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Barbara Egert
Wenn die Kindheit Schatten wirft...
Beziehungen . Hochsensibilität . Narzissmus
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Einleitung
I. Wenn die Kindheit Schatten wirft…
Schatteneltern
Alles beginnt schon vor der Geburt
„Deine Mutter – Dein Schicksal“?
Der mütterliche Schatten
Ist die Mutter immer Schuld?
Mütter und Töchter
Mütter und Söhne
Die Schatteneltern von Frido Mann
Die Schatteneltern von Karin
Das Mutterproblem von Sonja
Mutterbindung: Antoine Saint-Exupéry
Mutterbindung: Thomas
Die Rolle des Vaters
Der väterliche Schatten
Väter und Söhne
Licht und Schatten: Hermann Hesse
Schatten ohne Licht: Franz Kafka
Väter und Töchter
Fallbeispiel: Jane und Henry Fonda
Die unterschiedlichen Vatertypen
Der sexuelle Missbrauch
Inzestopfer: Eva erzählt ihre Geschichte
Geschwisterbeziehungen
Was ist Hochsensibilität (HSP)?
Stärken und Schwächen
Welche Rolle spielen die Spiegelneuronen?
Hochsensible Kinder (HSK)
Doublebinds – Doppelbotschaften
II. Folgen einer missglückten Kindheit
Formen des Narzissmus
Die narzisstisch Verwundeten
Wie erkennt man narzisstisch Verwundete?
HSP und narzisstische Verwundung
Identitätsprobleme
Schuldgefühle und schlechtes Gewissen
Fallbeispiel: Anne
Beziehungsprobleme
Das Dilemma von Nähe und Freiheit
Trennungs- und Verlassenheitsängste
Die Täter/Opfer-Beziehung
Hochsensibilität und Beziehungen
Beziehungen zwischen HSP und Nicht-HSP
Beziehungen zwischen HSP und HSP
Wut und Aggression
Folgen der unterdrückten Wut
Umgang mit Wut und Ärger
Die passive Aggression
Angststörungen
Depression
Finsternis der Seele: Die Geschichte von Stefan
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung
Der Süchtige - Flucht in die Sucht
Essstörungen – Wenn die Seele hungert
III. Wie befreie ich mich von den Schatten der Kindheit?
Wie sinnvoll sind Therapien?
Trauerarbeit
Vergebung
Aufarbeitung durch Bewusstwerdung
Wer bin ich wirklich?
Innere Kraftquellen und Widerstandskräfte
Lebenssinn und Lebensthemen
Vertrauen entwickeln
Impressum
Impressum neobooks
Einleitung
Glaubt man den Biografien berühmter Autoren, so hatten die meisten eine wohlbehütete, sonnige Kindheit: der Vater streng aber gerecht, die Mutter einfühlsam und liebevoll. So wünscht man sich seine Eltern; kein Wunder also, dass wir unsere frühen Jahre romantisieren. Es kann und darf einfach nicht sein, dass es anders gewesen sein könnte. Denn wer lebt schon gerne mit einem missglückten Start ins Leben? Die Vorstellung einer heilen Kindheit trägt uns eine ganze Weile. Bei der ersten großen Krise kann es aber nötig sein, unsere Vergangenheit in einem anderen Licht zu sehen: realistischer, näher an der Wirklichkeit. War die Mutter wirklich so, wie wir sie gerne gehabt hätten, war der Vater nicht eher unerträglich als nur streng und gerecht? Wenn es uns gelingt, unliebsame Wahrheiten zu akzeptieren und Idealisierungen aufzugeben, sind wir auf dem besten Weg zu uns selbst.
Ich persönlich glaubte wie viele andere auch, eine völlig normale, sonnige Kindheit gehabt zu haben, bis ein harmloser Streit mit meiner Mutter über eine Einladung zu einem Weihnachtsessen, die ich mit gutem Grund absagen wollte, den Stein ins Rollen brachte. Und dieser Stein rollt noch heute, wenn ich aus einem Traum aufschrecke, in dem ich zu etwas genötigt werde, das mir widerstrebt. Oder wenn jemand meint, über mich verfügen zu können. Kein Wunder also, dass ich diesen Stein näher kennenlernen wollte, um nicht von ihm erdrückt zu werden. Also begann ich, meine Kindheit genauer zu betrachten.
Von Ferne gesehen, etwa aus der Perspektive meiner Geschwister, war alles völlig normal: niemand wurde bei uns misshandelt, keiner wurde geschlagen, von den üblichen Ohrfeigen abgesehen. Doch dann fielen mir Kleinigkeiten ein. Wenn ich krank war, wie verhielt sich meine Mutter da eigentlich? Nahm sie mich in den Arm, tröstete sie mich? Im Gegenteil: „Was hast Du denn jetzt schon wieder?“, das war alles. Überhaupt schien ich ihr eher lästig als willkommen zu sein. Wie ich später hörte, schob sie mich, praktisch wie sie war, samt Kinderwagen auf den Balkon: abgeschoben. Und dort begann mein lebenslanges Gefühl der Einsamkeit und die Angst, abgeschoben, verlassen zu werden. Als ich dann noch erfuhr, dass ich nicht nur unerwünscht, sondern gerade eben zwei Abtreibungen entkommen war, war es aus mit der Illusion meiner heilen Kindheit.
Viele haben Ähnliches erlebt. Bei mir kam noch etwas hinzu, das ich mir erst viel später, leider viel zu spät, erklären konnte: meine Hochsensibilität. Ich erinnere mich an einen Geburtstag, laut, ausgelassen, wie Kinder eben so sind, wenn sie feiern. Warum bekam ich, und nur ich, von all dem Lärm rasende Kopfschmerzen und brach in Tränen aus, weil mir alles zuviel wurde? "Was ist denn mit Dir schon wieder los?", war die einzige Reaktion meiner Mutter, die es nicht besser wissen konnte, obwohl ich sicher gehofft habe, wenigstens von ihr verstanden zu werden.
Heute, eigentlich erst seit zwei Jahren, ahne ich, was damals passierte: Reizüberflutung, typisch für Hochsensible. Inzwischen weiß ich mehr über dieses Phänomen, und dass ich zu jenen 20 Prozent gehöre, die sich endlich ihr sonderbares Verhalten nicht nur als Defizit, sondern als Begabung erklären können.
Wenn jener Stein ins Rollen kommt, der uns weismachen will, eine heile Kindheitswelt beschützen zu müssen, kann einem zunächst angst und bange werden. Fragen tauchen auf: Wie waren meine Eltern wirklich? War ich es eigentlich, der sich für einen Beruf, die sexuelle Identität, Vorlieben und Abneigungen entschied oder waren sie es? Bin ich wirklich ich selbst geworden oder immer noch, auch wenn sie längst gestorben sind, nur ein Abbild ihrer Wünsche und Hoffnungen, eine unter den vielen Figuren im Schachspiel ihres Lebens? Werde ich immer mehr wie meine Mutter, mein Vater, obwohl ich mir so sehr wünsche, mit mir selbst identisch zu sein? Wie dominant die inneren Eltern sind, merkt man, wenn jemand sagt, man rede fast schon so wie die eigene Mutter oder wir uns selbst einreden, dieses oder jenes nicht zu schaffen, ohne zu merken, dass das die Abwertung unseres Vaters war. Langsam erst beginnt man zu ahnen, wie selten man sein eigenes Leben lebt, sondern die Eltern einem immer noch zuflüstern, wie man zu leben habe.
Wie wichtig Antworten auf solche Fragen sind, spüren wir bei Angstattacken, Problemen in Beziehungen, in einer Krise oder wenn wir erkranken und ahnen, dass der Schlüssel zu unserer Gesundung in der Kindheit liegen könnte. Dann müssen wir uns erinnern und versuchen, sie neu zu interpretieren, alleine oder mit Hilfe eines Therapeuten. Kein Grund zu verzweifeln, eher der Beginn, sich und seine Besonderheit besser zu verstehen und sich endlich von den Schatten der Kindheit zu befreien.
I. Wenn die Kindheit Schatten wirft…
„... doch wohin ich schaue, sehe ich das Gebot, die Eltern zu respektieren, nirgends aber ein Gebot, das Respekt für das Kind verlangt.“ (Alice Miller: Am Anfang war Erziehung)
Von Geburt an sind wir Erfahrungen ausgesetzt, deren Auswirkungen uns ein Leben lang begleiten, und wir werden von ihnen bestimmt, ob wir sie wahrnehmen oder nicht. Die in der Kindheit entstandenen inneren Konflikte und die daraus resultierenden Probleme haben unterschiedliche Schweregrade. Je nachdem, wie sehr man verwundet und misshandelt wurde, werden einen die Folgen und Auswirkungen später immer wieder heimsuchen und auffällig häufig um einen bestimmten Themenkomplex kreisen. Diese nachhaltigen Leiderfahrungen können nur gelöst werden, wenn man den Mut aufbringt, sich seinen dunklen Seiten zu stellen und um Bewusstwerdung zu kämpfen.
Ich möchte allerdings nicht nur auf die allerdunkelsten Schatten eingehen, die mit sträflichem Missbrauch verbunden sind, sondern auch die helleren Schattierungen aufzeigen, die in fast jeder Eltern-Kind-Beziehung zu finden sind. Sie hassen und verachten Ihre Eltern vielleicht nicht, sind ihnen aber auch nicht in besonders liebevoller Erinnerung verbunden, weil es große Differenzen gab und Verhaltensweisen der Eltern, die Sie so geprägt haben, dass Sie immer wieder in dieselben „Lebensfallen“ tappen. Eltern, von denen manche meinten, ihr Bestes gegeben zu haben, aber Scheuklappen für Ihr ursprüngliches Wesen und Ihre Bedürfnisse hatten. Welche unterschiedlichen Aufgaben haben Vater und Mutter? Wie nehmen Töchter und Söhne ihre Eltern wahr? Ein gelungenes Miteinander in der Familie hängt von allen Beteiligten ab, aber zunächst sind die Eltern für die gesunde psychische und physische Entwicklung ihrer Kinder verantwortlich.
In meinem nahen und weiteren Umfeld ist – wenn man genau hinsieht - fast jeder zweite Mensch seelisch verwundet, aber erst wenn die Schwierigkeiten und der Schmerz nicht mehr auszuhalten sind, wird nach Hilfe gerufen. Verwandte - vor allem die Eltern - sind in diesen Fällen weniger geeignet, da sie meistens in die Ursachen der desolaten Befindlichkeit verwickelt sind. Freunde, Psychotherapeuten und Astrologen werden heute viel eher und offener als noch vor Jahrzehnten um Unterstützung gebeten, um Licht in die Schatten der Kindheit zu bringen.
Ein gravierendes Problem besteht darin, dass man zwar ahnt, dass seine Schwierigkeiten mit den Erfahrungen seiner Kindheit verbunden sein könnten, aber einem fehlt die konkrete Erinnerung, oder aber man will sich lieber nicht an die ersten Lebensjahre erinnern. Und wenn man es dann doch wagt, weil die Belastungen zu groß geworden sind, dann fehlen einem viele Bruchstücke, und man kämpft vergebens mit den Gespenstern der Vergangenheit. Ich konnte Einblick in die schmerzhaften Erfahrungen so mancher Kindheit gewinnen, und mir wurde immer verständlicher, dass diese lieber nicht ins Bewusstsein gelassen, sondern verdrängt werden. Es ist die bewusste oder unbewusste Angst davor, der Realität der damaligen Erfahrungen und den Kräften, die heute noch vernichtend oder auch subtil in uns schlummern, nicht gewachsen zu sein. Wahrscheinlich halten wir an der Idealisierung unserer Eltern auch fest, da wir meinen, ohne diese vermeintlich positiven Vater- und Mutter-Bilder nicht überleben zu können.
