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Beate Morgenstern
Lieber Liebe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
1
Punkte, Linien, Zeichen. Eine leicht zu entschlüsselnde Schrift, dachte sie. Man erkannte wieder. Aber ja!, sagten die Leute, baten sie darum, in ihren Skizzenblock hineinschauen zu dürfen. Das ist doch, nicht wahr? Sagten es erstaunt, hatten eine Weile gebraucht, um das, was sie sahen, mit dem in Zusammenhang zu bringen, was sie kannten. Sie fuhr mit spitzem, weichen Bleistift über das Papier, machte sich Notizen über das Gesehene. Wie Kiefern wuchsen, wenn man sie ließ, wie vielfältig die Form. Die Äste frei stehender Kiefern verschlungen, Bögen, Schwünge, die Rinde dunkel und dann nach oben hin von leuchtender braungelber Farbe. Schon beim Hinsehen spürte sie auf ihren Handinnenflächen Risse und Glätte. Sie sah von der Steilküste hinab auf die graue See. Schritte, die hinter ihr aufhörten. Eine männliche Stimme, man konnte sich in ihr wohl fühlen. Schön hier, sagte der Mann. Sprach aus keiner Höhe auf sie herab, war also nicht eben groß, auch nicht klein, da sie als groß gewachsen galt. Sie wandte sich jedoch nicht um. Wollte nicht enttäuscht werden durch nebensächliches Gesicht. War von Stimmen fast noch abhängiger als vom Aussehen der Menschen. An den Klang geborstener Stimmen, wie sie sich ausdrückte, an die eintönigen in oberer Tonlage, an grelle und gequetschte konnte sie sich nie gewöhnen. Fast noch mehr aber stießen sie Männer ab, die volltönend redeten, in Versammlungen lange sprachen, und sie hatten aber auch überhaupt nichts gesagt. Die Stimme nicht zu dunkel und reich im Klang. Sie murmelte etwas. Sollte der Mann gehen, bliebe seine Stimme noch eine Zeitlang bei ihr. Wieder sprach er. Kann man sehen? Wortlos hob sie den Block über die Schulter, ließ den Arm wieder sinken, zeichnete weiter. Der hinter ihr gab nicht nach. Machen Sie das beruflich? Na schön, wandte sie sich eben um, sah ihn an. Mitten in die Augen hinein. Hellbraun die, gelbbraun seine Haut. Er war von mittlerer Größe, wie sie sich gedacht hatte, mager, doch athletisch. Haare zentimeterkurz geschoren, das Gesicht länglich-oval, die Nase scharf, der Mund vorgewölbt, starke Mundfalten. Ein Kopf, wie man ihn in der römischen Abteilung von Museen sah. Mochte Mitte Vierzig sein oder drüber oder drunter. Aus Spaß, antwortete sie ihm endlich. Aber Sie haben eine Ausbildung! Sie nickte, lächelte nun doch. Seine Lippen zogen sich bis zum Zahnfleisch zurück, der Mund schloss sich wieder. In den Augen blieb Lächeln übrig. Weiteres Ausfragen erfolgte, ob sie im Dorf wohne und bei wem. Nur so funktioniert das, sagte er dann. Beziehungen. Man kennt sich. Spöttisch breitete er sich über Waren-Kreislauf aus, über Rückkehr zu einfachen Tauschgeschäften in hochzivilisierter Zeit, da besonders Begehrtes für Geld kaum zu haben war. Aber das System schafft feste zwischenmenschliche Bande, und so könnten wir vielleicht doch von Sozialismus in hiesigen Breiten sprechen, endete er. Wenigstens kein übliches Geschrei über die Zustände hierzulande. Wehleidigkeit nervte sie. Lachen dagegen immer willkommen. Waren ja das Land, in dem politischer Witz hoch im Kurs stand, in dem man sich Dummheit von der Seele lachte. Ihr Lächeln die Antwort, die er hatte haben wollen. Er legte seinen Kopf zurück, sah sie aus den Augenwinkeln heraus an. Ich bin heute Abend in der Dorfkaschemme. Sie reagierte nicht. Sieht man sich? - Vielleicht. In seinen Augen wieder ein Lächeln, war nicht nur Freundliches drin. Er ging.
Einige Striche. Kein Eindruck mehr von Weite kam von der See auf sie. Dachte stattdessen an Jo. Ob er sich zu essen machte oder wenigstens essen ging. War so nachlässig mit sich, ihr Jo.
Eine Treppe führte gerade den Steilhang hinunter, Baumstämmchen an den Seiten hielten den Sand fest. Sie lief auf nassem, festem Sand, kaum Fußspuren hinterlassend. Das Meer unruhig, immer gleiches klatschendes Geräusch auslaufender Wellen, die kamen manchmal bis an die Schuhe. Konnte man lange um diese Jahreszeit gehen, ohne einen Menschen zu treffen. Traf man doch einen, grüßte man. Wo wenige Menschen waren, beachtete man sich. Lichter wurde der Himmel, das Grau des Wassers um Farbnuancen verändert. Stimmungen, Farben wechselten, da bekam man alles bis hin zum Hochdramatischen. Jeder Tag an der See ein anderer, manchmal noch eine Ahnung vom Vortag, meist überhaupt keine. Mitunter konnte man Angst kriegen vor Unberechenbarkeit, Rauheit. Dagegen das Immerblau des glatten Schwarzmeers im Sommer. War beim ersten Aufenthalt mit Jo regelrecht enttäuscht gewesen. Baltiskoje morje, sagte sie leise-zärtlich, die aus wenigem Schulrussisch in ihrem Kopf verbliebenen Worte, vor sich hin.
Die Kneipe voll, verraucht. Wegen großen Respekts vor den Einheimischen war sie nie hineingegangen. Sollten die ihren Raum für sich haben. Nun aber war da jemand, der ihr Gesellschaft angeboten hatte. Sie sah an den aufblickenden, starrenden Männern vorbei. Eine Hand winkte, gehörte ein länglich-ovaler geschorener Schädel dazu, aus dem ein Grinsen herausfiel. Sie durchquerte den Raum. Sonst liege ich um diese Zeit im Bett und lese, sagte sie. Was soll man abends anderes tun. In seinen Augen leichter Spott, wie sie das nun schon mal gesehen hatte. Auch' n Bier? Gut ist es hier oben ja nicht. - Auf keinen Fall. (Das Gefälle ging von Nord nach Süd, im Sächsischen kriegte man das beste Bier.) Aber trotzdem, sagte sie. Warm wurde ihr. Alkohol stieg ihr immer schnell zu Kopf. Es plauderte, lachte aus ihrem Mund. Beinahe gleichzeitig hörte sie auf die Einheimischen, ihre mecklenburgische Redeweise, wollte wissen, woher er kam, vor allem das, damit gleich sicher war, es blieb bei diesem einen Abend. Auf einen Abend konnte sie sich einrichten. Doch auch, dass er in Hauptstadt der Deutschdemokratischen wohnte wie sie, musste überhaupt nichts bedeuten. Sie überspielte Erschrecken durch schnelle weitere Frage. Und was machen Sie beruflich? - Ich bin Journalist. - Oh Gott. (Waren das doch die Leute, die in den Zeitungen alles auf die schöne Menschengemeinschaft, auf immerwährenden Fortschritt et cetera zusammenlogen, Überholen - den Kapitalismus -, ohne einzuholen, und solche Witze, während die Wirtschaft in den Fugen krachte in über dreißigjähriger Republik und Ideologie schwer renovierungsbedürftig war. Na ja, wer zwischen Zeilen zu lesen verstand, dem wurden von wenig angesehenem Berufsstand auch Wahrheiten zuteil.) Freiberuflich!, wandte er ein. - Geht denn das bei uns? - Es muss! Er zog die Lippen auseinander. Die obere Zahnreihe wurde sichtbar bis fast zu Backenzähnen hin. Offenbar erprobte Methode. Wirkte auch bei ihr. Hatte sie ihn gefragt, jetzt fragte er sie. Ernsthaft, irritierend gründlich. Lag vielleicht an seinem Beruf, dass er Menschen auch dann ausfragte, wenn es keinen Sinn für ihn machte. Auf Fragen musste man antworten. Fiel ihr nicht ein, dass sie Antwort auch hätte verweigern können in der Annahme, es interessiere ihn ja nicht wirklich. Antwortete ihm also getreulich, erzählte wie ein Kind. Dass sie Jo noch vor ihrem Studium kennengelernt hatte. Als Jo ihr sagte, sie könne bei ihm einziehen, hatte sie nicht besonders nachgedacht. Ein solches Angebot von einem ausgewachsenen Mann, Regisseur beim Fernsehen, an ein neunzehnjähriges Mädchen aus der Provinz mit gerade mal Abitur in der Tasche und dem festen Vorsatz, die Aufnahmeprüfung an der Weißenseer Kunsthochschule zu bestehen! Sprach über Jo aber auch, um den Mann abzuwehren, der mit seinem Lächeln, seinen Fragen nach ihrer Seele grapschte, möglicherweise, ohne es selbst zu bemerken. Sah in diesem scharfgeschnittenen Gesicht einen Zug von Hochmut, der darauf schließen ließ: In Wahrheit machte er sich nicht viel aus Frauen, überhaupt nicht viel aus Menschen. Tat andererseits auch wohl, mit jemandem zu reden, der wollte, dass sie redete. War immer gut, von Fremden gefragt zu werden. Sah man sich selbst deutlicher. Hatte auch was von Gespräch mit Beichtvater, in den man alle Worte hineinschütten konnte. (Obwohl überwiegend katholisch erzogen, hatte sie die Beichte nie erprobt. Stellte sich heute vor, es würde die Seele erleichtern.) Einem Fremden was zu sagen, kam dem gleich. Morgen hatten sie sich vergessen und das, was gesagt wurde, auch. War noch nicht spät, als sie aufstand, wollte übertriebene Mitteilsamkeit wettmachen, indem sie Gefühl für Zeit demonstrierte. Auch er stand auf, um ihr in die Jacke zu helfen. Ungewohnt, diese Höflichkeit. Übrigens, ich fahre morgen durch die Gegend. Wenn Sie Lust hätten ... Hatte ich sowieso vor, redete er weiter. Wenn man schon mal hier oben ist. Man muss die Gelegenheit nutzen. - Mit dem Auto sieht man mehr, versuchte sie eine Entschuldigung für die eventuelle Annahme des Angebots. - Mehr nicht, anderes, korrigierte er. Also? - Warum nicht. Sie hatte das undeutliche Gefühl, sich auf etwas einzulassen, das ihr womöglich nicht gut bekommen würde.
Dunstiger kühler Maimorgen. Das Gras des kleinen Bauernhofs feucht. Auf der Straße ein paar Männer, Frauen mit Fahrrädern unterwegs, wahrscheinlich zur Genossenschaft. Sie grüßte, war das gewohnt von ihrer Kindheit in thüringischem Dorf, wurde auch mal zurückgegrüßt. Vor der feldsteingemauerten Kirche ein roter Wartburg. Wohl sein Auto. Der Wagenschlag wurde geöffnet. Grinsekatze noch nicht aufgewacht, sekundenkurzes Lächeln wie gegen seinen Willen. Aus den Federn gefunden? - Das ist nie mein Problem, sagte sie. Während sie fuhren, entschuldigte er sich für seine Rostlaube, fragte, ob sie eine Anmeldung auf ein Auto laufen hätte, empfahl, sich anzumelden. Wenn sie das Auto nicht brauche, könne sie Geld damit verdienen, die Anmeldung bei fälliger Lieferung an andere weitergeben. So ist das bei uns in der Zone. Lachen aus dunkler Kehle. (Er hatte wohl viel Spott nötig. Noch nie hatte sie jemanden gehört, der dieses Wort über das eigene Land gebrauchte. Und war doch Journalist. Aber vielleicht brachte ihn gerade sein Beruf in große Missstimmung.) Immer noch billiger, auf ein neues Auto was draufzuzahlen, als jemandem eine Schrottkiste abzukaufen. Waren also wieder beim üblichen Thema: Mangel, Unzulänglichkeiten, Absurditäten hierzulande. Erschien ihr wie ein Ritual, darüber zu sprechen, worüber man gestern und vorgestern auch schon gesprochen hatte. Man hatte was, über das man noch lieber sprach als über das Wetter. Der Austausch schaffte einen Grundkonsens. Das Gefühl gegen die da oben stiftete einen Zusammenhalt zwischen den Menschen. Die Gespräche sicher auch notwendiges Ventil. Allerdings, sie langweilten Gespräche, die nicht irgendwann - irgendwann! - zu etwas führten. Lange blieb es dunstig, woraus sich eine Staffelung der Landschaft ergab. Mal ließen sie den Wagen stehen, liefen am Bodden entlang, feuchte Ufer-Pfade durch dumpfig-sumpfig riechendes hohes Schilf. Freie Sicht bei einem Weg oberhalb des Wassers. Lange hätte sie laufen können. Wer lief schon mal mit ihr. Jo doch nicht. Ihr Begleiter drängte auf Umkehr. Sie fuhren wieder, stiegen aus, besahen mal eine Kirche, mal ein Städtchen, schauten auf den Bodden hinaus, stiegen aus, ein. Hatte er wohl einen Blick, aber keine Ruhe. Auch keinen Hunger. Sie meldete sich dann doch. Ach ja, entschuldige, sagte er. Beim nächsten Bäcker holst du uns was. Heute Abend gehen wir dann in die Kneipe. Das plötzliche »du« fuhr ihr durch und durch. Erschreckte sie auch, wie er über sie verfügte. Als wäre sie eine Katze und würde am Nackenfell gepackt und aufgehoben, so dass sie in eine Tragestarre verfiel.
Abends gingen sie, die See zu begrüßen. Zum Angstkriegen gewaltvoll war sie. Feuer ertränkte man schließlich. Gegen Wasser hatte man keine Macht. Da sind wir hergekommen, sagte sie nach langem Hinblicken. Und wenn wir von der Erde verschwunden sind, das Meer ist immer noch da. Das ist gut. - Weiß nicht. Ist doch schade, wenn wir nicht mehr da sind. Sie wandte ihren Blick ihm zu. Er hatte seine Lippen wieder in die Breite gezogen. Kannte sie nun die verschiedenen Arten, wie er lächelte: Nur mit den Augen, liebevoll oder spöttisch. Oder er öffnete den Mund zu einem breiten, jungenhaften Lachen. Sollte jedenfalls so aussehen. Manchmal bewegte er nur die Lippen, ohne sie zu öffnen, und seine Augen blieben ernst. War dann Grimasse, sollte auch eine sein. - Ich hätte gedacht, dass du Menschen nicht sehr magst. - Aber ich mag mich. Und du, magst du dich nicht auch? - Ich könnte schon hin und wieder auf mich verzichten. - Glaub ich dir nicht. Er legte seinen Arm um sie. Vielleicht wie ein ganz guter Freund. So was wollte sie mal denken.
Ließen sich in der Kneipe zum Bier Kartoffelsalat mit Spiegeleiern bringen, hätten auch Kartoffelsalat mit Boulette haben können, aber Eiern trauten sie mehr als gebratenem Hackfleisch. Sie bekam ihre Augen nicht von ihm los. Die vielen Stunden miteinander schafften fatale Nähe. Wusste von sich, sie sprach auf Männer an. Sie fuhr die Linien und Flächen seines eigenartigen Gesichts lang. Mochte, dass er zehn, zwölf Jahre älter war. Drängte ihr die Vorstellung auf, er wäre klüger und könne nötigenfalls Widrigkeiten von ihr abhalten. Noch immer hatte sie sich nicht von dieser Erwartung gelöst, obwohl sie durch Jo eines Besseren belehrt sein sollte. Nach langem Tag brauchte Gemeinschaft nicht mehr durch viele Worte bewiesen zu werden. Wenigstens wich er ihren Fragen nicht aus. In seiner Ehe (ja, natürlich, der Mann Harald verheiratet!) gab es einen vierzehnjährigen Sohn. Gegenüber reichhaltigerem Familienleben war er abgeneigt. Wenn meine Frau mich doch mal satt haben sollte und mich rauswirft, ich wollte eine Partnerin ohne Familie, sagte er. Den Satz behielt sie. Der schien sich auf sie zu beziehen.
Spät in der Nacht begleitete er sie zu ihrem Bauernhof. An schwarz gebeizter langer Bretterwand nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände, presste seinen Körper gegen ihren und sie gegen die Wand. Sie spürte seine Erregung deutlich wie noch nie bei einer Umarmung, waren fast gleich groß, vielleicht deshalb. Zündete der Mann sie an, damit sie dann lichterloh brannte, und was dann? Sie war ihm von einer Sekunde zur nächsten verfallen, war niemals jemandem so ausgeliefert gewesen, im ganzen Leben nicht. Versuchte aber doch, die deutlich vor Augen stehende Katastrophe abzuwenden. Hatte die Vorstellung, sie müsse lediglich der Bretterwand entkommen. Dann würde sie laufen, laufen, und in der Kammer im Bauernhof wäre sie dann in Sicherheit. Lass mich gehen!, bat sie. Lass mich, bitte! Heißes Wasser trat ihr in die Augen vor lauter Inständigkeit. Aber warum denn, warum denn bloß?, fragte er zwischen den Küssen, die sie fast erstickten. Fuhren sich gegenseitig in die Schlünde und bissen leicht auf schlängelnd-feuchte Ungeheuer. Lass mich, lass mich!, klagte sie. War nicht imstande, mehr als diesen Satz zu sagen. Eine so dringliche Bitte! Konnte er sie doch leicht loslassen, stehenbleiben, bis sie weggerannt war! Er aber verstand nichts. Wohl, weil sie anderes sagte, als tat, und in ihrer Kopfschwachheit nichts herausbrachte an irgendwelchen Argumenten. Hatte nichts mit Verliebtheit, geschweige denn Liebe zu tun, dass sie von einem Augenblick auf den nächsten nicht mehr über sich selbst verfügen konnte. War wohl vom Wahnsinn befallen. Wollte aber mit Wahnsinn nichts zu tun haben. Bitte!, sagte sie zum letzten Mal, sah die schwarze Bretterwand vor sich. Könnte sie bloß loslaufen, die Wand hinter sich bringen! Als er sie losließ, war es zu spät, ihr eigener Wille von nun an - für wie lange? - ausgeschaltet. Würde alles ihm zuliebe tun.
Nach dem Aufwachen packte sie ihre Sachen. War offenbar doch zu paar Stunden Schlaf gekommen. Wie immer hatte die Bäuerin in der Küche ein Frühstück bereit. So plötzlich!, meinte die Bäuerin, als sie ihr mitteilte, sie müsse gleich abreisen. Ich hab mit Berlin telefoniert, sagte sie. Ich hab ein Angebot. Das muss ich mir anhören. - Arbeit geht vor, sagte die Bäuerin, bestellte Grüße an Bruder und Schwägerin. Über ihren Bruder war sie zu dieser Adresse gekommen. Bevorzugt, wer eine private Unterkunft an der See wusste. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund hatte die Küste fest im Griff.
Sie fuhren von der Insel. Er nannte den Namen einer Stadt als nächstes Ziel. Was immer er ihr vorschlug, sie war einverstanden. Einfach mal durch die Gegend kutschieren. (Jo fuhr ungern. War er auf Suche nach Schauplätzen für einen Film, saß sein Kameramann am Steuer. Sie kamen selten weiter als bis zum Stadtrand und im Sommer ans Schwarze Meer.) Nie grelle Sonne. Die Zweige gegenüberliegender Bäume trafen sich und gaben ein Dach ab. Kaum noch existierten Feldwege mit Obstbäumen, Hecken am Rande. Die großräumige Bewirtschaftung des Bodens ließ dies offenbar nicht mehr zu. Wenigstens durchzogen Alleen die hügelige Landschaft, Eis hatte den Boden gedrängt, geschoben. Die Dörfer bescheidene Siedlungen wie eh. In diesem Landstrich, sagte man, würde auch ein Weltuntergang erst hundert Jahre später bemerkt. Sie fuhren durch Buchen- und Mischwälder. Manchmal sah sie auf ihn, sein Profil, hohe Stirn, schmale Nase, vorgewölbter Mund. Traf sie ein Lächeln, wurde ihr schwindlig.
Auf breitem Platz vor einem Schloss parkten sie. Das Schloss, die Sommerresidenz der Großherzöge von Schwerin, gerade restauriert, so Harald, Dreigeschossig, die Geschosse voneinander abgesetzt, das ebene Dach von Balustraden umgeben, ein niedriger Turm über dem Eingang. Vom Schloss gleich zwei Alleen hinunter auf einen tempelähnlichen Bau. Sie umrundeten das Schloss, die rückwärtigen Seitenflügel. Gingen die Hauptachse hinunter zu dem Tempel. Seitlich der Alleen eingeschossige Häuser für Bedienstete, eines am anderen. Plätze taten sich auf. Das Zeichen über dem schmucklosen Zentralbau, ein von einem X durchkreuztes P auf der Kuppel, machte ihn als Kirche kenntlich. Hätte auch ein Theater sein können oder eben ein Tempel. Soll ich das nun schön finden? - Merkwürdig, sagte Harald. - Das ja. Auf dem Weg zurück zum Schloss wies Harald auf einen Marmorstein im langen Rasenstück zwischen den Alleen. Gedenkstätte für 200 ermordete Antifaschisten aus 11 Nationen des KZ Reiherhorst, las sie. Die Amerikaner haben fünfundvierzig die Einwohner gezwungen, die Toten des KZ's hierherzubringen und zu beerdigen, sagte Harald. Hier zwischen ihren schönen Schlossalleen, auf denen die Adligen Sonntags zur Kirche ritten. - Sehr gut!, sagte sie, die in der Schule stark antifaschistisch Erzogene. Ein Wasserlauf aus dem Städtchen verbreiterte sich am Schlossplatz zu einem See. Das Wasser wurde in einem Kanal aufgefangen, stürzte ein Wehr abwärts, nahm seinen Weg in einen Wald hinein. Harald legte seinen Arm um ihre Schulter. Gingen so, folgten dem Wasser. Beidseitig ebene Wege zum Flanieren. Der Kanal, bis fast zum Rand mit Wasser gefüllt, verbreiterte sich plötzlich, das Wasser fiel hinab in ein breites Becken. Springquellen tummelten sich. Brücken, Wehre folgten. Floss das Wasser dann wieder ganz mählich, spiegelten sich Bäume und Himmel in ihm. Hell war es. Auf den Anhöhen seitlich der Flanierstrecke Buchen im ersten Grün. Immer geradeaus, und dann bist du auf einem Feld, sagte Harald. Gingen vom Kanal weg in den Wald. Sie sah auf moderndes Laub, die glatten grausilbernen Buchenstämme, die einen dunkler als andere. War mit einem Mal wie ein Traum. Wollte sie unbedingt, der Traum sei kein Traum. Strengte sich an, sich aus dem tranceähnlichen Zustand zu befreien. Schien ihr, sie könne das Leben, das sie bisher geführt hatte, kaum noch aushalten. Na du? Harald strich ihr mit der flachen Hand über das Gesicht. Na du, antwortete sie, verzog das Gesicht zu fröhlicher Grimasse. War ja schön hier, so unsagbar schön. Eben das machte sie traurig. Konnte den Gedanken nicht ertragen, diesen Wald wieder zu verlassen, stellte sich vor Harald, legte ihren Kopf an seinen, wiegte sich, schob seine Hand an ihre Kehle, drückte darauf. Na?, sagte er bedenklich, Sie schaute die Bäume hinauf. Endlich hörte der Schmerz auf. War sie noch glücklich. Sollte es diesen einen Augenblick geben bis in Ewigkeit und danach keinen mehr.
