Czytaj książkę: «Friss oder stirb»

Czcionka:


Barbara Rieger

Friss oder stirb

Roman


Inhalt

Siebenunddreißig oder: I wish everybody knew

Hinein

Vierzehn oder: it’s fun to lose and to pretend

Fünfzehn oder: go on, take everything, take everything I want you to

Sechzehn oder: you’ll never gain weight from a doughnut hole

Siebzehn oder: nach der verlorenen Zeit

Achtzehn oder: every time I rise I see you falling

Neunzehn oder: you’re so fucking special

Rein, raus, rein, raus

Zwanzig oder: do you like to hurt?

Einundzwanzig oder: your love is still fresh in my mind

Zweiundzwanzig oder: I love you, golden blue

Dreiundzwanzig oder: if I could settle down

Vierundzwanzig oder: show me how you do that trick

Hinaus

Fünfundzwanzig oder: this is the end, my only friend, the end

Sechsundzwanzig oder: this is how it works

Siebenundzwanzig oder: was ich hier geliebt hab und was mich

Siebenunddreißig oder Ende


Siebenunddreißig oder:
I wish everybody knew

Bei der Therapeutin sieht es aus wie damals, selbst die Therapeutin sieht aus wie damals, »gut sehen Sie aus«, sagt sie zu Anna.

Anna hat angefangen abzunehmen, als sie aufgehört hat, abnehmen zu wollen, aufgehört hat zu hungern, aufgehört hat darüber nachzudenken, was sie essen soll, angefangen hat zu essen, was immer sie will.

»Es hat lange gedauert, bis Sie mir vertraut haben«, sagt die Therapeutin, als Anna sie fragt, wie sie damals war, »Sie haben niemandem vertraut.«

Anna denkt ans Ende, es ist leichter am Ende zu beginnen als am Anfang. »Du warst die Letzte, die den Opa lebend gesehen hat«, hört sie in ihrem Kopf, wenn sie an den Anfang denkt. Wenn sie an den Anfang denkt, dann sieht sie Erbsenreis auf Asphalt und den Rettungswagen, sie sieht die Oma vor einem Teller mit Kaffee und Sterz, sie sieht die Oma vor einer Schüssel mit Kartoffelsalat und Gurken, die Oma vor einer Schüssel mit Schlagsahne, sie sieht die Oma auf der Klomuschel sitzen, sie hört ihre eigene Stimme, »versprich mir, dass du wiederkommst, versprich es mir«, sie sieht die Oma im Vorzimmer umfallen und wie die Sanitäter sie davontragen.

Anna denkt an den Anfang, sie weiß nicht, wo sie beginnen soll. »Mit Kurt hat alles angefangen«, hat die Mutter immer behauptet, wenn Anna an den Anfang denkt, denkt sie daran, wie alles begonnen hat sich aufzulösen, wie Kurt begonnen hat sich aufzulösen, wie die Freundinnen begonnen haben sich aufzulösen, wie die Familie und der Körper, sie denkt an den Schwindel und an das Silberpapier der Schokolade, ihr wird noch immer schwindlig, wenn sie an den Anfang denkt, ihr wird übel, vielleicht, denkt sie, ist die Hose zu eng.

»Wenn man keine Sprache, keine Wörter findet, dann spricht der Körper«, hat die Therapeutin behauptet und Anna wird noch immer schlecht, wenn sie an die erste große Liebe denkt. »Deine erste Liebe«, haben sie gesagt, »war der Martin. Im Kindergarten hast du immer draußen auf den Martin gewartet und erst wenn der Martin da war, dann bist du mit dem Martin gemeinsam hineingegangen.« Martin ist dann in eine andere Stadt gezogen, Anna kennt ihn nur von Fotos, wie austauschbar das Aussehen, wie austauschbar die Namen sind.

»Es hat schon viel früher angefangen«, meint die Therapeutin, »in Ihrer Kindheit.« Wenn Anna an ihre Kindheit denkt, dann denkt sie an die Träume, denkt daran, wie sie in ihren Träumen aus dem gekippten Fenster ihres Zimmers klettert, sie ist so klein, dass sie durch den Spalt passt, sie ist so groß, dass sie ohne Probleme den Balkon über dem ihren erreichen kann, sie ist so leicht, dass sie von einem Haus zum nächsten springen, dass sie über die Dächer der Stadt springen kann, sie sieht von außen in die Wohnungen der anderen, sieht in die Wohnung ihrer besten Freundin.

Petra hat einen großen Bruder, der sie ärgert, und einen kleinen Bruder, den sie ärgern, Petra hat einen Papa, der abends nach Hause kommt, in der Küche Bier trinkt und Zigaretten raucht, während die Mutter und die Mutter von Petra im Wohnzimmer sitzen und reden. Petra fragt ihre Mutter, ob Anna und sie sich ein Stück Schokolade aus der Süßigkeitenlade in der Küche holen dürfen. Sie gehen den Gang entlang, öffnen die Küchentür, schlüpfen hinein in den Rauch, aus dem Rauch heraus sagt der Papa etwas zu Petra, das Anna nicht versteht, Petra kichert, öffnet die Lade, bricht ein Stück Schokolade ab, drückt es Anna in die Hand, kichernd laufen sie aus der Küche. »Als Kind hatte sie Angst vor Männern«, heißt es.

Die Bananenkiste ist schwer. Zu schwer, denkt Anna und beugt sich hinunter, der Bauch ist im Weg, der Bauch ist nicht schwer, nicht besonders groß, denkt sie, aber im Weg ist er doch, als Anna die Kiste vorsichtig aus dem Regal zieht, auf den Boden fallen lassen lässt und in die Mitte des Raumes schiebt, der Bauch ist im Weg, als sie sich über die Kiste beugt und den Deckel abhebt. Die Bananenkiste voll Tagebücher, die Tagebücher nach Jahren sortiert, die Jahreszahlen mit Marker auf die Buchrücken geschrieben. Anna greift zum ersten, Tagebuch für liebe Gedanken, liest sie, Heinz hat ihr das Tagebuch geschenkt. Auf dem Einband stehen der kleine Bär und der kleine Tiger und umarmen sich mit heraushängenden Zungen. Darunter steht: Ist für dich. Sie erinnert sich, wie sie mit Füllfeder in ihr erstes Tagebuch geschrieben hat. Wie sie heißt, wo sie wohnt, in welchem Jahr sie geboren ist, in welche Schule sie geht, wie viele Buben und Mädchen in ihrer Klasse sind. Sie hat eine Zwischenüberschrift mit blauem Filzstift gemacht: Meine Mitschüler. Sie hat die Namen aller Mitschüler aufgeschrieben und an der richtigen Stelle im Alphabet steht: ich. Anna liest, was sie damals geschrieben hat. Dass sie sich einen Game Boy wünscht, dass sie sich von ihrem ersparten Taschengeld einen Game Boy kaufen möchte, dass sie traurig ist, weil die Mutter das nicht erlaubt.

Anna zählt die Tagebücher in der Kiste, sie zählt die Jahre, rechnet sich die Tage aus, an denen sie nichts anderes gemacht als gegessen, nichts anderes als gefressen und gekotzt hat, sie möchte nicht wissen, wie oft sie das Wort fett in ihr Tagebuch geschrieben hat, sie fragt sich, wie oft sie das Wort fett weglassen, wie oft sie das Wort essen, das Wort fressen, das Wort kotzen durch ein anderes Wort ersetzen, sie fragt sich, wie viele Männer sie weglassen kann, weglassen muss, das Leben, weiß Anna, schreibt keine Romane.

Die Buben aus der Klasse schreiben Listen und vergeben Punkte, ich bin die Nummer zwei auf der Liste, bei Schönheit habe ich hundert Punkte, dabei sind die anderen doch viel schöner als ich, liest sie in ihrem Tagebuch, sie erinnert sich, die Mutter ist im Zimmer gestanden, immer kommt die Mutter in mein Zimmer ohne anzuklopfen, liest Anna, sie beschwert sich, dass ich die Tür zumache, ein paar Jahre später ist sie ins Zimmer gekommen und hat gesagt: »Ist das ein Tagebuch? Wenn du wieder ein Tagebuch anfängst, dann bemüh dich um eine schöne Sprache.«

Anna denkt, ihr wollt Gründe, »nimm die Ellbogen vom Tisch«, sagt die Mutter, »das ist zu erklärend«, werdet ihr sagen, »zu pädagogisch«, werdet ihr sagen, Anna weiß, wie heikel, sie weiß, wie hungrig ihr seid. »Was ist jetzt mit dem Vater«, werdet ihr fragen, »ich habe keinen«, sagt Anna, es gibt keine Gründe, denkt sie, »es gibt immer einen Grund«, sagt die Therapeutin, »warum macht sie das«, werdet ihr fragen, meine Liebe, liest Anna, wächst überall, meine Sprache ist ein uneheliches Kind.