Die Folge ist, dass wir immer wieder in innere Konflikte und äußere Situationen geraten, die Depressionen, Wut, Beziehungsdramen, Rückzug und diverse psychosomatische Krankheiten auslösen, sodass wir nicht in der Lage sind, unseren Lebensweg zufrieden, gesund und sinnvoll zu gestalten. Der Sinn eines Lebens ist oftmals erst zu erkennen, wenn wir wissen, warum diese vielen schmerzhaften Umwege und Erfahrungen notwendig waren und die Ursachen bewusst gemacht, erkannt und verarbeitet werden konnten. Aber es geht nicht nur um intellektuelle Bewusstmachung, sondern um die damaligen Emotionen, die nach-gefühlt werden sollten, denn: „…die Erinnerung, welche die damit verbundenen Gefühle heraufbringt, geben Anlass zur Hoffnung auf Bearbeitung der Kindheit und so auf Verheilung der Wunden.“ (Kathrin Asper: Von der Kindheit zum Kind in uns) Meist ist für diesen leidvollen Prozess eine Therapie notwendig, besonders wenn man ahnt, dass man es alleine nicht schafft, vor den inneren dunklen Dämonen zu kapitulieren. Aber dafür müssen wir mit Mut den Widerstand ersetzen, der uns abhält, unsere Kindheit zu erforschen.
„Die meisten Menschen tun genau das Gegenteil. Sie wollen nichts von ihrer Geschichte wissen und wissen daher auch nicht, dass sie im Grunde ständig von ihr bestimmt werden, weil sie in ihrer unaufgelösten, verdrängten Kindheitssituation leben. Sie wissen nicht, dass sie Gefahren fürchten und umgehen, die einst reale Gefahren waren, aber es seit langem nicht mehr sind. Sie werden von unbewussten Erinnerungen sowie von verdrängten Gefühlen und Bedürfnissen getrieben, die oft beinahe alles, was sie tun und lassen, in pervertierter Weise bestimmen, solange sie unbewusst und ungeklärt bleiben.“ (Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes)
Wenn wir aber nun kapitulieren, weil das innere und äußere Erleben unerträglich geworden ist, und wir uns einer psychologischen Therapie unterziehen wollen, dann wartet schon das nächste Problem auf uns: Wie finde ich einen Therapeuten, der mich empathisch begleitet, der die innere Realität meiner Kindheit anerkennt, der nicht das vierte Gebot über meine Gesundung stellt? Ist ihm das Thema der Hochsensibilität bekannt oder degradiert er mich als viel zu empfindlich? Darüber mehr im Kapitel „Wie sinnvoll sind Therapien?“.
Wenn unsere Kindheit Schatten wirft, dann können diese uns noch viele Jahre – meist lebenslänglich – verfolgen. Wir befinden uns in einer tiefen Dunkelheit, wir leiden und wissen nicht warum, dürfen und können nicht so sein, wie wir sind und sein wollen. Unsere Eltern erzeugten, manchmal ohne es zu wissen, eine Dunkelheit, eine Schattenlandschaft in uns, in die wir später, wenn uns bewusst wird, was mit uns geschehen ist, unter größten Anstrengungen Licht bringen müssen.
Schatteneltern
„Schatteneltern“ - so bezeichne ich jene Eltern, die auf unser Leben besonders dunkle Schatten werfen - sind ein Schicksal, das uns, aus welchen Gründen auch immer, aufgebürdet und als lebenslängliche Aufgabe mitgegeben wurde. Der psychologische Terminus „Schatten“ bezeichnet Wesensanteile, die auch von den Eltern deformiert wurden und die wir verleugnen müssen, sodass sie uns gar nicht bewusst sind. Eltern erzeugen also oftmals nicht nur einen dunklen Schatten in unserer Kindheit, sondern berauben uns auch unseres angeborenen Potenzials, sodass wir vor lauter Verdrängung und Unbewusstheit keine Ahnung von unserem wahren Wesen haben. Nur eines wissen und fühlen wir: Wir werden so, wie wir sind, nicht geschätzt und geliebt, und schließlich lieben wir uns auch selbst nicht. Da wir meistens sowohl Eltern als auch Kind sind, scheint mir eine Erhellung dieser Problematik doppelt notwendig.
Der „Tatort“ Elternhaus begegnet uns in allen sozialen Schichten. In meinen vielen Gesprächen mit Betroffenen kristallisierte sich ein erschreckendes Bild heraus. Es waren nicht nur die kaum zu verarbeitenden traumatischen Erfahrungen durch Gewalt, Inzest und anhaltende Bedrohung, die das Leben und die Entwicklung des Kindes so destruktiv beeinflussten, sondern ebenso die leisen Verletzungen: physische und vor allem psychische Vernachlässigung. Sexueller Missbrauch stellt unzweifelhaft die traumatischste Form einer Misshandlung dar, doch neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass emotionaler Missbrauch, also auch Vernachlässigung, und körperlicher Missbrauch ähnlich schwerwiegende Folgen für die Betroffenen haben können.
Aber Eltern sind keine Übermenschen und machen Fehler wie wir alle. Ein seit Stunden nörgelndes, schreiendes und nicht gehorchendes Kind erzeugt Wut, die manchmal schwer beherrschbar ist. Wenn wir unserem Kind einen leichten Klaps geben, wird es sicher nicht traumatisiert, aber dennoch sollten Eltern ihre Kinder niemals schlagen und ihre heftigen Wutimpulse kontrollieren. Wenn uns die Hand dann doch einmal ausgerutscht ist, sollten wir uns entschuldigen und dem Kind erklären, warum das passiert ist und dass es niemals mehr geschehen wird (hoffentlich). Unzulängliche Eltern sind meist nicht wirklich böse, aber durch ihr Fehlverhalten deformierten sie uns, und wir sind es, die mit den Folgen leben lernen müssen.
Wenn wir davon ausgehen, dass ein Mensch sich selbst (und andere) lebenslang so behandelt, wie er als Kind behandelt wurde, dann müssen wir uns dringend unsere Kindheitssituation im Spiegel unserer Eltern ansehen. Unser besonderes Augenmerk sollte auf die ursächlichen Probleme von Vater und Mutter gerichtet werden, die damals die familiäre Atmosphäre bestimmten und (manchmal eben auch uns) vergifteten.
Schwierigkeiten innerhalb der Ehe der Eltern haben ungeahnte und meist bleibende Auswirkungen auf die Psyche des Kleinkindes. Es ist erstaunlich, wie oft sich bewahrheitet, dass die ungelösten Probleme der Eltern untereinander im Kind wieder auftauchen. Heute glauben wohl nur noch die wenigsten, dass die kleinen Kinder „nichts mitkriegen“ von ihrem Umfeld und der gestörten Atmosphäre, dass sie nicht spüren, welche Wutenergien sie umgeben, manchmal unsichtbar, weil die Eltern ihre Fehden nicht vor dem Kind austragen, aber dennoch ebenso wirksam. Sie können sogar noch gefährlicher sein als offene Auseinandersetzungen, nach denen die Luft wieder rein ist. Hinzu kommt, dass durch die „participation mystique“, einer gefühlsmäßig erlebten Identität, das Kind mit all diesen Emotionen und Gedanken in Form von Energiemustern verbunden wird und ihnen ausgeliefert ist.
„Ein Kind ist so sehr ein Teil der psychologischen Atmosphäre der Eltern, dass geheime und ungelöste Schwierigkeiten seine Gesundheit beträchtlich beeinflussen können. Die ‚participation mystique’, das heißt die primitive unbewusste Identität, lässt das Kind die Konflikte der Eltern fühlen und daran leiden, als ob sie seine eigenen wären. Es ist sozusagen nie der offene Konflikt oder die sichtbare‚Schwierigkeit, welche die vergiftende Wirkung hat, sondern es sind die geheim gehaltenen oder unbewusst gelassenen Schwierigkeiten der Eltern…Dinge, die in der Luft liegen und die das Kind unbewusst fühlt, die niederdrückende Atmosphäre von Befürchtungen und Befangenheit dringen mit giftigen Dämpfen langsam in die Seele des Kindes ein.“ (C.G. Jung: Über die Entwicklung der Persönlichkeit)
Unterdrückte Emotionen und lieblose Verhaltensweisen der Eltern untereinander werden sich meistens auch im Umgang mit dem Kind und besonders in ihm selbst fortsetzen, weil es seinen Zorn und andere Emotionen nicht zeigen darf oder nicht zeigen kann. Wenn Mutter und Vater selbst keinen Zugang zu ihren Gefühlen haben, wissen sie oft nicht, was ein Kind fühlt, denn durch ihre eigenen leidvollen Gefühle in der Kindheit, die sie nicht zulassen durften, sind sie auch später noch von ihrer Gefühlswelt abgeschnitten. Für ein hochsensibles Kind ist die frühkindliche Situation so verfahren und deformierend, dass die gravierenden Folgen lebenslänglich spürbar sein können.
Es gibt so viele dysfunktionale Familien, dass man lange suchen muss, um ein wirklich intaktes Elternhaus zu finden. Eine gestörte Familie zeigt sich unter anderem im Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen, in Zwängen (essen, putzen etc.), ständigem Streiten, Gesprächsverweigerung der Eltern untereinander und mit ihren Kindern sowie dogmatischen Festlegungen (Geld, Religion, Erziehung etc.). Auch wenn die Grenzen des anderen nicht respektiert, die Intimsphäre missachtet, Probleme nicht angesprochen und Gefühle nicht geäußert werden (dürfen), kann man eine Familie als dysfunktional bezeichnen. Wenn die Familienmitglieder ihre Erfahrungen, Bedürfnisse und Gefühle nicht ausdrücken, lernen sie nicht, ihrer eigenen Gefühlswelt zu trauen und schon gar nicht, ein Gespür für die wahren Gefühle eines anderen Menschen zu entwickeln.
Allerdings: „Auf der ganzen Welt scheint man davon überzeugt zu sein, dass die richtige Erziehung darin bestehen muss, konsequent Scham, Zweifel, Schuld- und Furchtgefühle im Kinde zu erwecken.“ (Erik H. Erikson: Identität und Lebenszyklus)
Ob wir als Erwachsene uns nun selbst lieben und schätzen, hängt davon ab, ob unser wahres Wesen früher versteckt werden musste und wir mehr und mehr eine „Als ob“-Persönlichkeit entwickelten, um den Eltern (wenigstens ansatzweise) zu gefallen. In einer Kindheit mit einem emotional kühlen und reservierten Klima ohne liebevolle Anerkennung werden die fehlenden Gefühle oftmals durch Geschenke in Hülle und Fülle ersetzt: Materielle Zuwendungen statt liebevoller Zuneigung. Das alles hat zur Folge, dass wir anderen Menschen nicht spontan und mit offenem Herzen begegnen können, was wiederum zu Gefühlen von Verlassenheit, Leere und Entfremdung in uns selbst führt.
