Czytaj książkę: «La Fidanzata»


Gianni Agnelli (vorn) und Giampietro Boniperti auf der Tribüne
BIRGIT SCHÖNAU
La Fidanzata
JUVENTUS,
TURIN
und Italien

Per Sandro, il mio juventino preferito
Vorwort
DER KLUB DER PENNÄLER
Hemden aus England, Dandys aus Piemont: Die Gründerjahre
DIE HEIMLICHE KÖNIGSFAMILIE UND IHRE PRINZESSIN
Wie der Fiat-Clan Agnelli mit seinem Fußballklub verschmilzt
GUELFEN UND GHIBELLINEN
Wie Juventus Italien eint und spaltet
HÖLLE UND FLUCH
Vom großen Pech im Endspiel um den Königspokal
SKANDALNUDEL, DRAMAQUEEN
Juventus und der Manipulationsskandal
DIE MANNSCHAFT
Kleines Lexikon der wichtigsten Spieler, Trainer und Manager
Literatur
Vorwort
Ein Zeitungsbild vom 9. Mai 1978, schwarzweiß, schon etwas verblichen. Zu sehen sind elegant gekleidete Musiker auf einem festlich beleuchteten Platz. Es ist die Piazza San Carlo mit ihren eleganten Rokoko-Palazzi, den luftigen Arkaden, den taubengrauen Fensterläden der Freiluftsalon der Turiner. Viele von ihnen sind zu diesem besonderen Konzert gekommen. Die Bildzeile in der Zeitung verkündet: »Zur Feier des 18. Meistertitels von Juventus spielte das Orchester des Teatro Regio Musik aus My Fair Lady.«
Wo Damen feiern, da fließen keine Bierduschen. Allerhöchstens strömt im Stadion der Champagner und dazu gibt es eine riesige Sahne-Meistertorte vom Hofkonditor in den italienischen Nationalfarben Grün Weiß Rot. Noblesse oblige, und es gibt südlich der Alpen keinen nobleren Verein, keinen, dem von Anbeginn dieses Aristokratische anhaftet, das die einen verehren und die anderen verachten. Auch im Triumph bleibt Juventus ganz Primadonna, stilsicher und ein ganz klein wenig versnobt, wie es ihrem Ruf entspricht. Signora. Madama. My Fair Lady. Ausgerechnet dem berühmtesten Klub der Männer wird mit diesen Kosenamen gehuldigt wie einer Frau. Sicher, Juventus heißt Jugend, das ist im deutschen genauso weiblich wie im italienischen, und folgerichtig trägt die Juve auch in Deutschland ihr Emblem »Alte Dame«. Was höflich klingt, aber auch ein wenig hölzern und gewollt.
Für ihren Anhang ist sie la fidanzata. Gern mit dem Zusatz d’Italia. Verlobte Italiens. Denn Madama wie sie, typisch Turin, in einer italo-französischen Verballhornung gerufen wird, genießt ja tatsächlich im ganzen Land Verehrung, genauso übrigens wie Verachtung. Wie aber konnte sich aus den Nebeln der mysteriösen, magischen Stadt Turin ein Geschöpf emporschwingen, das mal als leichtfüßig-kapriziöse Dame die Welt erobert, mal als piemontesische Military-Stute ihre zahlreichen Gegner wegbeißt? Eines steht fest: Auch nach über 120, nicht immer mit Würde, stets aber mit Grandezza getragenen Lebensjahren bleibt die Juventus einer der schillerndsten Sportklubs des Planeten. Und ganz nebenbei ein Fanal für das Prinzip des Weiblichen im Fußball, wie es jenseits der Alpen eine Hertha oder Borussia niemals sein durften. Hertha Berlin ist nach einem Ausflugsdampfer auf der Havel benannt, die Farben des Schornsteins wurden die Vereinsfarben. Kein Wunder, dass aus Hertha nie eine echte Lady wurde. Man nennt sie zwar auch Alte Dame, aber sie trug wie eine Wilmersdorfer Kneipenwirtin immer eher Haarteil-Knoten als Chignon.
Die Juve aber, die Verlobte aus Turin, stellt man sich am besten mit langer Zigarettenspitze vor. Ja, sie raucht, wie einige ihrer besten Spieler, wie Zoff, Platini, Zidane. Sie wirft sich in Schale und wühlt doch manchmal im Schlamm, sie tanzt sogar Tango, wie einer ihrer berühmtesten Spieler. Raimundo »Mumo« Orsi, in den 1930er Jahre ein italo-argentinischer Weltstar, spielte nach dem Spiel im Nachtklub eines Teamgefährten Geige und tanzte Tango wie ein Profi. Orsi gehörte zu den Artisten im Dienste der Juventus, es gab aber immer auch die Architekten wie Andrea Pirlo und die Ballarbeiter wie Claudio Gentile.
Angeführt wurden sie von Trainern wie Giovanni Trapattoni, Marcello Lippi, Antonio Conte, je nach Temperament Feldmarschalle (oft) oder Feingeister (selten), die sämtlich das Motto des Über-Juventino Giampiero Boniperti verinnerlichen mussten: »Zu siegen ist nicht wichtig. Es ist das Einzige, das zählt.« Das stimmte nicht ganz. Wenn sich der stile Juve auch zu 90 Prozent aus Effizienz und Disziplin zusammensetzte, so gehörte dazu doch immer auch ein Hauch nonchalanter Extravaganz. Raubeinig und etepetete, eisern und entwaffnend emotional, bodenständig und weltläufig. Eben immer eine Klasse für sich.
Die Spieler und Trainer sind das Herz dieses Klubs, deshalb sei den begabtesten, bekanntesten oder auch berüchtigtsten unter ihnen ein umfangreiches Kapitel gewidmet. Sie allein machen die Juve indes noch nicht zum erfolgreichsten Klub des Landes und zur tragenden Säule der Nationalmannschaft. Und ihre Fertigkeiten allein schaffen auch noch keine Legende. Der Mythos Juventus ist mit einem Clan verknüpft, der über Jahrzehnte der reichste und mächtigste Italiens war, so dass er zeitweise wie eine heimliche Königsfamilie erschien: die Agnelli. Seit 1923 besitzen die Nachfahren des Fiat-Gründers Giovanni Agnelli den FC Juventus. Fast 100 Jahre Familienbesitz, das ist weltweit einzigartig für einen Fußballklub. Mit Andrea Agnelli ist mittlerweile ein Urenkel des Patriarchen Giovanni Präsident, seine Vorgänger waren der Großvater Edoardo, der Onkel Gianni und der Vater Umberto. 100 Jahre Juve und Agnelli, das bedeutet ein Jahrhundert Italien.
Die Geschichte des Klubs spiegelt den Aufstieg vom Agrarland zur Industrienation und schließlich zur postindustriellen Transformation, umfasst das Aufkommen des Faschismus, Krieg und Wiederaufbau, die Abschaffung der Monarchie und die Brüche der Demokratie sowie den Medienpopulismus des großen Konkurrenten Silvio Berlusconi. 100 Jahre Juve und Agnelli, dahinter stehen auch die Arbeitskämpfe der 1970er Jahre in Turin, die Hegemonie von Fiat und die anschließende Emanzipation einer Stadt, in der die Agnelli zwar noch präsent sind, aber nicht mehr den Ton angeben.
Die Geschichte dieses Klubs ist also mehr als eine Abfolge von Fußballspielen. Juventus ist eine Weltanschauung, wie Fans und Gegner meinen, sie eint und spaltet Italien. Die einen halten sie für unwiderstehlich, die anderen für unerträglich, den ersten schmeicheln ihre Trophäen, die letzten fühlen sich durch jene Skandale bestätigt, die Juventus, ganz Dame von Welt, ein Quentchen mysteriöser Verruchtheit verpassen. Nein, ein Blaustrumpf oder ein Vorbild an Tugendhaftigkeit ist sie nicht. Aber dafür ungeheuer interessant.
Dieses Buch ist keine Liebeserklärung und doch eine Hommage an eine der ganz großen Erscheinungen der Fußballwelt. Wenn es sie nicht gäbe, wer würde sie erfinden? »Die Juve ist keine Mannschaft, sondern ein soziales Phänomen« schrieb der große italienische Sportjournalist Gianni Brera. »Wenn du sie liebst, musst du nicht weiter darüber reden. Wenn du sie nicht liebst, musst du sie wenigstens bewundern. Denn das hat sie verdient.«
In diesem Sinne: Viva la Diva!
DER KLUB DER PENNÄLER
Hemden aus England, Dandys aus Piemont: Die Gründerjahre
Als Juventus gegründet wurde, war Turin noch keine Arbeiterstadt und der Fußball alles andere als ein Volkssport. Aber beides änderte sich innerhalb von wenigen Jahrzehnten. Um 1900 erlebte Turin einen rasanten Wandel von der Residenzstadt des Königsgeschlechts der Savoyer, die hier zwischenzeitlich sogar die Kapitale des neuen Königreichs Italien installiert hatten, zum italienischen Manchester. Nach dem Wegzug des Hofes nach Rom hatte die Stadt zunächst einen Niedergang erlitten – von 220.000 Einwohnern 1864 auf 165.000 nur zwanzig Jahre später. Rom war nun der Mittelpunkt des neuen Reiches und Turin nur noch eine Provinzstadt im äußersten Nordosten, ein italo-französisches Zwitterwesen, das sich lieber an Paris als an der Stadt der Päpste orientierte und nun, da ein kleines Heer von Beamten und Hofleuten sich knapp 700 Kilometer weiter südlich ansiedelte, wie verlassen dalag. Das allerdings sollte nicht lange so bleiben. Das »große Dorf am Fuße der Alpen«, wie Napoleon die Stadt despektierlich genannt hatte, wandelte sich im Eiltempo zur Industriemetropole. Ihre Peripherie wucherte ins Umland, um die vielen Zuwanderer aus den Hügeln des Piemont aufzunehmen, die sich lieber als Fabrikarbeiter verdingen wollten, als weiter für unsicheren Lohn ihre Felder zu bestellen.
Bereits 1914 hatte sich die Zahl der Turiner auf 443.000 eingependelt, also gegenüber der alten Savoyer Residenzstadt verdoppelt. Das lag an der Anziehungskraft der neuen Fabriken. Textil- und Chemieunternehmen ließen sich nieder, Süßwaren und andere Lebensmittel wurden in großem Stil produziert, eine Brauerei nach der anderen gegründet, das Kino erlebte seine ersten Schritte, und schließlich entstand etwa um dieselbe Zeit wie der Fußballklub Juventus jenes Unternehmen, das Turin ein ganzes Jahrhundert lang prägen sollte: Am 11. Juli 1899 gründete der Piemonteser Landbesitzer und Seidenraupenzüchter Giovanni Agnelli die Fabbrica Italiana Automobili Torino – kurz FIAT. Ein neues Bürgertum entstand, das sich mit dem alten Adel vermischte, tonangebend dabei wurden die ehrgeizig aufstrebenden Agnelli. Die neue Elite lebte selbstredend nicht im Schatten ihrer Fabriken, sondern im Zentrum jener eleganten Provinz-Metropole, die seit dem Barock von höfischen Architekten nach Pariser Vorbild gestaltet worden war.
Heute, da Turin sich nach dem Ende des Industriezeitalters wieder einmal neu erfinden musste, wird diese Schokoladenseite vom Kulturtourismus neu entdeckt. Und wer auf eine graue Autobauerkulisse gefasst war, sieht sich konfrontiert mit einer sorgfältig restaurierten, überaus lebendigen Altstadt. Deren zweitausendjährige Keimzelle liegt unweit des Stadtschlosses der Savoyer und erhebt sich auf dem Schachbrettmuster römischer Straßenzüge. An die Ruinen des antiken Stadttores lehnt sich die Kathedrale mit dem Grabtuch Christi, einem der größten Schätze des Katholizismus. Wenn Turin nicht zuletzt dank dieser Reliquie eine religiöse Kapitale ist, aus deren Umland auch die Vorfahren des argentinischen Papstes Franziskus stammen, so hat die Stadt auch einen weithin strahlenden Ruf als esoterische Metropole. Turin liegt da quasi schwebend zwischen den magischen Kräften von Gut und Böse, von Isfet und Maat, angesiedelt sowohl im »weißen Dreieck« mit Lyon und Prag als auch mitsamt San Francisco und London im Triangel der »schwarzen Magie«. Da wird der Heilige Gral in der Kirche Gran Madre di Dio vermutet und der Eingang der Hölle auf der Piazza Statuto. Mysteriös und ein wenig unheimlich wie die Stadt in einer nebligen Januarnacht, wenn man das Gefühl haben kann, die Statuen der löwenköpfigen Göttin Sachmet seien aus dem monumentalen Ägyptischen Museum gewandert, um ihre Gruselsilhouette zwischen den schlafenden Königspalästen zu präsentieren. Die Präsenz der alten Ägypter, der Mumien von Mensch und Katze, Falke und Krokodil in der zweitgrößten Sammlung der Welt nach der in Kairo, nährt die Fantasie. Und so gelten die Turiner, ausgerechnet diese Preußen Italiens, auch als besonders abergläubische Menschen.
