Czytaj książkę: «Berlin erlesen!»

Czcionka:

Bernhard Hampp

Berlin erlesen!

Eine literarische Schatzsuche

Impressum

Sofern im Folgenden nicht aufgeführt, stammen alle Fotos vom Autor:

Heiner Harke 14; Bernhard Hampp mit Genehmigung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz 36; Steffi Schulz 56; Georg Held 62; Bezirksamt Berlin-Reinickendorf 114; Potsdam, Park Sanssouci, Neues Palais, Friedrichswohnung, Bibliothek Friedrichs des Großen, R. 208 / SPSG / Roland Handrick 136; Potsdam, Schloss Sanssouci, Bibliothek, R. 6. / SPSG / Leo Seidel 138; Hans Bach, Potsdam, mit freundlicher Genehmigung des Einstein Forums Potsdam, www.einsteinforum.de 142; Peter-Huchel-Gedenkstätte e.V. 146; Horst Drewing 168; Kleist-Museum 170

Alle Seitenangaben in diesem Buch beziehen sich auf die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2021 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95-0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2021

Lektorat / Bildredaktion: Anja Kästle

Satz / Bildbearbeitung / Umschlaggestaltung: Susanne Lutz

unter Verwendung eines Fotos von: Agota Kadar - stock.adobe.com

Kartendesign: Susanne Lutz; © Maps4News.com / © HERE

E-Book: Mirjam Hecht

ISBN 978-3-8392-6864-3

Inhalt

Impressum

Östliches Zentrum

Humboldt-Universität

1 Geteilte Lesefreude

Staatsbibliothek zu Berlin

2 Schnäppchenjagd am Kupfergraben

Antik- & Buchmarkt am Bodemuseum

3 Die Schönste im ganzen Land

Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität

4 Am Ende auch Menschen

Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung

5 Geschichte geschrieben

Bibliothek des Deutschen Historischen Museums

6 Alles und noch viel mehr

»Dussmann – Das KulturKaufhaus«

7 Schreib mal wieder

Museum für Kommunikation Berlin

8 Hoffmanns Erzählungen

Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt

9 Das literarische Trio

Nicolaihaus – Ein Haus der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

10 »Jesacht, wies is«

»Zille Museum«

11 Zeit für eine Pause

Café Tasso – Das andere Antiquariat

12 Alles über Anne

»Anne Frank Zentrum«

13 Bücher machen Kleine groß

LesArt – Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur

14 Fortsetzung folgt …

Comicbibliothek Renate

15 Heine und ein anderer Buchladen

Heine-Denkmal und Buchhandlung »ocelot« am Weinsbergpark

Westliches Zentrum

Deutsches Technikmuseum

16 In den Rauch geschrieben

Brecht-Weigel-Museum im Brecht-Haus

17 Sie bleiben lebendig

Dorotheenstädtischer Friedhof

18 Weltkunst auf Papier

Kupferstichkabinett

19 Anziehende Bücher

Sammlung Modebild – Lipperheidesche Kostümbibliothek

20 Literatur im Parterre

Buchhändlerkeller Berlin

21 Erlesenes unter dem Gleis

Bücherbogen am Savignyplatz

22 Qualität vom Erzeuger

Autorenbuchhandlung Berlin

23 Folge dem weißen Elefanten

Literaturhaus Berlin beim Kurfürstendamm

24 Schwarz auf Weiß

Deutsches Technikmuseum

25 Hoffmann kam nicht raus

Friedhöfe am Halleschen Tor

26 In Omas altem Lesesessel

»Café BilderBuch«

27 Bowie hatte keine Chance

Bücherhalle

28 Zauberreich in Randlage

Antiquariat Tode

29 Letzte Station als »Giftmischer«

Fontane-Apotheke im Haus Bethanien

Äußere Bezirke

Kleiner Wannsee

30 Alte, neue schwarze Kunst

Offizin Die Lettertypen

31 Ausguck in Adlershof

Anna-Seghers-Museum

32 Mikrofon läuft

Haus für Poesie

33 Im Papierhaus

Antiquariat Die Geisterschmiede

34 Lesen ist gesund

Bibliothek am Luisenbad

35 Spur der Brüder

Humboldt-Bibliothek

36 Spandauer Geheimnisse

Museum Spandovia Sacra

37 Guter Tausch

Bücherboxx

38 Edles unter dem Hammer

Kunst- und Buchauktionshaus Bassenge

39 Hintertür ins Paradies

Kleistgrab am Kleinen Wannsee

40 Haus am See

Literarisches Colloquium Berlin

41 Zu Gast bei Mary

Hotel Friedenau – Das Literaturhotel Berlin

Ausflüge nach Brandenburg

Fontanedenkmal in Neuruppin

42 Der Große und seine kleinen Bücher

Schloss Sanssouci und Neues Palais: Die Bibliotheken Friedrichs II.

43 Potsdamer Rätselspiel

Buchhandlung Viktoriagarten

44 Relativ glücklich

Einsteinhaus in Caputh

45 Ermutigung

Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst

46 Undine verzaubert

Fouqué-Bibliothek in Brandenburg an der Havel

47 Schummerige Gänge

Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf

Brandenburg an der Havel

48 Ein Leben wie ein Jahrhundert

Franz Fühmann Literatur- und Begegnungszentrum in Märkisch Buchholz

49 Produktiver Spaziergänger

Gerhart-Hauptmann-Museum in Erkner

50 Fremder ohne Schatten

»Chamisso Museum im Kunersdorfer Musenhof«

51 Rätsel, Kämpfe, Brüche

Kleist-Museum in Frankfurt / Oder

52 Warner und Mahner

Friedrich-Wolf-Gedenkstätte in Lehnitz

53 Dem Dichter der Mark

Theodor Fontane im Museum Neuruppin

54 Für Verliebte – und den Rest

Kurt Tucholsky Literaturmuseum in Rheinsberg

55 Belletristik zum Bacalao

Schmökerstuw in Berlinchen

Adressen

Karte 1

Karte 2

Östliches Zentrum
Humboldt-Universität


1 Geteilte Lesefreude
Staatsbibliothek zu Berlin


Steinerne Büchermenschen empfangen Besucher der Staatsbibliothek Unter den Linden: Männer- und Frauenskulpturen flankieren das efeubewachsene Portal im Vorhof. Sie tragen Bücherstapel, halten Schriftrollen oder sind in dicke Wälzer vertieft. Ganz klar: Wer lesen und lernen möchte, ist hier richtig. Elf Millionen Druckschriften und zahllose weitere Medien – jährlich kommen rund 100.000 hinzu – schlummern an diesem Ort. Genauer gesagt an diesen zwei Orten: Wie ganz Berlin war auch die Staatsbibliothek lange Zeit geteilt. Die beiden Häuser im ehemaligen Ost- und Westteil der Stadt arbeiten seit der Wende wieder zusammen. Betrieben unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bilden sie eine der bedeutendsten Bibliotheken weltweit.

