Czytaj książkę: «Die Zecke»

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Zum Buch:

„Die Zecke” ist ein satirischer Roman über das Leben des kleinen Finanzbeamten Hartmut Schminke, der in seinem Büro hinter der Besuchertoilette hockt und auf seine „Opfer” wartet. Selbst kleinere Störungen können Hartmuts Tagesform dabei erheblich beeinflussen. Sein Leben gerät vollends aus den Fugen, als seine Frau beschließt, sich aus diesem langweiligen Dasein zu befreien: Raus aus dem häuslichen Betonbunker, eine schicke Eigentumswohnung muss her! Dieser ganz normale Spießerwunsch ist für Hartmut der bislang verwegenste Schritt seines Lebens.

Strategisch plant er einen unfehlbaren 10-Jahresplan mit einer bombensicheren Finanzierung. Doch die nicht einkalkulierte Geburt von Zwillingen lässt die Schminkes rasch in die Schuldenfalle ab gleiten und als auch noch Hartmuts Beförderung scheitert, droht die Bank mit der Versteigerung der Eigentumswohnung.

Der Rettungsanker für ihr desolates Konto ist ein Imbiss, den Hartmut unter dem Namen seiner Frau eröffnet und der Dank skrupelloser Buchführung Bombengewinne abwirft.

Ein Kollege wittert jedoch Ungereimtheiten und ordnet eine Betriebsprüfung an, in der von beiden Seiten nach dem Motto verfahren wird: Bei Betriebsprüfungen und in der Liebe sind alle Mittel erlaubt…

Zum Autor:

Bernd Wieland, Jahrgang 1966, ist seit 1996 als Betriebsprüfer tätig. Er ist zudem Verfasser von humoristischen Kurzgeschichten und Sketchen. Nebenberuflich verdingt er sich als Kabarettist mit eigenem Programm und Darsteller beim Fernsehen.

1. Morgens nach dem Einchecken

Piep! Das Zeiterfassungsgerät des Finanzamts hatte unwiderruflich die Uhrzeit erfasst. 6:01 Uhr – das war richtig gut! Das schafften nicht alle Kollegen. Das mussten die anderen mir, Hartmut Schminke, erst einmal nachmachen. Keine Uhr tickte mehr wie eine Zeitbombe gegen mich. Die Uhr, die jetzt lief, lief auf meiner Seite, denn sie lief auf meinen wohlverdienten Feierabend zu.

Die Tasse Kaffee, die ich zu Hause noch auf die Schnelle viel zu heiß getrunken hatte, gehörte zu dem anderen Leben, zu einer anderen Daseinsform. Sie war nichts anderes, als ein missratener Starthilfeversuch. Jetzt trank ich den Bürokaffee, den ich Schluck für Schluck wirklich genoss.

Wer das Verhalten eines Beamten begreifen will, zum Beispiel, weil er mit ihm verheiratet ist oder eine Betriebsprüfung im Hause hat, muss sich immer über eines im Klaren sein: Nicht nur Gottes Mühlen mahlen langsam. Viele Dinge kann man mit dem Verstand nicht erfassen, man muss sie so annehmen wie sie sind. Erst dann findet man wieder Ruhe für seine Seele.

Dieser geregelte Ablauf hatte allerdings auch einen Nachteil: Ich hatte mich in 16 Beamtenjahren so sehr daran gewöhnt, dass kleinere Störungen meine Tagesform erheblich beeinflussten. Neulich zum Beispiel wurde die BILD-Zeitung eine halbe Stunde später als gewohnt in mein Büro gereicht. Ich war so irritiert, dass ich gar nicht wusste, was ich so früh überhaupt machen sollte. In meiner Verwirrung hatte ich bis 7:00 Uhr bereits drei Steuererklärungen bearbeitet! Normalerweise holte Frau Stöhr die Zeitung um 5:55 Uhr vom Kiosk. Sie brachte die Zeitung dann zu Herrn Goller. Er las sie 23 Minuten. Auf dem Papier konnte ich immer sehen, wo er gerade seine Kaffeetasse abgestellt oder sein Leberwurstfettfinger die Seiten gestreift hatte. Anschließend wurde die Zeitung in mein Büro an meinen Kollegen Horst weitergereicht.

Anfangs, als ich neu in Horsts Büro war, hatte ich die Zeitung nicht gelesen. Irgendwann begann ich jedoch, sie morgens, halb aus Neugier und halb aus Langeweile, heimlich nach dem Wetterbericht und den Titten zu durchforsten, um sie dann wieder wie unberührt zurückzulegen. Erst seitdem mich Horst beim Lesen ertappt hatte, gehörte ich mit zu dem Kreislauf.

Die Frau auf der Titelseite konnte man heute abhaken – Fiberglasgestänge waren nicht mein Ding. Aber auf Seite 4 war ein Beitrag, der sofort meine Aufmerksamkeit erregte: In einem Wohnsilo etwa fünf Blöcke entfernt von unserem Hochhaus, war eine verweste Leiche aufgefunden worden. Die Nachbarn hatten monatelang nichts bemerkt. Selbst als es schon durch alle Ritzen stank, wurde niemand stutzig. Alle dachten, es läge an der Grünen Tonne. Und die Maden, die unter der Tür durch ins Treppenhaus liefen, kämen auch aus der Grünen Tonne. Irgendwann war einem Mieter die Sache aber doch suspekt vorgekommen und er verständigte das Ordnungsamt. Als sie die Leiche fanden, war das natürlich besonders für die gelangweilten Arbeitslosen und Asylbewerber in Warteschleife ein richtiges Happening. Zu aller Überraschung handelte es sich bei dem Toten nicht um Tüten-Gandhi, der tagsüber immer vor dem Aldi-Laden abhing und seit einiger Zeit nicht mehr gesehen wurde. Nein, es war ein Betriebsprüfer oder vielmehr das, was von ihm übrig geblieben war! Da der Prüfer im Betrieb aus Platzmangel nicht hatte prüfen können, hatte der Betriebsinhaber ihm eine von seinen leer stehenden Mietwohnungen für die Betriebsprüfung zur Verfügung gestellt. Der Prüfer war einfach über einem Karton voll Belegen eingeschlafen – was an und für sich noch nicht ungewöhnlich ist, würde mir sicherlich auch ab und zu passieren. Wirklich tragisch war nur, dass er nicht wieder aufgewacht ist. Dabei war er erst 44 Jahre alt! Der Betriebsinhaber hatte nichts bemerkt. Er war nur froh gewesen, dass keine unangenehmen Rückfragen kamen. Mit seiner Frau lebte der Prüfer in Scheidung und sein Chef hatte ihm gerade eine schlechte Beurteilung übergebraten und wollte ihn ein bisschen in Ruhelassen, damit er sich wieder berappeln konnte. Mit der Ruhe hatte er zumindest recht behalten. Ich markierte den Artikel mit Textmarker, damit ihn Horst gleich fand.

Um 8:05 Uhr kam Horst. Horst kam immer um 8:05 Uhr. Wenn er um 8:05 Uhr nicht im Amt war, konnte ich ihn krank melden – hatten wir so geregelt, sparte Telefonkosten.

Horst holte seine Tupperdose mit dem Pausenbrot aus seiner Aktentasche und las dann bis zur Öffnung der Kantine Zeitung. Horst war eigentlich ein richtiger Philosoph. Er las eine Weile, bis er sich an einem Thema festgebissen hatte. Dann blickte er gedankenvoll auf und es folgte der Morgenkommentar. Heute: Nicht der verweste Betriebsprüfer sondern die Araber! Das wäre so ein blutrünstiges, hinterhältiges Volk! Vorne immer schön lächeln und von morgens bis abends sich die Knie wund beten, aber wenn du dich umdrehst, hast du schon ein Messer im Rücken. Und dann hörte ich noch so einiges über ihre bestialischen Foltermethoden, über ihre Frauen und ihre Tricks im Bett und auf dem Sozialamt.

Während Horst seinen Morgenkommentar sprach, bearbeitete ich nebenbei eine Steuererklärung. Es handelte sich um die Steuererklärung eines gewissen Dr. Wagner. Namen sind für mich Schall und Rauch. Wenn der Wagner mich heute Nachmittag anrufen würde um zu fragen, ob ich seine Steuererklärung schon bearbeitet hätte, könnte ich ihm darauf keine Antwort geben. Und wenn man mich schlagen würde, den Namen hätte ich nie gehört. Selbst wenn bei mir die Steuererklärung eines Nachbarn auf dem Schreibtisch gelegen hätte, wäre es mir nicht einmal aufgefallen.

Anfangs hatte es mich schon gereizt nachzuschauen, was die Nachbarn so verdienen und wie viele uneheliche Kinder sie haben (konnte man hin und wieder wirkungsvoll als Joker ausspielen). Über jede Gehaltserhöhung war ich im Bilde. Aber das interessierte mich nicht mehr im Geringsten – sie verdienten meistens sowieso mehr als ich und dann war ich erst recht unzufrieden. Wenn nur Britta nicht so neugierig wäre! Sie gab mir immer einen Zettel mit Hausaufgaben mit, bei wem ich nachgucken sollte.

Ich gab die Anschrift von Dr. Wagner in den PC ein. Plötzlich stutzte ich: Bramwaldstraße 1b – hatten Britta und ich das Haus nicht vor gut einem Jahr im Rohbau gesehen? Richtig! Das war doch das schicke Einfamilienhaus ganz in unserer Nähe!

Eigentlich wollte ich mit der Steuererklärung noch vor der Öffnung der Kantine fertig sein, aber jetzt begann die Sache doch spannend zu werden. Warum erscheint denn bei den Werbungskosten aus Vermietung und Verpachtung eine neue Heizungsanlage? Und was ist das hier? Eine Rechnung über sieben neue Fenster! Irgendetwas stimmte da doch nicht.

Ich rief diesen Wagner an. Es meldete sich niemand. Aber das bekam ich schon heraus: Ich würde mir heute Abend den Hund von Frankes aus unserem Block ausleihen und eine Runde durch die Bramwaldstraße laufen. Frankes besaßen einen Pitbull, mit Stammbaum! Ich konnte das Vieh nicht ausstehen. Ich fürchtete ihn genauso, wie andere Leute die Steuerfahndung fürchten. Ich traute mich erst in seine Nähe, wenn er drei Pansen verspeist hatte und sein Bauch über den Bürgersteig schleifte wie eine Kehrmaschine. Aber wie jedes Übel in der Welt hatte Harry eben auch seine guten Seiten. Wenn ich mit ihm irgendwo langging, hatte ich garantiert die Straße für mich und Kinder und Gebrechliche wurden schnell ins Haus geholt. Wie ein ordinärer Straßenköter pinkelte er an jeden Rasenkantenstein und es bereitete ihm ein unbändiges Vergnügen, seine Schnauze in jeden stinkigen Haufen hineinzustecken – darin war er uns Finanzbeamten sehr ähnlich – und in der Bramwaldstraße 1b würde er ganz plötzlich im Garten verschwunden sein…

2. Nur raus aus der Gosse

Aus dem Ausflug mit Harry, dem Pitbull von Frankes, wurde leider nichts. Ich hatte den Pansen vergessen und ohne Pansen wagte ich mich nicht in seine Nähe. Am Ende verwechselte Harry mich noch damit! Die Sache war mir zu unsicher gewesen. Und gab es in meinem Leben etwas Wichtigeres als Sicherheit und vor allen Dingen Ruhe? Spannend durfte es schon ab und zu werden. Dann aber bitte schön wohl dosiert am Freitagabend um 20:15 Uhr zur Krimizeit auf dem zweiten Programm. Wenn mir überhaupt etwas heilig war, dann der Freitagskrimi im Zweiten. Aus Britta und mir wäre nichts geworden, wenn sie mir nicht freitags die Sendezeit zwischen 20:15 Uhr und 21:15 Uhr abgetreten hätte. Im Gegenzug musste ich ihr für das verbleibende Wochenende die Fernbedienung überlassen.

Manchmal kamen mir allerdings doch Zweifel, ob ich mich bei dem Deal nicht verspekuliert hatte. Wenn Britta am Wochenende nicht im Fitnessstudio jobbte, saß sie vor dem Fernseher, glotzte den letzten amerikanischen Quatsch und zappte alle zwei Minuten die 40 Programme gnadenlos rauf und wieder runter. Dann fragte ich mich, ob der Preis nicht zu hoch gewesen war. Vielleicht sollten wir uns doch lieber wieder trennen – oder wenigstens getrennt fernsehen. Aber was blieben dann noch für Gemeinsamkeiten?

Obwohl der Krimi diesmal wirklich spannend war und ich den Fernseher laut eingestellt hatte, ließ sich das Geschrei und Gewimmer über uns in der Wohnung nicht übertönen. Wir wohnten in einer gigantischen Wohnanlage mit 20 Stockwerken, Einkaufspassage, zwielichtigen Appartements und Lüftungsschächten, in denen die Kakerlaken zehnspurig ihre Runden drehten. Und es ging das Gerücht um, dass an Ramadan die türkischen Großfamilien ihre Lämmer in der Badewanne schlachteten.

Jetzt schrie eine Frauenstimme über uns gellend auf. Das war eigentlich nichts Besonderes, gehörte vielmehr zur gewohnten Geräuschkulisse in diesem Haus, genau wie die Klospülung unddas Geschnarche unseres Nachbarn. Es war nur die Polin, die sich Herr Schmolkowski letzten Sommer aus dem Internet runtergeladen hatte. Hoffentlich brachte er sie um. Dann kämen sie und holten ihn endlich ab und es wäre wieder Ruhe im Karton. Britta, die neben mir saß, griff wütend zum Telefonhörer und schrie: „Jetzt rufe ich wirklich die Polizei an!” – Das sagte sie immer. Und wie immer riss ich ihr den Hörer aus der Hand und entgegnete ruhig: „Du weißt doch, wie das abläuft: Er wird behaupten, es hätte ihr Spaß gemacht und dass sie das immer so machen. Und weil sie über 18 Jahre alt ist und eine Aufenthaltsgenehmigung hat, wär’s das gewesen.” Britta störte mal wieder – und natürlich zu meiner Sendezeit! Sie konnte sich so schlecht aufs Fernsehen konzentrieren. Wenn sie konzentrierter fern sähe, könnte es bei uns abends oft viel netter zugehen.

Mit Schmolkowski konnte ich leben. Schlimmer waren die fünf Jungs von der fetten Fiedler, die ich bisher nur im Bademantel zu Gesicht bekommen hatte. Es gab kaum einen Tag, an dem nicht die Feuerwehr mit Blaulicht anrückte, weil einer von der Fiedlerbrut auf die originelle Idee gekommen war, auf das Knöpfchen für den Feuermelder zu drücken. Aber auch mit den Jungs von der Fiedler musste ich nachsichtig sein. Sie hatten ihr letztes Quäntlein Hirn beim Kiffen in Rauch aufgehen lassen. Als wirklich lästig empfand ich es jedoch, dass ständig jemand aus dem 20. Stock sprang. Ich hätte dafür Verständnis gehabt, wenn es Mieter gewesen wären, die vor den Kakerlaken Reißaus genommen hätten. Aber zu allem Ärger waren es meistens Passanten, die schlichtweg zu bequem gewesen waren, die fünf Minuten bis zur nächsten Autobahnbrücke zu laufen. Das hatte mir ein Kandidat selbst einmal erzählt, nachdem ich ihn in letzter Sekunde davon abgehalten hatte, sich in die Tiefe zu stürzen. Neulich habe ich ganz unverhofft im Finanzamt mit ihm telefoniert. Zufällig hatte ich seine Steuererklärung bearbeitet. Er war zum zweiten Mal geschieden und sein Renault Twingo kam nicht mehr durch den TÜV. Selbst seine Freunde hatten zu ihm gesagt, er hätte vielleicht doch besser springen sollen.

Britta war heute besonders unruhig. „Ich ziehe hier aus, Hartmut, das verspreche ich dir!”, keifte sie. Frauen gaben ja ständig solch leere Versprechungen ab. Ich nahm ihre Androhung heute durchaus ernst, denn bei Britta hatte ich schon so manch unangenehme Überraschung erlebt.

Letzten Sonntag zum Beispiel, da hatten wir uns fürchterlich wegen einer Kleinigkeit gestritten. Als der Streit seinen Höhepunkt erreicht hatte, verkündete sie zornesrot, sie werde den leckeren Schweinebraten, den sie gerade für uns zubereitet hatte, in den Müllschlucker werfen. So aufgebracht hatte ich Britta selten erlebt. Ich wusste, in diesem Zustand war sie zu allem fähig. Und weil ich viel kleiner und schwächer war als Britta, schloss ich mich erst einmal auf dem Klo ein. Meistens beruhigte sich Britta ziemlich schnell wieder. So war es auch dieses Mal. Als ich sie nach einer Weile am Telefon mit ihrer Freundin Gundula herumgackern hörte, wagte ich mich wieder hervor und wir verbrachten den restlichen Vormittag, als wäre nie etwas Düsteres zwischen uns gewesen. Zum Mittagessen hatte ich dann einen lieblichen Rotwein geköpft und saß mit Lätzchen um den Hals und in seliger Vorfreude am Tisch. Dann kam Britta herein und servierte jedem von uns einen Teller mit Melonenscheiben!

Zunächst begriff ich überhaupt nicht, was vor sich ging. In der Aufregung stellte ich nur fest, dass ihre Portion größer war als meine. Aber bis ich begriffen hatte, dass das alles sein sollte, verging eine ganze Weile. „Wo ist der Braten?”, fragte ich bangend und steif.

„Na, im Müllschlucker”, entgegnete Britta mit einer Abgebrühtheit, die mich innerlich gefrieren ließ. Ich war fertig. Den nächsten Tag ließ ich mich krank schreiben. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit schlich ich mich heimlich zum Griechen und bestellte die üppige Mykonos-Platte. Dazu drei Gläser Samos und vier Ouzos. Tags darauf musste Britta mich krank melden, weil ich dazu selber nicht mehr in der Lage war.

Britta verfügte also über die penetrante Eigenschaft, ihr Wort zu halten. Deshalb wurde ich auch äußerst unruhig, als sie noch einmal betonte: „Hartmut, das eine will ich dir sagen: Noch in diesem Jahr ziehen wir hier aus!”

