Czytaj książkę: «Folgen einer Landpartie»
TatortOst
Folgen einer Landpartie
Ein historischer Halle-Krimi
von
Bernhard Spring
mitteldeutscher verlag
Bernhard Spring wurde 1983 in Merseburg geboren, wo er das Domgymnasium besuchte. Seit 2005 studiert er Literatur und Geschichte in Halle und Leipzig. Erste eigene Essays und Kurzprosa erschienen u. a. in den Altmark-Blättern und im Blättchen. Seit 2008 arbeitet Spring als freier Mitarbeiter der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien. Im selben Jahr wurde ihm der erste Literaturpreis des Landesheimatbundes Sachsen-Anhalt e. V. verliehen. Spring lebt in Halle.
Die Reihe »TatortOst« bietet fesselnde Regionalkrimis aus Deutschlands Osten. Ob historischer Kriminalroman oder Gegenwartskrimi: Von Dresden über Leipzig, durch die Altmark bis Berlin und an die Ostsee ziehen dunkle Verbrechen Liebhaber von Spannungsliteratur in ihren Bann.
Mehr im Internet unter www.tatortost.de
2010
© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)
www.mitteldeutscherverlag.de
Originalausgabe
Alle Rechte vorbehalten
Konzeption: Momo Evers
www.haus-der-sprache.de
Covergestaltung unter Verwendung zweier Fotografien von Franziska Berthold sowie Motiven aus der Postkartensammlung Gerth Kunstmann
Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)
ISBN 9783954621996
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Über den Autor
Impressum
Kapitel I.
Kapitel II.
Kapitel III.
Kapitel IV.
Kapitel V.
Kapitel VI.
Kapitel VII.
Kapitel VIII.
Kapitel IX.
Kapitel X.
Kapitel XI.
Kapitel XII.
Kapitel XIII.
Kapitel XIV.
Kapitel XV.
Kapitel XVI.
Kapitel XVII.
Kapitel XVIII.
Kapitel XIX.
Kapitel XX.
Kapitel XXI.
Kapitel XXII.
Kapitel XXIII.
Kapitel XXIV.
Kapitel XXV.
I.
Das Stück war elend langweilig.
Ein blindes, fast hilfloses Agieren auf der Bühne, das den angereisten Studenten im Parkett unruhig auf seinem Platz herumrutschen ließ. Dafür also hatte er den zweistündigen Ritt durch die Aue auf sich genommen, hatte die Landesgrenze passiert und sich durch die Schkopauer Wiesen geschlagen. Nur um sich die Frage zu stellen, was wohl schlimmer sei: das preußische Halle, das sämtliche Theater auf Druck der Frömmler geschlossen hatte, oder das altehrwürdige Merseburg im Sächsischen, das mit Inszenierungen dieser Art nur zu deutlich zeigte, wie viel Größe der ehemalige Bischofssitz inzwischen eingebüßt hatte.
Der junge Mann zupfte in Gedanken versunken und nur noch mäßig an dem Dargebotenen interessiert an seinen Pantalons und ließ hin und wieder den Blick durch die Reihen schweifen. Da saßen die faszinierten Merseburger, als würde ihnen hohe Kunst geboten, die nicht einmal auf Goethes Theater in Lauchstädt zu finden sei. Provinzielles Philistervolk! Selbst in Breslau wurde der Kotzebue anständiger gewürdigt.
Dabei hatte er bisher einen so positiven Eindruck von der Stadt bekommen. Mit heißer Schokolade und Kuchen hatte er sich nach dem unbequemen Ritt gestärkt, war anschließend durch die engen, gewundenen Gassen bis zu dem Domplatz gelangt, wo er mit Staunen diesen uralten Kirchbau betrachtet hatte. Solche Imposanz war in Halle nirgends oder höchstens vielleicht in der Marienkirche zu finden. Hier aber, im Dom zu Merseburg, hatte nicht nur Doktor Luther selbst von der reich verzierten Kanzel gepredigt, hier lag auch Kaiser Heinrich begraben, wie ihm ein gemieteter Führer versichert hatte. Zwischen all den teueren Reliquien der Heiligen, die in dem Dom ausgestellt worden waren, hatte ihn, den Fremden, nichts so sehr bewegt wie der katholische Altar, der die Reformation und das Ende des Bistums unbeschadet überstanden hatte. Dass er als Katholik in dieser protestantischen Region auf so alte Zeugnisse seines Glaubens gestoßen war, hatte einen Anflug von Heimweh in ihm aufkommen lassen. Doch im selben Moment schon hatte er über sich lächeln müssen, schließlich hatte er doch erst vor wenigen Wochen die Abgeschiedenheit des heimischen Schlosses Lubowitz gegen das wilde Studentenleben im unübersichtlichen, beengten Halle eingetauscht. Und wohnte er nicht Stube an Stube mit seinem Bruder Wilhelm, der sich auf so liebevolle Weise um den Jüngeren kümmerte, dass dieser ihm manchmal fast die größeren Lernerfolge verzieh? Heimweh, so dachte der junge Mann selbstkritisch, war mehr als unangebracht.
Dann hatte er in den Schlossgarten hinabgesehen, wo die Frühblüher entlang der Brunnen das Grün des Rasens aufhellten. Er hatte auch den Salon am Ende des Gartens erblickt, und als er erfahren hatte, dass man an diesem Nachmittag den großen August Friedrich Ferdinand Kotzebue geben würde, hatte er einfach dabei sein müssen.
Nun kämpfte er mit dem dringenden Wunsch, den Saal zu verlassen. Weder das Stück, noch das Publikum konnten ihn fesseln.
Lauter eintönige, hinlänglich entzückte, aber nichts verstehende Gesichter. Hier und da ein Kommilitone, der wie er einen schöner gedachten Nachmittag nun in Merseburg verlor. Der Rest war eine austauschbare, einfältige Masse.
Erst da erblickte er die Rothaarige. Ihre unter dem rüschenverzierten Kiepenhut hervorlugende griechische Frisur war der Mode um ein paar Jahre hinterher und auch ihre von der vor ihr Sitzenden verdeckte Kleidung würde ebenso wenig aktuell sein. Alles, was er davon sehen konnte, war der Kragen des Kleides, der verriet, dass sie dem städtischen Patriziat oder dem niederen Landadel des Umlandes angehörte. Dieser Stand pflegte seine althergebrachten Bräuche, die er sich nicht mehr leisten konnte. Politisch und wirtschaftlich hatte er längst ausgedient. Der junge Mann kannte die finanziellen Nöte des Landadels nur zu gut, schließlich entstammte auch er einer Familie mit solcherlei Sorgen.