Anna weiß, ihr wollt Höhepunkte, Tiefpunkte, ihr wollt keine endlose Wiederholung. »Wie dick ist sie eigentlich?«, werdet ihr fragen, »wie dünn ist sie wirklich?«, werdet ihr fragen und Anna wird euch auslachen, es wird euch nicht schmecken. »Sie sollte noch mehr essen, das ist ja gar nicht so viel«, werdet ihr sagen, »sie sollte weniger essen, sie hungert ja nicht wirklich«, werdet ihr sagen, »bis sie eingeliefert wird, vielleicht«, werdet ihr sagen, obwohl ihr nichts bemerkt, nie etwas bemerkt habt, wenn Anna vor euch gestanden ist, wenn sie vor euch steht.

»Und ihre Gesundheit?«, werdet ihr fragen, mein Darm ist tausend Jahre alt, liest Anna, »und die Zähne«, hat die Mutter gerufen, als Anna ihr von der Bulimie erzählt hat, »du machst dir ja die Zähne kaputt.« Sie hat noch alle Zähne, bis auf den einen, den Petra ihr mit einem Teller ausgeschlagen hat, ein Unfall, sie hat gute Zähne, vom Vater vielleicht, aber als sie aufgehört hat zu kotzen, kamen das Asthma, die Allergien, Drehschwindel, Sinusitis, Neurodermitis, Schlafstörungen, Panikattacken, Depressionen, die Gastritis war irgendwann weg, manchmal wundert sie sich, dass ihre Verdauung, dass ihr Körper überhaupt noch funktioniert.

»Ich kann mich ans letzte Mal erinnern«, sagt Anna zur Therapeutin, sie nennt ein Datum. Ich werde nie wieder kotzen, liest Anna in ihrem Tagebuch, ich habe Angst vor diesem Satz, liest sie, aber ich habe das Gefühl, es war das letzte Mal. Sie zählt die Jahre seit dem letzten Mal, denkt an die paar Mal, die sie seitdem gekotzt hat, weil sie zu viel getrunken hatte, denkt daran, dass sie seit Monaten nichts getrunken, keine einzige Zigarette geraucht hat, dass sie sich kein einziges Mal übergeben musste, ein bisschen schade ist es schon, denkt sie, weil sie es doch wirklich gut kann.

Ist es das Ende, denkt Anna, wenn ich der Mutter verziehen, ist es das Ende, liest sie, wenn ich mich mit der Mutter versöhnt, ist es das Ende, wenn ich die Suche nach dem Vater, das Ende, wenn ich den Wunsch nach unmöglicher Liebe, zu psychologisierend, werdet ihr sagen, denkt Anna, denkt sie, das problemlose Mädchen, I won’t be vacant anymore, die Problemtochter, I won’t be waitin’ anymore, die Strebsame, der Star und die Außenseiterin, I won’t be vacant anymore, alles, was sie über Hunger weiß, denkt Anna, I wish everybody knew, ist es das Ende, what’s so great about you, ist das Ende nicht der Anfang, oh, but your love is such a swamp, you don’t think before you jump …

Hinein

Vierzehn oder:
it’s fun to lose and to pretend

I hate myself and I want to die, schreibt Anna in ihr Tagebuch. Sie mag nicht mehr Mathe lernen, nicht mehr Latein. Mein Kopf zerplatzt gleich, gleich muss ich mich übergeben, schreibt sie. Sie möchte herumliegen und nichts tun. Sie wollen mich mästen, schreibt sie in ihr Tagebuch und hört, liest, wiederholt immer wieder, and I forget just why I taste. Sie versucht es mit den Mädchen aus ihrer Klasse, die sich jeden Tag streiten, sie versucht es mit den wenigen coolen Typen in der Schule, sie schreibt, ich will nicht sterben, ich will anders sein, jemand, mit der die coolen Leute reden, die Leute mit den bunten Haaren und den zerrissenen Hosen, mit den Wollwesten, Converse und Piercings.

Sie sitzen gegenüber vom Breakdance am Boden, zwischen der Geisterbahn und dem Karussell, der eine klein mit einem roten Iro, der andere sieht aus wie Kurt Cobain, nur größer. Sie verbeugen sich vor den Rummelplatzbesuchern, sie lachen alle aus, nur Anna, Petra und Melli lachen sie an. Anna, Petra und Melli kommen näher, bleiben stehen, setzen sich zu ihnen auf den Boden.

»Ich bin der Kurt«, sagt er.

»Wirklich?«, fragt Anna.

»Was ist schon wirklich«, sagt er und prostet Anna zu, hält ihr eine Bierdose entgegen und eine seiner selbst gedrehten Zigaretten. Seine Augen sind groß und blau, seine Haare blond, gebleicht, seine Jeans löchrig. Die Sätze hängen wie abgerissene Fäden zwischen ihnen, die Blicke durchbrochen von bunten Lichtkegeln und die Bügel vom Breakdance schließen sich, die Plattform beginnt sich zu neigen, zu heben, zu drehen.

Als Anna Kurt das nächste Mal sieht, lacht er nicht. Sie weiß nicht, ob er sie begrüßt, weil sie, sobald er sie ansieht, wegschaut. Sie weiß nicht, ob er sich an sie erinnern kann, es würde sie wundern, wenn er sich an irgendetwas und gerade an sie erinnern kann, aber sie bildet sich ein, dass er sie ansieht, die nächsten Male, als sie sich über den Weg laufen, sie bildet sich ein, dass er sie sieht, wenn sie ihn sieht und sie sieht ihn immer. Am Hauptplatz zwischen den anderen, im Park zwischen den anderen, auf der Straße kommt er ihr entgegen und steht vor dem Keller herum, obwohl er alt genug ist, um hineinzudürfen. Er sitzt auf der Straße vor dem Keller neben ihr, zufällig, denkt sie und dass er traurig aussieht, traurig und schön, obwohl er alle kennt, obwohl alle auf ihn stehen, obwohl er aussieht wie Kurt Cobain, als einziger wirklich ist wie Kurt Cobain.

Anna fühlt sich, als wäre sie betrunken, obwohl sie noch nie so richtig betrunken war. Sie sitzt in der Schule und alles beginnt sich zu drehen, sie geht von der Schule nach Hause und hat das Gefühl, über der Straße zu schweben. »Das Wachstum«, heißt es, »der Kreislauf«, hört Anna die anderen sagen, oder weil sie weniger isst, denkt sie, sie ist sich nicht sicher, ob sie wirklich weniger isst.

Anna verdreht den Oberkörper und versucht sich im Spiegel von hinten zu sehen. Sie schlüpft aus der Jeans, in die andere Jeans hinein, blickt in den Spiegel, verdreht sich, so weit sie kann.

»Komm heraus«, hört sie die Stimme der Mutter.

Anna öffnet die Tür der Umkleidekabine, macht einen Schritt nach vorne, dreht sich einmal um die eigene Achse. »Ist die nicht ein bisschen zu eng«, sagt die Mutter und Anna zuckt mit den Schultern, geht zurück in die Umkleidekabine, schlüpft aus der Jeans, blickt auf das Etikett mit der Größe, die darf nicht zu eng sein, denkt sie.

Anna geht mit der Mutter durch die Fußgängerzone, hoffentlich trifft sie jetzt niemanden, denkt sie, es ist noch Vormittag, aber Schulschluss, die Fußgängerzone füllt sich, sie blickt hinunter auf die neuen Schuhe. »Nicht wieder schwarz«, hat die Mutter gesagt und die Farbe ist eigentlich ganz okay, denkt Anna, braun wie Dreck. Sie sieht auf, sieht auf der anderen Straßenseite, zwischen den anderen Fußgängern, über den anderen Köpfen die hell blondierten Haare von Kurt. Sie spürt einen Stich im Bauch, einen Schwindel, blickt zurück auf die Schuhe, atmet ein. Sie sieht wieder auf, dreht sich um, sieht Kurts Haare, seine grüne Wollweste, seinen roten Rucksack zwischen den anderen Fußgängern verschwinden.

»Habt ihr nur Kleidung eingekauft, oder gibt’s auch was zu essen?«, fragt Heinz, als sie mit den Einkaufstaschen im Vorzimmer stehen.

»Mathe-Genie bist du keines«, sagt er, als er den einzigen Zweier in Annas Zeugnis entdeckt, er grinst und drückt ihr einen Geldschein in die Hand, tätschelt ihr die Wange.

Anna geht in ihr Zimmer, zieht die neue Jeans und das dunkelblaue Shirt an. Sie geht ins Bad, kämmt die Haare und zerzaust sie wieder, bindet sie zusammen, seufzt, geht zurück ins Vorzimmer und schlüpft in die neuen Converse.

»Willst du nicht Mittag essen?«, ruft die Mutter aus der Küche.

»Wo geht sie jetzt wieder hin?«, ruft Heinz aus dem Wohnzimmer.

»Zum Abendessen bist du aber wieder da!«, ruft die Mutter.

»Nimm dir eine Weste mit«, hört Anna, als sie schon im Treppenhaus ist, sie läuft die Stufen hinunter.