Alles begann im 17. Jahrhundert mit dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg: Der Landesherr beschloss, seine Büchersammlung ausgewählten Gelehrten zugänglich zu machen. 1661 ließ er die Bibliothek im Apothekenflügel des Berliner Schlosses einrichten. Als der Kurfürst 1688 starb, lagerten hier schon rund 20.000 Druckwerke und 1.600 Handschriften. Die nachfolgenden Preußenherrscher pflegten die Bestände weiter. Unter König Friedrich II., dem passionierten Leser, erhielten sie 1784 ihr eigenes Gebäude neben dem Opernhaus – wegen seiner barock geschwungenen Fassade nannten die Berliner es sogleich »Kommode«.

Das Haus Unter den Linden gefällt als neobarocker Prachtbau. Bis 1902 stand an dieser Stelle der Marstall mit Akademie der Wissenschaften und Akademie der Künste, in dem Johann Gottlieb Fichte ab 1817 seine Reden an die deutsche Nation hielt. Das heutige Bibliotheksgebäude erbaute Ernst von Ihne ab 1903. 1909 füllte es sich mit Büchern, zu Beginn des Ersten Weltkriegs war es fertiggestellt. Von 1918 an trug die ehemals Königliche Bibliothek den Namen Deutsche Staatsbibliothek. Als der Zweite Weltkrieg nahte, war der Bestand schon auf drei Millionen Bände und mehr als 70.000 Handschriften angewachsen. Die Verantwortlichen lagerten ihn aus Furcht vor Bombenangriffen und Plünderungen an verschiedene Orte überall in Deutschland aus. Nach dem Krieg kehrte vieles, was sich in der sowjetischen Besatzungszone befand, in das Haus Unter den Linden zurück, das nun zur Bücherherzkammer der DDR werden sollte.

Heute dient die Staatsbibliothek Unter den Linden als historische Forschungsbibliothek für Literatur bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Der große Kuppellesesaal im Zentrum des Gebäudekomplexes, eröffnet 1914, wurde während des Zweiten Weltkrieges schwer beschädigt. An seiner Stelle befindet sich der 2013 eröffnete Allgemeine Lesesaal unter einem Glaskubus. Das Haus wurde zuletzt in den Jahren 2005 bis 2020 umfassend saniert und präsentiert nun eine gelungene historisch-moderne Mischung.

Die Staatsbibliothek Unter den Linden ist auch der Standort des Bibliotheksmuseums: In der ehemaligen grünen Eingangshalle geben auf 200 Quadratmetern eine Dauerausstellung zur Geschichte der Sammlung, eine Schatzkammer und Wechselausstellungen einen Einblick in rund 350 Jahre Kulturgeschichte Berlins, Preußens und Deutschlands. Die Exponate belegen: Die Berliner Büchersammlung sucht ihresgleichen. Zu sehen ist etwa eine Handschrift des Nibelungenliedes. Weltweit sind nur neun vollständige Fassungen des Heldenepos erhalten – drei davon bewahrt die Staatsbibliothek auf. Auch eine zweibändige illuminierte Pergamentbibel, hergestellt 1454 / 55 vom Druckpionier Johannes Gutenberg, sorgt für Staunen.

Die meisten Preziosen aber halten die Bibliothekare in den Tresoren streng unter Verschluss und holen sie nur für Forscher mit besonderem Anliegen hervor. So das Psalterium Latinum 1457 aus Mainz – eine der 18.500 abendländischen Handschriften im Bestand. Aufbewahrt sind zudem rund 4.600 Inkunabeln aus dem 15. Jahrhundert, als der Buchdruck sprichwörtlich noch in der Wiege lag.

Mit Rekordverdächtigem geizt die Bibliothek nicht: 1,1 Millionen Karten, Pläne und Globen, dazu der weltgrößte gebundene Atlas. Zu den mehr als 321.000 Autographen zählen Faust-Fragmente Johann Wolfgang von Goethes, Schriften Martin Luthers sowie der Wissenschaftler Max Planck und Albert Einstein. Rund 1.600 Nachlässe, unter anderem von Moses Mendelssohn, den Brüdern Grimm, Annette von Droste-Hülshoff, Theodor Fontane, Gerhart Hauptmann und Dietrich Bonhoeffer, sind hier verwahrt. Mehr als 80 Prozent aller Musikautographe von Johann Sebastian Bach und die größte Mozart-Sammlung weltweit gehören zu einer der international bedeutendsten Musikalien-Sammlung. Zu den 66.700 Musikautographen zählen Partituren von Ludwig van Beethovens Sinfonien Nummer 4, 5, 8 und 9. In den Lesesälen für Handschriften, Musik, Karten, Zeitungen sowie Kinder- und Jugendbuch können Nutzer die Werke aus den entsprechenden Abteilungen konsultieren.

Während die Staatsbibliothek im altehrwürdigen Gebäude unter den Linden Altes sammelt, ist ihr West-Pendant Haus Potsdamer Straße für die neue Literatur nach 1945 zuständig. Dazu passt auch das Gebäude, das 229 Meter lang, 152 Meter breit und 42 Meter hoch aus dem Boden ragt wie ein Ozeanriese aus dem Wasser. Die Pläne stammen von Hans Scharoun. Der prägende Architekt der Berliner Nachkriegszeit erhielt den Auftrag, ein Heim für die im Krieg nach Westdeutschland ausgelagerten Bestände zu entwerfen. Das Bücherschiff am Matthäikirchplatz zwischen Kulturforum und Potsdamer Platz entstand von 1967 bis 1978. Die Forschungs-, Informations- und Leihbibliothek der Moderne in seinem Inneren baut ihren Bestand kontinuierlich aus. Hier sind außerdem Sonderabteilungen für Literatur und andere Schriftzeugnisse aus Osteuropa, Ostasien und dem Orient angesiedelt. Die Bibliothek verwahrt 42.170 orientalische Handschriften, darunter die größte hebräische Pergamentbibel: Die sogenannte Erfurter Bibel ist 63 Zentimeter hoch, 47 Zentimeter breit und stammt aus dem Jahr 1343. Für die Herstellung des Pergaments wurden die Häute von 1.100 Tieren benötigt. Ebenfalls enormen Ausmaßes ist eine Thora-Rolle vom Ende des 13. Jahrhunderts. Der Stab, um sie zu halten, misst 1,19 Meter. Verwahrt sind Blockdrucke der frühen Ming-Zeit sowie das vielleicht älteste Druckwerk der Welt: das Hyakumantō Darani, ein Papierröllchen mit buddhistischen Zaubersprüchen aus dem Japan des 8. Jahrhunderts.

