Czytaj książkę: «Die Herrin des Clans»
Die Herrin des Clans
Barbara Cartland
Barbara Cartland E-Books Ltd.
Vorliegende Ausgabe ©2016
Copyright Cartland Promotions 1985
9781782138532
Gestaltung M-Y Books
www.m-ybooks.co.uk
1 ~ 1886
Der Herzog von Invercaron fand keinen Schlaf. Er warf sich im Bett von einer Seite auf die andere.
Es ist einfach lächerlich, dachte er. Ich sollte endlich einschlafen, anstatt mir den Kopf über unbestimmte Vorahnungen zu zerbrechen.
Doch eine innere Stimme, die sich beim besten Willen nicht zum Schweigen bringen ließ, sagte ihm, daß etwas nicht in Ordnung war.
Am meisten irritierte ihn, daß er nicht wußte, was ihm eigentlich den Schlaf raubte, in den er gewöhnlich nach einem langen, anstrengenden Tag mühelos fiel.
Ein solcher Tag lag tatsächlich hinter ihm. Gleich als er am Morgen aufgestanden war, war ihm klar geworden, daß ihn nur unangenehme Dinge erwarteten.
Er versuchte sich einzureden, daß er seine Pflicht, die ihm auferlegt worden war, erfüllen mußte, genau wie er einem Regimentsbefehl gefolgt wäre, ohne Widerspruch zu erheben.
Es waren kaum zwei Monate vergangen, seit er die feuchte Hitze Kalkuttas hinter sich gelassen und sich nach England eingeschifft hatte. Er hatte die Heimreise ohne die leiseste Vorstellung davon angetreten, was an deren Ende auf ihn zukam.
Als er das Telegramm geöffnet hatte, das ihn vom Tode seines Onkels und der Tatsache informierte, er habe dessen Titel geerbt, hatte Talbot McCaron, wie er damals noch hieß, das Ganze zunächst für einen dummen Scherz seiner Offizierskameraden gehalten, die einander aus purer Langeweile ständig den einen oder anderen Streich zu spielen pflegten.
Erst nach mehrfacher Lektüre des dem Telegramm folgenden Briefes, den er vorfand, als er von einer äußerst gefährlichen Mission an der Nord-West-Grenze Indiens zurückkehrte, stellte er fest, daß er tatsächlich der dritte Herzog von Invercaron war.
Anschließend ging alles so schnell, daß er kaum noch zur Besinnung kam.
Sein Vorgesetzter gewährte ihm selbstverständlich Urlaub. Dabei wußten beide, daß es nur eine Frage der Zeit war, bis er den Dienst quittieren mußte. Seine Pflichten in Schottland als Chieftain des McCaron-Clans würden ihm nicht gestatten, zum Regiment zurückzukommen.
„Wir werden Sie sehr vermissen“, versicherte sein Kommandeur ehrlichen Herzens. „Ich weiß, daß gewisse Leute Ihnen sehr dankbar sind für Ihre Unterstützung in Angelegenheiten, die wir im Augenblick nicht diskutieren sollten.“
„Ich werde Sie ebenfalls vermissen“, gestand Talbot McCaron bedauernd ein.
„Darüber bin ich mir im Klaren, mein Lieber“, erwiderte der Oberstleutnant. „Andererseits wird es Zeit für Sie, sich an einem festen Ort niederzulassen und eine Familie zu gründen. Es wäre doch wirklich keiner Frau zuzumuten, einen Mann zu heiraten, der ständig sein Leben freiwillig aufs Spiel setzt, wie Sie es während der letzten Jahre getan haben.“
Die zwei Männer lächelten sich wie zwei Verschwörer an. Diese Bemerkung bezog sich auf geheime Angelegenheiten, deren Einzelheiten am besten unausgesprochen blieben, selbst unter vier Augen.
Von den guten Wünschen seiner Offizierskameraden begleitet, fuhr der Herzog nach Kalkutta, wohin ihn der Vizekönig zu einer Unterredung bestellt hatte.
Am meisten bekümmerte ihn der Abschied von seinen Sepoys, mit denen er Seite an Seite unzählige Kämpfe ausgefochten hatte. Sie hatten ihm blindlings vertraut, wußten sie doch, daß sie es nur der Tüchtigkeit und dem Glück ihrer Offiziere verdankten, daß sie einigermaßen unversehrt davonkamen.
Wann immer Talbot McCaron einen seiner Männer verloren hatte, hatte er tiefen Schmerz empfunden. Sich selbst gegenüber gab er ehrlich zu, daß auch keiner seiner schottischen Clansleute ihm mehr Treue und Hingabe hätte zeigen können, als diese einfachen Inder, die unter ihm dienten.
Bei seiner Ankunft in London hatte er zu seiner Überraschung erfahren, daß ihn eine ganze Anzahl von Leuten zu sehen wünschten.
Im Verlauf seines letzten Heimaturlaubes hatte er zwei Wochen lang damit zugebracht, Theateraufführungen, Bälle und die Partys zu besuchen, bei denen ein attraktiver Junggeselle immer willkommen war.
Er hatte auch eine Menge Einladungen ausgeschlagen. Wenn ihm der Sinn nach ausgesprochenem Gesellschaftsleben gestanden hätte, hätte er das in Indien finden können.
Auf jeden Fall hatte er mehr Geld ausgegeben, als er sich eigentlich leisten konnte, indem er ein oder zwei hübsche Tänzerinnen vom Varieté zum Essen ausgeführt hatte. Die leichtsinnigen und amüsanten Mädchen hatten ihm eine andere Art von Vergnügungen geboten als die, die auch in Indien einem gut aussehenden Offizier offen standen.
Seit er Herzog von Invercaron war, war alles anders geworden. Seine erste Verabredung war mit dem Staatssekretär für Schottland, dem Marquis von Lothian, der ernsthaft mit ihm über seine Pläne diskutierte.
„Sie werden leider feststellen müssen, daß Ihr Onkel während der letzten Jahre seines Lebens so krank war, daß er seine Angelegenheiten ziemlich vernachlässigte“, begann der Marquis die Unterredung. „Als mich das letzte Mal Geschäfte in jene Gegend führten, besuchte ich ihn in seinem Schloß. Ich hatte den Eindruck, daß eine Menge Geld nötig sein wird, sowohl Ihr künftiges Heim wie auch die Pachthöfe auf Ihren Ländereien wieder in Ordnung zu bringen.“
Der Herzog sah ihn beunruhigt an.
„Geld, Mylord?“ wiederholte er. „Ich wurde bereits informiert, daß so gut wie keines vorhanden ist.“
„Das weiß ich natürlich“, erwiderte der Marquis.
Um die Lippen des Herzogs zuckte es spöttisch.
„Können Sie mir verraten, Mylord, wie ich in einem alten, wunderschönen, aber auch bekanntermaßen keinen Gewinn abwerfenden Teil Schottlands etwas so Begehrenswertes erlangen soll?“
„Sie drücken sich ja ungeheuer gewählt aus“, bemerkte der Marquis lächelnd. „Ich stimme Ihnen zu, daß es keine schönere Gegend als Strathclyde gibt, wo die McCarons seit Jahrhunderten ansässig sind. Aber nur ein Wunder könnte bewirken, daß dort Profit zu erzielen wäre.“
„Darüber dachte ich schon während der ganzen Schiffsreise nach“, sagte der Herzog. „Offen gestanden überlege ich, ob ich das Schloß zusperren, so sparsam wie möglich leben und versuchen soll, so etwas wie eine kleine Industrie aufzubauen, die wenigstens einigen der jüngeren Männer meines Clans den Lebensunterhalt garantiert.“
Der Marquis blickte ihn bestürzt an.
„Sie wollen das Schloß zusperren?“ rief er. „Einen derartigen Vorschlag hätte ich aus dem Munde eines McCaron niemals erwartet.“
„Er wäre zumindest vernünftig“, verteidigte sich der Herzog.
Der Marquis lehnte sich in seinem Sessel zurück und betrachtete sein Gegenüber wie ein Wesen aus einer anderen Welt.
Dann sagte er ärgerlich: „Ich finde es ganz und gar unmöglich, daß Sie einen solchen Schritt auch nur in Erwägung ziehen. Ihr Schloß ist seit Jahrhunderten der Mittelpunkt, um den sich das Leben des McCaron-Clans dreht. Alle Mitglieder, ob sie sich nun auf Reisen befinden oder wie im Exil in anderen Ländern der Welt leben, würden das Gefühl haben, daß ihnen etwas Kostbares geraubt wurde, wenn es das Schloß nicht mehr gibt.“
„Dessen bin ich mir sehr wohl bewußt“, sagte der Herzog. „Selbst als drei Menschen zwischen mir und dem Titel standen und ich mir nicht vorstellen konnte, jemals Chieftain zu werden, dachte ich bereits über dieses Problem nach. Ich sprach auch häufig mit meinem Vater darüber, als er noch lebte.“
Ein minutenlanges Schweigen herrschte. Der Staatssekretär wie auch der Herzog riefen sich ins Gedächtnis zurück, daß der älteste Sohn seines Onkels beim Kampf in Ägypten gefallen war. Der zweite Sohn war während eines Sturmes ertrunken. Sein Fischerboot war gegen die Felsküste getrieben und zerschmettert worden. Überlebende hatte es keine gegeben.
