Czytaj książkę: «Tödlicher Crash»
Barbara Wimmer
Tödlicher Crash
Kriminalroman

Zum Buch
Geheimnisvoller Tod Wien 2022. Der Finanzminister der Republik Österreich ist stolz auf sein selbstfahrendes Auto – eines der ersten, das im Lande zugelassen wurde. Doch plötzlich prallt das hochmoderne Fahrzeug auf dem Weg in seine Heimat, einer kleinen Gemeinde am Attersee in Oberösterreich, gegen eine Baumallee. Der Tod des Politikers sorgt für großes Aufsehen. Anfangs ist unklar, ob es sich dabei um einen Unfall handelt, oder die Schuld beim Computersystem liegt. Oder steckt ein Hacker-Angriff dahinter?
Die kritische Investigativ-Journalistin Stefanie Laudon aus Wien will den Fall für das Blatt »24 Stunden« aufklären und gerät plötzlich selbst ins Visier der polizeilichen Ermittlungen. Durch jahrelang gespeicherte Social-Media-Postings, „Precrime“-Computer, die ermitteln, ob jemand verdächtig ist, und Funkzellenabfragen wird ihr das Leben schwer gemacht. Wie kommt sie da bloß wieder raus? Und wie kam der Finanzminister wirklich ums Leben?
Barbara Wimmer ist preisgekrönte Netzjournalistin, Buchautorin und Vortragende. Sie wurde in Linz geboren und zog danach zum Studieren nach Wien. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften begann sie als Journalistin bei einer großen Tageszeitung zu arbeiten. Sie schreibt als Redakteurin seit rund 15 Jahren über Technik-Themen wie IT-Sicherheit, Netzpolitik, Datenschutz und Privatsphäre. Wimmer entwickelte im Laufe der Zeit zahlreiche Ideen, wie sich Zukunftsthemen auch literarisch spannend verarbeiten lassen. 2018 gewann sie den Journalistenpreis »WINFRA«, 2019 wurde sie mit dem Dr. Karl Renner Publizistikpreis und dem Prälat Leopold Ungar Anerkennungspreis ausgezeichnet. »Tödlicher Crash« ist ihr erster Kriminalroman. barbara-wimmer.net
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Madrugada Verde /
shutterstock.com
ISBN 978-3-8392-6316-7
Haftungsausschluss
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Prolog
Klick. Stefanie Laudon fotografierte ihre gerade frisch erworbene Eulen-Handtasche mit ihrem Smartphone. Sie saß in ihrem Hotelzimmer in Barcelona und schickte das Foto an Paul Mond. Er hatte ihr eine Message gesandt mit einem YouTube-Link zu einem Konzert seiner Lieblingsband. Natürlich verwendeten die beiden dazu »Signal«, diesen supersicheren Messenger, der die Nachrichten zuverlässig verschlüsselte und den selbst der berühmte Whistleblower Edward Snowden schon vor Jahren empfohlen hatte. Schade, dass sie Snowden nie persönlich getroffen hatte. Sie wäre neugierig gewesen, ob er wirklich so ein Patriot war, wie der Guardian-Journalist Ewen MacAskill in seinem Vortrag behauptet hatte, als sie diesen zum Interview getroffen hatte. Dieses Interview, das sie nie vergessen würde, weil es so bewegend gewesen war. Ihr Smartphone vibrierte und machte Bling.
»Hast du Spaß in Barcelona?«, schrieb ihr Paul zurück. Auch er hatte sein Smartphone praktisch rund um die Uhr bei sich. Als IT-Systemadministrator musste er schließlich ständig erreichbar sein. Er hatte oft genug Bereitschaftsdienst. Aber auch seine Freunde schickten ihm permanent Nachrichten via Signal. Nur so war das Leben eines »IT-Sysadmin«, wie sich die Mitglieder dieser Berufsgruppe selbst gerne abkürzten, erträglich. Durch Kommunikation, Unterhaltung, Ablenkung.
Stefanie schmunzelte, als sie die Nachricht von Paul las. Heute hatte Paul wohl wieder einen seiner guten, optimistischen Tage. Oft genug war er so in seine Arbeit vertieft oder so von den Kundengesprächen genervt, dass er nicht richtig auf das, was sie ihm schickte, reagierte. Die Journalistin beschloss darauf, ein ihnen beiden sehr vertrautes Spiel miteinander zu starten. Sie antwortete ihm:
»Nein!«
»Doch!«
»Nein!«
»Doch!«
»OH!«
Der Dialog, der aus einem französischen Film stammte, war im Internet längst zum Kult geworden und die beiden scherzten damit häufig herum, um sich gegenseitig zu provozieren. Bling. Bling.
»:)«
»:D«
»Was ist an der Tasche so besonders?«, fragte Paul. Frauen und ihr Faible für Handtaschen waren für ihn ein Rätsel. Ein Phänomen, das er einfach nicht verstand.
»Na, die Eule!«
Stefanie war ein großer Eulenfan. Die Tasche selbst war aus Kork und kam mit einer vergoldeten Metall-Kette. Unter der lila Eule stand außerdem ein Spruch: ›You only live once.‹ (Man lebt nur einmal.) Das vergaß man in der Praxis bloß so oft! Auch Stefanie hatte erst nach Barcelona auf Urlaub fliegen müssen, um sich wieder daran zu erinnern, dass die Arbeit nicht alles im Leben war. Weg von zu Hause, weg von der Arbeit. Die Luft des Meeres einatmen. Rund um den Placa Sant Jaume die kleinen, engen Gassen mit ihren zahlreichen individuellen Läden erkunden. Die Graffiti fotografieren, die hier selbst an den Hauseingängen als Street-Art-Kunstwerke zu finden waren. Stefanie fühlte sich hier richtig frei. Endlich musste sie einmal nichts über die Hintergründe zu irgendwelchen Fehltritten von Politikern recherchieren oder zu Umweltkatastrophen oder zu den jüngsten Angriffen auf staatliche Websites von Cyberkriminellen. Fünf Tage war sie weg von ihrer Redaktion, dem Blatt »24 Stunden«, für das sie im Ressort »Tagesthemen« als angestellte Redakteurin schrieb. Und Stefanie genoss jede Sekunde ihrer Freiheit. Nur ganz am Anfang, noch bevor sie ins Flugzeug gestiegen war, hatte sie kurz noch ein wenig einer aktuellen Geschichte, die sie nicht so abzuschließen vermochte, wie sie es sich vorgenommen hatte, nachgetrauert.
»Und jetzt, lieber Paul, gönne ich mir noch einen Cocktail! Hab noch einen schönen Abend!«
Paul war bereits wieder in seine Arbeit vertieft. Er richtete gerade eine neue Mailingliste für die Mitglieder des Vereins ein, bei dem er Vorstandsmitglied war. Der letzte Vorstand des Wiener Hackerspaces »Metalab« hatte nichts als Chaos zurückgelassen. Es war eine Menge Arbeit liegen geblieben, die Paul nun in seiner Freizeit aufarbeiten musste. Aber er tat es gerne. Der Hackerspace, das war seine Identität, sein Zuhause. Dort konnte er hingehen, wenn ihm zu Hause die Decke auf den Kopf fiel. Oder er Projekte im Kopf hatte, für die er den 3-D-Drucker brauchte, oder den Lasercutter oder Zeug zum Löten. Oder eine schnellere Internetverbindung, denn sein eigener Zugang zu Hause kam nicht über die 70 Mbit Download-Geschwindigkeit hinaus. Das reichte manchmal bei weitem nicht aus. Paul klopfte gerade eine wilde Kombination an Buchstaben und Sonderzeichen in die Tastatur, als der Messenger Signal noch einmal aufblinkte. Stefanies Nachricht war bei ihm angekommen. Immer wenn er an Stefanie dachte, wurde ihm warm ums Herz. Er hatte lang gebraucht, bis er sich das selbst eingestehen konnte, anfangs tat er seine Gefühle ab und redete sich ein, dass er sowieso keine Chance bei der selbstbewussten, intelligenten, superhübschen Frau hatte. Aber in Wahrheit hatte er schon lange ein Auge auf sie geworfen. Bisher hatte sie seine Annäherungsversuche nicht erwidert. Trotzdem stellte er sich ab und zu vor, wie sie wohl nackt aussah unter ihren frechen, bunten Kleidern, die sie gerne trug.
»(K)« (Kuss), schrieb er ihr zurück mit einem Emoticon.
Und: »Trink nicht zu viel ohne mich!«
Paul starrte noch eine Weile auf sein Handy, bevor er sich wieder seinen Aufgaben im Hackerspace zuwandte, aber Stefanie schrieb nicht mehr zurück. Sein Smartphone blieb still.
Kapitel 1
November 2022
»Sofort verkaufen!«, schrie Wolfgang Steinrigl als letzte Worte geschäftig in die Freisprechanlage seines Android-Telefons, bevor er gleich darauf auflegte. Eigentlich brauchte er die Kopfhörer zum Telefonieren schon lange nicht mehr. Als er vor zwei Jahren zum Finanzminister angelobt worden war, hatte er lange Zeit einen Chauffeur. Bis er vor drei Monaten sein Auto wechselte. Es gab ein großes Medienecho, als er auf die selbstfahrende Kutsche umstieg, eine von dreien in ganz Österreich. Die anderen beiden gehörten ebenfalls Millionären, wie er einer war – mit dem Unterschied, dass diese im Gegensatz zu ihm mit Politik rein gar nichts am Hut hatten. Seine Parteifreunde in der Konservativen Familien Partei (KFP) waren ebenso wenig von seinem Umstieg auf den Flexus Alpha begeistert wie seine Minister-Kollegen des Koalitionspartners. Vor allem den grünen Technologieminister wollte Steinrigl mit dem Kauf seines Flexus Alpha ärgern. Der setzte doch tatsächlich weiterhin auf Carsharing-Modelle mit E-Autos! Dabei hatte der Öko-Freak bereits mehrfach wichtige berufliche Termine verpasst. Einmal, weil er kein freies Auto gefunden hatte, einmal, weil sein E-Auto kurz vorm Ziel liegen geblieben und die Ladestation außer Betrieb war und einmal, weil die Anzeige, wie viele Kilometer ohne Stromtanken noch übrig waren, defekt war. Wie oft war Karl Schlögerl schon zum medialen Gespött geworden deswegen! Wie oft hatte er versucht, die Medienberichte über ihn zu unterbinden. Jedes Mal hatte sich Steinrigl fast zu Tode gelacht darüber.
Einem Steinrigl dagegen machten Schlagzeilen wie »Finanzminister zum Beifahrer degradiert!« nichts aus. Vor allem dann nicht, wenn sie von dieser Emanze Stefanie Laudon stammten und in dem selbst ernannten Qualitätsblatt »24 Stunden« abgedruckt waren. Hauptsache, die beliebte »Heute Mittag« feierte seinen neuen autonomen Spitzenwagen ordentlich ab. Die Journalisten von dort hatte er auch vorab zu einer Testfahrt eingeladen. Und sie hatten es ihm gedankt mit einem wohlwollenden Bericht. So funktionierte das in Österreich seit Jahren. Erfolgreich.
Sein Flexus Alpha, der konnte sich nämlich sehen lassen. Weiß war er, passend zu seiner weißen Weste, sagte sich Steinrigl beim Kauf. Oben am Dach befand sich ein 360-Grad-Laser, der die gesamte Umgebung im Umkreis von 100 Metern scannen konnte. Daneben war ein Mikrofon verbaut, das Umgebungsgeräusche sowie Sirenen herannahender Einsatzfahrzeuge hören konnte. Vorne waren links und rechts Distanzsensoren und Kameras angebracht sowie ein Radargerät. Vom integrierten GPS-System brauchte Steinrigl sowieso gar nicht zu reden. Aus der Kombination Sensordaten und Straßenplan wusste das Auto zudem immer ganz genau, wo es war und an welchen Objekten es gerade vorbeifuhr. Es konnte sowohl Straßenschilder korrekt lesen als auch berechnen, was andere Verkehrsteilnehmer als Nächstes zu tun gedachten. Sein Auto, das war die Zukunft. Und er war einer der Ersten, die damit in Österreich fahren durften. Er fuhr sogar extra nach Kalifornien, um den Spitzenwagen dort Probe zu fahren, bevor er ihn nach Österreich importierte.
Die lokale Noofle-Vertretung hatte ihm dabei geholfen, denn es lag auch in ihrem Interesse, dass autonome Autos sich rasch überall in der Welt verbreiteten. Noofle hatte intensiv mit allen Mitteln daran gearbeitet, Österreich zum »Vorzeigeland« für autonome Autos zu machen. Während die Bemühungen bei Steinrigl durch diverse Vergünstigungen beim Flexus Alpha-Import aus den USA sofort von Erfolg gekrönt waren, musste der US-Konzern jedoch rasch erkennen, dass der Technologieminister nicht so einfach zu überzeugen war. Zu groß waren seine Bedenken, dass damit der US-Autoindustrie ein Vorsprung verschafft werden würde, weil die Europäer noch nicht ganz so weit waren. Gegen die Technologie selbst hatte freilich auch der Technologieminister nichts einzuwenden. Ihm ging es letztendlich vor allem darum, etwas Zeit zu gewinnen. Zeit für die europäischen Autobauer.
Die Regierung hatte daher äußerst lange über die Förderungen und Freigabe von Teststrecken für autonome Autos verhandelt. Auch wenn sich der Slogan »Österreich als Vorzeigeland für autonome Autos« recht gut anhörte, kam es nicht sofort zu einer Einigung, denn die Bundesländer kämpften regelrecht darum, Erster zu werden. Die erste Zone für Tests befand sich letztendlich auf der A2 zwischen Graz-West und der Laßnitzhöhe in der Steiermark. Doch das Bundesland Oberösterreich folgte bereits in der zweiten Welle. Das freute Steinrigl, den gebürtigen Oberösterreicher aus St. Mergen im Attergau, besonders. Und es nützte seiner Heimatgemeinde ungemein. Genauer gesagt seinem Freund Hansi Huber. Der besaß einen Technologiebetrieb, der von den neuen Aufträgen enorm profitierte. Sein Lobbying, das über diverse externe Beraterfirmen gelaufen war, damit man nicht nachvollziehen konnte, wer dahinter steckte, war hier sehr erfolgreich gewesen. Und es war zu seiner großen Freude geheim geblieben. Was wäre das für ein Skandal gewesen, wenn das rausgekommen wäre! Auch wenn an und für sich gar nichts dabei war, wenn man ein bisschen nachhalf, bei den Förderungen von bestimmten Firmen. Oder?
Seit 1. November 2022 waren dank einer Gesetzesnovelle autonome Autos endlich auf den Straßen Österreichs zugelassen. Und Steinrigl war nun einer der Ersten, die mit einem derartigen Fahrzeug unterwegs waren. Davor hatte er schon mit einigen Modellen das freihändige Fahren auf der Autobahn ausprobiert, das seit Mitte 2019 zugelassen war. Was war das für ein Hochgenuss gewesen! Er hatte bei 120 km/h beobachtet, wie die Landschaft an ihm vorbei gezischt war und er hatte den Kühen beim Weiden zugesehen, wie wenn er mit seinem Chauffeur unterwegs gewesen wäre. Aber pssst… Eigentlich hätte er damals strikt auf die Straße sehen müssen, das war Vorschrift. Um den Mund Steinrigls bildeten sich Falten. Er lächelte. Jetzt verzichtete er freiwillig auf seinen Chauffeur, dessen Job durch das neue Auto praktisch wegrationalisiert worden war. Um den tat es ihm am Ende fast leid, denn Markus Kummer war ein guter Mann. Er war immer pünktlich, höflich, nie aufdringlich und sehr dezent gewesen. Auch wenn Steinrigl manchmal eine andere Dame als seine Ehegattin in seinem Dienstwagen mitnahm (was ab und zu vorkam), machte Kummer nie irgendeine Bemerkung. Er verhielt sich diskret. Und er konnte gut zuhören. So manches Mal sah er Dinge viel klarer, nachdem er sie Kummer anvertraut hatte.
Jetzt aber saß Steinrigl alleine in seinem Auto. Mit seinen Gedanken war er noch bei dem wichtigen Telefonat von vorhin. Draußen war es nebelig und schon fast finster. Es hatte zwischen null und ein Grad und der Nebel gefror auf dem Boden. Bei diesen Verhältnissen war Steinrigl besonders dankbar dafür, dass er nicht mehr selbst fahren musste. Es herrschte Glatteisgefahr. Steinrigl war am Heimweg einer wichtigen Fachtagung, bei der er eine flammende Rede zum Thema »Mehr privat, weniger Staat« gehalten hatte. Er wollte noch rasch einen kurzen Abstecher zu seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Thomas machen. Thomas war sein Sorgenkind. Er hatte ihm vor ein paar Wochen geschrieben, dass er einen Teil seines Grundstücks verkaufen müsse, weil er seinen Millionen-Kredit nicht zurückzahlen konnte. Die Geschichte wollte er sich persönlich anhören. So hatte der Hof doch jahrelang fette Gewinne gemacht. Warum waren da jetzt plötzlich so hohe Schulden da? Wirklich wegen der paar Melk-Roboter für den Stall? Da musste seinen Bruder wohl einer grundlegend falsch beraten haben! Es taugte also nicht jede neue Technologie etwas. Steinrigl war tief in seine Gedanken versunken.
Das selbstfahrende Auto fuhr mit knapp 98 Stundenkilometern über die Bundesstraße, als das Auto plötzlich abrupt nach links ausbrach. Der Finanzminister zuckte zusammen und starrte auf den Bildschirm vor ihm. Am Display blinkte ein violettes Strichmännchen auf. Diese grafische Darstellung bedeutete so viel wie »ein Mensch ist im Weg«. Aber aufgrund der Dunkelheit und des starken Nebels, im Winter war es um 16 Uhr praktisch stockfinster, konnte Steinrigl auf der Fahrbahn nichts erkennen. Absolut nichts. Und alles ging auch noch so schnell! Steinrigl versuchte sofort reflexartig selbst ins Geschehen einzugreifen, in dem er das Lenkrad nach rechts drehte. Genau für solche Notfälle war aufgrund der strengen Sicherheitsvorschriften in Europa überhaupt noch ein Lenkrad verbaut worden – aber nichts geschah. Im Gegenteil: Das Auto beschleunigte auf 130 Stundenkilometer und raste schnurstracks auf die Baumallee zu, die sich direkt vor dem weißen Gefährt befand. Wenige Sekunden später prallte der Flexus Alpha mit voller Geschwindigkeit an die Buche, die am Wegesrand neben weiteren zehn Bäumen stand.
Steinrigl blieb nicht einmal Zeit für einen letzten Gedanken. Nur das Gesicht seines Bruders Thomas flackerte kurz vor seinem Tod noch einmal auf. Seine Luftzufuhr wurde abgeschnitten, der linke Lungenflügel eingequetscht, der Kopf prallte mit voller Wucht gegen den Airbag. Die Scheibe zersprang beim Aufprall in Tausende kleine Einzelteile. Game over.
Kapitel 2
Plötzlich war es still. Bis auf die Krähen. Sie liebten den Nebel, der sich auf den Feldern, die direkt hinter der Baumallee lagen, festgesetzt hatte. Vom Aufprall aufgescheucht, krächzten die Tiere, als ob es um ihr eigenes Leben ginge, das gerade ausgehaucht worden war.
Wenige Meter von der Unfallstelle entfernt war ein leises Wimmern zu hören. Die 13-jährige Melanie trat in die Pedale ihres rosaroten Fahrrads. Es war so kalt, dass ihr Atem in der Luft zu sehen war. Sie hatte keine Handschuhe an. Ihre Finger waren verschrumpelt vor Kälte und ihr Gesicht leicht gerötet. Melanie verließ die Straße und radelte direkt auf den Flexus Alpha zu.
»Hallo?«, fragte die Schülerin schüchtern und mit leiser Stimme. »Geht es Ihnen gut?« Melanie blieb zuerst angelehnt am Sattel ihres Fahrrads stehen und wartete ab. Aus dem Wageninneren war keine Antwort zu hören. Das dunkelhaarige Mädchen, das ihr Smartphone aufgrund des Schocks noch mitten auf der Straße fallen gelassen hatte, wusste nicht, was es als Nächstes tun sollte. Melanie war überfordert. Eben hatte sie noch mit ihrer Oma telefoniert, die ihr befohlen hatte, nach der Schule noch beim Steinrigl-Bauern wegen der frischen Milch vorbeizufahren, als plötzlich dieses Auto von hinten kam und drauf und dran war, sie zu rammen. Melanie konnte sich nicht erklären, warum der Wagen so plötzlich beschleunigte. Es machte überhaupt keinen Sinn.
Das Mädchen stieg jetzt vom Rad ab und ging auf das Auto zu. Das Auto, das sah irgendwie komisch aus mit all den Kameras am Dach. Ihr Blick blieb aber nicht lange an den Kameras hängen, sondern wanderte ins Wageninnere. Das, was sie dort sah, schockierte sie. Da drin lag ein etwa 50-jähriger Mann, der die Augen weit geöffnet hatte. Überall war Blut. Das lief auch aus den Augen und aus der Nase. Vom restlichen Körper war kaum etwas zu sehen, weil der Mann vom Fahrersitz gerutscht war und merkwürdig verdreht dalag. Melanie wusste sofort, dass der Mann tot war. Und sie erkannte ihn. Es war ein berühmter Politiker. Einer, der fast jeden zweiten Tag im Fernsehen zu sehen war. Irgendein Minister, aber was für einer, das hatte Melanie vergessen. Und der war der Bruder vom Steinrigl-Bauern, dem lokalen Bürgermeister aus St. Mergen im Attergau. Melanie musste wegsehen, von dem vielen Blut wurde ihr übel.
