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»Schon immer ein Krüppel«

Benjamin Schmidt

1. Auflage, Mai 2020

© Edition Outbird

www.edition-outbird.de

www.weristdieserschmidt.de

Herausgeber: Tristan Rosenkranz

Illustrationen: Franziska Appel

Grafikdesign: Tobias Giese, Benjamin Schmidt

Autorenfoto: Stef Schmidt

Lektorat: Vanessa-Marie Starker, Tristan Rosenkranz

ISBN: 978-3-969171-45-5

Preis: 13,-€

Alle Rechte vorbehalten.

Und manchmal fühle ich mich noch fremd, verlassen und hoffnungslos verzweifelt. Dann bin ich immer froh, nicht zusätzlich noch erkältet zu sein.

Kapitel 1: Flashback: Prolog

Kapitel 2: Heimkehren

Kapitel 3: Benniä

Kapitel 4: Das Unterding

Kapitel 5: Geschwisterliebe

Kapitel 6: Dazwischen

Kapitel 7: Flashback: Normale Menschen

Kapitel 8: Hosenwechsel

Kapitel 9: Flashback: Ein bisschen Verachtung

Kapitel 10: Vergangenheit

Kapitel 11: Lügen haben dürre Beine

Kapitel 12: Flashback: Sexuelle Dysfunktion

Kapitel 13: Füße still halten

Kapitel 14: Ein gelungener Abend

Kapitel 15: Dazwischen II

Kapitel 16: Mood for a day

Kapitel 17: Flashback: Anleitung zum Verrücktwerden

Kapitel 18: Ein offenes Buch

Kapitel 19: Ewige Wiederkehr

Kapitel 20: Weil wegen Eddi

Kapitel 21: Daszwischen III

Kapitel 22: Der Entrüstete

Kapitel 23: Fatum

Kapitel 24: Flashback: Nekrolog

Kapitel 25: Die Liebe macht das nicht

Kapitel 26: Flashback: Epilog

Kapitel 27: Ein Neuanfang

Flashback: Prolog

Das Licht geht wieder an. Ich schwebe auf dem Rücken, irgendwo zwischen Realität und den verworrenen Träumen meines Unterbewusstseins. Licht an, Licht aus, Licht an. Ich gewöhne mich bereitwillig an jenen betäubenden Schmerz, der meinen Körper bei jeder Erschütterung durchfährt. Um einiges heftiger befällt mich das Bewusstsein, dass dies kein Traum sein kann. Ich lebe noch, bin wieder hier. Hier, wo wir alle sind, ob wir nun wollen oder nicht. Willkommen zurück. Fuck off!

Meine Verzweiflung überschwemmt die weißen Flure. Die Scham um das Gefühl meiner Einsamkeit erdrückt mich und je mehr Menschen sich um mich scharen, desto schwerer wird sie. Es will und will mir einfach nicht gelingen, die mich überströmende Flut von Ereignissen als real zu akzeptieren.

Meine Eltern sind hier. Ihre Mienen wertfrei, vorwurfslos. Sie sind einfach da und schauen auf mich herab. Ich bin der Meinung spüren zu können, dass sie mich in diesem Moment sehr lieben. Nur ganz tief unter der Oberfläche erkenne ich die Angst, die unruhige Sorge und den Schmerz, der an ihren Gefühlen kratzt und schabt und Furchen hinterlässt. Aber sie sind da und lieben mich. Nur darum geht es, nur darum. Licht aus. Licht an.

Ich schwebe. Über mir eine nie enden wollende Reihe Leuchtstoffröhren. Schwindel. In meinem Kopf ein kristallenes Kaleidoskop aus grellem Schmerz. Ich schließe die Augen, drücke die Lider so fest ich kann zusammen. Licht aus. Und wieder an!

Eine neue Umgebung formt sich um mich herum. Eine Frau in Weiß proklamiert, bald mit der Narkose zu beginnen und verspricht mir Träume der erquicklichsten Sorte.

Ich frage sie, was für Träume das denn wären.

Welche ich denn haben wolle? So ihre Gegenfrage.

Ich antworte, mich an die Gestade von Lethe zu wünschen, um einen Moment nur das Elysium zu erblicken und bemühe mich, es bedeutungsvoll klingen zu lassen.

Elysium und Lethe seien leider aus. Ob die finnischen Strände von Helsinki eine Alternative wären?

Egal, Hauptsache weg von hier.

Licht aus.

Die folgenden Wochen beherbergen mich und mein Leben in diffusem Trott, an dem ich nur als Zuschauer teilzunehmen scheine. Ständig sehe ich mich wach werden. Das Gesicht schmerzverzerrt. Der Körper erschlafft, nicht in der Lage, sich zu drehen und zu wenden. Die Beine taub, gefühllos, unbeweglich. Versuche, mich aufzurichten, schlagen fehl. Ich existiere nur noch in der Waagerechten. Wenn ich nur sitze, wird mir schwarz vor Augen.

Sehnen müssen täglich gedehnt, Psychiater immunisiert und gelangweilt werden. Die Zeit verrinnt sichtbar in Urinbeuteln und stinkt. Ein Dauerkatheter führt in meine Harnblase. Unter meinen Arsch schiebt man Schüsseln. Mal bleiben sie leer, mal nicht. Ich habe vergessen wie man scheißt. Mir wird erklärt, dass ich gelähmt sei, mich voraussichtlich an einen Rollstuhl gewöhnen müsse. Inkompletter Querschnitt. Aneinandergereihte Standbilder. Wie beim Betrachten alter Dias, scheinbar aus einer anderen Zeit, scheinbar aus einem anderen Leben.

Manchmal ist der Schmerz unerträglich. Vor allem in der Nacht leide ich ausschweifend. Meine Albträume zerrt es unsanft in die Wirklichkeit und ich klatsche aus schwindelerregender Höhe schweißnass auf mein Krankenbett. Oft gerate ich in Panik. Beim Aufprall ist mir immer so, als würde ich ersticken. Die Dunkelheit kriecht aus allen Ecken und Enden und beobachtet mich aus funkelnden Augen. Unfähig mich zu bewegen, bin ich für sie leichte Beute. Ich möchte mich drehen, mich abwenden. Ich kann es nicht. Licht und immer wieder Dunkelheit.

Die tägliche Dosis Morphin wird injiziert. Jedes Mal erfasst mich ein wärmendes Feuer von orgiastischer Intensität. Nicht einmal zwei Sekunden braucht es und jeder Schmerz ist verschwunden, jeder Muskel entspannt. Selbst die seelische Last wird mit einem Mal federleicht und fliegt mit jedweder Form mutloser Besorgnis einfach davon. Das trügerische Gefühl absoluter Zufriedenheit durchdringt mühelos das Bewusstsein. Ganz langsam senken sich die Lider, ich werde müde und falle in Morpheus‘ Arme, jedes Mal voller Hoffnung auf Erholung. Ich brauche dieses Gefühl, ich bin süchtig danach. Doch die schmerzfreien Zeiten verkürzen sich. Mein Körper schreit nach mehr Sorglosigkeit, nach mehr Schlaf, nach noch mehr Schwärze. Licht aus! Licht an. Licht aus. Licht an. Licht aus. Licht an. Licht aus. Licht an. Licht!

An das Waschen habe ich mich gewöhnt – daran, ausgeliefert zu sein. Meine Scham habe ich abgelegt. Desinteresse. Meinen Stolz verloren. Gleichgültigkeit. Dünn komme ich mir vor, furchtbar dünn. Wie Hundescheiße, die man vergeblich versucht auf einer Rasenfläche vom Schuh zu schmieren. In Therapiestunden langweile ich mittlerweile auch mich selbst. Deshalb füge ich meiner Biografie in den Gesprächen oft kleine Details hinzu, um interessanter zu erscheinen. Etwa, dass ich mich immer sofort in Menschen verliebe, wenn ich von meinen Gefühlen erzähle und sich das nicht selten in exhibitionistischen Übergriffen und spontaner Masturbation äußern würde. Oft werde ich dann gefragt, ob ich seit meinem Aufenthalt auf der Station denn schon einmal versucht hätte, mich selbst zu befriedigen und ich langweile mich erneut.

Die Spritzen sind zu Pflastern, die Schmerzen zur regulären Form des Fühlens geworden, das Krankenhaus zu meinem Zuhause. Manchmal bekomme ich dort auch Besuch. Meine Eltern sehen nach mir, Freunde versuchen, mich aufzumuntern. Ich bin mir nie sicher, ob sie tatsächlich anwesend sind. Ich teile meiner Therapeutin mit, mich schon etwas besser zu fühlen und sie spricht sich für einen Aufenthalt in einer Psychiatrie für mich aus.

Nach zwei Wochen hell und dunkel, unter Wahnsinnigen mental völlig austherapiert, werde ich endlich an eine Rehaklinik überwiesen. Nach wenigen Tagen schon fühle ich mich nicht mehr fremd. Mein neues Heim, hier gehöre ich hin. Überall Rollstuhlfahrer, eine Welt, dominiert von Kranken und Behinderten. Alles Gesunde und Normale gehört ab sofort der Minderheit an. Wir versammeln uns abends im Außenbereich der Klinik, trinken Bier und geschmuggelten Schnaps. Wir rauchen, machen Witze, leben ziellos und ungewiss herum, es ist wie gemacht für mich. Etwas Fantasie nur und die Tatsache gelähmt zu sein, lässt sich erstaunlich leicht übersehen.

Allein die Nächte sind real und stellen mich vor vollendete Tatsachen. Wenn ich wach werde, schweißgebadet, der Alkohol auf meine Blase drückt und ich hilflos im Bett nach der Notruftaste suche, nicht im Stande im Stande, einfach aufs Klo zu gehen, dann hat mich die deprimierende Wahrheit wieder.

Ein kleiner Kalender soll mir dabei helfen, mich selbst zu katheterisieren. Ich führe ihn aber zu schlampig und durch mehrere Flaschen Bier gerät der ganze Plan durcheinander. Das komme mit der Zeit, sagen sie. Doch wie soll man sich daran gewöhnen, per Handywecker ans Pinkeln erinnert zu werden, an diesen irre langen Schlauch, den man sich durch den Harnkanal bis in die Blase zu stopfen hat? Auch was die Entleerung des Darms angeht, bin ich weiterhin auf Hilfe angewiesen. Jeden Tag ein demütigendes Ritual. Auch wenn die Pfleger dienstwillig versuchen, mir den Eindruck zu vermitteln, es sei das Natürlichste auf der ganzen Welt, weder erniedrigend noch ekelhaft, Scheiße hätten sie schon überall gehabt: an den Fingern, den Händen, an den Klamotten, sogar im Gesicht. Alles ganz natürlich. Völlig normal. Dann lächeln sie immer. Und mir wird auf ganz natürliche und völlig normale Weise schlecht. Licht an, Licht aus, Licht an, Licht aus, Licht an, Licht aus, Licht...

...an! Gewicht habe ich verloren, bringe nur noch die Hälfte von mir auf die Waage, so fühle ich mich. Doch das Essen hier ist scheußlich und ich nehme es nur noch aus reiner Gewohnheit zu mir. Die Tage immer gleich, bis in die letzte Minute durchstrukturiert: Physio, Muskelaufbau, Reizstrom, Bogenschießen, Schwimmen, Massage, Fitnessstudio, Psycho-Gequatsche. Wie soll man das alles nur aushalten? Oder viel schwieriger die Frage: Wie soll man es sonst aushalten?