Was ihn nun an dieser Person, von der er wenig mehr als das Gesicht sehen konnte, faszinierte, waren vor allem ihre Augen, die trotz der gespielten Konzentration ihres Gesichts verrieten, dass sie das dargebotene Lustspiel ebenso langweilig fand wie er. In ihr mussten zwei Seelen ruhen: die eine, die sich zu verstellen wusste und dieses kulturelle Martyrium über sich ergehen ließ. Und eine zweite schließlich, die sich nur in ihren Augen offenbarte und voller Leidenschaft und Ironie zu sein schien. Erstere war für eine gewöhnliche, spärlich begüterte Adelige durchaus gewöhnlich und uninteressant. Letztere hingegen, in ihrer hemmungslosen Ehrlichkeit, würde dieselbe Person unmöglich machen und ihr einen obszönen Ausdruck verleihen. Nur die Verbindung des anständigen, erzogenen und des geheimen, heißeren Temperaments bildete das Besondere, das der junge Mann in ihrem Gesicht angedeutet zu finden glaubte.
Aber er war tatsächlich jung, siebzehn Jahre zählte er erst, und abgesehen von einer gewissen Caroline Pitsch, seiner ersten, und zwei albernen Breslauer Gören nach ihr, die er sich mithilfe seiner Rhetorikstunden am katholischen Gymnasium hatte zu eigen machen können, war ihm das Wesen der Frauen nur aus romantischen Schmökereien bekannt. Vielleicht verfiel er aus diesem Grund der fixen Idee, jener Frau, die kaum älter als er sein dürfte, unbedingt vorgestellt werden zu müssen.
Aber leider kannte er in Merseburg niemanden, der ihm diesen Gefallen hätte erweisen können, und so wendete sich der junge Mann seufzend von dem Anblick des Fräuleins ab. Es war tatsächlich ein Jammer.
II.
Vor dem Salon kündete eine über wolkenfreiem Himmel strahlende Sonne einen angenehmen Mainachmittag an, sodass es viele Besucher nach dem Stück, dem wenig Applaus beschieden war, in das nahe liegende Kaffeehaus zog. Der junge Mann hingegen stand unschlüssig zwischen den Säulen des klassizistischen Baus und wusste nicht recht, ob er sich dem allgemeinen Sog anschließen sollte oder nicht. Er könnte auch durch den Park schlendern, vielleicht am Ufer der Saale entlang, oder auf direktem Weg über Schkopau und all die kleinen Dörfer zurück nach Halle reiten. Aber keine der Möglichkeiten schien ihn wirklich zu überzeugen. Hätte ihn doch nur sein Bruder begleitet, dann würde er nun nicht so verlassen herumstehen. Aber Wilhelm war zu bequem gewesen, um Halle zu verlassen und an einem so frühlingshaften Tag über die staubige Landstraße bis nach Merseburg zu reiten.
Inzwischen waren die meisten Theatergäste aus dem Salon getreten und hatten sich über den Park verstreut, führten Damen spazieren oder redeten bei Kuchen und leichtem Wein über das gesehene Schauspiel. Der junge Mann sah sich um und stellte fest, dass es einem anderen genauso ging wie ihm. Dieser Jemand, von strammer, wenn auch schlanker Statur, trat von einem Fuß auf den anderen und schien ganz offensichtlich auf jemanden zu warten. Als sich ihre Blicke kreuzten, nickte ihm der andere freundlich zu. Der junge Mann erwiderte den Gruß, und dadurch ermuntert, kam der Fremde auf ihn zu.
»Gestatten Sie, dass ich mich Ihnen so plump bekannt mache«, erklärte er ohne Umschweife und streckte dem jungen Mann die Hand entgegen. »Mein Name ist Heinrich von Botfeld.«
Froh über eine willkommene Unterhaltung ergriff der junge Mann die ihm dargebotene Hand und nannte nun auch seinen Namen: »Joseph von Eichendorff.«
»Verzeihen Sie, dass mir dieser Name nicht geläufig ist. Sie stammen nicht aus dieser Gegend?«
Eichendorff nannte den oberschlesischen Ort Lubowitz bei Ratibor und fügte, da dieser Botfeld unbekannt war, hinzu: »Mich hat das Studium hierher verschlagen.«
Damit war das Zauberwort gefallen, denn dort, wo sich junge Leute als Kommilitonen erkennen und noch dazu als solche derselben Fakultät, werden sie sich schnell vertrauter. So plauderten auch diese zwei Studenten bald ganz versonnen über den neuesten Roman August Heinrich Julius Lafontaines und den letzten Krawall in dem Gasthaus Drei Könige, wo sich ein Hallenser Bürger mit einem Studenten aus Stendal angelegt und ein blaues Auge kassiert hatte. Er hatte noch Glück gehabt, dass kein Degen gezogen worden war! Die Stadt Halle lag eindeutig in der Hand der Studenten, die aus aller Herren Länder hierher kamen, um zu lernen, vor allem aber auch, um fernab der Heimat in Ausgelassenheit und Freiheit zu leben. Die Bürger mochten sich über das haltlose Treiben der Studiosi mokieren, wie sie wollten. Zuletzt waren sie doch auf die jungen Herren angewiesen, denn seit dem schleppenden Niedergang der heimischen Wollfabriken und Spinnereien waren es die Studenten und Garnisonssoldaten, die das Geld in die Stadt brachten. Sie waren Mieter, Wirtshausgäste und Flaneure, die über Lust und Geld genug für allerlei Zeitvertreib verfügten. Und schließlich waren sie die Anwärter auf die attraktiven Posten in der preußischen Verwaltung, bei den Gerichten des Landes und in den Regierungsräten. Letztlich galt es bei all der Freilebigkeit doch, sich für eine behagliche Zukunft zu qualifizieren. So hatten auch die beiden jungen Herren mehrere Seminare der Jurisprudenz belegt und wunderten sich nun, dass sie sich noch nicht bei dem alten Professor Schmaltz begegnet waren, und amüsierten sich so sehr über dessen Schrulligkeiten, dass sie darüber glatt die Zeit vergaßen.
Erst ein verhaltenes Räuspern und das kaum wahrnehmbare Rauschen eines Kleides brachten die beiden Männer von ihrem Gespräch ab. Da war sie wieder, diese märchenhafte Rothaarige, die Eichendorff im Theater aufgefallen war und die ihm nun als Botfelds Schwester Undine vorgestellt wurde. Er wollte ihr noch einmal so unverhohlen in die Augen sehen, doch auch als er sich zur Begrüßung vor ihr leicht verneigte, hielt sie den Blick dezent gesenkt. Hatte sie sich zuvor im Theater unbeobachtet gefühlt und offen ihr Gesicht gezeigt, hielt sie sich nun sittsam zurück, was Eichendorff umso reizvoller vorkam.
