Czytaj książkę: «Schatten um Rußlands Thron»
Axel Rudolph
Schatten um Rußlands Thron
Saga
Schatten um Rußlands ThronCopyright © 1937, 2019 Axel Rudolph und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711445181
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit SAGA Egmont gestattet.
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1.
Sankt Petersburg.
Träge wälzt sich die Newa vorbei an der breiten, graden Uferstrasse. Drüben, jenseits des Flusses, steigen aus feuchten Märznebeln die grauen Bastionen und nadelspitzen Türme der Peter-Paul-Festung.
Unruhe ist in der Luft. Mit dem Winter kämpfen die ersten Frühjahrswinde. Ahnungsvoll knirschen und reiben sich die treibenden Eisschollen im Fluss, aneinander. Kommt das dumpfe Getöse von ihnen her oder ist es etwas anderes, das sich da wie Brausen und Grollen von Fernher heranwälzt?
Die Dworniks, die vor den Häusern den nassen, halbgetauten Schnee zusammenfegen, halten in ihrer Arbeit inne und blicken unruhig nach der Richtung, aus der das Brausen anschwillt. Selbst der dickwattierte Iswoschtschik dort an der Ecke hebt den Kopf und reckt sich ein bisschen auf seinem Kutschbock.
Nun quillt es hervor aus der Nebenstrasse, eine erregte, wild durcheinanderflutende Menschenmenge. Stahlglänzende Bajonette in ihrer Mitte.
„Gefangene“, sagt ein Hausverwalter, der zu dem Kutscher an der Ecke getreten ist, und bekreuzigt sich. „Arme Teufel, die man zur Festung führt.“
„Zurück da! Pack!“ Ein baumlanger Sergeant mit rotem Gesicht, der den Transport führt, sucht die den Zug umdrängende Menge fortzuscheuchen, aber heute scheint die bleiche Furcht, die das Volk sonst gefesselt hält, dahin zu sein. Ist das Mass so voll, dass es zwangsläufig überschäumt, oder wissen die Leute, dass den Soldaten, die da stumm neben den Gefangenen marschieren, selber der Ingrimm in der Seele brennt, dass sie nicht schiessen werden, selbst wenn man es ihnen befehlen sollte — die Menge lässt sich nicht verjagen. Drängend und stossend, schreiend und schimpfend laufen die Bürger neben dem Zuge her, drängen sich zwischen die Wachtsoldaten und stecken den Gefangenen ohne Scheu Lebensmittel und Tabak zu.
Etwa fünfzig Männer sind es, die von den Bajonetten eskortiert werden, ernste, von Arbeit durchgeistigte alte Gesichter, junge Menschen von aufrechter, stolzer Haltung. Manche von ihnen tragen Offiziersuniform.
„Man führt wieder neue Schlachtopfer in die Kasematten!“
„Gott sei mit euch, Brüder!“
Drohender, lauter werden die Rufe der Empörung. Die Menge wächst. Fast wird der Zug gegen die Häuserfront gedrängt. Der Sergeant flucht und schimpft.
,,Fort da, ihr schlechtes Gesindel! Gebt den Weg frei, oder . . .“
„Halt!“
Das ist eine Kommandostimme. Der Sergeant schaut verdutzt empor zu dem behäbigen, untersetzten Mann in Generalsuniform, der von der kleinen Freitreppe da mit mächtigem Bass das Wort gerufen hat, er gibt seinen Soldaten ein Zeichen. Wie ungebärdige Meereswogen stösst der Schwall der Menschen gegen den plötzlich wie zu Fels erstarrenden Zug.
Der kleine Mann in Generalsuniform ist die wenigen Stufen zur Strasse hinuntergestiegen, stösst mit den Armen rücksichtslos die im Wege Stehenden beiseite.
„Wohin Sergeant?“
Der Transportführer salutiert. „Zur Peter-Paul-Festung, Exzellenz. Man hat mir befohlen . . .“
Der General wendet ihm den Rücken. Sein Blick fliegt über die Schar der Gefangenen, bleibt an einem hochgewachsenen jungen Mann in Fähnrichsuniform haften.
„Auch du, Feodor Andrejewitsch?“
Der Gefangene hat Stellung genommen. Voll und offen ruht sein Blick in den Augen des Generals. „Wer Russland liebt, kann nicht zusehen, wie der Zar es den Jakobinern ausliefert, General Kutusow!“
„Halt dein ungewaschenes Maul, Junge!“ knurrt der General. Dann tritt er auf den jungen Mann zu und umarmt ihn. „Ich werde deinen Vater benachrichtigen.“ Wendet sich zu dem Transportführer und winkt heftig mit der Hand.
„Pascholl, Sergeant!“
Weiter marschiert der traurige Zug. General Kutusow wendet sich und stösst dabei mit einem alten Mann zusammen, der ihm nicht schnell genug ausweichen konnte.
„Sieh dich vor, Muschik! Kannst du einem General nicht Platz machen?“
Ein derber Knuff begleitet die Worte. Der Alte taumelt zur Seite und verneigt sich demütig. Tränen rinnen ihm dabei in den Bart.
General Kutusow verhält erstaunt den Schritt. „Warum weinst du, he?“
Wieder bekreuzigt sich der Alte: „Gott hat mich gestraft, Eure hohe Exzellenz. Ich bin aus Kaschira, im Gouvernement Tula. Alles hat man mir genommen, meinen Jungen, mein Weib — alles.“
„Wirst du verdient haben, Bauer.“
„So ist es, Eure Herrlichkeit.“ Der Alte schlürft hinter dem General her, der stampfend zu seinem vorgefahrenen Wagen schreitet. „Aber der Zar ist gnädig. Ich bin hierhergekommen, um mich ihm zu Füssen zu werfen, um Gnade zu bitten. Die Torwache hat mich geprügelt und davongejagt.“
„Scher’ dich zum Teufel!“ General Kutusow hat bereits einen Fuss auf dem Trittbrett seines Wagens, als er plötzlich innehält. Er greift in die Tasche und schleudert dem Alten ein Goldstück an den Kopf.
„Da! Besauf dich!“
Lässt sich Sann mit einem Schnaufen in das Polster fallen. „Zum Kasino, Iwan! Lass die Pferde laufen!“
„Was möchten Sie von mir wissen, Graf Pahlen?“
Lächelnd, die winzige Teetasse graziös in ihrer Linken balancierend, schaut Juliane Krüdener zu dem ihr Gegenübersitzenden auf. Der Ministerpräsident Graf Pahlen, dessen Gestalt die zierliche Figur der Baronin Krüdener um Kopfeslänge überragt, streicht sich das bartlose, energisch geformte Kinn.
„Vielerlei, Baronin. Vor allem möchte ich Ihnen meinen ergebensten Dank aussprechen, dass Sie meine Bitte erfüllt haben, diesen Nachmittag mein Haus mit Ihrer Gegenwart zu verschönen. Dann aber möchte ich wissen . . .“ Pahlens verbindliches Gesicht wird jählings ernst und eisern . . . „ob Sie etwas wissen!“
Juliane Krüdener lächelt unschuldig. „Von der Verschwörung, meinen Sie?“
Graf Pahlens Augenlider zucken etwas nervös. Einen Augenblick presst er die schmalen Lippen zusammen. „Ihre guten Verbindungen zur Diplomatie sind bekannt, meine Gnädigste. Dennoch überrascht es mich, dass Sie anscheinend auch über diese Sache informiert sind.“
„Haben Sie es nicht vorausgesetzt, lieber Graf? Ihre erste Frage liess es jedenfalls vermuten.“
Pahlen nickte bestätigend. „Ich erfuhr allerdings von einer gewissen Äusserung, die Sie vor einigen Tagen bei der Soiree im Palais Wolkonski getan haben. Und dieser Äusserung . . .“
„ . . . verdanke ich die heutige liebenswürdige Einladung des Herrn Ministerpräsidenten“, fällt die Krüdener lächelnd ein. ,,Wollen wir nicht mit offenen Karten spielen, Graf?“
„Wie Sie befehlen.“ Pahlen sieht seiner Besucherin entschlossen ins Gesicht. „Sie — kennen also einen der — Verschworenen?“
„Nein. Aber ich kenne Sie, Graf Pahlen!“
Aufmerksam, alle Sinne gespannt, blickt Pahlen sie an. „Wie, wünschen Sie, dass ich dies verstehe?“
Noch immer lächelt die Baronin Krüdener unschuldsvoll. Ihre wohlgeformten Schultern heben und senken sich kurz. „Die Verhältnisse unter der Regierung Seiner Majestät des Zaren Paul drängen unerbittlich zu einer Entscheidung. Jedes Kind kennt die erbitterte Stimmung im Volke. Die Herren Offiziere machen kein Hehl aus ihrer Gesinnung. Es liegt auf der Hand, dass infolge der zum mindesten — unvorsichtigen Dekrete Seiner Majestät eine Verschwörung, die auf eine Änderung der bestehenden Zustände hinzielt, nicht nur bei der Armee, sondern auch im Volke restlose Zustimmung finden würde. Sollte Graf Pahlen der Mann sein, eine solche Chance ungenutzt vorübergehen zu lassen?“
Pahlens Stirn hat sich umvölkt. „Sie sind wirklich fabelhaft gut informiert, Baronin.“
„Gar nicht. Es gehört nur eine bescheidene Kombinationsgabe dazu, dies einzusehen. Wer sollte geeignet sein, zu handeln, wenn nicht Graf Pahlen, Ministerpräsident und mächtigster Mann am Zarenhofe!“
„Zum Wohle Russlands handeln — meinen Sie?“
Eine Sekunde stutzt Juliane Krüdener. Dann neigt sie lächelnd den Kopf. „Nichts anderes wollte ich ausdrücken, Exzellenz.“
Graf Pahlen schweigt einen Augenblick überlegend. Dann weicht auch der Ernst seines Gesichts einem leisen Lächeln.
„Ich bewundere Ihre Klugheit, Baronin, die höchstens noch von Ihrer Schönheit übertroffen wird, und ich stehe nicht an, Ihnen einzugestehen, dass Ihre Kombination richtig ist. Ich hoffe, dass Sie mit dieser offenen Antwort zufrieden sind.“
„Ich weiss sie zu schätzen, Graf Pahlen. War das alles, was Sie von mir wissen wollten?“
Wieder zieht ein leiser Schatten über Pahlens Stirn. Es ist wirklich schwer, dieser Frau gegenüber den richtigen Ton zu finden. Und dabei sollte man meinen . . . Pah, wer ist sie denn, diese Baronin Krüdener! Eine Dame aus kleinem baltischen Landadel, die junge Witwe des verstorbenen russischen Gesandten in Berlin, eine Frau, die in den Salons von Petersburg wegen ihrer geistreichen Spöttereien und literarischen Ambitionen geschätzt ist — sonst nichts. Er dagegen ist der allmächtige Ministerpräsident, Vertrauter des Zaren, der Mann, zu dem halb Russland aufschaut wie zu einem Halbgott. Und dennoch vermag Pahlen ihr gegenüber nicht die Überlegenheit zu finden, die ihm seine hohe Stellung eigentlich geben müsste.
„Sie haben von diesen heiklen Dingen gewusst und trotzdem geschwiegen“, sagt er unmutig. „Ich möchte wissen, welche Pläne Sie eigentlich verfolgen, Baronin.“
„Das nenne ich wirklich offen gesprochen“, lächelt Juliane, wird aber im nächsten Augenblick unversehens ebenso ernst wie ihr Gegenüber. „Wenn ich nicht irre, steht auch Seine Kaiserliche Hoheit, der Zarerwitsch, Ihrem — Vorhaben sympathisch gegenüber?“
„Ja.“ Fast rauh kommt die knappe Antwort, fast wie eine Drohung. Juliane Krüdener sieht dem Grafen fest in die Augen.
