Czytaj książkę: «Du bist unsterblich»
Bo Katzman
DU BIST UNSTERBLICH
Warum wir leben und sterben,
leiden und lieben
Giger Verlag
1. Auflage 2015
© Giger Verlag GmbH, CH-8852 Altendorf
Tel. 0041 55 442 68 48
www.gigerverlag.ch
Lektorat: Monika Rohde, Leipzig
Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie, Zürich,
Layout und Satz: Roland Poferl Print-Design, Köln
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
ISBN 978-3-905958-52-2
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Einleitung
Das Interview
Kommt da noch etwas?
Wohin verschwindet die Lebensenergie nach dem Tod?
Der Zweck des Lebenstheaters
Liebe, die strahlende Energie
Im Leben geht es um nichts anderes als darum, Liebe zu lernen
Jeder Lebensweg ist ein Weg zur Liebe hin, denn es gibt kein anderes Ziel
Gott: ein zorniger Rächer?
Der erste und größte Irrläufer ist, dieser unbekannten Größe »Gott« ein männliches Geschlecht anzuhängen
Gott ist Energie
Gottes Wille. Was will er denn?
Religionen: Brückenbauer oder Seelenfänger?
Das Angebot der monotheistischen Religionen
Liebe ist, was Liebe tut
Glaube und Wissenschaft: Ein unverträgliches Paar
Religion und Glaube
Die erstaunliche Geschichte des Weltveränderers aus Nazareth
Der Mann am Kreuz: Aufwiegler oder König?
Eine mögliche These zur Sündenerlösung
Paulus, der Promotion-Agent
Paulus’ Römerbrief
Die Bibel – eine von römischen Kaisern autorisierte Schriftensammlung – das unverfälschte Wort Gottes?
Ein paar Gedanken zu Abrahams grausamem Gott
Opfer: Das Geschäft mit der Gottheit
Jesu Sühneopfer
Der Vater der Sünde
Wie ist das zu verstehen?
Sünde: Wenn die Liebe fehlt
Die Strafe Gottes: Ein Widerspruch
Gott erfährt sich durch uns, sonst hätte er uns gar nicht zu erschaffen brauchen
Göttliche Strafe
Aktion = Reaktion
Ein Unterschied zwischen Strafe und Konsequenz
Das Böse dient dazu, das Gute zu schaffen
Das Missverständnis der Sünden-Erlösung
Auferstehung und ewiges Leben
Die Zehn An-Gebote
Zum Beispiel: Artikel 7
Verzeihen – nichts für Feiglinge
Glücklich machen macht glücklich
Die Mutter aller Fragen: Warum sind wir hier?
Adams Sündenfall
Botschaften aus dem Jenseits
Die Jenseitsbewohner
Adams Fiasko im Paradies
Wie es zur Erlösung kam
Christi Opfergang
Die geistige Welt als Allegorie des Lebens auf der Erde
Leben wir nur einmal?
Die beliebte Frage: Warum lässt Gott das zu?
Der Lebensplan
Warum wir krank werden
Unser Schicksal: Zufall oder Planung?
Unsterblichkeit: Utopie oder Realität?
Ich bedanke mich
Über den Autor
Literaturverzeichnis
Verzeichnis der Bibelstellen
Weitere Bücher
Einleitung
Liebe Leserin, lieber Leser,
bitte erlaube mir, dich mit dem vertraulichen »Du« anzusprechen. Allein dass du dieses Buch in deine Hände nimmst, macht dich zu einer vertrauten Person, die zu siezen mir schwerfallen würde.
Vielleicht ist es dir noch gar nicht bewusst, aber indem du beginnst, dieses Buch zu lesen, lässt du dich auf ein Abenteuer ein. Was du auf den folgenden Seiten vorfindest, ist möglicherweise ganz etwas anderes, als du erwartest.
Falls du zu den Menschen gehörst, die bisher weder die Zeit noch den Antrieb hatten, sich zu fragen, was wir Menschen eigentlich auf dieser Erde verloren haben und warum wir leben und sterben, leiden und lieben, dann könnten dir die folgenden Seiten ein paar überraschende Gedankenanstöße liefern.
Aber selbst wenn du der unerschütterlichen Überzeugung bist, genau zu wissen, worum es im Leben geht, weil du es anderswo schon erklärt bekommen hast, kann dir dieses Buch einige Inputs geben, die dich überraschen werden.
Hat unser Dasein einen Sinn, der über dieses Leben hinausgeht? Ist nach diesem Leben Schluss oder gibt es tatsächlich so etwas wie ein ewiges Leben in einer geistigen Dimension? Wird unser Bewusstsein vom Gehirn erzeugt oder existiert das Bewusstseinunabhängig von der Materie? Vielleicht bist du ja – genau wie ich – mit den von Geistlichkeit und Wissenschaft diktierten Erklärungen zu diesen Fragen auch nicht restlos glücklich und befriedigt.
Der kurze, aber intensive Aufenthalt in der geistigen Welt, in die ich als junger Mann unvermittelt geworfen wurde, hat mir eine Sicht der Dinge vermittelt, die sich zum Teil von den vorgefertigten irdischen Lehrmeinungen unterscheidet, die ich zuvor kennengelernt hatte.
Mein Wunsch mit diesem Buch ist es, dir aufgrund der Erkenntnisse, die ich aus der »anderen« Welt mitgebracht habe, und meiner weiteren Studien zu diesem Thema, zu den wesentlichen spirituellen Fragen der Menschheit neue Gedankenanstöße zu liefern, die zum Teil abseits des allgemein akzeptierten wissenschaftlichen und religiösen Mainstreams liegen. Im Zentrum dieser Reflektionen steht jene Religion, der die meisten von uns in irgendeiner Form nahestehen und die unser spirituelles Verständnis am meisten geprägt hat: Das Christentum und sein Urheber, der junge Jude Jesus aus Nazareth. Dabei wird sich herausstellen, dass wir einigen religiösen Irrtümern gutgläubig oder einfach unbedacht erlegen sind, deren Aufklärung mir ein ehrliches Anliegen ist.
Was du für die Lektüre dieses Buches also mitbringen solltest, ist die Lust am Hinterfragen von fest zementierten »Wahrheiten«, Unvoreingenommenheit und eine Portion Neugierde. Ich hoffe, mit diesem Buch Menschen zu erreichen, die die Kühnheit besitzen, auch einmal Gedanken und Antworten zu erwägen, die noch nicht kategorisch vorgedacht und nachgebetet wurden. Dabei sind diese Anregungen teilweise gar nicht so neu, sondern im Gegenteil so alt, dass sie in Vergessenheit oder durch den wandelnden Zeitgeist in Verruf geraten sind.
Es ist eine zeitraubende Beschäftigung, herausfinden zu wollen, aus welchem Grund wir existieren. Darüber haben sich schon zahllose Denker und Philosophen, Fromme und Zyniker, Gläubige und Atheisten die Köpfe zerbrochen und Bücher mit ihren Gedanken gefüllt, von denen ich zahlreiche gelesen habe. Daher habe ich mir vierzig Jahre Zeit genommen, ehe ich mich an die Aufgabe herangewagt habe, das Ergebnis meiner Nachforschungen und Einsichten zu formulieren und niederzuschreiben.
Damit du nachvollziehen kannst, warum ausgerechnet ein Musiker sich damit abmüht, dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen, und was ihn dazu antreibt, seine Lebenszeit in diese Sinnsuche zu investieren, möchte ich dich zuerst mit den Umständen bekannt machen, die mich auf diese intensive Suche geschickt haben.
Ich war gerade zwanzig Jahre alt geworden und ließ mich nach der Matura am Lehrerseminar zum Primarlehrer ausbilden, als es geschah: An einem strahlenden Frühlingsmorgen sattelte ich mein Stahlross, eine 250 ccm Yamaha Straßenmaschine, und fuhr – meinem ungestümen Naturell entsprechend – sorglos und unvorsichtig mit hoher Geschwindigkeit in eine unübersichtliche Kurve. Lustvoll legte ich das Motorrad in Seitenlage und gab Gas.
Sekunden später lag ich unter einem schweren amerikanischen Wagen, der in der Kurve in einer stehenden Kolonne stand. Ich war mit voller Wucht in sein Heck gerast und fand mich nun schwerverletzt unter diesem Wagen liegend. Mir war bewusst, dass mein letztes Stündlein geschlagen hatte. Bevor ich in eine erlösende Bewusstlosigkeit fiel, sah ich meinen Lebensfilmablaufen, der mir mein gesamtes bisheriges Leben noch einmal vorführte. Danach riss der Film und ich erwachte mitten in der Operation, während ein Chirurgenteam intensiv damit beschäftigt war, mich wieder zusammenzuflicken. Allerdings war dieses Erwachen ein besonderes: Mein Herz hatte aufgehört zu schlagen und ich stellte fest, dass ich mich nicht mehr in meinem Körper befand, sondern dass ich über dem aufgeschnittenen Körper, den ich zwanzig Jahre lang bewohnt hatte, an der Decke schwebte. Mir war schlagartig klar: Ich war tot.
Dieses buchstäblich phänomenale Ereignis und seine Folgen habe ich detaillierter in meinem Buch Zwei Minuten Ewigkeit geschildert. Für jene Leserschaft, die diese Vorgeschichte, auf der das vorliegende Buch aufbaut, nicht gelesen hat, möchte ich als Kurzfassung einen Zusammenschnitt von verschiedenen Interviews wiedergeben, die ich im Verlauf der Zeit diversen Personen gegeben habe.
Das Interview
Wie würden Sie Ihre Lebenssituation vor dem Nahtoderlebnis beschreiben?
Ich hatte soeben die Matura am Gymnasium abgeschlossen, ein Studium im Lehrerseminar begonnen und war bereit für Neues. Viele Gedanken um die Zukunft machte ich mir eigentlich nicht. Vielmehr nahm ich die Dinge, wie sie gerade kamen, und lebte frisch und fröhlich in den Tag hinein.
Mein Elternhaus war sehr religiös geprägt, doch davon hatte ich mich entfremdet. Ich konnte einfach nicht glauben, dass Dinge wie Himmel und Hölle wirklich existieren sollten. Wohl gerade deswegen war ich aber eine suchende Person und versuchte schon von Kindheit an, Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens zu finden.
Wie alt waren Sie, als es zum Nahtoderlebnis kam?
Da war ich zwanzig Jahre alt.
Was verursachte das Nahtoderlebnis?
