welche zu besserem Schlaf führen. Die oben erwähnte, tägliche zu-Bett-geh Routine ist Teil der CBT-I. Eine positive Sichtweise auf den Schlaf ist eine andere Methode, um Schlafstörungen entgegen zu wirken und diese zu entdramatisieren. “OK, diese Woche habe ich es geschafft, jede Nacht mehr als vier Stunden zu schlafen, das ist viel besser als letzte Woche!” ist ein weitaus positiverer Gedanke und eine bessere Sichtweise als “Nur vier Stunden pro Nacht! Ich werde es wohl nie schaffen, ausgeschlafen zu sein!”. Für von Albträumen betroffene Menschen wäre eine positive Annäherung, Neugierde über die Bedeutung der Albträume zu entwickeln anstatt sich auf die Angst zu konzentrieren, die sie verursachen.

Grundsätzlich: Entspannen Sie sich, freuen Sie sich auf den Schlaf, den Sie bekommen und freuen Sie sich auf die zukünftigen Träume, die daraus entstehen werden.

Entspannungsmethoden wie Hypnose und Meditationstechniken

Der Nutzen von Sport ist unbestreitbar, wie ich bereits oben erwähnte, aber am Abend sind viele Sportarten viel zu aufregend. Vor dem Schlafengehen brauchen unsere Körper Entspannung und Sie müssen sich beruhigen. Progressive Muskelentspannung ist eine gute Methode für diejenigen von uns, die eher dazu neigen, körperlich aktiv zu sein, während Autogenes Training diejenigen adressiert, die eher zu mehr Introspektion neigen. Diese beiden recht bekannten Methoden bieten den Vorteil rasch erlernt werden zu können und sie sind nicht so aufwendig, was es möglich macht, sie auch abends vor dem Schlafengehen auszuüben. Das Ziel ist es von einem aufreibenden Tag herunterzukommen und die Gedanken von Problemen wegzubekommen. Auch einen kurzen Spaziergang durch die Natur kann ausreichen, so lange die Gedanken auf die friedliche Umgebung gerichtet sind. (Einige Buddhistische Mönche praktizieren eine Form der Meditation, die bewusstes Gehen beinhaltet). Wesentlich ist es, seine eigene Geschwindigkeit zu wählen, keine Eile dabei zu empfinden, sich einfach nur der Freude hinzugeben, den Boden unter den Füssen zu spüren, den Weg zu betrachten, die Schritte zu beachten, die Dinge wahrzunehmen, die den Weg des Spazierganges kreuzen.

Unsere Atmung kann auch sehr hilfreich sein, um zu Entspannung zu finden. Unser Herzschlag verlangsamt sich jedes Mal wenn wir ausatmen ein wenig und er beschleunigt sich wieder ein wenig, wenn wir einatmen. Wenn wir uns dessen erst bewusst sind, dann wissen wir, dass doppelt so lange auszuatmen, als wir einatmen, schon in nur wenigen Minuten hilft, sich zu beruhigen und zu entspannen. Diese Technik hilft nicht nur sich vor dem Schlafengehen zu entspannen, sie kann auch tagsüber helfen, schnell stressgeladene Situationen zu überwinden.

Wir müssen jedoch berücksichtigen, dass einige schlafbezogene Störungen auf körperliche Probleme zurückzuführen sind, wie zum Beispiel Schlafapnoe, Restless-Legs-Syndrom und Hitzewallungen bei Frauen in den Wechseljahren. Wenn Sie anhaltende Schlafstörungen haben, kann es wichtig sein, ärztlichen Rat einzuholen. Sogar einige wiederkehrende Alpträume können das Symptom einer Krankheit sein, wie zum Beispiel das Erstickungsgefühl, das von Asthmatikern geträumt werden kann. Einige Screenings, wie zum Beispiel die Polysomnographie, der Multiple Sleep Latency Test und der Maintenance of Wakefulness Test, können helfen, mehr über die Ursachen von Schlafproblemen herauszufinden.

Der medizinische Ansatz sollte uns jedoch eines nicht vergessen lassen: Die Welt des Schlafes ist von Natur aus an die magische Welt der Träume gebunden und umgekehrt. Zusammen machen sie unser Leben interessanter und oft sogar ein bisschen mysteriöser. Unsere Träume mit Neugierde zu umarmen, verleiht unserem täglichen Leben die Würze, die es braucht.

Kapitel 2:

Traumspuren, Oder: Wie wir unseren Träumen näher kommen

Um mit Träumen umzugehen und mit ihnen zu »arbeiten«, gibt es viele verschiedene Wege. Zunächst muss man sie einmal erinnern. Träume zu erinnern ist keine Gottesgabe oder besonderes Talent, sondern Übungssache und Spiegel dessen, wie ernst man sie nimmt, wie wichtig sie einem sind und wie sehr man sie schätzt. Es gibt allerdings auch Lebenssituationen, in denen Träume sich aufdrängen. Dann wollen sie beachtet und gehört werden.

Aber wie können wir unseren Träumen näher kommen? In diesem Buch finden Sie Wege, die mir am effektivsten scheinen, zu Kreativität und zu sich selbst führen können und dem Träumen dabei auch noch gerecht werden.

Wenn man sich also der Traumwelt zuwendet und das Interesse groß genug ist, muss man sich von etwas verabschieden, das ursprünglich neugierig gemacht hat: nämlich, dass man den wahren Sinn des Traumes erkennen kann. Träume sind kreative, nächtliche Fantasien, auf einem anderen Boden als dem des Wachens gewachsen, nämlich dem des Schlafs, meistens dem des REM-Schlafs. Träume können zu bedeutenden Inhalten, Lebensereignissen, Verhaltensweisen, Zusammenhängen und zum Verstehen führen. Aber von vornherein den Anspruch zu haben, das Rätsel lösen zu können, führt mehr zu einem Wer-hat-Recht und damit einem Schulenstreit als zu innerer Weite oder innerem Wachstum.

Träume machen neugierig. Wir wollen das Rätsel lösen, wollen eine Botschaft erkennen, Führung erhalten, uns entwickeln und vielleicht sogar dem Göttlichen und der Erlösung näher kommen. Doch bei all unserem Wollen dürfen wir nicht vergessen, dass Träume Geburten unserer Köpfe, unseres Geistes, unserer Seele und unseres Körpers sind, auch wenn wir vielleicht daran glauben, dass das sogenannte höhere Selbst durch unsere Träume zu uns spricht, so sind Träume dennoch von uns geträumt.

Welchen Aspekt allerdings ein Traum berührt, kann nur vom Träumer selbst wirklich erfahren werden. Natürlich wollen wir wissen, was es bedeutet, vom Fliegen und Fallen, von Schlangen und Spinnen, von Wasser und Feuer oder anderen beliebten Traumthemen zu träumen. Selbstverständlich wollen wir wissen, warum wir ein und denselben Traum immer wieder träumen oder warum wir ein Traumthema wie in Fortsetzung immer wieder träumen. Diese Träume berühren etwas in uns, sie wollen etwas sagen, sie wollen Aufmerksamkeit! Unsere Träume sagen auch etwas, aber sicherlich nicht das, was man in einem Traumdeutungsbüchlein findet.