Eltern entdecken in ihren Kindern unweigerlich ihre eigene Kindheit und die oft schwierige Beziehung zu ihren Eltern wieder. Angesichts bestimmter Handlungen, Worte oder Einstellungen ihrer Kinder tauchen sie in die eigene Vergangenheit ein und erinnern sich an die Reaktionen ihrer Eltern. Gefühle von einst werden wach, manchmal nur für den Bruchteil einer Sekunde und deshalb meist unbewusst. Die Schläge, die sie selbst bekamen, verabreichen sie nun ihren Kindern. Dieser Ausbruch, mit dem sie sich abreagieren, verhindert dann, eine einstmals erlebte Demütigung oder Verletzung nochmals zu spüren. Sie lernten von ihren Eltern, dass Gewalt der angemessene Weg sei, Konflikte zu lösen. Um sich selbst zu schützen werden viele Kinder zwar bald vergessen, wie häufig und warum sie geschlagen wurden. Aber später werden sie dasselbe mit Schwächeren tun.
In meinem Umfeld gibt es einen Vater, der früher von seinem eigenen Vater verprügelt wurde und nun selbst sein kleines Kind schlägt. Die Mutter drohte ihm mit dem Rechtsanwalt, wenn er auch nur noch ein Mal dem Kind gegenüber gewalttätig würde. Er begründete seine Maßnahmen damit, dass er früher auch geschlagen worden sei und es ihm nicht geschadet habe. Seine Frau entgegnete ihm: Das glaubst aber nur Du! Sie hat vollkommen recht, denn er ist ein zutiefst gestörter Mensch, der keine Hilfe sucht, weil er seinen eigenen Schwächen und schmerzhaften Erfahrungen gegenüber blind ist.
Über einer Kindheit liegt fast immer ein elterlicher Schatten, aber wir können nicht alle Probleme und Krisen, die uns in unserem Leben begegnen, auf ein Fehlverhalten unserer Eltern zurückführen. In der „Schule des Lebens“ müssen uns eben Schwierigkeiten begegnen, an denen wir wachsen und reifen sollen, und so sind komplizierte Beziehungen, Krankheiten, Probleme am Arbeitsplatz und anderes mehr eine Aufgabe, die uns herausfordert und eine Lösung abverlangt.
Jedes Kind hat seine individuelle Wesensstruktur und jeweils unterschiedliche Bedürfnisse. Ein sehr sensibles Kind - vor allem ein hochsensibles Kind - braucht vielleicht dringend eine Kuschelmutter mit ganz viel Nähe. Ein Kind mit einer eher unabhängigen Natur fühlt sich eingeengt, wenn die Mutter es zu sehr bemuttert etc. Später hat es als Erwachsener Angst vor Trennung oder vor zu viel Nähe. Wenn wir oft kritisiert wurden, weil die Eltern es nicht besser wussten, ist unser Selbstwertgefühl geschwächt. Manche Eltern sind übervorsichtig und kontrollieren ängstlich die Wachstumsschritte ihrer Kinder, die sich somit nicht frei entfalten können und später selbst ängstlich bleiben. Man kann nun diesen Eltern keinen Mangel an Liebe vorwerfen, aber dennoch tun sie ihren Kindern nichts Gutes.
Eine missglückte Eltern-Kind-Beziehung hat unendlich viele Gesichter. Man ist zwar nicht traumatisiert und hegt auch keine Hassgefühle gegen seine Eltern, und doch erzeugen manche Erinnerungen Wut in einem, und man kann sich immer wieder über bestimmte Verhaltensweisen und Reaktionen seiner Eltern schrecklich aufregen. Wenn ich daran denke, dass ich mich nicht entsinnen kann, von meiner Mutter jemals in den Arm genommen worden zu sein, flammt noch heute ein kurzer „heiliger“ Zorn auf, ich fühle mich dann immer noch um die Mutterliebe betrogen. Ich kenne kaum einen, der sich nur positiv an seine Kindheit erinnert. So finden Sie also in den folgenden Kapiteln nicht nur die Dramen einer missglückten Kindheit, sondern auch die leiseren Verletzungen und deren Auswirkungen.
Alles beginnt schon vor der Geburt
In der Erforschung der neun Monate im Mutterleib ist die Wissenschaft zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen, auch was die psychische Entwicklung des ungeborenen Kindes angeht und wie bedeutsam die Rolle der Eltern, vor allem natürlich der Mutter, dabei ist. Die vorgeburtlichen Erlebnisse, das Klima der Ehe haben einen großen Einfluss auf unsere spätere Entwicklung, auf unser physisches und psychisches Wohlergehen. Wenn ein Kind freudig erwartet und nach der Geburt von der Mutter nicht getrennt wird, sondern Körper- und Augenkontakt (Bonding) stattfindet, kann sich zwischen Mutter und Kind ein nachhaltiges Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln.
Alle Emotionen und körperliche Belastungen, denen die Mutter während der Schwangerschaft ausgesetzt ist, haben einen weit reichenden Einfluss auf das werdende Kind. Obwohl diese Tatsache bereits recht bekannt ist, kann sich die Mutter oftmals nicht vor schwierigen psychischen und körperlichen Einflüssen schützen, im Gegenteil: Gerade während dieser neun Monate ist sie oftmals extrem schwankenden Stimmungen ausgesetzt. Besonders wichtig ist natürlich auch die Beziehung zu ihrem Partner, dem Vater des Kindes. Wut, Bedrohungen, Depressionen und partnerschaftliche Differenzen teilen sich sofort dem Ungeborenen mit. Bei Angst etwa werden vermehrt Stresshormone ausgeschüttet, auf die der Fötus entsprechend reagiert. Auch starker, anhaltender Stress ist nicht nur für die Mutter, sondern ebenso für den Fötus und dessen spätere Entwicklung als Kind sehr belastend. Bei Depressionen der Mutter während oder gegen Ende der Schwangerschaft hat man physiologische Werte beim Neugeborenen festgestellt, die einen Hinweis auf diese Beeinflussung geben und nachhaltige Auswirkungen haben können.
Eine Mutter, die ihr Kind nach der Geburt ablehnt, vernachlässigt oder sogar misshandelt, wird es während der Schwangerschaft kaum mit liebevollen Gefühlen verwöhnt haben. So muss man davon ausgehen, dass Kinder, die in diese destruktiven Familien hineingeboren werden, im gewissen Sinne bereits „vorprogrammiert“ sind. Allerdings können wir daraus keine Regel machen, denn die Prägungen des Fötus sind auch von genetischen Grundlagen und anderem mehr bestimmt. Des Weiteren mag die Schwangerschaft für die eine Mutter eine Katastrophe sein, doch wenn das Kind schließlich auf der Welt ist, könnte sie es dennoch lieben lernen. Während eine Mutter, die sich auf ihr Kind freut, schließlich keine Liebe aufbringen und keine echte Bindung herstellen kann.
Unerwünschte Kinder produzieren weniger Bindungshormone, die für eine liebevolle Mutterbindung zuständig sind. Dieser Mangel an Oxytocin bleibt lebenslänglich erhalten und würde so manche Gefühlsproblematik nicht nur mit der Mutter, sondern später auch mit Partnern erklären. Nicht gewollte Kinder, die man versucht hat abzutreiben, sind den größten Ängsten und Bedrohungen ausgesetzt mit der Folge, dass sie sich später dem Leben gegenüber ängstlich verhalten. Hier können während der Schwangerschaft schon massive Ängste auftauchen, nicht überleben zu können. Die verdrängte Wahrnehmung des Ungeborenen, die im Körper gespeichert ist und bleibt, heißt: Todesgefahr. Wenn man wie ich später erfahren sollte, dass man unerwünscht war und abgetrieben werden sollte, dann können sich diese Ängste dennoch nach und nach auflösen, denn man weiß ja später, dass man den Absichten seiner Mutter nicht mehr ausgeliefert ist und nicht mehr in tödlicher Gefahr schwebt.
Neben diesen ersten negativen Prägungen lauern noch andere Gefahren für den Fötus: Die Lebensführung der Mutter hat einen großen Einfluss auf das spätere Leben des Kindes. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft raucht und Alkohol trinkt, können im Kind schon Programmierungen für Süchte, Neurosen etc. stattfinden. Es wurde außerdem festgestellt, dass die Suchtgefahr des später erwachsenen Kindes um ein Vielfaches steigt, wenn bei der Geburt hohe Dosen von Barbituraten oder Opiaten verwendet wurden.
Nicht zuletzt werden Mütter im Laufe ihrer Schwangerschaft oftmals vor neue Fragen gestellt, die ihre eigenen mütterlichen Aufgaben, Herausforderungen und Vorstellungen davon betreffen. Man denkt zurück an die eigene Kindheit, Kinderrolle und Mutter, und das ist nicht immer beruhigend. Es können diffuse oder sogar konkrete Erinnerungen an ihre eigene Mutter und belastende Erlebnisse auftauchen, die, weil sie in Körper und Seele der Mutter gespeichert sind, Einfluss auf die Beziehung zu ihrem eigenen Kind nehmen. Auch hier ist Bewusstwerdung unerlässlich, damit die Fehler und Misshandlungen der eigenen Eltern nicht wiederholt werden.
Doch jeder macht im Laufe seines Lebens auch die unvergängliche Erfahrung von Verbundenheit und Zugehörigkeit, die – wenngleich verschüttet – darauf wartet, von uns wieder geweckt zu werden.
„Sie ist deshalb tief in jedem Menschen verankert, und sie kann daher, wann immer es einem solchen enttäuschten Menschen in seinem späteren Leben gelingt, wieder jemanden zu finden, der sich ihm zuwendet, auch wieder wachgerufen werden. Deshalb steckt in jeder Begegnung mit einem anderen Menschen die Chance, sich selbst wiederzufinden.“ (Gerald Hüther: Das Geheimnis der ersten neun Jahre)
„Deine Mutter – Dein Schicksal“?
C.G. Jung’s Zitat bewahrheitet sich immer wieder, wenn auch nicht für jede problematische Beziehung. Wir wissen, dass eine gute Mutterbeziehung uns Urvertrauen schenkt, ein Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens, des Zutrauens zunächst in die Mutter, also in das Leben schlechthin, und später in uns selbst. Jedes Kind - ja, jede Kreatur - hat das natürliche Bedürfnis, sich positiv von der Mutter gespiegelt zu sehen, Geborgenheit und Sicherheit zu fühlen. Diese Erfahrungen mit der Mutter prägen immer auch unsere späteren Beziehungsmuster, unser Verhalten zu Freunden und Partnern.
Zu den Grundbestandteilen einer guten Beziehung zwischen Mutter und Kind gehören also Gefühle der Sicherheit und Geborgenheit, weil sie die notwendige Basis für einen positiven Lebensweg bedeuten. Körperliche und emotionale Nähe vermitteln uns die Wärme des Angekommen- und Angenommenseins, und wenn die Mutter späterhin so klug ist, uns eine gewisse Autonomie zuzugestehen und die Balance zwischen Nähe und Freiheit zu halten, gibt sie uns Mut und Selbstvertrauen mit auf den Weg.