Als Botfeld vorschlug, gemeinsam das Kaffeehaus aufzusuchen, stimmte Eichendorff mit Freuden zu. Auf dem Weg durch den Park versuchte er, Undine näherzukommen, sie in ein Gespräch zu verwickeln, aber Botfeld, der wohl den neuen Bekannten in blinder Freundlichkeit zu unterhalten versuchte, nahm ihn mit einer ausschweifenden Aufzählung aller familiären Höhepunkte der Botfelds völlig in Beschlag. Außerdem schien Undine keinen übergroßen Wert auf die Gesellschaft Eichendorffs zu legen, sondern ging schweigend am Arm ihres Bruders neben den Männern her, und nachdem sie auf der Terrasse Platz genommen hatten, blickte sie von der Gesellschaft weg in den Park hinaus, sodass Eichendorff kaum mehr als ihre Haube zu Gesicht bekam. Botfeld hatte sich nun ganz in den unglaublichen Ereignissen seiner großartigen Ahnen verloren und Eichendorff fehlte es an Mut und Geschick, durch einen gekonnten Einwurf das Gespräch wie von selbst auf die stille Frau zu lenken, deren freundlicher, doch distanzierter Blick ihn ab und zu im Vorbeifliegen streifte, aber doch nie völlig traf.
Während Eichendorff zu allem, was ihr Bruder von sich gab, fleißig nickte, betrachtete er Undine unablässig aus den Augenwinkeln. Ihr Gesicht war unbewegt und verschlossen, gelangweilt ohne Zweifel. Ihr Temperament aber, das Eichendorff ganz sicher in ihr vermutete, lag tief verborgen irgendwo unter dem dunklen Baumwollkleid und hinterließ nun keine sichtbare Spur mehr auf ihrem Gesicht.
So verging fast eine Stunde, in der Undine eisern schwieg, ihre Schokolade nippte und lieber den Schlosspark in seiner farbenfrohen Blumenvielfalt als den Unbekannten betrachtete. Und so gab sich Eichendorff notgedrungen mit Botfeld zufrieden, beide kamen nach all den vorangegangenen Botfelds schnell wieder auf die Universität und das Gewühl der zwölfhundert Studenten zu sprechen und begründeten bei bitterem Merseburger Schwarzbier, von dem Eichendorff schon in Halle gehört hatte, ein freundschaftliches Verhältnis. Pfeife rauchend ließen sie den späten Nachmittag ausklingen. Bei der Verabschiedung schließlich, die vonseiten der Geschwister von Botfeld ähnlich wie die Begrüßung unterschiedlich herzlich ausfiel, lud Botfeld Eichendorff dringlichst für den nächsten Samstag auf eines der familiären Güter im nahen Geusau ein, was dieser dankend annahm.
Auf dem Heimweg nach Halle hatte Eichendorff genug Zeit, um über das Erlebte nachzudenken und sich Kommendes auszumalen, wobei sich immer wieder das Antlitz Undines in seine Gedanken schlich. Dabei hatte Botfeld nicht einmal erwähnt, ob Undine überhaupt in Geusau sein würde, es gab also keinerlei Gründe für Eichendorff, irgendetwas zu hoffen. Vor allem, wo sich Undine ihm gegenüber so reserviert verhalten hatte. Seufzend kam Eichendorff zu dem Schluss, dass die Frauen des Merseburger Landes geheimnisvoll, aber auch furchtbar kompliziert seien.
III.
Es begann bereits zu dämmern, als Eichendorff endlich durch das Rannische Tor Halle erreichte. Nachdem er nahe der Stadtmauer die gemietete Stute zurückgegeben hatte, beeilte er sich, zum Domplatz zu gelangen, wo er und sein Bruder in der Residenz Quartier bezogen hatten. Sicher wartete Wilhelm schon auf den Jüngeren, denn durch die unerwartete Bekanntschaft mit den Botfelds hatte sich sein Aufenthalt in Merseburg erheblich verlängert.
Als er aber die Residenz erreichte, fand er beide Stuben leer. Wilhelm war, wie eine Notiz verriet, mit einigen Verbindungsstudenten ausgegangen. Eichendorff vermutete die Freunde in der Goldenen Rose oder einer Kaschemme in der Kleinen Ulrichstraße. Sie würden dort zechen, bis Wilhelm weit nach Mitternacht von Kommilitonen gestützt nach Hause kommen würde. Er vertrug nicht viel, hatte es noch nie getan. Doch er kannte seine Grenzen nicht, war ausgelassen und auch ein wenig prahlerisch, sodass er den anderen in nichts nachstehen wollte.
Eichendorff war es ganz recht, dass er allein geblieben war, und er verspürte auch kaum Lust, nach den anderen in den zahlreichen Wirtshäusern der Stadt zu suchen. Er fühlte sich viel eher in einer rätselhaft romantischen Stimmung und genoss die Einsamkeit, in der er sich befand. Von Anfang an hatte er sich in der Neuen Residenz aufgehoben gefühlt, vielleicht weil es die einzige katholische Glaubensinsel in einem Meer des Protestantismus war. Hier hatte die durch die in Halle stationierten, altgläubigen Garnisonssoldaten um einiges angewachsene Gemeinde Unterschlupf gefunden, in den Flügelsälen des Gebäudes wurden das tägliche Abendlob und die sonntäglichen Messen abgehalten. Da vor Kurzem zu allem Unglück das Pfarrhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite niedergebrannt war, wohnte nun auch das gesamte Gemeindepersonal in der Residenz, sodass zu allen Tageszeiten fromme Gesänge einzelner Stimmen oder kleiner Chöre aus dem Hof zu Eichendorffs Fenster klangen. So hörte er auch in diesem Moment einen Mann vor sich hin summen und erkannte in der einbrechenden Dunkelheit den kahlen Kopf des Subdiakons, bei dem die Eichendorffs ihre Stuben angemietet hatten und der sich nun auf dem Weg zu der kleinen Kapelle befand. Eichendorff sah dem Kirchendiener nach, bis dieser aus seinem Blickfeld verschwand. Dann machte auch er sich auf. In Gedanken verloren verließ Eichendorff die Residenz, flanierte über den Domplatz und kehrte in ein kleines Wirtshaus in der Klausstraße ein. Dort nahm er ein bescheidenes Abendbrot zu sich, verstärkte mit Rotwein sein melancholisches Gemüt und ging bald, da es ihm zu laut in dem Saal wurde, wieder zurück auf die dunkle Straße. Er hätte Jakob Schöpp, seinen treuen Diener und Gefährten, mitnehmen können, so wie er es sonst beinahe jeden Abend tat. Doch ihm war nicht nach einer Begleitung, er wollte allein sein.