Wie in Trance lief das Mädchen zurück zur Straße. Ihre Backen waren jetzt noch röter vor Aufregung als vorhin vor Kälte. Wie wild begann es zu winken, als sich das nächste Auto näherte. Sigrid Steinrigl sah Melanie gerade noch rechtzeitig und bremste. Die Reifen quietschten. Die brünette, mütterlich wirkende rundliche Frau, bei der sich bereits tiefe Falten in die Stirn eingekerbt hatten, stieg langsam aus ihrem zehn Jahre alten roten Kleinwagen aus, der bereits mehrere Dellen am Heck vorzuweisen hatte. Einen neuen konnte sich die Familie aber derzeit nicht leisten.
»Was ist passiert? Ist dein Rad kaputt gegangen?«, fragte Sigrid Steinrigl das kleine Mädchen, nachdem sie das Fenster runtergekurbelt hatte. Sie sah zuerst nur das Mädchen, nicht aber den weißen Flexus Alpha am Wegesrand. Was für ein Zufall, dass ausgerechnet die Ehefrau des Bruders des gerade verunglückten Mannes stehen blieb, dachte das Mädchen. »Nein«, antwortete Melanie und zitterte am ganzen Leib. Zu mehr Worten war sie nicht fähig. Alles ging so schnell. Und da drüben lag immerhin ein Toter. Der erste Tote, den sie je gesehen hatte. Mit dem Zeigefinger deutete Melanie auf den zerschmetterten weißen Wagen, der an den Bäumen klebte und aus dem leichter Rauch aufstieg.
Erst jetzt bemerkte Sigrid Steinrigl, dass da ein Unfall stattgefunden hatte. Sie schlug die Hände vor ihrem Gesicht zusammen und sagte stockend: »Mädchen, geht es dir gut? Bist du verletzt? Hast du schon die Rettung gerufen? Ist da noch wer drin?« Melanie schüttelte den Kopf. Sigrid Steinrigl versuchte sich zu erinnern, wo sie ihr Handy verstaut hatte. Sie hatte es während des Autofahrens nie neben sich, damit sie sich selbst nicht in Versuchung brachte. Telefonieren am Steuer stand nicht ohne Grund unter Strafe. Sie hielt sich akribisch daran. Gerade am Land wurde man wegen so etwas ja sofort angezeigt. Das Smartphone befand sich in ihrer Tasche am Rücksitz. »Hast du dein Handy in der Nähe? Kannst du 144 anrufen?« Melanie nickte. Auch wenn sie wusste, dass es sinnlos war. Der Mann im Auto war nicht mehr zu retten. Und ihr Handy hatte sie irgendwo auf der Straße verloren, sie musste es erst suchen gehen.
Sigrid Steinrigl lief unterdessen im Eiltempo auf den Flexus Alpha zu. Der Wagen kam ihr merkwürdig vor. Irgendwie neumodisch. Aber auch gleichzeitig bekannt. Wo hatte sie den schon mal gesehen? War das etwa eines dieser neuartigen Fahrzeuge, die von selbst fuhren? Ohne dass es einen Fahrer gab? Warum war dann da drin ein Lenkrad zu sehen? Das dachte sich die Bauersfrau und Gattin des Bürgermeisters von St. Mergen im Attergau. Der Gemeinde, deren Ortsschild nur noch drei Kilometer entfernt vor ihnen lag. Dann erst begannen ihre Gehirnzellen langsam weiterzuarbeiten: Hatte sich nicht der Wolfgang gerade vor kurzem so einen Wagen angeschafft? Jetzt erst schaute Sigrid Steinrigl genauer hin. Plötzlich sah sie nicht mehr das Lenkrad, sondern den Mann, der dahinter saß. Und erkannte die dichten, schwarzen Haare von Wolfgang. Und dann sah sie seine Augen. Seine offenen, weit aufgerissenen braunen Augen, von denen es fast den Anschein hatte, als würden sie aus den Augenhöhlen herausquellen. Einmal mehr schlug Sigrid Steinrigl die Hände vor ihrem Mund zusammen. Und stieß einen leisen Schrei aus. Der Schrei klang ziemlich verkorkst. So als hätte ihr gerade jemand ein Messer in den Rücken gerammt und sie hätte es geahnt. Der Schrei klang überrascht und unterdrückt gleichzeitig.
Melanie, die die Bürgermeistergattin die ganze Zeit beobachtet hatte, drehte sich dezent weg und ließ Sigrid Steinrigl mit ihrem Schmerz und Entsetzen allein. Sie suchte den Boden nach ihrem Handy ab – und fand es dann auch relativ rasch. Es lag direkt neben der Straße an der Stelle, an der sie fast überfahren worden war. Erst jetzt wählte sie den Notruf 144. »Kommen Sie rasch, auf der Bundesstraße ist ein Auto gegen einen Baum gefahren. Der Fahrer ist, glaube ich, tot. Zumindest hat er seine Augen offen. Und … es ist ein Prominenter«, fügte die Schülerin am Ende leise hinzu. Sie beschrieb die Unfallstelle und machte halbwegs präzise Angaben zur Entfernung vom nächsten Ort. Dann sah sie wieder zu Sigrid Steinrigl hin.
Die war mittlerweile in die Knie gegangen und auf den Boden gesunken. Sie weinte, zitterte und trauerte. Tief versunken und nicht bereit, diese Emotionen und ihr Leid mit irgendwem zu teilen. Melanie dachte sich: Ich muss jetzt stark sein. Tapfer ging sie zur Bürgermeistergattin hin und strich ihr vorsichtig über den Rücken. Die Schwäche und Verletzlichkeit der Frau ermutigten das Mädchen, selbst mutig zu sein. Mutiger, als es eigentlich war. »Es wird alles gut«, flüsterte Melanie. Weil ihr nichts Besseres einfiel. So tröstete sie ihre Mama immer, wenn sie traurig war.
Auf den Lippen von Sigrid Steinrigl zeichnete sich ein leichtes Grinsen ab und sie murmelte leise: »Damit könntest du recht haben, Mädel.« Ein Satz, den Melanie in dieser Situation ganz und gar nicht verstand. Sie runzelte die Stirn und entfernte reflexartig ihre Hand vom Rücken der Frau.
Kapitel 3
Es dauerte nur wenige Stunden, bis sich die Meldung über den Tod des Finanzministers via Nachrichtenagentur bei den Medien des Landes verbreitet hatte. »Wolfgang Steinrigl: In den Tod gerast«, lautete eine der ersten Schlagzeilen der Online-Plattform »Heute Mittag«. Über das soziale Netzwerk Facebook verbreitete sich die Meldung in Windeseile. Die Boulevard-Plattform war deswegen immer am schnellsten bei der Verbreitung von Neuigkeiten, weil in der Redaktion bereits ein Agentur-Roboter zum Einsatz kam. Das bedeutete, dass ein Roboter die Eilmeldungen, die über Nachrichtenagenturen verbreitet wurden, automatisch online stellte. Nur über den Titel schaute noch ein Mensch, um die Nachrichten auf die Klientel abzustimmen. Text und Bild stammten direkt von der Nachrichtenagentur. Das war natürlich ein Wettbewerbsvorteil für das Medium, aber ein nicht unumstrittener. Es war schon mehr als einmal vorgekommen, dass die Schlagzeile mit einem falschen, völlig unpassenden Bild versehen war und somit das Gespött der gesamten Branche auf sich gezogen hatte. Und Medienmenschen behielten ihre Schadenfreude nur sehr selten bei sich.
»Fataler Unfall: Finanzminister tödlich verunglückt«, war in der Online-Ausgabe von »24 Stunden« zu lesen. Stolze neun Minuten nach der Meldung bei »Heute Mittag«. Als Hashtag, das war ein durch ein Raute-Symbol markiertes Stichwort, etablierte sich in den Social-Media-Diensten wie Facebook und Twitter »#steinrigl«. Es trafen im Sekundentakt neue Kurzmitteilungen dazu ein. Durch den Hashtag konnte man außerdem gleich erkennen, ob die Anzahl der Jubel- oder Trauermeldungen überwogen und was das Ableben des Ministers bei den Menschen auslöste. Unter den Kurzmitteilungen befanden sich zahlreiche Beileidsbekundungen, aber auch viele Erleichterungsausrufe und bösartige oder ironische Kommentare. Steinrigl war eben nicht bei jedem beliebt gewesen. »Wo bleibt die Sondersendung im TV?«, fragten sich einige Nutzer und schimpften auf den öffentlich-rechtlichen TV-Sender. Andere veröffentlichten Bilder, bei denen der Slogan »Mehr privat, weniger Staat«, der über einem Foto mit dem Kopf von Wolfgang Steinrigl prangerte, durchgestrichen war. So etwas nannte man ein sogenanntes Meme, das sich rasch weiterverbreitete, in dem es von vielen verschiedenen Nutzern geteilt wurde. Das gehörte zu den klassischen Internetphänomenen, die sich auch 2022 noch wacker hielten.
Wie genau der Finanzminister gestorben war und dass er mit seinem heißgeliebten, brandneuen, autonomen Auto unterwegs gewesen war, war offenbar noch nicht bekannt geworden. Zumindest gab es darüber vorerst keine Kommentare. Doch nicht nur auf Facebook und Twitter überschlugen sich die Mitteilungen zum Ableben des Finanzministers, auch in den Redaktionen des Landes ging es heiß her. Es war 19 Uhr. Viele Politik- und Chronik-Redakteure hatten bereits Feierabend oder befanden sich gerade am Weg zu Abendterminen. Die Redaktionskonferenzen waren um die Uhrzeit auch schon längst vorbei. Aber natürlich musste das Ereignis noch in die Blätter des Landes gebracht werden. In der Redaktion von »24 Stunden« saß Armin Tumler. Der 55-jährige Wirtschaftsredakteur war an dem Tag zum Abenddienst eingeteilt. Als ihn die Kollegen vom Online-Team über den Tod des Finanzministers informierten, drehte er als Erstes seine Tasse, die vor ihm stand, nach links. Auf dem Bild, das dadurch zum Vorschein kam, war eine Palme zu sehen, die ihn an seinen letzten Urlaub erinnern sollte. Armin Tumler nahm einen kräftigen Schluck aus der Tasse – und darin war kein Kaffee, sondern etwas Stärkeres. Dann seufzte er laut und machte sich widerwillig an die Arbeit.
19.33 Uhr. Das Smartphone von Stefanie Laudon vibrierte seit wenigen Minuten in immer kürzeren Abständen. Wenigstens hatte sie den Ton, also das Bling-bling, abgedreht. Aber warum hatte sie es auch unbedingt zu sich auf den Tisch legen müssen? Das war wohl die Macht der Gewohnheit gewesen, die sie jetzt aus ihrer Entspannung herausriss. Endlich hatte sie einmal komplett abschalten können, war weit genug weg von ihrem Alltag. Dort lautete ihr Credo berufsbedingt nämlich: »Immer erreichbar sein, weil, es könnte ja etwas passieren.« Jetzt saß sie gerade in einem Restaurant in der Altstadt von Barcelona. Am Placa Reial gab es zahlreiche nette Innenhöfe, rundherum herrschte hektisches Treiben. Ein paar Tische weiter führte gerade eine Gruppe von Jungs einen akrobatischen Tanz auf. Dazu dröhnte laute Musik aus dem Ghettoblaster. Nicht schlecht, die Kunststücke. Dafür musste man ordentlich trainieren. Sie stocherte noch ein wenig in der vegetarischen Paella herum, die vor ihr am Tisch stand. So richtig schmecken wollte sie ihr nicht. Da war sie wohl auf einen Touristen-Nepp reingefallen. Das Smartphone vibrierte erneut, was bedeutete, dass sie schon wieder eine neue Nachricht erhalten hatte. Stefanie legte ihre Gabel zur Seite und kaute hastig den Bissen zu Ende. Sie seufzte einmal tief und holte Luft. Dann klappte sie die Lederhülle auf, in der sie das Gerät zum Schutz vor Kratzern aufbewahrte. Sie war natürlich neugierig, was es so Dringendes gab. Nicht umsonst hatte sie sich vor mehr als zehn Jahren für den Journalismus als Beruf entschieden, obwohl die Bedingungen schon damals alles andere als rosig waren. Schlecht bezahlt. Hoher Konkurrenzdruck. Miserable Arbeitszeiten. Aber die Neugier … die Neugier und ihr großer Drang, die Welt zu verändern, ließen Stefanie jeglichen Rat ihrer Universitätsprofessoren und Lehrer, besser etwas »Gescheites« zu lernen, ignorieren.
»Steinrigl ist tot«, stand nüchtern in der Messenger-Nachricht von Facebook, die ihr ihre Freundin Meggie Winter geschickt hatte. »Freu dich, der alte Sack von Finanzminister wird uns nicht mehr das Leben schwermachen!!«, war dagegen in der Signal-Nachricht von Paul Mond zu lesen. Sie schrieb beiden kurz zurück: »WOW!!!! Was für News!« Die anderen Nachrichten waren Push-Mitteilungen von diversen Nachrichtendiensten, die sie abonniert hatte und die ebenfalls mit Steinrigls Tod Alarm schlugen. Diese konnte sie getrost ignorieren.
Die halb aufgegessene Paella, die so schmeckte, als wäre sie mit billigem Fertig-Pulver und viel zu lange gekocht worden, hatte die Journalistin nun völlig vergessen. Emotional ließ sie der Tod des Finanzministers erst einmal kalt. Es löste nichts in ihr aus. Absolut nichts. Als Privatperson hatte sie Wolfgang Steinrigl nie kennengelernt. Als Politiker hatte sie ihn in ihren Kommentaren oft genug kritisiert. Für sie war er ein unsympathischer konservativer Politiker, der das österreichische Sozialsystem immer weiter aushöhlte, dem Staat am Ende nur geschönte Bilanzen präsentierte und dabei auf die Änderungen, die das Land wirklich brauchte, vergaß. Sie verstand daher die Freude von Paul über den Tod Steinrigls. Sie selbst dachte sich eher, den vorzeitigen Tod, den hatte keiner verdient. Auch kein Arsch, der oft genug versucht hatte, bei ihrem Chefredakteur zu intervenieren, um ihre Berichte zu stoppen.
Statt weiter zu essen, begann sie aber dennoch zu recherchieren. Schließlich gab es da etwas, was sie durchaus stutzig werden ließ bei der Sache: Wie war Steinrigl eigentlich gestorben? Sie hoffte, das als Erstes auf Twitter rauszufinden. »›Mehr privat, weniger Staat‹ hat damit hoffentlich ein Ende«, schrieb einer der schärfsten Kritiker Steinrigls auf Twitter. Stefanie kannte ihn persönlich und versah seinen Eintrag sofort intuitiv mit einem Smiley. Doch das war jetzt nicht das, was sie am meisten interessierte. Verdammt, sie wollte wissen, wie der Finanzminister gestorben war!
Wolfgang Steinrigl war schon immer einer gewesen, der gerne mit teuren Dingen protzte. Interessanterweise hatte das die Bevölkerung nie gestört, im Gegenteil. Er gab den Menschen das Gefühl, dass auch sie das alles, was er hatte, erreichen konnten. Frei nach dem amerikanischen Motto: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Zuletzt hatte er vor allem mit seinem supertollen neuen Wagen, den er eigens aus den USA hatte einfliegen lassen, ordentlich angegeben. Ein autonomes Auto. Und genau dieses war es, das Stefanie schon vor ein paar Wochen interessiert hatte. Paul hatte ihr erzählt, dass derartige Fahrzeuge in der Vergangenheit recht einfach gehackt werden konnten und dass er es geschafft hatte, in das Steuerungssystem des Fahrzeugs einzudringen. Stefanie war daraufhin neugierig geworden, sie hatte außerdem eine gute Geschichte gewittert, denn Steinrigl hatte sich auch massiv dafür eingesetzt, dass diese Autos so schnell wie möglich in Österreich zugelassen würden. Sie hatte sich da schon gefragt, ob auch Schmiergelder von der Autolobby geflossen waren oder ob das Wunderauto von Steinrigl gar ein Geschenk, eine Art Bonus, der Autolobby gewesen war. Umso faszinierender war es für sie gewesen, als Paul ihr erzählt hatte, dass es auch Laien gelingen würde, sich in das Autosystem einzuloggen.
»Das muss ich ausprobieren«, war ihr erster Gedanke gewesen. Sie hatte Paul, der keine Ahnung hatte, was sie plante, die Anleitung dafür abgerungen. Er hatte ihr per Signal-Nachricht einen Link mit den Hinweisen, die bereits im Internet kursierten, zugeschickt. Stefanie ließ es sich nicht nehmen, diese Anleitung auch Schritt für Schritt auszuprobieren. Und sie hatte es tatsächlich geschafft, ins Steuerungssystem von Steinrigls Auto einzudringen. Sie war so schockiert darüber gewesen, dass sie gleich wieder ausgestiegen war und niemandem davon erzählte. Das war ein paar Tage vor ihrer Abreise nach Barcelona gewesen.
Als sich Stefanie nun am Smartphone die Bilder ansah, die zum Tod Steinrigls bisher auf Twitter veröffentlicht worden waren, stellte sie fest: Da ist er ja, der Flexus Alpha! Das Wunderauto des Ministers. Wenn auch total beschädigt, mit zahlreichen Schrammen am Vorderheck: Das war das autonome Auto, auf das der Finanzminister so stolz gewesen war. In Stefanies Kopf begann es zu rattern. Steinrigl war tatsächlich im Auto gestorben! Konnte ihre Aktion vor der Abreise zum Tod geführt haben? Hatte sie vielleicht irgendwas im Steuerungssystem verstellt, so dass etwas davon nicht mehr richtig funktionierte? Wer konnte schon wissen, was sich in den Code-Zeilen, die sie nicht verstand, aber brav ausgeführt hatte, tatsächlich verborgen hatte? Was, wenn darin ein Befehl versteckt war, der das System manipulierte? Hätte ihr Paul das nicht im Fall der Fälle gesagt? Andererseits: Paul hatte keineswegs damit rechnen können, dass sie diese Anleitung auch tatsächlich selbst ausprobierte! Stefanie fühlte sich merkwürdig, in ihrem Bauch grummelte es. Und das lag möglicherweise nicht nur an der unterdurchschnittlichen Paella.
Sie hatte den selbstfahrenden Wagen am Bild sofort erkannt. Ein Wunder, dass das noch keiner ihrer Kollegen aufgegriffen hatte. Aus ihrem Bauchgefühl heraus, ohne lange nachzudenken, veröffentlichte sie auf Twitter folgende Frage: »Wurde Wolfgang Steinrigl von seinem selbstfahrenden Auto in den Tod katapultiert?« Wenn sie ein wenig länger darüber nachgedacht hätte, hätte sie sich diese Frage wohl besser verkniffen und zuerst einmal versucht, mit Paul abzuklären, ob sie tatsächlich eine Mitschuld an dem Tod Steinrigls haben konnte. Aber Paul wollte sie mit so etwas nicht via Signal-Nachricht konfrontieren. Klar, der Messenger galt als supersicher und sie hatten sich schon oft über Hacks auf diesem Weg ausgetauscht und es war noch nie etwas passiert. Aber jetzt betraf es SIE. Sie könnte möglicherweise in einen Mord verwickelt sein. Oder war es ein unglücklicher Unfall gewesen?
Unfälle mit teilautonomen Fahrzeugen hatte es in der Vergangenheit schon mehrere gegeben, das wusste Stefanie. Sie hatte das immer wieder gespannt mitverfolgt. Vor ein paar Jahren war etwa ein 38-Jähriger ums Leben gekommen, dessen Tesla gegen eine Leitplanke gefahren war. Das Auto hatte Feuer gefangen und der Fahrer hatte nicht überlebt. Natürlich hatten Autokonzerne damals immer dem Fahrer die Schuld gegeben. Schließlich hätte er nicht die Hände vom Lenkrad nehmen dürfen, hieß es. Aber beim neuen Nexus Alpha spielte das jetzt keine Rolle mehr. Der war genau so konstruiert, dass er völlig selbstständig fahren konnte und der Autobauer übernahm in der Regel die volle Haftung für Schäden oder Unfälle. Stefanie war daher, auch abseits der quälenden Fragen, ob sie selbst etwas damit zu tun gehabt haben könnte, sehr gespannt, wie sich die Causa Steinrigl und Nexus Alpha entwicklen würde. Sie war so gespannt, dass sie die Finger nicht von ihrem Smartphone lassen konnte, und nachsah, was sich im Netz getan hatte.
Mit ihrer Twitter-Frage hatte Stefanie eine wahre Welle an Diskussionen ausgelöst. Ihre Kurzmitteilung wurde tausendfach weiterverbreitet und Hunderte Menschen, von denen sie viele nicht kannte, antworteten ihr. Geduldig scrollte sie sich auf ihrem Handy durch die zahlreichen Kommentare in der Hoffnung, dass sich darunter auch einer fand, der ihr vielleicht weiterhelfen konnte. Schließlich war sie mit zahlreichen Sicherheitsforschern auf Twitter befreundet. Doch von diesen hatte sich vorerst keiner an der Diskussion beteiligt. Stattdessen hatten politikinteressierte Menschen geantwortet, die sich mehr für die Person Steinrigls interessierten als für selbstfahrende Autos. Der Tod des Ministers bewegte eben sehr viele Menschen emotional.