Schließlich ergriff wieder der Marquis das Wort.
„Ich möchte Ihnen einen Vorschlag unterbreiten, obwohl ich beinahe annehme, daß mir schon jemand zuvorgekommen ist, kaum daß Sie englischen Boden betreten haben“, sagte er in geschäftsmäßigem Ton.
„Gestern Abend bei meinem Eintreffen fand ich eine ganze Reihe von Nachrichten und Botschaften vor“, erwiderte der Herzog. „Schon aus Höflichkeit wollte ich aber zuerst mit Ihnen sprechen.“
„Ich bin Ihnen sehr verbunden. Leider muß ich zugeben, daß ich es als ausgesprochen peinlich empfinde, Sie mit dieser Information zu konfrontieren. Normalerweise sollte sie von einem Mitglied Ihres Clans kommen.“
Die Miene des Herzogs bewölkte sich zusehends.
„Mir wird allmählich klar, daß mir Sir Iain McCaron nicht ohne Grund ein halbes Dutzend Botschaften geschickt hat, er müsse mich sofort nach meiner Ankunft unbedingt sprechen“, erwiderte er nach einer Pause.
Der Marquis stieß ein kurzes Lachen aus.
„Sir Iain dürfte sich in ziemlich langatmigen Erklärungen ergehen. Ich werde Ihnen kurz und bündig mitteilen, worum es sich handelt: Sie müssen heiraten.“
Der Herzog richtete sich auf. Er starrte den Marquis an, als ob er nicht richtig gehört hätte.
„Heiraten?“ rief er entsetzt. „Diesen Rat hätte ich aus Ihrem Munde nicht erwartet. Wenn ich mir ein Schloß nicht leisten kann, dann doch wohl auch sicherlich keine Ehefrau.“
„Das hängt ganz von der Frau ab. Die betreffende Dame, die man Ihnen als zukünftige Herzogin zugedacht hat, ist. . .“
Der Herzog fiel ihm in scharfem Ton ins Wort.
„Von wem zugedacht? Wer hat es gewagt, sich in etwas einzumischen, was ich als etwas sehr Privates und Persönliches betrachte?“
Er holte tief Atem, ehe er fortfuhr.
„Ich brauche mit Sicherheit niemanden, der mir eine Braut aussucht. Das ist eine Angelegenheit, die nur mich ganz allein angeht.“
Ohne die Stimme zu heben, bediente er sich eines stählernen Tones, den die Soldaten unter seinem Kommando sofort als Zeichen größten Zornes erkannt hätten.
Den Marquis schien das nicht zu stören.
„Mein Lieber, ich verstehe Ihre Gefühle durchaus“, versicherte er. „Als schottischer Chieftain müssen Sie sich aber eines immer vor Augen halten. Ihre Leute, für die Sie nicht nur Anführer, sondern auch Vater, guter Hirte und Beschützer sind, müssen Ihnen wichtiger als persönliche Vorurteile oder - wie in diesem Fall - Empfindsamkeiten sein.“
Auf der Stirn des Herzogs bildeten sich ein paar steile Falten.
„Ehe wir weiter diskutieren, möchte ich gern nähere Einzelheiten erfahren, Mylord.“
„Das sollen Sie. Darf ich Sie bitten, mir ruhig zuzuhören, ohne mich zu unterbrechen?“
Sein liebenswürdiger Ton bewirkte, daß der Herzog das Gefühl hatte, ein wenig vorschnell geurteilt zu haben. Trotzdem beharrte er auf seiner Meinung. Wenn der Staatssekretär glaubte, eine Ehe für ihn arrangieren zu können, befand er sich sehr im Irrtum.
Natürlich waren ihm im Laufe seines Lebens eine ganze Anzahl von Frauen begegnet, die sich aller ihnen zur Verfügung stehenden Verführungskünste bedient hatten, um ihn vor den Traualtar zu locken.
Den jungen Mädchen, die nach Indien gekommen waren, um sich einen Ehemann zu angeln, war er sorgsam aus dem Weg gegangen. Stattdessen hatte er seine Zeit entweder mit verheirateten Frauen verbracht, deren Ehemänner sich in dem heißen Klima zu sehr abrackerten, oder mit Witwen, die zu vernünftig erschienen, um einen mittellosen Offizier heiraten zu wollen, mochte er auch noch so attraktiv sein.
Leider war es meistens nicht dabei geblieben. Kaum waren sie sich näher gekommen, hatten sie alle guten Vorsätze und Prinzipien über Bord geworfen. In seinen Armen äußerten sie Heiratswünsche.
„Liebling, wir werden es schon schaffen“, beschworen sie ihn. „Ich besitze ein bißchen eigenes Geld. Wir werden so glücklich sein, daß nichts Anderes zählt.“
Er war klug genug gewesen, den flehenden Augen, die sich so schnell mit Tränen füllten, und den bebenden Lippen, die die seinen suchten, noch ehe er zum Kuß bereit war, zu widerstehen.
Auch wenn die Bewerberinnen um seine Gunst noch so schön und verführerisch gewesen waren, das Regiment, die Männer, die unter ihm dienten, und die geheimen Missionen, mit denen man ihn betraut hatte, hatten sich am Ende stets als interessanter und aufregender erwiesen als jede Frau - zumindest wenn es sich um eine feste Bindung handelte.
Damals hatte er beschlossen, niemals zu heiraten, falls nicht ein Wunder geschähe und er sich eine Ehefrau leisten konnte, was in seinem Fall so gut wie niemals bedeutete.
In Indien fiel es einem durchschnittlichen Offizier schwer genug, seine Kasinorechnungen zu bezahlen, wie sollte er dann auch noch den Unterhalt für eine Frau und Kinder aufbringen?
Er vermutete, daß er aufgrund seiner neuen Stellung in Schottland nicht nur die Verantwortung für seinen Clan, sondern auch eine ganze Menge aufgelaufener Schulden übernehmen mußte. Es war ihm aber nicht in den Sinn gekommen, daß ihm außerdem die Extravaganzen einer jungen Frau aufgebürdet werden sollten, die nicht normal gewesen wäre, wenn sie nicht ab und zu den Wunsch nach einem neuen Kleid verspürt hätte.
Diesen Unsinn gedachte er nicht mitzumachen. Dann war es schon besser, das Schloß so schnell wie möglich zuzusperren, einem seiner Verwandten die Verwaltung der Ländereien zu übertragen und nach Indien zurückzukehren.
Leider mußte das ein Wunschtraum bleiben, weil sein Pflichtgefühl ihm eine solche Handlungsweise verbot.
Da er ahnte, was auf ihn zukam, wappnete er sich innerlich auf die folgende Szene. Er würde einfach erklären, daß eine Ehe für ihn nicht in Betracht kam.
„Wie Sie wissen, grenzt das Land des Macbeth-Clans an das Ihre“, begann der Marquis von Lothian. „Ihre beiden Häuser liegen kaum zehn Meilen voneinander entfernt.“
„Ich erinnere mich an die Macbeths. Den Grafen habe ich allerdings seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. Als Jungen konnten wir unsere Nachbar-Clans nie leiden. Besonders die Macbeths nicht, wahrscheinlich, weil wir immer siegten, wenn wir mit ihnen kämpften.“
Der Marquis lachte.
„Im umgekehrten Fall hätten Sie sie vermutlich noch stärker gehaßt. Nur hatten Sie immer den Vorteil, über bessere und geschicktere Kämpfer zu verfügen, wenn es zu einem Überfall auf feindliches Gebiet kam.“
„Sie sind gut informiert, Mylord“, stellte der Herzog mit leisem Spott fest.
„Da eine meiner Verwandten einen McCaron heiratete, wurde mir Ihre Familiengeschichte jahrelang eingehämmert. Ihre üble Lage berührt mich daher ganz persönlich, und ich habe das Gefühl, etwas tun zu müssen.“
Der Herzog schwieg. Wenn es sich tatsächlich um seine Heirat drehte, war er fest entschlossen, nein zu sagen.
„Der Graf von Dalbeth ist vor etwa sechs Monaten gestorben“, fuhr der Marquis fort.
„Davon hatte ich keine Ahnung“, rief der Herzog. „Die Anzeige in den Zeitungen muß meiner Aufmerksamkeit entgangen sein.“
„Nach dem Tode seiner ersten Frau war er ein zutiefst unglücklicher Mann. Er heiratete ein zweites Mal. Seine Tochter Jane, die sich mit ihrer Stiefmutter nicht vertrug, schickte er nach Italien auf eine Schule. Die Ferien verbrachte sie meist bei ihrer Großmutter.“
Der Herzog lauschte mit spöttischer Miene, die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepreßt.