Im Sommer wird die nebel- und geheimnisumwobene Stadt licht und heiter, mit ihren unzähligen baumbestandenen Plätzen, von denen der Blick auf die Alpen geht oder zu den grünen Hügeln auf der anderen Seite des Po. Adelspalazzi mit prunkvollen Innenhöfen reihen sich an Wohnhäuser mit französischen Balkonen, und immer wieder wird das urbane Ensemble ergänzt durch Galerien und Arkaden, gesäumt von stilvollen Kaffeehäusern und feinen Aperitif-Bars. Denn der Aperitif wurde in Turin erfunden, ebenso wie man hier die erste Schokolade Italiens genießen konnte. Turin war immer auch eine Stadt der Flaneure, und es waren ausgerechnet anglophile Dandys, die am Ende des 19. Jahrhunderts den englischen football als Gentlemen-Sport für sich entdeckten, eine Kategorie wie das Rudern auf dem Po, das Fechten im vornehmen Club oder der Ritt durch die weitläufigen Parks am Flussufer.
Ein Manager Schweizer Herkunft brachte die ersten Fußbälle aus England nach Turin, um dort den ersten Fußballklub Italiens zu gründen: Edoardo Bosio hob am 13. März 1887 den Torino Football and Cricket Club aus der Taufe, nachdem er bei einem Arbeitseinsatz in Nottingham dieses neue, schnelle und mitreißende Spiel kennengelernt hatte. In Italien gab es bis dahin nur den bereits vom illustren Reisenden Goethe beschriebenen Faustball. Der wackere Bosio blieb indes nicht lange allein mit seiner Mannschaft aus Freunden, Arbeitskollegen und englischen Expats. Nur zwei Jahre später konterte der Adel mit – nomen est omen – »Nobili Torino«. Da waren allerdings ebenso schillernde wie exzentrische Herren am Werk, nämlich Baron Cesana, Marquis Alfonso Ferrero de Gubernatis Ventimiglia (nebenbei auch Fiat-Mitgründer), Graf Nasi (später mit den Agnelli verschwägert) und vor allem der unvergleichliche Luigi Amedeo di Savoia-Aosta, Enkel und Neffe italienischer Könige, Sohn eines Königs von Spanien und höchstselbst immer noch Herzog der Abruzzen. Abgesehen von diesen Titeln war Savoia-Aosta ein Abenteurer wie aus dem Bilderbuch, der mit Nonchalance ebenso zum Nordpol strebte wie auf die Achttausender des Himalaya, in Somalia die Landwirtschaft voranbrachte und en passant eben auch den Fußball in Turin très chic machte. Von ihm ist der Spruch überliefert: »Lieber sollen sich um meinen Grabstein die Fantasien somalischer Frauen ranken als die Heucheleien zivilisierter Herren.« Dieser unwiderstehliche Snob ließ nach zwei Jahren Derby mit Bosios FCC Torino seinen allzu vornehmen Verein mit dem Lieblingsgegner zum Torino International Football Club fusionieren. Man schrieb das Jahr 1891 und Juventus war noch immer nicht auf den Plan getreten. Was daran lag, dass Madamas Taufpaten sich noch am Alphabet und den Grundrechenmethoden abarbeiteten. Sie saßen noch in der Volksschule.
Erst am 1. November 1897 war es soweit: Ein Dutzend Pennäler aus der Obersekunda und Unterprima des Liceo Massimo d’Azeglio riefen mit jugendlichem Überschwang und Eifer ihren eigenen Fußballklub aus. Juventus, die Jugend, auf diesen Namen hatte man sich geeinigt in endlosen Beratungen an einer zum Treffpunkt bestimmten Bank vor dem Schultor. Das städtische Möbel sollte schnell verwittern. Dennoch ließ Juve-Präsident Andrea Agnelli anno 2011 bei der Eröffnungsfeier für das klubeigene Stadion einen Nachbau mitten auf den Stadionrasen stellen: La panca, die allen Juventini als Reliquie bekannte Bank, als Reminiszenz an die eigenen Wurzeln. Die Beziehung zum Gymnasium Massimo d’Azeglio hat die Zeit ohnehin überdauert, Generationen von Agnelli paukten dort Griechisch und Latein.
Die Schüler von 1897 brauchten zuerst einmal ein Spielgerät, und das war teuer. Um die 20 Lire kostete ein echter Fußball, Marke Spartan oder Stadium, auf jeden Fall aber made in England, fast ein Viertel eines durchschnittlichen Monatslohns. Also viel Geld, auch für Klubgründer, die zur verschwindend kleinen Oberschicht gehörten, denn nur eine ausgewählte Elite konnte sich das humanistische Gymnasium leisten. Auf den Vereinsausweisen des SC (Sportklub) Juventus, aus dem zwei Jahre später der FC (Fußballklub) hervorging, stand, in edles Papier geprägt, das Motto: Delectando Fatigamur, durch die Anstrengung zum Genuss. Preußen Italiens! Das Training fand täglich auf der Piazza d’Armi statt, ob es regnete, die Sonne brannte oder eben der Nebel allen in die Knochen fuhr. Ein echter Rasen blieb ein unerfüllter Traum. Der Boden war gestampft, das musste reichen.
Unterstützt wurden die Jungen von den Brüdern Eugenio und Enrico Canfari, erfindungsreichen Unternehmern, die in der Nähe eine Fahrrad-Werkstatt betrieben und damit nicht schlecht verdienten, schließlich fuhr man in Turin noch ganz überwiegend Rad statt Auto. Die Brüder Canfari fungierten prompt abwechselnd als Präsidenten, denn sie waren zwar auch nur ein paar Jahre älter als die Gymnasiasten – aber doch wenigstens volljährig. Bevor Juve zum Hätschelkind der Fiat-Bosse wurde, lenkten also Fußball-begeisterte FahrradMechaniker ihre Geschicke. Enrico Canfari mutierte später vom Fußballer zum Referee und wurde schließlich Präsident der Schiedsrichter-Vereinigung. Das alles zu Zeiten, als der Fußball noch ein Nischensport war, ein Hobby der Intellektuellen und der Bohemiens, wie es ausdrücklich im Vereinsstatut der Juventus hieß, getrieben von der Freude am Spiel und hehren sportlichen Idealen.
In diesem Geist fand auf einem Rasenplatz hinter dem Bahnhof Porta Susa am 8. Mai 1898 die erste italienische »Meisterschaft« statt. Teilnehmer bei dem Miniturnier waren nur vier Mannschaften, drei davon aus Turin. Etwa 50 Zuschauer waren am Morgen zugegen, beim »Großen Finale« am Nachmittag wurden es schon doppelt so viele. Es gewann das einzige auswärtige Team, der CFC Genua. Dem Lokalblatt »La Stampa« war die Ankündigung des Turniers noch neun Zeilen wert gewesen – über das Ergebnis wurde schon gar nicht mehr berichtet. Das änderte sich auch nicht, als Juventus vier Jahre später erstmals das Endspiel erreichte. Genua gewann 3:0. Aber die Mannschaft der Pennäler hatte sich etabliert. Zeit, die so wenig sportliche Spielkleidung der rosa Hemden mit schwarzer Krawatte gegen schnittige Trikots auszutauschen, selbstredend made in England.
Gordon Savage, den alle John nannten, bot sich an, die Hemden in seiner Heimatstadt Nottingham zu besorgen. Savage, Jahrgang 1869, war der erste Ausländer im Juventus-Team und obwohl er in seiner Rolle als Angreifer kein einziges Tor erzielte, galt seine Autorität in allen Fußballfragen als unstrittig. Er war Engländer, das musste reichen. In der Trikotgeschichte unterlief ihm indes ein folgenreicher Fauxpas, denn als das ersehnte Paket nach Monaten gespannter Erwartung schließlich in Turin eintraf, war die Enttäuschung groß. Statt der erwarteten roten Hemden von Nottingham Forest lagen schwarzweiß gestreifte Trikots von Notts County in der Kiste. Notts County! Das war ganz klar englisch, aber zweifellos schon damals nicht besonders famos. Die Italiener schluckten tapfer und zogen die Zebrahemden über. Fortan sollte Juventus bianconera bleiben und aufsteigen zum berühmtesten Schwarzweiß-Klub der Welt. Die Kontakte zum inzwischen unterklassigen Notts County bestehen bis heute.
Tatsächlich brachten die neuen Hemden bald Glück: 1905 holte der Turiner Schülerklub den ersten Meistertitel. Und diesmal fühlte »La Stampa« sich verpflichtet, der werten Leserschaft zu erklären, worum es sich bei diesem »football« überhaupt handelt: »Es ist eine jener Sportarten, die unter freiem Himmel stattfinden. Die Spieler sind enthusiastische Amateure, die diesen Sport zu ihrer körperlichen Ertüchtigung betreiben, zur Kräftigung ihrer Jugend.« Juventus gewann mit klugem Konterfußball, schon damals ihr Markenzeichen. Während Genua auf die klassisch englische Offensive setzte und die Mailänder kernig schweizerisch antraten, verließen sich die Schwarzweißen lieber auf eine solide Defensive. Damit war der calcio all’italiana in Turin erfunden.
Juventus’ erster Meisterpräsident war allerdings Schweizer. Mit großem Einsatz und Ehrgeiz trachtete der Lederwarenfabrikant Alfredo Dick danach, aus dem Hobbyverein der Pennäler ein professionelles Unternehmen zu machen. Dick heuerte noch mehr Ausländer an, mietete mit dem Velodrom Umberto I einen geeigneten Platz für Training und Heimspiele und erließ einen strikten Regelkanon für alle. Dass er darin allzu ausgiebige Siegesfeiern verbot, wurde ihm zum Verhängnis: Nach nur einem Jahr an der Spitze wählte der Vorstand ihn ab. Wutentbrannt gründete der Schweizer prompt einen Konkurrenzverein – den FC Torino – und forderte die Juventus-Spieler auf, zu ihm zu wechseln. Wer das nicht tat und unglücklicherweise bei dem Industriellen als Arbeiter unter Vertrag stand, wurde gefeuert. Juventus musste sich nicht nur einige neue Spieler, sondern auch eine neue Arena suchen, denn im Velodrom kickte fortan der Toro. Im ersten Derby gegen die neuen Lokalrivalen unterlagen die Bianconeri schmachvoll 1:2.
Die Derbyniederlage war ein klares Zeichen: Die Konkurrenz schlief nicht. Überall in Norditalien, besonders innerhalb des Dreiecks Turin-Mailand-Genua, entstanden jetzt neue Klubs, und Juventus sollte bald hinter ihnen das Nachsehen haben. Das Freizeitvergnügen für Studenten war nicht mehr zeitgemäß, eine straffe Vereinsstruktur und ein finanzstarker Präsident mussten her, um das Überleben zu sichern. Erst einmal wechselten an der Klubspitze ehemalige Spieler wie Giuseppe Hess (1913–1915) und Literaten wie Corrado Corradino (1919–1920) – und der zweite Meistertitel ließ auf sich warten. Hess, Sohn eines nach Turin emigrierten deutschen Ehepaares, war ein mittelmäßiger Verteidiger und agierte auch als Vorsitzender ohne Ehrgeiz und Visionen. Poeten-Präsident Corradino hingegen schrieb immerhin eine Vereinshymne voller Kitsch und Pathos und gründete das Klubmagazin »Hurrà Juventus.« Später wurde »Hurrà« eine Hochglanz-Monatszeitschrift, heute ist es ein zweisprachig italienisch-englisches Jahrbuch, das Juventus unter dem Titel J-Hurrà Juventus herausgibt. Damals fungierte das Blatt im Zeitungsformat als Bulletin für die Sportsfreunde im Krieg, als »Hommage der Juventini in Turin an ihre Kameraden an der Front«, wie der Untertitel verkündete. Darauf bezog sich auch der martialische Name, der gerade als italienischer Schlachtenruf Furore machte.