Stefanie hatte in der Eile übrigens völlig vergessen, die Ortungsdienste auf ihrem Smartphone abzudrehen. Das hieß: Ihre Kurzmitteilung auf Twitter war mit der Ortsangabe »Placa Reial, Barcelona« versehen. Derartige Ortsangaben drehte die technikaffine Journalistin, die sehr auf ihre Privatsphäre bedacht war, ausschließlich im Urlaub auf, und zwar aus praktischen Gründen. Sie nutzte die Funktion, um ihre Fotos später auf ihrem Computer besser zuordnen zu können. Jetzt aber konnte die ganze Welt sehen, dass sie gerade in Barcelona war. Und die tausendfach geteilte Nachricht, die es zu späterer Stunde auch noch in die TV-Nachrichten schaffte, konnte sie jetzt auch nicht mehr löschen. In diesem Moment fiel es der 33-jährigen Redakteurin allerdings gar nicht auf. Erst als einer ihrer Leser auf Twitter Stunden später mit der Frage: »Barcelona? Nice! Wünsche eine schöne Zeit« reagierte, bemerkte Stefanie, dass sie die Ortsangabe aktiviert hatte, und drehte diese für die nächsten Tweets gleich ab. Sie schaltete außerdem das akustische »bling bling«, das mit jeder neuen Reaktion auf ihren Tweet folgte, relativ rasch wieder ab, als die ersten Gäste von den Nachbartischen aufmerksam zu ihr rüberblickten.
Schon bald titelte die erste Online-Zeitung in Österreich: »Killermaschine Flexus Alpha«, eine weitere: »Roboter-Auto brachte Finanzminister um«. Technik-Feindlichkeit war in vielen Redaktionen noch immer weit verbreitet. Schließlich waren aus der Sicht vieler Chefredakteure auch die Social- Media-Dienste schuld daran gewesen, dass die Bedeutung ihrer Medien immer weiter sank. Die böse Technikbranche kostete sie Umsatz und Reputation. Vor allem in den Redaktionen, in denen es noch Herausgeber jenseits der 70 gab, die das Ruder einfach nicht aus der Hand geben wollten, wurde massiv Stimmung gegen alles, was mit Robotern zu tun hatte, gemacht. Die Roboter kosteten schließlich auch Jobs und waren deshalb sowieso böse. Und Technikfeindlichkeit kam im Land immer gut an. Nicht umsonst zählte Österreich seit Jahren innerhalb der EU zu den Ländern mit den meisten Skeptikern, was neue technische Innovationen betraf. Da hatte auch kein wirtschaftsliberaler Finanzminister, der zahlreiche Erleichterungen für Start-ups beschlossen hatte, die Stimmung im Land bisher auf Dauer ändern können. Unter den jüngeren Journalisten war dies freilich etwas anders, doch die hatten in den Redaktionen meist noch nicht das Sagen, sondern mussten widerwillig zur Kenntnis nehmen, was ihre Chefredakteure für eine Blattlinie verfolgten.
Bei »24 Stunden«, dem Blatt, bei dem Stefanie Laudon arbeitete, war das freilich ein wenig anders. Die Qualitätszeitung war eine der ersten in Österreich, die online auf eine Kooperation mit Facebook gesetzt hatte. Das brachte am Ende nicht nur fette Zugriffe und damit schöne Statistiken für die Werbeindustrie, sondern auch viel Geld. Stefanie hatte diese Kooperation initiiert, auch wenn sie selbst sehr skeptisch bei dem Gedanken war, die Leser der Zeitung damit in die Fänge einer einzigen großen, kommerziellen Firma zu treiben. Einer Firma, die dann praktisch im Alleingang bestimmen konnte, welche Inhalte auf welche Art und Weise angezeigt und platziert wurden. Nichtsdestotrotz überwogen für das Medienhaus klar die Vorteile. Und Stefanie war jung und clever genug, um hier mitzuspielen und die Vorteile zu erkennen, die derartige Kooperationen mit sich brachten. Sie kannte sich mit technischen Dingen irrsinnig gut aus. Es wurde ihr praktisch in die Wiege gelegt, denn ihr Vater war Informatiker und lehrte sie schon in jungen Jahren das Programmieren. Die Journalistin erinnerte sich daran, wie sehr ihr das spielerische Arbeiten am Rechner Spaß gemacht hatte. Sie hatte ihre Kenntnisse auch noch weiter vertieft, als sie älter war. Für ein Informatikstudium hatte ihr dann allerdings doch ein wenig die Leidenschaft gefehlt. Sehr zur Enttäuschung ihres Vaters, der sie gerne als seine Nachfolgerin in der Firma etabliert hätte. Aber Herr Laudon hatte immer akzeptiert, dass seine Tochter ihren eigenen Kopf hatte. Aufzwängen wollte er ihr nie etwas. Gelernt hatte die Journalistin von ihrem Vater allerdings trotzdem wirklich viel. Zu ihrem früh erworbenen Wissen zählte etwa auch, dass man immer gewisse Tools einsetzen sollte, um seine Online-Aktivitäten zu verschleiern. Nur ihre Freundin Meggie weigerte sich bisher konstant, auf den verschlüsselten Messenger, den sie mit dem Großteil ihrer Freunde, Bekannten und Informanten gleichermaßen zur mobilen Kommunikation einsetzte, zu wechseln. Ihr Problem, dachte sich Stefanie. Dabei wäre es doch so einfach, zu wechseln.
Das Smartphone wollte an diesem lauen Abend in Barcelona einfach nicht mehr verstummen. Die grauenvolle Paella war mittlerweile abserviert und die Journalistin hatte vom Kellner die Rechnung verlangt. Die turnende Männerschar war bereits weitergezogen und am Platz kehrte langsam ein wenig Ruhe ein. Die meisten Touristen zogen sich jetzt in eine der zahlreichen Bars, die es in der näheren Umgebung gab, zurück oder verschwanden nach langen Sightseeing-Tagen schlichtweg in ihre Hotels. Am Tisch vor Stefanie vibrierte es erneut. Jetzt, kurz vor 23 Uhr, schrieb ihr auch endlich die eigene Redaktion eine Nachricht.
»Steinrigl tot, autonomes Auto involviert – wie schnell kannst du hier sein?«
Stefanie wetzte ungeduldig auf ihrem Stuhl herum. Eine innere Unruhe durchströmte ihren Körper. Was tun? Zurückfliegen oder abschalten? Eigentlich hätte sie noch drei weitere Tage in dieser wunderschönen, aber doch sehr von Touristen überlaufenen Stadt verbracht. Der Todesfall Steinrigl interessierte sie aber aus journalistischer Sicht sehr. Sie war neugierig: War es ein Unfall, war es ein technischer Defekt oder war es Mord? Hatte das Lobbying der Autoindustrie etwas damit zu tun? Oder gar sie selbst und ihr unerlaubtes Eindringen in das System? Alles war möglich! Ihr Herz schlug schneller, als sie an diese Fragestellungen dachte und wie sie diese aufarbeiten würde. Da gab es eigentlich nichts mehr zu überlegen. Sie schrieb ihrem Chef eine E-Mail, um ihm mitzuteilen, dass sie es bis morgen Mittag zurück nach Wien schaffen könnte. Dann rief sie bei der Airline an, um ihren Flug umzubuchen. Das war, wie sich herausstellte, gar kein Problem. Die Morgenmaschine am nächsten Tag war nicht ausgebucht. Stefanie kaufte sowieso immer ein sogenanntes »flexibles Ticket«, das man jederzeit umbuchen oder stornieren konnte. Zu oft war es ihr in der Vergangenheit schon passiert, dass sie dringend in die Redaktion zurückmusste. Im Ressort »Tagesthemen«, in dem sie fix angestellt arbeitete, ging es eben um das Tagesgeschehen. Die Redaktion zahlte ihr die Kosten für den Aufpreis des Tickets außerdem immer ohne Murren. Es war nicht das erste Mal, dass sie es auch in Anspruch nehmen musste.
Stefanie winkte den hübschen Kellner, mit dem sie kurz zuvor noch geflirtet hatte, herbei, damit ihr dieser endlich ihr Wechselgeld retourbrachte. Das hasste sie an Spanien, dass man hier in den Restaurants am Ende immer so lange warten musste. Wenig später brachte er ihr die fünf Euro 20 Cent in der Schale an den Tisch und lächelte sie ein letztes Mal an, bevor er sich weiterer Kundschaft zuwandte. »Adios«, sagte sie, doch das hörte er nicht mehr. Sie war schließlich nur eine weitere Touristin, die Geld in die spanische Stadt brachte. Über den Placa de George Orwell, an dem zahlreiche Einheimische in Tapas-Bars herumsaßen und sich lautstark unterhielten und lachten, ging Stefanie schnurstracks in ihr Hotel. Dass die Leute ausgerechnet an dem Platz so viel Spaß hatten, an dem an Orwell und an 1984 gedacht wurde! Das war fast ein wenig ironisch. Den Rest des angebrochenen Abends verbrachte Stefanie mit weiterer Online-Recherche. Wie oft war der Flexus Alpha bereits in Unfälle verwickelt gewesen? Wie gingen diese in der Regel aus? Wie war das selbstfahrende Auto programmiert? Kurz nach zwei Uhr früh drehte die blondhaarige Journalistin erschöpft ihren Laptop ab und gähnte. Morgen, das wusste sie, würde ein langer Tag werden.
Kapitel 4
Das Treiben in der Redaktion war hektisch wie immer, als Stefanie Laudon am nächsten Tag am frühen Nachmittag hereinplatzte. Bis zum Redaktionsschluss der Länderausgabe um 17.30 Uhr waren noch mehrere Stunden Zeit. Am Bildschirm im Newsroom blinkten die neuesten Zugriffszahlen, rechts davon war der Fernsehapparat ohne Ton aufgedreht. Die Bilder des zertrümmerten Flexus Alpha waren in Dauerrotation zu sehen. Am Screen poppte die Frage auf, die Stefanie Laudon bereits am Vorabend gestellt hatte: »War das selbstfahrende Auto für den Tod von Wolfgang Steinrigl verantwortlich?« Nach den Bildern des Todesfahrzeugs wurde ein Foto der 13-jährigen Melanie eingeblendet. Sie war der erste Mensch an der Unfallstelle. »Ich bin nach der Schule mit dem Rad ins Dorf gefahren. Es war ganz nebelig, aber ich merkte, dass hinter mir ein Auto war. Das Auto hat dann ganz plötzlich beschleunigt. Ich habe mir gedacht, dass der Mann mich überfahren wollte. Ich habe keine Ahnung, warum das Auto auf mich zugerast ist. Ich hatte große Angst davor, zu sterben. Doch dann ist es plötzlich doch noch nach links ausgewichen«, schilderte Melanie den Vorfall. Sie war die einzige Augenzeugin gewesen. Direkt dabei, als der Finanzminister gestorben war. Und selbst fast Opfer des selbstfahrenden Autos. Sie hatte auch den Aufprall mit angesehen. Dazu sagte sie jetzt im Fernsehen: »Es war schrecklich. Es war überall Blut, als ich nachgesehen habe, ob er noch lebte.«
Der Text klang fast ein wenig wie auswendig gelernt oder die 13-Jährige war einfach schüchtern und hatte vorab einstudiert, was sie sagen würde. Eine grauenhafte Vorstellung, dass ein Kind so etwas mit ansehen musste und kurz davor selbst noch eine massive Todesangst gehabt hatte. Die Bilder und Gefühle werden Melanie wohl ihr Leben lang nicht mehr aus dem Kopf gehen, dachte Stefanie, bevor sie sich an ihre eigentliche Arbeit erinnerte. Darüber nachzudenken, wie es der kleinen Melanie ging, war schließlich nicht ihr Thema des Tages. In der Geschichte der Kleinen sowie im Privatleben von Wolfgang Steinrigl wühlten bereits die Kollegen herum. Stefanie kam es, anders als ihren Kollegen bei der Boulevard-Presse, auch nicht in den Sinn, die 13-Jährige an den Pranger zu stellen und wild darüber zu spekulieren, ob nicht das Mädchen mit ihrem Rad einfach zu weit in die Mitte der Fahrbahn geraten war und das Auto gar keine andere Wahl gehabt hatte, als ihr auszuweichen. Bei »Heute Mittag« waren derartige Gerüchte zu lesen.
Stefanies Aufgabe hingegen war es, die technischen Hintergründe zum selbstfahrenden Noofle-Fahrzeug zu recherchieren.
Noofle hatte natürlich, wie fast alle Autobauer, die etwas auf sich hielten, auch in der Vergangenheit schon teilautomatisierte Fahrzeuge auf die Straßen gebracht. Die hatten sich allerdings eher mittelmäßig verkauft und waren, technologisch betrachtet, bestenfalls Durchschnitt. Doch mit dem Flexus Alpha war es dem Konzern tatsächlich gelungen, das allererste Fahrzeug auf den Markt zu bringen, das gänzlich ohne menschliche Hilfe unterwegs war. Ein Auto, in dem der Passagier sogar hinten Platz nehmen konnte, wenn er wollte. Es war möglich, in Ruhe Nachrichten zu konsumieren, Präsentationen vorzubereiten oder das großflächig aufgerüstete Unterhaltungsprogramm inklusive Brillen, die einem eine veränderte Realität vorgaukelten, in Anspruch zu nehmen. Die meisten Menschen, die mit dem Flexus Alpha unterwegs waren, saßen aber trotzdem noch vorne. Und ein Lenkrad, das man im Zweifelsfall bedienen konnte, gab es auch noch. Sich beim Autofahren zurückzulehnen und das Ruder gänzlich abzugeben, das schafften die ersten Nutzer der neuen Technologie emotional dann doch noch nicht. Steinrigl hatte sich zwar bei einem Pressetermin mit seinem neuen Flexus Alpha mit beiden Händen winkend am Rücksitz ablichten lassen, aber am Unfalltag war er dann doch vorne im Auto gesessen, wie Stefanie messerscharf festgestellt hatte.
Nachdem die Entscheidung im Straßenverkehr beim Flexus Alpha gänzlich in den Händen der Maschine lag, musste Stefanie für ihren Artikel eine alte Debatte ausgraben, die sie eigentlich schon lange Zeit als abgeschlossen betrachtet hatte. Da gab es schließlich eine jahrelange Vorgeschichte, die niemand besser im Gedächtnis hatte als die 33-jährige Journalistin von »24 Stunden«.
Selbstfahrende Autos müssen, seit sie in Österreich auf den Straßen zugelassen sind und eingesetzt werden dürfen, auch über Leben und Tod entscheiden. Doch nach welchen ethischen Prinzipien sollen autonome Autos dabei vorgehen? Genau über diese Frage hatte es bereits in der Vergangenheit heftige Diskussionen gegeben – nicht nur in Österreich. Das Thema betraf schließlich die gesamte Welt. Forscher hatten versucht, zu einem Ergebnis zu kommen, indem sie mehrere Tausend Menschen befragt hatten. Nur einigen konnte man sich einfach nicht. Es hatte dazu Krisengipfel ähnlich den Welt-Klimagipfeln gegeben, bei denen hochrangige Forscher auf den Gebieten der Künstlichen Intelligenz, Robotik, Computer Vision und Ethik mit Politikern, die entsprechende Gesetze zu verabschieden hatten, und Wirtschaftstreibenden, Autobauern und Industriellen zusammengetroffen waren. Doch rausgekommen war dabei meistens nichts. Am Ende waren die USA mit einer eigenen Regelung vorgeprescht, von der man eigentlich erwartet hatte, dass sich auch Europa daran orientieren werde.
Die Einigung sah so aus: Das Lenkrad im Auto, das sollte bleiben. Der Mensch darf sich damit immer über die Maschine stellen und selbstständig eine Entscheidung über das Fahrverhalten seines Fahrzeugs fällen und in die Geschehnisse eingreifen. Die Insassen dürfen zudem nie vom Autopiloten in Lebensgefahr gebracht werden. Falls dies doch passiert, haftet der Autohersteller.
Für den Fall Steinrigl bedeutete dies Folgendes: Selbst wenn der Flexus Alpha die 13-jährige Radfahrerin praktisch erst in letzter Sekunde entdeckt hatte, hätte das Auto seinen Insassen schützen müssen und nicht die Radfahrerin. Es hätte ihr nicht so ausweichen dürfen, dass damit das Leben des Politikers gefährdet gewesen wäre.
Diese Bestimmung mag zwar absolut nicht ethisch klingen, aber sie war der einzig gangbare Weg, um die Entwicklung der selbstfahrenden Autos am Ende voranzutreiben. Wer kaufte schon einen Wagen, der einen umbringen könnte? Die Entwicklung wäre komplett im Sand versackt und nicht weiter voran getrieben worden. Gestoppt von Gesetzen.
Für so manch einen Autobauer war diese Regelung sowieso nicht ideal. Sie hatten schon längst Fahrzeuge in petto gehabt, die gänzlich ohne Lenkrad auskamen. Auch Noofle hatte den Flexus Alpha schon ohne Lenkrad angekündigt gehabt, und es hatte aufgrund der neuen Gesetze Verzögerungen gegeben.
Auch in Europa war diese Regelung bereits in Gesetzesentwürfe eingeflossen – allerdings wie es in der EU üblich war, je nach Nationalstaat ein bisschen unterschiedlich. Außerdem waren manche Staaten langsamer und schneller unterwegs. Österreich zählte neben Finnland, Deutschland und Norwegen zu den ersten Ländern, die ein entsprechendes Gesetz umgesetzt hatten. Österreich hatte sogar bereits an einem Alleingang gearbeitet, der in Kraft getreten wäre, wenn die EU-Regelung gescheitert wäre. Diese hätte vorgesehen, dass der Fahrer im Fall des Falles immer die Letztverantwortung hat. »Wir müssen Vorreiter sein«, hatte es dazu aus dem Mund von Wolfgang Steinrigl noch vor wenigen Monaten getönt und der Technologieminister hatte die Regelung widerwillig abgenickt. Welch Ironie, dachte sich Stefanie Laudon. Ausgerechnet Wolfgang Steinrigl hatte sich vehement für die flächendeckende Zulassung selbstfahrender Autos in Österreich eingesetzt. Und jetzt starb er in einem.
Das Argument für eine derart schnelle gesetzliche Regelung lautete, dass man damit die österreichische Wirtschaft weiter ankurbeln könne. »Geht es der Wirtschaft gut, geht es uns allen gut«, war ein Leitspruch der Regierungspartei. Im Falle der selbstfahrenden Autos spielte Österreich aber tatsächlich eine wichtige Rolle am internationalen Markt. Sowohl der österreichische Leiterplatten-Hersteller AT&S, Infineon, als auch das österreichische Technologie-Unternnehmen TTTech mit Sitz in Wien lieferten nämlich wertvolle Bauteile für die selbstfahrenden Autos. Die Akzeptanz der autonomen Autos bei der Bevölkerung war daher von Anfang an sehr gut und die Technologie wurde als positiv und alternativlos wahrgenommen. All dies fasste Stefanie in einem Hintergrund-Beitrag, für den in der Printzeitung stolze zwei Seiten vorgesehen waren, zusammen. Sie musste nur wenige Fakten noch einmal überprüfen, das meiste davon hatte die Journalistin noch im Kopf, weil sie oft genug darüber berichtet hatte. Sie galt als Expertin auf diesem Gebiet.
Natürlich hatte es auch in Österreich die ethischen Diskussionen rund um die Rolle des Menschen am Steuer gegeben. Stefanie konnte sich noch zu gut an die Frage aller Fragen erinnern: »Ist der Mensch überhaupt in der Lage, sich im Verkehrsgeschehen zurechtzufinden, wenn er davor gerade etwas ganz anderes gemacht hatte wie telefonieren oder Videos ansehen?« Systeme zur Fahrerbeobachtung ergaben, dass die durchschnittliche Reaktionszeit in so einem Fall bei 15 Sekunden lag – zu lang, um Unfälle zu verhindern. Und damit wäre eine derartige Regelung, dass der Fahrer am Ende immer die Verantwortung habe, eigentlich fahrlässig gewesen. Gott sei Dank hat man sich hier dank den Vorgaben der EU noch anders entschieden, dachte die Journalistin. Stefanie hatte das oft genug kritisiert, doch die Wirtschaftslobby mit ihrem »Österreich muss Vorreiter sein« war stärker als eine einzelne Journalistin. Die anderen Medien hatten diesen Aspekt in ihrer Berichterstattung großteils vernachlässigt, weil von Seiten des Wirtschaftsministeriums regelmäßig Gelder aus Inseraten flossen. Und das war in diesen für Medienhäuser seit Jahren wirtschaftlich schwierigen Zeiten immer wichtiger.
