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BERNHARD SPRING

FLIEDERBORDELL

Ein Till-Thamm-Krimi

Gefördert von dem Walter-Bauer-Stipendium der Städte Merseburg und Leuna, gestiftet von der TOTAL Raffinerie Mitteldeutschland GmbH

2013

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

ISBN 9783954621552

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

INHALT

COVER

TITEL

IMPRESSUM

PROLOG

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

23. KAPITEL

24. KAPITEL

PROLOG

Er konnte ihn förmlich riechen, konnte ihn lachen hören, dort hinter dem schmalen Lichtstreifen, den die Tür freigab. Und der in seine Dunkelheit fiel. Wie auch das Lachen – und dieser unbestimmte Geruch, der schwer in der Luft lag und ihn würgen machte.

Seine Hand ballte sich zu einer Faust. Wie lange hatte er auf diesen Augenblick gewartet, wie oft schon hatte er sich hierher gesehnt! Und nun war es endlich soweit, nun stand er hier im Schatten, bereit, jeden Moment hervorzuschnellen, in das Licht hinein, um dem Kerl den Schädel einzuschlagen. Immer wieder auf ihn einzuschlagen, bis er zu Boden gehen würde.

Er spürte, wie sein Puls allein schon bei der Vorstellung an das Kommende zu rasen begann, wie ihm das Blut gegen die Schläfen hämmerte und ihn berauschte. Das war gut.

Langsam tastete er sich durch den Raum, suchte das Licht, den Spalt in der Tür, die Öffnung, durch die noch immer das Lachen des anderen drang. Bald schon würde es verstummen, für immer, dachte er grimmig, nun vor Anspannung schnaubend, und hob seine Faust. Und trat mit einem letzten Schritt in das Licht.

1. KAPITEL

„Und wo ist Ihr Kollege?“

Der Mann wies mit einem beinah schon entschuldigenden Blick hinter sich zum Gebüsch. „Der musste sich mal übergeben“, sagte er dabei verlegen.

„Auch das noch!“, entfuhr es Thamm. Er stemmte die Arme in die Seite und sah hinaus auf den Fluss.

„Ist er das Wehr runtergekommen?“

Krause schnaubte heftig aus. „Till, du kennst doch das Prozedere, oder?“, grummelte er, ohne aufzusehen. „Ich weiß nur, dass hier eine Leiche in der Uferböschung liegt. Aber wo sie in die Saale gelassen worden ist, kann ich dir beim besten Willen nicht sagen. Vielleicht später, wenn ich sie bei mir auf dem Tisch habe.“

„Und wie lange sie so in etwa im Wasser lag …?“, versuchte es Thamm wieder.

„Auch das – später“, ergänzte Krause gelassen. Seufzend wandte sich Thamm dem Kollegen vom Streifendienst zu. Der bemühte sich, eine halbwegs passable Figur zu machen. Auf Mitte zwanzig schätzte Thamm ihn. Der Junge war sichtlich nervös in Gegenwart des Kriminalhauptkommissars – und einer angespülten Leiche, selbstverständlich, dachte Thamm etwas amüsiert. „Also“, fragte er halbwegs um einen vertraulichen Ton bemüht, „haben Sie mir wenigstens was zu sagen?“

„Ja“, beeilte sich der junge Kerl zu antworten. „Ein Jogger hat den Toten entdeckt. Er wollte hier an den Baum, um … naja … um mal auszutreten, und da hat er beim Urinieren die Leiche zwischen den Sträuchern gesehen.“

„Beim Urinieren?“, fragte Thamm nach. Der Polizist wurde unter seinem konzentrierten Blick merklich kleiner. Nervös blätterte er in seinen Aufzeichnungen. „Ja … so hat er es zumindest zu Protokoll gegeben.“

„Soll das heißen, der Typ hat auf die Leiche geschifft?“

„Oh mein Gott!“, stöhnte der Streifenpolizist und wurde noch blasser im Gesicht.

Thamm klopfte ihm aufmunternd auf die Schultern. „Nun haben Sie sich mal nicht so, okay? Sammeln Sie Ihren Kollegen ein und sperren Sie das Umfeld großräumig ab. Viele Leute werden um diese Uhrzeit hier ja eh nicht mehr rumlaufen, aber ich möchte trotzdem hier niemanden am Ufer rumspazieren sehen, verstanden? Und Ihren Jogger … na, Sie kennen doch das Verfahren, ja?“

Damit ging Thamm wieder an das Flussufer heran. So richtig hatte er sich die Leiche noch gar nicht angesehen. Er warf einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass sein Kollege schon weit genug weg war, dann zog er ein Taschentuch aus der Hose und hielt es griffbereit. Für alle Fälle. Thamm atmete tief ein.

Was ihm zuerst auffiel, waren die wässrigen Augen. Wie die von einem Fisch. Sie waren blass und bläulich, als hätte das Wasser schon begonnen, sie auszuspülen. Das ganze Gesicht war aufgedunsen und verquollen, dazu mit einem feuchten Glibber überzogen, der es matt glänzen ließ. In dem halboffenen Mund hatten sich kleine Algen verfangen, Flussgräser – irgendein Grünzeug.

„So was sieht man auch nicht alle Tage“, murmelte Krause zwischen zwei Fotos, die er von dem Toten machte.

„Hättest du das gedacht, als du heute Morgen aufgestanden bist? Mann, die Woche fängt ja gut an“, versuchte Thamm zu scherzen.

„Man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben“, gab Krause trocken zurück, zückte ein Diktiergerät und sprach mit monotoner Stimme in den Rekorder: „Wasserleiche, männlich, kleine Statur, asiatischer Herkunft, unauffällig gekleidet, Sommerjacke, keine Anzeichen von …“

„Na, der wird doch nicht von ganz allein in die Saale gesprungen sein!“, witzelte Thamm, aber er musste sich dazu schon ziemlich zwingen.

„… Verwesung“, beendete Krause ungerührt seine Notizen. Dann schaltete er das Gerät ab. „Du glaubst gar nicht, wie oft das vorkommt, Till“, erklärte er. „Die Saale ist doch tückischer, als man denkt. Die ganzen Strudel … da passiert immer wieder mal was. Aber der hier“, fuhr er fort und deutete auf die Leiche, „der ist nicht einfach so in den Fluss gefallen. Dem wurde nachgeholfen.“

„Woran siehst du das?“, fragte Thamm und beugte sich über den Toten. Er konnte keine Anzeichen für irgendeine äußere Gewalt­anwendung finden. Da lag einfach nur ein vom Wasser aufgeweichter, lebloser Kerl asiatischer Abstammung, wie Krause richtig festgestellt hatte. Sollte das eine Rolle gespielt haben …?

„Als wir die Leiche gefunden haben, lag sie mit dem Kopf nach unten im Wasser“, meinte Krause und trat einen Schritt näher an den Toten heran. „Keine Angst, ich hab wie immer alles ordentlich festgehalten, aber dann haben wir zur besseren Erstuntersuchung die ganze Sauerei mal lieber umgedreht. Wenn du mal kurz ein Stück rutschst …“ Da fuhr Krause schon mit beiden Armen unter den toten Körper, krallte sich an der Jacke fest und drehte ihn schwungvoll auf Thamm zu.

„Hey, pass doch auf!“, rief der Kommissar überrascht. Der Tote lag nun direkt vor seinen Füßen, bäuchlings und – mit eingeschlagenem Schädel. Inmitten des schwarzen, verklebten Haars klaffte eine kahle Stelle, ein faustgroßes Loch. Zuerst glaubte Thamm, in dessen Mitte den Ansatz einer Glatze auszumachen, bis er mit einem Mal die graue, saubergewaschene Masse erkannte, die zwischen den Knochenplatten hervorschimmerte.

„Scheiße!“, stieß Thamm von Ekel gepackt aus und erhob sich blitzschnell. Eilig fuhr er sich mit dem Taschentuch vor dem Mund. Am liebsten hätte er in diesem Augenblick auch gekotzt, doch mühevoll unterdrückte er den Würgereiz.

„Mensch Krause, du Pappsack, hättest du nicht vorher was sagen können? So ein Mist! Also … Gott!“, fluchte er, doch wie immer ließ das den Pathologen kalt.

„Du hast gefragt und ich hab’s dir gezeigt“, sagte er nur und zog sich in aller Ruhe die Gummihandschuhe aus. „Den Rest kriegen die Jungs von der Spurensicherung wohl auch ohne mich hin und, wie gesagt, die ersten Ergebnisse bekommst du, wenn ich den Sportsfreund hier auf meinem Tisch habe. Bis demnächst also.“

Thamm nickte, ohne den Blick von der Leiche abwenden zu können. Da fiel ihm noch etwas ein. „Hey Krause“, rief er ihm hinterher. „Wie sieht’s denn mit Papieren aus? Portemonnaie, Ausweis – habt ihr was gefunden?“

Krause war schon auf dem Parkweg und drauf und dran, das Feld zu räumen. „Ach ja – musst du selber mal nachschauen“, rief er dem Kommissar zu.

„Was soll denn das bitte schön heißen?“, fragte Thamm verdutzt.

„Hab ich halt vergessen“, gab Krause unbeeindruckt zurück, als wäre das das Selbstverständlichste auf der Welt. „Du kriegst das doch auch hin.“

Das konnte doch nicht wahr sein! Sollte Thamm allen Ernstes noch einmal an die Leiche ran und ihr die Hosentaschen durchwühlen? Nein, das sollte der Herr Gerichtsmediziner doch mal schön selber machen!

„Und was ist mit Fingerabdrücken, DNA-Spuren und dem ganzen Kram?“, rief Thamm ihm hinterher, doch Krause winkte nur beiläufig ab. „Ist eh alles durchs Wasser im Eimer. Da kannst du nichts mehr versauen.“

Und ging.

„Dieser verdammte …“, knurrte Thamm in sich hinein. Doch es half nichts. Krause hatte ihn sitzen lassen. Da kamen schon die zwei Typen von der Spurensicherung, um die Leiche einzutüten. Vor denen wollte der Kommissar nicht wie ein Weichei aussehen. Also kniete er sich vor den Toten – und griff ihm langsam in die aufgeweichten, kalten Taschen. Nichts. Thamm bemühte sich, die Fassung nicht zu verlieren, als er die dünne Jacke des Toten öffnete und ihm in die Innentasche fuhr. Doch auch da – nichts.

„Nehmen Sie auch nichts mit, wenn Sie abends noch mal vor die Tür gehen?“, fragte er den Kerl, der ihm am nächsten stand, doch der verzog keine Miene. Mach schon, Alter, schien sein ganzes Gesicht zu sagen, wir wollen alle Heim.

Seufzend rang sich Thamm also zu dem letzten, hässlichsten Teil seiner Suche durch: Mit einem Gefühl grenzenlosen Ekels schob er seine bloße Hand unter den Hintern des Toten, tastete nach den Gesäßtaschen, fühlte nichts zwischen seinen Fingern und dem Jeansstoff, der über den toten Körper gespannt war. Auch hier also vergebene Liebesmüh, dachte er mürrisch.

„Also gut, meine Herren“, erklärte er schließlich den beiden Kriminaltechnikern, während er sich von der Leiche erhob, „Ich bin fertig für heute. Ihr Patient.“

2. KAPITEL

Manchmal hätte er ja schon gerne gewusst, was Anja nur hatte! Nachdenklich trank Thamm seinen Morgenkaffee auf der Empore und ließ den Blick über seine Wohnung gleiten. Alle Zimmer lagen dort unten, zu einem einzigen, großen Raum verschmolzen. Weiße Tapete mit nur ganz wenigen Bildern, dunkle Möbel als geiler Kontrast, die breite Sofaecke – und sonst nur die absolute Weite des freien Raums. Keine Grünpflanze, kein Plüschteppich: Das war die absolute Luxus-Männerbude.