„Wie Sie sich vermutlich erinnern, hatte der Graf keine weiteren Kinder. Nach seinem Tode wurde Lady Jane daher die Gräfin von Dalbeth und Chieftain des Clans.“
„Ich bin sicher, daß sie ihren Pflichten in jeder Weise gerecht wird“, warf der Herzog ein.
Ohne die Unterbrechung zu beachten, fuhr der Marquis fort: „Es trat etwas ein, womit niemand gerechnet hatte. Kaum einen Monat nach dem Tode ihres Vaters und ihrer Rückkehr aus Italien wurde bekannt, daß sie von ihrer Patentante, die einen reichen Amerikaner geheiratet hatte und kinderlos geblieben war, ein riesiges Vermögen geerbt hatte. Meinen Informationen zufolge hat er sein Geld mit Öl verdient. Als er starb, hinterließ er alles seiner Frau, die wiederum ein Testament zu Gunsten ihrer Nichte machte. Lady Jane ist jetzt dadurch mehrfache Millionärin. Nun sind die Ältesten des Clans der Macbeth wie auch Ihres Clans zu dem Schluß gekommen, daß eine Heirat für beide Teile überaus günstig wäre.“
Sekundenlang verharrte der Herzog in Schweigen. Natürlich war ihm klar, was eine solche Verbindung nicht nur für die McCarons, sondern auch für die Macbeths bedeutete.
Die neue Gräfin war jung, zweifellos unerfahren und zudem Multimillionärin. Ohne Hilfe und Führung eines Ehemannes mit genügend Autorität konnten sich diese Umstände verheerend auswirken.
Bei einem solchen Vermögen würden sich bestimmt zahlreiche Bewerber um diese Stelle reißen. Da er die Ältesten seines Clans und deren Gegenspieler kannte, konnte er sich unschwer vorstellen, wie sie über die Gefahren und Fallstricke, die ihrem jungen weiblichen Chieftain drohten, die grauen Häupter schüttelten.
Was ihn betraf, so konnte er durch eine solche Heirat nur gewinnen. Lady Jane dagegen bekam einen vertrauenswürdigen Ehemann, in dessen Adern ähnliches Blut floß wie in den ihren.
Der Marquis schien seine Gedanken wie in einem offenen Buch zu lesen.
„Sir Iain McCaron war bereits bei mir, außerdem Duncan Macbeth mit zwei Verwandten der Gräfin. Sie waren fast außer sich vor Sorge um die Zukunft.“
„Ich dachte eher, daß sie sehr zufrieden waren“, bemerkte der Herzog spöttisch.
„In einer Hinsicht wohl“, stimmte der Marquis zu, „in anderer weniger. Lady Jane ist noch sehr jung und wurde, wenn ich richtig verstanden habe, in einem Kloster erzogen. Nun befürchten die Herren natürlich, daß sie bei dem ersten jungen Mann, der ihr gefällt, den Kopf verlieren könnte.“
„Wer weiß, vielleicht würde er einen ausgezeichneten Ehemann abgeben. Falls es sich nicht um einen Schotten handelt, könnte man ihn sicher überreden, sich in unserem Heimatland niederzulassen“, sagte der Herzog.
Natürlich waren das lediglich Ausflüchte. Der Marquis hatte recht, daß ein so junges und reiches Mädchen der Führung bedurfte, wenn es sich um eine so wichtige Sache wie die Ehe handelte.
Dem Gesetz zufolge ging das Vermögen einer Frau in den Besitz ihres Mannes über, sobald sie seinen Ring am Finger trug. In diesem Fall war es also durchaus möglich, daß Millionen von guten Texas-Dollars in die Hände des falschen Mannes fallen würden.
„Dieser Plan sollte Ihnen von Ihren Leuten zusammen mit den Macbeths schmackhaft gemacht werden“, fuhr der Marquis fort. „Man hat sich anscheinend anhand der hervorragenden Berichte sehr sorgfältig über Ihre militärische Karriere informiert. Dabei kam auch die Tatsache ans Tageslicht, daß man Ihnen im vergangenen Jahr eine Tapferkeitsmedaille verliehen hat.“
Der Herzog äußerte sich nicht dazu. Er erhob sich aus dem Sessel, der vor dem höchst eindrucksvollen Schreibtisch stand, durchquerte mit großen Schritten den Raum und starrte aus dem Fenster.
Draußen herrschte trübes Wetter. Die Gebäude gegenüber waren vom Londoner Schmutz grau gefärbt.
Er hatte das Gefühl, daß so seine Zukunft aussehen würde: dunkel, sonnenlos und langweilig. Welch ein krasser Gegensatz zu den aufregenden Abenteuern, die in Indien sein Leben bestimmt hatten.
Ich werde es nicht tun, sagte er zu sich selbst. Niemand kann mich zwingen.
Doch als er die Worte laut aussprechen sollte, kamen sie ihm nicht über die Lippen. Er wußte, daß er sich, ob es ihm nun gefiel oder nicht, als Führer seines Clans seiner Pflicht nicht entziehen durfte.
Diese Verbindung war von unschätzbarem Wert für die McCarons. Sie ermöglichte ihm, seine Ideen und Pläne zu verwirklichen, durch die er den jüngeren Männern Arbeit verschaffen konnte, die entweder ziemlich verloren im Lande herumzogen, um wenigstens eine zeitweilige Anstellung zu suchen, oder die Heimat in der Hoffnung verlassen hatten, jenseits des Meeres ihr Glück zu finden.
Manchmal hatten sie Erfolg, häufiger jedoch kehrten sie nach Hause zurück, um ärmer zu sterben, als sie es je im Leben gewesen waren.
Natürlich hatten die Macbeths die gleichen Probleme.
Eines stand allerdings fest. Es würde großes Geschick und viel Einfühlungsvermögen erfordern, diese Menschen zu überzeugen, etwas Neues zu versuchen. Das konnte schwierig werden, auch wenn genügend Geldmittel zur Verfügung standen.
Alles in allem war es ein vernünftiger Plan, wie er sich ehrlich eingestand, und genau das Richtige für beide Clans.
Was es für ihn persönlich bedeutete, stand auf einem anderen Blatt. Er war gezwungen, eine junge Frau zu heiraten, die er nicht kannte und mit der er vermutlich wenig gemein hatte. Auch für sein Eheleben sah er nichts als Langeweile voraus.
Die schottischen Mädchen, die er in der Vergangenheit gekannt hatte, waren nicht gerade ein Ausbund an Schönheit gewesen. Sie hatten kaum eine Ahnung von der Welt außerhalb der Grenzen ihres Heimatlandes gehabt.
Welch ein Gegensatz zu den erfahrenen und stets zu einem Flirt bereiten Frauen, mit denen er seine Tage und Nächte in Simla und gelegentlich eine Woche in den Hügeln am Fuße des Himalaya verbracht hatte.
Sie hatten exotischen Blüten in einer öden Wüste geglichen. Er hatte das leidenschaftliche Feuer, das sie in ihm erweckt hatten, in vollen Zügen genossen. Ihr Charme, ihr Lachen und ihre Verführungskünste hatten ihn bezaubert, obwohl er sie durchschaut hatte.
Wie er es nach diesen Erfahrungen ertragen sollte, einer einzigen Frau treu zu sein, war ihm unerfindlich. Vielleicht handelte es sich ja um ein liebes, nettes Geschöpf, aber sicherlich besaß sie kein Gehirn und hatte auch nicht die leiseste Ahnung, wie man einen Mann dazu bringen konnte, einen Blick in den Himmel zu werfen.
Ich kann es nicht, sagte der Herzog zu sich selbst.
Er wandte sich vom Fenster ab. Als er zum Schreibtisch zurückkehrte, hinter dem der Marquis schweigend auf ihn wartete, war ihm klar, daß ihm keine andere Wahl blieb.
Während der nächsten zwei Tage kam der Herzog kaum zur Besinnung. Unaufhörlich redete ihm jemand zu, richtete die dringende Bitte an ihn oder versuchte sogar, ihn unter Druck zu setzen. Schließlich kam es soweit, daß er das Gefühl hatte, zuschlagen zu müssen, wenn noch einmal in seiner Gegenwart das Wort Heirat fiel.
Die Beweggründe kannte er natürlich. Die älteren Clan-Mitglieder, die seinetwegen mit einer lebenslangen Gewohnheit gebrochen hatten, um nach London zu kommen, fürchteten voller Verzweiflung, daß sie ihn nicht dazu bringen konnten, ihre Ratschläge zu befolgen.
Sir Iain McCaron war es schließlich, der ihn auf seine fast unerträglich langsame und bedächtige Art überzeugte. Er hielt ihm die astronomisch hohe Schuldensumme vor Augen, die sein Onkel verursacht hatte.