Nicht so weit der Endpunkt der heutigen Fahrt: eine alte Stadt, viele Backsteinbauten. Der Wind hatte genug Platz in ihr. Die Stadt großzügig angelegt, war sicher mal von wirtschaftlicher Bedeutung gewesen. Alte Getreidespeicher fielen ihr auf. Die Stadt leistete sich zwei große gotische Kirchen und dazu ein Rathaus mit der für den Norden typischen gestaffelten, das Dach überragenden Giebelwand. Wanderten im Sturmschritt hindurch. Als würde er was versäumen!, dachte sie.
Hatte Harald einem Schriftsteller versprochen, zur Lesung zu kommen. Vielleicht konnte er einen Artikel über dessen neuestes Buch unterbringen in überregionaler Kulturzeitschrift, wenn der Mann auch nicht zu den ganz interessanten Autoren des Landes gehörte. Harald - wusste sie inzwischen - hatte mal Kulturwissenschaft studiert, heute machte er alles, was eine politische Stellungnahme nur in Maßen forderte: Kultur, Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Regionales. Die Redaktion der Zeitung, in der er mal festangestellt war, nahmen ab, schlugen auch selbst vor. Der Saal wohlgefüllt. Der Schriftsteller ein rundgesichtiger, dicklicher Mann, die schwarzen Haare lichteten sich. Las im Schein einer Leselampe, leise, etwas nuschelnd, hintereinander weg, ohne etwas besonders hervorzuheben. Dieses Dahinreden fast ohne Pause, Zögerer, hatte auf sie Wirkung. Wie im Einschlafen, doch ohne einzuschlafen, hörte sie die Worte, standen vor ihr Bilder auf. An einer Wand lehnte Harald, schaute ein-, zweimal durch die Kamera, ging durch den Raum, als gäbe es keine Zuhörer. Sein Gang leicht, schleichend, unter diesen Umständen besonders leicht. So und so hockte er sich vor den Lesenden, richtete die Kamera auch auf die Zuhörer. Setzte sich neben sie, kritzelte auf seinen Schreibblock von den Antworten des Mannes vorn, der mit unverständlicher Geduld auf seine Zuhörer einging. Anscheinend froh über geistige Erbauung und Belehrung, verließen die Leute den Raum. Sie blieb am Ausgang stehen, sah auf Harald und den Schriftsteller. Haralds Hände verhakten sich ineinander, lösten sich zu solchen und solchen Gesten, sein Gesicht ebenfalls in Bewegung von Grinsekatze bis ernst-langer Miene. Die beiden gaben sich förmlich die Hand, in Haralds Gesicht sein gewinnendstes, breites Lachen. Der Schriftsteller schaute ihm nach. Als sein Blick auf sie traf, sah er beiseite. Ja, heute gehört er mir, dachte sie.
Ihr Gepäck schon auf dem Zimmer, so dass sie gleich in den Gastraum des Hotels gingen. Iss, was du willst, sagte Harald. Ich lad dich ein. - Ich verdiene selbst! - Das nächste Mal lädst du mich ein!, sagte er. Das nächste Mal! Sie ließ den Satz nachklingen. Er soll so was nicht sagen, wenn er es nicht so meint!, dachte sie, bestellte, was er bestellte. Dir schmeckt's anscheinend. In seinem Lächeln musste Spott nicht unbedingt liegen. Wusste man bei ihm nie, woran man war. Mir schmeckt's, wiederholte sie, dachte daran, dass sie die Nacht miteinander verbringen würden und ob es am nächsten Morgen doch keinen Abschied für immer geben würde.
Der Gang ins Doppelzimmer nun für sie doch nicht selbstverständlich. Ohne weitere Vorrede zog er sich aus, seine Haut nirgendwo heller. Hatten ihre Hände schon von seinem Körper erzählt, so dass Schönheit sie nicht wunderte. Machte sie also auch keine Umstände, dachte sich an einem FKK-Strand. Mochte er sie jetzt oder später ansehen. Standen für einen Augenblick nackt-unschuldig da, klammerten sich im nächsten aneinander, als herrsche ein Orkan und ohne einander wären sie verloren. Erfolgten heftige wortlose mündliche Austausche, schnappten endlich nach Luft wegen so atemraubender Tätigkeit. Ihre Hände erkundeten eine Rückenlandschaft, von Schultern angefangen. Ihre Hände so furchtbar tastsüchtig, gelangten mit einem Mal in hübscheste mittige Gegend. Regte sich das Leben so sehr, dass sie auflachte über solches Wachsen und Gedeihen im Nu und wie sehr und dass sie sich Schönstes versprach von nächstem Tun. Fielen hinein ins noch nicht bezahlte Lager. Auf einmal hatte sie kein bisschen Geduld, nahm ihren lieben Herrn, den Herrlichen, bei der Hand, selbst erstaunt über nie zuvor bemerkte Eigenmächtigkeit. Gab ihm noch den einen Hinweis, er brauche sich nicht vorzusehen. Er sah sich nicht vor, in keiner Weise, wurde immer erstaunter, weil sie alles wollte, was er wollte. Manche Frauen fürchten ihn, sagte er. - Ich nicht, sagte sie, ich hab vor keinem Mann Angst. Ich habe nur Angst vor Enttäuschung. - Du willst viel! Er lachte. - Alles!, bestätigte sie. Männermörderin! Weißt du, dass in einem Mann eine Urangst ist, er würde nicht reinkommen. - Soll er auch nicht. Nicht gleich. Ich will was von haben. Er lachte, strich über ihren Körper. Du hast eine schöne Haut. Man merkt, du bist noch jung. Das hatte sie nun noch nie gehört und glaubte es auch nicht. Ich bin vierunddreißig, gab sie zu bedenken. - Siebzehn, sagte er. Siebzehn, siebenundsiebzig und siebenhundert. Du hast die Erfahrung von siebenhundert Jahren. Und du siehst aus wie siebzehn. Wenn du liebst, siehst du aus wie ein ganz junges Mädchen. Du müsstest dich mal anschauen. Es kommt mir direkt unanständig vor, mit einem so jungen Mädchen zu schlafen. Er wandte ihr den Rücken zu, verlangte, dass sie dicht bei ihm blieb und immer weiter streichelte. Erzählte, seine Mutter hätte ihn als kleinen Jungen so streicheln müssen, sonst sei er nicht eingeschlafen. War also ein verwöhntes Balg gewesen. Ihr fiel somit eine Aufgabe zu. Und da sie Aufgaben ernst nahm, war schon von Lehrern als gewissenhaft und gründlich eingeschätzt worden (stand so in ihren Schulzeugnissen), wandte sie sich spät von ihm ab. Als er sie weckte, dämmerte es erst. Durch Abgeschundenheit mancher Glieder ließen sie sich nicht abhalten von mehrgängigem Früh-Stückchen. Schliefen noch mal ein. Später saß sie im Hotel-Restaurant als hoffnungslose Frau. Ach, da schnitt sich der Gefährte wunderbarer Nacht sein Brötchen auf und hatte einen Appetit. Für sie war es eventuelle Galgenmahlzeit, da hatte sie nicht die geringste Esslust. Mochte Begräbnisse erst recht nicht am Morgen. Labte sie wenigstens ihre Seele an letzten Anblicken: seine Haut, seine Augen honigfarben, ja, jetzt wusste sie es, bei hellem Licht honigfarben. Der Schimmer seines Kopfhaars eher dunkel blond als hellbraun. Du musst essen!, sagte der tüchtige Kämpe. Du hast schließlich was geleistet. - Kann nicht, sagte sie und nach langem Auf-ihn-Sehen endlich mit Stimme fast ohne Ton: Sehen wir uns wieder? - Dummkopf, erwiderte er. Das schien ihr eine handfeste Antwort. Doch so müde-matt kriegte sie ihre Ängste nicht unter Kontrolle. Konnte nur hoffen, dass ihr das Schlimme (Folter bis Todesstrafe für sich oder jemanden ihr Liebem) erspart blieb, das aus so einer Nacht zwangsläufig folgte. Sie fragte nach nichts, schob so mögliche schlechte Botschaften noch hinaus. Zum Beispiel, dass er noch andere Termine hätte, sie mit dem Zug nach Hause fahren müsste. Da er nichts darüber verlauten ließ, blieb Trennung aufgeschoben, jedoch nicht aufgehoben. Zogen sie aus dem Hotel aus und fuhren weiter landeinwärts, bis sie - irgendwann - dann doch die Ausläufer allerhässlichster Großstadt, ihre Krakenarme, erreichen würden. (Dass sie immer so dachte, wenn sie mal weg von der Stadt war. Nachher ließ es sich doch leben in ihr!) Schaute auf ihren Herrn Harald, der nichts ahnte von ihrem Unglück, ihrer Fassungslosigkeit. Seine Hände auf dem Steuer lang, kräftig und wohlgeformt. Handarbeiter vielleicht noch sein Großvater gewesen, sein Vater wohl nicht mehr. (Zu Gesichtern sah sie immer auch Hände, war Übereinstimmung wie Dissonantes aufschlussreich.) Liebte schon allein diese Hände. Blieb ihre Linke schließlich nicht in ihrem Schoß mehr liegen, strich über seine Jeans, legte sich dort hin zur Ruhe. Darf ich? - Wenn du Biest nicht auf andere Ideen kommst. Im Lachen verging ihre Traurigkeit. Müdigkeit machte gleichgültig bis in übernächste Stunde.
Wäre gern in ihre Kammer verschwunden, ohne Jo zu sehen. Doch Jo im Hauptraum fast immer anwesend. Würde erste Begegnung wahrscheinlich gleich erfolgen. Sähe er es ihr an und fragte sie, wollte sie ohne Umschweife bekennen. Konnte ihn nicht schonen. Sie fand ihn wie erwartet: in seinem Lehnsessel, um ihn herum verstreut Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Manuskripte. Jo blickte auf: Wolltest du nicht später kommen? Das Freundliche in beiläufiger Frage nur für sie zu erkennen. Fremde konnten seine Gemütsbewegungen kaum ausmachen, außer wenn er lachte. Sie betrachtete müde das großflächige Gesicht ihres alten Freundes: die Nase gerade, stumpf, die Augen groß, etwas hervortretend. Bei einem Lichteinfall hatte sie schließlich bemerkt, sie waren nicht dunkel, sie hatten gar keine Farbe, allenfalls war eine Spur Blau drin. Die Haare dicht, dunkel, von wenigen grauen Fäden durchzogen. Obwohl in Einzelheiten nichts Besonderes an ihm war, das starke Haar ausgenommen, galt er als gutaussehend. Mochte seine Größe, seine kräftige Statur dazu beitragen. Die Unbeweglichkeit seiner Mimik hatte ihr früher imponiert. Er wirkte so männlich, gelassen. Lange hatte er ihren Erwartungen entsprochen und sie es als so wahnsinniges Glück angesehen, dass er sie bei einer Probe im Studio unter den Kleindarstellern herauserkannt hatte als eine, die was mehr wollte. War nicht bei einem Abenteuer geblieben, in dieser Branche besonders verwunderlich. Vielleicht, weil ihn seine Frau gerade verlassen hatte. Alles bei dir war schon angelegt, sagte er, sprachen sie über seine rasche Entscheidung. Du warst keines von diesen Mädchen, das habe ich nach dem ersten Abend gewusst. Und es war klar, welche Mädchen er meinte. Vorher hatte sie nichts von Treue gehalten, da die Männer, die sie kennenlernte, nichts davon hielten. Jo aber hatte sie angebetet, und sie hatte während des ganzen Studiums in Weißensee nach keinen anderen Männern geschaut. War's schön?, fragte er. Sie hatte immer noch nichts gesagt, nur angeschaut, was sie im Begriff war aufzugeben. Ja schon, sagte sie. Schön war's, schön, aber dann doch etwas langweilig. Jo hatte genug gefragt, kannte das von ihr schon, dass sie von einer Reise wie eine Fremde kam. Sie ging die Stufen hinunter in den unteren Teil der Wohnung mit Kammern und der Küche. Dort das übliche Chaos. Sie ordnete, wusch ab. Indem die Ordnung zunahm, nahm ihr Ärger ab. Sie ging daran, ein kleines Mittagessen zu machen von dem, was noch an Vorräten da war. Wenigstens versorge ich ihn, dachte sie, hielt diese Feststellung ihrem in letzter Zeit häufig aufkommenden Gefühl entgegen, sie bliebe ihm etwas schuldig. Offenbar kann ich nicht ohne das Eine sein, sagte sie sich. Es kam schon noch vor, dass Jo sich ihrer als Frau vergewissern wollte. Doch da seine Versuche halbherzig und leidenschaftslos waren, redete sie ihm die in der Regel aus. Beharrte er, war es für sie eher eine caritative Handlung, so dass sie dachte, sie würde auch zum Beruf der Hure taugen. Du bist so still!, hatte er die erste Zeit gesagt, ihre Veränderung bemerkt. Aber er konnte dies ja auf ihre Unfähigkeit zurückführen. Und sie war tatsächlich an sich irregeworden. (Nun allerdings wusste sie, mit ihr war alles richtig.) Gemeinsam begründeten sie seine Lustlosigkeit mit Schwierigkeiten in der Arbeit. Denn zum ersten Mal war ein Versagen aufgetreten, nachdem wieder einmal ein Projekt gestorben war. Wohl bekam Jo jeden Monat vom Fernsehen ein gutes Gehalt, doch kaum einen Film. Wenn doch, dann keineswegs überragende Stoffe und er an Auflagen gebunden. Man hatte Jo im Studium eine große Begabung nachgesagt. Er selbst hatte viel von sich erwartet. Nun war er Ende Vierzig und hatte weder Viel noch Außerordentliches geleistet. Das drückte ihn. Sie hatte versucht, mit ihm Geduld zu haben. Doch so nachsichtig sie in Vielem sonst war, in der Liebe gelang es ihr nicht. Da hatte sie nach ein-, zwei Malen, wo ihm nichts gelang, regelrechte Panik ergriffen, es würde nie wieder was mit ihnen. War sich im Übrigen nicht sicher, ob Unvermögen nur am beruflichen Misserfolg lag. Konnte der Grund sein, konnte ein Grund unter anderem sein oder überhaupt keiner. Inzwischen schlief jeder in seiner Wohnungshälfte. Er bewohnte die beiden durch eine Glastür getrennten sehr großen Haupträume, sie die Kammern im tiefer gelegenen Trakt, beim Bau für das Personal vorgesehen. Die Kammern zeichneten sich durch Helligkeit aus. Zu den Mahlzeiten traf man sich in der Wohnküche am Ende des Gangs.
Als sie Jo wegen des Essens Bescheid sagte, stand er sogleich auf, hatte also nur auf ihren Ruf gewartet, ging ihr nach. Was du inzwischen gegessen hast, möcht ich wissen, sagte sie wütend vor sich hin. Auf seinem Platz am Küchentisch sah er ihr zu, wie sie deckte, das Essen auftat. Dankbarkeit in seinem Gesicht. Das nicht so stumm, wie es schien, kannte man ihn genau genug. Schien ihr Jo wie ein großer Junge trotz des Altersunterschieds zwischen ihnen. So hatte sich in den Jahren des Zusammenlebens ihr Verhältnis zueinander gewandelt! Wollten vielleicht alle Männer im Grunde irgendwann wieder ihre Mutter und sonst nichts. Sie wich seinen Blicken aus, tat, als sei sie sehr in Gedanken, behielt ihn - die Lider halb gesenkt und scheinbar abwesend - immer im Auge. Da sie nicht redete wie sonst meist, sagte er schließlich was: Schlecht siehst du aus. Mickrig. Ja, richtig mickrig. Ich denke, du wolltest dich erholen. In seinem Blick nicht der geringste Argwohn. Sie erklärte, sie habe die Nacht aus unerfindlichen Gründen schlecht, ja fast überhaupt nicht geschlafen. Zufrieden, dass sie wieder bei ihm war, fragte er nicht weiter. Wusste sie ja, er litt unter ihrer Abwesenheit, obwohl er zuredete wegzufahren, war ihr danach zumute. Er wollte sie nicht einsperren. Dann hab ich wenigstens mal Ruhe vor dir, sagte er, deutete bisweilen an, dass er sein Strohwitwer-Dasein gehörig ausnutzen wolle. Dass sie nie auf diese Andeutungen einging, enttäuschte ihn. Ob sie denn gar nicht eifersüchtig sei, fragte er manchmal. War vielleicht ein Mangel, dass sie keine Angst hatte, ihn zu verlieren. Wünschte sich sogar manchmal, er fände eine andere. Die Beziehung war so ausrechenbar geworden und sie in einem Alter, in dem sie dies - anders als Jo wahrscheinlich - noch nicht schätzte.
Sie schlief in den Nachmittag hinein, holte versäumten Schlaf nach, blieb noch lange liegen, unfähig, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass nun alles wie immer ablaufen solle. Hatte große Unlust, einen Überdruss am Leben überhaupt. Leere war in ihr und ein schaler Geschmack im Mund wie von einem schlechten Abenteuer, was es doch nicht gewesen war. Wusste nicht mehr, was sie wollte, wünschte. War das vielleicht das Schlimmste. Als sei sie sich selbst abhanden gekommen. Nichts mehr, woran sie sich halten konnte.
Hatte wenigstens kleinen Pflichten nachzukommen: das Abendbrot zu bereiten. Um unverkennbare Missstimmung zu bemänteln, redete sie sich damit heraus, sie habe sich wohl erkältet, sagte sogar etwas von Kopfschmerzen, obwohl sie Lügen sonst nie in den Mund nahm, und war auch keine ganze Lüge. Jo mitleidig. Der Gedanke, sie könnte ihn mit einem anderen Mann hintergangen haben, lag noch immer außerhalb seines Vorstellungsvermögens.
Am Morgen des anderen Tages hatte sie wieder Gewalt über sich, konnte mit Jo sein, als sei nichts gewesen. Dachte an Harald mit immer größer werdender Sehnsucht. Klingelte das Telefon, rannte sie von ihrer jeweiligen Beschäftigung zum Apparat, obwohl die Anrufe alle für Jo waren. Wer rief sie schon an. Hatte nie so eifrig Telefondienst versehen. Was ist?, fragte Jo schließlich. Der Verlag müsste sich melden, murmelte sie, sagte Schwindelei nur ganz leise. Dann ruf doch du an!, riet Jo. Sie knurrte Widerspruch.
Der Tag verging, der nächste. Sie erledigte nur dringlichste Einkäufe. Am dritten Tag war dann doch gerade Jo am Apparat. Für dich!, rief Jo den Gang hinein. Sie stürzte an den Apparat. Hörte seine Stimme und war mit einem Male in einem Raum ganz abgeschlossen für sich allein mit ihm. Seine Stimme diesmal sehr jung, hell. Du kannst heute Nachmittag vorbeikommen. Wenn du willst, natürlich nur, sagte er sehr höflich. Ja, sagte sie und wiederholte, nicht imstande zu mehr Worten, nach kurzer Pause noch einmal: Ja. Jo sagte sie, sie müsse am Nachmittag weg. In den Verlag?, fragte er. Nach ihrem Kopfschütteln bekam sein Blick ein wenig Härte, wie wenn er nachdächte.