Und da schraubte sich Anja auf einmal an solchen Kleinlichkeiten hoch wie den Heizkosten für so eine weitläufige Wohnung, die nur vor Bad und Küche Türen hatte. Da kam sie ihm plötzlich mit Nutzfläche und verschenkter Fläche wegen der Dachschräge, dabei war die doch genau das, was der ganzen Sache den letzten Schliff gab. Aber das verstand Anja irgendwie nicht und redete von Jugendwohnung und Erwachsenwerden und war überhaupt so richtig kontra.

Manchmal konnte sie so was von spießig sein!

Dabei ist die Wohnung einfach nur saugeil, dachte Thamm trotzig und schlürfte seinen Kaffee. Hatte Anja nicht auch schon oft hier oben gestanden, auf der Brücke zwischen dem offenen Schlafzimmer und dem Büro, so weit oben über dem unteren Geschoss? Na also. Sie hatte es doch genossen, wenn er von unten hochschaute, wo sie mit frechem Blick viel zu langsam den Morgenmantel zusammenzog. Oder ihm etwas quer durch die Wohnung hinterherrief, wenn er eigentlich schon längst im Flur verschwunden war. „Für mich Körnerbrötchen! Vergiss die Milch nicht in meinem Kaffee! Komm endlich hoch!“ – Einmal hatte sie sogar ihr Höschen von oben aufs Sofa fallen lassen und genauso schelmisch gegrinst wie er, als er hochsah, woher der Fetzen Stoff geflogen kam …

Und jetzt, von heut auf morgen, reichte ihr das alles nicht mehr und sie schlief wieder in ihrer Wohnung. Thamm blickte mürrisch drein. Er mochte es nicht besonders, allein zu sein. Okay, so ein gewisser Abstand musste sein, deshalb hatten sie ja auch beide noch ihre eigene Wohnung. Das führte wieder auf das Wesentliche zurück, dagegen war nichts einzuwenden. Aber jetzt war Anja schon das ganze Wochenende weg gewesen und hatte sich auch am Montag nicht gemeldet und Thamm fragte sich, wie lange sie dieses Spielchen noch weitertreiben wollte.

Gut, in letzter Zeit hatte er sich vielleicht ein bisschen zu wenig um sie gekümmert. Aber seit Hoffmann pensioniert worden war, stand Thamm ganz allein mit dem ganzen Kram da. Und der Neue aus Magdeburg ließ auch auf sich warten – gerade jetzt, wo eine Leiche durch die Saale geschwommen war.

Für einen kurzen Moment dachte Thamm an das ausgewaschene Loch in dem Haarschopf, an das Stück Gehirn, das dazwischen grau geschimmert hatte … Allein der Gedanke daran drehte ihm noch einmal nachträglich den Magen um. Das war ja alles gar nicht wahr, versuchte er sich einzureden. Wer weiß, was er da wirklich gesehen hatte. Aber der fahle Geschmack blieb und Thamm konnte sich einfach nicht überwinden, den letzten Schluck Kaffee runterzukippen.

Eilig ging er die Treppe runter ins Bad. Und dann noch der ganze Papierkram, dachte er, als er seinen Bart im Spiegel begutachtete. Der könnte auch noch einen Tag so stehenbleiben.

Im Zahnputzbecher stand nur noch eine Bürste. Ihre hatte Anja mitgenommen – Thamm wurde einfach nicht fertig darüber, obwohl er das doch schon vor Tagen bemerkt hatte. Anja hatte sich komplett zurückgezogen: Ihr Handtuch war im Wäschekorb gelandet, auch der Waschlappen war vom Haken verschwunden. Ihr Duschbad, das Shampoo, der Rasierer – alles weg vom Wannenrand, der auf einmal richtig leer aussah. Und sogar im Badschrank fand sich nichts mehr von ihr. Nur die Zahnseide, die hatte sie aus irgendeinem Grund übersehen und vergessen.

Entnervt warf er die Schranktür wieder zu. Er musste endlich mal diesen Spürhund aus dem Kopf kriegen. Das hier war kein Tatort, verdammt, nur sein Bad, aus dem Anja ausgezogen war. Da galten andere Regeln.

Thamm beeilte sich, aus der Wohnung zu kommen. Eigentlich mochte er es ja, gemütlich in den Tag zu starten, aber seit Anja nicht mehr da war … die längsten vier Tage seines Lebens waren das gewesen! Irgendwie fühlte es sich nur noch halb so cool an, zu Hause zu sein.

Da kam ihm der neue Fall genau richtig, der konnte ihn auf andere Gedanken bringen. Scheiße für den Toten, dachte Thamm, aber ganz gut für ihn, immerhin. Er hob sein Rad von der Aufhängung im Flur und schulterte es, warf die Tür hinter sich ins Schloss und war auch schon die drei Absätze runter und im Hof.

Vor dem Haus stieß er auf Jesko. Natürlich, der war ja immer da, der Penner. Bekloppte Freundlichkeit, dachte Thamm und nickte dem Nachbarn trotzdem flüchtig zu. „Ach, der Herr Kommissar“, meinte der wie immer, ohne noch was Richtiges zu sagen, und winkte mit dem Schlüsselbund. „Schlimmer als ein IM“, grummelte Thamm vor sich hin, als er in den Kreisverkehr bog. „Möchte nur einmal aus dem Haus kommen, ohne gleich diese senile Gusche sehen zu müssen.“

Thamm radelte durch die Magistrale hoch bis hinter die Eisenbahnbrücke, wo der langweilige Teil der Stadt anfing. Gemütlicher Norden, hieß das im Maklerjargon. Wohnblöcke für Senioren, Reihenhaussiedlungen, eingemeindete Dörfer bis hoch nach Schkopau und beinah bis nach Halle ran. Und mitten dazwischen die Polizeistation. Idylle pur – kaum zu ertragen.

Thamm ging sich selbst mit seiner miesen Laune auf den Sack. Aber irgendwie kam er nicht raus aus diesem Tief. Er beeilte sich, den Parkplatz hinter sich zu bekommen, wo ihm irgendjemand immer so einen dämlichen Spruch zusteckte, von wegen: Na, ist dir der Sprit ausgegangen? Oder: Hast du kein Geld für Benzin, Kollege? Super … Ausgerechnet die fettesten Bullen mit den dicksten Schlitten rissen ihr blödes Maul am weitesten auf!

Gott, was war er nur heute schlecht drauf! Das musste doch mal aufhören. Zusammenreißen, dachte Thamm ärgerlich über sich selbst.

„Tag, Wozny“, rief er kurzangebunden in das Pförtnerzimmer rein – bloß nicht dabei stehenbleiben, der quatschte sich immer einen Zahn locker und auch jetzt war er schon drauf und dran, sich aus seinem Drehstuhl zu wuchten und an die Scheibe zu schlurfen. Also schnell mal reinlächeln und weiter.

„Was gibt’s Neues?“, fragte Thamm, als er endlich sein Büro in der ersten Etage erreicht hatte und Jette ihm geradezu entgegenflog. „Warst du beim Frisör?“

Jette verzog das Gesicht zu einem ironischen Grinsen. „Letzte Woche schon, aber schön, dass dir das auch mal auffällt. Krause hat vorhin angerufen. Er bittet dich in seine heiligen Hallen. Hat wohl erste Ergebnisse.“

„Nicht schlecht“, meinte Thamm. Normalerweise war Krause nicht gerade von der schnellen Sorte. „Hat er schon was gesagt?“

Jette schüttelte den Kopf. „Und du, hast du schon eine Meinung?“

Thamm sah seine Sekretärin nachdenklich an. Bisher hatte er sich noch überhaupt nicht so richtig Gedanken über den Toten gemacht. War ja auch noch nicht viel raus, er hatte rein gar nichts in der Hand.

„Ich wollte Krause abwarten“, murmelte Thamm, aber damit ließ sich Jette nicht abspeisen. „Ist doch schon merkwürdig, oder?“, fragte sie langsam. „Ein Mord an einem Asiaten …“

Daran hatte er am Abend zuvor auch schon gedacht, aber trotzdem konnte er sich jetzt das Stirnrunzeln nicht verkneifen. Wollte Jette etwa allen Ernstes die Ausländerkarte spielen? „Halt mal den Ball flach“, fuhr er ihr in die Parade. „Bis jetzt ist das für mich ein ganz normaler Toter, ja? Da ist zunächst erst einmal alles möglich. Und erst, wenn Krause mir Genaueres sagt, bastle ich mir meine Theorie zusammen.“

Damit wandte er sich dem Treppenhaus zu, aber weit kam er nicht.

„Vorher musst du aber noch mal in dein Büro“, rief ihm Jette hinterher und diesmal klang ihre Stimme ziemlich spöttisch. Womit wollte sie ihn jetzt schon wieder ärgern?

„Ich hab da noch ein Geschenk für dich“, lächelte sie vielsagend und verschwand kurz in ihrer Buchte, um mit einer dünnen Akte zurückzukommen, die sie dem verblüfften Thamm mit großer Geste in die Hand drückte.

„Was soll ich damit?“

„Der Neue ist da“, sagte Jette. „Und er wartet schon seit acht auf dich.“

„Gerade mal zehn Minuten. Das ist nichts gegen die anderthalb Wochen, die wir hingehalten wurden“, brummte Thamm gedankenverloren und betrachtete das Dossier. Hatten die Deppen aus Magdeburg also nun doch endlich mal Hoffmanns Stelle neu besetzt! „Stefan Wolff“ stand auf dem Klappdeckel. Thamm öffnete die Akte, besah sich flüchtig die wenigen Unterlagen, die ihm alle gleich nichtssagend vorkamen, und schlug sie auch schon wieder zu. „Und, wie ist er so?“, fragte er Jette, doch die zuckte nur mit den Schultern. „Neu“, meinte sie lächelnd.

Mit gemischten Gefühlen betrat Thamm sein Büro. Und das war er also, der Neue: Stand am Regal, auch noch auf Thamms Seite vom Zimmer und hielt einen Bilderrahmen in der Hand. Wolff also.

Insgesamt ein unscheinbarer Typ, dachte Thamm sofort, als er ihn sah. Schlank, mittelgroß, mittelblond – überhaupt war der Neue in allem ziemlich mittel: keine besonderen Merkmale, kein besonderer Kleidungsstil, dafür aber ein Gesicht wie von den Boy Bands der Neunziger. Ja, der sah irgendwie nach Neunzigern aus, auch wenn Thamm selbst nicht ganz wusste, was er eigentlich darunter verstand. Vielleicht, dass Wolff bei Frauen hoch im Kurs stand, weil er „schmuck“ und „süß“ und im Grunde vollkommen gehaltlos aussah. Ein weiches Gesicht eben, das von einem Bubi.

„Fühl dich ganz wie zu Hause“, murmelte Thamm ironisch.

„Entschuldigung“, sagte Wolff sofort und trat auf Thamm zu. „Frau Kleinschmidt hat gemeint, es wäre okay, wenn ich schon mal in unserem Büro warte.“

Unser Büro – in Thamms Ohren klang das wie glatter Hohn. Als hätte der Neue hier schon echte Ansprüche. Kritisch betrachtete er ihn. Wolff schien davon irritiert, streckte schließlich die Hand zum Gruß aus und ließ sie doch gleich wieder sinken, weil Thamm nicht reagierte.

„Das da ist dein Schreibtisch“, erklärte Thamm kühl und deutete auf den leer geräumten Tisch am Fenster.

Wolff warf nur einen kurzen Blick durch das Zimmer. „Ziemlich kahl hier“, befand er. Aber was hatte er sich denn vorgestellt? Plakate an den Wänden, Blumen? Hoffmann und Thamm hatten auf jeden überflüssigen Müll verzichtet, sogar der Drucker wurde nur draußen in Jettes Büro geduldet. Und jetzt kam der hierher und machte gleich einen auf Klugschiss.