Das Ibero-Amerikanische Institut, wichtigster Anlaufpunkt für Forschung zu Spanien, Portugal und Lateinamerika, ist dem Gebäude am Kulturforum angegliedert.


2 Schnäppchenjagd am Kupfergraben
Antik- & Buchmarkt am Bodemuseum


Berlin bietet paradiesische Zustände für alle, die gerne trödeln und feilschen: Lampenschirme, Lederjacken, Rosenkränze, Rätschen, Fahrräder, Filzhüte, Taschenuhren, Toaster gehören zum bunten Angebot – genau wie Lesestoff aller Art. Bücherkisten unter, vor und auf den Tapeziertischen, manchmal sogar in Stehregalen, entdecken Schnäppchenjäger und Sammler eigentlich auf allen regelmäßigen Berliner Flohmärkten.

Dabei besitzt jeder dieser Märkte seinen eigenen Charme: Im Mauerpark und am Ostbahnhof dürfen sich Second-Hand-Freunde durch eine riesige Auswahl bummeln. Am Boxhagener Platz in Friedrichshain könnten Vintage-Fans fündig werden, während am Fehrbelliner Platz Pelzmäntel und Porzellanfiguren aus gediegenen Wilmersdorfer Haushalten zum Verkauf stehen. Der Flohmarkt am Schöneberger Rathaus ist eine gute Adresse, um sich mit Schraubenschlüssel und Co. einzudecken, auf der Straße des 17. Juni warten ausgesuchte Antiquitäten, während in Bohnsdorf nahe dem neuen Flughafen BER Schätzchen aus DDR-Zeiten ihrer Bergung harren.

Für Bücherfreunde aber führt kein Weg am Antik- und Buchmarkt am Bodemuseum vorbei. Durchschnittlich 50 bis 60 Händler – Profis und private Verkäufer – sind jeden Samstag und Sonntag am Kupfergraben anzutreffen. Sogar feiertags findet der Markt statt, der im Jahr 1992 gestartet ist. Eine Pause machen die Händler lediglich über die Weihnachtsfeiertage, selbst an Neujahr darf hier getrödelt werden.

An den Ständen zwischen Bodemuseum und Pergamonaltar ist nahezu alles zu haben, was zwischen zwei Buchdeckel passt: Romane, Krimis, Historisches, Ratgeber, Bilderbücher, Comics und vieles mehr. Auch wer bibliophile Werke sucht, könnte fündig werden. Und natürlich gibt es wissenschaftliche Literatur, schließlich ist die Humboldt-Universität gleich in der Nähe.

Wer selbst auf dem Antik- und Buchmarkt verkaufen möchte, kann sich beim Veranstalter anmelden. Es dürfen allerdings nur Kunst, Antiquitäten und Bücher angeboten werden. Erlaubt sind beispielsweise Postkarten, Fotos, Gemälde, Porzellan, Schallplatten und Briefmarken.

3 Die Schönste im ganzen Land
Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität


Hinein in den riesigen Bücherschrank: Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität ist innenarchitektonisch einem großen Bibliotheksregal nachempfunden. Wer dort schmökert, studiert und arbeitet, hat das Gefühl, selbst auf einem der Regalbretter in rötlich amerikanischem Kirschbaumfurnier zu sitzen. Entworfen hat den 20 Meter hohen Lesesaal, der treppenartig zu zwei Seiten hin ansteigt und nahtlos in die Freihandbibliothek übergeht, der Schweizer Architekt Max Dudler. Mit diesem Bau bekam die Berliner Humboldt-Universität 2009 nach rund 100 Jahren erstmals ihre eigene Zentralbibliothek. So lange war die traditionsreiche Bildungs- und Forschungseinrichtung Untermieterin der Staatsbibliothek gewesen.

Das Zentrum bietet den 252 Bänden aus der sprachwissenschaftlichen Bibliothek ihres Gründers und Namenspatrons einen würdigen Platz. Auch, wenn die Universität 1809 zunächst nach dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. benannt wurde: Aus der Taufe hob sie der Berliner Universalgelehrte Wilhelm von Humboldt, der als Verantwortlicher für das preußische Kultus- und Unterrichtswesen sein Ideal der humanistischen Bildung durchsetzte. Das enorme Gewicht auf Bildung und Gelehrsamkeit darf als durchaus bemerkenswert gelten – in einer Zeit, da Preußen militärisch am Boden lag. Mehrere Niederlagen gegen den französischen Feldherrn Napoleon hatten das Land und seine Hauptstadt schwer gebeutelt. Die Verantwortlichen packten die Gelegenheit beim Schopf und modernisierten die Staatsverwaltung, wobei sich besonders die Minister Karl Freiherr vom Stein und Karl August von Hardenberg auszeichneten.

Humboldts Universität stieg schnell zum Mittelpunkt des geistigen Lebens auf. Dafür sorgten nicht zuletzt Gelehrte wie der Stuttgarter Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der 1818 an die Hochschule berufen wurde. Mit seinem allumfassenden philosophischen System, in dessen Zentrum Werden und Versöhnung der Gegensätze stehen, begeisterte er Berlin. Nicht nur die Studenten strömten in die Vorlesungen, in denen der spröde Schwabe nuschelnd seine unerhörten Theorien erläuterte. Auch die bessere Berliner Gesellschaft hing an seinen Lippen: Was sagt Hegel zu einem neuen Theaterstück? Wie kommentiert Hegel die aktuelle politische Entwicklung? 1829 wurde Hegel Rektor. Zwei Jahre darauf starb er: Ob ihn die Cholera dahinraffte oder ein langjähriges Magenleiden, darüber scheiden sich bis heute die Geister. In jedem Fall begleitete ihn ein gewaltiger Leichenzug von seiner Wohnung im Kupfergraben bis zum Dorotheenstädtischen Friedhof. Ein Begräbnisredner verglich den Denker gar mit Jesus Christus. Die Bibliothek der Humboldt-Universität bewahrt in ihrer umfangreichen Porträtsammlung ein Bildnis Hegels auf. Er ist darauf im Schlafrock zu sehen: Auf dem Kopf trägt er das legendäre Barett – sein Markenzeichen, das er auch in Vorlesungen nicht ablegte.