Besonders wichtig ist mütterliche Empathie, eine ausgeprägte Einfühlsamkeit, mit der sie die Gefühle des Kindes erahnen, verstehen und spiegeln kann. Wenn wir als Kinder einfühlendes Verstehen erfahren, dann fühlen wir uns akzeptiert, geborgen und lernen, unseren Gefühlen zu vertrauen. Empathische Reaktionen der Mutter wirken in uns fort und ermöglichen uns später als Erwachsene, selber empathisch, verständnis- und liebevoll auf andere Menschen zuzugehen. Besonders für hochsensible Kinder ist solch eine Mutter ein Segen, aber trotz aller guten Vorsätze und Bemühungen kann es sein, dass sie von ihrer Veranlagung her dazu nicht in der Lage ist.
Die erste Beziehung unseres Lebens, nämlich die zu unserer Mutter, hat deshalb einen so prägenden Einfluss auf unsere Entwicklung, da sie für die Erfüllung unserer grundlegenden Bedürfnisse von größter Bedeutung ist. Durch ihr Verhalten, ihre Liebe oder fehlenden Gefühle bildet sie die emotionale Grundlage für unsere spätere Kontakt- und Beziehungsfähigkeit, für Selbstakzeptanz und Vertrauen in das Leben und unsere Mitmenschen. Fühlten wir uns fürsorglich und liebevoll behandelt, vernachlässigt, traumatisiert oder wurden wir mit Eigenschaften der Mutter konfrontiert, die so gar nicht zu unseren Bedürfnissen zu passen scheinen? Wichtige Fragen, die beantwortet werden wollen.
Aus einer geglückten Mutter-Beziehung erhalten wir den Glauben an uns, die so wichtige Selbtliebe, Selbstwert und den Mut, dem Leben mit echten Gefühlen und voller Vertrauen zu begegnen und es zu genießen. Kinder brauchen Wärme und Liebe, die sich in späteren Beziehungen dann widerspiegelt. Das Gefühl, wir selbst sein zu dürfen mit allen Eigenschaften, auch den nicht so akzeptablen, und dass wir um unserer selbst willen geliebt werden, ist der Grundstein für unsere eigene Wertschätzung und Liebesfähigkeit.
Der mütterliche Schatten
Wenn über unserer Kindheit ein mütterlicher Schatten lag, fühlen wir uns später nicht angenommen und aufgehoben. Unsere Liebe ist dann mit Schmerz, Zurückweisung und Kühle verbunden, sodass wir schließlich davon überzeugt sind, kein Recht auf Zuneigung und Zuwendung zu haben. Auch wenn wir als Kind immer wieder enttäuscht wurden, statt Liebe und Freude zu erfahren, Gebote, Verbote und Pflichterfüllung im Vordergrund standen, erwarten wir auch später noch, dass sich unsere Wünsche nicht erfüllen werden, wenn wir diesen frühen Geboten entsprechen. Also ziehen wir uns zurück, weil wir den Schmerz von einst nicht mehr fühlen wollen. All diese Befürchtungen und Erwartungen belasten nicht nur unsere Gefühlsnatur, sondern beeinflussen fatal eben auch unsere Beziehungen, zumindest die auf einer intimeren Ebene.
Hätten wir ein grundlegendes Vertrauen ins Leben entwickeln können, müssten wir später nicht dieses Ur-Misstrauen mit uns herumtragen. Bei allem, was gefühlig werden könnte, gehen wir auf Distanz. Durch unsere emotionale Verkapselung, einer Schutz- und Abwehrhaltung gegen die – so meinen wir – mit Sicherheit uns überflutenden Schmerzen, entfremden wir uns von unseren Gefühlen und sind von unseren Wurzeln abgeschnitten. Wir wollen uns emotional geborgen und zugehörig fühlen, aber wir isolieren uns und weisen andere in ihrem Bemühen, uns näher zu kommen, zurück: Das, was wir selbst früher erfahren haben, geben wir später weiter, ja, strahlen es geradezu aus.
Wenn wir als Kinder einst nicht ausreichend geliebt wurden, empfinden wir später ein großes Loch, eine Leere in uns. Oft fallen wir als Erwachsene in einen dunklen Abgrund, ohne zu wissen, warum wir uns so desolat und ungeliebt fühlen, wo es doch Freunde und Freundinnen gibt, die uns soviel Zuneigung entgegen bringen. Aber es ist eben nicht die Liebe der Mutter! Wir haben nur diese eine Mutter in unserem Leben, und wenn wir deren Liebe nicht erfahren haben, fühlen wir uns betrogen und nicht liebens-wert. Denn wenn wir es wären, hätte uns unsere Mutter geliebt (vielleicht hat sie uns ja geliebt, aber wir haben es nicht gefühlt). Aus diesem ganzen Gefühlschaos entwickeln sich nicht selten Depressionen, verbunden mit starken Angstgefühlen, und hier liegt der Beginn unserer narzisstischen Verwundung, der schmerzhaften Störung unseres Selbstwertgefühls, der Liebe zu uns selbst.
Auch ruht in uns als Kind latent die Angst, dass die Mutter uns verlassen könnte, uns fehlt das für ein Kind so wichtige Vertrauen. Durch all diese gespeicherten frühkindlichen Erinnerungen werden wir in Situationen, bei denen unser Stabilitätsgefüge ins Wanken kommt, unsere Sicherheit bedroht erscheint, Angst bekommen.
Die Fähigkeit zur Empathie ist uns zwar angeboren, wenn allerdings unsere Gefühle in den ersten Lebensjahren nicht gespiegelt wurden, wenn wir die Einfühlung der Eltern nicht erfahren haben, dann bleibt uns zunächst – oder ohne entsprechendes Bemühen für immer –der Zugang zu unseren Gefühlen verschlossen und die positiven Anlagen verkümmern. Das erklärt auch, wieso empathische Menschen so selten anzutreffen sind. Besonders betroffen sind hier die hochsensiblen Kinder, die ihre schönen Anlagen der hohen Empfindsamkeit, Einfühlung und sensitiven Wahrnehmung verstecken müssen, um nicht ständig gehänselt und missverstanden zu werden.
Wie viele Anstrengungen, fast schon Verzweiflungstaten, werden unternommen, um geliebt zu werden: Geschenke, die über unser Budget hinausgehen, Leistungen, die uns an den Rand unserer Kräfte bringen, gemeinsame Reisen, die uns eigentlich ein Gräuel sind, von der Mutter aber gewünscht wurden, und vieles andere mehr. Wenn ich das und das bewältige, schenke, für sie tue, dann wird sie mich lieben. Im besten Falle erhalten wir Anerkennung oder ein bisschen Dankbarkeit, aber dieses einmalige Gefühl, dass wir selbst und nur wir und nicht unsere Leistung, unsere Geschenke gemeint sind, bleibt uns vorenthalten.
Ist die Mutter immer Schuld?
Die nachfolgenden Überlegungen sollen die eklatanten Fehl- und Misshandlungen manch einer Mutter nicht beschönigen oder entschuldigen, dennoch halte ich es für angebracht, sich auch einmal in die Situation einer Mutter hineinzuversetzen:
Sicher können wir ihr ausnahmslos die Schuld an allen Versäumnissen und Problemen geben. Warum aber, wenn etwas schiefläuft, sie an allem Schuld sein soll, ist für die Frauen, die meinen, ihr Bestes gegeben zu haben, natürlich deprimierend. Es wird im Allgemeinen nicht ausreichend beachtet, dass junge Frauen aus diversen Gründen überfordert waren, selbst mit Problemen zu kämpfen hatten und oftmals auch nicht mehr Liebe geben konnten, weil ihre eigene Kindheit durch mangelnde Bemutterung lieb- und freudlos war. Vor allem ältere Generationen, die viel autoritärer erzogen wurden und wo die „schwarze Pädagogik“ gang und gäbe war, haben – leider unreflektiert - das fortgesetzt, was sie selbst erfahren haben, und psychologische Ratgeber waren damals noch eine Seltenheit.
Völlig unbekannt war die Veranlagung zur Hochsensibilität, und so wurde eine beispielsweise hochsensible Mutter von ihrer eigenen Mutter nicht verstanden und so akzeptiert wie sie war. Die Folge ist, dass sie dann auch nicht mit ihrem hochsensiblen und etwas komplizierten, ja, sogar „zickigen“ Kind umgehen kann. Auch dann, wenn sie es in der Erziehung ihrer Kinder besser machen will als ihre eigene Mutter, es wird nur selten gelingen.
Eine Mutter ist schnell überfordert: Durch das Kind, durch sich selbst als noch nicht ausgereifter Mensch und durch Spannungen in der Ehe oder wenn sie allein erziehend ist. Wenn zum Zeitpunkt der Geburt die Situation der Eltern - auch unverschuldet - problematisch war (Krankheit, Verlust des Arbeitsplatzes etc.), bedeutet das für das Kind eine schwere spätere Belastung. Hinzu kommt, dass jedes Kind unterschiedliche Bedürfnisse hat, die auch von einer sehr gutwilligen Mutter einfach nicht alle erfüllt werden können. Stellen wir uns eine Mutter vor, die ihr Kind zwar liebt, aber eben auf eine etwas distanzierte und unstete Art. Nun braucht das Kind aber empathische Zuwendung und innige Nähe, es verlangt nach Symbiose. Wer ist "schuld", wenn diese Beziehung scheitert? Warum hat dieses Kind solch eine gegensätzliche Mutter bekommen und vice versa?
Es ist bekannt, dass jedes Kind seine Eltern anders wahrnimmt, das heißt, das eigene Temperament und die ureigensten Bedürfnisse haben einen großen Einfluss auf eine geglückte oder misslungene Mutterbeziehung. Ich kenne Familien mit mehreren Kindern, und habe selbst noch vier ältere Geschwister, deren Sichtweisen und Schilderungen des mütterlichen Bildes doch weit auseinander gehen. Da wir die Wahrnehmung unserer mutterspezifischen Eigenschaften projizieren, müssen wir also versuchen, dieses subjektive Bild in uns auszublenden oder zu wandeln und eine realistische Sichtweise der mütterlichen Eigenschaften in uns zu aktivieren – nur so hat die reale Mutter eine Chance.
Viele Mütter fühlen sich andererseits wegen ihrer fehlenden Gefühle dem Kind gegenüber schuldig, denn sie können dem eigenen Anspruch einer selbstlos liebenden Mutter nicht genügen. Eine werdende Mutter ist eben nicht zwangsläufig eine liebende Mutter, und auch nach der Geburt kann sie dieses Gefühl nicht erzwingen. Sie sollte sich aber im Klaren darüber sein, dass das Kind ihre fehlenden Gefühle und Empathie spürt, die in ihm eine gerechte Wut auslösen. So wie die Mutter das Recht hat, ihr Kind – aus welchen Gründen auch immer – abzulehnen, ebenso hat das Kind ein Recht auf seine Wut, abgelehnt oder unerwünscht zu sein, die von der Mutter gesehen und verstanden werden sollte.
Wie belastend auch immer die Situation der Mutter, der Eltern sein mag: Wer sein Kind misshandelt, schädigt es zutiefst. Eine paradoxe Situation: Man selbst ist schuld, aber noch schuldiger fühlt sich das Kind. Tatsache ist und bleibt: Gewalt an Kindern ist grober Missbrauch und eine Straftat, die durch nichts zu entschuldigen ist.