Ihm ging die Rothaarige nicht aus dem Kopf, Undine von Botfeld. Warum hatte sie ihm nicht das geringste Interesse entgegengebracht? Er hätte sie gern verschmäht für ihr ablehnendes Verhalten, doch sah er ihr Gesicht, ihre Augen so klar vor sich, dass er es nicht über das Herz brachte, sie, die er kaum kannte, so streng zu verurteilen. Was war geschehen, hatte sie ihn in diesem kurzen Augenblick verzaubert? Oder hatte sie ihn unabsichtlich eingefangen? Ein wehmütiges Lächeln trat auf Eichendorffs Lippen. Sein Vater würde ihn mit einem nachsichtigen Blick bedenken, Wilhelm würde Scherze reißen. Der Seppel hat sich in eine kleine Minke vernarrt, alberne Gefühlsduselei. Der Vater, der ehrenwerte Freiherr Adolf Theodor Rudolf von Eichendorff, war ein kühler Kopf, der mit schmalem, doch verdientem Profit die Familiengüter verwaltete. Den klaren Verstand und den Sinn für die Wirtschaft hatte er an Wilhelm vererbt, beiden blieb Eichendorffs sensibles Empfinden der Poesie verschlossen, und auch wenn Wilhelm jetzt in Halle einige Vorlesungen der Geisteswissenschaft besuchte, so doch nur, weil er fest daran glaubte, durch sie eine mögliche Erklärung für die sich wandelnde Gesellschaft und deren Wirtschaftskraft zu entdecken. Doch über mehr als eine geringfügige musische Laune, die er im Privaten pflegte und in allen öffentlichen Angelegenheiten vollkommen verbarg, verfügte Wilhelm nicht. Sicher würde er, der Ältere, den geschickteren Gutsherrn abgeben. Ihm würde es gelingen, die Stellung der Eichendorffs im Oberschlesischen fester abzusichern und ganz im Interesse des Vaters das elterliche Erbe zusammenzuhalten und sogar zu vermehren. Der Jüngere hingegen bliebe ja doch der kindlichen Kurzweil verhaftet und könnte höchstens bewahren, was der Vater ihm eines Tages hinterlassen würde.
Eichendorff wanderte durch die nächtliche Stadt, durch das untere Steintor, bis er zu dem Martinsberg gelangt war und in dessen Nähe den düsteren Stadtgottesacker betrat. Nein, er war nicht verliebt, er fühlte nicht die begehrende Unruhe in sich wie damals, erstmals und bislang zum einzigen Mal, in Breslau, in den Armen der Caroline Pitsch. Wenn er an Undine dachte, so doch nur, weil sie ihm ein Mysterium war, das nicht preisgeben wollte, was es in sich verborgen hielt. Er wollte ihr nahe sein, ohne sie zu lieben. Er wollte sie kennenlernen, doch auf eine Weise, wie sonst niemand Undine kannte. Aber war dieser Wunsch nicht doch ein stilles Zeichen der noch jungen Verliebtheit? Von Sehnsucht gepackt, setzte sich Eichendorff auf eine der hölzernen Bänke, die die Grabzeilen des Friedhofs umrahmten, und blickte auf die Stadt hinab.
Was hatte Botfeld ihm gesagt? Am Sonnabend sei eine Entenjagd und er herzlich dazu eingeladen, auf dem Gut zu übernachten. Von Merseburg aus würde ein verstaubter und gewundener Weg nach Geusau hinausführen, vorbei an Atzendorf und durch ein teils sumpfiges, lichtes Waldland. Wo aber wohnte Botfeld während des Studiums in Halle? Eichendorff war es entfallen, oder hatte er gar nicht danach gefragt?
Schuld an seinen verwirrten Gedanken musste die Neuheit der kleinen, doch heftig pulsierenden Stadt Halle sein, ihr buntes Markttreiben, die Enge der oft mit Grasnarben bewachsenen Gassen, vor allem aber der neblige Dunst, der aus den Salzkoten im Tal aufstieg und sich mit seiner Bitterkeit weit über die Ränder der Stadt als übler und widerlicher Gestank ausbreitete. Dazu kam der Wirrwarr der jungen Universität, an der die Größen der Zeit lehrten und die Sprosse zahlreicher Adelsfamilien studierten, all die verschiedenen Burschenschaften mit ihren Farben und Trachten, ihren Ansichten und Parolen. Kurz, die Stadt war ein fantastisches Durcheinander von Sinneseindrücken, die Eichendorff aufwühlten, sodass er sich nur allzu bewusst war, dass das Bild, das er sich von Undine ausmalte, wesentlich aus Illusionen und Fantasterei bestand. Aber gerade dies machte ihn so neugierig auf die Wirklichkeit hinter der Maske aus seinen Gespinsten und ihrer reservierten Höflichkeit.
Ein frischer Wind fuhr dem in seine trüben Gedanken versunkenen Mann durch die Kleider und er begann zu frösteln. Es würde Zeit für den Heimweg werden, wollte er sich hier draußen nicht verkühlen. Als er zwischen den Grabsteinen umherging, dem Tor, durch das er den Gottesacker betreten hatte, entgegen, dachte er an den jüngst verstorbenen Dichter Novalis und dessen sehnsüchtige Verse, die er seit einigen Jahren immer wieder gern las. Wie langsam würde die Zeit bis zum Sonnabend vergehen, fragte sich der junge Mann. Ihm war trotz oder vielleicht gerade wegen der fortgeschrittenen Stunde an diesem morbiden, beinah schaurigen Ort unerwartet musisch zumute und mit halblauter Stimme reihte er spielerisch die Worte aneinander, die ihm gerade einfielen. Diesen Zeitvertreib hatte er schon oft betrieben, auch wenn ihm keine dieser Reime erhalten geblieben waren. Doch als er in dieser Nacht das hallische Stadttor erreichte, hatte er den Vierzeiler bereits fest im Gedächtnis:
In der stillen Pracht
In allen frischen Büschen und Bäumen
Flüstert’s wie Träumen
Die ganze Nacht.
IV.
Plötzlich konnten sie frei auf das Dörfchen blicken. Gerade noch hatte es versteckt hinter einer niedrigen Hügelkuppe gelegen, bis Eichendorff eine Biegung des Weges, die letzte große, hinter sich gebracht hatte und nun den Flecken vor sich sah. Das also war Geusau.