Zahlreiche internationale Wissenschaftler hatten in der Debatte argumentiert, dass man regelkonforme Verkehrsteilnehmer immer bevorzugen müsse. Andere hatten dafür plädiert, dass jegliche Gewichtung von Menschenleben strengstens verboten gehört – außer es betraf den Insassen. Stefanie dachte an die 13-jährige Radfahrerin und das Auto. War dieses ausgewichen, obwohl die Sensoren eigentlich anzeigen hätten müssen, dass es glatt und die Fahrbahn nass war? Hätte der Flexus Alpha nicht wissen müssen, dass er damit die Sicherheit seines Insassen gefährdete? Oder hatte das Auto lediglich den Radius falsch bemessen und beim Ausweichen einen Fehler gemacht? Das alles würde darauf hindeuten, dass sie selbst am Ende absolut gar nichts mit dem Tod Steinrigls zu tun gehabt hätte. So ein Algorithmus ließe sich sicherlich auch nicht ändern, wenn man in das Steuersystem eingedrungen war. Oder? Stefanie beschäftigte noch immer sehr, dass sie nur wenige Tage vor dem Tod des Ministers dessen Flexus Alpha aus der Ferne hätte steuern können.
Zehn Minuten vor dem Print-Redaktionsschluss war sie mit ihrer Analyse fertig: »Autonomes Auto: Rad wichtiger als Insasse?« Sie lehnte sich in ihrem Bürosessel zurück, ließ die Arme fallen und atmete tief durch. Dann schrieb sie Paul eine verschlüsselte Nachricht: »Ich glaube, ich weiß, warum Steinrigls Auto verunglückt ist.«
Paul antwortete zügig: »*Gespannt bin*.«
Stefanie hatte aber jetzt keine Energie mehr, um ihm noch einmal zu antworten. Sie war fertig für heute. Heim und ab in die Badewanne. Gerade wenn es draußen kalt und nebelig war, half ihr am ehesten ein Entspannungsbad beim Abschalten und Loslassen vom Alltagsstress. Ausgepackt hatte sie ihren Koffer aus Barcelona auch noch nicht. Aber das würde sie auf morgen verschieben. Jetzt hatte sie sich ihren Feierabend verdient!
Kapitel 5
»Ich hab’s dir ja gesagt, Miro. Das mit der Zulassung in Österreich, das war ein Fehler. Wir hätten warten müssen. Das Land ist zu klein und die Absätze bei weitem zu niedrig, als dass wir uns jetzt deswegen unser Geschäft ruinieren lassen«, sagte Josef Brand am Telefon zum österreichischen Noofle-Geschäftsführer. Bei dem Autokonzern liefen die Telefone heiß, seit die ersten Medien – allen voran das Blatt »24 Stunden« – mit den Spekulationen begonnen hatten, dass die Sicherheit des Fahrzeuginsassen in dem Fall weniger wichtig gewesen sei als die einer 13-jährigen Radfahrerin. Der Todesfall des österreichischen Finanzministers hatte es auch weit über die Grenzen Österreichs hinaus in die Medien geschafft. Es wurde praktisch weltweit darüber berichtet. Und überall wurde die Marke Noofle genannt. Klar – schlechte Presse war gleichzeitig auch gute Presse –, und in Brasilien zum Beispiel, da konnte der Konzern sogar aufgrund des Vorfalls bereits leicht steigende Absatzzahlen des Flexus Alpha verzeichnen. Dort mochte man nämlich keine Finanzminister. Und in den Köpfen der Menschen dort blieb vor allem der Markenname »Noofle« hängen.
Aber in Österreich und im restlichen Europa, da versuchten nun viele Kunden, ihre Vorbestellungen zu stornieren. Gott sei Dank hatte man bei Noofle die Verträge allerdings so gestaltet, dass ein Rücktritt nur schwer möglich war. Das allerdings verärgerte die Kunden jetzt erst recht. Die drohten nun wiederum damit, an die Presse zu gehen. Irgendwie musste Brand also den Super-GAU verhindern.
»Weiß man schon Näheres? Habt ihr den Hergang des Vorfalls schon fertig analysiert?«, fragte Brand von der Unternehmenskommunikation.
»Noch nicht ganz. Wir warten da noch auf Informationen aus Kalifornien. Die Zeitverschiebung, du weißt. Aber es wird einige Überraschungen geben«, sagte Miro Slavic. »Es sieht so aus, als hätte es gar nichts mit dem Rad zu tun. Aber wir müssen noch abwarten.«
Abwarten. Hmm. Das war gar nicht das, was Brand hören wollte. »Warum hat das Auto eigentlich nicht von selbst den Notruf gewählt? Das hätte es doch beim Aufprall auf den Baum sofort tun müssen!«, forschte Brand.
»Ja, das ist ja das Merkwürdige. Ab 16.55 Uhr reagierte der Flexus Alpha scheinbar nicht mehr so, wie er es eigentlich hätte tun sollen. Um 17.10 Uhr kam es dann zum Crash. Das Mädchen am Rad, das war nur zufällig da auf der Straße vor unserem Wagen«, erklärte Slavic. Er erzählte damit eigentlich bereits mehr, als er offiziell sollte. Es galt in der Causa noch eine strikte Geheimhaltungspflicht, auferlegt von der Konzernzentrale in Kalifornien. Nichts durfte nach außen dringen. Und die Aufgabe eines Kommunikationschefs war es schließlich, zu kommunizieren. Slavic bereute daher sogleich auch wieder, was er ausgeplaudert hatte.
»Weiß die Polizei das schon?«, fragte Brand.
»Nein, weiß sie nicht. Wir haben ihr bisher nur den Zeitpunkt des Crashs übermittelt. Und das soll auch momentan so bleiben. Also erzähle auf keinen Fall etwas weiter!«
»Lass uns morgen wieder telefonieren, da haben wir hoffentlich schon mehr Informationen.«
Brand seufzte tief. Für ihn war dieser Wissensstand, also sowohl der offizielle als auch der inoffizielle, äußerst unbefriedigend. Er merkte aber, dass es aussichtslos war, weiter nachzufragen. Wenn da nicht diese Medien wären, die immer alles so drehten, wie es ihnen gerade passte. Von wegen das Auto war dem Mädchen ausgewichen und opferte das Leben des Insassen! Das war eine bodenlose Frechheit, so etwas ungeprüft zu behaupten. Absolute »Fake News« und pure Spekulation.
Zum Verkaufsstart des Flexus Alpha in Österreich war noch ein Jubelbericht nach dem anderen zu lesen gewesen über die große, goldene Zukunft des autonomen Fahrens. Jahrelang waren die Roboter-Autos als glorreicher Ausweg aus der Mobilitätskrise abgefeiert worden. Die Roboter-Autos, die die Welt retten.
Wenn die Sensoren der Fahrzeuge miteinander kommunizierten und man damit den Verkehrsfluss so optimieren könnte, dass es nie wieder zu Staus käme: Das wäre der Traum aller Autofahrer! Und wenn es keine Unfälle mehr gäbe, die von rücksichtslosen Fahrern verursacht wurden. Oder wenn die Roboter-Autos einen bequem auf Bestellung von Ort A nach Ort B brächten, ohne dass sie einem selbst gehörten. So viele Menschen hatten gejubelt, als Noofle – sowie auch die Konkurrenz – ihnen erzählt hatten, dass das in Österreich bald alles Realität werden würde.
Auch über die tolle Funktion, die vorsah, dass die Kameras der selbstfahrenden Autos als Überwachungskameras fungieren konnten, hatten sich viele bereits im Vorfeld gefreut. Nie wieder blieb Vandalismus an Fahrzeugen unbemerkt! Oder Fahrerflucht! Auch wenn das Wort künftig freilich eine andere Bedeutung erlangen müsste. Würde es schon mehr selbstfahrende Autos auf den Straßen geben, wäre dieser Vorfall auch aufgezeichnet worden und das Video dazu sofort von der nächsten Polizeistation abrufbar gewesen, dachte sich Brand. Die österreichische Datenschutzkommission hatte diese Funktion der Überwachungskameras hierzulande bereits vor dem Start der autonomen Autos genehmigt. Das war ganz einfach gewesen. Der Autokonzern hatte sich hier in seiner Argumentation an der Position der Wiener Verkehrsbetriebe orientiert, die ihre Videoüberwachungsanlage nach einem befristeten Probebetrieb ebenfalls genehmigt bekamen, weil sie einen »positiven Einfluss auf die Schadensverhütung im Bereich der U-Bahn-Garnituren« besitzen würde. Dadurch wurde eine unbegrenzte Registrierung der Kameras in der U-Bahn für »sachlich gerechtfertigt« angesehen. Genauso hatte auch Noofle argumentiert, als sie ihre Pläne zur Aufzeichnung von Kameras eingereicht hatten – und sie waren damit problemlos durchgekommen. War man bei sogenannten »Dashcams«, die Fahrer selbst im Auto montiert hatten, noch kritisch gewesen und hatte sie kategorisch abgelehnt, war das bei den Kameras der selbstfahrenden Autos von Noofle gar kein Problem mehr. Das hatte selbst Brand überrascht. Doch das brachte natürlich auch für den Konzern enorme Vorteile mit sich: Auch Noofle würde die Bilder aus den Kameras für seine Zwecke nutzen. Das konnte ihnen so schnell keiner nachweisen und die Gesetze waren diesbezüglich vor Jahren, als es den großen Big-Data-Hype gegeben hatte, erheblich aufgeweicht worden. Sie würden die Daten einerseits dazu nutzen, um damit die Algorithmen zu füttern, die sich ständig automatisch weiterbildeten und mit denen das Verkehrsflusssystem verbessert werden konnte, andererseits konnte man diese Daten sicher auch eines Tages an Versicherungen verkaufen. Selbst wenn die klassischen Versicherungen, die, seit es immer mehr vernetzte Cars auf den Straßen gab, fahrstilabhängig funktionierten und mit selbstfahrenden Autos praktisch obsolet wurden, sagte sich Brand, würden sich die Konzerne schon wieder etwas Neues einfallen lassen, das ihnen von Nutzen war. Oder aber man konnte die Daten direkt den Behörden für ihre »vorausschauenden Kriminalitätsanalysen« zur Verfügung stellen, die gerade immer beliebter wurden. Auch die würden sicherlich Geld dafür zahlen, schließlich ging es hier um »nationale Sicherheit«. Ja, die Behörden, die hätten diese Daten sicherlich gerne.
Doch nicht nur Brand dachte so. Bei der Bevölkerung selbst kam Videoüberwachung sowieso seit Jahren gut an. Das subjektive Gefühl von Sicherheit, das war den Menschen wichtig. Nur wenige Stimmen hatten sich kritisch dazu geäußert und durchschaut, dass Videokameras in der Praxis nichts weiter bewirkten, als sich sicherer zu fühlen. Verbrechen wurden damit freilich keine verhindert. Stefanie Laudon etwa, diese Journalistin von »24 Stunden«, wetterte seit Jahren gegen den Ausbau von Videoüberwachungssystemen. Brand hatte schon viel von dieser Journalistin gelesen – und ihren Social-Media-Account auf die »Watchlist« setzen lassen. Das bedeutete, dass es bei Noofle eine Datenbank gab, in der vermerkt war, wann, wie oft und mit wem Stefanie Laudon via Social Media kommunizierte. Der US-Geheimdienst NSA bezeichnete diese Daten als »Open Source«, schließlich waren sie jedem öffentlich zugänglich. Und Social Media Monitoring wurde seit Jahren von vielen Unternehmen eingesetzt. Noofle hatte ein derartiges System weltweit im Einsatz. Stefanie Laudon war allerdings die einzige Journalistin aus Österreich, die es bisher auf diese Liste geschafft hatte. Sonst war Brand noch niemand aufgefallen, der seinem Konzern wirklich gefährlich werden könnte.
Jetzt war diese Laudon auch noch die Erste gewesen, die Zweifel am Unfalltod des Politikers geäußert hatte und stattdessen das Auto verantwortlich machen wollte. Dieses Miststück, dachte Brand. Die hatte keine Ahnung, wovon sie schrieb. Fake News, absolute Fake News. Vielleicht war es jetzt an der Zeit, mal die gesammelten Social-Media-Daten auszuwerten und einzusetzen, dachte sich Brand.
Diese Stefanie Laudon schrieb auch Dinge wie: »Das autonome Fahrzeug lässt dem Fahrer nicht die Freiheit, das Richtige zu tun, auch wenn es das Falsche ist.« Diesen Text hatte sich Brand sogar aufgehoben, weil er sich so sehr darüber geärgert hatte. Dass nun auch ausgerechnet der Finanzminister des Landes in diesen Vorfall involviert war, machte die Sache für Noofle auch nicht gerade einfacher. Der ganze Erfolg des Konzerns in Europa, auf den sie monatelang hingearbeitet hatten, stand mit diesem einen Vorfall auf der Kippe. Der Konzern durfte sich das jetzt keinesfalls bieten lassen, dachte Brand und nahm einen Schluck aus seinem geheimen Whiskey-Vorrat. Die gute Flasche, die er ausschließlich trank, wenn er alleine war, war im Regal links unten versteckt. Einen Schluck von dem guten Zeug. Das brauchte er jetzt, um wieder ein wenig runterzukommen. Als sich der Geschmack des Single Malts gleichmäßig in seinem Gaumen verteilte, wurde prompt sein Herzschlag wieder um einen Ticken ruhiger als zuvor. Brand atmete tief durch und seufzte.
Kapitel 6
Einen Tag später
Kriminalkommissar Michael Leyrhofer war Routinier. Der Tod des Finanzministers war nicht der erste prominente Fall, den er übernommen hatte – oder besser gesagt, zu dem er aufgrund seiner Expertise und seines Know-hows zwangsverpflichtet worden war. Sicher hätte er den Fall auch ablehnen können. Noch war sowieso nicht klar, ob es überhaupt ein Fall war oder doch nur ein Unfall. Bis zum jetzigen Zeitpunkt sah für ihn alles nach einem Unfalltod aus. Das Auto war dem Rad ausgewichen und in die Baumallee geknallt. Aus. Ende. Das wäre zwar ein Fall für die Versicherung des Autoherstellers, aber sonst nichts. Nur die Tatsache, dass das Fahrzeug dabei beschleunigt hatte, war irritierend. Das gehörte selbstverständlich untersucht. Mit oder ohne Finanzminister als Insassen.
Aber weil es der erste Tote in einem selbstfahrenden Auto war, hatte die Innenministerin Elfriede Haderl angeordnet, dass für den Fall die Kriminalpolizei zuständig sei – insbesondere er, Michael Leyrhofer. Der Kriminalkommissar war nicht nur ein Ermittler mit scharfem Verstand, dem nicht so schnell Details entgingen, er war auch Medienprofi. Leyrhofer wusste ganz genau, welche Informationen in heiklen Fällen nach außen dringen durften und welche er besser verschwieg. Seine Taktiken hatten ihm in der Vergangenheit bereits dabei geholfen, den ein oder anderen Fall aufzuklären. Eine Witwe, die nach außen hin nahezu herzzerreißend um ihren Mann getrauert hatte, hatte ihre Täterschaft etwa dadurch verraten, indem sie Details über den Ort ausplauderte, die nie an die Öffentlichkeit kommuniziert worden waren.
An Kommissar Leyrhofer biss sich aber auch so mancher Journalist die Zähne aus, so wenig Informationen ließ er nach draußen durchsickern, wenn er schlecht gelaunt war. Und schlecht gelaunt – das war er eigentlich immer häufiger in letzter Zeit. Er hatte nur noch wenige Jahre bis zu seiner Pensionierung. Auch wenn er seine Arbeit prinzipiell gern machte, kämpfte er damit, dass die Kriminologie in den vergangenen Jahren nicht gerade einfacher geworden war, um es milde auszudrücken. Der Druck, Fälle rasch aufzuklären, war gestiegen. Und die technischen Mittel, die sie jetzt zur Aufklärung einsetzen mussten, halfen dabei oft nur sehr bedingt, verschlangen aber unendlich viel Zeit und Ressourcen. Und dazu kamen dann auch noch Personaleinsparungen. Nicht nur in der freien Marktwirtschaft wurden Arbeitskräfte wegrationalisiert, sondern auch bei den Behörden.
Leyrhofer hatte sich zwar für sein Alter rasch umgestellt und die technischen Entwicklungen nicht nur akzeptiert, sondern sie auch ausreichend analysiert, um sie für seine Tätigkeiten gewinnbringend einzusetzen. Aber ganz klar war ihm freilich nicht, was da bei den Datenbanken und Programmen im Hintergrund ablief und warum Computer manchmal Ergebnisse ausspuckten, die sich so gar nicht mit seinem Gespür deckten. Ein Gespür, auf das er sich eigentlich immer verlassen konnte. Er war präzise, objektiv, hart, aber gerecht. Kein Computer dieser Welt konnte dies ersetzen.
Der Kriminalkommissar biss gerade in seine Leberkäse-Semmel, als das Telefon klingelte. Von seiner Sekretärin war im Moment weit und breit keine Spur. Er blickte aufs Display. Unbekannte Nummer. Trotzdem hob er, noch an dem Leberkäse kauend, ab. Es könnte ja wichtig sein.
»Herr Leyrhofer? Miro Slavic hier, Geschäftsführer von Noofle Austria. Entschuldigen Sie die Störung, aber ich glaube, ich hätte da eine wichtige Information im Fall Wolfgang Steinrigl für Sie. Können wir uns treffen?«
Der Kommissar war neugierig, was ihm der Autokonzern für Informationen verkaufen wollte. Normalerweise war es eher schwierig, im Zuge von Ermittlungen an Daten zu kommen. Was also trieb den Österreich-Geschäftsführer des US-Konzerns freiwillig zur Polizei? Das konnte nur bedeuten, dass die Erkenntnisse auch dem Autokonzern selbst halfen, wieder in einem besseren Licht dazustehen, und nicht nur der Polizei. Aber woher wusste dieser Mensch eigentlich, dass er – also er, der Kriminalkommissar, für den Fall zuständig war? Das war seines Wissens noch nicht nach außen kommuniziert worden.
»Wann können Sie bei mir im Büro sein?«
»Passt es Ihnen um 16 Uhr?«
Leyrhofer blickte auf die Uhr. Das war in zwei Stunden. Er hatte noch genügend Zeit, um ein paar Recherchen über diesen Slavic anzustellen.
»Kommen Sie, kommen Sie. Ich erwarte Sie in meinem Büro.«
Kapitel 7
Auf Michael Leyrhofers Bürotisch stand ein Foto seiner Familie in jungen Jahren. Frau und Kind hatte er, das Kind war mittlerweile 30 und mit dem Mathematikstudium längst fertig. Zu Hause war weitgehend Ruhe eingekehrt. Ruhe, die der Kommissar abends dringend brauchte nach der ganzen Hektik im Büro. Es war später Nachmittag, aber draußen war es bereits ziemlich düster. Um die Jahreszeit wurde es einfach den ganzen Tag über nicht richtig hell. Das Licht, eine magere 30-Watt-LED-Lampe, im Büro des Kriminalkommissars brannte. Der Kommissar gähnte. Seine Herbstdepression machte sich einmal mehr bemerkbar. Am Abend musste er unbedingt wieder seine Lichtlampe aufstellen. Sie half ihm jeden Winter dabei, seine bleierne Müdigkeit in den Griff zu kriegen. Zusätzlich zum Kaffee selbstverständlich. Leyrhofer machte sich eine Notiz: »Lichtlampe!!!!« Den Zettel heftete er sich in die linke obere Ecke seines Whiteboards. Und zwar genau so, dass er ihn am Abend vor seinem Heimweg noch einmal sehen musste.
Der Kriminalkommissar war gerade mit dem Anheften fertig, als ein dünner, abgemagerter Typ, dem sein Anzug fast um eine ganze Nummer zu groß war, in sein Büro trat. Miro Slavics Wangenknochen stachen hervor und seine Zähne waren leicht gelblich verfärbt. Zahlte Noofle so schlecht, dass sich der Herr keine perfekt sitzende Garderobe leisten konnte? Oder ein Bleaching der Zähne?
»Herr Kriminalkommissar. Es freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte Slavic und schüttelte Leyrhofer die Hand. Slavic’ֹs Händedruck war nicht fest, aber auch nicht locker. Manchmal ergab sich daraus schon ein erster Eindruck. Nervöse Menschen, die etwas zu verbergen hatten, drückten hier gerne ein wenig zu fest zu. Oder sie hatten verschwitzte, rutschige Hände und wollten das Händeschütteln schnell hinter sich bringen. Nicht so bei Slavic, der die Hand des Kommissars äußerst ausführlich und obendrein noch selbstbewusst schüttelte.
»Herr Leyrhofer, wir haben im Fall Wolfgang Steinrigl Daten, die wir Ihnen für Ihre Ermittlungen zur Verfügung stellen wollen«, sagte Slavic. Er fackelte also nicht lange herum, sondern brachte den Grund seines Besuchs auf den Punkt.
»Wie Sie bereits wissen, wurde bei dem Crash kein automatischer Notruf vom Wagen abgesetzt, wie es bei unseren Fahrzeugen standardmäßig üblich ist. Wir haben ein paar Anomalien festgestellt, über die wir Sie informieren möchten.«
»Von welchen Anomalien sprechen Sie?« Leyrhofer gab sich kurz angebunden. Er mochte es nicht, wenn ihn jemand so überfiel. Aber natürlich war er neugierig und vielleicht war ja doch etwas Wichtiges dabei. Er beobachtete sein schlaksiges Gegenüber auf jeden Fall ganz genau bei seinen Worten, die dieser bisher äußerst präzise wählte.
