Czytaj książkę: «Der rote Faden»
Axel Rudolph
Der rote Faden
Kriminalroman
Saga
I
Graziella Holm ist tot.
Manche von euch haben sie gekannt: die Schüler der Blendorfschen Tanzschule, die jungen Kameraden und Kameradinnen, mit denen sie im Sommer auf den Havelseen paddelte oder abends lachend und plaudernd durch den Tiergarten spazierte. Ihr habt euch über sie amüsiert, wenn ihr allzeit schlagfertiges Mundwerk einen Aufdringlichen abfertigte; ihr habt euch mit ihr gefreut, als sie von ihrer Tante in Dänemark den kleinen Wagen als Geschenk erhielt.
Nun ist sie tot.
Ihr, die ihr sie kanntet, habt mit tiefem Erschrecken die Nachricht in der Zeitung gelesen:
„Stralsund, den 19. Juni. Gestern nachmittag fuhr ein Personenkraftwagen auf der Landstrasse nach Demmin gegen einen Baum und geriet in Brand. Die Lenkerin des Wagens, die zwanzigjährige Tänzerin Graziella Holm aus Berlin, erlitt dabei den Tod und konnte nur als Leiche geborgen werden.“
Tausende haben die Notiz gelesen, flüchtig, mit kühlem Bedauern, ohne zu ahnen, dass Graziella Holm das fesche junge Mädel war, das so oft auf dem Kurfürstendamm oder sonstwo im Westen in ihrem kleinen Wagen an ihnen vorüberfuhr und dem sie vielleicht einen Augenblick schmunzelnd nachgeschaut haben, als wäre es der Frühling selbst gewesen.
Ihr aber, die ihr Graziella Holm persönlich kanntet, habt erschüttert über die tragische Nachricht miteinander gesprochen. Ihr habt Vermutungen aufgestellt und ausgetauscht, wie das Unglück wohl geschehen sein konnte. Ihr habt Erwin und Gerda Röseler, Graziellas beste Kameraden, mit Fragen bestürmt. Ihr habt bei Frau Jenny Nerger, der verheirateten Schwester Graziellas, die in Kladow wohnt, angeläutet und aufgeregt gefragt, ob es denn wahr und wie es eigentlich gekommen sei. Die kurze Zeitungsnachricht sagt so wenig.
Aber weder Frau Jenny Nerger noch die Geschwister Röseler können euch mehr sagen, als ihr schon selber wisst.
Die Polizei weiss etwas mehr. Sie hat Graziella Holm nicht gekannt. Für sie war das frische junge Mädel bisher weiter nichts als ein Blatt im Einwohner-Meldeamt und auf ihrem zuständigen Revier. Familienname: Holm — Vorname: Graziella. — Familienstand: ledig. — Beruf: Tänzerin. — Geburtsdatum: 22. 5. 1915 zu Hamburg. — Staatszugehörigkeit: Deutsches Reich. — Religion: evangelisch.
Zur selben Stunde aber, da ihr alle noch traurig das jähe Ende Graziella Holms besprecht, hat — euch unbewusst — bereits das Räderwerk der Polizeimaschine den Namen Graziella Holm in seine weitausholenden Kreise gezogen. Denn Graziella Holm wurde ermordet.
*
Landjägerei Grimmen i. Pom.
Bericht.
Am 18. Juni, nachmittags 3.20 Uhr, bemerkte ich auf einer Streife auf der Landstrasse zwischen Grimmen und Demmin, nahe der Juni Gut Francke gehörenden Tannenschonung, 9 Kilometer von Grimmen, einen brennenden Personenkraftwagen. Dieser war anscheinend gegen einen Baum an der linken Strassenseite gefahren. Der starke Gewitterregen hatte bei meiner Ankunft die Flammen bereits so weit gelöscht, dass die Gefahr einer Explosion des Treibstoffbehälters nicht mehr bestand. Ich bemühte mich, den Brand völlig zu ersticken, was mir auch gelang. Am Lenksitz des Wagens sah ich eine anscheinend bewusstlose Frau sitzen. Weitere Insassen waren nicht zu sehen. Bei näherer Untersuchung stellte ich fest, dass bei der Frau der Tod bereits eingetreten war. Verletzungen konnte ich nicht wahrnehmen. Dieses erschien mir um so merkwürdiger, als die Frau bei dem Anprall des Wagens gegen den Baum zum mindesten durch die Glassplitter der zertrümmerten Windschutzscheibe verletzt sein müsste. Ich habe daraufhin die Leiche und den Wagen in dem gefundenen Zustand belassen. Ich bin auf meinem Fahrrad unverzüglich zu dem etwa fünf Minuten entfernten Gehöft des Pächters Kneese gefahren und habe von dort die Kriminalpolizei Stralsund sowie den Arzt Dr. Lange in Grimmen fernmündlich benachrichtigt. Dann bin ich sofort zur Unfallstelle zurückgefahren, wo ich Wagen und Leiche im gleichen Zustande vorfand.