Annas Lippen glühen, bildet sie sich ein und die Augen sind glasig, stellt sie fest, als sie später im Lift nach oben fährt. Sie blickt in den Spiegel, sieht ihr Gesicht und kann es nicht fassen, dass sie mit Kurt gesprochen, dass Kurt ihr zum Abschied ein Bussi auf den Mund gegeben hat, ihr und Melli, und dass sie und Melli ihn vielleicht, wahrscheinlich, hoffentlich gleich wiedersehen werden im Keller. Sie öffnet die Wohnungstür, es riecht nach Essen.

»Da bist du ja endlich«, sagt die Mutter, »deck bitte den Tisch.«

Anna geht in die Küche, greift zum Schrank, »hast du dir die Hände gewaschen?«, fragt die Mutter. »Natürlich«, sagt Anna, sie nimmt die Teller aus dem Schrank, nimmt Messer und Gabeln aus der Lade, »Suppe gibt es auch«, sagt die Mutter und Anna nimmt Löffel, greift wieder zum Schrank, nimmt die Suppenteller, »Servietten«, sagt die Mutter, Anna nimmt die Servietten und geht ins Wohnzimmer, stellt drei flache Teller, legt drei Servietten, stellt zwei Suppenteller, faltet drei Servietten, legt die Gabeln links, die Messer und Löffel rechts neben die Teller, »den Salat«, ruft die Mutter aus der Küche und Anna holt die Salatschüssel. Heinz steht vom Sofa auf und die Mutter trägt die Suppe herein, »den Untersetzer, bitte«, sagt die Mutter, Anna holt den Untersetzer und die Mutter stellt die Suppe auf den Tisch, sie nimmt den Schöpfer, hebt den Schöpfer hoch, hält inne.

»Ich mag keine Suppe«, sagt Anna.

»Sie weiß einfach nicht, was gut ist«, sagt Heinz und schüttelt den Kopf, die Mutter leert Annas Anteil in den Teller von Heinz, die Mutter geht zurück in die Küche.

»Darf ich noch mit Melli in den Keller gehen?«, fragt Anna, als die Mutter mit der Pfanne wiederkommt.

»Jetzt isst du zuerst einmal etwas«, sagt die Mutter und legt Anna ein Stück Fleisch auf den Teller und drei Kartoffeln dazu, drei riesige Kartoffeln, denkt Anna, sie isst Salat, »immer nur Salat«, sagt Heinz. Anna zwingt sich ein Stück Fleisch abzuschneiden und es in den Mund zu schieben, sie zwingt sich ein Stück Kartoffel, noch ein Stück Kartoffel zu essen.

»Ich kann nicht mehr«, sagt sie dann und »bitte, Mama, heute ist der letzte Schultag, alle gehen heute aus!«

»Bis halb zehn«, sagt die Mutter.

Anna und Melli biegen ums Eck, Anna sieht Kurt vor dem Keller stehen, er wartet wirklich vor dem Keller auf sie und er gibt Melli und ihr zur Begrüßung wieder ein Bussi auf den Mund. Er gibt sonst niemandem ein Bussi auf den Mund. Er öffnet die Tür zum Keller und Anna geht vorbei an den Türstehern, die sie heute nicht nach dem Ausweis fragen, geht hinein ins Dunkle, einen Gang entlang und die Stufen hinunter. Es riecht nach Bier, nach Rauch und Schweiß, Anna atmet ein.

Kurt begrüßt den Kellner hinter der Bar, der Kellner reicht ihm ein Bier, Melli nimmt ein Bier für sich und Anna gemeinsam. Kurt führt sie ganz nach hinten, an einen großen Tisch. Er setzt sich auf die eine Seite, Melli setzt sich neben ihn, Anna setzt sich gegenüber, ein Fehler, denkt sie sofort, denkt sie zu spät. Die beiden reden auf der anderen Seite des Tisches, die Musik ist laut, sie versteht kein Wort, hört nur die Musik, I’m so ugly, that’s okay, cause so are you. Kurt sieht auf, sieht sie an, schiebt die Zigarettenschachtel über den Tisch. Anna schüttelt den Kopf.

»Ich will noch wachsen«, ruft sie.

»Ich nicht«, sagt er, liest sie von seinen Lippen ab, die Farbe seiner Lippen, seine Gesichtsfarbe, die gebleichten Haare, wie er sich eine Zigarette in den Mund steckt, daran zieht und sie anlächelt, wie er von allen Menschen gerade sie anlächelt, wie er sie so anlächelt, dass Melli nachher auf dem Nachhauseweg zu ihr sagt: »Er mag dich viel lieber als mich.«

»Wir haben nicht mal miteinander geredet«, sagt Anna.

»Weißt du, was er gesagt hat«, sagt Melli, »dass du hübsch bist«, und dann sagt Melli gar nichts mehr.

Anna denkt an Kurt, während sie ihre Längen durch den Pool zieht, immerhin hat das Haus einen Pool, denkt sie, immerhin ist es für irgendetwas gut, das Haus von Heinz, wenn sie schon hier sein muss, viel zu weit weg von allem, viel zu weit weg von Kurt. Sie fragt sich, ob er einfach nie in der Stadt war, wenn sie in der Stadt war, fragt sich, ob er jetzt gerade in der Stadt unterwegs ist, fragt sich, ob es ihn wirklich gibt, ob er sie wirklich hübsch findet, ob sie ihn wiedersehen wird, stellt sich immer wieder vor, wie es wäre. Morgen, denkt sie, morgen ist sie wieder zu Hause und bis morgen, nimmt sie sich vor, wird sie nichts mehr essen. Sie klettert aus dem Pool und legt sich in die Sonne, sie betrachtet den Bauch. Sie zieht ihn so tief ein, wie sie kann, ein Loch, sie betrachtet die Bikinihose, die sich über die Hüftknochen spannt. Sie stellt die Beine auf und spannt die Muskeln an, starrt auf die Teile der Oberschenkel, die locker nach unten hängen, die müssen weg.

»Willst du ein Eis?«, ruft die Stimme von Heinz und Anna schüttelt den Kopf, steht auf, geht an Heinz vorbei ins Haus, ins Badezimmer, stellt sich auf die Waage, die Waage von Heinz zeigt noch mehr an als die Waage der Mutter.

Anna schiebt den Einkaufswagen den Gang entlang, blickt auf die Milch, das Joghurt, den Sauerrahm, die Butter, schiebt den Wagen langsam weiter, schiebt gegen einen Widerstand, gegen eine zerrissene Jeans, spürt einen Stich in der Mitte.

»Hallo«, sagt Kurt, »was machst du da?«

»Einkaufen für Mellis Mutter«, sagt Anna schnell.

»Was suchst du?«, fragt er.

»Topfen«, sagt sie.

»Topfen«, wiederholt er, greift nach oben und hält ihr eine Packung hin.

»Noch zwei Packungen, bitte«, sagt sie und beobachtet Kurts Arme, wie sie nach dem Topfen greifen, wie sie den Topfen in den Wagen legen, wie dünn seine Arme sind, denkt sie und plötzlich steht Melli da und sieht von Kurt zu Anna und von Anna zu Kurt.

»Was machst du da?«, fragt Melli.

»Einkaufen für deine Mutter«, sagt Kurt und lacht. Er fragt, ob es Topfentorte gibt und ob er mitkommen darf, und Melli nickt und legt die Sachen in den Einkaufswagen, Anna schiebt den Wagen hinter den beiden her. »Die Anna hat sich schon solche Sorgen gemacht«, sagt Melli, Kurt dreht sich um und fragt »wirklich?«, und Anna sieht hinunter auf die Converse, sie möchte den Einkaufswagen in Melli rammen.

Später sitzt Kurt in Mellis Zimmer, spielt auf Mellis Gitarre, singt Polly wants a cracker und sieht dabei Anna an. Später bedankt sich Kurt bei Mellis Mutter, umarmt Melli zum Abschied. »Ich bring dich nach Hause«, sagt er zu Anna.

Sie gehen über den Hauptplatz, durch die Fußgängerzone, durch Annas Straße, sie stehen vor ihrem Haus.

»Hier wohnst du?«, fragt Kurt, sie nickt.

»Es ist kalt«, sagt er, »gehen wir rein?«

»Anna«, sagt er, als sie im Halbstock zwischen dem ersten und dem zweiten Stock stehen, »Anna, ich hab dich lieb.«

Er macht einen Schritt auf sie zu, beugt sich nach unten, legt die Arme um sie, drückt sie an sich, sanft zuerst, dann fester. Sie spürt den Stoff seiner Weste, seine Wärme, seinen Atem auf dem Hals.

»Ich dich auch«, sagt sie leise, so leise, dass sie nicht weiß, ob er es hört, sie hebt den Kopf, sein Gesicht kommt näher, seine Lippen berühren ihre. Er tritt einen Schritt zurück, nimmt ihre Hände, sieht ihr in die Augen.

»Du gehst mit einem Selbstmörder«, sagt er, das Licht im Treppenhaus geht aus.