»Bei der Untersuchung unserer Software haben wir festgestellt, dass das Fahrzeug bereits ab einem bestimmten Zeitpunkt, rund 15 Minuten vor dem Crash, nicht mehr selbstständig gehandelt hat. Stattdessen wurde es aus der Ferne gesteuert. Von einem Fremden.«
»Was bedeutet das, dass das Auto von einem Fremden gesteuert wurde? Wie ist so etwas überhaupt möglich? Steuert das nicht sowieso der Bordcomputer?«
»Wie soll ich Ihnen das jetzt am einfachsten erklären …? Natürlich wird das Auto von einem Bordcomputer gesteuert. Die einzelnen Komponenten in selbstfahrenden Autos sind aber hochgradig miteinander vernetzt. Das ist notwendig, damit das Auto genau weiß, was es zu tun hat und die Algorithmen selbstständige Entscheidungen treffen können. An dem Tag, an dem es zu dem Crash kam, wurde eine Sicherheitslücke in unserem System gefunden. Das kommt, wie bei jedem System, das mit Computern zu tun hat, hin und wieder vor. Wir bei Noofle tun unser Bestes, die Lücke möglichst rasch und zeitnah zu beheben. Oft dauert es nur einige wenige Stunden, bis ein Problem dieser Art vollständig aus der Welt geschafft ist. Das haben wir auch dieses Mal gemacht, also das Problem behoben.«
»Das heißt, die Lücke ist mittlerweile beseitigt?«
Der Kriminalkommissar war leicht ins Schwitzen gekommen. Er sah in seinem Geiste bereits weitere Insassen selbstfahrender Flexus Alpha im Straßengraben landen.
»Ja. Die Sicherheitslücke wurde gestern von unseren IT—Spezialisten beseitigt. Leider wurde sie beim Crash ausgenützt.«
»Was macht Sie da so sicher?«
»Es ist generell nichts Außergewöhnliches, dass das passiert. In der Fachsprache nennt man das »Zero-Day-Exploit«.
»Zero-Day-Exploit. Noch nie gehört. Das wird mir zu technisch jetzt. Ich glaube, ich ziehe an dieser Stelle am besten einen der Kollegen hinzu, die sich hier besser auskennen. Warten Sie bitte einen Augenblick«, sagte der Kriminalkommissar und forderte Verstärkung an. Michael Leyrhofer konnte zwar Technik selbst gut bedienen, aber verstehen, nein, verstehen tat er das Zeug nicht.
Der Cybersecurity-Experte des Bundeskriminalamts, Erwin Hufnagl, nickte nur mit dem Kopf, als ihm Miro Slavic die Sachlage ausführlich erklärte. Beim Flexus Alpha waren wichtige Komponenten wie Bremsen und Gaspedal mit dem Unterhaltungsprogramm, Radio und den Kameras am Auto gleichermaßen über das Internet miteinander verbunden. Dass dies von Bösewichten ausgenutzt werden konnte und diese Art von Autos damit viel stärker gefährdet war für Angriffe aus der Ferne, war generell bekannt. Drauf hatten Sicherheitsexperten bereits im Jahr 2015 hingewiesen. Von manchen Herstellern waren die Systeme trotzdem so gebaut worden – nur erzählten sie es in der Regel ihren Kunden nicht. Das war auch beim ersten Modell des selbstfahrenden Autos von Noofle so. Diese Trennung der Komponenten umzusetzen, wäre extrem schwierig – und vor allem extrem kostenintensiv gewesen. Dazu gab es auch keine gesetzlichen Regelungen. Zwar gab es von externen IT-Firmen Lösungen dazu, aber diese ließen sich ihr Wissen und Know-how teuer bezahlen. Intern hatte man es bei Noofle noch nicht geschafft, eine entsprechende Lösung zu entwickeln. Der Flexus Alpha war außerdem das erste der Noofle-Autos, das für den Massenmarkt konzipiert worden war. Der Konzern stand dabei nicht nur unter Kosten-, sondern auch unter Zeitdruck. Hufnagl und Slavic vertieften sich bei ihrem Gespräch immer mehr in technische Details. Beim nächsten Modell sollte diese Trennung der Komponenten schon besser funktionieren, versicherte der Noofle Österreich-Geschäftsführer dem Sicherheitsexperten des Bundes.
Kriminalkommissar Leyrhofer hatte in der Zwischenzeit die Faktenlage analysiert. Ein Unbekannter hatte das Fahrzeug aus der Ferne auf 134 Stundenkilometer beschleunigt, nach links gesteuert und es absichtlich in die Baumallee prallen lassen. Damit lag eindeutig ein Mord vor. Und sehr zu seinem Bedauern fiel der Crash mit einem Schlag ganz eindeutig in seinen Zuständigkeitsbereich. Vor ihm lag jetzt eine Menge harter Arbeit. Er runzelte unbewusst seine Stirn und setzte damit seine Denkermiene auf. Die Frage aller Fragen lautete: Wer, bitte sehr, wollte den österreichischen Finanzminister loswerden?
Kapitel 8
Shenzhen, China.
»Hast du gehört, Bill? Sie wissen bereits alles.« Bill zog genüsslich an seiner Zigarette, denn China war eines der letzten Länder der Welt, in denen man noch nicht als totaler Menschenfeind galt, wenn man rauchte. In Europa und den USA war das Rauchen mittlerweile fast überall verboten.
»Ja, sie wissen, dass jemand den Zero-Day-Exploit ausgenützt hat. Das ist noch nicht viel«, erwiderte Bill.
Die beiden Deutschen, die in einer Produktionsstätte eines anderen Autoherstellers in China beschäftigt waren, hatten das Smartphone des Noofle-Geschäftsführers Miro Slavic angezapft. Das zu veranlassen war ganz einfach gewesen. Bei einem Treffen auf einer großen Automesse vor ein paar Wochen ließen sie ihn via Social Engineering ausspionieren. Das bedeutete, dass sie ihn und seine Gewohnheiten verfolgten, um diese Informationen im Anschluss für ihre Zwecke auszunutzen.
Auf diesem Weg fanden sie etwa heraus, dass Slavic ein Faible für die Beobachtung des Wetters hatte – und welches Handymodell der Österreich-Geschäftsführer von Noofle als Diensthandy verwendete. Bei der Automesse schickten sie Slavic eine hübsche, kurvige Hostess mit Hot-Pants und üppigem Dekolleté an seinen Stand, die ihn in ein Gespräch über die neuesten Wetter-Apps verwickelte. Slavic zeigte der Dame bereitwillig seine Lieblings-App für Wettertrends. Die hübsche Hostess war freilich in Wahrheit Computerprofi und ihre Hostessenfunktion nur eine Tarnung. Brühwarm gab die hübsche Hostess die Informationen über die von Slavic genutzten Apps an die IT-Profis, für die sie den Geschäftsmann ausspioniert hatte, weiter.
Slavic bekam wenige Tage später eine E-Mail, in der ihm vorgeschlagen wurde, ein Update für seine Lieblings-Wetter-App zu installieren, das »extra für Premium-Kunden« entwickelt worden war. Dahinter versteckte sich freilich eine geklonte App, die genauso aussah wie die echte. Nur hatte man damit von außen die Möglichkeit, Gespräche im Raum mitzuhören, indem das Mikrofon aus der Ferne aktiviert wurde. Der Geschäftsführer fiel prompt auf diesen Trick rein. Manchmal war es echt einfach, an gewünschte Informationen zu gelangen. Und Menschen, das wusste jeder Cyberkriminelle, waren nun mal das schwächste Glied in der Kette.
Kapitel 9
19.30 Uhr. Stefanie Laudon stieg aus der alten Straßenbahn mit den knarrenden Holzböden aus, die wie jeden Tag im Winter massiv überheizt war. Sie war mit Meggie Winter und Paul Mond zum gemeinsamen Abendessen verabredet. Gerade als sie ihre Stiefeln auf die Straße setzte, vibrierte ihr Smartphone in der Tasche ihres Wintermantels. Schon wieder hatte sie eine Push-Nachricht mit Neuigkeiten rund um den Tod Steinrigls zugeschickt bekommen. Dafür habe ich jetzt keine Zeit, dachte sich die Journalistin. Zum Lokal waren es nur noch wenige Schritte. Auf dem Weg vibrierte ihr Smartphone noch einmal. »Bin schon da!«, schickte ihr Meggie per WhatsApp-Message. Stefanie las die Nachricht aber nicht mehr, denn wenige Sekunden später öffnete sie bereits die Tür des Wirtshauses im 7. Bezirk. Das Amerlingbeisl lag nur 15 Minuten von ihrer Wohnung entfernt und dort trafen sich die drei nicht zum ersten Mal. Es war nicht nur bequem, sondern es gab auch gutes Essen, das allen dreien schmeckte. Vor allem Paul hatte gerne sein Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat und ein gekühltes Augustiner Bräu dazu. Das gab es dort genauso wie die vegetarischen Falafel mit Humus, die Stefanie so liebte. Auch für Meggie würde sich dort wieder etwas finden. Sie aß jedes Mal etwas anderes.
»Hey«, sagte Meggie zur Begrüßung. Sie stand auf und umarmte Stefanie kurz, aber wenig innig. »Da bist du ja.«
»Hey, meine Süße. Ja, du weißt ja, wie das ist. Die Redaktion wollte in letzter Minute noch einen neuen Einstieg für die Geschichte. Und dann hat auch noch einer meiner Interviewpartner angerufen, kurz bevor ich gehen wollte. Das hab ich besonders gerne. Vor allem, wenn er dann auch noch ewig redet und nicht aufhört«, erwiderte Stefanie.
»Du Arme«, sagte Meggie. Der leicht ironische Klang in ihrer Stimme war auch Stefanie nicht entgangen. Freute sich ihre Freundin etwa, wenn sie quälende Überstunden im Büro absolvieren musste, die fix zu ihrem Alltag bei der Tageszeitung gehörten?
»Und wie war dein Tag so?«, fragte Stefanie zögernd und leicht desinteressiert. Sie wusste, dass Meggie sich jetzt wieder bei ihr ausheulen würde.
»Ich habe heute einen Tierpsychologen interviewt. Es ging schon wieder um die Beziehungen zwischen Hund und Mensch. Mein Radiosender wollte ein weiteres Mal so eine Tiergeschichte von mir. Die verkaufen sich einfach besser als meine sonstigen Beiträge. Hunde, Katzen, Meerschweinchen. Es scheint mir, als würden sich die Menschen für nichts anderes interessieren«, erklärte Meggie. Sie war frustriert, weil es bei ihr als freie Journalistin derzeit nicht so lief, wie sie es geplant hatte. Zwar hatte sie ihre Situation freiwillig gewählt. Aber statt Aufträge zu Themen, die sie interessierten, bekam sie seit rund einem halben Jahr nur solche rein, die ihr so ganz und gar nicht am Herzen lagen. Sie konnte sich ihre Interviewpartner zwar selbst aussuchen, aber wenn man für ein Thema so absolut keine Leidenschaft mitbrachte, war das nur der halbe Spaß. Das hatte sie sich als Freischaffende einfach ganz anders vorgestellt.
»Uh«, antwortete Stefanie kurz und knapp. Mehr fiel ihr dazu nicht ein. Sie kannte die Misere, in der sich ihre Freundin befand, schon. Und das Leben als freie Journalistin hatte eben nicht nur Vorteile.
In derselben Minute ging die Tür auf und mit einem kühlen Luftzug von draußen, der daran erinnerte, dass es stockdunkel und eisig kalt war, kam ihr gemeinsamer Freund Paul herein. Die dunklen Augen des IT-Technikers blitzten auf, als er Stefanie sah. Stefanie bemerkte seine Freude nicht, für sie war Paul nichts als ein guter Freund. Aber einer, mit dem man eine Menge Spaß haben konnte. Und der ihr immer wieder lustige Hackergeschichten aus dem Wiener Hackerspace Metalab erzählte.
»Hey, Paul, sollen wir dir gleich dein Wiener Schnitzel bestellen?«, scherzte Stefanie.
»Und ich dir deine Falafel?«
Küsschen links, Küsschen rechts.
Meggie sah, wie gut sich die beiden verstanden und wie vertraut sie miteinander umgingen. Obwohl sie alle drei Freunde waren, fühlte sie sich ein wenig wie das fünfte Rad am Wagen. So, als ob sie nicht dazugehörte. In ihrer Brust wurde es eng. Ihre Wangen färbten sich leicht rosig. Neid. Dann nahm sie sich zusammen und versuchte es ebenfalls mit einem Scherz: »Hallo, Paul, ich sehe, dein Iron-Maiden-T-Shirt ist wieder frisch gewaschen?«
Paul konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Bei ihrem letzten Dreier-Treffen hatte er ein T-Shirt des Musicals »Phantom der Oper« getragen, das er aus London mitgebracht hatte. Heavy Metal und Musicals – das musste sich nicht wirklich ausschließen. Gute Musik war einfach gute Musik. Und seine Begeisterung für Musicals hatte er erst viel später entdeckt. Trotzdem machte er in der Regel keinen großen Hehl aus seinem Faible für Musicals. Wenn ihn sogar die Mädels damit neckten, wie er beim letzten Treffen hatte feststellen müssen. Damals hatte er nämlich gerade alle seine sonstigen T-Shirts, von denen des Hackerkongresses angefangen bis zu seinen Oberteilen mit dem Aufdruck seiner Lieblingsbands, in der Waschmaschine gehabt, so dass er notgedrungen das Musical-Hemd wählte. Seine Hoffnung, das würde niemandem auffallen, hatte sich nicht erfüllt. Sowohl Stefanie als auch Meggie zogen ihn auch jetzt, Monate später, noch regelmäßig damit auf.
Paul setzte sich neben Meggie an den Vierertisch, so dass er direkt Stefanie gegenübersaß und ihr in die Augen schauen konnte. Er liebte es, Stefanie dabei zu beobachten, wie sie sich regelmäßig durch ihre blonden Haare fuhr und einzelne Strähnen in ihren Fingern eindrehte.
»Erzähl mal, Paul, was gibt es Neues?«
»Nichts. Ich kann es noch immer nicht ganz glauben, dass Steinrigl tot ist. Dieses fiese neoliberale Kapitalistenschwein! Was der unserer Abteilung angetan hat! Jetzt im Winter ist es zwar nicht mehr so schlimm, aber ich bin noch immer halb blind von den fehlenden Vorhängen.«
»Ach ja, die Vorhänge. Du hattest erzählt, dass sie die einfach abmontiert haben im Sommer?«
»Aus Einsparungsgründen, ja. Weil diese ein paarmal im Jahr verpflichtend gewaschen werden müssen. Und das war der Firma auf einmal zu teuer, weil die finanziellen Erleichterungen nach der Steinrigl-Reform plötzlich weggefallen sind.«
»Ach kommt, lasst uns über was anderes reden als über diesen langweiligen Steinrigl«, versuchte Meggie, vom Thema abzulenken. Sie interessierte sich nicht wahnsinnig für Politik, wogegen Paul und Stefanie, wenn sie einmal damit angefangen hatten, stundenlang über Ungerechtigkeiten von Politikern ablästern konnten.
»Aber das mit den Vorhängen, das zeigt so schön in der Praxis, wie sich schlechte Wirtschaftspolitik auswirken kann. Ich meine – in einer IT-Abteilung die Vorhänge wegzurationalisieren ist ja wohl das Dümmste, was man sich ausdenken kann!«
»Fast so dumm, wie wenn man in einer Bäckerei plötzlich die Bleche in den Backöfen entfernen würde, ja.«
»Dabei weiß doch jedes kleine Kind, dass sich Sonnenlicht und Computerbildschirme nicht vertragen!«
»Ja, Paul. Komm, bestell jetzt mal dein Augustiner Bräu!« Stefanie versuchte Meggie zuliebe, den IT-Techniker ein wenig von seiner Nörgelei über Steinrigl runterzuholen. Zwar hatte auch sie den Finanzminister alles andere als gern gehabt, aber der Fall erinnerte sie derzeit zu sehr an ihre Arbeit. Und gerade der wollte sie mit den beiden ein Weilchen entfliehen.
»Du hast ja recht, Stefanie. Ein Bierchen in Ehren kann keiner verwehren.«
Wenig später prosteten die drei sich zu. Paul mit seinem Augustiner Bräu, Stefanie mit einem Bio-Zwickl aus der Flasche und Meggie mit ihrem Glas Rotwein.
»Auf unsere Freundschaft!«
Klirr. Klirr. Klirr.
Meggie lehnte sich zurück, als Stefanie und Paul ein Gespräch über neue Arten von Computerschädlingen begannen. Die Verschlüsselungstrojaner, die bereits vor Jahren zum ersten Mal aufgetaucht waren, waren mittlerweile so perfektioniert worden, dass Menschen nicht einmal etwas installieren mussten, um sich die Dinger einzufangen.
»Ich mache derzeit kaum etwas anderes, als Backups einzuspielen«, klagte Paul.
Meggie begann, mit ihren Fingern am Tisch zu klopfen, und winkte der Kellnerin. Es musste schleunigst noch ein Glas Rotwein her, anders konnte sie dieses Gesprächsthema einfach nicht ertragen. Sie beobachtete Paul und Stefanie, die so vertieft ins Gespräch waren, dass sie ihre Unruhe nicht bemerkten. Paul war schon süß, dachte sich Meggie, aber er hatte nur Augen für Stefanie. Und die interessierte sich so überhaupt nicht für ihn! Aber egal, was sie, Meggie, sagte, Paul stieg einfach nicht darauf ein. Nach dem dritten Glas Rotwein – sie hatte noch nicht einmal etwas zu essen bestellt – und einer wortkargen Zeit am Tisch verabschiedete sich Meggie schließlich.
»Ich muss morgen früh raus«, lautete ihre Ausrede. Eine klassische Notlüge. Denn als freie Journalistin konnte sie es sich im Gegensatz zu den anderen beiden tatsächlich selbst aussuchen, wann sie aufstand. »Interview um 9«, fügte sie daher noch hinzu, um glaubwürdiger zu wirken.
»Uh, hoffentlich nicht wieder einen Tierpsychologen«, sagte Stefanie.
Was eigentlich nett und witzig gemeint war, kam bei Meggie ganz und gar nicht so an. Sie fühlte sich von ihrer Freundin verraten. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Das unangenehme Gefühl, in der Situation eigentlich nur gestört zu haben, verstärkte sich einmal mehr.
»Haha, nein«, sagte Meggie und überspielte ihren Frust.
»Mach’s gut, meine Süße«, sagte Stefanie zum Abschied und umarmte sie. Meggie ließ sich drücken. Sie fühlte sich sogar echt an, diese Umarmung. Aber sie konnte ihre Gefühle – eine Mischung aus Frust, weil Paul in Stefanie verknallt war, und Neid, weil Stefanie am Ende trotz all der Einschränkungen doch den viel besseren Job von ihnen beiden hatte – nicht unterdrücken und riss sich relativ rasch los. Nicht, dass dann auch noch ein schlechtes Gewissen dazukam …
»Bye, bye, ihr beiden. Trinkt noch einen auf mich!«
Als die Tür aufging, kam einmal mehr ein kalter Luftzug von draußen herein. Paul fragte Stefanie: »Ist dir kalt? Soll ich uns einen Schnaps bestellen zum Aufwärmen?«
»Ach, lass uns doch erst mal was essen.«
»Falafel mit Humus?«
»Wiener Schnitzel?«
Beide mussten lachen, als sie die Kellnerin herbeiwinkten.
»Auf einen lustigen Abend!«
»Den werden wir noch haben …«
Kapitel 10
An dem Ort, an dem Wolfgang Steinrigl zu Tode gekommen war, standen drei Tage nach seinem Tod überall Kerzen. Dutzende Kerzen. Es hingen auch Lebkuchenherzen an dem Baum, gegen den das Auto geknallt war, gekauft auf den ersten Weihnachtsmärkten, die bereits überall im Land ihre Pforten geöffnet hatten. Auch ein schön geschmückter Kranz war zu finden. Darauf stand: ›Wir vermissen dich!‹ Der Kranz stammte von dem Bruder des Toten, Thomas Steinrigl, und seiner Ehefrau Sigrid und ihren zwei Töchtern.
Thomas Steinrigls Ehefrau stand noch immer unter Schock. Dass sie den grausigen Tod ihres Schwagers am Unfallort fast live miterleben musste, das war doch etwas viel für sie gewesen. Die Medien belagerten ihr Haus schon seit Tagen. Und lange würde es nicht mehr dauern, bis sie entdecken würden, wie es um den Hof stand. Dass sie knapp davor waren, ihn verkaufen zu müssen.
Dass ihr Schwager ausgerechnet drei Kilometer entfernt von dem Ort, an dem er aufgewachsen war, im noch viel zu jungen Alter von 52 Jahren sterben würde, das hätte sich Sigrid nicht gedacht. Das hatte er nicht verdient. Sicher war ihr Mann, der Bürgermeister der 4.169-Seelen-Marktgemeinde im Bezirk Vöcklabruck, schon mal ein wenig eifersüchtig auf seinen erfolgreichen, superreichen Bruder gewesen, aber dieser unterstützte ihn, so gut er konnte. Da gab es nichts. Einmal hatte er schon tief in die Tasche gegriffen, als ihr Mann in Nöten war. Ihr Mann hatte ihm aber alles zurückgezahlt, wie es sich gehörte.