Ein Traumthema, das wahrscheinlich jede von uns kennt, ist mir kürzlich wieder in meiner Praxis begegnet: sich in der Öffentlichkeit im Evaskostüm wiederzufinden. Frau F., eine junge Frau, die mich wegen ihrer Schlafstörungen aufgesucht hat, erzählt mir im Lauf ihrer Therapie folgenden Traum:

»In meinem letzten Traum ging es um ein Pferderennen. Das Rennen war in einem eher dunklen, niedrigen, engen, kleinen Zimmer, und es schien mir, dass der Parcours ansteigend über Stufen eine Runde bildete. Die Stufen habe ich noch in guter Erinnerung. Ich absolvierte also meine erste Runde und war nicht unter den Besten, aber auch nicht so schlecht. Dann versuchte ich es mit einem anderen Pferd noch mal. Nach und nach bemerkte ich, dass ich nackt war. In der nächsten Runde war ich noch mehr zurückgefallen. Wieder wechselte ich auf ein anderes Pferd, weil ich auch einmal gewinnen wollte und andere schon mit diesem Pferd gewonnen hatten. Die Nacktheit wurde für mich immer deutlicher, und ich hatte große Schamgefühle, und es war mir sehr unangenehm, aber niemand reichte mir etwas zum Anziehen. Ich konnte es nicht glauben, dass ich wieder nicht gewonnen hatte – ganz im Gegenteil, ich fiel immer weiter zurück, und je öfter ich es versuchte und gewinnen wollte, umso mehr war das Pferd behindert und es schien durch irgendetwas blockiert zu sein. Selbst im Traum konnte ich es nicht fassen, dass ich nicht gewinne, und versuchte es immer weiter. Je aggressiver ich es versuchte, umso blockierter schien das Pferd zu sein und je mehr wurde mir die Nacktheit bewusst und umso unangenehmer und fast unerträglich war es für mich, das Rennen zu bestreiten, aber ich wollte unbedingt gewinnen, und so versuchte ich es weiter und weiter. Irgendetwas schien das Pferd – also mich – zu behindern. Die anderen Teilnehmer schienen aber von meiner Nacktheit keine Notiz zu nehmen – sie nicht einmal zu bemerken. Ich spürte irgendwie, dass dieses schreckliche Gefühl der Nacktheit – es war äußerst unangenehm, ich fühlte mich schrecklich unwohl, nicht vollständig, nicht normal – aber nur von mir ausging und es mit jedem verlorenen Rennen immer größer wurde.«

Sie erzählt weiter:

»Irgendwann bin ich aufgewacht, und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich verstanden, was der Traum mir sagen will. Ich bin es selber, die mir im Wege steht und die sich blockiert und behindert. Ich wechselte ständig auf das beste Pferd, aber in dem Augenblick, in dem ich damit ins Rennen gehe, wird es zu einem lahmen Gaul. Also liegt es nur an mir, und ich habe aber die Möglichkeiten dazu in der Hand, eine Situation zu ändern, wenn sie mir nicht gefällt. So habe ich versucht, die Sache, die mir am meisten am Herzen lag, zu lösen bzw. zu ändern.«

(Dazu ist zu sagen, dass diese junge Frau ein Kurzstudium absolviert. In diesem Studienlehrgang hat sie sich mit einer Kollegin angefreundet, die sie einerseits sehr mag, mit der sie andererseits aber auch konkurriert.)

»Ich habe meiner Studienkollegin eine E-Mail mit jenen Punkten geschrieben, die mich in der letzten Zeit an ihr gestört haben und wo ich mich ungerecht behandelt fühlte und ich mich deshalb immer mehr vor ihr zurückgezogen habe – was die Situation nicht verbessert hat, sondern mir das Zusammentreffen mit ihr immer unerträglicher machte. Da ich aber sehr froh bin sie in der Gruppe zu haben, und sicherlich noch einige Semester mit ihr verbringen werde, war mir sehr an einer Bereinigung bzw. Lösung der Unstimmigkeiten gelegen. Sie hatte ja keine Ahnung, worum es mir geht. Die Antwort dieser Kollegin hat mich immens gefreut, sie hat sich nämlich entschuldigt, wusste, dass sie sich immer wieder mal wie der Elefant im Porzellanladen benimmt.«

Auf die Frage, woran sie dieser Traum erinnere, sagt sie, dass sie immer wieder in Situationen komme, wo sie sich als Schlusslicht fühle. So auch in dem Lehrgang, den sie vor einigen Monaten zusätzlich zu ihrer Arbeit begonnen hätte. Da gibt es eben diese Kollegin, die sie eigentlich sehr mag, von der sie sich aber immer wieder »abgehängt« fühlt. Durch den Traum wäre sie motiviert worden, diese Kollegin zu kontaktieren, um ihr das zu sagen. So etwas hätte sie bisher nie gemacht. Sie hätte sich bisher immer zurückgezogen und den Kontakt vermieden.

Man könnte hier an dieser Stelle noch viel mehr über Frau F. erzählen, z.B., dass sie zwei Schwestern hat, sie als älteste immer den jüngeren gegenüber zurückstecken musste und dass sie dem Vater ähnlich sei und nicht der Mutter… Wenn man mit Träumen zu arbeiten beginnt, kann das sehr weit führen.

Zunächst möchte ich aber bei den Traumbildern bleiben:

Die Klientin fragt mich, warum bin ich immer wieder nackt in meinen Träumen? Die Nacktheit kommt in ihren Träumen seit ihrem Teenageralter vor. Meistens sind sehr viele Menschen in einem Raum – damals im Kinderzimmer –, sie ist als Einzige nackt mitten unter all den Menschen. Wieder scheint dies den anderen nicht aufzufallen, aber ihr ist es im Traum sehr unangenehm. Sie schämt sich. Die Nacktheit wird ihr im Traum nach und nach bewusst, und je mehr sie ihr bewusst wird, umso stärker wird das Schamgefühl. Es wird so unangenehm, dass es fast an Panik grenzt. Sie kann sich nirgends verstecken und keiner reicht ihr etwas zum Anziehen – bis sie schließlich aufwacht.

Selbstverständlich gäbe es jetzt viele Wege, um an den Traum heranzukommen. In diesem Fall aber schlage ich vor, den Traum mal wörtlich zu nehmen: »Sich-eine-Blöße-Geben«. Ich frage, ob das eine Thematik in ihrem Leben sei, die ihr immer wieder mal Sorgen macht. Nach einer längeren Nachdenkphase erzählt F. weiter, dass sie sich jetzt viel mehr Träume merke und dass sie auch begonnen hätte, sich ihre Träume aufzuschreiben. Dass sie das aber gleich nach dem Erwachen tun müsse, denn sonst wäre das Gefühl für den Traum weg. Und in diesem Fall ist das Gefühl Scham.

Würde man das Klischee – Frau auf dem Pferd – als Traumsymbol verstehen, wie es in vielen Traumdeutebüchern steht, wäre dieses Bild als Sextraum zu interpretieren.

Aber um Sex ging es der Klientin hier nicht.

Ich hake nach: »Träume sind Gefühle in Bildern, in bewegten Bildern.

« Sie antwortet: »Ja, das ist ein Traumthema, das mich schon mein ganzes Leben begleitet: Immer wieder habe ich Situationen geträumt, in denen ich nackt war und die anderen bekleidet waren – immer habe ich darauf gewartet, dass mir jemand etwas zum Anziehen reicht. In einem dieser Träume liege ich nackt auf meinem Bett, alle anderen sind angezogen und niemand beachtet mich, aber ich fühle mich anders, ausgeschlossen und eben nackt.«

Wiederum lautet meine Frage, woran sie das erinnere. Sie beginnt von ihren Schwestern zu erzählen, sie hätte immer den Eindruck gehabt, dass sie von der Mutter bevorzugt würden und sie sich immer geschämt habe, weil sie das Gefühl hatte, anders zu sein.