Schnell sagte ich zu ihrer Beruhigung: „Ich werde heute mal bei der Wohnungsgenossenschaft nachfragen, ob was Passendes für uns frei wird.” Mit einem Ruck setzte sich Britta kerzengerade hin. Auch im Sitzen war sie noch mindestens einen Kopf größer als ich. Ihre Augen glühten. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Man konnte noch so einfühlsam sein, immer sagte man das Falsche.

„Ich will keine Wohnung von Genossen, sondern Eigentum!”, zischte Britta böse.

„Eigentum!”, wiederholte ich entgeistert. Jetzt drehte sie wirklich durch. Schade, eigentlich war Britta immer ganz patent gewesen. Aber nun war nichts mehr mit ihr anzufangen. Ich sollte sie so schnell wie möglich ins Internet einstellen und mit Schmolkowski virtuell Kontakt aufnehmen. Der würde sicher bald Nachschub brauchen.

In Wirklichkeit würde Britta allerdings eher mich verschachern als umgekehrt. Deshalb schluckte ich meine Gegenargumente zähneknirschend herunter. Britta betonte noch einmal ihre Forderung: „Ich will ein Haus oder mindestens eine Eigentumswohnung – und Menschen als Nachbarn, keine Genossen!”

Ein paar Tage später traten wir unseren Urlaub an. Wie jedes Jahr, seit wir verheiratet waren, fuhren wir mit dem Fahrrad und ausgerüstet mit einem Igluzelt irgendwohin. Britta liebte diese Art von „Urlaub” und ich wagte nicht, ihr zu widersprechen. Diesmal trieb es Britta in die Eifel. Britta radelte trotz schweren Gepäcks immer vorneweg. Ich blieb weit abgeschlagen zurück. Es nützte auch wenig, dass ich zwischendurch heimlich an meinem „Red Bull” nippte. Brittas Laune wuchs zusehends und das war ja auch die Hauptsache. Die letzten Tage freute ich mich nur noch auf mein kleines, kuscheliges Büro im Finanzamt. Und als wir zu Hause an­gekommen waren, war die Idee mit der Eigentumswohnung schon wieder vergessen.

Erst Ingo weckte wieder die Erinnerung daran. Ingo, der genau wie ich jeden Samstagmorgen sein Auto in der Selbstwaschanlage wusch, der musste es nämlich wissen. Ingo verkaufte so dieses und jenes, vor allen Dingen Konservendosen. Nicht die kleinen Dosen, die bei Aldi neben dem Klopapier aufgestapelt sind. Nein, Ingo machte die ganz großen Geschäfte. Das erzählte er mir so nebenbei, während er seinen dunkelblauen Mercedes hingebungsvoll mit einer edlen Milch massierte. Das Mittelchen war teurer als die Lotion, die ich Britta zum letzten Hochzeitstag geschenkt hatte. Im Gegensatz zu mir wusch Ingo sein Auto nicht deshalb bei der Selbstwaschanlage, weil er die paar Euro für die Automatikwaschanlage sparen wollte. Nein, er wusch selbst, weil er so drei volle Stunden Gelegenheit hatte, seinen Liebling zu streicheln.

Welche Art Geschäfte er genau machte, hat er mir nie genau erzählt. Aber ich glaube, er wusste Bescheid. Er flog zweimal im Jahr in die Karibik. Nicht nur Last-Minute-Flüge! „Schweineteuer, diese Inselaffen!”, stöhnte er jedes Mal, wenn er braungebrannt zurückkehrte. Darüber hinaus hatte Ingo alles, was man hat, wenn man es hat. Natürlich auch eine Eigentumswohnung. Was heißt eine Eigentumswohnung! Er hatte drei: eine zum Wohnen und wegen der steuerlichen Abschreibung, die zweite für die Momente, in denen er einfach mal raus und abhängen musste und die dritte für den Familien-Winterurlaub zwischen den Jahren in St. Moritz. „Des Wichtigschde im Leben is: schaffe und genieße!”, sagte er immer und outete sich damit als bekennender Schwabe. Wenn ich ihn dann staunend und mit bewundernden Blicken ansah, war das Balsam für seine von der Steuer geschröpfte Seele.

Während ich Ingo von der aktuellen Mieterhöhung vorjammerte und mich bitter darüber beklagte, dass die Genossenschaft nicht bereit war, den zerbrochenen Klodeckel zu bezahlen, klopfte er mir väterlich auf die Schulter und sagte: „Mensch, Hartmut, rechne doch mal!” Und dann rechneten wir.

Ich weiß ja, so etwas macht man nicht, aber ich zeigte Ingo trotzdem meine Lohnsteuerkarte. Er war sichtlich betroffen. Bilder einer indischen Hungersnot hätten ihn wahrscheinlich nicht stärker gerührt. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn und er stammelte, nachdem er sich wieder ein wenig gefangen hatte: „Was! Das ist alles? Meine Güte, das kannst du doch keinem erzählen, dass man davon leben kann!” Als Finanzbeamter im mittleren Dienst orientierte sich mein Gehalt nun mal am Existenzminimum. Das war eine Tatsache, die Ingo neu zu sein schien. Sicher, ab und zu war mir schon der Gedanke gekommen, mich zum Beispiel als Buchhalter bei einem Steuerberater zu bewerben. Aber mein Chef, der Herr Axthammer, sagte in den Mitarbeiter-Vorgesetzten-Gesprächen mit einem fürsorglichen Augenzwinkern immer zu mir, dass ich da draußen nicht mehr zurecht käme. „Da draußen”, das war die freie Wirtschaft. Wenn Herr Axthammer von „da draußen” sprach, dann spürte ich einen eisigen Luftzug und es war so, als würde mir eine unsichtbare Hand die Kehle langsam zudrücken. So hatte ich mich bemüht, immer schön unauffällig zu bleiben und war bereits seit 16 Jahren zusammen mit meinem Kollegen Horst gefesselt an mein kleines Büro im Finanzamt neben der Besuchertoilette.

In einem Anfall von Mitleid lud mich Ingo spontan zu „seinem” schicken Italiener ein. Das Lokal war so exklusiv, dass auf der Speisekarte weder Pizza noch Makkaroni zu finden waren. So etwas Ordinäres wurde hier nur ausnahmsweise Kindern unter 14 Jahren an uneinsehbaren Tischen serviert.

Die Teller wurden gerade abgeräumt. Ingo saß regungslos da und starrte auf seinen Cognac. Seine Gehirnwindungen glühten wie ein Toaster in der Röststufe 6. Gedankenverloren murmelte er: „Da muss sich doch irgendetwas bei dir machen lassen!”

„Britta arbeitet übrigens neben ihrem Studium im Fitness-Studio. Das bringt im Monat bestimmt 400 Euro netto”, ergänzte ich um Entspannung der Lage bemüht. Seine Miene hellte sich ein wenig auf. „Na, also”, grunzte er schon etwas zufriedener. Dannverdunkelten sich seine Gesichtszüge wieder beunruhigend und meine aufkeimende Hoffnung war wieder zunichte.

Mit einer Wendung des Schicksals zum Guten hatte ich gar nicht mehr gerechnet, da begannen plötzlich seine Augen zu leuchten. Ingo erhob triumphierend sein Glas und sagte euphorisch: „Junge, wir kaufen! Wir müssen einfach kaufen!”

„Was kaufen?”, fragte ich begriffsstutzig zurück.

„Na, eine Eigentumswohnung!”, raunte Ingo mir ungeduldig zu.

„Mit den paar Kröten, die ihr verdient, kann man vielleicht existieren, aber nicht leben. Deine Miete wird dir über kurz oder lang den Garaus machen. Deshalb müssen wir jetzt kaufen. Bei den niedrigen Zinsen müssen wir jetzt einfach kaufen! Und glaub mir, solche Hasen wie deine Britta sind es nicht gewohnt, ewig in der Gosse zu leben. Wenn du sie halten willst, musst du einmal in deinem Leben wirklich aktiv werden.”

Da hatte ich endlich begriffen.

3. Der Zehnjahresplan

„Nur Eigentum macht frei!” Beglückt und überzeugt von dieser Erkenntnis schlief ich an diesem Abend voller Tatendrang ein.

In der Nacht hatte ich kühne Träume: Ich lebte als Landgraf in einem mittelalterlichen Schloss. Bei meinem letzten Ausritt schwängerte ich 15 Mägde und setzte so manches Dorf in Brand. Was durfte man nicht alles tun, wenn man frei war! Ich wachte gerade noch rechtzeitig auf, ehe es dem Pöbel gelang, mein adeliges Haupt aufzuspießen.

Es war Samstagmorgen. Ingo hatte mir die Augen geöffnet, ich hatte wirklich begriffen: Der Weg aus der Gosse führte nur über Eigentum. Teileigentum war das Zauberwort! Und um an Teileigentum zu gelangen brauchte ich einen Plan. Und um diesen Plan zu erstellen, zunächst einmal Ruhe zum Nachdenken. Eigentlich war heute ein ungünstiger Tag, um Pläne zu schmieden. Denn wirklich Zeit und Ruhe zum Nachdenken hatte ich nur in meinem Büro im Finanzamt. Aber bis Montag konnte und wollte ich nicht warten. Keinen Tag mehr würde ich zögern, uns aus der stinkenden Kloake mittelständischen Beamtentums zu befreien!

Also musste ich Britta heute Morgen irgendwie abschieben. Sie kam mir allerdings zuvor. Während sie an ihrem klumpigen Körnermüsli herumpickte, sagte sie, sie müsse unbedingt noch ein paar Dinge in der Stadt erledigen. Und außerdem würde sie heute Mittag im Fitness-Studio noch einen Aerobic-Kurs geben. Als Britta endlich Anstalten machte, sich zu verdünnisieren, maulte ich hinter ihr her: „Kauf bloß keine Schuhe!”

Britta würde Schuhe kaufen, sie kaufte immer Schuhe. Manchmal versäumte sie es jedoch, die Spuren ihrer Streifzüge zu verwischen. Und wenn ich richtig Glück hatte, fand ich in einer Plastiktüte noch den Bon. Zweimal war es mir bereits gelungen, Schuhe ohne Brittas Wissen wieder umzutauschen. Das Unglaublichste daran: Sie hatte es nicht einmal bemerkt.

Wenigstens hatte ich jetzt meine Ruhe. Feierlich legte ich „Die vier Jahreszeiten” von Vivaldi auf und nahm einen neuen Schreibblock zur Hand. Der Titel meines Werkes lautete: „Der Zehnjahresplan des Hartmut Schminke”. Darunter schrieb ich mit Textmarker: „Was ich will, das schaffe ich auch!” Diesen Satz hatte ich einmal in einem von Brittas Positiv-Büchern gelesen. Britta war nach diesen Büchern süchtig, sie lagen bei uns in jeder Ecke herum, nur ihre Fitnessbibeln hatten sie noch nicht verdrängt.

Jetzt ging es aber ans Eingemachte. Die wichtigste Frage lautete: Wie viel Schotter ließ sich für den Kauf einer Wohnung locker machen? Ersparnisse hatten wir natürlich keine – wovon auch? Die Fünf-Euro-Scheine, die ich hin und wieder in Sofaritzen und hinter Teppichleisten versteckte, um sie vor Brittas Streifzügen durch die Boutiquen zu retten, konnte man als Ersparnis kaum bezeichnen. Unser Konto war eigentlich nur dann nicht überzogen, wenn ich neues Geld bekam. Dann zog ich immer ganz schnell einen Auszug, um wenigstens einmal im Monat in der Illusion zu leben, noch nicht in der Gosse gestrandet zu sein. Es konnte also nur darum gehen, der Bank so viel Kohle wie möglich für eine Finanzierung aus den Rippen zu leiern.

Ich begann damit, auf der einen Seite des Blattes unsere Einnahmen aufzuschreiben. Ob sich die Bank von den großzügigen Schmerzensgeldzahlungen meines Arbeitgebers blenden ließ? Lähmende Zweifel stiegen in mir hoch, aber im Geiste hörte ich Britta meckern: „Ich will aber eine Eigentumswohnung!” Und was Britta wollte, bekam sie auch. Unter würdigen Umständen konnte man von diesem Gehalt nicht einmal einen Kaninchenwurf durchbringen, geschweige denn eine deutsche Beamtenfamilie – und dabei standen wir noch am Anfang unserer Familienplanung.

Auf der anderen Seite des Blattes listete ich tapfer unsere Ausgaben auf. Die Aufstellung wollte gar nicht mehr enden. Immer wieder fiel mir etwas ein, was ich bislang noch nicht berücksichtigt hatte: Frisör, ADAC-Mitgliedsbeitrag, Staubsaugerbeutel, Kondo­me. Hinter „Kondome” vermerkte ich als Randnotiz: Kondome nur bis zum sechsten Jahr. Im siebten Jahr sollte Stufe II der Familienplanung in Kraft treten. Spätestens dann würde – nein, musste – der kleine Schminke kommen. Wieder hörte ich Britta im Geiste meckern: „In sieben Jahren soll die Familienplanung aber schon abgeschlossen sein.” Mir war bewusst, dass sie hierbei nicht nur an einen Schminke-Junior dachte, sondern an mindestens drei.

Die Summe auf der Ausgabenseite war noch erschreckender als ich erwartet hatte: Meinem Auge bot sich das Bild eines typischen Staatshaushaltes, bei dessen Betrachtung die Frage berechtigt ist, wovon in der Vergangenheit alle Kosten bestritten wurden.

Es half nichts. Wenn wir bei der Bank nicht hochkant hinausfliegen wollten, musste drastisch gekürzt werden. Eines war klar: Britta, das Weib, verschuldete mich! Als erstes warf ich den Otto- und den Quelle-Katalog in den Müllschlucker. Beinahe hätte ich den Sonderkatalog mit der Spätübergangsmode von Hess übersehen. In diesem Katalog fand ich eine ausgefüllte Sammelbestellung von sage und schreibe 467,50 Euro!

Im Grunde ging es nicht um die Frage, ob ich mir eine Eigentumswohnung leisten konnte: Es ging darum, ob ich mir diese Frau weiterhin leisten konnte! Britta musste diese Verschwendungssucht von ihrer Mutter geerbt haben. Schwiegermutter Margot hatte schon in den 60er Jahren, also in einer Zeit, in der andere Familien samt Schwiegermutter und Erbtante einmal in der Woche am Samstag durch die Wanne geschleust wurden, zweimal am Tag geduscht! Verschwendung pur! Seit Margot plötzlich mit 56 an Krebs gestorben war, fand Schwiegervater Gerhard Gefallen am gnadenlosen Geldhorten. Bei Britta hatte sich durch den Tod ihrer Mutter und das Verhalten ihres Vaters ihre Verschwendungssucht sogar noch verstärkt.

Warum hatte ich mich nicht in eine einfache, biedere, graue Maus verguckt mit einer Lkw-Ladung Aussteuer und einem kleinen Depot in der Schweiz? Aber graue Mäuse sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Herr Hupe, unser Treppenterrier, der im Finanz­amt die Post in die einzelnen Zimmer verteilt, erzählte mir neulich von seiner Elisabeth. Elisabeth war eine reinrassige graue Maus und im seligen Alter von 47 Jahren, als er sie heiratete. Nach fünf Jahren Ehe sah sie ihn nach dem Abendbrot plötzlich komisch an und sagte, sie wolle jetzt reiten lernen. Und zwar ein richtiges Pferd mit Sattel und allem drum und dran. Als er begriffen hatte, dass sie es wirklich ernst damit meinte, flehte er sie an, schrie sie an, aber es nützte nichts. Sie blieb stur. Wozu will eine graue Maus reiten lernen? Es gibt eben Frauen, die sich als graue Mäuse verkleidet haben…

Nachdem ich von Brittas Budget noch ein paar Kosmetikartikel gestrichen und den teuren Kurzhaarschnitt gegen eine wild wachsende Langhaarmatte ausgetauscht hatte, sah die Ausgabenseite schon viel freundlicher aus. Ihren monatlichen Gang zu Coiffeur Monique musste ich ihr natürlich auch noch abgewöhnen. Wenn aus unserer Finanzierung etwas werden sollte, musste Britta sich in Zukunft von Elwine die Haare schneiden lassen. Anspruchsvollere Gemüter hätten sich von Elwine nicht einmal ihre Ligusterhecke schneiden lassen, aber dafür war Elwine mit ihren Dumpingpreisen für Familien mit einer knappen Finanzierung immer eine gute Empfehlung.

Selbstverständlich war auch ich bereit, bemerkenswerte Opfer zu bringen. Obwohl es mich wirklich Überwindung kostete, strich ich bei der Position „Autopflege” die Softhäutchen für die Lackoberflächenmassage und das zweite Ei morgens in der Kantine.

Mit der Besoldungstabelle berechnete ich nun meine Einkommensentwicklung für die nächsten zehn Jahre. Bislang konnte man sich immer darauf verlassen, dass sich in einem Beamtenleben in einem Zeitraum von zehn Jahren keine gravierenden Änderungen ergaben. Meiner Erinnerung nach bestanden die bemerkenswertesten Veränderungen der letzten Jahre in der Einführung einer dritten Wurstsorte in der Kantine – das musste vor ungefähr vier Jahren gewesen sein – und der Abschaffung des Vordruck EST 12 WB. Vordruck EST 12 WB wurde endgültig aus dem Verkehr gezo­gen, weil selbst die mit „gut” beurteilten Kollegen ihn nicht verstanden hatten. Aber wenn man die Pressemitteilungen über geplante Einsparungen in jüngster Zeit verfolgte, konnte einem schon schwindelig werden und selbst dem unbekümmertesten Idioten war klar, dass sich da ein verheerendes Unwetter zusammenbraute und meine kleine Oase stark bedroht wurde.

Ein gesunder Optimismus setzte sich dann aber doch bei mir durch und ich plante für das sechste Jahr eine Beförderung ein. Zum Glück ging es bei den Beförderungen nicht um die erbrachte Leistung. Befördert wurde, wer lange genug abgehangen war. Sicher, in den letzten Jahren hatte die Leistungsbeurteilung immer mehr Gewicht bekommen. Aber ich war mittlerweile nicht nur abgehangen, ich hatte bereits schon Moos angesetzt. Mein Optimismus war somit durchaus begründet.