Abgewetzt das Haus, in dem Harald wohnt wie alle Häuser um den Hackeschen Markt. Eine schwere Tür, die Treppe breit, sehr hoch. Das Geländer aufwendig gedrechselt. Wenn man schon dem Treppenhaus so viel Bedeutung einräumte, wie mussten dann die Wohnungen sein! Im zweiten Stock traf sie auf ein Schild, in Messing geprägt sein Vor- und Nachname und zuvor der einer Frau. Fuhr ihr dieser Frauenname vor seinem Vor- und Nachnamen ins Herz wie etwas sehr Böses, Scharfes. Kündete messingene Platte von unverbrüchlicher Zusammengehörigkeit, womöglich über den Tod hinaus. Wegen großer Täuschung hätte sie laut wehklagend umkehren können, aber nichts da, musste ihren Leidensweg weitergehen. Ihr Kopf übervoll vom merkwürdigen Frauennamen Thea, drückte sie gegen Klingelknopf. Hörte bald Schritte, aber es blieb dunkel hinter den gläsernen Scheiben. Thea-Thea. Wurde in eine Dämmerung eingelassen. Harald in hellen Jeans und khakifarbenem Hemd gerade noch zu erkennen. Am Ende ihrer Kraft, lehnte sie sich an ihn. Hatte bis zu dem Augenblick an Wiedersehen nicht glauben können. Betäubender westlicher Aftershave-Duft umhüllte ihn. War fast zu viel für sie: ein Mann, der so aussah wie er und auch noch auf sich hielt. Sie doch bloß ein großgewachsenes, dunkelhaariges älteres Mädchen, grad noch nicht mager und eher spitznasig, mit Mausaugen, wie Jo sagte, weil sie etwas eng standen. Na ja, na ja, sagte Harald endlich und löste sich aus ihrer Umarmung. Wenn du nicht angerufen hättest! Sie sagte den Satz so, als hätte sie dann wahrscheinlich sterben müssen. Ich habe aber angerufen. Ich hab doch gesagt, ich rufe an, erwiderte Herr Harald. - Was man sagt, ist eines, was man tut, ist das andere. Sie beharrte auf dem Recht, ein paar Tage unglücklich gewesen zu sein. So ungläubig? - Ja. Immer. In allem. Wäre ich ein Mann, müsste ich Thomas heißen. - Thomasia?, schlug er vor. - Klingt nicht, sagte sie. Mochte ihn nicht loslassen, was ihn offenbar belustigte. Sie betraten sein Zimmer. Groß war es, wie sie sich gedacht hatte, noch größer als ihre Räume zu Hause. Die Stuckdecke geweißt, das Innere des Stuckovals blau getüncht wie ein Himmel. Regale bis an die Decke hinauf, antike Möbelstücke. Teppiche auf dem Parkettfußboden. Wo die Wände frei waren, kleine Bilder, Originale. Eine breite, niedrige Liege, ein Teppich darüber. Etwa der Luxus, den sie sich und Jo gestattete. (Sie hatte Jos Wohnung nach und nach neu hergerichtet.) Ihre Sorge unberechtigt, Haralds Zuhause sei zu behäbig oder sonst von minderem Geschmack. Mochte Frau Thea ihre Hand im Spiel gehabt haben. Der Raum durch eine Glastür mit einem zweiten verbunden, dem von Frau Thea wohl. Sie leben so dicht beieinander, dachte sie beklommen. Lassen vielleicht sogar die Tür offenstehen. Thea-Thea, wiederholte sie, um sich zu gewöhnen. Tee davor oder danach?, fragte er. Es gibt auch Kuchen. Ich weiß doch, du magst Kuchen. Ihre Hände mussten sich ständig von seiner Anwesenheit überzeugen. Tee danach, konstatierte er. Sie nickte. Er war bereit, war sie es auch. Gab kein Vorspiel, als erstes ihre Hand bei ihm, wurde schon Gewohnheit. Von seinem fortdauernden leisen Reden vergaß sie alles im selben Augenblick, war in einem Zustand, der ihr nicht erlaubte, sich Worte zu merken. Erzählte er auch mehr für sich hin. Doch nach erstem Akt und Vorhang herunter durfte gemeinschaftlich geplaudert werden. Er hatte ihr den Rücken zugewandt. Fiel ihr wieder Aufgabe zu, mit lieben Händen über ihn hinwegzufahren, während sie redeten. Er voller Staunen über sie, sie über ihn. Behauptete er wieder, sie sei siebzehn, siebenundsiebzig und siebenhundert. Und du hast die Kraft von zehn Frauen. - Und du von zwölf Männern. - Sechs! Ich kenne mich selbst nicht! - So etwas gibt es doch nicht. Nur bei Frauen. - Du bist so eine. - Bei Frauen ist das nicht ungewöhnlich. Von Männern hab ich nie so was gehört. - Bei mir war es auch nie so. Ich hab viele Frauen gehabt. Ich war nicht immer ein Held. Er weidete sich am Erzählen von Missgeschicken, log, frühere Geliebte würden sicher nichts Gutes über ihn sagen, ihn gar Schlappschwanz nennen. - Und deine Frau? - Erklärte er sich nun länger. Das sei seit Jahren vorbei, sie sei auch älter. Traf für Ehemann traurigste Feststellung: Wahrscheinlich habe sie sich nie dafür interessiert. Ich hab gedacht, so ist das eben, sagte er. Was man sich als Halbwüchsiger vorstellt, bekommt man nicht. Ich hab auch Träume gehabt, wie es mit einer Frau sein könnte. Aber dann habe ich die Hoffnung aufgegeben. Immer dasselbe, habe ich gedacht. Es hat mich inzwischen gelangweilt. - Du hast dir die falschen Frauen ausgesucht. - Es gibt zärtliche Frauen. Da ist nicht viel mit Sex. Und es gibt heiße Frauen. Du zündest sie an, eine Explosion. Und alles ist vorbei. Aber du bist zärtlich und heiß. Die Mischung ist es, die findest du nicht oft. - Glaube ich nicht. Es ist doch ganz natürlich. - Glaube es doch. Ich habe ein bisschen Erfahrung. - Ich würde so gern für immer bei dir sein! - Ich habe eine Frau. - Ja. - Vor zehn Jahren wäre das vielleicht möglich gewesen. Langsam sagte er das. Aber heute hat sie keine Chance mehr! Sie wollte ihn. Aber das Leben seiner Frau zu zerstören, lag ihren Gedanken fern. Hielt sich sowieso nicht für eine Frau, derentwegen ein Mann eine andere verließ. Jo war allein gewesen, als sie ihn kennenlernte. Sie überlegte, was vor zehn Jahren zwischen Harald und seiner Frau gewesen war, dass er zu dem Zeitpunkt sie hätte verlassen können. Hatte er vorher leise von ihr geredet, redete nun sie von dem, was ihre Hände erfuhren, wie schön diese und wie schön jene Stelle und welche ganz besonders. Wollte er nun Bauchseite gestreichelt bekommen. Spürte sie auch da ihren gemeinsamen Wünschen nach. Nicht lange, da stieß er Stalltür auf und ließ feurigen beiden Rossen wieder freien Lauf, die rasten über sie hinweg, dass ihre Sinne schwanden. War ihr nach Sterben zumute. Schien ein kleiner, wünschenswerter Schritt von diesem Aufsteigen in Unendlichkeit bis zu gänzlichem Auslöschen. Du musst sagen, wenn du genug hast. - Das muss der Mann. Ich kann es nicht. Ich kann nicht aufhören, bis du aufhörst. - Ein letztes Mal!, versprach er. - Ja! - Wieder wandte er ihr den Rücken zu. Hätte sie sich nun gern ausgeruht. Deine Hand, deine Hand, murmelte unnachgiebiger Herrscher Harald. Durfte ihn nie loslassen, den im Kampf nicht Besiegten und jetzt Zufrieden-Kleinen. Stand der Gastgeber doch noch auf, damit sie Tee und Kuchen bekäme als Zehrung für den Weg. Sie freute sich an seinem Umhergehen in Nacktheit, dem athletischen Körper, an wunderbaren Männerorganen. Aber wäre gewiss mit weniger Prächtigem auch sehr zufrieden gewesen, denn Liebe verzauberte ihr den Mann. Wie du daliegst, sagte er, sie aus Ferne betrachtend. Wie denn? Lag sie doch noch immer so, wie er sie verlassen hatte. Schamlos, sagte er. Hast du nicht genug? - Doch. Eingeladen zu Tee und Kuchen, setzte sie sich auf. Da hockten sie nun, das Tablett zwischen sich. Teppichblumen ringelten sich an ihren Leibern hoch. Dachte sie sich Harald als indischen Derwisch, vollkommen beweglich sein Körper, die Hautfarbe stimmte in etwa. Sie sog den Duft von Tausendundeiner Nacht ein, aber war Sündrüchlein dabei und nicht bloß erzählt worden. Er lachte ausnehmend. Wie man sieht, es schmeckt dir wieder mal, sagte er. Du isst, wie du liebst. -Aber ich trinke nicht, und ich rauche nicht. Und man denkt, alles andere tue ich auch nicht. Aber das macht mir nichts. Ich lache bloß, wenn andere sagen, du trinkst nicht, du rauchst nicht, und in der Liebe ... Sie denken, da tauge ich auch nicht. - Man sieht es dir nicht an, sagte er. - Das ist gut. Sie überlegte, dass sie keine Männer haben wollte, die bei ihr nur das eine sehr ausgiebig in bisher nicht gekannter Weise erhofften. Den Blick auf die Uhr brauchte sie nicht, um zu merken, ihr Herr wurde unruhig. Ich zieh mich an, sagte sie. - Eine Viertelstunde noch. - Wenn ich deiner Frau begegne? - Du kannst aus jeder Wohnung im Haus kommen. - Was machst du, wenn sie was mitkriegt? - Ich leugne. Und dann ist es aus mit uns. - Aha, dachte sie. War nun wohl unterrichtet, völlig aufgeklärt und mit Tatsachen bekannt gemacht. Kleidung lag auf dem Boden, ein Stück im anderen wie kurzzeitig gehochzeitet habend. Zog sie nun das eine aus dem anderen heraus und sich über den Leib, der hatte als Speis genug gedient. Gastgeber brachte Besuch zur Tür, hielt ihr zum Kuss die Wange hin. (Hatte sie heute nicht geküsst, war wohl unnötiges, pubertäres Spiel.) Ich melde mich!
Am selben Tag ging es ihr gut, am nächsten weniger gut, war doch das Versprechen, sich zu melden, eher vage gewesen. Wartete tags darauf noch eindringlicher, bis sie sich mal eben aus dem Haus begab, denn musste ja nun Nahrung herangeschafft werden für zwei Menschen. Hatte Harald wohl bloß drauf gewartet, dass sie mal wegging, denn bei Heimkehr kündete Jo die Nachricht aus seinem Sessel, spuckte sie aus wie was ganz Widerwärtiges mit Augen wie Stein und gänzlich erstarrtem Gesicht: Dein Herr Dorisch hat wieder angerufen. War Jo vielleicht ein Troll, ein Unhold, bärenstark und bösartig. Wartete auf eine Gelegenheit, auf einen Tag, an dem er ihr es heimzahlen würde. Dorau, sagte sie. Und? - Nichts. Er ruft wieder an. Wasser schoss ihr in die Augen, dass sie sich schleunigst abwandte vom Mitbewohner und in ihre Kammern abtauchte.
Tage vergingen. Er macht sich keine große Mühe mit mir, dachte sie. Er hat sich gemeldet. Das genügt ihm. Wagte nicht, bei Harald anzurufen, obwohl die Frau tagsüber in der Redaktion arbeitete. Doch mal war sie krank oder nahm den monatlichen Hausarbeitstag, der berufstätiger Frau ab bestimmtem Alter zustand. Wählte endlich doch seine Nummer, zagend zunächst. Da nichts Schlimmes davon kam, in nächsten Stunden mutiger. Ja bitte? Mit einem Mal nüchterne Harald-Stimme. Jaja, entschuldige, brachte sie stotternd heraus. Hier bin ich. Lena. - Ich hätte dich auch angerufen, sagte er ruhig, gerade noch freundlich. Ich war unterwegs. Einmal habe ich dich übrigens angerufen. - Aber das ist schon Tage her! Hielt ein in ihrer Rede. Wollte ihm keinen Termin aufzwingen. Donnerstagabend, sagte er. Voraussichtlich. - Gut. - Wenn nichts dazwischen kommt. Aber dann melde ich mich. - Sag es auch Jo, wenn ich grad nicht da bin, bat sie. (Das musste Jo aushalten.)
Fuhr ihr eine Angst in Herz und Glieder auf den Metern von Straßenbahn in Haralds Haus, dass die Beine sie kaum trugen. Wurde ihr zur Gewissheit, dass Harald heute sagte: Es ist aus. Was hast du gedacht? Hatte sich in erwachsenem Alter kaum je so minder, so klein gefühlt. Niemals eines Mannes wegen. Erinnerte sich nur an ein Gefühl aus Kindheitszeiten. Da hatte sie vor der Mutter - wie oft - dagestanden mit blutrotem Gesicht, angeschuldigt wegen nichts. Hievte sich mit fast lahmen Beinen, schlappen Armen am Treppengeländer hinauf. Starrte auf das Türschild. Niemals würde sie sich an Thea-Thea gewöhnen. Und dann Haralds Duft um ihn und sie herum. Er hatte geduscht, sich grad mal den Bademantel übergezogen, Gürtel um Taille geschlungen. Da sah man, sie war schmal. Ich dachte, es lohnt sich nicht, mich anzuziehen!, sagte Harald, öffnete seinen Mund zu anzüglichem Grinsen. Als müsse sie trotz der ganzen Luft ertrinken, hielt sie sich an ihm fest. Bis die Angst großer Vorfreude wich. Sie fuhr den Spalt des Bademantels hinunter, der Gürtel leicht zu lösen. Der Kämpe stand gefechtsbereit. Ließ den also gar nicht mehr los, führte Mann und Maus und Katz in sein Zimmer, auf die Lagerstatt zu. Dachte sie, er hätte sich nun endlich verausgabt, würde über ihren streichelnden Händen einschlafen, wachte er wieder auf. Sie konnte beileibe nicht widerstehen, so todmüde sie eben noch gewesen war und lieber gern in seinem Arm ruhig gelegen hätte, als mit ihren Händen herum zu spazieren. Wie der kleine Häwelmann, sagte er nach soundsovielter Wiederholung freudvollen Ineinanderfahrens. Sie verstand nicht. Mehr, mehr, mehr. Kennst du nicht das Stormsche Märchen, wie der kleine Junge verlangt, in seinem Bett immer schneller die Wände entlangzurollen. - Kenne ich, ja, sagte sie, wunderte sich, dass ein Mann über Märchen redete, sagte sich aber, das sei sehr gut, da sie davon lebte, Kinderbücher, Märchen zu illustrieren. Es ist ein sexuelles Märchen, behauptete er. Mehr, mehr, mehr. So bist du. - Aber wenn du nicht mehr willst, will ich auch nicht mehr!, setzte sie entgegen. Je länger das uralte Rein-und-raus-Spiel dauerte, umso verrückter wurde es. Er benutzte derbe, aber gute Ausdrücke. Du fickst mich tot, sagte er. - Und du mich, sagte sie. Er fand wieder viele schöne Worte und Bilder, die sie leider im Hören schon vergaß. Mal setzten sie sich auf kleines Sofa, er brachte zu essen auf kleinen Tisch und ein Getränk, aus Wermut, Gin, weiterem, auf die Mixtur hielt er sich was zugute. Wie Mondlicht das von der Straßenlampe. Im blauen Oval der Stuckdecke Fensterkreuz-Schatten. Ihr schien, sie sei noch nie so glücklich gewesen. Er so voller Hingabe und männlich zugleich, unbesiegbar, ein Stier, ein Kentaur, ein Gott oder Halbgott ganz sicher. Du könntest über Nacht bleiben, sagte er, klärte über familiäre Abläufe auf: Der Sohn war vor einigen Jahren - der Schule wegen - ganz auf das Dorf gezogen, lebte die Woche über bei einer Nachbarin. Hatte Harald freitags einen Termin, fuhr seine Frau allein zum Sohn. Die Frau arbeitete nur vier Tage in der Woche. Geht nicht, sagte sie - blutenden Herzens - zu seinem Angebot, hatte noch eine Verantwortung gegenüber altem Freund. Warum nicht? - Ich habe es Jo nicht gesagt. - Ruf ihn an. - Ich muss es ihm einmal im Voraus sagen! - Weiß er nichts? - Vielleicht, vielleicht nicht. - Soll ich dir ein Taxi bestellen, ich bezahle es dir! - Die Straßenbahn fährt noch! Sie war sparsame Wirtschafterin, auch mit fremdem Geld. Während sie sich anzog, schlugen ihre Zähne aufeinander. Einen Höllenlärm machte das in ihrem Kopf. Hatte dabei nicht mal das Gefühl von Kälte. In ihrer Kindheit hatte sie Jungen, Mädchen gesehen, die aus dem Wasser kamen, bibbernd, bleich, die Lippen blau, ihre Zähne klapperten. Sie lachte. Hörst du es?, fragte sie. Ich klappere mit den Zähnen. - Ich höre es. Er lachte. Warum frierst du? - Weiß nicht. Auf einmal ist das gekommen. Sie lachte weiter. Ihr Unterkiefer gab keine Ruhe. Auch ihr Körper zitterte. Wenn ich müde bin, fange ich an zu frieren, sagte sie. Vielleicht bin ich müde. - Mein armer Schatz. Du hast dich erschöpft, sagte liebe- und mitleidvoller Liebhaber, brachte sie an die Wohnungstür, hielt ihr die Wange zum Abschied hin, wartete, bis sie unten an der Haustür war. Zu Hause Jo noch vor dem Fernseher, sah sich einen Film an, wahrscheinlich in ARD oder ZDF, selten die eigenen Sender eingeschaltet. (Brauchte man die anderen Kanäle wie Luft zum Atmen.) Du bist spät dran, sagte er. Wo warst du denn? Sie hatte nun gar keine Lust, sich was auszudenken, ging wortlos in ihre Schlafkammer.
In dieser Nacht kam Jo, legte sich neben sie ins schmale Bett. Ein neues Parfüm?, fragte er. - Es hat doch keinen Sinn. Nüchtern ihre Worte. Er umarmte sie. So wird's sowieso nichts, sagte sie. Jo dreimal so stark wie sie und sie ja keine Jungfrau. Sie gab auf. Es wird nur noch dieses eine Mal passieren, dachte sie. Passierte denn doch nichts. Mit Willen war dem Unvermögen nicht beizukommen. Froh war sie, triumphierte aber nicht. Jo am Bettende mit Vorwürfen gegen sie. Du willst nicht mehr mit mir. Daran liegt es. Du bist schuld, weil du nicht mehr mit mir willst. - Ich hab schon noch mit dir gewollt, sagte sie sanft. Aber jetzt nicht mehr. - Nie mehr? - Nein. - Du hast einen anderen! - Und wenn ich keinen anderen hätte. Ich will nicht mehr. - Ist es dieser ... Herr Dorau? Der Geruch an dir, ich wusste es! Sie schwieg. - Liebst du ihn? - Wie kann man so was sagen? - Du liebst ihn. Ich bringe ihn um! Liebt er dich? - Sicher nicht, antwortete sie. Er hat Familie. Wenn seine Frau von mir erfährt, ist alles aus. - Da kannst du mir nur leidtun. Er hat recht, dachte sie. Es kann auch mal sein, dass ich über Nacht wegbleibe, sagte sie und brachte diese Nachricht nun auch hinter sich. Wie ich dich hasse! Sein Gesicht zum Fürchten. Alle Gefühle daraus entlassen. So eine hat man nun großgezogen, hat alle Kraft in sie investiert. Und dann das. Vielen Dank! Sie sagte nichts dazu, dass sie schon vor ihm etwas erwachsen gewesen war, sagte nur: Tut mir leid. - Mir tut es leid. Und wie. Der Mann, der ihr halbes Leben lang ihr Freund gewesen war, erhob sich von ihrem Bett, warf die Kammertür hinter sich zu.
Immer später am Vormittag wurde es. Jo noch nicht aufgestanden, so dass sie endlich nach ihm sah. Lag er da mit offenen Augen. Im Raum ein saurer Geruch. Sie ging zu ihm, kniete sich vor die Liege, begann zu weinen. Seine Hand legte sich auf ihre Haare. Lena-Lenka, sagte er sein Kosewort. Weinte sie noch mehr. Ich wollte dir nie was Böses tun, Jo. Nie. - Aber du tust es. Du betrügst mich. Du weißt genau, wie's mir geht. Aber du lässt mich im Stich und betrügst mich. Du bist nur auf das eine aus. Ich hätte es wissen müssen. Mit dem Erstbesten fliegst du mir davon. Und er will dich nicht mal. Der Scheißkerl fickt dich bloß. Fickt er wenigstens gut? - Jo! Sie legte alles Flehen in seinen Namen, damit er aufhörte, gemeine Worte zu sagen. Duckte sich ganz in sich zusammen beim Danach-Fragen, ob sie ihm vielleicht einen Kaffee kochen dürfe und ein Ei. Nein! Jo tat die Verweigerung eines Dienstes an ihm gut. Einen Kaffee, Jo, bitte! Sagte sie so, als hinge wer weiß was von ab. Tränen liefen immer weiter ihre Wangen hinunter. (War lange keine Heulsuse mehr gewesen.) Na schön, einen Kaffee!, ließ sich Jo zu gnädiger Antwort herbei. Glücklich, etwas für ihn tun zu können, lief sie in die Küche, bereitete ein Frühstück wie sonntags, brachte es in sein Zimmer. Stand eine Weile, sah auf den vom Alkohol Betäubten, leise Schnarchenden. Hatte sie nun das Unglück angerichtet oder wer? Sie stellte das Tablett auf einen Hocker neben der Liege. Jo! Sie berührte seine Hand. Dein Kaffee, Jo! Er öffnete die Augen, orientierte sich. Sie schenkte ein, wartete, dass er sich aufrichtete. Wischte er plötzlich mit der Hand über die Tasse. Lief der heiß über ihre Haut ins Bett. Erst später, dafür nachhaltig spürte sie den Schmerz. Dann will er es eben so, dachte sie, schloss die Tür hinter sich. Wollte mit dem da drin vorläufig nichts mehr zu tun haben. Jede Arbeit war auch Handwerk, sie arbeitete weiter, wo sie aufgehört hatte, um nach Jo zu sehen. Sagte sich nach einer Stunde, ein unglücklicher Mann dürfe schon mal Kaffee ins Bett kippen.
Wäre ganz schön gewesen, Harald hätte danach noch mal angerufen. Aber was wusste er davon, dass sie grad dann von ihm hören wollte, nachdem er sich als Mann bestätigt hatte, wegen ihres Urmisstrauens, sie könne nach Gebrauch vielleicht doch weggeworfen werden. Krochen die Stunden in klebrigem Schneckengang, bis es genug Wochenende sein würde. Hörte Schritte, ging Jo ins Bad, in die Küche. Dort auf dem Tisch ihr Zettel mit der Angabe, was er sich jeweils aufwärmen könnte. Wollte ihm nicht mehr unter die Augen geraten. Aus den Augen noch nicht gleich aus dem Sinn, aber wenigstens wollte sie ihn nicht durch Anblicke noch mehr gegen sich aufbringen.
War dann das Wochenende um. Jo fand sich um gewohnte Zeit zum Frühstück ein. Hatte sich irgendwas zurechtgedacht, mit dem er erst mal überleben konnte. Zum Beispiel, dass sie ja bloß Geliebte war von jemandem, und das musste noch nicht so viel bedeuten oder so. Wenigstens konnten sie nun wieder aneinander vorbeigehen, was notwendig war, wenn man in einer Wohnung wie dieser lebte mit nur einem Ausgang durch den Hauptraum. Fast freudig für sie der Wochenbeginn durch Hoffnung auf Haralds Anruf von heute an. Doch der ließ sich nicht hören. Die Tage wogen immer schwerer, letzter noch mehr als vorletzter, legten sich auf ihre Seele. Am Ende nicht die geringste Zuversicht, aber ohne die ließ sich nicht leben. So wählte sie wieder seine Nummer, ließ es immer öfter in Stille hinein klingeln, bis ihr Antwort entgegenschallte von weiblicher brüchig-alter Stimme. Hallo, hallo!, rief die Frau in herrischem Tonfall, obwohl sie doch gar nicht wissen konnte, wer nicht antwortete. Klang ihr das Hallo ewig nach.
Eine Filmproduktion war angelaufen. Man verlangte immer nur Jo, so dass sie nicht mehr ans Telefon ging. Wenigstens hatte Jo zu tun. Mal erkundigte sich Jo nach ihrem Liebhaber, nicht mal höhnisch. Du wirst verarscht, meine Kleene, sagte er.
Hätten einige Wochen vergehen können, schließlich hätte sie Jo geglaubt. Dazu ließ es der Andere dann doch nicht kommen. Rief an, entschuldigte sich mit Terminen, wäre dauernd unterwegs gewesen. Hättest du doch was gesagt! Ich hab so gewartet! Mit einem Mal schluchzte sie auf, wo doch Zeit des Dahinvegetierens in dem Augenblick vorüber war. Wurde Heulsuse nun wohl Mode bei ihr. Du sollst nicht warten, ich habe es dir schon mal gesagt! Sagte der Mann das so, als ob man sich so was einfach befehlen könne. Es macht mir ein schlechtes Gewissen! - Du brauchst mir bloß mal Bescheid zu geben! Trug ihre Bitte mit zartester Stimme vor. - Ich bin immer frei gewesen!, entgegnete er. Zurechtweisung stand älterem Mann offenbar zu. Ich brauche das. Ich bin so. Meine Frau akzeptiert das. Sonst hätte sie sich schon längst von mir getrennt. - Sehen wir uns? Kaum noch zu hören, was sie fragte. Morgen, war seine Antwort. Ich denke, morgen Abend.