Oberhalb der Gürtellinie wirke ich nun beinahe athletisch. Um alles, was darunter ist, steht es schlecht. Als würde er nicht mehr zu mir gehören, hängt mein Schwanz wie ein schlaffer Blutegel nur noch störend an mir herunter, taub und nutzlos zwischen meinen Beinen. Neunzehn Jahre alt und impotent, als wäre das mit dem Laufen nicht schon schlimm genug. Nicht laufen können ist das eine, aber nicht ficken? Ich versuche mir also mein zukünftiges Leben bei meinen Eltern zu Hause vorzustellen, eine Frau würde ich ja nun nicht mehr finden.

Die Sonne geht unter, die Sonne geht auf und auch ich mache die ersten Gehversuche. Fortschritte, ich kann es kaum glauben. Der Gedanke, vielleicht doch wieder auf den eigenen Beinen stehen zu können, verleiht mir in den nächsten Tagen eine ungeahnte Hoffnung. Bis zur völligen Erschöpfung spaziere ich am Rollator auf dem Reha-Gelände umher. Lächerliche Strecken zwar, aber jeden Tag schaffe ich es ein bisschen weiter. Mein Bestreben wächst über die Klinik hinaus. Familie, Freunde, ich vermisse sie, und der immer stärker werdende Wunsch nach Privatsphäre ist mir Beweis genug, dass ich auch ein bisschen meiner Würde wiedererhalten habe. Licht aus. Licht an.

Mit dem aufrechten Gang am Rollator erlange ich das Privileg zur Diskriminierung von Rollstuhlfahrern, diesem nörgelnden Pack. Ständig müssen sie sich mitteilen und mich in meiner Selbstherrlichkeit beirren. Ihre Wehwehchen, dies und das, pausenlos. Macht mich krank, sowas. Wie Geister auf Rädern schweben sie lautlos durch die Gänge der Klinik, mit gesenktem Blick oder starrem Lächeln. Sie warten vergeblich auf Heilung, sind weder tot noch lebendig. Und tief in ihnen nagt der Zweifel, ob ihr Leben tatsächlich noch lebenswert ist. Diese ganze krankhafte Atmosphäre droht mich zu verschlingen. Ich muss mich ihr entziehen. Ich weigere mich strikt, an Rollstuhlübungen teilzunehmen, ich distanziere mich von Rollstuhlfahrern. Ich bin ein Läufer, ein Rollator-Läufer. Auch die Gruppentherapien sind ein Graus, die gemeinsamen Übungen im Schwimmbad besonders verhasst. Ich fühle mich dabei wie ein kranker Fisch in einem Becken mit epileptischen Karpfen.

Manchmal will mich mein Zimmergenosse zum Rollstuhlbillard oder zum Tanzabend überreden, weil wir ja alles, was Gesunde machen, auch können. Was für ein Spinner das ist. Wir laufen auf Rädern, tanzen auf Rädern. Wir spielen Tennis auf Rädern. Versuch‘s mal mit Fußball oder Stabhochsprung, du Spast! Mach das Licht aus. Morgen geht es wieder an.

Komplizierte Sache, das mit dem Gleichgewicht. Vor allem, wenn die Beine auf Lebenszeit eingeschlafen sind. Mit zwei zusätzlichen Krücken lässt sich der Weg zum Speisesaal aber weitestgehend unfallfrei bewältigen. Zwar muss man morgens loslaufen, um mittags da zu sein, und wenn man angekommen ist, hat man keinen Hunger mehr, sondern möchte nur noch vor Erschöpfung einschlafen, aber man demonstriert Willenskraft. Das ist wichtig für die Psychotherapeuten, die geraten sonst in Panik. Ein Rollstuhl allerdings ergibt zumindest für längere Strecken mehr und mehr Sinn. Ich höre es nicht gern, aber ich werde mich wohl damit arrangieren müssen, ihn als einen Teil von mir anzunehmen, den ich brauche, um mobil zu bleiben. Licht. Aus. Licht. An. Licht. Aus. Licht. An. Licht. An. Licht. An. Licht. An!

Heute habe ich in den Spiegel gesehen und mich ganz seltsam gefühlt. Die Spiegel hier hängen tiefer und sind leicht zum Boden hin geneigt, damit man sich im Rollstuhl sitzend besser darin sehen kann. Seit Monaten schon habe ich eine Rasur nötig. Meine Augen sehen müde aus, wie die eines alten Mannes. Ein merkwürdiger Kontrast zu meinem sonst eher kindlichen Gesicht. Ich meine, mich nicht richtig erkennen zu können. Alles ist wie in einem Traum, irgendwie undeutlich.

Das also bin jetzt ich. So werden mich die Menschen in Zukunft kennenlernen: an Krücken, im Rollstuhl. Sie werden mich bemerken, mich bemitleiden, manchmal nicht wissen, was sie sagen sollen. Sie werden fragen, was genau mir denn passiert sei. Und ich, ich werde ihnen direkt ins Gesicht lügen.

Heimkehren

Die Strahlen der Maisonne, die verhalten durch das getönte Autofenster schienen, weckten mich mit ihrer sanften und wärmenden Berührung, gerade als wir zum Stehen kamen. Ich kann die Erleichterung kaum beschreiben, die ich empfand, als ich meine Augen öffnete und mich in gewohnter Umgebung, auf dem Hof vor meinem Elternhaus, wiederentdeckte. Aber es war, als wäre ein lange verloren geglaubter Schatz aus Kindertagen plötzlich wieder aufgetaucht, oder als würde man aus einer Laune heraus ein beinahe in Vergessenheit geratenes Buch noch einmal lesen, von dem man nur noch wusste, dass es einem einstmals gefiel, nicht aber wovon genau es handelte.

Als mein Vater die Autotür öffnete, kam mir bereits meine Mutter entgegengestürzt, um mir das Gepäck abzunehmen und mich auf dem Weg zur Haustür zu stützen. Ich begrüßte sie mit einer zaghaften Umarmung. Ach, sie meinte es ja nur gut. Immer wieder fragte sie mich, ob mir das Laufen schwerfiele und dass ich es ruhig zugeben könnte. An der ersten Stufe nach drinnen sah ich meinen Bruder stehen. Er lächelte zurückhaltend.

Das Haus meiner Eltern, welches ich immer als das perfekte Heim empfunden hatte, stellte sich nun von A bis Z als unvorteilhaft heraus. Bis zur Haustür schon sechs Stufen und von da an noch zwei Treppen, jeweils mit dreizehn Stufen, bis zu meinem Zimmer im Dachgeschoss. Eine heikle Angelegenheit für einen Gelähmten.

Jeder meiner Schritte wurde von meiner Familie nervös überwacht. Als ich auf halber Treppe um ein Haar eine der Krücken verlor, zuckten alle vor Schreck zusammen. Wie in einem Horrorfilm. Meine Mutter schnellte mir panisch zur Seite und bot ihre Hilfe an. Um weitere Ausbrüche dieser Art zu vermeiden, setzte ich mich bei der nächsten Treppe auf die erste Stufe und drückte mich mit den Armen und dem bisschen Kraft in meinen Beinen rückwärts die Stufen empor. Es war nicht leicht, die besorgten Blicke zu ignorieren. Scheiße, ich nahm ja nur eine Treppe! Was gab es da schon zu sehen? Sollte das von jetzt an immer unter Beobachtung ablaufen?

»Was machen wir mit dem Rollstuhl?«, fragte mein Vater, dem wohl auch dämmerte, dass er hier wenig Nutzen haben würde. »Soll der in dein Zimmer oder was hast du dir gedacht?«

Ich hatte gar nichts gedacht. Es war kompliziert. Auf keinen Fall wollte ich immer jemanden rufen müssen, der mir den Rollstuhl ständig hoch und runter schleppen würde.

»Stell ihn doch in den Fahrradschuppen«, antwortete ich. »Im Haus nehme ich die Krücken und im Zimmer ist der Drehstuhl.«

»Wir tragen ihn dir auch nach oben«, schaltete sich meine Mutter dazu. »So fällst du noch hin.«

»Ach du Scheiße, Mama! Und wenn ich falle, steh ich eben wieder auf. Ich hab ja keine Glasknochen. Ab in den Schuppen damit«, erwiderte ich gereizt und setzte meinen Weg Stufe für Stufe fort.

Es war schon ein bisschen eigenartig, als ich wieder mein eigenes Zimmer betrat. Lange unbewohnt, das merkte man. Keine Spur Leben. Monotone Stille, erzeugt durch routinierte Instandhaltung ohne Nutzen. Meine Mutter verstand es, so lange aufzuräumen bis es ungemütlich wurde. Überall polierte und staubfreie Oberflächen, die sich nach einer Aufgabe sehnten, nach aufgeschlagenen Büchern, vollen Aschenbechern und leeren Flaschen.

Das Bett war gemacht. Zeitschriften und Notizzettel lagen in Stapeln sortiert auf dem Schreibtisch. Die Vorhänge wurden zurechtgerückt. Ich bewunderte ihren gleichmäßigen Faltenwurf. Meine Bücher standen in Bücherregalen.

›What does this button do‹ von Bruce Dickinson, welches ich zu lesen vor Monaten begonnen hatte, lag peinlich akkurat auf meinem Nachttisch platziert. Meine Gitarren, alle der Reihe nach in ihrem Ständer. Vier an der Zahl. Die dazugehörigen Kabel ordentlich aufgewickelt. Ein seit Jahren ungenutztes Gästezimmer.

Die Minuten zogen sich in äonengleiche Längen, bis ich endlich verstand, dass hier mein Zuhause war. Erleichtert ließ ich mich in meinen Drehstuhl sinken und bewegte mich auf dem glatten Laminat im Zimmer hin und her. Ich schwang mich hinüber zu meiner Plattensammlung, glücklich darüber, endlich wieder das vertraute Geräusch der Nadel auf Vinyl zu vernehmen. Und wie selbstverständlich griff ich nach ›Wish you were here‹ von Pink Floyd.

Als die ersten Klänge aus den Boxen meines Plattenspielers ertönten, konnte ich für eine kurze, mit Träumen gefüllte Zeitspanne vergessen, dass ich krank war, dass etwas nicht stimmte und es mit der Entlassung aus der Rehaklinik noch nicht vorbei sein und ich noch eine Menge Kraft brauchen würde.

Auch während noch die traumhaften Melodiebögen von ›Shine on you crazy diamond‹ den Raum erfüllten, waren all diese Sorgen weit weg. Ich drehte die Anlage lauter, wollte den eigentlichen Zauber meines Zimmers genießen und die Dachterrasse betreten. Einen Ort, der mit so vielen schönen Erinnerungen behaftet war. Momente der Einsamkeit, des Nachts mit einer Flasche Wein dort draußen, nur ein paar Sterne und Musik, die von drinnen erklang. Mit Freunden habe ich dagesessen, ausgerüstet mit Konzertgitarren und Dosenbier. Lachend. Musizierend. Jeder Abend unvergesslich und doch kein einziger noch deutlich im Gedächtnis vorhanden. Unzählige Gespräche wurden hier geführt. Hier wurde gestritten, gescherzt und besoffen herumphilosophiert. In einer lange schon vergangenen Silvesternacht hatte ich hier zum ersten Mal ein Mädchen geküsst. In einer anderen hatte eines hier mit mir Schluss gemacht. Wieso brauchten Menschen einen solchen Anlass, um eine mögliche Zukunft zu begehen oder zu zerstören? Und wie viele Chancen auf Konstruktion oder Dekonstruktion verpassten wir, während wir auf diesen Anlass warteten?

Ich unterbrach meine Gedanken, als ich unterdessen feststellte, dass die Tür nach draußen abgeschlossen und der Schlüssel verschwunden war. Ich griff in meine linke Hosentasche und zückte mein Mobiltelefon, einen uralten Apparat. An Kommunikation über Satelliten mit Leuten, die ein Gespräch mit Spam verwechselten, hatte ich wenig Interesse.

»Ja, hallo?«, ging meine Mutter ans Telefon.

