Czytaj książkę: «Post für Dich aus Amora!»

Czcionka:

B. und B. Cremer

POST FÜR DICH AUS AMORA!

Die einmalige Welt von Nick und Nora

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Birgit Cremer:

Geboren 1965 in Nürnberg, nach dem Abitur Ausbildung zur Notarfachangestellten in München. Absolvierung eines Theologie-Studiums bei „Theologie im Fernkurs“ der Katholischen Akademie Domschule Würzburg. Dort lernt sie Bruno Cremer kennen, den sie im Jahr 2003 heiratet.

Zurzeit arbeitet sie in einem Nürnberger Notariat.

Birgit Cremer hat drei erwachsene Kinder aus erster Ehe.

Bruno Cremer:

Jahrgang 1956, geboren in Witten an der Ruhr, Kindheit und Jugendjahre in Düsseldorf und Stuttgart. Lehramtsstudium in Französisch und Geographie an der Universität Heidelberg. Nach dem 1. Staatsexamen Mitarbeit als freier Journalist für verschiedene Verlage in Süddeutschland. Anschließend Werbetexter im Versandhandel sowie Verlagsredakteur in Karlsruhe und Nürnberg. Berufsbegleitendes Studium der Theologie im Fernkurs.

Momentan ausschließlich als Schriftsteller tätig.

Bruno Cremer hat eine erwachsene Tochter aus erster Ehe.

Das Ehepaar lebt in der Nähe von Nürnberg.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto © CHW - Fotolia.com

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Über die Autoren

Impressum

Ein (Alp?)Traum wird wahr – in der Cocktailbar!

Amora, den 17.11.2010

Amora, den 19.11.2010

Amora, den 22.11.2010

Amora, den 24.11.2010

Amora, den 26.11.2010

Amora, den 29./30.11.2010

Amora, den 07.12.2010

Amora, den 09.12.2010

Amora, den 15.12.2010

Amora, den 19.12.2010

Amora, den 21.12.2010

Amora, den 28.12.2010

Amora, den 03.01.2011

Amora, den 10.01.2011

Amora, den 24.01.2011

Amora, den 14.02.2011

Amora, den 01.03.2011

Amora, den 11.03.2011

Amora, den 21.03.2011

Amora, den 28.03.2011

Amora, den 08.04.2011

Amora, den 20.04.2011

Amora, den 28.04.2011

Amora, den 13.05.2011

Amora, den 23.05.2011

Amora, den 03.06.2011

Ein glückliches Paar – in der Cocktailbar!

Ein (Alp?)Traum wird wahr – in der Cocktailbar!

Schon als Zwölfjähriger keimte in mir heimlich der Wunsch auf, später mal eine Ehefrau an meiner Seite zu haben wie Nora. Keimzelle und Auslöser des Wunsches, den ich natürlich für völlig irreal hielt und deshalb schnell wieder aus meinem Bewusstsein verbannte, war ein amerikanischer Krimi im Fernsehen, der mein Leben grundlegend prägen sollte.

Nur gut, dass es auch noch ein Unterbewusstsein gibt!

Ich saß also damals alleine im eigentlich nur der Familiendreifaltigkeit, Vater-Mutter-Kind, vorbehaltenen Fernsehzimmer, vor dem »Allerheiligsten«, dem TV-Gerät, das man, wie einen Tabernakel, noch mit zwei Flügeltüren abschließen konnte, und war begeistert – besonders von Nora!

Nora, das ist die charmante Frau des nicht minder charmanten Privatdetektivs Nick Charles in der Kriminalkomödie »Mordsache ‚dünner Mann’« von 1934.

Dieser frivol-spritzig inszenierte Film mit Gags ohne Ende, den ich Ende der 60er-Jahre zum ersten Mal sah – und es sollten bis zum heutigen Tage noch einige zig Male folgen, Videos und DVDs inbegriffen – muss so etwas wie eine »Erleuchtung« in mir ausgelöst haben!

Ein Erleuchtungserlebnis bei einem Zwölfjährigen – ja das gibt’s auch in Deutschland, nicht nur in Judäa! Meine Erleuchtung hat allerdings nur zu meinem Wohl und Lebensglück, allenfalls noch zu dem meiner Frau und unserer beiden Kinder geführt – ich hoffe, meine Restfamilie macht jetzt nicht von ihrem Widerspruchsrecht Gebrauch!

Was wohl ein indischer Guru zu dieser Art von Erleuchtung sagen würde? Möglicherweise ganz gelassen und »kuhl«: »Mu!«

Doch darOM geht’s jetzt nicht, noch nicht.

Was mich in erster Linie an dieser »Dünner Mann«- Serie (Es gab ja noch fünf Fortsetzungen, Gott sei Dank!) faszinierte und seltsamerweise auch heute noch fasziniert, war weniger die jeweilige Krimistory an sich, nein, es war vielmehr die überraschend neue und unkonventionelle Art, wie die Eheleute Nick und Nora miteinander umgingen.

Diese originelle Paar-Beziehung im Jahr 1934 war so völlig verschieden von der meiner Eltern Ende der 60er-Jahre, ja geradezu der krasse Gegenentwurf: voller Esprit, voller Witz, voll knisternder Erotik, aber auch voller Mitgefühl, voller Vertrauen und Verständnis – kurzum voller Liebe. Im vollen Sinne des Wortes!

Zugegeben, auch voller Alkohol, und das traf auf beide Ehepartner zu, was mich seinerzeit ebenfalls faszinierte, ich gestehe es voller Nüchternheit. Na dann: »Cheers«!

Nein, ich bin momentan nicht volltrunken, eventuell ansatzweise geistreich, ganz sicher albern!

Fragen Sie meine Frau Nora.

Okay – das Filmleben von Nick und Nora Charles war aufregend und abwechslungsreich, schillernd und bunt, und wenn, dann nur vom Alkohol und nicht vom Alltagsgrau umnebelt.

Die biographischen Voraussetzungen der beiden waren ja auch wie gemalt: Sie, eine millionenschwere, intelligente Frau aus vornehmen Industriellenkreisen, Er, ein berühmter, sich eigentlich im Ruhestand befindender Privatdetektiv, den bzw. der Gott und die Welt kennt, und der »hauptberuflich« nur darauf bedacht ist, das Vermögen seiner Frau zu verwalten und das eigene Trinkvermögen zu bewahren.

Mit einem Wort: Nick und Nora Charles waren in jeder Hinsicht unabhängig, sorry – in fast jeder Hinsicht, außer vom »Allohohl«!

Tja, und nun – wir schreiben den 10.10.2010 – sitze ich, Nick Marchant, zusammen mit meiner Frau Nora sonntagabends in einer Cocktailbar in München und … Nein, wir trinken nicht drauflos und auch nicht um die Wette, nein, wir sind auch keine Alkoholiker und ich bin kein Privatdetektiv und meine Frau ist nicht steinreich, leider, nein das nicht. Aber dennoch machte sich in uns nach einigen Drinks, zunächst bei Nora, dann, drei Cocktails später, aber auch bei mir, der Gedanke breit, einen Roman zu schreiben.

Originelle Idee, ich weiß!

Sollte nun der Traum vom schriftstellernden Ehepaar wahr werden? Schon des Öfteren hatte Nora mich in launiger Urlaubsstimmung bei Wein und Kerzenschein und in totaler Überschätzung meiner Kreativität und schriftstellerischen Rudimentärfähigkeiten – für ein paar Nonsensgedichte reicht’s geradeso – aufgefordert, ein Buch zu schreiben. Irgendwann kam mir dann mal der geniale oder eher unheilschwangere Einfall, ihr zu entgegnen, dass ich allein kein Buch schreiben werde – höchstens, wenn wir uns zusammen als Autoren-Paar versuchen würden!

Diese übereilte, ohne mögliche Konsequenzen bedenkende Antwort erblickte nun an der Bar, mittels einiger Drinks als Geburtshelfer, erneut das Licht der Welt.

»Warum schreiben wir nicht einfach über Nick und Nora?«, kam es urplötzlich über die proseccofeuchten Lippen meiner Frau. »Einfach« war in ihrer Fragestellung nun wirklich am allerwenigsten zutreffend!

Kleine Zwischenbemerkung: Heute würde ich mich lieber, ich geb’s offen zu, von der Buch-Idee verabschieden oder, um es mit meinem Lieblingsfilm auszudrücken: »dünne machen«!

Immerhin ist so ein Buchprojekt eine »Mords-Sache«. Da ist es vom Traum zum Alptraum nur ein kleiner Schritt und dann eine große Herausforderung für den behandelnden Psychiater.

Zurück zur Cocktailbar: Blitzartig war nun also eine Idee geboren, die Idee, ein Buch in die Welt zu setzen – der Schock der zukünftigen »Eltern« sollte erst später, als der Alkohol sich verflüchtigt hatte, eintreten!

