Czytaj książkę: «Zeit»
Bodil Jönsson
Als erstes zu lesen
Vieles, worüber ich in diesem Buch schreibe, beschäftigt mich schon seit über zwanzig Jahren. Manche Gedanken sind schon in viele Briefe, Gespräche, Vorträge, Publikationen und Radiosendungen eingeflossen. Einiges ist auch im Hörbuch »Das andere Portemonnaie« enthalten, das Karin Örnfjäll und ich im Dezember 1997 aufgenommen haben.
Und nun entsteht auf vielfachen Wunsch auch noch ein Buch. »Auf vielfachen Wunsch« mag ziemlich eingebildet klingen, aber es war wirklich so. Eigentlich wundert es mich auch nicht – in diesen zwei Jahrzehnten habe ich gemerkt, dass sich viele Menschen über ihr Verhältnis zur Zeit den Kopf zerbrechen. Sie wollen darüber sprechen, sie suchen den Gedankenaustausch und neue Ideen. Nicht nur, weil sie ihre Probleme verdrängen wollen – sie wollen darüber auch wirklich nachdenken und vielleicht sogar ihren Frieden machen mit der Vergänglichkeit der Zeit.
Die Zeit ist nichts, womit man ein für alle Mal zu Rande kommt. Vielleicht könnten Sie es so halten wie ich: das ganze Leben lang eine vierstufige Treppe auf- und abwandern. Wer die erste Stufe erklimmen will, muss sich bereits davon gelöst haben, immer die gleichen deprimierenden Gedanken zu wiederholen: »Mein Gott, ich habe so wenig Zeit!«, »Nein, ich habe keine Zeit!« oder »Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll«.
Auf der ersten Stufe kommen Sie dann langsam zu der Erkenntnis, dass man das Problem mit der Zeit nicht verdrängen muss, sondern auch ganz anders damit umgehen kann. Wenn es Ihnen gelingt, die zweite Stufe zu erreichen, dann haben Sie schon begonnen, gründlicher über Ihre Zeit und Ihren Umgang damit nachzudenken. Manche Gedanken sind Ihnen möglicherweise schon vertraut, sie können sie strukturieren, Assoziationen bilden und Querverbindungen herstellen. Womöglich lachen Sie sogar (nachsichtig) ein wenig über sich selbst und fragen sich: »Mache ich es schon wieder?«
Auf der nächsten, der dritten Stufe haben Sie dann gelernt, Ihre Gedanken über die Zeit und die Art, wie Sie im Lauf der Zeit leben, zu beschreiben. Das erleichtert es nicht nur, mit anderen über diese Fragen zu sprechen – es bedeutet auch viel für Ihr eigenes Denken. Erst, wenn Sie sich Ihrer eigenen Gedanken bewusst sind, besitzen Sie ein festes Fundament für Ihre weiteren Schritte. Sie müssen nicht jedes Mal wieder von vorne anfangen, sondern stehen jetzt gewissermaßen auf Ihren eigenen Schultern und können von dort aus vielleicht Stufe vier erklimmen – nun gelingt es Ihnen, Ihre eigenen Denkmuster und Methoden gegen andere Konzepte, die es geben mag, abzuwägen.
Auf der vierten Stufe können Sie eine Zeit lang verweilen. Sie glauben nun, alles, was für Ihr eigenes Verhältnis zur Zeit wichtig ist, begriffen zu haben. Aber dann tritt plötzlich irgendein Ereignis ein, eine neue Lebenssituation, oder Sie fallen (nur zu oft!) wieder in ihr altes Verhalten zurück, und schon ist es aus mit solchen stoischen Überlegungen. Dann müssen Sie vielleicht noch einmal auf einer der unteren Stufen anfangen. Aber das fällt jedes Mal etwas leichter.
Damit soll es genug sein mit meinem Gedankenbild von der Treppe, vielleicht kann ja nur ich selbst etwas damit anfangen. Ich will jedoch davon erzählen, was ich bei meinen Kletterpartien auf der Treppe erlebt und gedacht habe. Und ich würde mich freuen, wenn es Ihnen auch weiterhilft.
Das Schreiben dieses Buches hat wirklich Spaß gemacht. Alles, was damit zusammenhing: das Alte zusammenzusuchen und das Neue zu schreiben und am Ende aus allem einen neuen Strauß zu binden. Und dann zur Krönung des Ganzen und als Tüpfelchen auf dem I das Vorwort wie unten datieren zu können. Drei Einser und drei Neunen sind wahrlich nicht zu verachten. Und ebenso seltsam wie eine Zwei und drei Nullen.
| Am Stenshuvud, 1.1.1999 | Bodil Jönsson |
1. Kapitel
Zeit –
das einzige, was uns gehört
Es gab in meinem Leben nicht besonders viele Idole. Vielleicht nur ein einziges: meine Großmutter. Sie starb, als ich noch keine sieben war. Aber sie dominiert meine wenigen konkreten Erinnerungen an meine Kindheit.
Dass meine Großmutter sich so sehr in mein Gedächtnis eingeprägt hat, hat sicher viele Gründe, aber im Moment denke ich vor allem an einen: Meine Großmutter hatte nie zu wenig Zeit. Nach unseren Maßstäben hatte sie zweifellos zu wenig Platz, manchmal sicher auch zu wenig zu essen, es fehlte ihr bisweilen an Heizung und Licht. Aber sie hatte nie zu wenig Zeit. Sie empfand es nicht so; sie betrachtete das Leben nicht unter diesem Aspekt.
Zwei Generationen später gehöre ich einer Kultur an, die sich vormacht, sie hätte zu wenig Zeit – zu wenig von dem einzigen, was uns wirklich gehört.
Ein Menschenleben dauert im Durchschnitt 30 000 Tage. Sie machen unser Kapital, unser individuelles Vermögen aus. Deshalb ist es nicht richtig und schon gar nicht menschenwürdig, wenn wir akzeptieren, dass Zeit als Mangelware empfunden wird.