»Hi Mama, sag mal, hast du den Schlüssel zur Terrasse abgenommen? Bring mir den mal bitte.«

»Ja... Wieso? Willst du raus?«

Sie schien nicht begeistert von meinem Vorhaben.

»Ja, na klar will ich raus. Ich bin doch immer hier draußen. Was war das für eine bescheuerte Frage?«

»Hm... na warte, ich bring ihn dir.«

»Gut. Danke.«

Ich legte etwas ungläubig wieder auf und wartete, bis meine Mutter zögerlich durch meine Zimmertür trat.

»Pass aber auf«, warnte sie mich, als sie mir widerwillig den Schlüssel überantwortete.

»Mama, was soll denn das jetzt? Meinst du ich verliere am Geländer das Gleichgewicht, oder was?«

»Nein, das nicht, aber... «, sie zögerte und lächelte gezwungen. »Ist ja gut. Geh nur.«

Nicht immer so empfindlich reagieren, ermahnte ich mich. Das hatte meine Mutter nicht verdient. Klar machte sie sich Sorgen, nach allem was passiert ist...

»Wir könnten ja gemeinsam hier oben Kaffee trinken«, rief ich ihr versöhnlich nach, bevor sie mein Zimmer verließ. »Alle zusammen, dann müsste ich nicht erst nach unten kommen. Es ist ja schön draußen und Platz ist auch.«

Dieser Vorschlag schien meine Mutter dann überglücklich zu machen und sie willigte freudestrahlend ein.

»Wirklich?«, fragte sie mich, als könne sie nicht glauben, welch traumhaftes Angebot ich ihr gerade unterbreitet hatte. »Es ist aber kein Kuchen mehr da, aber ich könnte uns ein paar Marmeladen-Toasts schmieren.«

»Wirklich jetzt, Mama? Ich komme nach Hause und ihr habt nicht einmal ein Stück Kuchen für mich? Schon gut, jetzt guck nicht gleich wieder so. Das war ein Witz! Toast ist wunderbar. Machen wir so.«

Der erste Tag zu Hause kam mir ziemlich lang vor, länger als sonst. Das gemeinsame Kaffeetrinken musste schon Stunden beansprucht haben. Bisher war es unser längstes und seltsamstes. Wie ein Theaterstück mit dem Titel ›Katastrophale Harmonie‹. Als hätte David Lynch einen Familienfilm gedreht oder so. Wir könnten mal wieder einen Ausflug machen, meinten meine Eltern, vielleicht auch mal etwas weiter weg. Aber schon noch Europa. Finnland kam mir dann in den Sinn, Helsinki. Die Gestade von Lethe mochte ich lieber nicht wieder anführen.

Ja, Skandinavien wäre schön. Nur nicht gerade jetzt. Sehr weitläufig da im Norden. Mit dem Rollstuhl ein bisschen anstrengend, nicht wahr? Vielleicht wenn ich etwas mehr bei Kräften wäre. Meinen Geburtstag könnte man aber mal wieder etwas größer feiern. Warum? Na, warum nicht? Was ich mir denn wünschen würde, wollten die Eltern wissen. Mein Geburtstag wäre noch sieben Monate hin, entgegnete ich verblüfft.

Ach ja, das Wetter! Und der Kaffee sei neu, schwärmte Mama, zwar etwas teurer als der alte, aber seit Kurzem kaufe sie nur noch diesen. Ich müsste mich irgendwo zur Physiotherapie anmelden, erinnerte mich Papa, der seiner Gewohnheit nach ein weniger banales und zweckmäßiges Thema anstoßen wollte. Mein Bruder Hagen war unterdessen total abwesend und hatte nichts weiter zu sagen. Tatsächlich sah er mich nicht einmal an. Auch nach dem Kaffee - ich fragte, ob er auf ein Bier noch bleiben wolle, bisschen zocken oder sowas - sparte er geizig mit Worten.

»Bandprobe«, war seine Antwort.

Ein wenig war ich schon enttäuscht, aber Lust mitzukommen hatte ich auch keine. Hagen spielte Schlagzeug in einer Death-Metal-Band und sein Musikgeschmack ließ nur wenig Kontrastprogramm zu. Einmal hatte ich schon das fragwürdige Vergnügen, live, allerdings nicht nüchtern. Ich wäre andernfalls auch der einzige bei klarem Verstand gewesen. Hagens Musik aus dem Nebenzimmer übertönte meine zumeist mühelos und oft verstand ich nicht, wie es ihm gelang, dieses grauenhafte Geballer überhaupt nur zu ertragen. High-Speed-Gewummer. Dauerrauschen. Gitarrengeschrammel. So reizvoll wie Baulärm oder wie der Sound dieser uralten Staubsauger, die auf schrullige Art und Weise an R2-D2 aus Star Wars erinnerten. Gesang war als solcher gar nicht auszumachen. Geräusche. Als müsste jemand bestialisch leiden. Die reinste Folter im doppelten Sinne. Der Sound wie ein Brodeln im Inneren eines Vulkans. Was hatten wir uns schon gestritten deswegen. Von wegen Geschmackssache.

Ich selbst spielte nämlich auch in einer Band. Woher diese musikalische Ader kam, war nicht nachvollziehbar. In unserer Familie hatte sonst niemand auch nur im Entferntesten etwas mit Musik zu schaffen. Außer vielleicht unser Vater, der gerne mal Rock Antenne hörte. Sport war da schon eher was, doch Hagen und ich hegten dem gegenüber eine entschiedene Feindseligkeit. Wir waren ganz normale Kinder und entwickelten uns daher naturgemäß in eine Richtung, ganz anders, als unsere Eltern es gerne gesehen hätten. Wurde Musik gar als zukünftiger Berufswunsch angeführt, war die mit heftigen Klischees angereicherte Argumentationswucht der Eltern in vollem Gange. Das sei doch kein richtiger Beruf: ein bisschen auf der Gitarre herumklimpern und saufen! Das würde uns beiden so passen. Drogen nehmen, sich die Nächte um die Ohren schlagen, Frauen schwängern und Gräber schänden. Für einen Diplom-Ingenieur und eine Professorin war der Beruf des Musikers gewiss ebenso bedeutsam, wie der am Burgergrill bei McDonald‘s.

Nun saß ich da, allein in meinem Zimmer, schob mich mit dem Drehstuhl zu meinen Gitarren. Ich griff zu meiner blauen Stagg, eigentlich nur eine Fender-Kopie. Meine allererste Gitarre. Für mich als Gitarristen nichts Besonderes. Für mich als Mensch etwas mit einer ganzen Serie von Emotionen Behaftetes. Wie es mit meiner Band nun weitergehen würde, wusste ich nicht. Die Bühnen der Welt waren wohl kaum barrierefrei und im Sitzen wurden sie wohl eher nicht gerockt. Wie sollte das auch aussehen? Resignierend seufzte ich und begann gedankenverloren und standardmäßig ›Stairway to heaven‹ auf meiner Gitarre zu zupfen. Selbst der Proberaum wartete mit einigen Treppenaufgängen auf mich. Und überhaupt der Weg zum Proberaum: Normalerweise nahm ich den mit dem Bus. Aber jetzt? Ginge das denn mit Rollstuhl? Gab es da nicht diese ausklappbaren Rampen?

Vater sah mir die ersten Schritte aus dem Auto nach.

»Kommst du zurecht?«, rief er bei heruntergelassenem Fenster.

»Es geht schon. Und du willst mich auch wirklich wieder abholen?«

Im Auto führte ich einen Showkampf darum, wieder mit dem Bus zurückfahren zu dürfen. Mein Gegner: Vater, der Widerspruch leistete und gerne bereit war, meine fehlende Selbstständigkeit zu unterstützen. Es sei nicht nötig, protestierte ich immer wieder, obwohl es mir doch sehr recht war. Ein Taxi kostete Geld und um in einen Bus zu steigen, fehlte es mir eigentlich weniger an Selbstständigkeit, das Problem war Selbstsicherheit.

Papa nickte.

»Ruf einfach auf dem Handy an.«

Dann verschwand der Wagen meines Vaters hinter der ersten Biegung. Ab hier ging es für mich alleine weiter. Mission: Zutritt zum Proberaum erlangen.

Ich betrat das schäbige Treppenhaus des halb verfallenen Gebäudes, das nur noch von Dorfkapellen und deren zweifelhaften Supportern belebt wurde. Mühsam bezwang ich die Stufen nach oben. Eine Hand am Geländer, die andere so fest an der Krücke, dass meine Knochen hindurchschimmerten. Da war sie, die eine schwarz gestrichene Tür unter noch sechs anderen weißen auf dieser Etage. Ich ging hindurch und was ich fand: nichts als gähnende Leere.

Andächtig und gleichzeitig angewidert betrat ich das hohle Innere, das sich vor mir beinahe unendlich lang erstreckte. Am Ende des Raumes befand sich das Fenster. Der entsetzliche Abgrund nach draußen. Der Weg in die knallharte Wirklichkeit.

In jeden Winkel des Raumes schleuderte sie ihr widerliches Licht. Ich konnte es nicht ertragen und doch bewegte ich mich darauf zu. Wehmütig durchschritt ich den Raum, einstmals Zufluchtsort, magische Festung, Quell der Ideen, Ritualplatz, wo man sich der Musik verschrieben hatte. Jetzt bot er mir keine Sicherheit mehr. Hilflos stand ich da, ausgeliefert. Am Fenster angekommen, riskierte ich einen Blick nach draußen. Das Licht war grell und die Sonne fiel mir wie ein Faustschlag ins Gesicht. Sie war warm, unangenehm warm. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Ich kniff die Augen zusammen, öffnete das Fenster, legte meine Hand auf das Fensterbrett, schaute nach unten, als mich plötzlich der Klingelton meines Handys aufschrecken ließ.

Benniä

Zu schreien konnte ja sowas von befreiend sein. Und natürlich auf etwas einzuschlagen, wenn denn etwas da gewesen wäre. Doch der Raum war leer. Die Wände waren weiß. Mein Poster von Black Sabbath: verschwunden. Die alte Couch meiner Oma: verschwunden. Tische, Stühle, alles weg. Keine Mikro-Ständer. Keine Gitarren. Kein Schlagzeug. Und wie gerne hätte ich jetzt so ein Schlagzeug auseinander genommen! Selbst die klapprige Stehlampe und der versiffte Campinggrill ... verschwunden. Nicht mal leere Bierkisten oder Weinflaschen gab es noch. Früher hätte man sich einen zweiten Proberaum nur mit Pizzakartons bauen können. Nun gab es nichts mehr, nichts.

Also beschränkte ich mich vorerst aufs Schreien und ging nach und nach dazu über, bei jedem Schrei mit meiner Krücke wie ein Wahnsinnger auf den Boden einzuschlagen. Elektrischer Strom schoss durch meine Adern, die dick wie Makkaroni sichtbar meine Haut umspannten und vor Wut pulsierten. Auslöser meines Tobsuchtsanfalls war diese SMS. Abgeschickt von Timi, einem meiner rückgratlosen Bandkollegen, Ex-Bandkollegen! Allein die Begrüßung:

Moinsen benii, hab deine nachricht erst spät gecheckt, mach dir kein stress. proberaum gibts nicht mehr. haben wir aufgelöst.

Spät gecheckt? Die Info erreichte mich zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, nämlich während unserer regulären Proberaumzeit. Alle hatte ich angeschrieben. Den Bass, das Schlagzeug, Timi ... keine Reaktion. Den letzten Moment, auf den muss man warten. Danach kommt dann nicht mehr viel, der ultimative Mittelfinger.

hast sicher eh keine zeit grad zum mukken und kümmerst dich erstma um die gesundheit. aber cool das du wieder da bist. man sieht sich reingehaun!