Gott, dieser Wolff nervt jetzt schon mit seiner komischen Art, dachte Thamm. Der stand da so halbmotiviert im Raum und Thamm sah es ihm regelrecht an, wie er sich krampfhaft überlegte, was er als nächstes sagen wollte – ganz schlecht.

Wolff hielt noch immer das Bild in der Hand. „Ist das mein Vorgänger?“, fragte er interessiert und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Wollte wohl irgendwie ins Gespräch kommen, ein bisschen Smalltalk machen, aber Thamm war nicht danach.

„Mein Partner“, sagte er nur kurz, und dann: „Kannst ja auch ein Bild von deinem Ex aufstellen, aber bitte auf deiner Seite vom Zimmer.“ Das hatte gesessen. Aber Wolff nickte bloß langsam, stellte das Bild zurück ins Regal und trottete zu seinem Schreibtisch. „Verstehe“, meinte er. „Aber seit wann duzen wir uns eigentlich?“

„Seit etwa fünf Minuten. Sonst noch was?“

Wolff hatte wieder dieses unverbindliche Lächeln im Gesicht, als ob er noch irgendeinen Trumpf in der Hinterhand hätte.

„Wäre nur noch zu klären, was gerade ansteht“, sagte er gelassen. „Muss ja ziemlich die Luft brennen, immerhin war ja Herr Reinhardt ganz scharf drauf, die Stelle hier gleich wieder zu besetzen.“

„Ja, auf dich haben wir gerade noch gewartet“, entfuhr es Thamm zähneknirschend. Er wusste, wie Reinhardt tickte. Das Chefchen konnte sich an beiden Händen abzählen, dass Hoffmanns Stelle sicherlich gestrichen worden wäre, wenn er nicht von vornherein ordentlich Druck gemacht hätte. Die kürzen ja überall, wo sie können. Also hatte Reinhardt ein paar Statistiken aufgebauscht und auch mal seine Kontakte genutzt – er war ja sonst nicht so engagiert, aber immerhin hatte es diesmal was genützt: Die Stelle war wieder besetzt, wenn auch mit so einem Typen wie Wolff.

Und inzwischen hatte sich ja dann doch noch etwas getan da draußen.

„Wir haben gestern Abend eine Leiche in der Saale gefunden“, sagte Thamm mehr widerwillig als wirklich redebedürftig. „Bisher haben wir noch rein gar nichts. Du kommst uns also wie gerufen.“ Die letzten Worte strotzten nur so vor Zynismus.

Wolffs Gesicht erhellte sich leicht, als wäre er froh, endlich durchstarten zu können. „Ist die Identität schon geklärt worden?“, fragte er routiniert.

„Nein. Der Tote hatte keine Papiere dabei.“

„Raubmord?“

„Halte ich für unwahrscheinlich. Zu brutale Vorgehensweise. Der Hinterkopf des Toten war vollkommen zerdeppert. Wenn das wirklich nur ein kleiner Raub gewesen sein sollte, dann müsste der Täter schon ziemlich runter sein mit der Psyche.“

„Wurden irgendwelche Indizien am Tatort gefunden?“, fragte Wolff weiter.

„Welcher Tatort?“, gab Thamm etwas bissig zurück. „Bis jetzt haben wir nur einen weit abgesperrten Fundort, sonst nichts. Wo das Opfer ermordet worden ist und wo es ins Wasser gelassen wurde, ist noch völlig offen.“

Wolff sah ihn kritisch an. „Aber das Ufer ist doch abgesucht worden, oder?“

Was sollte das jetzt werden? Wollte ihn dieser Aktenfresser aus der Direktion gleich mal eins überbraten und eine Lehreinheit in richtiger Polizeiarbeit verpassen? Aber nicht mit mir, dachte Thamm angesäuert.

„Wie stellst du dir das vor?“, meinte er betont ruhig. „Soll ich Jette auf blauen Dunst einfach mal bis nach Bayern runter schicken, damit sie an der kompletten Saale irgendwelchen Müll einsammelt und fachmännisch auswerten lässt? Nee, solche Kapazitäten haben wir nicht. Und auch nicht die Zeit dafür. Ich hoffe viel eher, dass uns die Gerichtsmedizin verraten wird, wie lange unsere Leiche im Fluss schwamm. Und dann erst können wir konkrete Uferstreifen bestimmen, wenn wir Glück haben. Und wenn deine Fragestunde jetzt rum ist, kannst du gleich mitspielen. Wir haben nämlich ein Date bei unserem Leichenschänder vom Dienst. Also kommst du?“

Wolff ließ sich das nicht zweimal sagen, schnappte sich von Hoffmanns Schreibtisch, der jetzt seiner war, ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber – wie ordentlich, dachte Thamm, der bereits in der Tür stand. „Ach, und übrigens: Willkommen im Team“, rief er dem Neuen zu. Damit trat er hinaus auf den Flur, dicht gefolgt von Kriminalkommissar Stefan Wolff.

3. KAPITEL

„Der Bereich hier“, sagte Krause unbekümmert und deutete mit dem Kugelschreiber auf die ausgewaschenen Haare der Leiche, „der ist so zertrümmert, dass ich euch weiß Gott nicht sagen kann, womit dem der Schädel eingeschlagen worden ist. Da hat einer wie verrückt drauf gedroschen und … naja, was dabei rauskommt, seht ihr ja. Das macht kein Schädel mit. Reinster Brei.“

„Also nichts Konkretes“, meinte Thamm angewidert und trat einen Schritt von der Leiche zurück. Das hier war echt nicht sein Metier. Schon allein die bis zur Decke hoch gefliesten Wände, die so überdeutlich verkündeten, dass es hier nicht ganz sauber zuging in diesen Räumen, jagten ihm regelrecht Schauer über den Rücken. Hier ging es nicht um den friedlichen Tod, das sanfte Entschlafen, und auch nicht um den lieben Verblichenen, den irgendwer gnädig doch noch zu sich gerufen hatte. Der Tod, wie er hier zur Debatte stand, war nicht so verklärt, aber irgendwie auch nicht rein wissenschaftlich – das höchstens für die Gerichtsmediziner, die auf unbegreifliche Weise gelernt hatten, völlig unbeteiligt tote Menschen aufzusäbeln und auseinanderzunehmen und dabei doch nur Organe und Gewebe zu sehen. Ja, solche Leute wie Krause konnten den ganzen Tag in einem kalten Brustkorb wühlen und anschließend nach Hause fahren und die Kinder am Kaffeetisch nach den Hausaufgaben fragen. Sie brauchten dafür nicht einmal eine Dusche.

Thamm konnte das nicht so einfach. Für ihn ging es nicht um den Menschen, um die Traurigkeit des Todes oder um den Anblick einer sezierten Leiche – zart besaitet war er nie gewesen. Was ihn ekelte, war der Gedanke an Verwesung und Fäulnis, an Bakterien und Viren, die sich von der Leiche aus überallhin verteilten, selbst an den schön geputzten, weißen Fliesen saßen und auch auf ihn übergingen. Er spürte sie regelrecht auf seiner Haut, wie sie sich vermehrten und auch ihn langsam befielen. Das beklemmende Gefühl, von widerwärtigen Keimen umgeben zu sein, löste in ihm heftigen Brechreiz aus, der sich nur schwer zurückhalten ließ.

„Und dafür rufst du uns in deine Katakomben?“, fragte er entnervt. „Für rein gar nichts?“

„Junge, ich hab den Kerl erst seit gestern Abend auf dem Tisch, also was willst du?“, giftete Krause unbeeindruckt zurück.

„Und gibt es noch andere Anzeichen von Gewaltanwendung?“, fragte Wolff nach und lenkte das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema. Ihn schien der Anblick der Leiche kein bisschen zu bewegen, stellte Thamm verständnislos fest. Oder tat der neue Kollege nur so, um sich vor ihm zu behaupten?

„Genau deswegen hab ich euch ja runtergebeten!“, meinte Krause, nun doch ein wenig verärgert. „Wenn mich nur mal einer ausreden lassen würde, dann hätten wir das auch alles schon längst geklärt! Da sind natürlich jede Menge Hämatome, aber alle nicht der Rede wert. Aber hier“, zeigte er wieder mit dem Kugelschreiber, diesmal ein paar Handbreit unter dem Kopf, in die Mitte des Rückens. Thamm versuchte, sich ganz auf die angedeutete Stelle zu konzentrieren und bloß nicht noch einmal auf den Hinterkopf zu sehen, wo er die gräuliche Masse zwischen den offenen Knochen noch deutlicher erkennen würde, jetzt, nachdem Krause die Leiche gesäubert hatte.

Dort aber, zwischen den Rippen, sah es dagegen beinah harmlos aus. Nur ein hässlicher Bluterguss, der sich dunkel auf der hellen Haut abgesetzt hatte, nicht mehr.

„Ein Schlag?“, fragte Wolff.

„Dachte ich auch erst“, gab Krause zu. „Aber dann hab ich die Einstiche bemerkt.“

Thamm horchte auf. Einstiche? Er überwand seinen Ekel und beugte sich tief über den toten Körper. Ja, da konnte er sie deutlich erkennen: zwei oder drei eng nebeneinander gesetzte Stiche, ziemlich breit für eine Injektionsnadel und doch … was sollte es anderes sein?

„Bevor ihr weiter rumratet, sag ich es euch mal lieber gleich“, fuhr Krause fort. „Ich hab natürlich zuerst auf eine Vergiftung getippt. Aber dann stellte sich heraus, dass hier jemand versucht hat, den Kerl ein bisschen aufzupumpen.“

Krause blickte in zwei fragende Gesichter. „Jemand hat ihm Luft injiziert“, erklärte er nachdrücklich.

„Du meinst, er wurde mit Luft vergiftet?“, fragte Thamm zweifelnd nach, aber Krause verdrehte nur die Augen. „Doch nicht durch so ein bisschen Rumgekiekse im Rücken! Da müsste man schon die Vene treffen und dann ganz gezielt … Das kriegt ein Laie gar nicht zustande.“

„Jetzt bin ich draußen“, gestand Wolff. „Also wurde ihm jetzt doch keine Luft eingespritzt?“

„Nein“, gab Krause ziemlich genervt zur Antwort. „Noch mal zum Mitschreiben. Jemand hat dem Kerl hier den Schädel eingeschlagen, ist ja unschwer zu erkennen, okay? Und hinterher hat er, scheinbar um ganz sicherzugehen, versucht, ihn noch mit Luft zu töten.“

„Nach so einem Gemetzel?“, fragte Thamm ungläubig.

„Klingt komisch, ist aber so. Und das lässt darauf schließen, dass der Täter extrem panisch agiert hat. Wer erstens so eine Dresche verteilt und zweitens dann noch die Lage so verkennt, dass er dieses sinnlose Spritzen für nötig hält – der hat sie nicht mehr alle.“

Thamm rümpfte leicht die Nase. Er mochte es nicht sonderlich, wenn Krause seine Befunde schon mal frei von der Leber weg interpretierte. Das war Thamms Aufgabe.

„Möglich“, sagte er deshalb nur, was Krause nicht gerade beflügelte. Wolff aber hatte sich an einem anderen Detail festgebissen. „Müssten wir den Täter also im medizinischen Bereich suchen?“, fragte er den Pathologen. Doch der hielt sich nun nach Thamms Zurückhaltung bedeckt. „Kann sein“, sagte er abwiegelnd. „Eine Spritze hat doch heute fast jeder im Haus. Und wenn nicht, kriegst du die in jeder Apotheke. Darauf würde ich mich jetzt nicht unbedingt versteifen.“

Seitenblick zu Thamm, der so tat, als würde er ihn nicht bemerken.