„Ich werde immer auf der Seite sein, auf der Kronprinz Alexander steht.“
Erleichtert atmet Pahlen auf. Das also ist es! Zum Teufel mit Subkoff und den anderen, die in dieser Baronin Krüdener eine gefährliche Intrigantin sehen und ihm mit Warnungen den Kopf heiss gemacht haben! Eine ehrgeizige, schöne junge Frau, die sich in die Gunst des jungen Thronfolgers einschmeicheln möchte, der vielleicht bald Zar sein wird! Harmlos! Mag sein, dass die gute Juliane insgeheim davon träumt, eines Tages mit Hilfe des Kronprinzen Alexanders so etwas wie eine kleine Pompadour zu werden. Nun, mag sie das immerhin. Es besteht wenig Aussicht, dass dieser Traum jemals in Erfüllung geht. Der Zarewitsch Alexander bevorzugt die Gräfin Natalie Narischkin, vor deren anerkannter Schönheit selbst die Reize der Baronin Krüdener zurückstehen müssen. Und selbst wenn es ihr eines Tages gelingen sollte, die Narischkin zu verdrängen — Graf Pahlen wird dafür sorgen, dass Russlands Politik nicht von den weichen Händen einer verliebten Frau gemacht wird, sondern von Männern.
Pahlens Ernst verwandelt sich in lächelnde, geschmeidige Verbindlichkeit. Jetzt ist er wirklich der Ministerpräsident, der hohe Herr, der die kleine Baronin Krüdener unnahbar überragt.
„Wir dürfen Sie also als eine Bundesgenossin betrachten, Baronin? Charmant! Ich freue mich darauf, nach dem Erfolg, Seiner Majestät, dem Zaren Alexander von Ihnen berichten zu können.“
Juliane Krüdener wiegt den Kopf. „Sind Sie des Erfolges so sicher, Graf? Zar Paul ist misstrauisch, und die Macht liegt noch in seiner Hand. Ein winziger taktischer Fehler hat oft im letzten Augenblick die klügsten Pläne zuschanden gemacht.“
Sorglos bedient Pahlen am Teetisch seinen Gast. „Es wird keinen solchen Fehler geben können, liebe Baronin. Ich bin meiner Sache so sicher, dass ich Ihnen sogar die Einzelheiten unserer — Aktion verraten will. In der Stunde der Entscheidung werden drei Kolonnen der Garde von verschiedenen Seiten vorrücken und das Winterpalais besetzen, stark genug, um etwaige Sicherungsmassnahmen zu bewältigen und geführt von . . .“
„ . . . Seiner Exzellenz, dem Ministerpräsidenten Graf Pahlen!“
„Nein“, lächelt Pahlen überlegen. „Ich selber folge mit einer vierten und stärksten Kolonne, mit der Garde.“
„Um den Ausschlag zu geben!“ nickt die Krüdener lebhaft. „Vorzüglich, Graf! Klappt die Geschichte, so übernehmen Sie als Oberkommandierender die Zügel. Sollte aber wider Erwarten Zar Paul Wind bekommen oder gewisse Umstände eintreten, so erscheint Graf Pahlen mit der vierten Kolonne — als Retter!“
Pahlen stutzt. Dieser Gedanke . . .! Die Krüdener ist wirklich eine sehr kluge Frau. „Ich hoffe, Sie werden mir nicht zutrauen, meine Kameraden zu verraten“, sagt er langsam.
Wieder lächelt Juliane Krüdener herzlich. „Graf Pahlen wird auch das können, wenn es — zum Wohle Russlands nötig sein sollte.“
Ist das Spott oder Ernst? Einen Augenblick will Pahlen wieder der Argwohn überschleichen, als ob diese Frau mit ihm spiele. Die Kameraden kommen ihm in den Sinn, die ihn vor der Krüdener gewarnt und ihn aufgefordert haben, sie rechtzeitig „aus dem Wege zu räumen“. Es wäre leicht genug. Eine Verdächtigung würde genügen, um Juliane Krüdener auf Befehl des Zaren Paul in der Peter-Paul-Festung verschwinden zu lassen. Aber Juliane Krüdener lächelt harmlos. In ihren grossen, klugen Augen, die den Blick Pahlens ruhig aushalten, ist nichts, das auf Spott und Ironie deutet. Pahlen zwingt den aufsteigenden Argwohn zurück und neigt ernst den Kopf.
„Nun ja. Für Russlands Wohl — auch das.“
„Wir verstehen uns, Graf Pahlen.“
„Die Karten liegen offen auf dem Tisch. Unnötig zu versichern, Baronin, dass nach dem Erfolg Ihre Wünsche stets meine wärmste Unterstützung finden werden.“
Juliane Krüdener steht auf. „Sehr verbunden, Graf Pahlen. Aber für die Erfüllung meiner Wünsche sorge ich schon selbst.“
Sekundenlang ist wieder dies fanatisch-energische Blitzen in ihren grauen Augen, das Pahlen vorhin so betroffen machte, sekundenlang ein leises Stutzen, Warnen in seinem Innern. Aber er wirft es weg. zu klein, zu lächerlich sind diese Wünsche, von denen Juliane Krüdener spricht. Der Traum einer kleinen Frau, die eine Nebenbuhlerin verdrängen und selber die Freundin des Kronprinzen werden möchte. Belanglos, ungefährlich für Russland und den Grafen Pahlen!
Juliane Krüdener den Arm bietend, geleitet er sie ritterlich zum Vorzimmer. „Ich bitte um das Glück, Sie heute abend zum Ball des Leibgrenadierregiments führen zu dürfen, Baronin.“
,,Seine Kaiserliche Hoheit, der Zarewitsch!“
Sporenklirren, feste Schritte im Vorsaal, rasches, dienstliches Zurücktreten des Adjutanten — in der Uniform des Leibgrenadierregiments, den Hut im Arm, tritt Kronprinz Alexander in das Arbeitsgemach seines Vaters, hochgewachsen, schlank und elegant. Ein schöner Mann, der Zarewitsch. Man munkelt in Hofkreisen hundert Geschichten von Damen, die seinetwegen Herzschmerzen haben, und wahr ist es: Kronprinz Alexanders männlich schöne Züge sind das Idealbild der Schönen am Petersburger Hof. Er ist umschwärmt wie kein Zweiter, und nicht nur, weil man den Thronerben in ihm sieht. Sonderbar genug, dass dieser junge, blendende Zarewitsch bisher den Lockungen weiblicher Reize widerstanden hat. Da ist allerdings die junge Gräfin Natalie Narischkin, die in hohem Masse seine Gunst geniesst. Die Neider und Klatschbasen am Hofe haben daraus längst ein Liebesverhältnis gemacht, aber die Vernünftigen müssen sich gestehen, dass es noch niemand gelungen ist, einen Beweis dafür zu erbringen. Der Zarewitsch bevorzugt die Narischkin auffallend, sie geniesst sein Vertrauen, bei Galabällen und anderen Festlichkeiten macht er ihr gelegentlich sogar regelrecht den Hof, aber wenn man glaubt, ihn ertappt zu haben, wendet er sich mit herzlicher Freundlichkeit an seine Gemahlin, die stille, zurückhaltende Kronprinzessin Elisabeth. Schwer, sehr schwer zu deuten ist das Wesen Alexanders und macht am meisten Kopfzerbrechen dem, der in dem blühenden, bestechenden Nachfolger täglich das langsam, aber unerbittlich herannahende Ende seiner eigenen Tage sieht.
Grämlich, misstrauisch hebt Zar Paul I. den Kopf und mustert über den mächtigen Schreibtisch hinweg seinen Sohn, der in der vorschriftsmässigen, dienstlichen Haltung vor ihm erstarrt ist.
„Bitte kurz, Alexander. Ich habe wenig Zeit.“
„Majestät!“ Die Züge des Kronprinzen drücken höchste innere Erregung aus. „Sie wollen wirklich den französischen Gesandten empfangen? Erlauben Sie mir, noch einmal zu sagen: Es tut nicht gut! Dies Bündnis mit revolutionären Königsmördern an der Seine ist unserm Volk verhasst.“
„Bist du der Anwalt des Volkes?“ In unverhohlenem Argwohn ruhen die unsteten Augen des Zaren auf dem Kronprinzen. „Mische dich gefälligst nicht in meine Politik, sondern kümmere dich um deine militärischen Obliegenheiten.“
„Majestät, ich komme in letzter Stunde. Nicht zu meinem Vater, nicht zum Selbstherrscher aller Reussen, sondern zu Zar Paul, dem letzten Ritter ohne Furcht und Tadel, dem Grossherrn des Johanniterkreuzes — und ich weiss, er wird das Gebot der Ehre und des Rechts hören.“
„Nicht so unrichtig, nicht so unrichtig.“ Paul I. erhebt sich, geschmeichelt wie immer, wenn man ihn an diese Würde erinnert, geht wie beiläufig zu dem zwischen zwei Fenstern angebrachten hohen Spiegel und liebäugelt mit dem breiten Ordensband, das sich über seine Brust zieht. „Ich höre, Alexander. Was hast du mir zu sagen?“
„Das Bündnis mit Frankreich . . .“
Der Kronprinz bricht ab, denn Paul I. hat eine kurze Handbewegung gemacht und lauscht. Fanfarengeschmetter dringt von der Strasse herauf, Räderrollen, Hufgeklapper. Dazwischen aber noch andere Laute: ein dumpfes, anschwellendes Brausen, aus dem sich laute Schmährufe lösen. Paul I. tritt an das Fenster und wirft hinter den Gardinen einen finsteren Blick auf den Schlossplatz hinunter, wendet sich dann stirnrunzelnd um.
„Was hat das zu bedeuten?“
„Wahrscheinlich der französische Gesandte, der mit allem Pomp zur Audienz fährt.“ Alexander zuckt die Achseln. „Das Volk bereitet ihm auf seine Weise eine kleine Ovation.“
Ausgelöscht die selbstgefällige Eitelkeit und die bereitwillige Freundlichkeit im Gesicht des Zaren. Wut und Grausamkeit verzerren seine Züge.
„Ich werde die Garde in das Pack feuern lassen! Ich werde . . . Du wolltest etwas sagen, Alexander?“
„Nur, dass die Truppe die Gefühle des Volkes teilt, Majestät.“
„Du meinst wohl, meine Herren Offiziere! Die Offiziere deines Regiments!“ Mit einem hässlichen Lachen setzt Zar Paul sich an seinen Schreibtisch und wirft jagend einige Zeilen auf ein Blatt, klingelt heftig.
„Dem Ministerpräsidenten Graf Pahlen“, zischt er förmlich den eintretenden Adjutanten an. „Ordre, das wachhabende Regiment abzulösen. Pahlen bestimmt künftig, welche Truppenteile die Wache im Schloss beziehen!“
„Zu Befehl, Majestät!“ Der Adjutant nimmt das Blatt entgegen und schlägt noch einmal die Hacken zusammen. „Der französische Gesandte Ew. Majestät. Er wartet im Audienzsaal.“
„Majestät! Vater!!“ flehend, beschwörend die Stimme des Kronprinzen. Paul I. mustert scharf seinen Sohn.
„Nichts mehr. Du hörst, ich habe zu tun!“
Durch die breite Flügeltür, Sie der Adjutant aufreisst, geht Paul I. mit festen Schritten in den Audienzsaal, ohne seinen Sohn noch eines Blickes zu würdigen.
Hoffnungslos, mit hängenden Armen bleibt Kronprinz Alexander allein im Arbeitsgemach zurück. Von unten her dringen noch immer Rufe und erregtes Gemurmel herauf, ein paar schneidende Kommandostimmen dazwischen. Alexander zuckt bitter die Achseln. Umsonst. Der Zar hört dich nicht, russisches Volk, weder dich noch die Stimme des leiblichen Sohnes.