Wir wollten also – wollten wir wirklich? – über Nick und Nora schreiben. Jetzt standen jedoch nicht mehr Nick und Nora Charles im Rampenlicht, sondern der Fokus richtete sich unbarmherzig auf uns beide, höchstpersönlich. Ganz schön heiß unter dem Brennglas! »Bitte noch einen ‚Manhattan’!«

Na gut, auch wir sind als »verrückt« im positiven Sinne zu charakterisieren und nicht unbedingt als »normales« Ehepaar, zumindest wenn man als Vergleichsbasis die Paare unserer Altersgruppe nimmt, von Ende vierzig aufwärts.

Auch wir sind, wie unser Filmpaar, zwei Seelenverwandte, oder besser: Seelenhälften, die sich auf geradezu wunderbare Weise (wieder)gefunden haben.

Kein Wunder daher, dass die »Dünner Mann«-Filme auch meine Frau schon als Teenager begeisterten und sie nachts von Nick und Nora träumte, wahrscheinlich, im Gegensatz zu mir, zuerst von den Tanzszenen – ich bevorzugte die Trinkszenen.

Scherz beiseite: Tatsächlich scheinen Nora und ich auf der gleichen Wellenlänge zu liegen und im selben Rhythmus zu ticken wie unsere leuchtenden Vorbilder – im »Swingrhythm«.

Dazu noch dieselben Vornamen wie sie – unseren Eltern sei Dank! –, gewiss kein Zufall, wohl eher Schicksal.

Allerdings haben wir nur einen ganz normalen Arbeitsalltag zu bewältigen, mit jeder Menge Grautönen – und nicht ganz so vielen Drinks! Wenn das Grau zu grausam wird, ziehen wir uns zurück wie zwei Verliebte – eigentlich sind wir das nach nun 25 Ehejahren noch immer! Nur dass unser Rückzugsgebiet keine einsame Insel, sondern die Liebe selbst ist, die uns vorm Grauen der Monotonie bewahrt. Mag banal klingen, aber die Wahrheit ist banal. Alles nur eine Frage des wahren Schauens, nicht wahr? Ich glaube jedenfalls, dass Nora und ich eine Reinkarnation von Nick und Nora Charles sind – oder doch eher nur ein »dünner« Aufguss? Keinesfalls eine Kopie.

Doch nun genug der Vorrede – darf ich vorstellen:

Nora und Nick Marchant, die sich allen Ernstes, oder besser: voller Humor und Ironie, vorgenommen haben, sich in ihrer Festung »Amora«, so haben sie ihr Wolkenkuckucksheim in Schwabing getauft, gegenseitig Hauspost zu schreiben, um ihre ungewöhnliche Liebesgeschichte zu offenbaren. Start des hausinternen Briefverkehrs soll der Buß- und Bettag sein! Passt doch! Dann heißt es »Vorhang auf« für die einmalige Welt von Nick und Nora. Und wozu diese Offenbarung?

Der Dalai Lama würde wahrscheinlich nur mit einem Lächeln antworten. Na denn: »Prost«!

Amora, den 17.11.2010

Geliebter Nick,

das ist ja der Hammer! Nach einer halben Ewigkeit in »Amora« mit dir (die Zeit verfliegt wirklich wie im Düsenjet) und ausgerechnet an so einem tristen Tag wie »Buß- und Bettag«, also eigentlich müssten wir heute auf den Knien durch die Wohnung rutschen und all unsere Sünden bereuen, wird der geheimste meiner Träume nun endlich Wirklichkeit. Wir verfassen ein gemeinsames Buch über unsere einmalige Liebe, und als Grundlage dafür schreiben wir einander Briefe, wie am Anfang unserer leidenschaftlichen Beziehung.

Nick – du gibst mir den Kick! Unsere Liebesbriefe damals waren so heiß, dass ich beim Schreiben regelmäßig Brandblasen an den Fingern hatte. Wenn ich dann mit zitternden Händen Post von dir aus dem Briefkasten fischte, war ich jedes Mal halb wahnsinnig vor Glück und Aufregung. Allein schon der Duft nach deinem atemberaubenden Rasierwasser! Ich hing mit meiner Nase an dem Papier wie ein Spürhund der Drogenfahndung am Rauschgift. Nach dem Lesen deiner Zeilen und Inhalieren deines Duftes war ich dann ganz wahnsinnig, wie in Trance. Dieser Gefühlszustand wiederholte sich mit jedem deiner Briefe, und zwar so lange, bis wir endlich unser erstes gemeinsames Liebesnest, »Amora« im Mini-Format, in einem schrecklichen Münchner Hochhausviertel beziehen konnten. Von da an schwebten wir zusammen auf »Wolke 7« durchs Leben.

Aber erst mal »back to the roots«, also alles auf Anfang.

Schon als 18-Jährige war ich ständig damit beschäftigt, den berühmten Mann fürs Leben zu finden. Als Vorbild meines persönlichen Supermanns schwirrte mir der charmante, witzige, schlagfertige und äußerst gutaussehende Nick Charles, der Held meiner Lieblings-Krimi-Reihe »Der dünne Mann«, aus längst vergangener Zeit im Kopf rum.

Auf meiner Suche nach einem Nick der Neuzeit habe ich alle Discos, Kneipen und auch manch zwielichtige Bar im Umkreis von fünfzehn Kilometern systematisch abgeklappert. Ich bin auf jede noch so öde Party von Leuten, die ich gar nicht leiden konnte und nur um fünf Ecken herum kannte.

Ich habe mich in meiner Verzweiflung sogar bei einer Tanzschule angemeldet und im Dreivierteltakt durch einen A- und F-Kurs gequält. Alles leider ohne jeglichen Erfolg. Der Märchenprinz war nicht in Sicht, und mit den »Fröschen« wollte ich mich nicht wirklich abgeben.

Nach einigen Jahren zwischen Hoffnung und Frust bahnte sich 1983 die Wende an. Ich hatte die absolute Lebenskrise, die ich nur mittels viel Alkohol, schmachtender Liebeslieder und einem »Nick Charles-Tag« in der Woche – meine Buchausgabe von »Der dünne Mann« sah schon dementsprechend zerfleddert aus! – einigermaßen ertrug.

Mein Jurastudium in München wurde immer unerträglicher. Die Vorlesungen bei den verknöcherten Paragraphenreitern gingen mir unheimlich auf die Nerven. Warum hatte ich mich nicht für ein spannenderes Studienfach entschieden?

Mein Privatleben war so aufregend wie eine Briefmarkensammlung. Unter der Woche Smalltalk mit Freundinnen und gelegentliche Museums- und Kinobesuche, am Wochenende der obligatorische Pflichtbesuch bei meinen Eltern in Ingolstadt. Dort durfte ich mir, zwischen Schweinebraten und Cremetorte, regelmäßig anhören, warum ich eigentlich in dieser winzigen Kammer des Studentenwohnheims in München leben musste. Daheim bei ihnen hätte ich es doch »viiiel« schöner. Na klar, wenn man auf fromme Bibelsprüche, fettes Essen und Zimmerkontrolle steht, ist das alles wunderbar. Ich erzählte ihnen dann immer die Story von den langen Vorlesungen, manchmal auch bis in den späten Abend hinein, und der so arg schlechten Zugverbindung, wohl wissend, dass sie den Zugfahrplan nie überprüfen würden. In Wahrheit war ich heilfroh, wenigstens unter der Woche nicht das Kind meiner Eltern sein zu müssen, und Ingolstadt kannte ich nach 22 Jahren auch schon in- und auswendig.

Ein Glück nur, dass meine heißgeliebte Oma Josephine mein Leben in München sponserte. Dennoch brauchte ich jetzt dringend eine neue Perspektive, wenn ich nicht als Dauerpatientin bei einem Psychiater enden wollte.

Dann endlich, ausgerechnet am Faschingswochenende, schlug bei mir der Blitz ein, der Geistesblitz. In der Kirchenzeitung, schlechthin die Lieblingslektüre meiner streng katholischen Eltern, fiel mir folgende vielversprechende Anzeige eines Klosters ins Auge:

»Ora et labora – eine Woche der Sinnfindung«.

Ich wusste sofort, das ist meine Rettung. Eine Woche in völliger Abgeschiedenheit zwischen Beten und Küchendienst, da musste einem doch die Erleuchtung kommen bzw. der Wegweiser zu einem glücklichen Leben aufleuchten.

Im März war es dann soweit: An einem fürchterlich stürmischen eisigen Sonntagabend kam ich, nach einer dreistündigen Bahnfahrt, voller Hoffnung (notfalls konnte ich ja für immer ins Kloster gehen) und Erwartung (ich hatte mir schon einen dicken Schmöker, Gruselkrimi vom Feinsten, für einsame Abende eingepackt) im Kloster Marienfelde an. Eine Stunde später waren wir schon mittendrin in der berühmtberüchtigten Vorstellungsrunde: »Ich heiße Nora und komme aus Ingolstadt, ratet mal, warum ich hier bin.« Wir waren eine bunt gemischte Gruppe – na gut, die meisten hatten sich für ein fröhliches Schwarz entschieden – von zwölf Leuten, Männlein und Weiblein jeden Alters, alle mit ziemlich frustriertem Gesichtsausdruck, also ganz genau meine Wellenlänge. Ich dagegen hatte mich vorher klamottenmäßig noch in Unkosten gestürzt und für diese Woche extra neu eingekleidet, und zwar in freundlichen Farben. Neben Rot machte mich vor allem Weiß ganz heiß, getreu der Devise: »Manche mögen’s weiß«!