Die Zentralbibliothek ist nach zwei Brüdern benannt, die ebenfalls an der Berliner Universität lehrten und forschten: die Sprachforscher und Volkskundler Jacob und Wilhelm Grimm, bekannt als Herausgeber der Kinder- und Hausmärchen und des Deutschen Wörterbuchs. 1841 hatte sie der preußische König Friedrich Wilhelm IV. in seine Residenzstadt berufen und mit einer Pension ausgestattet. Ihre vorherige Wirkungsstätte, die Universität Göttingen, hatte sie 1937 entlassen: Sie hatten als Teil der Professorengruppe Göttinger Sieben gegen die Aufhebung der liberalen Verfassung protestiert. Beide lebten bis zu ihrem Tod in Berlin und liegen auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg begraben. In einem klimatisierten Raum hütet das Grimm-Zentrum die Privatbibliothek der Märchenbrüder. Die rund 6.000 wissenschaftlichen Bände enthalten vielfach Widmungen, Erwerbungsvermerke und handschriftliche Anmerkungen der sammelwütigen Gelehrten. Im Forschungslesesaal in der sechsten Etage können Nutzer sie auf Anfrage einsehen.

Neben vielen weiteren Spezial- und Gelehrtenbibliotheken bewahrt das Zentrum das rund 13.000 Dokumente starke Archiv des 1827 gegründeten literarischen Vereins Tunnel über der Spree auf, dem unter anderem Theodor Fontane und der spätere Literaturnobelpreisträger Paul Heyse angehörten. Die Namen der großen Geister, die das Berliner Universitätsleben prägten, sind Legion. Zu ihnen gehört der Begründer der Quantenphysik, Max Planck. Er ist Namensgeber der Straße, die an der Westseite des Bibliotheksgebäudes vorbeiführt. Mit Verspätung wurde die Universität zur Wirkungsstätte exzellenter Wissenschaftlerinnen wie der Sozialreformerin Alice Salomon und der Atomphysikerin Lise Meitner. 1912 wurde die Mikrobiologin Lydia Rabinowitsch-Kempner als erste Frau in Berlin zur Professorin ernannt. Auch Robert Musil gehörte von 1903 bis 1908 zu denjenigen, die hier Vorlesungen besuchten. Er schloss an der Universität sein Zweitstudium der Philosophie und Psychologie mit der Promotion ab. Der Autor des eindringlichen Romans Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906) brachte mehrere Phasen seines Lebens in der deutschen Hauptstadt zu. Beim Verleger Ernst Rowohlt in Berlin publizierte er ab 1940 sein dreibändiges Hauptwerk Der Mann ohne Eigenschaften, das vom Taumel der K.-u.-k.-Monarchie in den Untergang erzählt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Teilung der Stadt wurde die Universität zur prestigeträchtigsten Forschungseinrichtung der DDR. Humboldt-Universität zu Berlin heißt sie seit 1949.

Mit dem Grimm-Zentrum ist die Bildungsstätte um ein Superlativ reicher: den größten zusammenhängend in Freihandaufstellung verfügbaren Bibliotheksbestand Deutschlands. Zwei Millionen der 2,5 Millionen Einheiten im Haus können von allen Benutzern jederzeit eingesehen werden. Integriert in das Zentrum sind außerdem zwölf Zweig- und Teilbibliotheken aus den Bereichen Geistes- und Kulturwissenschaften sowie Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Das Grimm-Zentrum bietet fast 1.400 Arbeitsplätze und verzeichnet täglich rund 5.200 Nutzer. Mit ihren weiteren Standorten gehört die Bibliothek der Humboldt-Universität sogar zu den deutschlandweit meistbesuchten wissenschaftlichen Bibliotheken.


Bücher im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität

4 Am Ende auch Menschen
Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung


Und dann hörte er seinen eigenen Namen. Von diesem »psalmodierenden, gestikulierenden Teufelchen«. Erich Kästner selbst war Augen- und Ohrenzeuge auf dem Berliner Opernplatz an jenem 10. Mai 1933. Er vernahm, wie Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels geiferte. Wie er und seine Schergen wetterten gegen Schriftsteller wie Thomas und Heinrich Mann, Sigmund Freud, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Bertolt Brecht – und ihn, den Journalisten, Literaten und Satiriker Kästner. Der Autor stand im Regen, eingekeilt zwischen aufgehetzten Studenten in SA-Uniform. Er sah, wie die Bücher von Oppositionellen, jüdischen Autoren, Pazifisten, Lebensreformern, Feministinnen und anderen kritischen Schriftstellern ins flackernde Feuer flogen. Rund 20.000 Bücher brannten. Die aufgehetzten Studenten hatten ganze Büchereien geplündert: auch die Alte Bibliothek direkt am Opernplatz, die ab 1775 für die Büchersammlung Friedrichs des Großen erbaut und wegen ihrer geschwungen-barocken Form »Kommode« genannt wurde.

Mit den Worten »wider den undeutschen Geist«, betitelten Hitlers Getreue ihre Kampagne. Für die betroffenen Autoren bedeuteten sie Berufs- und Publikationsverbot. Viele emigrierten daraufhin. »Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen«, hatte Heinrich Heine 1823 in seinem Drama Almansor geschrieben. Die Nazis machten dieses Diktum auf grausamste Weise wahr. Kritische Geister wie der Journalist und Friedensnobelpreisträger Ossietzky kamen in Konzentrationslagern zu Tode. Millionen Menschen folgten.

Seit März 1995 erinnert am Ort des Geschehens, der heute Bebelplatz heißt, ein unscheinbares Mahnmal an die Bücherverbrennung. Zwischen dem Boulevard Unter den Linden, Hedwigskathedrale, »Kommode« und Oper ist eine Glasscheibe in das Kopfsteinpflaster eingelassen. Sie gibt den Blick nach unten frei. Zu sehen ist ein weißes Bücherregal aus Beton. 20.000 Bände hätten hier Platz. Doch das Regal ist leer. Deutlicher ist kaum zu zeigen, wie die Nazis dem Geistesleben in Deutschland und Europa den Garaus machten. Geschaffen hat das Mahnmal der israelische Künstler Micha Ullmann. Von ihm stammt auch der am Jüdischen Museum aufgestellte stählerne Kubus mit dem Titel Niemand.

5 Geschichte geschrieben
Bibliothek des Deutschen Historischen Museums


Bücher machen Geschichte. Das beweist das Deutsche Historische Museum: Das Schreiben, Lesen, Drucken, die Literatur und der Ideenwettstreit haben die Zeitläufte mindestens genauso geprägt wie Feldzüge und Kriege.