Der Ort befand sich mehr als vier Stunden zu Pferd von Halle entfernt, und wenn er nicht eine Rast in Merseburg genutzt hätte, um Kraft zu sammeln, wäre er wohl sehr zerschlagen auf dem Gut angekommen. Zum Glück hatte Eichendorff Jakob bei sich, der ihm auf seine ganz spezielle Art während dieser Reise die Zeit vertrieb. Sie debattierten Fragen, die trotz ihrer großen Bedeutung doch nie den Horizont des Dieners bezwangen, der über einen erstaunlichen Verstand verfügte. Eichendorff konnte, obwohl er wesentlich gebildeter war, selten anders, als Jakob, der ihm seit der gemeinsam verlebten Kindheit der beste Freund war, zuzustimmen, und wenn er doch hin und wieder Bedenken einräumte, so gelang es Jakob spielend und mit teils amüsanter Logik, diese im Rahmen seines überschaubaren Weltbildes zu zerstreuen.
So waren sie auf den Papst Pius VII. zu sprechen gekommen, den Antichristen, der einen gewöhnlichen Korsen ohne Herkunft namens Napoleon Bonaparte zum Kaiser der Christenheit gesalbt hatte. Dabei war der Kaisertitel doch nur einer wahrhaft würdigen Majestät vorbehalten und diese stammte seit Generationen aus dem deutschen Hause Habsburg. Doch Franz II. setzte bereits zum Gegenschlag an. Eichendorff und Jakob waren sich einig darin, dass es Österreich mithilfe des Zaren Alexander ganz sicher gelingen musste, diesen impertinenten Franzosen zurechtzuweisen und die alte Ordnung wiederherzustellen. Mit derartigem Geplauder hatten sie den eintönigen Weg hinter sich gebracht, waren durch Weiler und an gewellten Feldern vorübergeritten, bis sie den kleinen Ort nun also sahen.
Die nicht mehr als dreißig Höfe Geusaus lagen halb verdeckt zwischen dunklen Bäumen, die aus dem Sumpfland emporwuchsen. Nur hier und da hob sich der Boden genug aus dem Wasser heraus, um von den Bauern bewirtschaftet werden zu können. Das erste grüne Getreide wucherte über die Grasnarben, Wildenten und Reiher schrien aus den umliegenden Weilern und nur wenige Menschen zeigten sich auf dem Weg, dem Eichendorff und sein Diener folgten. Vielleicht hatte ein Markttag den Großteil der Bewohner in eine der umliegenden Ortschaften gelockt, vielleicht befanden sie sich auch auf möglicherweise ertragreicheren Äckern weiter außerhalb, hinter den welligen Hügeln am Horizont, die doch kaum hoch genug aus dem feuchten Boden herausragten, um als Hügel bezeichnet zu werden.
Wenn die einfachen Leute die beiden Reiter erblickten, blieben sie am Wegrand stehen und neigten ihre Köpfe zum Gruß. Eichendorff erwiderte mit einem leichten Nicken diese Aufmerksamkeit, fühlte sich aber zunehmend unwohl unter den neugierigen Blicken, die er im Nacken spürte. Offensichtlich verirrten sich selten Besucher in diese Gegend. Nur ein junger Gänsehirte schien ihn nicht zu bemerken. Der kleine Fratz trieb die schnappenden Tiere mit einer Gerte aus dem Schilf, um dort ungestört Kolben abreißen zu können. Wahrscheinlich würde er versuchen, sie anzuzünden, dachte Eichendorff und musste lächeln. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit hatte auch er Rohrbomben geraucht und sich mit dem scharfen Qualm mörderisch den Hals verbrannt.
Das Gut derer von Botfeld konnte nicht verfehlt werden, denn der Weg, den die beiden Reiter in Merseburg eingeschlagen hatten, war der einzige im Ort. Kleineren Abzweigungen war deutlich anzusehen, dass sie sich entweder zwischen den einzelnen Höfen verliefen, abrupt vor größeren Toren endeten oder gemächlich in Feldwege übergingen. Je näher Eichendorff und Jakob der über den Baumkronen sichtbaren Kirchturmspitze kamen, umso dichter standen die Häuser am Wegrand. Da befand sich auch schon das Gut, südlich des Weges gelegen, der eine Biegung vollzog und so zwischen dem im Westen gelegenen Zugang zum Gut und der Kirche verlief, um irgendwo weiter im Süden aus dem Dorf zu führen.
Hier wuchsen Linden von beachtlicher Höhe und gaben dem verwitternden Mauerwerk ein malerisches Aussehen, als die Sonnenstrahlen ein heiteres Gemisch aus Licht und Schatten auf den kleinen Vorplatz zauberten. Jakob stieg von seinem Pferd, führte es an den Zügeln zu dem Tor und klopfte, um seinen Herrn zu melden. Kurz darauf wurde das schwere Holztor geöffnet und Eichendorff ritt in einen Wirtschaftshof ein, der ihn sehr an das elterliche Gut erinnerte: im Süden die Ställe mit dem Viehtor, im Norden die niedrigen Gesindestuben und im Osten, dem Tor gegenüber, das von Kanalarmen umgebene Herrenhaus.
Auf dem Hof herrschte das bedächtige Treiben weniger Personen, die ihren alltäglichen Arbeiten nachgingen. Mägde trugen vor sich hin schatzend Wäschekörbe, Gemüsestiegen und Gerätschaften über den unebenen Hof, drei Knechte machten sich an einem Gatter zu schaffen, dessen Sprossen sie erneuerten. Bevor Eichendorff intensiver das Werken des Gesindes beobachten konnte, hörte er seinen Namen rufen und erblickte Botfeld, der mit schnellen Schritten vom Herrenhaus auf ihn zukam. Dieser empfing ihn ganz offensichtlich in bester Stimmung.
»Mein lieber Freund!«, rief er aus und hielt die Zügel des Pferdes, während Eichendorff abstieg. »Haben Sie sie gefunden, unsere kleine Zurückgezogenheit?«
Die beiden jungen Männer gaben sich die Hand und bekundeten sich gegenseitig ihre Freude über das Wiedersehen.
»Die Entenjagd habe ich für den späten Nachmittag angesetzt«, erklärte Botfeld. »Ich nehme an, dass Sie sich erst einmal ein wenig erfrischen wollen, und hier kommen die Enten so zahlreich vor, dass die Tageszeit wirklich keine Rolle spielt. Vielleicht wollen Sie auch eine kleine Erfrischung zu sich nehmen, bevor wir uns auf die Pirsch begeben?«
Eichendorff lehnte höflich ab. Obwohl er sich nie besonders für die Jagd interessiert hatte und auch möglichst schnell erfahren wollte, ob Undine derzeit auf Geusau weilte, zog es ihn doch in die melancholische Auenlandschaft, die den Ort umgab.