Weniger berechenbar war Brittas Einkommensentwicklung. Wer sagte mir, dass sich Britta nicht beim Sport so unglücklich verletzte, dass sie keine Fitnesskurse mehr geben konnte? Oder noch schlimmer: Britta wurde unverhofft schwanger! Kalter Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Vielleicht sollte ich vorsorglich beginnen, ihr die Pille ins Müsli zu mixen! Selbstverständlich mochte ich Kinder. Aber Stufe II ein paar Jahre vorzuziehen wäre Wahnsinn!

Im neunten Jahr konnte es noch einmal richtig eng werden. Zur Not könnten wir unser Auto verkaufen. Und wenn ich öfter die Fahrgemeinschaft für die Fahrten ins Büro wechselte, brauchte ich nicht mal Spritgeld zu zahlen. Da gab es sicherlich noch Einsparpotenzial. Im zehnten Jahr plante ich endlich den Abschluss von Brittas Studium ein und ihren Einstieg ins Arbeitsleben. Britta studierte Sozialwissenschaften mit den Nebenfächern Sport und Freizeitpädagogik. Irgendwann war vielleicht doch damit zu rechnen, dass sie richtiges Geld nach Hause brachte – wobei ich bei dieser Fächerkombination durchaus meine Zweifel hegte.

Am Ende war ich von meinem Plan hellauf begeistert. Nächstes Wochenende konnte also die Suche nach einer Eigentumswohnung beginnen.

Aus dem Bücherschrank nahm ich Brittas Lieblingsbuch zur Hand: Leitfaden für positive Transformationsformeln. Verschwörerisch murmelte ich die Transformationsformel für eine abgeschlossene Ziel-Imagination: „Das habe ich gemacht. Das habe ich gut gemacht. Das habe ich sehr gut gemacht. Ich bin eins mit meinem Plan und was ich will, das schaffe ich auch!”

4. Die Frauenbeauftragte

Kurz vor 14:00 Uhr klingelte Frau Hoppe-Reitemüllers Telefon. Es war Frau Doggenfuß, die Vorzimmerdame des Finanzamt-Vorstehers. Sie solle sofort zum Vorsteher kommen. Ausschließlich Frau Doggenfuß benutzte den Titel „Vorsteher” wenn sie vom Finanzamts-Vorsteher sprach. Für alle anderen war er „Der Kopf”. Nicht nur im übertragenen Sinne war Regierungsdirektor Niemeier der Kopf des Finanzamtes. Er hatte einen beinahe schon als abnorm zu bezeichnenden riesigen Schädel, dessen kantiges Profil durch eine eckige Goldrandbrille noch verstärkt wurde.

Frau Doggenfuß redete stets in einem Befehlston, der unbedingten Gehorsam forderte und jede noch so höfliche Nachfrage scharf unterband. Frau Hoppe-Reitemüller ließ deshalb sofort die gerade angebissene Nussecke fallen und machte sich auf den Weg zum Fahrstuhl.

Auf dem Flur kam ihr Hartmut Schminke mit einer Tasse Kaffee entgegen. Es ist schon auffällig, dachte Frau Hoppe-Reitemüller, immer wenn ich den Schminke sehe, holt er Kaffee oder bringt ihn gerade zur Toilette. Beim Frühstück in der Kantine ist er auch immer der Erste und der Letzte, genau wie sein Vater. Warum sie den Sohn überhaupt eingestellt haben, ist mir ein Rätsel! Bei dem Bockmist, den der alte Schminke verzapft hat. Ab mittags hing Kalle Schminke doch nur noch am Getränkeautomaten im Keller und hat sich eine Pulle nach der anderen genehmigt. Und wenn er abgefüllt war, hörte man das Geschnarche aus seiner Akten-Registratur noch drei Zimmer weiter.

Sie sah dem kleinen, rundlichen Mann hinterher. Etwas weniger Bauch und mehr Hintern würden ihm gut stehen, überlegte sie und dachte an Norberts Hintern. Norberts Hintern gehörte zu Norberts wirklichen Qualitäten. Nicht, dass Frau Hoppe-Reitemüller Norbert nur wegen seines Hinterns geheiratet hätte, aber in dem Sympathiepaket, welches für Norbert den Ausschlag gegeben hatte, war sein Hintern sicherlich kein zu vernachlässigender Pos­ten gewesen. Es hatte auf sie schon immer einen unwiderstehlichen Reiz ausgeübt, ihrem Norbert mit Daumen und Zeigefinger in seinen fleischigen Hintern zu kneifen. Aber seitdem Norbert bei seiner Versicherung seinen Stuhl für die junge Hauptsachbearbeiterin hatte räumen müssen und in den vorzeitigen Ruhestand enthoben worden war, hatte er sich stark verändert. Irgendwann hatte er sich die Kneiferei verbeten. Und als ihr dann doch einmal die Finger ausrutschten, hatte er ihr sogar angedroht, sich von ihr scheiden zu lassen. Und sie wusste, er meinte es damit ernst.

Seitdem ging es mit Norbert immer weiter bergab. Von morgens bis abends saß er nur schlecht gelaunt und lustlos herum. Frau Hoppe-Reitemüller war manchmal froh, dass sie wenigstens tagsüber seinem Anblick entfliehen konnte. Schade nur, dass sich im Finanzamt nicht ihr Telefon abstellen ließ. Mindestens viermal am Tag rief er an, um sie anzuschnauzen oder Bestellungen für den Supermarkt aufzugeben.

Der Weg zum Kopf führte über das Zimmer von Frau Doggenfuß. Es gab natürlich auch einen direkten Zugang zum Büro des Kopfes. Aber die Klinke von Zimmer Nr. 333 in die Hand zu nehmen, wäre eine genauso unmögliche Vorstellung gewesen, wie an der Panzersicherung im Keller herumzufummeln.

Ohne Frau Hoppe-Reitemüller eines Blickes zu würdigen, meldete Frau Doggenfuß sie telefonisch im Vorsteherzimmer an. Nicht-Personen wie der Hausmeister, die Putzfrau und Amtsinspektorinnen aus dem mittleren Dienst wurden von Frau Doggenfuß nur dann persönlich angesprochen, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Mit einem Blick über die Halbrandbrille deutete sie an, dass nun der Weg ins Allerheiligste für Frau Hoppe-Reitemüller offen stand. Ihr Herz begann zu rasen.

In seinem Büro wartete der Kopf hinter seinem drei Quadratmeter großen Schreibtisch. Der Schreibtisch war lediglich mit einem kleinen Notizblock und einem Telefon bestückt. Vor dem Schreibtisch saß ihr Chef, Herr Axthammer. Frau Hoppe-Reitemüller wur­de es noch mulmiger zumute. Herr Axthammer war nämlich nicht nur ihr Sachgebietsleiter, sondern zudem auch der Personalratsvorsitzende des Finanzamtes. Nervös fuhr sie sich durch ihr kurzes graues Haar und wie ein Film spulten sich vor ihren Augen die Sünden der vergangenen Tage ab: Volle zwei Stunden hatte sie mit Sybille in Berlin telefoniert ohne die „drei” für Privatgespräche vorweg zu wählen. Dann hatte sie die EDV-Prüfhinweise für die eingegebenen Steuererklärungen ausnahmslos vernichtet, weil sie mit ihnen nichts anzufangen wusste. Schweiß schoss ihr wie von Einspritzdüsen in die Achseln ihrer Bluse, als ihr einfiel, dass sie gerade gestern erst wieder im Internet unter www.knackigehintern.de unermüdlich gesurft hatte. Dabei wurde in der letzten Amtsverfügung noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Nutzung des Internets nur zu dienstlichen Zwecken gestattet sei und ein Vergehen disziplinarisch verfolgt würde. Es würde schwer werden, einen dienstlichen Bezug herzustellen. Oder war jemandem aufgefallen, dass sie fünf Locher aus der Materialausgabe herausgeschmuggelt hatte? Vielleicht Betriebsprüfer Glockemüller, so richtig war dem auch nicht zu trauen.

Der Kopf gab ihr ein Zeichen, sich ihm zu nähern. Er erhob sich nie, um seine Besucher zu begrüßen. Seine Körpergröße war nur öffentlichen Geheimnisträgern und seiner Mutter bekannt. Frau Stöhr hatte einmal behauptet, er wäre keine 1,50 m. Sie wüsste das ganz genau, weil er zu ihrem 25-jährigen Dienstjubiläum in ihrem Büro gewesen sei und nicht einmal so groß wie der Aktenbock in ihrem Zimmer gewesen wäre. Aktenbock A 102 C hätte aber garantiert eine normierte Höhe von 1,50 m.

Frau Hoppe-Reitemüllers Nervosität legte sich ein wenig, als ihr der Kopf die Hand reichte. Er hatte tellergroße, warme fleischige Hände, die bei einem Händedruck ein Gefühl der Geborgenheit vermittelten. Seine Stimme war tief und voll und seine kleinen ewig lächelnden Augen hinter dem kantigen Goldrahmen machten es einem so leicht, Vertrauliches aus dem Kollegenkreis so ganz nebenbei auszuplaudern.

Bei so viel Väterlichkeit war es ihm überhaupt nicht zuzutrauen, dass er auch seine Todesurteile fällte. Da war zum Beispiel der junge Steuersekretär, der im Finanzamt die Steuererklärungen seiner „Privatkunden” selbst bearbeitet und ihnen durch großzügige Ermessensentscheidungen zu üppigen Steuererstattungen verholfen hatte. Kaum zu glauben, dass so etwas wirklich vorkam!

Als Frau Hoppe-Reitemüller davon erfuhr, war ihr zuerst Hartmut Schminke in den Sinn gekommen. Schminke wäre der Einzige gewesen, dem sie das zugetraut hätte. Aber als dieser ihr einige Tage später, nachdem das Urteil gefällt worden war, mit seiner Kaffeetasse und diesem unverwechselbar idiotischen „Mahlzeit”-Grinsen entgegengekommen war, hatte sie gewusst, dass er es nicht gewesen sein konnte. Besagter Kollege war nämlich fristlos entlassen und disziplinarisch belangt worden. Wahrscheinlich arbeitete er jetzt als Handlanger Steuerberater Pfannengaul zu, der dafür bekannt war, seine Arbeit an gestrandete Existenzen aus der Gattung der steuerberatenden Berufe zu delegieren, während er sich auf dem Golfplatz vergnügte.

Frau Hoppe-Reitemüller hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit dem, was jetzt kam. Der Kopf hatte bereits eine ganze Weile mit ihr gesprochen, ehe sie überhaupt realisierte, was er eigentlich von ihr wollte: „…und so habe ich mich im Einvernehmen mit dem Personalrat dazu entschieden, Sie als Frauenbeauftragte zu benennen.”

Die Nachricht brauchte eine Weile, um auf Frau Hoppe-Reitemüllers Hirnrinde anzukommen. Das Einzige, was sie begriff, war die Anmerkung von Herrn Axthammer, sie wäre nun aufgrund dieser neuen Aufgabe zu 33 % von ihrer bisherigen Tätigkeit freigestellt. 33 %! Das waren mehr als eineinhalb Tage in der Woche! Dafür hätte sie fast alles gemacht.

„Sie können es sich noch in Ruhe überlegen”, meinte der Kopf abschließend – aber Frau Hoppe-Reitemüller nahm das Amt ohne eine Sekunde zu zögern an.

Von nun an gab es dienstags und donnerstags von 9:00 Uhr bis 12:00 Uhr eine Sprechstunde für weibliche Bedienstete. Dann zog sie sich ins Personalratszimmer zurück und wartete. Ihr fiel es nicht schwer, gut und gerne zwei Stunden und auch länger in dem bequemen Sessel mit Armlehne zu sitzen und auf das Ende der Sprechstunde zu warten. Die Zeit verbrachte sie damit, sich wie eine Raupe durch das Aldi-Süßigkeiten-Angebot regalweise durchzufressen. Mittlerweile war sie im letzten Regaldrittel bei der Prinzenrolle angelangt.

Von Tag zu Tag wurde sie unvorsichtiger. Irgendwann geschah es: Ausgerechnet als ihre Lieblingsillustrierte mit der Titelstory: Was bringen Frauen mit 50 noch im Bett? Offen auf ihrem Schreibtisch lag, kam Frau Stöhr in ihr Büro gefegt. Sie schaffte es nicht einmal mehr, die Illustrierte rechtzeitig verschwinden zu lassen. Frau Stöhr stierte auf die Zeitschrift und schnappte hörbar nach Luft. Noch bevor sie wieder zu Besinnung kam, sagte Frau Hoppe-Reitemüller geistesgegenwärtig: „Angelika, was sagst du denn dazu: Egal, was ich lese, ich habe immer mehr den Eindruck, wir Frauen sind in den Augen der Männer nur ein willenloses Stück Fleisch. Ich wollte im Namen aller weiblichen Amtsangehörigen gerade einen offenen Brief an die Redaktion dieses verkappten Macho-Blattes schreiben. Allein dieser Titel… Das ist doch pervers!”

Frau Stöhrs Zweifel waren augenblicklich verflogen. Sie sah Frau Hoppe-Reitemüller zufrieden an und blökte: „Rita, ich hab gleich gewusst: Die Rita wird den Männern mal richtig Feuer unterm Hintern machen!”

Frau Hoppe-Reitemüller winkte mit aufgesetzter Bescheidenheit ab: „Lass nur, Angelika!”, sagte sie.

„Aber was ich heute in der Kantine gehört habe, ist wirklich ein dicker Hund!”, fuhr Frau Stöhr mit empörter Stimme fort. „Ich habe ganz genau gehört, wie der Schminke heute in der Kantine zu Herrn Goller gesagt hat, Frau Graugans würde jedem Iltis noch Konkurrenz machen. Und wenn er an ihrer Stelle wäre, würde er sich sämtliche Schweißdrüsen wegoperieren lassen. Und ihrenBusen kann sie sich auch gleich mitmachen lassen, wenn sie schon mal am Schnippeln sind. Das ist doch ein starkes Stück, oder? Wenn ich Frauenbeauftragte wäre, würde ich sofort Schritte gegen den Schminke einleiten!”

Erst heute Morgen war Frau Hoppe-Reitemüller am Büro von Frau Graugans vorbeigekommen. Um den penetranten Schweißgeruch aus der Nase zu bekommen, musste sie erst einmal eine Zigarette rauchen und drei Mandarinen pellen. Sie wandte deshalb zögernd ein: „Angelika, findest du nicht auch, dass Frau Graugans immer ein bisschen streng riecht?”

Frau Stöhr war über den Einwand verärgert: „Aber Rita! Das ist schon viel besser geworden. Diese Bemerkung ist jedenfalls unerhört!”

Frau Hoppe-Reitemüller versuchte abzulenken: „Und das mit dem Busen hat er tatsächlich gesagt?”, hakte sie nach.

Frau Stöhr wich plötzlich aus: „Nun ja, jedenfalls sinngemäß. Zumindest ging es um irgendwelche Schönheits-OPs. Ich werde ihn jedenfalls weiter beobachten!”

Pikiert zog sie ab. Am liebsten wäre es ihr gewesen, wenn sie Schminke sofort abgeführt hätten. Aber noch war nicht aller Tage Abend.

Frau Hoppe-Reitemüller schauderte jetzt noch bei dem Gedanken, dass sie um ein Haar in dem Büro von Frau Graugans gestrandet wäre. Sechs Jahre war der zweite Platz in Graugans Büro leer geblieben, bis die Geschäftsstelle mit Hinweis auf Sparmaßnahmen mit Nachdruck darauf bestanden hatte, das Büro voll zu besetzen. Aber einmal in ihrem Amtsleben hatte sich Frau Hoppe-Reitemüller wirklich durchgesetzt und zu Herrn Axthammer gesagt, wenn er das wirklich von ihr verlangte, würde sie ab morgen mit Wäscheklammern auf der Nase erscheinen, und: Sie wäre nicht so privilegiert wie er und hätte ständig Schnupfen! Schminke gehörte sicherlich nicht zu den Männern, die sie gerne in Schutz nahm, aber in diesem Falle hatte er wirklich recht.

5. Der Kennenlerntag

8:06 Uhr. Horst war noch nicht im Büro. Er würde also heute nicht mehr kommen. Um 8:09 Uhr rief Horst vom Flughafen aus an. In 10 Minuten wäre Einchecken und ich könnte jetzt die Krankmeldung an Frau Doggenfuß weiterleiten. Gestern hatte er die Krankmeldung schon vorbereitet, nachdem er mit Schrecken festgestellt hatte, dass ihm drei Urlaubstage fehlten. Der Last-Minute-Flug nach Kenia war allerdings bereits gebucht – ohne Reiserücktrittsversicherung – und der Flieger stand schon mit laufendem Motor auf dem Flughafen. Zum Glück war wenigstens auf seinen Hausarzt Verlass, der hatte die Krankmeldung gleich für vier Wochen ausgestellt. Kompetenter Mann, sollte ich auch mal ausprobieren.

„Wenn dir drei Wochen die Sonne auf die Festplatte brät, brauchst du anschließend einfach noch ein paar Tage, um dich wieder zu akklimatisieren”, hatte Horst zu mir gesagt und dabei seine Vollglatze massiert. „Und außerdem muss ich noch die Terrasse pflastern. Komm´ ich ja sonst auch nicht zu.”

Es war richtig entspannend, so allein in seinem Büro zu sitzen. Heute hatte ich wenigstens genügend Zeit, ungestört meine aufgestauten Privatgespräche abzuarbeiten. Und ich dachte die ganze Zeit nur an das Eine: eine Eigentumswohnung! Der Gedanke daran hatte sich bei mir regelrecht eingebrannt.

Zuerst rief ich Britta an: „Du, Britta, wir sollten uns den ganzen Samstag einmal Zeit nehmen, um uns Eigentumswohnungen anzusehen.”, schlug ich Britta vor.

„Am Samstag?!” – mehr sagte sie nicht, aber ihr Tonfall löste in mir augenblicklich eine Sirene aus. Da kannten wir uns bereits seit sieben Jahren und waren von diesen sieben Jahren fünf Jahre verheiratet und dennoch ließen sich gewisse Eskalationen nicht vermeiden. Zumindest begriff man eines mit der Zeit schneller: dass es mal wieder zu spät war und die einzige Lösung darin bestand, zügig den Rückzug anzutreten.