Sein Domizil hat das nach der Wende eingerichtete Museum im Zeughaus – dem ältesten Bauwerk am Boulevard Unter den Linden. Das frühere Waffenarsenal wurde selbst zum Schauplatz historischer Umbrüche, als es Anhänger der Revolution 1848 erstürmten und plünderten. Die Dauerausstellung zur deutschen Geschichte vom Mittelalter bis zum Mauerfall, die der barocke Bau auf 8.000 Quadratmetern beherbergt, ist derzeit wegen Bauarbeiten geschlossen. Von rund einer Million Objekte, welche die historische Schatzkammer der Nation aufbewahrt, waren bis zum Jahr 2021 rund 7.000 als Exponate zu sehen. Und jedes zehnte dieser Ausstellungsstücke war ein Buch: »Kaum ein Museum besitzt so viele Bücher«, sagt Matthias Miller, Leiter der Museumsbibliothek und Hüter der präsentierten Papier-Preziosen.

Wann sind Bücher ein Fall für das Museum? Wenn sie Geschichte gemacht haben, Geschichte ausdrücken und transportieren oder auf ihre eigene Geschichte zurückblicken können. Zu sehen und erleben sind sie weiterhin als Teil von informativen Sonderausstellungen im benachbarten Pei-Bau. Die 2003 eröffnete, lichtdurchflutete Ausstellungshalle ist nach ihrem chinesisch-nordamerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei benannt.

Als Geheimtipp darf Deutschlands sechstgrößte Museumsbibliothek gelten. Sie findet sich im anschließenden Verwaltungsgebäude direkt am Spreekanal. Unter einem Glasdach, umgeben von Mosaiken und prachtvollen Regalwänden können nicht nur Mitarbeiter, sondern alle historisch Interessierten an 16 Lese- und Arbeitsplätzen forschen. Die feudale Ausstattung erinnert an den früheren Zweck des Bauwerks: Es wurde um 1900 als Kassenhalle der Preußischen Central-Genossenschaftskasse erbaut. Ihre Wertgegenstände bewahrte die Bank damals ein Stockwerk tiefer, im Tresorraum, auf. Dieser war offenbar so gut gesichert, dass nicht einmal die berüchtigten Panzerknacker-Brüder der 1920er-Jahre, Franz und Erich Sass, hier einen Bruch wagten. Heute hütet die Bibliothek unterirdisch die kostbaren Originale, von denen die Ausstellungsbesucher meist Faksimiles zu Gesicht bekommen.

Zum Beispiel ein Pergamentfragment der Heliand-Handschrift aus dem 9. Jahrhundert, die das Leben Jesu Christi als Ritterepos erzählt. Es stammt wahrscheinlich aus dem Kloster Verden und tauchte um 1880 in der Prager Universitätsbibliothek auf. 1953 überreichte es der tschechoslowakische Staatspräsident Klement Gottwald als Staatsgeschenk an den DDR-Ministerpräsidenten Wilhelm Pieck. Mit der Goldenen Bulle von 1356 liegt hier auch ein Stück Verfassungsgeschichte. Das Museum verfügt über den ersten illustrierten Druck des frühen Gesetzeswerkes von 1485, das die deutsche Königswahl regelte. Christoph Kolumbus schrieb 1492 noch an Bord seines Schiffes einen Brief an den spanischen Königshof: Er berichtete darin von seinen jüngsten Entdeckungen – vermeintlich in Indien. Im Museum ist der Brief in Buchform zu sehen, gedruckt bereits 1493 in Rom. Im selben Jahr erschien die Schedelsche Weltchronik: Umfangreich illustriert, beschreibt sie den Lauf der Welt mit den Augen des Nürnberger Arztes, Humanisten und Historikers Hartmann Schedel.

Mit seinen 95 Thesen gab Martin Luther anno 1517 den Anstoß für eine Zeitenwende. Das Deutsche Historische Museum besitzt einen der frühesten Drucke, der selbst durch die Hand des Reformators ging. Daneben ist zudem die persönliche Bibel des Luther-Jüngers Joachim Graf zu Ortenburg verwahrt, der sich 1534 eine Ausfertigung auf Pergament drucken und mit kolorierten Holzschnitten versehen ließ. Sein Leitspruch EMW – Eile mit Weile – ­ist in den Einband geprägt. In der Nachbarschaft findet sich ein Text mit dem Titel Osnabrückischer Frieden-Schluß von 1648, der als Westfälischer Friede den Dreißigjährigen Krieg beendete. Die älteste Darstellung des menschlichen Auges von innen im Universallexikon des Kartäusermönchs Gregor Reisch von 1503 ist hier ebenso aufbewahrt wie ein Medizinbuch mit Pop-up-Darstellungen des menschlichen Körpers von 1632. Dazu alle Bände der ab 1642 erschienenen Topographia Germaniae des Matthäus Merian. Der Kupferstecher und Verleger stellte mehr als 2.000 Ansichten von Städten, Burgen und Klöstern zusammen.

In Erstausgaben besitzt das Museum Literaturklassiker wie Johann Wolfgang von Goethes Faust, Friedrich Schillers Die Räuber, die Kritiken des Immanuel Kant, aber auch Wilhelm Buschs Bildergeschichte von den bösen Buben Max und Moritz. Wie ihr Manifest der Kommunistischen Partei von 1848 – hier im Erstdruck – die Weltgeschichte beeinflussen würde, ahnten wohl nicht einmal die Verfasser Karl Marx und Friedrich Engels. Ein bedrückendes Zeitdokument ist das Telefonbuch der Stadt Warschau von 1939. Zahllose Bürger jüdischer Abstammung sind dort aufgeführt, die wenig später Opfer der NS-Vernichtungspolitik wurden. Oppositionelle ließen 1941 wahrscheinlich in Amsterdam ein Heftchen mit dem Titel Zehn kleine Meckerlein im Stempeldruck herstellen: »5 kleine Meckerlein, die spielten mal Klavier. Der eine spielte Mendelssohn, das waren’s nur noch vier«, heißt es darin.