„Kommen wir mal zu einer ganz anderen Sache“, meinte er. „Wissen wir schon, mit wem wir es hier eigentlich zu tun haben?“

Krause schüttelte den Kopf. „Da haben wir nichts. Ein DNA-Abgleich hat nichts erbracht. Den Kerl führen wir nicht bei uns in der Kartei. Könnt ihr nur auf die Vermisstenmeldungen und einen Zahn-Abgleich hoffen. Das dürfte sich aber hinziehen, immerhin müsstet ihr dafür alle Zahnärzte in der Stadt abklappern. Gut daran ist, dass unser Tote hier erst kürzlich beim Zahnarzt war. Er hat nämlich zwei ziemlich neue Kronen auf den Backenzähnen. Also hütet irgendein Arzt definitiv Unterlagen zu dem Kerl hier. Schlecht ist, dass wir nicht wissen, ob er überhaupt aus Merseburg kommt und auch hier beim Arzt war. Also hoffen wir das Beste. Und vielleicht landet ihr ja bei den Vermissten einen Treffer.“

„Und kannst du wenigstens schon was zum Todeszeitpunkt sagen?“, hakte Thamm nach, aber hier tat sich Krause schwer. „Da hast du mich erwischt“, gestand er mit einem schiefen Lächeln im Gesicht. „Die Leiche befand sich etwa einen Tag lang im Wasser. Fragt nicht erst nach verwertbaren Spuren – die gibt’s nicht. Und den Zeitpunkt der Tat kann ich auch nicht genauer einschränken. Wahrscheinlich am Sonntag zwischen zwanzig Uhr und Mitternacht. Die Ausbreitung der Totenstarre und das Absinken der Körpertemperatur sind abhängig von der Umgebungstemperatur der Leiche. An der kalten Nachtluft beispielsweise erstarrt eine Leiche langsamer …“

Thamms Telefon klingelte. Er nutzte den Anruf, um sich ein wenig von Krauses Seziertisch abzuseilen. Aber allzu sehr konnte er sich nicht an dem angenehmen Abstand von der Leiche erfreuen, denn was Jette ihm am anderen Ende sagte, war nicht gerade aufbauend. „Scheiße“, fluchte er in das Handy, dann legte er auf.

Wolff sah ihn fragend an. „Die Vermisstenmeldungen müssen warten, Krause – wir haben noch einen Toten.“

4. KAPITEL

Wolff wirkte ziemlich unruhig. Waren das die Nerven, fragte sich Thamm, jetzt schon? Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dass sein neuer Kollege bei jeder kleinen Aufregung gleich eine blasse Nase bekäme – auch wenn er zugeben musste, dass ihm selbst dieser Fall hier auch nicht besonders geheuer war.

„Wissen wir schon irgendetwas über den Toten?“, wollte Wolff wissen.

„Nichts“, gab Thamm zurück. „Nur, dass er tot ist.“

Er parkte den Wagen direkt vor dem Eingang vom Südpark. Eigentlich eine viel zu friedliche Gegend für einen Mord, dachte Thamm. Immerhin kamen hier Familien her, Kinder – eine recht harmlose Ecke von Merseburg.

Exotisches Vogelgezwitscher flirrte durch die morgendliche Stille.

„Kommt das aus dem Park?“, wunderte sich Wolff.

Nun kam Thamm doch nicht drum herum, dem Neuen kurz zu umreißen, wo sie sich im Augenblick befanden. „Der Südpark ist so eine Art kleiner Zoo, lauter heimische Tiere – und solche, die es mal waren. Früher hatten die hier auch Tiger und ich glaube auch Pumas, aber …“

„Und hier kommt jeder rein – ohne Kontrolle?“, fiel ihm Wolff ins Wort.

Gleich wieder verschissen, dachte Thamm leicht verärgert. „Ich glaub schon“, meinte er zähneknirschend, „aber die Kollegen vor Ort werden es uns sicherlich gleich genauer sagen können.“

Den Rest des kurzen Weges in den Park hinein schwiegen sich die beiden Kommissare aus. Thamm bemerkte etwas entfernt den Streifenwagen vor dem südlichen Seiteneingang, das flatternde Absperrband zwischen dem Wildschweingehege und den Volieren. Davor hatten sich schon einige Schaulustige versammelt. Thamm sah unwillkürlich auf die Uhr. Gerade einmal kurz nach neun, dazu noch werktags: Das hatte aber schnell die Runde gemacht! Aus der Menge löste sich ein Polizist und kam auf die Kommissare zu.

„Wer leitet den Einsatz?“, fragte Thamm nach einer flüchtigen Begrüßung.

„Polizeihauptmeister Mehlhorn“, meldete der Polizist ein bisschen zu dienstbeflissen. Versucht wahrscheinlich, hinter dieser Maskerade seine Unsicherheit zu verbergen, ging es Thamm durch den Kopf. Flüchtig warf er einen Blick auf die Dienstgradabzeichen – ein Anwärter auf den Polizeimeister, auch das noch. Armes Schwein, ganz sicher nur im Praktikum beim Streifendienst und dann gleich ein Toter.

„Dann bringen Sie uns mal zu dem“, forderte Thamm etwas belustigt und folgte dem jungen Kollegen in Ausbildung, der schnurstracks die beiden Kommissare durch die kleine Menschentraube zu dem Wildschweingehege lotste.

Der Weg lag im Schatten einiger Bäume, linkerhand von den schwarz lackierten Vogelkäfigen begrenzt, aus denen ein paar herum hüpfende Kolkraben krächzende Laute von sich gaben, rechts fiel das Schweinegehege in eine dunkle Mulde ab, die von hier oben aus schwer einzusehen war. Weiter hinter lichtete sich der Baumbestand wieder, der Weg ging in eine sonnenbeschienene Wiese über. Davor hing schon wieder das nächste Absperrband, an dem sich zwei andere Streifenpolizisten allem Anschein nach nervös herumdrückten. Als sie die Kommissare erblickten, eilte einer von ihnen auf sie zu.

„Der Tierpfleger hat ihn vor etwa einer dreiviertel Stunde gefunden“, erklärte der Polizist, an Thamm gewandt. „Horst Mehlhorn, ich leite den Streifendienst hier. Wir sind seit etwa einer halben Stunde vor Ort.“

Thamm winkte ab. Das alles interessierte ihn kaum, das war ja nur der übliche Kram, der die Protokolle füllte. „Unsere Sekretärin sagte am Telefon, der Tote wäre im Schweinegehege gefunden worden. Ist das richtig?“

Mehlhorn bejahte. „Die Tiere sind inzwischen vom Pfleger in ihren Stall zurückgetrieben worden. Aber wie lange sie mit der Leiche da unten alleine waren, weiß kein Mensch. Wahrscheinlich die ganze Nacht.“ Er deutete auf die Mulde inmitten des Geheges. Dort standen die Bäume etwas dichter beieinander, ein morastiges Wasserloch war vom letzten Regen übrig geblieben. Im von den Schweinen zerwühlten Schlamm war undeutlich der Umriss eines menschlichen Körpers auszumachen. Da war er – der zweite Tote.

Thamm sah sich nach Wolff um. „Wie wollen wir vorgehen?“, fragte er diplomatisch. Nicht, dass er es nicht gewusst hätte, aber er wollte dem Neuen eben mal eine Chance geben. Wolff blickte abwechselnd auf die Leiche und dann wieder auf die herumstehenden Menschen. Es passte ihm anscheinend nicht in den Kram, dass hier so viel Volk zusammengelaufen war. Auch wurden es da vorn am Absperrband irgendwie immer mehr. „Ist die Spurensicherung schon informiert worden?“, fragte Wolff schließlich. Mehlhorn nickte. „Müsste gleich da sein.“

„Gut“, meinte Wolff unverbindlich. „Dann bringen Sie jetzt erst einmal die Leute aus dem Park. Sperren Sie doch bitte gleich am Eingang ab, damit niemand den Tatort einsehen kann. Falls jemand von der Presse auftaucht, verweisen Sie ihn an den Pressesprecher vom Revier. Keine Stellungnahme, keine Bestätigung, kein Dementi, verstanden?“

Mehlhorn nickte wieder, dann holte er seinen Kollegen heran, um mit ihm und dem überkorrekten Polizeimeisteranwärter die Schaulustigen zurückzudrängen.

„Und nun zu uns“, wandte sich Wolff lächelnd an Thamm. „Wir haben eine Leiche im Tümpel, vielleicht mit Fraßspuren, was ihren Anblick nicht appetitlicher macht, und die Befragung des Pflegers, die sicher ziemlich unspektakulär verlaufen wird. Beides kein Vergnügen. Aber ich habe heute noch nicht gegessen und daher ziehe ich – wo du mir schon die Wahl lässt – ausnahmsweise den Pfleger vor. Viel Spaß da unten!“, fügte er leicht spöttisch hinzu und ließ den überraschten Thamm zurück am Gehege. Das hätte er ja nicht gedacht, dass Wolff so loslegen konnte! Nicht schlecht, ihm so ganz galant die Leiche zuzuschieben, dachte Thamm und murmelte einen gutgemeinten Fluch. Dann stieg er über das Gatter. Ein vorsichtiger Blick in das braune Unterholz, ob da auch wirklich alle Schweine weg waren – das fehlte ihm ja noch, dass ihn eine wilde Sau über den Haufen rannte – und dann arbeitete er sich langsam zu dem Wasserloch hinunter, wobei er in der aufgeweichten Erde bald knöcheltief versank. „Mist, verfluchter“, zischte Thamm, als er spürte, wie ihm der Schlamm über die Schuhe schwappte. Hier unten hielt sich die Nässe aber ganz schön.

Thamm versuchte, wenigstens etwas Holz unter die Füße zu bekommen und seiltänzelte über das kümmerliche Reisig, das die Wildschweine nicht untergewühlt hatten. Aber immer wieder versank er erneut im Dreck. Schließlich gab er es auf. „Scheiß drauf“, knurrte er und ging, die Schuhe nun vollkommen versaut, querfeldein auf die Mulde zu.

Die Leiche lag dreckverschmiert mit dem Kopf im flachen Wasser – oder vielmehr mit dem, was vom Kopf noch übriggeblieben war. Thamm suchte eilig nach einem Taschentuch. Schon wieder ein total zertrümmerter Schädel, schon wieder eine breiige, blutige Masse, die da aus dem dunklen Tümpel ragte. Gepresst atmete er in das Tuch, das nach Drogerie und Sauberkeit roch. Langsam beruhigte er sich wieder. Alles kein Problem, redete er sich ein, dafür bist du ja da. Das ist genau deine Kragenweite.

Aber das nahm er sich selbst nicht so ganz ab. „So eine Scheiße!“, rief er laut und stampfte energisch auf. Bis zuletzt hatte er gehofft, dass es sich um zwei Einzeltaten handelt würde. Lieber eine merkwürdige Häufung von Morden als ein Serientäter, der scheinbar gerade erst richtig in Fahrt gekommen war. Aber schon als Jette ihn angerufen hatte, war da diese Vorahnung gewesen. Und jetzt waren die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Toten unverkennbar: Sie waren brutal erschlagen worden, in Panik, wie Krause wohl richtig vermutet hatte, und nur halbherzig beseitigt. Die eine Leiche trieb in der Saale, die andere musste hier ja geradezu zwangsläufig gefunden werden. Wer machte so was?

Einer plötzlichen Eingebung folgend, hockte sich Thamm neben die Leiche und lockerte ein wenig den Jackenkragen. Einen Moment zögerte er noch, dann aber krempelte er sich den Ärmel hoch und fuhr dem Toten in den Nacken und weiter über den Rücken. Vorsichtig tastete er sich voran. Und da – tatsächlich! War da nicht eine Unebenheit, irgendwo unter dem einen Schulterbein? Einstiche von einer Kanüle, war sich Thamm sicher.