Doch warum war Wolfgang auf dem Weg zu ihnen gewesen, ohne vorher Bescheid zu sagen? Klar hatte ihr Thomas erzählt, dass sie vor ein paar Tagen noch miteinander telefoniert hatten. Da hatte er ihm gebeichtet, wie schlecht es um die Finanzen der Familie stand und dass sie möglicherweise ziemlich bald einen Teil des Grundstücks verkaufen mussten wegen der hohen Schulden, die er angehäuft hatte. Aber war das der Grund für seinen Überraschungsbesuch?
Seit sie ihren Landwirtschaftsbetrieb mit 80 Kühen auf Vollautomatisierung umgestellt und dazu einen Millionenkredit aufgenommen hatten, war der Milchpreis kontinuierlich gesunken. Politische Sanktionen auf der einen Seite, die Aufhebung der Kontingentierung auf der anderen Seite hatten dazu geführt. Zur selben Zeit wie die Milchkrise im Jahr 2015 war auch noch die Kontingentierung aufgehoben worden und es hatte plötzlich keine Obergrenzen mehr bei der Milchproduktion gegeben. Der Markt wurde liberalisiert. Das war einer der Gründe, warum sie überhaupt in die Automatisierung ihres Milchbetriebs investiert hatten. Aber die Marktliberalisierung war halt nicht ganz das, was sich die Milchbauern erhofft hatten: Es wurde insgesamt viel zu viel Milch produziert, was den Preis ordentlich nach unten drückte. Für die Familie Steinrigl bedeutete das: Schulden, Schulden, Schulden. Zuletzt wussten sie nicht einmal mehr, wie sie den Schulausflug ihrer beiden Mädchen finanzieren sollten.
Thomas’ Bruder hingegen, der hatte gar keine finanziellen Sorgen. Er war gleich nach seiner Zeit beim Bundesheer mit 19 Jahren nach Wien gegangen, um dort Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Schon lange bevor der Vater starb, verzichtete Wolfgang, obwohl er der Ältere der beiden war, auf den Hof. Der Vater schenkte ihm stattdessen das Grundstück in Seenähe. Eigentlich war das Grundstück weit weniger wert gewesen als der Hof und der dazugehörige Grund. Wäre da nicht die Lage gewesen. Und die Umwidmung. Sicher war es schon immer schon ein schönes Fleckchen Erde gewesen. Man konnte bis an den See runter sehen. Und der See, der glitzerte zu jeder Tageszeit in einer anderen Farbe. In den Morgenstunden war er dunkelblau, zu Mittag türkis und am Abend verschmolzen Wasser und Himmel oft in einem gemeinsamen Farbton. Himmelblau.
Wolfgang Steinrigl hatte dort oft heimlich gelesen. Schön versteckt im Getreidefeld. Auch ein Mädchen hatte er zum ersten Mal dort geküsst. Die Gerste so hoch, dass sie keiner dabei beobachten konnte, zog er seine Marie damals dicht an sich heran und steckte ihr die Zunge in den Hals. Sie waren beide 15. Aber das Feld war eben nichts weiter als ein Feld gewesen – bis zur Umwidmung in Bauland. Und damit war das Grundstück schlagartig weit mehr wert als zuvor. Und der Preis war weiter gestiegen.
Plötzlich war nämlich immer mehr Prominenz an den See gekommen. Ausgelöst durch den einen berühmten Schriftsteller und eine Schauspielerin, die wirklich jeder kannte, wurde der Attersee schlagartig wieder in. Österreichs High-Society hatte sich regelmäßig blicken lassen. Und die Grundstücke in Seenähe waren immer gefragter geworden. Wolfgang Steinrigl hatte das ehemalige Ackerland schließlich zu einem verdammt guten Preis verkauft. Fast eine Million Euro hatte er durch den Verkaufserlös erzielt. Und dann hatte er das Geld in Aktien gesteckt. Dafür hatte er schon immer ein Händchen gehabt. Natürlich war Sigrids Mann Thomas da neidisch auf seinen Bruder gewesen. Dieser hatte nie hart arbeiten müssen und war reich geworden, während er, Thomas, sich am Hof abrackerte, um seine Familie durchbringen zu können. Aber Wolfgang Steinrigl wollte sich gar nicht zurücklehnen und seinen Reichtum genießen. Das Geld war seine Grundlage, um dann in Folge das zu tun, wovon er selbst überzeugt war. Er wollte die Welt verändern. Oder zumindest die österreichische Finanzlandschaft. Auch bei der Milchpreis-Liberalisierung hatte Minister Steinrigl seine Finger im Spiel gehabt. Er hatte Sigrids Mann den Tipp gegeben, in Milchkühe weiter zu investieren. Wenn Wolfgang jetzt wüsste, was für einen Schaden er mit seinem »Tipp« angerichtet hatte! Aber nein, Vorwürfe waren hier fehl am Platz, dachte sich Sigrid. Wolfgang hatte es nur gut gemeint mit ihnen.
Wolfgang bedachte seinen Bruder Thomas in seiner Lebensversicherung neben seiner eigenen Frau, die er zwar schätzte, aber nicht wirklich liebte, zu 50 Prozent. Er hatte schließlich keine eigenen Kinder. Das lag an seiner Unfruchtbarkeit, aber über die wurde nie gesprochen. Sigrid und ihr Mann hofften jetzt, dass die Versicherung das Geld bald zahlen würde. 50 Prozent des Vermögens von Wolfgang würde die beiden nicht nur aus ihrer Misere befreien, sondern sie könnten auch weiter investieren oder expandieren. Oder sich ein Seegrundstück sichern, das sie in Folge verpachten könnten. Ein Traum wäre das, dachte sich Sigrid. Endlich einmal keine Geldsorgen mehr.
Derzeit sah es allerdings nicht danach aus, als würde es bald zur Auszahlung kommen. Solange nicht geklärt war, ob es sich um einen Unfalltod handelte oder ob das Produkt des Autoherstellers defekt war – die Versicherung war schließlich auch zum ersten Mal mit der Haftungsfrage rund um ein selbstfahrendes Auto konfrontiert –, wollte man noch keine Versprechungen machen, wann die Summe ausbezahlt würde.
Auf der einen Seite hatte Sigrid ein schlechtes Gewissen, weil ihr Schwager noch nicht einmal begraben war und sie an nichts dachte als an sein Vermögen, auf der anderen Seite verfluchte sie die Versicherung. Wenn man sie einmal brauchte, dann war sie nicht da und drückte sich vor der Zahlung.
Auch Sigrids Mann Thomas saß schon wie auf Nadeln – ausgerechnet die Bank, die ihm eingeredet hatte, dass das ein bombensicheres Geschäft mit den Melkrobotern und Fütterungsrobotern werden würde, machte ihm jetzt ordentlich Druck. Wenn er nicht bis zum Monatsende, also bis zum neuen Jahr, die Rate zahlen konnte, würde ein Teil seines Grundstücks in den Besitz der Bank übergehen. »Hoffentlich zahlt die Versicherung bald«, sagte er Sigrid jeden Tag vorm Schlafgehen, bevor sie das Licht abdrehten. Auf Thomas’ Stirn grub sich dabei jedes Mal eine Falte ein. Eine Falte, die erst seit den Geldsorgen aufgetaucht und die Sigrid sofort aufgefallen war. »Mach dir keine Sorgen«, raunte Sigrid ihm dann zu. Sie war sein Fels in der Brandung. Thomas strich mit seinen Fingern durch ihre langen braunen Haare, die sie abends immer offen trug. »Wir schaffen das. Gemeinsam schaffen wir das.«
Kapitel 11
Stefanie Laudon war lästig. Kriminalkommissar Michael Leyrhofer hatte bisher mit dieser Journalistin von »24 Stunden« noch nie etwas zu tun gehabt. Sie schien normalerweise keine Mordfälle zu betreuen. Aber irgendwie hatte sie es geschafft, seine Handynummer rauszufinden. Sie erzählte ihm am Telefon die ganze Zeit etwas von wegen: »Das Auto war programmiert, um zu töten«. Und fragte ihn Dinge wie: »Hat man schon den Grund gefunden, warum das Auto gegen die Baumallee gekracht ist?« Er spulte daraufhin seinen Standardsatz ab: »Zu laufenden Ermittlungen können wir Ihnen derzeit keine Auskünfte erteilen. Wenden Sie sich bitte an die Pressestelle.«
Natürlich merkte diese Journalistin, dass das nur Ausflüchte waren. Leyrhofer brauchte Zeit. Zeit für die Ermittlungen. Bisher war seine Liste mit potenziell Verdächtigen noch nicht lang. Der Computer, der seit neuestem als Ergänzung zur herkömmlichen Ermittlungsarbeit »vorausschauende Analysen« erstellte, hatte zumindest drei Namen ausgespuckt. Einer davon, und das beunruhigte ihn wiederum, war der Name von dieser Journalistin. Stefanie Laudon. Wieso stand die da drauf? Auf jeden Fall musste sein Team sie überprüfen. Das verschob er allerdings auf später. Seine Intuition sagte ihm allerdings, dass der Computer in diesem Fall wohl falsch lag.
Die zwei weiteren Namen, die der Computer ausgespuckt hatte, waren Fritz Fuchsbauer und Manuel Erlach. Der Erste arbeitete im Finanzamt als Angestellter. Der Zweite war offiziell arbeitslos gemeldet. Über sein Facebook-Profil war allerdings rauszufinden, dass er als DJ regelmäßig Auftritte in Wiener Underground-Clubs hatte. Gemeinsam mit Erwin Hufnagl vom Cyber Security Competence Center (CSCC) analysierte der Kriminalkommissar nun die Ergebnisse. Hufnagl hatte schon ein wenig recherchiert.
Fritz Fuchsbauer hatte offenbar zahlreiche böse E-Mails verfasst, in denen er den Finanzminister beschimpft hatte. Woher der Computer das wusste? In den geltenden Rechtsvorschriften für Ministerien gab es seit knapp einem Jahr einen Passus, der besagte, dass der Arbeitgeber den Inhalt der E-Mail-Kommunikation ganz offiziell mitlesen darf und dass E-Mails von den Mitarbeitern auch nicht verschlüsselt werden dürfen. E-Mails galten in Ministerien, ähnlich wie Social Media, mittlerweile als »öffentliche Kommunikation«. Das war wenigstens ehrlich – ehrlicher als so mancher sonstige Betrieb, der seine Angestellten heimlich ausspionierte. Dass es seit kurzem in den Ministerien und Ämtern eine Regelung dazu gab, war somit wirklich nur fair. Natürlich wurde das nicht so offen kommuniziert, und selbstverständlich wurde den Mitarbeitern vorgegaukelt, dass dies nur »in Ausnahmefällen« gemacht werde und nur die theoretische Möglichkeit dazu bestehe. »Liegt im Ermessen des Betriebes«, hieß die genaue Formulierung auf Papier. In der Praxis aber wurde jede E-Mail, die ein Ministerium erreichte oder die innerhalb eines Ministeriums hin- und hergeschickt wurde, gespeichert und in die »Precrime«-Computer der Behörden eingespeist. Dort wurden E-Mails in Folge bis zu zehn Jahre lang aufgehoben. Zugriff auf dieses System gab es selbstverständlich nur bei »schweren Straftaten« wie Verdacht auf einen terroristischen Akt oder Mord. Aber auch Drogendelikte oder Stalking zählten in Österreich zu »schweren Straftaten«. Ein Jahr Freiheitsstrafe als angedrohtes Strafmaß reichte aus, um Behörden die Erlaubnis zu erteilen.
Hufnagl las dem Kriminalkommissar, der, gemütlich zurückgelehnt, in seinem bequemen Ledersessel saß, eine E-Mail von Herrn Fritz Fuchsbauer vor. Fuchsbauer war einfacher Mitarbeiter in einem Infocenter des Finanzamts. Er schrieb: »Steinrigl ist so ein Arschloch! Ich könnte ihn umbringen! Eine Bombe soll ihn zerfetzen! In tausend Stücke reißen! Er hat es nicht anders verdient. Jetzt hat er angeordnet, dass wir im Infocenter die Menschen darüber aufklären müssen, dass sie künftig mehr Steuern zahlen müssen. WIR! Stell dir vor, WIR müssen den Leuten das jetzt sagen! Was können wir dafür, wenn der liebe Finanzminister uns kleine Leute ausbluten lassen will? Schröpfen und melken, wie eine Kuh! Weißt du, was ich mir jetzt täglich alles anhören muss deswegen? Einer hat schon mit seinem Fuß nach mir getreten. Ein anderer hat meine Brille zertrümmert. Wir brauchen bald Polizei hier, wenn diese Regelung beibehalten wird. Ich habe das auch schon bei meinen Chefs angemerkt, aber davon will keiner etwas wissen. Wir sollen höflich und freundlich bleiben, dann wird uns schon nichts passieren. Wie stellen sich die das vor, bitte? Den armen Leuten das letzte Hemd ausziehen, nur weil der Herr Finanzminister mal wieder ein Budgetloch zu stopfen hat? Der soll sich mal hier hinstellen und den Menschen sagen, dass sie künftig mit 150 Euro weniger am Konto über die Runden kommen müssen, weil die Steuern erhöht worden sind. Ich hasse diesen Steinrigl! Ich hasse ihn. Ich hasse ihn. Ich hasse ihn. Ich könnte ihn wirklich umbringen. Das ist so kurzsichtig, was er macht. So dumm. Er gehört weg. Sofort.«
Rund zwanzig Mails in diesem Tonfall hatte Fuchsbauer verfasst. Alle waren an externe Kontakte gegangen, von denen auch mehrere geantwortet hatten. Einer schrieb ihm zurück: »Beruhige dich, Fritz. Das wird schon wieder!« Doch die meisten anderen fielen in den Tenor von Fritz Fuchsbauer ein und schimpften auf den Finanzminister. Schließlich war von der Steuererhöhung wirklich jeder in diesem Land betroffen gewesen.
Fuchsbauer, das hatten sie überprüft, war im Umgang mit dem PC nicht gerade der Hellste. Er hatte keine Ahnung davon gehabt, dass seine E-Mails technisch mitgelesen werden konnten. Dass dem Staat das auch rechtlich möglich war, davon hatte er ebenfalls noch nie etwas gehört. Fuchsbauer war auch kein aggressiver Mensch. Das hatten die Gespräche mit seinen direkten Kollegen ergeben, die täglich mit ihm zu tun hatten. Als der Finanzminister vor rund einem Jahr die Steuererhöhung beschlossen hatte, wonach die Steuerklassen, die Jahre zuvor gesenkt worden waren, wieder angehoben wurden auf das alte Niveau – und zwar rückwirkend mit 1.1.2019 –, mussten die Mitarbeiter des Infocenters die Bevölkerung beim Steuerausgleich darüber informieren, dass sie dieses Jahr bei der sogenannten »Arbeitnehmerveranlagung« nichts zurückbekommen würden, sondern dass die meisten von ihnen auch noch draufzahlen müssten. Die Infocenter-Angestellten, die die Menschen vor Ort darüber in Kenntnis setzen mussten, waren mit zahlreichen wütenden Bürgern konfrontiert worden. Es hatte tatsächlich auch Fälle gegeben, in denen die Polizei hatte einschreiten müssen. »Es war keine leichte Zeit für uns alle. Ehrlich gesagt, hatte ich damals auch große Lust, unseren Minister einfach auf den Mond zu schießen«, sagte eine Kollegin bei der Befragung aus. Damit war sie nicht die Einzige. So etwas in der Art ließen auch einige andere der Befragten anklingen.
Mit dem Verhör von Fuchsbauer selbst war dann relativ rasch klar, dass er nichts mit dem Mord an Wolfgang Steinrigl zu tun haben konnte. Er stotterte, zitterte und brach in Tränen aus, als man ihn mit den Verdächtigungen konfrontierte. Diese Palette an Emotionen konnte keiner mit der Intelligenz eines Franz Fuchsbauers spielen. Seine Computerfähigkeiten beliefen sich zudem nicht einmal auf ECDL-Niveau. Es bestand keine Chance, dass er sich in ein selbstfahrendes Auto gehackt haben könnte, und so wurde er ziemlich rasch von der Liste der Verdächtigen gestrichen.
Bei Manuel Erlach dauerte die Überprüfung etwas länger. Der 22-Jährige war ins Visier des »Precrime«-Computers geraten, weil die Kombination aus seinem Browser-Verlauf, seinem Online-Shopping-Verhalten sowie seiner Social-Media-Aktivitäten auf Facebook ihn verdächtig gemacht hatten. Die Ausgangslage war hier etwas verzwickter. Erlach hatte im Internet regelmäßig nach neuen »Hacks« gesucht. Auch »Auto« war bei den Suchergebnissen häufig vorgekommen und der Flexus Alpha tauchte ebenso in seiner Liste der gesuchten Objekte auf wie die Begriffe »Computer«, »Hacker« und »Cyber«. Dazu kam, dass Erlach in einem Online-Shop vor kurzem einen neuen, leistungsstarken Rechner gekauft hatte. Ein Exemplar, mit dem Cyberangriffe auf Autos wie den Flexus Alpha tatsächlich durchgeführt werden könnten. Über Social-Media-Kanäle wie Facebook oder Twitter teilte Erlach seit Jahren zudem häufig Artikel, in denen der Finanzminister kritisiert worden war. Auch hier fiel den Ermittlern besonders der Zeitpunkt, als die Steuererhöhung beschlossen worden war, auf. Damals veröffentlichte Erlach Dinge, die als »systemkritische Hassreden« klassifiziert werden konnten. Um es kurz zu machen: Erlach war kein Freund der Konservativen Familienpartei (KFP). »Die Bevölkerung ist zum Staatsfeind geworden. Der Finanzminister übt sich in bösartiger Niedertracht, um das Volk kleinzuhalten. Nieder mit dem herrschenden System! Nieder mit der KFP!« Dazu war im Posting ein Bild mit dem »Anarchie«-Zeichen zu finden.
Erlach wurde auch konkreter: »Steinrigl ist emotional bestenfalls mittleres Management. Und das gehört abgesetzt. Sofort.« Doch Erlach hatte nicht nur seine eigene Meinung recht aggressiv auf Facebook verkündet, sondern auch Artikel von Stefanie Laudon geteilt. Der Kommissar dachte sich kurz: Vielleicht steckt diese Journalistin mit Manuel Erlach unter einer Decke?
All diese Indizien reichten auf jeden Fall dafür aus, bei Erlach eine Hausdurchsuchung anzuordnen. »Den Herren schauen wir uns genauer an«, sagte der Kriminalkommissar zu seinem Einsatzteam. »Ich bin gespannt, was wir finden werden.«
Kapitel 12
Noch am selben Tag stand die Kriminalpolizei vor der Haustür des 22-jährigen Verdächtigen. Das mit dem Durchsuchungsbefehl war schnell gegangen. Das lag einerseits daran, dass es sich beim Toten um den Finanzminister handelte, andererseits an der Tatsache, dass die Beweiskraft relativ stark war. Neben dem CSCC-Cyber-Leiter Erwin Hufnagl kamen insgesamt drei weitere Personen aus seinem Team sowie die klassische Spurensicherung mit. Schließlich ging es dabei vor allem um die Sicherstellung der Computer und des entsprechenden Zubehörs des Verdächtigen und das gehörte nicht zum Job des Kriminalkommissars.
Manuel Erlach wohnte in einem Gemeindebau im 15. Wiener Gemeindebezirk in der Nähe der Johnstraße und der Verkehrsader Hütteldorfer Straße. Die Autos brausten vorbei, es stank nach Abgasen, alles war trist, grau in grau. So sah Wien im Dezember einfach aus, aber es passte gut zur Situation. Es dämmerte bereits. Der Johann-Hartmann-Hof lag in einer ruhigen Seitengasse und wirkte auf den ersten Blick eigentlich ganz gemütlich. Doch wegen der Gemütlichkeit war niemand hier. Die Beamten klingelten bei Erlach. Keine Reaktion. Da die Haustür offen stand, offenbar war der Türsummer kaputt, traten die Beamten ein und wagten sich gemeinsam bis vor die Haustür im 2. Stock vor. Einer der Mitarbeiter Leyrhofers lauschte an der Tür, während die anderen ihre Waffen bereithielten. Wenn Erlach der Täter war, könnte er schließlich auf den Besuch vorbereitet sein. Aus dem Inneren des Raums war laute Musik zu hören. Irgend so ein Techno-Kram, dachte sich Hufnagl. Es wummerte ganz schön durch die Wände und der Rhythmus ertönte gleichmäßig im Vier-Viertel-Takt. Nicht mein Geschmack, dachte Hufnagl. Aber das bedeutete vor allem eines: Der Tatverdächtige war also zu Hause.
Die Beamten klingelten erneut, dieses Mal direkt an der Tür. Dann klopften sie. Dann hämmerten sie. Und warteten. Und nichts geschah. Dem Einsatzleiter riss der Geduldsfaden. »Tür auftreten!« Bei der alten, ungesicherten Tür war das sogar ziemlich einfach. Es brauchte nur einen einzigen schwachen Stoß mit dem Fuß und schon stand das siebenköpfige Squat-Team in der 43-Quadratmeter-Wohnung des arbeitslosen 22-Jährigen.
Manuel Erlach hatte Kopfhörer auf, als die sieben Beamten, von ihm unbemerkt und ungebeten, in seine Wohnung stürmten. Er war mit dem Rücken zur Tür gedreht und spielte an so einem Ding herum, was später als DJ-Controller identifiziert werden konnte. Das war ein Gerät, mit der Erlach die Musik steuerte und zusammenmischte, die in einer ziemlichen Lautstärke aus den beiden Lautsprechern, die am Boden standen, kam. Bum Bumm. Bum Bumm. Bum Bumm. Bum Bumm.