Wie konnte die relative Seelenruhe der fünfziger Jahre – nach einem halben Jahrhundert ständig wachsenden Wohlstands – in eine derart deutlich greifbare Un-Ruhe und einen Un-Rhythmus umschlagen, den viele Menschen spüren? Vielleicht hängt dieser Wandel vor allem damit zusammen, dass der innere Rhythmus des Menschen in einem für uns selbst nachteiligen Maße anpassungsfähig und dehnbar ist. Der tätige Mensch umgab sich mit immer mehr Technik und ließ sich dadurch eine Lebensweise aufdrängen, in der er nicht mehr selbst über seine eigene Zeit bestimmt. Menschliche Kreativität, Phantasie, Empfindsamkeit und Flexibilität sind an eine Technik geraten, die vorhersagbar, ohne Phantasie und unfähig zur Veränderung ist. Oder – anders ausgedrückt – der Mensch als vergessliches, unlogisches, chaotisches und gefühlsbetontes Wesen versucht sich mit einer Technik zu arrangieren, die über ein gutes Gedächtnis verfügt, exakt und logisch, durchorganisiert und ganz und gar nicht zu beeinflussen ist.
Die Unfähigkeit des Menschen, einen Zeittakt zu bewahren, der seinem Wesen entspricht, hat sich in früheren Stadien der Evolution nicht so stark bemerkbar gemacht. Als Leonardo da Vinci sein berühmtes Bild des Menschen als Maß aller Dinge entwarf, handelte es sich um ein geometrisches Bild. Er brauchte eigentlich nur Längen, Flächen, Volumina und deren Verhältnis zueinander zu berücksichtigen. Unsere Zeit verlangt nach einem neuen Bild vom Menschen als Maß aller Dinge. Noch ist es nicht erfunden worden.
Das andere Portemonnaie
Besitzen Sie etwas, das Sie eintauschen könnten gegen Geld oder menschliches Beisammensein? Das Sie verwenden könnten für die Beschäftigung mit Ihrer Umgebung (Umwelt, Natur, Technik, Produkte) oder um zu lernen und sich um Ihr emotionales Leben zu kümmern? Schauen Sie sich die Zeichnung am Anfang dieses Kapitels an. Dort sehen Sie ein gewöhnliches Portemonnaie mit verschiedenen Fächern. Eines ist für das Geld bestimmt. Ein anderes für die Menschen, die Ihnen nahe stehen und mit denen Sie beruflich oder aus anderen Gründen zu tun haben. Das dritte Fach ist für Ihr weiteres Umfeld bestimmt, also für Umwelt, Natur und verschiedenste Tätigkeiten. Und dann gibt es noch ein Fach für die innere Welt: Ihre Gedanken und Gefühle.
Diese Einteilung erscheint auf den ersten Blick wenig sinnvoll, denn zwischen den einzelnen Fächern können wir ja nichts austauschen. Man kann mit Geld kein Wissen erkaufen, Beisammensein nicht gegen Waren eintauschen. Aber neben dem Portemonnaie liegt das Symbol für die eigentliche Leitwährung: die Zeit. Sie kann gegen den Inhalt jeden Faches eingetauscht werden. Unser eigentliches Kapital ist also die Zeit.
Zumeist sind wir nicht nur mit einem dieser Fächer beschäftigt, doch es lohnt sich, sie einmal isoliert voneinander zu betrachten. Man stellt dann fest, dass individuelle wie gemeinschaftliche Aktivitäten zu einem verblüffend großen Teil in das Geldfach investiert werden. Was würde geschehen, wenn es uns gelänge, unsere Interessen neu auf die vier Fächer zu verteilen? Und vor allem: Was würde geschehen, wenn wir uns mehr für den Wechselkurs interessierten, die Zeit nämlich, die wir für die Einzahlungen und Entnahmen aufbringen? Vielleicht würden wir dann ernsthaft erwägen, ein Amt für Zeitschutz, so wie es Ämter für Naturschutz gibt, einzurichten.
Der vergessene Grundstein
Wenn die Wirtschafts- und Finanzsysteme verrückt spielen, wenn das Ökosystem aus dem Gleichgewicht gerät, wenn Boden, Luft und Wasser aufs Grausamste misshandelt werden, und wenn im Grunde niemand mehr als nur einen begrenzten Teil der Symptome überblickt, dann wird es höchste Zeit, noch einmal neu nachzudenken. Was wäre, wenn wir den wahren Grundstein aus dem Blick verloren hätten? So wie damals, als die eigentliche Ursache, warum das Atomkraftwerk Three Miles Island plötzlich beunruhigende Alarmsignale aussandte, nicht erkannt wurde? Jede Maßnahme, die man ergriff, war den Vorschriften nach richtig und trotzdem falsch, weil man die tatsächliche Ursache nicht gefunden hatte: Ein Ventil war hängen geblieben. Weil das nicht erkannt wurde, tat man das Falsche. Wieder und wieder.
Vielleicht schädigen wir in ähnlicher Weise unsere Umwelt, unser soziales Leben und den eigenen Seelenfrieden, wenn wir den eigentlichen Grundstein unseres Systems nicht beachten, unser Verhältnis zur Zeit nämlich. Wenn da nun etwas »hängen geblieben« wäre? Und was, wenn ein anderes Zeitempfinden uns ganz nebenbei auch zu einem anderen Umgang mit der Natur führen würde, viel effektiver, als es durch einzelne Maßnahmen zum Schutz der Umwelt je möglich ist?
Jedenfalls ist jeder Ansatz, der die in dem Satz »Zeit ist Geld« ausgedrückte Vorstellung erschüttert, zu begrüßen. Das gilt auch für alle Bestrebungen, Geld nicht mehr als Leitwährung im Leben anzusehen. Die damit verbundenen Gefahren waren den Menschen früher viel klarer bewusst. Die Frauen der schwedischen Landarbeiter zum Beispiel wehrten sich gegen die gewerkschaftliche Forderung, ihre Männer für ihre Arbeit, das heißt für ihre Zeit, mit Geld zu bezahlen. Bislang waren die Männer ausschließlich in Naturalien entlohnt worden, und von diesem Deputat hing das Überleben der Familien ab. Das einzige Geld, das dem Haushalt zur Verfügung stand, war das Geld der Frauen gewesen. Wenn sie, zusätzlich zum Melken der Kühe, was mehrmals täglich anfiel, noch einige Handarbeiten oder Ähnliches anfertigen konnten, dann brachte das ein paar Groschen ein. Nadelgeld, wie es damals hieß. Dieses Geld bedeutete ihnen viel. Die Vorstellung, dass jegliche Arbeit, also auch die der Männer, mit Geld entlohnt werden könnte, erschien ihnen als reale Bedrohung.