Um sicher zu sein, auf der richtigen Spur zu sein, frage ich noch mal nach, ob sie das Gefühl hätte, dass auch ihre Grenzen verletzt worden seien oder ob es eine sexuelle Erregung gegeben hätte – worüber sie einige Augenblicke nachdenkt und sagt: Nein, es ginge darum, völlig allein gelassen worden zu sein und dass sie sich schäme. Die Mutter hätte zu ihr auch immer gesagt, sie solle sich schämen, sie wäre wie ihr Vater und überhaupt – sie würde nicht benachteiligt werden – sie solle sich schämen, wie sie auf solche Gedanken komme!

Ich biete noch einmal eine direkte Übersetzung der Traumsprache an: Der Traum könnte darstellen, dass sie sich eine Blöße gibt, dass sie bloßgestellt ist. Es könnte sein, dass sie dieses Bild für Scham und Peinlichkeit schon so früh gelernt hat, und so könnte dieses Bild abgewandelt in Situationen wiederkommen, in denen sie sich schämt – für Gefühle schämt, von denen ein anderer sagt, dass sie sie nicht haben dürfe.

Andersherum funktioniert diese Art der Übersetzung nicht, denn ein anderer könnte das Bild von Scham, Versagen oder Demütigung zum Beispiel im Traum als Matura- oder Abiturbild erleben: Man kommt zu spät oder hat nichts geschrieben und die Zeit ist schon abgelaufen. Die individuellen Erfahrungen formen unsere Traumsprache, deshalb kann jeder nur seine eigene Traumsprache verstehen lernen – ausgehend von dem dahinter liegenden Gefühl, das im Traum umspielt wird. Das bedeutet, dass dieser häufig erzählte Matura- oder Abiturtraum für einen anderen nicht Scham, sondern z. B. Angst »verkörpert«. Deshalb hängt die Bedeutung des Traumes vom Träumer ab.

Man könnte dann natürlich noch weiter fantasieren, dass es in unserem Traum auch darum geht, wer die bessere Frau (auf dem Pferd im Wettbewerb) ist – aber dieses Thema beschäftigte uns in einer anderen Therapiestunde. Wenn man sich schämt, muss man sich in sich zurückziehen, und mit der Konsequenz, die sie aus dem Traum gezogen hat, hat sie sich selber ein Stück weit angenommen und den Makel in eine Stärke verwandelt – der Stärke nämlich, mit Offenheit auf die Kollegin zuzugehen, die sie ja eigentlich auch sehr mag. Denn was sie bisher getan hat, sich zurückzuziehen und durch die Angst sich eine Blöße geben zu können, verursacht, dass sie sich eine Blöße gibt und deshalb in Abwehr und Kampf – Wettkampf – wer ist die Bessere? gehen musste.

Übrigens ist bei Menschen mit Schlafstörungen sehr häufig eine Angespanntheit zu finden. Eine Angespanntheit, die die unterschiedlichsten Ursachen haben kann: Angst, Ärger, Wut, Probleme, Bedrohung, Stress … In unserem Beispiel zeigt sich im Traumbild sehr schön die hinter den Schlafproblemen liegende Angst, die Angst, sich eine Blöße zu geben, weil sie anders und dadurch weniger liebenswert sein könnte.

Als kleines Abschlussritual fordere ich die Klientin auf, sich in die Mitte des Raumes zu stellen. Ich reiche ihr Decken – sie freut sich sehr und bedeckt sich mit diesen Decken und sagt, da rieselt’s mir ja richtig den Rücken runter – so bedeckt zu sein fühlt sich wunderbar warm an!

Im Traum nackt zu sein ist ein Traumbild, das häufig erzählt wird. Meiner Ansicht nach sind Träume, wie gesagt, Gefühle in bewegten Bildern. Es wäre aber ein Fehler, aus diesem kleinen Traumarbeitsbeispiel zu folgern, dass es immer um Scham und Peinlichkeit, um ein Bloß-gestellt-Sein geht, wenn Nacktheit vorkommt. Es könnte sein, es könnte aber auch sein, dass es bei Ihnen um andere Themen geht, wie z. B. Sexualität, Grenzen, oder um etwas ganz anderes. Fragen Sie in erster Linie nach dem Traumgefühl. Ist das Gefühl einmal identifiziert, bildet dies die Basis dafür, dass Sie Ihren Traumplot verstehen, zerkauen, verdauen und schließlich annehmen. Aber nicht nur in der Therapie geht es darum, sich immer besser kennen und annehmen zu lernen. Ich denke, wollen wir nicht stagnieren, gilt es sich zu entwickeln, die eigene Identität zu erweitern, und Träume können dabei enorm helfen, egal worum es geht: Kreativität, Spiritualität, Psychotherapie, Persönlichkeitsentwicklung, Sport … – das hängt davon ab, was Ihnen im Augenblick gerade wichtig ist, oder wie der Wiener sagt, was gerade ang’sagt ist.

Ein Traum zeigt ein Bild, einen Gedanken von Ihnen, einen Aspekt von Ihnen. Deshalb ist es auch nicht ganz unproblematisch, nach Traumbildern oder Traummustern zu suchen, die bestimmte Störungsbilder »verkörpern«. Dennoch: viele Gedanken formieren schließlich eine ganz spezifische Problematik.

Zur Illustration ein Traum einer anderen jungen Frau, die wegen eines ganz spezifischen Problems in Psychotherapie gekommen ist – raten Sie, was ihr Problem ist:

»Ich träumte, dass ich ein Klo betreten wollte. Ich war also im Begriff, es zu betreten, die Türklinke schon in der Hand. Ich war dabei, den Ort der absoluten Stille zu betreten, als ich auf der anderen Seite der Tür, also praktisch der Gegenübertürklinke (die von innen), die Hand einer Frau spürte. Ich sah diese Frau: sie war alt, circa 70 oder einfach nur verbraucht, verwahrlost, eine Sandlerin, wie man so schön sagt, eingehüllt in einen schäbigen Wintermantel, ein Plastiksackerl in der anderen Hand. Die Zähne haben ihr gefehlt. Sie lachte schäbig, mir mitten ins Gesicht, hexenhaft, das Gesicht kam immer näher an mich heran. Es sprang mich an, es war so echt und fürchterlich, sodass ich aus der ›nächtlichen Ruhe‹ aufschreckte …«

Einerseits haben Sie vermutlich das Gefühl, zu verstehen, was in dieser jungen Frau vorgeht, andererseits ist das vermutlich nicht so leicht in Worte zu fassen. So ist das mit den Träumen. Man vermittelt sich, wenn man sie erzählt, sehr pur. Die Beschreibung wäre aber hoch komplex und ziemlich umfassend. Bilder sagen eben mehr als 1000 Worte!

Selbstverständlich ist die Biografie dieser jungen Frau sehr komplex und vielschichtig. Ihr Hauptproblem in der Zeit, aus der der oben beschriebene Traum stammt, ist, dass sie Alkohol trinkt, um sich zu beruhigen, und ihr Trinken nicht kontrollieren kann. Die alte Hexe ist vermutlich Spiegel dessen, wovor sie Angst hat, nämlich eine alte einsame Pennerin zu werden, wenn sie ihr Trinken nicht zu bewältigen lernt.

Auf der Suche nach Bedeutung und Funktion des Träumens sind an unserem Institut – Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien, das ich gemeinsam mit Gerhard Klösch leite – Studien durchgeführt worden, die unsere Fragen erhellen sollen. U. a. hat Elisabeth Deltl zeigen können, dass AlkoholikerInnen nach dem körperlichen Entzug, in der Zeit des psychischen Entzugs vermehrt vom Trinken träumen. Ein Versuch, die neue Lebenssituation zu verkraften, und eine mögliche Sichtweise des Traumes der jungen Klientin?