»Aber zumindest die Kleider würde ich gern wechseln, da sie mir doch zu staubig geworden sind und außerdem für die Jagd weniger taugen.«
Botfeld klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Ich werde Ihnen sofort Ihr Zimmer zeigen, wo Sie sich in aller Ruhe herrichten können. In der Zwischenzeit werden wohl auch die Hundeführer aufbruchbereit sein. Aber zuvor dürfen Sie es mir nicht verübeln, wenn ich Ihnen diesen alten Landsitz näherzubringen versuchen werde. Ein Kleinod, wie es vielleicht kein zweites in der Gegend geben wird: das Rittergut derer von Botfeld zu Geusau, das die Ehre hat, Ihnen ein vortreffliches Quartier zu sein.«
Damit war Botfeld, wie Eichendorff lächelnd feststellte, wieder seiner Leidenschaft für das Historische verfallen und begann ohne Verzug seine Führung durch das Herrenhaus des Gutes. Eichendorff ließ sich gern durch das Gebäude führen, auch wenn ihm sehr schnell klar wurde, dass es sich keineswegs um einen so einmaligen Bau handelte, wie Botfeld ihm versichert hatte. Es war vielmehr ein üblicher, konservativ gestalteter Landsitz, wie ihn der Kleinadel in allen Teilen des Reiches aufgrund von finanziellen Beschränkungen zuweilen bevorzugte.
Der quadratische, an der Südseite offene, in einen Garten auslaufende Bau war außen an drei Seiten von Kanälen umgeben, an der vierten, östlichen jedoch von einem breiteren Teich, dessen Ufer flach und verschilft war. Die im Norden gelegene Brücke, gerade einmal breit genug für einen Einspanner, verband das Herrenhaus mit dem Wirtschaftshof und stellte die einzige Überführung über den Wassergraben dar. Das Gebäude selbst umschloss einen Innenhof, von dem aus über niedrige Treppen ein Korridor erreicht werden konnte, der sich über alle drei Fronten des Innenhofs zog und über den sämtliche Räume zugänglich wurden.
Das Herrenhaus war in seiner Nutzung sehr einfach strukturiert: Im Westflügel, dem aufgrund des hohen Grundwasserspiegels einzig unterkellerten, befanden sich der Küchentrakt, die Speisekammern und unterirdische, etwa zwei Meter breite Speicher für Bier und Wein, wie Botfeld erklärte. Im Norden nahm der Empfangssaal gegenüber der Brücke den meisten Platz ein; umgeben war dieser auf beiden Seiten von je einer Kammer, die beheizbar waren und größtenteils von Botfeld selbst genutzt wurden. An den Raum westlich des Saals schloss sich ein Kabinett an, das durch eine Zwischenwand abgetrennt worden war und in dem Botfeld oder sein Vater den Verwaltungsaufgaben und den üblichen Schreibereien nachkamen, so sie sich auf dem Gut befanden. Meist agierte auf diesem Gebiet jedoch ein Verwalter, der in den Gesindeunterkünften lebte.
Auf ihrem Rundgang entlang des Ostflügels erklärte Botfeld, dass eine der dortigen Kammern von Undine bewohnt wurde, die ihren Bruder für gewöhnlich zu begleiten pflegte. Eichendorffs Herz schlug vor Freude höher, als er diesen bezaubernden Namen hörte und sich somit sicher sein konnte, im Laufe seines Aufenthaltes in Geusau auf die Begehrte zu treffen. Botfeld, der nichts von der Erregung seines Freundes ahnte, fuhr scherzhaft fort: »Sie bevorzugt das Zimmer im Süden, in der Nähe des Gartens. Sie liebt dieses Stück Grün wie kein anderes. Natürlich ist dieses nichts im Vergleich zu dem von Reichardt in Giebichenstein.«
Eichendorff kannte den sogenannten Dichtergarten im Norden Halles wie alle anderen seiner Kommilitonen lediglich vom Hörensagen, denn zu dem Privatgrundstück des königlich-preußischen Kapellmeisters Johann Friedrich Reichardt hatten nur auserwählte Personen Zutritt. Dort, in den idyllischen Gärten des Musikus, mit Blick auf die eindrucksvolle Burgruine, verkehrten die bedeutenden Dichter der romantischen Zeit, allen voran Ludwig Tieck, Achim von Arnim und Clemens Brentano. In mehrfacher Weise gekrönt wurde die ehrenwerte Gesellschaft von dem Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe und dem jungen Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, die regelmäßig bei Reichardt zu Gast waren.
Normalsterbliche wie Eichendorff waren von einer derart exklusiven Gemeinschaft ausgeschlossen, sie konnten höchstens versuchen, im Theater zu Lauchstädt einen verstohlenen Blick auf die Loge des zufällig anwesenden Herrn Goethe zu werfen …
Botfeld deutete nach Süden, wo sich Undines Garten befand, doch Eichendorff konnte ihn nicht ausmachen, da ein teils gläserner Anbau die Sicht versperrte. »Der Gartensaal«, erklärte Botfeld schlicht.
Während das hufeisenförmige Herrenhaus also im Ganzen gerade einmal genug Platz für die Geschwister und wenige Gäste bot, war die Dienerschaft in den von Eichendorff bereits bemerkten Gesindehäusern am Wirtschaftshof untergebracht, insgesamt wohl etwa zwanzig Männer, teils mit Familien. Lediglich die Zofe Undines, eine ruhige, von ihr geschätzte Person, wie Botfeld sie charakterisierte, logiere im Herrenhaus. Sie hatte ihre Bleibe in einem kleinen Gemach bei dem Gartensaal gefunden, unmittelbar in Undines Nachbarschaft. Botfeld selbst legte keinen Wert auf diese weibische Vertrautheit, wie er es ausdrückte. Er schätzte mehr den kameradschaftlichen Umgang mit seinen Untergebenen, den männlichen Austausch.
Das Zimmer, das Eichendorff von Botfeld schließlich zugewiesen worden war, befand sich, da kein anderes derzeit zur Verfügung stand, im nördlichen Ostflügel und war von dem sparsamen Komfort eines selten genutzten Anwesens geprägt. Das Inventar des Raumes bestand aus einem schmalen Bett, einem unverzierten Eichenschrank, einer Wäschetruhe und schließlich einer Anrichte, über der ein kleiner Spiegel angebracht war. Auf dieser Anrichte stand das übliche Waschgeschirr. Der mit frischem Wasser gefüllte Krug verriet einige Vorbereitungen für den Gast, sicher würden sich in der Kommode frisch gestärkte Tücher befinden, bereit, genutzt zu werden. Die Wände des Zimmers waren einfach mit grünem Stoff tapeziert, sodass das Geweih eines Vierenders besonders zur Geltung kam.