Der Zar. Der Vater. — Sorgenschwer wandern die Blicke des Kronprinzen über das Gemach zu den lebensgrossen, in kostbaren Goldrahmen steckenden Gemälden an der Wand, aus denen die Gestalten der russischen Herrscher herabschauen. Man munkelt, dass der Wahnsinn auf dem Zarenthron sitzt, und es ist wahr: Das unstete, jähzornige, misstrauische Wesen Pauls I., seine willkürlichen Urteile, die Hinrichtungen und Verbannungen, seine Rasereianfälle und seine komödiantenhafte Eitelkeit sind nicht mehr auf vernünftige Weise zu erklären. Aber kann es anders sein? Kann ein Mann, der im Schatten der grossen Katharina aufgewachsen ist, der die Ermordung des Vaters erlebt und von Kindheit auf für sein eigenes Leben gezittert hat, anders sein als argwöhnisch, grausam, gewalttätig, selbst den engsten Verwandten gegenüber? Doch wenn dieser Wahnwitz, diese Gewalttätigkeit übergreift auf das Geschick des ganzen Volkes, Russland an den Rand des Abgrunds führt, dann . . . dann . . . Kronprinz Alexander seufzt tief auf. Schwer, unsäglich schwer wird es sein, eines Tages diese Krone zu tragen, deren Rubine leuchten wie unverwischbare Blutflecke! Nur eines wird sie leichter machen können: Das Bewusstsein, dass man sie trägt für Russlands Wohl.
Draussen geht das Murmeln unter in lauten Schreckensschreien. Wilde Massenflucht fegt über den Schlossplatz. Hufe donnern. Die Gardekosaken reiten an.
„Pahlen“, denkt Kronprinz Alexander. „Der allmächtige Ministerpräsident, der einzige wirkliche Vertraute Zar Pauls I. Und dabei doch . . . Dieser Mann, der jetzt so prompt den Befehl seines Zaren ausführt, mitleidlos die Kosaken einhauen lässt auf das Volk, das ist derselbe Mann, der schon vor Wochen in geheimer Beratung mit dem Zarewitsch Alexander das Wort gesprochen hat:
„Die Abdankung des Zaren und die Übernahme der Herrschaft durch Eure Kaiserliche Hoheit ist die einzige Rettung Russlands!“
2.
Hell strahlen die Kerzen der grossen Kronleuchter im Offizierskasino des Leibgrenadierregiments. Im grossen Ballsaal flutet die beste Petersburger Gesellschaft, vorwiegend Offiziere der kaiserlichen Garde mit ihren Damen, dazwischen Hofleute, hohe Beamte, Minister, der halbe Gouvernementsadel. Ganz im Hintergrunde, über der Empore der Musikkapelle, eine mächtige Samtdraperie, auf der das Wappen und der Namenszug des Zaren prangen.
„Du willst wirklich fort, Natalie?“
„Ich muss! Du hörst ja, Alexej . . .“ Ungeduldig wehrt die schöne junge Dame den Gardeleutnant ab, der sie am Eingang des Saales zurückhalten will, nimmt aus der Hand eines Lakaien Schal und Mantille.
„Gut. Dann begleite ich dich! — Lakai! Säbel und Mantel!“
„Das wirst du nicht, Alexej!“ Ärgerlich sieht Natalie Narischkin den jungen Mann an. „Ich sagte dir doch, dass ich eine Verabredung habe . . .“
,,Mit dem Zarewitsch!“ knirscht der Leutnant.
„Ich halte das nicht mehr aus, Natalie! Ich dulde nicht, dass du dich wegwirfst!“
„Keine Szene, bitte!“ Natalie Narischkin drückt verstohlen zärtlich die Hand des jungen Mannes. Einen Augenblick ruhen ihre mandelförmigen, dunklen Augen fast betrübt auf seinem vor leidenschaftlicher Eifersucht geröteten Gesicht. „Wann wirst du endlich begreifen, Alexej, dass ich nur für dich handle! Der Zarewitsch liebt mich, — vielleicht. Nun gut. Folgt daraus, dass ich ihn wieder lieben muss?“
„Er zeichnet dich aus! Er empfängt dich! Nie, wenn du nicht an meiner Seite bist, weiss ich, ob du nicht bei ihm weilst! Ganz Petersburg erzählt sich, dass der Zarewitsch dich mit seiner Gunst beehrt.“
„Und ich lasse es mir gefallen, nicht wahr? Weisst du denn noch immer nicht, Alexej, dass ich dich liebe? Ihr Männer seid nie zufriedenzustellen! Was man auch immer euch gibt, stets wollt ihr weitere, neue Beweise unserer Liebe. Soll ich den Zarewitsch vor den Kopf stossen? Begreif doch, Lieber! Für dich, für unsere Zukunft lächle ich Seiner Kaiserlichen Hoheit! So Gott will, wirst du noch zehn Jahre unter Zar Paul dienen, den Rest deines Lebens aber unter — Zar Alexander. Man muss vorsorgen, Lieber.“
„Gleichviel! Ich gehe mit dir! Ich will wissen, zu wem du jetzt gehst!“
„Still! Kein Wort mehr!“ Natalie Narischkin fasst heftig den Arm des Leutnants und blickt nach dem Saaleingang, wo eine Bewegung entstanden ist. Offiziere nehmen dienstlich Stellung, Damen und Herren verneigen sich vor einem schlanken, hochgewachsenen Herrn in der goldbestickten Ministeruniform, der an der Seite einer etwas kleineren, selbstbewusst einherschreitenden Dame eingetreten ist. Natalie Narischkin gibt ihrem Verlobten einen kleinen Stoss, um seine Aufmerksamkeit auf das Paar hinzulenken. „Graf Pahlen und die Krüdener!“
,,Einen Augenblick, lieber Pahlen.“ Die Augen der Baronin Krüdener, die aufmerksam über den Saal geschweift sind, während ihr Mund lächelnd die Komplimente der empfangenden Herren beantwortete, haben das junge Paar entdeckt. Mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln kommt sie direkt auf die beiden zu.
„Sie wollen doch nicht fort, liebste Narischkin?“
„Ich muss — zu meinem Bedauern. Eine Verabredung dringender Art . . .“
„Ich verstehe“, lächelt die Baronin Krüdener etwas anzüglich. „Aber nicht, bevor Sie mich mit diesem charmanten jungen Kavalier da bekannt gemacht haben.“
„Alexander Orlow, Leutnant im Leibgrenadierregiment Seiner Majestät“, stellt der junge Offizier, stramm aufgerichtet, sich selber vor, als Natalie unwillkürlich zögert. Die Baronin Krüdener neigt lächelnd den Kopf.
„Alexander? Ein Name von guter Vorbedeutung, nicht wahr, beste Narischkin?“ Eine Sekunde lang tauchen ihre grauen, grossen Augen tief in die des jungen Offiziers. Dann macht sie eine leichte Schulterbewegung zu dem herantretenden Grafen Pahlen. „Sie entschuldigen mich einen Augenblick, Graf. Ich möchte mit Leutnant Orlow tanzen.“
„Du sagtest doch vorhin . . .“ Fast ängstlich greift Natalie nach dem Arm ihres Verlobten. „Willst du mich nicht begleiten, Alexej?“
„Ich denke, du wolltest allein gehen?“ Alexej Orlows Augen hängen wie gebannt an der Baronin Krüdener, die seinen Blick nicht loslässt. Es sind nur Sekunden, aber sie entscheiden ein Schicksal. Juliane Krüdener ist keine so glänzende Schönheit wie Natalie Narischkin. Sie ist fünf Jahre älter, und ihr Gesicht ist zwar regelmässig, aber von einer gewissen herben Strenge. Doch ihre Augen sind gefährlich, diese klugen, grossen Augen, die mit einem kurzen Blitz Männer fesseln können.
„Lassen Sie sich nicht aufhalten, Liebste“, wendet sie sich mit überlegenem Lächeln an Natalie, die noch immer den Arm Orlows umklammert hält. „Man darf nicht warten lassen, am allerwenigsten den — Zarewitsch. Was mich betrifft, ich ziehe diesen Alexander vor.“
„Und ich — Sie, gnädigste Baronin!“ bricht Orlow flammend aus. ,,Gestatten Sie, dass ich Sie zum Tanze führe!“
In ohnmächtigem Zorn starrt Natalie Narischkin dem Paare nach. Wie vertraulich die Krüdener sich an Alexej schmiegt! Wie sie lächelt, die Schlange! Und er? Keinen Blick hat er mehr für andere! Glühend, fasziniert hängen seine Augen an der Frau, die er führt. Natalie Narischkin zerknüllt ihr Spitzentuch in der Hand. Dann wirft sie rasch ihren Schal um und eilt aus dem Saal, Tränen ohnmächtigen Zornes in den Augen. —
„Das gibt zu denken“, sagt der Oberst Fürst Suboff, der neben den Ministerpräsidenten Graf Pahlen getreten ist. „Haben Sie gesehen, wie die Krüdener den Verlobten der Narischkin eskamotierte? Eine gefährliche Frau, die Krüdener.“
„Lassen wir ihr den kleinen Triumph.“ Pahlen lächelt leichthin. Im nächsten Augenblick aber verdrängt strenger Ernst seine Fröhlichkeit. „Ist Kutusow schon hier?“
„Er sitzt drinnen im Spielzimmer.“ Suboff zuckt die Achseln. „Raucht und trinkt — wie gewöhnlich.“
„Wir müssen ihn haben!“ Graf Pahlen fasst den Freund am Arm und zieht ihn mit sich quer durch den Ballsaal, mit lächelnder Maske nach allen Seiten grüssend.
Tabakschwaden und Alkoholdunst drinnen im Spielzimmer, wo ein Dutzend Offiziere beim Eintritt Pahlens emporschnellen und salutierend Stellung nehmen. Nur der General Kutusow bleibt in seinem Sessel am Kamin sitzen. Er hat die Knöpfe seines Uniformrocks geöffnet und eine ganze Batterie von dickleibigen Flaschen vor sich auf dem Tischchen stehen. Aus rotem Gesicht glänzen seine kleinen Äuglein gutmütig dem Eintretenden entgegen.
„Hast du schon gehört, Pahlen, dass Schuwalows Sohn heute auf die Festung gebracht worden ist?“
Pahlen neigt bestätigend den Kopf. „Ja, und morgen kommen Sie an die Reihe, General.“
Kutusow feixt verächtlich. „Mich kannst du nicht bange machen, Brüderchen.“
„Aber die Lage ist ernst.“ In tiefer, innerer Erregung tritt Pahlen dicht vor den General hin. „Sagen Sie doch selbst, was soll aus Russland werden! Ein wahnsinniger Herrscher auf dem Thron. Jeder Tag bringt neue Bedrückungen, Gewalttaten, Verhaftungen, Hinrichtungen. Die Politik des Zaren treibt uns den Franzosen in die Arme. Soll Russland nun auch, wie andere Reiche, ein Spielplatz jakobinischer Ideen werden? Vasallenstaat Napoleons?“
„Wir müssen handeln!“
„Wir zählen auf Sie, Exzellenz!“
Fürst Suboff, der Flügeladjutant Wolkonski, der Obrist Araktschejew, der General Bennigsen, — alle, die sich im Spielzimmer befinden, haben sich um die beiden geschart und blicken Kutusow erregt und gespannt an. Der trinkt mit Behagen sein Glas aus und erhebt sich ächzend und etwas schwerfällig.