Ich hatte einen schweren Motorradunfall. Durch die Kollision mit einem Auto erlitt ich mehrere Knochenbrüche, innere Organe wie Leber und Milz wurden zerquetscht und eine Rippe durchstach meine Lunge. Als Folge dieser Verletzungen verlor ich innerlich extrem viel Blut und fiel noch am Unfallort in Bewusstlosigkeit. Glücklicherweise wurde ich blitzartig ins nächste Spital transportiert und sogleich operiert.
Was war der letzte Gedanke, den Sie hatten, bevor Sie bewusstlos wurden?
Als ich unter dem Auto lag und keinen Atem mehr bekam, wusste ich, dass meine letzte Stunde geschlagen hatte.
Zuerst überwältigte mich ein großes Aufbegehren und verschiedenste Gedanken wirbelten durch meinen Kopf: »Wieso ich? Wieso jetzt? Ich habe doch noch mein ganzes Leben vor mir.« Ich empfand eine große Wut gegen das Schicksal. Ich wollte nicht sterben.
Wie fühlte sich das Ganze an? Hatten Sie Angst?
Zuerst stieg ein panisches Entsetzen in mir hoch, doch dann kam eine beglückende Ruhe über mich und das Gefühl, dass alles gut sei.
Könnten Sie eine genaue Schilderung des Erlebten geben?
Nachdem ich die Ausweglosigkeit meiner Situation erkannt und mich in mein Schicksal ergeben hatte, blieb plötzlich die Zeit stehen und eine Rückblende begann einzusetzen. Ich durchlebte noch einmal mein ganzes bisheriges Leben, war aber gleichzeitig Beobachter. Dabei nahm ich eine Art Wesen neben mir wahr, das ich zwar nicht sehen konnte, dessen liebevolle Ausstrahlung ich aber ganz klar spürte. Nach dem Ablaufen des »Lebensfilms« fragte es mich telepathisch, wie ich mein vergangenes Leben beurteilen würde. Ich stellte fest, dass ich meine Möglichkeiten nicht wirklich ausgeschöpft hatte. Ich war bisher zu sehr an der Oberfläche geschwommen und hatte mich zu wenigum die tieferen Belange des Lebens gekümmert. Nach dieser Erkenntnis wurde wieder alles völlig schwarz um mich herum.
Was passierte dann während der Operation?
Im Spital war ich unter Vollnarkose gesetzt worden, jedoch erwachte ich unvermittelt und befand mich bei hellstem Bewusstsein, das intensiver war als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Ich realisierte, dass ich mich nicht mehr in meinem Körper befand, ich sah ihn von oben auf dem Behandlungstisch liegen. Offensichtlich befand »ich« mich an der Decke des Raumes und konnte so die Szene überblicken, als plötzlich eine große Hektik aufkam. Ich hörte, wie der Chirurg rief: »Jetzt hat es ihm die Pumpe abgestellt! Bringen Sie sofort den Elektroschock-Apparat!« Mein Herz hatte also aufgehört zu schlagen, und mir wurde klar, warum ich mich nicht mehr im Körper befand: Ich war tot.
In diesem Moment war es mir möglich, alle Gedanken der Personen im Raum wie ein lautes Gespräch wahrzunehmen.
Ich schwebte von meiner Position an der Decke nach unten und versuchte, den behandelnden Chirurgen am Arm zu packen, um ihm zu sagen, dass ich tot sei und es keinen Zweck habe, mich retten zu wollen. Ich konnte ihn jedoch nicht fassen. Mein Arm glitt einfach durch ihn hindurch, und ich erkannte, dass ich gar keinen Arm mehr hatte, ja, dass ich überhaupt keinen Körper mehr hatte, sondern ein Geistwesen geworden war.
Wie würden Sie ihr äußeres Erscheinungsbild in dem Moment beschreiben?
Ich hatte zwar nach wie vor das Gefühl eines Körpers, aber das war nur die Erinnerung an meinen Körper und die Gewohnheit, die mich wie ein körperliches Wesen agieren ließen.
In Wirklichkeit bestand ich nur noch aus Bewusstsein und Gedanken und war somit ein rein geistiges Wesen, konnte meine Umwelt jedoch ganz klar wahrnehmen.
Wie ging es dann weiter?
Dann wurde ich plötzlich mit sanfter Kraft weggezogen und in eine mir unbekannte Dimension versetzt. Dort war ich umgeben von einer Sphäre, die ich als einen »Nebel des Allwissens« beschreiben möchte. Ich vereinigte mich mit diesem Allwissen, wie sich ein Wassertropfen mit dem Meer vereinigt, und wurde ein Teil von ihm. Mein gewohnt kleiner Verstand erweiterte sich schlagartig um ein Gigafaches seines bisherigen Inhalts. Mir wurde blitzartig klar, warum, wie und wann das Universum entstanden war und ich wusste, wann es untergehen würde. Ich wusste alle Antworten auf alle Fragen, die je gestellt werden konnten. Sie waren einfach da!
Sind Sie auch dem viel beschriebenen Licht begegnet?
Ja, als ich mich einigermaßen an die neue Situation gewöhnt hatte, begann am Horizont ein zartes Licht zu schimmern. Es war zwar nur ganz schwach wahrzunehmen, aber ich realisierte sofort, dass dies kein Licht im üblichen Sinn war, sondern eine Energie, die so starke Liebe ausstrahlte, dass sie nur leuchten konnte. Ich fühlte mich in deren Ausstrahlung völlig akzeptiert und geborgen. Diese intelligente Energie sprach zu mir, aber ohne Worte zu gebrauchen, und ich vernahm ihre Botschaft auf dieselbe Weise, wie ich das Wesen am Unfallort verstanden hatte. In menschliche Sprache übersetzt waren ihre Gedanken ungefähr so:
»Du hast nichts zu befürchten. Es gibt nichts, das du falsch machen kannst. Du bist zutiefst und für immer geliebt.« Diese Mitteilung rief in mir eine gewaltige Welle der Erleichterung hervor.
Allerdings konnte ich die Intensität dieser Liebesenergie kaum verkraften, da meine Kapazität, sie aufzunehmen, viel zu gering war. In diesem Moment verstand ich, worum es im Leben geht: Die eigene Liebesenergie so zu steigern, dass man mit dieser liebevollen Lichtenergie verschmelzen kann. Jeder muss durch seine Erfahrungen im Erdenleben die eigene Liebesfähigkeit, also sein Liebesgefäß, erweitern. Das gelingt, indem man sich darauf konzentriert, während seiner Lebenszeit anderen Menschen liebevoll zu begegnen und im Umgang mit allem, was uns begegnet, dem Liebesprinzip zu folgen. Nur dann wird es möglich sein, irgendwann diese schrankenlose Liebesenergie in der geistigen Welt zu fassen.
Hatten Sie nicht den Wunsch, dort zu bleiben?
Eine innere Stimme gab mir zu verstehen: »Jetzt hast du es gesehen. Jetzt gehst du wieder zurück, du hast noch Aufgaben zu erledigen.« Dann, auf einen Schlag, war alles vorbei. Man hatte unterdessen mein Herz wieder zum Pumpen gebracht und »ich« fuhr wieder in meinen bewusstlosen Körper. Erst auf der Intensivstation kam ich wieder zu mir. Ich hing an vielen Schläuchen und Maschinen, die mich künstlich am Leben hielten. Aus eigener Kraft war ich nicht mehr lebensfähig.
Konnten Sie sich gleich nach dem Aufwachen an alles erinnern oder kamen die Erinnerungen stückchenweise zurück?
Meine Erinnerung an das Erlebte kam nur langsam und behutsam wieder. Während meiner ersten drei Wochen auf der Intensivstationhatte ich vor allem mit den körperlichen Schmerzen zu kämpfen und war gar nicht richtig fähig, mich mit dem Geschehenen zu befassen.
Die Ärzte glaubten nicht, dass ich überleben würde. Um mir das Leiden zu ersparen, wurde ich mit starken Drogen versorgt, die meine kognitiven Fähigkeiten einschränkten.
Glaubten Sie jemals, sich getäuscht zu haben, und alles wäre bloße Einbildung gewesen?
Nein, das Jenseitserlebnis war dermaßen real, dass ich im Vergleich dazu viel eher jetzt das Gefühl habe, in einer Traum- oder Scheinwelt zu leben.
Lässt sich ein Nahtoderlebnis mit einem Traum vergleichen?
Es lässt sich mit gar nichts vergleichen. In meinen wilden Jugendjahren hatte ich mit Drogen experimentiert, aber selbst da erlebte ich nicht ansatzweise ein solches überirdisches Bewusstsein, wie man es bei einem Nahtoderlebnis hat.
Gibt es noch irgendwelche Reste des absoluten Wissens, das Sie erhalten haben?
Nein, das Einzige, was ich klar und deutlich weiß, ist, dass ich daran teilhatte. Ich wusste, wann und wozu die Welt erschaffen worden war, und sah gleichzeitig die ganze Vergangenheit und Zukunft. Aber genauso, wie sich nach dem Erwachen die Erinnerung an einen Traum verflüchtigt, verblasste auch meine Erinnerung an das Gewusste. Zudem hätte diese unendliche Fülle von Informationen gar nicht in einem kleinen Hirn Platz. Ich habe sogar den Eindruck, dass das Gehirn eine Barriere bildet für unser höheres Wissen, unsere höheren Erfahrungen.
Wie hat das Nahtoderlebnis Sie persönlich verändert?
Die Veränderungen stellten sich nicht sofort ein. Im Laufe der Zeit jedoch hat mein Charakter tatsächlich begonnen, sich zu ändern. Ich wurde feinfühliger gegenüber geistigen Ebenen. Es fällt mir heute leichter, mich in einen meditativen Zustand der Andacht und des Gebets zu versetzen. Außerdem versuche ich seither nach Kräften, mich an den Vorsatz zu halten: »Wie man selbst gern behandelt werden möchte, so behandle andere.« Ich habe gemerkt: Glücklich machen macht glücklich.
Haben Sie auch schon mit anderen Betroffenen über das Erlebte gesprochen?
Ja. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die eine solche Nahtoderfahrung gemacht haben. Es sind mehr, als man denkt. In deren Schilderungen gab es große Ähnlichkeiten, jedoch auch Unterschiede. Es gibt NTE-Fälle, die sahen andere verstorbene Menschen, betraten neue Welten oder gelangten in ein Paradies. Wobei ich glaube, dass man als das kreative Wesen, das jeder Mensch ist, seine Welt dort drüben weitgehend selbst erschaffen oder gestalten kann. Man hat ja fast unbeschränkte schöpferische Fähigkeiten. In den höheren Welten muss man nur an etwas denken oder es kennen, und schon nimmt es Gestalt an.