Doch ich beging einen Kardinalfehler: Ich versuchte mich herauszuwinden. Als wenn das einem Mann in meiner Situation jemals gelungen wäre – und bei Britta schon gar nicht. Ich sagte jetzt in einem wie ich fand sehr beruhigenden Tonfall: „Naja, es muss ja nicht diesen Samstag sein.” Aber es ließ sich nichts mehr retten.

„Sagtest du Samstag?”, wiederholte Britta und in ihrer Stimme schwang ein Giftcocktail aus Empörung, Wut und verletzter Eitelkeit mit. Schweiß stand auf meiner Stirn. Was konnte an einem gewöhnlichen Samstag, dem siebten Juni gewesen sein? Wie in einer Suchmaschine spulten sich vor meinen Augen sämtliche Geburts- und Todestage näherer Angehöriger und ihrer Haustiere ab. Nichts! Am siebten Juni war einfach nichts gewesen. Man hätte diesen Tag glatt vom Kalender streichen können und kein Mensch hätte davon Kenntnis genommen. Ich jedenfalls nicht.

Da kam mir eine Idee: Brittas Führerschein! Am siebten Juni vor sieben Jahren hatte Britta ihren Führerschein gemacht! Jetzt musste ich nur noch die Kurve kriegen. „Glaubst du etwa, ich hätte deinen Führerschein vergessen! Siebter Juni! Sieben Jahre Führerschein!”, säuselte ich.

„Wenn du noch einmal das Wort Führerschein in den Mund nimmst, lasse ich mich auf der Stelle von dir scheiden!” Britta hatte aufgelegt. Stimmt ja! Auch das war mir leider entfallen: Das Wort „Führerschein” sollte ich auch besser meiden. Britta hatte ihren Führerschein erst im dritten Anlauf geschafft. Einer psychologischen Untersuchung war sie nur knapp entgangen.

Jetzt gab es nur noch eine Rettung: Gundula! Brittas Studienfreundin Gundula! Sie war mir einiges schuldig. Mehr noch: Wenn es in der Welt so etwas wie Gerechtigkeit gäbe, wäre Gundula meine Leibeigene. Sie war schuld daran, dass mir Britta nicht mehr gehorchte. Als Britta und ich uns kennenlernten, hatte Britta sich gerade von Tommy getrennt. Sie fraß mir aus der Hand. Sie kochte für mich, manchmal sogar zwei Mal am Tag warm. Und wir schlie­fen sogar drei Mal am Tag miteinander – manchmal jedenfalls. Aber Gundulas Einfluss war nicht zu übersehen gewesen. Ich muss sogar eingestehen, dass sich unsere Rollen immer mehr vertauscht hatten. Neulich sagte Britta zum Beispiel, sie hätte keine Lust mehr zum Kochen. Und ich wusste ganz genau, da steckte Gundula dahinter. Gundula war auch schuld daran, dass Britta mittlerweile im 15. Semester studierte und noch lange kein Ende in Sicht war. Korrekterweise muss ich dazu sagen, dass Britta drei Semester nicht mitgezählt hatte, weil sie eine Auszeit brauchte, um die Trennung von Tommy, auch Scheißkerl genannt, zu verarbeiten.

Gundula gähnte unerzogen laut in den Hörer. Anscheinend hatte ich sie gerade aus dem Bett geschmissen. Tschuldige, Gundula – es war ja auch erst 10 Uhr. Ich schilderte ihr kurz mein Problem.

„Siebter Juni”, murmelte sie gedankenverloren. „Ich gehe davon aus, dass du die Geburts- und Hochzeitstage schon abgecheckt hast. Wann hat sie sich von dem Scheißkerl getrennt?”

„Am sechsten Juni”, antwortete ich.

„Und wann habt ihr euch kennengelernt?”, forschte Gundula weiter nach. „Am siebten Juni! – Gundula, du bist einfach genial!”

„Tja, Hartmut, wenn du mich nicht hättest!!!”, sagte Gundula und die drei Ausrufungszeichen hingen wie Atompilze in der Luft. So überschwänglich hätte ich Gundula nie loben dürfen. Hoffentlich war das jemals wieder gut zu machen. Während sie noch einmal unappetitlich in den Hörer gähnte, schaltete ich das Telefon auf Rufumleitung um und legte das Gespräch in den Aktenkeller K 40. Das war reine Notwehr, denn wenn Gundula erstmal am Hörer hing, musste man ihr schon die Ohren abschneiden, um sie zum Auflegen zu bewegen.

Den Rest des Vormittags verbrachte ich damit, leichte Steuererklärungen zu bearbeiten und mir den Kopf zu zermartern, wie ich Britta wieder milde stimmen konnte – und mir fiel tatsächlich etwas ein!

Als ich mit knurrendem Magen nach Hause kam, saß Britta mit einem Schälchen Müslikekse aus dem Reformhaus vor dem Fernseher. Ich war mir sicher, diese Kekse neulich bei Zoo-Warnecke in dem Hunde-Candyshop gesehen zu haben.

Britta schrie aus dem Wohnzimmer: „Wehe, du gehst in die frisch gewischte Küche!”

Sie war also immer noch sauer und ich hatte wirklich riesigen Hunger – und ich beging trotzdem nicht die Todsünde, die frisch gewischte Küche zu betreten. Das war wahres Märtyrertum!

Notgedrungen setzte ich mich zu Britta vor den Fernseher. Volle 42 Minuten wurden wir über die Vorzüge einer WC-Ente mit Saugfüßen und dem patentierten Superflex-Hals aufgeklärt, der in der Lage war, mit einem einzigen Sprühstoß den gefährlichen Urinstein zu eliminieren. Nachdem Britta unser neues Familienmitglied bestellt hatte, fragte ich beiläufig: „Wie wäre es, wenn wir unseren diesjährigen Kennenlerntag einmal ganz anders feiern als sonst?”

Britta schaute mich überrascht an: „Wie? Nicht zum Griechen und dann ins Kino?”

Sie hatte also tatsächlich angebissen. „Nein”, sagte ich, „einmal ganz anders.”

„Also erst zum Chinesen?”, fragte Britta irritiert.

„Nein, ganz, ganz anders! Da kommst du nie drauf: Wir spielen den Tag einfach nach, und zwar genau so, wie wir uns vor sieben Jahren kennen gelernt haben!”

Die Reaktion darauf übertraf alle meine Erwartungen: Britta war hellauf begeistert.

„Ich habe übrigens noch die Popeye-Unterhose”, bemerkte ich und fügte hinzu: „Und du, du hast doch noch dieses süße, gelbe Nachthemd mit dem Biene-Maja-Motiv!”

„Moment mal”, unterbrach mich Britta, „an unserem Kennenlerntag haben wir aber noch nicht miteinander geschlafen! Soviel ich weiß, haben wir uns noch nicht mal geküsst. Da lief noch überhaupt nichts! Ich bin ja schließlich kein Flittchen.”

„Zumindest habe ich dich am Arm gestreichelt”, sagte ich bestimmt.

„Na ja, von mir aus kannst du mich ja mal am Arm streicheln”, erlaubte mir Britta großzügig, „aber ansonsten halten wir uns an die Fakten!”

Noch einmal versuchte ich den Verlauf unseres Spiels zu beeinflussen und schlug Britta vor: „Wir können den Kennenlerntag auch als eine Lebensphase nachvollziehen, in der wir uns näher gekommen sind. Ich bin auf jeden Fall dafür, die Hochzeitsnacht mit einzubeziehen.”

„Wir können auch nur die Hochzeitsnacht nachspielen”, bemerkte Britta in einem ironischen Unterton, der mir allerdings glatt entging. „Oh Britta, du hast immer so gute Ideen!”, begeisterte ich mich. Aber Britta unterbrach mich kalt und sagte bestimmt: „Das hätte dir so gepasst! Nein, wir spielen alles, wirklich alles, so nach, wie es sich wirklich abgespielt hat und meinetwegen darfst du mich in der 89. Spielminute dann auch mal am Arm streicheln und von mir aus dabei denken, was du willst. Aber eines sage ich dir schon jetzt: Es wird sich an die Fakten gehalten! Und Flossen weg von meinem Busen!”

Der siebte Juni vor sieben Jahren war ein schöner, sonniger Tag. Mein Tag begann wie üblich: Nach dem Frühstück in der Kantine mit Frau Stöhr, Herrn Goller und Elke wollte ich in die Materialausgabe im Erdgeschoss gehen. Donnerstags war von 11:00 Uhr bis 12:00 Uhr Materialausgabe. Papa hatte mich gestern gefragt, ob ich ihm mal einen neuen Locher mitbringen könne und vielleicht noch ein paar Leitz-Ordner. Außerdem hätte Mama nächste Woche Geburtstag, vielleicht fände ich noch was Nettes für sie. Mama freute sich immer riesig, wenn ich ihr etwas aus der Materialausgabe mitbrachte. Als ich ihr zum 60. Geburtstag eine Tackerkralle mitgebracht habe, rief sie gleich am nächsten Tag an und erzählte begeistert, dass sie mit der Tackerkralle bei Papa sogar einen Holzbock erfolgreich entfernt hatte. Nach den Blessuren könnte manjetzt zwar vermuten, Papa sei von einer Klapperschlange gebissen worden, aber Hauptsache das Ding war draußen.

Papa war im Gegensatz zu Mama richtig unverschämt. Er dachte, das liefe bei uns in der Materialausgabe immer noch so ab wie früher, als er noch im Amt war. Papa hatte immer seinen ganzen Freundeskreis mit allem versorgt, was die Materialausgabe hergab. Manchmal musste ich mich mit Papa richtig anlegen: „Was, Junge, nur sieben Tacker?”, schmollte er. Und ich erwiderte: „Das ist nicht mehr so wie zu deiner Zeit. Du kennst den Schroeder nicht, der sitzt auf jeder Büroklammer.” Schroeder war unser neuer Hausmeister und der bewachte die Materialausgabe als beherberge sie die britischen Kronjuwelen.

Im Foyer ging ich an der Tür des Sprechzimmers vorbei. Vor der Tür warteten etliche Steuerpflichtige darauf, dass ihre Nummer aufgerufen wurde.

Steuerpflichtige sind eigentlich keine richtigen Menschen, so wie zum Beispiel Nachbarn oder Freunde. Sie sind die Grundlage eines Aktenaufbaus: Name, Vorname, Geburtsdatum, Steuernummer, Gewerbekennziffer. Von da aus teilt sich die Zelle immer weiter und wird zum Steuerpflichtigen. Sie machen eigentlich nur Arbeit, genauso wie Meerschweinchen eigentlich nur Dreck machen. Meerschweinchen sind aber dabei wenigstens noch niedlich anzuschauen. Steuerpflichtige machen darüber hinaus nur Ärger. Ärger, weil die Steuererklärung nicht rechtzeitig abgegeben wurde, Ärger, weil ständig die Belege fehlten, Ärger, weil die Zahlen in die falschen Zeilen eingetragen worden waren und Ärger, weil sie womöglich noch anriefen. Am Schlimmsten aber sind die Steuerpflichtigen, die dem Wahn verfallen sind, sie müssten ihre Steuererklärung persönlich bei ihrem Sachbearbeiter abgeben und könnten dann auch noch eine Belohnung erwarten. Oder aber er lege Wert darauf, den Steuerbescheid am Telefon mit ihnen auszudiskutieren.

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich eine Steuerpflichtige, eine junge, große, blonde Frau mit Kurzhaarschnitt, die hilflos in demStänder mit den Steuererklärungsvordrucken ein Formular suchte. Ich war schon fast an ihr vorbei, da drehte sie sich plötzlich zu mir um und sprach mich an: „Entschuldigen Sie, ich suche diesen Lohnsteuer-Erstattungsantrag.”

An Sprechtagen sollte man gar nicht erst in die Nähe des Sprechzimmers kommen, um nicht von Steuerpflichtigen angefallen zu werden! Ich wollte mich zunächst gar nicht umdrehen, sondern einfach so tun, als hätte ich sie nicht gehört. Einem Impuls folgend drehte ich mich dann aber doch nach ihr um.

Es gibt nicht viele Momente, in denen es einfach nur „Dong” macht. Es war der Super-GAU! Ich glaube, ich starrte sie fast eine halbe Minute lang an. Es ist kaum zu glauben, dass ich überhaupt so etwas wie einen vollständigen Satz heraus brachte. Ich sagte so etwas wie: „Sie suchen sicherlich eine Einkommensteuererklärung.” Nein, ich bin mir sicher, dass es kein vollständiger Satz gewesen ist. Wahrscheinlich hatte sie auch gar nicht verstanden, was ich gesagt hatte. Sie antwortete ein bisschen ungeduldig, aber nicht unfreundlich: „Nein, ich bekomme was wieder.”

Mit zittriger Hand reichte ich ihr das Formular und: Sie lächelte mich an! Dieses Lichtwesen lächelte mich an!

Ich brachte nur ein stockschüchternes „Dann Tschüss” heraus. Sie sagte: „Nochmals Danke!” Und dann wieder dieses Lächeln!

Steifen Schrittes und doch bemüht, betont locker zu wirken, ging ich weiter in Richtung Materialausgabe. Ich wagte nicht, mich noch einmal umzudrehen. Auf der Schwelle zur Tür der Materialausgabe flog dann die Sicherung bei mir komplett heraus. Es pochte in meinem Kopf: Dong! Du musst jetzt hinter ihr her. Das ist die Frau!

Ich musste etwas unternehmen, rannte zurück in die Wartezone vor dem Sprechzimmer. Sie war nicht mehr da. Vielleicht ließ sie sich gerade von der Kollegin beraten. Panik stieg in mir hoch. Ich konnte unmöglich länger warten, riss die Tür zum Sprechzimmer auf. Eine Steuerpflichtige im verwesungsfähigen Alter saß miteinem Schuhkarton, aus dem Busfahrkarten, Zinsbescheinigungen und Rentenbescheide herausquollen, vor meiner Kollegin und heulte. Tür schnell wieder zu und wieder zurück in die Wartezone. Was sollte ich jetzt tun? Ich musste unter allen Umständen hinter ihr her, nahm meinen letzten Mut zusammen und fragte die wartenden Steuerpflichtigen: „Haben Sie die blonde, junge Frau gesehen, die eben noch hier war?” Keiner sagte einen Ton, alle glotzten nur wie bayerische Almkühe. Ich wollte gerade weiter rennen, da fragte endlich eine Steuerpflichtige mit Hausfrauenleggins Kaugummi kauend: „Wie sah sie denn aus?” Ich zögerte. Wie sah sie eigentlich aus? Toll, einfach toll! Und dieses Lächeln! Sie hat mich, Hartmut Schminke, dieses armseliges Würstchen, angelächelt! Aber wie konnte ich sie beschreiben?

„War das diese große Blonde mit der hellen Windjacke?” „Ja, ja!”, sagte ich schnell, „das ist sie!” Wortlos deutete sie mit dem Kopf Richtung Südausgang. Südausgang, das bedeutete, sie würde jetzt durch den Stadtpark gehen in Richtung Busbahnhof. Zum Glück war ich heute mit dem Fahrrad im Amt, weil mein alter Ford Granada mal wieder nicht angesprungen war. Mit dem Fahrrad würde ich sie vielleicht einholen können. Es war nur eine winzige Chance, aber ich musste es versuchen.

Im Stadtpark waren nur wenige Fußgänger unterwegs. Wenn ich sie jetzt nicht gleich einholte, war alles vorbei. Ich hatte die Hoffnung schon beinahe aufgegeben, da sah ich sie plötzlich von Weitem! Das musste sie sein. Ihre helle Windjacke reflektierte im Sonnenlicht, es bestand kein Zweifel, da ging sie. Mein Puls raste und mir war hundeelend. Hatte die Steuerpflichtige „groß” gesagt? Stimmt! Sie war riesig! Sie war bestimmt einen Kopf größer als ich. Es war Wahnsinn! Sie würde auf mich herunterschauen, meinen Kopf tätscheln, so wie man das bei einem Kleinkind macht, und sagen: „Na, Kleiner, was willst du denn?” Egal, sollte sie machen, was sie wollte. Wie programmiert fuhr ich weiter und zermarterte mein Hirn nach einer Möglichkeit, sie anzusprechen. Ich konnte siedoch nicht einfach überholen und zu ihr sagen: Hallo, ich bin ihr Finanzbeamter und habe mich gerade tierisch in sie verknallt. Nein, ausgeschlossen! Die Begegnung musste wie zufällig wirken. Es blieb mir nichts anderes übrig, als sie erst einmal in einem sicheren Abstand zu verfolgen. Hauptsache, ich wusste, wo sie wohnte. Ich durfte sie jedenfalls auf keinen Fall aus den Augen verlieren. Hoffentlich hatte sie nicht irgendwo ihren Wagen geparkt, dann hätte ich sie nicht einmal mehr verfolgen können. Halt! Ein Auto wäre sogar sehr gut! Anhand des Kennzeichens könnte ich im Finanzamt den Halter ermitteln. Und ich hätte sogar ihre Steuernummer! Ich könnte sie dann sogar wegen eines fadenscheinigen Grundes ins Finanzamt zitieren. Der Gedanke daran ermutigte mich.

Ich hatte Glück. Sie ging tatsächlich auf direktem Weg zu dem Parkplatz am Rande des Stadtparks und stieg in eine knallrote Ente. Eine Ente – kein ordinärer VW Polo. Beinahe hätte ich nicht auf das Kennzeichen geachtet. BW 95 – sicherlich ihre Initialen. Wahrscheinlich hieß sie Bianca – ein wirklich schöner Name.