„Ihr sagt Russland und meint euch selbst. Russland? Was wisst ihr von Russland?“ Kutusow schlägt sich mit der Faust vor die breite Brust. „Russland sitzt hier! Nicht in euern seidenen Rökken und auch nicht auf eurem verdammten Parkettboden und in euren französischen Parfüms. Russland ist zu gross für eure kleinen Verschwörungen und Intrigen!“
„Belieben Sie zu bedenken, General: Napoleon! Wenn das Volk erst im Gegensatz gebracht ist zu seinem Zaren, durchseucht mit den jakobinischen Ideen, wird der korsische Wolf sich nicht bedenken, in Russland einzumarschieren. Das Bündnis mit Frankreich ist letzten Endes — der Krieg!“
Kutusow hat ein neues Glas ergriffen, trinkt es mit einem Zuge aus und schmettert es auf den Boden. ,,Russland ist gross“, wiederholt er, mit weinseligen Augen um sich blickend. „Gross genug, um ein Grab zu werden, auch für den Napoleon und seine Franzosen. Gott schütze den Zaren!“
Eisiges Schweigen. Niemand stimmt in den Ruf ein wie sonst. Betreten, mit zusammengekniffenen Lippen, starren die Offiziere zu Boden. Kutusow sieht sich schweigend im Kreise um.
„So steht es also mit euch? Nun, Gott mit euch, Brüderchen. Ich will nichts damit zu tun haben. Ich gehe!“
Und General Kutusow knöpft schwerfällig seinen Uniformrock zu, tätschelt einem jüngeren Offizier, der ihm mechanisch Säbel und Mütze reicht, väterlich die Wangen und wandert mit leichtem Schwanken dem Ausgang zu. —
„Er wird uns verraten!!“
Graf Pahlen beruhigt mit einer lässigen Handbewegung den Fürsten Suboff, der den Ruf ausgestossen hat, als Kutusow hinter der Tür verschwunden ist.
„Der Zar vertraut mir! Es muss ohne Kutusow gehen. Diese Altrussen sind schwerfällig wie die Bären. Russlands Geschick haben von jeher wir gemacht.“
Stolz in den Blicken der Offiziere, gerechter Stolz und selbstbewusstes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die meisten von ihnen entstammen dem baltischen Adel, andere, wie Suboff und Wolkonski sind Petersburger, seit Generationen in westländischer Kultur aufgewachsen.
„Sagen Sie, wie es steht, Pahlen“, drängt der General Bennigsen.
„Das Bündnis mit Frankreich ist beschlossen. Heute hat der Zarewitsch noch einmal versucht, Seine Majestät umzustimmen. Es war umsonst. Der Zar hat gleich darauf den Gesandten Frankreichs in Privataudienz empfangen.“ Pahlens Gestalt scheint zu wachsen. Seine Stimme, obwohl halblaut, nimmt plötzlich einen scharfen, schneidenden Ton an. „Das Leibregiment wird abgelöst. Heute abend beziehen die Grenadiere die Wachen im Winterpalais.“
„Unser treu ergebenes Regiment? Auf Ihren Befehl?“ Erregt umdrängen die Offiziere den Minister. „Pahlen, das ist Revolution!“
„Noch nicht.“ Lächelnd zieht Pahlen die kaiserliche Order aus der Tasche. „Es geschieht auf Befehl des Zaren. Aber die günstige Gelegenheit müssen wir benutzen. Meine Herren, ich erwarte Sie um elf Uhr in der Wachtstube des Winterpalais. Die Gardetruppen, mit wenigen Ausnahmen, stehen auf unserer Seite, das Volk . . .“
„Und — der Zarewitsch?“
„Der Zar Alexander wird sich dem Wohle Russlands nicht verschliessen“, sagt Pahlen kühl. „Auch die Stadtverwaltung geht mit uns.“
„Sie sind unheimlich entschlossen, Pahlen“, klingt in die von heissem Atem durchkeuchte Stille die Stimme des bedächtigen General Bennigsen. „Sind Sie sicher, dass alle mit Ihnen gehen, bis zur — Letzten Konsequenz?“
„Es wäre besser, wenn kein Blut vergossen werden muss“, fällt Wolkonski ein.
Pahlens Gesicht ist wie von Eisen. Kaum, dass sich seine Lippen bewegen. Und doch hört jeder im Raum deutlich seine Worte: „Il faut casser des oeufs pour faire une omelette! Zar Paul muss sterben, wenn Russland gedeihen soll!“
Tusch. Die Musik aus dem Saal, die bisher nur leise herüberklang, wird lauter, schwillt an zu feierlich getragenen Klängen: „Gott sei des Zaren Schutz!“
Ganz mechanisch, aus alter Gewohnheit heraus, haben die Offiziere Stellung genommen bei den Klängen der Zarenhymne. Auch Pahlen lässt schweigend die Töne vorüberbrausen. Erst als der letzte verklungen ist, richtet er sich auf und seine Augen suchen jeden einzelnen im Kreise, halten ihn eine Sekunde fest.
„Also, ich erwarte Sie im Winterpalais. Wer fernbleibt, ist ein Verräter an Russland. Um elf Uhr, meine Herren.“
Im Ballsaal richten sich die Damen aus tiefer Verneigung auf, als die Zarenhymne verklungen ist. Nur Juliane Krüdener sinkt noch einmal zurück in die zeremonielle Kniebeuge, denn die Kronprinzessin Elisabeth, die an der Seite ihres Gemahls soeben erschienen ist, macht huldvoll ein paar Schritte auf sie zu.
„Guten Abend, Baronin. Sie wünschten Gelegenheit, mir etwas mitzuteilen?“
Juliane Krüdener taucht aus ihrem Hofknix auf. „Kaiserliche Hoheit, hier ist wohl nicht recht der Ort, um . . .“
„Wenn Sie mir etwas Böses melden wollen, Baronin, so behalten Sie es lieber für sich“, lächelt die Kronprinzessin still. „Ist es aber Gutes, so ist jeder Ort gelegen.“
„Kaiserliche Hoheit sollten die Gräfin Narischkin nicht allzusehr in Dero Nähe ziehen.“
„Sie zielen auf meinen Mann.“ Stille Abwehr steht im Antlitz Elisabeths. „Natalie Narischkin ist schön. Der Kronprinz liebt es, Schönheit und Jugend um sich zu sehen. Sollte ich so geschmacklos sein, es ihm zu verdenken? Der Kronprinz tut nichts Niedriges.“
„Seine Kaiserliche Hoheit gewiss nicht. Aber die Narischkin . . .“
„Politische Geheimnisse mit unserer Krüdener, Elisabeth?“ scherzt Alexander, zu den beiden tretend.
„Durchaus nicht, Alexander. Unser Gespräch war gänzlich belanglos.“
Juliane Krüdener presst die Lippen zusammen bei den kalten, abweisenden Worten der Kronprinzessin, aber ein freundliches Lächeln Alexanders entschädigt sie sofort. Gnädig reicht er ihr die Hand. „Ich freue mich, Sie zu begrüssen, liebe Baronin. Aber — unsere schöne Natalie sehe ich nirgends?“
„Sie ist fortgegangen, Kaiserliche Hoheit“, sagt die Krüdener rasch. „Einer — Verabredung wegen liess sie diesen Herrn, ihren Verlobten, allein.“
„Das war hässlich von der schönen Natalie“, sagt der Zarewitsch lächelnd, den jungen Offizier ins Auge fassend, der bescheiden im Hintergrund steht, und auf den Juliane mit einer leichten Handbewegung deutet. „Wie heissen Sie, Leutnant?“
„Orlow, Kaiserliche Hoheit!“
Stramm aufgerichtet, die Brust vorgedrückt, steht Alexander Orlow da. Der Konprinz betrachtet ihn mit Wohlgefallen. „Ich gebe Ihnen Urlaub, Leutnant. Sie werden den Wunsch haben, Ihrer Braut nachzueilen.“
„Nein, Kaiserliche Hoheit!“ Flammend rot ist Alexander Orlows Gesicht geworden. Seine Augen leuchten selbstvergessen. „Die Baronin Krüdener hatte die Gnade, mich zu ihrem Kavalier zu ernennen. Wer die Freundschaft einer Juliane Krüdener geniessen darf, verzichtet gern auf eine — Natalie Narischkin!“
Juliane hält den Atem an. Einen Augenblick ist ein Stutzen im Gesicht des Kronprinzen. Fast nachdenklich klingt seine Stimme, als er sich an die Baronin wendet.
„Was sagen Sie dazu, liebe Krüdener?“
„Ich bin der gleichen Meinung wie Eure Kaiserliche Hoheit. Dass es hässlich ist, wenn man seinen Verlobten verlässt, um einer — anderen Verabredung nachzukommen.“
„Sie haben Recht“, nickte der Kronprinz. „Und — Sie auch, Leutnant. Unsere liebe Krüdener wiegt wohl die schöne Natalie auf.“
Heisser Triumph ist in den Augen Julianes, als das Kronprinzenpaar weitergeht und sich anderen zuwendet. Zwei herrliche Siege an einem Abend! Was ist ihr der Leutnant Orlow? Ein Nichts, ein hübscher Bengel von Leutnant, grade gut genug, um einmal zum Tanz befohlen zu werden. Aber sie hat ihr zeigen wollen, welche Macht sie besitzt, ihr, der unausstehlichen Rivalin, der Narischkin, die mit ihrer Jugend prahlt und glaubt, den Kronprinzen mit einem koketten Augenaufschlag fesseln zu können. Es ist geglückt! Einfach aus den Händen gerissen hat sie ihr den hübschen Leutnant. Sieh her! Ich brauch’ nur zu wollen, und dein Verlobter folgt mir wie ein Hund!
Und nun der zweite, noch grössere Sieg! Die Narischkin in Ungnade bei dem Zarewitsch, der nichts von ihrer Verlobung gewusst hat! Der Weg ist frei! Der Weg zum Zarewitsch Alexander, der eines Tages Herrscher dieses mächtigen Landes sein wird. Wenn nur die Kronprinzessin nicht wäre, die stille, klarblickende, die viel, viel mehr sieht, als sie sehen soll!
„Warum haben Sie ihn so angesehen, Baronin?“ sagt neben ihr, von Leidenschaft durchzittert, die Stimme Orlows. „Den Zarewitsch meine ich. So . . . so seltsam, gradeso wie . . .“ Wie mich — verschluckt er und ballt unwillkürlich eine Faust. „Wenn er mir auch Sie nimmt, Sie Wunderschöne . . .“
„Dummkopf“, lächelt Juliane Krüdener und gibt ihm mit ihrem Fächer einen leichten Schlag auf den Arm. „Freuen Sie sich lieber. In vier Wochen sind Sie Kapitän!“
3.
„Die Namen, Kutusow!“
Mit wutverzerrtem Gesicht macht Zar Paul I. halt vor dem General Kutusow, der breit und wuchtig mitten im Arbeitszimmer steht.
„Namen kann ich nicht nennen, Majestät. Ich weiss sie selbst nicht.“
„Du lügst, General! Wer die Verschwörung kennt, der kennt auch die Verschwörer!“
„Ich kam, um Eure Majestät zu warnen“, sagt Kutusow fest. „Nicht, um zu verraten.“
Noch wilder, noch verzerrter erscheinen die Züge des Zaren. „Hüte dich, Kutusow! Du spielst mit deinem Kopf!“
„Mein Kopf gehört Eurer Majestät.“
Die ruhige Stimme scheint einen Augenblick die Raserei Pauls zu dämpfen. Er macht schweigend, die Hände auf dem Rücken ineinandergekrampft, ein paar Gänge durch das Zimmer. Bleibt dann jäh wieder vor dem General stehen.