Am nächsten Tag steht Kurt vor dem Einkaufszentrum und gibt Anna einen Kuss auf den Mund. Er nimmt sie an der Hand und zieht sie hinein, sie fahren mit der Rolltreppe nach oben. Ganz oben gibt es keine Geschäfte, gibt es kaum Menschen, sie gehen nach hinten, hinter die Toiletten und setzen sich auf den Boden. Sie sehen von oben auf den Hauptplatz, sehen sich in die Augen. Seine Lippen sind weich und kühl, berühren ihre, sanft, und seine Zunge berührt ihre, sehr vorsichtig, bewegt sich in ihrem Mund, verschwindet wieder. Er streicht ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, schiebt sie hinter ihr Ohr, greift nach ihren Händen, legt die ineinander verschränkten Hände auf ihr Knie und zieht sie wieder zu sich. Es ist genauso, wie es sein soll, denkt sie, genauso, wie sie sich das vorgestellt hat, sie wird ihn für immer lieben.

»Stimmt es, dass du mit Kurt herumgeknutscht hast?«, fragt Petra am Telefon, sie weiß es von Melli, die es von irgend jemandem in der Stadt weiß, der sie gesehen hat, wie sie Hand in Hand die Rolltreppen hinaufgefahren sind.

»Melli ist voll fertig, sie meint, sie redet nie wieder mit dir, sie meint, sie liebt den Kurt über alles«, sagt Petra und Anna wird schwindlig, ihr wird schlecht, sie sieht schwarze Punkte vor den Augen, sie ruft bei Melli an, Mellis Mutter sagt, Melli ist nicht da.

»Der will doch nur Sex mit dir, das weiß doch die ganze Stadt«, sagt Melli, als Anna sie endlich erreicht, »glaubst du, der interessiert sich wirklich für dich?« Anna legt auf, geht ins Bad, setzt sich auf die Badewanne und betrachtet ihr Gesicht im Spiegel, es ist so bleich wie die Haare von Kurt, unter ihren Augen schwarz, denkt sie, alles ist schwarz.

»Ist etwas passiert?«, fragt die Mutter, als Anna in der Früh nicht aufsteht.

»Was hat ihr jetzt wieder den Appetit verschlagen?«, fragt Heinz.

»Wenigstens wird sie vor dem Urlaub krank«, sagt die Mutter.

»Irgendein Kurt hat angerufen«, sagt Heinz.

Sie weiß, denkt Anna im Fieber, dass Kurt wirklich mit ihr zusammen sein will, sie weiß nicht, denkt sie, während sie zittert und schwitzt, ob sie das kann, wenn alle sie dafür hassen, sie weiß nur, denkt sie, während das Fieber langsam sinkt, dass sie Kurt, dass sie Melli und Petra nicht verlieren will.

Das Rauschen des Meeres, das Kreischen der Möwen, die Stimme der Mutter, die Annas Namen sagt, »aufstehen«, heißt es, »frühstücken«, heißt es, »dass wir noch was bekommen«, sagt Heinz und Anna rutscht aus dem Bett, schleppt sich ins Badezimmer, wäscht das Gesicht mit kaltem Wasser. Sie folgt der Mutter und Heinz hinunter in den Frühstücksraum, folgt ihnen an den Tisch, bleibt sitzen, als die beiden zum Buffet gehen. Sie gießt sich Kaffee aus der Kanne in die Tasse und trinkt. Die Mutter und Heinz kommen zurück, auf dem Teller der Mutter Weißbrot und Salami und drei Scheiben Gurke, auf dem Teller von Heinz Eier mit Speck und Bohnen und Toastbrot. Anna sieht weg.

»Holst du dir nichts?«, fragt die Mutter.

»Ich hab keinen Hunger«, sagt Anna, »ich schlafe eigentlich noch.«

»Man sieht’s«, sagt Heinz, »aber nachher gibt’s nichts mehr.« Er schiebt sich ein Stück Speck in den Mund.

Anna rutscht mit dem Stuhl zurück, steht auf, geht zum Buffet. Sie geht vorbei am Brot und der Wurst und dem Schinken und dem Käse und dem Frischkäse und dem Frühstücksspeck und den Eiern und dem aufgeschnittenen Gemüse und noch mehr Eiern und Aufstrichen und wieder Brot, vorbei am Müsli und den Frühstücksflocken, sie steht vor dem Obst und dem Joghurt. Von links nähert sich ein dicker Mann, der sie fast berührt, und von rechts eine dicke Frau, und Anna weicht zurück und geht weiter, vorbei an den Croissants und dem Kuchen und den Schokokeksen und den Säften. Sie könnte einen Saft trinken, denkt sie, aber sie kann nirgends Gläser sehen. Sie spürt den Blick der Mutter im Rücken, spürt, wie der Raum anschwillt, wie alles anschwillt um sie herum, sie steht wieder vor dem Joghurt. Sie nimmt sich eine Schüssel, leert ein wenig Joghurt hinein, nimmt sich einen Löffel und setzt sich zur Mutter und zu Heinz an den Tisch. Die Mutter zieht die Augenbrauen hoch und Heinz seufzt, steht auf und holt sich Nachschub.

Die Frau auf der Liege neben Anna steht auf und beugt sich nach vorn. Die Brüste und der Bauch hängen nach unten und baumeln hin und her. Anna dreht den Kopf, starrt auf den Bauch eines Mannes, der sich hebt und senkt, immer noch größer und größer wird. Sie schließt die Augen und denkt an Kurt. Kurt ist ein Gerippe, würde die Mutter sagen, wenn sie ihn sehen würde, wenn Anna ihn der Mutter vorstellen würde, was sie müsste, wenn sie von ihm erzählen würde. Was sie irgendwann tun muss, denkt sie und öffnet die Augen.

Die Mutter cremt Heinz den Rücken ein, die Mutter trägt einen Badeanzug und hat im Vergleich zu den anderen Frauen am Strand eine Figur, die noch die Figur eines Menschen und nicht die eines Walrosses ist, denkt Anna, sie hat keine Ahnung, wie die Mutter das macht. Die Mutter dreht sich um und hält ihr die Sonnencreme entgegen. Anna schüttelt den Kopf.

»Ich bleibe im Schatten«, sagt sie.

»Nachtschattengewächs«, sagt Heinz und lacht. Anna lehnt sich zurück und sieht aufs Meer, sie denkt an Kurt, eine Woche noch, denkt sie, eine Woche, dann sieht sie ihn wieder, sie will mit ihm zusammen sein, hat sie beschlossen.

Grashalme streifen Annas Arme, das Gras reicht ihr bis zur Hüfte, es ist trocken, sticht. Vor ihr Kurts lange Beine, sein Rücken, sein roter Rucksack, vor Kurt Edis roter Iro. Anna dreht sich um, Petra kneift die Augen zusammen, zuckt mit den Schultern, sie gehen Richtung Baustelle, Richtung Kräne, die Kräne drehen sich leicht im Wind. Bald wird es dunkel, denkt Anna, aber Edi kennt den Weg, kennt alle Wege durch die Felder, die Baustellen, Edi kennt sich aus. Vor ihnen eine Lichtung, ein Schatten, eine Betonplatte. Zu viert haben sie gerade Platz darauf, sie vier und Kurts Rucksack, aus dem er die Bierdosen zieht, die Zigaretten und ein Säckchen mit Gras.

»Schau«, sagt er, »schau, wie schön«, er öffnet es und hält es Anna unter die Nase. Sie riecht daran, es riecht wie alles um sie herum, eine Spur intensiver vielleicht.

»Das sind Blüten«, sagt er, lächelt und hält ihr die Zigarettenpackung hin.

»Kannst du einen Filter machen?«, fragt er und Anna schüttelt den Kopf, sieht zu Petra, sie schüttelt auch den Kopf.

»Ich zeig’s euch«, sagt Edi und nimmt ihr die Zigarettenpackung aus der Hand, reißt ein Stück Karton aus dem Deckel, rollt es fest zusammen und reicht es Kurt. Kurt legt den Filter ans Ende, verteilt Tabak und Gras, schleckt über das Paper, rollt, streicht, streichelt den Joint, lächelt, zündet ihn an und zieht.

»Ich geb dir einen Schuss«, sagt er zu Anna und steckt den Joint verkehrt herum in den Mund und beugt sich zu ihr. Ihre Lippen schließen sich um den Filter, Kurts Augen ein unscharfes Blau, sie atmet ein und hustet.

»Beim ersten Mal spürst du nichts«, sagt Edi und Anna denkt, er hat recht, sie spürt nichts, nichts Besonderes, nur Kurt, der seine Hand auf ihren Oberschenkel legt, Kurt, glücklich und zufrieden, Kurt, der wieder und wieder am Joint zieht und eine Spur von ihr wegrutscht, Kurt, der, denkt sie plötzlich, von der Betonplatte rutschen wird. »Die Platte ist schief«, sagt Anna, die anderen grinsen.

»Die Platte kippt«, ruft sie dann und greift nach Kurts Hand, er zieht sie weg, schüttelt den Kopf. Sie greift nach seinem Arm, sie will nicht, dass er von der Platte rutscht.