Claudia Poje hat sich für die Träume Blinder interessiert. Interessant ist, dass blind Geborene mit den von ihnen wahrgenommenen Sinnen träumen. Sie sehen nicht im Traum wie wir anderen, sondern hören, spüren den Raum, die Schwerkraft, so wie ihre Sinne eben auch im Kontakt mit der Welt da draußen ausgebildet wurden.

Und Kinder: wie träumen Kinder? Das Ergebnis war faszinierend: Martina Ranner hat Kindergartenkinder betreut und so diese Studie durchführen können: Kinder lernen Träume erst ab dem 3. Lebensjahr als Träume zu identifizieren und von anderen Geschichten oder Fernsehprogrammen zu unterscheiden. Mit dem 6. Lebensjahr ist dieser »Realitätssinn« vollkommen ausgebildet, und wir wissen, wann wir träumen und wann wir wach sind.

Können Tiere träumen? Diese Frage ist mir während meines Forschungsaufenthalts am Konrad-Lorenz-Institut in Altenberg gestellt worden. Diese Frage ist letztlich nicht zu beantworten, also habe ich namhafte Verhaltensforscher befragt, ob sie etwas über mögliche Träume ihrer Schützlinge beobachten haben können. Alle haben geantwortet und alle waren einhellig der Meinung, dass ihre Lieblinge mit Sicherheit träumen. Man würde sie ja dabei beobachten. Man sehe doch, dass sie ihre Augen bewegen und mit ihren Beinen und Füßen versuchten, zum Beispiel davonzulaufen! Dazu muss ich sagen, dass es Verhaltensforscher waren, die sich ausschließlich mit Säugetieren, also Primaten, Gorillas, Schimpansen, Bonobos, aber auch mit Hunden, Katzen, Delfinen und Walen beschäftigten. Jane Goodall hat sogar geantwortet, dass die Frage falsch gestellt sei – man solle fragen, warum Tiere nicht träumen sollten!

Im Zentrum des Interesses unseres Instituts steht das luzide Träumen, dem in diesem Buch ein ganzes Kapitel gewidmet ist. Luzides Träumen oder Klarträumen meint Träume, in denen man weiß, dass man träumt, und weiß, dass man, wie im Wachen auch, über Handlungsfreiheit verfügt, dass man die Wahl hat, entscheiden kann, was als Nächstes geschieht. In den letzten Jahren hat sich unser Untersuchungsschwerpunkt darauf gerichtet, was man mit dem luziden Träumen anfangen kann. Zur Zeit beschäftigen wir uns mit Albtraumbewältigung durch luzides Träumen. Ich kann schon verraten: es funktioniert wunderbar!

Basierend auf unseren eigenen Forschungen und denen anderer möchte ich Ihnen in diesem Buch die verschiedenen Zugänge zu Traum, Traumforschung und Traumdeutung vermitteln, nahe bringen, wie ich Traum und Träumen verstehe. Ich möchte Sie anregen, sich mit dieser wunderbaren Welt des Träumens zu befassen und sich von ihren nächtlichen Abenteuern inspirieren zu lassen.

Übung: Träume erinnern und erspüren

Teil 1: Einige Grundregeln

1) Respekt der Traumwelt und damit uns selber gegenüber ist die Grundvoraussetzung, damit sich uns unsere Träume erschließen lassen. Ich meine die uneingeschränkte Wertschätzung diesen luftigen nächtlichen Kreationen gegenüber – bei gleichzeitiger humorvoller Leichtigkeit den daraus resultierenden Assoziationen gegenüber, die nicht unbedingt immer die Wahrheit wiedergeben.

2) Disziplin – Die Traumerinnerung und damit den Zugang zur eigenen Traumwelt schärft man nämlich am besten, indem man sich akribisch genau Träume notiert, am besten gleich nach dem Aufwachen. Wie man sich leicht vorstellen kann, erfordert das Motivation und die Überwindung des »inneren Schweinehundes«. Denn schlaftrunken, wie wir sind, und gerade noch umarmt von der eigenen REM-Schlafperiode, die ja, wie wir in Kap. 5 erfahren werden, mit völliger Entspannung der Muskulatur einhergeht und uns noch wie gelähmt daliegen lässt, braucht es tatsächlich Überwindung, zum Traumnächtebuch zu greifen und den Traum, den man gerade noch einmal erinnert hat, zu notieren, zumal immer das Gefühl zurückbleibt, dass man nicht alles erfassen konnte.

Hier möchte ich innehalten und einige Hinweise darauf geben, wie man das Führen eines Traumnächtebuchs möglichst friktionsfrei bzw. frustrationsfrei pflegen kann:

Dieses Traumtage- oder -nächtebüchlein ist wichtig: Es sollte eines sein, das einem gefällt und den Zugang zur eigenen Traumwelt im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert – eines, das diese mystische, vielversprechende und bunte Welt der Träume symbolisiert. Denn, wie gesagt, je mehr Wertschätzung und Liebe man der Traumwelt entgegenbringt, desto besser die Früchte. Ich glaube fest daran, dass eine innere Entwicklung beginnt, wenn man die Träume wertschätzend aufzuschreiben beginnt, selbst wenn man an dieser Stelle mit der Zuwendung den eigenen Träumen gegenüber endet. Rudolf Steiner – der Begründer der Antroposophie, ein sogenannter »Eingeweihter « (kundig über das Wissen der Theosophie) – hat das übrigens auch so beschrieben.

Wie erinnert man sich am besten?

Es gibt Menschen, die glauben, dass sie nicht träumen. Die Wissenschaft hat gefunden, dass wir jedenfalls während der REM-Perioden traumhaftes Geschehen registrieren. Wenn man Personen im Schlaflabor im REM-Schlaf weckt und danach fragt, was ihnen gerade durch den Kopf gegangen ist – denn nach den Träumen direkt fragt man nicht, um »falsche« Suggestionen zu vermeiden –, trifft man bei etwa 90 % der Weckungen auf traumhaften Boden – so häufig werden Träume berichtet. Diese Träume können spektakulär oder interessant sein oder völlig beiläufig und nichtssagend, aber es handelt sich um diese bunten Bilderfolgen, die wir Träume nennen. Hier ist übrigens zu bemerken, dass wir uns dabei und übrigens bei der Erforschung der Träume insgesamt ganz auf die TräumerInnen verlassen müssen, dass nämlich die Geschichten, die sie uns erzählen, tatsächlich geträumt und nicht frei erfunden sind. Das ist eine Voraussetzung, mit der die Traumforschung (jedenfalls bis heute) leben muss!

Die einzige mir bekannte und ich meine auch die einzig existierende Studie, die Menschen gefunden hat, die sich auch nach REM-Weckungen nicht an Träume erinnern haben können, ist von Peretz Lavie, einem interessanten und bedeutenden Schlafforscher aus Israel, der heute die psychiatrische Klinik in Haifa leitet. Er hat nämlich das Schlaf- und Traumverhalten traumatisierter Holocaust-Überlebender untersucht und gefunden, dass die, die erfolgreich ein neues Leben in Israel aufnehmen konnten – jene, die Familien gründen konnten und sich insgesamt als erfolgreich gesehen haben –, nichts erinnern, selbst wenn man sie direkt aus einer REM-Periode weckt (Lavie 1996). Sie erinnern sich im Übrigen auch nicht, oder wenn, dann nur sehr ungern und unwillig an die traumatischen Erlebnisse, die ihnen während des Zweiten Weltkriegs widerfahren sind.