Man konnte diese SMS lesen so oft man wollte, sie wurde nicht besser und mir nur immer klarer, weshalb wir Timi zwar singen, aber niemals Texte schreiben ließen. Der Typ war ein verdammter Analphabet. Nur hätte man ihm das mal gesagt, also ihm vor den Kopf geknallt, dass er ein Analphabet ist, er hätte unbeeindruckt gelächelt und gekommen wäre: »Höhö, du hast gerade ›Anal‹ gesagt.«

Keine Zeit, schreibt dieser tumbe Hirn-Asket. Noch nie hatte ich so viel Zeit in meinem Leben wie jetzt! Scheiße, ich war, wer weiß wie lang noch, krankgeschrieben, im Grunde arbeitslos, nur ohne zum Amt zu müssen. Ich war quasi gesegnet, privilegiert durch Behinderung, aber für wie behindert bitte hielt mich Timi? Oder war tatsächlich ich das Problem? Weshalb wollte ich auch proben, wofür? Wer sollte mich auf eine Bühne setzen und warum, wenn nicht aus Mitleid? Hatte irgendjemand vor mir schon mal auf einem Barhocker das Haus gerockt? Nein, lieber den Krüppel in einen leeren Proberaum humpeln lassen, da kann er schreien und wüten. Also schrie und wütete ich, bis...

»Oh mein Gott, Benni! Bist du es wirklich?«

Ralf war im Grunde ein netter Kerl. Das sah man ihm nicht an, wenn er mit einem Baseball-Schläger, fest im Griff seiner beiden Pranken, im Türrahmen stand und schnaufte. Ihm gehörte der Getränkehandel unterhalb der Proberäume und natürlich kannten wir uns, wir kauften schließlich unser Bier bei ihm.

Oft war er auch Zielscheibe unseres Spottes. Lustig gemacht hatten wir uns. Ihm fehlte ein Fähnchen an der Achtel, das wusste jeder. Auf den ersten Blick war er nicht außergewöhnlich. Außergewöhnlich groß und breit vielleicht. Ein sanfter Riese, der Getränke verkaufte. Aber Ralf war der verfickte Forrest Gump, also nicht der Hellste in der Birne. Freunde hatte er wenige, dafür suchte er an jedem Kunden Angriffsfläche für ein persönliches Gespräch. Er zögerte keine Sekunde, beim Abkassieren von vier Flaschen Sternburg gleich die gesamte Tragik seiner Lebensgeschichte kostenlos obendrauf zu packen, wobei er versucht war, diese für seine Zuhörer nach Möglichkeit mit vielen unterhaltsamen Details auszuschmücken. Jedem Kunden ließ er ein so herzliches Willkommen angedeihen, dass es quasi zum Zuhören und Staunen verpflichtete. Meist hatte all das aber nur den einen Effekt, also den, dass man ihm kein Wort glaubte. Man hielt ihn schlicht für bescheuert und tat an der Kasse mitunter so, als würde man Ralfs Stimme gar nicht bemerken, um dann nicht antworten zu müssen. Manche nickten auch fasziniert, während sie hinterrücks eine ganz eigene Story ersannen, die ihnen zur Flucht verhelfen würde. Doch der Tenor zu Ralf war eben der: Im Grunde war er ein netter Kerl.

»Danke«, sagte ich also, als er mir ein Bier spendierte und mich in eines dieser typischen Gespräche verwickelte.

Ralf erzählte mir von der Weltreise, die er mit seiner Mutter machen würde, sollte sie den Krebs überstehen. Er selbst sei ja schon ein paar Mal um die Welt gereist, daher wisse er auch, in welche Richtung man gehen müsse.

»In welche denn?«, fragte ich beiläufig.

Ralf zuckte nur mit den Schultern.

»In eigentlich jede«, lautete seine Antwort.

Irgendwann war das Bier auch leer und demonstrativ sah ich nach der Uhrzeit.

»Was, im Ernst? Schon so spät? Dann muss ich los, ich darf meinen Bus nicht verpassen.«

Ralf wünschte mir noch alles Gute und ich ihm eine schöne Weltreise.

Ein paar Tage vergingen, die ich ausschließlich in meinem Zimmer verbrachte. Ich schmollte, spielte irgendwelche Melodiefetzen auf meinen Gitarren rauf und runter, las unmotiviert in langweiligen Büchern und surfte ab und an im Internet. Abends schaute ich Filme und trank billigen Wodka. Ich hatte noch einen beachtlichen Vorrat an beidem in meinem Zimmer deponiert.

Ohne Band wusste ich einfach nicht mehr wohin mit mir. Ich saß im Rollstuhl oder ging wie ein alter Mann an Krücken. Ich war neunzehn Jahre alt und musste Einlagen tragen. Meine Beine waren dünne Stelzen, die gesamte Muskulatur im Eimer. Mein Arsch hing wabbelig an mir herunter wie die alternden Titten einer Frau. Alles nur totes Gewebe. Ein schöner Anblick war es jedenfalls nicht. Mit meinem Schwanz ließ sich ebenso wenig anfangen. Wie ich mich selbst, so ließ auch er sich hängen. Daran war nichts zu rütteln. Ich hatte es versucht. Fast jeden Abend hatte ich mich an ihm zu schaffen gemacht, ihn gerieben, gequetscht und gepeitscht, es brachte einfach nichts. Das Ding lag im Koma.

Ich begann Gedichte zu schreiben. Mein Bruder hätte mich ohne zu zögern damit aufgezogen. Gedichte schreiben? In meiner Generation nicht eben cool.

Alles Geschriebene verstaute ich umgehend im Schreibtischschubfach. Für meine Band hatte ich früher schon Texte geschrieben, aber das war anders, nicht zu vergleichen. Ohne Musik verloren meine Worte an Kraft. Eingebettet in die Stille klangen sie leblos und deplatziert. Doch ich empfand eine Art Erleichterung beim Schreiben. Es half mir beim Nachdenken.

Mein lyrisches Interesse wuchs an, führte mich über Benn, Trakl, Baudelaire bis hin zu Novalis oder Rilke. Worte, die keiner Musik bedurften. Worte, die ihre ganz eigene Melodie mit sich führten und ihre Schönheit in mir entfalteten.

Widerwillig meldete ich mich zur Physiotherapie an. Mir war so gar nicht nach körperlicher Betätigung. Ich hatte meinen damaligen Zustand bereits akzeptiert und glaubte nicht an Besserung.

Der Alkohol ging zur Neige und nüchtern betrachtet, hielt ich es für das Beste, zunächst das Penisproblem zu lösen. Das stand ganz oben auf der Liste. Es war aber zu intim, um darüber zu sprechen. Ich weiß nicht, was genau mich daran hinderte, Scham oder Stolz?

Während meiner Reha wurde mir erklärt, der Penis sei wie ein Muskel: Ohne Stimulation würde er verkümmern. Ich solle deshalb künftig über eine Penispumpe nachdenken. Aber scheiße verdammt, wo sollte ich so eine Pumpe auftreiben, ohne darüber sprechen zu müssen? Diese Art Bestellung in einer Apotheke aufzugeben, schien mir deplatziert. Und für meinen über sechzigjährigen Hausarzt, der mich bisher bei Erkältung und Fieber behandelte, wäre dieses Anliegen ein medizinisch unlösbarer Sonderfall gewesen, der nicht ohne ein erhebliches Maß an Peinlichkeit und Schamesröte zu bewältigen gewesen wäre.

Viel schlimmer als alles andere war aber der Gedanke daran, mich einem Mädchen anzuvertrauen. Doch die Chance auf eine Freundin war ohnehin sehr gering. So im Rollstuhl. An Krücken. Ohne Pumpe. Unfähig einen Ständer zu bekommen. Meine Eltern, wüssten sie von meinen Sorgen, würden mir mit Sicherheit weismachen wollen, dass es doch auf den Charakter ankäme.

»Du hast doch so viele Talente«, würden sie sagen. Dabei war in meinem Alter Sex doch das einzige Talent, was zählte.

Und viel mehr als eine Pumpe fehlte mir die Band. Ein Talent, das ich hatte, aber nicht mehr zum Ausdruck bringen konnte, um mich an dem letzten Rest meines behinderten Selbstbewusstseins zu klammern. Als Mensch war ich nicht gerade von mir überzeugt. Erhobenen Hauptes durchs Leben gingen andere. Ich sah ungern in den Spiegel, misstraute mir selbst, lachte, wenn ich traurig war und allgemein an den falschen Stellen. Ich wusste weder, was ich denken sollte, noch was ich davon sagen konnte. Ich war zurückhaltend, gewissermaßen langweilig und vielleicht ein bisschen altmodisch. Ich hatte nichts Besonderes an mir. Ein Allerweltsgesicht. Immer noch keinen richtigen Bartwuchs. Schiefe Zähne und eine knollige Nase. Und meine Matte trug ich zu einem Zopf zusammengebunden. Ich war ein ausgemachter Freak, ein Nerd irgendwie.

Die meisten Menschen hatten ein Problem mit Nerds, weil sie so unverschämt einer Leidenschaft nachgingen, die so wenig nutzbringend erschien. Sie wurden wütend oder auch neidisch, wenn jemand ein bisschen Glück in etwas fand, für das man sich nicht fünfmal die Woche um sechs Uhr morgens aus dem Bett quälen musste. Da traf es sich gut, wenn sich ihre kleingeistige Haltung auf einen Typen mit bäuerlichen Gesichtszügen anwenden ließ. Ein Gesicht, rundgelutscht wie meines. Nicht markant wie die der ihnen bekannten Stars, eher wie die eines Teddybären.

Deshalb brauchte ich die Band. Ob man ein Instrument spielen konnte, spielte keine Rolle. Das Stigma des Losers verschwand erst, wenn man auch in einer Band war, sozusagen die erste Hürde zum erfolgreichen Rockstar genommen hatte. Welche Faszination so ein Kollektiv aus saufenden Jugendlichen in Lederjacken doch ausüben konnte. Vor allem auf das weibliche Geschlecht, obwohl wir ja nur vorgaben, Rockstars zu sein. Und das auch noch ziemlich offensichtlich. Wir hatten nicht einen Gig. Aber jede Menge Selbstvertrauen.

Inmitten dieser trügerischen Atmosphäre gelang es sogar mir, ab und an ein Mädchen ins Bett zu kriegen. Ohne Band war ich allerdings nur ein Typ der Gitarre spielte, einer von vielen. Oberflächlich, nicht wahr? Aber waren wir uns dessen nicht alle bewusst? Markenklamotten, machten sie uns wirklich zu besseren Menschen? Wir trugen sie trotzdem, oder? Was verkaufte sich besser, die Kunst oder der Künstler? Inhalt oder Image? Warum ausgerechnet diese Wurst im Einkaufswagen? Na, wegen dem Biosiegel! Und die Milch, wegen der glücklichen Kühe auf der grünen Wiese, wie es uns die Verpackung suggerierte? Worum ging es in dem Film nochmal? Egal, wie wurde er bewertet? Und wie lange haben wir verdammt noch mal Milchschnitte gefressen, weil es uns Sportler in Werbeclips so vorgemacht hatten?

Mir persönlich kam das ganze Leben immer wie eine löchrige Fassade vor. An vielen Stellen schimmerte der Betrug einfach hindurch. Alle gaben ständig nur vor etwas zu sein, niemand war etwas. Und obwohl es oft so offensichtlich war, nahmen wir alles und jeden so an, wie es das Trugbild von uns erwartete. Als ließen wir uns gern etwas vorgaukeln. Anstatt hinter die Maskerade zu blicken, hießen wir sie herzlich willkommen. Lieber eine bekömmliche Lüge als eine schwer verdauliche Wahrheit. Sich wahrhaftig der Welt stellen zu wollen, das grenzte ja schon an Selbstkasteiung.