»Lass das«, sagt Kurt und schüttelt ihren Arm ab und sie fällt gegen ihn, er fällt, rutscht zur Kante, halt dich fest, will sie sagen, sie klammert sich an ihn, er schüttelt sie ab.

»Was Süßes?«, fragt Edi und zieht eine Tafel Schokolade hervor, gibt sie Petra, die sich eine Rippe abbricht und Anna die Tafel hinhält. Schokolade, denkt Anna, irgendwie wäre Schokolade jetzt nicht schlecht. Sie bricht sich ein Stück ab, steckt es in den Mund, Kurt beginnt einen neuen Joint zu bauen, »bevor es ganz dunkel ist.«

Die Schokolade verklebt Anna den Mund, wird immer mehr, erst süß, dann bitter, dann säuerlich, dann ist sie weg bis auf den schalen Nachgeschmack. Nie wieder ein Stück, denkt Anna, ein Stück noch, denkt sie, nur noch ein Stück.

Die Mutter wischt über den Tisch, verschränkt die Hände und sagt: »Wie hast du dir das vorgestellt, mit deinem«, sie räuspert sich, »Bekannten? Hast du dir vorgestellt, er kann zu uns kommen, bei uns schlafen, du kannst zu ihm fahren? Willst du mit vierzehn Jahren die Pille nehmen?«

Anna deutet ein Nicken an.

»Ich verbiete dir das«, sagt die Mutter.

Anna schüttelt den Kopf.

»Ich verbiete dir, mit ihm zu schlafen«, sagt die Mutter.

Das kann sie nicht, denkt Anna, das kannst du nicht, will Anna sagen, das geht doch nicht, »du kannst mir keinen Menschen verbieten«, sagt sie leise, »ich verbiete dir keinen Menschen«, sagt die Mutter, »ich kann ja verstehen«, beginnt die Mutter, die Mutter versteht überhaupt nichts, denkt Anna und starrt auf die Hände der Mutter, die über die Tischplatte wischen, immer wieder über die Tischplatte wischen. Die Mutter kann ihr nicht den Menschen verbieten, den sie liebt, denkt Anna, die Mutter verbietet ihr nie etwas und jetzt gerade das. Die Mutter greift über den Tisch, greift nach Annas Hand, will eine Hand auf ihre legen.

»Anna«, sagt die Mutter, »ich will nicht, dass unser Vertrauen verloren geht.«

Anna schüttelt den Kopf, zieht die Hand weg, steht auf, geht in ihr Zimmer, macht die Tür zu und schreibt in ihr Tagebuch.

Die Mutter spricht nicht mehr mit ihr. Sie schweigt auf eine Art und Weise, wie sie noch nie geschwiegen hat. Wenn Anna die Mutter fragt, was los ist, sieht die Mutter durch sie hindurch. »Bitte rede mit mir«, sagt Anna schließlich zur Mutter, sagt sie immer wieder, dann gibt sie auf, geht in ihr Zimmer, macht die Tür zu.

Später, viel später, macht die Mutter die Tür auf, steht im Türrahmen, sieht Anna an und sagt: »Ich habe dein Tagebuch gelesen.«

Anna öffnet den Mund, sie will etwas sagen, sie weiß nicht was, weiß nicht wie.

»Ich bin entsetzt«, sagt die Mutter, »was für ein Mensch meine Tochter ist. Ein Mensch mit so hässlichen Gedanken. Ich hätte mir das nie«, sagt die Mutter, »von meiner Tochter gedacht.«

Anna schließt den Mund, sieht auf die Tischplatte.

»Du solltest dich schämen«, sagt die Stimme der Mutter, Anna will sagen, dass es ihr leidtut, will sagen, dass sie irgendwo ihre Gefühle loswerden muss, »wirklich schämen«, hört Anna, sie sieht auf, öffnet den Mund, die Mutter dreht sich um und geht davon. Nie wieder Tagebuch schreiben, denkt Anna, anders mit den Gefühlen zurechtkommen, am besten gar keine Gefühle haben, nimmt sie sich vor.

Es hat ziemlich weh getan, schreibt Anna drei Monate später in ihr neues Tagebuch und dass sie seitdem endlich einen Tampon einführen kann. Die Mutter hat behauptet, dass jemand angerufen und gesagt hat: Wissen Sie, dass Ihre Tochter mit dem Kurt schläft? Ich weiß nicht, ob die Mutter lügt, ob die Mutter sich das ausdenkt oder ob wirklich jemand, ob vielleicht sogar Melli, Anna streicht Mellis Namen durch.

Sie schreibt, dass die Mutter ihr einen Schwangerschaftstest, Anna macht drei Rufzeichen, in die Hand gedrückt hat und dass sie ihre Tage erst bekommen hat, nachdem sie auf den Test gepinkelt hat, obwohl sie natürlich, Anna macht ein Rufzeichen, ein Kondom verwendet haben. Das Tagebuch versteckt sie ganz oben im Regal, hinter den Bilderbüchern.

»Beim Essen«, sagt Heinz, »kommen die Leute zusammen«, und er bietet Kurt sogar ein Bier an. Es gibt Suppe in Suppentellern, es gibt eine Hauptspeise, es gibt Salat in kleinen Glasschüsseln, es gibt sogar eine Nachspeise, Anna bemüht sich zu essen. Heinz bietet Kurt einen Kaffee an und Anna wartet darauf, dass er ihm einen Cognac anbietet und sich mit ihm zum Rauchen in den Salon zurückzieht, in den Salon, den sie nicht haben, und sie weiß nicht, was ihr peinlicher ist, Heinz, so betont lässig, oder der strenge Blick der Mutter auf Kurts nacktem Knie, auf seiner zerrissenen Hose, auf seinen Haaren, »er sollte sich mal kämmen«, sagt die Mutter später, »oder zumindest die Haare waschen.«

»Er soll sich eine neue Hose kaufen«, sagt Heinz, »so wird aus dem nie etwas.«

Kurt kommt nie wieder zu ihr nach Hause, an den Samstagen darf sie ihn sehen, unter der Woche muss sie lernen, »in der Schule darf sie nicht abfallen«, heißt es, unter der Woche darf sie nicht ausgehen und in der Stadt abhängen, so der Deal, nur am Samstagnachmittag, nach dem Mittagessen, Samstag und Sonntag essen sie gemeinsam zu Mittag, »wie es sich gehört.«

»Keine Suppe für mich«, sagt Anna.

»Will sie jetzt auch noch abnehmen?«, fragt Heinz die Mutter.

»Und Fleisch isst sie auch keines mehr«, sagt er kopfschüttelnd und isst ihr dennoch den Salat weg, mit der Gabel sticht er auf die einzelnen Salatblätter ein, mit Gabel und Messer zerteilt er das Fleisch, zerkratzt mit dem Messer das Porzellan und Anna will schreien und davonlaufen, sie sagt, es kratzt in ihrem Inneren, es zieht in ihren Zähnen, dieses Geräusch, doch die Mutter und Heinz schütteln nur den Kopf, »überempfindlich«, heißt es und »Pubertät« und nachdem Anna den Tisch abgeräumt und den Geschirrspüler eingeräumt hat, geht sie zum Kühlschrank und nimmt sich ein Vanillejoghurt.

»Das isst sie also«, sagt Heinz und Anna denkt, dass er recht hat, dass sie sich das Joghurt sparen sollte. Sie geht ins Bad, versperrt die Tür, sieht in den Spiegel, umrahmt die Augen mit schwarzem Kanal, fährt sich durch die Haare, bis sie nach allen Seiten abstehen.

»Wie eine Hexe«, sagt Heinz.

»Um zehn bist du wieder da«, sagt die Mutter.

»Halb elf«, sagt Anna.

»Zehn«, sagt die Mutter.

Kurt sitzt in der Wiese mit Edi und den anderen, Anna geht auf ihn zu, gibt ihm einen Kuss auf den Mund. Er hält ihr seine Bierdose hin, sie trinkt, er bietet ihr eine Zigarette an, sie verneint, sie setzt sich neben ihn in die Wiese. Sie sitzen, reden, trinken, sie rauchen einen Joint, einen Joint nach dem anderen.

Später gehen sie und Kurt durch die Fußgängerzone, ein Kopfhörer in ihrem, ein Kopfhörer in seinem Ohr, sie spürt den Boden nicht mehr, sie schwebt, sie spürt noch Kurts Hand in ihrer, die Hand wird taub, sie spürt die Arme nicht mehr, die Beine, nur mehr die Mitte, den Magen. »Kurt«, sagt sie, sie wundert sich, dass sie noch sprechen kann, »mir ist schlecht«, sagt sie, Kurt sieht sie an, »du siehst aus, als müsstest du gleich kotzen«, sagt er und drückt ihre Hand, zieht sie ins Einkaufszentrum, fährt mit ihr die Rolltreppen hinauf, zieht sie Richtung Toiletten. »Ich kann nicht mehr«, sagt sie und lehnt sich gegen die Wand, er hält ihre Haare, sie beugt sich über den Mülleimer. »Am Dope kann es aber nicht liegen«, sagt er, als sie fertig ist, »das ist gutes Dope.«

»Es geht schon wieder«, sagt sie und nimmt einen Schluck Bier gegen den Geschmack von Kotze im Mund.