„Wie konnte er nur so viel Geld ausgeben?“ fragte er entsetzt, als er den Gesamtbetrag erfuhr.
„Keith pflegte seine Schulden nie zu bezahlen, mein Lieber. Die meisten Rechnungen lagen ungeöffnet in seiner Schreibtischschublade. Es war eine teuflische Arbeit, sie zu sortieren. Dutzende von Gerichtsvorladungen konnten wir nur parieren, indem wir den Gläubigem versprachen, daß du ihre Forderungen erfüllst.“
Der Herzog lachte.
„Lieber Cousin, meine persönliche Habe würde kaum für die Briefmarken genügen.“
Die Antwort darauf kannte er. Jeder außer ihm selbst hielt die Ehe mit Lady Jane für die einzige Lösung des Problems.
Schließlich kapitulierte er, weil er keine andere Möglichkeit sah, den Familiennamen zu retten und gleichzeitig dem Clan zu nützen.
Von dem Augenblick an, als er seine Einwilligung gab, schien alles in Bewegung zu geraten. Die alten Grauköpfe eilten nach Schottland zurück, um alles für seinen Empfang und die bevorstehende Hochzeit vorzubereiten.
Der Herzog hatte noch eine Nacht in London zur freien Verfügung. Er nahm sich vor, seine Vergangenheit zu wiederholen und sein Leben wie damals zu genießen, als er noch ein kleiner, unbedeutender Offizier gewesen war.
Eine seiner früheren Freundinnen, falls man sie so nennen konnte, trat immer noch im Gaiety Theater auf. Sie sah auch nach drei Jahren immer noch hübsch und anziehend aus.
Nachdem er sich ihre Show, die gut wie eh und je war, angeschaut hatte, lud er sie zum Abendessen bei Romero ein. Dort erzählte sie ihm einiges von ihren Affären seit ihrem letzten Treffen.
Er war amüsiert und schockiert zugleich, als er von den Männern erfuhr, die sie mit Brillanten geschmückt hatten. Ihr derzeitiger Partner hatte ihr großmütig den Abend freigegeben, damit sie ihn mit ihm verbringen konnte.
„Richte ihm aus, daß ich ihm sehr verbunden bin“, sagte der Herzog. „Meine liebe Millie, du bist sogar noch hübscher als zu dem Zeitpunkt, als ich wegfuhr.“
Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, war aber wohl das, was sie hören wollte. Sie legte ihre Hand auf die seine.
„Vielen Dank, lieber Talbot. Ich habe dich nie vergessen. Da du jetzt Herzog und sicher nicht mehr so knapp bei Kasse bist...“
Er hinderte sie am Weitersprechen.
„Ich fahre morgen früh nach Schottland, Millie. Ob ich jemals wiederkomme, steht in den Sternen.“
Sie stieß einen kleinen Schreckensschrei aus.
Als er bei Morgengrauen ihre Wohnung verließ, war er nicht sicher, ob er überhaupt zurückzukehren wünschte.
Vielleicht werde ich älter, dachte er seufzend.
Woran es auch immer lag, die Beziehung hatte ihren Glanz verloren. Vielleicht war es ohnehin nur eine trügerische Erinnerung gewesen, die ihn nach seinem letzten Heimaturlaub bis nach Indien begleitet hatte.
Sein Empfang im Schloß verlief so, wie er erwartet hatte. Die Dudelsackpfeifer, Ältesten und sonstigen Clan-Mitglieder waren meilenweit übers Moor gewandert, um ihn zu begrüßen. Selbstverständlich trugen sie alle einen Kilt in den McCaron-Farben.
Der Herzog war sehr froh, daß er seinerzeit im Lagerraum seines Clubs einen Koffer deponiert hatte, der seine schottische Nationaltracht enthielt. Das versetzte ihn in die Lage, in altherkömmlicher Tradition vor seine Leute zu treten.
Es wurden unzählige Reden gehalten, Trinksprüche ausgebracht und Erinnerungen an seine Kindheit ausgetauscht.
Als er schließlich im Schlafzimmer des Chieftains, in dem sein Onkel gestorben war, allein war, wußte er, daß er nach Hause gekommen war. Wenn auch Opfer von ihm verlangt wurden, sie waren der Mühe wert.
Kein Zweifel, daß viele seiner Clansleute in bitterer Armut lebten. Die Kilts waren zerschlissen, Schuh- und Stiefelsohlen abgelaufen, und die Häuser, die er gesehen hatte, waren dringend reparaturbedürftig.
Dasselbe ließ sich auch vom Schloß sagen. Der Marquis hatte recht gehabt mit seiner Behauptung, es wäre ein Vermögen erforderlich, um es vor dem Einsturz zu bewahren.
Der Herzog konnte nur hoffen, daß seine zukünftige Frau nichts dagegen hatte, wenn ihr Geld für solche Zwecke verwendet wurde.
Von außen wirkte es nach wie vor sehr eindrucksvoll mit seinen mit Schießscharten versehenen Türmchen. Die Löcher im Dach waren zum Glück nicht zu sehen. Die hohen Bleiglasfenster glänzten in der Sonne. Die Mauern waren mit Pfeilschlitzen versehen, durch die die Bogenschützen sich gegen angreifende Feinde gewehrt hatten.
Im Schlafzimmer des Chieftains stand seit drei Jahrhunderten das gleiche, riesige, Himmelbett. Doch der Teppich war zwischenzeitlich zerschlissen, die Vorhänge waren so abgeschossen, daß man sich kaum noch an ihre ursprüngliche Farbe erinnern konnte. Das zerrissene Innenfutter hing in Fetzen herunter, und einige Glasscheiben in den Fenstern zeigten Sprünge.
Als er seine Jacke mit den glänzend polierten Knöpfen auf einen Stuhl warf, brach eines der Beine ab.
Meine zukünftige Frau muß einen hohen Preis dafür bezahlen, daß ich sie zur Herzogin mache, dachte er bitter.
Am folgenden Tag verdrängte er alle unangenehmen Gedanken und ging Fischen. Im Fluß, wo er als Junge diesen Sport gelernt hatte, fing er gleich zwei herrliche Lachse.
Wohin er auch immer den Schritt lenkte, kamen die Leute aus ihren Hütten, um ihn zu begrüßen. Sie alle versicherten ihm auf Gälisch, wie sehr sie sich über seine Rückkehr freuten.
Der Herzog kannte den wahren Grund für ihre Freude. Für sie verkörperte er die Sicherheit und Beständigkeit, die sie solange entbehrt hatten.
Der Tod der beiden Söhne seines Onkels hatte den Clan tief erschüttert. Die Leute hatten schon halb gefürchtet, daß niemand da wäre, der ihren Platz einnehmen konnte.
Seine Existenz war inzwischen begreiflicherweise so gut wie in Vergessenheit geraten. Als Junge hatte er oft seine Ferien im Schloß verbracht, obwohl seine Eltern in Edinburgh gelebt hatten.
Dafür hatte es einen triftigen Grund gegeben. Seine Mutter war nicht kräftig genug gewesen, um die kalten und rauhen Winter im nördlichen Schottland durchzustehen.
Jetzt erzählten ihm die alten Frauen von seinen Eskapaden, die er längst vergessen hatte. Sie riefen ihm ins Gedächtnis zurück, wie er seinen ersten Lachs gefangen, sein erstes Moorhuhn geschossen und seinen ersten Hirsch zur Strecke gebracht hatte.
Allzu schnell für seinen Geschmack erhielt der Herzog eine Einladung zur Gräfinwitwe von Dalbeth, die ihn als Gast in ihrem Hause erwartete.
Es wäre einfacher gewesen, übers Moor zu reiten, statt nach Dalbeth House zu fahren, das am Rande der Klippen mit Blick auf die Nordsee thronte.
Das Schloß selbst war vor einem Jahrhundert geräumt worden. Es stand einige Meilen weiter an der Küste, wo die Felsen so stark abgebröckelt waren, daß die Lage ernstlich gefährlich wurde.
Damals hatte man den Grafen von Dalbeth gewarnt, daß es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis die ganze Felswand in sich zusammenbräche und das Schloß mit sich ins Meer risse.
Er hatte daher für sich und seine Familie ein neues Haus gebaut. Doch das Schloß wehrte sich gegen den Verfall. Es stand immer noch an seinem altgewohnten Platz und diente den heimkehrenden Fischerbooten als Landmarke.
Dalbeth House war ein eindrucksvolles Gebäude, das inmitten von Gärten lag, die von hohen Mauern umgeben waren.
Der Herzog fuhr in einer gut gefederten, mit vier Pferden bespannten Kutsche, die sein Onkel natürlich nicht bezahlt hatte. Pünktlich um vier Uhr erreichte er das schmiedeeiserne Tor.