Mütter und Töchter
Wir Töchter tragen die eine Sehnsucht in uns - auch wenn wir sie zeitweilig heftig leugnen -, von unserer Mutter geliebt zu werden. Auch möchten wir in unserer Gesamtheit gemocht und wahrgenommen werden. Wir wünschen uns, dass die Mutter unsere Fehler verständnisvoll akzeptiert oder zumindest toleriert, uns unseren Weg gehen lässt mit all den Umwegen, die dazu gehören. Sie sollte uns die Freiheit lassen, selbstständig zu handeln und zu entscheiden, aber auch immer für uns da sein, wenn wir Schutz und Hilfe brauchen. Kurz: Unser Traum ist die Ideal-Mutter.
Die kulturellen Klischees, wie eine Mutter zu sein hat, ändern sich kaum. Sie entsprechen auch heute noch mehr oder weniger den Erwartungen der meisten Töchter. Aber auch die Mutter-Ideologie erlegt den Müttern auf, vor lauter Liebe und Fürsorge nur noch glücklich in das Antlitz des geliebten Kindes zu blicken, ob es sie schon seit Stunden nachts wach hält, selten gehorcht oder wie eine Nervensäge schreit. Dass diese idealisierten Erwartungen kaum zu erfüllen sind, auch nicht von der besten aller Mütter, begreifen die verletzten Töchter eventuell erst spät, manchmal zu spät, und dann sind die Kluft und Abneigung bereits unüberbrückbar.
Wenn Mütter den Forderungen ihrer Töchter „Sei die Mutter, die ich brauche, nicht die Mutter, die Du bist“ nachkämen, dann gäbe es sicherlich kaum Schwierigkeiten in ihren Beziehungen, aber auch weniger Chancen zum Wachstum – für beide. Die Klagen der Töchter beginnen meistens mit: „Wenn sie doch nur…..... wäre/hätte“, und dann folgen unendlich viele Wünsche, die sich je nach Alter der Töchter ändern und immer noch und immer wieder die Hoffnung beinhalten, dass ihr Verhältnis zu ihrer Mutter doch liebevoller oder endlich so vollkommen werden möge, wie sie sich diese einmalige Beziehung gedacht hatten.
Heutzutage ist das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern weitaus lebendiger und offener, als wir es von unseren Großmüttern zu unseren Müttern kennen, aber Tatsache war und ist, dass die Mutter eine Autorität für die Tochter ist und zum Leidwesen der Tochter noch allzu lange all-mächtig bleibt, wodurch sie einen enormen Druck ausüben kann. Aber auch viele Mütter können sich nicht von ihren Töchtern lösen, da helfen auch die Pubertät der Tochter und alle Bemühungen, sich so schrecklich wie eben möglich zu verhalten, nicht. Als ich mit 16 Jahren in meine Juliette-Gréco-Phase kam, nur noch schwarz gewandet herumlief, lautstark französische Chansons hörte und hustend versuchte, Gauloise zu paffen, konnte nur mein Vater ein Machtwort sprechen, meine Mutter war für mich nicht mehr maßgeblich.
Der in der Pubertät notwendige Ablösungsprozess kann zwar von der Tochter mehr oder weniger vollzogen worden sein, aber die Mutter hält weiter fest, und dann beginnen die nervenden Kämpfe und Probleme, die bis zu einer endgültigen äußeren Trennung führen können. Die innere Trennung, so scheint es jedenfalls, ist kaum möglich, denn die Emotionen, die noch nach Jahren ausbrechen, wenn das Gespräch auf Mutter oder Tochter kommt, bezeugen die Intensität der inneren Bindung.
In einer Untersuchung, in der 60 Frauen befragt wurden: “Wolltest Du werden wie Deine Mutter oder ganz anders?“ antworteten 58 Frauen eindeutig: „Anders, ganz anders, bloß nicht wie meine Mutter“. Bei manchen Frauen zeigt sich diese Ablehnung dann in etwas ab-wegigem Verhalten, das ihrem eigenen Naturell gar nicht entspricht. Sie lebten nun das exakte Gegenteil ihrer Mutter und damit gegen ihr eigenes Wesen. Diese Oppositionshaltung kann sich in sehr vielen Eigentümlichkeiten und Eigenarten zeigen, jedoch ist eines sicher, solange sich die Tochter so konträr verhält, hat die Mutter sie noch fest im Griff.
Wir mussten als Kinder glauben, dass unsere Mutter vollkommen und immer für uns da ist, weil wir damals von ihr abhängig waren und sie eben die Welt, das Leben schlechthin für uns bedeutete. Sogar misshandelte oder abgelehnte Kinder rufen und sehnen sich immer noch nach ihrer Mutter, weil der tiefe Wunsch oder die Illusion, eine liebende Mutter gehabt zu haben, übergroß und (über-) lebenswichtig ist.
„Es ist besser, wenn wir als Kinder so früh wie möglich lernen, dass Mutter uns zwar liebt, aber nicht ausschließlich.“ Und: „Der Mythos, dass Mütter ihre Kinder immer lieben, ist so beherrschend, dass selbst eine Tochter, die zu einem gewissen Zeitpunkt zugeben muss, dass sie ihre Mutter nicht mag, nichts als positive Empfindungen gegenüber ihren Kindern äußern wird.“ (Nancy Friday: Wie meine Mutter)
Abgesehen von den drastischen missbräuchlichen Verhaltensweisen der Mütter erscheinen viele Beziehungen zwischen Töchtern und Müttern nicht durchweg schlecht oder problematisch, bei genauerem Hinsehen jedoch sind sie aber eben doch ziemlich kompliziert und von zuweilen chaotischer Struktur. Die emotionale Bindung zwischen Müttern und Töchtern ist sehr stark, und Mutterliebe und Mutterhass liegen manchmal nahe beieinander. Nur kann man über letzteres nicht sprechen, da es meist an Frevel grenzt, die Frau, die uns das Leben geschenkt hat, so total abzulehnen.
Mütter und Töchter sind eben auf besondere Weise miteinander verbunden, denn durch diese primäre Beziehung bildet sich das Ich-Gefühl, die Identität einer Tochter, einer Frau, ihr Selbst-Verständnis von Gefühlen und der Bedeutung, eine Frau zu sein, was den weiblichen Körper und die Sexualität mit einschließt. Was wir von unserer Mutter erwarten und erhoffen, ist von jener kaum zu erfüllen, aber sie ist nun mal der einzige Mensch, an den wir all unsere Wünsche richten können, und außerdem sind wir in der Kindheit davon überzeugt, dass sie alles kann, wenn sie nur will.
Bei einer Tochter äußert sich ein negativer Mutterkomplex unter anderem darin, dass sie um keinen Preis wie ihre Mutter sein will, alles – nur nicht wie die Mutter. „Das Verblüffende an diesem Phänomen ist die Tiefe der Angst und der eingewurzelte Glaube an die negative Macht der Mutter, die für so groß gehalten wird, dass, wenn die Tochter auch nur im geringsten wie ihre Mutter ist, diese Macht sich wieder einstellt und auf andere die gleiche Wirkung hat, wie sie auf die Tochter hatte – so glaubt die Tochter jedenfalls.“ (Kathie Carlson: Nicht wie meine Mutter)
Ihr Unbewusstes ist vergiftet durch die verinnerlichten Eigenschaften der Mutter, die eine ungewollte Bindung erzeugen und sie oft genug in dunkle Tiefen ziehen. Das ist auch einer der Gründe, warum Töchter sehr früh heiraten. Sie realisieren allerdings nicht, dass damit die Mutterbindung nicht gelöst, die Fixierung an sie nicht gelöscht wird. Ein negativer Mutterkomplex kann später durch eine Episode, das Verhalten eines anderen Menschen oder einen Traum etc. aktiviert werden. Alle mit diesem Komplex verbundenen verschütteten Emotionen überfallen sie und lassen sie so heftig reagieren, dass sie selbst und ihr Umfeld erschrocken sind. Und sie dachten, sie hätten die Mutterproblematik überstanden…Weit gefehlt, sie war nur eine Zeit lang nicht präsent.
Wir sind so emotional und verstrickt in alte Gefühlsmuster, dass wir unsere Mutter und Kindheit nur schwer mit einer gewissen Distanz betrachten können. Wir werden eher selektiv die schwierigen Eigenschaften unserer Mutter wahrnehmen. Die negativen Gefühle setzen sich in uns fest, und all die liebenswerteren Wesenszüge werden ins Unbewusste verbannt. Wenn der Archetypus der Großen (schrecklichen) Mutter in sie projiziert wurde, dann sind diese Projektionen sehr langlebig und nur mit größten Schwierigkeiten aufzulösen. In Gesprächen über unsere Mutter heißt es dann meistens: „Sie konnte auch nett sein, aber…“, wobei das „Aber“ die zeitweilig wahrgenommene Nettigkeit quasi wieder auslöscht. Wahrscheinlich kommen die Betroffenen nicht umhin, zur Aufarbeitung und Bewältigung alle Emotionen noch mal zu durchleben. Anders geht es nicht! Man löst das Problem nur durch Bewusstwerdung der Vergangenheit.
„Viele Mütter neigen dazu, die Tochter mehr noch als den Sohn als Teil des eigenen Selbst zu sehen, und das führt dazu, dass sie die Eigenart der Tochter und ihre individuellen Bedürfnisse ungenügend wahrnehmen..... Die Mutter kann in ihrer Tochter auch abgelehnte Teile ihrer eigenen Person unbewusst wahrnehmen, die sie dann in der Tochter bekämpft.“ (Margarete Mitscherlich: Die friedfertige Frau)
Wenn Töchter vor lauter Ablehnung, Wut und Verzweiflung oft am liebsten vorzeitig das Elternhaus verlassen möchten, haben sie auch triftige Gründe. Älter gewordene Töchter setzen sich bewusster mit einer Mutter auseinander, die selbst in ihrer ganz speziellen Problematik gefangen ist und offenbar nur sich und ihre Krisen sieht. Sie beneidet ihre Tochter um deren Jugend, Lebendigkeit und Freunde und gönnte ihr das nicht, natürlich nicht offen und direkt, sondern auf subtilere Weise. Ich hatte eine Kollegin, die jedes Mal, wenn sie mit ihrer Familie in Urlaub fahren wollte, schon darauf wartete, dass ihre Mutter genau zu diesem Zeitpunkt krank wurde und jammerte, sie müsse sicherlich ins Krankenhaus oder würde sogar sterben.
Nicht einfach zu enträtseln sind auch die in dem Kapitel „Doublebinds“ verdeutlichten Doppelbotschaften der Mütter, wenn sie etwa klagen: “Geh nur aus, ich komme schon allein zurecht…“, die die Tochter in eine missliche Lage bringen. Der Abend, an dem die Tochter sich mit ihrem Freund treffen will, ist überschattet von den unausgesprochenen, aber angedeuteten Wünschen der Mutter, die ja immer alles für ihr Kind getan hat und nun diesen Feiertag alleine verbringen muss. Dieser durch die Doppelbotschaften entstandene moralische Druck macht wütend und hilflos, da diese Wut nicht gezeigt und ausgesprochen werden darf, denn die Mutter könnte dann in Tränen ausbrechen oder einige Tage mit leidendem Gesicht herumlaufen und der Tochter ein permanent schlechtes Gewissen machen.