Anna springt vom Boden auf, läuft ins Vorzimmer und hebt den Hörer ab. Sie hört das Zittern in ihrer Stimme, als sie ihren Nachnamen sagt, sie hört das Rauschen in den Ohren und die Stimme von irgendjemandem, der sie nicht interessiert. »Die sind nicht da«, sagt sie und legt auf. Sie geht ins Badezimmer und stellt sich auf die Waage. Die Waage zeigt seit Wochen das gleiche Gewicht. Sie geht ins Wohnzimmer, legt sich auf den Teppich und fährt damit fort, die Beine zu heben, zuerst auf der Seite liegend, dann auf dem Bauch, dann auf dem Rücken, sie macht alle Übungen aus dem Buch, das die Mutter ihr geschenkt hat. Schlank und schön, liest Anna auf dem Einband, dann blättert sie in der Frauenzeitschrift, die die Mutter von Petras Mutter bekommen hat, sie liest die Diättipps, die Kalorienangaben neben den Rezepten. Sie weiß nicht, was sie falsch macht. Das Telefon läutet und sie springt auf, läuft ins Vorzimmer und hebt den Hörer ab.

»Anna?«, fragt Kurt.

»Kurt«, sagt sie und ignoriert die Punkte, die schwarzen Punkte, die schon wieder in ihrem Gesichtsfeld herumschwirren.

»Wie geht’s?«, fragt er und Anna erzählt, dass die Mutter und Heinz nicht da sind, dass sie erst übermorgen wiederkommen und fragt ihn, ob er zu ihr kommen mag.

»Ich muss noch was erledigen«, sagt Kurt, »wie heißt der Schulkollege von dir, der Gras anbaut?«

»Paul?«, fragt sie.

»Kannst du den morgen Abend in den Keller mitbringen?«

»Ich werde es versuchen«, sagt sie und Kurt verabschiedet sich und sie geht durch die Wohnung, geht in ihr Zimmer, öffnet ihr Tagebuch.

Anna nickt den Türstehern zu, drückt sich gegen die Tür, geht die Stufen hinunter, hinein in den Keller und ganz nach hinten an den großen Tisch zu Kurt. Sie gibt ihm einen Kuss auf den Mund.

»Wo ist dein Schulkollege?«, fragt er.

»Er hat keine Zeit«, sagt sie und Kurt nickt, sieht weg. Anna sitzt neben Kurt, er sieht sie nicht mehr an, sie möchte ihn fragen, was los ist, aber er sieht sie nicht an, sie möchte etwas sagen, aber die Musik ist so laut, sie möchte ihn berühren, aber Kurt steht auf und klettert über die Bank, sein roter Rucksack verschwindet, der Keller ist voll, der Keller ist leer ohne Kurt.


Fünfzehn oder:
go on, take everything, take everything I want you to

Anna nimmt ein weißes Blatt Papier und hält es über die Spalte mit den Lateinvokabeln. Sie liest das deutsche Wort, sucht das lateinische Wort im Kopf, sie findet es nicht. Sie versucht es umgekehrt, liest das lateinische Wort, sucht das deutsche Wort im Kopf, sie findet das erste, das zweite, das dritte findet sie nicht. Das vierte auch nicht. Sie schüttelt den Kopf und schiebt das Lateinbuch zur Seite, stützt den Kopf in die Hände, der Kopf ist schwer. Sie nimmt das Mathebuch und sieht sich die Hausaufgaben an. Zu müde. Sie steht auf, geht in die Küche, trinkt ein Glas Wasser, sieht in die Speisekammer. Sie greift nach einer Banane, schält die Banane, beißt ab. Schon die zweite Banane heute, sie schluckt und spürt, wie die Banane hinunterrutscht, in der Mitte ankommt. Ein Loch, denkt sie, in der Mitte ist ein Loch. Sie sieht in den Kühlschrank. Da steht ein Topf. Sie nimmt den Topf aus dem Kühlschrank, hebt den Deckel hoch. Das Fleisch riecht gut, warum riecht das Fleisch so gut, denkt sie und legt den Deckel auf den Topf, stellt den Topf zurück in den Kühlschrank. Sie geht in ihr Zimmer, setzt sich an den Schreibtisch, nimmt das Mathebuch und das Heft und zwingt sich die Aufgaben zu machen, zwingt sich die Beispiele durchzurechnen, zwingt sich zu glauben, dass das, was herauskommt, ungefähr stimmt. Dann geht sie in die Küche, nimmt sich einen Apfel und beißt hinein. Schon der zweite Apfel heute, sie geht zurück an den Schreibtisch, schlägt das Lateinbuch auf und konzentriert sich, konzentriert sich so sehr sie kann, merkt sich einige Vokabeln, zu wenig, viel zu wenig. Sie steht auf und geht in die Küche, öffnet den Kühlschrank, nimmt den Topf heraus, stellt den Topf auf den Herd, dreht die Platte auf, nimmt einen Kochlöffel und rührt. Sie leert den Inhalt des Topfes in einen Teller, nimmt eine Semmel, tunkt die Semmel in die Fleischsauce, schiebt die Semmel mit der Sauce in den Mund. Sie atmet ein und spürt, wie es warm wird in der Mitte, wie der Kopf klarer wird, spürt die Füße auf dem Boden, spürt Ruhe in sich und dann, als der Teller leer ist, Unruhe.

Wieso das Schultor so schwer sein muss, denkt Anna, wieso alles so schwer sein muss. Sie geht die Stufen hinauf in den ersten, in den zweiten, in den dritten Stock, wozu diese Stufen, denkt sie und sieht Melli, Mellis Haare sind wasserstoffblond.

»Hey«, sagt Anna und geht auf Melli zu, »neue Frisur, sieht gut aus.«

»Danke«, sagt Melli und gibt ihr ein Bussi und spricht weiter mit ihrem Klassenkollegen. Melli sieht trotzdem nicht aus wie Courtney Love, denkt Anna und wartet, während Melli spricht und spricht, sie wartet, bis es läutet und dann gibt Melli ihr wieder ein Bussi und Anna dreht sich um und geht. Wann dieser Gang so lang geworden ist, fragt sie sich und geht die Stufen hinauf in den vierten Stock, wieso ihre Klasse im vierten Stock sein muss, wieso alle diese Stufen jeden Tag, wieso die Schwerkraft so stark sein muss. Sie geht in die Klasse, nickt Paul zu und will sich auf den Stuhl fallen lassen. Petra und die anderen stehen am Fenster, Petra winkt ihr, auch sie eine neue Frisur. Anna geht auf sie zu und gibt ihr und den anderen ein Bussi.

»Gefällt es dir nicht?«, fragt Petra, Anna weiß nicht, was sie sagen soll, »sag doch einfach, dass es dir nicht gefällt«, sagt Petra und sieht Anna herausfordernd an. Anna ist froh, dass der Mathelehrer in die Klasse kommt, froh, dass sie endlich sitzen kann, dass heute Freitag und dass dann Wochenende ist.

Später sperrt Anna die Haustür auf, betritt das Stiegenhaus, zu Fuß gehen, denkt Anna, das Fett an den Oberschenkeln, aber der Körper will nicht zu Fuß gehen, kann nicht zu Fuß gehen, das Fleisch ist schwach, denkt Anna, nur der Arm hebt sich, drückt auf den Knopf, ruft den Lift. Sie steigt in den Lift, sieht ihr Gesicht im Spiegel, es ist gelb, es ist so was von hässlich. Anna sperrt die Wohnungstür auf, sperrt die Tür hinter sich zu, sieht auf die Küchenuhr, noch drei Stunden, bis die Mutter und Heinz nach Hause kommen.

Anna steht in der Küche, steht vor der Speisekammer, steht vor dem Kühlschrank, sie steht vor dem Kuchen auf der Anrichte, der Kuchen, den die Mutter gemacht hat, der Kuchen, den sie nicht essen darf, der Kuchen, von dem sich die Hand ein Stück abschneidet und es in den Mund schiebt. Die Hand, die nach dem Brot greift, die andere Hand nimmt das Messer, schneidet eine Scheibe ab, nimmt das andere Messer, die Butter, streicht Butter aufs Brot, schneidet Käse, schiebt Brot in den Mund, schiebt Brot in Anna, bis sie so voll ist, dass sie sich festhalten muss, sie schwankt, sie blinzelt, wischt über die Arbeitsfläche, wischt die Brösel in die Abwasch, stopft das Brotpapier und das Plastik vom Käse in den Müll, steckt die Messer in den Geschirrspüler, stellt die Butter in den Kühlschrank zurück, schleppt sich in ihr Zimmer und fällt aufs Bett.