Dieser Zeitpunkt galt allgemein als passender Ankunftstermin. In seiner Einladung hatte er gelesen, daß er die Gräfinwitwe am ersten Abend treffen sollte. Für den nächsten war eine große Familienfeier geplant.
Er konnte sich des unangenehmen Gefühls nicht erwehren, daß am zweiten Abend seine Verlobung mit Lady Jane offiziell verkündet werden sollte.
Im Stillen hatte er gehofft, man würde ihm mehr Zeit lassen, seine zukünftige Braut kennenzulernen. Mit ein bißchen Glück hätten sich vielleicht sogar einige gemeinsame Interessen finden lassen.
Seit seiner Ankunft in Schottland wurde er ständig angetrieben. So sehr ihm das mißfiel, es blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich mit so viel Würde wie nur irgend möglich zu fügen.
Er saß zurückgelehnt in seiner Kutsche, die auf seinen Wunsch hin offen war, und ließ die Landschaft auf sich einwirken. Sie war noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte.
Über eine lange, kurvenreiche Straße, die mitten durchs Moorland führte, erreichte man ein mit Nadelbäumen bewachsenes Tal. Ein kleiner Fluß schlängelte sich hindurch, in dem er sicherlich eine Anzahl schöner Lachse fangen konnte, falls ihm Zeit genug dazu blieb.
Kurz darauf gelangten sie zum Meer, das sich bis hin zum fernen blauen Horizont erstreckte.
Steile Klippen ragten gen Himmel. Hier war die gefährliche Stelle, wo sein Vetter mit seinem Boot gekentert und ertrunken war.
Die Gräfinwitwe begrüßte den Herzog sofort bei der Ankunft. Zu seiner Überraschung glich sie kein bißchen dem Bild, das er sich von ihr gemacht hatte.
Sie trug ein schwarzes Kleid, das nur aus Paris stammen konnte. Am meisten verwunderte ihn ihre Welterfahrenheit, die er im schottischen Hochland nicht vermutet hätte.
Außerdem fand er die Art und Weise, wie sie geschminkt war, ungewöhnlich. Unwillkürlich fielen ihm die Worte des Marquis ein, daß der Graf in den letzten Jahren seines Lebens nicht glücklich gewesen war.
Die Gräfinwitwe redete überschwenglich auf ihn ein, während sie ihn in einen eleganten Salon führte. Der Raum hatte eine hohe Decke und große Fenster mit Aussicht aufs Meer.
Im Gegensatz zu seinem eigenen Schloß machte hier alles einen neuen, luxuriösen und vor allem kostspieligen Eindruck.
Es gab eine Überfülle an Blumen, Seidenkissen und Kristall-Leuchtern. Allein das Teeservice, das sofort nach seiner Ankunft hereingebracht wurde, war ein kleines Vermögen wert.
Er und seine Gastgeberin blieben beim Tee allein. Sie plauderte ununterbrochen, wobei sie ihn immer wieder aufforderte, den Kuchen, die frischen Brötchen und die unzähligen anderen Delikatessen zu probieren. Ihr Benehmen ließ keinen Zweifel in ihm aufkommen, daß er ihr mehr als willkommen war.
„Es war sehr schlimm hier während der langen Krankheit Ihres Onkels“, sagte sie. „Natürlich haben wir auch noch andere Nachbarn. Doch da unsere Ländereien unmittelbar aneinandergrenzen, lag mir diese Freundschaft immer besonders am Herzen. Und jetzt werden all meine Träume wahr.“
Mit einem bezaubernden Lächeln fuhr sie fort: „Die liebe Jane ist natürlich ein bißchen schüchtern. Sie sieht dem ersten Zusammentreffen mit Ihnen etwas ängstlich entgegen. Was mich betrifft, so bin ich sicher, daß Sie ihr freundlich begegnen werden. Sie verstehen bestimmt, daß sie, nachdem sie solange in Italien lebte, einen Teil unserer Hochlandgebräuche vergessen hat. Es gibt vieles, was sie noch lernen muß.“
Dem Herzog wurde schwer ums Herz. Etwas Ähnliches hatte er befürchtet. Umso größer war seine Überraschung, als er vor dem Dinner der jungen Gräfin vorgestellt wurde.
Er wirkte in Abendkleidung noch eleganter und imponierender als sonst. Von seiner Taille hing der Sporran des Chieftains herunter, der seinem Onkel gehört hatte.
Die Gräfinwitwe, funkelnd im Glanz unzähliger Brillanten, trug eine Robe, die selbst bei einem Hofball aufgefallen wäre. Sie war von schwarzer Farbe, hatte aber nichts Trauermäßiges an sich.
Colonel Macbeth, den der Herzog schon in London getroffen hatte, betrat an ihrer Seite den Salon. Sie wurden von einem älteren Verwandten mit dem Titel Macbeth of Macbeth begleitet.
Wie nicht anders zu erwarten, wurde Champagner serviert. Der Herzog schalt sich innerlich einen verdammten Narren, weil er vor lauter Nervosität das erste Glas in einem Zug leerte.
Während es neu gefüllt wurde, öffnete sich die Tür und die junge Gräfin betrat den Raum. Im ersten Augenblick glaubte er, einen weiteren Gast vor sich zu haben. Doch dann dämmerte es ihm. In seinem vom Champagner umnebelten Gehirn dachte er, einer Halluzination zu erliegen.
Lady Jane war das hübscheste Mädchen, dem er je begegnet war. Der Herzog hatte sich eine völlig falsche Vorstellung von ihr gemacht, zumal sie in keiner Weise schottisch wirkte. Ihr blondes Haar war nach der neuesten Mode frisiert, und sie trug ein Kleid, das an Eleganz und Kostbarkeit dem ihrer Stiefmutter in nichts nachstand.
Dem Herzog als Frauenkenner entging nicht, daß ihre Augenwimpern künstlich nachgedunkelt waren. Ihre Lippen wirkten zu rot, um natürlich, und ihre Haut zu weiß, um nicht gepudert zu sein. Wenn so etwas inzwischen in Schottland möglich war, mußten sich die Verhältnisse seit seiner Jugendzeit sehr gewandelt haben.
Die Gräfinwitwe legte den Arm liebevoll um die Schultern ihrer Stieftochter.
„Das ist Jane“, stellte sie vor. „Sie brennt darauf, Sie kennenzulernen. Ihr jungen Leute könnt euch wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wieviel mir dieser Augenblick bedeutet.“
Ein kleiner Schluchzer schwang in ihrer Stimme mit.
„Ich habe schon viel von Ihnen gehört“, begrüßte er sie formvollendet.
Von Schüchternheit konnte keine Rede sein. Sie blickte unter ihren dunklen Wimpern fast herausfordernd zu ihm hoch. Ihre roten Lippen kräuselten sich spöttisch: „Ich war sehr gespannt darauf, Sie kennenzulernen.“
Das Dinner wurde in einem Raum serviert, der das genaue Spiegelbild eines fürstlichen Speisesaals war.
Die Gräfinwitwe saß am Kopfende der Tafel und hielt ein leichtes und amüsantes Gespräch in Gang. Unwillkürlich drängte sich dem Herzog das Gefühl auf, daß er einer sorgsam eingeübten Vorstellung beiwohnte.
Das Essen war hervorragend. Vor allem die älteren Herren taten ihm alle Ehre an. Ihre Gesichter röteten sich, und die Scherze wurden gewagter, je häufiger ihre Gläser gefüllt wurden.
Es gab viel Gelächter, in das die junge Gräfin herzhaft einstimmte. Obwohl so viel jünger als alle Anwesenden, wirkte sie kein bißchen scheu oder verlegen.
Während der Herzog schlaflos im Bett lag, dachte er noch einmal über das unglaubliche Geschehen nach. Er hatte in Indien einige junge Mädchen gekannt, denen er allerdings so gut wie möglich aus dem Weg gegangen war.
Ob im Hause des Vizekönigs oder auch in Simla, immer saßen sie in kleinen Gruppen zusammen, plauderten und beobachteten neugierig die jungen Männer. Wenn man sie ansprach, erröteten sie. Meist waren sie zu schüchtern, um während des Tanzes auch nur ein Wort zu äußern.
Diese Hemmungen kannte Jane nicht. Sie unterhielt sich mit ihm: ja, sie flirtete sogar mit ihm. Als sie nach dem Dinner für kurze Zeit allein blieben, beugte sie sich zu ihm herüber und hob ihm einladend das Gesicht entgegen.
Er küßte sie nicht, weil ihm das alles viel zu schnell ging. Etwas in ihm sträubte sich dagegen, zu einer Erklärung gedrängt zu werden, ehe er selbst dazu bereit war.
Zu gegebener Zeit würde er ihr, wie das jedermann von ihm erwartete, einen Antrag machen. Ort und Stunde wollte er selbst bestimmen. Unter Druck setzen wollte er sich nicht lassen, auch nicht von seiner zukünftigen Braut.