Er zog die Hand aus dem Hemd des Toten und betrachtete unschlüssig die Leiche. Zumindest kein Gehirn, dachte er. Das Blut in den Haaren war verkrustet, die Pfütze braun von Erde. Wäre das Opfer hier getötet worden, hätte das viele Blut, das aus der aufgeplatzten Schädeldecke geströmt wäre, den Tümpel deutlicher verfärbt. Auch wäre es unmittelbar an der Austrittsstelle nie geronnen. Der Mord war eindeutig woanders passiert.

Thamm ließ den Blick über den unebenen Boden schweifen. Diese verdammten Wildschweine hatten jeden möglichen Fußabdruck verwischt, nur ein paar Schleifspuren waren noch zu erahnen. Der Täter war demnach aus westlicher Richtung, von der angrenzenden Hochschule, gekommen und hatte sich offensichtlich keine Mühe gegeben, die Abdrücke, die der hierher gezerrte Leichnam im Schlamm hinterlassen hatte, zu verbergen.

Nachdenklich folgte Thamm den Spuren, die immer schwächer wurden, je trockener der höher gelegenere Boden war, bis sie schließlich am Gatter kaum noch zu sehen waren. Mit was für einem Arschloch hatten sie es hier zu tun?

Es könnte alles so schön hier sein, dachte Thamm. Wenn die Bäume nur nicht so eng stehen würden, wenn die Schweine vielleicht auch ein bisschen Gras hier stehen gelassen hätten, dass es nicht alles so eintönig braun wäre … Nur nicht sentimental werden, ermahnte er sich selbst und fuhr sich übers Gesicht. Das konnte er jetzt echt nicht gebrauchen.

Dort hinten mühten sich die Jungs von der Spurensicherung zu der Mulde. Zwei von ihnen wendeten sich sofort der Leiche zu, ihre Kollegen suchten das nähere Gelände ab. Thamm marschierte zu ihnen hinab und machte sich an den ersten, der ihm über den Weg lief, ran. „Schaut euch mal den Zaun dort hinten an“, empfahl er und deutete nach Westen. „Wahrscheinlich ist er von dort gekommen.“

„So sicher, dass es nur einer war?“, fragte der Experte lax. Thamm warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Für solche blöden Kommentare hatte er echt keinen Nerv. „Zu zweit hätten sie ihn bestimmt getragen und nicht geschleift, du Klugscheißer“, meinte er.

Dem Kerl versteinerte augenblicklich das Gesicht, er versuchte irgendeine Ausflucht, gab es aber schnell wieder auf und trollte sich. Was für Hilfskräfte, regte sich Thamm auf – und dieser elende Schlamm! Seine Schuhe konnte er wohl vergessen, das kriegte er nicht mehr aus den Poren vom Futter. Das war doch von vorn bis hinten eine total beschissene Angelegenheit hier.

Thamm wollte weiter zu den Kerlen, die sich an der Leiche zu schaffen machten, da bemerkte er Wolff, der auf ihn zukam und wartete.

„Und, steht schon was fest?“, fragte Wolff und deutete mit einem Nicken in Richtung Mulde.

„Dasselbe wie gestern“, meinte Thamm. „Eingeschlagener Schädel, Fundort ist nicht Tatort. Hoffentlich blüht uns das jetzt nicht jeden Tag. Und bei dir?“

„Der Tierpfleger sagt, er hätte den Toten heute Morgen gegen acht entdeckt“, meinte Wolff mit Blick auf seine Notizen. „Zwischen vier und fünf hat der Nachtwächter zum letzten Mal seine Runde gedreht und wahrscheinlich nichts bemerkt. Sonst hätte er es wohl gemeldet. Den werde ich mir aber noch aufs Revier bestellen, damit wir den Zeitpunkt der Tat genauer einschränken können. Generell sieht es aber so aus, als wäre die Leiche zwischen fünf und acht hier abgelegt worden.“

„Schön“, befand Thamm tonlos. Er hatte Wolff kaum zugehört, seine Gedanken waren ganz woanders. „Die Schleifspuren im Matsch scheinen darauf zu deuten, dass der Täter von Westen kam, also nicht von der Bundesstraße. Im Westen grenzt der Park an die Fachhochschule. Keine Ahnung, ob um die Uhrzeit da schon jemand ist, der da irgendwas beobachtet haben könnte. Hoffen wir mal, dass die so eine Art Hausmeister oder Gebäudewart haben.“

„Also brauchen wir den Nachtwächter und die Hochschulverwaltung“, fasste Wolff zusammen.

„Ich würde sagen, das machst du“, fügte Thamm schnell hinzu, um Wolff zuvorzukommen. Er lächelte breit in Wolffs empörtes Gesicht. „Wo du schon mal so gut beim Befragen bist. Und da lernst du gleich noch die Stadt ein bisschen kennen. Nein ehrlich, soll ein wunderschöner Campus sein.“

„Und was machst du inzwischen?“, fragte Wolff mürrisch.

Thamm deutete auf das Wasserloch. „Ich guck mal nach den Jungs dort unten und halte den ersten Eindruck für die Akten fest. Datenabgleich und erste Analyse anschließend im Büro, okay?“

Wolff zog ein unzufriedenes Gesicht. Er hatte die Laufburschenarbeit abbekommen, während Thamm den Chef raushängen ließ. „Dafür krieg ich den Wagen“, knurrte er.

„Und wie komm ich zurück ins Revier?“, fragte Thamm perplex.

„Ist doch deine Stadt hier. Ich bin mir sicher, dass du den Weg findest“, gab Wolff zurück und hielt Thamm die Hand hin. Widerwillig rückte der die Schlüssel raus.

„Dann bis nachher“, meinte er verdrießlich. Wolff aber ging ohne Gruß.

Soll er doch, dachte Thamm und war schon wieder ganz auf den Fall konzentriert. Mit großen Schritten machte er sich zu dem Tümpel auf, neben dem zwei Männer von der Spurensicherung im Schlamm knieten.

„Nowak“, sagte einer der Forensiker ohne den Blick von der Leiche abzuwenden. „Werner“, stellte sich prompt auch der andere vor und blinzelte Thamm entgegen. Der war schon am Vortag mit an der Saale dabei gewesen, glaubte der Kommissar.

„Wir haben bislang nichts Brauchbares gefunden“, setzte Werner nach. „Ist viel zu feucht hier unten und dann haben auch noch die Wildschweine rumgewühlt. Der Dreck unter den Fingernägeln könnte auf einen Kampf hindeuten, kann aber genauso gut erst hier drunter gekommen sein. Das muss die Untersuchung im Labor feststellen.“ Wie zum Beweis hielt er Thamm ein Tütchen mit Erdkrummen entgegen.

Krause würde sich freuen! Der war noch nicht mal mit der einen Leiche fertig, da bekam er schon die nächste geliefert.

„Gibt es irgendwelche Hinweise auf die Identität des Toten?“, fragte Thamm. Wie konnten die nur so teilnahmslos an der Leiche rumfummeln! Da schabten sie dort ein bisschen und machten da eine Nahaufnahme – Thamm verstand das nicht. Ihm wurde schon vom reinen Zugucken schlecht und er stand nicht mal in nächster Nähe. Und die …

Nun hob Nowak doch mal den Kopf. „Nee“, sagte er und ein schiefes Grinsen huschte dabei über sein Gesicht. „Papiere hatte er nicht bei sich und leider ist er auch ein bisschen maulfaul.“ Dämliches Arschloch, dachte Thamm. Werner vermittelte. „Das läuft wohl auf einen DNA-Abgleich raus. Ach, Franke, was gibt’s?“

Der Kerl, der Thamm so dumm gekommen war, näherte sich der Mulde. „Eigentlich nichts“, meinte er nur und dann, an Thamm gewandt und ziemlich bedachtsam: „Es ist genau so, wie Sie vermutet haben. Der Täter kam von Westen, stieg dort hinten über den Zaun und brachte die Leiche hierher. Darauf lassen die Schleifspuren und die abgebrochene Rinde am Geländer schließen. Irgendwelche verwertbare Abdrücke von Füßen oder sogar Fingern konnten aber nicht gesichert werden, die Oberfläche vom Holz ist zu rau dafür.“

Thamm nickte. Das hatte er sich schon so in etwa gedacht. Wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein!

In diesem Moment griffen Nowak und Werner nach der Leiche, zogen sie vorsichtig aus dem Wasser und legten sie auf die Seite. Schon wieder so ein aufgeweichtes, schwammiges Gesicht, das sich langsam aufzulösen schien, dazu die leeren Augen – Thamm wandte den Blick ab.

„Scheiße“, entfuhr es Nowak mit einem nervösen Lachen, „ein Fidschi.“ Wieder dieses schiefe Grinsen. Thamm atmete tief durch. Es hatte für ihn außer Frage gestanden, dass auch dieser Tote asiatischer Herkunft war – darauf konnte man auch ohne den Vorfall an der Saale kommen. Die Statur, die dunkle Haut im Nacken, Farbe und Schnitt der Haare – was war dieser Nowak nur für eine Flasche! Und das nicht nur in fachlicher Hinsicht.

Thamm versuchte, sachlich zu bleiben. Er verspürte keine Lust nach einer Grundsatzdiskussion. Nicht mit diesem Idioten, nicht jetzt. Da lag immerhin eine Leiche, die war wichtiger.

Werner dozierte. „Wie zu erwarten war, ist das Gesicht nicht sonderlich aufgedunsen. Es lag nicht lange im Wasser, ein paar Stunden, höchstens. Wir haben es hier mit einem Asiaten zu tun …“

„Das erklärt, warum wir keine Papiere in seinen Taschen gefunden haben“, fiel ihm Nowak ins Wort. „Das wird wohl ein schnelles Ermitteln. Von so einem Illegalen finden Sie eh keine Spur, Herr Kommissar.“

„Schnauze, Hubert“, zischte Werner aufgebracht, doch Thamm winkte nur ab. „Gehen Sie mal eine rauchen“, sagte er ohne eine Miene zu verziehen zu Nowak. Der stutzte. „Wie bitte?“ Er suchte Augenkontakt zu dem Kommissar – Nowak hätte vom Alter und der Statur her glatt sein Vater sein können, doch Thamm hielt dem herausfordernden Blick gelassen stand. Ihm ging es nicht mal darum, den Einsatzleiter raushängen zu lassen. Auch hatte er nichts persönlich gegen diesen Typ. Aber er konnte Nowaks dummes Gequatsche einfach nicht ertragen.

„Also bitte“, meinte er deshalb nur mit Nachdruck. „Den Rest kläre ich mit Ihrem Kollegen.“ Werner knuffte Nowak in die Seite, warf einen vielsagenden Blick in Richtung Parkweg. Und der Alte trottete ab, murmelte noch irgendwas und war schon aus Thamms Sichtfeld verschwunden.

„Also, wir haben es hier mit einem Asiaten zu tun“, sagte Werner vorsichtig, nachdem sich Thamm über den Anblick der Leiche für ein paar Augenblicke in Schweigen gehüllt hatte. Jetzt verschränkte er die Arme und zog die Stirn in Falten. „Ein Vietnamese, meinen Sie?“, fragte er schließlich.