Damals waren 177 Vereinsmitglieder Soldaten, der Klub hatte das friedliche und elitäre Umfeld des Liceo d’Azeglio also endgültig verlassen. Fußball war in Italien zwar immer noch nicht so populär wie der Radsport, aber durchaus auf dem Weg zum Massenspektakel. Als die italienische Nationalmannschaft 1910 in Mailand gegen Frankreich ihr erstes Spiel austrug, kamen 4000 Zuschauer. Nur vier Jahre später waren es bei der Wiederauflage in Turin schon 15.000. Der Fußball eroberte Italien und ließ sich dabei trotz Unterbrechung des offiziellen Spielbetriebs auch vom Ersten Weltkrieg nicht aufhalten. In der vor allem in Norditalien aufblühenden Sportpresse – Marktführer damals wie heute die 1896 in Mailand gegründete »Gazzetta dello Sport« – wurde Fußball immer wichtiger. Vom siebten Platz, hinter Radsport, Jagd, Schießen, Gymnastik, Reitsport und Bergsteigen, pirschte sich der englische Ballsport unaufhaltsam nach vorn. Und so gab es bereits 1913 zwei Fachmagazine, »Football« und »Calcio« genannt, wobei letzteres dem importierten Sport dann auch seinen italienischen Namen gab, von calciare, treten.
Ob »Football« oder »Calcio«, Anhänger fand er jetzt überall. Unter ihnen auch den Politiker und Philosophen Antonio Gramsci, der als Mitbegründer der Kommunistischen Partei den Fiat-Patron Agnelli und seinen Sohn, den künftigen Juve-Präsidenten, gern als »Großbanditen der Industrie« bezeichnete. 1918 verfasste Gramsci einen kleinen Aufsatz zum Thema »Der Fußball und das Kartenspiel«, in dem er das Ballspiel als das in jeder Hinsicht weitaus gesündere Vergnügen für die Arbeiterklasse anpries: »Beim Kartenspiel hat es nicht selten zum Abschluss eine Leiche gegeben oder doch wenigstens eingeschlagene Köpfe. Man hat noch nie gehört, dass sich solches bei einer Football-Partie ereignete.« Spielt Fußball statt Karten, lautete also der Rat des Arbeiterführers Gramsci. Ob er allerdings selbst zum Fußball ging oder gar spielte, ist nicht überliefert.
Je größer die Massen in den Stadien wurden, desto weniger sah man jedoch Frauen im Publikum, die in den Pionierjahren so selbstverständlich dabei gewesen waren. Nur in Turin, der Heimat von Madama Juventus, blieb das Interesse der Frauen am Fußball ungebrochen. Für einen eleganten Vereinswimpel betrieben die Damen der Gesellschaft sogar eine Kollekte. 16 verheiratete und 17 unverheiratete Turiner Ladys, unter letzteren ein höchst seltenes Exemplar mit eigenem Professorentitel, unterzeichneten einen Aufruf, in dem der Wimpel »als unabdingbar für alle freudigen und traurigen Gelegenheiten« bezeichnet wurde.
Weit wichtiger als ein Stück Stoff wurde nach dem Krieg eine neue Spielstätte. Damit verewigte sich in Turin ein Mann, der nur wenige Jahre später aus dem Land fliehen musste: Gino Olivetti, ein weltläufiger Jurist und Ökonom jüdischer Herkunft, Parlamentsabgeordneter und Gründer des italienischen Industriellenverbandes. Präsident Olivetti erreichte keinen weiteren Meistertitel, und doch schaffte dieser weitsichtige Intellektuelle und Sportsmann, der sich 1939 vor der faschistischen Verfolgung nach Argentinien absetzte, ein denkbar solides Fundament für nachfolgende Jahrzehnte des Erfolgs: 1922 wurde das vereinseigene Stadion am Corso Marsiglia eingeweiht, Italiens modernste Sportarena, erstmals ganz aus Beton und mit Platz für 25.000 Zuschauer. Allein die Flutlichtanlage war eine Sensation. Tatsächlich war das Stadion bereits im Eröffnungsjahr oft ausverkauft – ein sicheres Zeichen dafür, dass der Fußball vom Zeitvertreib der Upper Class zum Volkssport avancierte, den die Macht alsbald als willfähriges Instrument entdecken würde. Italien und Turin veränderten sich, am Horizont dräute bereits der Faschismus. Ab 1933 spielte Juventus im »Stadio Benito Mussolini.« Da gehörte der Klub bereits neuen Herren, die aus dem Studentenverein ein Vorzeigeunternehmen des italienischen Familienkapitalismus machen sollten: den Agnelli.
DIE HEIMLICHE KÖNIGSFAMILIE UND IHRE PRINZESSIN
Wie der Fiat-Clan Agnelli mit seinem Fußballklub verschmilzt
Die Agnelli haben den Mäzenatenfußball nicht erfunden, denn kaum war dieser Ballsport in der Welt, da investierten reiche und mächtige Männer in ihr Hobby und lernten schnell, es auch für ihre eigene Popularität zu nutzen. Doch wenn die Turiner Familie auch nicht die erste war, so blieb sie doch die hartnäckigste: seit 1923 gab sie Juventus nicht aus der Hand. Längst hält sie einen einsamen Weltrekord, kein anderer Sportklub befindet sich derart lange im Besitz einer einzigen Familie. Fiat, Agnelli, Juventus, dieser Dreiklang ist einzigartig. Er tönt bis heute, in die dritte und vierte Generation. Die Agnelli steuerten ihren Klub durch den Faschismus, durch Krieg und Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Rezession, durch Triumphe, Tragödien und Skandale. Am Anfang des 21. Jahrhunderts bilden sie ein Bollwerk gegen den Ausverkauf italienischer Traditionsvereine. Mittlerweile zur Clanstärke angewachsen, nutzen sie das klubeigene Stadion in jedem Sommer zu einem ganz besonderen Fußballspiel. Agnelli gegen Nasi: die Nachfahren von Edoardo Agnelli, dem ersten Juve-Präsidenten, gegen die Nachkommen seiner Schwester Aniceta (1889–1928) und des Barons Carlo Nasi (1877–1935). Am Ende gewinnt bei diesem Match immer die Familie.
Giovanni und Edoardo
1923–1945
Als sich Giovanni Agnelli entschloss, den Fußballklub Juventus zu übernehmen und seinen Sohn Edoardo zum ersten Klubpräsidenten der Familie zu machen, regierte in Rom seit wenigen Monaten Benito Mussolini. Die Schergen des Duce hatten auch die wichtige Industriestadt Turin in der Zange, sie ermordeten dort in einem einzigen Winter elf Antifaschisten. Das Klima in der Stadt, einer Metropole der italienischen Arbeiterbewegung mit nunmehr einer halben Million Einwohnern und 12.000 Industrieunternehmen, war gespannt. Es gab Straßenkämpfe, Verfolgung, Repressalien. Und der Fußball wurde als eskapistisches Freizeitvergnügen und identitätsstiftendes Element jenseits der Politik immer wichtiger.
Juventus war damals außerhalb der Stadtgrenzen so gut wie unbekannt, ein Klub unter vielen im prosperierenden Norden Italiens, dessen Liga sich als Fußballitalien definierte und wo sich langsam so etwas wie eine Fußballelite herausbildete. Dazu gehörten die Turiner Klubs noch nicht, anders als die Mailänder Vereine und der CFC Genua. Doch Edoardo Agnelli sollte sich sofort daran machen, zur Konkurrenz aufzuschließen und den obersten Grundsatz der aufstrebenden Unterhaltungsindustrie zu markieren: Geld schießt Tore.
Dabei war er nicht der erste Industrielle, der in den Fußball einstieg. Bereits 1908 hatte der Reifenfabrikant Piero Pirelli die Associazione Calcio Milan übernommen. Noch im selben Jahr spaltete sich der Klub; die Abtrünnigen gründeten dann den FC Internazionale. Milan-Patron Pirelli ließ das Stadion von San Siro bauen – und stattete es prompt mit Banderolen aus, auf denen sein Firmenname prangte. Erstmals war ein italienischer Klub Werbeträger eines Industrieunternehmens, ein Beispiel, das rasch Schule machte. Genau wie Edoardo Agnelli war Piero Pirelli der Sohn des Firmengründers. Und genau wie der »Erbprinz« aus Turin durfte er sich ganz auf den Fußball konzentrieren, bevor er 1932 vom Vater den Reifenkonzern übernehmen musste. Während den deutschen Vereinen noch der Amateur-Muff der Turnväter anhaftete, entdeckten Italiens Industriekapitäne den Fußball schon früh für die Corporate Identity ihrer Unternehmen.
Im Norden des bitterarmen Agrarlandes schickten sie sich an, die Rolle der adligen Feudalherren zu übernehmen. Doch im Unterschied zu den Baronen Siziliens und Kampaniens, die ihre Latifundien Verwaltern übergaben, um in Palermo oder Neapel ein dekadentes Leben voller Nostalgie nach der glanzvollen Vergangenheit ihrer Familien zu führen, bildeten die Industriellen in Mailand und Turin eine moderne Elite. Sie orientierten sich am Ausland und unternahmen ausgedehnte Bildungsreisen nach England und vor allem in die USA. Sie fühlten sich als Avantgarde in einem soeben erst geeinten Land tief katholischer, reaktionärer Großbauern und einer kaum alphabetisierten Unterschicht. Und was war moderner als dieser englische Ballsport, der zunehmend die Massen begeisterte? Der Mannschaftssport Fußball entwickelte sich zur idealen Projektionsfläche der aufstrebenden Industriegesellschaft, arbeiteten doch in einer Elf alle für einen und einer für alle. Und dahinter stand der Patron, der mit seiner Mannschaft fieberte und für das Vergnügen aller zahlte. Für den Fiat-Gründer Giovanni Agnelli war der Fußballklub nur ein Teil in einem modernen Feudalreich aus Industrie, Medien und Sport, ein Mosaikstück bei der Eroberung einer ganzen Stadt.
Über seinen 1892 geborenen Sohn Edoardo wurde in Turin gespottet, seine Jacken seien eleganter als seine Gedanken, womit er seinem Vater Giovanni immerhin den Chic der Garderobe vorausgehabt hätte. Eleganz war für den Alten eine überflüssige Eigenschaft, die nur vom Streben nach Erfolg ablenkte. Als einziger Sohn und designierter Erbe stand Edoardo unter der Fuchtel seines autoritären und erfolgsbesessenen Vaters. Nicht, dass er sich dagegen auflehnte – er genoss durchaus die vom Vater garantierten Privilegien. Seine Rebellion bestand vor allem darin, den spartanischen Lebensstil des Patriarchen abzulehnen.
Als Reiteroffizier musste Edoardo in den Krieg ziehen, aber natürlich war der Fiat-Erbe kein gewöhnlicher Soldat: Fernab der Schlachtfelder machte er sich als Chauffeur eines Generals nützlich. Kaum war der Frieden da und sein Jura-Studium abgeschlossen, reiste er durch die Welt, um seinen Horizont zu erweitern. Zurück in Turin bestellte der Senior seinen einzigen Sohn umgehend überall zum Stellvertreter, bei Fiat, im Unternehmerrat und bei der Tageszeitung »La Stampa«. Doch Edoardo suchte und fand ein eigenes Betätigungsfeld, was den Vater nicht im geringsten interessierte und wo er sich deshalb auch nicht einmischte: im Sport. Giovanni Agnelli war ein Mann des 19. Jahrhunderts, sein Sohn hingegen zeigte sich empfindlich für den Zeitgeist. Und der war bestimmt von der futuristischen Maschinenschwärmerei und dem Eklektizismus der Faschisten.
Rasch entdeckte der Faschismus auch den Sport für sich. Körperliche Ertüchtigung spielte eine entscheidende Rolle, wegen des Gemeinschaftsgefühls, als spielerische Variante militärischen Drills und weil sie die Kontrolle jener sehr knappen Freizeit ermöglichte, die das Regime den Italienern überhaupt erst ermöglicht hatte. Der freie Samstagnachmittag wurde eingerichtet, il sabato fascista, mit Sport unter Partei-»Kameraden« als bevorzugter Beschäftigung. Daneben förderte das Regime durchaus den Profifußball, obwohl Mussolini das »englische Spiel« selbst verabscheute –, was ihn aber nicht davon abhielt, große Auftritte in Fußballstadien zu absolvieren, denn dieses diabolische Kommunikationsgenie hatte das propagandistische Potenzial des populären Spektakels rasch erkannt. Und so wurden bald in ganz Italien Stadien nach ihm benannt, auch in Turin. Ursprünglich erbaut für Leichtathletikwettkämpfe wurde die Arena Benito Mussolini mit ihren 65.000 Plätzen die Heimstatt für Juventus und den FC Torino, später avancierte sie auch zum Austragungsort einiger Spiele der WM 1934. Für die Olympischen Winterspiele 2006 erfolgte eine umfassende Renovierung, heute heißt das Stadion Stadio Olimpico Grande Torino und ist die Heimstatt des Toro.