„Ich muss wissen, wer die Rebellen sind. Du sprachst von hochgestellten Personen, Kutusow!“
„Zu Befehl. So hoch gestellt in Eurer Majestät Gunst und Liebe, dass ich es nicht wagen kann, den Namen zu nennen, — selbst wenn ich wollte.“
„Und wenn sie noch so hoch stehen!“ Wieder wird das Antlitz des Zaren zu einer Fratze, die nichts Menschliches mehr enthält. Furcht und grausame Rachsucht lodern in seinen Augen. „Und wenn es mein eigener Sohn wäre! Ich will sie zerschmettern! Einen Strick um den Hals und in die Newa mit den Schurken! Wer, General? Du wirst dies Zimmer nicht lebendig verlassen, bevor du mir die Verschwörer genannt hast!“
„Mein Leben liegt in den Händen Eurer Majestät“, sagt Kutusow fest. „Wenn Majestät aber Genaueres erfahren wollen über die Persönlichkeiten, die an der Spitze der Verschwörung stehen, so stelle ich Eurer Majestät anheim, die Wachtstube hier im Palais aufzusuchen. Ich glaube, dort wäre Näheres zu erfahren.“
„Gut. Ich komme. Die Wachtstube, sagst du, Kutusow?“
„Zu Befehl. Ich werde Eure Majestät hingeleiten.“
Paul I., der schon einen Schritt nach der Tür gemacht hat, bleibt plötzlich stehen und wendet dem General ein von Angst und Misstrauen gegen alle zerrissenes Gesicht zu.
„Ich soll mit dir gehen? Allein? Jetzt, in der Nacht? Weiss ich denn, wohin du mich führen willst“
„Majestät!“ General Kutusows Gesicht ist dunkelrot geworden. Mit einem heftigen Ruck reisst er sich den Uniformrock über der Brust auf, steht breit und knorrig wie ein Baumstamm vor seinem Herrscher. „So lange diese russische Brust noch neben Eurer Majestät atmet, ist das Leben des Zaren sicher! Ich schwör’ es bei der Heiligen Mutter von Kasan!“
Paul I. bekreuzigt sich rasch. „So komm! Ich glaube dir, General!“
Draussen vor dem Arbeitszimmer fährt der Offizier der Ehrenwache erschrocken zusammen, als plötzlich der Zar barhäuptig, aber in voller Uniform, auf den Flur tritt. So deutlich steht das Erschrecken in den Augen des jungen Offiziers, dass Paul I., von jähem Argwohn gepackt, stehen bleibt und ihn aus blutunterlaufenen Augen anstarrt.
„Warum erschrickt du, he? Bist du auch ein Verschwörer“
Offener Trotz im Antlitz des Offiziers. Zwischen den Zähnen hervorgepresst kommen die Worte: „Majestät! Ich bin Russe!“
„Antwortet man so dem Zaren!?“ Kutusows zornrotes Gesicht drängt sich dazwischen. „Verdammter Rebell, du!“
Die Hand des Offiziers fährt nach dem Degen, aber Kutusow ist schneller. Hoch in der Luft funkelt einen Augenblick sein krummer Säbel. Mit blutüberströmtem Kopf sinkt der junge Offizier auf die Steinfliesen.
„Gut, General, sehr gut.“ In grausamer Befriedigung starrt Zar Paul auf das Blut, das über den Boden sickert. Gibt dem Gestürzten einen wilden Fusstritt in die Weichen. „Bestie! Mörder! Vorwärts, Kutusow! Jetzt zu den anderen!“
Schlag elf Uhr steht der Ministerpräsident Graf Pahlen in der Wachtstube im Erdgeschoss des Winterpalais. Entschlossen, eisern seine Haltung. Seine Augen zählen rasch die anwesenden Offiziere, die gespannt, fiebernd an seinen Lippen hängen. Es fehlt keiner.
„Die Stunde ist da, meine Herren. Wir müssen handeln.“
„Wann, Graf Pahlen?“
„Heute Nacht noch. Tschagin, der die Ehrenmache vor den Gemächern des Zaren hat, wird uns melden, sobald Paul sich in sein Schlafzimmer begeben hat. Das Kronprinzenpaar ist noch auf dem Fest der Leibgrenadiere. Die Garnison ist alarmbereit. In drei Kolonnen schieben sich unsere treuen Regimenter gegen das Winterpalais heran. Hier ist die Liste der Offiziere, auf die unbedingt Verlass ist.“
Kaum zwei oder drei Namen hat Pahlen verlesen, als mit einem Ruck die Tür auffliegt.
„Der Zar!“ Bleiches Entsetzen steht in den Mienen der Offiziere, als sie den Herrscher gewahren, der, gefolgt von Kutusow, in die Wachtstube tritt. Pahlen hat geistesgegenwärtig die Liste rasch in seiner Brusttasche verborgen, aber auch sein Antlitz ist blass geworden. Keiner im Zimmer, der nicht ein eisiges Frösteln in den Gliedern fühlt und weiss: Das ist der Tod, der da plötzlich mitten unter uns getreten ist. Er lauert in Zar Pauls zuckendem, blutgierigem Gesicht, er steht offen und deutlich in Kutusows kupferrotem, brutalem Antlitz.
„Du hier, Pahlen?“ Der unerwartete Anblick seines Ministerpräsidenten hat Paul etwas aus der Fassung gebracht, aber seine Augen funkeln und glühen wie Kohlen. „Was soll das heissen? Es existiert eine Verschwörung gegen mich, und du sagst mir nichts davon? Ich frage dich, Pahlen: Weisst du etwas von der Verschwörung?“
„Ja, Majestät.“
„Und verschweigst es mir? Schöne Treue! Ich will wissen, wer die Schurken sind!“
„Majestät, ich möchte . . .“
„Heraus mit den Namen, Pahlen! Kutusow sprach von hohen Persönlichkeiten!“
Wie ein Blitz durchfährt es erleichtert den Ministerpräsidenten: Kutusow hat anscheinend keinen Namen genannt. Der Zar weiss noch nicht . . . Noch ist nicht alles verloren.
„Majestät“, sagt er langsam, mit unerschütterlicher Ruhe, „die Verschwörung geht leider bis an die Stufen des Thrones.“
„Wer, Pahlen, wer?“
Ich fürchte, dass — der Zarewitsch Alexander den Verschwörern nicht fernsteht, Majestät.“
„Also doch! Alexander!“ Paul I. stösst ein grässliches Lachen aus. „Dann soll er auch . . . Ich will schreiben!“ schreit er plötzlich wild und unbeherrscht und stürzt sich auf das Schreibzeug, das einer der Offiziere mit leise zitternden Fingern auf den Tisch schiebt. Minutenlang ist nichts zu hören, als das Kritzeln der Feder und der mühsam gebändigte Atem der Offiziere. Dann reicht Zar Paul dem Minister das Blatt.
„Hier, Pahlen! Verhaftungsbefehl gegen den Kronprinzen! Mach’ Gebrauch davon, sobald es dir nötig erscheint! Ich gebe dir Generalvollmacht, hörst du!“
Kutusow, der verständnislos zugehört hat, tritt erschrocken einen Schritt vor. „Majestät, ich muss . . .“
„Halt den Mund, General!“ Paul I. wirft einen kurzen, gehässigen Seitenblick auf seinen Begleiter. „Du hast den Namen nicht nennen wollen. Hast wohl schon ein bisschen geliebäugelt mit dem künftigen Zaren, was?“
„Majestät, ich schwöre . . . ein Irrtum, der . . .“
„Schweig!“
Kutusows schon geöffneter Mund klappt zusammen, während der Zar noch einmal auf Pahlen zugeht und ihn feierlich umarmt.
„Ich danke dir, Pahlen, für deine Wachsamkeit und Treue. Ich will . . .“ Paul I. fährt plötzlich zurück. Neues Misstrauen schwelt in seinem dunklen Blick. „Du sagst mir nicht die Wahrheit, Pahlen! Du verbirgst mir etwas! Was war das für ein Brief, den du wegstecktest, als ich vorhin eintrat?“
„Majestät?“
„Keine Ausflüchte, Pahlen! Den Brief! Heraus damit! Ich will ihn sehen!“
Aus! Noch einmal zieht das Frösteln durch die Glieder der Verschworenen. Die ungeheure Spannung der letzten Minuten droht zu explodieren. Verzweiflung im Gesicht, spannt Fürst Suboff heimlich den Hahn seiner Pistole. Nur Pahlen steht regungslos, hoch aufgerichtet und hält den argwöhnischen flackernden Blick des Zaren aus.
Majestät“, sagt er ruhig, „ich kann die Dame nicht preisgeben. Eure Majestät werden das nicht von einem Kavalier verlangen.“
„Frauenzimmergeschichten also?“ Pauls wutverzerrtes Antlitz wandelt sich zu einer hässlich grinsenden Grimasse. „Nein, Pahlen, das verlang’ ich nicht von dir! Ich danke dir nochmals. Ich gehe schlafen. Das heisst . . .“ Suchend fliegt der Blick des Zaren über die Offiziere. „Der verdammte Rebell ist ja tot. Wer übernimmt die Wache vor meinen Zimmern?“
„Ich!“ Schwer und wuchtig ist General Kutusow vorgetreten. Ein finsterer, geringschätziger Blick trifft ihn.
„Du? Was willst du noch? Geh nach Hause und leg’ dich schlafen, General. Du bist ja betrunken!“
„Majestät!!“ Wie von einem Stoss getroffen, taumelt Kutusow zurück und schnauft nach Luft. Graf Pahlen macht eine elegante Handbewegung.
„Flügeladjutant Graf Wolkonski wird die Wache bei Eurer Majestät übernehmen.“
„Wolkonski? Gut. Soll mitkommen.“ Noch einmal wendet sich Paul I. an der Tür gegen den Minister. „Du weisst, was du zu tun hast, Pahlen. Keine Rücksicht, keine Schonung, hörst du! Handle schnell!“
„Majestät, ich werde handeln.“
Ohne den noch immer nach Luft ringenden Kutusow eines Blickes zu würdigen, verlässt der Zar, von Wolkonski gefolgt, die Wachtstube. Erst als seine Schritte draussen verklungen sind, kommt Kutusow zu sich. Tränen stehen in seinen wasserhellen Augen.
„Wen Gott verderben will, schlägt er mit Blindheit!“
„Exzellenz“, kalt und fest die Stimme Pahlens, „ich glaube, es ist wirklich besser, wenn Sie nach Hause gehen und diese Nacht dem Winterpalais fernbleiben.“
„Nach Hause?“ schnauft Kutusow ergeben. „Karascho. Ich gehe. Macht was ihr wollt. Russland — ich sage, Russland wird leben! Trotz allem! Auch trotz euch, Brüderchen! Russland — — — Hol euch alle der Henker! Gebt . . . gebt mir was zu trinken!“
4.
„Wache — rrr . . . aus!“
Kurzer Trommelwirbel, hastiges Stampfen und Klappern von Soldatenstiefeln, im Präsentiergriff fliegen die Gewehre vor die Brust, während prustend und dampfend die stolzen, vollblütigen Pferde vor dem Portal des Winterpalais anhalten.
Kronprinz Alexander hilft ritterlich seiner Gemahlin beim Aussteigen und reicht dann der Baronin Krüdener, die hinter dem Kronprinzenpaar aus der Equipage gestiegen ist, die Hand.
„Nehmen Sie noch eine Tasse Tee bei uns, liebe Krüdener?“
„Kaiserliche Hoheit sind zu gütig.“
Alexander ist schon an der salutierenden Wache vorbei durch das Portal geschritten, stutzt drinnen und blickt sich befremdend in der weiten, von Marmorsäulen geschmückten Vorhalle um. Statt der Lakaien stehen ringsum, bis hinauf zu der grossen im Hintergrund emporführenden Galatreppe, Doppelposten, Gardesoldaten in langen Mänteln, das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett bei Fuss. Ein Kapitän der Grenadiere meldet sich stramm. Alexander runzelt die Stirn.
„Seit wann sind hier im Schloss Doppelposten aufgezogen?“
„Befehl Seiner Exzellenz des Ministerpräsidenten Graf Pahlen!“ Der Offizier weist zurücktretend nach der Wachtstube, aus der eben der Genannte getreten ist. Stehenbleibend, wartet Alexander das Herankommen Pahlens ab.