Seitdem ist sehr viel geschehen, und ein Großteil des abendländischen Fortschritts ist mit dem Vorhaben verknüpft, Zeit zu »sparen«. Ich muss einfach noch eines meiner Lieblingsbeispiele zum Besten geben, wie unsinnig es ist, wenn wir in der westlichen Welt davon sprechen, »Zeit zu sparen«. Nehmen wir an, Ihr Arbeitsplatz liegt fünfzig Kilometer entfernt, so dass Sie jeden Tag mit dem Auto einhundert Kilometer fahren müssen. Das schaffen Sie vielleicht in einer Stunde. Aber brauchen Sie wirklich eine Stunde, um hundert Kilometer zu fahren? Das wollen wir durchrechnen (die Zahlen sind schon etwas veraltet, die Proportionen stimmen aber). Es kostet ungefähr zweihundert Kronen, hundert Kilometer mit dem Auto zu fahren. Der durchschnittliche Nettoverdienst pro Stunde liegt bei fünfzig Kronen. Sie benötigen also vier Stunden, um Ihre Autofahrt zu finanzieren. Also brauchen Sie nicht eine Stunde für die hundert Kilometer, sondern 1 + 4 Stunden, das heißt fünf Stunden. Damit beträgt Ihre durchschnittliche Geschwindigkeit 20 km/h (fünf Stunden auf hundert Kilometer). Also könnten Sie ebenso gut mit dem Fahrrad fahren!
Zeit zum Umdenken
Das Beispiel ist doch überzeugend! Aber wie können wir es uns zu Nutze machen? Man kann ja nicht einfach zu seinem Chef gehen und ihm mitteilen: »Ich werde meine Zeit umdisponieren. Statt acht Stunden zu arbeiten und eine Stunde im Auto zu sitzen, arbeite ich von nun an fünf Stunden und fahre vier Stunden Rad.« Wir können unser persönliches Leben nicht so einfach umkrempeln, alles ist verflochten mit Wirtschaft, Arbeitsplätzen, Einkaufsmöglichkeiten, dem Gesundheitswesen und dem übrigen öffentlichen Sektor. Fast alles beruht auf privatem Autoverkehr. Das soll nicht heißen, dass der Gedanke »Ich könnte vielleicht ebenso gut mit dem Rad fahren« zu nichts führt. Einerseits ist es immer möglich, eine kleine Gewohnheit zu ändern, wenn es das Leben leichter macht. Andererseits können auch große Veränderungen auf diese Weise eingeleitet werden. Solche Rechenexempel oder Bilder, Metaphern und Gleichnisse sind manchmal ganz hilfreich – plötzlich kann man der eigenen, angeblich so rationalen Lebensplanung auch komische Aspekte abgewinnen.
Auf diese Weise könnte man jeden Lebensbereich durchforsten. Nehmen wir zum Beispiel den Preis eines ganz normalen Linienfluges und fragen wir uns, ob wir nicht ebenso gut mit dem Rad fahren könnten. Oder könnte es sein, dass wir uns dermaßen damit beeilen, in Eile zu sein, dass wir für nichts mehr Zeit haben? Doch ja, das wäre möglich. Jedenfalls steht fest, dass vieles durchaus nicht so schnell geht, wie wir uns vormachen. Für einen vermeintlichen Zeitgewinn bezahlen wir stets mit zusätzlichem Arbeitseinsatz.
Wenn mir jemand von einem neu erworbenen Gegenstand erzählt, mit dem sich angeblich Zeit einsparen lässt, dann frage ich – wenn ich mich traue – sofort: »Und was machst du mit dieser Zeit?« Das ist eine gute, aber auch gefährliche Frage. Sie führt uns zurück zu unserem Grundstein. Hier stehen Sie, die Zeit scheint Ihnen davonzulaufen und immer schneller und schneller zu vergehen. Was tun? Sie kaufen etwas, um Zeit zu sparen. Aber die Zeit vergeht immer schneller, und Sie kaufen etwas, um noch mehr Zeit zu sparen ...
Ich selber fing an, mich mit diesen Fragen zu beschäftigen, als ich gerade dreißig geworden war. Ich hatte drei kleine Kinder und einen spannenden Job – und die Zeit verging jeden Tag schneller. Ich sprach darüber mit einer, wie mir damals schien, uralten Frau – ich glaube, sie war eben fünfzig geworden. Als ich etwas stockend zu erklären versuchte, wie sehr es mir Angst machte, dass die Zeit jeden Tag schneller verging, war die Antwort: »Und das sagst du, du bist noch so jung. Warte nur ab, du wirst schon sehen!«
Ihre Worte haben mich sehr betroffen gemacht. Und wie! Denn wenn eine Naturwissenschaftlerin überhaupt etwas beherrscht, dann ist es logisches Denken! Wenn sich die dauernd zunehmende Geschwindigkeit, die ich registriert hatte, noch verstärkte – dann wäre das Leben doch bald zu Ende. Und das wollte ich nicht, denn ich lebte doch so gerne.
Time-out
Ein Samenkorn war gesät worden. Ich machte mich in aller Stille an mein privates Projekt, »die Zeit anzuhalten«. Ich versuchte es mit einer sehr effektiven Methode, nämlich, eine Zeit lang gar nichts zu tun, statt wie ein aufgescheuchtes Huhn herumzurennen. Na ja, was heißt schon »nichts«. Ich bin eben so, wie ich bin – ich habe natürlich trotzdem einiges gemacht.