Juventus wuchs mit den Agnelli ebenso rasant wie die Fiat-Werke. Aus dem Klub der Gymnasiasten wurde ein Verein, der bald an die Spitze strebte und landesweit Bekanntheit erlangte. Das lag vor allem an einer beeindruckenden Erfolgsserie, aber auch an der Expansion des Fußballs selbst. Das faschistische Regime duldete nicht länger die Teilung in Nord- und Südliga, im Jahr 1930 wurde erstmals eine landesweite Meisterschaft ausgetragen, es entstand die Serie A. Zwar dominierte darin weiter der Norden, aber immerhin gab es nun auch Auswärtsspiele in Rom oder Neapel. Der Wirkungskreis der Juve erweiterte sich also. Das Radio, wichtigstes Propagandamedium des früheren Star-Journalisten Benito Mussolini, übertrug landesweit kommentierte Fußballspiele, die »Gazzetta dello Sport« entwickelte sich zur viel gelesenen Tageszeitung. Und so verbreitete sich die Kunde vom unerhörten Siegeszug der Bianconeri von den Alpen bis nach Sizilien. Fünf Titel hintereinander gewann Juventus in den Jahren 1931–1935, seine erste Meisterschaft hatte Klubpräsident Agnelli jedoch bereits 1926 gewinnen können. In ihrem goldenen Jahrfünft wurde die Juve tatsächlich die Verlobte Italiens, überall erwarteten sie ausverkaufte Stadien, denn ein Eintrittsticket war ein begehrtes Geschenk zum Abitur oder sogar zur Hochzeit. Der Marchese Luca Ferrero di Ventimiglia ließ ein Schiff namens »Juventus« zu Wasser, auf dem die Tifosi eine kleine Kreuzfahrt unternehmen können. Italien war im Juve-Fieber, erschien doch dieser Klub wie das Emblem einer neuen Zeit.
Giovinezza, die Jugend, wurde von den Faschisten in ihrer Parteihymne besungen. Und Juventus, die Mannschaft der Jugend, fügte sich mit ihrem dynamischen Präsidenten perfekt in den italienischen Modernismus. Sie war erfolgreich, weil sie geführt wurde wie der Lingotto, das 1923 im Beisein Mussolini triumphal eröffnete Fiat-Werk im Südosten von Turin. Der Lingotto mit seinen riesigen Werkshallen, eleganten Büros und der kühnen Rennpiste auf dem Dach vor einem grandiosen Alpenpanorama galt als Meisterwerk des Rationalismus. Hier, wo in den 1930er Jahren 40.000 Arbeiter Autos für Italien bauten, schlug jenes neue, industrielle Herz, das der Faschismus für sich erobern wollte.
Edoardo Agnelli führte auch in seinem Fußballklub feste Arbeitszeiten ein. Die Spieler hatten keinen Zehnstundentag wie die Arbeiter im Lingotto, aber sie trainierten regelmäßig jeden Tag, und zwar mit einem richtigen Trainer. Der erste Profi in diesem Job wurde bei Juventus der Ungar Jenö Károly – zuvor hatten die älteren Spieler das Training quasi nebenbei geführt. Es brauchte eine Weile, bis Károly sie davon überzeugen konnte, dass ein richtiger Coach nicht nur eine Laune des Patrons war. Die sogenannte »Donau«-Schule Österreich-Ungarns dominierte damals in Europa, und Agnelli wollte den Anschluss an die Fußballavantgarde auf keinen Fall verpassen. Folgerichtig trieb Károly seinen Juve-Spielern die langen Bälle aus und vermittelte ihnen einen Hauch von Taktik. Und das, obwohl er anfangs kein Wort Italienisch sprach. Doch der Trainer wusste sich zu helfen, er stellte die jeweiligen Spielsituationen einfach persönlich nach. Und er bestand auf Verstärkung, die ihm sein reicher Boss großzügig gewährte. Mit József Viola und der »Gazelle« Ferenc Hirzer, einem Elektriker aus Budapest mit überaus feinen Füßen, spielten bald zwei Landsleute des Trainers für Juve und Hirzers Tore brachten 1926 den ersehnten Titel. Tragisch für Károly, dass er die Meisterfeier nicht mehr erleben durfte – er starb kurz zuvor mit 40 Jahren an einem Herzinfarkt. Jenö Károly hatte sich für Juventus buchstäblich totgearbeitet.
Es sollte Jahre dauern bis zur nächsten Trophäe, doch der Grundstein für den Erfolg war gelegt. Edoardo machte aus Juve una Weltanschauung, wie der Familienchronist Italo Pietra befand, einen Klub, »der nach Hochtälern roch, nach altem Piemont, nach altem Aplomb. Wenn sie zum ersten Mal den Vereinssitz betraten, überkam die Spieler angesichts der ehrfurchtgebietenden Ledersessel, des gebohnerten Parketts, der feierlichen, nur durch das Ticken der Wanduhr unterbrochenen Stille eine heilige Furcht.« Der »Juve-Stil« war erfunden, ein wenig blasiert, sehr gediegen und unerbittlich streng. Sein Motto umfasste die drei S von Semplicità, Serietà, Sobrietà (Einfachheit, Ernsthaftigkeit, Zurückhaltung). Agnelli bot viel und verlangte noch mehr.
Aber wer sich bei Juve durchsetzen konnte, der hatte ausgesorgt. Die gut bezahlten Profis erwiesen sich als kluge Geschäftsmänner. Giampiero Combi, die erste echte Nummer 1 bei Madama, Torwart von 1921 bis 1934, betrieb bereits als Aktiver ein Café an der Ecke Via Roma/Piazza Castello, mitten im eleganten Zentrum Turins. Man erzählte sich, dass Combi gern ein Gläschen Wein in der eigenen Bar konsumierte, seiner beeindruckenden Kondition tat das jedoch keinen Abbruch. Der Schlussmann wurde der Garant für fünf Meistertitel, gewann 1934 mit Italien die Weltmeisterschaft – und fiel in all den Jahren nur an neun Spieltagen aus. Knapp 90 Jahre lang hielt Juves erster Star im Tor den Vereinsrekord der Unschlagbarkeit, bis er von Gianluigi Buffon entthront wurde. Gemeinsam mit Virginio Rosetta und Umberto Caligaris bildete Combi eine der besten Verteidigungslinien der Fußballgeschichte, genannt »das Buchhalter-Trio«, weil alle drei tatsächlich eine abgeschlossene kaufmännische Ausbildung hatten. Rosetta, den Agnelli 1924 für seinerzeit unerhörte 50.000 Lire dem Provinzklub Pro Vercelli abgehandelt hatte, gehörte eine Eisdiele zwischen Porta Nuova und dem Po.
Komplettiert wurde die blühende Juventus-Gastronomie von Renato Cesarini, dem 1929 in Turin angeheuerten italoargentinischen Angreifer. Nach ihm wird bis heute die Schlussphase des Spiels als Zona Cesarini bezeichnet: Cesarini-Zone, weil dieser Spieler bevorzugt in den allerletzten Minuten traf. Kein Wunder, denn der in Buenos Aires aufgewachsene, lebenslustige Renato war eine Nachteule, ein Mann der späten Tore wie der späten Stunden. Mit dem Geld, das er in Turin anhäufte, eröffnete er über dem Café von Torwart Combi einen Nachtklub, wo er sich allzu gern persönlich um seine Gäste kümmerte.
So geschah es, dass Cesarini gelegentlich im Pyjama zum Training erschien, weil er es zwar gerade noch geschafft hatte, sich aus dem Bett zu schwingen, nicht aber auch noch, sich anzuziehen. Man verzieh es ihm, wie man auch dem größten Star Turins und Italiens verzieh, dass er nach verrichteter Arbeit in Renato Cesarinis Klub die Geige spielte. Ja, das piemontesische Wunderteam der 1930er Jahre bestand tatsächlich aus Männern, die nach dem Fußball nicht nur Tango tanzten, sondern ihn auch zu spielen wussten. Ob Präsident Agnelli jemals der Violine von Raimundo Mumo Orsi gelauscht hat, ist nicht überliefert. Aber wahrscheinlich ist es schon. Denn Agnelli liebte jene Bohemiens, die seine Juventus erfolgreich machten, ihr aber auch einen Glanz verliehen, der auf ihn zurückfiel.
Orsi war der erste Fußballer, der zum Idol zweier Kontinente avancierte. Als er 1928 aus Argentinien nach Turin kam, galt er als stärkster Linksaußen der Welt. Mit der Albiceleste, der argentinischen Nationalmannschaft im schon damals weißhimmelblauen Trikot, war der Sohn italienischer Auswanderer zuvor bei den Olympischen Spielen in Amsterdam gefeiert worden, da hatten die Talentsucher Edoardo Agnellis ihn längst im Visier. Um Mumo ins Piemont zu holen, warf Agnelli sein ganzes Gewicht als Großindustrieller in die Waagschale. Seit 1926 galt die »Carta von Viareggio«, die den Transfer von Ausländern für Italiens Fußball verbot. Aber Orsi, so die Argumentation der Agnelli, sei ja gar kein Ausländer, sondern ein Oriundo, ein im Ausland aufgewachsenes Kind italienischer Eltern, also eigentlich ein Italiener, der ins Land der Väter heimkehre.
Der faschistische Verbandschef fand das einleuchtend, gab es doch in Südamerika zuhauf Talente mit italienischen Wurzeln, die dem Sport daheim auf die Beine helfen konnten. In Argentinien wimmelte es von italienischen Emigranten vor allem aus dem bitterarmen Venetien; São Paulo in Brasilien war quasi eine italienische Stadt. Die Argentinier ließen Orsi für die Rekordsumme von 100.000 Lire gehen, die höchste, die damals für einen Südamerikaner gezahlt wurde. Sicher auch ein »politischer« Preis, denn an diesem Ausnahmespieler manifestierte sich ein schon länger schwelender Konflikt zwischen Italienern und Südamerikanern. Bereits 1923 hatte Meister CFC Genua eine Tournee durch Brasilien, Uruguay und Argentinien absolviert, versehen mit dem Doppelsegen des Duce und des Papstes. Das technische Können und die Laufgeschwindigkeit der Südamerikaner beeindruckten die Italiener, und sie starteten Abwerbeversuche, hinter denen die argentinische Presse Mussolini persönlich vermutete: »Die faschistische Regierung will unsere Spieler an ihre Vereine binden, um vor aller Welt mit dem faschistischen Fußball zu prahlen!« Das war nur leicht übertrieben und zeigte deutlich den Konflikt zwischen alter und neuer Fußballwelt. In Italien blieb die Trophäe Mumo allerdings ein ganzes Jahr gesperrt, erst 1929 durfte er für Juventus auflaufen, um mit seiner technischen Klasse und Wendigkeit alle Erwartungen zu erfüllen. Für die Fans wurde der schmale Mann mit den schwarzen Mandelaugen »die Gazelle«.
Drei Monate nach seinem Einstand für den Klub trug Orsi schon das Trikot der Nationalmannschaft. Der Verband hatte Wind davon bekommen, dass der Vater des neuen Juve-Stars im Krieg mit dem Schiff in die alte Heimat gereist war, um gegen die Österreicher zu kämpfen. Gleich hieß es: »Wer gut genug ist, die Uniform anzulegen, um für Italien auf einem Schlachtfeld zu sterben, der kann erst recht unsere Flagge auf friedlichen Sportplätzen verteidigen.« Am 6. Dezember 1929 lief Orsi für die Squadra Azzurra im Stadion San Siro ein und schoss gegen Portugal innerhalb von zwei Minuten zwei Tore. Insgesamt brachte er es auf 35 Einsätze in der Nationalmannschaft mit 13 Treffern – darunter der Ausgleich im WM-Finale gegen die Tschechoslowakei. 1934 wurde der Oriundo Orsi mit Italien Weltmeister. Zwei Jahre später spielte er schon wieder für Argentinien. Da war Mumo, der Geiger, Hals über Kopf aus Italien geflohen. Das Regime hatte mit der Rekrutierung für seinen Abessinienfeldzug begonnen und die Oriundi kapierten sofort: Wer gut genug war, mit Italien Fußball-Weltmeister zu werden, war womöglich auch dazu ausersehen, auf dem Schlachtfeld für den Duce zu sterben. Das aber wollte Mumo Orsi für kein Geld der Welt.