Ja – und dann sah ich dich! Du warst sozusagen der Lichtblick des dunklen Raumes, was nicht nur an deiner auffallend hellen Kleidung lag. Du hast mich angelächelt, um nicht zu sagen über beide Backen gegrinst, und bist dann, wie vom Blitz getroffen, vom Stuhl gekippt. Mein Herz überschlug sich sofort wie in einer Achterbahn. Meine Knie wurden wackeliger als Omas Wackelpudding, und ich wusste schlagartig: Das ist er, der Traummann deiner schlaflosen Nächte, dein Nick Charles.

Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben eine Erscheinung, was an solch heiligen Stätten sicher nicht außergewöhnlich ist, nur eben etwas anderer Art. Als du dich dann wieder vom Boden aufgerappelt und als »Nick« vorgestellt hast, da hörte ich alle Glöcklein klingen und die Englein singen.

Ich wusste, ich war angekommen am Ziel meiner langen Reise und Suche nach dem Lebensglück.

Nora hatte endlich ihren Nick gefunden.

Gott sei Dank hatten wir mit Pater Anselm einen sehr verständnisvollen Kursleiter, der ja auch mal jung gewesen und vielleicht sogar verliebt war. Er hat immer ein Auge zugedrückt, wenn wir uns bei einer an sich ernsten Meditation schmachtend oder albern kichernd ansahen, während die anderen Kursteilnehmer voll innerer Verzückung schon einen Meter über dem Boden schwebten. Sogar das Kartoffelschälen und Gemüseputzen in der dampfenden Klosterküche wurde für uns zu einem unvergesslichen Ereignis. Wir klebten aneinander wie siamesische Zwillinge und machten uns über die anderen griesgrämigen Gesichter lustig. Die Abende verbrachten wir bis spät in die Nacht im Klosterkeller bei einem schönen Gläschen Spätburgunder und unendlich langen, wunderbaren Gesprächen. Dagegen quälten sich unsere vertrockneten Mitbrüder und -schwestern mit hochgeistigen Themen, wie z.B.: »Welche Lieder sollen beim morgigen Gottesdienst gesungen werden?«, oder: »Soll der Blumenschmuck auf dem Altar bleiben oder nicht?«

Die »Armen« konnten einem wirklich leidtun, sie hatten keinerlei Lebensfreude und keinen Blick für das Wesentliche, und daran hat wohl auch diese Exerzitienwoche nichts geändert. Für sie war die Kleiderordnung bei der Erstkommunion, das Essen beim Pfarrfest und die Liedauswahl bei der Christmette (ohne »Stille Nacht« geht überhaupt nichts) immer noch das Wichtigste im Leben.

Am Ende des Seminars waren wir uns einig, dass wir jedes Jahr wieder nach Marienfelde zurückkehren würden, aus ewiger Dankbarkeit und wundervoller Erinnerung, und dass unser netter Pater Anselm irgendwann unsere Trauung halten sollte. Dieser Gedanke und ein Gedicht von dir, das du mir beim letzten Kuss ans Herz bzw. in die Hände gedrückt hast, haben den Abschiedsschmerz geringfügig betäubt.

Wieder zuhause, in meinem Zimmerchen im Studentenwohnheim, bekam ich erst mal so eine Art Kulturschock.

Wie sollte ich einen Tag ohne dich und deine charmant witzige Art überstehen? Wie sollte es jetzt überhaupt zum »Happy End« mit uns kommen? Zuerst habe ich mit Genuss und ohne Reue mein Jurastudium abgebrochen.

Ich brauchte jetzt dringend einen gut bezahlten Job, und so schrieb ich Tag und Nacht Bewerbungen, bis meine Finger wund waren, und telefonierte, bis mir die Ohren klingelten.

Schließlich landete ich bei einer Münchener Immobilienfirma mit einer Zweigstelle in Ingolstadt. Dies war zwar nicht gerade mein Traumjob, und über die Bezahlung konnte man nur müde lächeln, aber es war besser als gar nichts. Außerdem hatte ich die Option, nach der Einarbeitungszeit zum Hauptsitz nach München zu wechseln – was für eine Chance!

Doch leider musste ich zunächst meine »kleine Freiheit« im Studentenwohnheim aufgeben, nach Ingolstadt zurückkehren und zähneknirschend wieder in mein altes Kinderzimmer im elterlichen Hause einziehen.

Nun gut, die kurze Zeit würde ich, hoffentlich ohne größere seelische Schäden, überstehen. Sowohl deine unzähligen Liebesbriefe als auch die Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft mit dir haben mich am Leben gehalten.

München, die Weltstadt mit Herz, schien uns beiden ein guter Ort zum Leben und Lieben. Doch zunächst hatte ich meine liebe Not, dort für uns eine geeignete Bleibe zu finden. Das ist beileibe nicht einfach, wenn man nicht gerade einen »Kaiser« als Vater hat und eventuell eine nette kleine Villa in Grünwald geschenkt bekommt.

Aber die Liebe verleiht Flügel, und so hatten wir schon relativ bald unser erstes Liebesnest entdeckt. Wir haben es dann »Amora« getauft, nach dem gleichlautenden Gedicht, das du für mich bzw. uns in Marienfelde geschrieben hattest.

Endlich konnte die gemeinsame Liebes- und Lebensgeschichte von Nick und Nora beginnen. Doch jetzt beginne ich erstmal mit den Vorbereitungen fürs Abendessen.

Ich freue mich schon auf Hauspost von dir, geliebter Nick!

Bussi und Ciao,

deine Nora

Amora, den 19.11.2010

Geliebte Nora, meine Traumfrau!

Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie scharf ich darauf war, deinen ersten Brief aus Amora zu lesen! Und das hat nichts mit der neuen Senfmarke zu tun, über die ich momentan einen Rundfunkspot texten muss. Und da mir bis dato nur ein regelrechter »Senf«, um nicht zu sagen »Schmarrn«, eingefallen war, hatte ich gerade eine schöpferische Pause ein- und unsere Lieblingsplatte von Glen Miller aufgelegt. Mitten in der »Moonlight Serenade« muss ich dann wohl, in bequemer Anlehnung an das mit dem Namenszug »Amora« bestickte Sofakissen von Tante Hella sowie in Anlehnung an meinen Vornamen, einge-nickt sein.

Das »Nick«-erchen wurde dann jäh beendet, als du vehement an die Tür des Gästezimmers klopftest, um mir die frohe Botschaft zu verkünden: »Nick, Hauspost für dich!« Na endlich! Wie eine Rakete bin ich hochgeschossen und ins Arbeitszimmer gedüst, um mir deinen frisch ausgedruckten Brief, den du mit einem Schokotrüffel als dekorativem Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch deponiert hattest, geistig einzuverleiben.

Deine süßen Zeilen sind so köstlich, liebe Nora, da kann selbst der Schokotrüffel nicht mithalten!

Im Grunde genommen ist es mir damals, bevor wir uns kennen lernten, so wie dir gegangen: Ich war auf der Suche nach einem erfüllten, nach einem sinnvollen Leben! Möglichst mit einer Frau wie Nora Charles, denn wie könnte mein Leben sonst erfüllt und sinnvoll sein?!

Aber, wie kommt man dahin? Wo ist der Wegweiser, wo die Kompassnadel, die untrügerisch den richtigen Kurs anzeigt? Schon als Jugendlicher wusste ich, was ich beruflich alles nicht machen wollte, aber mir war nie wirklich eindeutig klar, was ich eigentlich werden wollte. Zunächst hatte ich nur einen Wunsch – den nach Befreiung! Befreiung aus den starren Konventionen eines erdrückenden Elternhauses.

Daher habe ich nach Abitur und Zivildienst zunächst die Flucht in ein Studium ergriffen. Und das sogar mit Unterstützung meiner Eltern, die mich unisono gerne als Priester, dieser Wunsch hatte bei ihnen die »Poleposition« inne, oder, zweite Startreihe, allenfalls noch als Lehrer am Gymnasium gesehen hätten. Um es weiter in der Formel-1-Sprache (als Kind wollte ich mal Rennfahrer werden!) zu formulieren: Beide elterlichen Wunschvorstellungen haben das »Qualifying« nicht überstanden. Das war »nicks« für Nick!

Doch zunächst hat mich das Rennen um einen Studienplatz aus dem Elterndomizil in Aschaffenburg direkt nach Würzburg katapultiert, wo ich mich 1977 für katholische Theologie und Germanistik einschrieb. Nun fühlte ich mich, ich gestehe es frank und frei, wie Gott in Frankreich, genauer gesagt:

wie Gott im »Unterfrankenreich«!

Der Start in die Freiheit war also geglückt, zumal ich meinen Eltern glaubhaft plausibel machen konnte, dass ich zwecks konzentrierten Lernens unbedingt eine eigene Studentenbude in Uni-Nähe benötigte, um nicht dauernd zwischen Aschaffenburg und Würzburg hinund herpendeln zu müssen. Die Miete für mein neues Zuhause habe ich mir an einigen Abenden in der Woche, gelegentlich auch am Wochenende, in dem Weinspital zusammengekellnert, das wir auch heute noch, bei Wochenendtrips nach Würzburg, so gerne aufsuchen, um bei erlesenen Tropfen in ausgewählten gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen.