Es war für mich ein Leichtes, im Amt per PC das Kfz-Kennzeichen abzufragen, um ihren Namen und Anschrift herauszubekommen. Bianca hieß Britta und mit Nachnamen Werner. Ich zog mir ihre Akte. Studentin der Sozialwissenschaften mit den Nebenfächern Sport und Freizeitpädagogik. Neben dem Studium jobbte sie in einem Sportstudio. Bei der letzten Steuererklärung hatte sie bei den Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit ein Arbeitszimmer erklärt. Was macht eine Aerobic-Trainerin mit einem häuslichen Arbeitszimmer? Was mich noch stutziger machte: Der Bearbeiter, Herr Budde, hatte hinter dem Eintrag der Aufwendungen für das Arbeitszimmer zwei Fragezeichen gemacht und geschrieben: Unbedingt Nachschau durchführen! In diesem Schaffensprozess war Herr Budde in die Betriebsprüfungsstelle versetzt worden. Seine Nachfolgerin, Frau Hoppe-Reitemüller, hatte ohne mit der Wimper zu zucken die Steuererklärung ohne eine einzige Änderung durchgewinkt. Das sah ihr ähnlich! Der Vorgang musste nochganz frisch sein, denn der Steuerbescheid war gerade gestern im Rechenzentrum verarbeitet worden. Der Bescheid würde frühestens in einer Woche zugestellt werden. Mir kam eine geniale Idee: Noch wusste Britta nicht, dass das Arbeitszimmer genehmigt worden war. Noch war sie sicher bereit, alles zu tun, um die fürstliche Steuererstattung von 1.423 Euro zu retten. Und ich würde ihr Retter sein, ihr deutlich zu verstehen geben, dass sie die Erstattung nur meinem Wohlwollen zu verdanken hatte. Schminke, von Gottes Gnaden, drückt noch mal ein Auge zu.

Kurz vor Feierabend rief ich Britta an, um anzukündigen, dass ich in den nächsten Tagen ihr Arbeitszimmer begutachten müsste. Mir war speiübel vor Aufregung. Drei Zettel mit vorgefertigten Dialogen lagen vor mir. Natürlich hatte ich auch den Ernstfall, den Super-GAU, eingeplant. Der Super-GAU würde eintreten, wenn sie anfangen sollte, herumzuschreien. Richtig schlimm würde es, wenn sie meinen Chef verlangte oder direkt beim Kopf anrief, um sich über mich zu beschweren. Dann säße ich wirklich in der Tinte.

Aber Britta bezweifelte gar nichts. Sie fragte nur: „Wann wollen Sie denn kommen?”, und fügte schnell hinzu: „Es geht aber frühestens nächste Woche Montag.” Na selbstverständlich, Britta! Natürlich musste sie erst den Raum herrichten. Alle Möbel und wahrscheinlich ein Klavier rausschmeißen. Montag war im Übrigen gut, denn frühestens am Donnerstag würde ihr der Bescheid vom Finanz-Rechenzentrum zugestellt werden. Um sie positiv auf mich einzustimmen, informierte ich sie darüber, wie ein steuerlich anerkanntes Arbeitszimmer auszusehen hat und beendete das Telefonat mit den Worten: „Ich bin überzeugt davon, dass wir da keine Probleme haben werden.”

Es war genau so, wie ich es vermutet hatte: Britta hatte ganze Arbeit geleistet und musste ihre Wohnung innerhalb von vier Tagen völlig umgekrempelt haben. In dem „Arbeitszimmer” standen ein Schreibtisch und ein Multifitness-Center mit Laufband. Außerdem lagen jede Menge Hanteln herum. Wahrscheinlichhätte ich mir schon beim leichtesten dieser Folterinstrumente einen soliden Bandscheibenvorfall geholt.

„Und was führen Sie hier für Arbeiten aus?”, fragte ich Britta. Sie erzählte mir ausführlich, dass sie fast den ganzen Tag, bevor sie zu den Aerobicstunden ginge, hart trainieren und nach Feierabend bis spät in die Nacht die Trainingspläne für die Mitglieder ausarbeiten würde. Für private Dinge bliebe überhaupt keine Zeit. Ich musterte sie, während sie sprach, verstohlen von der Seite.

Ihr Gesicht strahlte eine ungeheuere Lebensfreude aus. Ihre braunen Augen glänzten und wenn sie lachte, zeigte sich auf der Wange ein Grübchen. Ihre Unterlippe war einen Tick nach vorn gewölbt, irgendwie hatte das etwas sympathisch Freches. Wie ich befürchtet hatte, war sie mindestens einen Kopf größer als ich, da ließ sich nichts beschönigen. Und auch wenn ich mir Spezialschuhe aus Italien mit versteckten Absätzen kaufen würde, der Größenunterschied würde sich allenfalls mit Stelzen vertuschen lassen. Die meisten Frauen hatten mit kleineren Männern ja ein Riesenproblem. Das konnte man schon den Bekanntschaftsannoncen entnehmen: Nur bei molligen Frauen ab 50 hatten auch zu kurz geratene Dackeltypen wie ich noch eine Chance. Hauptsache sie waren tierlieb und treu.

Was Brittas sportliche Ambitionen anbelangte, war unübersehbar, dass sie täglich Gewichte stemmte wie ein Gabelstapler. Die breiten, kräftigen Schultern und sehnigen Arme sprachen für sich. Ich zog intuitiv die Ärmel meines grauen Pullis weiter nach unten, damit sie von meiner weichen, blässlichen Haut nicht auf die Substanz meines nicht vorhandenen Bizeps schließen konnte.

Wenn ich ehrlich war, hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie richtig Sport getrieben. Selbst als Zweijähriger wurde ich vom Kinderturnen disqualifiziert, weil ich die ganze Zeit nur Butterkekse gefressen und die ganze Turnhalle vollgekrümelt hatte. Sportlicher Ehrgeiz überfiel mich allenfalls, wenn es galt, die üppige Portion Gyros bei unserem Griechen zu vertilgen. Beim Völkerballspiel in der Schule war ich regelmäßig in der ersten Spielminutewie eine reife Tomate abgeworfen worden. Wenn eines der Mädchen einen Treffer brauchte, um wieder ins Spiel zu kommen, war es immer eine sichere Sache gewesen, auf mich zu zielen. Bis ich den Ball wahrgenommen hatte, war er auch schon an mir abgeprallt und ich auf die Verliererseite abgeschoben worden. Nie hat mir jemand einen Ball zugeworfen, damit ich wieder ins Spielfeld kam. Stattdessen musste ich für die anderen immer die Bälle holen, die zu weit weggekullert waren. Seit der Pubertät war mein Bauch immer rundlicher geworden und die Arme waren weich und dicklich.

Sie musterte mich jetzt: Ihr Blick fiel auf meine Arme und wanderte über meine Brust zu meinem Bauchnabel. Krampfhaft zog ich den Bauch ein, mit kaum merklichem Erfolg. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Wenn ich sie jetzt nicht für mich einnahm, war es endgültig zu spät. Mein Mund war trocken. Hoffentlich hatte ich keinen Mundgeruch. Endlich brachte ich heraus: „Frau Werner, da sehe ich gar kein Problem mehr für Ihr häusliches Arbeitszimmer! Und was die Erstattung anbetrifft, ich denke, das kriegen wir noch diese Woche hin.”

Zwei Jahre später würde Herr Döll vom Rechnungshof die Akte Werner ziehen und die Genehmigung des Arbeitszimmers als unglaubliche Schlamperei anprangern. Der Kopf würde Herrn Döll mit den Worten beruhigen: Das Problem sei ihm bekannt, er werde sich für die Sachbearbeiterin, Frau Hoppe-Reitemüller, eine adäquate Lösung einfallen lassen.

Britta würdigte meine Rechtsauffassung auf ganz andere Weise. Sie strahlte dieses unglaubliche Britta-Strahlen. Dong!

Mein Blick fiel auf ihr Dekolletee: ziemlich kleiner Busen, schade. Oder täuschte ich mich? Naja, so klein auch wieder nicht.

Ich spürte, wie Brittas Anspannung nachließ – im Gegensatz zu meiner Anspannung, denn ich arbeitete in Gedanken fieberhaft daran, das Gespräch auf eine private Schiene zu bringen. Ich öffnete die Wohnungstür. Gleich wäre ich wieder draußen und alles wäre nur ein schöner, bunter Traum gewesen. Doch halt, das wargar nicht die Haustür! Mit einem Mal stand ich in einer großen Rumpelkammer. Das Zimmer war mit Kartons und Möbeln so vollgestellt, als stände ein Umzug an. Na, irgendwo mussten die Möbel aus dem Arbeitszimmer ja auch untergebracht worden sein. „Ziemlich voll hier”, entfuhr es mir. Dann besann ich mich jedoch auf meine Mission und stotterte: „aber auch ganz schön… gemütlich.” – Meine Zweifel schienen mir ins Gesicht geschrieben zu sein.

Aber Britta hatte alles im Griff und mit düsterer Miene sagte sie: „Sagen Sie es schon: Es sieht hier chaotisch aus! Eine Katastrophe! Ich habe vorher in einem Vier-Zimmer-Penthouse gewohnt, bis Tommy und ich beschlossen haben, vorübergehend getrennt zu wohnen. Nun leb’ ich schon seit eineinhalb Jahren in diesem Zustand. Und als ich Tommy gestern zufällig im Fitness-Studio traf, fragt der Scheißkerl mich doch glatt, ob ich schon wüsste, dass er nächste Woche heiraten würde!”

Sie begann leise zu schluchzen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und legte ihr meine Hand auf ihren Arm. Dann sagte ich: „Kommen Sie, ich kenn hier ganz in der Nähe ein kleines Café… Reden tut immer gut.” Als sie tatsächlich ohne Widerspruch ihre helle Windjacke von der Garderobe nahm, wusste ich, dass ich zumindest zweimal im Leben zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen war: Das erste Mal, als das Finanzamt zum Volkssturm aufrief und selbst versetzungsgefährdete Realschüler ohne mit der Wimper zu zucken eingestellt wurden und das zweite Mal, als Tommy, der Scheißkerl, Britta für immer verließ und ich just in dem Moment als Seelentröster zur Stelle war.

Heute, siebter Juni. Britta hatte tatsächlich noch in letzter Minute eine rote Ente auftreiben können. Eine Kommilitonin im 27. Semester hatte ihr ihre Ente geliehen. Der TÜV war zwar bereits seit zwei Monaten abgelaufen, aber es blieb keine Zeit mehr, nach einer anderen Ente Ausschau zu halten.

Vom Park aus war ich Britta, die die einmalige Chance genutzt hatte, sich für diesen Tag eine sündhaft teure, neue helle Wind­jacke zu kaufen, bis zum Parkplatz gefolgt. Die Scheiß-Ente sprang – wie von mir erwartet – natürlich nicht an. Dabei hatten wir in der „Geflügelfarm”, einer Entenfreak-Werkstatt auf dem Lande, noch die Zündkerzen austauschen lassen. Schadenfroh saß ich hinter einem Busch und genoss zu beobachten, wie Britta immer rasender wurde. Die Frau konnte sich aber auch wirklich aufregen! Kurz bevor Britta aufgeben wollte, erbarmte sich ein nickelbebrillter Citroën-XM-Fahrer mit Intellektuellen-Strubbel-Grauhaarmähne und schleifte die Ente an seiner rostigen Abschleppstange so lange auf dem Parkplatz hinter sich her, bis nach mehreren kleinen Explosionen das Entenherz wieder zu schlagen begann.

In Brittas Wohnung angekommen, zeigte sie mir das Arbeitszimmer und heulte mir etwas von Tommy, dem Scheißkerl, vor. Sie spielte ihre Rolle richtig gut. Bevor wir zu dem entscheidenden Satz mit dem kleinen Café um die Ecke kamen, sagte Britta: „Entschuldigen Sie mich, ich muss mal eben ins Bad.”

Eines muss ich schon sagen, selbst nach sieben Jahren verstand es Britta, mich immer noch zu überraschen. Nach einer Weile öffnete sich die Badtür: Da stand Britta in ihrem gelben, mittlerweile etwas verblichenen Biene-Maja-Nachthemd im Türrahmen und flüsterte lasziv: „Kleine Drehbuchänderung!” Schnell zog sie mich zurück ins Arbeitszimmer auf die Turnmatte.

Es war wie das erste Mal. Wie die Tiere fielen wir übereinander her. Und wenn wir in dem Moment zwei Stufen der Familienplanung übersprungen hätten, wäre es mir egal gewesen. Irgendwann während einer Atempause hörten wir ein penetrantes Klingeln an der Wohnungstür. „Lass es klingeln, wir sind nicht da!”, raunte ich Britta zu. Aber nach einer Minute hielt es Britta nicht mehr aus: „Es ist bestimmt wichtig. Ich bin gleich wieder da.” Flink bekleidete sie sich notdürftig und ging zur Tür. „Kleine Drehbuchänderung!”, murmelte ich düster. An der Tür war Gundula. Warum war ich nicht gleich drauf gekommen! Es konnte nur Gundula sein. Sie war völlig in Tränen aufgelöst.

„Gundula! Was ist denn mit dir los? Komm doch rein!”, rief Britta erschrocken und zog Gundula in die Wohnung. In dem Moment hätte ich nicht nur Gundula erwürgen können. Gundula konnte vor lauter Schluchzen kaum sprechen. Endlich stotterte sie: „Ich habe ganz viel Blut im Urin. Ich glaube, ich hab einen Tumor im Darm – oder in den Eierstöcken!”

Britta war bestürzt: „Ich fahr dich sofort ins Krankenhaus!”

Im nächsten Moment waren sie schon fort.

Das war also der siebte Kennenlerntag. Nach Abwägung aller Risiken hätte ich wahrscheinlich doch lieber die Kombination Grieche/Kino vorziehen sollen. Ich war zwar kein hoffnungsloser Pessimist, aber es war kaum anzunehmen, dass sich im Laufe dieses Tages unsere Session auf der Turnmatte nahtlos fortsetzen ließe.

Zu meinem Erstaunen war Britta keine Stunde später wieder zurück. „Die Frau ist ja völlig bescheuert!”, zeterte Britta.

„Wen meinst du denn?”, fragte ich irritiert zurück.

„Na, Gundula!” Gedacht hatte ich das bisher auch immer, aber bislang nie so deutlich ausgesprochen.

Dann platzte Britta los: „Rote Beete! Sie hat kiloweise rote Beete gefuttert, weil sie irgendwo gelesen hat, dass sich damit die Abwehrkräfte stärken lassen.”

„Und dann wundert sie sich, dass ihr Urin rot ist wie italienischer Chianti. Die Ärzte haben sich jedenfalls halb schlapp gelacht. An Gundulas Stelle würde ich mich im Uni-Klinikum jedenfalls höchstens noch zu Obduktionszwecken blicken lassen”, schimpfte Britta.

Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, fragte ich Britta: „Und, was machen wir jetzt mit unserem angebrochenen Kennenlerntag?” Britta überlegte kurz und sagte dann: „Na, zum Griechen und dann ins Kino, oder was meinst du?”

6. Ein wirklich guter Makler

Es war Samstag. Heute sollte die Suche nach einer Eigentumswohnung aber wirklich beginnen. Daran würde mich auch heute nichts und niemand hindern. Mama hatte zwar heute früh angerufen und gesagt, dass bei Onkel Heinrich nun wirklich mit dem Ableben zu rechnen sei, aber das war noch lange kein Grund die Sache abzublasen. Onkel Heinrich lag immerhin schon seit acht Jahren im Sterben.

Im Immobilienteil unserer Tageszeitung durchforstete ich die Kleinanzeigen. Mettbrötchen kauend las ich Britta die Anzeigen vor. Aber mit Britta würde es nicht einfach werden, etwas Passendes zu finden. „Lichtdurchflutetes Drei-Zimmer-Appartement, 75 qm, in gepflegter Parkanlage; Souterrain”, las ich ihr gerade vor. Während Britta ihr Müsli wegpickte, fuhr sie mich an: „75 qm! Hartmut, ist das dein Ernst? Da kannst du uns ja gleich einen Baucontainer besorgen! Und wo soll die Lichtflut im Souterrain herkommen? Etwa durch den Gully? Wahrscheinlich wird die Bude wegen akuter Überflutungsgefahr verhökert.”

So ähnlich ging es weiter. Irgendwann war sie mit ihrer Geduld am Ende und riss mir die Zeitung aus den Händen.

Es war schon eigenartig: Frauen wurden immer fündig! Ich konnte stundenlang durch die Stadt gehen ohne auch nur einen Cent auszugeben. Britta hätte mühelos einen mittelprächtigen Sechser im Lotto innerhalb eines Vormittages verjubeln können.

„Schau mal, Hartmut”, sagte sie jetzt, „120 qm, vier Zimmer, in bester Lage, frei zum 1.3., 110.000 Euro Verhandlungsbasis, Billstein-Immobilien.”

„Na”, entgegnete ich, „da steckt doch ein ganz dicker Pferdefuß dahinter! Bei dem Text höre ich ja jetzt schon eine ganze Pferdekoppel wiehern!”

Billstein kannte ich bestens vom Finanzamt. Er war einer der treusten Kunden der Vollstreckungsstelle und hatte ein Abo auf demTourenplan unserer Vollziehungsbeamten. Aber Britta hatte den Angelhaken bereits verschluckt. Und ich wusste ganz genau, je mehr ich jetzt an dem Haken ziehen würde, desto tiefer hätte er sich ins Fleisch gebohrt und der Samstagmorgen hätte überaus ungemütlich geendet. Deshalb rief ich brav bei Billstein an. Noch lachte Billstein am Telefon. Billstein ahnte noch nicht, dass ich ihn durchschaut hatte.

Ja, es wäre „zufällig” noch ein Termin um 12:00 Uhr frei. Ob er uns denn abholen könnte, fragte er. Das fehlte noch! Womöglich sah mich noch einer von den Kollegen in seinem Zuhälterschlitten.

Das Haus lag in der Gartenstraße. Vor dem Haus stand ein grauer Lieferwagen. Es war ein von der Straße etwas abgelegenes Zweifamilienhaus, zugewachsen mit wildem Wein. Wirklich romantisch. Vielleicht hatte ich mich ja doch getäuscht.

Britta war sofort ganz aus dem Häuschen: „Haben wir ein Schwein, Hartmut!”, rief sie begeistert. „Hoffentlich ist die Wohnung noch nicht weg!” Ich blieb skeptisch. „Wollen sehen, welche Sauerei sich Billstein ausgedacht hat”, murmelte ich pessimistisch.