Und wieder auf den Metern von Straßenbahnhaltestelle zu seinem Haus die Gewissheit, er wolle sie nur sehen, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Beine trugen sie kaum zur Hinrichtungsstätte. Was hatte er ihr angetan oder wer hatte ihr das angetan, dass sie sich bei wirklicher Liebe statt erhoben so minder fühlte? Hatte dann doch keinen Anlass für Befürchtung gehabt, denn er war bereit für die Liebe. Sie löste wieder dem Frischgeduschten den Gürtel des Bademantels und führte gar nicht so kleinen Herrn Harald und großen Herrn Harald zu Wirkungsstätte, entledigte sich mit wenigen Griffen dessen, was so ganz unnötig ihren Leib bedeckte. Vergewisserte sich seines Körpers durch ständiges Begreifen, dass er schließlich loslachte, weil sie ihn so an Weiterem, Tiefergehendem hinderte. Legte sie sich, musste aber noch weiter schauen. Sollte er noch vor ihr auf den Knien verharren - aufrecht - damit sie alles sah, vor allem das, was da aufgereckt stand, von sich aus, keinem Befehl zugänglich im Gegensatz zu etwa einem Arm oder einem Finger. Jeder Gedanke an etwaige Minderheit war abhanden gekommen. War's ihr auch nicht bewusst: Seit Eintritt in Haralds Behausung hatte sie Regentschaft übernommen. Frau Thea für kurze Zeit hinweggefegt. Sie richtete sich auf, und wollte nun wieder die Zeugenschaft der Hand und so weiter. War alles wie beim letzten Mal und alles anders. Die Verlässlichkeit, die Freuden wie nie vorher erlebt. Redete er leise-begeistert dahin, antwortete sie vielleicht auch mal drauf. Konnte sich nicht genug tun, ihn anzusehen, solange noch ein Licht auf ihn fiel, und es fiel immer eines, später aus der Straßenlampe. Erkundete in Pausen seinen Körper mit leichten Fingern, küsste mit vorsichtigen Lippen, so dass ein Regen und Wachsen begann. Reichte ihr Mund, ihre Kehle bald nicht aus, ihn zu fassen. Warnend gab er Zeichen. Nie zuvor hatte sie geschmeckt. Hatte auch etwas Angst, dass es zu viel für sie sein würde. Stärker aber die Lust, alles von ihrem Allerliebsten zu kriegen, so dass sie nicht losließ. Sprach er nach leichter Erholung: So zu kommen, ist schlimm für mich. Ich kann nichts steuern, nichts für mich behalten für ein nächstes Mal. Wenn du es am Anfang machst, wirst du nichts mehr von mir haben. - Ich werde mich hüten, sagte sie lachend, nahm mit ihren Lippen die zu schnell trocknenden Spuren von seiner Haut, schmeckte nach und überlegte. Wie Ackersalat, sagte sie schließlich. (Ackersalat und Bucheckern, im Geschmack verwandt, die frühesten Erinnerungen ihrer Zunge, ihres Gaumens, waren mit Bildern verbunden. Die Bucheckern natürlich mit einem Buchenwald, die Bäume sehr hoch, das Astwerk lichtdurchlässig. Die kleinen, dunkelgrün-glänzenden Salatblättchen wuchsen auf einem Feld hoch oben am Berg wild zwischen anderem, das eigentlich angebaut war. Die Tante hatte sie mitgenommen. Die Mutter und sie waren für Monate bei der Schwester in Süddeutschland gewesen. Warum diese lange Reise geschehen war, wusste sie bis heute nicht. Aus jener Zeit einige Bilder haftengeblieben und der Geschmack von zerkauten, nussartig schmeckenden Blättchen. So viele Jahre ungebraucht, hatte das Gedächtnis die Erinnerung doch hergegeben.) Wie spät ist es?, fragte er in die Dunkelheit. - Woher soll ich das wissen? - Sag trotzdem, wie spät es ist! Sie hörte in sich hinein. Dreiundzwanzig Uhr siebzehn, sagte sie. Er schaltete kurz das Licht ein. Ich wundere mich über nichts mehr, sagte er. Du bist eine Hexe. Von da an hatte er einen außerordentlichen Glauben an ihre Fähigkeiten, Dinge zu sehen, die nicht gleich offenbar waren. Sie wurde sehr müde. Am liebsten würde ich bei dir einschlafen! - Das geht nicht. - Nein, das geht nicht, wiederholte sie gehorsam. Ich soll wohl jetzt gehen. - Ja. Es wäre besser. Sie stand auf, tastete nach ihrer Kleidung, nach ihrem Schmuck. (Zog sich für einen einzigen Blick von ihm so schön an, wie sie nur konnte.) Wenn die Haustür zu ist, klingele ich, sagte sie, küsste ihn. Er murmelte im Halbschlaf. Sie verschwendete keinen Gedanken darauf, warum sie ihn mitten in der Nacht verlassen musste. Wie sie auch nicht gefragt hatte, warum sie hatte kommen können. Bekam am nächsten Morgen nun doch ihren Anruf danach. Ich wollte mich nur kurz melden, sagte er, seine Stimme sehr tief, rau. - Es war so schön, sagte sie. - Ja. Ich meld' mich wieder. Das war nun der Anruf gewesen. Sie musste sich stundenlang sagen, dass er doch wenigstens angerufen hatte, und zudem, ohne dass sie hatte bitten müssen. Sollte sie sich einfach an die Tatsache des Anrufs halten.
Jo kam, ging. Bescheid sagte er nicht. Eines Morgens machte er sich ein großes Frühstück in der Küche, kochte viel mehr Kaffee als sonst, stellte alles auf ein Tablett und dazu Geschirr zweimal. Was soll das, Jo?, fragte sie, ahnungslos lachend. - Was du kannst, kann ich schon lange!, antwortete Jo. Es ist schließlich meine Wohnung. Da bekam sie mit, dass er eine Frau bei sich hatte. Erst am Nachmittag wagte sie sich durch das große Wohnzimmer nach draußen. Der Nachteil der Wohnung wurde erst recht deutlich. Dass Jo nun öfter eine Frau bei sich hatte, nahm sie hin als gerechte Erwiderung auf ihr Verhalten. Doch für seine wiederholten Mitteilungen, welch guter Liebhaber er sei, hätte sie ihn schlagen mögen. Zu sehr hatte sie unter seinem abnehmenden Verlangen, seiner Unfähigkeit gelitten und wusste inzwischen, was sie in besten Zeiten nicht an ihm gehabt hatte.
Von Jo in seiner Wohnung scheinbar nur noch geduldet, nahm der Gedanke an ein eigenes Zuhause zu, so dass sie sich im Verband bildender Künstler meldete. Man verwies sie an den Magistrat. Sie geriet auf eine Liste für dringende Fälle. Wohl war sie sich dieser Bevorzugung ihres Berufsstandes bewusst, hatten sonst nicht mal geschiedene Ehemänner in absehbarer Zeit Aussicht auf eigene Wohnung. Zogen die nicht zu ihren Geliebten oder wussten anderweitig Unterkunft, hockten sie noch lange bei ihrer Ehemaligen und den gemeinsamen Kindern. Dennoch quälte sie die Aussicht, in eines der gerade am Stadtrand entstehenden Neubaugebiete abgeschoben zu werden. Nie würde Harald sie dort besuchen, und für sich selbst konnte sie sich ein Leben Tag und Nacht in einer Satellitenstadt auch nicht vorstellen. Und über Tausch eine Stadtwohnung zu finden, war heute schwierig. Die Komfortwohnungen draußen schienen den in der Stadt Verbliebenen nicht mehr so anziehend wie vor Jahren. Auf einer Verbandssitzung traf sie Irene. Die wohnte in nächster Nachbarschaft, woraus sich so etwas wie eine Freundschaft ergeben hatte. In letzter Zeit hatten sie sich allerdings wenig gesehen. Kaum fragte Irene, wie es ihr gehe, erzählte sie los auf Teufel komm raus. Du glaubst nicht, wie mir vor diesem Marzahn graut! Ich bin dort vollkommen abgeschnitten! Irene lächelte, was sie sehr hübsch konnte. War überhaupt eine hübsche Person, sehr zierlich, die feinen Haare kurz geschnitten, stark gekraust. Du könntest meine Wohnung haben!, sagte sie. - Deine Wohnung?! - Wir ziehen aufs Land. Sie erfuhr, Irenes Freund war ein Bauernhof im Oderbruch angeboten. Sie wollten den Absprung aus der Stadt wagen, die Wohnung des Freundes allerdings behalten. (Die Miete ja zum Lachen.) Sie dachte an Irenes Wohnung: im fünften Stock gelegen, ein Balkon gegen die Straße hin. Die Straße stiller, abgeschiedener als jede andere im Stadtbezirk. Irene behauptete sogar, es gäbe über die Balkone der Straße hinweg nachbarliche Kontakte. Irene!, sagte sie nach langem Aufatmen. Also wenn ich die Wohnung kriegen würde! Bekam gesagt, sie solle doch noch mal alles in Augenschein nehmen.
Die Besichtigung fiel so aus, wie sie es sich schon im Vorhinein gedacht hatte. Besseres nicht vorstellbar: Ein schmales Zimmer zur dunkleren Hofseite hin. Der Hof klein, die Kastanie reichte bis zum Fenster. Ein sehr großes Zimmer zur Straßenseite. Die Küche bot noch Platz zum Sitzen. Das Bad würde - neu gestrichen - einen nicht ganz so trübseligen Eindruck machen. Also, wenn du da mitmachen würdest, sagte sie zu Irene und meinte das Spiel mit den Ämtern. - Wenn man helfen kann, erwiderte die Freundin-Kollegin mit ihrem hübschen Lächeln. Aber morgen zieh ich natürlich noch nicht. - Ach, Irene! Wenn ich ne Aussicht habe. Sie ließ sich vom Bauernhof im Oderbruch berichten, nahm allerdings nicht nur freundschaftlichen Anteil. Je weiter der Ausbau gedieh, umso näher rückte der Einzug in eine eigene Wohnung mitten in der Stadt. Sie tranken heftig Kaffee, bedienten sich an dem mitgebrachten Kuchen, bedienten sich mit selbsthergestelltem Eierlikör und luden sich - fröhlichster Laune - schon jetzt in ihre zukünftigen Behausungen ein. Das wird meine erste eigene Wohnung, dachte sie. Ich fange ganz neu an und muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Nicht mal den Bäcker musste sie wechseln, blieb in der Gegend, in der Nähe des Friedhofs, der sich über den Berg hinzog, von dem der Stadtbezirk seinen Namen hatte. Eine Kirche an der oberen Allee, nicht zwischen Häuser eingebaut wie viele in der Gegend. Der Alex zwei Straßenbahnstationen weiter, bis zu Haralds Wohnung am Hackeschen Markt noch einmal fünf Minuten Straßenbahnfahrt. Das alles war gut für sie. Wäre am liebsten schon morgen wiedergekommen, um die Tapeten abzureißen und mit dem Renovieren zu beginnen. Wie nimmt Jo es auf?, fragte Irene mitten in schönste Vorstellungen hinein. - Weiß nicht. War mit einem Mal unsicher, ob Jo ihren Auszug wirklich gutheißen würde. Ich zieh ja bloß um die Ecke, beruhigte sie sich und Irene. Die Freundinnen gingen, um nötige Formalitäten gleich zu erledigen. Im Erdgeschoß öffnete ihnen eine schlampig aussehende dicke Frau. Die Wohnung düster. Zwei kleinere Kinder - eigene oder schon Kindeskinder - krochen durch die Räume. Sie trug sich im Hausbuch als Irenes Untermieterin ein. Die Frau keine von der Sorte, die sich als Hüterin der Ordnung bestimmt sah, was nur gutzuheißen war, kümmerte sich jedoch nach Irenes Aussage um den Hof, zog Pflanzen, die trotz starken Schattens der Kastanie und Nährstoffarmut aushielten. Zur Besiegelung des Akts beklebten sie Irenes Briefkasten mit einem Heftpflaster, auf den sie ihren Namen schrieb, wurde so nach außen hin dokumentiert, Irenes Wohnung hatte Untermieterin. War das nur noch der Meldestelle bei der Polizei mitzuteilen.
War Jo zu Hause, kriegte er Mittagessen. Jo war zu Hause. Also kriegte er ein Mittagessen. Sie schälte Kartoffeln, ließ sie durch die Maschine laufen. Wer wird sich dann um Jo kümmern?, dachte sie. Frauen hatte er neuerdings, aber immer andere. (Möglicherweise brauchte er Abwechslung, war die Lust an Neuem ein ermunternder Faktor für liebesmüden Mann.) Noch säuberte sie die Wohnung, wusch die Wäsche, nahm alle ihre Pflichten wahr wie bisher. Ich muss es ihm sagen, dachte sie. Es wird ihm die Laune verderben, aber ich muss es ihm sagen. Angehäuft Kartoffelpuffer. Sie rief Jo. Sah dann auf zufrieden gabelnden Mann. Ich muss es ihm sagen. Jetzt!, dachte sie, öffnete den Mund. Ich hab eine Wohnung in Aussicht. Jo kaute und dann nicht mehr. Wieso?, fragte er endlich. Das ist deine Wohnung, Jo, sagte sie geduldig. Ich hab hier die ganzen Jahre mit dir gelebt. Aber jetzt geht das nicht mehr. Du bringst Frauen mit. Und ich hab einen anderen Mann. – Darauf läuft das also hinaus. Jo nickte. - Wir können uns treffen, wir können gute Freunde sein, Jo, alles. Und vielleicht fängst du ganz neu an. - Wie denn? Jo schrie. Zum dritten Mal?! Sie buk weiter, setzte sich mal hin, um nun auch zu essen. Die fünfzehn Jahre waren also nichts, sagte er nach langer Pause. - Wir sind an einem Punkt angekommen, Jo! - Mein Gott, du hast eine Affäre. Und ich habe Affären. Aber was hat das mit uns zu tun! Jo schrie wieder. Ich liebe dich! Also! Ich sag nichts mehr, dachte sie.
In der folgenden Zeit tat sie alles, um Jo zu beruhigen, umsorgte ihn, versicherte ihm, im Grunde trennten sie sich gar nicht. Sie brauche nur ihre eigenen vier Wände und mehr Platz zum Arbeiten. Seine Wohnung sei zwar groß, aber ungünstig für zwei, die zu Hause arbeiteten. Und er könne dann Frauen mitbringen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Harald rief an. Gegen elf! Hatte schon wieder aufgelegt, ehe sie ihn hatte fragen können, auf wie viel oder wenig Zeit sie sich einzurichten hätte. Zog sich in größter Geschwindigkeit um, stellte da inzwischen Rekorde auf. Ging an Jo im Wohnzimmer vorbei. Die Stimme ihres Herrn!, sagte Jo. - He? - Du musst dir die Werbung für »Grammophon« vorstellen, einer Plattenfirma. Ein Grammophonkasten, ein Trichter. Und mit Schnauze und Ohren in den Trichter hinein lauscht ein Hund. »Die Stimme seines Herrn« steht darunter. »His masters's voice«. Lächelte sie nun über sich böse: Jo hatte recht. Fand sie ja keine Ruhe, bis es Harald einfiel, sie anzurufen. Er bestellte sie irgendwann am Tag, irgendwann in der Woche. Kaum noch am Abend. Es ist unwürdig, sagte Jo. - Es ist unwürdig, wiederholte sie. Was soll ich machen? Rannte die Treppe hinunter, zur Straßenbahn, die so häufig nicht kam. Grämte sich schon, wenn sie fünf Minuten später da war, als Harald ihr angegeben hatte. Glaubte, das ginge von ihrer Zeit ab. Manchmal allerdings dachte sie, er entließ sie sowieso nach einer gewissen Zeit, gleichgültig, wie früh, wie spät sie kam. Wochen war sie in seine Wohnung geschlichen in Erwartung des Schlimmsten: dass er sie für immer wegschicken würde. Wenigstens diese Angst hatte sich verloren. Fiel dem Duftenden, Honigfarbenen um den Hals. Na, na, ich dächte, wir hätten uns in dem Monat schon mal gesehen, scherzte der Gottgleiche. Waren ihre Hände flink inzwischen schon sonst wo und schnell lose der leichte Mantel. Führte, getreuesten Knecht im Griff, zur Lagerstatt, war inzwischen eine Zeremonie, und wenn, dann Tee danach verlangt. Bestand er nicht mehr auf der Berührung durch ihre Hände, war das Pendel der Uhr wieder in Gang gebracht. Er setzte sich auf: das nächste deutliche Zeichen. Eine Stunde nur!, sagte sie. - War es nicht eine schöne Stunde? (Hatte eine Art, immer im Recht zu sein!) - Ja. - Ich versichere dir, wir haben ein Pensum hinter uns, was die Paare in der Straße in drei Monaten abarbeiten. - Aber warum sagst du mir nicht vorher, dass ich nur so kurz bleiben kann? - Du wärst enttäuscht. Das möchte ich nicht. - Sehen wir uns die Woche noch mal? - Kann sein. - Also sehen wir uns nicht? - Doch. Kann durchaus sein, dass wir uns sehen. Gab ihr die Antwort ungewisse Hoffnung. Wie haben es deine Freundinnen vor mir ausgehalten? - Gar nicht! Seine Lippen zogen sich über die Zähne. Viel Freundlichkeit und ein wenig Zynismus dabei. Klärte sie auf: Lediglich auf seinen Fahrten durch das Land oder früher auf Dienstreisen im Ausland hätte er mit allzu bereitwilligen Frauen was gehabt. Seien mal welche aus der Stadt darunter gewesen, hätten die höchstens drei Monate ausgehalten. Sie haben sich wie du beklagt, ich wäre mit meiner Arbeit verheiratet, sagte er. Die Wahrheit ist, ich hab das Interesse verloren. Das wollte sie nun gar nicht glauben. Ein solcher Mann, einer, der den Hals ebenso wenig voll kriegte wie sie, der seit wie viel (vielleicht zehn?) Jahren nichts mehr mit eigener Frau hatte und hatte nie eine feste Freundin gehabt? Ich hab dir doch gesagt, es ist mir immer langweilig geworden. Aber nun geh, mein Schatz. Ich muss noch was tun! Auf der Straße wurde sie ganz froh. Er wollte sie, weiter zählte nichts. Sollte sie ihm vielleicht wirklich glauben, dass ihr Herr Harald doch ein Geschmäckler war, abhing von Kleinigkeiten, die ihn ermunterten oder im Gegenteil, dass er ganz von Frauen abließ.
In Jos wie steinernem Gesicht konnte sie doch was lesen, Verachtung nämlich. Man sieht es dir an, sagte er. Und dieser Geruch! Eine Hure machte Jo aus ihr.
War mal ein ganzer Abend versprochen! Hüpfte sie davon, egal, was Jo nun dachte über Hörigkeit, also Aufs-Wort-eines-gewissen-Jemand-Horchen, wie ein Hund Lauscher aufsperrte gegen seinen Herrn hin. Während Auskundschaftens, wie Freude ihrem Liebsten und sich selbst noch zu bereiten sei, machte Herr Harald seine Späße und fragte, wo sie denn in den vergangenen siebenhundert Jahren gewesen sei. China? Indien? Sie lachte über seine Fantasien. Das hatte es in ihrem Leben nie gegeben und im Leben welcher Frau schon?, ein Mann mit solcher Wortlust, von anderer ganz zu schweigen. Haben es nicht auch andere Männer bemerkt? - Nein, gab sie nachdenkend zur Auskunft. Sie waren zufrieden mit sich, mit mir wohl auch. Ich dachte immer, ich brauche zwei Männer auf einmal. - Sechs würde ich denken und mehr, warf Harald ein. Sie versicherte ihm, sie habe nun nicht mehr den Gedanken, zwei Männer haben zu müssen. Sagte ihm aber nicht, vollkommene Sättigung sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu erreichen. Aus jahrelangem Mangel war eine Angst gewachsen, nicht genug zu bekommen, und die wurde noch gespeist von der Vorstellung, er würde sie ja doch bald wieder verlassen, so dass dann neuer Mangel sie ereilte. (Hatte ihr ja gesagt, würde seine Frau von ihr erfahren, wäre es aus mit ihnen.) Harald redete weiter. Hatte ja schon mal Vermutung geäußert, sie sei eine Hexe. Folgerte aus unmenschlich hohem Alter zwangsläufig Kontakt zu teuflischen Mächten. Im Mittelalter hätte man dich auf dem Scheiterhaufen verbrannt, meine Liebe, sagte er. Hast du nicht rotlockige Haare? - Braune oder so. - Sie sind lockig und deutlich rot, beharrte er. - Bei Sonne höchstens ein Schimmer. - Und Hexenaugen hast du. Eins grün, das andere braun und grün. Das ist ganz besonders gefährlich. Man hätte dich verbrannt, ganz klar. - Ich habe Mausaugen und eine spitze Nase und seh aus wie ... als könnte ich nicht ... Sie stotterte, wollte sich durch wenig schonende Selbstdarstellung nicht ganz preisgeben. Musste Harald ja nicht mit ihren Augen auf sie schauen. - Aber der Kenner erkennt, sagte Harald. Du hast zweifarbige Augen, das erste deutliche Indiz, einen kleinen Höcker auf deiner Nase und lockige Rothaare. - Bockig ihre Widerrede: Hätte ich eben eine Sonnenbrille tagsüber getragen, meine Haare geglättet und den Rotschimmer weggemacht! - Sonnenbrillen waren noch nicht üblich!, gab Harald zu bedenken. - Ich hätte behauptet, ich habe braune Augen. - Aber ich hätte dich verraten. Deine zweifarbigen Augen und dass du deine Haare mit sonderbaren Tinkturen färbst, damit man den Rotschein nicht sieht und dass du sie glättest. Und jeder hätte mir geglaubt. Denn nun hätten die Männer gewusst, warum sie nachts nicht schlafen können und einer wie der andere Nacht um Nacht dich besuchen muss. Weinend hätte ich Holzscheite für dich gesammelt. Denn nur so hätte ich mich retten können. Sie dachte nach. Ihr schien auch wahrscheinlich, dass sie auf dem Scheiterhaufen geendet wäre. Vielleicht aus dem Grund, den Harald angab. Denn wenn sie liebte, gab es für sie kein Halten. Oder weil sie überhaupt von dem, was sie einmal wollte, nicht abzubringen war und sich ihre ansonsten große Anpassungsfähigkeit mit einem Mal erschöpfte. Ich hätte Tränen um Tränen um dich vergossen, meine süße Hexe, fuhr Harald fort. Ich hätte die Asche vom Platz gekehrt und sie in einem Kästlein aufbewahrt. Nacht um Nacht hätte ich dich um Verzeihung gebeten. Aber ich hätte meinen Frieden gehabt. Du wärst nicht mehr nachts mit dem Besen zur Feueresse hineingefahren, um mich zu vernichten. - Ich hätte dir verziehen, mein Lieber, antwortete sie ergriffen. Da ich so und so verbrannt worden wäre. - Sei froh, dass du denen damals entkommen bist. - Bin ich auch. - Und ich muss leiden. - Sie lachte. Ist es so schlimm? - Ich war in meinem Leben immer unabhängig. Von jeder Frau bin ich weggegangen und hatte noch etwas für mich und war stolz darauf. Aber du plünderst mich bis zum Letzten aus. - Bis zum Letzten? Sie streichelte ihn über Empfindsamstes. - Ich weiß nicht, wo noch was herkommt. Vielleicht habe ich nur das Gefühl von Orgasmus, und es kommt gerade ein winziges, kleines bisschen, ein Tröpflein. Als sie sich anzog, schlugen ihre Zähne wieder aufeinander. Er lachte. Also habe ich dich befriedet, sagte er. So derbe Ausdrücke er manchmal benutzte, gewöhnliche nahm er nie, spielte mit den Worten. Ja, hast du, sagte sie. - Dann bin ich froh. Denn dann kann ich hoffen, dass du es mal ein paar Wochen ohne mich aushältst. - Was?! - Ich mache Urlaub. Draußen auf dem Grundstück. - Aber! Die Worte gingen ihr aus. Hatte keine Kraft mehr. War offenbar seine Taktik, ihr was Unangenehmes mitzuteilen, wenn sie sich matt getanzt hatte. Du machst doch hoffentlich auch Urlaub!, sagte er, hatte es raus, von sich abzulenken. Wir sehen uns wieder, mein Schatz. Was sind vier Wochen! Heiteren Abschied wollte Harald. Ich bin so müde, ich kann nicht mehr denken, sagte sie. Ging weg von ihm, ganz durcheinander im Kopf von sich widersprechenden Gefühlen. Hatte er sie zu seiner Hexe erkoren und ihr also bindende Kräfte nachgesagt und danach ohne Aufhebens weggestoßen. War wohl doch nicht sie diejenige, welche, sondern er, der zu beliebigen Zeiten in Essen hineinfuhr, um in Küchen ziemliches Unheil anzurichten.