Und dann sind da noch Schuldgefühle, die wechselseitig zwischen Müttern und Töchtern entstehen und zumeist die Töchter vergraulen. „Ich habe mich für Dich aufgeopfert“, ist ein Kernsatz, der solche Schuldgefühle in der Tochter erzeugt, dass sie wie gelähmt ist, obwohl ihre persönliche Erfahrung und ihr gesunder Menschenverstand ihr sagen, dass soviel Aufopferung gar nicht stimmen kann.
Andererseits haben viele Mütter Angst, ihrer Tochter nicht ausreichend Zeit und Zuwendung geben zu können, überhaupt wenn sie berufstätig oder allein erziehend sind. Das Bemühen, eine „perfekte“ Mutter zu sein, ist hoffnungslos zum Scheitern verurteilt und doch plagen sich die Mütter mit einem schlechten Gewissen und der Angst, nicht „gut genug“ zu sein. Töchter, die trotz aller liebevollen Bemühungen der Mutter abweisend und wenig zugänglich sind, erzeugen in ihr immer wieder Schuldgefühle.
Durch meine Recherchen zum Mütter/Töchter-Thema und meinen eigenen Erfahrungen und Gesprächen wurde mir immer bewusster, dass diese Beziehung stets von hoher Emotionalität ist, dass sie noch lange, oftmals über den Tod der Mutter hinweg, kaum an Intensität verliert. Wenn man scherzt: „Im Zweifelsfall ist immer die Mutter schuld“, wird das allzu beifällig begrüßt, erspart es doch den Töchtern, den eigenen Schatten und ihren Beitrag zu diesem Teufelskreis wahrzunehmen.
Der Tochter bringt es später nichts mehr, ihrer Mutter für alles Negative, was in der Vergangenheit zwischen ihnen geschah, die Schuld zu geben. Ich denke, wir erwachsenen Töchter könnten versuchen, die Vergangenheit – nun mit etwas mehr Distanz – zu verstehen, es sei denn, die Mutter hat uns grob misshandelt und uns nachhaltig geschädigt. Hatte man z.B. eine Alkoholikerin zur Mutter und unter ihr sehr zu leiden, so würde ich mir die Frage stellen, durch wen oder was war meine Mutter so voller Angst, dass sie die Realität ohne Bewusstseinsveränderung nicht mehr aushielt? Kaum eine Mutter ist nur schlecht, und zu bedenken, was sie an Gutem für uns getan hat, helfen sicher auch, unseren Groll und ihre Verneinung abzubauen. Vielleicht können wir auch im Nachhinein Mitgefühl entwickeln, weil die schwierige Lebensgeschichte der Mutter, angefangen von dem vielleicht miserablen Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter bis zur Aufgabe all ihrer Jugendträume (durch Krankheit, Scheidung, soziale Probleme etc.), uns nachsichtiger und weichherziger werden lässt.
Auch die Schattenproblematik zwischen Müttern und Töchtern ist ein enorm wichtiges Thema. Stellen wir uns vor, dass eine Tochter im Laufe ihrer Adoleszenz die Welt der männlichen Wesen und ihre Sexualität entdeckt. Es wird nicht ausbleiben, dass sie sich aufreizend anzieht, beginnt, Augen und Lippen in schwarz-rote Gemälde zu verwandeln und sich abends, längst nach der von den Eltern fest gesetzten Zeit, in ihr Zimmer schleicht.
Stellen wir uns weiter vor, dass die Mutter in einem prüden Elternhaus erzogen wurde und früher gerne auch ihre Erfahrungen gemacht hätte. Aber ihr Umfeld und Elternhaus gestatteten ihr keine Experimente mit dem anderen Geschlecht, und so heiratete sie früh ihren Jugendfreund. Der Schatten der Mutter, also die abgelehnten und ungelebten Teile in ihr, die sie aus diversen Gründen nicht akzeptieren kann und somit verdrängen muss, bekämpft sie nun in der Tochter und lässt sie wütend schimpfen, sie solle ihr bloß nicht mit einem Kind nach Hause kommen bzw. sich wie ein Flittchen anziehen etc. Es wäre für Mütter der heranwachsenden Töchter äußerst hilfreich, wenn sie sich psychologische Kenntnisse aneignen könnten, die beiden – zumindest einige – heftige Auseinandersetzungen und Missverständnisse ersparen würden.
Ein Verständnis dieser psychischen Prozesse täte beiden gut. Auf einer übergeordneten Ebene würde ich persönlich davon ausgehen, dass wir genau die Mutter bekommen bzw. die Mutter genau die Tochter bekommt, die für beide in diesem Leben richtig ist – als eine Herausforderung und Chance im Sinne unserer Individuation.
Mütter und Söhne
Der Einfluss einer Mutter auf ihren Sohn ist von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung seiner Gefühlswelt. Sie stellt die entscheidenden Weichen für die spätere Beziehung ihres Sohnes zu Frauen, sie beeinflusst seine intimen Bedürfnisse und wie er später seine Rolle als Vater versteht. Die Welt des Weiblichen, mit der er durch die Mutter in Berührung kommt, umfasst symbolisch: Natur, Hingabe, Gefühle, Vertrauen in das Leben, emotionale Beziehungsfähigkeit, Fürsorge etc.
Später wird und sollte sich das Verhältnis zu seiner Mutter verändern, da die Symbiose zwischen Mutter und Sohn gelöst werden muss, er sich der Welt des Männlichen zuwenden kann. Hierbei ist der Vater, als erste männliche Bezugsperson, von großer Bedeutung, da er seinem Sohn als Vorbild dient. Falls die Bindung an die Mutter sehr stark ist, sollte im Idealfall der Vater ihn mit seiner männlichen Präsenz aktiv beeinflussen.
Es hängt vom Wesen der Mutter ab, welche wichtigen inneren Werte sie dem Jungen vermitteln kann: Eine gefühlige Mutter ist die, die ihre Rolle als Frau gerne ausfüllt und sich geliebt fühlt, weil sie sich selbst völlig akzeptiert. Andere Faktoren können die Mutter/Sohn-Beziehung ganz anders beeinflussen: Sie ist ein Denk- oder Empfindungstypus, hält noch an traditionellen Geschlechterrollen fest, verwöhnt ihren Sohn oder erzieht ihn lieber streng. Und: Kann sie das Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz halten (siehe auch das Kapitel „Das Dilemma von Nähe und Distanz“)?
Bei einer negativen Mutterbindung geben beide ihre Eigenständigkeit und Freiheit auf, und sie bleiben aneinander kleben. Solch eine Bindung ist oft stärker als die Beziehung zur eigenen Ehefrau: Der Mann fühlt sich immer noch vorrangig seiner Mutter verpflichtet, obwohl er eigenständig und getrennt von ihr wohnt. Ihre Gespräche klingen oft so, als seien sie miteinander verheiratet. Ursache ist meist eine Mutter, die ihren Sohn nicht loslässt oder aber ein fehlender Vater (bzw. männliche Bezugsperson), der dem Kind weder Vorbild noch Identifikationsfigur sein konnte.
Oft heiratet ein Mann mit einem negativen Mutterkomplex erst spät - wenn überhaupt - und dann je nach Mutterbild einen mütterlichen oder dominanten Frauentyp. Er bleibt aber in unbewusster symbiotischer Verbundenheit mit seiner Mutter, die weiterhin sein Leben bestimmt und die Ehe nachhaltig stört. Bekanntlich haben homosexuelle Männer mit starker Mutterbindung ein erstaunliches Einfühlungsvermögen, Sinn für Ästhetik und eine sensible Empfänglichkeit.
Der Sohn muss sich also - anders als die Tochter - zur Identifikation mit dem Vater von der Mutter lösen. Oftmals bleibt er jedoch durch unbewusste Inhalte an die Mutter gebunden, die die oben beschriebenen Gefahren (Komplexbildung, Identitätsprobleme etc.) mit sich bringen. Die unterschwelligen Emotionen werden in die späteren Partnerschaften des Sohnes übertragen, d.h. er stößt immer wieder auf Frauen, die seinem Bild von Weiblichkeit (seiner Anima) entsprechen. Sicher projizieren wir alle mehr oder weniger, wäre es anders, gäbe es wahrscheinlich weniger Scheidungen. Aber die von einer Mutterbindung geprägten späteren Beziehungen sind für den Sohn, aber mehr noch für die Partnerin, besonders problematisch.
Wenn der Sohn selektiv einen distanzierten und vielleicht etwas spröden Gefühlsausdruck bei seiner Mutter wahrnimmt - ungeachtet ihrer wirklichen Wesensart -, wird er später in Beziehungen selbst ernsthaft und verschlossen wirken. Diese Ausstrahlung macht eine Kontaktaufnahme nicht ganz einfach, weil sie andere Menschen zögern lässt, auf ihn zuzugehen, woraus der Betreffende folgert, er sei nicht beliebt oder liebenswert. Wenn Gefühle von ihm erwartet werden, flieht er lieber.
Die Schatteneltern von Frido Mann
Während ich an diesen Texten arbeite, begegnet mir „zufällig“ die Autobiografie von Frido Mann, dessen Lebensgeschichte ich mit wachsender Fassungslosigkeit las, wird sie doch massiv durch „Schatteneltern“ bestimmt. Wiederum finden wir bestätigt, dass psychische und physische Kindheitsverletzungen in allen sozialen Schichten vorkommen können. Wir erfahren hier, wie sich der Mythos einer hoch neurotischen Familie in Frido Mann fortsetzt.
Vater Michael, der jüngste Sohn von Katia und Thomas Mann, war zunächst Musiker und lehrte später als Professor für Deutsche Literatur an der Universität von Kalifornien, Berkeley. Während Vater Thomas Mann seinen Sohn Michael „ausgesprochen schlecht behandelt hat“, wurde Frido der Lieblingsenkel des Großvaters, blieb aber der ungeliebte Sohn seines eigenen Vaters. Frido verbrachte seine ersten Lebensjahre in Kalifornien, aber nicht etwa in seinem Elternhaus, sondern er wurde über all die Jahre monatelang zu den Großeltern geschickt.
Zurück von der ersten Europareise 1947 bringen die Eltern ihn wieder bei den Großeltern unter, weil sie auf eine lange Konzertreise gehen. Dieses Abschiebungsmuster setzt sich in Amerika fort, bis Frido 1949 in die Schweiz umgesiedelt wird, dort bei den Großeltern mütterlicherseits wohnt und seine Eltern für ihn „kaum mehr erreichbar“ sind. Aber dann erscheinen die Eltern doch mal wieder und mieten sogar ein Haus am Wolfgangsee; die Familie (der 2 Jahre jüngere Bruder Toni teilt das Schicksal von Frido) ist für einige Zeit vereint. Als die Eltern wieder auf Konzerttournee gehen, wird sich eine junge Hausangestellte um die Kinder kümmern.