Jedenfalls können wir davon ausgehen, dass wir, wenn wir biografisch nicht ganz besonderen Situationen ausgesetzt waren, jede Nacht mindestens vier- bis fünfmal träumen, je nachdem, wie lange wir schlafen, denn ein Schlafzyklus dauert etwa 90 Minuten (siehe Details in Kap. 5). Ob man nicht auch traumähnliche Vorgänge oder gar Träume die ganze Nacht hindurch erlebt, ist im Detail auch in Kap. 5 beschrieben (REM/Non-REM-Debatte).

Diese Tatsachen geben uns allerdings die Sicherheit, dass wir uns auch mehrmals pro Nacht an einen Traum erinnern könnten, wenn wir uns erinnern könnten. Aber wie?

Also:

3) REM-Schlaf: wird, neben anderen Kriterien, dadurch definiert, dass die Muskelspannung erloschen ist. Das zu wissen ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn es um die Technik der Traumerinnerung geht! Wesentlich ist also nicht nur, dass man versucht, sich an den Traum Stück für Stück, Bild für Bild möglichst sinnlich im Detail zu erinnern, sondern dass wir uns beim Auf wachen möglichst nicht bewegen – möglichst nicht irgend welchen Drängen zuerst nachgeben und uns etwa dabei oder danach an den Traum zu erinnern versuchen, sondern dass wir wiederum die Disziplin aufbringen, sofort nach dem, oder besser gesagt, beim Erwachen reglos zu bleiben. Denn so erhält man jedenfalls eine der Bedingungen, unter denen geträumt worden ist: die Reglosigkeit des REM-Schlafs, und man kann so um vieles müheloser den gesamten Traum rekapitulieren, bis ins kleinste Detail sinnlich vor dem inneren Auge erfassen. Wunderschön sind diese Erinnerungssituationen, in denen ein kleines Detail, dem man nachgeht, mit innehaltender Neugier, aber ganz ohne Wollen und Zwang, den Inhalt »kommen« lassend, sich eröffnet wie eine Blüte, die sich im Zeitraffer als Blume offenbart. Wir lassen uns überraschen von den Details, die sich so bis ins Letzte oder beinahe bis ins Letzte erschließen lassen.

Stellen Sie sich einen Traum aus den letzten Nächten vor. Stellen Sie sich vor, Sie sind gerade aufgewacht und denken an das Traumbild von vorhin. Falls Ihnen kein eigener Traum einfällt, können wir auch so tun, als hätten wir alle folgenden Traum geträumt:

Es fällt Ihnen ein großer Raum ein und zwei jüngere Frauen ganz vorne, eine macht einen Sprung in die Luft mit einer Grätsche und die andere hat gerade einen Salto gemacht. Sie erinnern sich noch, dazwischen gestanden zu haben. Jetzt erinnern Sie, dass Sie sich nicht bewegen wollten, um mehr von dem Traum erinnern zu können. Sie erinnern, dass Sie das mit offener Neugier machen wollten, und lassen also jetzt die Bilder einfach aufsteigen, eins nach dem anderen. Ja, da kommt das Bild von einem Oval, in dem nicht nur die beiden jungen Frauen, sondern, Sie selber zwischen den beiden und in weiterer Folge, viele Frauen gestanden sind. Sie erinnern, dass die ganze Gruppe eigentlich zusammen tanzen wollte, und erinnern, dass Sie sich über diese beiden Frauen eigentlich gewundert und auch geärgert haben, dass sie da so aus der Reihe getanzt sind und dass sie so das Gemeinsame unterbrochen haben und sich danach die Runde aufgelöst hat. Sie halten kurz inne, bringen aber dann doch wieder die Disziplin auf, sich weiter auf den Traum einzulassen. Da fällt Ihnen ein, dass Sie dann durch eine große Holztür gegangen sind mit den anderen, die nicht so aus der Reihe getanzt sind – was für eine Metapher –, diese beiden sind in der Tat aus der Reihe getanzt! Und dass dann, ja, dass dann ein neuer Tanz in diesem anderen, noch größeren, noch schöneren Raum begonnen hat, und Sie spüren den Rhythmus, der von der ganzen Gruppe getragen wird, der langsam einsetzt, und diese beinahe ekstatische Freude, wie Sie Ihre eigenen Schrittabfolgen im Rhythmus der Gruppe mit unheimlicher Freude und Leichtigkeit tragen lassen! Wie schön, dass Sie das jetzt auch noch erinnern haben können…

Und dann

4) erinnern wir den Traum noch mal und versuchen, Eselsbrücken oder, wie manche Kollegen sagen würden, Anker zu setzen: Typisches aus jeder Szene hervorzuheben – ein charakteristisches Traumelement, ob Tier, ob Mensch, ob Gebäude oder Pflanze, Bewegung oder Ablauf. Das könnten in unserem Fall die beiden jungen Frauen mit Grätsche und Salto sein, der ovale Kreis, die große Tür aus Holz, der nun runde Kreis und der Rhythmus und das Gefühl des leichten ekstatisch-rhythmischen Tanzes. So, mit gesetzten Ankern und der Gewissheit, dass man den Traum, jetzt auch dann ganz erwacht, völlig ins Bewusstsein transportiert hat und deshalb bis ins Detail erinnern wird. Um ihn dann

5) genauso detailliert und sinnlich erfasst aufzuschreiben. Das ist wohl der mühevollste Schritt im Prozess des Träumeerinnern- Lernens. Man spürt dabei den Widerstand und die Mühe, die sich einstellen, wenn man die geträumten Bildfolgen in Worte und noch dazu geschriebene Worte fassen möchte. Aber die Mühe lohnt! Schon nach einigen so aufgeschriebenen Träumen erinnert man viel leichter und vermutlich auch viel mehr Träume, erwacht womöglich alle 90 Minuten, pünktlich nach jeder REMPeriode mit einer elaborierten Erinnerung an das, was man gerade geträumt hat.

Damit wäre wohl Teil 1 der Traumarbeit erfüllt. Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob nicht dieser disziplinierende Prozess des Sich-Träume-Merkens und -Aufschreibens so nebenbei ein ziemlich wertvolles Nebenprodukt fördert: nämlich unser Gedächtnis – denn so ganz nebenbei schult und diszipliniert man dabei Gehirn und Geist.

Übung: Träume erinnern und erspüren
Teil 2: Der zweite Schritt – Traumarbeit re-dreamed

Nehmen wir also an, es gibt einen Traum, der Sie ganz besonders beeindruckt hat und den Sie gerne näher untersuchen würden. Im besten Fall haben Sie ein Gegenüber, vielleicht eine/n PartnerIn, der oder die sich für Ihre Träume interessiert, mit dem Sie Ihre Traumarbeit fortsetzen können. Dieses Gegenüber sollte jemand sein, bei dem Sie sich gut aufgehoben fühlen und dem Sie eventuell Ihre privatesten, intimsten Wünsche, Gedanken und Einstellungen mitteilen können. Wenn es so ein Gegenüber nicht gibt oder es gerade keine Zeit hat, können Sie die Traumarbeit auch mit sich selber oder mit einem Aufnahmegerät durchführen.