2
Lange gebucht die Schwarzmeer- Reise. Jo bot an, sie mitzunehmen. Wollte zu Schewtars entfernt Verwandten, nicht allein reisen und mit einer anderen offenbar auch nicht. Schewtar ein bulgarischer Kameramann. Zwei Wochen weit weg, dachte sie, wo die Menschen anders aussehen, anders leben, ihre Häuser anders gebaut, die Dächer anders gedeckt. Große Märkte mit fremden Gewürzen. Wenn sie wollte, zu allen möglichen Tageszeiten Schopska-Salat, über Tomaten-Gurken-Paprika Schafskäse gerieben. Frauen betupften sich mit Rosenöl, die Rosen in Tälern kilometerweit gezogen, frühmorgens pflückte man die Blätter. Noch immer wurden die Russen als Befreier vom türkischen Joch gefeiert, die jahrhundertelange Türkenherrschaft nicht im Mindesten vergessen. Gefeiert auch der Tag des slawischen Schrifttums, für dessen Herausbildung die Mönche Kyrill und Method standen. In den Bergen Klöster, in denen sich der Widerstand gegen die Türken gehalten hatte. Und immer Sonne, in der Feigen reiften. Versuchen wir es, sagte sie zu Jo. Und sie beluden sich mit Gastgeschenken, mit Waren, die es im Land dort nicht gab. War mehr wert als Geld, das sie mitbrachten. Zu ihrem Empfang gab es ein Fest. Taten sie vor Schewtars Verwandten, als seien sie die von vor einem Jahr. Die erste Nacht nebeneinander wegen großer Müdigkeit besser erträglich als die nächste. Würde dauern, bis sie die Nähe des einst mal sehr lieben Mannes als nicht bedrohlich wahrnähme. Wusch sie sich mit Brunnenwasser, von ihm geholt, ging er aus dem Raum. Obwohl sie wusste, er schaute nicht, ertrug sie seine Anwesenheit nicht mehr. Frühmorgens, wenn es kühl war, verließen sie das Dorf. Der Weg bis zur Küste, zum Strand eine Stunde zu Fuß, leicht zu bewältigen. Zeit hatte man in diesem Land. Immer gleiche fremde Musik wie fortdauernde Reigentänze, man sah über das ewig blaue Meer. Irgendwo jenseits Griechenland. Konstantinopel nicht so weit weg. Beides unerreichbar für Bürger ihres Kleinlandes. Jo in wenigen Tagen durch südliche Sonne noch dunkler als von den Wochenenden auf dem Grundstück der Mutter. Seine dunkle Hautfarbe, die drahtigen kurzen schwarzgrauen Haare, auf den ersten Blick unterschied ihn lediglich seine Körpergröße von den Einheimischen. Lenas Haut empfindlich, so hielt sie sich nach dem Baden im Schatten auf. Wurde es zu heiß, suchten sie in der Stadt Schutz. Die Stadt von den Griechen erbaut und griechischen Ursprungs der Name. Überall konnte man sitzen. Sie schlürften starken, süßen Kaffee aus winzigen Tassen, ließen sich auch mal aus dem Kaffeesatz lesen, verzehrten sehr süßes Gebäck, was man nirgendwo sonst hätte haben mögen. Abends aßen sie warm. Nachts ließen sie sich mit dem Taxi nach Hause bringen. Manchmal Jo nicht ansprechbar. Sie wartete geduldig, bis er nach Stunden das Wort an sie richtete. Wollte sich nicht beeindrucken lassen von seiner unguten Stimmung. Dachte: Warum habe ich nicht genug an ihm. Wir sind doch auch glücklich gewesen. Meist beherrschte sie und er offenbar auch obere Bewusstseinslage, so dass sie sich recht gute Urlaubstage machten.
Heimkehr in beschädigtes Leben erfolgte. Sie wie angekettet an die Wohnung, hatte Harald den genauen Termin ihrer Ankunft mitgeteilt. Rechnete zunächst jede Stunde mit seinem Anruf. Brachte es nicht über sich, zu Jo hinauszufahren, der restlichen Urlaub auf dem Grundstück seiner Mutter verbrachte. Kalt der Sommer, regnerisch. Das konnte ihr nur recht sein. Sie hatte Sonne genug gehabt. Und die Stadt würde bei Hitze nur unerträglich. Abends um eine bestimmte Zeit meldete sich Jo von einer Telefonzelle aus. Von Harald hörte sie nichts. Endlich entschloss sie sich, die Stadt ganz zu verlassen. Sollten mindestens ein paar hundert Kilometer sein zwischen ihr und dem, der ihr Herz so übermäßig beschwerte. Sagte Jo beim abendlichen Gespräch Bescheid. Wäre auch rausgefahren zu ihm, hätte er sich nicht gemeldet.
Ihre Familie im Thüringischen immer anzutreffen. Des Gartens wegen reisten die Eltern nie im Sommer. Sicher auch der Bruder zu Hause. Am Bruder hing sie. Mehr als der Bruder an ihr. Wusste der neun Jahre Jüngere nichts von ersten Jahren schwesterlicher Fürsorge. Du warst ja nie da!, hatte er mal auf ihre Frage hin behauptet, ob er sich nicht erinnere. Abwesenheiten seit Oberschulzeit hatte sich ihm eingeprägt und nicht die Jahre bis dahin. Die Eltern hatten beide tagsüber in der Stadt gearbeitet. So war ihr die Aufgabe zugefallen, ihn zu versorgen. Hatte den kleinen Kerl mit der Liebe überschüttet, die bei der Mutter keinen Nährboden fand und es ihm nicht angelastet, dass er bei der Mutter so viel mehr galt als sie.
(Was das gewesen war, dass die Mutter sie klein halten wollte. Du denkst nur an dich! Hatte das so oft von der Mutter zu hören bekommen. War auch häufig davon die Rede gewesen, sie müsse einen Dämpfer bekommen, damit sie nicht zu übermütig werde. Aber weshalb musste man sie dämpfen? Wegen des Lobs der Lehrer und ihrem Drängen, sie auf die Oberschule zu schicken? Oder weil die Mutter nie recht klug aus ihr wurde? Ich hab mich mit dir nicht zurechtgefunden, hatte die Mutter später zugegeben. Zu allem Unglück schoss sie noch lang auf, was in der Familie nicht üblich war und wahrscheinlich auch noch als Zeichen von Hochmut angesehen wurde. Vor allem hatte es den Nachteil: Sie wurde für älter und weniger hilfsbedürftig genommen, als sie war. Hatte sich dabei so bemüht, es der Mutter recht zu machen, wenn sich auch Gehorsam nicht so behände einstellte, wie die Mutter wollte. Hatte sich die christlichen Lehren - aus dem Religionsunterricht und der Mutter Munde vernommen - zu Herzen gehen lassen. Jedenfalls, solange sie bei den Eltern gelebt hatte.) Fuhr nicht allzu oft ins Thüringische. Mochte die Erinnerung an die Landschaft, die Wälder, das Bergige, die Wiesenhügel, die Rinnsale in Tälern vor allem. Musste die aber nicht ständig auffrischen.
Nach umständlicher Fahrt stand sie abends vor elterlichem Haus und Vorgarten. Die Mutter hatte es so eingerichtet, dass immer was blühte, um die Zeit überreichlich (die Augen ertranken fast in den Farben), ohne dass sie viel mehr dafür tat, als bei Trockenheit zu gießen. Sie ging um das Haus. Näher als die Menschen, zunächst das Stück Land: gehegt, gepflegt Jahr um Jahr, hatte sie selbst auch mal mitgetan. Doch was man auch tat, es war nur Hilfe. Das Wachsen, Blühen, Reifen blieb ihr immer ein unerklärlicher, wunderbarer Vorgang. Der Garten auch wie ein Spiegel der Mutter, ein wunderlicher zwar. Dagegen der Vater in seinem Nutzgarten gut zu erkennen. Er hatte dort nach Feierabend und sonnabends Gott sei Dank seine Arbeit - die Sonntagsruhe den Eltern heilig -, so dass sie sich darauf einrichtete, ihn gleich zu sehen. Erblickte ihn dann auch auf der Obstwiese hinter bestelltem Land. Mit gleichmäßig scharfem Geräusch sauste die Sense ins Gras, geführt von kleinem, zähem Mann, das Gesicht von der Sonne verbrannt, spärlich bedeckt sein Kopf von rötlichem Haar. (Da konnte sie vielleicht doch den Rotschimmer her haben, den Harald gern an ihr sehen wollte.) War der Vater so weit weg und beschäftigt, dass Begrüßung noch nicht notwendig wurde. Sie besah stattdessen mit kleinem Lachen, was gartenbildnerische Seele des Vaters angerichtet hatte: akkurate Beete, die Bohnenstangen gesteckt, die Schnüre gezogen, an denen sich die Erbsen heraufhangelten. Die Stachelbeer- und Johannisbeerbäumchen in Reih und Glied gepflanzt, die Tomaten an Stöcke gebunden und wie zum Appell angetreten. Kartoffeln auf einem Viereck, da ein Gurkenbeet, da ein Kräuterbeet. Am wenigsten ließ sich der Rhabarber in eine Disziplin zwingen. Angesichts des überwuchernden Lebenswillens der Natur das Streben nach Ordnung etwas lächerlich. Der Vater brauchte es eben ganz genau, war für Richtschnuren aller Art dankbar. Hatte sie sich nun vergewissert: Alles war wie von jeher, hätte nun beinahe wieder wegfahren können, musste sich ein wenig überwinden, um ins Haus zu gehen. Am liebsten erst hinauf zum Bruder, den kleinen Kindern. Aber zunächst verlangt - da gab es Rangordnung, war Reihenfolge einzuhalten - die Begrüßung der Mutter. Die liebte Überraschungen nicht. Sie fand die Mutter in der Küche. Natürlich. Die Mutter hob den Kopf und schaute ihre Tochter an wie etwas, das man erst lange in Augenschein nehmen musste, ehe man einen Sinn drin erkannte. So hatte die Tochter auch Zeit, die Mutter anzusehen, das spitzige Gesicht, die Augen nüchtern-hellwach, die frisörgekrausten Haare noch dunkel und voll. Schreiben kann heute wohl keiner mehr, sagte die Mutter. Jo ist nicht mit?, der zweite Satz, auf den viele weitere folgten. Reichte die Mutter den Ellenbogen zur Begrüßung. Sie wusch grade Salat im Abwaschbecken, folglich ihre Hände nass. Wurde sie zunächst über Versorgungslage auf geklärt (Hier ist nicht Berlin!), als befürchte die Mutter, Ansprüchen nicht gewachsen zu sein. Aber dann stand was viel Bessres auf dem Abendbrottisch als in der Stadt, nämlich eingeweckte Wurst und selbst eingelegte Gurken. Die Haustür klappte. Wir haben einen Gast!, rief die Mutter in den Hausflur hinaus, vermutete offenbar den Vater. Sie konnte sich schon das lachende Gesicht zum Rufen denken, denn die Mutter hatte sich gefasst und freute sich auf den Mann, dem jetzt Überraschung bevorstand und der besser als sie dazu geeignet war. Sagte der Vater dann im Anblick seiner großen Tochter mit ordentlichem Erstaunen: Na so was aber auch! Der Vater ein stiller Mann. Überließ alles seiner Frau, weswegen sie ihn als Kind nach vielen Versuchen als Halt nicht hatte ausmachen und seine Freundlichkeit nicht so ernst hatte nehmen können. Sollte jetzt sein: vergangen, vergessen. War in der Wohnküche daheim. Für heute und mal sehen für wie lange noch. Es entstand in ihr heftiges Sehnen, dass Harald sie bloß bei den Eltern sehen sollte. Nachher erfolgte der Besuch im oberen Stockwerk. Das hatte sich der Bruder mit Hilfe des Vaters ausgebaut. Der eine Elektriker, der andere Klempner, fanden sich beide in jedes Gewerk ein. Die Wohnungstür abgeschlossen, damit sich die dreijährige Tochter nicht davon machte und vielleicht die steile Treppe hinunterstürzte. Musste erst der Familienvater kommen, sie zu öffnen. Bei der Ansicht der Schwester lief so ein Lächeln über das kernige, kantige Gesicht des Bruders Jürgen, bildete sich einseitiges Grübchen von einem der unvermeidlichen Stürze in früher Kindheit her. (War ein neugieriger, unerschrockener kleiner Kerl gewesen, dass sie manchmal mit dem Aufpassen nicht nachgekommen war.) Jeder war ihm gut für so ein Lächeln und sie sowieso überwältigt davon, egal, woran er sich nicht mehr erinnerte. Hatte seine Frau für sie auch ein zu Herzen gehendes Lächeln einfacher Frau vom Lande übrig. Klar, komm nur, is' immer wer da!, sagte sie auf die Entschuldigung nun wenigstens der Schwägerin gegenüber, dass sie sich nicht angemeldet hatte. Die blonde Mara guckte scheu aus schmalen, hellen Augen heraus, brauchte Zeit. Fand sich schon noch zu ihr und wusste immerhin den Namen, als ihn der Vater abverlangte. Und Katja?, fragte sie. Da musste der Bruder gleich die Tür zum Schlafzimmer öffnen, damit sie die Kleine sah. Dunkle, noch weiche Haare, der Mund stand offen, niedliches Gesichtchen. Tat ihr gut und auch wehe, das Kind zu sehen. War ihr bei Mara während des ersten Lebensjahrs auch so gegangen. Hatte beim allerersten Hinsehen auf jeweiligen Winzling gar nicht begreifen können, warum der nicht (oder ein anderer solcher) in ihrem Arm lag und ihres war, und Zeit gebraucht, um sich an Besitzverhältnisse zu gewöhnen. Hätte so gern ein eigenes Kind gehabt. Aber konnte keines bekommen.
Die Tage füllte sie mit Märschen, Cape gegen Regen und Skizzenblock dabei. War immer was, das man notieren konnte. Während man in der Ebene nur ungefähr ging, alles auf sich zukommen ließ, wollte hier erobert werden, hatte man üblicherweise einen Zielpunkt. Lange hatte sie sich an das Brandenburgische nicht gewöhnen können mit den weiten Flächen, den sandigen Böden und den Katendörfern und gemeint, man müsse doch irgendwo hinaufschauen oder hinab, um sich überraschen zu lassen. Jetzt hatte sie sich in die Weite eingesehen und fand auch darin Aufregendes und war die Mark doch so reich durch viele Seen. Während sie wanderte, sah sie oft Harald neben sich. Konnte ihn ganz deutlich ausmachen in Kleidung und der Art zu gehen, in allen Einzelheiten. Wollte ihm alles sagen, sollte er alles anschauen. Glaubte mit einem Mal, sie sei doch wichtig für ihn und er wolle sie wiedersehen. Abends schaute sie nach einem im Dorf verbliebenen Freund aus der Grundschulzeit her, ließ sich erzählen, von ihm selbst und was er von anderen wusste, war vor allem aber bei der Familie des Bruders, den Kindern, achtete darauf, dass die Eltern sich nicht vernachlässigt fühlten. Jeden Abend, jede Nacht die Unruhe größer, dass Harald doch anrufen könnte und keiner, der ihm Bescheid sagte. Hielt es endlich nicht mehr aus. Der Abschied von der Familie freundlich, doch ohne Barmen. Hier lebte man so, und ganz anders lebte man in der Großstadt, und sie eben eine Großstädterin.
Abends kam sie an, frühmorgens machte sie sich auf den Weg zu Jo auf das Grundstück seiner Mutter am nördlichen Stadtrand, damit er Bescheid wüsste. Jo eigentümlich still. Vielleicht wäre es ihr in Tagen gelungen, ihn wieder für sich einzunehmen. Aber es zog sie zurück in die Stadt, wo dann eigentlich niemand war. Auch nicht Irene, was sie gutheißen musste. Denn sicher richtete sie mit ihrem Freund den Bauernhof her. Wenigstens rief Jo um gewohnte Zeit an. Ohne seine Anrufe hätte sie sich sehr allein gefühlt. Eines späten Abends lief sie die heruntergekommenen Straßen um den Hackeschen Markt nach Haralds Auto ab. Die Nummer wusste sie ebenso auswendig wie die vom Telefon. Wartete vor seinem Haus, bis die Lichter in den Wohnungen angingen, in seiner nicht und noch immer nicht. Wurde gewiss: In der Stadt war er nicht, sie auch nicht, die Frau Thea. Die Nacht ließ das Ziehen und Zerren herzseitig nach. Bei so viel Abwesenheit von der Stadt war ihm Geldverdienen wohl wenig wichtig.
Mal in der Straßenbahn fiel ihr Blick auf eine junge gegen eine Haltestange lehnende Frau. Überschlank, die dichten Haare zu einem Knoten gewunden, die Augen von sehr dunklem Blau und groß, die Lippen aufgeworfen, die Nase wie aus Übermut klein wenig stupsig, doch dagegen stand der Missmut ihres Gesichts, durch abfallendes Kinn noch verstärkt. Den Ausdruck kannte sie, das Gesicht auch. Nach kurzem Herumkramen im Kopf wusste sie woher: War ein Mädchen aus der Parallelklasse, Freundin ihrer Freundin und Banknachbarin. Die beiden kannten sich von Grundschulzeiten her. Sie ging die paar Schritte auf Freundin der Freundin zu. Dorit? Ein Fragen kam in die Augen, der Name passte, so sagte sie wie einen Code ihren Namen, die Stadt, in der sie die Oberschule besucht hatten, die Zeit und den Namen der Freundin. Ja, sagte Dorit. Quälte sich ein Lächeln in ihr Gesicht. Doch ja. Ich erinnere mich. Fragte sie nun schnell Dorit aus, ehe die vielleicht ausstieg, erfuhr, Dorit war noch nicht lange in der Stadt, hatte nach ihrer Scheidung weggewollt und ein Angebot von einem Berliner Großbetrieb bekommen. Dorit war Ingenieurin. (Hatte den naturwissenschaftlichen Zweig an der Oberschule belegt.) Bevor Dorit ausstieg, nannte sie ihre Adresse und ihren geänderten Nachnamen, stellte es ihr anheim, ob sie was draus machen wollte.
Jo nun wieder in der Wohnung, und es läutete immer mal das Telefon. Gerade wieder einmal. Harald ist's nicht!, sagte sie sich und ging doch, damit - wer auch immer - nicht auf Jo zu lange warten musste. Doch dieses Mal war die Vorkehrung gegen Enttäuschung unnötig. Wo steckst du denn?, hörte sie sehr bekannte Stimme. Ich habe ein paarmal angerufen. Aber du warst nie da! Angriff die beste Verteidigung. Hatte es raus, ihr Herr Harald. Belustigte sie, dass sie einen Vorwurf bekam und sich alles drehte, als sei sie diejenige, die man zu Hause nicht erreichte. Und tat er gleichzeitig so, als sei er vorvorgestern weggefahren und sie hätte nicht den mindesten Grund gehabt, sich aufzuregen, ließ sich zu gern seine kleine Strapaze wegen Ungewissheit einreden. Heute Abend! Oder hast du was vor?