8000 Lire monatlich hatte Patron Agnelli dem argentinischen Stürmer gezahlt, eine astronomische Summe verglichen mit den Gehältern eines Lehrers (400 Lire) und eines Richters (1000 Lire). Der Verein gewährte seinem Star zudem eine Dienstwohnung und einen Dienstwagen – natürlich einen Fiat, Modell 509. Als Orsi einmal in Palermo von einem hartnäckigen Gegenspieler genug hatte, fragt er ihn genervt, wie viel er verdiene. 600 Lire, lautet die Antwort. Und Orsi: »Die gebe ich dir und dann zieh Leine. Fußball spielen kannst du sowieso nicht.« So viel Arroganz konnte er sich leisten. Juventus machte Raimundo Orsi groß und Mumo ließ die Juve strahlen. So groß war sein Einfluss, dass er 1931 auch seinen Landsmann Luisito Monti holen ließ, den argentinischen Vizeweltmeister von 1930. Somit spielte bei Juventus ein Trio aus argentinischen Oriundi: Orsi, Monti und Cesarini.
Rein körperlich war Monti das Gegenteil der beiden anderen. Er hatte breite Schultern, ein starkes Kreuz und, als er in Turin eintraf, deutliches Übergewicht. In Buenos Aires hatte er bereits die aktive Zeit beendet und sein Einkommen mit einer Pasta-Manufaktur aufgebessert. Neben seinen neuen Teamkollegen in Turin wirkte der 92-Kilo-Mann, als hätte man Bud Spencer ins hintere Mittelfeld gestellt. El Verdugo hatten sie ihn wegen seiner beinharten Spielweise in Argentinien genannt, den Henker. Diesem Spitznamen machte Monti auch bei Juventus weiterhin alle Ehre, der Pasta-Bauch indes verschwand. Mit einem selbstverachtenden Abmagerungsprogramm und hartem Training nahm er innerhalb kürzester Zeit 12 Kilo ab. Das reichte für die Berufung in die Squadra Azzurra, und so wurde Monti, der das Endspiel 1930 noch mit Argentinien gegen Uruguay verloren hatte, der bis heute einzige Spieler, der für zwei verschiedene Nationalteams in einem WM-Finale stand. Als Orsi und Cesarini längst über alle Berge waren, blieb er in Italien.
Die Fußballstars der Juve hätten nicht glänzen können ohne einen genialen Coach. Der Mann, dem Luisito Monti seinen zweiten Frühling verdankte und Juventus vier der fünf SerienTitel, hieß Carlo Carcano und hatte sich schon als Spieler durch seine taktische Begabung hervorgetan. Als erster Fußballer der Unione Sportiva Alessandria wurde er in die Squadra Azzurra berufen, die er 1928/29 auch kurzfristig trainierte, bevor er im Jahr darauf bei Juventus anheuerte. Carcano gilt als einer der Erfinder des Metodo, eines zwischen den Kriegen in Italien verbreiteten 2-3-2-2-1-Taktiksystems, das vor allem auf einer robusten Abwehr und schnellen Kontern beruhte. Bei der italienischen Methode handelte es sich um pragmatisch-opportunistischen Überfallfußball ohne große Schnörkel – seine Vollendung wurde später als Catenaccio weithin berüchtigt.
Carcano hielt auf eiserne Disziplin, galt aber auch als einfühlsamer Psychologe, zu einer Zeit, da dieser Begriff im Fußball noch gar nichts zu suchen hatte. Der Juve-Trainer motivierte und förderte junge Talente, unterstützte den auf Abwege geratenen Monti bei seinem Kampf um die zweite Chance, duldete die Allüren seiner Stars. 1934, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, musste er dennoch gehen. Der vierfache Juve-Meistertrainer Carcano hatte als Assistenztrainer von Vittorio Pozzo die Azzurri gerade zum Weltmeistertitel geführt, als Gerüchte über seine Homosexualität laut wurden. Der Trainer habe unerlaubte Beziehungen zu einigen Spielern unterhalten. Ja, er sei von seiner Talentsuche in Südamerika sogar mit einem jungen Geliebten heimgekehrt. Wer die Intrige anstiftete, ist nicht bekannt. Die glühenden Faschisten in der Nationalelf? Das waren namentlich die Parteimitglieder Eraldo Monzeglio (Bologna) und Attilio Ferraris (Lazio). Oder andere Spitzel des Regimes, die den Agnelli zeigen wollten, wer Herr im Haus war? Bei Juve gab es keine Spieler, die sich als Faschisten hervortaten. Anders als der FC Bologna und die beiden Hauptstadtvereine Roma und Lazio gehörte der Klub der Turiner Industriellen auch nicht zu den Favoriten des Duce. Kein Wunder, trug doch die Juventus als einziger Großverein keine faschistischen Abzeichen auf den Trikots. Und dass, obwohl sie als Nazio-Juve das Rückgrat des Weltmeisterteams von 1934 bildete. Damit nicht genug, leistete sie sich einen hartnäckigen Antifaschisten als Generaldirektor.
Der Baron Giovanni Mazzonis di Pralafera (1888–1969) war bei Juve ein mittelmäßiger Spieler mit zehn Einsätzen und null Toren in drei Jahren gewesen. Als Manager aber hatte er eine glückliche Hand und war an der Seite seines Freundes Agnelli für das goldene Jahrfünft wesentlich mitverantwortlich. Und als Edoardo 1935 starb, übernahm Mazzonis sein Erbe. Fünf Jahre lang führte er die Juve, bis er von den Faschisten aus dem Amt gejagt wurde. 1940, im Jahr des italienischen Kriegseintritts, duldete der Duce keine Quertreiber im Sport mehr.
Doch weder Mazzonis noch Edoardo Agnelli mochten ihren Trainer Carcano halten, als die Gerüchte über dessen Homosexualität lauter wurden. Homosexuelle wurden im Faschismus verfolgt, verhaftet und in die Verbannung geschickt. Dem Präsidenten blieb nichts anderes übrig, als seinen Trainer im Herbst 1934 von einem Tag auf den anderen zu entlassen, aus disziplinarischen Gründen, wie offiziell verlautbart wurde. Um das Regime offen herauszufordern, wie das sein Vater zur Durchsetzung eigener Interessen getan hatte, fehlte es dem Erben an Charakterstärke und wohl auch an Entscheidungsgewalt. Carcano, der Meistercoach, einer der intelligentesten und begabtesten Fußballlehrer seiner Zeit, versank in der Bedeutungslosigkeit der Fußballprovinz und konnte nie wieder an seine Erfolge anknüpfen.
Während der alte Agnelli der neuen »Bewegung« misstrauisch gegenüberstand und versuchte, sie für seine Zwecke zu nutzen, pflegte sein Sohn die Rituale des Regimes als hoffnungslos provinziell zu belächeln, ohne jemals öffentlich Kritik zu äußern. Edoardo Agnelli war ein weltläufiger Dandy, der mit seiner bildschönen jungen Frau, der italo-amerikanischen Prinzessin Virgina Bourbon del Monte, ein Jet-Set-Leben führte, das an Francis Scott Fitzgeralds Großen Gatsby erinnerte. Die beiden waren umschwärmter Mittelpunkt der Turiner Society, hielten aber auch in der Hauptstadt Rom Hof. Für seinen Klub gab Edoardo das Geld mit vollen Händen aus und förderte bewusst die Adepten des schönen Spiels. Fußball war für ihn auch Ästhetik. Die umwerfend elegante Virginia erschien 1932 zur JuventusMeisterfeier mit zwei Hunden in den Vereinsfarben – einem weißen Samojedenspitz und einem schwarzen Zwergpudel. Für Fußball hatte sie wenig übrig, aber als Kulisse ihrer exzentrischen Grandezza taugten die Meisterspieler allemal.
Sieben Kinder hatte das Paar, das, umsorgt von einer zahlreichen Dienerschaft, in einem gigantischen Stadtpalast mitten in Turin residierte. Susanna Agnelli, nach Clara und Gianni drittgeborenes Kind von Edoardo und Virginia, beschreibt in ihren Erinnerungen die Aufregung im Hause vor einem Abendessen mit dem Fürst von Piemont, »das gestickte, spitzenbesetzte Tischtuch, die Blumenarrangements, die mit Pralinen, Pfefferminz und Fondants gefüllten Schalen aus vergoldetem Silber und die Gläser in verschiedenen Formen und Farben, die vor jedem der mit einem zarten Rosenmuster verzierten Porzellanteller aufgereiht standen. Die kleinen Floristinnen liefen verschreckt hin und her und reichten Madame Asinari, die der Dekoration den finishing touch verlieh, Blütenzweige, während in einer Ecke ein Zimmermädchen mit dem heißen Eisen in der Hand ungeduldig darauf wartete, ein letztes Fältchen aus dem Tischtuch zu bügeln.« Wenn der Großvater kam, so Susanna, »ist alles eine Spur schlichter.« Giovanni Agnelli aß nur eine Schüssel rohes Gemüse mit Öl, trank dazu ein Glas Piemonteser Wermut »und hört im Hintergrund Schlager aus dem Radio«.
5. Juni 1919: Prinzessin Virginia Bourbon del Monte heiratet Edoardo Agnelli
Die Agnelli-Kinder wurden von einer strengen englischen Gouvernante erzogen und bekamen die Eltern nur selten zu Gesicht. Nur einmal, als 1933 Benito Mussolini zu Besuch in Turin weilte, sah Susanna Agnelli, die spätere Außenministerin der Republik Italien, ihren Vater Edoardo in faschistischer Uniform: »Er betrachtet sich im Spiegel und bricht in Lachen aus. Tagelang wird er uns die Turiner Damen in ihren albernen Baskenmützen und ihren absurden schwarzen Uniformen beschreiben, wie sie bei dem Gedanken, mit dem Duce auf einem Balkon zu stehen, fast in Ohnmacht fallen.« Edoardo Agnelli konnte den Faschismus genauso wenig ernst nehmen wie seine Frau, die als siebenfache Mutter von der Partei einen Ausweis bekam, mit dem sie sämtliche Straßenbahnen Italiens umsonst benutzen konnte. Niemals in ihrem kurzen Leben hatte Virginia Agnelli Gelegenheit, mit der Tram zu fahren, doch den Ausweis trug sie wie ein exotisches Souvenir in ihrer Geldbörse. Der Faschismus war für dieses reiche und schillernde Paar wie ein Spiel, dessen Regeln sie beherrschten, aber nicht befolgen mussten. Den Duce in Schach zu halten, damit er kein Spielverderber würde, überließen sie dem Patriarchen Giovanni.
Edoardo, der strahlende erste Agnelli-Präsident, kam kurz nach der Feier seines sechsten Meistertitels am 14. Juli 1935 bei einem Flugzeugunfall ums Leben. Ein Wasserflugzeug hatte den Fiat-Erben von seinem Ferienort Forte dei Marmi an der toskanischen Riviera abgeholt und das Ziel, den Hafen von Genua, erreicht, als ein treibender Baumstamm die Maschine umkippen ließ. Agnelli, der einzige Passagier, stand in Sichtweite der Kaimauer auf den Schwimmern, wurde bei der Havarie vom Propeller geköpft und war sofort tot. Die Trauerfeier für den Juventus-Chef brachte Zehntausende auf die Straßen von Turin – die größte Menschenmenge, die die Stadt jenseits der faschistischen Parteiaufläufe erlebte. Natürlich war die Mannschaft dabei, und es mochten viele geahnt haben, dass man sich in jenem Moment von einem goldenen Zeitalter verabschiedete. Der Rekord von Edoardos Siegesserie sollte 82 Jahre andauern. Erst sein Enkel Andrea schaffte es 2017, den Großvater noch zu übertreffen.
Giovanni Agnelli, der Fiat-Gründer, musste das Werk und den Klub nun allein durch die Jahre des Regimes und den Krieg bringen. Kurz vor Edoardo war auch sein Schwiegersohn Carlo Nasi gestorben, der Mann der bereits früher verstorbenen Tochter Aniceta. Agnelli hatte seine beiden Kinder verloren, es blieben ihm insgesamt zwölf Enkel, unter denen er seinen designierten Nachfolger auswählte: Edoardos ältesten Sohn Giovanni, genannt Gianni. Man mag sich die Einsamkeit des Patriarchen vorstellen, der in nichts Ablenkung fand, schon gar nicht im Fußball, der den mächtigen Fiat-Boss nie interessierte.