6) Sie erzählen den Traum noch mal mit geschlossenen Augen, damit Sie sich auf innere Vorgänge konzentrieren können. Sie sollten dabei laut sprechen und die Gegenwartsform verwenden, gerade so, als ob der Traum im Augenblick noch einmal stattfände. Sie erzählen ihn so detailreich wie möglich. Dabei achten Sie bitte auf Ihre Wahrnehmungen, körperlichen Empfindungen, Ihre Einfälle und sprechen diese ebenfalls aus. Sie achten auf Stimmungen oder Atmosphären, die dabei entstehen, und sprechen sie ebenfalls aus. Welche Gefühle tauchen dabei in diesem Augenblick auf, was fällt Ihnen dazu ein? Der/die ZuhörerIn achtet dabei auf etwaige Veränderungen und hat ansonsten einfach nur die Aufgabe, aufmerksam zu zuhören.

7) Sie versuchen sich nun daran zu erinnern, mit welchem Gefühl und mit welchen körperlichen Empfindungen Sie aus dem Traum erwacht sind, und sprechen das auch aus.

8) Sie finden für diesen Traum einen Titel – wenn das schwierig sein sollte, benennen Sie das Thema.

9) Als Nächstes überlegen Sie, was diese Sammlung mit Ihnen, Ihrem Leben oder Ihrer Lebenssituation, gewissen Neigungen, Vorlieben, Eigenarten oder Situationen, die Ihnen immer wieder begegnen, zu tun haben könnte.

10) Haben sich neue Sichtweisen ergeben? Gibt es etwas, das Sie in Zukunft anders machen wollen – jetzt gleich oder beim nächsten Mal.

Scheinen diese Anweisungen zu mechanistisch, zu abstrakt oder einfach zu mühsam? Vielleicht hilft es, wenn wir uns einen Traum einer meiner ehemaligen KlientInnen vor Augen führen – Punkt für Punkt vorgehen, wie sie es wohl hätte tun können. Namen der TräumerInnen nenne ich selbstverständlich nicht, aber die Träume selber stammen von meinen vielen KlientInnen, bei denen ich mich bei dieser Gelegenheit für ihr Vertrauen bedanken möchte und dafür bedanken möchte, dass sie mir erlauben, ihre Träume zu veröffentlichen, um anderen dabei zu helfen, ihre und die Traumwelt überhaupt verstehen zu lernen.

M., eine etwa 23-jährige Psychologiestudentin, erzählt nach der Anregung, wie ich sie unter Punkt 6) – 10) beschrieben habe, verstört folgende Traumsequenz:

Anregung 6)

Es ist dunkel, oder vielleicht halbdunkel, und ich gehe eine Straße den Hügel hinunter – rechts und links sind Häuser, in denen Menschen wohnen, die sind aber relativ weit weg. Irgendwie hat das Szenario etwa Bedrohliches. Ich sehe aus dunklen Gassen Figuren auftauchen, die auf allen vieren, struppig, sehr dünn, sich als mehrere Katzen entpuppen. Sie schleichen so herum und kommen mir dabei immer näher. An sich mag ich Katzen sehr gern, aber jetzt, wo sie mir immer näher kommen und diese Viecher ziemlich unfreundlich aussehen . . . da springt eine an mir hoch und beißt mich in den Zeigefinger der rechten Hand! Ich möchte sie abschütteln, aber sie verbeißt sich immer fester, es kommen immer mehr davon, in verschiedenen Farben und Größen, ich weiß nicht, was ich tun kann! Werden Sie mich auch anfallen, davor ekelt mir! Ich habe genug vor dieser einen, die sich immer noch an meinem Finger festgebissen hat!

Meine körperlichen Empfindungen beim Erzählen sind, merke ich jetzt, ein mulmiges Gefühl in der Magengegend und mein Nacken, der besonders angespannt ist. Die Atmosphäre ist unheimlich bedrohlich, auch jetzt beim Erzählen. Ich verstehe das alles nicht, ich liebe sonst Katzen, warum sollten sie mich anfallen? Da fällt mir ein, dass ich auf der Uni recht aggressiv geworden bin beim Anstellen, da gibt’s so viele KollegInnen, und die Leute von der Uni kümmern sich einen Dreck um Fairness. Das hat mich sehr geärgert, aber selbstverständlich habe ich nichts gesagt, sondern voll Ärger gewartet. Ich bin gleichzeitig verwirrt, und ein Gefühl von völliger Abneigung und sogar Ekel wird immer stärker.

Anregung 7)

Beim Aufwachen hatte ich auch ein Gefühl von Verwirrtsein und vor allem von Bedrängung und Belästigtwerden.

Anregung 8)

Ein Titel könnte sein: »Katzenmenschen« oder vielleicht »Katzenbiss«, »Tierische Aggression« oder vielleicht »…wovor ich mich am meisten ekele…«.

Anregung 9)

Ich hasse Ungerechtigkeiten und Anstellen und Sich-raufen-Müssen um einen Platz im Seminar, davor ekele ich mich ebenso, und noch mehr ekelt mich der Gedanke, dass mich diese Situation selber aggressiv gemacht hat und dass ich selbstverständlich nichts gesagt habe, da wird mir jetzt noch beinahe übel – diese Versager an der Uni können nicht mal eine reibungslose Administration durchführen. Na ja, es gibt auch viel zu viele StudentInnen.

Anregung 10)

Könnte dieses Traumbild diese Situation wiedergeben? Was mir immer wieder passiert, ist, dass ich mich voller Ekel abwende, wenn ich wütend geworden bin. Bevor ich riskiere, mich zu blamieren und rumzutoben, verlasse ich lieber das Terrain, das finde ich eleganter. Aggressive Frauen sind einfach derb. Aber vielleicht könnte der Traum ein Hinweis darauf sein, dass ich mich daran gewöhnen sollte, dass auch ich manchmal wütend werde und dass ich das vielleicht auch irgendwie an den Mann oder an die Frau bringen sollte? Vielleicht kann ich ein nächstes Mal daran denken…

Insgesamt fühlt sich dieser Vorgang wohl wie eine Meditation über innere Bilder an. Die innere Haltung sollte dabei ein geduldiges Sich-überraschen-Lassen sein.

Mir ist noch sehr wichtig zu erwähnen, dass nicht jeder Traum, der von Katzenbissen handelt, mit Aggressionshemmungen zu tun hat, und ersuche, dies als Beispiel, wie Sie mit Ihren Träumen umgehen können, aufzufassen und nicht als Trauminterpretation. Wie gesagt, es ist eine der größten Fallen, wenn wir glauben, Träume interpretieren zu können. Aufschlüsse gibt allein das »Wiedererleben«!

Im tibetanischen Buddhismus, in dem Traum und Traum-Yoga als spirituelle Disziplin verstanden werden, gilt die Traumwelt als Zwischenwelt, deren Beherrschung die Beherrschung des Augenblicks des Todes schult und damit den Weg ins Nirvana ebnet. Als westliche Psychotherapeutin ziehe ich allerdings die Vorstellung vor, dass die Beschäftigung mit Sambhogakaya – wie dieser traumhafte Zwischenzustand im tibetanischen Buddhismus genannt wird – uns jedenfalls dabei hilft, ein erfüllteres und inspirierteres Leben im Diesseits erreichen zu können.

Wie es vermutlich auch bei jenem Soldaten ist, dessen Traum ich Ihnen hier zum Abschluss verraten möchte. Er betitelt den Traum mit »Das Kartenspiel«. Meiner Ansicht nach könnte dieser Traum eine Szene in einem Buch oder einem Spielfilm sein, und als Anregung zum Weiterlesen lasse ich ihn auch so stehen:

»Ich stehe in einem Raum, in dem sich neben Kartenspielern auch Zuschauer eingefunden haben, die Luft ist stickig und rauchverhangen. Das Besondere aber ist der Spieltisch: Dieser ist lang und schmal, die Spieler sitzen nebeneinandergereiht, vor sich haben alle eine Art Trennwand als Abschluss gewissermaßen. Das obere Ende dieser brusthohen Trennwand besteht aus Glas.