Als sie in seine Straße kam, klopfte das Herz aus reiner Freude so verrückt den Hals herauf, hatte keine Angst mehr, er würde sie verstoßen. Aber wie sie ihn stehen sah in hellem Hemd, heller Hose vor Bücherregal bis zur Decke hinauf, seine Haut nicht mehr honigfarben, sondern wie aus dunklem, poliertem Holz, und das Scharffaltige aus seinem Gesicht weg, jung war es, da wurde ihr doch angst. Du siehst sehr gut aus, sagte sie und dachte: zu gut. Sie hatte sich von zu gut aussehenden Männern immer ferngehalten. Die hatte man nie allein. Die konnte man nicht halten. Zu trinken davor, dabei, danach? Bei unnötiger Frage überzog Lachen das ganze Gesicht, konnte er ja so gut und war auch darin unwiderstehlich, dass er sich in andere Gesichter hineinlachte. Dann musste sie hinschauen, immer nur schauen auf seine Leibeslandschaft und was da aus seiner Mitte wunderbarerweise ohne Umschweife wie Tropengewächs emporwuchs, mit fett-zwiespältigem Blütenblatt bekrönt. Konnte nicht glauben, dass ein Mann sich eigens für sie so zu schmücken imstande war. Wollte immer weiter schauen, zugleich Zuschauerin sein und Spielerin, wenn denn das ein Spiel war. Doch war ihr das verwehrt, denn die Augenlider wurden ihr heruntergezogen, als wäre sie mit einem Mal tiefschläfern. Für Sekundenbruchteil riss sie Blickvorhang auf, um ein Bild zu erhaschen. Was sie sagte, hörte sie ebenso wenig wie das, was er sagte. Heiß war ihr, einheizte ihr der Hexenmeister die kleine Hölle, bis er endlich mit gestrecktem Arm auf die Liege klopfte. War das ausgemachte Zeichen, hatte sie aus dem Judosport her, den sie als Neunzehnjährige nach mehreren Überfällen (immer gerade so entkommen) für Monate betrieben hatte. Genug!, sagte ihr Herr Harald, traute offenbar Zeichen allein nicht. Ziege, bist du satt? - Ich bin satt, ich mag kein Blatt. - Und später sagst du: Ich hab gefressen kein Blättelein! Ich kenn dich, Ziege! - Nie werde ich das behaupten. Ich schwöre es. Das Märchen von der lügnerischen Ziege, um derentwillen ein Mann seine drei Söhne vertrieb, hatte das vom kleinen Häwelmann abgelöst. Sprach Harald von Hexen und Häwelmännern wie einer aus der Zunft der Grafiker, Maler oder Dichter, wo Fantasie Berufsvoraussetzung war. Hatte sie so ein Glück mit dem Mann. Wäre aber Harald ohne Fantasie eben nicht der gewesen, der er war. Harald servierte auf kleinem Tisch Eis mit Früchten und ein Mixgetränk, dessen Zusammensetzung er ihr wieder genau aufzählte, damit sie seine Kunst auch würdigte. Nur bei dir lebe ich, sagte sie. Am liebsten würde ich aufwachen, wenn du rufst, und sonst wie scheintot schlafen. Das andere ist so mühselig. - Du bist also nur auf dein Vergnügen aus, eine Genusswurzel!, sagte er, lachte. - Und du bist ein Genusswurzeler, antwortete sie in Erinnerung daran, dass er manchmal davon sprach, er wurzele sich ein. War allerdings eine sehr, sehr flüchtige Wurzel, die sie zu spüren bekam. Ich liebe ihn so sehr, dachte sie. Könntest du mich klein zaubern, mich in deine Jackentasche stecken und überallhin mitnehmen? - Von Emanzipation hast du noch nichts gehört? (Wofür Emanzipation doch alles gut war!) - Du warst so lange fort. Und hast nicht angerufen. - Ich rufe niemanden an. Am liebsten wäre ich den ganzen Sommer oben. In früheren Zeiten wäre ich ganz sicher Eremit geworden. Er liebt die Menschen nicht, dachte sie. Er verzaubert sie, aber er liebt sie nicht. Fragte: Ganz ohne Frauen? - Ja. Wie du weißt, bin ich lange ohne das ausgekommen. - Warum hast du dann geheiratet? Daraufhin erklärte ihr der Geliebte, er hätte schon gewusst, dass er sich keiner Frau zumuten könne, habe aber doch wie alle eine Familie gründen wollen. Ich war jung und dumm, sagte er. Trotzdem hatte ich ein Gespür und fand die richtige Frau für mich. Er soll nur alles sagen, dachte sie. Das ist besser. Sie ertrug, der medusenhäuptigen Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Die Erstarrung danach eher mildtätige Zutat und nur vorübergehend. Erzählte der Geliebte weiter, seine Frau habe die ersten zehn Jahre sehr gelitten, sich manches anders vorgestellt, zum Beispiel habe er von Anfang an auf getrennten Betten bestanden. (Die Vorstellung gefiel ihr, der bloß Geliebten, außerordentlich.) Sie hat sich schließlich auf mich eingestellt, schloss er Ehebericht. Heute lebt jeder sein eigenes Leben. Ja, er hatte gut erzählt, und sie wollte ihm gern glauben, er sei eigentlich ein freier Mann. Du würdest mir die Hölle heiß machen, solltest du so mit mir leben!, setzte er nach. Antwortete sie kleinlaut: Ich wollte nur, dass du im Nebenzimmer wärst. Ich wäre ganz still. Du würdest mich gar nicht hören. - Durch jede Wand würde ich dich spüren und zu dir gelaufen kommen, ob du willst oder nicht, erwiderte er, gerührt von ihrer Demut. Sie konnte ihre Hände nicht bei sich lassen, war eben immer ein Begreifenwollen, aber mehr nicht, wenn er ruhig blieb. Doch war sie die lügnerische Ziege, so war er der Ziegenbock Nimmersatt. Schließlich räumte er aus einer Truhe Bettzeug für sich heraus. Sah sie - im Schein der Straßenbeleuchtung, das sie immer für Mondlicht nahm -, dass gleiches darin war, wie er herausnahm. Wie unterschieden die Eheleute, welches wem gehörte? Sie bekam eine Wolldecke über, lag innen an Regalwand, er außen. Hatte es als große Gunst zu nehmen, dass er bei ihr blieb, wenn er doch Ehebett immer gemieden hatte. Wollte ihm beweisen, dass sie die Gunst schätzte. War die Nacht wohl die Probe, ob er sie je wieder dabehalten würde, wollte die auf jeden Fall bestehen. So bewegte sie sich möglichst überhaupt nicht, wozu sie im Übrigen auch keinen Platz hatte. Wachte auf, wenn ihre Knochen zu sehr schmerzten. Träumte, sie läge gefesselt, manchmal zwischen Schienen auf einem Güterbahnhof, so dass Gefahr bestand, überrollt zu werden. Sagte er ihr beim ersten Aufwachen in Morgendämmerung zu ihrer großen Freude: Ich habe dich gar nicht gemerkt. Der schamlos Hübsche stieß sie an. War die gefährliche Zeit, in der jede Frau ihn überraschen und ihn sich zur Freude nehmen konnte, wie er manchmal schon mitgeteilt hatte. Sonst solle sie seiner sicher sein. Könnten die schönsten Frauen dahergelaufen kommen, hätte sie ja alle schon ausprobiert. Also fingen sie am Morgen damit an, womit sie in der Nacht aufgehört hatten. Schliefen beide wieder ein, sie hatte genug Platz. War die Nacht der Bewährung vorüber, und sie bekam ein überreichliches Frühstück vorgesetzt auf besonderem Geschirr, von Keramikerin eigens für die Familie gefertigt. Ei zu Ei!, sagte er über die Menge Rührei mit Schinken und Schnittlauch drin, war ein Spruch seiner Mutter, einer Proletarierfrau. Da er ein gutes Frühstück zu bereiten verstand, fragte sie ihn, wie er es sonst mit dem Essen hielt, und bekam zur Antwort, er versorge sich seit Jahren selbst, sei ein guter Koch, sein Sohn allerdings ein noch besserer, und am besten koche seine Frau. War also ein ganz von der Frau unabhängiger Mann, was ihr noch mehr Respekt einflößte, wenn ihr Respekt überhaupt noch zu steigern war.
Mit kurzem Gruß lief sie an Jo vorbei und einem so sehr schlechten Gewissen, als ob sie sich immer noch verantworten müsse. (Würde das nie aufhören!) Jos Blick glitt über sie hinweg wie über etwas sehr Nebensächliches. Die Verstimmung - nach dem Urlaub plötzlich über ihn gekommen - hielt an, so sehr sie sich in kleinen Gesten, höflichen Worten um ihn mühte. Die tierhafte Gleichmütigkeit in seinem Gesicht machte einer völligen Gleichgültigkeit Platz. Seine wie toten Augen, sein regloses Gesicht begegneten ihr überall in der Wohnung, brauchte er dazu gar nicht selbst anwesend zu sein. Immerhin ließ er zu, dass sie ihn weiter versorgte.
Offenbar hatte sie größte Schuld auf sich geladen mit letzter Nacht, denn bei gemeinsamem Mittagessen sah sie Fürchterliches in seinen sonst so unbetrübten Augen. Wenn Blicke töten könnten!, entfuhr es ihr. - Ja, wenn sie das könnten!, wiederholte er beifällig. Sein Gesicht wie in Drachenblut gebadet, und nirgendwo ein Lindenblatt hingefallen, dass sie seinen Panzer durchstoßen könnte. Er wusste, wie er sie leiden ließ, dass sie Unfrieden nicht länger als eine Stunde ertragen konnte. Und wie lange hatte sie nun schon Streit auszuhalten! Sie konnte eine schnelle, große Wut haben. Aber wenn sie vorüber war, blieb nichts davon zurück. Ein Blick zuckte, kaum gesehen, vom Himmel auf die Erde hernieder. Wenigstens blieb mal eine verkohlte Eiche oder ein brennendes Haus zurück, ansonsten hinterließ ihre Wut keine Spur. Hass kannte sie nicht. Sie hatte sich dafür verachtet, gemeint, das sei Schwäche, ein Mensch müsse lieben und hassen können!
Jo lehrte sie Hass. Denn er setzte fort, sie mit Schweigen zu strafen, mit toten Augen oder mordlüsternen Blicken. Blieb eine Wut in ihrer Seele Stunden um Stunden, verging nicht mehr wie sonst wegen zu großem Verständnis. War ganz entschieden zu viel Bestrafung. Sie schlief ein, wachte auf, dachte nicht mehr daran, aber wenn sie Jo ansah und er sie nicht, kam die Wut zurück. Und so hasste sie denn, wenn auch gerade vorläufig und auf Besserung ihrer nächsten Umgebung hoffend. Ein Bild verfolgte sie: das eines gespaltenen Jo-Schädels. Das blink-blanke, scharfe Beil war durch sein ewig gleich totes Gesicht gefahren, so dass es auseinandergefallen war. Sie lachte auf, sowie sie das Bild sah. Blut war keines geflossen, weil es ja bloß ein Holzkopf war. Blut hätte sie auch nicht sehen können oder etwa herausquellende Hirnwindungen oder so was.
Hatte sich mit Harald am Alex verabredet. Fand er gar keine Möglichkeit, sie in der Woche zu sehen, bestellte er sie zu irgendeinem Treffpunkt. Sie begleitete ihn zur Redaktion oder wo er sonst einen Termin ausgemacht hatte. Das waren dann ihre Spaziergänge und die einzige Gelegenheit, die eine oder andere Information unterzubringen, da er Telefonate in der Regel kurz hielt. Trafen sie sich in seiner Wohnung, gehörte ihr Zusammensein von erster Umarmung an der Liebe, und nur darüber sprachen sie miteinander. Andere Worte hatten da nichts zu suchen. Jetzt nicht, es ist so schön!, hatte er sie unterbrochen, als sie anfangs die Pausen, in denen sie ruhig nebeneinanderlagen, für kleine Mitteilungen nutzen wollte. Ja, sollte die Liebe allen Raum haben, war ja das Besondere an ihm, dass er sich völlig dieser Situation hingab. Sie suchte mit den Augen die S-Bahn-Züge ab, bis sie ihn in einem Waggon entdeckte. Konnte sie Harald mal zwischen vielen Menschen sehen, wie er sich da machte. (Immer gut, erschrak regelmäßig bei seinem Anblick.) Rannte ihm entgegen und beinahe Leute um. (Wie alt war sie eigentlich?) Durfte sich in seinen Arm hängen und ihm jetzt sagen, was sie noch auf dem Herzen hatte, die meisten Mitteilungen hatten sich von selbst erledigt. Manchmal hasse ich Jo, sagte sie. Ich kriege ganz schlimme Vorstellungen. Ich wollte, Jo wäre tot. Harald nahm den Satz, als sei es ganz natürlich, einem Menschen den Tod zu wünschen. Für alles hatte er Verständnis, war ein so wunderbarer Mann und Mensch. In einzigem Punkt würde vielleicht mal gegenseitige Toleranz geprüft: Er sprach von Zone und ließ gar nichts Gutes an Deutschdemokratischer, während sie den Glauben hatte, dass Vernunft im Lande obsiegen würde über alle Ideologie, sah Anzeichen dafür und wollte auch nicht, dass man die Fortschritte alle außer Acht ließ und war ja auch das Land, in dem sie aufgewachsen war und lebte.
Nächtens lagen sie ein wenig erschöpft nebeneinander, als er in ein Erzählen hineingeriet von Kindheit und Jugend und ganz erster Liebe. Sein Erzählen von der Sorte, dass Bilder entstanden vor ihren Augen. Beschrieb, was die jungen Helferinnen in Lagern der Jungen Pioniere angestellt hatten, ihn zu bekommen. So wunderschöne Mädchen dabei, aber er hielt es als Lagerleiter und somit vorgesetzte Persönlichkeit für seine Pflicht, ihnen zu widerstehen. Sie folgerte aus seiner Stellung, dass er eventuell in seiner Jugend doch einmal der Sache des Sozialismus ergeben gewesen war. Er berichtete von Frauen, von beiderseits beabsichtigten kaum befriedigenden Taten, wie er sich ja schon früher als eher untüchtig dargestellt hatte, malte einen Sprung aus dem Fenster aus, vor allzu wissbegieriger, heißer Dame, die Tür verschlossen hatte. Sie konnte sich also auserwählt fühlen vor sicher viel schöneren Frauen. Waren nun beide am Ende ihrer Wünsche angekommen nach mehr oder weniger langen Irrwegen, lag eine solche Zufriedenheit über seinem Erzählen wie ihrem Zuhören. So bereitwillig gab er von sich her, dass sie nun alles von ihm wissen wollte möglichst vom ersten Tage seines Daseins an. Kann ich Fotos von ganz früher sehen?, fragte sie. Durch vieles Erinnern in Vergangenheit befangen, bekam er wohl selbst Lust, so dass er den hölzernen Rollladen herunterließ, um Licht einschalten zu können. Brachte dann einen Karton an und noch einen und noch einen. Ihn auf Klassenfotos herauszuerkennen, erwartete er schon ihrer angeblichen übersinnlichen Fähigkeiten wegen. Als sie ihn als Siebzehn-, Achtzehnjährigen sah, erschrak sie. Hätte sich als unerfahrenes Mädchen so rettungs- und aussichtslos verliebt, dass sie darüber vielleicht zugrunde gegangen wäre. Weiter kramten sie in abfotografiertem Leben. Da plötzlich auf einem großformatigen Foto seine Frau neben ihm. Die Gesichter ganz nah. Das Foto im Winter aufgenommen bei kalter Sonne vor kahlem Feld. Beide trugen Lammfellmäntel, lächelten dasselbe Lächeln, sahen aus wie Geschwister. Die Haare der Frau sehr kurz, schwarz, dichte Augenbrauen, die Augen stark geschminkt. Sie sieht gut aus und ist gar nicht viel älter, sagte das, als beträfe die Frau sie nicht. Und war so getroffen. Nur dass sie den Schmerz in erster Sekunde nicht spürte. Vielleicht wie beim Todesschuss, bei dem man sich auch erst nur wunderte. (Hatte viele solche Filme gesehen.) Fünf Jahre!, sagte Harald über den Altersunterschied. Ja, Angst hatte sie gehabt vor der Frau und nie vergessen, dass er sie ihretwegen jederzeit verlassen würde. War dennoch ein Phantom geblieben. Jetzt bekam die Frau Gesicht, Gestalt. Schien so überlegen neben ihm, für immer an seine Seite gebannt, dass keine andere Platz hatte. Das ist sie also, sagte sie ganz tapfer weiteren Satz. Sollte er nicht bereuen, dass er ihr Fotos gezeigt und sie hatte teilnehmen lassen an seinem früheren Leben, war ja längst nicht immer so freigiebig mit sich. Ja, das ist sie. Er nahm ihr das Foto aus der Hand. War sie nun nicht grad erschossen worden, hatte sie nur sehr unerwünschter Eifersuchtspfeil tief getroffen, und war der Pfeil ganz sicher mit Gift versehen, so dass die Wunde nie heilen würde. Waren alle früheren Geschosse dagegen harmlos. Hatte wohl schon stechenden Schmerz gespürt, wenn andere bevorzugt wurden, aber - im Verzicht schon früh geübt - sich Techniken ausgedacht, um damit fertig zu werden: Wer mich nicht beachtet, den beachtete ich auch nicht. Wer mich nicht liebt, den liebe ich auch nicht. Wer statt ihrer geliebt wurde, den schmückte sie aus mit so überragenden Eigenschaften, dass auch sie denjenigen/diejenige lieben konnte. Doch bei Haralds Frau versagte die Fähigkeit. Die konnte sie nicht lieben. Höchstens aus der Nähe, dass sie entdecken konnte, was ihr die Frau angenehm machte. Die Frau jedoch außer Reichweite. Aber nun mit einem Gesicht, das sie furchtbar ängstigte. War die Frau namens Thea so übermächtig, konnte jederzeit Harald von ihr wegrufen. Sie sieht gut aus, wiederholte sie. Sie betrifft dich nicht, sagte er. Wir sind gute Freunde. Sie hat begriffen, ich brauche meine Freiheit, wiederholte er von einem anderen Mal. - Liebst du sie? - Wir achten uns. Unser Verhältnis beruht auf Achtung, auf gegenseitigem Respekt. Ja, das hörte sich vernünftig an.
Nach einer Verbandsversammlung fanden sich zu ihr und Freundin Irene weitere Kollegen zum Kneipengang. Beim Bier wurden sie nach Besprechen der Weltlage und allgemein als trist-grau beschriebenem Zustand Deutschdemokratischer (keine große Helligkeit, keine ganz bedrohliche Finsternis drin, obwohl Vasall vom »Reich des Bösen«, wie räterepublikanisches Großbruderland ganz westwärts definiert wurde) fröhlicher und noch fröhlicher. Trotz alledem oder grade deswegen, weil: Lebten sie alle ja nur dieses eine Leben. Vertrauerte nur der, dessen Gemütslage partout dazu neigte. Sie ein Frohmensch doch. Und letztendlich, sollte es nach Voraussagen eines Verfinsterten doch zu Schlimmstem kommen, was sie nicht glauben wollte, aber konnte dennoch sein: Man hatte auf der Titanic auch gefeiert. Wären Gebete wohl besser gewesen? Einer unter ihnen allen gab zu fortgeschrittener Zeit an, Lebenslinien deuten zu können. Neugierige und sowieso abergläubische Maler- und Grafikergesellen wie -gesellinnen reichten ihm die Hände. Wollte der große Handerforscher von ihr die Rechte haben, in der sich das Leben eingegraben hätte. (Die linke nur tauglich, um nach kreativen Anlagen, Lebenslänge, Kindern zu sehen.) Kriegte sie nun was zu hören, woran sie festhalten wollte in allergrößter Bedrängnis, Zukunfts-Mutlosigkeit. In der Mitte des Lebens triffst du auf die große Liebe. Ihr werdet lange nebeneinander leben. Aber dann kommt ihr doch zusammen. So kündete der Weise und zeigte auf nebeneinander laufende Linien, die an Handwurzel zusammenwuchsen. Sie nickte viele Male freudeglänzenden Auges, denn fast halb so alt wie siebzig war sie, und hatte die große Liebe gefunden. Stimmte nachweisbar der erste Teil der Aussage, würde der andere sich auch noch bewahrheiten.
Wohnten jetzt tag- oder nachtweise zu dritt in Jos Wohnung, so dass sie sich vor Betreten ein bestimmtes Klingelzeichen angewöhnte. Klopfte zudem vor Eintritt in großes Durchgangszimmer an jeweilige Türen, ließ Zeit für eventuelle ordnende Handgriffe. War Jos Freundin in der Wohnung, hörte sie auf Bewegungen im Gang, versuchte, Begegnungen in beiderseitigem Interesse zu begrenzen. Ging aus ihren beiden Kammern mit Lächeln gewappnet für die andere Frau. Gewöhnte sich daran, dass Jo sie überwiegend wie lästiges Ungeziefer behandelte: Konnte man es schon nicht abschaffen, übersah man es. Eines Tages jedoch hatte Jo die Eingebung, sie bemerken zu wollen. Vielleicht hatte er ihre Demutshaltung satt oder was sonst? Er richtete das Wort an sie. Übrigens wäre es ganz schön, wenn du dich mit deinem Auszug etwas beeilen würdest, sagte er in höflichem Ton. - Das hängt nicht von mir ab, erwiderte sie ebenso höflich und lief an ihm vorbei, um weitere Ansprache zu vermeiden. Doch Jo redete in ihren Rücken hinein, nun keinen höflichen Satz. Kriech bei deinem Liebhaber unter!, sagte er. Sie wandte sich um. Jo hatte nicht nötig, etwas in seinem Gesicht auszudrücken. Seine Worte trafen auch so. Wünschte sich sofortigen Blitz oder blink-blankes Beil herbei, um Jos Schädel mittendurch zu spalten. Und er - sie wusste es - hatte Vergnügen an wütender Frau. Du weißt genau, dass das nicht geht!, sagte sie noch den einen Satz, rannte aus der Wohnung. Die Beine liefen irgendwohin, ach, einfach nur laufen! Fand sich dann auf einer Bank des nahen Friedhofs wieder. Saß da und sah auf deutsche Gräberlandschaft und nicht ganz kahle Bäume, denn Tropfen hingen an den Zweigen. Nässe durchfeuchtete langsam lange Haare, Kleidung. Spürte aber gar nichts. Nahm an, sie könne von nun an auf der Bank sitzen bleiben, langsam zur Bankheiligen erstarren. War aber denn doch ein Irrtum. Was an Frieren über Stunden ausgeblieben war, holte sie jetzt durch ein ganz auswegloses Gefühl von Kälte ein, dass sie sich um ihre Unterbringung für die Nacht Gedanken machte. Alsbald fiel ihr Irene ein, wenn die bloß da wäre. Mit schweren Beinen machte sie sich auf, das zu erkunden. Bekam nach fünf langen Treppen ein erfreulich erschrockenes Gesicht zu sehen. Aber klar doch, sagte Freundin, nahm sie auf für die Nacht und welche sie noch wollte. Stand ja unten am Briefkasten noch ein Name, nämlich ihrer, und im Hausbuch und im Personalausweis diese Adresse. Beschloss Irene, dass zunächst dem Dauerfrieren Einhalt geboten werden müsse, gab ihr Grog zu trinken und stieg die fünf Treppen und noch eine zum Keller hinunter wegen Kohlen für den Badeofen und wieder hinauf. Aber selbst im heißen Wasser wollte das Frieren nicht aufhören, so dass sie weiteren Grog in sich hineinschüttete, wurde eine reichliche Dosierung. Daraufhin geriet sie in freundliche Beschwipstheit und mit ihr Irene, denn die Höflichkeit verlangte, dass die der Freundin im Trinken beistand. Gemeinsam wunderten sie sich über die Welt, was ihnen alles an der Wiege nicht gesungen worden war und tappten ja immer weiter im Nebel, kaum, dass man die Hand vor Augen sah. Die Zukunft am Abend so viel ungewisser, als es tagsüber den Anschein hatte. Wurde sie im Hofzimmer gebettet wie ein Kind und verbrachte so die erste Nacht in der Wohnung, die mal ihre werden sollte. Am Morgen gab ihr Irene die Schlüssel. Für den Fall, dass ich nicht da bin, sagte sie. Offiziell wohnst du sowieso hier. Sie nahm sich vor, das Angebot so selten wie möglich zu nutzen.