gez. Sitka, Landjäger.
Kriminalpolizei Stralsund.
Bericht der Mordkommission.
Am 18. Juni, 3.45 Uhr, wurde die Krimpo Stralsund durch fernmündliche Meldung des Landjägers Sitka, Grimmen, davon benachrichtigt, dass auf der Landstrasse zwischen Grimmen und Demmin ein brennender Personenkraftwagen gefunden sei, der eine weibliche Leiche ohne ersichtliche Verletzungen enthielt. Es begaben sich darauf sofort an den Tatort: Krim.-Komm. Sartorius, Krim.-Ass. Wendhöfer, Gerichtsarzt Dr. Lueg und die Polizeiwachtmeister Stenzel und Fink.
Die Kommission traf um 4.10 Uhr am Tatort ein, wo sie die Landjäger Sitka und Scharnaus vorfand, und machte daselbst folgende Feststellungen:
Es handelt sich um den Personenkraftwagen IA 98 025, Marke Adler. Die Haube war leicht eingedrückt, ebenso der linke Kotflügel beschädigt. Die Windschutzscheibe war entzwei. Sonstige Beschädigungen wies der Wagen nicht auf. Es erscheint ausgeschlossen, dass der Wagen durch den stattgefundenen leichten Anprall gegen den Baum in Brand geraten sein konnte. Dies wird auch durch das Gutachten des Autosachverständigen (Blatt III b der Akten) bestätigt. Im Innern des offenen Wagens (Kabriolett) waren die Polster stark angesengt. Desgleichen die Polster der beiden Vordersitze.
Auf dem Lenkersitz hinter dem Lenkrad befand sich die Leiche einer jungen Frau in sitzender Stellung. Gerichtsarzt Dr. Lueg stellte fest, dass der Tod erst vor kaum einer Stunde, also etwa kurz nach 3 Uhr nachm., eingetreten sein konnte, und zwar, wie die Würgmale am Halse der Toten bewiesen, durch Erwürgen.
Aus dem in der Handtasche der Toten vorgefundenen Führerschein sowie einer Mitgliedskarte der Fachschaft stellten wir fest, dass es sich um die Tänzerin Graziella Holm, geb. 22. 5. 1915 zu Hamburg, zuletzt wohnhaft in Berlin-Steglitz, Ahornstrasse 133, handelte.
Es wurden ferner im Wagen bzw. in den Kleidungsstücken der Toten vorgefunden:
Eine rotlederne Geldbörse mit 64 RM. 55 Pf. (drei Zwanzigmarkscheine, vier Einmarkstücke und 55 Pf. Kleingeld). — Ein Taschentuch mit dem Monogramm G. H. — Ein Taschenkamm in roter Lederhülle nebst Taschenspiegel. — Ein silberner Lippenstift. — Ein Fläschchen Riechwasser (Eau de Cologne Russe). — Eine Ansichtskarte, den Berliner Tiergarten darstellend, abgestempelt Berlin W 8, 16. 6. 1935. Die Karte trug folgende Bleistiftzeilen: „Liebe Grazie! Zu deinem ersten Auftreten Hals- und Beinbruch. Wir hoffen, dich bald in Berlin bewundern zu dürfen. Nur nicht bange machen lassen! Erwin. Gerda.“ — Ein Brillantring, Gold, 16kar. mit zwei Diamantsplittern. Ohne Signierung. — Eine Armbanduhr, achteckig, Gold, 14kar., Nr. 8 466 354 IL. — Ein Hausschlüssel und zwei kleine Kofferschlüssel. — Ein gedrucktes Programm des Kabaretts „Plaza“ in Stralsund.