You should learn when to go, singt Courtney Love, you should learn how to say no, schreit Courtney, »Anna«, ruft die Mutter, sie hat keine Chance gegen Courtney, die Mutter geht zum Stereoturm und dreht die Musik leiser. »Das ist doch nicht gesund«, sagt die Mutter, »hast du nichts zu tun?«

Anna hebt den Kopf und zuckt mit den Schultern.

»Willst du nichts unternehmen«, fragt die Mutter, »du kannst doch nicht das ganze Wochenende herumliegen, wir fahren zum Haus, wir würden uns freuen, wenn du mitkommst.« Anna schüttelt den Kopf.

»Bist du noch immer so traurig wegen diesem Kurt?«, fragt die Mutter und Anna möchte schreien, so laut wie Courtney möchte sie schreien, die Mutter ist doch froh, denkt Anna, dass es aus ist mit Kurt.

»Ich habe meine Tage«, sagt sie, »ich fühle mich wie hingeschissen.«

»Sprich nicht so«, sagt die Mutter.

»Ich fühl mich aber so«, sagt Anna.

»Wenn das so weitergeht, müssen wir zu einem Arzt gehen«, sagt die Mutter und geht aus dem Zimmer. Anna greift zur Fernbedienung und dreht lauter, go on, take everything, take everything, I want you to, wenn es nur Kurt wäre, denkt sie und dass sie selbst schuld ist, wenn sie alleine im Keller, wenn sie alleine auf der Straße mit jemandem, den sie kaum kennt, dass ja nichts passiert ist, denkt sie, dass sie es vergessen muss, das Gewicht des fremden Penis in ihrer Hand, wie er ihn ihr einfach in die Hand gelegt hat, als hätte sie darum gebeten, sie hat ganz sicher nicht darum gebeten, ganz sicher nicht, denkt sie immer wieder.

Anna geht die Stufen hinunter, den Gang entlang nach hinten zum Kaffeeautomaten. Sie spuckt den Kaugummi in den Mülleimer, wirft Geld in den Automaten und drückt auf den Knopf. Kaffee und Kaugummi, denkt sie, heute hat sie nur Kaffee und Kaugummi gegessen, gestern hat sie nur Kaffee und Kaugummi gegessen, wie viele Tage kann sie nur Kaffee und Kaugummi essen bis das, was sie davor gegessen hat, wieder verschwunden ist, bis sie wieder diesen Hunger bekommt. Sie sieht Melli auf sich zukommen, Melli mit ihren langen blonden Haaren und ihren langen Beinen, Melli mit ihren großen Brüsten und ihrem großen Mund.

Melli gibt ihr ein Bussi. Anna will Melli fragen, warum sie nie zurückruft, warum sie nichts mehr mit ihr machen will, will Melli sagen, dass sie sie vermisst, aber sie will nicht hier in der Schule zu heulen beginnen, sie will überhaupt nicht heulen, also fragt sie Melli nur, wie es ihr geht.

»Super«, sagt Melli, »ich hab so viel gelernt, ich hab mich fast überall gebessert, ich schaffe es vielleicht ganz ohne Nachprüfung und meine Mama sagt, wenn ich es schaffe, dann darf ich zum Sonic Youth-Konzert nach Wien fahren.«

»Sonic Youth«, sagt Anna.

»Ja, die Petra will nicht, willst du mit?«, fragt Melli und Anna nickt und Melli lässt sich auch einen Kaffee herunter und sagt: »Der Edi besorgt die Karten. Der Kurt ist auch dabei.«

Anna schiebt sich einen Kaugummi in den Mund und kaut, sie weiß nicht, ob ihr vom Automatenkaffee, vom Kaugummi auf nüchternen Magen oder von der Vorstellung flau wird, mit Kurt gemeinsam nach Wien zu fahren, sie weiß nur, dass sie sich in den nächsten Tagen, in den nächsten Wochen zusammenreißen, dass sie sicher keine Schokolade, dass sie überhaupt nichts Süßes, dass sie nichts Fettes, dass sie überhaupt nur essen wird, wenn sie wirklich großen Hunger hat, dass sie bis zum Sonic Youth-Konzert ein paar Kilo abnehmen muss.

Anna sieht Kurt sofort, obwohl seine Haare nicht mehr blond, sondern braun sind, sie denkt an die Fotos von Kurt Cobain im Schlafanzug mit braunen Haaren, sie denkt, dass ihr Kurt Cobain auf diesen Fotos gefällt. Kurt gefällt ihr nicht mehr wirklich, aber der Stich im Bauch oder ist es das Herz, der Stich in der Mitte ist immer noch da und der leichte Schwindel, als sie auf ihn zugeht, als er sie ansieht, als sie seine Stimme hört, die ihren Namen sagt.

Edis Iro ist grün, er nickt ihr zu, Melli gibt ihr ein Bussi und Anna folgt den anderen auf den Bahnsteig, in den Zug, den Gang entlang zu einem leeren Viererabteil, sie ziehen die Vorhänge zu. Kurt öffnet den Rucksack, derselbe Rucksack wie früher, ein roter Rucksack voll mit Bier. Er macht sich eine Dose auf und trinkt. Er zündet sich eine Zigarette an, alle zünden sich Zigaretten an, alle außer Anna.

»Willst du noch immer wachsen?«, fragt Kurt.

Anna nickt und zuckt gleichzeitig mit den Schultern, schaut weg, wieder hin, hält seinem Blick stand. Er sagt nichts, sagt die ganze Fahrt lang nichts, er trinkt sein Bier, raucht seine Zigaretten und sieht sie hin und wieder an.

Sie sagt auch nichts, hört Edi und Melli zu und sieht Kurt hin und wieder an. Vielleicht hat sie sich deshalb in ihn verliebt, denkt sie, weil auch er nicht reden kann, vielleicht hat er sich deshalb in sie verliebt, weil sie beide nicht reden können. Sie sieht auf Kurts Knie, er hat eine neue Hose, ganz ohne Loch.

Sie steigen aus und folgen Edi, Edi kennt sich aus, sie steigen in eine U-Bahn, die U-Bahn schaukelt hin und her, Kurts Beine schaukeln hin und her, seine Beine sind so lang, sie reichen fast an Annas Beine heran, ihre Beine sind zu kurz.

Sie gehen mit anderen Sonic Youth-Fans die Straße entlang, stehen vor dem Bierstand, vor den T-Shirts, vor der Bühne. Anna versucht über die Köpfe hinweg auf die Bühne zu sehen, Kurt hält ihr eine selbst gedrehte Zigarette hin.

»Das ist keine Zigarette«, sagt er, »das ist was Besseres.«

Now you better take a deep breath, singt Kim Gordon, Anna greift nach Kurts Zigarette, zieht daran, einmal, zweimal, dreimal, trinkt einen Schluck Bier. I guess it’s true it’s never too late, der Rhythmus der Gitarren in Annas Körper, still I don’t know what to do today, der Körper verschwimmt mit dem Rhythmus, oh why can’t I set you free, der Körper wird zum Rhythmus, alles schwillt an, verdichtet sich, sie verdichtet sich, spürt sich und spürt sich auch nicht, spürt etwas in sich und es ist egal, dass sie Kurt nicht mehr sehen kann, es ist egal, dass sie die anderen verloren hat, es ist egal, wer sie ist, wie dick oder dünn, sie will, dass dieser Rhythmus nie mehr aufhört und sie schreit mit den anderen »more more more« und johlt und klatscht und it’s just a dream I had.

Später, als es leise wird, als die Menge sich auflöst, als sie über die Wiese geht, über die Plastikbecher steigt, Kurt und die anderen wiederfindet, als Edi vorschlägt, auf die Band zu warten und die Bandmitglieder wirklich auf dem T-Shirt unterschreiben, das sie sich gekauft hat, ist Anna noch immer high. Sie folgt Edi und Kurt und Melli wieder zur U-Bahn, wieder eine andere U-Bahn, irgendeine Wohnung von irgendeinem Kumpel, sie legt sich auf irgendeine Matratze und später, viel später, liegt Kurt neben ihr und berührt sie nicht.

Die Mutter sagt nichts, Heinz sagt nichts, als Anna ihnen das Zeugnis zeigt. Anna sagt nicht, dass sie in Geschichte und in Biologie und in Chemie und in Latein noch eine Prüfung hätte machen können, dass sie noch bessere Noten bekommen hätte können, wenn sie es nur wirklich gewollt hätte, sie erzählt nicht, dass sie zu faul war, dass sie darauf verzichtet hat, besser zu sein. Sie nimmt das Geld, das Heinz ihr hinhält, das Geld, das Heinz ihr gibt, obwohl er Besseres von ihr gewöhnt ist, sie steckt das Geld ein und dividiert die Summe durch den Preis einer Tafel Schokolade.