Übliches Klingelzeichen an Jos Wohnungstür, so dass im Falle der Anwesenheit Hausherr mitkriegte, da kam Lena. Der Hausherr konnte sich vorbereiten. Angewidert fand sie ihn stierend in seinem Lehnsessel, saurer Geruch im Raum. Dann sagte sie sich, ihm sei vielleicht eingekommen, dass er die Gefährtin mancher Jahre durch zwei unnötige Sätze aus der Wohnung vertrieben hatte und es sei ihm dann vielleicht doch nicht so recht gewesen. Hatte ihn mit ihrem Wegbleiben ja auch bestrafen wollen. Wo warst du denn? Mühsam reihte sich Wort zum nächsten. Auf ihre Antwort hin nickte der Betrunkene schwer. Fanden sich noch weitere Worte für sie, musste sich nur ein bisschen Zeit fürs Zuhören nehmen. Du sollst hier nicht ausziehen. Dann bin ich ganz allein. - Aber du hast doch eine Freundin!, redete sie dagegen, dreimal so schnell wie er. Keineswegs erleichterte sie sein Geständnis, überraschte sie aber auch nicht. Hätte er die richtige Frau gefunden, brauchte er nicht mehr gegen eine andere zu wüten. Ach die! Jo schleuderte die beiden Worte wie große Beschimpfungen heraus. Da geh ich mal auf Abstand. War also Zeit des boshaften Schweigens vorüber. Hatte es eine Auseinandersetzung zwischen ihnen gegeben und die auch was gebracht.
Festspiele die Begegnungen mit dem Geliebten. Kniend sah sie auf ihn herab, auf seinen ganzen Leib. So was Schönes ist mir in meinem ganzen Leben nicht begegnet! Sieh nur, schau hin! Der Geliebte gehorchte ihren Worten, sah, wie der Allerherrlichste sich erhoben hatte zu ganzer Pracht. Aber sie ist auch schön!, sagte er, wollte Lob nicht auf sich sitzen lassen und hatte sowieso immer Worte parat: Von außen klein zart, ganz unschuldig. Man ahnt nicht, wie wild sie ist. Ein Vulkan. - Ein Männerherz fiel ihr ein, wie sie das Sanfte, Schmiegsame in der Mitte seines Körpers liegen sah, aus dem der Herrliche kam. Wetteiferte sie mit ihm, Worte für ihre große Freude zu finden. Wirklich war die Form einem Herzen sehr verwandt, eng und fest, eine kleinere, eine größere Hälfte, lag an seinem Leib, gefältelt, wohlgeformt. Euer Empfindlichstes liegt so ganz bloß, so ganz ungeschützt, sagte sie, mit einem Mal erfüllt von Mitleid und Angst um den Mann. (Wie Fußballer bei Elfmeterschießen die Hände an auffälliger Stelle übereinanderlegten zum Schutz wie zum Gebet, fiel ihr ein.) Vielleicht seid ihr deshalb so darauf aus, euch gegen uns Frauen abzugrenzen, weil ihr wisst, wie verletzbar und bloß ihr in Wirklichkeit seid. Vielleicht bleibt ihr deshalb wie Kinder, habt immer Angst, philosophierte sie, ohne Widerspruch zu erhalten, obwohl er der Nachdenker von ihnen beiden war. Andächtig und voller Rührung umschloss sie das von ihr als Männerherz Benannte mit ihren Händen, damit es wenigstens für Augenblicke eine Bedeckung hätte. Du bringst mir Augenlust bei, sagte er. - Ja, das will ich!, antwortete sie. Du kannst sehen genau wie ich. Wir sind in allem gleich. Wir haben die gleiche Lust auf alles. - Dass wir uns getroffen haben, sagte er. Dass ein Mann wie ich auf eine Frau wie du trifft. Das kann kein Zufall sein. Er da oben wollte es. Von Gott sprach er. Verwunderte sie bei einem gebürtigen Atheisten nur einen Augenblick. Gott für ihn Poesie. - Er wollte es!, sagte sie, ging erfreut auf die Idee vom Schöpfer aller lebenden wie toten Materie ein. Er hat dich warten lassen, bis ich erwachsen war. Und er hat uns beide warten lassen, damit ich begreife, es ist nicht selbstverständlich, dass ich einen Mann wie dich bekomme. - Ich reagiere nur auf dich, sagte er. Du bist es. - Du bist es genauso. Wir sind es beide. Nahe, ganz bei ihr war er in den Stunden der Liebe, ob sie redeten oder schwiegen. Ihre Seelen redeten immer, zwitscherten wie Vöglein gerade in Zeiten der Ruhe, der Stille. Mal würde er schon sagen, sie könne über Nacht bleiben. Fragte nicht danach, warum heute nicht. (Die Frau wurde nicht erwartet.) Er sollte keine Ausreden gebrauchen oder noch schlimmer: die Wahrheit sagen. Sie fragte nicht einmal sich selbst. Er war ein freier Mann, ein freiheitsliebender. Ruf an!, sagte er beim Abschied. Ich warte, bis du angerufen hast! Dieses eine Mal wurde sie geradezu aufgefordert, ihn anzurufen. Lag so eine Fürsorge in seiner Aufforderung, als ob sie nicht immer heil nach Hause käme. Er verbot sich auch zu schlafen, ehe nicht sie zum Schlafen kam. Hatte so eine zarte Seele. Nur wie sie später in seine Wohnung hinein schellte, hatte er schon wieder ordentlich Gestrüpp drumgelegt. Jaja, gut!, knurrte er. (Erstaunlich seine Stimme, reichte von knarrendem Bass bis aufjauchzendem Tenor.) Da musste man erst mal mit fertig werden, dass man ganz anderen Mann verlassen hatte, als man jetzt antraf! Letzteren hätte sie glatt wegschmeißen können.
Hatte immer Jos Eifersucht als was Dummes, Lächerliches abgetan. Jetzt war sie selbst übel geplagt. Dachte sie an Harald, tauchte plötzlich das Foto mit dieser dunkeläugigen, kurzhaarigen Frau auf, an der Seite des Mannes im Bewusstsein lächelnd, keine andere könne ihr ihn streitig machen. Heiß vor Schrecken wurde ihr. Nützte wenig, dass sie sagte, sie sei jünger, nur mit ihr hätte Harald das herrliche Herein- Heraus-Spiel, bei dem man alle anderen Spiele und überhaupt alles sonst auf der Welt vergaß. Bedeutete ihm das wirklich so viel, wenn er doch der Frau wegen die Geliebte jederzeit aufgeben würde! Wog das, was ihn mit seiner Frau verband, also viel mehr. Die plötzliche Hitze beim Gedanken an die Frau lange nicht gehabt. Kindheitserinnerung schoss in ihr auf. Das Heißwerden von da bekannt noch und noch. Das Heißwerden immer mit Bloßstellung verbunden. Sie vor Scham erglühend, blutrot im Gesicht. Sich zu schämen, war damals geradezu ihre Haupteigenschaft gewesen. War Eifersucht vielleicht Angst, bloßgestellt zu werden. Fühlte sie sich in ihrer Selbstachtung bedroht? Ein Mann verließ sie schwuppdiwupp und lachte sich krank über armes, dummes Herz, das sich nach ihm verzehrte. Ja doch, immer lächerlich die Gehörnten, die Verlassenen. Das Mitleid Teil der Lächerlichkeit.
Während liebender Vater und sorgender Gatte in kleiner Familie auf dem Lande die Festtage beging, wollte sie nicht sitzen und - Idyll sich in Farben ausmalend - darauf warten, dass man sie eventuell mit einem Gruß von draußen bedachte. Begab sich lieber ganz aus Eventualität ins Thüringische und wies Jo den schwereren Teil zu. Musste der eben einmal seine Mutter erdulden. Wenigstens hatte er für weitere Verabredungen sein Gott sei Dank doch fortdauerndes Verhältnis. (Aus Rücksicht auf seine Mitbewohnerin ging er inzwischen immer zur Frau.) Jos Klagen gewaltig. Wie er allein die Mutter ertragen solle. Und sie seien die Feiertage doch immer zusammen gewesen. Alles ändert sich, hatte sie gar nicht fröhlich geantwortet und sich aus der Stadt gemacht. Das Fest auf thüringischem Dorf fand in Gängen und Abteilungen statt - Mitternachtsmesse, Bescherung, Mahlzeiten wichtige Bestandteile - inmitten von Leuten: Geschwisterfamilie, Eltern, Schwiegereltern, verschwägerten Familien. Den Nichtlein, den besonderen Festtagslichtlein, machte sie sich durch Scherze und Spielen beliebt. Zeichnete mit kleiner Mara, las vor, auch aus von ihr selbst illustrierten Büchern. (Standen alle aufgereiht in Glasvitrine der Eltern.) Bekam im Postamt einmal Jo an den Apparat, der zwischen den Feiertagen wieder in der Stadt war. Wie soll's mir schon gehen, sagte er. Aber mach dir keine Sorgen. Lief die Kindheitswege ab, die Wiesen vom Nieselregen vollgesogen, in den Wäldern tropfte es von den Zweigen. Hatte ein Andenken an ihren Geliebten auf ihrer Haut: ein besonderes Parfüm, zum Fest geschenkt. (Für dich und für mich!, hatte er gesagt.) War drin wie in Duftkleid eingehüllt.
Die Ankunft in der Stadt von mächtigem Ärger über Jo begleitet. Konnte der denn nie was wegräumen oder mal eine Tasse unters Wasser halten. In der Wohnung fuhrwerkend, machte sie lauthals ihrem Unmut Luft, stellte Überlegungen an, wie denn das zusammenginge, Filme, in denen Ästhetik eine Rolle spiele, und im Leben ... Ein Mann muss nicht so sein! - Ich bin ein Schwein!, gab Jo unumwunden zu. Das wollte sie nun auch nicht hören. Sie wäre doch in jungen Jahren nicht zu so nachlässigem Mann gezogen! Die Nachlässigkeit hatte sich wohl erst herausgebildet. Mit den Jahren war er so allgemein träge geworden. Keiner verlangte ihm etwas ab und sie eben auch nicht. Das Gesetz der Trägheit, ging ihr das Wort aus der Physik durch den Kopf. Eine Trägheit zog die andere wie magnetisch an.
Drang kurz Haralds Stimme an ihr Ohr. Ein gesundes Neues!, sagte er munter. Die Feiertage hast du gut verbracht? - Ja, konnte sie auf so ne Frage nur antworten. Und dir auch ein ... - Jaja, sagte er. Ich melde mich. Musste man sich an ein neues Jahr immer erst gewöhnen. Mit schlechtem Wetter, schlechter Laune hatte es begonnen, alles wie im alten Jahr, nur vorübergehend noch weniger gut zu ertragen. Zum Beispiel die Anrufe des Geliebten, wenn sie endlich kamen und dann doch gar nichts brachten, nicht mal eine kleine Freundlichkeit für sie. Und sie wartete wieder, wann er denn Zeit für sie hätte. Du sollst nicht auf mich warten, sagte er dazu. Ich warte doch auch nicht. Schon paradox. Auf wen sollte er denn dringend warten, wenn sie ja doch nicht anrufen durfte. Jaja, wusste sie schon, wie er's meinte. Er wartet grundsätzlich nicht, dachte sie. Auf niemanden. Ihm ist alles Mögliche wichtig, aber nichts ist ihm so wichtig. Nicht mal seine Arbeit, die ihm das Wichtigste ist.
Endlich winkte sie der Geliebte ins neue Jahr hinein. Ermattet von so viel Tagen ohne ihn legte sie zur Begrüßung ihren Kopf an seine Schulter. Weißt du, wie lange wir uns nicht gesehen haben?, sagte sie. Vier Wochen! Er hielt sie, streichelte sie. Mir war es wie gestern!, sagte er. Klang, als ob er all die Zeit in seinen Gedanken bei ihr gewesen sei. Schon war sie versöhnt. In Süße verwandelte sich Bitterkeit. (Später jedoch sagte sie sich, er hätte es gut heraus, Anklagen zurückzuweisen, und bemäntelte mit solchen Reden, dass er ihre Abwesenheit sogar über Wochen gar nicht bemerkt hatte.) Nach hitziger Begrüßung erging er sich in Betrachtungen. War nun auch über ihn reichlich die Lust des Sehens gekommen. Hab ich dir schon mal gesagt, wie schön sie ist? - Einmal, glaube ich. - Ich bete sie an. - Ich bete ihn an. - Ich mach ihr einen Altar. Mit ihr hat Gott etwas Besonderes geschaffen. Ich bin nicht gläubig. Aber wenn er so was geschaffen hat, dann muss er auch gewollt haben, dass man so was tut, wie wir tun. Es ist Gottesdienst. - Es ist was ganz Heiliges, sagte sie, wunderte sich nicht über ihre gleichen Empfindungen. Sie erinnerte sich an die Abbildung einer steinernen Grabfigur in phallischer Form mit einer Gesichtsdarstellung in Art von Schmucknarben, westafrikanischer steinzeitlicher Fund, sagte ihm davon. Er berichtete von der Phallusanbetung der Griechen. Da wäre ich auch hinterhergetanzt, sagte sie emphatisch. Früher haben die Menschen noch gewusst, was anbetungswürdig war! Nahm es mal nicht so genau mit der Wahrheit, dass Überlebenswille den Fruchtbarkeitskult geschaffen hatte. Und dass der lüsterne Hirtengott Pan ja auch ein Unheilstifter war, denn höchste Form des Schreckens war nach ihm benannt.
Zu Hause in ihrem Bett liegend, formte sich ein Bild wie aus einem Traum: Ein aus gelbem Holz geschnitzter Götze, die Beine übereinandergeschlagen, sehr schlank, hockte -von Affen um turnt - auf einer Lichtung mitten im Urwald, also in üppig wuchernder Vegetation. Grellbunte Vögel flogen über den gelben Götzen hinweg und schrien. Wohl in der Nähe eine mit Grün überwucherte Ruine. Unangegriffen einsamer gelber Götze, betete ihn an, ja doch.
Die Prenzlauer Allee stadtauswärts lief sie, vorbei an weitläufigem Klinkerbaukomplex Nordmarkstraße, ehemaliges Obdachlosenasyl, jetzt unter anderem das Wohnungsamt des Stadtbezirks untergebracht, sie glücklicherweise nicht darauf angewiesen. In einem der Gebäude residierte eine Abteilung der Staatssicherheit, sagte man. Da wechselte sie lieber auf andere Straßenseite. Die belebt: Geschäft an Geschäft, winzige Lädchen dazwischen. Noch kahl die großen Linden. In einer Querstraße wohnte Dorit, die ehemalige Mitschülerin aus der Parallelklasse. War ihr nach Monaten eingekommen, sie zu besuchen. Würde ihr kühler Empfang zuteil, ginge sie gleich. Würde ihr gar keiner zuteil, wollte sie wiederkommen und noch mal wiederkommen. Was sie einmal begann, tat sie weiter. War so ein Mensch, das hatte sie schon gemerkt. Am Ende der Straße Dorits Haus, schräg gegenüber »Offenbachs Stuben«, wo man hingehen konnte, wenn man mal Gutes zu essen vorhatte. Gepflegte Schwule bedienten und verkehrten. In der Durchfahrt fand sie an einem der großen, stark mitgenommenen grauen Briefkästen Dorits Namen. Sie stieg die Treppen des Vorderhauses hinauf, dann die des Seitenflügels. Tastete immer wieder nach einem Lichtschalter. Im dritten Stock des Seitenflügels Dorits Wohnung, mit ordentlichem Türschild und Klingel versehen. Sah das Flurfenster eine halbe Treppe höher an: farbig umrandete ornamentale Felder. Jugendstil hatte sich erhalten in altem Gemäuer. Gerade wollte sie den Knopfdruck wiederholen, da hörte sie es laufen, ganz leicht. Bald erschien Dorit in offener Tür, dünn, die Kleidung lose. Ihre dunkelblauen Augen wurden noch größer und war Frage über plötzlichen Besuch drin. Das Gesicht uneben, doch anziehend. Bleich sah sie aus. Wenn es dir nicht passt?! Dorit zuckte mit den Schultern, griente. Sowie sie sich entschließen konnte, die starke Langeweile aus ihrem Gesicht zu nehmen, kriegte es was Lausbubenhaftes. Komm schon rein. Sie durchschritt hinter Dorit langen Flur, große Wohnküche, einst Aufenthaltsraum einer ganzen Proletarierfamilie. Das Zimmer beinahe quadratisch und nicht besonders groß. Daneben eine nicht beheizbare schmale Kammer. Alles mit Raufasertapete frisch tapeziert und gemalert und so ordentlich, dass sie ein schlechtes Gewissen bekam wegen des Zustandes von Jos Wohnung. Ich bin noch nicht ganz fertig, erklärte Dorit, brühte einen Tee, bot Plätzchen aus einem hohen, verschlossenen Glasbehälter an. Nimm dir ruhig, ich kaufe immer nach, sagte sie, bekam wieder das Lausbubenlächeln, schien sich tatsächlich zu freuen. Steuerte allerdings nichts zur Unterhaltung bei, was sie vorläufig nicht störte. Erzählte gern in dieses lebendige, sich ständig regende Gesicht hinein, zum Beispiel, dass sie sich von ihrem bisherigen Lebensgefährten trennen wollte. Konnte Dorit das Gefühl geben, sie befände sich in ähnlicher Lage. Hatte endlich so lange gesprochen und frei von der Leber weg. Und du? Dachte, nun wäre auch mal ne Frage erlaubt. - Was soll schon sein? Man arbeitet, man lebt. Leicht, doch unverkennbar Dorits Thüringer Akzent. (Tat ihr so wohl, konnte selbst nicht begreifen, wie sehr, da sie doch das Thüringische nicht vermisste.) Dass Dorit nicht redete, war eher eine Unfähigkeit als Verstocktheit. Auf Nachfragen gab sie doch ergiebigere Auskünfte: Fremd noch wäre ihr die Stadt. Die Scheidung hätte sie einigermaßen überstanden. Mit der Arbeit käme sie zurecht, mit den Kollegen. Hätte sich mit einer jungen Frau aus ihrer Abteilung angefreundet. Wenn sie und ihr Mann was vorhaben, kümmere ich mich um die Kinder, sagte sie. - Magst du Kinder? - Ja. - Und du? - Ich auch. Waren mit einem Mal an einem Punkt, wo Mitteilung sparsam wurde. Frauen hatten Kinder, so war es in dieser Gesellschaft üblich. Sie hatten einen Beruf, der Mann unterwegs vielleicht abhanden gekommen, hatten auf jeden Fall Kinder, zwei oder mehr. Die nie verheiratet gewesen waren, wenigstens eins. Wenn nicht, wurde man befremdet gefragt. So ein Fragen wollte sie Dorit nicht zumuten, aber sie ja keine der Frauen, die auf kinderlose mitleidig herabblickte. (Jedenfalls war ihr manchmal so vorgekommen, als ob mit Kindern Versehene das täten.) War ja selbst so eine Kinderlose. In der Familie meines Mannes gab es eine Krankheit. Die hätte ein Kind vielleicht auch bekommen. Zögernd, leise sagte Dorit davon. - Aber dann kannst du noch eins haben! Sie redete sich in Begeisterung. - Mit fünfunddreißig? Bisschen spät, nicht? - Ich würde noch. Ich ja! Ich würde es probieren! Unbedingt! Sie sah: Dorit lächelte über aufgeregte ehemalige Schulgenossin. Mochten sich also wie damals. Hätte sich eine Freundschaft ergeben können, doch hatte die gemeinsame Freundin eifersüchtig gewacht. Kannst immer kommen, sagte Dorit zum Abschied. Wir beiden Thüringer Mädels!
Dorit war an ihr gelegen. Also ging sie einmal wieder in die Stubbenkammerstraße und noch einmal. Wurde in einigen Monaten eine Regel, dass sie jeden Sonntagabend zu Dorit ging. Denn oft war Dorit bei der Familie nicht eingeladen, mit der sie sich befreundet hatte. Und am Wochenende war jeder Mensch, der allein lebte, ganz besonders allein. Sie fühlte sich verantwortlich.
Wieder lief sie zum Telefon und wieder der Anruf für Jo. Der lächelte, nachdem er herangerufen war, brauchte gar nichts zu sagen. Sie wusste sowieso, was er dachte, hatte es inzwischen so oft schon von ihm gehört: die Stimme ihres Herrn. Bei Haralds Anrufen gab's keine Regelmäßigkeit. Mal rief er täglich an, mal Tage nicht. Und dann hieß es mitten in eine Zeit, in eine Arbeit hinein: Komm!
Am Nachmittag lief sie mal nicht umsonst zum Telefon. Ach, du bist's!, hörte sie ihre eigene Stimme, klanglos jämmerlich. Schon Minuten hielt sich ein wohlgelaunter Harald mit ihr auf, fragte, erkundigte sich, lachte. Als seine Langmut am Telefon so gar kein Ende nahm, sagte sie: Du kannst wohl die Woche nicht? - Ich weiß noch nichts!, die seit Minuten befürchtete Antwort. - Aber ... quiekste es hoch aus ihrer Kehle. Tränen quollen. Man soll die Hoffnung nicht aufgeben, erwiderte er. War einer seiner Sprüche, die ihr immer blöder wurden. Kaum hatte sie den Telefonhörer aus der Hand, rannte sie in ihre Kammer, heulte laut auf, hörte sich selbst beim Flennen zu. Wollte nichts wissen von einem Vielleicht-vielleicht-doch in dieser Woche. Hätte sich gern bei schlechter Gewissheit eingerichtet. Aber Herr Harald hielt sich immer kleines Türchen offen. Würde erst am Ende der Woche Endgültiges über Wochenverlauf wissen. Wie das nervte. Und was das für ein Leben war. Um ihre Lage zu verbessern, ging sie zum Kühlschrank und schnitt sich eine Scheibe Katenwurst ab und noch mehrere und beschäftigte ihre wütenden Zähne damit. Lena- Lenka, sagte Jo beim Abendbrot, war ihm das Glück der Freundin nicht recht, so das Unglück auch nicht. Scheiße, Scheiße, Scheiße, antwortete sie weinend-lachend mit verquollenem Gesicht. Konnte sie nur Jo zumuten.