„Was bedeutet das, Graf Pahlen? Auf dem Weg vom Kasino hierher sah ich geschlossene Truppenabteilungen marschieren und hier im Schloss Doppelposten? Was ist vorgefallen?“
„Noch nichts, Kaiserliche Hoheit!“
Einen Augenblick forscht Alexander scharf in dem ruhigen, verschlossenen Gesicht des Ministers. Dann kommt ein Klang von Schärfe in seine Stimme. „Ich will wissen, was das bedeutet.“
„Dass wir handeln müssen, Kaiserliche Hoheit. Heute Nacht noch.“
„Handeln?“ Alexander winkt hastig dem Grafen, etwas abseits von den Damen zu treten, die ebenso erstaunt wie befremdet die militärischen Anstalten mustern. „Und Sie haben es nicht einmal für nötig gehalten, sich vorher meines Einverständnisses zu versichern?“
Ein Ton von gekränktem Stolz liegt in der von leiser Erregung durchzitterten Stimme des Kronprinzen. Pahlen neigt gelassen den Kopf. „Kaiserliche Hoheit, ich hatte die Ehre, Ihnen bereits vor einiger Zeit in der mir gnädigst gewährten Geheimaudienz die Gründe auseinanderzusetzen, die gebieterisch die Änderung des Regimes verlangen. Nötigenfalls die gewaltsame Änderung. Dieser Zeitpunkt ist eingetreten.“
„Das zu bestimmen ist meine Sache!“ Hochfahrend misst Alexander den Minister. „Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf. Der Zar wird nachgeben.“
„Es bleibt keine Hoffnung und keine Wahl, Kaiserliche Hoheit. Die Vorbereitungen, die in dieser Nacht getroffen worden sind, können kein Geheimnis bleiben. Die Garnison ist alarmiert. Das Winterpalais wird in einer Stunde von unsern treuen Regimentern besetzt sein. Das Offizierkorps . . .“
„Also offene Rebellion!“ Erregung und stolzer Unwille lässt die Stimme des Kronprinzen leicht erzittern. „Ich will nicht! Hören Sie, Pahlen, ich verbiete es!“
Pahlen verbeugt sich kurz. „Dann bin ich zu meinem Bedauern gezwungen, Eure Kaiserliche Hoheit — zu verhaften.“
„Verhaften? Mich?“
„Verhaften!?“ Der unwillkürliche Ausruf Alexanders findet ein Echo in dem erschrockenen Aufschrei zweier Frauenstimmen. Die Kronprinzessin Elisabeth drängt sich, vor Empörung und Erregung bebend, zwischen die beiden Männer.
„Sie sind ein Rebell, ein Verräter, Graf Pahlen! Lass dich nicht erschrecken, Alexander! Ich gehe zum Zaren! Sofort!“
„Das ist zwecklos, Kaiserliche Hoheit.“
Der feste, ruhige Klang lässt Elisabeths Schritte in banger Ahnung stocken. „Zwecklos, sagen Sie? Der Zar wird Sie zur Rechenschaft . . .“
„Bedaure, Kaiserliche Hoheit. Die Verhaftung geschieht auf ausdrücklichen Befehl Seiner Majestät.“
Alexanders Antlitz ist blass geworden, als er das Schriftstück durchflogen hat, das Graf Pahlen ihm hinhält. Sein Atem geht schwer. „Ein Haftbefehl gegen mich? Mit der Unterschrift meines . . . des Zaren? Pahlen, was habe ich denn verbrochen“
„Nicht mehr und nicht weniger, Kaiserliche Hoheit, als die Tausende anderer, die Zar Paul in die Festung oder zum Henker geschickt hat. Es gibt nur eines, das Sie jetzt noch vor Kerker und Tod retten kann: der Thron!“
„Nein!“ Mit einer brüsken Handbewegung schleudert Alexander ihm den Haftbefehl wieder zu. „Soll ich zum Empörer werden um meiner Person willen! Aus feiger Angst vor meinem eigenen Schicksal? Lieber will ich . . .“
„Kaiserliche Hoheit“, sagt Pahlen ruhig, „es geht nicht im ein Einzelschicksal. Ihr Geschick ist das Geschick Russlands. Um Landes und Volkes willen müssen Sie jetzt die Zügel ergreifen!“
Die Kronprinzessin will reden, aber Alexander macht eine bittende, abwehrende Bewegung. Einen Augenblick steht er in qualvollem, tiefem Nachdenken, hebt dann langsam den Kopf.
„Was — verlangen Sie von dem Zaren? Abdankung?“
„Sofortige Abdankung, Hoheit. Wenn es sein muss — mit Gewalt.“
,,Wann soll es geschehen?“
„Ich sagte es schon: in dieser Nacht noch. In einer Stunde. Aufschub ist unmöglich.“
„So — tun Sie, was zum Wohle Russlands notwendig ist.“ Alexander atmet tief auf, fasst bittend die Hand des Ministers. „Nur eines, Pahlen: Schonen Sie das Leben meines Vaters!“
„Kaiserliche Hoheit, wenn ich kann . . .“
„Kein Blut, Pahlen! Geben Sie mir Ihr Wort darauf! Sonst . . .“
„Gut, Kaiserliche Hoheit. Ich verspreche es.“
Noch einmal sieht Alexander angstvoll forschend in das Gesicht Pahlens. Keine Muskel zuckt in dieser steinernen Maske. Mit einer leichten Seufzer bietet er seiner Gemahlin den Arm.
„In einer Stunde also, Pahlen. Ich erwarte Ihren Bericht.“
„Still! Hörtest du nichts?“
„Es ist nichts, Alexander. Alles ist ruhig.“ Elisabeth, die am Fenster durch die Vorhänge gespäht hat, kehrt zurück und wirft einen Blick voll zärtlicher Sorge auf ihren Mann, der ruhelos, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab geht.
Auf und ab.
Klingen nicht Marschtritte draussen auf der Strasse? Stürmen nicht Schritte die Treppen hinauf zum rechten Seitenflügel, in dem die Schlafgemächer des Zaren liegen? Klang da nicht ein ferner, halberstickter Schrei durch die Nacht? — Nichts. Alles ist ruhig. Mit einem schweren Atemzug bleibe Alexander vor der unerbittlich tickenden Uhr stehen.
„In einer Stunde wollte Pahlen hier sein. Es ist schon zwanzig Minuten nach Mitternacht. Er müsste . . .“
Alexander bricht ab. Seine Haltung versteinert in jähem Lauschen. Auch Elisabeth und die Krüdener blicken in bangem Herzklopfen nach der Tür. Schritte kommen da draussen über den Flur, eilige, leichte Schritte eines einzelnen Mannes. Jetzt fliegt die Tür auf, weit, ohne vorheriges Anklopfen, — mit bleichem Gesicht, aber hoch aufgerichtet steht Graf Pahlen im Türrahmen.
„Nun, Pahlen? Was bringen Sie? Ist es . . . geschehen?“
Drei Schritte tritt Pahlen vor, beugt ernst und feierlich vor Alexander ein Knie:
„Majestät!“
Ein Doppelschrei gellt durch das Gemach. Die Kronprinzessin und Juliane Krüdener klammern sich unwillkürlich aneinander. Alexander aber ist mit verzerrtem Gesicht zurückgetaumelt. Seine Hände tasten einen Augenblick blind ins Leere, bekommen den Rockkragen Pahlens zu fassen, zerren ihn hoch.
„Pahlen! Sie versprachen mir . . . Sie gaben Ihr Wort!“
„Es war unmöglich, Majestät! Selbst wenn ich es wollte . . . ich hätte es nicht verhindern können!“
„Pahlen!“ Alexander hat das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, wankt zurück und lässt sich schwer in den Stuhl vor seinem Schreibtisch fallen. „Das wollte ich nicht! Bei Gott, das hab’ ich nicht gewollt!“
„Das Geschehene ist nicht zu ändern, Majestät.“ Auch Pahlens Stimme klingt heiser. „Denken Sie jetzt an Russlands Zukunft.“
„Gehen Sie, Graf Pahlen!“ Ohne den Kopf zu wenden, macht Alexander eine Bewegung des Abscheus. ,,Erwarten Sie meine Befehle.“
Mit einer stummen Verbeugung verlässt Pahlen En das Zimmer.
Kronprinzessin Elisabeth ist zu ihrem Mann getreten, der noch immer, die Hände vor das Gesicht geschlagen, von Schmerz und Grauen geschüttelt, am Schreibtisch sitzt. Sanft und mütterlich streicht ihre Hand über seinen Scheitel.
„Du darfst nicht daran zerbrechen, Alexander. Du bist jetzt der Zar, Russlands Vater.“
„Le roi est mort. Vive le roi.“ Alexander hebt langsam das Gesicht und betrachtet unwillkürlich seine schlanken Hände. „Ein böser, böser Anfang, Elisabeth. Wie kann man das Szepter führen mit Händen, die . . .“
„Deine Hände sind rein vom Blut.“ Mit einer raschen Bewegung ergreift Elisabeth seine Hände und küsst sie. „Das weiss Gott, und wir alle wissen es.“
„Majestät dürfen solchen Gedanken nicht nachhängen“, klingt neben ihr die Stimme Juliane Krüdeners. „Russland erhofft von Eurer Majestät das Glück. Für das Blut ist nur einer verantwortlich: Graf Pahlen.“
„Pahlen! Ja!“ Alexanders Rücken strafft sich. Hastig, die Zähne in die Unterlippe beissend, reisst er einen Bogen Papier aus der Mappe, schreibt und klingelt.
„Sofort dem Grafen Pahlen zu übermitteln!“
Der Adjutant, der auf das Klingelzeichen eingetreten ist, wirft einen kurzen Blick auf das Schriftstück und erschrickt.
„Majestät! Ich soll . . . dem Grafen Pahlen . . . das hier . . .?“
„Ja!“ Alexander hat seine Haltung wiedergefunden. Sein Antlitz ist noch kalkweiss, aber die Augen funkeln scharf den bestürzten Adjutanten an. „Majestät — sagt ihr! Das Wort geht euch frisch von der Leber! Aber wenn ihr gehorchen sollt . . . Bin ich der Zar, so hast du meine Befehle auszuführen, ohne zu fragen!“
„Zu Befehl . . . Majestät!“
Einem Heerlager gleicht in dieser Nacht die sonst so stille, marmorne Kühle des Winterpalais. Breit geöffnet die Portale. Gardekompanien marschieren mit festem Schritt hinein, nehmen, Gewehr bei Fuss, Aufstellung in der grossen Vorhalle. Draussen auf dem Schlossplatz glühen Fackeln. Kutschen über Kutschen fahren vor und speien Offiziere und hohe Beamte aus ihrem Innern. Aus den Seitenstrassen strömen aufgeschreckte, dunkle Volksmassen zusammen, werden von einem Truppenkordon zurückgehalten. Irgendwo beginnt ein Armsünderglöcklein zu bimmeln. Treppauf, treppab hasten im Winterpalais die Adjutanten und Ordonnanzen. Zwischen sporenklirrenden, kommandierenden Offizieren drücken sich verängstigt, mit bleichen Gesichtern, die Lakaien und Kammerdiener.
„Unmöglich!“
„Pahlen verbannt? Der Mann, dem er die Krone zu danken hat!“
„Das dulden wir nicht!“
„Pahlen? Wo ist er? Pahlen!!“
„Da kommt er ja!“
Einer aus der Gruppe von Offizieren, die erregt den Adjutanten umstehen, deutet auf die Freitreppe, von der Graf Pahlen eben ruhigen Schrittes heruntersteigt. Wie ein Schwarm aufgescheuchter Raubvögel stürzen ihm die Offiziere entgegen.