Überhaupt fiel den Beamten sofort auf: Die Wohnung war sehr spärlich eingerichtet. Neben einer Matratze, einer Lampe, einem Tisch mit zwei Sesseln, einer Stereoanlage und einer Kommode, auf der dieses DJ-Zeug aufgebaut war, war nicht viel drin. Die Lampe war gerade so hell, dass man seine eigenen Hände vor den Augen erkennen konnte. Sie hatte sicher maximal 30 Watt und war die einzige Beleuchtung neben einer kleinen Schreibtischlampe, die auf der Kommode platziert war. Neben der Matratze stand ein Aschenbecher, der überquoll. Daneben lagen der Tabak, den man für Selbstgedrehte verwendete, sowie eine halbleere Wodkaflasche und ein gebrauchtes Kondom. Welche Frau würde freiwillig in diesem Loch übernachten, fragte sich Hufnagl.
Der 22-Jährige hatte die Beamten noch immer nicht registriert, so vertieft war er in seine Musik. Hufnagl sah sich weiter intensiv im Raum um: Der einzige Computer, den er entdecken konnte, stand zwischen dem Verdächtigen und seinem DJ-Controller und wurde gerade benutzt. Also ortete Hufnagl keine Gefahr, dass der Verdächtige das Teil so schnell würde entsorgen können. Es ließ ihn auch relativ rasch daran zweifeln, dass dieses schmale, junge Bürschchen etwas anderes tat, als sich wie ein Superhero vorzukommen, obwohl er nichts weiter war als ein arbeitsloser Drogensüchtiger.
Während Hufnagl den Raum mit seinen Augen durchforstete, hatte ein anderer Beamter sich einer einfachen, altbewährten Methode, die auch so manches Elternteil bei seinen Kindern bereits eingesetzt hatte, um auf die Anwesenheit eines Erziehungsberechtigten aufmerksam zu machen, bedient: Er zog den Stromstecker. Schlagartig war es still im Raum. Totenstill.
Erlach drückte zuerst wie wild an den Knöpfen auf dem DJ-Controller herum, ehe er sich umdrehte. »Oida, meine Aufnahme ist im Arsch!«, fluchte er vor sich hin. Doch dann entdeckte er die Eindringlinge in seinem Heim. »Was, was … wer sind Sie? Was machen Sie hier?«, waren seine ersten Fragen. Er war sichtlich schockiert und hatte nicht mit einer Hausdurchsuchung gerechnet. Seine Pupillen weiteten sich vor Schreck. Er konnte es gar nicht fassen, dass da plötzlich sieben Männer in seiner Wohnung standen. War das wegen dem bisschen Haschisch, das er noch zu Hause hatte?
Das konnte doch nicht sein! Der Konsum von Marihuana und Haschisch wurde in den letzten Jahren zunehmend toleriert. Und verkauft hatte er das Zeug nie. Und vom Koks, das er gestern Abend im Club zu sich genommen hatte, war nichts mehr übrig. Die Drogen konnten also auch nicht dafür verantwortlich sein, dass da plötzlich sieben Polizisten mitten in seinem Zuhause standen. Waren die Beamten etwa hier, weil er ab und zu illegale Musik-Files aus dem Netz runtergeladen hatte? Aber das war doch stets die Ausnahme gewesen! Er versuchte, seine Musik für die Partys, so weit es eben finanziell ging, zu kaufen und nicht gratis aus dem Internet zu saugen. Das stand im DJ-Codex. Das machte man alleine schon aus Respekt den Künstlern gegenüber nicht. Er hatte sich nur ein paarmal nicht daran gehalten, als er wirklich total pleite war. Und er hatte sich die Musik immer nachträglich auch noch legal gekauft, wenn er wieder Geld erwirtschaftet hatte. Aber das konnte es doch auch nicht sein, oder? Zwar waren mittlerweile echt viele Webseiten im Netz blockiert, die Musik illegal angeboten hatten, aber dass die Polizei deshalb zu irgendwem persönlich gekommen wäre, davon hatte er noch nie gehört.
»Herr Erlach, wir haben hier einen Durchsuchungsbefehl für Ihre Wohnung. Uns interessiert besonders Ihr Computer. Wie viele Computer besitzen Sie und wo haben Sie Daten gespeichert? Vielleicht auf USB-Sticks oder externen Festplatten?«
»Was genau wollen Sie denn mit meinem Computer?«, fragte Erlach schüchtern. Er hatte sichtlich Respekt vor den Beamten. Hufnagl wusste bereits nach den ersten Antworten, dass dieser Junge nichts mit dem Tod Steinrigls zu tun haben konnte. Dennoch mussten sie sich an die Vorschriften halten und die Hausdurchsuchung korrekt abwickeln.
»Mitnehmen wollen wir ihn. Er ist konfisziert. Sie kriegen ihn frühestens in sechs Monaten wieder zurück, bis wir alles genauestens geprüft haben.«
Für Erlach brach eine Welt zusammen. Auf seinem nigelnagelneuen Laptop, der noch keine zwei Monate alt war, befand sich doch all seine Musik. Und ohne Musik konnte er seine DJ-Karriere vergessen. Vorbei war es dann mit »DJ Zoombox«. Mit einem Schlag. Man war in der Szene schon out, wenn man sich ein paar Wochen wegen Krankheit nicht auf den Partys blicken ließ, und es reichte, um Wochen danach keinen Auftrag mehr zu bekommen.
»Sechs Monate? Aber warum das denn?«
»Das werden Sie noch früh genug erfahren.«
Die Beamten sammelten den Computer ein, auch den Akku dazu und die 20 USB-Sticks, die alle direkt neben dem Laptop – einem Lenovo Thinkpad – lagen, und verschwanden, so wie sie gekommen waren. Durch die zerstörte Tür. Hufnagl tat der 22-Jährige irgendwie leid. Er sah seine verzweifelten Augen, die knapp davor waren, Tränen zu produzieren. Er sah, wie der Junge, der sowieso schon ganz blass war, weil er scheinbar aufgrund seines regen Nachtlebens kaum Sonnenlicht abbekam, regelrecht verfiel. Aber Auftrag war Auftrag.
»Wir schicken Ihnen heute noch jemanden vorbei, der die Tür repariert. Schönen Tag noch!«
Zurück blieb ein völlig verstörter, total perplexer »DJ Zoombox« in einer fast leeren, heruntergekommenen Wohnung. Sein Mix, den er gerade aufgenommen hatte fürs Radio, war zerstört. Sein Equipment fort. Erlach nahm einen Schluck aus der halbleeren Wodka-Flasche und griff zum Telefon. Er rief seinen besten Freund an: »Du, Fritz, bei mir war gerade die Polizei. Stell dir vor, sie haben meinen Computer mitgenommen!«
»Warum das denn?«
»Ich weiß es nicht! Ich habe keinen blassen Schimmer. Die zwei Gramm Gras haben sie nicht die Bohne interessiert. Glaubst du, das ist wegen der Musik-Files? Dabei habe ich doch fast alles gekauft!«
»Glaube ich nicht. Vielleicht hat dich irgendein Dealer verpfiffen. Was die dann mit deinem Rechner wollen, weiß ich allerdings auch nicht.«
»Du, kann ich beim nächsten Gig gemeinsam mit dir auflegen? Du bekommst auch die Hälfte meiner Gage und ich ruf den Veranstalter noch heute an, dass wir gemeinsam spielen!«
»Hmm … ja, klar. Easy, Bro. Natürlich!«
Und schon war DJ Zoombox wieder eine Spur entspannter. Auf seinen Homie, seinen besten Kumpel, konnte er sich einfach verlassen. Da war es ihm auch egal, warum die Beamten eigentlich seinen Laptop konfisziert hatten. Hauptsache, sein Ruf als DJ wurde nicht beschädigt.
»Scheiß Kieberer!«
»Ja. Scheiß Bullen.«
Kapitel 13
Einen Tag später. 5. Dezember 2022.
Das Wetter passte hervorragend zur Schwärze des Tages. Wieder einmal war der Himmel, wie so oft um diese Jahreszeit, nichts als grau. Die Nebeldecke lichtete sich nicht. Heute wurde dem 52-jährigen Wolfgang Steinrigl, Finanzminister der Republik Österreich, die letzte Ehre erwiesen. Zu Hause in St. Mergen im Attergau. Seine hinterbliebene Ehefrau hatte verfügt, dass er im Heimatgrab bestattet wurde und nicht etwa am Wiener Zentralfriedhof. »Dort fühlt er sich zu Hause«, so die Witwe. Und schließlich hatte er auf dem Weg dorthin auch seine letzten Meter zurückgelegt.
Die ganze Regierungsriege war angereist, als um Punkt 10.30 Uhr mit Beginn der Abschiedsfeier Tristan und Isolde zu hören waren, die Klänge Richard Wagners. Das Lied brachte die Trauer vieler anwesender Gäste perfekt zum Ausdruck. Wer von der Regierungsriege wirklich ernsthafte Gefühle hegte, war freilich schwer abzuschätzen. Die Blicke aller waren ernst – vom Bundeskanzler bis zur Sozialministerin. Kriminalkommissar Michael Leyrhofer stand relativ weit hinten und beobachtete das Geschehen aus einiger Distanz.
Der Sarg wurde von Ortsansässigen auf den Vorplatz der kleinen Gemeinde getragen. Rund 400 Leute waren insgesamt gekommen – nicht nur aus Wien, auch aus Deutschland, Holland und Schweden waren manche Politiker extra für dieses Ereignis angereist. Da standen sie nun – nicht nur Freunde, sondern auch die Feinde und politischen Gegner sowie Konkurrenten des toten Finanzministers. Und ganz vorne waren Thomas und Sigrid, die sich fest umarmten, um diesen schweren Tag gemeinsam durchzustehen.
»Ich verneige mich vor einem großen Österreicher«, sagte der Bundespräsident zu den Trauergästen. Er gehörte derselben Partei an wie der verstorbene Politiker, der KFP. Die KFP vertrat nicht nur konservative Familienwerte, sondern hatte sich in Wahrheit vor allem dem Neoliberalismus verschrieben. De facto sorgte die Partei aber dafür, dass Österreichs Politik und Wirtschaft noch immer von klassischen Männerbünden dominiert wurden. Frauen hatten, wenn überhaupt, nur noch Außenseiterchancen in der Politik des Landes.
Das Bild der Regierungsriege beim Begräbnis bestand deshalb bis auf eine Ausnahme ausschließlich aus Männern mit schwarzen Sakkos, weißen Hemden und dem Anlass gerechten schwarzen Krawatten. Keine Diversität. Auch der Koalitionspartner verzichtete großteils auf Frauen in seiner Riege. Nur die Funktion des Sozialministers war von einer Frau besetzt. Dabei spaltete sich die »Disruptionspartei« ursprünglich aus der grünen Ecke ab, um sich dann neben Umweltthemen vermehrt auf das Fortkommen von kleinen Unternehmen mit innovativen Ideen zu fokussieren. In Wahrheit war Disruption aber nur eines dieser Modeworte der digitalen Wirtschaft und die Partei passte so gesehen perfekt zum neoliberalen Denken der KFP.
»Wolfgang Steinrigl hat dem Staat Österreich einen großen Dienst erwiesen. Seine Denkweise war ganz besonders. ›Kümmere dich nicht darum, was früher lief. In Zukunft wird es anders.‹ Diese Worte hat unser lieber Minister immer wieder und wieder betont und ist damit der österreichischen Kultur des Jammerns und Raunzens entgegengetreten mit neuen, frischen Ideen für das Land. Sein innovativer Geist wird uns fehlen. ›Mehr privat, weniger Staat‹ ist eine der erfolgreichsten Leitlinien, die dieses Land je gehabt hat. Wir sind stolz auf dich, Wolfgang!«
Hatte der Bundespräsident da etwa eine Träne im Auge? Nach der ergreifenden Rede, die auch live über Social-Media-Plattformen wie Facebook gestreamt worden war, kamen noch weitere Redner nach vorne. Auch Thomas Steinrigl trat ans Rednerpult. Als Bürgermeister war er es durchaus gewohnt, Reden zu halten, daher war er auch nur mäßig nervös, aber hier war die Aufmerksamkeit doch noch um einiges größer als sonst. Und im Gegenzug zu seinen Vorrednern, die kaum einen persönlichen Bezug zu seinem Bruder hatten, trauerte er wirklich. Seine Rede war daher kurz und persönlich. Trotz des Schmerzes bliebe vor allem eines in seinem Herzen übrig: Dankbarkeit. Diese Erkenntnis teilte er auch mit den anderen Trauergästen.
»Ein geliebter Mensch ist immer ein Geschenk. Und mein Bruder, der war neben meiner wunderbaren Frau und meinen zwei fantastischen Töchtern ein wichtiger Anker in meinem Leben. Er hat sich liebevoll um unsere Familie gekümmert und uns unterstützt – und zwar trotz seines dichten Zeitplans als Spitzenpolitiker. Wolfgang, ich weiß, deine politische Aufgabe war dir immer sehr wichtig und sie hat dich mit Stolz erfüllt. Du wolltest Österreich verändern und hast das mit deiner Politik auch geschafft. Meinen tiefsten Respekt dafür. Ich jedoch werde dich immer als den lieben, ehrlichen, verlässlichen Menschen in meinem Herzen behalten, der du abseits deiner wichtigen beruflichen Funktion warst. Wolfgang, danke, dass es dich gab. Der Schriftsteller Thornton Wilder hat einmal gesagt: ›Da ist ein Land der Lebenden und da ist ein Land der Toten; als Brücke dazwischen ist unsere Liebe.‹ Lieber Wolfgang, dieser Spruch gilt auch für uns beide. Du wirst immer in meinem Herzen sein.«
Die Rede von Thomas Steinrigl war mit Abstand die bewegendste. Zahlreiche Trauergäste hatten jetzt wässrige Augen, auch die Witwe Beate Steinrigl war unter ihnen. Sie hatte sich den ganzen Tag bewusst im Hintergrund gehalten und auch keine Trauerrede vorgetragen. Steinrigls Gattin Sigrid hatte sogar richtige Tränen in den Augen, als ihr Mann nach seiner herzzerreißenden Ansprache wieder neben sie trat. Sie griff sofort seine Hand und drückte sie fest. Ihre Blicke trafen sich. Sie waren voller Mitgefühl füreinander. Was würde er nur ohne seine Sigrid machen? Das wurde ihm in dem Moment, in dem er einen geliebten Menschen verloren hatte, wieder einmal mehr als deutlich bewusst.
Die 44-jährige Witwe Wolfgangs stand direkt neben Schwager und Schwägerin. Sie sah, dass sich die beiden wirklich liebten und miteinander verbunden waren. Sie wusste außerdem, dass die Anteilnahme von Wolfgangs Bruder Thomas aus tiefstem Herzen kam. Das versetzte ihr einen gewaltigen Stich im Herzen. Denn ihr Wolfgang hatte sie selbst nie so geliebt, wie der Thomas seine Sigrid und wie Thomas seinen Bruder liebte. Im Gegenteil: Beate wusste, dass sich Wolfgang immer wieder mit anderen Frauen vergnügt hatte, und er hatte ihr auch, außer ganz am Anfang ihrer Verbindung, nie die Beachtung und den Respekt geschenkt, die sie eigentlich verdient gehabt hätte. Sie hatte das fremde Parfüm an seinem Hemdkragen gerochen und verschmierten Lippenstift auf seinen Ärmeln gefunden. Gesagt hatte sie aber nie etwas. Sie hatte alles runtergeschluckt. Sie wusste nicht, was Wolfgang von ihrer Ehe erwartet hatte, aber sie hatte ihn definitiv aus Liebe geheiratet. Liebe, die mit der Zeit aufgrund ihrer Einseitigkeit aber mehr und mehr verblasst war. Ob daran wohl die Kinderlosigkeit schuld war, die an seiner Unfruchtbarkeit lag?
Wolfgang hatte nie etwas von Adoption hören wollen oder von einer Samenspende eines anderen Mannes. Jetzt – mit 44 Jahren – war es auch für sie biologisch fast zu spät. Dabei hätte Beate eigentlich immer gern ein Kind gehabt. Oder am besten zwei. Für Wolfgang war Beate wohl stets nur die »Vorzeigefrau« gewesen, die er zu gesellschaftlichen Anlässen mitnahm, wenn es von ihm erwartet wurde. Zu Veranstaltungen, wo er als Minister als Gastredner eingeladen war. Oder zu den zahlreichen Bällen, die in den Wintermonaten stattfanden. Das Tanzen hatte die beiden noch am ehesten ein wenig miteinander verbunden. Aber diese tiefe Liebe von Thomas und Sigrid, die hatten Wolfgang und sie nie füreinander empfunden. Deshalb fiel es der Witwe auch schwer, die richtigen Worte zu finden, ohne zynisch zu werden, und sie hatte sich bewusst dagegen entschieden, selbst ein paar Worte zu sprechen. Ihre mangelnden Gefühle hätten wohl selbst wenig aufmerksame Gäste bemerkt. Es war wesentlich klüger, das Image des glücklichen Paares auch nach dem Tod ihres Mannes aufrechtzuerhalten.
Am Ende der Wortspenden war noch einmal der Pfarrer dran. Er schloss die Trauerfeier mit folgendem Gedanken: »Lasst mich ziehen, haltet mich nicht. Gott hat meine Reise bisher gnädig gesegnet, ich kann nun getrost zu ihm zurückkehren.« (Mose – Genesis, 24,56) Der Pfarrer blickte dabei vor allem zu Beate. Und zu Thomas. Beide hielten aber gerade die Köpfe gesenkt.
Beate war froh, dass das Begräbnis sich dem Ende zuneigte. Sie hielt es nicht länger aus, wollte mit ihrem Gefühlschaos, das sie in sich trug, allein sein. Sie wusste nicht mehr, was sie denken und fühlen sollte. Wie ihr Mann jetzt genau ums Leben gekommen war, das interessierte sie nicht. Nicht mehr da war er. Und das war schmerzhaft. In ihr drin schlummerten doch noch gedämpfte Gefühle für ihn, und all die schönen Stunden, die sie trotz allem miteinander verbracht hatten, zogen an ihr vorbei wie eine Wolkendecke. Der Moment, an dem er sie zum ersten Mal in den Arm genommen hatte. Als sie gemeinsam Boule spielen waren und ihre Kugel unmittelbar neben seiner im Sand gelandet war. Oder der Moment, als sie bei einer Umdrehung beim Tanzen fast aus seinen Armen geglitten war und er sie im letzten Moment noch auffangen konnte. Nicht alles mit Wolfgang war schlecht gewesen, auch wenn er in für sie entscheidenden Momenten nie für sie da war.
Beate war von all dem Rummel genervt. Die Medien sollten sie endlich in Ruhe lassen. Auch jetzt gingen ihr die Fotografen auf den Geist, obwohl prinzipiell nur einige wenige Ausgewählte zugelassen worden waren. Mit einem Mal wurde ihr auch schlagartig bewusst, dass für sie ab sofort auch alle gesellschaftlichen Ereignisse, die für dieses Frühjahr noch vor ihnen beiden gelegen wären, passé waren. Schade war es vor allem um die tolle Ballsaison. Alleine konnte sie sich als trauernde Witwe schlecht am Opernball zeigen. Das würde man ihr als pietätlos auslegen. Und jetzt noch schnell ein Kind mit einem Unbekannten machen, das ging als Ministerwitwe auch nicht. Sie hatte ihr eigenes Leben immer hintenangestellt, um für ihren Mann da zu sein, wenn er sie brauchte. Was hatte ihr das jetzt gebracht? An dieser Frage verzweifelte die Witwe in dem Augenblick mehr als am Tod ihres Mannes. Die Träne in ihrem rechten Auge wirkte somit zumindest echt – wenn sie auch aus anderen Gründen, als für die meisten Außenstehenden ersichtlich war, floss. Die letzten Gäste streuten Erde in das offene Grab. Ein paar Kinder ließen Blumen auf den Sarg fallen. Bald war es überstanden. Sigrid und Thomas umarmten sich fest. Sie trauerten gemeinsam. Natürlich kamen sie zu Beate und Thomas sagte: »Wir sind jederzeit für dich da. Wenn wir was tun können, lass es uns wissen.« Aber Beate hatte zu den beiden nie ein inniges Verhältnis aufbauen können und würde ihr Angebot daher nicht in Anspruch nehmen wollen.