Aber auch Literatur der Nazis voller Rassismus und Menschenverachtung lagert in den Giftschränken. Das 1987 gegründete Deutsche Historische Museum übernahm nach der Wende vom Museum für Deutsche Geschichte (MfDG) der DDR das Domizil im Zeughaus sowie dessen Literatursammlung. Dort hatte man nicht nur beträchtliche Altbestände erhalten, sondern auch aufgenommen, was öffentliche Bibliotheken aus politischen Gründen aussortierten. Von 1938 stammt das Protokoll von Adolf Hitlers Staatsbesuch beim italienischen Diktator Benito Mussolini, das der damalige Reichsminister Rudolf Heß als Geschenkausgabe in Ledereinband mit Goldschnitt bekam. Die Museumsbibliothek verfügt über alle Jahrgänge der NS-Parteizeitung Völkischer Beobachter. Aber auch ein Prüfbericht für die ersten Probefahrten mit den Volkswagen-Prototypen 1937 durch Deutschland ist zu finden. Dazu die DDR-Frauenzeitschrift Sibylle, vier politische Pamphlete der Rote Armee Fraktion (RAF), der Koalitionsvertrag von Grünen und SPD in Baden-Württemberg und die Ausgabe des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo, die Terroristen zum Anlass für einen Anschlag nahmen. Es ist unverkennbar: Geschichte und Buch sind nicht zu trennen.


Ein Pop-up-Medizinbuch von 1632 in der Bibliothek des Deutschen Historischen Museums

6 Alles und noch viel mehr
»Dussmann – Das KulturKaufhaus«


Fünf Etagen voller Bücher gibt es bei Dussmann – Das KulturKaufhaus zu entdecken

Wer hat etwas von der Qual der Wahl gesagt? Im KulturKaufhaus Dussmann macht das riesige Angebot an Lesestoff Bücherfreunden maximal Spaß. Deutschlands größte Buchhandlung ist mehr als eine Ansammlung von Bänden in Regalen: Auf fünf Etagen gibt es viele Ecken zum Entdecken. Ein Geheimtipp ist beispielsweise das Lesezimmer mit Fenster auf die Friedrichstraße hinaus. Etliche lesebegeisterte Paare sollen sich dort schon zum ersten Date getroffen haben. Oder die Kino-Ecke, wo Klappstühle aus einem alten Lichtspieltheater inmitten einer immensen Auswahl von Filmen auf DVD zum Ausruhen einladen. In der Grafikabteilung zieht eine Druckmaschine die Blicke an. Insgesamt 800.000 Produkte rund um Kultur und Kreativität bietet das Warenhaus an, das der Dienstleistungskonzern Dussmann 1997 eingerichtet hat. Teil des Hauses ist ein eigener Plattenladen, in dem noch die Vinylkultur gepflegt und Plattenspieler feilgehalten werden. Andere Abteilungen präsentieren Globen, Spiele, Notizbücher oder Briefpapier.

Dreh- und Angelpunkt sind die Bücher. Wer hat je eine so enorme Wand mit Reclam-Ausgaben gesehen? Oder wer wähnte sich mitten in einer Buchhandlung gar in einer Anwaltskanzlei? Der edle, dunkelgrüne Teppichboden in der Abteilung für Wirtschafts- und Rechtsbücher lässt diesen Eindruck entstehen. In einer Präsenzbibliothek können Studierende, Jura-Profis oder Interessierte sogar in juristischen Nachschlagewerken blättern. Die Kinderbuchabteilung hingegen ist ein buntes Zimmer mit viel Platz zum Schmökern und Spielen. Fantasy, Manga und Young Adult ist ein geräumiger Bereich gewidmet, in dem sich gerne Genrekenner treffen. Bücher gibt es im Kulturkaufhaus in vielen verschiedenen Sprachen, besonders groß ist die Auswahl auf Spanisch. Der abgetrennte English & International Bookshop verströmt typisch britische Atmosphäre mit dunklen Holzregalen und Teppichen in schottischem Karomuster.

Ein kleiner Multimediaraum erinnert an den Fall der Berliner Mauer 1989: Blickfang ist ein Stück der Grenzbefestigung, unterzeichnet vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan. Kulturveranstaltungen gibt’s im angegliederten Café-Restaurant Ursprung. Dussmann unterhält außerdem den Shop des Museums für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz.

7 Schreib mal wieder
Museum für Kommunikation Berlin


Museum für Kommunikation Berlin – Johannes Gutenbergs Handgießgerät für Lettern

Steintafel oder Fernsprechapparat, Buch oder Smartphone: Seit sich Menschen miteinander verständigen, nutzen sie dafür Hilfsmittel. Einige haben für regelrechte Umwälzungen gesorgt. Den Weg von der Keilschrift bis in die heutige Zeit der digitalen Kommunikation zeigt das Museum für Kommunikation anhand dieser Gegenstände auf. In dem Neorenaissance-Bau, der 1898 für das Reichspostmuseum erschaffen wurde und nach Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und mehreren Umbauten heute wieder die Ehrwürde der Gründerzeit ausstrahlt, können Besucher auf Entdeckungsreise gehen. Entlang der Galerien rund um den Lichthof führen Exponate durch die Kommunikationsgeschichte.

Weit zurück in die Vergangenheit weist der Gipsabguss einer Statue des Schreibers Henka. Das Original entstand um 2450 vor Christus im alten Ägypten. Aufgerichtet im Schneidersitz, auf seinen Knien den Papyrus ausgebreitet, blickt der hohe Beamte selbstbewusst. Er flößte seinen Zeitgenossen sicher Respekt ein, schließlich konnte er schreiben und damit über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg kommunizieren. Zu den Kleinodien des Museums gehört auch ein ägyptisches Papyrus-Fragment aus dem 3. Jahrhundert vor Christus – es war Bestandteil eines Kurstagebuches der ptolemäischen Staatspost. Fast zeitgleich mit den Hieroglyphen der Ägypter entstand im Vorderen Orient die Keilschrift. Das Museum besitzt eine sumerische Tafel mit diesen Schriftzeichen aus dem Jahr 2052 vor Christus im Original. Diese Verwaltungsurkunde über den Verkauf von Gerste stammt aus dem heutigen Südirak. Einfallsreich haben auch die antiken Spartaner kommuniziert, wie ein nachgebauter Stabbrief (Skytale) zeigt: Militärs codierten Botschaften, indem sie einen Lederriemen um einen Stab wickelten und dann längs beschrieben. Wer die Botschaft lesen wollte, musste den Riemen um einen Stab gleichen Durchmessers wickeln.

Ein anderer Nachbau wirkt unscheinbar. Vor einem Buchstabensetzkasten steht ein wenige Zentimeter großes Metallwerkzeug mit Holzverkleidung. Doch sein Erfinder Johannes Gutenberg löste mit diesem Handgießgerät für bewegliche Bleilettern eine Revolution aus. Der Mainzer legte damit die Basis für die Massenproduktion von Büchern, Flugschriften, Zeitungen – und ermöglichte Information und Wissen für viel mehr Menschen. Ein früher Meister von Gutenbergs schwarzer Kunst, Lienhart Holl in Ulm, druckte 1482 den ersten Weltatlas nördlich der Alpen: Dieser baut auf der Cosmographia des Claudius Ptolemäus auf. Das wertvolle Buch gelangte 1895 in die Bestände des Berliner Reichspostmuseums.