Anfangs hatte er zu den Geldgebern für Mussolini gehört, als einer jener Industriellen, die sich vom Faschismus den Sprung in die Moderne versprachen – und von den Faschisten, dass sie willfährige Handlanger der wenigen italienischen Kapitalisten würden. Beides erwies sich indes recht schnell als Trugschluss. Zwar ließ das Regime dem wichtigsten Unternehmer des Landes zunächst Freiheiten. In Turin konnte Agnelli schalten und walten, wie er wollte, was in seinem Fall vor allem hieß, die stetig wachsende Arbeiterschaft der Fiat-Werke an jeglicher Form von Emanzipation zu hindern. Im Januar 1921 war infolge der Wirtschaftskrise jeder Zehnte der damals 13.000 Arbeiter entlassen worden. Um Proteste im Keim zu ersticken, rief Agnelli das Militär. Er war ein knallharter Industriekapitän, der Löhne und Kosten drückte, wo er konnte, und als Anhänger liberaler Ideen die Faschisten als Bollwerk gegen sozialistische Umtriebe in seiner Fabrik unterstützte. »Wenn es Fiat nützte, würde ich auch Befehle von Lenin empfangen«, sagte er einmal. Stattdessen nahm der Patron des größten Industriewerkes im Land bald Anordnungen von Mussolini entgegen. Der hatte nach seinem überaus artigen Antrittsbesuch in der neuen Lingotto-Werkszentrale 1923 dem Fiat-Boss geschmeichelt, indem er ihn zum ersten Senator der faschistischen Ära ernannte. Doch recht bald drehten sich die Machtverhältnisse um.
Nach dem Mord an dem sozialistischen Oppositionsführer Giacomo Matteotti am 10. Juni 1924 durch ein faschistisches Killerkommando forderte der Verleger und Senator Luigi Albertini den späteren Staatspräsidenten Luigi Einaudi auf, einen Artikel zu verfassen, »damit Zyniker wie Giovanni Agnelli mal darüber nachdenken, was sie anrichten.« Ungerührt unterstützte der Industrielle indes im Senat eine Regierung, die nun offen in Richtung Diktatur steuerte. Fiat produzierte zu dieser Zeit rund 25.000 Autos im Jahr, die Leistungs- und Profitkurve ging beständig nach oben. In so gut wie jeder Turiner Familie arbeitete jemand für das kontinuierlich expandierende Werk, das dem Patriarchen jede Messe wert war – auch das Requiem für die parlamentarische Demokratie. Zum Dank gewährte der Diktator dem Industriellen den Auftrag zum Bau der Autobahn Turin-Mailand.
Sicher, die persönlichen Beziehungen zwischen Mussolini und Agnelli blieben kühl. Man brauchte sich und verabscheute einander auf das Gründlichste, allzu unterschiedlich waren der temperamentvolle Egomane aus der Romagna und der soldatisch strenge Unternehmer aus dem Piemont. Der Duce ließ das Telefon des Fiat-Patrons abhören, er verdächtigte den Industriellen antifaschistischer Händel. Agnelli konnte nicht verhindern, dass einer der Hauslehrer seiner Enkel wegen umstürzlerischer Umtriebe verhaftet wurde. Als er Franco Antonicelli eingestellt hatte, wusste er genau, dass dieser Intellektuelle ein Antifaschist war. Antonicelli führte die Agnelli-Kinder an Kafka und James Joyce heran, bevor die Faschisten ihn zwei Jahre lang in die Verbannung schickten. Als die Deutschen Italien besetzten, wurde Antonicelli Anführer der Resistenza im Piemont. Und erinnerte sich daran, dass er im Hause Agnelli stets korrekt behandelt worden war.
Giovanni Agnelli war ein Patron der alten Schule. Gegenüber seinen Angestellten wollte er allein das Sagen haben, schließlich wurden sie ja nicht von Mussolini bezahlt. Dennoch musste der Industrielle, als 1939 zur Fertigstellung des riesigen Mirafiori-Werks der Duce wiederum Fiat einen Besuch abstattete, einen Kotau vollziehen. Fast 50.000 Arbeiter beschäftigte Agnelli damals, und doch konnte er es sich nicht mehr erlauben, den stolzen Patriarchen zu geben. Stattdessen bat er um staatliche Subventionen für Autos – und wurde nicht erhört. Mussolini weigerte sich, den Traum Giovanni Agnellis zu verwirklichen, aus Fiat die zweiten Ford-Werke zu machen und aus Turin ein italienisches Detroit. Zwar fuhren auf den Straßen des faschistischen »Imperiums« zusehends mehr Autos, aber davon, ein echtes Massenprodukt zu werden, waren die Fiat-Wagen immer noch genauso weit entfernt wie Italien vom Rang einer führenden Industrienation.
1940 trat das Regime in den Krieg ein. Agnelli machte weiter Profit, obwohl die Pkw-Produktion drastisch zurückging. Aber der Absatz von Nutzfahrzeugen verfünffachte sich, und so konnte die familieneigene Finanzgesellschaft IFI fortwährend Immobilien in Florenz und Land in Umbrien kaufen: Das Vermögen sollte so geräuschlos und beständig wie möglich gesichert werden. Je länger der Krieg andauerte, je geringer die Erfolgsaussichten schienen, desto entschiedener ging der Unternehmer auf Distanz zu Mussolini. Im Januar 1943 listete die US-Botschaft in Bern einflussreiche Italiener auf, die die Zusammenarbeit mit den Alliierten suchten, und »Commendator« Agnelli aus Turin wurde an erster Stelle genannt – vor einem einflussreichen Grundbesitzer aus Kalabrien und einem Camorra-Boss aus Neapel. Tatsächlich verbot Agnelli nach Mussolinis Entlassung durch den König seinen Managern, in die Partei des faschistischen Satellitenstaates »Republik von Salò« einzutreten, den der entmachtete Duce unter Hitlers Protektion in Norditalien eingerichtet hatte und zu dem Turin ursprünglich gehörte. In Mirafiori wurde Vollbeschäftigung vorgetäuscht, um die Verschleppung der Arbeiter in deutsche Lager zu verhindern. Die Werksführung pflegte Kontakte zur Resistenza.
Wieder ging es um das Überleben der Fabrik, aber auch um das Fortkommen der Besitzerfamilie. Giovanni Agnelli hatte vom Faschismus in großem Stil profitiert. Die Löhne seiner Arbeiter waren von 1923 bis 1939 um 16 Prozent gefallen, seine Rendite war im selben Zeitraum ins Unendliche gestiegen. Als man ihn nach Kriegsende vor Gericht stellte, verstand der Patriarch die Welt nicht mehr. »Ich habe mein ganzes Leben der Arbeit gewidmet und denke nun, es könnte ein Fehler gewesen sein«, gestand er seinen engsten Mitarbeitern. Am 16. Dezember 1945 starb er als gebrochener Mann. Die von den Alliierten bombardierten Fiat-Werke lagen in Schutt und Asche. Und auch Juventus wartete auf den Wiederaufbau.
Gianni und Umberto
1947–2004
Von den sieben Geschwistern Agnelli übernahmen zwei Brüder die Juve, der Älteste, Gianni (1921–2003), und der Jüngste, Umberto (1934–2004). Der erste ein schillernder Charismatiker, der zweite ein zurückhaltender Pflichtmensch. Gianni und Umberto begleiteten den Klub sechs Jahrzehnte lang als Präsidenten oder Ehrenpräsidenten, vor allem aber stets als Besitzer und in ihren späteren Jahren schließlich auch wie Patriarchen. Der dritte Bruder Giorgio (1929–1965) litt an einer schweren Krankheit und starb früh, die Schwestern hielten sich vom Fußball fern – doch der Erste und der Letzte wurden die herausragenden Mäzene des Calcio in den Jahren des italienischen Wirtschaftswunders. Vorbilder und Konkurrenten für viele andere, kleinere »Feudalherren«, die sich ihre Klubs als teures Spielzeug leisteten, mit dem sie auf Kunden- und Wählerfang gingen. Solches kam den Gebrüdern Agnelli nicht in den Sinn. Sie hatten Juventus nicht gekauft, um damit höhere Ziele zu verfolgen, sondern waren als Erben mit dem Klub aufgewachsen. Er gehörte so selbstverständlich zu ihnen, dass sie gar nicht daran dachten, sich als Fußballbosse ins Rampenlicht zu drängen. Eher diente beiden die Erfahrung als junger Klublenker für spätere, wichtigere Aufgaben im Autokonzern.
Gianni Agnelli redete nicht über Fußball, wenn es um Geschäftliches ging. Er hielt das für unfein. Wenn ihn seine Gesprächspartner auf Juventus ansprachen, empfand er das als Anbiederei. »Man versucht da, eine Vertrautheit herzustellen, die nicht existiert.« Emblematisch aber ist die Episode um Michaíl Gorbatschow, der Turin besuchte, um Gespräche über Fiat und die Produktion in Russland zu führen. Da nahm ihn Gianni Agnelli am Morgen wie selbstverständlich mit zum Juventus-Training und fuhr wie immer selbst. Gorbatschow stieg also vor dem Trainingsgelände aus dem Auto und fragte vollkommen konsterniert den Dolmetscher: »Wissen Sie, was das soll? Was hat denn Agnelli hier auf einem Fußballplatz zu suchen?«
Anders war es mit den Arbeitern, da war Juventus die gemeinsame fidanzata, die Braut, von der beide Seiten träumten, der Fiat-Schlosser im Blaumann und der Industrielle im Kaschmirpullover. Juventus bescherte den Besitzern eine Popularität und eine »menschliche Komponente«, die sie als Industriebosse allein niemals erreicht hätten. Die Fußball-Leidenschaft schien Patron und Abhängige zeitweilig emotional auf eine Stufe zu stellen, litten und jubelten sie doch mit derselben Mannschaft. Für das Binnenklima war der Verein also wichtiger als für die Außenwirkung des Unternehmens.
Nach einem hauchdünnen Sieg seiner Juve beim AS Rom rammte der vom Spiel noch vollkommen benommene Gianni Agnelli einmal auf dem Parkplatz vor dem römischen Olympiastadion mit seinem Fiat 500 mehrere Autos. Die großzügig abgefundenen Geschädigten, allesamt Roma-Fans, zeigten Verständnis, war ihnen doch der damals mächtigste Mann Italiens als Mensch erschienen, geschwächt von jenen emotionalen Erschütterungen, die das spannende Fußballspiel, bei ihm genauso wie bei ihnen, ausgelöst hatte. Dass der Fußball alle gleich macht, ist natürlich eine Illusion, dass er das wirkungsvollste Identifikationspotenzial besitzt, war andererseits im Italien des 20. Jahrhunderts eine Tatsache. Und den Agnelli gelang noch etwas anderes. Sie übertrugen einen weit umspannenden Familiensinn etwa im Sinn einer altrömischen familia, zu der in der Antike auch die Leibeigenen gehörten, auf den Fußball. Sie »adoptierten« herausragende Spieler und vermittelten den Fans das Gefühl, ein Teil der wenn auch entfernteren Verwandtschaft zu sein. Vor allem Gianni Agnelli wollte als tifoso unter tifosi wahrgenommen werden, als »der einzige, der bezahlt«, wie er einmal betonte, aber deshalb noch lange nicht der Chef ist. Eher primus inter pares in einer Schicksalsgemeinschaft.
Gianni
Der älteste Agnelli erfand die sogenannte partitella, jenes traditionelle »kleine Match« zwischen Erster Mannschaft und Amateuren, das noch heute kurz vor jedem Liga-Saisonstart auf dem winzigen Sportplatz von Villar Perosa stattfindet. In diesem piemontesischen Dorf in der Hügellandschaft nordwestlich von Turin residieren die Erben von Fiat-Gründer Giovanni wie Feudalherren in den heißen Sommermonaten in der schlossähnlichen Rokoko-Villa ihrer Vorfahren, umgeben von einem verschwenderisch angelegten Park mit exotischen Gewächsen. Zur Mittagszeit an einem Tag Mitte August fährt vor der Villa Agnelli der Mannschaftsbus der Profis vor, bestückt mit Spielern und Trainerstab. Im Park gibt es für die kickenden Mitarbeiter üblicherweise ein Buffet und eine Ansprache des Präsidenten in Hemdsärmeln, bevor es gleich nach dem Kaffee auf den Dorfplatz unten im Tal geht. Das winzige Stadion mit seinen knapp 5000 Plätzen ist nach Gaetano Scirea benannt, dem früh verstorbenen Kapitän der Juventus in den 1980er Jahren. Aber nicht Scirea wird am Eingang gehuldigt, wo die Fans sich an zahlreichen Ständen mit Trikots, Schals, Kalendern und anderen Devotionalien eindecken können, sondern den Gebrüdern Agnelli. Eine riesige Banderole mit ihren Porträts ist über den Stadioneingang gespannt, wie ein Gruß an die beiden Toten, die längst oben auf dem Dorffriedhof ruhen.