Die beschauliche Wohnlichkeit des ihm zur Verfügung gestellten Zimmers erinnerte Eichendorff an das ländliche Leben auf den väterlichen Gütern, von denen ihm Lubowitz und Tost die liebsten waren. Diese demonstrierten schon allein durch ihre bauliche Erscheinung eine standesbewusste Erhabenheit und gleichzeitig ländliche Verbundenheit mit den Zyklen des Jahreskreises und den damit verbundenen wirtschaftlichen Bedingungen. Auch die Botfelds verfügten über verstreute Besitzungen, aus denen Heinrich von Botfeld immer wieder aufs Neue seinen Wohnsitz aussuchte. Eichendorff wusste bereits, dass er sich meist auf anderen Gütern im Umland, vorzüglich auf denen in Farnstädt und Milzau, aufhielt und das Anwesen in Geusau hauptsächlich von einem Verwalter führen ließ, da der Ort auf weniger ertragreichem Boden gelegen war. Botfeld schätzte jedoch dessen Lage inmitten der Auenlandschaft, wie er Eichendorff berichtet hatte, da sie ihm ein hervorragendes Terrain zur Jagd und zu abenteuerlichen Ausritten bot. Eichendorff vermutete in dieser Leidenschaft einen gewissen Heißsporn, da der unsichere Boden, der die größten Teile des Botfeld’schen Besitzes ausmachte, den Pferden kaum geheuer sein konnte.
Nachdem Jakob das Reisegepäck mit beflissener Ordnung in dem Schrank verstaut hatte, zog er sich zurück, um Eichendorff einen Moment der Ruhe zu gönnen. Dieser erschloss den Raum nun ganz für sich, prüfte die Härte der Matratze und schlüpfte aus den Schuhen, damit er den gescheuerten Boden besser unter seinen Füßen spüren konnte. Wie vermutet, fand er mehrere Tücher in der Anrichte, nahm zwei davon heraus und schickte sich an, sich den Oberkörper zu waschen, als er von draußen ein Geräusch zu sich dringen hörte. Neugierig trat er an das Fenster, das nach Osten hin lag und ihm somit den Blick auf den Teich ermöglichte, wo er einen jungen Mann ausfindig machen konnte, der sich damit beschäftigte, Kieselsteine in das Wasser zu werfen. Dies tat er anscheinend gelangweilt, vielleicht sogar missgelaunt, wie es Eichendorff vorkam. Ab und an sah er sich suchend um, ging unruhig umher, sodass sich sein unbemerkter Beobachter schnell sicher war, dass der Mann am Teich auf jemanden wartete.
Der Mann war von strammer Gestalt, fast schon etwas zu kräftig und wohl um einige Jahre älter als Eichendorff. Sein Gang stand sehr im Widerspruch zu seiner Kleidung, denn während diese ihn als einen Knecht des Gutes, möglicherweise sogar als höheren Bediensteten auswies, bewegte er sich unrhythmisch und hinkend, fast schon linkisch. Das Gesicht, welches Eichendorff höchstens im Profil sehen konnte, hätte als charakterstark bezeichnet werden können, doch in Eichendorffs Augen war es grobschlächtig und durch seinen verkniffenen Ausdruck beinah hässlich. In seinem ganzen Äußeren ähnelte er einem ungeschliffenen Bauernsohn, der nur zufällig das Wams eines Hausangestellten trug, und sicher verhielt es sich auch so, denn woher sollte Botfeld geschultes Personal nehmen und das ausgerechnet für einen Nebenwohnsitz?
Der Mann blieb nicht lang allein, da kam eine Magd mit einem verschlossenen Wäschekorb hinzu, sprach ihn an und wurde von dem Mann sofort zurechtgewiesen, ohne dass Eichendorff irgendetwas von dem Gesprochenen verstehen konnte. Allein die Miene und der maulend aggressive Ton des Mannes zeigten Eichendorff dessen Missfallen, woraus er schloss, dass der Mann vielleicht verärgert über die Verspätung der Magd sei. Schließlich wendete er sich von der Frau ab und ging, was diese mit einem beiläufigen Schulterzucken kommentierte. Ein keckes Ding, dachte Eichendorff anerkennend, der nun von seinem Posten aus die Frau beobachtete. Diese stellte den Korb, den sie bisher auf die Hüfte gestemmt gehalten hatte, ab und wusch sich am Teich etwas Schlamm von ihren Schuhen. Anschließend nestelte sie an ihrem Kleid, wobei sie auch ihren Busen zurechtrückte, was Eichendorff zu seinem Bedauern jedoch nur von hinten betrachten konnte. Nachdem dies geschehen war, nahm sie den Korb wieder auf und ging so gleichgültig ab, dass Eichendorff sich zu fragen begann, ob ihr denn der Wutausbruch des Mannes kurz zuvor gar nichts bedeutet hätte.
Kopfschüttelnd trat er vom Fenster weg und nahm seine Säuberung langsam auf, obwohl er wusste, dass man ihn bereits erwartete. Undine kam ihm in den Sinn. Er hatte sie noch nicht gesehen, obwohl ihm Botfeld versichert hatte, dass sie anwesend sei. Ob sie ihn, ebenso wie die Magd den Diener, beiläufig und vielleicht sogar etwas geringschätzig behandeln würde?
V.
Eichendorff war den Umgang mit der Schrotflinte zwar gewohnt, doch lag ihm das Reiten um einiges mehr am Herzen. Ja, Wilhelm, der hätte wesentlich mehr geschossen, aber ihm selbst fehlten die Übung und vielleicht auch der Ehrgeiz, um wirklich erfolgreich zu sein. Zwar interessierte er sich für Vogelvieh wie auch für alle Jagd- und Nutztiere, doch fing er sie lieber lebendig mit Schlingen, um ihre Gewohnheiten zu beobachten und sie zu halten, und so kam es, dass, obwohl ihm Jakob immer wieder den schussbereiten Vorderlader reichte, es eindeutig Botfeld war, der öfter eine Ente erwischte.
Eichendorff erkundete hingegen die ihn umgebende Natur, die um Geusau herum so verschieden von den staubigen Feldern bei Halle war. Hier lag alles in ständigem Kontakt mit dem Wasser, das große Teile des Landes fußtief überzog und Birken und Erlen gespenstisch wie nach einer Sintflut aus sich herausragen ließ. Die fruchtbaren Äcker, etwas höher gelegen, befanden sich im Norden des Dorfes, wie Eichendorff in Erfahrung gebracht hatte, und selbst diese wurden in unregelmäßigen Abständen überschwemmt. Im Süden jedoch, wohin ihn Botfeld geführt hatte, stand lichter Wald auf schmalen Erhebungen, die wie Inseln auf dem Wasser lagen. Die Jagdhunde hatten allesamt schon nach kurzer Zeit triefend nasse Bäuche und Eichendorff war froh, seine hohen Stiefel angezogen zu haben.