Ende September 1952 steht eine 2-jährige Weltreise der Eltern an, und die Kinder werden in einem Internat in Bern untergebracht: „Nimmt denn das nie ein Ende? Diese ständige Fremdbestimmung, dieses unaufhörliche Hin-und-her-Geschubse? Panische Angst vor dem Alleingelassenwerden und dem Alleinsein.“ (Alle Zitate aus „Achterbahn“ von Frido Mann) Nein, es nimmt kein Ende. Die Eltern wollen 1955 für immer nach Amerika zurückgehen, und es wird beschlossen, dass Frido in das Haus seiner inzwischen verwitweten Großmutter Katia zieht und in Zürich das Gymnasium besuchen soll. Seine Eltern sind für ihn außer „in einer dünnen Briefkorrespondenz“ nicht zu erreichen. Zwei Jahre vor seinem Abitur darf er mit Toni seine Eltern in Amerika besuchen. Zum Abschied, der ihm sehr schwerfällt, fragt er seine Mutter, warum er nicht in Amerika auf die Schule gehen könne. Seine Mutter antwortet ihm („ohne rot zu werden“), dass man diese Entscheidung nur zu seinem Wohl gefällt habe, da die Schulausbildung in Europa viel besser sei (siehe Kapitel „Doublebinds“). Es dauert nunmehr 18 Jahre, bis Frido einen Besuch bei seinen Eltern in Kalifornien erkämpfen kann.
Und wie erlebte Frido seine Eltern? Es ist bekannt, dass Michael Mann sehr schwierig war, ein zu Wutanfällen und unberechenbaren, extremen Stimmungsschwankungen neigender Mann: „Er leidet sehr deutlich unter seiner eigenen Zerrissenheit und darunter, sich selbst so wenig unter Kontrolle zu haben.“ Im Gegensatz zur Mutter hat der Vater jedoch auch freundliche Wesenszüge: „So unberechenbar sich mein Vater als nervös überspannter Wüterich aufführen kann, so überraschend zugewandt, liebevoll und lebendig humorvoll kann er sein.“ Die Mutter ist zwar berechenbarer als der Vater, er schildert sie aber als unterkühlt und desinteressiert: „Ihre Beziehung zu uns Kindern besteht hauptsächlich darin, uns zu verwalten…Aber an etwas anderes kann ich mich eigentlich nicht erinnern: an irgendeine körperliche Berührung von ihr.“
Als Fridos erste Liebesbeziehung (1962) zerbricht, stürzt er in eine tiefe Krise: „Dicht am Abgrund von Todessehnsucht überfällt mich zeitweilig die Angst, den Verstand zu verlieren.“ Er gewinnt den Kampf gegen seine selbst zerstörerischen Kräfte. Nach einem Musikstudium an der Zürcher Musikhochschule mit Abschluss an der Accademia Santa Cecilia in Rom studiert und promoviert er (nach erfolgter Konversion) in katholischer Theologie. Dann folgt ein Psychologiestudium, das er mit einem Diplom abschließt, und schließlich arbeitet er als Klinischer Psychologe an einem Psychiatrischen Krankenhaus. Sein beruflicher Lebensweg hat noch viele Stationen, die ich hier aussparen möchte.
Frido war geschlagen mit dem schwierigen Wesen eines Macht ausübenden und dominierenden Vaters, der ihn in seinen kreativen (Musikstudium) und religiösen (Theologiestudium) Bestrebungen nicht unterstützte, im Gegenteil: er wollte seinen Willen durchsetzen. Wechselbäder bestimmten diese Beziehung: Der abweisende und abwesende Vater, der kritisierte und dem Kind wenig Selbstvertrauen gab, aber auch der liebevolle, musische Vater, der ihm in der Jugend den Zugang zur Musik öffnete und ihn später diese nicht studieren lassen wollte. Der enttäuschende, physisch und psychisch abwesende Vater, der ihm keine Identifikationsmöglichkeit bot und Frido nicht in seiner werdenden Persönlichkeit stärkte. Es ist aber auch der Vater mit einem großen kreativen Potenzial, das er in diesem Falle an seinen Sohn weitergegeben hat.
Seine Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Nähe, Harmonie und Sicherheit durch Beziehungen wurden durch seine Mutter nicht erfüllt, jedoch teilweise von den Großeltern Mann, denn er hielt sich gerne in ihrer Nähe auf. Die fehlende Nähe und Geborgenheit, die für jedes Kind über-lebenswichtig ist, erzeugt eine nachhaltige Sehnsucht nach dieser unerfüllten Liebe und lässt den Menschen lange nach Ersatzmüttern suchen, wo doch eigentlich immer nur die Eine gemeint ist. Die Alma Mater, die nährende Mutter, ist ein Begriff, mit dem im deutschen Sprachraum die Universität bezeichnet wird. Frido Mann absolvierte ein Musik-, Theologie- und Psychologie-Studium und studierte schließlich mit 44 Jahren noch fast 4 Semester Medizin. Wir können diesen Studieneifer unter anderem auch auf seine verzweifelte Suche nach Zugehörigkeit und Geborgenheit zurückführen, die seine Mutter ihm verweigerte. Ersatz suchte und fand er in jener Übermutter, der Alma Mater, und im „Schoß der Kirche“, der Über-Über-Mutter sozusagen.
Wenn man über ein Familienmitglied der Familie Mann schreibt, kommt man nicht umhin, über den Übervater, den Lichtspender, aber auch „Schattenwerfer“, Thomas Mann zu sprechen, der das Leben seiner Kinder und Kindeskinder so prägend beeinflusste. Auch Frido Mann stand lange in seinem Schatten, er verübelte ihm die „literarische Verewigung als Nepomuk Schneidewein, genannt ‚Echo’, der im ‚Doktor Faustus’ als vierjähriger Himmelsbote nach qualvoller Krankheit buchstäblich vom Teufel geholt wird.“ Frido reagierte darauf sehr empfindlich und weigerte sich in der Folge sein halbes Leben, die Werke seines Großvaters zu lesen. Das Thema Abgrenzung von der Familie und besonders von seinem Großvater nahm einen großen Raum in seinem Leben ein. Natürlich wurde auch er, wie all die anderen Nach-Manns, immer an dem großen Thomas Mann gemessen, besonders als er in späteren Jahren begann, eigene Bücher (noch dazu Romane) zu verfassen.
Wir sehen hier, wie auch in sozial gut oder „besser“ gestellten Familien, in der man ein gewisses Niveau erwarten könnte, Kinder misshandelt und grob vernachlässigt werden.
Die Schatteneltern von Karin
An dem Beispiel von Karin möchte ich zeigen, wie sich eine dunkle Kindheit auswirkt, eine Kindheit, die kaum Licht und viel Schatten wirft, zumal beide Elternteile an dem Drama beteiligt sind.
Karin wurde kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges in Norddeutschland geboren, der Vater war im Krieg, die Mutter musste sich alleine um Haus, Hof, Schlachterei und das Kind kümmern. All diesen Anforderungen war sie kaum gewachsen, was aber nicht erklärt, warum sie keine Zeit für ihr schwer an Diphtherie erkranktes Kind hatte. Sie beauftragte stattdessen eine Flüchtlingsfrau, die mit auf dem Anwesen wohnte, sich um Karin zu kümmern. Die Ärzte hatten dem Kind - bei fehlender intensiver Betreuung - nur wenige Überlebenschancen gegeben.
Als der Vater 1948 aus russischer Gefangenschaft heimkehrte, wurde die häusliche Situation noch schlimmer. Karin lehnte den „fremden Mann“, der ihr Vater sein sollte, vehement ab, zumal er, durch den Krieg gezeichnet, sehr viel trank, jähzornig und nicht ansprechbar war. Sie bezeichnete sein Verhalten später als destruktive Machtausübung, die sich auch auf seine Ehe bezog. Die Atmosphäre im Elternhaus war kalt, nüchtern, arbeitsam, lieblos, und Karin war nie vor aggressiven Ausbrüchen des Vaters, aber auch hoch emotionalen Verhaltensweisen der Mutter sicher. Ein Jahr nach Rückkehr des Vaters wurde ihr Bruder geboren, zur großen Freude aller endlich ein „Stammhalter“. Karin zog sich weiter in sich selbst zurück, ihre Verlassenheitsgefühle verstärkten sich, aber sie wurde auch störrisch – eine Abwehrhaltung gegen all diese Verletzungen.
Karin wurde in ihren Gefühlen nicht von der Mutter gespiegelt und verlor so sehr früh den Kontakt zu sich. Dieser traumatischen Kindheit entfloh sie in Traumwelten. Voller Entsetzen erinnert sie sich noch heute an das qualvolle Schreien der Tiere, die im Schlachthaus, das neben ihrem Kinderzimmer lag, getötet wurden. Trotz allem, oder all das kompensierend, entwickelte sie in der Schule und dem folgenden Studium sehr großen Ehrgeiz: Ein verzweifeltes Bemühen um Liebe und Anerkennung. Ihre erfolgreichen Ergebnisse in Schule und späterer (von ihr erzwungenen) Ausbildung wurden jedoch weiter herabgesetzt, und ihr wurde drastisch vor Augen gehalten, dass sie aus der Art schlage und sich lieber um den Hof kümmern solle. Das Geld für ihr Studium und weitere berufliche Fortbildung verdiente sie sich nebenbei selbst, da Lernen für die Eltern vergeudete Zeit und verlorenes Geld war.
Karin war also der Übermacht ihrer Eltern ausgeliefert: ihrer Kindheit fehlte eigentlich alles, was für die positive Entwicklung eines Kindes Voraussetzung ist: Liebe, Geborgenheit, Nähe, Wärme, Ur-Vertrauen, Sicherheit und Zugehörigkeit: Stattdessen wurde sie lediglich versorgt…
Die unglaubliche Wut, die sich in Karin im Laufe der vielen Jahre voller Unterdrückung, Demütigung und Ablehnung angesammelt hat, ist noch heute ihr Problem. Tiefe Gefühle und intensive Emotionen, die sie früher nicht zeigen durfte, brechen sporadisch mit aller Gewalt und Kontrollverlust aus ihr heraus. Auf jede Form von Dominanz, durch die sie gleichzeitig ihre Sicherheit bedroht sieht, reagiert sie explosiv. Allerdings bemüht sie sich bewusst, ihre Gefühle zurückzuhalten, da sie um deren Intensität und zerstörerische Kraft weiß und sich überdies nicht noch verletzlicher machen möchte.
Ihr Bruder starb in jungen Jahren durch einen Verkehrsunfall und kurz darauf verstarb auch Karins Vater, mit dem sie nach einem heftigen Streit anlässlich der Beerdigung des Bruders keinen Kontakt mehr hatte. Alle Wunden brachen wieder auf, und die Gewissheit, dass eine Versöhnung nun unmöglich geworden war, brachte sie an den Rand der Verzweiflung.
Trotz alledem konnte sie ihre guten Veranlagungen nutzen, begann, sich mit ihrem Unbewussten auseinander zu setzen, besonders mit dem inneren verletzten Kind, und ging auf die Suche nach neuen Erkenntnissen und sinnvollen Aufgaben. Sie begann eine Psychotherapie, und auch ihr Mann, mit dem sie schon viele Jahre verheiratet ist, unterstütze sie und half ihr, Licht in die schlimmen Schatten der Kindheit zu bringen. Allerdings ist das Thema Mutter noch nicht verarbeitet. Sobald Mutter und Tochter in Kontakt treten, was selten genug vorkommt, brechen alle Verletzungen und Verwundungen wieder auf, wohl auch, weil die Mutter es immer noch zu gut versteht, ihrer Tochter jedes bisschen Liebe und Aufmerksamkeit zu verweigern. Und Karin kann die Hoffnung, doch noch geliebt und anerkannt zu werden, einfach nicht aufgeben.