„Wissen Sie’s schon, Pahlen?“
„Alexander hat Sie verbannt!!“
,,Mich?“ Mit ungläubigem Lächeln nimmt Pahlen das Schriftstück aus der Hand des Generals Bennigsen, liest . . . liest . . .
„Zum Teufel mit dem Wisch!“ Fürst Suboff reisst den Verbannungsbefehl wütend aus seiner Hand und zerfetzt ihn. „Wir dulden es nicht! Wir halten zu dir, Pahlen! Wenn’s sein muss, schicken wir Alexander dem Zaren nach!“
„Unsere Regimenter sind treu!“ schreit Wolkonski, wendet sich und wirft den Arm in die Luft. „Soldaten! Seine Erzellenz Graf Pahlen, unser Befreier!“
„Urra! Urra! Urra!“ Dumpf rollt das Hochgeschrei der Kompanien wider vom vergoldeten Stuck der Decken.
„Ruhe!“ Gebieterisch hebt Pahlen die Hand! „Ruhe, sag’ ich!“
„Die Nerven noch nachzitternd vom blutigen Geschehen der Nacht, geht Fürst Suboff zu ihm dienstbereit, tatendurstig.
„Was wirst du tun, Pahlen? Gib Befehle!“
„Was ich tun werde?“ Pahlen mustert achselzukkend den Eifrigen. „Der Zar hat befohlen. Ich werde dem Befehl Seiner Majestät gehorchen.“
„Sind Sie wahnsinnig geworden, Pahlen!“
„Sie wollen dem Undankbaren gehorchen!“
„Diesen Affront dulden!“
„Pahlen, sei nicht kleinmütig!“ Fürst Suboff drängt ungestüm die wild erregten Offiziere zurück. „Wir haben heute alle Trümpfe in der Hand! Das Schloss ist unser! Die Truppen halten dir die Treue! Die Stadt steht zu uns! Und du willst dir bieten lassen, dass man dich wegjagt wie einen Hund!?“
„Ruhig, Suboff!“ Hart wie ein Fels steht Pahlen inmitten der Drängenden. Aus bleichem Gesicht funkeln hart seine Augen. „Du predigst Rebellion!“
„Es ist Aufruhr, Pahlen, und du bist unser Anführer!“
„Das war ich!“ Lauter und schärfer wird die Stimme Pahlens. „Ich habe die Verschwörung geleitet und den Zaren gestürzt, weil es so sein musste! Glaubt ihr, ich hätte revoltiert um meinetwillen oder um euretwillen? Ich brauche nichts. Ich stand so hoch in Pauls Gunst, dass ich durch seinen Sturz niemals höher steigen konnte. Oder meint ihr, mich hätte die Machtlust gekitzelt? Für Russland hab’ ich’s getan! Weil das Vaterland zugrunde zu gehen drohte durch den Wahnsinn seines Herrschers! Weil kein anderer Ausweg mehr da war, hab’ ich die Verschwörung geleitet! Zum Wohle Russlands! Das Ziel ist erreicht! Die Revolution geglückt. Alexander I. ist mein Zar, der rechtmässige Nachfolger Pauls! Ich verlange, dass ihr seinen Befehlen gehorcht, wie ich es tue!“
„Ein Undankbarer ist er, ein Verräter an dir!“
„Alexander I. ist der einzige Mann, der Russland den Weg zu Glück und Ruhm führen kann.“ Zornig durchbricht Pahlen den Kreis der Freunde, schreitet mit festem Schritt auf die Front der stumm harrenden Kompanien zu.
„Es lebe unser allergnädigster Herrscher, Zar Alexander der Erste!“
Weithin durch das Winterpalais braust der Masenruf der Soldaten, dringt durch verschlossene Türen und dichte Vorhänge bis in das Zimmer, in dem ein Mann mit der Stunde ringt. Alexander hebt bei dem rollenden Ruf den Kopf. Leer blicken seine Augen die beiden Frauen an, die sich bemühen, die schweren Sorgenfalten von seiner Stirn zu streicheln. Ein bitteres, trauriges Lächeln zuckt um seine Lippen:
„Zar!“
5.
Ein schwerer Duft von Wohlgerüchen liegt über dem festlich geschmückten Saal im Palais der Baronin Krüdener. Sporen zirpen diskret, Seidenkleider rascheln. Aus tausend Kerzen flackern helle Lichter und werfen gleissenden Widerschein in den geschliffenen Kristallfacetten der Kronleuchter. Irgendwo unsichtbar im Hintergrund girren und singen Geigenstimmen.
„Der Unterrock hängt über dem Thron“, sagt vorne an dem mit Delikatessen verschwenderisch ausgestatteten kalten Büfett Fürst Suboff grimmig zu dem Flügeladjutanten Wolkonski. „Wir hätten in jener Nacht ganze Arbeit machen und die Krüdener Paul nachschicken sollen!“
,,Etwas leiser, Freundchen“, lächelt Wolkonski, selber seine Stimme dämpfend. „Wer konnte damals, vor einem Jahr, ahnen, dass diese Frau einen derartigen Einfluss erringen würde. Nicht einmal Pahlen hat das vorausgesehen.“
„Ihr sprecht von Pahlen?“ wendet sich der Oberst Araktschejew, der neben den beiden seinen Champagner trinkt, interessiert um. „Noch keine Aussicht auf Begnadigung?“
Suboff zuckt die Achseln. „Er sitzt immer noch in der Verbannung auf seinem Gut. Sie wissen doch, vor Seiner Majestät darf man den Namen Pahlen nicht nennen. Übrigens sprach ich heute Kutusow. Er wollte hinausfahren, um Pahlen zu besuchen.“
„General Kutusow war sonst nie sein Freund.“
Suboff nickt grimmig. „Es sind heute manche im stillen Pahlens Freunde, die es früher nicht waren.“
„Auch mir tut er leid“, mischt sich ein Vierter, der junge Adjutant Graf Tolstoi, in das Gespräch. „Aber wir wollen doch nicht verkennen, meine Herren: Unter Zar Alexander I. ist eine neue, bessere Zeit hereingebrochen. Russland blüht und gedeiht . . .“
„ . . . der Zar hängt in den Klauen der Spinne‘,“ fällt Suboff bitter ein. Der junge Tolstoi lächelt geschmeidig.
„‚Spinne‘ ist ein vorzüglicher Ausdruck, wenn Sie damit die Baronin Krüdener meinen, Fürst. Indessen: Ist das so gefährlich? Sie ist — äusserlich wenigstens — eine charmante Frau, und der Zar . . .“ Er wirft einen Blick in den Ballsaal, wo geschäftige Ordner den Platz in der Mitte, unter dem grossen Kronleuchter, frei gemacht haben für den Tanz Seiner Majestät mit der Hausherrin, Baronin Krüdener, — unterbricht sich selbst und nicht anerkennend. „Ein schönes Paar!“
„Sie sind noch sehr — jung, Graf Tolstoi!“ Suboff setzt sein Glas hart nieder. „Belieben Sie zu bedenken: Kein Mensch weiss, wohin uns der Ehrgeiz dieser Frau treibt. Sie intrigiert, sie macht geheime Diplomatie, empfängt Gesandte und Politiker, spinnt Fäden, die über ein Dutzend Höfe Europas reichen. Gerade jetzt! Ich weiss mit Bestimmtheit, dass der englische Minister Pitt seit zwei Tagen inkognito in St. Petersburg weilt.“
„Ohne Wissen des Zaren?“
Suboff lacht verächtlich. „Der Zar weiss nur, was ihm die Krüdener zu erzählen beliebt.“
„Wenn dem so ist“, sagt Graf Tolstoi ernst, „so sollte man Seine Majestät informieren.“
,,Tun Sie’s, wenn Sie Lust haben, verbannt zu werden oder in die Festung zu wandern“, lacht Araktschejew grimmig. „Das ist ja gerade der Haken! Haben Sie vergessen, was unser Allergnädigster erst kürzlich hat verlauten lassen? Ich versichere jeden meiner Ungnade, der sich erdreistet, mir etwas Unvorteilhaftes über die Baronin Krüdener zu melden‘.“
„So sehr liebt er sie?“
„Liebe wie im Himmel“, bestätigt Suboff, unwillkürlich eine Faust ballend. „Sogar die Zarin muss beide Augen dazu schliessen und die Krüdener in ihrer Nähe dulden. Neulich, auf dem Hofball, hat der Zar es fertiggebracht, seine hohe Gemahlin fast gänzlich zu übersehen und sich stundenlang nur mit der Krüdener zu unterhalten.“
„Und heute hat die Zarin sogar unpässlich werden und ganz zu Hause bleiben müssen“, lächelt Wolkonski. „Attention, meine Herren! Der Tag ist zu Ende. Seine Majestät und unsere schöne, gefährliche Gastgeberin verlassen den Saal!“
Noch einer folgt mit glühenden Blicken dem Tanz des Zaren mit der Baronin. An eine Säule gelehnt, starrt der Gardekapitän Orlow wie gebannt der schönen Frau nach. Ein zarter Blumenduft streift seine Wangen, eine Handschuhhand berührt leicht seinen Arm.
„Guten Abend, Alexej.“
„Natalie!“
Die schöne Natalie Narischkin lächelt. „So sehr in Gedanken, Alexej, dass eine alte Freundin dich aufsuchen muss, um dich zu begrüssen?“
„Warum verfolgst du mich mit deinem Hass?“
„Ich hasse dich nicht Alexej, ich — bedaure dich.“
„Mich?“
„Ja, mein Lieber. Es scheint dein Schicksal zu sein, deine Liebe dem Zaren abtreten zu müssen.“
„Schweig“, knirscht der junge Offizier rasend, die Narischkin rauh am Handgelenk fassend. „Ich . . . ich ermorde ihn!“
Das Lächeln schwindet aus Natalie Narischkins Gesicht. Ernst und traurig blickt sie ihren einstigen Verlobten an. „Wenn ich dich wirklich hasste, Alexej, wenn ich wirklich kalt und herzlos wäre, wie man mir nachsagt, so genügt jetzt ein Wort von mir, um mich in die Gunst des Zaren wieder einzuschmeicheln und — dich zu verderben. Sei froh, dass nur ich es war, die dieses böse, unbeherrschte Wort eben gehört hat.“
Mit einem freundlichen Neigen des schönen Nakkens geht Natalie Narischkin weiter. Orlow aber verschluckt einen wilden Fluch. Seine fiebernden Augen suchen vergebens nach Juliane Krüdener. Sie ist mit dem Zaren aus dem Ballsaal verschwunden.
„Wollen Majestät nicht geruhen, Platz zu nehmen?“
Juliane Krüdener wartet zeremoniös, bis Alexander sitzt, und lässt sich dann erst, auf eine verbindliche Handbewegung des Zaren hin, auf dem Sofa an seiner Seite nieder.
Alexanders Augen schweifen einen Augenblick durch das Boudoir. Ein allerliebstes Schatzkästlein, ganz in blauer Seite gehalten, voller kostbarer Vasen, Nippfiguren und Kristallschalen. Seine Blicke lächeln gütig.
„Ein wundervolles Heim, das Ihr Kunstsinn geschaffen hat, liebe Krüdener. Aber ich glaube, Sie wollten mehr, als mir Ihre Schätze zeigen.“
Noch immer ist Alexanders Blick auf die Schönheiten des Raumes gerichtet. Er sieht nicht den heissen Glanz in den Augen der Frau, die dicht neben ihm in verhaltener Erregung atmet.