Der Ausdruck in ihren Augen, als sie ihm eine gute Nacht wünschte, ging ihm nicht aus dem Sinn. Sein Instinkt warnte ihn, daß irgendetwas nicht stimmte. Leider fand er keine Erklärung für sein Unbehagen.
Ohne über seine Handlungsweise nachzudenken, stand er auf, trat zum Fenster und zog einen der Vorhänge zurück. Draußen stand der Mond am Himmel und tauchte das Meer in silbernes Licht. Die Sterne funkelten strahlend und hell. Blicklos starrte er hinaus, doch die wunderschöne Szenerie berührte ihn im Augenblick nicht im mindesten.
Da er glaubte, im Freien besser nachdenken und sich über seine Gefühle klarwerden zu können, zog er ein Hemd und seinen Kilt an und schlang sich ein seidenes Tuch um den Hals. Nachdem er sich noch eine Tweedjacke über die Schultern gehängt hatte, öffnete er leise die Tür. Draußen auf dem Korridor war es fast völlig dunkel. Nur eine einzelne, in einem Silberleuchter steckende Kerze brannte. Sie verbreitete genügend Licht, um die Treppe und die untere Halle zu erkennen. Leise machte er sich auf den Weg.
Zu seiner Erleichterung tat kein Lakai Dienst, wie das unweigerlich in London der Fall gewesen wäre. Vorsichtig schloß er die schwere Eichentür auf und zog den gutgeölten Riegel zurück.
Die kühle Nachtluft empfand er als unendlich angenehm. Da ihm nichts daran lag, von jemand gesehen zu werden, - man könnte es merkwürdig finden, daß er um diese nächtliche Stunde unterwegs war - entfernte er sich mit großen Schritten vom Haus.
Er durchquerte den Garten und schlüpfte am anderen Ende durch ein Tor in der Mauer. Das Gelände dahinter war mit Buschwerk bewachsen, an das sich ein Nadelwald anschloß.
Die Tannenbäume reichten fast bis zum Klippenrand. Mitten hindurch schlängelte sich ein im Mondlicht klar erkennbarer Pfad. Der Herzog folgte ihm tief in Gedanken versunken, wobei er kaum wußte, wohin er ging.
Plötzlich drang Wasserrauschen an sein Ohr. Die Worte der Gräfinwitwe beim Dinner fielen ihm ein.
„Morgen werden wir Ihnen unseren Lachsfluß zeigen. Er ist zwar nicht so gut wie der Ihre, enthält aber doch eine ganze Anzahl guter Fische.“
„Ich freue mich schon darauf“, hatte er lächelnd erwidert.
„Sie müssen sich auch unseren Wasserfall anschauen. Vielleicht erinnern Sie sich noch aus Ihren Kindertagen daran. Auf Grund der heftigen Regengüsse im vergangenen Monat führt er zur Zeit Hochwasser.“
An den Wasserfall von Dalbeth hatte der Herzog tatsächlich seit Jahren nicht mehr gedacht. Sein Ursprung war eine Quelle und ein Becken in den Hügeln, in dem sich das Schmelzwasser des Winters sammelte. An dieser Stelle bildete sich ein Wasserfall, der über die Felsen hinunter ins Meer stürzte.
Der Ort war eine Attraktion für Touristen, die diesen Teil Schottlands besuchten. Der Herzog freute sich darauf, ihn wiederzusehen.
Bald wurde das Rauschen, das an einen starken Regenguß erinnerte, stärker. Nachdem er die Bäume hinter sich gelassen hatte, erblickte er das Wasser, das silbern im Mondlicht schimmerte.
Davor hob sich scharf wie ein Scherenschnitt die Silhouette einer weiblichen Gestalt ab.
2
Der Herzog war irritiert. Es gefiel ihm gar nicht, daß ihn ein Hausbewohner hier entdeckte. Er hatte nicht erwartet, zu dieser Stunde jemanden im Wald, geschweige denn am Wasserfall anzutreffen.
Kaum anzunehmen, daß es sich um eine Touristin handelte. Eher schon eine Dienerin, die über die Begegnung sicher nicht den Mund halten würde.
Er blieb stehen und überlegte, ob es nicht besser wäre, auf schnellstem Wege zum Haus zurückzukehren. Das weibliche Wesen näherte sich immer mehr dem Wasserfall. Sie hielt den Kopf gesenkt und erweckte den Eindruck, als ob sie sich vorwärts tastete. Der Herzog fand das ziemlich gefährlich. Wenn sie das Gleichgewicht verlor, würde das Wasser sie viele Meter über die Felsen hinunterreißen und ins Meer spülen.
Eine leise Vorahnung sagte ihm plötzlich, daß sie ihr Leben absichtlich aufs Spiel setzte. Mit einem schnellen Sprung stürzte er sich nach vorn und packte sie in dem Augenblick am Arm, als sie sich über die Klippen hinunterwerfen wollte.
Das Wasser rauschte so laut, daß sie seine Annäherung nicht gehört hatte. Sie stieß einen kleinen Schreckensschrei aus, während er sie vom Klippenrand wegzog.
„Was zum Teufel tun Sie da?“ fuhr er sie an. „Wenn Sie gefallen wären, lägen Sie jetzt mit zerschmetterten Gliedern da unten.“
„Das . . . wollte ... ich ja“, erwiderte sie mit kaum vernehmbarer Stimme.
Er hielt ihren Arm fest, um sie an der Flucht zu hindern, und blickte zu ihr hinunter. Ihr kleines, herzförmiges Gesicht wurde von zwei riesigen Augen beherrscht, die ihn furchterfüllt anstarrten.
Ihr blondes Haar, das ihr lose über die Schulter fiel, schien die Mondstrahlen einzufangen, so daß es silbrig glänzte. Sie war überaus schlank und beinahe durchscheinend. Unwillkürlich drängte sich dem Herzog die Vorstellung auf, daß er einem Geist oder einer Quellnymphe gegenüberstand.
„Wie konnten Sie nur etwas so Schlimmes und Häßliches tun wollen?“ fragte er scharf.
„Es bleibt mir nichts Anderes übrig.“
Die Antwort kam nur langsam und zögernd. Das Reden schien ihr schwer zu fallen. Ihre Augen hingen fast sehnsüchtig an den Wassermassen, die in die Hefe stürzten.
Schließlich wandte sie sich in flehendem Ton an ihn.
„Bitte lassen Sie mich allein. Ich möchte wirklich ins Wasser gehen.“
„Das wäre sehr unrecht von Ihnen.“
„Warum, wenn es doch das ist, was sie wollen . . .?“
„Wer will das?“ erkundigte er sich. „Und wer sind Sie? Warum sollte überhaupt jemand Ihren Tod wünschen? Wie kommen Sie auf diese Idee?“
Sie antwortete nicht. Ihr ganzer Körper versteifte sich, da sie anscheinend befürchtete, schon zuviel gesagt zu haben.
„Gehen wir ein paar Schritte weiter, und Sie erzählen mir, was Sie bedrückt“, schlug er vor, ohne ihren Arm loszulassen.
Er sprach sehr ruhig und bestimmt. Diesen Tonfall hatte er oft genug angewandt, um Informationen zu erlangen, die man ihm nicht geben wollte.
Das Mädchen schüttelte heftig den Kopf.
„Nein . . nein . . . bitte gehen Sie. Diese Chance wird sich mir nie wieder bieten. Vergessen Sie einfach, daß Sie mich je gesehen haben.“
„Leider ist das unmöglich. Schon weil Ihr Verschwinden viel Wirbel und Geschrei nach sich ziehen würde. Und ich müßte mich schuldig fühlen, weil ich Sie nicht daran gehindert habe, etwas so Kostbares wie Ihr Leben wegzuwerfen.“
„Das Leben ist für mich nicht kostbar, und es wird weder Wirbel noch Geschrei geben.“
„Wie können Sie dessen so sicher sein?“
„Ich erweise ihnen nur einen Gefallen, indem ich schneller sterbe. Und für mich selbst ist es auch besser. Langsames Sterben ist unerträglich.“
Es hörte sich so an, als ob sie mit sich selbst spräche. Ihre Stimme wurde leiser und leiser. Nach dem letzten Wort senkte sie ergeben den Kopf. Allem Anschein nach akzeptierte sie demütig das Unausweichliche.
Den Arm um ihre Schulter gelegt, führte der Herzog sie langsam ein Stück des Weges zurück. Sie war viel zu schwach, um Widerstand zu leisten. Am Waldrand lagen einige Baumstämme, die von Holzfällern gefällt und noch nicht weggeräumt worden waren. Vier davon bildeten eine Art Bank.
„Wollen wir uns nicht setzen und über alles sprechen?“ schlug er vor und blieb stehen.
Sie schien nur halb zu bemerken, was er tat und schaute zum Wasserfall zurück.