Ein normales Fußballspiel erwartet hier niemand, es handelt sich eher um ein Familientreffen, bei dem die Fans ihre Idole tatsächlich anfassen dürfen. Ach was – anfassen: sogar ausziehen. Es gibt keine Absperrungen, die meisten Zuschauer hocken direkt am Spielfeldrand und verlangen von jedem Ausgewechselten, dass er ihnen sein Trikot überlässt. Nach dem Schlachtruf Invasione, der traditionell am Anfang der zweiten Halbzeit ertönt, strömt das Publikum dann binnen Sekunden auf den Platz und beginnt, die Spieler bis auf die Unterwäsche zu entkleiden. Die sind auf diese rüde Art der Reliquienbeschaffung vorbereitet und geben auch noch im Feinripp stoisch Autogramme. Und so ereignet sich in einem kleinen Ort in den Hügeln des Piemont ein Fest, wie es im europäischen Fußball nicht mehr vorkommt, jedenfalls nicht bei den Spitzenklubs dieser gigantischen, weitgehend globalisierten Unterhaltungsindustrie: Die Profis auf Tuchfühlung mit ihrem Anhang, eine beachtliche Demutsübung und eine nostalgische Geste aus Zeiten, da Eigner und Spieler bei den großen Klubs noch nicht Lichtjahre von ihrem Publikum entfernt waren.
Gianni Agnelli pflegte zu Villar Perosa tatsächlich eine enge Beziehung. Als junger Mann hatte er das vom Vater gegründete Kugellagerwerk geführt – mit 2500 Arbeitern die größte Fabrik der Gegend –, vor allem aber wirkte Agnelli drei Jahrzehnte als Bürgermeister. Der Avvocato, dieser Jahrhundertitaliener, ein Idol des internationalen Jet-Set, als Dorfvorsteher im Piemont, auch das war möglich in einem Land, wo die Pflege der eigenen Wurzeln nicht nur im Fußball so viel bedeutete.

Im Schneidersitz auf dem blanken Rasen schaut Gianni Agnelli seiner Juve zu
Juventus und der Avvocato, der Avvocato und Juventus – vielen Italienern erscheint das zu Teilen einer Dreifaltigkeit verschmolzen, zu der auch noch Fiat gehört. Ganz so, wie wenn Gianni, der vom Großvater ausersehene Erbe und Clanchef der Agnelli, in der Art eines großkapitalistischen Gottvaters auch die Geschicke bei Juventus im Alleingang geführt hätte. Tatsächlich aber war die Juve niemals nur Geschöpf des Avvocato, der übrigens so genannt wurde, weil er ein Jurastudium abgeschlossen hatte, auch wenn er nie als Rechtsanwalt arbeitete. Seine Präsidentschaft währte sogar nur sieben Jahre, von 1947 bis 1954. Genügend Zeit, um 1950 und 1952 Meister zu werden, also zumindest ansatzweise an die Erfolge des Vaters Edoardo anzuknüpfen, um die Dänen John Hansen und Karl Aage Præst nach Turin zu holen, vor allem aber, um den Jahrhundert-Juventino Giampiero Boniperti zu entdecken. Doch auch wenn die Zeit seiner offiziellen Führungsposition begrenzt blieb, sollte Agnelli bis zu seinem Tod bei Juventus den Ton angeben und den Klub mit der ihm eigenen Mischung aus Weltläufigkeit und Bodenständigkeit prägen.
Trainer der ersten Meister-Mannschaft unter seiner Ägide war Jesse Carver, ein eigenwilliger Engländer, der zum Trainingsanzug wie zum Smoking grundsätzlich und bei jedem Wetter Sandalen trug, Bondscoach der Niederlande gewesen war und bei Juve die Raumdeckung einführte. Das war revolutionär für die damalige Zeit und wurde anders als das Metodo-System auch nicht überall kopiert. Die avantgardistische Carver-Juve wurde 1950 mit unerhörten 100 Toren Meister, eine Zahl, die sie im Folgejahr noch mit 103 Treffern toppte – zur Titelverteidigung reichte es da allerdings nicht. Auf der Bank saß beim nächsten Triumph 1952 der Ungar György Sárosi, die Tore waren immer noch Schwindel erregende 98, davon 19 vom jungen Boniperti. Der war als Fußballer ein harter Hund, als Präsident und Statthalter der Agnelli von 1971 bis 1990 sollte er später den Klub ohne einen Funken Glamour und Grandezza kommandieren. Effizient, durchsetzungsstark und ziemlich humorlos, blieb er stets treuer Soldat der von ihm grenzenlos verehrten Agnelli-Brüder. Dabei war Boniperti extrem erfolgreich. Unter ihm gewann Juve als erste Mannschaft des Kontinents alle Europacups – Landesmeisterpokal, Pokal der Pokalsieger und Uefa-Pokal – sowie neun Meisterschaften und zwei Pokale.
Boniperti fungierte als ausführender Arm, die Agnelli waren Kopf und Herz der Juve. Sie suchten die großen Spieler aus, manchmal auch gegen den erklärten Widerstand ihres Präsidenten. Boniperti examinierte hingegen die Wasserträger, führte knallhart die Verhandlungen und besiegelte die Verträge. Dem Triumvirat gemeinsam war, dass es sich nicht mit dem 2. Platz zufrieden gab. Sie machten Juventus zum Rekordmeister, aber auch zum vornehmsten Klub Italiens. Denn sie garantierten durch ihre Erscheinung jenen stile Juventus, der sich nach ihrem Tod auf dramatische Weise verflüchtigen sollte und der erst durch Umbertos Sohn Andrea seine Renaissance erlebte. Die zweite Agnelli-Generation, Besitzer der Mutterindustrie ihres Landes, schuf mit Juventus ein Aushängeschild des italienischen Familienkapitalismus. Oft sah man die Brüder Seite an Seite im Stadion (und es, ob aus Ungeduld oder aus Aberglauben, eine Viertelstunde vor dem Schlusspfiff verlassen), beim Training oder in der Kabine mit der Mannschaft scherzen. Gianni und Umberto waren mit dem Klub, den ihnen der früh verstorbene Vater hinterlassen hatte, ein Leben lang eng verbunden. Sie schrieben die weltweit einzigartige Saga von ihrer Familie, Fiat und dem Fußball weiter, und Gianni blieb dabei stets der Protagonist: Ein moderner Märchenprinz mit Cäsarenkopf, Adlernase und sinnlichem Mund, aufgewachsen in großer Strenge und noch größerem Luxus, wurde er der berühmteste Italiener seiner Zeit. Ein Großkapitalist als Trendsetter: die Armbanduhr über dem Hemdsärmel, die Krawatte über dem Pullover. Die Inkarnation der Lässigkeit.
Bei seinen Landsleuten besetzte Gianni Agnelli die Rolle eines Ersatzkönigs. Neben diesem schönen und eleganten Industriellen wirkte der bullige, allenfalls durchschnittlich intelligente »echte« Kronprinz Vittorio Emanuele von Savoyen (geb. 1937), Sohn des letzten Königs Umberto II. (1904–1983) und ein ziemlich windiger Geschäftsmann, wie ein Vorarbeiter bei Fiat. Vittorio Emanuele heiratete die Tochter eines Keksfabrikanten, ihr gemeinsamer Sohn Emanuele Filiberto (geb. 1972) machte im italienischen Fernsehen Werbung für saure Gurken, sang beim Schlagerfestival von San Remo und trat in einer Tanzshow auf. Allesamt Aktivitäten, zu denen sich ein Agnelli niemals herabgelassen hätte. Nur eines teilten sie mit der dekadenten Ex-Königssippe: die Leidenschaft für Juventus. Und Juventus entrichtete dann tatsächlich auch einen letzten Gruß an den unglücklichen Umberto II., der sich von seinem Sohn losgesagt hatte, als er 1983 in der Schweizer starb. Auf Geheiß von Gianni Agnelli spielte die Mannschaft zu Ehren des ExMonarchen mit Trauerflor am Ärmel. Die Empörung in Italien war groß, denn Umberto hatte nicht nur nach wenigen Wochen im Amt 1946 abdanken müssen – die Savoyer wurden ins Exil verbannt. Zur Strafe für ihre Verbandelung mit dem Faschismus durften ihre männlichen Nachkommen bis ins Jahr 2002 nicht mehr in die alte Heimat einreisen.
Die Erben der Könige waren also personae non gratae, als Gianni Agnelli, dessen römische Residenz sich auf dem Quirinal genau vis-à-vis vom ehemaligen Königspalast befand, sie quasi auf dem Fußballplatz rehabilitierte. Genau so wurde die Sache mit dem Trauerflor am Arm von Dino Zoff, Gaetano Scirea, Roberto Bettega und den anderen verstanden. Ein Ritterschlag vom Industrieprinzen Agnelli für den abgehalfterten Adel, eine Provokation für die Republik. »Nur eine Geste des Respekts und der Höflichkeit«, ließ Gianni Agnelli ausrichten, sozusagen von einem Turiner für den anderen. Er habe sich wegen einer Herzoperation in Amerika befunden und vom Krankenhausbett aus Weisung gegeben – in Absprache mit seinem Bruder Umberto, der ja auch nicht von ungefähr einen Savoyer-Namen trug. In Wirklichkeit war die Höflichkeitsadresse an den toten Ex-Monarchen vor allem eine Demonstration der Macht. Agnelli hatten allen gezeigt, dass nur einer darüber bestimmen durfte, was seine Angestellten anzogen: er selbst.
Für Giannis Leben galt, wie sein Biograf Italo Pietra schrieb, »die Regel X minus 1«. Soll heißen, Konventionen, Vorschriften und rote Ampeln galten für alle außer für ihn. Zu einer eleganten Hochzeit raste er in letzter Minute mit einem seiner schnellen Autos, alle anderen waren im Frack, er präsentierte sich mit nacktem Oberkörper: Keine Zeit gehabt, sich noch was anzuziehen. Paparazzi lichteten ihn ab, wie er ohne Badehose mit zugehaltener Nase von seiner Yacht ins Mittelmeer sprang, das Aushängeschild eines hedonistischen Kapitalismus, dessen Herren allem entrückt schienen, den proletarischen Mühen der Arbeit ebenso wie der kleinbürgerlichen Gier nach Geld. Mit vollen Händen gab der Avvocato aus, was seine Autobauer erwirtschafteten, mal kaufte er einen Matisse, mal einen Platini – beides stand übrigens für ihn auf gleicher Stufe. Und beides wurde von diesem schillernden Mäzen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. In Italien, dem angeblichen Mutterland des Individualismus, aber auch der Konformisten, wurde er für seinen Reichtum beneidet, noch mehr aber um jene Nonchalance, mit der er sein Dasein genoss.
Fiat hatte Italien mobil gemacht, und Gianni Agnelli war der beweglichste aller Italiener. Überall und nirgends zu Hause, zwischen seinen Wohnsitzen in New York, Sankt Moritz, Turin und Rom immer unterwegs, im Privatjet oder in schnittigen Autos, die er selbst steuerte, während der Chauffeur auf dem Rücksitz saß: Es war ja keiner rasant genug für diesen nach Leben und Geschwindigkeit süchtigen Mann, der mit der Segelyacht auslief, wenn andere aus Angst vor den Sturmwarnungen im sicheren Hafen blieben. Er flog mit seinen Freunden nach Afrika, um nach einer halben Stunde wieder umzudrehen und Kurs auf die Alpen zu nehmen. Zu warm dort unten, war sein Kommentar. Und zu langweilig, er langweilte sich rasend schnell. Hin und her, rastlos, immer auf der Flucht vor dem Stillstand.
Nur Dienstmädchen verlieben sich, vertraute er seiner Schwester Susanna an. Man sagte ihm Dutzende von Affären mit mehr oder weniger berühmten Frauen nach, woran sich nichts Wesentliches änderte, als er 1953 die sehr gebildete und sehr aparte neapolitanische Prinzessin Marella Caracciolo heiratete. Ein Urahn der Braut hatte einst gegen Lord Nelson gekämpft und war von dem Engländer am Mastbaum seines Schiffes aufgeknüpft worden. Marellas Vater war Diplomat, die Mutter Amerikanerin, der Bruder Carlo wurde einflussreicher Verleger des Wochenmagazins »l’Espresso« und der großen linksliberalen Tageszeitung »La Repubblica«. Kurzum: eine Familie, die ganz sicher nicht im Schatten der Agnelli stand.