Michelle, meine Physiotherapeutin, war anders. Diesen Eindruck hatte ich gewonnen, als sie im Handumdrehen mein Phlegma in Motivation zu verwandeln wusste. Das erste Treffen lief ganz ohne Training ab. Wir unterhielten uns, lernten uns kennen. Wie es zu meiner Lähmung kam, war nicht Gegenstand des Frage-Antwort-Spiels. Was ich mir von der Therapie erhoffte, was ich von mir erwartete, wollte sie wissen. Ob ich überhaupt Lust hätte, sogar was ich stattdessen lieber machen würde.

Ich schätzte sie auf Anfang Vierzig. Ihr Gesicht war durch tiefe Falten vom Leben gezeichnet, aber ihre Augen waren um einiges jünger. Sie war schlank, sportlich und hatte ein viel zu breites, aber sehr sympathisches Grinsen. Ich erzählte von mir, gab mir keine große Mühe jemand anderes zu sein und sie notierte alles in einem kleinen Notizblock.

»Ziel der Therapie ist also, dass du, sagen wir, einen Song von den Beatles im Stehen auf der Gitarre spielen kannst«, so lautete ihr Fazit.

»Sagen wir von den Box Tops«, erhob ich Einspruch.

»Na gut, Hauptsache, ohne zu stolpern.«

Sie schien mir eine offene und ehrliche Haut zu sein. Plötzlich freute ich mich auf die nächsten Therapiestunden. Einen Song im Stehen spielen, das klang gut.

»Also, bis zum nächsten Mal, Benjamin«, verabschiedete sich Michelle und gab mir die Hand.

»Ach, weißt du, eigentlich sagen alle Benni.«

Es war schon irgendwie komisch. Immer hatte ich das Kürzel meines vollen Namens ›Benjamin‹ gehasst, regelrecht verabscheut. Weder meinen Freunden noch meinen Eltern, konnte ich es abgewöhnen, diese verstümmelte Variante meines Namens zu nutzen, um mich anzusprechen. Gerade meine Mutter machte mich wahnsinnig damit, da sie immer, wenn sie nach mir rief, einen weiteren überflüssigen Umlaut hinzufügen musste, nämlich ein ›ä‹. Benniä. Welch ein Missklang! Schon dieses ›Benni‹ reichte ja aus, um mich auf die Palme zu bringen, aber dieses ›ä‹, es quälte mich, kratzte wie brüchige Fingernägel an Wänden in meinen Gehörgängen und fraß sich beißend durch jede Gehirnwindung. ›Benniä, da ist jemand für dich am Telefon! Benniä, Abendessen! Benniäää!!! Du kommst noch zu spät zur Schule!‹

Und nun bot ich meiner Therapeutin, die mich artikuliert beim vollen Namen nannte, an, mich Benni zu nennen. Und das auch noch freiwillig. Michelle grinste. Und was für ein Grinsen das war, bis über beide Ohren!

»Also gut. Bis dann also, Benni.«

Duschen zu gehen, war für mich der absolute Horror. Eine richtige Dusche gab es nämlich nicht. Es gab eine Wanne und einen Duschkopf. Ich hob mich immer von einem Hocker aus über den Wannenrand. Soweit, so gut. Über den Weg raus aus der Wanne hatte ich mir beim ersten Mal keine Gedanken gemacht. Ich fühlte mich in sämtlichen Situationen unsicher und überfordert.

Wenn ich an mir herunter sah, hätte ich schreien wollen. Ich fand meinen Körper völlig lächerlich. Dürre Storchenbeine, nur noch Haut und Knochen. Mein Hoden, formlos zwischen meinen Oberschenkeln, wie eine Torte, geschmolzen in der Mittagshitze. Darüber mein Schwanz, das klägliche Sahnehäubchen. Zum Glück blieb mir der Anblick meines Hinterns erspart, der zur Gänze plattgesessen nur noch bedauernswert an mir herunterhing.

Neulich beim Baden hatte ich wie ein Neugeborenes einfach ins Wasser geschissen. Es kam einfach aus mir heraus. Irgendwann klopfte Hagen an der Tür, was ich so lange machen würde, er müsse auch mal ins Bad. Ich habe ewig gebraucht, dieses peinliche Missgeschick zu vertuschen. Ich pinkelte über Nacht ins Bett, doch ein Bett neu zu beziehen, das war mir in meiner Situation unmöglich. Ich hatte es versucht. Meine Mutter versprach, es für sich zu behalten. Auf ihre Versuche, mich mittels lächerlicher Lügen, die nur eine Mutter glauben konnte, aufzuheitern, reagierte ich gedankenverloren mit Beschimpfungen und Genervtheit. Warum konnte sie auch nicht einmal die Klappe halten? Einfach zu etwas schweigen und gut!

Die Menschen schrei'n

und sie gewinnen rasch an Größe,

doch sind sie klein,

wehe dem, der nicht auf Augenhöhe.

Was gabst du Narr

auch nur allein dir diese Blöße?

Wann wird dir klar,

was dich verletzt, sucht deine Nähe?

Das Unterding

Ich verabredete ich mich mit einem Freund aus der Berufsschulzeit. Es ging mir vor allem darum, wieder Alkohol ins Haus zu kriegen. Und wenn schon mal jemand auf dem Weg war ... Eigentlich wollte ich keinen Besuch, schon gar keinen, der redete. Ich wollte nur trinken. Jede Konversation kam mir so zwanghaft vor, als fühlten sich alle dazu verpflichtet, mich zu besuchen und nach meinem Befinden zu fragen.

»Und am Donnerstag kann man immer um seine Drinks würfeln! Na, wie find‘ste das? Absinth haben die so viel, das kannste dein Leben lang nicht durchprobieren. Man, es gibt dort einfach alles. Allein schon die Atmo!«

Seit drei geschlagenen Stunden redete Kai. Schon seit drei Stunden trank ich und hörte zu. Es ging um einen neuen Club, der in der Stadt eröffnet hatte. So euphorisch, wie er davon berichtete, musste es ziemlich grandios dort sein. Allerdings übertrieb Kai auch gerne mal. Das war Teil seiner Persönlichkeit. Er war leicht zu begeistern, geriet ins Schwärmen und ließ sich nicht stoppen.

»Wenn du durch die Tür gehst: alle Wände schwarz! Bordeauxfarbene Vorhänge. Eine grün beleuchtete Bar. Und an der Decke ein Wahnsinnskronleuchter, so ein Teil aus Schädeln und Knochen. Genügend Sitzplätze, schöne, gemütliche. Und riesige Tanzflächen, wenn man nach unten geht. Eine Bühne gibt‘s dort auch. Da müssen wir zusammen hin!«

Ich tat interessiert, nippte an meinem Bier und schwieg. Große Lust hatte ich keine, was sollte ich in einem Club? Warum erzählte mir Kai von den Tanzflächen?

»Ach weißt du, würde ich da mit dem Rollstuhl überhaupt reinkommen?«, versuchte ich mich herauszuwinden. »Oder was ist mit den Toiletten? Komme ich da überhaupt zurecht?«

Kai hatte sofort eine Antwort parat: »Keine Ahnung, was die Toiletten betrifft. Aber rein kommste auf alle Fälle. Da gibt‘s nur eine kleine Stufe vorm Eingang, die kriegen wir dich schon hoch. Und ich seh dort ständig so nen anderen Typen im Rolli, der muss ja auch irgendwie aufs Klo. Nur zu den Dancefloors wird es nicht gehen, aber ich nehme an, eh nicht so interessant, was?«

In der Reha machten wir andauernd solche Witze, unter Krüppeln waren diese aber viel lustiger.

»Wie heißt der Club überhaupt?«, wollte ich wissen.

»Das Unterding«, antwortete Kai. »Steht in so ‘ner verkrakelten Leuchtschrift über dem Eingang. Freitags ist übrigens immer Metal- und Rockabend. Ist doch was für dich! Und Konzerte soll es auch dort geben. Es läuft kein Radio, kein Pop, Hip-Hop oder irgend so ‘n Scheiß. Ist halt wirklich mal was Ordentliches, was für Leute wie uns.«

Ich nickte und rang mir ein Lächeln ab. In Gedanken war ich wieder allein und Kai schon gegangen.

»Alles okay, Benni?«

»Was? Oh ... ja, alles bestens«

»Du sahst so nachdenklich aus.«

»Ach, es ist nichts. Wollen wir ein bisschen nach draußen? Man kann die Sterne sehen.«

»Klar. Wozu hat man denn so eine Terrasse?«

Kai blieb also noch drei weitere Stunden, in denen er keine Anzeichen von Erschöpfung erkennen ließ, während er endlose Monologe abhielt. Am Ende des Abends blieben mir noch vier Flaschen Bier und ein lächerlicher Rotweinrest. Bald würde ich also wieder Besuch nötig haben.

Am nächsten Tag fühlte ich mich wie gelähmt. Scheiße, was für ein Kater. Ich lag im Bett mit voller Blase und konnte mich nicht rühren. Bei jeder noch so kleinen Bewegung fühlte es sich so an, als würde es mich zerreißen. Alle vier bis fünf Stunden ›kathetern‹, gaben mir die Ärzte mit auf den Weg. In der Reha war das kein Problem. Der Schlaf war dort leichter, die Katheter gleich neben dem Bett und eine Schwester entsorgte sie am Morgen. Zuhause wollte ich diese Dinger nicht offen herum liegen lassen. Einen Urinbeutel auf dem Boden herumwabern haben, das lehnte ich ganz entschieden ab.

Aber wie gerne hätte ich mal wieder so richtig ausgeschlafen, einfach mal zehn Stunden im Bett verbracht! Seit dem Eintritt ins Berufsleben war an Schlaf nicht zu denken. Aufstehen, immer viel zu früh, arbeiten, immer viel zu viel, Zeit absitzen, immer noch viel mehr. Dazwischen alles Notwendige, essen, trinken, duschen, dann die Reste zusammenkratzen und versuchen, dem Tag eine Bedeutung abzugewinnen, dem ewigen Geldverdienen. Zur Bandprobe also, mal wieder eine Platte hören. Am Wochenenden Leute treffen, Freunde, sich verlieben vielleicht, aber wie? Möglicherweise doch lieber Alkohol, Party, Sex auf der Toilette, Aufputschmittel, durchfeiern, irgendwas das da noch rein passt in diesen Rhythmus. In der Musik kommt es oft auf die Pausen an. Und im Leben? Auf die Wiederholungen?

Zumindest eine Erleichterung verschaffte mir meine Behinderung: das Wissen, zumindest in nächster Zeit nicht arbeiten zu müssen. Eine Pause inmitten der Endlosschleife Leben. Sah ich von der Lähmung ab, war beinahe so etwas wie Zufriedenheit zu spüren. Ganz einfach. Hin und wieder beschlich mich der Gedanke, dass die Arbeit der eigentliche Grund meiner Frustration gewesen sein könnte. Eine Frustration, die sich wie ein Krebsgeschwür in mir niederließ und alle anderen Bereiche meines Lebens überschattete. Die Liebe. Die Musik. Alles.

Ich hasste meinen Job. Er interessierte mich einen Scheiß. Geld brauchte ich. Alle brauchten wir Geld. Und wer nichts hatte, verkaufte eben sich selbst, ging arbeiten. So fühlte es sich an. Wie Prostitution. Jeden Tag raus, seine Arbeit tun, die abhängig machte. Zu Menschen freundlich sein, die man verachtete. Kaffee saufen, der nicht schmeckte. Und das alles für sich selbst, sich selbst ... aber wer war man selbst? Jemand, der fremd war, den man bemitleidete. Sicher niemand, der man sein wollte.