„Bitte lassen Sie mich allein“, flehte sie. „Wie ich schon sagte, ist dies meine einzige Chance.“
„Ihre einzige Chance zu sterben? Das meinen Sie doch nicht im Ernst.“
Der Herzog ließ ihren Arm los. Erst jetzt fiel ihm auf, daß sie nur ein dünnes, völlig unzulängliches Nachtgewand trug. Die rauhe Baumrinde mußte für sie sehr unbequem sein. Er faltete seine Tweedjacke zusammen und legte sie wie ein Kissen darauf. Da das Mädchen sich nicht rührte, beförderte er es mit einem leichten Stoß auf die improvisierte Bank.
Als sie saß, entdeckte er, daß ihre nackten Füße lediglich in Pantoffeln steckten.
„Erzählen Sie mir etwas von sich“, bat er ruhig.
Sie blickte zu ihm hoch. Der Herzog hatte noch nie ein Gesicht gesehen, das so vollkommen von den Augen ausgefüllt wurde. Den dünnen Armen und Handgelenken nach zu schließen, war sie dem Verhungern nahe.
In Indien hatte er zu viele Menschen mit Mangelerscheinungen gesehen, um die typischen Anzeichen nicht zu erkennen: die vorstehenden Knochen, die gespannte Haut und die scharfe Kinnpartie.
„Was ist eigentlich mit Ihnen los?“ fragte er. „Es hat den Anschein, daß Sie nicht genügend zu essen bekommen.“
Flüchtig kam ihm der Gedanke in den Sinn, daß es diese Art von Armut war, vor der er mit Hilfe des Geldes der Gräfin seinen Clan in Zukunft zu bewahren hoffte.
Das Mädchen wandte den Kopf ab.
„Sie bringen mir Nahrungsmittel nach oben, um die Dienstboten zu täuschen, geben sie mir aber nicht.“
„Wer sind ,sie‘, und weshalb behandeln sie Sie so grausam?“
Sie stieß einen kleinen Schrei aus.
„Vergessen Sie, was ich gesagt habe. Es war ein Irrtum.“
In ihrer Stimme schwang eine entsetzliche Angst mit. Wieder blickte sie in Richtung Wasserfall. Kein Zweifel, daß sie sich verzweifelt den Kopf zerbrach, wie sie ihn ungehindert erreichen konnte.
„Fangen wir doch ganz von vorn an“, schlug er vor. „Wie heißen Sie?“
„G . . . Giovanna“, erwiderte sie zögernd.
„Ist das alles?“
„So lautet mein Name. Ich habe keinen anderen.“
Es kam ihm seltsam vor, daß ein Mädchen mitten in Schottland einen italienischen Namen trug. Trotzdem faßte er nicht weiter nach.
„Liebe Giovanna, Sie müssen jetzt reden. Ich kann Sie doch nicht verlassen, bevor Sie meine Neugier gestillt haben.“
„Sie wollen mich verlassen?“ fragte sie hoffnungsvoll.
Dem Herzog war klar, daß sie sich, wenn sie wieder allein wäre, sofort ins Wasser stürzen würde. Er wählte seine nächsten Worte sehr sorgfältig.
„Zuerst müssen Sie mich überzeugen, daß es richtig ist, wenn ein junger Mensch wie Sie sein Leben einfach wegwirft.“
Giovanna zog den Atem ein.
„Ich schwöre Ihnen, daß mir gar nichts anderes übrig bleibt. Wenn ich nicht selbst handle, werde ich langsam dahinschwinden, schwächer und schwächer werden, bis ich tot bin.“
„Und wo soll das geschehen?“
„In meinem Gefängnis. Heute Abend hatte ich Glück. Im Haus herrschte große Aufregung, weil ein wichtiger Gast erwartet wurde. Die alte Magd, die sonst vorgibt, mir etwas zu essen zu bringen, vergaß die Türe zu verschließen. Auf diese Weise konnte ich entfliehen.“
Sie seufzte tief. Wie zu sich selbst sprach sie weiter.
„Den Wasserfall habe ich von jeher geliebt. Ich wäre ganz glücklich, in seinen Fluten zu sterben.“
„Das fände ich sehr, sehr töricht von Ihnen.“
Giovanna schüttelte den Kopf.
„Ich würde sowieso bald sterben.“
„Wie können Sie so sicher sein?“
„Weil ich muß, damit sie . . .“
Er hoffte, sie würde mehr sagen, doch sie drängte die Worte, die ihr über die Lippen wollten, zurück.
Ein kurzes Schweigen entstand. Nach ein paar Augenblicken fuhr sie fort.
„Ich habe Ihnen erzählt, was Sie wissen wollten. Jetzt verabschieden Sie sich bitte und lassen mich allein.“
„Glauben Sie, daß ich dann je wieder mit mir selbst leben könnte? Die Vorstellung, daß Sie von den Wassermassen in die Tiefe gerissen und ins Meer gespült würden, würde mich niemals mehr loslassen.“
„Ich wäre sehr glücklich im Meer.“
„Mag sein, aber mein Gewissen würde mir keine Ruhe lassen.“
„Warum nicht? Sie sind ein Fremder, der nichts von mir weiß. Morgen schon denken Sie vielleicht, daß alles nur ein Traum war.“
„Und wie soll ich reagieren, wenn man mir von Ihrem Tod berichtet?“
Giovanna stieß einen seltsam erstickten Laut aus, der entfernt an ein Lachen erinnerte. Ihre Lippen verzogen sich zu einer Art Lächeln.
„Von meinem Tod wird Ihnen bestimmt niemand berichten.“
Plötzlich schien ihr ein Gedanke zu kommen. Sie betrachtete ihn forschend.
„Wer sind Sie eigentlich?“ wollte sie wissen. „Sie sprechen nicht wie einer der Clansleute aus dieser Gegend, wofür ich Sie zuerst gehalten habe.“
„Mein Name ist Talbot.“
Sie schwieg. In ihrem Kopf arbeitete es, vermutlich, weil sie die verschiedenen Talbots, die sie kannte, im Geist Revue passieren ließ.
„Talbot McCaron, Sie sind doch nicht etwa . . . der Herzog?“ fragte sie mit kaum vernehmbarer Stimme.
Ein Blick in sein Gesicht beantwortete ihre Frage. Sie stieß einen leisen Schrei aus.
„Warum sind Sie hergekommen? Weshalb mußte ich ausgerechnet Ihnen begegnen? Jetzt werden sie mich ganz bestimmt umbringen. “
Mit einem erstickten Laut sank sie in sich zusammen. Er betrachtete verwirrt das kleine Bündel Elend zu seinen Füßen. Dann sprang er auf und hob sie in seinen Armen hoch.
Ihr dünner, abgezehrter Körper steckte tatsächlich nur in einem Nachthemd. Ihre Hüftknochen standen hervor, und durch das leichte Material war jede Rippe zu spüren. Das Mädchen hatte das Bewußtsein verloren.
Der Herzog überlegte fieberhaft, was er mit ihr anfangen sollte. Der rettende Gedanke ließ nicht lange auf sich warten. Er trug Giovanna durch den Wald bis zur Gartenmauer. Dort verließ er den Weg, auf dem er gekommen war, entfernte sich wieder vom Haus und durchquerte einen Obstgarten, der bis zum Ende der Einfahrt reichte.
Hier legte er das Mädchen sanft ins Gras unter die Büsche, die den Fahrweg zwischen Pförtnerhaus und Eingangstür abgrenzten. Eine Sekunde lang befürchtete er schon, sie sei tot. Doch sie atmete, wenn auch so schwach, daß sich ihre Brust kaum hob und senkte. Ihr Puls war gerade eben noch spürbar.
Der Herzog hatte im Laufe der Jahre viele Menschen gesehen, die dem Tod nahe waren. Er benötigte keinen Arzt, der ihm sagte, daß Giovanna sterben mußte, wenn nicht bald etwas geschah.
Er zerrte sich den Seidenschal vom Hals, knotete ein Ende um eines ihrer schlanken Handgelenke und befestigte das andere an den kräftigen Wurzeln eines Rhododendronstrauches.
Leider hatte er seine Tweedjacke auf dem Baumstamm zurückgelassen, auf dem sie gesessen hatten. Jetzt hätte er sie als Kopfpolster für Giovanna dringend brauchen können. Andererseits schien sie einigermaßen bequem im Gras zu liegen. Sie würde wohl auch nicht so schnell das Bewußtsein wiedererlangen.
Mit einem letzten Blick vergewisserte er sich, daß niemand, der die Einfahrt entlangging, sie zufällig entdecken konnte, und eilte zum Haus zurück.
Die Vordertür war noch angelehnt, so wie er sie hinterlassen hatte. Er ging hinauf in sein Schlafzimmer und läutete nach seinem Kammerdiener.
Der Herzog hatte sich aus Indien seinen Burschen mitgebracht, der ihm im Regiment über zehn Jahre lang gedient hatte, ein Schotte namens Ross. Abgesehen von einigen hohen Regierungsbeamten war er der Einzige gewesen, der über die gefährlichen Expeditionen seines Herrn Bescheid gewußt hatte.