Die Gartenstraße war eine gemütliche Wohn- und Spielstraße, überwiegend mit Einfamilien- und Reihenhäusern bebaut. Das Straßenpflaster war in kurzen, regelmäßigen Abständen mit Bodenwellen durchzogen, um die Autofahrer zum Langsamfahren zu nötigen. In einer solchen Umgebung sollten mal unsere Kinder aufwachsen.

Warum war ich nur immer so argwöhnisch? Doch, ich muss mir eingestehen, mein Beruf hatte mich mit den Jahren verändert. Früher hatte ich noch an Tugenden wie Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit geglaubt. Doch mit jeder Steuererklärung, die durch meine Hände ging, verstärkten sich die Zweifel, schwand der Glaube an das Gute im Menschen. Und wenn ich glaubte, endlich eine ehrliche Haut vor mir zu haben und mein Lineal nahm, um auf dem Stadtplan routinemäßig die Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte abzugleichen, musste ich immer wieder traurig fest­stellen: Auch dieser Steuerpflichtige – dazu noch ein Pastor – war schwach geworden und hatte um ganze zwei Kilometer aufgerundet! Das hätte ich von einem Gottesmann nicht erwartet! Heute waren es zwei Kilometer – und morgen? Wie viele waren es morgen, wenn die Sache unentdeckt blieb?

Ich betrachtete das Haus mit den heimeligen Gauben und den Fensterläden. Der wilde Naturgarten mit den terrassenförmigen Beetanlagen aus gelben Natursteinen passte zu dem Haus. Doch, das hatte was! Und 110.000 Euro war wirklich ein guter Preis, da konnte man nicht meckern. Während wir auf Billstein warteten dozierte ich: „Wenn man ein wirklich gutes Objekt sucht, muss man eben auch zu einem wirklich guten Makler gehen.”

12:15 Uhr – nichts tat sich. Wir warteten eine weitere Viertelstunde. Britta sah mich vorwurfsvoll an, als wenn es meine Schuld gewesen wäre, dass er nicht kam. So schnell wie mein Zutrauen zu Billstein gewachsen war, schmolz es von Sekunde zu Sekunde dahin. Ich hätte doch lieber auf mein Gefühl hören sollen. Warum war ich überhaupt auf die blöde Idee gekommen, mir ein Haus von Billstein anzusehen? Wir wollten gerade wieder wegfahren, da bog plötzlich ein weißer VW Polo in die Straße ein. Er fuhr etwas zu schnell auf die erste Bodenwelle zu. Der Spoiler kam auf dem Pflaster auf und es knirschte hässlich. Dann schepperte es noch einmal, als die Hinterachse in die Kuhle hüpfte. Jetzt hatte es vermutlich den Auspuff erwischt, denn der Polo röhrte nun wie ein Panzer. Die Baufirma, die diese Spielstraße angelegt hatte, verstand wirklich etwas von ihrem Handwerk.

Billstein war eine Frau, Anfang 20. Sie steckte in einem hautengen, samtigen Kostüm und bewegte sich wie eine Gepardin vorwärts. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Billstein wegen seiner Unpünktlichkeit eine beachtliche Szene zu machen. Doch dieser Anblick hätte mich auch für eine zweistündige Verspätung entschädigt. Bei jedem Atemzug wurde ihr üppiger Busen wie von einer Luftpumpe aufgeblasen. Für das Kleid war es eine Gnade, dass es über einen hohen Stretchanteil verfügte.

Bemerkenswert, wie sie auf den an ihrem VW Polo entstandenen Schaden reagierte. Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, hätte ich mich zur Bestandsaufnahme erst einmal wütend unter den Wagen geschmissen und anschließend den Oberstadtdirektor und das zuständige Bauamt angezeigt.

Sie schaute nur kurz auf den verbogenen Auspuffstummel, zuckte mit den Achseln, lachte schrill auf und flötete: „Die Autos sollten alle ein bisschen höher gelegt werden.” Das war bei ihr bereits geschehen. Ihr prachtvoller Oberbau wurde von nicht enden wollenden Schenkeln getragen. Britta warf ihr einen eifersüchtigen Blick zu.

Fräulein Bremer gab uns beiden die Hand. Keine Papphand, sondern ein angenehmer kurzer, fester Händedruck, der etwas sympathisch Verbindliches an sich hatte, eben ganz nach meinem Geschmack. Sie sagte, sie freue sich, im Namen von Billstein-Immobilien uns dieses Objekt präsentieren zu dürfen. Sie hätten gerade erst den Auftrag für dieses wirklich einmalige Objekt angenommen. Ja, wir freuten uns auch ganz riesig, bekundete ich eifrig. Fräulein Bremer machte wirklich einen ausgesprochen kompetenten Eindruck! Britta sagte fordernd und mit einem aggressiven Unterton: „Nun lassen Sie uns schon hineingehen.”

„Wenn Sie noch einen ganz kleinen Augenblick warten würden”, entgegnete Fräulein Bremer. „Ich muss uns nur eben bei dem Mieter anmelden.” Sie verschwand hinter der Hecke.

Am Zaun hing ein Warnschild, auf dem eine wolfsähnliche Bestie die Zähne fletschte. Über einem Knochenhaufen stand in roter Schrift: „Leichen säumen meinen Weg!” Ich zeigte Britta das Schild und wir mussten beide lachen. Gleich würde ein niedlicher, verspielter Dackel Schwanz wedelnd auftauchen und unsere Schuhe ablecken.

Kein Dackel, stattdessen ertönte ein spitzer Schrei! Fräulein Bremer kam mit langen Sätzen auf das Gartentor zugelaufen, direkt gefolgt von einer Bestie in der Größe eines Schäferhundes. Es war eine bemerkenswert hässliche Abart: lange, dünne Beine,ein wurstartiger Körper mit grauem Fell fußmattenartiger Konsistenz. Seine kleinen stechenden Augen fixierten Fräulein Bremers wohlgeformte Waden. Bei seinem starken Kiefer würde es nur einmal kurz „Knack” machen – als wenn man einen Hähnchenflügel durchbeißt.

Ich hielt Fräulein Bremer das rettende Gartentor auf. Noch konnte sie es schaffen. Aber Angst macht dumm. Sie lief genau in die entgegengesetzte Richtung auf eine undurchdringliche Dornenhecke zu. Mit dem Mut der Verzweiflung warf sie sich über die Hecke. Das blutrünstige Monster schaffte es im letzten Moment, sie in ihre Wade zu zwacken. Sie schrie gellend auf und landete unsanft auf dem Bürgersteig. Wir liefen schnell zu ihr und halfen ihr wieder auf die Beine. Sie blutete zwar nicht, aber ihre Wade schwoll bedrohlich an. Das Hascherl hinkte mit schmerzverzerrtem Gesicht zu ihrem Wagen und rief über Handy ihren Chef an. Obwohl wir einige Meter entfernt standen, hörten wir, wie Billstein cholerisch in den Hörer schrie. Fräulein Bremer setzte sich ins Auto und stöhnte leise vor sich hin. Natürlich wollte ich ihr hilfreich zur Seite stehen, witterte die Chance, diese unglaublichen endlosen Schenkel einmal aus nächster Nähe betrachten oder vielleicht sogar massieren zu dürfen, aber Brittas Blicke sagten mir: „Das lass lieber schön bleiben…” Also warteten wir wieder.

Erst hörten wir ihn – nach dem Auspuff zu urteilen war er schon mehrfach in der Bodenwelle hängen geblieben – dann katapultierte ein Ungeheuer von Chevrolet die Gartenstraße entlang. Was jetzt kam kannten wir schon: In der Senke schlug der Spoiler auf und brach auseinander. Die großkotzige Angeberschnauze des Chevrolets wirkte jetzt wie eine schmerzverzerrte Fratze. Bei dem anschließenden dumpfen Aufprall beim Durchfahren der Bodenwelle mochte so dieses und jenes gebrochen sein.

Der Original-Billstein war da, er trug eine Camel-Lederjacke und eine dicke Havanna im Maul. Sein Chevrolet gehörte zu den Gliedmaßen, mit denen er sich überwiegend fortbewegte. Er stieg nuraus, um einem armen Idioten eine Immobilie aufzuschwatzen oder den Geschlechtsakt zu vollziehen.

Als er den Schaden sah, war er wie von Sinnen, schmiss sich unter den Wagen, um das ganze Ausmaß der Bescherung zu begutachten. Dabei tunkte er seine Lederjacke in eine Öllache, die sich unter dem Wagen gebildet hatte.

Er tauchte unter dem Ungeheuer wieder auf, sah den Fleck und fluchte: „… ich murkse sie ab, diesmal murkse ich sie ab!”

Wen oder was er abmurksen wollte, blieb dabei bedrohlich unklar. Dann holte er aus dem Auto einen langen, schwarzen Schirm mit eisenbeschlagenen Schaft.

„Der Mieter macht manchmal ein bisschen Zoff, muss natürlich raus, sobald der Kaufvertrag unterschrieben ist”, sagte er grimmig. „Aber ich habe jetzt alles geklärt. Wir können uns die Wohnung ohne Probleme ansehen.” Er warf Fräulein Bremer einen verächtlichen Blick zu.

Auch Billstein hinkte ein bisschen. Er hinkte uns voran, wir gingen zögernd und mit einem gehörigen Sicherheitsabstand hinterher, jederzeit zur Flucht bereit.

Die Wohnung lag im Obergeschoss. Während wir die Treppen hinaufstiegen, erwähnte Billstein: „Ich muss gestehen, dass ich die Wohnung noch gar nicht von innen gesehen habe. Sie könnte möglicherweise leicht renovierungsbedürftig sein.” Eine ähnliche Formulierung hat der Makler, der die total verwohnte Grotte in dem Haus meiner Eltern an den Mann bringen wollte, auch immer gebraucht – selbst beim 22. Interessenten. Mir schwante daher das Schlimmste!

Im Treppenhaus hauchte ein Usambara-Veilchen sein Leben aus. Am Fenster strickten sich die Spinnen ihre Hintern wund und verendete Fliegen säumten das Fensterbrett.

Billstein klingelte an der Wohnungstür. Man sah noch die verblasste Stelle, an der mal ein Türschild geklebt hatte. Billstein zupfte an seinem Oberlippenbärtchen und war sichtlich nervös.

War die Bestie etwa in dieser Wohnung? Manche Mieter werden ja richtig ungezogen, wenn sie eine Kündigung erhalten. Manchmal schlachten sie sogar den Makler ab – so stand es jedenfalls gestern in der Zeitung. Warum soll so etwas immer ganz weit weg passieren? Man weiß ja nie, welche Flöhe gerade in den Gehirnwindungen der Leute herumkrabbeln und so mancher Spätfilm im Fernsehen gibt wertvolle Anregungen über geeignete Vollstreckungsmethoden.

Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. „Morgen, Herr Kowallick!”, bemühte sich Billstein um einen freundlichen Tonfall.

„Sie schon wieder!”, knurrte Kowallick, drehte sich um und ließ uns ohne weitere Beachtung stehen.

Kowallick war eine von Weinbrand und Zigarren ausgelutschte Gestalt mit brauner Cordhose, die nur von einem Gürtel an dem ausgemergelten Leib gehalten wurde. In einer Ecke des Wohnzimmers lag die Bestie. Mit tückischem Blick beobachtete sie jede unserer Bewegungen.

Plötzlich sprang sie auf und jagte durch den Raum. Ich versuchte mich, so gut es ging, hinter Brittas breitem Rücken zu verstecken. Erleichtert stellte ich jedoch fest, dass wir für die blutrünstige Fressmaschine uninteressant waren. Sie stürzte in eine Ecke des Flures und schlug mit der Tatze auf etwas ein, was ich von meinem Platz aus nicht erkennen konnte. Kowallick, der im Wohnzimmer in einem Sessel Platz genommen hatte und in einer Tabakdunstglocke saß, blickte auf und rief dem Monster anerkennend zu: „Na, Highlander, hast du wieder eine erlegt? Zeig doch mal her!” Der Highlander hörte aufs Wort und kam zu ihm. Er trug vorsichtig etwas im Maul und spuckte es vor Kowallicks Füßen aus. Kowallick nahm es in die Hand.

„Ein Prachtexemplar!”, strahlte er. „Du bist doch ein Goldjunge!” Der Highlander wedelte stolz mit dem Stummelschwanz.

„Schauen Sie doch mal!”, forderte er uns auf und winkte uns zu sich herüber. Da war jedoch Billstein zur Stelle. Erbost ging er auf Kowallick zu und versperrte uns den Weg.

„Kowallick, jetzt ist Schluss!”, knurrte er und streckte ihm bedrohlich die Stahlspitze des Schirms entgegen.

Kowallick aber ließ sich nicht beirren. „Die Herrschaften können ruhig wissen, was hier los ist!”, sagte er, hob schnell die Hand und streckte uns einen kleinen, braunen Insektenkörper entgegen. „Alles verseucht mit Kakerlaken und anderem Ungeziefer!”

Jetzt war es aber um Billsteins Beherrschung geschehen. Er baute sich drohend vor Kowallick auf, setzte ihm die Stahlspitze des Schirms an den Hals und zischte: „Kowallick, ich glaube wir müssen uns jetzt mal ernsthaft unterhalten! Wenn ich eines nicht liebe, dann sind es Subjekte, die meinen, sie könnten mir in meine Geschäfte hineinpfuschen!”

Kowallick ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken, lachte nur belustigt auf, schnippte die Kakerlake mit dem Finger weg und wandte sich uns wieder zu: „Die verdammten Viecher sind ganz schön schwer zu fangen. Aber der Highländer ist flink. Dem entwischt so schnell keine.” Dabei streichelte er den Kopf der Bestie. Der Stummelschwanz des Highlanders wedelte im Akkord und bei dem Stichwort „Kakerlake” sabberte er aus dem Maul wie ein Springbrunnen. „Solange die Viecher mich nicht auffressen ist mir das egal.” Kowallick nahm einen Schluck aus seiner Wodka-Flasche und rülpste unanständig.

Billstein trat vor Wut gegen einen Hocker, der zufällig in seiner Nähe stand. Sein Gesicht war knallrot verfärbt und eine dick angelaufene Ader auf seiner Stirn schien einen Kurzschluss anzukündigen. Doch dann besann er sich und kehrte von einer auf die andere Sekunde zu seiner lässig coolen Art zurück: „Alles halb so wild”, sagte er in einem betont gelassenen Tonfall, „hier muss nur einmal ein Kammerjäger kurzen Prozess mit den Viechern machen, dann krabbelt die nächsten zehn Jahre kein Silberfischchen mehr herum.” – und wir vermutlich auch nicht mehr – wollte ich ergänzen. „Für den Preis finden Sie in dieser Gegend jedenfalls keine Wohnung! Und schauen sie sich nur diesen Zuschnitt an!”, bemühte er sich weiter.

Da musste ich ihm wirklich recht geben: Die Wohnung war ansonsten nicht schlecht. Und wenn erst einmal eine neue Tapete an den Wänden klebte, sah alles bestimmt schon ganz anders aus.

Aber Kowallick war für Billstein eine harte Nuss. Er sah uns an und fragte mit einem zynischen Unterton: „Sind sie Pilzfreunde?”

„Wieso?”, fragte Britta irritiert zurück.

„Auch Pilzliebhaber kommen hier nämlich voll auf ihre Kosten: Im Badezimmer und der Küche können sie nämlich ganzjährig ernten…”, grinste Kowallick.

Ich wollte eigentlich noch einen Blick ins Bad werfen, aber Britta zog mich unnachgiebig aus der Wohnung. „Komm Hartmut, ich will nur noch raus!”, zischte sie mir zu. Wir stolperten aus der Wohnung. Billstein fing wieder an, mit Kowallick zu streiten und der Highlander stürzte sich auf ein neues Opfer.

Als wir die Treppe hinuntergingen, kam uns eine Gestalt in einem grauen Gummianzug und Gasmaske entgegen. Ich erinnerte mich plötzlich wieder an den grauen Lieferwagen vor der Tür. Der Froschmann streifte die Gasmaske ab und fragte erstaunt: „Wie kommen Sie denn hier herein? Heute ist doch alles abgesperrt! Wir spritzen nämlich FDS 2000.”

„Was ist denn das?”, fragte ich interessiert zurück.

„Ein hochwirksames Nervengift gegen Ungeziefer und aggressive Bakterien. Unsere Hausmarke. Ich bin ganz begeistert! Einmal sprühen, schon kippt alles um – einfach genial! Hätten wir FDS schon 1938 gehabt, hätten wir den Krieg bestimmt gewonnen!”

Wieder im Freien rangen wir nach Luft.

„Das eine will ich dir sagen, Hartmut”, giftete Britta, „ich komme jedenfalls nicht mehr mit, wenn du dir eine Eigentumswohnung anguckst!”

Langsam begriff ich, dass unsere Ehe auf dem Weg zum Teileigentum noch auf eine harte Probe gestellt werden sollte.

7. Teurer Zahnarzt

In der Kantine stieß ich heute als Letzter zu unserer Frühstücksrunde. Britta hatte sich einfach nicht vom Telefon abhängen lassen. Es ging natürlich wieder um die Eigentumswohnung. Immer wieder fing sie an: Wir sollten uns doch lieber in einer anderen Preiskategorie umschauen oder diese bescheuerte Idee einfach vergessen.

Ich setzte mich Frau Stöhr gegenüber. Sie sollte morgen ein neues Gebiss bekommen. Wurde auch langsam Zeit. Ihre Zähne waren so morsch, dass ich anfangs dachte, sie aß gerade Mehrkornbrötchen. Dabei waren es die Zahnbrösel, die da so knackten.

So wie sie heute wieder die Fleischsalatbrötchen wegspachtelte, sprach vieles dafür, dass sie gerade wieder eine Diät überlebt hatte. Man hörte regelrecht die Fettzellen nach Nahrung schreien.

Ihr marodes Gebiss störte mich im Grunde nicht die Bohne. Schließlich brauchte ich sie ja nicht zu küssen.

Es störte mich aber schon, dass ich immer die ganze Gischt durch ihre Zahnlücken abbekam, wenn sie sprach. Heute war es mal wieder besonders schlimm. Ich konnte ihr zu der Idee mit der Runderneuerung wirklich gratulieren. Bestimmt war es für alle ein Gewinn, besonders natürlich für ihren Zahnarzt.