Tja, »in vino veritas« – und was war die Wahrheit, meine Wahrheit? Morgens ausschlafen, gemütlich frühstücken, ab 11.00 Uhr Vorlesungen, Mittagspause im Café, selten in der Mensa, dann erneut Kurse, Seminare, Vorlesungen, bis spätestens 17.00 Uhr, dann neue Bekanntschaften knüpfen, mit Freunden trinken bis es »neblig« wird, und nach der Traumfrau Ausschau halten. Diesbezüglich herrschte leider Dauernebel, und das während der gesamten Studienzeit! Übrigens nicht nur in der theologischen Fakultät, was man fälschlicherweise womöglich noch für einleuchtend hätte halten können.

Nein, auch bei den Germanistinnen traf man eher auf unterkühlte Walküren als auf heiße sexy-Sirenen oder feurige Amazonen. Hätte ich im Paris des 19. Jahrhunderts studiert, wäre ich in meiner Verzweiflung ins »Maxim« geflüchtet, zu Lolo und Froufrou – Nora gab’s da leider noch nicht!

Ich aber war im Würzburg des 20.Jahrhunderts und – studierte deshalb brav weiter. Allerdings betrachtete ich mittlerweile diese gleichmäßig dahinplätschernde Studienzeit nur als längeren »Boxenstopp« in dem Rennen meines Lebens!

Ich glaubte weder an ein zölibatäres Priesterleben als Berufungs- und Lebensziel noch an den Deutsch- und Religionslehrer Nick Marchant. Und da ich nach dem erfolgreich bestandenen 1. Staatsexamen auf diesem für mich beruflich monotonen Rundkurs keine weitere Runde mehr drehen wollte, habe ich im Jahre 1983, also vor Beginn des Referendariats, eine regelrechte Vollbremsung hingelegt!

Als überraschendes »Bremsmittel« fungierte dabei ein Plakat des Klosters Marienfelde im Schaukasten der theologischen Fakultät, welches mir seinerzeit, direkt nach dem mündlichen Examen, beim Verlassen des Gebäudes ins Auge gefallen war: »Ora et labora – eine Woche der Sinnfindung«.

Sinnfindung – genau das war ja immer noch mein Problem!

Die Suche nach der Traumfrau und auch das Beten darum hatte ich übrigens schon seit längerem aufgegeben, und so suchte ich eines frostigen Wintertages im März, ohne große Hoffnung auf Sinnfindung, dafür aber mit meinem Lieblingsroman: »Mordsache ‚dünner Mann’« im Gepäck, Zuflucht hinter den dicken Klostermauern von Marienfelde.

War gar nicht so leicht, dorthin zu finden. Ich musste mehrere Anläufe unternehmen und kam mir vor wie die Hauptperson in einem Roman von Kafka.

Aber dann war’s endlich geschafft. Nun flugs aufs Zimmer, noch etwas frisch gemacht und die Klamotten gewechselt – und dann zur ersten von gefühlten tausend Vorstellungsrunden.

Mein Gott, in was für eine »Trauergemeinde« war ich denn da geraten: Schwarz dominierte dermaßen, dass man glauben konnte, der Raum sei abgedunkelt worden. Echt »kafkaesk«!

Ich war so ziemlich der Einzige, der modisch auf helle, freundliche Farben gesetzt hatte und mich nun, wie ich befürchtete, in der Außenseiterrolle wiederfand.

Doch dann geschah das Wunder von Marienfelde, und zwar exklusiv für mich: Eine bildschöne junge Frau, ganz in Weiß, mit strahlenden Augen und geheimnisvollem Lächeln, betrat den Seminarraum und »swingte« zum letzten freien Platz, genau mir gegenüber. »Das muss eine moderne Marien-Erscheinung sein«, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf, doch es sollte noch viel besser für mich kommen. Erstens war dieses bezaubernde, engelgleiche, mit natürlichem Charme nur so um sich sprühende Wesen völlig real und, dem Himmel sei Dank, aus Fleisch und Blut!

Und zweitens, das hat mich dann echt vom Stuhl gehauen, hieß dieser Wirklichkeit gewordene Traum von einer Frau doch tatsächlich: NORA!!! Welch ein Wahnsinn!

Weißt du noch, wie der Kursleiter, Pater Anselm, mich sorgenvoll fragte, ob es mir nicht gut gehe, weil ich vom Stuhl gekippt war? Mann, um nicht zu sagen: Mönch, war das peinlich! Ich erwiderte dann, mir sei »schwarz« vor Augen geworden (erschien mir logisch bei der tristen Teilnehmerschar!), es gehe aber schon wieder besser.

Was für eine Untertreibung! Es ging mir sogar bestens, so wie noch nie in meinem Leben! Ich hatte meine Traumfrau gefunden, und das zu einem Zeitpunkt, als ich mich bereits mit einem in Mode kommenden Single-Dasein abgefunden hatte!

Ach Nora, was waren das für herrliche Tage und Nächte, die dann folgten, zumal das Thema Sinnfindung nun für uns beide keines mehr war. Nick und Nora hatten ihren Sinn des Lebens gefunden! Nun lautete unser ganz persönliches Kurs-Motto:

»Ora et labora – mit Nick und Nora«!

Wir arbeiteten zusammen, wir beteten zusammen und genossen unsere Zweisamkeit, am liebsten in Einsamkeit.

Wie haben wir gelacht, als du den »Dünner Mann«- Roman auf meinem Bett erblickt hattest und wir uns dann gegenseitig als Nick und Nora Charles-Fans »outeten«.

Mein Gott Nora – was für eine Übereinstimmung zwischen uns!

Ich weiß noch, wie du mir eines Morgens, in aller Herrgottsfrühe, in der Klosterkapelle während des Laudes-Gebetes zugeflüstert hast: »Nick, du bist mein Amor.« Ich entgegnete dir dann ungefähr einen Psalm später:

»Und du süße Nora, bist meine Aurora, meine Morgenröte!«

Es war uns dann aber mehr nach Sonnenfinsternis zumute, als der Tag des Abschieds kam. Wie haben wir da zusammen geheult! Schon abends zuvor im Weinkeller – »nomen est omen« – brachen sich die ersten Tränen Bahn. Das waren die bisher schrecklichsten Stunden meines Lebens. Es wundert mich noch heute, dass ich auf der Rückfahrt nach Würzburg keinen Unfall gebaut habe – es war der reinste Höllenritt!

Nach der unvermeidbar letzten Umarmung und dem viel zu früh endenden Abschiedskuss habe ich dir zum Trost noch ein kleines Gedicht geschenkt. Ich hatte es tags zuvor verfasst, während des Küchendienstes, den Schwester Maria mir dankenswerterweise für die Zeit meiner kreativen Schaffenspause abnahm. Das Gedicht lautet:

»Amora«

Nick ist Amor, und Nora ist Aurora

Und wenn beide verschmelzen

Dann sind sie: »Amora«!

Heute hängt dieses Mini-Poem, dessen Titel auch unserem zweiten Zuhause in München den Namen gab, hübsch eingerahmt über unserem gemeinsamen Schreibtisch im Arbeitszimmer.

Nachdem ich – aus dem Paradies vertrieben – wieder in der kalten Wirklichkeit Würzburgs angekommen und doch nicht angekommen war(in Gedanken war ich ja bei dir!), begann für mich die Zeit des Fegefeuers:

Ich musste die Trennung von Dir verkraften und zudem die bohrenden Fragen meiner Eltern bezüglich meiner zukünftigen Lebens- und Berufsplanung über mich ergehen lassen. Was mich irgendwie am Leben hielt und immer wieder aufrichtete, waren weniger die tröstenden Worte der Krankenschwestern in der Quarantänestation des Würzburger Uniklinikums, als ich, wie du ja sorgenvoll mitbekommen hast, mit einer schweren Grippe zu kämpfen hatte. Nein, es waren vielmehr deine erotisch angehauchten Liebesbriefe, die meinen Selbsterhaltungstrieb reanimierten – übrigens: nicht nur den!

Kaum wieder auf den Beinen, nahm ich zunächst meine Kellnertätigkeit wieder auf, und zwar ganztags. Nebenher jedoch bewarb ich mich in München um einen Job im schreibenden Gewerbe: Redaktionen, Verlage, Werbeagenturen waren meine Adressaten. Den Rest kennst du ja: Nach exakt einem Vorstellungsgespräch bekam ich die Chance, bei einer renommierten Werbeagentur als Juniortexter zu debütieren. Was so vielversprechend begonnen hatte, fand tatsächlich sein »Happy End«. Die hässliche Hochhaussiedlung, in der wir nun wohnten, konnte einen zwar in tiefe Depressionen stürzen, aber nicht uns beide. Wir waren überglücklich, endlich vereint zu sein – Nick und Nora in »Amora«!

Bussi,

dein Nick

P.S.: Bin gespannt auf deinen nächsten Brief!