Die Mitglieder des Geheimdienstes kannten sich nicht persönlich, denn sie hatten keine Namen, sondern Nummern. Über die Aktionen, mit denen sie betraut worden waren, wurde niemals gesprochen, außer über einige wenige, doch nur heimlich, hinter verschlossenen Türen.
Ross hatte sich Talbot McCaron im Laufe der Jahre unentbehrlich gemacht. Seine Befürchtungen, Ross würde ihm nicht in die Heimat folgen, weil er ohne die aufregenden Abenteuer in Indien nicht leben konnte, hatten sich als unbegründet erwiesen. Der Offiziersbursche hatte sich sogar in einen vollendeten Kammerdiener verwandelt.
Ross hatte ihm, als er ihm beim Umkleiden behilflich war, auf einen besonderen Umstand hingewiesen.
„Die Leute hier haben sich die größte Mühe gegeben, es Euer Gnaden so bequem wie möglich zu machen. Sie haben sogar eine Leitung von diesem zu meinem Zimmer legen lassen, damit Sie läuten können, wenn Sie nachts etwas benötigen.“
„Kaum anzunehmen.“
Der Herzog hatte gelacht.
„Wie dem auch sei, ich werde Sie hören. Die Glocke ist unmittelbar neben meinem Bett angebracht.“
Die Gräfin war offenbar entschlossen, sich seiner auf jede nur mögliche Weise zu versichern, dachte der Herzog. Sie fürchtete anscheinend, ich könnte mich der geplanten Heirat in letzter Sekunde noch entziehen.
Jetzt wartete er, nicht ohne sich zu fragen, was er anfangen sollte, wenn Ross ihn nicht hörte oder die Glocke nicht funktionierte. Zu seiner Erleichterung vernahm er bald Schritte. Gleich darauf öffnete sich leise die Tür.
„Euer Gnaden haben geläutet?“
„Ja, Ross, kommen Sie herein, und machen Sie die Tür zu.“
Dem Kammerdiener war sofort klar, daß etwas Ungewöhnliches passiert sein mußte. Das Funkeln in den Augen seines Herrn sprach eine deutliche Sprache.
Kaum eine Stunde später halfen der Haushofmeister und der Kammerdiener dem Herzog, dessen Zähne vor Kälte hörbar klapperten, obwohl er in Decken gehüllt war, die Treppe hinunter.
Ein plötzlich aufgetretener Malaria-Anfall hatte ihn so geschwächt, daß er zitterte wie Espenlaub, wie Ross sich ausdrückte. Die beiden Männer mußten ihn beinahe durch die Halle und in die Kutsche, die draußen wartete, tragen.
Erst als sie den fast hilflosen Herzog auf den Rücksitz hoben, murmelte er mit letzter Kraft: „Es tut mir so leid. Bitte, richten Sie Mylady aus, daß es mir unendlich leidtut.“
„Sie wird sehr betrübt sein, von Ihrem Mißgeschick zu hören. Euer Gnaden“, erwiderte der Haushofmeister. „Hoffen wir, daß dieser schwere Anfall bald vorübergeht, wenn Sie erst durch ihren eigenen Arzt im Schloß behandelt werden.“
„Vielen Dank“, brachte der Herzog nur noch mühsam heraus.
Ross breitete seinem Herrn eine Decke über die Knie und stieg dann ebenfalls in die Kutsche.
„Bitte lassen Sie Mylady wissen, wann es Seiner Gnaden besser geht“, wandte sich der Haushofmeister an ihn. „Sie wird es sehr bedauern, daß er die Gesellschaft verpaßt, die morgen zu seinen Ehren stattfinden soll.“
„Mein Herr wird über sein Versäumnis ebenfalls sehr enttäuscht sein, wenn er erst wieder realisiert, was um ihn herum vorgeht“, erwiderte Ross. „Leider machen ihm diese Malaria-Anfälle sehr oft zu schaffen.“
Der Haushofmeister schnalzte mitleidig mit der Zunge und trat zurück, während der Kutscher die Wagentür schloß, auf den Bock kletterte, und die Pferde antrieb.
Sekunden später warf der Herzog die Decke über seinen Knien ab.
„Sie haben hoffentlich Sutherland genaue Anweisung gegeben, wo er halten soll“, sagte er.
„Jawohl, Euer Gnaden“, erwiderte Ross. „Es wäre aber sicher angebracht, ihm die genaue Stelle zu zeigen.“
Er schaute hinter dem Kopf seines Herrn durch das kleine Fenster.
„Wir sind außer Sichtweite des Hauses, Euer Gnaden.“
„Dann lassen Sie um Himmels Willen die Fenster herunter. Ich bin am Ersticken.“
Der Herzog entledigte sich auch der restlichen Decken und legte sie neben sich auf den Sitz. Die Pferde standen kaum, als Ross auch schon die Tür aufstieß und den Herzog aussteigen ließ.
Der Wagen hatte etwas zu früh angehalten. Während er sich durch das Gebüsch neben der Einfahrt drängte und den Ort suchte, wo er Giovanna verlassen hatte, fuhr der Kutscher langsam neben ihm her.
Als er sie nicht auf Anhieb fand, befürchtete er schon, das Mädchen könnte sich erholt und befreit haben. Er hatte zwar den Knoten so fest wie möglich angezogen, doch eine Hand war frei geblieben.
Ihr weißes Nachthemd zeigte ihm schließlich den Weg. Sie lag noch genauso im Gras, wie er sie zuvor hingelegt hatte.
Vorsichtig löste er den Seidenschal von der Rhododendronwurzel, die Fessel um ihr Handgelenk ließ er unberührt. Dann hob er sie in seine Arme, eilte zur offenen Kutschentür, hob sie hinein und hüllte sie in die Decken, die er vorher benutzt hatte. Sie war kaum auf dem Rücksitz untergebracht, als Ross auch schon von außen die Tür zuwarf und ohne weitere Befehle abzuwarten, neben dem Kutscher auf den Bock kletterte.
Natürlich wußte der Herzog, wie schändlich er sich in den Augen seiner Gastgeberin verhalten hatte, indem er abfuhr, ohne Lady Jane einen Antrag zu machen.
Im Augenblick lag ihm jedoch mehr am Herzen, Giovannas Leben zu retten, indem er sie vor den Leuten schützte, die sie ihrer Überzeugung nach umzubringen versuchten.
Ihre Geschichte hörte sich äußerst unwahrscheinlich an, und die meisten Leute hätten sie wohl für die Erfindung einer Wahnsinnigen gehalten. In seinen Augen jedoch war sie geistig völlig gesund. Sie litt lediglich unter starken Mangelerscheinungen.
Nachdem sie schon einige Meilen zurückgelegt hatten, schlug sie, ohne sich zu bewegen, die Augen auf. Der Herzog, der sie ständig beobachtet hatte, beugte sich vor. Um ihr noch näher zu sein, kniete er sich vor sie auf den Boden.
„Sie sind in Sicherheit, Giovanna“, erklärte er in ruhigem Ton. „Von nun an brauchen Sie keine Angst mehr zu haben.“
Sie starrte ihn verwundert an.
„Wo bin ich?“ flüsterte sie. „Weshalb sind Sie hier?“ Ein leiser Ausruf entfloh ihren Lippen. „Jetzt haben Sie mich endgültig am Sterben gehindert.“
„Ich fand es besser, Sie zu retten.“
Ihre großen Augen weiteten sich. Sie richtete den Blick zur Decke der Kutsche.
„Um mich herum bewegt sich alles. Was ist geschehen?“
„Sie befinden sich in meiner Kutsche. Ich bringe Sie in mein Schloß.“
Ihre Stimme klang beinahe schrill vor Entsetzen.
„Das dürfen Sie nicht“, rief sie. „Wenn sie das herausfinden, werden sie ihre Drohung wahrmachen und mich bestrafen. Das kann und will ich nicht zulassen!“
„Worin sollte denn die Bestrafung bestehen?“
„Ich kann es Ihnen nicht sagen. Das wäre zu gefährlich. Bitte, bringen Sie mich wieder zurück.“
„Sie wollen tatsächlich sterben?“
„Ja, damit niemand leiden muß.“
„Außer Ihnen.“
Sie antwortete nicht. Ihre Augen waren dunkel vor Entsetzen.
„Wissen Sie . . . Haben Sie ihnen gesagt, daß Sie mich mitnehmen?“ fragte sie ängstlich.
„Natürlich nicht“, versicherte er. „Falls Sie die Gräfinwitwe meinen, denkt sie, daß mich ein schlimmer Malaria-Anfall gepackt hat und daß ich in mein Schloß zurückkehren mußte, um mich von meinem eigenen Arzt behandeln zu lassen. Angeblich kennt er sich am besten mit meiner Krankheit aus.“
Darmowy fragment się skończył.