12.000 Euro sollte der Spaß kosten! Elke sagte schmatzend, selbst der Herzschrittmacher ihres Schwiegervaters sei billiger gewesen. Ihr Schwiegervater sei nämlich privat versichert und sie hätte die Originalrechnung über 9.560 Euro selbst gesehen.

Herr Goller meinte, das sei sicher so ein Preisknüller der Chinesen. Die machten jetzt alle platt: Die Amis, die Japaner – und die Deutschen sowieso.

Frau Stöhr jammerte weiter. Das Geld für die Zähne sei eigentlich schon für die neue Garage verplant gewesen.

Frau Stöhr war ein hoffnungsloser Fall. Sie nahm noch nicht einmal an Demonstrationen teil oder besetzte leer stehende Häuser. Sonst hätte sie wenigstens darauf hoffen können, hin undwieder eins auf die Nuss zu bekommen und die Sanierungsmaßnahmen hätten sich dank einer guten Rechtschutzversicherung auf einen armen Idioten abwälzen lassen können.

8. Erste Anschuldigungen

An Frau Hoppe-Reitemüllers Bürotür prangte seit dem 1.6. ein neues Schild: „Frauenbeauftragte”. Das war fast so gut wie „Sachgebietsleiter”. Frau Hoppe-Reitemüller fühlte sich zum ersten Mal in ihrer Finanzamts-Laufbahn wirklich wichtig. Das ultimative Sahnehäubchen war aber die Bemerkung in dem Geschäftsverteilungsplan – das ist das Verzeichnis der einzelnen Schlafplätze im Finanzamt. Da stand hinter ihrem Namen der Zusatz: „zu 33 % freigestellt”. Donnerwetter! Manche Kollegen würden Gliedmaße opfern, um in den Genuss dieses Privilegs zu gelangen.

Wenn sie ehrlich war, hatte Frau Hoppe-Reitemüller mit ihren 55 Jahren im Finanzamt mehr erreicht, als sie sich jemals vorgestellt hatte. Auch in den anderen Abteilungen wurde sie als Beispiel dafür gehandelt, wie man es mit den steuerlichen Fachkenntnissen in der Größenordnung eines Neutrons so weit bringen konnte. Gewiss, aus ihr war keine Staatssekretärin geworden, aber sie hatte es immerhin bis zur Endstufe im mittleren Dienst mit Zulage geschafft. In den knapp 40 Dienstjahren hatte sie im Finanzamt dabei fast alle Stationen durchlaufen, die man durchlaufen kann.

Bei der Abschlussprüfung war sie durch einen glücklichen Umstand durchs Sieb gerutscht. Das Ergebnis der Prüfungen ihres denkwürdigen Jahrgangs war nämlich so niederschmetternd, dass alle Prüfungsergebnisse um eine Note heraufgesetzt werden mussten. Anderenfalls wäre eine Rüge des Ministeriums sicher gewesen. Nach der Prüfung fiel sie zunächst in das Auffangbecken im Finanzamt gestrandeter Existenzen: die Bewertungsstelle. Aufgabe der Bewertungsstelle war vornehmlich die steuerliche Bewertung von Grundstücken. Wie und warum bewertet wurde, hatte sie nie begriffen. Aber was machte das schon, zum einen war sie da nicht die Einzige und zum anderen konnte man in dieser Stelle eigentlich nichts wirklich kaputtmachen. Wenn es einem tatsächlich einmal gelang, etwas zu verbocken, wurde der Vorgangals nichtig wieder aufgehoben. Damals war Frau Hoppe-Reitemüller noch ein richtig knuspriger Eyecatcher. Ihre Sucht nach weißer Trüffelschokolade entwickelte sich erst viele Jahre später, als sie schon längst mit ihrem Norbert verheiratet war.

Als sie irgendwann dem Sachgebietsleiter der Zentral-Registratur, Herrn Klodwig, in der Kantine das letzte Ei überließ, wurde dieser auf sie aufmerksam. Bei der nächsten passenden Gelegenheit, als ihr Chef gerade im Urlaub war, warb er Frau Hoppe-Reitemüller ab. Ihr Anblick ließ Herrn Klodwig über so manche von Frau Hoppe-Reitemüller verursachte Katastrophe hinwegsehen. Als der Wahnsinn, den sie produzierte, auch für Herrn Klodwig nicht länger tragbar war, wurde sie in die nächste Stelle weitergereicht. Und so lange sie noch nett anzuschauen war, fand sich für Frau Hoppe-Reitemüller auch schnell wieder ein Abnehmer. Jetzt, in der letzten Phase ihres Finanzamtsdaseins hatte der Kopf ihr Aufgabengebiet so zugeschnitten, dass die verursachten Schäden überschaubar blieben.

So hatten zumindest alle gedacht. Wenn da nicht diese Steuererklärung des Dr. Winter gewesen wäre. Dr. Winter war ein Busenfreund des Kopfes. Herr Dr. Winter hatte sich eine fürstliche Steuererstattung von 86.000 Euro ausgerechnet und der Kopf hatte bei Sichtung dieser Steuererklärung bereits ein unübersehbares grünes „Ja” auf die Steuererklärung gepinselt. Eine persönliche Dienstanweisung des Präsidenten der Vereinigten Staaten hätte nur unwesentlich mehr Bedeutung gehabt. Aber Frau Hoppe-Reitemüller hatte die Anweisung überlesen – was bei ihr ab und an mal vorkam – und die Steuererklärung nach Herzenslust seziert – was bei ihr eher selten vorkam. Das eigentlich Schlimme daran: Sie hatte ausnahmsweise einmal recht gehabt, und deshalb flog die Sache erst auf, als Herr Dr. Winter wutentbrannt beim Kopf anrief und ihn höchstpersönlich für die Steuernachzahlung von 14.000 Euro verantwortlich machte. Eine Woche hatten der Kopf und seine Handlanger darüber gebrütet, wie sie Frau Hoppe-Reitemüller unschädlich machen könnten.

Die Lösung konnte sich dann auch wirklich sehen lassen: 30 % Fehlzeit durch Krankheitstage hatte Frau Hoppe-Reitemüller ohnehin aufzuweisen, dazu kam noch die Verantwortung für die Freud- und Leidkasse, eine Einrichtung im Amt, die auch die unbeliebtesten Kollegen zum Geburtstag mit einem Blumenstrauß versorgte – vorausgesetzt sie hatten vorher bei Frau Hoppe-Reitemüller den Jahresbeitrag entrichtet. Wenn man dann noch einbezog, dass Frau Hoppe-Reitemüller irgendwann in die Kantine und zur Toilette gehen musste, blieben noch etwa 30 % Zeit für anderweitige Tätigkeiten zur Verfügung. Mit der 33 %igen Freistellung als Frauenbeaufragte war die Amtsleitung somit auf der sicheren Seite. Und dann bestand immer noch die berechtigte Hoffnung, dass die zunehmenden Migräneanfälle eine solide Grundlage für die Frühpensionierung boten.

Nach nur drei Wochen hatte Frau Hoppe-Reitemüller in ihrem neuen Amt schon den ersten Fall. Am Donnerstag gegen 10:00 Uhr, Frau Hoppe-Reitemüller war gerade aus der Kantine zurück, kündigte sich Frau Stöhr telefonisch an. Es wäre etwas Unglaubliches passiert! Sie müsste als Frauenbeauftragte sofort Schritte einleiten. Sie könnte auch vorsichtshalber schon mit der Oberfinanzdirektion Kontakt aufnehmen.

Zu der Kontaktaufnahme kam es allerdings nicht, weil Frau Hoppe-Reitemüller geschlagene eineinhalb Stunden brauchte, um ein Schild für die Besprechung mit Frau Stöhr anzufertigen mit dem Text:


Das fünfte und damit letzte Mal hatte sie das Schild von „Wichtige Besprechung” in „Vertrauliche Besprechung” abgeändert.

Nun saß Frau Stöhr vor ihr. Vor Aufregung hatte ihre sonst blassrosa Gesichtsfarbe in ein kräftiges schweinchenrosa gewechselt und ihre Neurodermitis am Hals war wieder ausgebrochen.

„Beruhige dich doch erst einmal, Angelika!”, versuchte Frau Hoppe-Reitemüller Frau Stöhr zu beschwichtigen.

Aber schon brach es aus Frau Stöhr heraus: „Ich sage es dir, Rita, der Schminke ist jetzt fällig! Das, was ich heute in der Kantine gehört habe, reicht, um ihn dingfest zu machen.”

„Was hat er denn verbrochen?”, fragte Frau Hoppe-Reitemüller neugierig zurück. Der Job als Frauenbeauftragte schien ja richtig spannend zu werden.

„Also Rita, ich habe ganz genau gehört, wie er zu Herrn Goller gesagt hat: Das fette Suppenhuhn aus der Finanzkasse wird aber auch nach jeder Diät schwabbeliger! Das ist doch wohl der Hammer! Und außerdem dreht er sich jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeigehe, nach mir um und stiert mir hinterher.”

Frau Hoppe-Reitemüller musste unwillkürlich grinsen. Frau Stöhr war in den letzten Jahren wirklich regelrecht fett geworden. Ihr war neulich schon aufgefallen, dass bedingt durch die vielen Diäten, Frau Stöhrs Haut an den Unterarmen an die labberige Haut eines aufgetauten Brathähnchens erinnerte. Da hatte sie sich doch trotz ihrer 55 Jahre viel besser gehalten (hihihi). Ihre Freundin Sybille hatte sie neulich sogar gefragt, wo sie sich ihren Busen hat machen lassen und Frau Hoppe-Reitemüller hatte stolz verlauten lassen: „Nein, meine liebe Sybille, alles noch Originalzustand! Das einzige Mal in meinem ganzen Leben bin ich bisher nur wegen eines entzündeten Wespenstichs unterm Messer gewesen.”

„Hast du denn Zeugen?”, fragte Frau Hoppe-Reitemüller Frau Stöhr. Sie reagierte empört: „Zeugen! Ich kenne mindestens zehn Kolleginnen, die bestätigen können, dass bei Schminke ab Körbchengröße C das Hirn automatisch auf Notstromaggregat umschaltet. Ist dir das noch nie aufgefallen, wie er den Frauen hinterher starrt?”

Frau Stöhr war dafür bekannt, sich leicht aufzuregen und dann mit ihren Äußerungen ins peinlich Ordinäre abzudriften. Deshalb versuchte Frau Hoppe-Reitemüller das Gespräch wieder in eine sachlichere Richtung zu lenken: „Und wie steht es mit dem Goller,der hat doch auch gehört, was Schminke über dich gesagt hat.” Frau Stöhr winkte ab: „Goller! Der Goller, dieser Schlappschwanz, der kann sich natürlich an nichts erinnern. Stecken doch alle unter einer Decke, diese Männer! …Wenn’s mal richtige Männer wären!”

Frau Hoppe-Reitemüller überlegte kurz, blätterte in ihrer roten Fibel „Die Frauenbeauftragte im Öffentlichen Dienst” und seufzte: „Tja Angelika, du wirst schon Recht haben, aber ich fürchte das reicht noch nicht ganz, um den Schminke dingfest zu machen. Da müssen wir wohl noch mehr Material sammeln. Halt mich doch auf dem Laufenden, wenn Schminke wieder auffällig wird.”

Von dem Besuch bei der Frauenbeauftragten hatte sich Frau Stöhr nun wirklich mehr versprochen. Bevor sie widerstrebend aus Frau Hoppe-Reitemüllers Büro ging, konnte sie sich nicht die Bemerkung verkneifen: „Früher warst du auch spontaner, Angelika!” Im Moment konnte sich Frau Stöhr nur mit dem Gedanken trösten, dass nächste Woche Tina aus dem Urlaub zurückerwartet wurde. Tina, Körbchengröße 75 D und manchmal sogar ohne BH (!), gehörte seit Kurzem auch zu ihrer Frühstücksrunde in der Kantine. Es würde nur eine Frage der Zeit sein und dann…

9. Gelegenheit macht Freunde

Es war Gründonnerstag. Die Arbeitstage vor Feiertagen liefen nicht wie übliche Arbeitstage ab: Sie wurden zelebriert.

Morgens wurde allenfalls das Kalenderblatt aktualisiert und höflicherweise das Stempelkissen aufgeklappt. Einige Belege und Akten wurden geschäftig über den Schreibtisch verteilt. Dann nahm ich mir einen leeren Aktenordner als Tarnung und holte aus meinem Lederpausenbrottäschchen etwas Schönes zum Lesen. Dazu gab es den guten Dallmayr-Prodomo.

Wenn der Kaffee kochte und dampfend in der Thermoskanne auf mich wartete, konnte ich den ganzen Tag lang lesen, aus dem Fenster schauen und in der Nase popeln – zumindest, wenn Horst nicht im Büro war. Aber Horst war an solchen Tagen ohnehin meist krank oder tigerte den ganzen Tag im Amt von Kollegin zu Kollegin. Im Moment war er ohnehin in Kenia. Bei Haselnussplätzchen, die ich aus der halb geöffneten Schublade holte, ließ es sich gut aushalten.

In meinem Lederpausenbrottäschchen hatte ich heute besonders feine Sachen: Ein Brötchen mit Bratklops und zwei Stückchen Käse-Sahnetorte.

Nachdem ich zuerst das Quiz „Bester Autofahrer Deutschlands” in der Autozeitschrift gelöst hatte, las ich jetzt: „Stirb, du Memme”, das delikate Werk eines jungen Krimiautoren, der wirklich etwas von seinem Handwerk verstand. 33 Menschen wurden auf 252 Seiten unglaublich bestialisch und mit psychologischem Pfiff unterhaltsam hingerichtet.

Gerade als ein unbedarfter Tischlergeselle von einer Kettensäge erfasst wurde, die der Auszubildende vorher präpariert hatte, klingelte das Telefon. Nur widerstrebend klappte ich das Buch zu.

Es war Eberhard Pfannengaul. Eberhard war ein Abtrünniger, ein Verräter. Wir waren beide zur selben Zeit zur mündlichen Steuerinspektorenprüfung geladen worden. Im Gegensatz zu mir ende­te die Prüfung bei ihm nicht in einem spektakulären Absturz, sondern war der Beginn eines beneidenswerten Höhenfluges gewesen. Vor zwei Jahren hatte er die Steuerberaterprüfung abgelegt und sich in eine bis dahin friedliebende Steuerberaterpraxis eingekauft. Diese war rasch zu einer hinterhältigen Kampfmaschine mutiert. Gefürchtete Wellen von Dienstaufsichtsbeschwerden überrollten nun von Zeit zu Zeit das Amt. Besonders doll trieb er es, bevor die Beurteilungen im Finanzamt geschrieben wurden. Seine Anträge und Einsprüche, die meistens mehrere Abteilungen gleichzeitig beschäftigten, liefen bald unter der Bezeichnung „Satanische Verse”. Bei all dem besaß Eberhard auch noch die Frechheit, am Telefon so zu tun, als wäre er immer noch der Kumpel aus der Kaffeerunde im Nachbarzimmer.

So auch jetzt. „Hallöli, Harti! Holst du dir mal schnell die Akte von Prof. Dr. Baumgärtl und gleichst mit mir die Abschreibung für die Wohnung Schlossgarten ab”, flötete er auffordernd am Telefon. Ich war nicht „Harti” und auf „Hallöli” konnte ich schon gar nicht! Aber ich würde ihn schon irgendwie vergraulen.

„Moment”, sagte ich und stellte den Hörer tot.

Während der Pfannengaul wartete, las ich weiter in „Stirb, du Memme”. Nachdem der Tischlergeselle die Konsistenz von Hackfleisch angenommen hatte, hielt ich es für angemessen, mich mal wieder bei Eberhard zu melden: „Entschuldige Eberhard, ich glaube die Steuernummer, die du mir genannt hast, stimmt irgendwie nicht.” Im Stillen lachte ich mir ins Fäustchen.

Eberhard gab mir noch einmal die Steuernummer durch und fügte in einem beißendem Tonfall hinzu: „Jetzt aber zack, zack, Hartmuttchen! Ich habe schon drei Gespräche parallel von Mandanten in der Leitung!”

Eberhard konnte mich mal, und zwar dreimal parallel kreuzweise. Der Geist des Krimiautoren gab mir wertvolle Anregungen für einige auf Eberhard zugeschnittene Foltermethoden. Aber derart niederen Instinkten durfte ich mich jetzt nicht hingeben. Er brachte es fertig und verpasste mir schneller als ich gucken konnte eineDienstaufsichtsbeschwerde. Daher beeilte ich mich jetzt, die Akte aufzutreiben. Ein bisschen Speichel lecken konnte im Übrigen nicht schaden. Deshalb sagte ich zum Abschluss des Gesprächs zu Eberhard: „Du musst ja wirklich viel um die Ohren haben.”

Die Bemerkung ging Eberhard runter wie Öl. „Wenn es nur das wäre!”, stöhnte Eberhard in den Hörer. „Ich verkaufe gerade meine Eigentumswohnung – lästig, kann ich dir sagen. Für private Dinge habe ich eigentlich gar keine Zeit.”

Bei dem Stichwort „Eigentumswohnung” wurde in meinem Hirn wie von einem Bewegungsmelder ein gleißendes Flutlicht ausgelöst. „Wie groß ist denn die Wohnung?”, fragte ich so beiläufig wie möglich.

Es waren vier Zimmer, insgesamt 110 qm. Die Gegend war auch akzeptabel, da würde wahrscheinlich selbst Britta nicht murren. Was den Preis anbetraf, wand sich Eberhard hin und her aber er versicherte mir, dass der Preis kein Thema sein sollte. Am liebsten hätte ich Eberhard jetzt abgeknutscht und mich auf der Stelle mit ihm verbrüdert.

Zunächst blieb mir nichts weiter übrig, als mich mit Eberhard zu einem Besichtigungstermin zu verabreden. Ich wünschte ihm aufrichtig „Schöne Feiertage” und legte glücklich den Hörer auf.