In einer Vitrine liegt ein Handbuch von 1729: Es gibt praktische Tipps für die Die vornemsten Europaeischen Reisen. Eine Landkarte von 1776 zeigt auf, wo im Kurfürstentum Brandenburg die Postkutschen verkehrten. Federn, Füllfederhalter und Kugelschreiber, mit denen Menschen über Jahrhunderte ihre Gedanken zu Papier brachten, zeigt eine Abteilung zur Schreibkultur. Auch eine Bleistift-Schärfmaschine von 1920 ist dort zu bestaunen. Je weiter Besucher die Ausstellung erkunden, desto technischer werden die präsentierten Geräte: Die Telegrafie revolutionierte im 19. Jahrhundert die Nachrichtenübermittlung. Zur gleichen Zeit erleichterten Schreibmaschinen das Verfassen von Briefen für jedermann. Ein Highlight ist der schlichte Telefonhörer aus dunklem Holz – der erste, der in deutschen Landen abgehoben wurde: 15 Jahre, nachdem der Deutsche Johann Philipp Reis in Frankfurt am Main ein frühes Telefon vorgestellt hatte, brachte der US-Amerikaner Alexander Graham Bell ein patentiertes Modell auf den Markt. Eines der ersten Paare von Bell-Telefonen weltweit landete 1877 in Berlin. Generalpostdirektor Heinrich von Stephan rief am 26. Oktober sogleich erfolgreich von seinem Büro im Generalpostamt – direkt neben dem heutigen Museum gelegen und im Krieg zerstört – das Haupttelegrafenamt in der Französischen Straße an. 1881 ging in Berlin das erste öffentliche Fernsprechnetz an den Start – samt Telefonbuch mit 200 Einträgen.

Das Museum widmet Heinrich von Stephan eine eigene Gedenkecke. Der gebürtige Pommeraner hatte es vom Sohn eines Schneiders und einfachen Assistenten zum Generalpostmeister gebracht. Er glühte vor Begeisterung für die damals neuen Medien, erfand die Postkarte und den Begriff Fernsprecher. Stephan veranlasste auch, dass im 1874 fertiggestellten Generalpostamt ein erstes Postmuseum eingerichtet wurde. Ebenso, dass dieses später ein eigenes Gebäude erhielt.

Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, in der DDR zweckmäßig zum Postmuseum umgebaut, wurde das Haus nach der Wende im historischen Gewand wiederhergestellt: Die Glaskuppel, das weitläufige Treppenhaus, die Säulen, Bögen und Pfeiler, die Balkone mit geschmiedeten Geländern und die Marmorfußböden begeistern Besucher. Unter den Augen der zahllosen Statuen, die Wissenschaft und Handel, aber auch Berufe wie Postillion, Bootsmann und Telegrafist darstellen, spazieren Interessierte durch die Welt der Kommunikation. Vorbei an Postkutschen und Modellen von Postdampfern bis zur ersten Telefonzelle Berlins, die 1929 in Betrieb ging. Oder gleich zu den neuesten Errungenschaften des Computerzeitalters. Und dann geht es unter die Erde: Im abgedunkelten Licht der Museumsschatzkammer lagert ein besonderes Druckwerk. Die weltberühmte Blaue Mauritius von 1847 nebst ihrer roten Schwester. Von beiden Briefmarken wurden um 1847 nur je 500 Exemplare gedruckt. Die Rote Mauritius besitzt das Museum seit 1901, die Blaue erwarb es 1904. Daneben hat ein philatelistisches Kleinod aus deutschen Landen, der sogenannte Eichstättbrief – er ist gleich sechsmal mit der seltenen bayerischen 1-Kreuzer-Marke frankiert –, seinen Ehrenplatz bekommen.

Natürlich verfügt das Museum auch über eine standesgemäße Bibliothek. Wer Fragen zur Post- und Telekommunikationsgeschichte, Telegrafie oder Briefmarkenkunde hat, kann hier in einer Fülle von Spezialliteratur nachschlagen. Wer stand im ersten Berliner Telefonbuch? Wo wechselte Johann von Goethe in Schlesien die Pferde? Wie viel bezahlte Konrad Adenauer für ein Telegramm? Selbst das Drehteam der Krimiserie Babylon Berlin machte sich hier schlau. Verbunden mit dem Berliner Museum für Kommunikation ist das gleichnamige Haus in Frankfurt am Main – beide Museen tauschen sich regelmäßig aus.


Museum für Kommunikation Berlin

8 Hoffmanns Erzählungen
Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt


E.T.A.-Hoffmann-Skulptur am Gendarmenmarkt

»

Der Spätherbst in Berlin hat gewöhnlich noch einige schöne Tage. Die Sonne tritt freundlich aus dem Gewölk hervor, und schnell verdampft die Nässe in der lauen Luft, welche durch die Straßen weht. Dann sieht man eine lange Reihe, buntgemischt – Elegants, Bürger mit der Hausfrau und den lieben Kleinen in Sonntagskleidern, Geistliche, Jüdinnen, Referendare, Freudenmädchen, Professoren, Putzmacherinnen, Tänzer, Offiziere u.s.w. durch die Linden, nach dem Thiergarten ziehen.«

So beginnt E. T. A. Hoffmanns erste veröffentlichte Novelle Ritter Gluck. Eine Erinnerung aus dem Jahr 1809. Darin begegnet der Ich-Erzähler im Berliner Tiergarten einer seltsamen Gestalt, die sich schließlich als der verstorbene Komponist Christoph Willibald Gluck vorstellt – ist es sein Geist oder ein Verrückter? Der Schriftsteller, Musiker und Zeichner Hoffmann machte Berlin, wo er in drei Phasen seines Lebens selbst wohnte, zum Schauplatz vieler Erzählungen. Fast immer aber verfremden seine Geschichten die Stadt und ihre Menschen, karikieren sie, steigern sie ins Fantasievolle und Groteske. Fantasie und Grusel, Mystisches, Ironisches, Doppelbödiges und psychologisch Vertracktes, Angst, Rausch und Wahn machen die Faszination von Hoffmanns Prosa aus. Nachtgestalten wie der ekelhafte Advokat Coppelius, das rachsüchtige Äpfelweib und der mörderische Mönch Medardus bevölkern in seinen Geschichten vordergründig alltägliche Städte.