Meine Interessen entwickelten sich schlicht in die falsche Richtung. Sie fielen in die Bereiche, die man im Allgemeinen nicht als richtige Arbeit anerkannte. Nur, warum eigentlich nicht?

›Ich möchte Musiker werden.‹

›Dein Ernst? Aber willst du denn nicht mal was Richtiges lernen? Irgendwas musst du doch auch können.‹

Unglaublich, nicht? Wenn man tapezierte, hobelte, schleifte, bohrte oder meinetwegen auch Schaltkreise erstellte und Systeme für computergesteuerte Anlagen installierte, konnte man etwas. Wenn man aber ein Stück Musik komponierte, Partituren schrieb, Melodien kunstvoll aneinander fügte, Spannungsbögen setzte, es vertonte, arrangierte, eventuell einen Text behutsam in dessen rhythmisches Gewand bettete, dann konnte man nichts Richtiges.

Als Verkäufer, Kosmetiker, Eisenbahner, Gerüstbauer, Informatiker, Pharmakant, Mediziner, Fleischer, Manager, Raumausstatter, sogar als Sportlehrer konnte man etwas. Als Musiker konnte man nichts Richtiges. Und woher diese Wahrnehmung? Weil man als Künstler erst dann etwas konnte, wenn man auch Erfolg hatte! So war es doch.

›Helene Fischer, die muss doch etwas können, sonst wäre sie ja nicht so berühmt! Dieter Bohlen, der hat es doch zu was gebracht! Dumm kann der nicht sein.‹

Kunst maß man immer am Erfolg. Wenn aber der Vater als Klempner seit Jahren keinen Job mehr fand oder Onkel Soundso seine Bäckerei aufgeben musste, dachte man doch im Traum nicht daran zu sagen, dies sei die Folge von fehlendem Können gewesen. Wenn den Tante-Emma-Laden keine alte Sau mehr besuchte oder den Schneider oder den Schuster. Nein, dann waren die großen Firmen schuld, die Wirtschaftssituation war dann einfach schlecht. Oder die Leute wussten einfach den Wert der Arbeit nicht mehr zu schätzen. Für Künstler wurde auf dem Arbeitsmarkt natürlich der rote Teppich ausgerollt. Sie hatten einen so hohen gesellschaftlichen Wert, nicht wahr?

Bei wem hing das Gemälde, aus dem Atelier an der Straßenecke, über der Wohnzimmercouch? Wie viele kauften die Tonträger ihrer Lieblingskünstler im Plattenladen, anstatt sie zu downloaden oder zu streamen? Wie viele stöberten in abgelegenen Buchhandlungen nach Autoren, auf deren Werken nicht so ein hässlicher Spiegel-Bestseller-Aufkleber das Preisschild verdeckte?

Und wie viele B- und C-Promis und deren Ehepartner und Haustiere rotzten eben solche Bestseller auf den Markt und vergoldeten sich damit noch das Arschloch? Na, das waren doch ganz tolle Schriftsteller, oder etwa nicht?

Ich quälte mich endlich, in trüben Gedanken versunken, aus dem Bett, um ins Bad zu gehen und das Übliche zu tun. Pinkeln. Mir den Morgenschiss mit Gummihandschuhen bröckchenweise aus dem Hintern popeln. Zähneputzen. Aber bevor ich die Toilette erreichen konnte, überkam mich ein heftiger Schwall Übelkeit und ich erbrach mich ins näher gelegene Waschbecken. Bierkotze. Zum Glück dünnflüssig, lief gut wieder ab.

Doch als sich Speiseröhre und Magen zu etwas ganz und gar Unangenehmen verkrampften, sah meine Blase sich genötigt, sich spontan zu entleeren. Ich stand komplett unter Wasser. Voller Entsetzen spürte ich den warmen Rinnsal mein linkes Bein hinablaufen. Tatsächlich, ich hatte eingepisst. Instinktiv griff ich mir zwischen die Beine. Ich musste mit Einlagen schlafen, deshalb fühlte es sich nun an, als wäre ein vollgesogener Schwamm in meinen Shorts. Mir stand der Schweiß auf der Stirn.

Ich ließ meine Gehhilfe fallen und stützte mich mit einer Hand am Waschbecken ab, um dann mit der anderen die nassen Shorts loszuwerden, was ohne nennenswerten Gleichgewichtssinn nach einem spastischen Anfall ausgesehen haben musste. Von oben herab blickte ich in meine Shorts, als plötzlich ein brauner Klumpen dampfender Scheiße unangekündigt dort hineinfiel. Ich war fassungslos. Verzweifelt hinkte ich zur Toilette, rollte eine ganze Rolle Klopapier aus, ging in die Knie und versuchte den hinterlassenen See aus Urin zu beseitigen, nachdem ich meine Shorts direkt in den Mülleimer geschmissen hatte. Noch während ich versuchte den stinkenden Ozean mittels vierlagigem Zellstoff aufzusaugen, verließ ein zweiter Klumpen meinen Körper, der es sich als braune Insel auf den Badfließen gemütlich machte. Ich beobachtete ihn durch meine Beine hindurch und fing ganz unvermittelt an zu weinen. Was konnte demütigender sein? Ich war nervlich total am Ende. Kleinmütig bemühte ich mich alles in Ordnung zu bringen, als meine Mutter plötzlich an die Badezimmertür klopfte.

»Benniä?«, erkundigte sie sich lautstark. »Ist alles in Ordnung bei dir? Ich habe etwas poltern hören.«

»Oh verflucht, Mama, verschwinde von der Tür! Kann man denn nicht mal in Ruhe scheißen gehen!?«

»Entschuldige«, brachte sie perplex hervor. Gewann aber schnell wieder die Fassung. »Ist auch wirklich alles gut?«

»JETZT HAU ENDLICH AB, SCHEISSENOCHMAL!«

Ich hörte meine Mutter wieder die Treppen heruntergehen und schleppte mich aufs Klo. Deprimiert beschaute ich die hinterlassene Katastrophe. Mein Blick fiel auf die Fensterbank neben der Toilette, wo ein Päckchen Zigaretten lag. Ich beschloss, erstmal eine zu rauchen. Der erste Zug ging tief in meine Lungen und tat unglaublich gut. Praktisch, dass jede Etage ihr eigenes Badezimmer hatte.

Mit jedem Zug verflüchtigte sich der Schock über das großflächige Desaster. Was eine einfache Zigarette so alles bewirken konnte. Als ich sie aufgeraucht hatte, zündete ich mir eine weitere an, danach noch eine. Und noch eine. Und noch eine, bis mir dann wieder die Tränen kamen. Ich heulte und rauchte ununterbrochen, stundenlang. Aber ich blieb ungestört, immerhin.

Das folgende Wochenende war ich mit Kai im Unterding verabredet. Ich nahm den Bus mit Krücken, bevor er auf die Idee kommen würde, mich im Rollstuhl hin und her zu schieben. Kai nervte wie nichts Gutes mit seiner angestrengten Lässigkeit.

»Ich helf dir nicht, okay? Wenn du Hilfe brauchst, musste was sagen, klar? Ich muss dir ja jetzt nicht dauernd dazwischen gehen bei Dingen, die du locker selbst geregelt kriegst. Es gibt ja Leute, die dann ständig fragen, aber du weißt ja, bei mir musste selber den Mund aufmachen. Es macht mir nichts aus dir zu helfen, das nicht! Weißt ja Bescheid. Aber ich werd keinen Finger rühren, wenn du nicht ausdrücklich Hilfe verlangst. Also du musst nicht betteln, ein Blick in meine Richtung genügt.«

Ich starrte fassungslos in Kais Richtung. Obwohl ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte, brachte er mich innerlich zum Kochen mit seiner andauernden ›Ich-weiß-schon-wie-man-mit-Behinderten-umgeht‹-Scheiße.

»Ach, Mist!«, sagte er. »Ich halt vielleicht einfach mal die Fresse, was?«

»Ja, unbedingt«, antwortete ich, dann lachten wir beide.

Mein Hemd war schweißgetränkt, als ich ankam. Auf dem Weg von der Haltestelle bis zum Club musste ich zweihundert Prozent geben. Ich spürte jeden einzelnen Muskel in den Beinen, von denen es ja nicht mehr allzu viele gab, die ihre Funktion noch wahrnahmen.

Und da waren wir also. Über die Stufe am Eingang, wäre ich auch locker mit dem Rollstuhl gekommen. Und schon bereute ich meine Entscheidung. Nun würde ich den Rest des Abends keine freie Hand mehr haben. Wir traten ins Innere des Unterdings, nahmen den schweren Vorhang hinter der Eingangstür beiseite und wurden von Nick Caves ›Song of Joy‹ in Empfang genommen. Die Musik lief in dezenter Lautstärke, sodass man sich gut unterhalten konnte. Niedrige Sessel und Sofas, die um ovale Tische herum standen, versperrten den Weg zur Bar.

Zwei Skelette wiesen durch einen Torbogen den Weg zu den Dancefloors, der spiralförmig nach unten in den Keller führte. Abseits davon machte grünes Licht auf die Toiletten aufmerksam. Ich folgte Kai ungelenk zum Tresen. Er bestellte ein Bier und einen Cocktail mit merkwürdigem Namen, der eher auf die Wirkung als auf den Geschmack schließen ließ. Final Destination. Ich nahm das Bier. Immer ein guter Anfang. Der Genuss von Wein war in Clubs selten eine Offenbarung. Wein war etwas für intime Abende zu zweit. Oder noch besser: allein. Dazu King Crimson‘s ›In the court of the Crimson King‹ und vielleicht irgendwas mit Käse.

Kai und ich ließen uns auf einer Eckcouch nahe der Bar nieder und redeten über Musik. Er hatte sich bereits seinen zweiten Drink geholt. Final Destination, number two! Auch irgendwie sonderbar.

»Benni ey, was bist‘n du so auf den Achtzigern hängengeblieben? Hast du nicht mal Bock auf was Neues?«

»Den Siebzigern«, korrigierte ich, »manchmal auch den Sechzigern und ich habe eher Bock auf was Gutes.«

Der Laden war mittlerweile recht voll und am Tisch gegenüber bemerkte ich Eddi, den rollenden Stammgast von dem Kai mir erzählte. Schon bald sollten wir die besten Freunde werden, doch einstweilen nahm ich ihn lediglich als störende Konkurrenz wahr. In meinem näheren Umfeld hatte es keine anderen Rollstuhlfahrer gegeben und Eddi war so einer, der mit Rollstuhlfahren auffiel. Ein Extremist, süchtig nach Publikum. Er saß in seinem Gerät wie auf einem Podest.

Aus den Augenwinkeln beobachtete ich ihn. Er war wohl einem schlechten Vampirfilm entsprungen und hat sich dabei die Wirbelsäule gebrochen. Weißes Gesicht, schwarzes Make Up, Lippenstift. Und bis zum Gehtnichtmehr auftoupierte Haare. Er kippte einen Wodka nach dem anderen und begleitete seine Monologe mit wilden Gesten, als dirigiere er ein unsichtbares Orchester. Der Kreis seiner Zuhörer bestand aus zwei Kerlen - ebenso schwarz, aber weniger peinlich, zwei wirklich hübschen Mädchen und einer, die dick war. Dicke Menschen waren wie mein Musikgeschmack, einfach nicht mehr in Mode. Ein paar Kilo reichten schon, um ewig Außenseiter zu sein. Gewissermaßen war ich lieber gelähmt als dick. Und ich schämte mich für mein oberflächliches Mitleid, das nicht unangebrachter sein konnte, als das gegenüber Behinderten.