„Ich hatte die Kühnheit, Eure Majestät um diese Unterredung zu bitten, weil ich eine Mitteilung von höchster politischer Wichtigkeit für Eure Majestät habe. Der Minister Pitt befindet sich in St. Petersburg.“
,,Der Engländer?“ Alexander wendet ihr erstaunt den Kopf zu. „Ohne dass man uns benachrichtigt hat?“
„Inkognito und ganz privat“, lächelt die Krüdener. ,,Aber er hat den brennenden Wunsch, von Eurer Majestät empfangen zu werden.“
„Ich weiss.“ Alexander steht unruhig auf und geht an den zierlichen Damenschreibtisch, auf dem ein kostbar ausgeführter Globus steht. „Sie raten mir zu dem Bündnis mit England.“
„Habe ich Eurer Majestät bisher schlechte Ratschläge gegeben?“
„Nein, liebe Krüdener.“ Lebhaft ergreift Alexander ihre Hand und hält sie fest. „Ihre Ratschläge waren immer gut und richtig. Wenn ich Sie nicht hätte . . . Aber dieser Pakt mit England . . . es wäre soviel wie eine Kriegserklärung an Frankreich. Ich weiss nicht . . .“
„Majestät“, sagt die Krüdener eindringlich, „das Bündnis bietet Russland Vorteile, die Frankreich nie geben könnte. Freie Hand gegen die Türken, Unterstützung unserer Oftseepolitik, Förderung des russischen Handels!“
„Gewiss. Aber dennoch . . . Napoleon . . .“
„Von Eurer Majestät hängt es ab, wie lange noch diese Gottesgeisel Europa knechten soll.“ Leidenschaftliche Begeisterung lodert in den Augen der Krüdener. „Russland ist berufen, unter der Führung Zar Alexanders, zu leuchten über den ganzen Kontinent, über die ganze Welt!“
Alexander I. lächelt still. Wie schön Juliane Krüdener ist in ihrer Begeisterung! Schön und klug zugleich! Was ist Natalie Narischkin, was sind alle Damen St. Petersburgs gegen diese Frau.
„Sprechen Sie, liebe Juliane“, nickt er freundlich, während seine Hand selbstvergessen den Globus dreht. „Erzählen Sie mir ausführlich, welche Bedingungen Pitt stellt.“
„Suchen Sie Ihre schöne Gönnerin und Freundin, Orlow?“ Lächelt Wolkonski den jungen Offizier an, der ruhelos durch den Saal streicht und schon zum dritten Male an der um das Bufett zusammenstehenden Offiziersgruppe vorbeikommt. „Die Baronin Krüdener hat schon seit einer halben Stunde Privataudienz bei Seiner Majestät.“
„Oder er bei ihr“, zischt Fürst Suboff grimmig. „Sie hat ihn da drüben in ihr Boudoir entführt.“
„Fürst Suboff, ich warne Sie!“ Zornrot ist Orlow stehengeblieben. „Hüten Sie Ihre Zunge!“
,,Gin Gläschen Champagner? Auch den Kaviar kann ich empfehlen“, lacht Araktschejew versöhnlich, dem jungen Kapitän ein Glas anbietend. „Warum gleich so aufgeregt, Bester? Seine Majestät und die Baronin befinden sich tatsächlich drüben im Boudoir. Natürlich zweifelt niemand daran, dass die beiden dort Patiencen legen oder Charaden lösen.“
„Hölle, Pest und Teufel!“ Orlow setzt das Spitzglas so hart nieder, dass der Stiel zerbricht. „Ich werde . . . sie . . . erschiessen!“
„Sind Sie verrückt, Orlow!“ Zwei der Herren greifen erschrocken nach seinem Arm. Sein Gesicht sprüht Hass und rasende Mordlust. Wild stösst er die Offiziere zurück.
„Loslassen! Ich will . . . Lasst los, oder . . .“
Mit einem verzweifelten Ruck hat Orlow sich befreit, stürmt geradenwegs, ohne Rücksicht auf die Tanzenden, quer durch den Saal auf die Tür zu, die in Juliane Krüdeners Privatgemächer führt. Zum Glück hat das laute, fröhliche Gewühl des Tanzes die kleine Szene unbemerkt verschlungen. Wolkonski starrt dem jungen Kapitän entgeistert nach.
„Er ist rasend oder betrunken! Wir müssen ihm nach und . . .“
„Aber nicht so eilig.“ Mit festem Griff packt Fürst Suboff ihn am Arm und hält ihn zurück. „Uns und Russland kann nichts Besseres passieren, als wenn der verliebte Idiot die Krüdener zusammenschiesst. Wir kommen noch früh genug, wenn wir — zu spät kommen!“
„Ich werde es erwägen, Juliane, Ihnen zuliebe.“ Zar Alexander steht noch immer an dem Globus. Seine Augen tauchen lächelnd in die der hochatmenden, erwartungsvoll ihn anblickenden Frau. Alexej Orlow, der die Tür aufreisst, sieht nur dieses Lächeln, sieht die beiden, die dort vertraulich dicht zusammenstehen. Sinnlos vor Raserei und Eitersucht reisst er seine Pistole heraus, stürzt auf die beiden zu —.
„Orlow!!“
Erst der Schrei Julianes hat den Zaren auf die Gefahr aufmerksam gemacht. Geistesgegenwärtig fährt seine Hand vor, schlägt den Arm Orlows hoch — der Schuss geht vorbei. Drüben auf der Kredenz zersplittert die Kugel ein zierlich geschliffenes Likörglas.
„Mörder! Ich werde dich . . .“ Unerschrocken, voll zitternder Empörung ist Alexander dicht auf den zähnefletschend Zurückweichenden zugesprungen. Da sind auch schon Suboff, Wolkonski und Araktschejew, packen den Attentäter von rückwärts, reissen ihm die Waffe aus der Hand, biegen seine Arme auf den Rücken.
,,Er ist toll geworden, Majestät!“ ruft Suboffs tiefe Bassstimme. „Er wollte die Baronin Krüdener erschiessen!“
„Schuft!“ Noch nie hat Alexanders Gesicht so wild und verzerrt ausgesehen wie in diesem Augenblick. Fast erinnert es an seines Vaters blutgierige Züge. „Wenn ich eine Waffe zur Hand hätte, ich würde dem Henker die Arbeit ersparen!“
„Er muss wahnsinnig geworden sein, Majestät!“ Juliane Krüdener umklammert bittend die Hände Alexanders, die sich krümmen, als wollten sie sich um den Hals des Attentäters krallen. ,,Warum nur, Orlow? Was hab ich dir getan? Warum um aller Heiligen willen wolltest du mich töten?“
„Dich?!“ Ein rauhes, heiseres Lachen bricht von Orlows Lippen. „Dich sollte ich töten wollen, die du mir alles . . . Licht, Luft und Leben bist? Ich . . .“
Da weht es herein durch die Tür. Ein totenblasses, zitterndes Mädchen in rauschendem Ballkleid liegt plötzlich auf beiden Knien vor dem Zaren.
,,Schonen Sie ihn, Majestät!“ fleht Natalie Narischkin, in fiebernder Angst die Knie Alexanders umklammernd. „Er wusste nicht, was er tat! Er ist von Sinnen! Krank! Ja . . . ja, krank ist er! Er redete vorhin schon irre! Sagte, er wollte Eure Majestät . . .“
„Ja, sagt’s ihm!“ brüllte Orlow auf, sich vergebens unter den Händen Suboffs und Araktschejews windend. „Sag ihm, dass ich ihn erschiessen wollte! Ihn, den Unersättlichen, den Räuber! Alles hat er mir genommen! Dich! Meine Ruhe! Meinen Verstand! Jetzt auch noch das Letzte! Juliane! Eher soll er . . .“
„Warte, Brüderchen!“ Erschrocken dreht Suboff den Arm seines Gefangenen rückwärts, dass Orlow schwarz vor den Augen sieht. „Den Zaren wolltest du ermorden? War das die Meinung?“
„Ein Attentat auf den Zaren!“ Auch, Wolkonskis und Araktschejews Gesichter sind blass geworden vor Schrecken. Auch ihre Hände packen noch fester zu. Alexander beugt sich nieder und löst sanft die flehenden Hände der Narischkin von seinen Knien. Ernst und ruhig tritt er dicht vor Orlow hin, sieht ihm fest ins Gesicht.
„Ist das wirklich wahr, Kapitän? Der Schuss galt nicht der Baronin Krüdener, sondern — mir?“
„So ist es.“ Orlow hat seinen Wutanfall gebändigt. Stramm aufgerichtet, fest und würdig steht er vor dem Zaren. „Ich kam mit der Absicht, Eure Majestät — zu töten. Ich leugne es nicht und weiss, dass ich mein Leben verwirkt habe.“
„Meuchelmörder! Lump, du!“ Fürst Suboff versetzt ihm hinterrücks einen Tritt in die Kniekehlen, dass Orlow zusammengebrochen wäre, wenn ihn nicht die beiden anderen Offiziere links und rechts gehalten hätten. „Fort mit ihm! Wohin befehlen Majestät, dass der Attentäter gebracht wird?“
Zwei, drei Sekunden steht Alexander schweigend, das Haupt auf die Brust gebeugt. Dann hebt er langsam den Kopf.
„Lasst ihn frei!“
„Den Attentäter? Majestät . . .?“
„Es galt dem Zaren“, sagt Alexander gedankenvoll. „Ich habe kein Recht, Menschen hinrichten zu lassen, die dem Zaren ans Leben wollen.“
Suboff und Araktschejew taumeln förmlich zurück. „Majestät! Um Gotteswillen, das ist . . .“
„Die Frucht des 12. März“, Qual und Schmerz stehen in Alexanders Gesicht. „Ihr beiden . . . ihr wart auch dabei!“
„Gehen Sie beruhigt, Natalie“, fährt er fort, als die Offiziere mit jäh erschrockenen Mienen verstummen, „und auch du, Kapitän Orlow. Geh nach Hause und erwarte meine weiteren Befehle.“
„Eure Majestät wollen gnädigst verzeihen . . .“ Graf Ramusowsky, der Polizeichef Petersburgs, steht in der Tür und blickt sich misstrauisch um. Hinter ihm tauchen die fragenden Gesichter zweier anderer Offiziere auf. „Wir hörten einen Schuss?“
„Ganz recht“, nickt Alexander und vermag sogar ein Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern. „Der Kapitän da hat uns seine Schiesskunst gezeigt. Jetzt bist du an der Reihe, Suboff. Das zweite Glas dort!“
Fürst Suboff starrt verständnislos bald den Zaren, bald die Waffe Orlows an, die er noch immer in der Hand hält, hebt dann langsam die Pistole, zielt und schiesst. Auf der Kredenz zerschellt das zweite Glas.
„Ihr trefft gut“, nickt Alexander, und einen Augenblick ist ein weher, bitterer Ton in seiner Stimme. „Genug jetzt. Lasst mich mit der Baronin allein.“
Sie salutieren, sie verbeugen sich, gehen zur Tür — halb betäubt die Narischkin, taumelnd wie ein Betrunkener Orlow, erschlagen, fassungslos Suboff, Araktschejew und Wolkonski, befriedigt der Polizeichef und seine Kameraden. Juliane Krüdener aber wartet, beide Hände auf das wild pochende Herz gepresst, bis die Tür sich geschlossen hat. Dann sinkt sie, überwältigt von Leidenschaft und Begeisterung, dem nachdenklich, mit gesenktem Kopf dastehenden Herrscher zu Füssen.
„Mein Zar!“
„Sie sind so gross, Alexander, so gütig, viel zu gut für diese harte Welt“, stammelt Juliane Krüdener wie berauscht, als der Zar sie sanft emporgehoben und zum Diwan geführt hat. Gedankenvoll schüttelt er den Kopf.
„Ich bin nicht gut, liebe Juliane. Ich verzieh, weil ich verzeihen musste. Begreifen Sie doch! Habe ich ein Recht, einen Menschen dem Henker zu überliefern, der — den Zaren töten wollte? Ich, der ich an jenem 12. März . . .“
Darmowy fragment się skończył.