Das Kartenspiel ist insofern besonders, als man als Zuseher auch aktiv eingreifen kann und ein Päckchen Spielkarten in der Hand hält. Beim Spieler hingegen sind sechs Karten nebeneinander aufgeschlagen, darunter befinden sich jeweils fünf verdeckte, die nacheinander, einer Patience ähnlich, aufgehen müssen. Hier können die umstehenden Zuseher eingreifen und mit ihren Karten helfen. Darüber hinaus gibt es zu den normalen, französischen Karten und Figuren, die verwendet werden, auch noch längliche, schmale Sonderkarten in verschiedenen Ausführungen, die eine Art Joker mit verschieden hoher Wertung darstellen. Da das Spiel auf der ganzen Welt in heimlichen Zirkeln gespielt wird, gibt es auch entsprechend exotische Sonderkarten, die von berühmten Organisationen oder Familien berichten oder gestiftet wurden. Solche länglichen Karten entdecke ich auch in den Stapeln anderer Zuschauer.

In meinem Stapel finde ich eine schwarze Sonderkarte, die offenbar auch schon andere Zuschauer bemerkt haben. Sie ist glänzend schwarz, am oberen Ende ist mit weißer Schrift etwas verschnörkelt und für mich nicht verständlich geschrieben sowie eine Art Ornament, dessen Bedeutung ich nicht verstehe. Jetzt spiele ich sie aus, vermutlich um jemandem zu helfen. Ein Raunen geht durch den Raum, und viele Augen sind unverständlicherweise auf mich geheftet. ›Das ist die Karte der Mafia‹, sagt jemand leise und mit gestocktem Atem. ›Die wurde noch nie ausgespielt.‹ Mir wird bewusst, dass ich hiermit eine Reaktion ausgelöst habe, ohne zu wissen, was die Karte bedeutet…

Hier endet der Traum.«

Die Geheimnisse, die in unseren Träumen und in unseren Köpfen verborgen sind, kann man beinahe mit der Erforschung unseres Planeten und Universums vergleichen: Man hat viel erforscht und viel gefunden, Theorien und Modelle entworfen, die die Phänomene ganz gut erklären, aber eigentlich tappen wir in Bezug auf manche Kernfragen weitgehend noch im Dunkeln – beginnen wir die Entdeckungsreise ins Land der Träume!

Kapitel 3:

Was träumen in anderen Kulturen bedeutet

In diesem Kapitel will ich einen Blick über den Zaun werfen und an verschiedenen Beispielen zeigen, wie nicht europäische Kulturen mit Träumen umgehen. Um dieses Thema erschöpfend zu behandeln, müsste ich viele Bände füllen. Hier ist nur ein kleiner Streifzug möglich, der einige Schlaglichter auf das Traumverständnis anderer Kulturen wirft. Ich habe mich im Folgenden weniger auf andere Bücher oder ethnologische Theorien gestützt als auf das, was ich, vorwiegend auf Reisen, aus erster Hand erfahren konnte. Und ganz nebenbei wurde auch ein Missverständnis aufgeklärt über die Wortbedeutung der »Traumzeit«…

Unser westlicher Blick auf den Traum, seine Bedeutung, seine Relevanz, ist nahezu gekoppelt an die Psychologie. So kann es für uns auf jeden Fall von Interesse sein, den Blick auf ganz anders geartete Traumzugänge zu richten. Mir ist wichtig, Strephon K. Williams mit seinem Buch über den Umgang mit Träumen bei den Senoi in Papua-Neuguinea zu erwähnen. Er erzählt, dass man in Papua-Neuguinea allmorgendlich einander die Träume der vergangenen Nacht erzählt und dass dann Dinge aufgrund der Träume getan oder unterlassen werden. So soll man beispielsweise jemandem etwas schenken, dem man im Traum etwas angetan hat. Die Senoi sollen ein besonders friedliches Völkchen sein, das glücklich in voller Harmonie seit vielen Generationen zusammenlebt. Leider ist die Wissenschaftlichkeit der Arbeit von Williams heute sehr umstritten. Wäre es nicht schön, wenn man einander nur Träume erzählen müsste, um ein friedliches Zusammenleben gewährleisten zu können?

Dieses Kapitel ist, wie die meisten anderen auch, eine Art Erfahrungsbericht und bezieht sich hauptsächlich auf Gespräche mit Personen, denen ich im Lauf der Zeit begegnet bin: einem Ältesten (Elder) aus Australien, Aliou Dieme, einem Experten für afrikanischen Tanz, Professor Hermann Hochegger, einem Missionar des Steyler-Ordens, einem Sufimeister und einem Bildhauer, Sohn eines Medizinmannes der Puebloindianer. Sie haben mir etwas von ihren persönlichen Erfahrungen mit Träumen und dem Stellenwert von Träumen in ihren Kulturen erzählt.

Beginnen möchte ich mit der Traumwelt der Ureinwohner Australiens, den Aborigines.

Spätestens seit Büchern wie »Traumfänger« und »Songlines« ist für uns westliche Menschen das Denken der Ureinwohner Australiens zwar bekannt, aber trotzdem ist es ein Mysterium geblieben. So sehr ein Mysterium, dass ich mich im Jahr 1999 selbst kundig machen wollte und Angehörige der Aborigines besuchte. Ich traf auf eine Gruppe, die sich sehr berührend um die Zusammenführung verschleppter Familienangehöriger bemühte. Die Eingeborenen Australiens sind von den weißen Einwanderern nicht in Massen ermordet worden wie in anderen Kolonialgebieten, wie z. B. in den USA. Aber, um die Vorherrschaft der Weißen zu sichern und Kultur und Kulturerbe der Eingeborenen zu zerstören, hat man Kinder einfach aus den Stämmen entführt und sie, völlig ihrer Tradition und ihren Familien entbunden, in Waisenheimen untergebracht. Diese Kinder waren natürlich nirgends zu Hause. Sie waren zwar in der westlich orientierten Welt groß geworden, hatten aber nur sehr geringe Chancen auf ein angenehmes Leben: arm geboren, arm gestorben, wenn man so will. Diese Gruppe kaufte ein Stück Land im Landesinneren in der Nähe von Port Macquarie, manche Mitglieder leben dort auch zum Teil und veranstalten jährlich um die Osterzeit ein Reconciliationmeeting. Daran können Weiße, Farbige und Mischlinge teilnehmen. Eine Woche lang wird zusammen geredet, gefeiert, gekocht, getanzt und gesungen, also so gelebt wie in den traditionellen Stammesfamilien.

Zu diesem Treffen sind alle herzlich eingeladen. Jedenfalls sind immer auch einige Elders – Elders sind, meist auch an Jahren ältere Weise in den Familien der Aborigines – anwesend. Ich nahm an einem dieser Treffen teil, und es bot sich so eine ideale Gelegenheit, um die Kultur der Aborigines kennenzulernen und vor allem ihren Zugang zu den Träumen und deren Stellenwert zu erkunden. Ein Elder war bereit, mir darüber Auskunft zu geben – er, ein sehr freundlicher und weiser Mann, der in beiden Welten, derjenigen der Ureinwohner und derjenigen der weißen Einwanderer, zu Hause ist. In sehr berührender Weise erzählte er, wie auch er und mit ihm viele andere seinem ursprünglichen Stamm in der Kindheit entrissen worden war und sich in der australisch-westlichen Kultur zurechtfinden musste. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, sich für seine Landsleute einzusetzen und beide Kulturen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Zunächst habe ich ihn über die Träume und das Träumen an sich befragt. Nicht wenig enttäuscht war ich, als er mir erklärte, dass der Begriff »Dreamtime« (»Traumzeit«) auf einen Übersetzungsfehler eines Anthropologen zurückzuführen sei. Denn sein Stamm würde den Träumen selbst gar keinen besonderen Stellenwert zuschreiben.