Äußerlich sah die neue Lage so aus: Nach Weihnachten ließ ich mich für fast zwei Monate beurlauben (im heutigen Sprachgebrauch nennen wir einen solchen Urlaub »Timeout«, und in diesem Zusammenhang ist das wirklich ein passender Ausdruck). Ich war nicht krank, nicht ausgebrannt, nicht deprimiert. Ich wollte einfach nur die Zeit anhalten. In der ersten Woche räumte ich den Dachboden auf und bereitete alles für das Abschleifen des Fußbodens vor, allmählich wurde ich dann aber ruhiger. Ich blieb die ganze Zeit zu Hause. Das war wichtig. Nicht verreisen, keine sonstigen Unternehmungen, nur abwarten. Und langsam kam die Zeitewigkeit zurück. Die panische Überlegung: »Was wollte ich eben tun, was habe ich vergessen?« und die Angst vor der Leere: »Was mache ich bloß als Nächstes?« verflüchtigten sich nach und nach. Tatsache ist, wenn ich zurückblicke, dass die Zeit für mich nie so schnell vergangen ist wie vor dieser »Auszeit«. Und ich bilde mir ein, dass der Trick wieder funktionieren würde. Wenn ich mir wieder einmal wie ein Hamster im Laufrad vorkomme, dann lege ich eine lange Auszeit ein und finde zurück in ein Leben in leidlicher Harmonie mit dem Zeitstrom.
Im Alltag greife ich auch immer wieder zu diesem alten Kniff, wenn auch in viel kleinerem Maßstab. Natürlich gerät auch mein Leben oft in Unordnung, viel zu oft. Aber ich erkenne die Situation wieder und schaffe es meist, einen kleinen Schritt beiseite zu treten, durchzuatmen und von neuem anzufangen. In anderem Zustand. Auch wenn ich wieder im Laufrad stecke, ist es doch ein großer Unterschied zu wissen, dass ich darin nicht in alle Ewigkeit strampeln muss: »Bald, wenn das geschafft ist, bin ich wieder draußen.«
Im tiefsten Herzen weiß ich jetzt, dass es mir nicht an Zeit mangelt. Ich habe Zeit genug. Ich weiß, dass viele sich von einer solchen Behauptung provoziert fühlen. Das haben mir Freunde und unbekannte Menschen immer wieder durch ihre beklommenen Fragen bewiesen. Sie fragen zwar mich, wieso gerade ich so viel Zeit habe, aber in Wirklichkeit geht es ihnen um ihr eigenes Verhältnis zur Zeit. Kann man tatsächlich viel Zeit haben? Wie macht man das?
Keine Patentlösung
Es gibt durchaus Supertricks, dazu komme ich gleich. Aber wir müssen uns vor Augen halten, dass wir mit Patentlösungen, wie sie in vielen Zeit-Management-Ratgebern propagiert werden, nicht weiterkommen. Das Thema ist so persönlich, dass wir nur dann etwas erreichen, wenn wir im tiefsten Inneren daran arbeiten und uns immer wieder damit befassen. Ich schreibe dieses Buch gewissermaßen im Geiste von Krilon. (Die Krilon-Trilogie des Schriftstellers Eyvind Johnson behandelt auf eindrucksvolle Weise die Bedeutung des Gesprächs – auch des Gesprächs, das wir mit uns selbst führen.)
Wie Krilon schleiche ich um die Auseinandersetzung herum. Immer wieder kehre ich zu ihr zurück, aus verschiedenen Richtungen, zu immer anderen Treffpunkten. Einerseits, weil man so oft am besten lernt – nicht durch ein einmaliges Erlebnis oder durch sture Wiederholung, sondern durch Variation. Und andererseits, weil man sein Verhältnis zur Zeit nicht ein für alle Mal klären kann.
Dagegen kann man lernen, die Symptome wieder zu erkennen. Und sich einige Standardtricks zulegen, mit denen man aus dem destruktiven Zeitwirbel auszubrechen vermag.
Freie Zeit
Ob man sich nun zu der Lebenslüge bekennt, man habe wenig Zeit, oder dazu, Zeit genug zu haben – ein verändertes Zeitempfinden führt auf jeden Fall zu neuen Prioritäten in Bezug auf das, was man tut und wie man seine Zeit verwendet. Wer einen voll gepackten Terminkalender hat, stellt regelmäßig fest, dass die vielen Termine und Verabredungen sich gegenseitig Konkurrenz machen. Er muss ständig neue Prioritäten festlegen. (Aber auch wer freie Zeit erleben will, muss Prioritäten setzen.) Er muss Dinge aufgeben, um andere zu tun. Muss etwas fallen lassen, um sich etwas anderes gönnen zu können. Muss sein Leben so einrichten, dass das Projekt »freie Zeit« auf die Bühne treten kann. Um neue Dinge denken und unternehmen zu können. Das erfordert Zeit und Raum, die Umgebung muss mehr Rücksicht nehmen und auf Störungen verzichten. Und – vor allem – man muss aufhören, sich selbst dauernd abzulenken und sich von all dem Kleinkram auffressen zu lassen.
Viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, heißt nicht, auch mit allen zugleich zu jonglieren. Vielleicht muss man ganz ungestört sein, wenn man sie auffängt, einen nach dem anderen. Danach können sie auch mal in rascher Folge wechseln, es dürfen nur nicht zu viele werden. Wo die Grenze verläuft, ist bei jedem anders. Selbst kann ich sehr viele Bälle im Griff halten, aber wenn dann noch einer und noch einer dazukommt, taucht die Grenze in geradezu lächerlicher Deutlichkeit auf. Wenn ich diese Grenze überschreite, verliere ich die Kontrolle und lasse auch den einen Ball fallen, den ich krampfhaft festzuhalten versuche. Jeder Gedanke und jede Handlung braucht mehr und mehr Zeit, je mehr Bälle ich dazunehme.