Das Mutterproblem von Sonja
Sonja wuchs in äußerst beengten Verhältnissen auf, der Vater verließ frühzeitig die Familie, und so war sie mit ihrer echten Schwester und einer Halbschwester ihrer dominanten Mutter ausgeliefert. Ihre Halbschwester wurde bevorzugt, ihre Schwester immerhin noch akzeptiert, aber sie selbst abgelehnt. Sie fühlte sich ungeliebt, unerwünscht und führte ein Schattendasein voller Angst, Demütigungen und Wut. Vor allem ihre Ängste vor dem Tod, besonders dem gar nicht zu erwartenden Tod ihrer Mutter, waren kaum zu ertragen, zumal sie sich niemandem anvertrauen konnte.
Als sie sich endlich durch eine Heirat von der Mutter löste, geriet sie (zwangsläufig) an einen Mann, der sie nicht viel besser behandelte als ihre Mutter. Sie hatte zu gehorchen, musste alles selbst verdiente Geld abgeben (wie bei der Mutter) und nahm mehr oder weniger Befehle entgegen. Sie schaffte es, nach der Geburt ihrer Tochter die Scheidung durchzubringen und ging zur Behandlung in eine psychiatrische Klinik, wo ihre massiven seelischen Verwundungen fachärztlich behandelt wurden. Heute allerdings, mit sechzig Jahren, hat sie immer noch Probleme mit ihrer Selbstbehauptung, möchte es jedem recht machen, widerspricht selten und fühlt sich sehr schnell immer noch unerwünscht. Die psychische Vernachlässigung und Misshandlung durch ihre Mutter hatten aber auch eine Ansammlung von Wut und Zorn zur Folge, die sie tief in sich vergrub. Ein Ausleben dieser Emotionen schien ihr undenkbar.
Die fehlende Liebe der Mutter überschattete ihr ganzes Leben, zeitweise konnte sie den Alltag und alle Ängste und Panikattacken nur mit Tabletten bewältigen. Nach und nach erkannte sie, dass ihre Depressionen auch mit einer religiösen Problematik zu tun hatten. Sie wurde streng katholisch erzogen, und die ihr vermittelten Glaubensinhalte lösten in ihr Schuldgefühle, Scham und Ängste aus. Als ihre Mutter vor 10 Jahren verstarb, war das innere Drama jedoch noch lange nicht beendet. All die vorgenannten Erfahrungen und Emotionen waren so tief in ihr gespeichert, dass sie erst spät damit umzugehen lernte.
Überwältigend waren auch ihre damaligen Ängste vor dem Tod, die sie selbst zu Selbstmordgedanken trieben. Sonja weiß, dass sie ein heftiges Aggressionspotenzial besitzt mit (selbst) zerstörerischen Phantasien. Diese unglaublichen Energien müssten kontrolliert, transformiert und in kreative Bahnen gelenkt werden. Sie ist in ihrem Leben viele psychische Tode gestorben - vielleicht zu viele -, aber der Prozess des Werdens scheint beschritten und dauert an.
In Sonjas Fall müsste wohl die Idealisierung der Mutter geopfert werden, die verlorene Kindheit und ihr Opfer-Selbstbild des vernachlässigten Kindes sowie auch die Illusion, doch noch in sich eine Mutter/Kind-Idylle schaffen zu können. Da Opfern nicht heißt, dass wir nur etwas verlieren oder uns etwas weggenommen wird, sondern wir damit auch eine neue Lebensperspektive entwerfen können, hat sie die Chance, das Potenzial durch sinnvolle neue Aufgaben zu entfalten.
Mutterbindung: Antoine Saint-Exupéry
Fast alle Biografen schreiben über Antoines wunderbare Kindheit, die er in Schlössern verbrachte: Als ob das schon die Garantie für eine Kindheit ohne Probleme wäre. Als mir das Buch von Eugen Drewermann begegnete: „Das Eigentliche ist unsichtbar“, eine tiefenpsychologische Deutung des „Kleinen Prinzen“, löste sich das Kindheits-Rätsel nach und nach. Man kann das Wesen von Saint-Exupéry nur wirklich begreifen, wenn man um seine unaufgelöste und unauflösliche Mutterbindung mit gleichzeitiger Angst vor der mütterlichen Vereinnahmung weiß. „Im gewissen Sinne kann man die Geschichte vom ‚Kleinen Prinzen’ lesen wie eine verschlüsselte Kindheitserinnerung, wie eine Art privaten Regenerationstraum.“ Die Symbolik der Rose dürfte uns hier besonders interessieren: „Dieses Geheimnis der Rose entdeckt man freilich nur mit den Augen der Psychoanalyse, dann aber unzweideutig und klar: als das Geheimnis der Mutter.“ (Drewermann: ebda.)
Im Jahr 2000 erschien dann das Buch „Die Rose des kleinen Prinzen - Erinnerungen an eine unsterbliche Liebe“ von der Salvadorianerin Consuelo de Saint-Exupéry, die in dritter Ehe mit Antoine verheiratet war. Sie berichtet über das Leben an seiner Seite, seine Untreue, Leidenschaft und seinen Don-Juanismus, von Brüchen, Ausbrüchen, Trennungen und den dunklen Tiefen dieser Verbindung. Vor allem erfahren wir, dass sie in der „Rose“ verewigt worden sein soll. Also sie und nicht die Mutter?
Die diesbezüglichen Aussagen der beiden vorgenannten Bücher schließen einander nicht aus, denn der Ausgangspunkt von Exupérys Bindungsunfähigkeit bzw. seiner Unfähigkeit, echte Beziehungen mit Frauen einzugehen und seiner neurotischen Untreue, wird in der Bindung an die Mutter zu finden sein. Die unzähligen Briefe, die Saint-Exupéry von 1910 bis 1944 an seine Mutter schrieb, sind erhalten geblieben, und wir können in ihnen nachlesen, wie besorgt, traurig, voller Verantwortung und Schuldgefühle, vor allem mit welcher unglaublichen Liebe und Zärtlichkeit er an seiner Mutter hing. Seine Briefe, die er im Alter von 21 Jahren verfasste, sind ebenso dramatisch und wehmütig gefühlvoll wie die 20 Jahre später. Sie setzen sich auch nach seiner Heirat 1931 fort und verdeutlichen, „wie vollkommen gebunden Exupéry an seine Mutter zeit seines Lebens war.“ (Eugen Drewermann: ebda.) So ist Exupéry nie aus der symbiotischen Verschmelzung mit seiner „Rose“ herausgekommen.
Exupery litt unter massiven Schuldgefühlen, Depressionen, Selbstvorwürfen mit dem Anspruch an sich, die Mutter (allerdings aus der Ferne) zu schützen, für sie zu sorgen, sie zu behüten und zu verwöhnen. Aber gleichermaßen suchte er auch Schutz bei ihr mit dem inständigen Wunsch, zu ihr nach Hause zu kommen. „Ich brauche Dich ebenso sehr wie damals, als ich ganz klein war…Du bist meine Zuflucht, Du weißt alles, Du lässt alles vergessen, und ob man will oder nicht, man fühlt sich als ganz kleiner Junge.“ (1922) Auch noch 5 Jahre nach seiner Heirat schrieb er an seine Mutter: „Ein wenig Consuelo zuliebe bin ich heimgekommen, aber durch Dich, Mama, kommt man heim. Die Du so schwach bist, wusstest Du Dich so sehr als Schutzengel und stark und weise, dass man zu Dir betet, allein, in der Nacht?“ (Antoine de Saint-Exupéry: Briefe an seine Mutter)
Als der Vater starb, war Antoine 4 Jahre alt, ein schwieriges Alter, da es in die ödipale Phase fällt, in der ein Junge beginnt, seine Mutter zu begehren, für die er die wichtigste Person sein will. Das impliziert aber auch, dass er sich den Vater wegwünscht. Dadurch wiederum kann man vermuten, dass Antoine sich für den Tod des Vaters schuldig fühlte, denn seine gedanklichen Wünsche, der Vater möge verschwinden, haben sich ja erfüllt. Drewermann schreibt zu der Problematik des fehlenden Vaters: „…er selbst, der ‚Kleine Prinz’ wird daher auf seine Mutter Acht haben müssen; er selber wird sie umsorgen und behüten und alles nur Erdenkliche für sie tun; er wird ,…, als tapferer Streiter für den Schutz und die Ehre seiner Mutter ins Feld ziehen – eine höchst strapaziöse Doppelrolle, in welcher das Kind als der beschützte Beschützer, um von der Mutter geliebt zu werden, im Grunde die Stelle ihres Gatten übernehmen muss.“ (Drewermann: ebda.)
Über die Mutter sind nur wenige Einzelheiten bekannt: „Da ist seine dominierende Mutter, die Hüterin des Heims, die Mutter, welche die Kindheit verzaubert, das Bild der Treue und Beständigkeit. Diese Motive verklärt er und überträgt sie auf Frauen.“ (Vorwort von Alain Vircondelet zu „Die Rose des kleinen Prinzen“)
Eine sorglose Kindheit, in der das Kind verwöhnt und verzärtelt wird, bringt jedoch die Gefahr mit sich, dass es später ein melancholisches, trauriges und nie endendes Heimweh nach dieser Zeit verspürt. Der Erwachsene braucht dann immer noch dringend Nähe und Zugehörigkeit, Wärme und Geborgenheit. Eine meist vergebliche Suche, und so wird man wieder zum kleinen Kind, und die Mutter bleibt die Quelle der ungestillten Sehnsucht. Es ist bekannt, dass eine Art Rastlosigkeit Saint-Exupéry sehr umtriebig machte. Immer auf der regressiven Suche nach der Mutter, und sei es in Form der „Mutter Erde“, mit dem gleichzeitigen Wunsch, ihr zu entfliehen oder eben zu „entfliegen“.
Wieso übernimmt Exupéry diese Rolle des Bemutternden und Verantwortungsvollen und überschüttet seine Mutter mit soviel Fürsorge? Immer um Wiedergutmachung bemüht? Die Antwort liegt wahrscheinlich in den Schuldgefühlen, die mit dem Tod des Vaters einhergingen, den er sich ja als Kind „weg gewünscht“ hatte. Wir können auch vermuten, dass die Erschütterung der Mutter durch den Tod ihres Mannes einen großen Einfluss auf Antoines Unbewusstes und seinen Lebensweg hatte. Das würde auch das Beschützenwollen und Trösten der Mutter erklären. Ein Kind fühlt gerade die geheim gehaltenen Emotionen - und die Mutter wird ihre verzweifelten Gefühle nicht vor dem Kind ausgelebt haben - so als ob es seine eigenen wären. Es ist auch möglich, dass Saint-Exupéry die Verlusterfahrungen durch den Tod des Vaters selbst als bedrohlich erlebte, und er sich so an die Mutter klammerte, weil er fürchtete, dass auch sie ihm genommen werden könnte.
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