Welchen Stellenwert hat das Nahtoderlebnis heute in Ihrem Leben?
Ich denke jeden Tag daran. Es ist das einzige Ereignis in meinem Leben, das ich mir jederzeit voll vergegenwärtigen kann.
Verarbeiten Sie das Erlebte auch mit Ihrer Musik?
In einem gewissen Sinn ja. Nachdem ich fühlte, dass die Inhalte der Rockmusik nicht mehr genügend für mich hergaben, suchte ich nach einem neuen musikalischen Feld, mit dem ich inhaltlich mehr in die Tiefe gehen konnte und das meiner Erfahrungswelt besser entspricht. Dadurch fand ich über die von Sklaven gesungenen Worksongs und sogenannten Negro Spirituals zur Gospelmusik. Untersucht man die Themen dieser Lieder etwas genauer, so erkennt man sehr ehrliche und persönliche Statements zum Leben, die nicht nur »kirchenreligiös« gefärbt sind.
Wie hat das Erlebte ihre religiöse Sichtweise verändert?
Ich denke, dass die Religionen die wichtige Aufgabe haben, die Brücke zwischen dem Irdischen und dem Spirituellen zu bauen. Jedoch transportieren sie ihre Botschaft aus meiner Sicht ein wenig missverständlich. Ich höre immer »Gott will« oder »Gott befiehlt«. Was ich von meinem Blick in die jenseitige Welt mitgenommen habe, ist die Gewissheit: Gott will und befiehlt nichts. Der Wille Gottes ist, dass Liebe praktiziert wird. Ich bete nicht mehr gedankenlos die Sprüche nach, die man mir als Kind beigebracht hat, sondern ich habe entdeckt, dass das Beten eine viel tiefere Bedeutung hat. Beten ist nichts anderes als die Bemühung, sich geistig mit den Schwingungen der Liebe in Einklang zu bringen.
Nachdem Sie verschiedenste Theorien gelesen haben, wie stehen Sie zu den wissenschaftlichen Erklärungsversuchen des Lebenssinns?
Die Wissenschaft befasst sich ausschließlich mit Materie und versucht, diese zu messen und ihre Vorgänge zu erklären. Das Problem liegt darin, dass der Zustand, den ich erlebt habe, nichts mit Materie zu tun hat, und darum auch wissenschaftlich nicht messbar und erklärbar ist. Es ist eine völlig andere Disziplin. Der Wissenschaft ist es in den letzten Jahrhunderten nicht gelungen, einen Beweis für oder gegen eine Weiterexistenz nach dem Tod zu finden. Aber ihre kommende Aufgabe wird es sein, dass sie auch Zusammenhänge und Wirkungsbereiche anerkennen lernen und erforschen muss, die über das Materielle hinausgehen. Erste Ansätze versucht ja bereits die Quantenphysik.
Glauben Sie, dass ein Kontakt zwischen dieser Welt und dem Jenseits existiert?
Wenn wir denken, erfinden oder sonst irgendwie kreativ tätig sind, machen wir eigentlich nichts anderes, als das unendliche geistige »Wissensmeer« anzuzapfen, in dem sämtliche Ideen bereits gedacht sind: Wir zupfen uns eine Variante heraus, die wir dann umsetzen. Da unser Geist nicht materiell ist, kann er mit der geistigen Welt jederzeit korrespondieren. C. G. Jung nannte einen Teil dieses Bereichs das »Kollektive Unbewusste«, und er vertrat die Überzeugung, dass die Wirklichkeit im immateriellen Bereich angesiedelt ist. »Wirklich ist, was wirkt«, meinte er. Was wir sehen und messen können, sind lediglich die materiellen Auswirkungen von unsichtbaren geistigen Kräften, die diese Vorgänge in Gang setzen. Also nicht die Materie erzeugt den Geist, sondern der Geist be-wirkt die Materie.
Denken Sie, das Jenseits, das Sie gesehen haben, ist unsere letzte »Station« oder auch nur eine Art Übergangswelt?
Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass wir viele, viele Stationendurchwandern müssen, bis wir am Ziel angekommen sind. Das Ziel ist die Erreichung eines hundertprozentig liebevollen Geistes- und Gemütszustandes. Wenn wir davon ausgehen, dass wir geistige Wesen sind, die eine kurze Weile in einem materiellen Körper verbringen, und akzeptieren können, dass »Geist« im Gegensatz zu Materie unvergänglich und unzerstörbar ist, dann ist auch unsere Existenz unvergänglich und ewig. In Wirklichkeit sind wir geistige Wesen, die für kurze Zeit »Fleisch geworden« sind. Genau wie mein jetziges Leben, entsprach auch jener Zustand nur einer von vielen möglichen Dimensionen, in denen wir existieren können.
Was glauben Sie, trifft eher zu: das Leben ist vorbestimmt oder wir lenken es aus eigener Kraft?
Ich denke, dass alles, was je passiert ist oder je passieren wird, bereits in einer geistigen Ebene vorausgedacht ist und als theoretisches Modell existiert. Es gibt unzählige vorgefertigte Varianten, wie unser Leben verlaufen könnte, und eine davon wählen wir aus. Mit jeder Tat und jedem Gedanken fällen wir eine Entscheidung, wie es weitergeht, und stellen jede Sekunde die Weichen für unseren weiteren Lebensweg. Alle diese Möglichkeiten sind aber bereits in der Ewigkeit gespeichert, auch jene, die wir nicht wählen. Das ist vergleichbar mit einem Gefäß voller Lose bei einer Tombola. Darin befinden sich vielleicht tausend Lose, aber wir greifen uns nur eines heraus. Die anderen sind zwar vorhanden, aber wir benutzen sie nicht.
Betrachten Sie das Erlebte als eine positive oder negative Erfahrung?
Ich sehe das Nahtoderlebnis als ein großes Geschenk an. Für nichts bin ich dankbarer als für diese Erfahrung, auch wenn sie mit großen Leiden verbunden war. Es hat mir geholfen, in diesem Leben die Orientierung zu finden.
Gibt es etwas, das man über das Thema der Ewigkeit wissen sollte?
Die meisten Menschen stellen sich unter »Ewigkeit« eine unendlich lange Zeit vor und setzen Ewigkeit mit Endlosigkeit oder Unendlichkeit gleich. Das sind aber alles Zeitbegriffe, die davon ausgehen, dass es eine Zeit gibt, die aber nie aufhört. Die Ewigkeit ist jedoch das Gegenteil von Zeit, sie ist die Abwesenheit von Zeit. Sie ist ein Zustand, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig vorhanden sind. Sie ist der Zustand der geistigen Welt.
Haben Sie Angst vor dem Sterben?
Vor dem Tod habe ich keine Angst, im Gegenteil. Seit ich weiß, dass der Tod das Beste ist, was einem im Leben passieren kann, habe ich nichts zu befürchten. Nach wie vor Respekt habe ich aber vor dem Übergang. Damit meine ich den körperlichen Zerfallsprozess, den man unter Umständen durchmachen muss.
Doch was einen danach erwartet, ist das Schönste und Befreiendste, das man sich vorstellen kann. Man kann also voller Vertrauen aus diesem Leben gehen. »Das Leben« ist nicht an diesen Körper gebunden, sondern ein Phänomen, das immateriell ist, sich aber durchaus auch materiell manifestieren kann. Nur die Materie kann vergehen. Geist kann niemals enden, und daher auch »das Leben« nicht, weil es geistig ist. Das irdische Leben, das wir jetzt gerade führen, ist bloß eine Art Zwischenstation in der Unendlichkeit des Prinzips »Leben«. Unsere Essenz aber – also unsere Seele und unser Geist – ist unsterblich.
Kommt da noch etwas?
An meiner Jenseitserfahrung hatte ich lange Zeit zu knacken. Es dauerte Jahrzehnte, bis ich sie einigermaßen verarbeitet hatte. Man muss sich vorstellen: Da wird ein kerngesunder junger Mensch von einer Sekunde zur anderen aus dem Leben gerissen und findet sich unvermittelt und unvorbereitet in einer Umwelt, die nicht das Geringste mit dem zu tun hat, was er bisher kannte. Er erfährt, dass er nicht mehr in seinem Körper ist, er weiß, dass er »tot« ist. Trotzdem ist er bei klarem Bewusstsein und kann seine Umgebung und die Gedanken der anwesenden Personen deutlich wahrnehmen. Das bedeutet doch zweifelsfrei, dass er »lebt«.
Die ersten paar Jahre nach meiner Genesung wagte ich außer meinem Arzt niemand von meinem mysteriösen Erlebnis zu erzählen. Ich fürchtete, man würde mich nicht ernst nehmen oder diese für mich so kostbare Erfahrung als Hirngespinst abtun.
Als ich einige Zeit nach dem Spitalaufenthalt bei einer medizinischen Kontrolle bei meinem Chirurgen die Rede auf meine Operation brachte und fragte, ob er sich an einen Zwischenfall erinnern könne, blickte der Arzt mich interessiert an und fragte: »Warum fragen Sie?«
Ich berichtete ihm von meiner Wahrnehmung und wie ich meinen Todeszustand bewusst erlebt hatte. Er hörte mir aufmerksam zu und meinte dann: »Ja, das ist richtig. Während der Operation hat plötzlich Ihr Herz aufgehört zu schlagen und wir mussten Sie mit einem Elektroschock-Apparat wieder zurückholen.«
Als ich ihm darauf seine Worte wiederholte, die er in jenem Moment gerufen hat, nickte er mit dem Kopf und sagte: »Nun, das stimmt zwar genau, aber das können Sie aus zweierlei Hinsicht gar nicht gehört haben: Erstens waren Sie in einer tiefen Vollnarkose und daher absolut unfähig, irgendetwas wahrzunehmen, und zweitens waren während der Zeit Ihres Herzstillstandes auch Ihre Sinnesorgane ausgeschaltet. Trotzdem, Sie sind nicht der Erste, der mir von so einer außerkörperlichen Wahrnehmung erzählt. Auch als Wissenschaftler müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass nach dem Tod etwas passiert, für das wir keine Erklärung haben.«
Es vergingen dann acht Jahre, bis ich konkret mit meiner Erinnerung konfrontiert wurde. Ein Spitalpfarrer fragte mich an, der von meiner Todeserfahrung gehört hatte. Er betreute junge und ältere Menschen, die wegen einer Krebserkrankung nicht mehr lange zu leben hatten und angesichts des nahen Todes von Ungewissheit oder sogar Furcht geplagt wurden. Der Pfarrer bat mich, in einer intimen Gesprächsrunde diesen Menschen von meiner Erfahrung zu erzählen. Vielleicht würde das dem einen oder anderen Patienten Hoffnung geben oder zumindest die Angst vor dem Ungewissen lindern. Mit gemischten Gefühlen und nach einigem Zögern sagte ich zu.