Ein Lob der Vielfalt
Vor langer Zeit habe ich mir das Altern wie einen umgedrehten Trichter vorgestellt – das Leben, dachte ich, würde immer enger und gleichförmiger werden. Was ich bisher erlebt habe, lässt auf das genaue Gegenteil schließen. Da, als ich jung war, niemand mit mir über solche Themen gesprochen hat, möchte ich es gerne hier und jetzt bezeugen. Das Leben verliert mit dem Alter nicht zwangsläufig an Qualität. Es ist auch möglich, dass unser Erleben mit jedem Tag stärker wird. Schließlich haben wir so viel erlebt, dass jede neue Erfahrung eine ganze Reihe von Assoziationen auslöst. Eine solche Vielfalt hätte ich vor dreißig Jahren nicht erfahren können, ganz einfach, weil ich noch nicht so viel erlebt hatte. Das ist wie bei der Biologin, die mehrere hundert Grassorten unterscheidet, wo ein anderer nur grün und immer wieder grün sieht. Oder wie bei dem erfahrenen Musikliebhaber, der in der Fülle der Musik versinkt oder einzelne Stimmen heraushört oder sich vielleicht Gedanken über die Ähnlichkeiten mit anderen Kompositionen macht. Das Erleben solcher Menschen ist naturgemäß reicher als das anderer. Und deshalb wird ihr nächstes Erlebnis noch reicher sein. Der Trichter verbreitert sich. Sofern man nicht blasiert wird, versteht sich.
Im Laufe der Jahre hat sich bei mir, und das ist sicher vielen vertraut, ganz tief im Inneren ein Kern der Zuversicht und Geborgenheit gebildet. Ich traue mir zu, zu handeln, etwas auszuprobieren, zu empfinden und zu erleben. Auf diese Weise erweitere ich meine Grenzen und drehe den Trichter um, das Leben wird breiter, nicht enger.
Manchmal fällt mir auf, wie wenig ich mich an die Zeit erinnere, als mein Leben einfach so dahinrollte. Ich erinnere mich daran wie an eine Stimmung, einen Glücksschimmer. Und das ist bereits viel. Aber mehr ist mir davon auch nicht geblieben. Was in meiner Erinnerung lebendig geblieben ist, was sich mir eingeprägt hat, ist das, was wirklich schwierig gewesen ist. Nicht, dass ich mich in meinen Problemen suhle oder sie immer wieder durchkaue. Zum Glück habe ich keinerlei Hang zur Verbitterung. Im Gegenteil, wenn die Probleme hinter mir liegen, freue ich mich fast immer darüber, dass es sie gab. Erst sie haben es mir ermöglicht, mehr zu erleben, mehr zu wagen, mehr zu wollen und die Zeit anders zu empfinden.
Abwechselnde Aktivitäten
Es bringt Vor- und Nachteile mit sich, wenn man verschiedene Aktivitäten aufeinander folgen lässt und zwischendurch Pausen einlegt (sofern man mit dem unproduktiven und bohrenden Stress, der in den Übergangsphasen auftritt, umgehen kann).
Ein Vorteil der abwechselnden Aktivitäten kann das sein, was ich DD – »Denken dauert« – nenne (Kapitel 5). Verhält es sich möglicherweise so, dass wir uns manchmal ein wenig langweilen, einen Gedanken alt werden lassen müssen, damit er in dem Bereich unseres Inneren, der sich unserem Einfluss entzieht, reifen kann? Man kann nicht ununterbrochen Neues denken. Man braucht auch Pausen. Und die kann man sich verschaffen, indem man tatsächlich eine Pause einlegt oder einfach etwas ganz anderes tut.
Ein Nachteil abwechselnder Aktivitäten kann darin liegen, dass der Wechsel so unverhältnismäßig viel Zeit kostet. Die Startphase ist so lang und die Bremsstrecke auch, dass für die eigentliche Aktivität einfach keine Zeit mehr bleibt. Ich gehe im dritten Kapitel unter der Überschrift »Rüstzeit« näher darauf ein.
Ein Vorteil ist, dass man der Monotonie entgeht.
Ein Nachteil dagegen, dass man sich vielleicht aus der Menge der möglichen Aktivitäten nur die leichten, rasch zu erledigenden aussucht und dass auf diese Weise Wichtiges ungeschehen bleibt: die schwierigen, auf Dauer angelegten und letztlich befriedigenden Aktivitäten.
Stillstand und Bewegung
In Stillstand und Bewegung kommen unterschiedliche Eigenschaften zum Tragen. Das gilt für Menschen und Materie gleichermaßen. Stellen Sie sich eine Flasche Sirup vor. Was können Sie über die Eigenschaften des Sirups aussagen, solange Sie die Flasche nicht auf den Kopf stellen? Sie sehen die Farbe, Sie können einen Finger hineinstecken und den Sirupgeschmack kosten. Aber dass Sirup ausgesprochen zähflüssig ist, können Sie erst in Erfahrung bringen, wenn Sie die Flasche umdrehen und ihren Inhalt in Bewegung setzen. Dann treten seine dynamischen Eigenschaften zutage.
Im statischen Zustand kommen dynamische Eigenschaften nicht zum Vorschein. Wir begegnen gleichsam einem neuen Menschen, wenn wir dynamische Eigenschaften bei jemandem entdecken, den wir bisher nur in Situationen des Stillstands erlebt haben. Der Mensch, der im Wald mit Ihnen am Lagerfeuer vor dem Zelt sitzt, ist nur teilweise dieselbe Person wie mitten im hektischen Alltag der Großstadt.
Es ist also nicht überraschend, dass Stellenangebote in den Zeitungen heute andere Eigenschaften fordern als früher. Früher waren Zuverlässigkeit und Stabilität (statische Eigenschaften) gefragt, heute sind es Kreativität, Flexibilität und Tatkraft.
Gleichzeitigkeit
Früher sorgte die Zeit für den Lauf der Dinge. Mit der Zeit hatte die Natur ein wunderbares Instrument gefunden, um zu verhindern, dass alles auf einmal geschah. Jetzt scheint diese Eigenschaft der Zeit aufgehoben zu sein – (fast) alles passiert gleichzeitig. Der unsichtbare Stiefel, der früher zwischen Dauerhaftigkeit und flüchtiges Tagesgeschehen trat, indem er tagaus tagein über alle Erfindungen, Forschungsergebnisse und Moden hinwegschritt, hat seine Funktion eingebüßt. Alle unsere Zukunftsbilder könnten sich als irrelevant erweisen, weil uns vielleicht gar nicht mehr viel Zukunft bleibt.