Im Hintergrund gehalten hatte sich während der ganzen Zeremonie auch der Bankberater der Steinrigls, der ebenfalls zur Beisetzung eingeladen worden war. Ihn einzuladen hatte sich gehört, schließlich hatte er auch jahrelang die Finanzen von Wolfgang verwaltet, bevor dieser zum Minister ernannt wurde und sein Hauptkonto zu dessen Bedauern zu einer anderen Bank verlegen musste. Ein kleines Sparbuch hatte Wolfgang Steinrigl noch immer auf der lokalen Bank liegen gehabt. Dass der Bankberater zum Begräbnis kam, war in Ordnung. Aber dass er die Frechheit besaß, Thomas während der Zeremonie zuzunicken, regte diesen innerlich gewaltig auf. Nicht einmal am Grab seines verstorbenen Bruders hatte man seine Ruhe vor dem Finanzhai! Thomas musste an den Kredit denken, der wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf schwebte. Die finanzielle Situation der Familie belastete ihn einfach sehr. Warum nur hatte er neben den Melk- und Fütterungsrobotern auch noch das 10.000 Euro teure System gekauft, mit dem er seine Kühe überwachen und genauestens beobachten konnte! »Die Tiere erkranken dadurch weniger häufig und liefern noch bessere Erträge«, versprach der Hersteller des Systems. Funktionieren sollte dies dadurch, dass möglichst viele Daten von der Kuh erhoben wurden, um Rückschlüsse auf ihren Gesundheitszustand zu ziehen, um rechtzeitig eingreifen zu können. Bewegungsmesser, Brunstbeobachtung und Wiederkauaktivitätssensoren waren im Paket enthalten. Aber das war alles so ein Humbug! Bis jetzt war dies nur rausgeschmissenes Geld, das ihm jetzt so sehr fehlte. Das zahlte sich vielleicht für eine größere Herde aus, aber nicht für seine 80 Tiere. Jedenfalls hatte er daraus noch keinen messbaren Profit schlagen können. Für 10.000 Euro erwartete man sich hilfreiche Ergebnisse. Aber das System war einerseits sehr ausfallanfällig, andererseits hatten sie alleine aufgrund der Daten noch keinen Liter Milch mehr aus den Kühen rausholen können als zuvor. Außerdem hatte der Hersteller verschwiegen, dass die geeignete Software zur Analyse und Auswertung dieser Daten extra gekauft werden musste. Das waren Dinge, die hätte ihm einmal wer sagen müssen – und zwar vor dem Kauf der Sensoren! Selbst hatte der Landwirt und Bürgermeister einfach nicht die Zeit dafür, sich intensiver mit den Messergebnissen zu beschäftigen – außerdem konnte das kein Mensch so gut analysieren wie die Software. Und um die Befindlichkeiten seiner Tiere zu kennen, brauchte man die Sensoren nicht. Krank waren seine Tiere sowieso selten und wenn, dann wusste er auch ohne Überwachung, wie er zu reagieren hatte. Sein Bruder hätte ihm sicher die jetzt fehlende Geldsumme nach dieser Geschichte, ohne mit der Wimper zu zucken, vorgestreckt.
Sonja und Barbara, die 16-jährigen Zwillingsmädchen der beiden, warfen gerade ihre Blumen ins offene Grab, als Sigrid sanft die Hand ihres Mannes drückte und ihn damit aus den düsteren Gedanken zurück in die Gegenwart holte. Thomas sah seine Frau an und sagte: »Auf geht’s zum Leichenschmaus. Wolfgang hätte gewollt, dass wir uns auf das gute Essen freuen!«
Weder Sigrid noch Thomas hatten bemerkt, dass sie ein unbekannter Herr, der ganz offenbar niemanden kannte und so gar nicht zur Trauergesellschaft dazugehörte, aus der Ferne beobachtet hatte. Kommissar Michael Leyrhofer runzelte die Stirn. Irgendwas war da bei dem Bruder des Ministers, außer der Trauer. Er hatte dessen finsteren Blick beobachtet, und er sah die Sorgenfalten auf der Stirn von Sigrid. Der Kommissar hatte immer schon ein feines Gespür für Menschen gehabt. Gleich nach dem Leichenschmaus, dachte er sich, würde er den beiden auf ihrem Hof einen Besuch abstatten. Davor, das verbot ihm sein Respekt vor dem Toten, würde er ihnen noch Zeit für ihre Gäste geben und sich stattdessen ein wenig im Dorf umhören. In kleinen Gemeinden wusste schließlich jeder über jeden Bescheid. Vielleicht lag hier ja bereits ein Motiv für den vermeintlichen Mord vergraben.
Kapitel 14
»Endlich haben wir das geschafft«, sagte Sigrid zu ihrem Mann, als die beiden mit ihren zwei Mädchen nach dem langen, intensiven Trauertag nach der Kirche und dem Wirtshaus auf ihren Hof zurückkamen. Tochter Sonja zog hastig ihren schwarzen Wintermantel aus und sagte zu ihrer Schwester Barbara: »Und, was machen wir jetzt?«
Die antwortete: »Gehen wir aufs Zimmer und schauen die nächste Staffel von Schneeball-Queen auf Netflix.«
»Ja, machen wir das.«
So schnell konnten die beiden Erwachsenen gar nicht schauen, da waren sie allein in ihrer Bauernstube. Sie zündeten das Feuer im Kamin an, um die beginnende, sich durch die im alten Gemäuer befindlichen Ritzen hereinschleichende Kälte von draußen wenigstens etwas einzudämmen. Sigrid setzte das Teewasser auf. Abends, da tranken die beiden keinen Kaffee mehr, sondern nur noch warme Kräutermischungen. Das hatte Sigrid auch ihrem Mann so angewöhnt, der früher gerne noch zu später Stunde einen Kaffee getrunken hatte, einfach, weil es ein warmes Getränk war. Plötzlich klingelte es. »Wer kann denn das jetzt noch sein?«, fragte Sigrid erstaunt. Die Bäuerin ging zur Tür und öffnete sie einen Spaltbreit.
»Guten Abend! Entschuldigen Sie die späte Störung, aber ich muss dringend mit Ihnen sprechen. Ich bin der Kriminalkommissar, der im Todesfall Ihres Schwagers ermittelt. Wir hatten bereits miteinander telefoniert. Es tut mir leid, dass ich mich nicht vorangemeldet habe, aber ich hätte da ein paar Fragen an Sie.«
Kriminalkommissar Leyrhofer war es etwas unangenehm, dass er sich nicht doch ein Pensionszimmer gebucht hatte und erst am nächsten Morgen zu dem Ehepaar gegangen war. Drinnen brannte der Kamin und es sah so aus, als würden die beiden noch ihre Trauer gemeinsam aufarbeiten. Entsprechend ablehnend war auch die erste Reaktion auf seinen Besuch. »Ich habe doch schon alles der Polizei gesagt«, seufzte Sigrid Steinrigl und war kurz davor, die Tür wieder zu schließen. Sie hatte das am Unfallort Erlebte schon oft geschildert und ihre Aussage auch zu Protokoll gegeben. Das letzte Mal war sie von einem der Beamten so behandelt worden, als hätte sie etwas mit dem Tod ihres Schwagers zu tun.
»Ich will diesmal auch gar nicht mit Ihnen sprechen«, sagte der Kommissar in bestimmtem Tonfall, »sondern mit Ihrem Mann.« Abwimmeln lassen wollte er sich jetzt nicht. Sigrid schien dies zu bemerken und öffnete die Tür ganz. Vielleicht war es besser, den Beamten nicht zu verärgern, dachte sie sich. Ärger hatten sie schließlich derzeit schon genug.
»Na, dann kommen Sie herein. Aber das nächste Mal rufen Sie bitte vorher an, der Tag der Beerdigung meines Schwagers ist wirklich nicht der optimale Zeitpunkt für Ihren Besuch.«
Der Zynismus in Sigrids Stimme war deutlich zu hören. Der Kommissar nahm es gelassen. Wo sie recht hat, hat sie recht, dachte er sich. Nichtsdestotrotz konnte die Arbeit nicht warten. Bisher hatte der Kommissar keinen einzigen ernstzunehmenden Verdächtigen und der Crash lag jetzt schon 14 Tage zurück. Allerdings, das musste er sich zu seiner Verteidigung immer wieder selbst sagen, wusste man erst seit sieben Tagen, dass es sich bei dem Delikt um einen Mord gehandelt hatte. Den arbeitslosen Hobby-DJ, den das »Precrime«-System ausgespuckt hatte, ordneten seine Kollegen und er eher in die Kategorie »dummer Zufall« ein. Seine Befragung im Ort heute Mittag hatte allerdings auch nicht das ergeben, was er sich gewünscht hatte. Da musste er noch einmal wiederkommen und nachbohren, denn das halbe Dorf schien beim Leichenschmaus gewesen zu sein und seine Ermittlungen waren diesbezüglich nicht sehr weit vorangeschritten. Umso wichtiger war es, dass er die Befragung von Thomas Steinrigl jetzt sorgfältig führte und genau hinhörte, ob sich hier Ungereimtheiten ergaben. Sein Gefühl sagte ihm, dass das Ehepaar irgendetwas bedrückte. Doch hing das wirklich mit dem Tod ihres Familienangehörigen zusammen?
Der Kommissar blickte durch die Bauernstube. Schon beim Reinkommen war ihm neben den Tassen mit dem dampfenden Tee gleich ein zentral platziertes Display aufgefallen, das an der Wand befestigt war, als plötzlich der Hausherr, Thomas Steinrigl, zu ihm kam und ihm verlegen die Hand schüttelte. »Herr Steinrigl, bitte nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich Sie an so einem traurigen Tag stören muss. Es ist nur mein Job«, entschuldigte sich der Kommissar einmal mehr beim Landwirt.
»Kein Problem, ich versteh das, dass Sie auch nur Ihren Job tun müssen. Kommen S’ rein in die gute Stube. Wollen S’ einen Tee? Sigrid hat uns gerade einen gemacht. Das Wasser kocht sicher noch.«
»Gerne doch. Rein aus Neugier: Darf ich fragen, was Sie da an der Wand hängen haben?«
»Ach das«, sagte der Landwirt. Sein Blick verfinsterte sich schlagartig. »Das ist ein Display für den Kuhstall. Damit können wir immer sehen, was die Roboter gerade machen. Wir haben Melkroboter und Fütterungsroboter und Sensoren, die unsere Tiere rund um die Uhr überwachen.«
»Spannend, spannend. Bei unserer Arbeit sollen uns auch Computer dabei helfen, effizienter zu sein und Fälle schneller aufzuklären. Mein subjektives Gefühl sagt mir aber, dass das nicht wirklich etwas bringt. Ich wusste gar nicht, dass man in der Landwirtschaft genau denselben Fehler macht.«
»Wenn man so wenig Zeit hat wie ich, braucht man das«, seufzte der Landwirt. »Das ist schon eine enorme Arbeitserleichterung. Und den Tieren schadet das nicht. Zumindest haben wir noch nichts bemerkt.«
»Ganz glücklich wirken Sie damit aber nicht«, stellte der Kommissar fest.
»Schauen Sie, die Zeitersparnis durch die Automatisierung ist enorm. Nur so kann ich meine Funktion als Bürgermeister dieser wunderschönen Gemeinde überhaupt ausführen. Aber bis wir die Kosten der Anlage wieder reinkriegen, das kann dauern.«
»Wie viel kostet so etwas denn?«
»Das wollen Sie gar nicht so genau wissen. Ein Melkroboter alleine kommt auf 120.000 Euro. Wir haben zwei davon. Und dann kommen da noch die Steuerungsanlage dazu, die Fütterungsroboter und die Spaltenroboter, die die Laufgänge reinigen. Dann haben wir noch automatische Selektionstore, damit die Kühe immer rechtzeitig gemolken werden. Und dann haben wir noch verschiedene Sensoren zur Überwachung der Tiere. Aber ich schätze, so genau wollten Sie das alles gar nicht wissen. Entschuldigung, wenn ich Sie damit vollquatsche. Sie sind ja wegen was ganz anderem da.«
»Nein, nein, das ist alles sehr interessant. Auch wenn ich selbst nicht unbedingt ein Freund der modernen Technik bin, das ist doch trotzdem die Zukunft, oder? Zumindest wird uns das immer eingeredet. Wie viel kostet das denn jetzt alles zusammen?«
»Über eine Million Euro. Wir haben dafür einen Kredit aufnehmen müssen«, sagte der Landwirt zaghaft. Ohne es zu merken, entstanden auf seiner Stirn Falten und sein Ausdruck wurde ganz hart.
»Der Kredit … Bringt Sie der jetzt vielleicht in Schwierigkeiten?«
Der Landwirt blickte auf zum Kriminalkommissar und schluckte. Plötzlich wurde er ganz nervös und fing sofort an, sich zu verteidigen. Da hatte Leyrhofer wohl ins Wespennest gestochen. »Das dürfen S’ jetzt nicht falsch verstehen! Ich mein … Natürlich hilft uns die Lebensversicherung von meinem Bruder jetzt weiter, aber glauben S’ mir, froh bin ich deswegen nicht über seinen Tod!«
»Welche Lebensversicherung?«
»Ach so, ich dachte, dass Sie wegen der hier sind«, sagte Thomas Steinrigl überrascht. »Mein Bruder hat mich als Begünstigten eingetragen. 50 Prozent bekomme ich neben seiner Ehefrau, weil er selbst keine Kinder hat und unsere Eltern tot sind. Die Summe käme uns gerade sehr gelegen. Wenn wir bis Monatsende die Kreditrate nicht zahlen können, schaut’s schlecht aus für unseren Hof. Wir könnten einen Teil davon verlieren, zumindest ein Stückchen Grund. Das würde bedeuten, dass wir einen Teil unserer Milchkühe verkaufen müssen, weil wir nicht genügend Land für die Futterproduktion haben. Dann würden wir noch weniger Erträge erwirtschaften und noch mehr in Zahlungsverzug kommen. Und dann hat sich dieser neumodische Krempel am Ende tatsächlich absolut nicht ausgezahlt«, erläuterte Thomas Steinrigl seine Misere. »Aber ich dachte, das wissen Sie schon alles. Bei seiner Frau Beate waren Sie doch sicher schon.«
»Nein, das wusste ich bisher nicht. Aber danke, dass Sie so offen sind. Das macht Sie gleich viel weniger verdächtig«, sagte der Kommissar und lachte. Der Landwirt fand das freilich weniger witzig. Er lief rot an im Gesicht und sah weg. Entweder, er fühlte sich ertappt, oder ihm war das Ganze einfach nur peinlich.
»Und haben Sie schon Kontakt mit der Versicherung aufgenommen?«
»Natürlich, gleich am nächsten Tag.«
»Und?«
»Das dauert, sagen die.«
»Kennen Sie sich eigentlich gut mit der Technik aus, die da bei Ihnen am Hof jetzt zum Einsatz kommt?« Zwischen der Fragerei nahm der Kommissar einen Schluck aus seiner Tasse Tee, die ihm Sigrid mit einem noch immer alles andere als freundlichen Blick auf den Tisch gestellt hatte.
»Ja, wie man es nimmt. Ich kann alles bedienen und es funktioniert alles. Ein Supertechniker muss man dafür nicht gerade sein, aber natürlich braucht man ein gewisses Verständnis dafür. Nur einmal hat’s ein bisschen einen Wirbel gegeben. Da sind die Schleusen von selbst aufgegangen und meine Kühe sind ins Dorf gerannt«, erzählte Thomas Steinrigl.
»Aha. Und woran lag das?«, fragte der Kommissar. Er konnte sich dunkel daran erinnern, davon ein Foto in der Zeitung gesehen zu haben. Da stand auch dabei, dass es sich beim betroffenen Landwirt um den Bruder des Ministers gehandelt hatte. Aber das hatte er in der Zwischenzeit längst wieder vergessen gehabt. Jetzt schrieb er sich nebenbei rasch in sein Notizbuch: ›Kuhstall. Fehlalarm. Minister. Zeitungsberichte checken.‹
»Das weiß ich bis heute nicht so genau. Wir haben einen Techniker kommen lassen. Danach hat’s wieder funktioniert.« Thomas Steinrigl blickte zu seiner Frau hinüber. Er fühlte sich von den Fragen des Kriminalkommissars langsam ein wenig ins Eck gedrängt. Warum wollte der das alles von ihm wissen? Der Kommissar ließ überdies nicht locker. »Und warum, glauben Sie, war Ihr Bruder an dem Tag in der Gegend unterwegs? War er auf dem Weg zu Ihnen?«
»Das weiß ich, ehrlich gesagt, nicht. Ein paar Tage vor seinem Tod haben wir miteinander telefoniert und ich hab ihm von meiner finanziellen Lage erzählt. Das hat ihn natürlich nicht sehr erfreut, er war besorgt. Ich glaub, er wollte vorbeikommen und mir seine Hilfe anbieten.«
»Aber sicher sind Sie sich nicht?«
»Nein. Zumindest war nichts geplant in der Richtung. Wenn, dann wär das ein spontaner Besuch von ihm gewesen. Das ist aber äußerst selten passiert.«
»Wir wissen von seinem Terminplan, dass er davor bei einem Termin war, der nicht allzu weit entfernt gelegen ist.«
»Na, das könnte schön passen. Mein Bruder hatte ein irrsinniges Pflichtgefühl gegenüber seiner Familie. Er hat mir in der Vergangenheit schon einmal ausgeholfen, also finanziell, mein ich. Ich hab ihm damals aber alles zurückgezahlt!«
»Das glaube ich Ihnen, keine Sorge.« Der Kommissar versuchte, den aufgeregten Bauern etwas zu beschwichtigen. Trotzdem musste er ihm noch ein paar Fragen zu seinem Verhältnis zu seinem Bruder stellen. »Haben Sie sich eigentlich immer gut verstanden, Sie und Ihr Bruder?«
»Eigentlich ja, immer. Unser Vater hat mir den Hof überlassen, obwohl ich der Jüngere von uns beiden bin. Das ist, von außen betrachtet, am Land eher unüblich und lag daran, dass der Wolfgang immer Wirtschaft in Wien studieren wollte. Er bekam stattdessen vom Vater den Grund am See. Der war plötzlich sehr viel mehr wert als gedacht. Das war sein Glück. Er konnte ihn teuer verkaufen.«
»Welchen Grund hatte Ihr Bruder denn?«
»Das war ein Grundstück mit Seeblick direkt zum Attersee. Es war eigentlich Ackerland, wurde aber umgewidmet in Bauland, noch bevor ich zum Bürgermeister gewählt wurde. Und mein Bruder hat dafür eine ordentliche Summe Marie bekommen. Das hat er dann clever investiert. In Aktien. Ich sag’s ja, ein Finanzgenie. Glauben S’ mir, er ist nicht umsonst der Finanzminister von Österreich geworden!«
Thomas Steinrigl war sichtlich stolz auf den Erfolg seines Bruders. Neid und Missgunst konnte der Kommissar aus dessen Augen jedenfalls nicht herauslesen. Aber trotzdem galt es jetzt, Vorsicht walten zu lassen und Thomas Steinrigl und seine Frau auf die Liste der Verdächtigen zu setzen. Manchmal täuschte ihn sein Instinkt schließlich auch. Vielleicht wollten die beiden doch an das Geld der Lebensversicherung? Schließlich kannte sich Thomas Steinrigl mit Technik aus, und seine Frau war wie durch Zufall am Unfallort anwesend gewesen. Sie konnte irgendetwas vertuscht haben, was den Polizisten vor Ort nicht aufgefallen war. Und er, ihr Ehemann, konnte das Auto auch aus der Ferne gesteuert haben. Das musste auf jeden Fall noch genauer überprüft werden, da war sich Leyrhofer sicher. »Eine letzte Frage hätte ich da noch an Sie …«
»Ja?«
»Wo waren Sie am 20. November zwischen 16.00 und 17.30 Uhr?«
»Am Gemeindeamt. Da hatten wir Gemeindesitzung, das können sechs Herren bezeugen.« Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Die Frage war aber auch sehr naheliegend gewesen.
»Das müssen wir selbstverständlich überprüfen. Danke für Ihre Kooperation.« Der Kommissar wusste bereits, dass das Alibi von Steinrigl stimmte. Das hatte ihm bereits einer der Gemeinderäte im Dorf ungefragt erzählt. Trotzdem war sich der Kommissar sicher, dass er nicht zum letzten Mal in der Gemeinde St. Mergen im Attergau zu Gast war. Für heute, sagte sich der Kommissar nach einem Blick auf die Uhr, reichte es aber. Die Befragung war so weit zu Ende und der Blick auf seine Uhr sagte ihm, dass es bereits 20.12 Uhr war. Das war keine Zeit, um weiter zu stören. Zumindest nicht am Land. »Danke, dass Sie sich so viel Zeit für meine Fragen genommen haben. Wie Sie sich sicher denken können, müssen wir uns wahrscheinlich noch einmal unterhalten. Nächstes Mal melde ich mich allerdings vorher an. Ich würde Sie bitten, in den nächsten Wochen nicht das Land zu verlassen, Sie stehen unter Mordverdacht.«
Nicht das Land verlassen? Was war denn jetzt in den Kriminalkommissar gefahren? Thomas Steinrigl schluckte. Zählte er jetzt etwa ernsthaft zum Kreis der Verdächtigen, obwohl er ein hieb- und stichfestes Alibi hatte? Er, der seinen Bruder über alles geliebt hatte? Für Geld beging er doch keinen Mord! Abgesehen davon: Wieso überhaupt Mord? Bisher war doch nur von einem Unfall die Rede gewesen.
»Mord? Sagen S’ bloß, mein Bruder ist ermordet worden!«
»Es deutet derzeit alles darauf hin. Aber mehr dazu können wir Ihnen noch nicht sagen«, sagte der Kommissar, der seinen »Verdacht« einmal mehr schwinden sah. So reagierte einfach niemand, der den Mord an seinem Bruder geplant hatte. Thomas Steinrigl wirkte ernsthaft überrascht. So viel schauspielerisches Talent traute er dem Herren nicht zu.
»Keine Sorge, das ist reine Routine. Sie brauchen sich wirklich keinen Kopf deswegen zu machen. Bei uns wird niemand unschuldig eingesperrt«, so die letzten Worte des Kriminalkommissars.
Darmowy fragment się skończył.