Amora, den 22.11.2010

Geliebter Nick,

ich habe mich echt gefreut, wie ein Schnitzel in der Pfanne, als ich die erste Hauspost von dir bekam.

Danke auch für deinen süßen Gruß. Ich fürchte, bei mir beschwert die verführerische Marzipanpraline eher den Hüftspeck als den Brief. Ich muss zugeben, ich habe heute kalorienmäßig schon gesündigt. Du weißt, ich hatte mein monatliches Frauentreffen. Diesmal waren wir bei Mona eingeladen und die backt immer so superleckere Kuchen, da kann ich einfach nicht widerstehen. Heike hat uns wieder den ganzen Nachmittag von ihrem »Ex« vorgejammert, einfach schrecklich der Typ. Also wenn ich diesen ganzen Beziehungsstress der anderen so höre, ist es mir fast peinlich, dass wir nach über 25 Jahren noch so glücklich wie am ersten Tag miteinander sind. Wir hatten aber auch einige Klippen zu umschiffen, bis wir endlich im Hafen der Ehe vor Anker gehen durften.

Ich konnte mir damals bildlich vorstellen, wie deinen Eltern buchstäblich die Kinnlade heruntergeklappt ist, als sie realisieren mussten, dass aus ihrem geliebten Sohn weder ein Priester – tja, eine Privataudienz beim Papst, das wäre was gewesen – noch ein Lehrer am Gymnasium werden würde.

Was für ein Teufel war nur in dich gefahren, dass du ihren Wunschvorstellungen so eine Abfuhr erteiltest?

Ein windiger »Schreiberling« ist doch nichts wert, damit kann man als Eltern nicht viel Staat machen, und dazu noch eine Schwiegertochter – das war der reinste Staatsbankrott!

Kein Wunder, dass dich dieser Stress flachgelegt hat und du dir eine Auszeit im Krankenhaus nehmen musstest. Du hast es sicher nur der Fürsprache deiner schrulligen, aber liebenswerten Tante Hella zu verdanken, dass deine Eltern dich damals nicht enterbten.

Meine Erzeuger haben auch nicht gerade die große Lobes- und Dankeshymne angestimmt, als ich ihnen meine Zukunftspläne mitteilte. Zuerst waren sie noch euphorisch, als ich, die verlorene Tochter, mit Sack und Pack wieder vor ihrer Haustüre stand, aber dann ging es mit den Schimpftiraden auch schon los. Sätze, wie »Und dafür haben wir dich all die Jahre studieren lassen«, wobei sie mich doch förmlich zum Studium gedrängt hatten, musste ich mir ständig anhören. Beliebt war auch:»Du hättest doch besser Theologie studieren sollen, Pastoralreferentin wäre der ideale Beruf für dich gewesen!« Diesen Spruch hatten sie drauf, seitdem ich in unserer Pfarrgemeinde für drei Jahre die Kinder- und Jugendgruppe geleitet hatte und während dieser Zeit auch noch im Pfarrgemeinderat vertreten war.

Auch mit der Wahl meines zukünftigen Ehemanns hatten sie ihre Probleme. Warum warst du kein berühmter Arzt oder wenigstens ein anerkannter Staatsanwalt? Der einzige Trost für sie war, dass ihre Tochter keine alte Jungfer werden würde und sie so vielleicht in den Genuss einiger Enkelkinder kommen könnten.

Unsere Hochzeit hatten wir ursprünglich als Traumhochzeit à la Lady Di und Prinz Charles geplant, schließlich sind wir füreinander auch Prinz und Prinzessin. Wie im Märchen träumten wir von einer 8-spännigen weißen Kutsche, einem diamantbesetzten Brautkleid mit 10 Meter langer Schleppe, mindestens sechs kleinen süßen Brautmädchen, einem Meer von weißen und roten Rosen und einem prächtigen Schloss, in dem die Feier stattfinden sollte.

In der Realität hätte dies allerdings nicht so recht zu unserem Kloster Marienfelde und Pater Anselm gepasst.

So haben wir uns entschieden, im kleinsten Kreis, also nur mit Pater Anselm und Schwester Maria als Trauzeugin – die hilfsbereite Nonne aus der Küche – in der wunderbaren Klosterkapelle zu heiraten.

Unsere Eltern und die übrige »bucklige Verwandtschaft« wollten wir, nach all dem Zirkus, am schönsten Tag unseres Lebens nicht dabei haben.

Wir haben sie mit dem Versprechen vertröstet, irgendwann mal eine kleine Nachfeier zu veranstalten.

Die Trauungszeremonie wird uns wohl ewig in Erinnerung bleiben. Vor Aufregung hast du mich mehrmals hintereinander »Aurora« genannt, so dass Pater Anselm ganz verwirrt seinen Notizzettel noch mal von vorne bis hinten nach dem richtigen Namen durchgeforstet hat.

Beim Austausch der Ringe hatte ich so zittrige Hände, dass mir dein Ring auf den Boden gefallen ist. Er hüpfte mit einem »Kling« auf und davon.

Schwester Maria hat sich aufopfernd auf die Suche gemacht und ist auf allen vieren durch die Kapelle gerutscht.

Unter der Kniebank der hintersten Reihe hat sie ihn dann endlich erwischt.

Wir sind dabei am Altar fast an unserem unterdrückten Lachen erstickt. Glücklicherweise hat unsere liebe Trauzeugin nichts davon mitbekommen, jedenfalls hat sie beim Schluss-Segen richtig herzzerreißend geweint und uns anschließend, als wären wir ihre eigenen Kinder, schluchzend an ihre voluminöse Brust gedrückt.

Nach einer champagnerseligen, wundervollen Hochzeitsnacht in einem nahegelegenen Romantikhotel sind wir am nächsten Tag, mit kurzem Zwischenstopp zu Hause, in die Flitterwochen gestartet. Dies sollte unsere erste gemeinsame Tour werden – hoffentlich keine Tortur!

Als Ziel hatten wir uns, wie könnte es auch anders sein, Paris, die Stadt der Liebe, ausgesucht. Mangels Kleingeld, und weil so eine lange Fahrt auch viel abwechslungsreicher ist, fuhren wir mit der Bahn. Was sind schon neun Stunden in einem schwankenden, stickigen, völlig überfüllten Zugabteil mit unbequemen Sitzen, nach Knoblauch stinkenden oder schnarchenden Mitreisenden und kreischenden Kindern, wenn man frisch verliebt ist.

In der französischen Hauptstadt angekommen, fühlten wir uns, als wären wir in 80 Tagen um die Welt gereist. Die Fahrt mit dem Taxi zum Hotel war das nächste Highlight. Ich weiß noch, dass wir schon nach einem Zettel kramten, um unser Testament zu machen, aber dann sind wir, welch ein Wunder, doch unfallfrei vor unserem Quartier gelandet.

Das gebuchte Hotelzimmer hatte zwar die Größe einer Sardinenbüchse, und das Bett war so klein wie ein Kinderbett, doch was macht das schon, wenn man sich auf Hochzeitsreise befindet.

Abgesehen von der schäbigen Unterkunft war unser Aufenthalt in Paris einfach traumhaft. Du denkst sicher auch noch gerne daran zurück. Tagsüber haben wir uns die Schuhsohlen durchgelaufen, von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Ich weiß schon gar nicht mehr, was wir alles gesehen haben. Du wolltest jedenfalls unbedingt auf den Eiffelturm hinauffahren. Wir haben uns stundenlang in der Schlange an der Kasse angestellt, und als wir endlich an der Reihe waren, bist du plötzlich ganz bleich geworden, denn dein Portemonnaie war restlos leer.

Du hast der Dame im Kassenhäuschen irgendwas von einem Überfall erzählt und gefragt, ob denn ein frisch vermähltes Paar nicht ein paar Freikarten bekommen könnte. Dein umwerfender Charme, oder lag es doch eher an deinem Schulfranzösisch, hat bei dem »alten Drachen« jedenfalls keinen Eindruck gemacht.

Die Ursache für die Ebbe in deinem Geldbeutel war natürlich nicht ein Diebstahl, sondern mein ausgiebiger Einkaufsbummel im berühmten »Lafayette«. Du hattest schon Blasen an den Füßen und deshalb in einer netten Sofa-Ecke Zuflucht gesucht, während ich die Schätze des Konsumtempels inspizierte. An dem todschicken Seidentuch mit »Paris-Motiv« konnte ich einfach nicht vorübergehen, und die ausgeflippte Krawatte war wie für dich gemacht.

Leider war ich im Kopfrechnen noch nie so gut und die Preise doch ziemlich gesalzen. Die Verkäuferin war sogar so lieb, mir ein paar Francs nachzulassen. Ich hab ihr erzählt, die Krawatte wäre mein Hochzeitsgeschenk für dich, sonst hätte ich noch Schulden machen müssen.

Nach einer »Beichte« meinerseits und einem dicken Versöhnungskuss haben wir uns dann auf den Weg zurück ins Hotel gemacht, um unser Geld aufzufüllen und die erworbenen Souvenirs in Sicherheit zu bringen.