„Gut möglich“, erwiderte Werner. Er rückte seine Brille zurecht und erhob sich von der Leiche. Auch er war nicht mehr der Jüngste, streckte den Rücken langsam durch. „Kann ich vom Aussehen der Leiche natürlich nicht sagen. Aber immerhin gibt es hier ja einige von denen. Könnte aber auch ein Chinese oder Thai sein oder ein Kambodschaner oder so. Was weiß ich. Da könnte nur einer von der Uni weiterhelfen. Ein Ethnologe oder so ein Ostasienforscher. Ein Fachmann halt. Aber ob der Ihnen was nutzt …“

„Nein, mich interessiert die Identität eigentlich mehr. Und da können Sie mir nicht weiterhelfen, oder?“ Werner verneinte. „Keine Papiere, wie gesagt. Den Rest macht die Gerichtsmedizin.“

Thamm nickte. Dieses dreckverschmierte Gesicht des Toten machte ihm zu schaffen. Er versuchte, die Leiche nicht direkt anzusehen und bekam doch nicht den Blick von ihr los, wie sie da auf der Seite lag, auch noch zu ihm hin gedreht, als wollte sie ihm noch etwas sagen, ein letzter Hilfeschrei lag noch auf ihren Lippen … Grässlicher Gedanke.

„Gut, dann …“ Er reichte Werner die Hand, der ihm mit einem verschmierten Handschuh entgegenkam. Sofort zog Thamm seine Hand wieder zurück. Nein, nein, Ekel vor Höflichkeit. Er nickte dem Forensiker zur Verabschiedung zu und ging.

Komisch – Thamm hatte so gut wie nichts in der Hand und trotzdem war er sich sicher, den Fall schnell lösen zu können. Zumindest glaubte er plötzlich, einen guten Ansatz gefunden zu haben.

5. KAPITEL

„Und, hast du jemanden an die Strippe bekommen?“, fragte Thamm, kaum dass er Jettes Büro betreten hatte.

„Natürlich!“ Jette klang fast schon empört. „Aber die machen auf stur. Ohne offiziellen Bescheid vom Chefchen läuft da nichts. Wirst wohl noch ein bisschen warten müssen.“

„Hab ich mir schon beinah gedacht“, gab Thamm zu. „Kannst du bei dem mal nachhaken, ob nicht jetzt schon was möglich ist? Ich weiß, wir haben eigentlich noch keine konkreten Anhaltspunkte, aber genau darum geht’s ja auch. Und wir brauchen bei den Ämtern Bewegungsfreiheit.“

Jettes Miene verzog sich schlagartig zu einem gequälten Lächeln. Auf den Staatsanwalt war sie nicht sonderlich gut zu sprechen, seit er ihr einfach so kraft seiner Wassersuppe die doppelte Arbeit aufgetragen hatte. Zusätzlich zu ihrer eigenen Arbeit gab sie jetzt noch die Urlaubsvertretung für die Huber, die wegen ihrer Schilddrüse auf unbestimmte Zeit in Behandlung war. „Nun zeigen Sie sich doch mal flexibel“, hatte er in seiner besserwisserischen Altherrenart geantwortet, als Jette ihn um wenigstens eine Praktikantin gebeten hatte. „Frau Kleinschmidt, Sie schultern das schon. Sie sind doch eine Fixe!“

„Kannst du das nicht selber machen?“, maulte Jette nun. „Ey, ich komme hier überhaupt nicht mehr raus aus der Mache. Was ich derzeit an Überstunden schrubbe, werd ich wohl nie abbummeln können. Und dann soll ich mir noch Chefchens Visage antun?“

„Scheiß Verbrecher, nicht?“, fragte Thamm ironisch.

„Scheiß Behördenkram viel eher. Und ich bin nicht mal verbeamtet.“

„Ist doch nur ein kleiner Anruf. Von mir aus kannst du ihm auch mailen, da hast du dann gar nichts mit ihm zu schaffen.“ Thamm wusste, wie er Jette angucken musste, um sie zum Einknicken zu bringen. Sie war das Küken hier im Revier, gerade so 25 Jahre alt und irgendwie fühlte er sich in dieser manchmal ziemlich ruppigen Männerwelt ein kleines bisschen verantwortlich für sie. Sie waren halt ein Team.

Da lächelte sie auch schon wieder. Die Sache war also gebongt.

„Und, wie macht sich der Neue so?“

Was war denn das jetzt, dachte Thamm überrascht. Warum fuhrwerkte sie denn plötzlich durch ihre aufgestapelten Unterlagen und wich seinem Blick aus, gab sich nachträglich so viel Mühe, die Frage vollkommen nebensächlich erscheinen zu lassen? Ach Jette!

„Der ist doch bestimmt so alt wie ich“, sagte Thamm leise.

„Ich hab ja nur mal so gefragt“, log Jette tapfer. „Und er ist übrigens zwei Jahre jünger als du, also gar nicht so alt.“

„Ich bin also alt?“, hakte Thamm amüsiert nach. Jette sah ihn von unten her an. „Du weißt, wie ich das meine.“

„Na gut.“ Thamm konnte sein Grinsen nicht abstellen, auch wenn er sich etwas blöd damit vorkam. Zu väterlich.

„Also, ich bin im Büro. Stell durch, was reinkommt.“

An seinem Schreibtisch schaltete Thamm als erstes den Computer an und surfte ein bisschen durchs Netz. Was genau er zu finden hoffte, wusste er nicht. Er klickte sich einfach von Seite zu Seite. Das eigene Datennetz gab nicht viel her zum Thema, aber welche Schlagwörter ließen sich schon für zwei tote Asiaten finden? Asiaten, ging es Thamm durch den Kopf: Das stand bisher noch gar nicht fest, ob es nun Asiaten oder Deutsche mit Migrationshintergrund waren, normale Bürger, Ausländer, Asylanten, Illegale … Gott, diese ganzen Verklausulierungen machten es auch nicht gerade leicht, voranzukommen. Das konnte man benennen, wie man wollte, zum Schluss blieben es zwei ermordete Menschen. Und nichts weiter.

Aber die Wirklichkeit sah leider um einiges komplizierter aus. Das wusste Thamm aus Erfahrung und merkte es auch jetzt gleich wieder auf den Seiten vom Statistischen Landesamt: „… zählen Staatenlose und Personen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit bei der Bevölkerungsstatistik nicht mehr zu den Ausländern …“ Gott, das fing ja heiter an! Er klickte sich zu der Seite des Merseburger Ordnungsamtes durch – schon komisch, dass die für Katastrophen und Ausländer zuständig waren. Aber nicht witzig. Thamm klickte sich zur Homepage eines grünen Landtagsabgeordneten durch. Ein ehemaliges Mitglied der AG „Polizeilicher Umgang mit Rechtsextremismus“ – Thamm erinnerte sich dunkel an den großen Scheißer mit der noch größeren Klappe. Das war damals gewesen, als er gerade Kriminalhauptkommissar geworden war. Hoffmann hätte da mehr Einblick in diese Sache gehabt, der war da voll drin gewesen. Ein paar Politiker und Aktivisten hatten damals versucht, aus einigen vereinzelten Vorfällen allgemeine Schlüsse zu ziehen. „Es gibt viele Beamte, die engagiert gegen Rechts vorgehen – die Polizei insgesamt sehen wir aber noch nicht überm Berg“, las Thamm nun auf der Homepage. Ja, das hatte damals für ziemlich viel Ärger gesorgt. Jeder hatte sich plötzlich zu Wort gemeldet und Besserung gelobt. Die Polizei war zum Sündenbock erklärt geworden. Ein wirklich heißes Eisen, die rechte Szene …

Thamm klickte sich wieder ein paar Seiten zurück. Wo hatte es angefangen, diese Vermischung vom Stichwort Ausländer zu den Rechten? Es konnte doch nicht sein, dass die eine Sache automatisch mit der anderen zu tun hatte. Nein, der Gedanke lag viel zu nah, das war zu einfach!

Als die Bürotür geöffnet wurde, zuckte er leicht zusammen. Wolff. Und auf den stand also Jette. Nun gut, er sah ja auch nicht schlecht aus, so im Allgemeinen. Zumindest ist er nicht fett, ging es Thamm durch den Kopf.

„Du bist schon da?“, stellte Wolff erstaunt fest.

„Warum nicht?“, gab Thamm zurück.

„Ich dachte, weil du zu Fuß … ach, vergiss es.“ Er ließ sich schwer auf seinen Stuhl fallen. „Es sieht so aus, als ob wir kein bisschen voran gekommen wären. Zwei Leichen und wir tappen noch völlig im Dunkeln – Die Fachhochschule hat zwar einen Wachdienst, aber der kontrolliert nur die Gebäude, nicht das Gelände. Keiner will irgendwas bemerkt haben. Toll, nicht wahr?“

„Ganz so dramatisch würde ich das jetzt nicht sehen“, meinte Thamm. Wenn er eins hasste, dann fatalistisch veranlagte Pessimisten.

„Wieso, bist du an was dran?“, fragte Wolff interessiert.

„Das nun nicht gerade“, räumte Thamm ein, „aber es ist jetzt kurz vor zwölf Uhr. Wir sind erst seit knapp vier Stunden am Ball. Ich denke, wir können jetzt mal in aller Ruhe die Karten auf den Tisch legen und dann sehen wir weiter.“

Wie auf Kommando sprang Wolff auf und zerrte dieses dämliche Flipchart aus der Ecke, das Hoffmann früher immer als Garderobe benutzt hatte – und das nur deshalb noch nicht entsorgt worden war. Kein Mensch brauchte so einen überkandidelten Schwachsinn! Wenn sie wirklich mal was veranschaulichen wollten, hatten Hoffmann und Thamm ihr Material einfach auf dem Fußboden ausgebreitet und so lange angestarrt, bis ihnen die zündende Idee gekommen war. Dafür brauchten sie keinen Filzstift und kein Riesenplakat.

Nun aber verfolgte Thamm aufmerksam Wolffs künstlerische Ergüsse, die er an dem Papier ausließ. Zuerst zeichnete er einen großen Kreis, links und rechts davon zwei kleinere.

„Was wird denn das, wenn’s fertig ist?“, fragte Thamm.

„Pass auf. Das hier ist die Innenstadt, okay? Im Osten“, meinte er und deutete auf den rechten Kreis, „fließt die Saale lang. Dort findest du gestern Abend am Rand vom Schlossgarten die erste Leiche. Und heute Morgen dann den zweiten Toten im Südpark!“ Wolff stach mit dem Stift in den linken Kreis. „Fällt dir was auf?“

Thamm dämmerte, worauf sein Kollege hinauswollte. „Du meinst, beide Leichen wurden im Umkreis der Innenstadt abgesetzt, in Parks und irgendwie im Wasser?“

Wolff zuckte mit den Schultern. „Zumindest ist die Ähnlichkeit doch auffallend, oder? Die Frage ist nur, ob das was zu bedeuten hat oder Zufall ist.“

Thamm hob abwehrend die Hände. „Ordnen wir erst mal die Fakten – Sind wir uns einig, dass wir es mit einem Einzeltäter zu tun haben, der mehrmals zuschlug?“, fragte er. Wolff deutete vage Zustimmung an. „Gut“, gab sich Thamm zufrieden. „Er hat also zwei Typen erschlagen. Im Affekt, panisch, ohne Sinn und Verstand. Was macht nun so ein Kerl mit zwei Leichen? Er ist überfordert, sticht denen noch mal ein bisschen Luft in den Rücken, aber dann? Und siehst du, da komme ich nicht mehr mit. So voll neben der Spur müsste er doch die Leichen irgendwo eilig verschwinden lassen. Ohne groß nachzudenken. Vielleicht verbuddelt er sie oder verbrennt sie oder zerhackt sie meinetwegen und friert sie ein. Aber warum lässt er uns über sie stolpern? Erst panisch – dann voller Kalkül: Da haut was nicht hin.“

„Deine Grundannahme“, warf Wolff lächelnd ein. „Wer sagt denn, dass der Täter in Panik gemordet hat? Nur weil er wie ein Berserker auf seine Opfer eingeschlagen hat? Er könnte das aber auch ganz bewusst gemacht haben.“

„Noch mal eins nach dem anderen“, forderte Thamm.