Der Geistliche empfing mich sehr herzlich und führte mich in den Raum, in dem bereits die todgeweihten Menschen Platz genommenhatten. Es war ein Anblick, der mir sehr zu Herzen ging. Die circa zwölf Personen saßen fast alle in Rollstühlen, waren kahlköpfig und abgemagert und sahen mich mit kummervollen Blicken an. Es waren erstaunlich viele junge Leute dabei, sogar Jugendliche, und das zu sehen und das Leid und die Verzweiflung zu spüren, war emotional sehr ergreifend.
Nach ein paar einleitenden Worten des Spitalseelsorgers begann ich zum ersten Mal in meinem Leben über meinen Unfall zu sprechen, über den »Lebensfilm«, die Ewigkeit und das »Licht« und alles, was ich in jenen Momenten erlebt, gefühlt und wahrgenommen hatte.
Ich schloss meinen Bericht mit den Worten:
Ihr müsst keine Angst haben vor dem Übergang in die andere Welt. Ihr alle werdet willkommen sein und unendliche Liebe erfahren. Ich kann euch aus Erfahrung sagen: Der Tod ist das Beste, was euch im Leben passieren kann.
Dann stand ich auf und drückte allen die Hand. Wir alle wussten, es war ein Abschied, und ich sah in den Augen der kranken Menschen Tränen der Dankbarkeit glitzern. Einer von ihnen sagte: »Bo, dich hat der Himmel geschickt. Jetzt bin ich endlich ruhig und kann ohne Angst gehen. Danke.« Dann weinten wir alle, aber es waren Tränen der Erlösung und der Freude.
Von diesem Moment an wurde mir bewusst, dass ich diese Geschichte nicht länger für mich behalten sollte und sie getrost mit Menschen teilen durfte, die an diesem Thema interessiert waren. Darum habe ich seither unzählige Gespräche mit Ärzten und Therapeuten, Seelsorgern und Geistlichen, Kranken und Sterbenden oder einfach interessierten Menschen geführt, habe Zeitungen Interviews gegeben, aber auch Studierenden oder Maturandinnen, die Arbeiten über dieses Nahtod-Phänomen schrieben. Ich wurde eingeladen, um in Spitälern, Altersheimen und religiösen oder wissenschaftlichen Kreisen Vorträge zu halten und habe das wachsende Interesse wahrgenommen, das sich in den heutigen technisierten Menschen zu dem Tabuthema Tod und zu spirituellen Themen im Allgemeinen regt.
In mir wuchs gleichzeitig das große Bedürfnis herauszufinden, wie diese außerkörperliche Wahrnehmung möglich war, und welcher Teil von mir das alles eigentlich wahrgenommen hat. Mein Körper konnte es nicht gewesen sein, denn der war ja in jenen Minuten »leblos« und außer Funktion gesetzt. Ich habe mir von medizinischer Seite sagen lassen, dass bereits zehn Sekunden nach dem Herztod die Wahrnehmungssinne, also das Sehen, das Hören, das Fühlen etc., nicht mehr funktionieren und auf null herunterfahren. Gibt es also so etwas wie eine Seele, die den Körper belebt und in die alle Informationen, die eine Person während eines Menschenlebens erfährt, eingespeist werden? Ist diese Seele das eigentliche Bewusstsein eines Individuums, in der alle Erinnerungen gespeichert sind und die weiter existiert, auch wenn der Körper »seinen Geist aufgibt«?
Oder stimmt die Ansicht der Materialisten, die annehmen, dass nach dem Absterben des Körpers auch jene Energie, die ihn mit Leben erfüllte, inklusive Bewusstsein, einfach verschwindet?
Wohin verschwindet die Lebensenergie nach dem Tod?
Durch mein Erlebnis machte ich die eindrückliche Erfahrung, dass der Tod in Wirklichkeit eine Geburt ist, bei der die Energie, die den Körper am Leben hält – nennen wir sie die Seele – sich aus dem Körper entfernt und sich mit der Gesamtenergie in der geistigen Welt verbindet. Mit dem Tod, so erfuhr ich, kehrt die Seele zu ihrem geistigen »Herkunftsland« zurück. Es ist allein rein physikalisch unmöglich, dass diese Seelen-Energie sich nach dem Tod in »nichts« auflöst, allein schon deshalb, weil es »nichts« nicht gibt. Die Physik weiß, dass nichts im Universum verloren geht, sondern höchstens seinen Zustand ändert. Wenn du einen Topf mit Wasser zum Kochen bringst und lange genug wartest, ist der Topf leer. Aber hat sich das Wasser in nichts aufgelöst? Natürlich nicht. Es hat seinen Aggregatszustand gewechselt, es ist verdampft. Man kann das Wasser zwar nicht mehr sehen, aber es ist immer noch in der Luft vorhanden.
Dass ein Körper Energie und Bewusstsein braucht, um zu leben, ist ein Sachverhalt, der wohl jedermann problemlos einleuchtet. Selbst von einer materialistischen Warte aus gesehen, ergibt es Sinn anzunehmen, dass diese belebende Energie nicht einfach verschwindet, bloß weil sie nicht mehr in einem Körper ist. Sie muss irgendwo weiterexistieren.
Lass mich einen weiteren Vergleich heranziehen: Nehmen wir anstelle eines menschlichen Körpers ein Bügeleisen. Dieses erwärmt sich, wenn wir es an den Stromkreislauf anschließen. Mit anderen Worten, es beginnt zu »leben« und erfüllt eine Funktion, die es dank der belebenden Stromenergie ausüben kann. Nun ziehen wir den Stecker wieder raus. Was passiert nun mit dem Bügeleisen? Es sieht zwar immer noch aus wie ein Bügeleisen, aber ohne den nötigen Strom, der es »belebte«, ist es nichts als ein nutzloser Eisenklumpen. Das Werkzeug ist »tot«, ein Stück unbrauchbare Materie, das ohne Energie seinen Sinn verloren hat. Aber was ist mit dem Strom passiert? Ist er auch einfach verschwunden?
Du weißt es so gut wie ich: Der elektrische Strom »verschwindet« nicht, wenn man dem Bügeleisen den Stecker rauszieht. Es gibt ihn immer noch, auch wenn er nicht mehr durch das Bügeleisen fließt; er befindet sich nun einfach anderswo.
Der Strom existiert also auch ohne das Bügeleisen, aber das Gerät kann nicht ohne Strom funktionieren.
Es sollte nicht schwerfallen, hier eine Parallele zum Körper herzustellen. »Das Leben«, also die Leben spendende Energie, der Strom, existiert auch ohne Körper, aber ein Körper funktioniert nicht ohne diese Energie.
Nach Verlassen des Körpers befindet sich die Energie, die wir der Einfachheit halber Seele nennen, anderswo, aber sie ist immer noch vorhanden.
Sie befindet sich dort, wo alle Energie sich befindet, die nicht gerade durch einen materiellen Gegenstand strömt, nämlich in einem Zustand jenseits der materiellen Erscheinungsformen, dem »Stromkreislauf« des Universums. Wir nennen diesen »Ort« in der Kurzform »Jenseits« oder »geistige Welt«.
Wir sind also gewissermaßen spirituell verdampft und schweben nach diesem Vorgang – dem sogenannten Tod – wie Wasser nach der Verdampfung in der »geistigen Luft«. Aber wir sind immer noch »da«. Also lautet die Quintessenz dieser Herleitung: wir sind »unverschwindbar«, oder wie der Titel dieses Buches sagt: unsterblich.
Mit dieser einfachen Konklusion nach wissenschaftlichem Muster könnte ich eigentlich bereits zum Schlusswort kommen. Aber da dies kein wissenschaftliches, sondern ein spirituelles Buch ist, kann ich nicht bei der Beschreibung der Vorgänge, also dem »Wie«, hängen bleiben. Denn jetzt widmen wir uns einer Frage, die in der Wissenschaft keinen Platz hat: dem »Warum«.
Der Zweck des Lebenstheaters
Den funktionellen Sachverhalten meines Nachtoderlebnisses auf die Spur zu kommen, nämlich dass das Bewusstsein mit dem Tod des Körpers nicht verschwindet, sondern in einer anderen Dimension weiterexistiert, war für mich keine Hexerei. Aber sie brachte mich nicht der Antwort auf die Frage näher, warum und zu welchem Zweck dieses ganze Lebenstheater überhaupt stattfindet. Warum gibt es Materie? Warum müssen wir energetische und mit Bewusstsein begabte Wesen uns jahrelang in einen materiellen Körper zwängen und uns als Spezies »Mensch« ein Leben lang abplagen? Steckt dahinter ein Plan, eine Absicht oder ist alles nur ein aus einem Chaos entstandener Zufall?
Dass wir von unserem Ursprung her Geistwesen sind, war mir nach meinem Abstecher in die andere Welt zweifelsfrei klar geworden. Ich hatte auch gesehen, was das Ziel unserer Lebensreise ist: Die Verfeinerung unserer seelischen Energiefrequenz bis zur reinsten und höchsten Schwingung: Der puren Liebe. Aber das Ziel zu kennen, heißt noch nicht, den Grund zu kennen: Was ist der Grund, dass wir uns auf diese Reise begeben müssen?
Angespornt und inspiriert von meinem Jenseitserlebnis begab ich mich also auf eine abenteuerliche Reise: Ich beschritt den Weg der Suche nach dem Sinn des Lebens. Dieser Weg erwies sich als ziemlich beschwerlich und hielt einige Überraschungen für mich bereit, mit denen ich so nicht gerechnet hatte. Je weiter ich kam, desto mehr neue Themen tauchten auf, die mir Kopfzerbrechen bereiteten und die nach einer Erklärung riefen. Aber ich wollte um jeden Preis den Vorhang lüften, der sich zwischen dieser Welt und dem geheimnisvollen »Danach« ausbreitet. Der kurze Blick hinüber hatte nicht nur die Gewissheit zur Folge, dass da noch etwas kommt, er warf gleichzeitig auch einen Berg von Fragen auf, die ich beantwortet haben musste.