Ein schrecklicher Gedanke? Ja, vielleicht. Aber es ist auch wunderbar, dass ich gerade jetzt leben darf, wo alles für mich zugänglich ist. Unsere Zeit ist nicht nur die einzige Zeitspanne, die uns zur Verfügung steht, sondern auch diejenige Zeitspanne, die uns gerade jetzt gehört. Gleichzeitigkeit ist ein wichtiger Begriff. Natürlich kennen Sie nicht alle jetzt lebenden Menschen, die Sie vielleicht gerne kennen lernen würden, aber zumindest theoretisch hindert Sie nichts daran, jeden beliebigen jetzt lebenden Menschen zu treffen. Mit Menschen aus Vergangenheit und Zukunft zu sprechen, ist dagegen unmöglich. Das ist auch auf der Ebene der Nationen und Staaten von Bedeutung. Wenn ein Land heute ein anderes zum Beispiel dadurch bedroht, dass es ihm den Zugang zum Wasser versperrt, dann entsteht ein Konflikt, der heute gelöst werden muss. Doch wenn eine Generation in einem Land einer kommenden Generation dort oder anderswo den Zugang zum Wasser nimmt, dann macht die fehlende Gleichzeitigkeit eine Lösung des Konflikts unmöglich. Zwischen den verschiedenen Parteien, zwischen Tätern und Opfern, ist kein Gespräch möglich.
Das Einzigartige der Zeit
Zeit macht sich auf sehr greifbare Weise bemerkbar, wenn es um Geburten oder Todesfälle geht. Plötzlich ist ein neuer kleiner Mensch da, der all seine Zeit noch vor sich hat und vielleicht die Ihre beansprucht. Ein anderer Mensch stirbt, und Sie können Ihre Zeit nicht mehr mit ihm teilen. Die Zeit (jene vielleicht 30 000 Tage, die uns zur Verfügung stehen) gemahnt uns an die Vergänglichkeit und Begrenztheit des menschlichen Lebens. Oder wagen wir nicht, darüber nachzudenken? Wurzellosigkeit hat nicht nur physische oder soziale Ursachen. Es gibt auch eine zeitliche Wurzellosigkeit. Doch dieser Gedanke ist fast schon ein Tabu.
Unser Alltag ist erfüllt von Ereignissen, Menschen und Orten. Dann und wann behaupten wir, im Hier und Jetzt zu leben oder von nun an nur noch leben zu wollen. Doch im Jetzt werden wir handlungsunfähig, wenn wir nicht wissen, was wir in einem Monat tun werden. Das Bild der Zukunft ist unerlässlich für ein Leben im Jetzt. Das gilt auch für die Vergangenheit und für die Erinnerungen, auf die wir zurückgreifen können. Damals, jetzt und später sind die Ecksteine im Strom des Lebens.
Die Sonderstellung, das Einzigartige der Zeit auch mitten im Alltag begreiflich werden zu lassen, dazu möchte ich gerne beitragen. »Zeit, das einzige, was uns gehört«, das ist eine Tatsache, die man als etwas Erfreuliches, als Denkanstoß oder als drängende Herausforderung auffassen kann – je nach Lust und Laune.
2. Kapitel
Uhrzeit und empfundene Zeit
Jeder Mensch besitzt innere »Spione«, die mal mehr, mal weniger aktiv sind. Eine Frau, die gerade von ihrer Schwangerschaft erfahren hat, sieht überall andere Schwangere und Eltern mit Kinderwagen. Wer sich einredet, dass der Leberfleck auf dem Rücken gefährlich sein könnte, spürt die ganze Zeit, wie die Bluse darauf scheuert. Beim Pilzesammeln sehen gelbe Birkenblätter leicht aus wie Pfifferlinge. Was ein Mensch wahrnimmt, wird in hohem Maße von diesen »Spionen« bestimmt. Vielleicht sollten wir uns eher als Suchende verstehen denn als Empfangende?
Mitunter sind bestimmte Kenntnisse ausschlaggebend dafür, was und wie intensiv wir etwas erleben. Wie für die Biologin angesichts der Vielfalt der Arten und für den Musikliebhaber im Konzertsaal. Wie für die Astronomin, die am Nachthimmel mehr und auf andere Weise sieht als der Amateur.
Wie viele Augenblicke hat eine Viertelstunde?
Mit der Zeit verhält es sich jedoch anders. Dafür besitzen wir kaum innere Spione. Uns ist es nicht gegeben, Profis des Zeitempfindens zu werden. Aber man kann vieles andere lernen – zum Beispiel pünktlich zu kommen, man kann eine Uhrmacherlehre machen oder als Logistik-Spezialist Zeitströme lenken, man kann als Projektleiter die Abfolge bestimmter Aufgaben akribisch nach Zeitintervallen berechnen, und man kann als Physikerin theoretisch und experimentell das Wesen der Zeit ergründen. Aber wenn ich mich frage: »Wie viele Augenblicke hat eine Viertelstunde?« oder »Wie viele Augenblicke hat eine Weile?«, dann hilft mir all mein physikalisches Wissen nicht weiter. Natürlich kann ich als Physikerin erklären, wie eine Sekunde definiert wird und was fünfzehn Minuten sind. Aber das hilft mir nicht, wenn ich – ohne andere Maßstäbe als mir selbst – beschreiben soll, wie lange eine Viertelstunde oder eine Weile sind.
Ich glaube, man sollte zwei verschiedene Arten von Zeit unterscheiden: die persönliche (empfundene) Zeit einerseits und die Uhrzeit (eigentlich »Atomzeit«) andererseits. Beide Zeitarten haben nichts miteinander gemein. Ohne besondere Hilfsmittel kann der Mensch objektive Zeit – die Uhrzeit – nur eingeschränkt wahrnehmen. Unsere inneren Uhren gehen jeden Tag, jede Stunde, ja, vielleicht sogar jede Minute anders. Sie sind alles andere als zuverlässig.