E. T. A. Hoffmanns Berlin, das war der Gendarmenmarkt. In dessen Umgebung erinnern heute noch zahlreiche Stätten an den Dichter. Nachdem der studierte Jurist in seiner Heimatstadt Königsberg das zweite Staatsexamen abgelegt hatte, bewarb er sich erfolgreich am Berliner Kammergericht. Von 1798 bis 1800 bekleidete er eine Stelle als Referendar und bestand schließlich das dritte Staatsexamen. Das Gericht tagte damals in der Lindenstraße – im heutigen Altbau des Jüdischen Museums. Hoffmann wohnte erst in der Kurstraße, dann in der Leipziger Straße.

Notgedrungen logierte sich Hoffmann 1807 für ein weiteres Jahr in Berlin ein. Er hatte seine Anstellung in Warschau, das von den Truppen Napoleons besetzt war, verloren. Während dieser Zeit voller Geldsorgen und Zukunftsängste nahm sich der Entlassene ein Zimmer im Gasthof Zum Goldenen Adler in der Leipziger Straße, im Hotel Brandenbourg in der Charlottenstraße und zuletzt in der Friedrichstraße. Hoffmann verließ Berlin 1808, um in Bamberg den Traum vom Leben als Künstler wahrzumachen. Seinen dritten Vornamen Wilhelm hatte er aus Verehrung für Wolfgang Amadeus Mozart damals schon geändert. Viereinhalb Jahre verdiente er als Kapellmeister, Bühnenmaler, Theaterkomponist, Musikleiter und kurzzeitiger Musikdirektor sein Geld – allerdings viel zu wenig. Anschließend wirkte er als Musikdirektor in Leipzig und Dresden, ehe er 1814 mit seiner Frau Mischa wieder nach Berlin zog. Der Schulfreund Theodor Gottlieb von Hippel hatte ihm dort eine feste Anstellung am Kammergericht vermittelt. 1816 stieg Hoffmann sogar zum Kammergerichtsrat auf. In dieser Zeit glückte endlich auch der Durchbruch als Autor mit den Erzählbänden Fantasiestücke in Caillot’s Manier, Nachtstücke und Serapionsbrüder. Der Schriftsteller wohnte erst in der Französischen Straße, ab 1815 schließlich in der Taubenstraße 31. Aus dem 1775 erbauten Eckhaus genoss er den Blick auf den Gendarmenmarkt. Er selbst beschrieb ihn in der Erzählung Meines Vetters Eckfenster: »Dabei liegt aber meines Vetter Logis in dem schönsten Theile der Hauptstadt, nehmlich auf dem großen Markte, der von Prachtgebäuden umschlossen ist, und in dessen Mitte das kolossal und genial gedachte Theatergebäude prangt.«

Den ab 1688 prunkvoll gestalteten Platz prägten schon damals der Französische Dom und die Neue Kirche – heute Deutscher Dom –, beide ab 1701 errichtet und ab 1780 mit Türmen verschönert. Besonders gerne blickte Hoffmann auf das 1802 erbaute Nationaltheater. Dieses führte ab 1816 seine Märchenoper Undine auf und verhalf dem Künstler auch zu Erfolg als Komponist. Aus dem Eckfenster musste er allerdings 1817 mitansehen, wie das Gebäude aus ungeklärter Ursache abbrannte. Das Feuer vernichtete außerdem die Kulissen der Undine, die nach dem Bühnenbild des Baumeisters Karl Friedrich Schinkel gestaltet worden waren. Schinkel war es ebenfalls, der den Neubau des Schauspielhauses – heute Konzerthaus – an gleicher Stelle ab 1817 verantwortete. In seinem Schatten steht nun eingewachsen von Büschen ein Denkmal, das die Berliner Künstlerin Carin Kreuzberg 1998 schuf. Es zeigt den lächelnden Hoffmann mit der Schlangenprinzessin Serpentina aus seinem Märchen Der goldne Topf.

Im selben Wohnhaus war auch Hoffmanns Freund und liebster Gesprächspartner, der Schauspieler Ludwig Devrient, eingemietet. Obwohl das Originalgebäude nicht mehr steht, weht hier ein hoffmannesker Geist. An derselben Stelle wurde 1997 das Gasthaus Lutter & Wegner eröffnet. Der Name lehnt sich an die gleichnamige Weinhandlung an, die sich einige Häuser weiter, an der Charlottenstraße befand und den Zweiten Weltkrieg nicht überlebte. Für die Nachtgestalten Hoffmann und Devrient war das Weinlokal ein zweites Zuhause. Gemeinsam mit den Autoren Adelbert von Chamisso, Julius Eduard Hitzig, Friedrich de la Motte Fouqué und weiteren begründeten sie dort die Tafelrunde der Serapionsbrüder, die Hoffmann literarisch verewigte. Diese beseelten Runden sollten 1851 die Franzosen Jules Barbier und Michel Carré zum Theaterstück Les contes d’Hoffmann – Hoffmanns Erzählungen – inspirieren. Komponist Jacques Offenbach vertonte sie als gleichnamige Phantastische Oper. 1881 in Paris uraufgeführt, verwebt sie verschiedene Hoffmann-Geschichten wie Der Sandmann, Rat Krespel und Die Geschichte vom verlornen Spiegelbilde. Die Oper beginnt und endet in der Weinhandlung Lutter & Wegner. Das heutige Lokal gleichen Namens besitzt eine Hoffmann-Stube als Nebenraum für geschlossene Gesellschaften und kleine Dinner. Die Wände sind geschmückt mit fast 100 Aquarellen des Frankfurter Künstlers Ferry Ahrlé zu Episoden aus Hoffmanns Leben und Werk.

Das Haus am Gendarmenmarkt bewohnte der Dichter die letzten sieben Jahre seines Lebens. Wegen satirischer Schriften geriet er jedoch ins Visier der Vorgesetzten: Bange sah er einem Disziplinarverfahren entgegen, als dessen Folge ihm die Rückversetzung in die preußische Provinz drohte. Besonders aber machte dem Autor seine stets fortschreitende Rückenmarkslähmung zu schaffen. Hoffmann starb am 25. Juni 1822 in seiner Wohnung. Er wurde 46 Jahre alt.


Restaurant Lutter & Wegner in E.T.A. Hoffmanns ehemaligem Wohnhaus

Darmowy fragment się skończył.

87,33 zł
Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
214 str. 91 ilustracji
ISBN:
9783839268643
Wydawca:
Właściciel praw:
Автор
Format pobierania:

Podobne książki