Mir leuchtete von vornherein ein, dass diese Antworten nicht im materiellen Bereich und den Naturwissenschaften zu finden sind. Deren Forschungen und Beobachtungen kreisen ja bekanntlich um das »Wie« der sichtbaren materiellen Ereignisse. Aber, wie gesagt, mich trieb die Frage nach dem »Warum«, und die Antwort dazu war nur im Unsichtbaren, also im spirituellen Rahmen zu finden.
Meine einzige Konfrontation mit Spiritualität war zu Beginn meiner Suche das, was ich durch meine katholische Erziehung vermittelt bekommen hatte. Und hier wimmelte es von Begriffen, die mir immer unverständlicher vorkamen, je tiefer ich sie zu begreifen versuchte: Sünde, Buße, Opfer, Verdammnis, Gott, Teufel und vor allem die geheimnisvolle Erlösung von unseren Sünden durch den Martertod des Jesus von Nazareth.
»Mein Gottesbild wurde von Eltern, Religionslehrern, Priestern und ihren Predigten geformt und entsprach in etwa jenem ziemlich Furcht einflößenden Richter und Erbsenzähler, der die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen befördert, und mit dem man sich besser gut stellte.
Ich hatte also jene ambivalente Gottesvorstellung eingebläut bekommen, die ihn zwar als liebenden und alles verzeihenden Vater, aber gleichzeitig als unerbittlichen Rächer und zornigen Verdammer darstellt. Ich sah ihn als eine Art Übermensch, der von den Menschen fordert, dass sie gut und lieb sind, sie aber letztendlich den grausamsten Höllenqualen überantwortet, wenn es ihnen nicht gelingt, ein Leben nach seinem Gusto zu führen: Einer, der seine geliebten Schäfchen aufs Hinterlistigste in Versuchung führt, um sie dann händereibend ins ewige Feuer zu werfen, sollten sie in seine Falle tappen. Damit er aber trotz so viel Gemeinheit noch gut dastand, wurden diese Schikanen nicht ihm angelastet, sondern seinem Kettenhund, dem Teufel. Ich lernte also Satan als mächtigen Gegengott kennen, vor dem sich viele Gläubige mehr fürchteten, als sie den lieben Gott zu lieben vermochten.
Wie sollte ein Kind mit so unterschiedlichen Informationen umgehen und ein ungezwungenes Verhältnis zu seinem Schöpfer aufbauen können? Ich entschied mich daher schon früh, den Teufel aus meinem Glauben auszusparen, weil er so ganz und gar nicht zu dem passte, was ansonsten über die angeblich grenzenlose Liebe Gottes berichtet wurde.
Als ich dann mit wachsendem Interesse und Verstand vernahm, dass der Vatergott aus lauter Liebe zu seinen missratenen Kindern seinen Sohn (der eigentlich gar nicht sein Sohn war, sondern er selber) als Mensch verkleidet auf die Erde schickte, um seine Geschöpfe aus der Misere zu retten und von den Sünden zu erlösen, in die er sie mit seiner ›Versuchung‹ geritten hatte, war meine Verwirrung komplett. Diese himmelschreiende Diskrepanz, die einem da als Glaubensinhalt vorgesetzt wurde, und die ich beim besten Willen nicht verstand, quälte mich. Die Vorschrift, dass man einfach glauben müsse, dass Jesus Christus Gottes Sohn sei, und man damit fein raus sei aus der Bredouille, machte die Sache nicht einfacher. Wenn er uns von unseren Sünden erlöst hat, sodass man sich keine Sorgen mehr zu machen brauchte, wieso musste man dann trotzdem für seine Fehltritte im Fegefeuer oder in der Hölle braten? Hatte er uns nun eigentlich erlöst oder nicht? Und wieso erlöst er nur jene seiner eigenen Kinder, die an die Jesus-Gottmensch-Erlösergeschichte glaubten und alle, die ehrliche Zweifel hatten oder in einer anderen Religionskultur aufgewachsen waren, nicht? Ist er nun eigentlich der Gott aller Menschen oder nur einer auserwählten Minderheit? Die Sache ging für mich einfach nicht auf.
Hier begann meine Forschung nach der Wahrheit, die mich seither antreibt und mich zu einem unermüdlich Suchenden machte. Sie hat mich dazu gebracht, Hunderte von Büchern zu lesen, mit unzähligen Menschen Diskussionen zu führen und mich mit zahlreichen Religionen und Konfessionen einzulassen […].« (Katzman, S. 30 f.)
Es brauchte Jahrzehnte intensiven Forschens, Nachdenkens, Lesens und Disputierens, bis sich allmählich der Nebel zu lichten begann und ich nach und nach zu den Antworten geführt wurde, die ich nun mit diesem Buch einzukreisen und – basierend auf den Grundlagen meiner persönlichen Erfahrungen und Einsichten – vorzustellen versuche. Auf erstaunliche Weise erschienen je nach meinem errungenen Wissensstand immer wieder neue Bücher, Kontakte oder Geschehnisse in meinem Leben, die mich behutsam und weise zu weiteren Informationen, Einsichten und Fragen führten. Es war, als würde ein unsichtbarer Mentor meinen Weg der Suche begleiten und leiten.
Liebe, die strahlende Energie
In meinem Buch Zwei Minuten Ewigkeit beschrieb ich, wie ich nach dem Verlassen meines Körpers mit dem oft beschriebenen jenseitigen »Licht« konfrontiert wurde. Ich erwähnte dabei, dass dies gar nicht in erster Linie ein Licht war, sondern eine so starke Energie der Liebe, dass sie nur strahlen konnte. Wie ist das zu verstehen?
Lass mich hier als Vergleich eine simple Glühlampe einsetzen: Der Faden in der Birne wird durch Zuführung von Energie so aufgeheizt, dass er zu glühen beginnt und große Hitze entwickelt. In erster Linie ist also eine Glühlampe ein Wärmeerzeuger.
Das Nebenprodukt, das durch das Erglühen des Fadens entsteht, ist Helligkeit. Dieses Licht nutzen wir, um Räume zu beleuchten, während die Wärme, die den größten Energieanteil verbraucht, ungenutzt abgegeben wird.
Im Vergleich mit dem jenseitigen Phänomen ist ebenfalls nicht das Licht das wesentliche Element dieser Erscheinung, sondern die »Wärme« der Liebesenergie, welche die betreffende Seele spürt.
Das Licht ist auch hier quasi ein Nebenprodukt dieser abgestrahlten Energie, aber da wir Licht besser beschreiben können als Liebesenergie, sprechen die meisten Menschen, die dieses Phänomen wahrgenommen haben, von einem schönen Licht. Gemeint ist aber in Wirklichkeit nicht die Helligkeit, die schön ist, sondern das schöne Gefühl des Geliebtwerdens, das von diesem Licht begleitet wird.
Weiter beschrieb ich, dass ich mir angesichts dieser überwältigenden Liebeserfahrung vorkam wie ein 25-Watt-Lämpchen, dem man ein Gigawatt Strom zuführen wollte, und dass ich das Gefühl hatte zu explodieren, wenn ich verstärkt dieser Energiezufuhr ausgesetzt würde.
Lass mich diese Stelle zitieren:
»Je näher ich mich darauf zubewegte, desto stärker wurde die Intensität. Ich dachte: Noch näher heran kann ich nicht, da meine Kapazität, diese Energie zu verkraften, viel zu klein ist, um noch mehr davon aufzunehmen. Es war, als wollte man einen Ozean in einen Fingerhut pressen, und mein seelisches Gefäß war einfach zu winzig, um diese Riesenmenge aufzunehmen. Allein meine Fähigkeit, diese gewaltige Liebesenergie zu ertragen, entschied über die Nähe, in die ich mich zu der Quelle hinbewegen konnte. In der Entwicklungsstufe, in der ich mich befand, war ich noch unvorstellbar weit davon entfernt und wusste doch mit aller Klarheit, dass dies das Ziel meiner Existenz war, immer näher zu dem Ursprung zu gelangen.
Ich sah klar, dass meine langfristige Aufgabe darin bestand, im Verlauf von Äonen mein Liebesgefäss so zu vergrössern und meine Liebesfähigkeit zu entwickeln und zu steigern, dass ich irgendwann mit dieser Liebesquelle verschmelzen konnte.« [Hervorhebung im Original] (Katzman, S. 33)
In jenem Moment erkannte ich, dass es, bildlich gesprochen, im Leben nur darum geht, in puncto Liebe die Wattkapazität der eigenen Glühlampe zu erhöhen. Eine 25-Watt-Glühbirne kann nicht dieselbe Strommenge verkraften wie ein 5000-Watt-Scheinwerfer und strahlt deshalb auch bedeutend weniger hell. Je mehr an Stromenergie ein Leuchtkörper verarbeiten kann, desto heller strahlt er auch.
Genauso verhält es sich mit der Seele eines Menschen: Je mehr Liebesenergie sie in sich tragen kann, desto heller oder vollkommener ist der Träger dieser Seele. Aber selbst der extrem hellste Leuchtkörper wirkt armselig gegen die Energiemenge und Lichtfülle, die eine Sonne abzugeben vermag. Unser existenzielles Lebensprogramm ist es nun aber, von einer Glühlampe zu einer Sonne zu werden.
Es haben sich schon unzählige kluge Häupter den Kopf zerbrochen mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Wie alle großen Weisheiten ist auch diese ganz einfach in Worte zu fassen, wenn auch die Ausführung eine Herausforderung bedeutet.
Im Leben geht es um nichts anderes als darum, Liebe zu lernen
Das ist genauso, wie man Mathematik oder Tontöpfern lernen kann. In den verschiedenen Situationen oder Begegnungen, die einem das Leben bietet, kann und soll man diese Fähigkeit üben, indem man sich einfach die Frage stellt: Was würde in diesem Moment die Liebe tun? Ist das, was ich jetzt sage, tue oder denke, voll und ganz auf Liebe ausgerichtet? (Mehr dazu im Kapitel »Liebe ist, was Liebe tut«.)