10. Eberhards Wohnung

Wir fuhren die Heinestraße entlang. Da hinten musste die Wohnanlage sein, in der sich Eberhards Eigentumswohnung befand. Im Gegensatz zu unserer jetzigen Wohngegend war hier alles schön begrünt. Idyllische Reihen- und Einfamilienhäuser säumten die Straße. Selbst in der Telefonzelle war das Glas noch intakt und ein liebevoll selbstgemaltes Tempo-30-Schild beruhigte besorgte Reihenhausmuttis und -vatis.

Die treppenförmig an das hügelige Gelände angepasste Wohnanlage machte einen gepflegten Eindruck. Sie bestand aus fünf Blöcken mit drei bis sieben Stockwerken. Die Blöcke waren durch verschiedene Grüntöne voneinander abgesetzt.

Eberhard stand bereits vor einem gurkenfarbenen, siebenstöckigem Block. Seit seinem Wechsel zwischen den Steuerfronten hatte ich Eberhard nur am Telefon gesprochen. Er hatte mindestens zehn Kilo zugelegt. Wie früher musterten einen die kleinen kurzsichtigen Augen hinter dem kantigen Metallbrillengestell stets flink und tückisch.

Als Eberhard noch als Sachbearbeiter im Amt tätig war, verstieß er regelmäßig gegen den Grundsatz, die Kuh, die gemolken werde, dürfe nicht geschlachtet werden. Vielleicht wurde er deshalb nicht so schnell befördert, wie er es erwartet hatte. Er schlachtete nämlich alle ab: die Omi, die die Zinsen aus einem Sparbuch übersehen hatte, die Herbalife-Vertreterin, bei der seine Frau sogar Probeeinkäufe machen musste und überdies seinen ehemaligen Zahnarzt, der es gewagt hatte, bei einer Behandlung mehr als den 3,5-fachen Satz abzurechnen. Abschlachten, das hieß bei ihm: Steuererklärungen und Belege bis auf den letzten Cent zu sezieren und mit Vorliebe Steuerstrafverfahren einzuleiten. In der Kaffeepause prahlte er dann wie ein Formel-1-Sieger mit der astronomischen Höhe seiner erzielten Mehrergebnisse.

Nach seiner Steuerberaterprüfung häutete sich Eberhard Pfannengaul zum Finanzbeamtenschreck. Er ließ keine Gelegenheit aus, einem Betriebsprüfer Knüppel zwischen die Beine zu werfen und seine tückischen Hinhalte- und Verschleierungstechniken hatten die perfide Perfektion eines Talibankämpfers.

Eberhard war nicht nur dicker geworden, er hatte sich in den letzten Jahren auch sonst äußerlich stark verändert. In seinem Häutungsprozess hatte er die billigen Jeans und den rostroten Pulli abgestreift. Er trug jetzt eine italienische Stoffhose und ein seriöses Sakko, kombiniert mit einer modischen Seidenkrawatte.

Eberhard begrüßte uns überschwänglich. Gerade noch konnte ich eine Umarmung abwehren.

Die Wohnung lag im siebten Stock. Zum Glück gab es einen Fahrstuhl. Als wir in den winzigen Fahrstuhl stiegen, gab er bedenklich nach. Eingezwängt, wie Hühner in einem Transportkäfig, fuhren wir nach oben. Wenigstens würde ich in dem Ding meine Bierkästen bequem transportieren können.

Kurz bevor ich glaubte, ersticken zu müssen, hielt der Fahrstuhl abrupt an und die Stahltür öffnete sich zögerlich.

Beim Aussteigen sagte Eberhard: „Ach, hatte ich schon erwähnt, dass die Wohnung derzeit noch vermietet ist? Alter Kumpel von mir. Aber ich brauche nur ein Wort zu sagen und er packt die paar Kisten zusammen und die Wohnung ist leer.” Die Bemerkung sollte wie zufällig und völlig unbedeutend klingen, klang sie aber nicht.

Im siebten Stockwerk gab es vier Wohnungen. Aus einer Wohnung klangen dumpfe Bässe. Genau vor dieser Wohnung blieb Eberhard stehen und drückte den Klingelknopf. Statt des üblichen penetranten Brummtons einer gewöhnlichen Wohnblockklingel oder der veredelten Variante mit Mozarts kleiner Nachtmusik, mühte sich ein Kuckuck aus Leibeskräften, die Besucher anzukündigen. Eberhard hielt den Klingelknopf fest und seufzte: „Fred hört ein bisschen schlecht”. Der Kuckuck schrie unbeirrt weiter, als besäße er den Ehrgeiz, die Musik zu übertönen.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Mit dieser Reaktion hatten wir nicht gerechnet. Eberhard konnte sich gar nicht von dem Klingelknopf lösen. Der Kuckuck schien auch ganz überrascht von seinem Erfolg zu sein, denn er fing plötzlich an zu stottern: „Ku Ku uck uck uck…”.

In der Tür stand ein etwa sechsjähriger Junge mit schulterlangem, fransigem blau gefärbten Haar und Stirnband. Er trat einen Schritt vor, zückte ein Plastik-MG und mähte uns nieder. Eberhard krümmte sich und wurde mit einem letzten Kugelhagel zu Boden geworfen. Der Kuckuck verstummte mit einem letzten „uck uck”. Ich war von Eberhards schauspielerischem Talent ganz beeindruckt. Vor allem hatte ich ihm so viel Kinderliebe gar nicht zugetraut.

Der Kleine rannte nun mit triumphierendem Geschrei in den hinteren Teil der Wohnung. Eberhard rappelte sich auf und folgte dem kleinen Satansbraten.

Das Wohnzimmer war abgedunkelt. Im Schein von roten und grünen Blitzen einer Lichtorgel sah ich, wie sich ein halb nackter Männerkörper im Rhythmus von Technoklängen krümmte.

Eberhard zog einfach den Stecker der Stereoanlage aus der Steckdose und schaltete das Licht ein. Er ging auf den noch immer zuckenden tätowierten Körper zu und schrie: „Fred, alter Indianer! Ich will dir ein paar Freunde vorstellen.”

Fred kam langsam zu Bewusstsein. „Du willst mich also doch loswerden!”, flüsterte er böse.

Auf Freds Bizeps war das geöffnete Maul einer Python eintätowiert. Er verschränkte seine Arme hinter dem Kopf und spannte seinen Bizeps an. Dabei weitete sich der Rachen des Reptils bedrohlich. Irgendwo hatte ich diese Visage schon einmal gesehen. Fred hatte eine Rübe mit drei Millimeter kurz geschorenen gelben Stoppelborsten und eine markant gebrochene Nase. Stimmt! Ich erinnerte mich: Er war Disk-Jockey im „Shogun”, einer für erfolgreiche Razzien und Schlägereien berüchtigten Szenedisko. Die Steuerfahndung hatte dem „Shogun” gerade letzten Monat einen erfolg­reichen Hausbesuch abgestattet – davon sprach das ganze Finanzamt. Und neulich hatte ich in der Zeitung einen Bericht über Drogen- und Steuerfahndungen im „Shogun” gelesen. Auf dem Foto in der Zeitung war Fred gerade im Begriff, einen Polizisten sorgfältig um einen Laternenpfahl zu wickeln.

Ich wollte mich gerade in der Wohnung ein bisschen umsehen, da bekam ich plötzlich einen kräftigen Tritt vors Schienenbein. Ich konnte mir nicht verkneifen, kurz aufzujaulen. Hinter meinem Rücken kreischte der Satansbraten vergnügt auf und hüpfte wild um mich herum. Fred nickte ihm anerkennend zu.

Das Kind war jetzt schon durch und durch verdorben, madig vom Stiel bis zur Kappe. Aus dem Gör würde nicht mal ein anständiger Terrorist werden. Fred war bestimmt noch nicht einmal in der Lage, ihm eine grundsolide anarchistische Gesinnung einzuimpfen.

Als mir der Kleine in den Hintern treten wollte, griff ich blitzschnell zu und schnappte mir sein Bein. Der Kleine flog überrascht auf den Boden und brüllte wie am Spieß. Das hätte ich besser lassen sollen, denn Fred mochte es gar nicht, wenn jemand seiner Brut etwas zuleide tat. Fred kam wortlos auf mich zu. Britta wurde kreidebleich und stammelte: „War doch gar nicht so schlimm.” Aus Trotz schrie der Satansbraten noch einmal gellend auf. Man hätte meinen können, ich hätte ihm ein Bein ausgerissen. Dadurch geriet Fred noch mehr in Rage. Er baute sich bedrohlich vor mir auf. Fred war mindestens zwei Köpfe größer als ich und sein Bizeps hatte den Durchmesser meiner Oberschenkel. Während er auf meinen bis dahin noch ungebrochenen Riechkolben zielte, war ich spontan bereit, mit meinem Leben abzuschließen. Ich spürte bereits die kratzige graue Wolldecke, die die Feuerwehrleute über mich zogen, um neugierigen Nachbarn den grausamen Anblick zu ersparen. Ich hörte das Ratschen des Reißverschlusses des grauen Plastiküberzugs, in dem sie meine sterblichen Überreste bis zur Pathologie transportieren würden. Bevor Fred zuschlug, wechselte ich mitBritta, der beneidenswerten Erbin meiner Lebensversicherung, noch einen letzten Blick. Sie war starr vor Schreck.

In dem Bruchteil der Sekunde, in der Fred zuschlug, musste Eberhard heftig niesen. Dabei reckte er seinen Kopf ruckartig nach vorn und wurde von dem wuchtigen Schlag getroffen. Die kostbare Metallbrille flog zu Boden.

Sofort sprang der kleine Satansbraten auf und hüpfte mit einem Satz auf die Brille, die den Flug bis dahin erstaunlicherweise schadlos überstanden hatte. Es knirschte unangenehm, als die Porsche-Brille sich in ihre Bestandteile auflöste. Fred grinste stolz. Beim Grinsen zeigten sich seine Zähne oder vielmehr das, was davon noch übrig geblieben war – es war anzunehmen, dass er Currywurst mit Pommes nur im pürierten Zustand zu sich nehmen konnte.

Er gab seinem Spross einen freundschaftlichen Schubs und grunzte: „Ben, du Sauhund, das war echt krass! Aber verpiss dich jetzt in deine Grotte, altes Arschloch!”

Ich war gewappnet und hatte mich hinter Brittas breitem Kreuz verschanzt. Eberhard hatte es die Sprache verschlagen. Seine Nase machte noch einen ganz ordentlichen Eindruck. Wahrscheinlich hatte die Brille den Schlag abgefangen. Eberhard beugte sich zu Boden und puzzelte an den Überresten der Brille herum.

„Die ist ja hin!”, stammelte er entgeistert. „Ist einfach so draufgesprungen!”

Fred erwiderte: „Du hast doch die Kohle – Memme!”

Aber da kannte er Eberhard schlecht. Wenn Eberhard vor die Wahl gestellt worden wäre, heile Brille oder gebrochene Nase, wäre er den Rest seines Lebens lieber mit einer markant gebrochenen Nase herumgelaufen, als seine Porsche-Brille einzubüßen. Eberhard hatte sich eisern aus einer bescheidenen Eisenbahnerfamilie hochgearbeitet und wenn er sich ein Porsche-Gestell für 2.160 Euro leistete, durfte man daraus nicht den Schluss ziehen, er wüsste nicht über die Cent-Bestände in seinem Portemonnaie Bescheid. Jeder Cent, der aus seiner Tasche wanderte, hatte zuvormehrere Excel-Tabellen und Kalkulationsprogramme durchlaufen und war auf In-und Output eingehend durchleuchtet worden.

Eberhard lief dunkelrot an. Seine Mundwinkel zuckten: „Den Schaden bezahlt deine Haftpflichtversicherung!”

„Hab keine”, erwiderte Fred respektlos.

Eberhard nahm ihn ins Visier und zischte: „Wenn du mir den Schaden nicht bezahlst, dann verkloppe ich das Keyboard und die Lichtorgel! Und wenn du dich jetzt nicht augenblicklich mit deinem Gnom verziehst, dann schmeiß´ ich den ganzen Krempel, der hier steht, aus dem Fenster!”

Das zeigte Wirkung. Fred holte Ben aus dem Badezimmer, wo Ben gerade damit beschäftigt war, Silberfischchen mit Kloreiniger zu ertränken und stürmte hinaus. Mit einem lauten Knall flog die Wohnungstür zu.

Nachdem sich Eberhard ein bisschen beruhigt hatte, fragte ich ihn: „Sag mal, wie kommst du eigentlich an eine solche Brut?”

Für jede Frage gibt es so etwas wie einen ganz und gar unpassenden Moment. Eberhard platzte: „Weil ich ein Idiot bin! Um die Sonderabschreibung in Anspruch nehmen zu können, musste ich einen Mieter mit Wohnberechtigungsschein finden. Das war gar nicht so einfach – du weißt, ich verkehre nicht mit solchem Pack. Und dann hat mir einer meiner Azubis Fred vermittelt.”

Jetzt dämmerte mir, warum Eberhard die Wohnung verkaufen wollte: Die satte Steuervergünstigung hatte er bis auf den letzten Tropfen ausgekostet, und jetzt, nachdem die Abschreibung ausgelaufen war, wollte er sich des Packs elegant entledigen! Ich hatte es doch gewusst, Eberhard war schon immer ein Systemgewinner, ein elender Überläufer, nur auf den eigenen Vorteil bedacht!

Eigentlich hätten wir auf der Stelle auf dem Absatz kehrt machen müssen. Aber ich hieße nicht Hartmut Schminke, wenn mir meine Eltern nicht eine gehörige Portion Dummheit vererbt hätten. Nur so war es zu erklären, dass wir uns nun in der Wohnung in Ruhe umsahen.

Die ehemals weiße Raufasertapete hatte sich vom Kiffen gelb gefärbt. Bens Zimmer quoll über mit zerfledderten Comics und Spielzeugschrott. Aus einem Terrarium stank es nach verwesendem Fleisch.

In Freds Schlafzimmer lagen drei Matratzen wie zufällig auf dem Boden verstreut, darüber Berge von Kissen und Laken. Es konnte mich nicht mehr in Erstaunen versetzen, als sich plötzlich eine Bettdecke bewegte, ein dünner Frauenarm ausfuhr, nach einer der zahllos herumstehenden Wodkaflaschen griff und Arm mit Flasche wieder eingezogen wurde. Wir hörten drei ordinäre Gluckser, dann war wieder Ruhe.

Eberhard hatte den Zwischenfall völlig ignoriert. Er sagte nur: „Und dieses Zimmer lässt sich später einmal phantastisch als Kinderzimmer nutzen.”

Wenn man einmal von dem verwahrlosten Zustand absah, war die Wohnung wirklich nicht schlecht: Vier große helle Räume, zwei Bäder und ein großer Balkon.

Britta und ich traten an das Wohnzimmerfenster. Mit diesem Ausblick hatten wir nun wirklich nicht gerechnet: Unserem Blick bot sich eine kleine Parkanlage. Dahinter war ein kleiner Badesee, in dem einige Kinder herumplanschten.

In dem Moment machte es bei uns „Klick”. Das ganze Chaos schien nicht mehr vorhanden zu sein. Selbst eine Kakerlakenstraße vom Abzugsschacht im Badezimmer bis zur Küche, hätte uns jetzt nicht mehr abschrecken können.

Britta flüsterte mir ins Ohr: „Das ist es, Hartmut! Genau so eine Wohnung habe ich mir vorgestellt!”

Eberhard trat hinzu und ich fragte: „Was soll sie denn kosten?” Auf diese Frage hatte Eberhard gewartet. Er wusste nun, dass er uns in der Hand hatte und diesen Moment genoss er sichtlich. In seinen kurzsichtigen Augen sah ich schon die Dollarzeichen.

„180.000 Euro”, sagte Eberhard. Als ich merklich schluckte, verbesserte er sich schnell: „Na, weil ihr es seid, 175.000 Euro. Das ist ein absolut fairer Preis.”

Die Summe lag noch um 25.000 Euro über unserer Schmerzgrenze. Mir lag Handeln und Feilschen überhaupt nicht. Am liebsten gehe ich in einen Aldi-Laden, zahle meine 2,60 Euro für 465 Gramm Gouda und das war’s dann. Und hätte ich 175.000 Euro gerade zufällig bei mir gehabt, wäre das Geschäft auf der Stelle perfekt gewesen. So musste ich mich wohl oder übel mit dieser Giftnatter herumschlagen.

Da kam mir mit einem Mal ein rettender Gedanke: Es gab noch einen Joker, um den Kaufpreis zu drücken und der hieß Fred!

„Eberhard”, höhnte ich, „du glaubst doch nicht im Ernst, dass dein Kumpel mit seinem Krümelmonster hier freiwillig ausziehen wird!” Eberhard war empört.

Seine spontane Reaktion auf den Einwand hätte uns schon stutzig machen müssen. Denn als wenn er mit diesem Einwand gerechnet hatte, zog er sofort einen Briefumschlag aus seinem Sakko. In dem Briefumschlag war eine Erklärung, mit der sich Fred verpflichtete, innerhalb von einem Monat nach Verkauf der Wohnung auszuziehen.

Mutig schlug ich dennoch einen Preis von 150.000 Euro vor, um das Restrisiko abzudecken und verwies auf den Zustand der Wohnung: „Wenn es ein freistehendes Haus wäre, müsste man es abreißen lassen!”, bemerkte ich kühn.

Eberhards Augen traten hervor, es hätte nicht viel gefehlt und er wäre mir an die Gurgel gegangen: Er hätte es nicht nötig, die Wohnung zu verschenken! Und dann folgten einige unschöne beleidigende Äußerungen über meinen Berufsstand. 165.000 Euro wollte er haben und keinen Cent weniger!

Intuitiv wusste ich: Diese Zahl steht fest. 165.000 Euro – das war der Preis unseres Ruins. Ich sah Britta an, die verträumt aus dem Wohnzimmerfenster auf den Badesee starrte und spürte, dass es nun kein Entrinnen mehr gab.

Als ich in Eberhards Hand einschlug, sah ich in das schmerzverzerrte Gesicht eines gebrochenen Mannes, dem man das Letzte für ein gammliges Butterbrot abgenommen hatte.

Aber die Eiligkeit, mit der er den Notartermin ausmachte, ließ bei mir wieder Zweifel an der Richtigkeit unserer Entscheidung aufkommen…

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
331 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783482728211
Wydawca:
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