Plötzlich erwischte mich Eddi, wie ich gedankenverloren zu ihm hinüber stierte, doch ich tat, als würde ich ihn gar nicht bemerken, sondern nur der Wand hinter ihm mein tiefstes Interesse schenken. Sein Blick ließ von mir ab, als sich eines der Mädchen zu ihm in den Rollstuhl setzte, direkt auf seinen Schoß. Sie umarmten sich, er bekam einen Kuss auf die Wange. Dass er sich nicht schäbig vorkam, so derart im Mittelpunkt zu stehen. Oder zu sitzen. War ein Rollstuhl am Ende doch attraktiver als Krücken?

Immer mehr Menschen zog es hinab zu den Tanzflächen. Hier oben schlurkste der Abend hingegen

unmotiviert voran. Aus der Anlage troff ein Sound á la Sisters of Mercy und Clan of Xymox. Immer die gleichen dumpfen Beats, gezupfte Melodien. Träumereien. Gesang, der dich hypnotisierte: Dir wird langweilig, stinkend langweilig...

Ich suchte die Toiletten auf und sah mich mit ungeahnten Schwierigkeiten konfrontiert. Es konnte verdammt eng sein in so einer WC-Kabine. Ich lehnte die beiden Gehhilfen gegen die Toilettentür und hatte Mühe, sie mit dem Rucksack, den ich auf dem Rücken trug, nicht wieder umzureißen. Und überhaupt, wohin mit dem Rucksack? Auf dem Rücken konnte ich ihn nicht lassen. Auf den Boden würde ich ihn nicht stellen. Der war nass aus Gründen, vor denen ich mich lieber verschloss. Letztlich hängte ich ihn an der Türklinke auf, setzte mich und wühlte nach meinen Kathetern. Ich benutzte die Beutel nicht mehr, ließ alles direkt in die Schüssel laufen, der Schlauch war ja lang genug. Außerdem musste ich die Einlage wechseln, die ich trug. So ganz taufrisch war die nicht mehr. Ich hatte also einen benutzten Katheter und eine vollgetropfte Einlage. Was ich nicht hatte, war ein Mülleimer. Ich könnte natürlich alles in Klopapier einwickeln und dann zurück in den Rucksack stopfen. Bei dem Katheter war das aufgrund seiner Elastizität etwas problematisch, außerdem weichte das an ihm haftende Gleitgel das Papier durch, aber scheiß drauf, ich wollte bloß keine Spuren hinterlassen.

Die Situation in der Kabine wurde ziemlich abenteuerlich, vor allem beim Hochziehen der Hosen, nachdem alles mehr oder weniger schlecht verstaut war. Ständig polterte ich gegen die Innenwände und mühte mich ab, einen Sturz in die Toilette zu vermeiden.

Bedachte man den Verlauf der Ereignisse, war klar, dass alles auf einen größeren Unfall abzielte, der sich dann auf dem Rückweg ereignete. Urplötzlich stürzte es mir entgegen, das Grauen auf Rädern, Eddi der Rollstuhlvampir, direkt aus dem Damen-WC, dicht gefolgt von einer seiner Vampiressen. Crash! Einen kurzen Augenblick drohte ich zu fallen, doch der angetrunkene Fahrer umklammerte mich und ich landete weich auf seinem Schoß. Er und das Mädchen lachten.

»Wow, entschuldige bitte, ich hab dich gar nicht kommen sehen. Don‘t drink and drive, was?«, witzelte er, während ich blitzartig seinem Schoß zu entkommen versuchte.

In null Komma nichts stand ich wieder an meinen Krücken und sah dem Raser mit ungeschminktem Missfallen in die geschminkten Augen.

»Tut mir echt leid. Ich hoffe, du hast dir nix getan. Was hast‘n du eigentlich?«

Na toll, jetzt laberte er mich also auch noch voll.

»Ach, nichts passiert«, gab ich entnervt von mir. »Was kümmert‘s dich, was ich hab?«

»Okay, schon gut«, meinte er, obwohl es nicht gut war. Nicht für mich. Immerhin hatte er mich gerade angefahren. Sein Mädchen stand derweil hinter ihm, schwieg nur und glotzte mit ihren schönen großen Augen. »Na dann viel Spaß noch.«

Beide verschwanden sie wieder in der Bar, lösten sich in Rauch auf, während ich noch im Toilettengang herum und unter Schock stand. Dieses Mädchen, bildhübsch! Möglicherweise hatte sie so einen Behindertenfetisch. Wenn das der Fall war, sollte ich das nächste Mal unbedingt auch den Rollstuhl nehmen.

Ich fand wieder zu Kai, der während meiner Abwesenheit unzählige Cocktails in sich reingeschüttet hatte. So zumindest ließ sein Zustand es vermuten. Der derzeitige Drink: ein Head-Shot! Sehr treffend.

Wie er da so herumkauerte, in seiner typischen Kaitrunkenheit. Er war schon ein schräger Vogel. Ich kannte ihn nun eine ganze Weile, wir hatten zusammen die Ausbildung begonnen. Damals trafen wir uns, um gemeinsam zur Berufsschule zu fahren. Ich hatte keinen Führerschein und er nahm mich auf seinem Moped mit, da mein Zuhause auf dem Weg lag. Anfangs noch für ein bisschen Benzingeld. Später, als wir Freunde wurden, lehnte er mein Geld ab. Ich steckte es ihm während der Fahrt heimlich in die Jackentasche. Keine Ahnung, ob er sich je darüber wunderte.

In der Zeit am Internat teilten wir uns ein Zimmer. Und ich lernte ihn immer besser kennen. Er war ausschließlich schwarz gekleidet, bis auf seine Krawatten, die entweder, knallrot, -gelb, -grün, -lila oder sogar -pink, waren. Er besaß eine kleine Schatulle voller Ringe. An jedem Finger trug er einen, wobei er sie jeden Tag austauschte. Er lackierte sich die Fußnägel, zupfte sich die Augenbrauen, war ständig bemüht sein Haar mit Pomade zu bändigen, seine Koteletten aber ließ er völlig uneingeschränkt wuchern. Das alles tat er ebenso selbstverständlich wie andere ein T-Shirt mit Jeans und Turnschuhen kombinierten. Kai war einfach ganz er selbst und damit ein Sonderling. Ich konnte ihn sehr gut leiden.

Nach zwanzig Minuten allerdings, die ich ihm dabei zusah, wie er im Unterding komatös auf seinem Sitz hin und her rutschte, reichte es mir. Ich rief ein Taxi und ließ uns nach Hause fahren.

»Bennnnnnniä! Das müssn wir fjedenfall wieder machn! Du bistn echttollertyp! Weisudas?«, lallte er, als das Taxi ihn absetzte und er mir beim Aussteigen Kleingeld in den Fußraum warf.

Als ich zu Hause ankam, fühlte ich mich seltsam wach, aufgewühlt und voller Tatendrang. Ich dachte an diesen Schleimer im Rollstuhl, vor allem aber an das Mädchen. Und an ihre dichten schwarzen Haare, die in sanften Wogen über ihre Schultern fielen. Ach, ihre Schultern, so zart und doch so schneidig. Die Beine, die schönen schlanken Beine. Und ihre Brüste, die durch die Korsage meiner Sinneswahrnehmung entgegen gepresst wurden. Die schimmernden Lippen, die glasigen Augen, so weit und tief und ... oh verdammt, das Leben war ungerecht!

Am liebsten hätte ich meine überschüssige Energie mit Sex entladen, zumindest aber mit Masturbation. Aber wozu der Aufwand? Die vergangenen Experimente hatten gezeigt, dass es sinnlos war, ich war hoffnungslos schlaff. Doch Betrunkensein machte mutig und in meinem Falle sogar optimistisch. Also tat ich, wonach die Situation verlangte, und startete meinen Rechner. Irgendwo im Internet würde sich ein Filmchen finden, das meiner Lust entgegen kam. Tatsächlich war die Auswahl so vielfältig wie erstaunlich. Es gab ja mittlerweile wirklich alles, auch Pornos mit Dicken, mit richtig Fetten, Mit richtig, richtig Fetten. Pornos mit Bäumen, Obst, Gemüse. Sextoys, realistisch, fantasievoll, mal als grobgeäderter Pferdepimmel, mal als Raupe oder Delfin. Orgien mit mehreren Frauen, mehreren Männern, scheißenochmal, Tiere waren auch dabei. Pornos mit Schwarzen, mit Weißen, sie ließen sich sogar nach Nationalität auswählen. Asiatisch. Deutsch. Russisch. Nach Anatomie! Kleine Schwänze. Große Schwänze. Unnormal große Schwänze. Kleine Titten. Große Titten. Verschieden große Titten. Gar keine Titten. Nur Titten! Und nach verschiedenen Praktiken. Blowjob. Deepthroat. Gang-Bang. Safer-Sex. Analsex. BDSM. Masturbation. Nach Fetisch. Körperschmuck, ja, nein, tätowiert, gepierct? Und nach Kulisse! Whirlpool. Forrest. Hotel. Motel. Kittchen. Stepfather‘s marriage bed. Und, ich konnte es kaum glauben, es gab sogar Pornos mit Rollstuhlfahrern! Gab man ›normal‹ als Suchbegriff ein, erhielt man die Message: »Sorry. No Video Results for normal.«

Nach einer geschlagenen Stunde beendete ich meine Recherchen und startete einen Film, der auf den typischen Verlauf von Blasen-Ficken-Insgesichtspritzen verzichtete. Also irgendwas Lesbisches. Suchbegriff: ›Lesbian Gothic‹. Ich sah zwei großflächig tätowierten Mädels bei ihrem lustvollen Treiben. Schon einige Minuten starrte ich angespannt auf den Bildschirm, doch wagte ich es nicht, selbst Hand anzulegen, zu groß war die Angst enttäuscht zu werden. Aber dann befiel mich jäh ein angenehmer Schauer der Erregung. Es kribbelte am ganzen Körper. In mir stieg diese ekstatische Hitze immer weiter an, bis sie mich schließlich wie ein Feuerball niederschmetterte und im Inferno der Gefühle zurückließ. Ein Aufwallen. Ein Ausbrechen. Wie Van Halen‘s Eruption! Eine Minute verging und dreiundvierzig Sekunden. Ich atmete flacher, spürte etwas Feuchtes in meiner Hose.

Zweierlei Erfreuliches war festzustellen: Zum einen fand ich einen naturwidrig großen Fleck monatelang angestauten Spermas in meinen Shorts vor. Zum anderen erblickte ich nach enorm langer Zeit meinen erigierten Penis wieder, der mir aufgrund dessen auch ziemlich imposant vorkam, während er als Siegergeste vor Glückseligkeit und Euphorie noch ein wenig pulsierte.

Ich war wieder am Leben.

Geschwisterliebe

Nun, da es mit meinem Schwanz wieder bergauf ging, musste einiges nachgeholt werden. Mentale Masturbation zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ich war fasziniert von meinen Fähigkeiten, entdeckte meinen Körper ganz neu und das, ohne mich selbst dabei anfassen zu müssen. Es genügte mitunter, an etwas Erregendes zu denken und schon explodierte ich. Die Orgasmen mit mir selbst waren außergewöhnlich gut. Wo es vorher immer nur Penis gab, war nun eine Einheit aus zahllosen Nervenenden, die meinen Körper zum Schwingen brachten, das maximale Gefühl, das mein Hirn zerschoss und mich von Kopf bis Fuß erzittern ließ. Wie viel geiler konnte behindert noch sein?