Beim zweiten Anlauf Richtung Eiffelturm hat uns dann das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Als wir zwei Tage später wieder vor dem Kassenhäuschen standen, ging ein richtiger Wolkenbruch hernieder und wir flüchteten uns ins nächste Café. Wir haben dann ein paar Fotos vom berühmtesten Turm Frankreichs gemacht und uns vorgenommen, irgendwann mal wieder herzukommen und die Fahrt nach »oben« nachzuholen.

Die Nächte in Paris waren immer besonders schön. Wir saßen in romantischen Bistros, schlürften herrlichen Rotwein, naschten französische Spezialitäten und genossen ausgiebig das einmalige Flair dieser Weltstadt. Den absoluten Höhepunkt unserer Reise sollten wir jedoch am letzten Abend erleben – bei einem Besuch im weltberühmten »Moulin Rouge«!

Dank deiner lieben Tante Hella, die zur Hochzeit einen großzügigen Scheck geschickt hatte, konnten wir uns diesen Luxus leisten. Es war ein einmaliges, unvergessliches Erlebnis. Wir fühlten uns wie in die dreißiger Jahre zurückversetzt und waren in Gedanken vereint mit Nick und Nora Charles. Voller Vorfreude auf ein atemberaubendes, spritzig-erotisches Bühnenspektakel betraten wir den prachtvollen, im Stil der Belle Epoque ausstaffierten und in warmes Rot getauchten Cabaret-Saal und nahmen an dem uns zugewiesenen Tisch Platz. Die Kellner waren im Frack und bedienten uns sehr zuvorkommend mit einer Verbeugung.

Wir schwelgten gerade in einer anderen Sphäre, da huschte etwas an meinem Bein vorbei unter unseren Tisch. Ich traute meinen Augen kaum, es war eine ausgewachsene graue Maus.

Ich konnte nicht mehr an mich halten und stieß einen spitzen Schrei aus, der jeder Theaterdiva würdig gewesen wäre.

Die Gäste um uns herum sahen mich entsetzt an, und die Kellner liefen alle gleichzeitig herbei. Ein Glück, dass mein Französisch etwas holprig klang und somit nicht das ganze Publikum den Grund meiner Aufregung verstand.

Du hast erst mal mich, dann die aufgescheuchten Kellner sowie den herbeigeeilten Manager beruhigt. In deiner coolen, lässigen Art hast du dann sehr erfolgreich mit den Herren verhandelt. Wir wurden zum besten Tisch mit direktem Blick zur Bühne gebeten, bekamen eine exquisite Flasche Champagner, das aktuelle Programmheft und ein hübsches Opernglas gratis. Was so eine kleine Maus alles bewirken kann. Wir mussten uns beherrschen, nicht lauthals loszulachen, und hatten für den Rest des Abends ein seliges Grinsen im Gesicht!

Mit uns war es eben von Anfang an nicht eintönig. Ich bin mal gespannt, welche Anekdoten du noch von unseren Flitterwochen gespeichert hast. So, nun muss ich aufhören. Wie du weißt, beginnt in einer halben Stunde mein Gymnastikkurs. Ich wollte eigentlich schwänzen, aber nach der Kuchenschlacht heute Nachmittag muss ich dringend was für meine Figur tun. Ich liebe dich!

Bussi,

deine Nora

Amora, den 24.11.2010

Geliebte Nora,

»waahouw« – was für ein Empfang, dabei war ich doch nur für einen Tag in Stuttgart! Erst die herzliche Begrüßung samt inniger Umarmung an der Haustür und anschließend dieses köstliche Abendessen auf italienische Art: Minestrone, Tagliatelle al salmone und zum Dessert Tiramisu.

»Mille grazie, Liebling, ich bin dir echt dankbar!«

Gemüsesuppe, Lachsnudeln und kalorienfreundlicher Nachtisch waren allererste Sahne. Kompliment an den Pizza-Service! Sollten wir den nicht auch an Weihnachten einschalten?

Aber damit nicht genug – »getoppt« wurde dieser muntere Mix gelungener Überraschungen noch durch einen wahren Augenschmaus, nämlich deinen bezaubernden Brief, den ich gerade mit optischem Heißhunger verschlungen habe!

Visuelle Übelkeit hingegen verursachte mir während meiner Geschäftsreise der Stuttgarter Hauptbahnhof – der sieht vielleicht runtergekommen aus. Ich fürchte, wenn kein Wunder geschieht, wird er wohl bald ganz unter der Erde liegen.

Bereits jetzt schon »unterirdisch« war in der Schwabenmetropole allerdings das Mittagessen, zu dem mich meine Auftraggeber eingeladen hatten: Man hätte die »Maultaschen in der Brühe« besser umbenennen sollen in »klumpig-kleines Inselpaar im großen Salzsee«! Zurück in die Küche damit! Selbst meine Stuttgarter Geschäftspartner machten mit diesem Teller-Gericht kurzen Prozess und verweigerten die Nahrungsaufnahme.

Dafür nahmen die Herren mit großer Zustimmung die von unserer Agentur erstellte Imagebroschüre über ihr Unternehmen auf – und das mit leerem Magen!

Ebenfalls mit leerem Magen, zugleich aber vollauf zufrieden, trat ich per Bahn die Heimreise an und freute mich schon auf ein paar »Wienerle« im Bordbistro.

Wie ein Schlag in den hohlen Bauch und ohne jede Vorwarnung traf mich daher die abrupte LautsprecherDurchsage, dass sich in diesem Zug heute ausnahmsweise kein Bistro befindet.

Jetzt weißt du auch, warum ich mich eben mit solchem Heißhunger aufs italienische Abendmahl gestürzt habe!

Und dann, quasi als Sahnehäubchen, noch dieser süße Brief, der sogar das gehaltvolle Tiramisu um Längen übertrifft!

Apropos Tiramisu – habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass dies auch ein Lieblingsdessert von Tante Hella ist? Schon allein beim Anblick solch einer Süßspeise ist sie wie von Sinnen und vergisst völlig ihren Cholesterinspiegel!

Die gute Tante Hella »us Kölle« – ohne sie und ihren kölschen Humor wäre das Verhältnis zu meinen Eltern wohl endgültig in die Brüche gegangen. »Jeder Jeck es anders«, lautete das Motto, mit dem sie erste Schlichtungsversuche zwischen ihnen und mir unternahm.

Hinzu kam der segensreiche Vorschlag, sie sollten doch eine Wallfahrt unternehmen, um für mein Lebensglück zu beten, aber vor allem auch um die Einsicht, mich endlich loszulassen und den Weg, den ich beruflich und privat einschlagen wollte, ohne Wenn und Aber zu akzeptieren.

Und so fuhren meine Eltern tatsächlich los: nach Lourdes!

Die Reise war von der Pfarrgemeinde aus organisiert worden und fand genau zu dem Zeitpunkt statt, als wir beide uns nach Marienfelde aufmachten, um zu heiraten!

Nun begann also endlich unser Hochzeits-Abenteuer, mit dem Titel: »Trausache dünner Mönch«!

Pater Anselm war in der Tat sehr hager und obendrein über zwei Meter lang. Ich glaube, der konnte bei klarer Sicht von Marienfelde aus die Zugspitze sehen!

Ich weiß noch, wie sehr er sich freute, als wir ihn einige Wochen zuvor besucht hatten, um ihn zu fragen, ob er uns trauen wolle. »Wenn ihr euch traut, dann trau ich euch!«, hat er in seiner humorvollen Art geantwortet.

Mein Gott, was war ich vor der Trauung nervös! Während du dich in dein hinreißendes Brautkleid zwängtest und gedankenverloren: »Ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß« summtest, bin ich fluchtartig aus dem Zimmer gestürmt, durch endlos lange Gänge geschwirrt und zielsicher an der Hotelbar gelandet, um meinen Bienenschwarm von Gedanken halbwegs im Korb, ich meine im Zaum zu halten!

Und weil ich an meinem Hochzeitstag nicht geizig sein wollte, habe ich rasch zwei doppelte »Scotch« runtergekippt, einen für mich und stellvertretend einen für dich. Nun hatte ich Ruhe im Kopf und Swing in den Hüften. Leicht, locker und beschwingt – nein, nicht beschwipst! – habe ich dich zum Trau-Altar in die romantische Klosterkapelle geleitet, wo Pater Anselm uns bereits mit strahlendem Lächeln erwartete. Selbst die Sonne strahlte an diesem Tag und blinzelte uns durch die schmalen Kirchenfenster zu – besonders mich schien sie zu mögen!

Was die Trauzeremonie selbst anbelangt, so verlief eigentlich alles wie erwartet – chaotisch eben!

Warum musste die »liebe Sonne« mich auch so penetrant und unliebsam angrienen? Dauernd kam mir das »Amora«-Gedicht in den Sinn, und so habe ich unsinnigerweise mehrmals hintereinander beim Trauspruch »Aurora« statt Nora geflüstert. Armer Pater Anselm! »Mea culpa, mea culpa …«!

Meine whiskygeschwängerten Gedanken hatten sich während des Trau-Ritus ebenso verselbstständigt, wie, einige Minuten später, der Ehering, den du mir hättest anstecken sollen und der sich nun ein schattiges Plätzchen in der hintersten Reihe suchte. Nur gut, dass wir in einer Kapelle und nicht in einem kilometerlangen Dom heirateten!