„Er metzelt seine Opfer nieder, weil sie ihm nichts bedeuten. Er hat kein Mitleid mit ihnen, er weiß nicht mal, was ausreichen würde, um sie umzubringen. Die erste Leiche wirft er in die Saale. Sie soll einfach nur verschwinden. Bei der zweiten geht er einen Schritt weiter. Die wirft er in das Schweinegehege. Warum? Damit zeigt er, dass die Toten für ihn keine Menschen sind. Sie sind …“

„Und die Einstiche?“, hakte Thamm nach.

„Noch ein Anzeichen, dass der Täter eine gestörte Wahrnehmung hat. Er erschlägt seine Opfer und ist sich trotzdem nicht sicher, ob sie tot sind. Mit Panik hat das nichts zu tun.“

„Ein Psychopath also“, murmelte Thamm. Das hatte ihm noch gefehlt. Die tickten nach ihrer eigenen Uhr – das machte sie zwar berechenbar, aber ihr Handlungsmuster musste man erst mal erkennen! Und mit so einem Kerl hatte es Thamm bisher noch nie zu tun gehabt.

Wolff ging nicht darauf ein. „Kommen wir mal zum zweiten Fundort. Der erste gibt ja nicht sonderlich viel her. Aber über den Südpark wissen wir mehr. Der Täter kam nachweislich von Westen, sehr wahrscheinlich über den Campus der Hochschule. Aber woher er eigentlich kam, wo er sein Auto abgestellt hat und wohin er wieder abgehauen ist, wissen wir nicht.“

Thamm war von Wolffs ernüchternder Analyse enttäuscht. Obwohl er wusste, dass nicht mehr rauszuholen war aus den dürren Anhaltspunkten, die vorlagen, hatte er sich doch etwas mehr erhofft.

„Und die Tatzeit?“, fragte er.

Wolff zeichnete nun zwei Figuren auf das Plakat. Neben die eine schrieb er das Wort „Nachtwächter“, neben die andere „Pfleger“. „Die letzte Kontrolle des Parks fand ab vier Uhr statt“, erklärte er. „Der Wächter meinte, dass er seine Runde vorn am Eingang begonnen hat, also spätestens viertel fünf bei den Wildschweinen gewesen ist.“ Wolff notierte die Uhrzeit neben die eine Figur.

„Da hat er noch nichts Merkwürdiges gesehen. Aber es war noch dunkel und so genau hat er auch nicht in das Gehege reingeschaut, kurz: Er ist sich nicht sicher, ob die Leiche schon da war oder nicht. Zumindest hat er niemanden kommen oder gehen gesehen.“ Wolff umrahmte die Ziffer auf dem Plakat.

Thamm seufzte auf. „Also können wir die Zeit nicht eingrenzen.“

„Nur nach oben hin“, sagte Wolff. „Der Pfleger traf um acht am Schweinegehege ein, sah die Leiche kurz darauf und verständigte die Polizei. Die war dann gegen dreiviertel neun vor Ort, wir kurz nach neun.“ Wolff hatte alle Uhrzeiten peinlich genau untereinander geschrieben und steckte nun den Stift wieder in die Hülle. „Wir haben also eine Tatzeit zwischen viertel fünf und dreiviertel acht, wenn wir optimistisch sind.“

„Was die Platzierung der Leiche angeht“, berichtigte Thamm. „Die wurde aber woanders und somit auch früher ermordet. Heißt also im Klartext: Leiche Nummer eins wurde am Sonntagabend ermordet und trieb bis Montagabend in der Saale. Leiche Nummer zwei muss sich Krause erst noch ansehen, wurde aber irgendwann heute Morgen im Park abgelegt. Wunderbar“, seufzte Thamm.

Wolff besah sich seine Skizze. „Irgendwo da draußen ist also aller Wahrscheinlichkeit nach ein Auto mit einem total blutverschmierten Kofferraum oder ähnliches und wir haben keine Ahnung, wo.“

„Wir wissen überhaupt ziemlich viel nicht“, meinte Thamm. „Wir haben keinen Täter, keinen Tatort, unzuverlässige Zeiten. Nur zwei Leichen. Das ist alles.“

„Warum sperrst du dich eigentlich so gegen einen rechten Hintergrund?“, fragte Wolff plötzlich. Sein direkter Blick störte Thamm irgendwie. Was sollte das jetzt bitte schön heißen?

„Du hast nicht einmal zum Thema gemacht, dass die beiden Toten asiatischer Abstammung sind“, meinte Wolff immer noch in diesem vorwurfsvollen Ton. „Willst du es nicht wahrhaben oder bremst dich was?“

„Stopp mal!“, rief Thamm erregt. „Hast du nicht selbst gesagt, dass wir einen Psychopathen suchen? Ich denke, unser Herr Profilersteller hat schon seinen Täterkreis!“

„Ja, wir suchen einen männlichen, psychisch schwer gestörten Täter mittleren Alters, der gelernt hat, seine Macke zu verbergen. Aber das schließt doch ein rechtes Motiv nicht zwangsläufig aus. Ich meine, wir wissen nicht, was ihn antreibt und ob noch weitere Opfer kommen. Also sollten wir möglichst breit angelegt ermitteln. Denkst du nicht?“

„Ich finde das zu offensichtlich, zu sehr Klischee. Kaum ist ein Ausländer tot, schreien alle nach den Rechten. Viel wahrscheinlicher ist eine Beziehungstat, irgendwas im Bekanntenkreis …“

„Klingt nach Ausflucht“, unterbrach ihn Wolff gelangweilt.

„Oder nach Erfahrung“, beharrte Thamm. „Und selbst wenn: So ein Abstecher nach rechts ist keine Kleinigkeit.“

Wolff sah ihn mit großen Augen an. „Hast du etwa – Angst?“

„Kein bisschen“, meinte Thamm. „Ich möchte dich nur ganz höflich darauf aufmerksam machen, dass eine Ermittlung in diese Richtung enorm viel Staub aufwirbeln kann. Natürlich haben wir unseren Kontaktmann, den wir nur anzufunken brauchen. Aber wir haben auch ziemlich aufmerksame Lokalpolitiker und Möchtegernjournalisten, die nichts lieber tun würden, als uns genauestens auf die Finger zu schauen bei allem, was wir in dieser Hinsicht unternehmen. Da gibt es nur Fettnäpfchen für uns, egal was wir machen – und ich weiß nicht, ob wir bei deinem Einstand gleich so hoch pokern wollen.“

Wolffs Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. „Auf mich brauchst du keine Rücksicht nehmen. Von mir aus – nur zu!“

Thamm traute seinen Ohren nicht. War das der Sesselfurzer aus der Direktion? Wolff hatte wohl zu viel Frischluft geschnuppert. Konnte man mit dem was riskieren? Aber immerhin zeigte er schon einiges an Courage, wenn er von Anfang an aufs Ganze gehen wollte …

„Wenn du Richtung rechts gehst, beacker ich deine Theorie vom Bekanntenkreis“, erklärte sich Wolff nun bereit. „Krause wird uns ja zumindest die Identität von dem einen Toten wegen der Zähne bald verraten können. Immerhin ein Anfang.“

Schweigen.

Endlich, dachte Thamm, denn eigentlich war genug gequatscht worden. Es lag nun an ihm, die ganze Sache abzusegnen. Immer schön entspannt und nach den Spielregeln – oder gleich mal richtig auf die Kacke hauen? Lust hatte er ja schon, es mal so richtig krachen zu lassen. Zwei Morde – da schien doch ein Mindestmaß an Druck angebracht, oder?

6. KAPITEL

Jörg Reschke hieß der Mann.

Der war eine feste Größe im mittleren Spielfeld bei den Rechten, der kannte die braven Spießbürger mit ihren verdeckten braunen Ansichten ebenso wie die Glatzköpfe, denen man lieber nicht nachts auf der Straße dumm kam.

Reschke war seit Jahren für die Polizei aktiv, auch wenn er sich in letzter Zeit darauf beschränkt hatte, ziemlich nebulöse Andeutungen von sich zu geben. Was er mitzuteilen hatte, war immer unbrauchbarer für die Kollegen geworden, hatte Thamm in Erfahrung gebracht. Er selbst hatte noch nie mit Reschke zusammengearbeitet, aber zweifelsohne wurde der Kontaktmann bei den Nazis allmählich ausgebootet und somit auch für die Polizei unattraktiv.

Einem Treffen hatte Reschke umso bereitwilliger zugestimmt – obwohl er Thamm nicht vertrauen konnte. Es gab keine Beziehungen zwischen den beiden Männern. Ganz klar, hier klammerte sich jemand an den letzten Strohhalm: Wenn Reschke wirklich von beiden Seiten fallengelassen würde, durfte er nicht mehr mit Schonung rechnen. Die Nazis könnten ihn als mögliche undichte Stelle anfeinden und die Polizei würde in diesem Fall nicht eingreifen und ihn schützen können – weil dann genau dieser Verdacht der Spionage bestätigt wäre und Reschke erst recht Spießruten laufen würde.

Thamm empfand kein Mitleid mit dem wankenden Nazi. Der hatte sich doch selbst in diese Situation gebracht! Außerdem misstraute er ihm als Quelle. Wem das Wasser dermaßen bis zum Hals stand, der lieferte möglicherweise den eigenen Gegner, nicht aber den Gesuchten ans Messer der Polizei.

Nein, Thamm wollte auf der Hut sein und möglichst konzentriert auftreten. Er durfte sich nicht irre machen lassen, schon allein wegen der Toten nicht. Wer auch immer für deren Ermordung verantwortlich war, musste zur Rechenschaft gezogen werden. Das klang gut, dachte sich Thamm, richtig nach Polizeischule. Das Recht, es ging immer um das Recht – und auch ein bisschen um Gerechtigkeit. Dachte er an die Opfer, wurde ihm ein wenig christlich zumute, so als ob die Überführung des Mörders ihren Seelenfrieden wiederherstellen könnte. Ein recht netter Gedanke, der jedoch längst nicht alle Gefühle enthielt, die in dem Kommissar rumorten.

Da ganz hinten spürte Thamm noch etwas anderes. Er hatte versucht, es zurückzuhalten, weil er sich nicht auf diesen Trieb einlassen wollte – weil er befürchtete, unprofessionell zu werden – nicht in seinen Methoden, doch in seinen Motiven. Aber Wolff hatte daran gerührt, Wolff hatte ihn herausgefordert und genau an dieser unbequemen Empfindung gekitzelt: an seinem Jagdtrieb. Das war der eigentliche Grund, warum er zur Polizei gegangen war – doch nicht der Kampf für die Staatsordnung, vom Schreibtisch eines Provinzreviers aus! Wie albern das gewesen wäre. Nein, ihm ging es um das Aufspüren von Ungereimtheiten, um die kleinen Details – um das Lösen des Rätsels. Und um die Jagd nach einem Menschen.

Darüber konnte er sich glatt vergessen und wenn er auch zunächst noch seinen Drang nach dem Mehr an Information, dem Nähern an den Täter zurückhalten konnte und erst in Kleinarbeit allmählich zusammentrug und zusammenfügte – war da doch schon ein Lauern im Hintergrund, ein Abwarten vor dem endgültigen Zugriff. Und dieser sich immer wieder regende Zwang ließ Thamm gelegentlich vor sich selbst erschrecken. Dann redete er sich ein, dass das nur eine Berufskrankheit war. Wie andere eben die Rohrzange nicht aus der Hand legen konnten oder ihre ganze Verwandtschaft mit medizinischen Diagnosen versorgten. Es hatte halt jeder so seinen kleinen Tick, warum sollte er als Kleinstadtbulle da eine Ausnahme machen?

Aber in manchen Momenten nahm er sich diese Erklärung für das drängende Gefühl in sich nicht ab.