Marella fotografierte für Vogue, entwarf Stoffe, publizierte Bücher über Gärten. Vor allem galt sie als eine der elegantesten Frauen ihrer Zeit, über die Truman Capote sagte: Wenn Marella als Juwel in Tiffanys Schaufenster läge, wäre sie sehr, sehr teuer. Mit dem Ersatzkönig Gianni bildete diese echte Prinzessin ein Traumpaar des internationalen Jet-Sets – attraktiv, weltläufig und jenseits aller Konventionen. Dass Marella unter der amourösen Rastlosigkeit ihres Mannes litt, gestand sie erst im fortgeschrittenen Alter dem Journalisten Enzo Biagi, natürlich indirekt: »Für Gianni müssen Frauen nicht geliebt, sondern erobert werden.« Eine Scheidung, in Italien ohnehin erst ab 1970 erlaubt, kam dennoch nicht in Frage. Marella arrangierte sich, wie so viele weniger privilegierte italienische Ehefrauen. Er hatte die Frauen, sie hatte die Blumen.
Nie hatte man einen Industriellen erlebt, der über mehr Sexappeal verfügte als die großen Schauspieler seiner Zeit, niemals einen Autobauer, der von Andy Warhol porträtiert wurde – und über dessen Frau die New Yorker Intellektuellen ebenso verzückt waren wie die Pariser Modeschöpfer. Agnelli eroberte die Welt und die Welt vergaß angesichts dieser strahlenden Erscheinung manchmal, dass im Hintergrund zehntausende von Arbeitern so viel Glamour überhaupt erst möglich machten. Anders als der Deutsche Gunter Sachs trennte sich Gianni Agnelli nie vom Unternehmen seines Großvaters. Zwar ließ er sich Zeit, bis er 45 Jahre alt war, um die volle Verantwortung bei Fiat zu übernehmen. »Es gab auch Möglichkeiten für meine Generation, sich zu amüsieren«, sagte er schlicht. »Und ich habe mich amüsiert.« Als er damit durch war, ging er täglich von 8 bis 20 Uhr ins Büro: »Wenn man älter wird, ist es einfach interessanter, sich selbst, seine Energie und Ideen zur aktiven Gestaltung der Weltwirtschaft einzusetzen.« Aus dem Playboy wurde ein engagierter Patron, ein umsichtiger Patriarch, trotz erbitterter Arbeitskämpfe respektiert, ja zuletzt sogar verehrt beim Volk von Mirafiori.
Dazu eine kleine Szene vor dem Fiat-Werkstor Nummer 6 in Turin, wenige Wochen vor Gianni Agnellis Tod im Januar 2003. Der Dezemberwind fegt die letzten Blätter von den Bäumen, es ist still und grau und kalt. Ein alter Mann, frierend und gebeugt, wartet vor dem Tor, viele Jahre ist er selbst hier hindurch zur Arbeit gegangen. Man kommt ins Gespräch, der Alte zückt die Brieftasche, zeigt ein Foto. Darauf nicht die Frau, nicht die Enkelkinder, auch kein Fußballer. Das Bild zeigt ihn, den kleinen, dunklen Süditaliener, neben dem schlohweißen Kopf des alten Agnelli. Der greise Cäsar tätschelt dem wenig jüngeren Arbeiter die Schulter. »Plötzlich tauchte er auf bei der Verabschiedung in die Rente, um uns allen persönlich Lebewohl zu sagen«, erzählt der Mann vor Werkstor 6. Auch als Rentner fährt er noch zwei-, dreimal pro Woche mit der Tram bis zum Corso Unione Sovietica. Um in Mirafiori, bei den alten Kollegen, nach dem Rechten zu sehen. Ist ja irgendwie Zuhause. Er lässt die Frau zwei belegte Brote in die abgewetzte Ledertasche packen. Er zieht seinen blauen Arbeitsoverall an. Der Avvocato im Portemonnaie ist immer dabei, wie die Familienmitglieder auf den anderen Brieftaschenfotos.
In Turin kursierte der Witz über einen Fiat-Arbeiter, der sonntags mit der Familie ins Restaurant geht und den obersten Boss an einem der Tische erspäht. Der Arbeiter nimmt seinen Mut zusammen und tritt an die Tafel des Avvocato. »Entschuldigen Sie die Störung, Avvocato, ich bin Rossi aus Syrakus, ich arbeite in Halle 7 in Mirafiori.« Guten Tag, antwortet höflich Agnelli, sagen Sie ruhig, was sie auf dem Herzen haben. »Darf ich Sie bitten, später für eine Sekunde zu uns zu kommen?«, fragt der Arbeiter verlegen. »Meine Frau und meine Kinder würden sich so freuen, Sie kennen zu lernen.« Kein Problem, entgegnet Agnelli, und nachdem er sein Mittagsmahl beendet hat, schaut er tatsächlich bei Familie Rossi vorbei. Formvollendet stellt er sich bei der Signora vor, deutet einen Handkuss an und will gerade seinem Arbeiter aus Halle 7 auf die Schulter klopfen, als der herausplatzt: »Avvocato, also wirklich! Noch nicht mal sonntags lassen Sie einen in Ruhe essen!«
Aus diesem Witz kann man vieles lesen: Die stolze Haltung der Fiat-Arbeiter, aber auch die enorme Popularität Agnellis und schließlich den Mutterwitz der Sizilianer, die zusammen mit anderen Süditalienern den Löwenanteil der Fiat-Belegschaft stellten und die den Benimmcode der Piemonteser Herrenklasse nutzen, um diese vorzuführen und einmal selbst König zu sein, wenn auch nur für wenige Minuten. Dass Gianni Agnelli niemals einen Arbeiter abwies, war eine Tatsache und diese leutselige Kommunikationsbereitschaft wohl ein Geheimnis seines Erfolgs. Dutzende Juventus-Profis berichteten, dass der Boss sie regelmäßig in aller Herrgottsfrühe anrief, um mit ihnen das Spiel zu analysieren. Gianni Agnelli liebte diese Fachsimpeleien mit seinen Angestellten, morgens um sechs. Und natürlich traute sich niemand, zu dieser nachtschlafenden Zeit den Hörer aufzulegen.
Agnelli blieb ein Leben lang an der Seite einer Firma, einer Frau und eines Fußballklubs, wobei er Juventus vermutlich die größte Treue hielt: »Wenn ich auch nur in der Zeitung den Großbuchstaben J sehe, bereitet mir das Herzklopfen.« Für ihn war der Verein mit dem in Italien nicht gebräuchlichen Buchstaben J nicht die Alte Signora, sondern la fidanzata – die Verlobte. »Sie verschafft mir große Gefühle«, sagte er über Juventus, als handele es sich wirklich um eine Frau. Legendär die Episode, als er der Gattin des Franzosen Michel Platini einen riesigen Rosenstrauß ins Hotelzimmer schicken ließ. Die Platinis waren soeben in Turin angekommen, und Agnelli ahnte, dass er das vor allem Christelle zu verdanken hatte, denn über die Karrierestationen der Fußballer bestimmten damals wie heute natürlich deren Ehefrauen mit. Also wollte er sich Madame gegenüber als Kavalier zeigen, Christelle Platini sollte sehen, dass es keinen eleganteren Fußballboss gab als Gianni Agnelli.
»Was macht Sie glücklich?« wurde Agnelli von einem Reporter gefragt, die Antwort kam prompt: »Platini zehn Minuten lang spielen zu sehen.« Der Franzose war für ihn »ein vollendeter Fußballer«, sein Lieblingsspieler in sieben Juve-Jahrzehnten. »Wir haben ihn für ein Stück Brot gekauft und er hat Foie Gras darauf gelegt«, feixte er, aber es war nicht das gute Geschäft, das ihn erfreute, sondern die Mischung aus Fantasie und Effizienz, die den Enkel eines nach Frankreich emigrierten Maurers aus Piemont in den Augen des Patrons zur Inkarnation des Juventus-Stils machte. Freundschaft gab es nicht zwischen dem Boss und seinem Spieler, zu groß war der Unterschied des Alters, der Klasse und der Position. Aber einen freundschaftlichrespektvollen Umgang, den gab es, und Platini, der vor seinem Engagement bei Juventus noch nie etwas über den Avvocato gehört hatte, bewunderte bald seinen Arbeitgeber mit der von Agnelli geschätzten, selbstbewussten Ironie des Profis, der weiß, dass er von seiner Sache mehr versteht als der Chef.
Irgendwann einmal erwischte Agnelli, der oft in der Kabine auftauchte, Platini in einer Spielpause mit einer Zigarette. »Ich muss doch sehr bitten!«, regte sich der Avvocato auf, »ein Sportler wie Sie kann doch jetzt nicht rauchen!« Platini paffte ungerührt weiter: »Hauptsache Bonini raucht nicht.« Massimo Bonini war die Säule des defensiven Mittelfelds. »Der muss rennen. Ich nicht. Ich bin Platini.« Diese Leichtigkeit gefiel dem Mann, der sich selbst über Regeln erhaben fühlte und ihre Einhaltung den Mittelmäßigen zuordnete. Platini revanchierte sich übrigens, indem er dem Avvocato seinen dritten Goldenen Fußball schenkte: »Den können Sie sich nicht kaufen.«
Platini war sein Alter Ego auf dem Platz, anderen Spielern gegenüber blieb Agnelli distanzierter. Seine Zunge konnte messerscharf sein, er war alles andere als ein Schulterklopfer. Typisch eine Episode aus dem fernen 1952. Juventus musste in Rom gegen Lazio spielen und war vorher zu einer Papstaudienz eingeladen, bei der Pius XII. sich als Juventino gab. »Ihr müsst dieses Spiel gewinnen«, sagte der Heilige Vater. Prompt verlor Juve 0:2. Der Däne Karl Aage Præst, ein skandanivischer Protestant, konnte sich gar nicht wieder beruhigen: »Um Gottes Willen, was soll denn jetzt der Papst von uns denken?« Bis es Boniperti irgendwann zu viel wurde. »Der Papst, der Papst … denk lieber darüber nach, was du dem Avvocato morgen sagen willst!«
Gianni Agnellis Kindheit war zu Ende, als 1935 sein Vater Edoardo starb. Da war er 14 Jahre alt. Von einem Tag auf den anderen war Schluss mit der Unbeschwertheit, der heilen Familienwelt. Mit Edoardos Tod war auch für seine Witwe Virginia plötzlich kein Platz mehr bei der Familie Agnelli. Sie wurde ausgestoßen, als ob sie nie dazugehört hätte. Ihr Schwiegervater Giovanni ließ ihr mit Hilfe willfähriger Richter das Sorgerecht für die sieben Kinder entziehen, zur Strafe für ihr Liebesverhältnis mit dem Schriftsteller Curzio Malaparte. Der Deutschitaliener Malaparte war 1949 mit dem Roman »Die Haut« international bekannt geworden, doch in Italien hatte er sich schon vorher einen Ruf als Dandy gemacht. In den Anfangsjahren des Faschismus war Malaparte ein glühender Anhänger des Duce, 1922 beteiligte er sich am »Marsch auf Rom«. Sieben Jahre später wurde der Exzentriker Chefredakteur der Tageszeitung »La Stampa«, dem Blatt der Familie Agnelli. Giovanni Agnelli konnte ihn nie leiden, ließ ihn jedoch gewähren, bis sein Angestellter 1931 die als regimekritisch interpretierte Essaysammlung »Die Technik des Staatsstreichs« veröffentlichte. Chefredakteur Malaparte wurde gefeuert, Agnelli wollte keinen Ärger mit dem Duce. Nach weiteren zwei Jahren, wurde Malaparte auch aus der Partei ausgeschlossen und nach kurzem Prozess auf die Insel Lipari bei Sizilien verbannt. Kaum begnadigt, freundete er sich mit Virginia Bourbon del Monte an, Edoardo Agnellis gerade zur Witwe gewordener Frau. Eine Liebesbeziehung begann und 1936 wollten die beiden sogar heiraten. Mit Mitte 30 war Virginia eine der schönsten Frauen der High Society – und in jeder Hinsicht eine glänzende Partie. Ganz anders als Malaparte, weshalb Virginias Schwiegervater alle Register zog, um die Mesalliance zu verhindern oder zumindest seine Enkelkinder und Erben herauszuhalten. Der Senator ließ einen Zug anhalten, in dem Virginia mitsamt ihrer Kinder auf der »Flucht« nach Rom saß, und seine Enkel unter Polizeigeleit nach Turin zurückbringen. Erst als Gianni dem Patriarchen entschieden klarmachte, dass er und seine Geschwister mit der Mutter leben wollten, gab der alte Agnelli nach. Angeblich soll er Malaparte für die Trennung von seiner Schwiegertochter Geld geboten haben. Tatsächlich hatte die Beziehung keinen Bestand.
Darmowy fragment się skończył.