Doch die empfundene Zeit verstreicht im Grunde nicht anders als die Uhrzeit – nur gelten beide Zeiten in unterschiedlichen Dimensionen. Meine persönliche Zeit, mein individuelles Zeitempfinden kann ich nur nach meinem eigenen Takt einteilen – um so ein Zeitmaß zu gewinnen, das den Bezug zu der anderen, künstlichen Zeitmessung erlaubt. Seltsam, oder?
So seltsam ist es eigentlich gar nicht. Technische Gegenstände dienen oft der Aufgabe, etwas Zwischenmenschliches zu erleichtern. Mancher hält Technik für etwas Unmenschliches. Aber das stimmt nicht. Menschen verhalten sich menschlich oder nicht. Technik ist einfach technisch – es sei denn, sie sei dermaßen fehlkonstruiert, dass man sie als »untechnisch« bezeichnen müsste. Was Mensch und Technik verbindet, sind eigentlich die Beziehungen der Menschen untereinander. Das Telefon wäre ja nicht erfunden worden, wenn es nicht Menschen gäbe, die wir anrufen können. Es hätte niemals Eisenbahnen gegeben, wenn wir niemanden besuchen könnten. Und ganz bestimmt gibt es Präzisionsuhren nur deshalb, weil wir uns mit anderen Menschen verabreden wollen oder mit ihnen klären müssen, wie viel Zeit für eine bestimmte Aktivität zur Verfügung steht.
Definierte, messbare Zeit: Uhrzeit
Die künstliche Uhrzeit zu beschreiben ist kein Problem, da hat man sich auf Definitionen geeinigt. Uhrzeit wird wie andere physikalische Größen auch in bestimmten Einheiten gemessen. Zusammen mit Nina Reistad habe ich das Buch »Experimentelle Physik« geschrieben. Wir weisen darin u.a. darauf hin, dass es nicht weiter verwundern sollte, dass eine Sekunde so lang ist, wie sie eben ist, dass es schon Gründe gibt, warum ein Kilogramm dieses bestimmte Gewicht hat und ein Meter seine bestimmte Länge. Solche Maßeinheiten besitzen zweckmäßigerweise eine Größe, die man handhaben kann. Die Zeiteinheit Sekunde entspricht ziemlich genau dem Intervall zwischen zwei Herzschlägen. Die Maßeinheit Kilogramm ist ebenfalls sinnvoll – der Mensch wiegt soundso viel Kilogramm. Die Längeneinheit Meter ist naheliegend, denn die meisten Menschen sind zwischen einem und zwei Metern groß. Die Temperatureinheit von einem Grad Celsius passt ebenfalls ganz gut, denn man spürt recht genau, wenn sich die Temperatur um ein oder zwei Grad verändert.
Trotzdem bleibt es erstaunlich, dass diese Maßeinheiten überall auf der Erde verbreitet sind. Selbst Menschen in Weltgegenden, die nicht in Meter, Kilogramm, Grad Celsius messen, können mit Größen wie 1 m, 1 kg, 1 °C umgehen – sogar von einem System ins andere umrechnen. Und was die Zeit betrifft, so ist es doch bemerkenswert, dass eine Sekunde überall auf der Welt als Einheit akzeptiert wird.
Entfernung und Zeit
Maßeinheiten sollten unveränderlich sein. Deshalb orientierte man sich früher an Phänomenen, die man beobachten konnte und für dauerhaft hielt. Folglich wurden die verschiedenen Maßeinheiten mit geografischen und astronomischen Phänomenen verknüpft. Zum Beispiel legte man die Längeneinheit 1 Meter als ein Zehnmillionstel der Entfernung zwischen Äquator und Nordpol in Höhe der Meeresoberfläche fest. Zeitbegriff und Zeiteinheiten wurden an astronomische Bewegungsphänomene gekoppelt. Als sich die Messtechniken verbessert hatten, stellte man jedoch fest, dass Himmelsphänomene durchaus nicht unveränderlich waren.
Im Jahre 1870 erklärte der englische Physiker James Clerk Maxwell: »Wenn wir absolute, unveränderliche Einheiten für Zeit, Länge und Masse gewinnen wollen, dürfen wir uns nicht an Bewegung oder Masse der Planeten halten, sondern müssen uns an Wellenlänge, Frequenzen und Massen von unvergänglichen, unveränderlichen und vollständig gleichartigen Atomen orientieren.«
Tatsächlich definieren wir heute den Meter anhand atomarer Wellenlängen und die Sekunde auf der Basis von Strahlungsfrequenzen von Atomen und Molekülen. Im Jahre 1967 wurde festgelegt, dass 1 Sekunde der Dauer von 9.192.631.770 Perioden der Strahlung gleichkommt, die dem Übergang zwischen zwei Hyperfeinniveaus im Grundzustand des Atoms Cäsium 133 entspricht.
Ich wüsste aber niemanden, der diese Definition im eigenen Zeitempfinden nachvollziehen könnte. Ihre Stärke liegt vielmehr darin, dass es sich um eine objektive, vom Menschen unabhängige Definition handelt. Als Kuriosum am Rande sei vermerkt, dass der Meter nunmehr – seit Donnerstag, dem 20. Oktober 1983 – direkt mit der Sekunde verbunden ist. 1 Meter wird definiert als die Strecke, die das Licht im Zeitraum (1/299792458)s durch das Vakuum zurücklegt. Länge wird heute also nicht mehr als Länge definiert, sondern als Zeitfaktor.
Das ist auf die seltsame Situation zurückzuführen, die in den siebziger Jahren entstanden war. Damals gelang es zum ersten Mal, Lichtgeschwindigkeit im Vakuum zu messen, ausgedrückt in m/s – womit sich zugleich auch eine präzisere Definition des Längenmaßes Meter ergab. Das musste natürlich genutzt werden, und deshalb wurde der Meter neu definiert und direkt mit der Sekunde verbunden.
In einem Punkt unterscheidet sich unsere subjektiv erlebte Welt aber nicht von der Definitionswelt der Uhrzeit: Auch im Alltag rechnen wir nicht in Entfernungen, sondern in Zeit!