Dreamtime sei fälschlich die Übersetzung von »Tschukupa« (die genaue Schreibweise ist mir leider nicht bekannt) gewesen – dieses Wort bedeute aber nicht Traumzeit, sondern vielmehr Schöpfung. Schöpfung wird als fortwährender Prozess verstanden, der in jedem Augenblick neu stattfindet – eine Blume wächst in jedem Augenblick, und so wird in jedem Augenblick die Schöpfung neu geschaffen – ein wunderschöner Gedanke. Die Aborigines glauben an eine Zeit der Schöpfung, die in der Vergangenheit liegt. Damals lebten Ahnengeister, z. B. die Laubvogelfrau und der Känguru-Mann, auf der Erde, die Berge, Bäume, Wasser – die gesamte Schöpfung erschufen. Jeder einzelne Mensch ist Erbe dieser Schöpfung und ist durch sie immer mit ihr und der Vergangenheit verbunden. In den Gestirnen sind die mythischen Gestalten noch sichtbar, und jeder Mensch kann sich durch Meditation, Vision und Versenkung dem Ursprung wieder nähern und eben auch im Traum. Schöpfung ist allgegenwärtig und der Traum einer von mehreren Wegen, wie sie sich ausdrückt.

Ich wollte von meinem Gesprächspartner wissen, ob denn den nächtlichen Träumen in seiner Kultur auch Bedeutung beigemessen werde.

»Na ja, eigentlich nicht besonders«, war seine Antwort, eher schon den Visionen und Eingebungen tagsüber. Ich fragte, was er denn damit meine, und er antwortete mit einem Beispiel:

Er habe etwa ein Jahr bevor seine Tochter geboren wurde, ihren Namen geträumt. Dabei waren er und seine Frau eigentlich schon viel zu alt fürs Kinderkriegen gewesen, doch tatsächlich, einige Monate, nachdem er ihren Namen geträumt habe, sei seine Frau plötzlich schwanger gewesen. Wir unterhielten uns angeregt weiter, und dabei fiel ihm eine ganze Reihe von Traum-Visionen ein, denen er selbst gar keine so große Bedeutung beigemessen hatte. Eine Episode will ich hier noch berichten:

Eines Tages sei er mit einem Fernsehteam unterwegs nach Uluru gewesen (ein heiliger Berg in Zentralaustralien). Dort sollten Filmaufnahmen mit einem Aborigines-Stamm stattfinden. Man fährt mit dem Auto einige Tage dorthin. Auf der Reise hätte das Auto eine Panne gehabt, und die Reparatur kostete einen vollen Tag. Am vereinbarten Ort angekommen, staunte er nicht schlecht, dass sein Stamm auch gerade zu diesem Zeitpunkt dort eintraf. Und auf die Frage, warum sie denn erst jetzt – nämlich eigentlich einen Tag zu spät – kämen, sagte die Stammesführerin, ja, sie habe geträumt, dass er und das Fernsehteam einen Tag später kämen und so seien auch sie später abgereist. Aber ansonsten hätte das Träumen keinen besonderen Stellenwert bei den Aborigines…

Diese Art der Träume, sogenannte Wahrträume oder präkognitive Träume, kommen in großer Zahl auch in unserer Kultur vor. Es vergeht kaum ein Tag, an dem mir nicht jemand einen Wahrtraum schreibt oder erzählt. Die Leute schreiben sie, weil sie nicht wissen, wie sie sie einordnen sollen, denn offiziell gibt es solche Träume in unserer Kultur nicht! Manche sind sehr aufgewühlt und sogar verstört, denn wenn man z. B. träumt, dass jemand stirbt, und er stirbt dann auch tatsächlich, ist das sehr verwirrend. Eine junge Frau etwa, die geträumt hatte, dass ihr völlig vitaler Vater von einem herunterfallenden Balken in seiner Werkstatt erschlagen wird und der dann tatsächlich drei Monate später so zu Tode gekommen ist, ist völlig erschüttert, denn wie sie meint, hätte sie den Tod des Vaters vielleicht verhindern können, wenn sie dem Traum eine andere Wendung hätte geben können. Für viele Menschen sind diese Träume sehr belastend.

Ich möchte nicht weiter auf präkognitive Träume eingehen, denn ich habe selbst keine Erklärung dafür, ich möchte sie an dieser Stelle würdigen und vor allem auch alle Träumer, die solche Träume erlebt haben oder erleben, würdigen und ihnen mitteilen, dass sie diese Erlebnisse mit vielen anderen Menschen teilen. Am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg liegen Hunderte solcher Träume und warten darauf, erforscht zu werden. Eine Schwierigkeit ist, dass man ja immer nur retrospektiv einen Traum präkognitiv nennen kann, kaum jemand erkennt einen präkognitiven Traum, bevor das Ereignis eingetroffen ist.

Allerdings sind mir schon Menschen begegnet, die wissen, dass es sich bei einem Traum um einen Wahrtraum handelt, weil er in »Blau« geträumt worden ist. Eine Studentin aus Serbien konnte sogar sagen, wie das Ereignis eingefärbt wäre, wenn etwas Weißes, Rotes oder Blaues vorgekommen ist. Interessant dabei ist, dass diese Gabe in manchen Familien gehäuft vorkommt.

Verbreitet sind nicht nur Träume, in denen Schreckliches passiert, sondern Träume, die konkret warnen und vielleicht sogar lebensrettend sein können. Ein Arzt aus der Steiermark erzählte mir, dass er selber Wahrträume habe, dass sie aber nicht besonders spektakulär seien. In der Schulzeit hätte er Prüfungsfragen geträumt, die ihm dann tatsächlich gestellt worden sind, und derlei Dinge. Sein Großvater aber hätte im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht mit zwei Kameraden geträumt, dass in wenigen Augenblicken die feindlichen Soldaten in die Scheune, in die sie sich geflüchtet hatten und in der sie erschöpft eingeschlafen waren, eindringen und sie töten würden. Er wacht auf, warnt seine Kameraden, die ihn – wie das in solchen Fällen häufig passiert – den Träumer für verrückt halten und im Gegensatz zum Großvater in der Scheune bleiben, denn jede Logik sagt, dass das ein gutes Versteck war und die Feinde nicht hierherkommen würden. Der Großvater hat seinem Traum vertraut und ist gelaufen – aus der Scheune raus und davon, und im Laufen hört er die Schüssen, die seine Kameraden getötet haben.

Aber in unserem strengen Denksystem darf nur existieren, was »beweisbar« ist, anderes wird abwertend, esoterisch oder hysterisch genannt. Vielleicht würde eine systematische Studie zu diesem Thema Licht ins Dunkel bringen. Aber für Sie, lieber Träumer, ist es Ihre Entscheidung, auf solche Träume achten zu wollen oder nicht. Denn sicherlich träumen auch Sie von Dingen, die geschehen werden; ob sie präzise so sein werden, wie Sie sie träumen, weiß ich nicht, aber dass sich Ihre Träume mit der Zukunft und Ihren Plänen, Ihren Vorhaben befassen, ist sehr wahrscheinlich.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
08 lipca 2025
Objętość:
204 str. 7 ilustracji
ISBN:
9783967994308
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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