Sah Herrn Harald und sein Lächeln in dunklem Flur. Alles Leid entfiel ihr. War ihr, als sei sie eben aus längerem Schlaf erwacht. Ermunterte er die noch schläfrige Person, ein paar Schritte voran zu tun, da sich ja noch weiteres begeben sollte. Erinnerte sie sich sofort ihres Lieblings, legte Hand an ihn und führte Harald zur Lagerstatt, wie es Brauch geworden war. Und war dann so frei von jeder Bedenklichkeit, wusste, auf ihn war Verlass, so dass es sie hintrieb so leicht und überaus schnell- früher nie gekannt - ganz ohne Abmühen bis zu erstem und weiterem Aufseufzen, als sei sie von allen Lasten der Welt befreit. Nickte heftig, damit er bestätigt bekam, was er schon wusste, sagte vielleicht auch was. Es war nun schon so um sie bestellt, dass es ihnen gleichzeitig oder ihm um Zehntelsekunde verzögert geschah, wo doch Rhythmus von Frau und Mann sich eigentlich unterschieden. Er erklärte, was ihm widerfuhr: Wie ein blauer Blitz fuhr es den Rücken hinauf in den Kopf und wieder hinunter. Er brauchte sich nicht zurückzuhalten, weder im Stoß noch in Verausgabung. Wuchsen ihm ja immer Kräfte nach. Diese Erfahrung machte beide sehr freigebig. Hitzig der Anfang. Sie wäre damit schon zu fast jeder Zeit froh gewesen. Hätten sich nun hinsetzen und sprechen können miteinander wie zwei erwachsene Leute. Aber das war erst nur die Einführung in Stunde der Liebe. Leitmotive oder so - anders als in der Oper - noch gar nicht angeklungen. Was für eine Raserei draus entstehen würde. Mal hielt er inne, doch nicht mit Rücksicht auf sie, sondern auf sich selbst und vielleicht auf Nachbarn. So viele Lust konnte sie gar nicht stille bei sich behalten. Sie wird immer verrückter, sagte er. Dieses bissige kleine Biest nagt und beißt mich kaputt. Sollte es dir einfallen, sie auf der Straße auszuführen, so halte sie fest an der Leine, sonst fällt sie Männer an und zerfetzt Hosenbeine. Sie lachte. Gefiel ihr das Bild: ein kraushaariges, igelähnliches kleines Ding an der Leine über eine Brücke laufend, warum über eine Brücke?, an der Leine reißend, bald nach hier, bald nach da, darauf aus, Hosenbeine anzufallen. Man konnte von Glück sagen, dass es dem Biestlein nicht einfiel hinaufzuspringen in gefährlichere Gegenden. Ich Armer, sagte er. Wenn ich's vorher gewusst hätte. - Du Armer, bestätigte sie. - Dabei sieht sie von außen so harmlos aus. Wie du harmlos aussiehst. - Harmlos! Sie lachte, war das doch ein Stichwort aus der Dreigroschenoper für gar nicht Harmloses. Sie küsste, benetzte ihn, um ihn zu besänftigen. Er stöhnte auf vor Wohlbehagen. Aus Wohlbehagen wurde Wollust. Einmal werde ich in dir sterben, sagte er fröhlich-resigniert. Kam ihr auch wahrscheinlich vor. Sie überlegte, was in diesem Fall zu tun sei. Wünschte für ihn, er solle im Zustand höchster Freude von ihr gehen. Wollte Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, ihn - solange das noch möglich war - bekleiden und so weiter, seine Frau sollte geschont werden. Würde noch lieber mit ihm gehen. Wünschte sich ja selbst in Augenblicken höchster Seligkeit ein Auslöschen, ein lautloses Hinübergehen in andere Welt. Wäre ihr dann der unerhörte Skandal gleichgültig, fände man sie beide. Wäre ihr ja sogar fast lieb, dass im Nachhinein ihre unerhörte Liebe offenbar wurde.
Waren eins gewesen, ein Leib, eine Seele. Und doch: Jeden Tag, den sie Harald nicht sah, womöglich auch nicht hörte, wurde das Gefühl von Nähe schwächer. Lag es an ihm, dass er in Zeiten, in denen sie sich nicht sahen, auf gar keinen Fall ein zärtliches Wort gebrauchte? Lag es an ihr, weil sie einfach nicht glauben konnte, sie wäre wichtig für jemanden, außer wenn derjenige es ihr jeden Tag sagte oder sonst zeigte?
Stunden saßen sie und Dorit beieinander, tranken Tee, aßen Gebäck und redeten, jeden Hinweis, jedes Zeichen lange erörternd, das auf Liebe (Lena) schließen ließ oder Interesse, beginnende Zuneigung (Dorit) von Seiten der jeweils Auserwählten. Dorit hatte sich aus der Enttäuschung herausbegeben in neue Hoffnung auf einen Kollegen, ja natürlich verheiratet in dem Alter. Also beide Männer gebunden und sie, die Frauen, nun Schicksalsgefährtinnen. Bisweilen hielten sie in ihren langwierigen Untersuchungen inne. Als hätten wir nichts anderes im Kopf, sagte Dorit schuldbewusst. Worüber unterhalten sich Männer? Über Arbeit? Über Liebe? Über Fußball? Hatten sie aber auch anderes im Kopf. Dorit wollte ihren Ärger im Betrieb an Lena loswerden, eine Freude über eine Begegnung mit Kollegen. Erhitzte sich über Probleme der Produktion, über unzuverlässige und qualitativ mangelhafte Zulieferung, Dorit ein sehr gewissenhaftes Mädchen. Wenn ich eine Arbeit mache, will ich sie ordentlich machen, sagte sie. Und ich würde auch behaupten, unsere Arbeiter wollen ordentlich arbeiten. Die Stammer jedenfalls. (Sie meinte Stammarbeiter.) Sonst hat man keine Befriedigung. Aber wenn man sich nicht auf die Zulieferung verlassen kann! In allgemeines Gejammer artete Dorits Rede nicht aus. Zu sehr war sie der Sache des Sozialismus zugeneigt, aus Liebe zu ihrem Vater, geschieden von der Mutter und ein hohes Tier. Die lästigen, weil fruchtlosen Worte bekam sie von der Freundin also nicht zu hören. Mahnte die Freundin im Gegenteil mit angstweiten Augen: Aber Lena!, erging sie sich in grundsätzlichen Anmerkungen, die zum Allgemeingut denkender Menschen hierzulande gehörten, dachte sie wenigstens.
Jo vor ihr mit verquollenem Morgengesicht wie sie mal mittags oder abends mit verheultem vor ihm, mochte das Essen kaum anrühren. War ein bisschen krank und ein bisschen wehleidig. Wenn du nachher in die Apotheke gehen könntest, sagte der ganz hinfällige Jo. - Ich kann aber erst gehen ... - ... wenn dein Herr Dorisch angerufen hat!, vollendete Jo. - Dorau. Ja. - Kann es auch mal sein, dass du nicht da bist oder nicht kannst? Jo trotz großer Schwäche doch zu Ärger fähig, so dass sie ihm klare Auskunft gab: Nein. Nur wenn ich ihm zeige, dass er ganz wichtig für mich ist, bringe ich ihn dazu, dass er sich mir zuwendet. Kam ihr wieder das Bild vom Hund auf, der gebannt vor der Trichtermuschel hockte (die Stimme ihres Herrn). Neuerdings war ein Hundetier in Haralds Besitz, für den Sohn draußen auf dem Grundstück angeschafft. Seither redete er fortwährend über den Putzhund (von putzig), selbst in Liebesstunden hinein. Sprach leider nie über seine Arbeit, selbstverständlich nicht über seine Frau, mal über den Sohn, aber über diesen Hund. Hatte der sich in wenigen Wochen Haralds Herz erobert: durch den einem jungen Tier eigenen Spieltrieb, Charme, durch Treue, völlige Hingabe. So war Haralds Herz zu gewinnen. Andere Männer bekamen es mit der Angst zu tun, machte man ihnen Zugeneigtheit sehr deutlich, Harald brauchte es, forderte es heraus. Wohl war er uneins mit dieser Gesellschaft, in der patriarchalische, konnte man auch sagen: autoritäre Strukturen herrschten, war aber selbst einer mit Anlagen zum Despoten. Du warst immer souverän, sagte Jo. Schon als junges Mädchen. Es tut einem weh, was mit dir geschieht. Jo redete mit ihr wie ein guter Freund. Sie nahm dies gern an. Du machst dich kaputt und mich mit, fuhr er fort, erneut in Wehseligkeit verfangen. Weil ich dir nicht sofort die Nasentropfen hole? Sagte sie lachend in weinerliches Gesicht hinein. Und wenn ich nicht mehr da bin? Jos Blick wurde nun ganz und gar trübselig. Sie hingegen knüpfte alle Hoffnungen an eine eigene Wohnung. Glaubte, das würde die Beziehung zu Harald entscheidend erleichtern. Dann könnte Harald sie jederzeit besuchen, vor allem am Abend, einer Zeit, die ihr für die Liebe am meisten geeignet erschien. Erträgliche Umstände, wozu eine eigene Wohnung gehörte, bildeten eine Voraussetzung für eine langwährende Beziehung, die endlich in ein Zusammenleben münden würde. (Glaubte fest, was aus ihrer Hand gelesen worden war.) Doch der Umbau von Irenes Haus zog sich hin. Eines Tages stände sie womöglich vor der Entscheidung, eine vom Magistrat vermittelte Wohnung in einem Neubaugebiet anzunehmen oder weiter auf Irenes Auszug zu warten, um dann einen Behördenkampf nur eventuell milderer Art auszufechten.
Und wie lange?, fragte sie - nun schon gewitzter - Harald am Telefon. Eine Stunde, zwei? - Ja etwa. Es kommt doch nicht auf die Länge der Zeit an. - Schon auch. Für mich schon. Stand zu vereinbarter Zeit vor seiner Wohnungstür, konnte wieder mal das Glück nicht fassen, ihn im nächsten Augenblick zu sehen. Blubberte ihr Herz. Ihr Auge fiel auf das Namensschild. Das messingne gegen ein schlichtes ausgetauscht. Nur der Nachname drauf zu lesen. Hatte nie was zum Schild gesagt. So war er eben: zart bei Wesentlichem.
Richtete sich auf, ging mit zärtlichen Augen über ihren Geliebten hinweg. Stellte fest: eine Dreieinigkeit! Überlegte, ob sie was Unrechtes sagte. Dachte dann, Gott - gab es ihn denn - sähe in ihr Herz, das lediglich dankbar lobpries, was er geschaffen hatte. Liebkoste, was sie Dreieinigkeit nannte, den, der sich schließlich und endlich ein wenig beruhigt hatte und schlummerte, der war eingebettet von dieser so sanften, leicht behaarten Haut, reichlich gebreitet über jene, denen sie voller Entzücken nachfühlte und die im Volksmund derb und treffend genannt wurden. Sie sind kühl, sagte sie. Wie dein Professor gesagt hat, dass sie sein müssen. - Erst du machst sie mir zum Genuss. Ich habe sie vorher als zur Produktion Notwendiges angesehen. Du bringst mir bei, auch durch sie kann ich meine Freude haben. Ich spüre sie, wenn wir uns lieben. Es ist wie Glockenläuten. - Und es duftet, sagte sie. Ein wunderbarer Duft. Ganz sauber. Wie von einem frisch gebadeten Baby. Sie nahm den, der ihr zu Willen gewesen war und viel Gutes getan hatte, auf in ihrem Mund, züngelte, sog, ließ Lippen, Zähne drüber gleiten, um den kleinen Liebreizenden auszukosten. Süß ist er, sagte sie. Richtig niedlich. - Du magst ihn auch jetzt noch? - Gerade. So treffe ich ihn selten an.
Geh mit deinem Harald in die Wohnung, hatte Irene empfohlen. Sie wohnte den Sommer über draußen mit ihrem Freund in noch unfertigem Haus. Ja, wäre eine Möglichkeit!, hatte Harald daraufhin gesagt und nicht nein. Aber nutzte das Angebot nicht. Wie sie's schließlich feststellte, schob sie's auf den Ästheten. Der war er in allem. Trotz proletarischer Herkunft. Kam mal vor, dass man sich vom Stamm wegverirrte, traf auf sie ja nicht weniger zu.
Der Geliebte hatte Vorstellungen von Schönheit und Gesundheit und ihr empfohlen: Du musst dich durchbräunen lassen, dich von den Sonnenstrahlen durchwärmen lassen. So stieg sie bei Sonnenschein eben spätnachmittags in die Straßenbahn stadtauswärts Richtung Orankesee, lief einen langen Sandweg, vorbei an Friedhof, Gärten, einem Feld, legte sich auf eine Badewiese. Auf den Bauch zum Lesen, das ging noch. Langweilig, auf dem Rücken zu liegen. Von Zeit zu Zeit durchschwamm sie den kleinen See. Schwamm wirklich gern, spürte: ihre Kräfte waren da, war voll Verlass auf sie. Die sowieso mehrfarbigen Haare kriegten noch blonde Strähnen. Sie flocht sie zum Zopf, fürs Schwimmen einfacher. Haralds wegen hätte sie sowieso immer mit nem Zopf rumlaufen können. (Hatte der die Jungs-Sehnsucht nicht vergessen, an Zöpfen zu ziehen.) Ihre zarte Haut errötete. Schließlich kriegte sie eine bräunliche Pelle, sprossen massenhaft dunkle Pünktchen drauf. Da sie sich für ihn bräunte, beunruhigte sie nicht, er könne vielleicht in der Zeit ihrer Abwesenheit anrufen. Er war auch sehr zufrieden mit ihrem Aussehen. Na siehst du!, sagte er. Warum muss ich dir erst alles sagen! Warum kommst du nicht selbst drauf! Hatte so was Väterliches, als würde ihm ihr Wohlbefinden sehr am Herzen liegen.
Kriegte dann wieder am Telefon eins über den kleinen Nischel, als wäre seine Mitteilung kein Grund zur Freude, sondern Marschbefehl in Kriegsgebiet. Sagte Harald: Kannst kommen!, und legte auf. Hatte zu ihr gesprochen wie Imperator in Ermangelung eines dienstbaren Ministers zu begriffsstutziger Subalterner. Als wären drei weitere Worte an sie schon eine Zumutung. Ein solcher Zorn überkam sie. Wusste ja, der konnte anders. Oft genug wurde er in ihrer Gegenwart ans Telefon gerufen. In Pausen stand er auf. Erwartete er dringende Anrufe, unterbrach er auch mit ihrem Einverständnis fröhliches Treiben. (Konnten ja immer beginnen, wo sie aufgehört hatten, war der Hübsche, der kleine Tiger, ihr ja hörig und wollte, wenn sie wollte.) Mal redete er kurz und bündig, doch immerhin höflich. Meist aber parlierte er, glänzend gelaunt - sie wusste, weswegen -, als hätte er alle Zeit der Welt, alberte, lachte, lachte, war die ganz liebeswürdige Person. Bemüht und geradezu ausschweifend die Gespräche mit dem Sohn auf dem Dorf, buhlte um dessen Anerkennung. Worte, Wortbrocken hingegen nur, der Sinn rätselhaft, eine Stimme, dass man dran erfrieren konnte, so sprach er mit seiner Frau. (Na klar, die war es, mit keinem Menschen ging's in so wenigen Worten ab und dabei noch um Verschiedenes.) Wäre sie wohl nicht froh gewesen, hätte er mit seiner Frau gelacht. Aber die Gleichbehandlung von Frau und Freundin am Telefon beunruhigte sie ebenfalls. Glaubte er, den beiden nächststehenden Frauen am Telefon keine Höflichkeit zu schulden?
Der Herr hatte gepfiffen, also lief sie eilends und hatte dabei Gedanken um den, der gepfiffen hatte, der es mitunter - mitunter nur! - so an Höflichkeit mangeln ließ, sonst sehr charmant, sehr galant, jaja. Hatte es wohl einfach nicht gelernt und sich auch nicht danach gesehnt wie sie, die das Mürrische, die Launen ihrer Mutter sich zum schlechten Beispiel genommen hatte, nie andere ihre Stimmung in stärkerem Maß entgelten zu lassen. Meinte Harald - sonst nicht dem in dieser Gesellschaft üblichen Proletkult anhängend - dann vielleicht doch, der raue Ton unter Arbeitern sei ehrlicher? Man streife damit lästige und angeblich überflüssige bürgerliche Konventionen ab? (Waren übrigens die Frauen die Leidtragenden. Die Männer minimierten Höflichkeit ihnen gegenüber, ließen sie nun nicht nur leichte Taschen, sondern auch Kinderwagen allein, zu zweit treppauf und treppab tragen. Waren die Frauen ja nun gleichberechtigt.) Ließ sich Harald alle seine Launen durch. Sah sich selbst wohl als starke Persönlichkeit mit dem Recht auf freie Entfaltung, natürlich im Rahmen derzeitiger gesellschaftlicher Möglichkeiten. Proletarische Umgangsformen kamen seiner Neigung zu Selbstherrlichkeit, zu Despotismus entgegen. Mutmaßte sie jetzt, sein Angestelltenverhältnis in der Redaktion hätte er nicht nur aus politischem Uneins-Sein aufgegeben. Hatte Unterordnung nicht ertragen. Als freier Mitarbeiter wohl auch abhängig. Doch konnte er sich aussuchen, bekam Angebote. Liebten den, der sich in Liebenswürdigkeit gefiel, die Frauen und auch die Männer. Ein Laufen, ein Anbieten nur in Maßen erforderlich. Sprach manchmal über das Entgegenkommen der Frauen, wie sehr sie ihn mochten. Bestätigte sich also, so dass ihm der Gang in die Redaktionen kein mühsamer war. Genauso gut hätte er aber nach einer vorübergehenden Zeit der Anpassung Chef werden und seine Mitarbeiter Macht spüren lassen können, und sein Charme würde sich auf gute Stunden begrenzen. Anfangs hatte ihr seine Arroganz imponiert, hatte sie die zu gern (und wissentlich) verwechselt mit Selbstsicherheit, entsprach ihrem Anlehnungsbedürfnis. Jetzt war sie abgestoßen. Was suche ich bei ihm?, fragte sie sich. Die Straßen in greller Sonne. Da noch hässlicher, kaum zu ertragen die dunklen, verfallenden Fassaden. Von ihrem verzweifelt kalten Blick schließlich sein Haus nicht ausgenommen. Hatte oft geklagt, sie käme mit der Hälfte ihrer Liebe zu ihm aus, es bliebe immer noch genug. Doch nun schien ihr die Hälfte ein bisschen wenig, möglicherweise hatte sie aber auch mehr als die Hälfte ihrer Liebe eingebüßt.
Empfing Herr Harald seine Geliebte geduscht und so weiter, als hätte er nicht vor einer halben Stunde zwei Worte nur und in welchem Ton! mit ihr gesprochen. Brauchte sie wohl grad drei Sekunden des Erstaunens, dann liebte sie ihn so heftig wie eh und je und ging auf alles ein, was er erwartete. Und wie er mit ihr zusammen war, wurde ihr mit einem Mal bewusst: Es hatte ja immer Folgen. Als risse der Herrliche mitten in ihren Körper eine tiefe Wunde. Und durch ihren blutenden Leib eröffnete er sich einen Zugang zu ihrem nun bloßliegenden Herzen, packte es mit festen Händen. Wahrscheinlich war für einen Mann der Beischlaf eine ihn in seinem Mannestum bestärkende Tat. Er drängte sich in fremden Leib, eroberte die Frau wie fremdes Territorium, ließ Siegesfahnen aufstecken und Fanfaren blasen. Sie hingegen gab sich ihm preis, wurde schwach und sehr anhänglich, da er bis zu ihrem Herzen vorgedrungen war. Ja, hatte das auch mal gekonnt - als junges Mädchen -, ihre Seele zu beschützen. Hatte sich geteilt, dem Mann ihren Körper überlassen, aber ihre Seele streng verwahrt, so dass es bei Männern zu Irritationen gekommen war. Doch ausgeschlossen diese Teilung bei Harald! Obwohl sie es als ungerecht empfand, dass Harald wie ein Sieger hervorging, während sie sich ihm auslieferte, wollte sie auch nicht unverletzt und unbeschadet aus ihrer Begegnung herauskommen. Fürchtete zwar das starke Gefühl, die Leidenschaft. Aber jämmerlich erschienen ihr die beliebigen Männergeschichten vor Jo. Sie gehörte ihm, hing ihm an. So war das, sollte es auch sein. Mach mit mir, was du willst, sagte sie. Er hätte sie töten können. Das wäre nur der letzte, vollkommenste Liebesakt gewesen.
Über Tage vergaß sie die köstliche Verwundung nicht, ging herum als Gezeichnete, als eine, die sich selbst nicht mehr gehörte. Dann antwortete sie sich auch wieder selbst und bekam ein gewisses Gefühl von Festigkeit und Eigenständigkeit.
Von Liebe sprach er nicht. Heute nicht und nie. Wie er überhaupt sehr spröde, fast jungfräulich war in der Mitteilung von Gefühlen, was sie eher schätzte. Sie misstraute dem Überschwang aus dem Augenblick heraus. Auch sie hütete sich, dieses Wort auszusprechen. War fast ein Abkommen. Doch verlor sie schon mal die Kontrolle über das, was sie sagte, und es brach aus ihr heraus. Ich lieb dich, sagte sie, ich lieb dich. Und war der Bann erst gebrochen, flüsterte sie mehr für sich: Ich lieb dich so, ich lieb dich so, streichelte seinen Rücken, worin sie nie nachlassen durfte, bis ihm danach war, dass sie anderem ihre Aufmerksamkeit schenkte. Liebe dich selbst, antwortete er mit einem seiner unvermeidlichen Sprüche. Sie entgegnete darauf auch immer dasselbe: Das eben kann ich nicht. Ich kann mich nur lieben, wenn ein anderer mich mag. Ich bin ein Spiegelmensch. Hatte das Wort mal für sich gefunden, als sie über die Verwirrung in ihrer Kindheit nachdachte, wenn sie allein in der Kreisstadt war. Auch heute noch trat solche Verwirrung auf, in einem fremden Stadtteil, in einer fremden Stadt. Wohl hatte sie das undeutliche Gefühl von Körper, weil sie sich in ihm fortbewegte. Aber ihr Kopf weitete sich aus zu einer riesigen Filmleinwand, die die Straße, den Platz wiedergab, in dem sie sich befand. Nichts sonst existierte. Keine Bewertung gab's. Keine Erinnerung außer höchstens einer Art Déja-vue-Erlebnis. Erst in ihrer Wohnung fand sie zu sich. Das Gegenteil geschah und doch aus gleicher Ursache heraus, schaute sie während eines Gesprächs in ein freundliches Gesicht. In den Augen des anderen fand sie ihr Bild, spiegelte sie sich selbst. Lächelte man ihr zu, war das Lächeln aus ihrem Gesicht gar nicht mehr wegzubekommen. Geradezu euphorisch konnte sie nach einer solchen kurzen Begegnung werden. Außerordentlich erstaunlich und bewundernswert erschienen ihr Menschen, die ganz aus sich heraus lebten, andere nicht brauchten. Sie war auf Menschen angewiesen, ein Spiegelmensch eben, wie sie die übertriebene Abhängigkeit nannte. Wollte Harald auch nicht verstehen, wusste er im Grunde wohl, wie sie geartet war. Glaubte sie jedenfalls. Er wehrte nur ab, weil er meinte, sich schützen zu müssen. Gar niemand durfte seiner empfindsamen Seele zu nahe kommen. Männer hatten nicht gelernt, es war ihnen nicht beigebracht worden, Verletzungen dieser Art auszuhalten, mit denen sie täglich zu leben hatte.
Darmowy fragment się skończył.