Thamm fuhr die Hallesche Straße runter, durch den Eisenbahntunnel in die Magistrale bis zum Bahnhof und dann in Richtung Innenstadt. Eine gute Gelegenheit, den Kopf mal ein bisschen frei zu bekommen. Ja, dachte er belustigt, die Arbeit hatte schon ihren Reiz.

Er staunte, wie gut gelaunt er gerade war – sicher, weil er sich trotz aller Bedenken doch viel von dem Gespräch mit Reschke erhoffte – denn eigentlich fuhr er nicht so gerne durch diesen Teil der Stadt. Das Elend fing gleich hinter der Hauptpost an und zog sich genau genommen bis hoch zum Krummen Tor, vors Schloss. Gutbürgerlich sah eindeutig anders aus, schoss es Thamm durch den Kopf, als er in die Bahnhofstraße bog, die ihn tief hinein in die Altstadt führte. Okay, da bröckelte der Putz von der katholischen Kirche, die Buchhandlung Stollberg träumte seit Jahrtausenden ein Stück weiter runter, dazu ein paar kleinere Läden und so weiter – alles ganz nett und richtig Kleinstadt. Aber jetzt hatte auch die Bäckerei hier dichtgemacht und sonst gab es nur noch diese Schmuddelläden mit ihren Handys und Billigklamotten und dem ganzen Müll. Und dieses komplette Elend überragte nur das Tivoli-Center mit seinem Apothekenarsenal und seinen tattrigen Bewohnern. Nicht gerade rosige Aussichten.

Mit der Stadt ging es ganz schön abwärts. Früher die Kriegsruinen, die sich bis über die Wende gehalten hatten, und jetzt der Leerstand. Alles wurde irgendwie ein bisschen kleiner von Jahr zu Jahr – Oder hatte es hier schon immer so scheiße ausgesehen? Thamm wusste nicht, ob er seinen vagen Kindheitserinnerungen glauben sollte.

Er ratterte über die Straßenbahnschienen, die in die Hölle führten – es hatte ihn schon als Teeny amüsiert, dass man die Kirche nur durch eine Straße erreichte, die Hölle hieß. Hier, in dem gleichnamigen Imbiss direkt auf der Ecke, war er mit dem Informanten verabredet. Was für eine Freude! Wo sich Thamm sonst von solchen Gestalten lieber fernhielt – nicht aus Berührungsangst, das war blanke Abscheu. Aber diesmal ließ es sich eben nicht umgehen.

Viel war nicht gerade los an der Essentheke von dem Laden. An den massiven Stehtischen drückten sich nur ein paar Hanseln zum verspäteten Mittag rum und die ausladende Kassiererin kam ganz gut mit den Bestellungen hinterher.

Thamm stellte sein Rad an den Resten der alten Stadtmauer ab, sah sich etwas suchend unter den Leuten um, aber niemand erwiderte seine Blicke. Also bestellte er an der Theke Currywurst und wählte einen Tisch, der etwas abseits stand. Jetzt könnte der Kerl aber wirklich mal langsam kommen, immerhin wollte er hier keine Wurzeln schlagen.

Er war er noch nicht mal beim dritten Wurststück angekommen, da hörte er eine dunkle Stimme hinter sich: „Thamm?“ Erwartungsvoll drehte er sich um – das also war Reschke. Oh mein Gott, ging es Thamm sofort durch den Kopf, da taten sich ja gleich hundert Schubladen auf bei diesem Anblick. Jörg Reschke war ein abgewrackter, ins Dickliche gealterter Schlägertyp. Das Stoppelhaar kaschierte kaum eine breit angelegte Glatze, im Gesicht hingen zwei träge Hamsterbacken um einen dünnen, femininen Mund.

Kleiner Murmelkopf auf fülligem Körper, Lederjacke, kräftiger Händedruck mit Fleischerfingern. Und mit dem sollte er sich jetzt die nächste Zeit vertreiben, dachte Thamm voller Selbstmitleid.

„Ich hol mir auch erst mal was“, erklärte Reschke und deutete auf die Speiseluke am Imbiss. Und war schon auf dem Weg, um kurz darauf mit einer Bratwurst und einem Pils wieder an Thamms Tisch aufzuschlagen.

„Also, es geht dir um das Fidschischwein“, setzte Reschke an und biss so kraftvoll in seine Wurst, dass er sich hinterher ein paar Fettspritzer vom Handrücken wischen musste. Mit malmenden Backen beobachtete er Thamm, der sich zu einem schmalen Lächeln durchrang. Wie kam der Scheißer dazu, ihn zu duzen?

„Ich bevorzuge Toter als Bezeichnung. Oder Leiche, je nachdem, von welchem Ende Sie das sehen wollen“, meinte Thamm mit größter Beherrschung und versuchte, Reschke nicht beim Kauen anzusehen. Stattdessen stocherte er zunehmend lustlos in seiner Currysoße.

„Aber das ist doch ein Fidschi, oder?“, ereiferte sich Reschke belustigt. „Ich meine, deshalb braucht ihr mich doch jetzt, wahr? Weil das morgen bestimmt im Lokalteil steht und alles ziemlich naheliegend ist, wahr? Darum geht’s doch. War’s ein Rechter und wenn ja, welcher? Das wollt ihr doch jetzt wissen.“ Reschke fraß mit halboffenem Mund weiter. Thamm ließ ihn machen. Sollte der sich ruhig erst mal warmreden, dann würde er später vielleicht mehr rausrücken. Und Reschke war nun wirklich keiner von der stillen Truppe. „Guck dir das doch nur mal hier alles an“, forderte er Thamm auf und zeigte mit seiner angebissenen Bratwurst in die Landschaft. „In jedem scheiß Laden da drüben sitzt einer von denen. Ist doch komisch, dass die sich die Mieten in der Innenstadt leisten können und andere nicht.“

Und damit war bei Thamm schon wieder der Ofen aus. Das wurde ihm jetzt doch zu dumm, schneller als erwartet. Er war doch nicht hergekommen, um sich solche abgedroschenen Stammtischparolen anzuhören, verdammt nochmal! „Herr Reschke, kommen Sie jetzt mal zur Sache“, knirschte er hervor. „Mir geht es um den Fall. Und mir wurde gesagt, dass Sie …“

Reschke sah ihn verärgert an. Die Bühne war weg. Der Kommissar ließ sich keine Vorträge halten. „Ich mein ja nur“, maulte er rum. „Sag das nur mal so vor mich hin. Man wird ja wohl noch laut denken dürfen. Das an der Saale und da im Südpark ist natürlich eine riesige Schweinerei. Das kann auch nicht die Lösung sein für dieses Ausländerproblem, echt nicht. Aber ich meine nur, dass ich so die generelle Meinung in der Bevölkerung verstehen kann.“

War ja rührend, wie der sich Sorgen um das Allgemeinwohl machte, dieser blöde Fettsack. Dass die immer einen auf Stimme des Volkes machten, kotzte Thamm ordentlich an. Und dann noch dieser bekloppte Reschke mit seinen drei grauen Windungen im Hirn – der rückte nun noch ein bisschen näher an Thamm heran. Der Gestank von Zigarette und Lederjacke stieg dem Kommissar in die Nase. Gott, das wurde ja immer besser, dachte er angewidert.

„Die Szene ist ziemlich durcheinander, musst du wissen“, raunte Reschke vertraulich. „Da sind Flügelkämpfe, unter der Oberfläche, versteht sich. Ein paar von den ganz Verrückten wollen das Ganze ein bisschen radikaler aufziehen, wollen präsenter in der Öffentlichkeit sein. Straßenkämpfe gegen links, stärker Position beziehen, mehr Druck nach vorn, gegen die Ausländer.“ Reschke nahm einen großen Schluck Bier.

„Die anderen sind vernünftiger. Wollen sich als ganz normale Bürger zeigen, wie du und ich halt. Es geht denen um die Jugendclubs, um die bestimmten Schichten in Merseburg-Nord, um die Weststadt, den Neumarkt. Überall da, wo sonst keiner mehr ist, wollen die Stimmung machen. Aber auf die friedliche Art. Ganz allmählich, immer sachte. Aber das geht manchen eben zu langsam, den Radikalen. Und das ist unser Meinungsproblem, aber das kriegen wir auch noch hin.“

Thamm hatte es aufgegeben, weiteressen zu wollen. Resigniert warf er die Plastegabel in die rote Pampe. Reschke gab als Informant wirklich nicht mehr viel her. Das war ja alles nur allgemeines Gelaber ohne jeden brauchbaren Inhalt. So was konnte sich Thamm in jedem Zeitungsbericht zusammenlesen, wenn er wollte. Dafür brauchte er keinen Insider.

Nein, das hier hatte wirklich keinen Wert.

Da brodelte es im rechten Lager, die Radikalen gewannen immer mehr die Oberhand – alles schön und gut. Aber noch nicht genug. Reschke versuchte doch nur, seine Haut zu retten. Der stand mit seinem Streichelkurs bei den Nazis mit dem Arsch an der Wand und wollte jetzt wenigstens der Polizei nicht ganz abhanden kommen – genauso wie Thamm sich das schon gedacht hatte. Und nun? Eine letzte Anbiederung beim Kommissar?

Aber da wollte Thamm nicht mitspielen. Da konnte er höchstens noch mal abklopfen, mehr war nicht drin.

„Was du bis jetzt geliefert hast, ist nichts. Und glaub bloß nicht, dass wir dich für solchen Mist weiterbezahlen“, meinte Thamm mit halblauter Stimme. Es machte ihm ziemlich viel Spaß, Reschke so eiskalt abzufertigen – und mal zu zeigen, wer hier am längeren Hebel saß. „Entweder du nennst mir jetzt mal ein paar konkrete Namen oder ich streiche dich eigenhändig von unserer Gehaltsliste.“

Reschke stutzte. Mit dem halboffenen Mund sah er noch dämlicher aus als vorher. Aber hinter diesem teigigen, trägen Gesicht ratterte es, das konnte Thamm geradezu hören. Er hatte ihn richtig angepackt.

„Ich verrate keinen von unseren Jungs“, sagte Reschke schließlich, aber nicht gerade überzeugend. Er zögerte noch, ob er Thamms plötzliches Durchgreifen ernst nehmen sollte oder nicht. Aber er schwankte schon.

„Wie rührend“, fuhr Thamm unbeeindruckt fort. „Ob die dich auch noch lieb haben, wenn ich mal mit denen über dich schwatze? Was du so für die Polizei gemacht hast in deinen besten Jahren …“

„Drecksack“, zischte Reschke, aber Thamm kümmerte das nicht weiter. Er hatte ihn am Haken.

„Ich will Namen“, forderte er laut. „Und zwar pronto.“

Reschke sah sich unruhig um. „Geht’s vielleicht noch ein bisschen lauter? Mensch, wir sind doch nicht auf dem Rummel!“ Thamm wandte seinen Blick nicht ab. Komm schon, dachte er, spuck’s endlich aus. Und dann knickte Reschke ein.

„Hannes Koslowski“, sagte er leise. „Den würde ich an deiner Stelle mal fragen.“

Thamm sah ihn zweifelnd an. „Sonst keinen? Komm schon, du willst mir doch nicht sagen, dass bei euch nur einer am Rad dreht.“

„Versuch’s bei dem und du hast alle am Wickel“, sagte Reschke nur. „Und jetzt kannst du mich mal.“

Er wollte sich wohl noch den letzten Rest Wurst in den Kopf stecken, bevor er den großen Abgang hinlegte, aber anscheinend war ihm der Appetit vergangen. Er warf den Zipfel samt Brötchen verächtlich weg und ließ auch das Bier stehen. Ohne sich noch einmal nach Thamm umzusehen, machte er sich von dannen.

Koslowski also.

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Data wydania na Litres:
25 maja 2021
Objętość:
221 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783954621552
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