Auch die Physio mit Michelle entwickelte sich zu einem angenehmen Bestandteil meiner Wiedergeburt. Dabei ging es mir weniger ums Dehnen, die Massagen, Muskelaufbau- oder Gleichgewichtsübungen, allein die Routine verschaffte Erleichterung. Das schlechte Gewissen konnte ja eine derartige Plage werden, wenn man plötzlich wieder sich selbst gehörte, nicht von früh bis spät einer Arbeit nachging, die einen vielleicht mehr lähmte als durchtrenntes Rückenmark. Geldverdienen konnte für die Psyche sehr gefährlich werden. Aber auch Freiheit war nicht ungefährlich. Plötzlich hatte man wieder Zeit sich selber zu spüren, zu grübeln ... zum Lieben und Träumen war ich damals noch nicht bereit. Aber zum Gehen, das könnte schon klappen. Welch merkwürdige Ironie in all dem steckte? Kaum hatte man sich wieder, lief man vor sich selbst davon. Bis mir klar wurde, in welche Richtung es gehen sollte, ließ ich Michelle entscheiden wohin. Dabei erwies sie sich als angenehme Begleitung und Gesprächspartnerin. Ihr Vorgehen hatte eine gewisse Logik: Wer laufen lernen will, muss laufen. Am besten draußen in der Öffentlichkeit, wo man sich eben so im Alltag bewegte, und nicht in irgendeiner Trainingshalle mit aufgebauten Hindernissen und kleinen Treppen. Hindernisse und Treppen gab es draußen überall. Wir fuhren immer ein Stück mit dem Auto und dann spazierten wir mal hier mal dort hin. In Begleitung von Michelle störten mich die Blicke der anderen Leute auf den Straßen, den Fußgängerzonen oder den Kaufhausparkplätzen gar nicht. Das Selbstverständnis, mit dem sie so unbeschwert der Unvollkommenheit begegnete, war mein Schutzschild.

Ein weiterer Pluspunkt, den ich ihr anrechnete, war, dass sie gerne mal eine rauchte. Ganz unbefangen hielt sie mir ihre Schachtel hin und fragte: »Auch eine?«

Anfangs war ich noch ziemlich verblüfft.

»Solltest du mir als meine Therapeutin nicht vom Rauchen abraten?«, fragte ich schelmisch.

Michelle verzog die Brauen, schüttelte den Kopf und alle Bedenken von sich.

»Nein, eigentlich nicht«, antwortete sie. »Ich therapiere nur deine Lähmung. Rauchen hat damit nichts zu tun, oder meinst du vielleicht doch?«

Ich grinste und schüttelte meinerseits den Kopf. »Nein, ich glaube nicht.«

Die Zigaretten spornten mich dazu an, nur noch eine Gehhilfe zu nutzen, eben um eine Hand zum Rauchen freizuhaben. An guten Tagen lief ich sogar ganz ohne. Das fühlte sich beinahe schon aufregend an. Fast wie das erste Mal Fliegen: diese Ungewissheit und dann hebt man ab. Ich spürte den Kontakt zum Boden ja nicht. Ständig fürchtete ich das Gleichgewicht zu verlieren und der zarteste Windstoß konnte zu fallen bedeuten. Doch ich fiel nie, da ich nicht sicher war, ob Michelle mich auffangen würde.

Mit jedem Treffen wurden wir uns vertrauter und da ich ihr ja die offizielle Erlaubnis erteilte, mich Benni zu nennen, bot sie mir ihrerseits ebenfalls das ›Du‹ an. Das machte es irgendwie entspannter. Ich redete Leute nur sehr ungern mit ›Sie‹ an und ich ließ mich auch unter Protest nur siezen. Als richtiggehend lächerlich empfand ich dieses ›Sie‹, das auf der Illusion von Respekt beruhte.

›Für dich immer noch Sie, junger Mann. Ich bin schließlich ein paar Jahre älter‹, so lautete ja der typische Satz, mit dem man seine längst verlorene Selbstachtung verteidigte. Dabei ein in solcher Herablassung gestimmter Unterton, wie man ihn dem Gegenüber gerne andichten würde.

Was sich manche Menschen auch auf ihr Alter einbildeten? Als sei es eine besondere Fähigkeit zu altern. Wir sollten alle einander mit Respekt begegnen. Wer da Hierarchien braucht, hat ihn schon weitreichend verloren.

Viele einsame Nächte vergingen, die ich mit Saufen und Serien zu überwinden suchte, während mein soziales Leben mit existenziellen Krisen zu kämpfen hatte. Selbst mein Bruder distanzierte sich von mir. Als wäre ich ein Fremder für ihn geworden. Unser Verhältnis zueinander war kühl und wortkarg. Ich vermutete ein tiefergehendes Problem, aber mir fehlte das nötige Feingefühl es anzusprechen. Denn obwohl Hagen und ich gefühlt jede Minute seit meiner Geburt miteinander verbracht hatten, war unsere Beziehung nicht gerade von emotionalen Gesprächen geprägt. Als er einmal zu mir ins Zimmer kam, um mir lieblos ›True Detective‹ aus der Videothek auf den Schreibtisch zu knallen, fragte ich ihn mit unbeabsichtigt aggressivem Unterton: »Was, verfickte Scheiße noch mal, ist dein Problem, du beschissener Arsch?!«

Unter Brüdern sollte das in etwa so klingen, wie: ›Wir sollten reden. Ich sehe doch, dass dich etwas bedrückt.‹

Zunächst sah es so aus, als wolle Hagen zu einer sehr körperlichen Antwort ausholen. Er stierte aber nur zornig zu mir herüber und fauchte: »Ich hab kein Problem, okay! Ist doch alles in Ordnung, nicht?«

»Ach du Scheiße, Hagen! Was soll das nun wieder heißen?«, fragte ich etwas gereizt.

»Na was schon? Nichts ist, wie es war. Du brauchst einen verkackten Rollstuhl und es scheint dir nicht mal besonders aufzufallen.«

»Was? Hagen? Wie war das, ein Rollstuhl, tatsächlich? Oh nein, du hast völlig recht. Wie naheliegend! Ich brauche einen verkackten, verfickten, beschissen-behinderten Rollstuhl!« Beschissen-behindert sprach ich als ein Wort mit Bindestrich aus, als gäbe es noch irgendeine Form von behindert, die nicht beschissen war.

»Ich meine, so als wäre nichts geschehen. Für dich scheint einfach alles wieder bestens zu laufen!«, warf er mir vor.

»Hier läuft gar nichts ohne Krücken«, so meine Verteidigung. Hagen wollte meinen Humor allerdings nicht teilen.

»Ja genau, alles nur ein Scherz, nicht wahr? Statt zu reden, kommst du mit Flachwitzen.«

»Natürlich«, lenkte ich kompromissbereit ein, »ich bin eben ein Flachwitzer!«

Das war eine Spur zu viel. Stille brach herein, eine, die in ihrer unendlich durchdringenden Geräuscharmut die absolute Unruhe erzeugte. Ich war demaskiert.

»Scheißenocheins!«, fluchte ich leise. »Entschuldige vielmals, Hagen, dass ich nicht heulend vor dir auf dem Boden herumkrieche. Du bist auch dermaßen verblockt. Merkst du denn nicht, wie sehr ich mich zusammenreiße, nicht wieder in ein Loch zu fallen und unseren Eltern mit einem Lächeln zu begegnen? Mir ist elend zumute, es geht mir beschissen, ja. Aber meinst du nicht, sie haben genug durchgemacht?«

Hagen schluckte sein kurz aufflackerndes Mitleid herunter, von wo aus es als brodelnde Scheißwut wieder hochkam: »Für mich macht es eher den Eindruck, dass du hier quietschvergnügt den Urlaub deines Lebens machst.«

»SEIT WANN SIND ÜBERMÄSSIGER ALKOHOLKONSUM UND SERIEN MIT MATTHEW MCCONAUGHEY DENN EIN AUSDRUCK VON LEBENSFREUDE?«, schrie ich ihn an. »Besonders, wenn man DABEI den ganzen verschissenen Tag NUR isoliert in seinem Zimmer hockt und gedichte schreibt!«

Das hatte gesessen. Ich atmete schwer ein und seufzte. Mein Bruder starrte mich ratlos an und schwieg sein unangenehmes Schweigen.

»So«, ergriff ich das Wort, um es endlich zu beenden. »Zufrieden? Ich bin verdammt unglücklich, okay? Und wegen dir habe ich mir jetzt schon wieder in die verdammten Hosen gepisst. Immer dasselbe! Beim Husten, beim Niesen, beim Kotzen, sogar beim Fluchen, jedes Mal diese verfluchte Inkontinenz! Oh Scheiße, ich könnte heulen... «

Und dann heulte ich tatsächlich.

Diesmal schluckte Hagen sein Mitleid nicht so einfach herunter. Er versuchte es aber, das sah ich ihm an. Wie gesagt, diese intime Form der Auseinandersetzung war uns bisher völlig fremd. Ganz langsam kam er auf mich zu, schaute betroffen und legte die Hand auf meine Schulter.

»Im Ernst?«, fragte er mich wehmütig. »Aber das mit den Gedichten war ein Scherz, oder?«

Nachdem ich mir dann endlich saubere Sachen angezogen und zu flennen aufgehört hatte, setzten Hagen und ich uns gemeinsam vor die Glotze. Er bestand darauf, in seinem Zimmer zu glotzen, weil er den größeren Bildschirm hatte. Allerdings hatte er auch nur ein Fenster und der Raum war innerhalb kürzester Zeit total vernebelt, was der Atmosphäre der Serie nur zuträglich war. Hagens Zimmer hatte selbst den Charme eines Tatorts. Irgendein Gewaltverbrechen am ehesten. Kaum zu glauben, dass er in dem Chaos den Überblick behalten konnte. Mir wurde ganz schwindelig, wenn ich sah, wie seine CDs einfach wild irgendwo auf dem Boden herumlagen. Manchmal auch außerhalb der Hülle! Er besaß zwei Aschenbecher, die bereits voll waren, als er sie für uns bereitstellte. Dennoch fanden wir immer und immer wieder eine Möglichkeit, noch einen Zigarettenstummel irgendwo dazwischen zu quetschen. Ich war mir sicher, dass, wenn man die Aschenbecher mit der Öffnung nach unten hielt, rein gar nichts passieren würde.

Es war schön, wieder Zeit mit meinem Bruder zu verbringen. Nur irgendwann humpelte ich wieder zurück in mein Zimmer, erleichtert darüber, wieder etwas vom Fußboden sehen zu können. Ich hatte Bock auf Musik, auf den Sound der ›Led Zeppelin II‹. Ich fand sie unter ›L‹ im Plattenregal, also nach ›K‹, wie King Diamond, und noch vor ›M‹, wie Moore, Gary. Genau zwischen ›Led Zeppelin I‹ aus dem Jahre ´69 und ›Led Zeppelin III‹ von ´70. Die Scheibe befand sich in der extra für sie vorgesehenen Hülle.

Das mit den Gedichten war ein Scherz, hatte er mich gefragt. Dabei brachte er es fertig, seine Mimik derart entgleiten zu lassen, als hätte ich ihm gerade gestanden, Sexträume mit meinem Bruder zu haben.

Ein leeres Notizheft, wahrscheinlich aus Schulzeiten, fiel mir in die Hände, als ich im Schreibtischschubfach nach Zigaretten kramte. Robert Plant sagte einmal über das Riff von ›Whole Lotta Love‹: »Egal wo es herkam, es hing alles an diesem Riff.« So ging es mir auch mit meinen Gedichten.

Die Knie weich

und nirgends gibt es für dich Halt,

dem Taumel gleich,

bist du berauscht, fühlst dich hundert Jahre alt.

Absehbar ist,

erkennst du es auch spät,

dass wenn du pisst,

es in die Hosen geht.

Der Schein als ob,

anstatt der Wahrheit wird gelebt.

So ganz salopp

man seine Maske trägt.

Der Mensch, er lebt,

wobei er anstandslos sich fügt,

wer das erträgt,

was du erträgst, der lügt.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
08 lipca 2025
Objętość:
221 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783969171455
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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