Als praktische Anleitung im Alltag würde diese Einsicht folgendermaßen klingen:
Wenn du in eine Situation gerätst, in der du die Wahl hast, dich lieblos (also egoistisch und intolerant) oder liebevoll zu verhalten, dann entscheide dich für die liebevolle Variante.
Das ist alles. Mehr braucht es nicht, um dieses Leben »gewinnbringend anzulegen«.
Ich vermute, dass man die Anzahl der heute lebenden Menschen, die hundertprozentig nach diesem Vorbild leben, an zwei Händen abzählen kann. Solche seltenen Exemplare verdienen das (zugegebenermaßen etwas antiquierte) Prädikat »heilig«, weil ihr Leben heilbringend und heilsam ist für die Welt. Eigentlich ist es das erklärte Ziel jedes Menschen, diesen Zustand der Heiligkeit – also der ausnahmslosen Ausrichtung auf die Liebe – zu erreichen. Aber seien wir ehrlich: Wer kann von sich behaupten, dieses Ziel bis zum Ende dieses Lebens erreichen zu können? Braucht es da nicht noch ein bisschen mehr Zeit und Gelegenheit?
Welcher Schüler wäre in der Lage, bereits nach der Absolvierung des Kindergartens den Doktor in Physik zu machen? Der Weg dorthin führt zuerst einmal über die Primarschule, wo er die Grundbegriffe des Rechnens, Lesens und Schreibens lernt, anschließend über die Mittelstufe, dann über das Gymnasium und schlussendlich das Studium an der Universität. Schritt für Schritt, Lektion für Lektion schreitet der Schüler voran, wird klüger, erfahrener und reifer, bis er bereit ist, den Doktorhut zu empfangen.
Was für das Studium der Physik gilt, gilt gleichermaßen für das Studium der Liebe. Wer nämlich denkt, dass er den Doktorhut in Sachen Liebe in einer einzigen Lektion – sprich einem einzigen Leben – abverdienen kann, ist auf dem Holzweg. Wir benötigen einen Lehrgang, der viele Lektionen und Ausbildungen umfasst, die wir unter anderem als Menschen auf dem Planeten Erde absolvieren. Der christliche Glaube hingegen verkündet, durch den Opfertod des Jesus von Nazareth seien unsere Sünden getilgt, und wer an ihn glaube, der gelange nach dem Tod auf direktem Weg in die ewige Seligkeit. Auf dieses Thema werde ich auf den folgenden Seiten noch vertieft eingehen.
Die meisten Menschen lehnen die Vorstellung, im Verlauf ihrer seelischen Entwicklung mehrere irdische Leben zu absolvieren, schon deshalb ab, weil sie »es sich nicht vorstellen können«. Aber wer konnte sich noch vor sechzig Jahren vorstellen, dass der Mensch je auf dem Mond landen würde? Außer ein paar eingeweihten Wissenschaftlern schlicht niemand, und heute ist die Mondlandung kalter Kaffee. Wer hätte sich vor fünfzehn Jahren vorstellen können, dass die halbe Menschheit mit einem handgroßen Gerät in der Hosentasche herumläuft, mit dem man telefonieren, filmen, fernsehen, Einzahlungen machen, Bücher lesen, Schach spielen und -zigtausend Musiktitel speichern kann? Unvorstellbar!
Vollkommen liebevoll zu werden ist eine anstrengende Aufgabe, für die uns nicht nur alle Zeit der Welt zur Verfügung gestellt wird, sondern ebenso viele Ausbildungsdurchgänge – sprich Leben –, wie wir eben brauchen. Manche Schüler sind talentiert und kommen rascher vorwärts, andere sind langsamer und müssen halt einmal eine Klasse wiederholen. Es gibt aber auch fortgeschrittene Individuen, die als Vorbilder und Lehrer auf die Welt kommen, um den Menschen als Leitbilder zu dienen und ihnen zu schnelleren Fortschritten zu verhelfen. Die ganz Großen dieser Lehrmeister wie Moses, Buddha, Jesus, Mohammed u. a. haben der Menschheit ihre heiligen – gleich heilsamen – Botschaften hinterlassen, die dann als Religionen von der angesprochenen Anhängerschaft gepflegt wurden.
Der Sinn des Lebens ist es also, die Fähigkeit zu lieben zu vervollkommnen.
Auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind:
Jeder Lebensweg ist ein Weg zur Liebe hin, denn es gibt kein anderes Ziel
Es darf einen nicht verwirren, dass dieser Weg keine direkte Autobahn ist und manchmal über Stolperwege und Abgründe führt. Die Versuchung, sich mit dem freien Willen für den eigensüchtigen Profit und dadurch gegen das Liebesprinzip zu entscheiden, ist die große Fußangel in diesem Spiel, über die man immer wieder stolpert. Wie bei den Brettspielen, bei denen es heißt, fünf Felder zurück oder gar zurück zum Start, gibt es auch in der Existenz eines Menschen Phasen, in denen das Vorwärtskommen stagniert oder scheinbare Rückschritte zu verkraften sind. Eines ist jedoch gewiss: Jeder kommt ins Ziel oder, wie es Jesus ausdrückt: Kein Schaf wird verloren gehen (nach Johannes 10 : 28). Die zentrale Frage (auf die ich später noch eingehen werde) ist nur: Schafft man das wirklich in einemeinzigen Leben? Kann man in einem Lebensdurchgang vom Glühlämpchen zur Sonne werden? Und welche Rolle spielt dabei der sogenannte Opfertod des »vom Himmel gesandten« Jesus von Nazareth für uns, diesen mühevollen und langen Weg zu verkürzen?
Auf meinem Weg der Suche kam ich immer wieder an Stationen, die mich zum Teil über Jahre hin beschäftigten. Diese Stationen waren Begriffe, hinter denen sich weitläufige Themenkreise verbargen, die mich zwangen, zuerst einmal mit den Begrifflichkeiten klarzukommen. Wir werfen locker mit Wörtern wie »Liebe«, »Sünde« oder »Gott« um uns und denken, alle Menschen würden sich unter diesen Begriffen dasselbe vorstellen und es sei klar, was damit gemeint sei. Ich musste allerdings feststellen, dass diese Begriffe gar nicht so eindeutig sind, und dass es davon ebenso viele Interpretationen gibt wie Menschen. Jeder und jede hat seine eigene Vorstellung von diesen großen und praktisch undefinierbaren Themen. Also galt es zuerst einmal, die Inhalte und den tieferen Sinn dieser Themen zu begreifen und zu formulieren.
Wenden wir uns also zunächst einmal jenen Begriffen zu, die in den Religionen und ganz allgemein in der Spiritualität zum ABC gehören. Zualleroberst auf dieser Liste steht die komplexeste dieser Bezeichnungen.
Gott: Ein zorniger Rächer?
Vielleicht ist dir beim Lesen des vorhin beschriebenen »Licht-Phänomens« aufgefallen, dass ich es vermieden habe, es mit dem Wort Gott zu verbinden. Gott ist ein von Menschen entwickelter Begriff, und was wir dazu assoziieren, ist ein von Propheten, Kirchenlehrern, alten Schriften, moralischen Vorstellungen und purer Fantasie geprägtes Bild. Zumeist wird Gott als ein übergeordnetes Wesen interpretiert, das aus unerfindlichen Gründen die Welt erschaffen hat, und dem wir, seine Geschöpfe, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. So ähnlich war auch meine Gottesvorstellung, bevor ich diese umwälzende Erfahrung machte, die alles, was ich zu diesem Thema gelernt hatte, über den Haufen warf.
Aber wer oder was ist denn nun dieses Phänomen namens Gott? Soll man sich überhaupt die Mühe machen, das Unendliche, das Unbegreifliche mit Worten beschreiben zu wollen? Heißt es nicht vorsorglich, du sollst dir von Gott kein Bildnis machen? Das vor allem deswegen, weil Gott möglicherweise gar keine vorstellbare Gestalt hat, sondern eine ganz andere Beschaffenheit besitzt, die sich unserem materiell geprägten Vorstellungsvermögen entzieht? Gott hat uns nach seinem Ebenbild erschaffen, heißt es zwar, aber diese Aussage bezieht sich wohl weniger auf unser Aussehen, als auf unsere Fähigkeit zu fühlen, zu erschaffen, zu lieben und zu verzeihen.
Umgekehrt versuchen wir hingegen dauernd, Gott nach unserem Ebenbild zu gestalten. Vieles, wenn nicht sogar das meiste, was Menschen über Gott und die höheren spirituellen Wesen sagen, läuft eher darauf hinaus, sie auf unsere Ebene zu holen, als unsere Wahrnehmung zu erhöhen und auf deren Ebene zu bringen. Ich staune immer wieder, wie infantil gewisse kursierende Gottesvorstellungen sind, und wie unbedacht sich eine Mehrheit der Menschen mit zum Teil haarsträubenden Definitionen zufriedengibt.
Der erste und größte Irrläufer ist, dieser unbekannten Größe »Gott« ein männliches Geschlecht anzuhängen
Gott der Herr, der Vater, der Allmächtige, der Herrgott und so fort. Kurz: Es wird grundsätzlich nicht in Zweifel gezogen, dass Gott ein Mann ist. Dass dieses Bild auf uralte patriarchalisch strukturierte Gesellschaftsformen zurückgeht, in welchen der Mann der Erzeuger, Ernährer und Machtinhaber der Familie und der Sippe ist, liegt auf der Hand. Es ist auch einfach zu verstehen, dass man vor Tausenden von Jahren diese Attribute auf den Übervater, den Schöpfer und Erhalter der Welt übertrug, weil man sich schlicht nichts anderes vorstellen konnte. Die Frau wurde ja nicht als ebenbürtiger Partner angesehen, sondern als »dem Manne untertan«. Aber ich finde es doch mehr als interessant, dass man diese vorsintflutliche Vorstellung von Gott in einer aufgeklärten, hoch technisierten und wissenschaftlich so fortgeschrittenen Zeit kritiklos übernimmt.
Auf einer meiner Konzerttourneen habe ich meinem Publikum eine kleine provokante Satire vorgelesen, deren Pointe einerseits Heiterkeit oder Verblüffung, aber andererseits auch herbe Ablehnung hervorgerufen hat. Die Geschichte ging so:
Eines Tages im Garten Eden sagte Eva zu Gott: »Gott, ich habe ein Problem!«
»Was ist das Problem, Eva?«
»Gott, ich weiß, dass du mich erschaffen hast, mir diesen wunderschönen Garten und all diese fabelhaften Tiere und diese seltsame Schlange geschenkt hast, aber ich bin einfach nicht glücklich.«
»Warum bist du nicht glücklich, Eva?«, kam die Antwort von oben.