»Aufstehen«, hört Anna die Stimme der Mutter, »die Sonne scheint«, ruft die Mutter und zieht den Vorhang über dem Bett zurück, »das Meer wartet auf dich.« Anna fragt sich, ob die Mutter komplett verrückt geworden ist, ob sie wirklich glaubt, dass sie ihr diese Fröhlichkeit abnimmt. »Frühstück«, trällert die Mutter, »na wird’s bald, ich hab Hunger«, sagt Heinz. Dass sie vorgehen, dass sie alleine gehen sollen, dass sie liegenbleibt, will Anna sagen, aber die Mutter zieht Anna die Decke weg und Heinz klatscht in die Hände. Dass sie fünfzehn ist und nicht fünf, will Anna schreien, aber stattdessen läuft sie ins Bad, spritzt sich Wasser ins Gesicht und versucht, nicht in den Spiegel zu sehen. Sie zieht sich an und folgt der Mutter und Heinz hinunter in den Frühstücksraum, folgt ihnen zum Buffet und nimmt sich ein Stück Brot und ein Stück Käse, sie setzt sich zwischen die Mutter und Heinz an den Tisch, trinkt ihren Kaffee und beißt in das Brot, obwohl sie keinen Hunger hat, eigentlich weiß sie nicht, ob sie Hunger hat, eigentlich dürfte sie keinen Hunger haben, eigentlich hat sie nie Hunger in der Früh, eigentlich hat sie gestern genug gegessen, mehr als genug. Sie hat das ganze Menü gegessen, sogar mit Fleisch, sogar das Dessert, und jetzt isst sie das Brot, Weißbrot natürlich, und Käse und sie könnte noch Butter aufs Brot streichen, sie könnte noch ein Brot essen, weil es auch schon egal ist, weil sie es sowieso nicht schafft.

Anna geht hinter der Mutter und Heinz zum Strand, legt sich neben die Mutter und Heinz auf die Liege und liest ein Buch, liest und vergisst den Körper, vergisst, dass er faul und fett auf einer Liege am Strand liegt, genauso faul und fett wie all die anderen Körper hier auch. »Anna«, hört sie die Stimme der Mutter, »willst du nicht mal ins Wasser gehen?« Anna schüttelt den Kopf. »Oder mit mir am Strand entlang spazieren?«, fragt die Mutter, »Bewegung«, hört Anna, »ist wichtig.«

»Ich lese«, sagt Anna und presst die Zähne zusammen, »geh doch mit Heinz spazieren«, sie sieht die Mutter an, die Mutter zuckt mit den Schultern, als wäre sie beleidigt, als wäre sie wirklich beleidigt, dass Anna nichts mit ihr machen will. Die Mutter sieht zu Heinz, »lass sie halt«, hört Anna, sieht ihn aufstehen, der Mutter die Hand auf den Nacken legen, er schiebt die Mutter davon. Danke, denkt Anna, sie darf nie wieder mit den beiden auf Urlaub fahren, sonst wiegt sie am Ende hundert Kilo, eigentlich wundert sie sich, dass sie nicht schon viel fetter ist. Sie sieht die Mutter und Heinz kleiner werden, greift in die Tasche, greift nach dem Tagebuch und beginnt zu schreiben. Sie legt das Tagebuch zur Seite, blickt auf den Bauch, versucht die Bauchdecke nach innen zu ziehen, sie kommt nicht sehr weit, das Abendessen von gestern steckt noch in ihr, das Abendessen von gestern zieht sie runter, warum hat sie es gegessen, warum hat sie diese ganzen Kalorien in sich hineingelassen, sie weiß es nicht, weiß nicht, wann sie zum letzten Mal wirklich Hunger hatte, wann ihr zum letzten Mal etwas geschmeckt hat, wann sie sich zum letzten Mal über etwas gefreut hat.

Anna geht die Straße entlang, sie weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, sie biegt ums Eck, weiß nicht mal, ob sie sich über die Einladung freut, sie steht vor der Tür und wartet. Sie wartet, bis die Tür sich öffnet und Kurt sie anschaut, er lächelt, gibt ihr ein Bussi und dreht sich wieder um. Sie folgt ihm die Stufen hinunter in einen Keller, der fast so aussieht wie der Keller, nur ohne Bar. Es riecht auch nach Keller, nach Bier, nach Zigaretten, Gras, Schweiß und Feuchtigkeit. Einige Leute stehen bei den Instrumenten, Edi nickt Anna zu, ein dicker Typ verbeugt sich in ihre Richtung, Kurt drückt ihr ein Bier in die Hand und deutet auf ein Sofa und darin fast versunken sitzt Paul.

»Was machst du hier?«, fragt Anna.

»Geschäfte«, sagt Paul, zuckt mit den Schultern und grinst und Anna schüttelt den Kopf und lässt sich neben Paul auf das Sofa fallen. Das Sofa ist weich, sie rutschen in der Mitte zusammen, Anna rutscht ein wenig zur Seite und blickt hinüber zu Kurt, sieht die Bierdose vor seinem Gesicht, seine Jeans hat wieder ein Loch. Kurt stellt das Bier ab, die anderen zupfen an ihren Gitarren herum, schlagen auf ihre Gitarren ein, Edi schlägt auf das Schlagzeug und Kurt kreischt ins Mikro, als würde er sterben. Paul berührt Anna am Ellbogen und hält ihr einen Joint hin, sie zieht daran, zieht noch mal daran und trinkt sehr langsam ihr Dosenbier.

»Anna, willst du singen?«, ruft Edi.

»Wir brauchen eine Frauenstimme«, ruft einer der anderen.

»Sie singt nicht«, sagt Kurt.

Anna nickt, sie wünschte, sie könnte singen, schreien, kreischen wie Kurt, auf irgendetwas einhämmern wie Edi, sie wünschte, sie könnte irgendetwas, aber sie kann nichts, sie trinkt weiter an ihrem Dosenbier, zieht wieder am Joint, lehnt sich zurück, versinkt im Sofa, wenigstens ist sie hier, es ist besser als nichts, besser als alleine zu Hause.

»Hey, Anna.«

Sie richtet sich auf, greift nach der Bierdose, die Kurt in der Hand hält, trinkt gegen den schlechten Geschmack im Mund.

»Die anderen sind schon weg«, sagt Kurt.

»Wie spät ist es«, fragt Anna, »ich muss nach Hause.«

»Anna«, sagt Kurt, »ich hab dich lieb.«

»Schon wieder«, sagt sie.

»Ich hab dich immer lieb gehabt«, sagt er.

Anna nickt und Kurts Lippen schmecken nach Zigarettenrauch, nach Bier, sie schmecken ein kleines bisschen vertraut.

Beim nächsten Mal im Proberaum sind sie allein, sie reden so viel wie noch nie, wie normale Menschen, denkt Anna, wie in einer richtigen Beziehung. Ein anderes Mal zeigt Kurt ihr die Akkorde von Polly auf der Gitarre, sie spielt und Kurt singt und sie denkt, sie ist glücklich. An einem anderen Abend im Proberaum ist Kurt betrunken oder eingeraucht oder betrunken und eingeraucht, noch betrunkener und eingerauchter als sonst. Eigentlich, denkt Anna, hat sie ihn noch nie nüchtern gesehen.

»Weißt du«, sagt Kurt, »ich bin scheiße, ich finde mich und mein ganzes Leben, ich finde das Leben an sich scheiße.«

»Ja«, sagt Anna, »ich eh auch.«

»Aber du«, sagt Kurt, »du bist doch nicht scheiße, dein Leben ist nicht scheiße, du hast doch keine Probleme, du machst doch alles richtig. Ich will nicht mehr in die Berufsschule gehen, ich will gar nichts mehr machen, ich will nur mehr Drogen nehmen.«

Er nimmt einen Schluck Bier und sieht sie an. »Ich habe schon Drogen genommen«, sagt er, »richtige Drogen, das ist alles, was ich will.«

Richtige Drogen, denkt Anna, sie denkt über falsche und richtige Drogen nach, als sie nach Hause geht, vom Proberaum über den Hauptplatz, durch die Fußgängerzone, sie denkt darüber nach, wie es wäre mit Kurt und ihr und den richtigen Drogen, bei richtigen Drogen denkt sie an Heroin, bei richtigen Drogen denkt sie an Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, bei richtigen Drogen denkt sie an Go ask Alice, und daran, wie sie geweint hat, als die Protagonistin am Ende stirbt. Vor richtigen Drogen hat sie Angst, denkt sie und sie hasst sich dafür, dass sie Angst hat, dass sie zu feig ist für eine ordentliche Selbstzerstörung, dass sie nicht sterben will, nicht so schnell, dass sie leben will, sie schämt sich dafür, aber eigentlich will sie leben, sie muss mit Kurt reden, aber sie kann nicht reden, reden kann sie noch immer nicht.

»Wo warst du bitte«, sagt die Mutter, als Anna die Tür aufmacht, »wie du stinkst«, und Anna zuckt mit den Schultern, »nur im Keller«, sagt sie, geht in ihr Zimmer und macht die Tür zu. Sie setzt sich an den Schreibtisch, nimmt ein weißes Blatt Papier.

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Objętość:
180 str. 18 ilustracji
ISBN:
9783218012447
Właściciel praw:
Bookwire
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