Mühsam fing unsere Trauzeugin, gelobt seist du Maria, den kleinen Ausreißer wieder ein, so dass wir dann alle nach dem abschließenden Segen, je nach Gefühlslage, entweder froh und erleichtert oder ergriffenschluchzend »Oh happy day« anstimmen konnten.

»Oh happy night« habe ich dann den ganzen nächsten Tag gesungen, so überwältigt, so glückselig und freudetrunken war ich immer noch von unserer wundervollen Hochzeitsnacht – da gibt es einfach keine Worte für!

Nur gut, dass die Hotel-Suite schalldichte Fenster und Türen aufwies, die Matratze der Dauerbelastung standhielt und die Getränkebar, dem Anlass entsprechend, vorsichtshalber auch »Herztropfen« im reichlichen Angebot hatte!

Aber auch Schwester Maria hüpfte vor Freude das Herz, als wir ihr die Sonderspende für die Klosterküche, kurz vor unserer Abreise nach Hause, mit einem herzlichen »Vergelt’s Gott« überreichten.

Von München aus – wir hatten gerade noch Zeit, unsere Hochzeits- gegen die Urlaubsklamotten einzutauschen – starteten wir dann noch am selben Tage Richtung Paris, wo bereits die nächsten »happy days« auf uns warten sollten.

Tage voller Unbeschwertheit, voller Liebe und Amüsements!

Weniger »amused«, pardon: amüsiert, war ich allerdings an dem Tag, als ich am Kassenhäuschen unterm Eiffelturm meine Geldbörse öffnete und wie ein Buddha ins Leere blickte.

Statt nun auf das Wahrzeichen der Stadt raufzufahren, mussten wir, das konnte doch wohl nicht wahr sein, runter in die überfüllte Métro und zum Hotel zurück, um unsere Finanzen wieder aufzubessern!

Zugegeben: Die verführerischen Auslagen im Konsumtempel Lafayette können einem schwachen Weibe wie dir, Liebling, schon mal die Scheine aus der Tasche locken.

Und wenn es sich dann auch noch um ein Hochzeitsgeschenk für den frisch angetrauten Gatten handelt, welches letztendlich für die Ebbe im Portemonnaie verantwortlich war, ja dann kann man die Ehefrau wirklich nur noch um Vergebung für das eigene Unverständnis bitten: »Pardon Chérie, tut mir leid!«

Mit deinem Hochzeitspräsent um den Hals, eine sogar heute noch für Furore sorgende schwarze Seidenkrawatte mit silbernem Eiffelturmmotiv, bin ich dann an deiner Seite ins »Moulin Rouge« stolziert. Der uns angebotene Tisch war zwar nicht der totale »Brüller« – ich saß fast mit dem Rücken zur Bühne –, aber fürs Brüllen warst du ja zuständig!

Die Sache mit der Maus war jedenfalls absolut bühnenreif und für uns in jeder Hinsicht ein überwältigender Erfolg.

Seltsamerweise hatte dieses ominöse Nagetier niemand sonst zu Gesicht bekommen außer dir.

Dennoch waren die Kellner und ihr Oberboss außer sich und versuchten alles, um die »Viecherei« nicht vollends publik werden zu lassen.

Man geleitete uns beide an einen der schönsten Tische des Hauses und bat uns eindringlich, Stillschweigen über den Zwischenfall zu bewahren. »Aber ja doch, machen wir!«

Wir verhielten uns nun mucksmäuschenstill, genossen die uns entgegengebrachte Vorzugsbehandlung in Form diverser Gratisleistungen und erlebten einen unvergesslichen Abend mit einer fantastischen Bühnenshow – Maus sei Dank!

Wenn wir das nächste Mal nach Paris fahren, Liebling, dann bringst du die Maus-Nummer im »Lido«, abgemacht?

Wieder daheim in München, mussten wir zunächst die recht überschaubare Glückwunsch-Post sichten, angefangen bei deinen und meinen Eltern, über Tante Hella bis hin zu den Kolleginnen und Kollegen meiner Agentur und deiner Immobilienfirma.

Ausgerechnet diese letztgenannte Glückwunschkarte überraschte uns mit einer geradezu sensationellen Neuigkeit:

Deine Chefin machte uns das Angebot, ab kommendem Monat eine geräumige Penthouse-Wohnung in Schwabing zu beziehen!

Logischerweise haben wir uns gleich am nächsten Tag die »Hütte« angeschaut und, aufgrund der idealen Raumaufteilung sowie der Top-Lage, begeistert zugegriffen.

Allerdings hat uns die Höhe der Miete weniger begeistert, aber nach Rücksprache mit Tante Hella, deren verstorbener Mann, mein Onkel Heinz, ihr ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hatte, wurde auch dieses Problem gelöst.

Wir waren zwar nicht auf den Eiffelturm gekommen, doch dafür thronten wir jetzt über den Dächern von München, in unserem endgültigen »Amora«!

Welch ein Aufstieg – Nora und Nick Marchant waren am Ziel ihrer Träume angekommen!

Sagen wir lieber fast angekommen, denn wie ihre berühmten Vorbilder Nora und Nick Charles wollten sie sich nun einen letzten Traum erfüllen – den Traum von einer eigenen Familie. Aber bitte ohne Hund, wegen meiner Allergie!

Du bist dran, Frau Marchant!

Bussi,

dein Nick

Amora, den 26.11.2010

Hallo Nick, mein Süßer,

ich hatte einen furchtbaren Vormittag. Meine neuen Kunden, ein junges Schickimicki-Ehepaar, haben mich schier in den Wahnsinn getrieben. Sie, eine aufgebrezelte Tussi ohne Verstand, und er ein eingebildeter, besserwisserischer Schnösel mit zentimeterdicker Pomade im Haar. Diese zwei Hübschen suchen nun die schnuckelige kleine Villa mit jedem erdenklichen luxuriösen Schnickschnack, am besten mitten in der Stadt, aber doch im Grünen, zum Schnäppchenpreis wie im Billig-Discounter. Ich musste die Zähne zusammenbeißen, schön höflich bleiben und lächeln und darf nun quasi alle leerstehenden Häuser in München und Umgebung abklappern. Meine Chefin hat Angst, ein paar potenzielle Kunden zu verlieren, und die hübsche Provision, die ich schon für einen neuen Wintermantel eingeplant habe, wäre auch weg.

Ich brauch jetzt erst mal eine schöne Tasse Kaffee und was zum Naschen dazu. Selbstverständlich habe ich dabei an dich gedacht, mein Süßer, aber du hast schon dein »Nick in wichtiger Mission, bitte nicht stören!« – Schild an die Arbeitszimmertür gehängt. Wahrscheinlich solltest du gestern schon einen Text abgeben für ein Produkt, das heute erst erfunden wurde.

Weißt du noch, als Lukas und Leonie klein waren, da hast du die Tür immer mit bunten Punkten gekennzeichnet. Rot stand für »Achtung, bei Eintritt Lebensgefahr, Papa darf auf gar keinen Fall gestört werden, sonst gibt’s im nächsten Monat nur Brotsuppe zum Essen«. Grün hieß soviel wie »Papa relaxt gerade auf seinem kleinen Sofa und freut sich über jeden familiären Besuch«.

Auf jeden Fall darf und will ich nun deinen gedanklichen Erguss nicht unterbrechen und habe somit genug Zeit, dir auf deine Hauspost zu antworten. Heute Abend machen wir es uns aber richtig schön. Ich hab schon einen Tisch in unserem Lieblingsrestaurant reserviert. Nach deinem schrecklichen Lokal-Erlebnis in Stuttgart wird es dir dort doppelt gut schmecken. Anschließend können wir noch in die Cocktailbar gehen und hinterher … – na mal sehen, wie du drauf bist!

Wir hatten wirklich riesiges Glück und zwei gute Engel zur Seite, nämlich meine Chefin, mittlerweile Seniorchefin, und deine Tante, dass wir diese phantastische Wohnung, unser zweites »Amora«, mieten konnten.

Mit den Tücken des Alltags bzw. des Haushalts hatten wir allerdings allein zu kämpfen. Nach einigen Wochen hatten deine weißen Hemden alle einen gewissen Rotoder Blauschimmer angenommen. Meine T-Shirts waren zum Teil auf Kindergröße geschrumpft, und die meisten Sockenpaare sind zum Einzelgänger geworden.