Persönliche empfundene Zeit
Die physikalische Zeit, die Uhrzeit, ihre Definition und ihren Gang kann niemand beeinflussen. Man kann sich wohl eine herkömmliche mechanische Uhr zulegen und ausrufen, wie der Poet Gösta Ekstrof:
Ich will nicht so ein
digitales Wunder
das meinen Zeitverbrauch misst
Ich behalte
mein globales Orakel
das mir die Illusion der Unsterblichkeit bewahrt
Aber man kann nichts daran ändern, dass die Menschheit Zeit nun einmal partout auf eine vom Menschen unabhängige Weise definieren wollte, zuerst im kosmischen Raum, jetzt auch im atomaren Mikrokosmos.
Die persönliche Zeit dagegen, unser Zeitempfinden und wie wir mit der Zeit umgehen, gehört uns allein. Und sie bleibt uns auch erhalten, vielleicht für immer. Hinter der Uhrzeit jagen wir jedoch hinterher. Die wird »effektiviert«, zerstückelt. Und dann kaufen wir uns ein neues technisches Wunderwerk, um »Zeit zu sparen«. Damit erreichen wir meist das genaue Gegenteil dessen, was wir beabsichtigten – nämlich mehr empfundene Zeit zu haben.
Verletzungen des Zeitempfindens
Unterschiedliche Umgebungen bieten mehr oder weniger gute Voraussetzungen, um die persönliche Zeit, den eigenen Rhythmus zu empfinden. Eisenbahnzüge waren früher die perfekten Freiräume auf Rädern. Zwar werden Abfahrt und Ankunft des Zuges in Uhrzeit angegeben, doch dazwischen konnte man die Zeit auf ganz persönliche Weise erleben. Nirgendwo war man so ungestört wie im Zug.
Doch dann wurde uns Bahnliebhabern dieser Freiraum genommen. Die Handymafia hielt Einzug. Mit ihren Abschlussbilanzen, dem Ergebnis der Führerscheinprüfung und den Komplikationen bei Evas Keuchhusten. Wer will denn das alles wissen? Ich möchte in meinem Klangraum in Ruhe gelassen werden. Ich kann nicht akzeptieren, dass andere Menschen durch ihr Geschwätz im Bahnabteil meine persönliche Zeit so sinnlos zerstören. Oft wird in erheblicher Lautstärke telefoniert, und was gesagt wird, klingt immer irgendwie unnatürlich. Es ist ja auch unnatürlich, nur den einen Teil eines Gesprächs zu hören. So unnatürlich, dass man diese Störgeräusche nicht ignorieren kann – anders als das natürliche Hintergrundgeräusch, das sich zum Beispiel aus einer Unterhaltung zwischen anderen Reisenden ergibt.
»Liebe Bahn«, schrieb ich 1995. »Ich würde gerne auch weiterhin Eisenbahn fahren. Deshalb schlage ich vor, dass Sie der Handymafia ein Reservat zuweisen, wo sie sich ihrer Zeitzerstückelung hingeben kann. Wir anderen können derweil in den übrigen Waggons unsere freien Zeitzonen genießen. Übrigens werden sich dann bestimmt auch viele Handyterroristen zu uns in die handyfreie Zone setzen – so wie Raucher, die zwischendurch in Nichtraucherabteile übersiedeln. Denn wenn man erst erfahren hat, was empfundene Zeit bedeutet, will man sie auch nicht wieder verlieren.«
Und jetzt gibt es sie endlich, die handyfreien Bahnwagen, die geschützten Oasen. Vielleicht kann der Zug wieder zu einem Ort werden, an dem sich das Gefühl von empfundener Zeit verstärkt und erweitert.
Die Zeit denkt
Während ich entdeckte, dass es Uhrzeit einerseits und empfundene Zeit andererseits gibt, machte sich natürlich auch die übrige Welt Gedanken über diese Fragen. Man kann regelmäßig davon ausgehen, dass in dem Moment, wo man eine großartige und ganz neue Idee entwickelt, irgendwo auf der Welt einer oder mehrere Menschen genau denselben Einfall haben. Vielleicht formulieren sie ihn etwas anders, aber im Grunde handelt es sich um denselben. »Die Zeit denkt«, wie Kristina Persson, Regierungspräsidentin von Jämtland, zu sagen pflegt.
Aber ich war doch überrascht, dass ich mit meinen Überlegungen nicht so allein gewesen war, wie ich gedacht hatte. Der deutsche Philosoph Peter Heintril hat 1990 »Tempus« gegründet, einen »Verein zur Verzögerung der Zeit«. Das sollte kein Witz sein (auch wenn Vereinsmeier manchmal große Witzbolde sind), und Tempus hat inzwischen in Deutschland, Österreich, Schweden, Italien und der Schweiz an die tausend Mitglieder. Seit 1991 werden jedes Jahr Symposien veranstaltet. Die Vereinsmitglieder werden eingeladen, ganz konkret von ihrem Umgang mit ihrer persönlichen Zeit zu berichten. Der Verein ist recht locker organisiert, gibt aber diverse Publikationen und Videodokumentationen heraus.
Ich erfuhr von dieser Vereinsgründung erst Jahre später aus einer schwedischen Zeitung. Ich besorgte mir die Schriften des Vereins und las mit zinntellergroßen Augen über Chronos (eine genaue Kopie meiner »Uhrzeit«) und Kairos (was meiner »empfundenen Zeit« entspricht). »Zeitzeichen«, eins der von Tempus herausgegebenen Bücher, wird vorgestellt als das Buch für Menschen, die schon alles haben – nur keine Zeit. Andere Titel lauten: »Leb schneller, dann ist es rascher vorbei!« – »Ich habe Zeit – also bin ich« – »Sie können die Oliven überprüfen, sooft Sie wollen, sie werden trotzdem nicht schneller reif«.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Leute von Tempus und ich ganz ähnliche Gedanken entwickelt haben – und zwar gerade zum jetzigen Zeitpunkt. Erst in der heutigen Zeit, die nicht mehr vom täglichen Kampf ums Überleben geprägt ist, können solche Überlegungen entstehen. Jetzt haben wir Zeit, um über die Zeit nachzudenken. Und die braucht man, wenn man die Uhrzeitfixierung des Industrialismus und dessen Motto »Zeit ist Geld« überwinden will.
Darmowy fragment się skończył.