Es war eine urzeitliche, lebendige Landschaft voller kleiner Wunder, für die Botfeld kein Interesse zu haben schien. Zwar unterhielten sie sich prächtig über die lokale Flora, über Wettereinbrüche und die allgemein zurückgehende Artenvielfalt, doch schien Botfeld kein wahrer Pflanzenmensch zu sein. Er betrachtete das, was sich ihm darbot, als Hindernis, das es mit dem Pferd, der Barke und zu Fuß zu überwinden galt, mit Jagdhunden, Steinschlossflinten und einem gewissen Tatendrang, der an Abenteuerlust zu grenzen schien. Eichendorff vermutete in ihm einen Menschen, der sich immer nur teilweise ausleben könnte. Hier, im feuchten Wald, war der historisch belesene Botfeld vergessen und nichts verriet den auf Haltung und Abstammung bedachten Mann. Hier lebte er den versierten Jäger in sich aus, der gern mit den Kameraden plauderte, einen Einblick in seine Fertigkeiten gab, jedoch kein Auge für Sauerampfer, Wasserspiegelungen oder landschaftliche Stimmungen hatte. Botfeld war auf der Pirsch und faszinierte Eichendorff durch seine völlige Loslösung von allem, was nichts mit Jagd zu tun hatte.
»Wir haben Glück mit dem Wetter, mein Freund«, erklärte Botfeld. »An manchen Tagen ist die Sicht so trübe, da lassen sich die Enten kaum von der Wasseroberfläche unterscheiden. Und trotzdem müssten Sie sofort abdrücken, auch wenn Sie sich nicht sicher wären, auf was Sie überhaupt zielen, denn das Pulver wird durch die Luft in wenigen Augenblicken feucht.«
Eichendorff stopfte sich lachend eine Pfeife. »Dann bliebe mir wenigstens das blamable Ergebnis meiner Bemühungen erspart.«
Aber Botfeld wiegelte ab. »Seien Sie nicht so streng mit sich. Entenjagd ist nicht jedermanns Sache. In Schlesien haben Sie es vielleicht eher auf Rotwild abgesehen.«
Eichendorff zog den Tabakrauch tief ein und schüttelte dabei verneinend den Kopf. »Ich bin nicht zur passionierten Jagd gemacht. Übrigens auch nicht zum Jäger.«
Botfeld schmunzelte über dieses kleine Wortspiel und hakte sich bei dem Freund unter.
Schließlich brachen sie die Jagd ab, nachdem sie ein kleines Waldstück vollständig durchstreift hatten und zwischen den Bäumen bereits eine benachbarte Siedlung erkennen konnten.
»Dort liegt Atzendorf, Bistumsgebiet«, meinte Botfeld und deutete zwischen den Bäumen entlang. »Seit der Reformation wird es von dem Dompropst verwaltet. Es sind die großen Herren wie er, die uns Kleinen zu schaffen machen. Hier ist es der Propst und im Osten ist es der sächsische Kurfürst. Sie zerreiben uns allmählich zwischen ihren Grenzen. Lassen Sie uns umkehren, Eichendorff.«
Damit machten sie kehrt und unterhielten sich über die Probleme der Ständepolitik, wobei freilich Botfeld wesentlich mehr beizutragen hatte. Eichendorff stellte anerkennend fest, dass der Gleichaltrige wesentlich informierter und engagierter in die Familiengeschicke eingriff, während er selbst von den wirtschaftlichen und politischen Verwicklungen seiner Familie nahezu unbetroffen geblieben war. In Botfeld sah er einen jungen, aufgeschlossenen Mann, der ihn an seinen Bruder Wilhelm erinnerte, nur dass diesem das gelegentlich Ausschweifende angekreidet werden musste, was Botfeld offenbar gänzlich abging. Er war ein ernster, strebsamer Mann, der selbst in diesem nebensächlichen Moment, als die Jagdhelfer nach und nach zusammenkamen und die erlegten Enten präsentierten, höchst aufmerksam das um ihn herum Geschehende verfolgte. Eichendorff spürte die verborgene Anspannung, die in ihm steckte, die ihn so männlich und gereift erscheinen ließ, und kam sich verträumt und albern vor, wenn er an die winzigen Zeilen dachte, die er vor Tagen im Gedenken an Undine geschrieben hatte.
In der stillen Pracht
In allen frischen Büschen und Bäumen …
Nach dem Auszählen der Enten wurde die Jagd für beendet erklärt. Die Jagdhelfer sammelten die Gerätschaften auf einen Einspanner, nahmen den Bediensteten die Flinten ab und führten den Wagen zurück zum Gut. Da sich Jakob ihnen anschloss, blieben Eichendorff und Botfeld allein. Sie hatten es nicht eilig, denn zum einen war der Weg ein kurzer, zum anderen aber erwartete sie nichts Dringliches in Geusau. Mit großem Interesse folgte Eichendorff den Beschreibungen Botfelds, der sich über die Gemeinde ausließ und sie mit anderen familiären Besitzungen verglich. Als Eichendorff aber auf seine Familiengüter angesprochen wurde, konnte er nicht viel Konkretes sagen. Wenn er an Lubowitz dachte, kamen ihm Reitausflüge über die väterlichen Güter in den Sinn, er erinnerte sich der gebildeten Mutter, die ihm gemeinsam mit den Mädchen das Lesen schmackhaft gemacht hatte, bis sie bedauerte, dass er zu viel Gefallen daran gefunden, wodurch er einen etwas einfältigen Charakter bekommen hätte. Auch von Breslau erzählte er Botfeld, konnte aber selber keinen Gefallen an seinem Bericht finden, denn für Eichendorff war die Metropole eine karge Handelsstadt voll der Zwänge und Etiketten seiner katholischen Gymnasialzeit. Erst in Halle, und hier schloss sich die kurze Erzählung Eichendorffs, fühlte er eine nahezu grenzenlose Freiheit, die sich ihm trotz der stillen Aufsicht durch seinen Bruder Wilhelm und natürlich durch Jakob bot. Diese bislang unbekannte Selbstständigkeit schrieb er weniger der Stadt Halle, die ja eigentlich provinziell und austauschbar war, sondern vielmehr dem Studentendasein an sich zu, das Ansehen und Wohlwollen zugleich versprach. Botfeld war derselben Meinung, und beschwingt von der Erkenntnis, ein für ihre Verhältnisse unglaublich freies Leben zu führen, trafen sie in Geusau ein.
Darmowy fragment się skończył.