Unsere ersten Kochversuche kosteten uns etliche Flaschen Kräuterlikör und Magentropfen. Meine Spaghetti bolognese liegen uns gedanklich heute noch schwer im Magen. Die Nudeln waren matschig und geschmacklos, die Hackfleischsoße dagegen extra scharf gewürzt. Nachdem wir mühsam ein paar Gabeln voll hinuntergewürgt hatten, haben wir eine ganze Kiste Mineralwasser geleert. Am darauffolgenden Abend wolltest du mich mit Steak und Salat überraschen. Leider hatte ich mich etwas verspätet und so konnten wir das Fleisch am nächsten Tag als Frisbeescheibe verwenden. Der Salat war auch nicht mehr zu retten, er ist in deiner sauren Essig-Öl-Marinade förmlich ertrunken. Daraufhin haben wir uns verschiedene Kochbücher zugelegt, und zudem konnte ich meiner Mutter ein paar Küchentipps entlocken, immerhin ist sie gelernte Köchin. Inzwischen sind wir so fit, dass wir locker bei einer der zahlreichen Kochshows im Fernsehen, die neuerdings wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, mitwirken könnten. Jeden Tag läuft auf jedem Programm so ein »Herd-Highlight« mit echten oder selbsternannten Starköchen. In einer klinisch sauberen Studioküche, mit strahlend weißen Kitteln und Schürzen bekleidet, bereiten sie exotische Menüs mit unaussprechlichen Namen zu und verwenden dabei Zutaten, die höchstens der teuerste Delikatesswarenladen führt. Da sind mir meine Tagliatelle mit Lachs – von wegen Pizza-Service, nur das Tiramisu war gekauft! – doch wesentlich lieber.

An den Wochenenden dagegen blieb die Küche daheim kalt. Unser Lieblings-Italiener hat uns dann regelmäßig mit kulinarischen Köstlichkeiten, z.B. Thunfischsalat als Vorspeise und Tiramisu als Nachtisch, verwöhnt. Schade, dass Alfonso vor drei Jahren seine Trattoria zugemacht hat, nachdem seine Frau bei Nacht und Nebel mit einem Jüngeren abgedampft ist.

Nach einem genussvollen Mahl stürzten wir uns dann ins Nachtleben. Damals kannten wir jede Bar und Musikkneipe in und um München. Wir waren überall bekannt wie die bunten Hunde und kamen oft erst zum Frühstück nach Hause.

Mit der Zeit hat das wilde Leben seinen Reiz verloren. Wir hatten langsam den Wunsch, aus unserer intimen Zweisamkeit eine kleine Familie zu machen. Haustiere waren dabei von Anfang an wegen deiner Allergie, aber auch mangels »Tiersitter« in der Urlaubszeit, kein Thema.

Kurz und gut, nach ein paar Monaten war ich schwanger und unsere Freude darüber riesig. Liebenswerterweise, vielleicht auch aus Neugier, hast du mich zum Arzt begleitet. Während des Ultraschalls hat er dann plötzlich ausgerufen: »Das sind ja zwei! Sie bekommen Zwillinge!«

Er wollte dir eben noch das Bild erklären, als du mit einem leisen Seufzer ohnmächtig vom Stuhl gerutscht bist. Unter Mithilfe seiner Assistentin hat er dich auf die nächste Liege verfrachtet und dir einen kalten Waschlappen auf die Stirn gedrückt. Langsam hast du dich vom Schreck deiner doppelten Vaterschaft wieder erholt. Ich als Frau hab das eher praktisch gesehen, eine Schwangerschaft und gleich zwei Babys – am besten Nick und Nora junior –, das war doch mehr als perfekt! Seit der Geburt von Lukas und Leoni im April 1988 war Familie Marchant komplett. Die beiden Wonneproppen haben uns ganz schön auf Trab gehalten. In den ersten Wochen sind wir nur mit Sonnenbrille außer Haus gegangen. Die tiefen Augenringe, entstanden durch permanenten Schlafentzug, waren nicht so vorteilhaft. Glücklicherweise hattest du von deinem Chef Sonderurlaub bekommen, um mich tatkräftig zu unterstützen. Hilfe bekamen wir auch von Tante Hella, die, auch wenn sie keine eigenen Kinder hat, eine liebevolle mütterliche Art ausstrahlte. Sie ist öfter aus Köln angereist und hat für ein paar Tage unseren verlotterten Haushalt in Schuss gebracht. Meine ehemalige Studienkollegin Heike ist so manches Mal als Babysitter eingesprungen, wenn ich mit meinen Kräften am Ende war und Entspannung nötig hatte oder wir gemeinsam wenigstens eine Stunde allein zum Essen gehen wollten.

Die Taufe fand selbstverständlich in Marienfelde statt.

Als Paten hatten wir Tante Hella für Leonie, und meinen Cousin Thomas für Lukas ausgesucht. Thomas war als Kind mein liebster Spielgefährte gewesen und selbst als Erwachsene haben wir immer Telefonkontakt gehalten. Nach der Hochzeit hat er uns ein paar Mal besucht und du fandest ihn wirklich sehr sympathisch.

Auch unsere Eltern und die noch lebenden Großeltern – meine Oma Josephine sowie deine Opa Karl und Oma Inge – waren anlässlich der »feuchten Festlichkeit im Doppelpack« mit von der Partie. Die frischgebackenen Großeltern durften die anschließende Feier mit Übernachtung bezahlen, welche natürlich in dem Hotel stattfand, in dem wir unsere unvergessliche Hochzeitsnacht verbracht hatten.

Pater Anselm und Schwester Maria waren während der Tauffeier auffallend nervös, wahrscheinlich hatten sie noch die Pannen unserer Trauung im Kopf. Die Zeremonie verlief jedoch erstaunlich reibungslos, abgesehen von ein paar Schönheitsfehlern. Deine Tante konnte die Taufkerze nicht ruhig halten, und der Parkettboden der Kapelle sah hinterher wie ein Streuselkuchen aus, übersät mit Wachstropfen.

Thomas bekam auch sein Fett weg. Lukas, der kurz vorher noch sein Fläschchen leer getrunken hatte, hat wohl das ständige Wiegen nicht vertragen. Als sein Patenonkel ihn über das Taufbecken heben wollte, hat er ihm mit einem kräftigen Schwall Milch seinen dunklen Anzug extrem aufgehellt.

Das anschließende Festmahl fiel sehr feucht-fröhlich aus. Unsere Väter hatten es gut gemeint und gleichzeitig mehrere erlesene Flaschen Wein und Champagner bestellt. Weißt du noch, wie sie sich nach einigen Gläsern untergehakt haben und schunkelnd lauthals altbekannte Wein- und Trinklieder zum Besten gaben? Hella ist begeistert aufgesprungen, hat sich den verdutzten Thomas geschnappt und eine kesse Sohle aufs Parkett gelegt. Die Großmütter haben den ganzen Nachmittag und Abend selig verzückt ihre Enkelkinder geschaukelt und sich alte Storys über die Baby- und Kleinkindzeit ihrer eigenen Kinder – also Nick und Nora – erzählt. Wir haben uns köstlich amüsiert und jede Menge Fotos geschossen für unsere zwei Lieblinge.

Inzwischen sind wir wieder allein zu zweit in »Amora«. Unsere Zwillinge sind längst flügge und in die weite bzw. nähere Welt gezogen.

Leonie hat dein künstlerisches Talent geerbt. Sie hat sich schon als kleines Mädchen für Mode interessiert und mit Hingabe ihre Puppen und Barbies angekleidet. Später hat sie auf der alten Nähmaschine meiner Mutter selbstentworfene Kleider für sich selbst und auch für mich genäht.

Das Studium an der Akademie für Mode & Design ist genau das richtige für sie. Wir sind beide fast geplatzt vor Stolz, als wir erfuhren, dass unsere Tochter die Beste ihres Jahrgangs war und somit ein Stipendium fürs Ausland bekam. Ein Jahr darf sie nun in Paris das mondäne Reich der »Haute Couture« kennen lernen.

Hast du eigentlich schon ein passendes Hotel für uns gefunden? Wir wollten Leonie doch zu ihrem Geburtstag im April besuchen. Der Eiffelturm wartet immer noch auf uns. Es wäre schön, wenn Lukas auch mitfahren könnte. Witzigerweise studiert er ausgerechnet Jura, und noch dazu an der gleichen Uni wie ich damals. Er macht es bestimmt besser als seine Mutter, die nach drei Semestern das Handtuch geworfen hat. Ich glaube, es war auch gut für ihn, dass er vor einem Jahr mit zwei Studienkollegen in eine WG nach Giesing gezogen ist. Seitdem ist er viel selbstständiger geworden und jobbt sogar am Wochenende und in den Semesterferien in einem Bistrot, so ähnlich wie du damals.

Ich wundere mich immer, wie er bei all dem Stress noch Zeit für seine Freundin Sandra findet.

Nick, ich hab noch eine gute und eine schlechte Nachricht für dich. Zuerst die schlechte: Am Sonntag ist der erste Advent und somit beginnt, wie alle Jahre wieder, die »staade Zeit«. Das heißt Geschenke-Marathon in einer überfüllten Innenstadt, permanent schnulziges Weihnachtsliedergedudel in allen Kaufhäusern, und Glühwein mit Lebkuchen bis zum Erbrechen. Nun die gute Nachricht: Schon in vier Wochen haben wir das alles überstanden und freuen uns dann auf eine rauschende Silvesterparty.

»Huch«, schon so spät, ich muss mich noch umziehen und stylen. Du bist hoffentlich mit deinem Text über, was war es doch gleich, fertig geworden.

Ich hab jedenfalls einen Mordshunger, heute Mittag gab’s nur einen Joghurt für mich.

Bussi,

deine Nora

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
200 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783957442079
Właściciel praw:
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