»Gott, ich bin einsam, und ich kann Äpfel einfach nicht mehr sehen.«
»Na gut, Eva, in diesem Fall habe ich die Lösung für dein Problem. Ich werde für dich einen Mann erschaffen und ihn dir zur Seite stellen.«
»Was ist ein Mann, Gott?«
»Dieser Mann wird eine missratene Kreatur sein, mit vielen Fehlern und schlechten Charakterzügen. Er wird lügen, dich betrügen und unglaublich eitel und eingebildet sein. Im Großen und Ganzen wird er dir das Leben schwer machen. Aber er wird größer, stärker und schneller sein und er wird es lieben zu jagen und Dinge zu töten.
Er wird dümmlich aussehen, wenn er erregt ist, aber ich werde ihn derart beschaffen, dass er deine körperlichen Bedürfnisse befriedigen wird.
Er wird witzlos sein und solch kindische Dinge wie kämpfen und einen Ball herumkicken über alles lieben. Er wird auch nicht viel Verstand haben, sodass er deinen Rat brauchen wird, um vernünftig zu denken.«
»Klingt ja umwerfend«, sagte Eva, »wo ist der Haken, Gott?«
»Also … Du kannst ihn unter einer Bedingung haben.«
»Welche Bedingung ist das, oh Gott?«
»Wie ich schon sagte, wird er stolz und arrogant sein und sich selbst stets am meisten bewundern … Du wirst ihn daher im Glauben lassen müssen, dass ich ihn zuerst geschaffen hätte.
Denke daran, das ist unser beider kleines Geheimnis … Du weißt schon, von Frau zu Frau.«
Ich war erstaunt, wie viele Menschen es ohne Weiteres akzeptieren, dass Gott ein Mann ist, aber wenn man »ihn« als Frau darstellt, ist Verwirrung und Ablehnung die Folge.
Selbstverständlich werde ich mir nicht anmaßen, eine Definition Gottes entwerfen zu wollen. Gott ist kein Objekt, das man de-finieren, also be-grenzen kann. Ich kann nur schildern, was mir bei meinem Jenseitserlebnis – man verzeihe mir das altmodische Wort – offenbart wurde, und das war beim besten Willen kein strenger alter Mann mit einem langen Bart, der auf einer Wolke sitzt und nach Gutdünken seine Kreationen zu sich in den Himmel holt oder ins ewige Feuer wirft. Das Sehen des Lichts in der geistigen Welt hat mir eine Einsicht vermittelt, die nichts mit dem zu tun hat, was hier auf Erden als Gott propagiert wird.
Eines kann man mit Bestimmtheit sagen: Gott ist weder ein männliches noch ein weibliches Wesen, da diese Kategorien ein Ausdruck der Polarität sind, welcher Gott als Einheit nicht unterworfen ist.
Gott ist die Einheit, die alles enthält und in allem enthalten ist. Gott ist, wenn man unbedingt mit geschlechtlichen Normen operieren will, bestenfalls ein Es und nicht ein Er. Es gibt andere NTE-Erfahrene, die das vorbelastete Wort »Gott« lieber mit einem neutraleren Ausdruck ersetzen würden. Der Neurologe Dr. Eben Alexander nennt es in seinem Buch Blick in die Ewigkeit das »Om«.
Gott ist ein Thema, das sich jedem Suchenden im Laufe seiner Existenz auf eine persönliche Weise erfahrbar macht, und diese eigene Erfahrung ist die einzige Realität, die der Einzelne akzeptieren sollte. Selbst der weiseste Lehrer, der erhabenste Prophet und der heiligste Gottessohn mit ihren Heil bringenden Verkündigungen entbinden einen Menschen nicht davon, sich selbst auf die Suche zu machen und auf seine Weise und durch seinen Einsatz zur Liebe und somit zur Energie Gottes zu gelangen. Wenn uns sogar Jesus auffordert, zu suchen, um zu finden, so kann das nur so viel heißen wie: »Löst euch los von Bevormundung und macht euch auf euren persönlichen Weg.«
Der Weg zu Gott, der nichts anderes als der Weg zur Liebe ist, ist in jedem Fall ausnahmslos eine persönliche Suche: Eine Aufgabe, die einem von niemandem abgenommen werden kann.
Gott ist Energie
Beim kläglichen Versuch, Gott anhand materieller Vorstellungen beschreiben zu wollen, kommt einmal mehr der Ausdruck »Energie« der Wirklichkeit wohl am nächsten. Was soll Gott denn sonst sein als Energie? Alles ist Energie, die in höheren oder niedrigeren Frequenzen schwingt. Das hat die Physik schon längst entdeckt: Es gibt nichts außer Energie: Das Licht ist schwingende Energie, Klang und Ton ist Schwingung und basiert auf Energie, Gefühle und Gedanken sind Träger von Energie, ja sogar die Materie ist nichts anderes als dicht schwingende Energie.
Untersucht man nämlich die Materie mit immer leistungsfähigeren Methoden, kommt man an die Grenze zwischen Konkretem und nicht Konkretem. Man sieht erst Kristalle, dann Atome, dann Elementarteilchen, und in einem gegebenen Augenblick bemerkt man, dass die Materie eine Wahrscheinlichkeitswelle ist. Die Materie entmaterialisiert sich in dem Maße, wie man beobachtend immer tiefer in sie eindringt.
Also kann man sagen, dass Gott die Energie ist, die in allen erdenklichen Frequenzen schwingt und sich darin offenbart und sie belebt. Das kann als Materie sein, als radioaktive Strahlung, als Gedanke, als Musik, als was auch immer im Universum schwingt. Es gibt nur eine Energie, die in verschiedenen Schwingungsformen erscheint, und diese Ur-Energie können wir getrost Gott nennen. So ähnlich wie man aus einem Klumpen Ton alles Erdenkliche formen kann, so kann sich Gottes Energie in allem Erdenklichen und nicht Erdenklichen offenbaren.
Der Vergleich von Gott mit Licht ist eine Metapher, die durchaus einleuchten könnte: Wir alle wissen, was Licht ist, und wir wissen, dass wir ohne Licht nicht existieren können, aber wir können nicht festlegen, welches Licht das originale, »richtige« Licht ist. Ist es die Sonne, die Glühlampe, die Kerze, die Neonröhre? Wir erfahren dieses Phänomen Licht aus verschiedenen Quellen. Auch Gott erfahren wir nicht direkt, sondern über Allegorien: Ein freundliches Lächeln, ein blühender Apfelbaum, ein Sonnenuntergang, eine hilfreiche Tat, ein tröstendes Wort … überall, wo Schönheit und Liebe erscheinen, ist das eine Erscheinung Gottes. Auch wenn wir das Licht gerade einmal nicht sehen können, zum Beispiel, weil wir in einem dunklen Zimmer sitzen, so wissen wir doch mit unerschütterlicher Gewissheit, dass es Licht gibt.
Aber nicht nur das Licht, auch die Musik bildet so ein Thema, das sich wunderbar für Gedankenspiele eignet: Wir alle meinen zu wissen, was Musik ist, weil wir schon welche gehört haben. Musik jedoch existiert nur in dem Moment, da sie gerade erklingt, danach verschwindet sie wieder und ist nicht mehr da. Wir wissen aber trotzdem, dass es Musik gibt, auch wenn wir gerade keine hören.
Nun gibt es unendlich viele Melodien und Stilformen, in denen Musik erscheint. Das kann das urtümliche Trommeln eines Urwaldvolkes sein, die Flötenmelodie eines fünfjährigen Kindes, das wilde Klanggewitter einer Punkband oder ein Menuett von Haydn – und immer ist es Musik, so unterschiedlich sie sich auch anhören mag. Eigentlich sollte man hier weniger von Musikstilen reden, sondern eher von Musikenergie. Wie in den Gefühlen wohnt nämlich auch in jedem Musikstil eine bestimmte Energie inne.
Der Jazz zum Beispiel ist ein Ausdruck einer Energie von Wildheit, Freiheit, Unbändigkeit und Kreativität, wohingegen in der Klassischen Musik Feingeistigkeit, kontrollierte Form und Ästhetik schwingt. Die Rockmusik vertritt eine Energie von roher Kraft, Auflehnung, auch Gewalt und Zorn, während die Schlagermusik Angepasstheit, Biederkeit und eine gewisse Naivität in sich trägt. In einem Naturjodel schwingt Naturenergie und Ursprünglichkeit mit, während ein gregorianischer Choral Träger einer transzendenten Energie ist, die meditativ, beruhigend, zeitauflösend wirkt.
Um Musik aber wahrnehmbar zu machen, braucht es Instrumente und Menschen, die diese bedienen. Ohne Instrumente und ohne Musiker gibt es keine Musik.
Ebenso ist Gott – jedenfalls in der materiellen Welt – angewiesen auf Menschen, Abläufe und Interaktionen, die ihn zum Erscheinen bringen. Die Musik und das Licht erscheinen also, wie auch Gott, nur durch Vermittler. Wir sind solche Vermittler Gottes. Als Musiker würde ich sagen: Jeder Mensch ist eine Melodie Gottes.
Aber genauso, wie wir Lebewesen im Grunde nichts als eine Ansammlung von Neutronen sind, die um Atomkerne sausen – also schwingende Energie –, sind wir trotz allem Individuen, Personen. So zweifle ich nicht daran, dass auch Gott eine Person ist, wenn auch in einem weitaus komplexeren Sinn, als wir uns das vorstellen können.
Gottes Wille. Was will er denn?
Der zweite Trugschluss, der sich aus der ersten Fehlannahme ergibt, ist, dass dieser »Herr« Gott einen Willen hat, den er uns aufzwingen will. Ich muss immer wieder lächeln, wenn ich Predigern zuhöre, die mit Bestimmtheit zu wissen glauben, was Gott will. Oft ist dieser »Wille Gottes« das eigene Wunschbild, das man einer höheren Instanz unterjubelt, um sich selbst mehr Autorität zu verleihen. Da habe ich schon die abstrusesten Behauptungen gehört, was Gottes Wille sei, bei denen sich mir die Haare sträubten, die aber immer wieder ein dankbares Publikum finden.
Der Ausdruck »Wille« ist zu sehr in menschlichen Kategorien gefasst, zu eng, als dass man ihn der universalen All-Energie zuschreiben dürfte, aus der alles entstanden ist.
Bei einer allumfassenden Energie, was ja »Gott« schlussendlich ist, von einem Willen zu sprechen, dünkt mich nicht passend. Eine Energie hat keinen Willen, höchstens eine Tendenz, ein Bestreben, eine Ausrichtung. Auch unser menschlicher Wille ist nichts anderes als unsere gedankliche, geistige Energie, die sich auf ein bestimmtes Thema richtet: »Ich will essen«, »Ich will diesen Berg besteigen«, »Ich will ein Haus bauen.«
Dieses energetische Gedankenprogramm namens Willen hat die Kraft, physische Abläufe in Gang zu setzen: Der Gedanke zieht und befiehlt, und der Körper läuft quasi hinterher und führt aus. Der Wille ist also die geistige Energie, die wie ein Motor Dinge in Bewegung setzt, und zwar in jene Richtung, in die er programmiert ist: Essen, Berg besteigen, Haus bauen.
Nun gibt es Menschen, deren Wille auf höhere, liebevolle Ergebnisse fokussiert ist und solche, deren Wille sich auf niedrige Ziele ausrichtet. Das hängt offenbar von der Grundenergie des betreffenden Menschen – oder spirituell ausgedrückt: von seiner Seelenschwingung – ab. Nur ein Mensch mit niedriger Seelenschwingung hat das Bedürfnis, einen anderen zu betrügen oder gar umzubringen. Sein willentliches Programm ist also auf eine grobschlächtige, dunkle Energie aufgebaut. Umgekehrt hat ein Mensch mit einer höheren seelischen Energiefrequenz das Bedürfnis zu heilen und zu helfen, was sich in seinem Willen, Gutes zu tun, ausdrückt. Also hat auch die Gottesenergie keinen expliziten Willen, sondern eben eine Ausrichtung, ein Programm.
Dieses Programm – nenne es den »Willen Gottes«, wenn du unbedingt möchtest – ist nichts anderes als der kreative Drang der Liebe, sich zu realisieren, zu manifestieren, den Gedanken der Liebe in die Tat umzusetzen und so in Erscheinung treten zu lassen: Ein Statement, das sich im berühmtesten Gebet der Christenheit, im »Vaterunser«, niederschlägt. Dort finden wir die Aussage: »Dein Wille geschehe.«
Ich habe viel über dieses Gebet nachgedacht und versucht herauszufinden, was sich hinter den Begriffen wie »Dein Wille geschehe«, »Vater im Himmel«, »gib uns heute unser tägliches Brot«, »unsere Schuld«, oder mysteriöseren Sätzen wie »dein Name werde geheiligt« und »führe uns nicht in Versuchung« verbirgt. Dieses Gebet wurde ja, wie man weiß, von dem jungen Juden Jesus von Nazareth unter die Leute gebracht.
So wie ich diesen »Nazarener« durch Bibelstudium kennengelernt habe, hatte er einen Hang für Gleichnisse, das heißt, er erzählte seinen Zuhörern eine Geschichte, hinter der sich eine andere Geschichte, nämlich ein spiritueller Sachverhalt, verbarg. So gehe ich davon aus, dass er auch seinen Leuten auf die Frage: »Meister, wie sollen wir beten?«, ein Gebet anbot, hinter dem sich eine spirituellere Botschaft befand, als die bloßen Worte zu sagen scheinen.
Ich habe versucht, die tiefere Bedeutung hinter diesen Sätzen zu ergründen und bin zu folgender Interpretation des »Vaterunser« gelangt, die ich der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten möchte.
Das Vaterunser
Vater unser = Ursprung der Liebe, die Energie, aus der wir entstanden sind und die in uns allen schwingt.
Der du bist im Himmel = Du bist zwar materiell unsichtbar, aber deine Auswirkungen sind gegenwärtig. Die Kraft der Liebe ist überall tätig, wo sie erwünscht und zugelassen wird. Dieses Kraftfeld der Liebe, in dem du dich aufhältst, ist der Himmel.
Geheiligt werde dein Name = Dein Name ist »heilig« (heilbringend). Ein Name ist das, was man anruft, wenn man Kontakt schaffen will. Also: Wer dich anruft, der wird geheilt, dem wird geholfen. Und wer ist dieses du? Die Liebe. Wer also im Namen der Liebe bittet, denkt oder handelt, dem ist das Heil gewiss.
Dein Reich komme = Das »Reich« ist die Ebene der Liebe, auf der nichts anderes vorhanden ist als ebendiese reinste Kraft. »Dein Reich komme« ist die Bitte, dass diese Ebene sich in der materiellen Welt, zu der die Erde gehört, verwirkliche.
Dein Wille geschehe = Der »Wille Gottes« ist nichts anderes als der kreative Drang der Liebe, sich zu realisieren, zu manifestieren, den Gedanken der Liebe in Tat umzuwandeln.
Wie im Himmel, so auch auf Erden = Wie das geistige Kraftfeld »Liebe« das ganze All umhüllt, so soll es sich in der materiellen Welt ver-wirk-lichen, das heißt wirken.
Gib uns unser tägliches Brot = So wie Jesus das Wort Brot anwandte, ist wohl nicht der Mehlfladen gemeint, sondern das »himmlische« Brot, die geistige Nahrung, das »Brot des Lebens«, von dem sich die Seele ernährt. In diesem Sinn bedeutet der Satz: Schenke uns die tägliche Ration Liebeskraft, damit sie uns erfülle und uns im Geist der Liebe tätig werden lasse.
Und vergib uns unsere Schuld = Unsere »Schuld« ist nichts anderes als das Ungleichgewicht, das durch die selbst gewählte Absonderung von der Liebe entsteht (= Sünde), die Abwesenheit des Liebesmotivs in unseren Absichten und Handlungen. Dieser Satz ist die Bitte um Nachsicht, wenn wir uns zu stark mit der trügerischen Realität der Materie identifizieren.
Wie auch wir vergeben unseren Schuldnern = Das ist der Vorsatz, auf solche Menschen, die sich eben in jenem Zustand der Liebesferne befinden und uns mit der dazugehörigen negativen Kraft, also mit Aggression und Hass begegnen, mit Nachsicht, Verständnis und Verzeihen zuzugehen.
Und führe uns nicht in Versuchung = Die treffendere Wortwahl wäre: »Halte uns fern von Versuchung«, denn die Liebe führt nicht absichtlich und vorsätzlich in »Versuchung«, wie uns dieser Satz suggeriert. Versuchung ist der durch unser Dasein in der materiellen Welt bedingte Drang, uns auf materielle »Werte« zu verlassen, anstatt der Kraft der Liebe zu vertrauen. Diese Identifikation mit der Materie sondert uns ab von der Liebe und es entsteht die sogenannte »Sünde«.
Sondern erlöse uns von dem Bösen = Das Böse ist die Abwesenheit der Liebe. Wo das Vertrauen in die Liebe fehlt, dort ist Angst. Die Hölle ist der permanente Zustand der Angst. Die Erlösung von der Angst ist das Vertrauen auf die Kraft der Liebe.
Nun, wie wir wissen, gab es in der Weltgeschichte immer wieder einzelne Personen, die sich bemüht haben, die Themen »Gott, Liebe und ewiges Leben« den Menschen näherzubringen. Dazu gehören Abraham (2. Jahrtausend v. Chr.), Zarathustra (17. Jh. v. Chr.), Lao-Tse (6. Jh. v. Chr.) Buddha (6. Jh. v. Chr.), Jesus Christus (Zeitenwende), Mohammed (7. Jh. n. Chr.), um die wichtigsten zu nennen.
Sie verkündeten ihre heilsbringende Botschaft erst einmal einer kleinen Anhängerschar, in der Absicht, diese Botschaft in deren Herzen zu pflanzen und in den Hirnen der Menschen eine Änderung ihres bisherigen Verhaltensprogramms zu bewirken. Bekanntlich ging in einigen Fällen diese Saat auf, und nach dem Schneeballprinzip verbreiteten die Anhänger jener heiligen Männer die Botschaften weiter, oft gegen äußerst widrige Umstände.
Man stellte aber bald fest, dass die Vertiefung und Konstanz dieser Lehren ohne Rituale keine Chancen hatte. So wurden Rituale eingeführt, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Sie gewannen mit der Zeit immer mehr an Bedeutung, was dazu führte, dass ihre Einhaltung und Ausübung oft wichtiger wurden als die Gesinnung, die sie ausdrücken sollten.
Beide Elemente, Lehre und Ritual, verdichteten sich zu Institutionen, die als Religionen die Menschen in Gesinnungsgruppen zusammenfassten, welche einander oft ablehnend bis feindlich gegenüberstanden (und das auch heute noch tun). Obwohl diese Gruppierungen ausnahmslos das Seelenheil des Einzelnen zum Inhalt haben und sich selbst als heilig anpriesen, wurden mörderische Kriege ausgefochten, mit dem Ziel, die anderen Gruppen, die zwar denselben heiligen Kern hatten, aber verschiedene Rituale praktizierten, nach Möglichkeit auszurotten. Es entstand zwischen einzelnen Religionen ein erbittertes Konkurrenzdenken, das bis heute anhält.
Spiritualität, die außerhalb dieser Institutionen ausgeübt wurde, wurde von diesen ebenfalls einhellig bekämpft und ihre Sympathisanten als Irr- oder Ungläubige, Ketzer, Häretiker oder Freigeister im Namen Gottes verfolgt und umgebracht. Bei objektiver Betrachtung der Geschichte muss man also feststellen, dass kaum ein noch so diktatorisches Regierungsgefüge sich als vergleichbar herrschsüchtig, unbarmherzig und intolerant erwies wie das System der Religionen.
Da die organisierten Religionen den Daumen auf die Spiritualität gelegt hatten und quasi das Monopol auf dieses Thema in Anspruch nahmen, hatten andere spirituelle Systeme, die nicht die Ambitionen hatten, sich als machtvolle Gewalt durchzusetzen und zu behaupten, kaum eine Chance. Mit raffinierter Propaganda wurden (und werden) sie von den »Großen« lächerlich gemacht, verteufelt und geächtet.
Das ist ein interessanter Sachverhalt, der geradezu danach schreit, sich näher mit ihm zu befassen. Darum widme ich das nächste Kapitel diesen machtvollen und rätselhaft zwiespältigen Organisationen.
Darmowy fragment się skończył.