Die Tote war bekleidet mit weissem Flanellrock, weisser Bluse, hellroter Sportjacke (Wolle), weissen Strümpfen und Schuhen, hellroter Mütze (Baskenmütze). Auf dem Boden unter dem Führersitz fanden sich noch ein Paar Damenhandschuhe aus hellgelbem Schweinsleder.
Nach eingehender Untersuchung sowohl der Leiche wie des Wagens und der Umgebung des Tatortes kam die Kommission zu folgenden Ergebnissen:
Die Graziella Holm ist in ihrem Wagen durch Erdrosseln gewaltsam getötet worden, und zwar mit Hilfe eines Strickes oder Riemens. Die Tat ist in der Zeit zwischen 3 Uhr und 3.20 Uhr verübt worden. Der Täter hat darauf den Wagen in Brand gesteckt, wahrscheinlich, um die Spuren seiner Tat zu verwischen. Das Gelingen dieses Planes wurde durchkreuzt durch den kurz nach 3 Uhr unerwartet einsetzenden wolkenbruchartigen Regen, der die Flammen erstickte, bevor sie den Treibstoff erreichen konnten. Geraubt wurde anscheinend nichts, da die Wertgegenstände der Toten (siehe S. 2 des Berichtes) vorhanden waren.
Unordnung an den Kleidern der Toten, insbesondere an Bluse und Jacke deuten darauf hin, dass zwischen dem Täter und seinem Opfer ein kurzer Kampf stattgefunden hat. Unter den Fingernägeln der Toten wurde ein rot gefärbtes Stoffpartikelchen vorgefunden. Sämtliche Kleidungsstücke sowie insbesondere auch das vorerwähnte rote Fäserchen wurden unverzüglich dem chemischen Laboratorium beim Polizeipräsidium Stettin zur weiteren Untersuchung übersandt.
Die Umgebung des Tatortes wurde sofort gründlich und umfangreich abgesucht, wozu auch der Hund Wanda II des Oberlandjägers Kleimann aus Grimmen hinzugezogen wurde. Infolge des herniedergegangenen Regens war es indessen nicht möglich, irgendeine Spur zu entdecken. Brauchbare Fingerabdrücke wurden in und an dem Wagen nicht gefunden.
Die Leiche der Graziella Holm wurde polizeilich beschlagnahmt und nach Stralsund gebracht. Ebenso der Kraftwagen und sämtliche bei der Toten vorgefundenen Gegenstände. In Erwägung, dass der Täter nicht wissen kann, dass sein Plan, die Leiche zu verbrennen, durch den Regen völlig durchkreuzt wurde, kam die Kommission überein, vorläufig den Tatbestand geheimzuhalten und der Presse nur die Auskunft zu geben, dass Graziella Holm infolge eines Autounglücks, bei dem der Wagen in Brand geraten, ums Leben gekommen sei.
gez. Sartorius, Krim.-Komm.
Dr. Lueg als Gerichtsarzt
Wendhöfer, Krim.-Ass.
*
Ermittlungsbericht.
In der Mordsache Holm
habe ich auf Anordnung des Krim.-Komm. Sartorius Frau Maria Karoline Peschke, Stralsund, Mönchstr. 214, in ihrer Wohnung vernommen. Frau Peschke sagt aus:
Fräulein Holm hat am 14. Juni ein möbliertes Zimmer bei mir gemietet und die Miete für den Monat im Betrag von 35 RM. im voraus gezahlt. Ich kannte Fräulein Holm vorher nicht. Dieselbe gab an, im Kabarett „Plaza“ als Tänzerin engagiert zu sein. Sie ist auch am 15., 16. und 17. Juni dorthin gegangen und jedesmal erst gegen Mitternacht heimgekehrt. Ich habe nicht bemerkt, dass sie Besuch hatte oder auf dem Heimweg von jemand begleitet wurde. Ich hätte das unbedingt bemerken müssen, da ich immer noch wach war und mit Fräulein Holm an jedem Abend noch ein Paar Worte gewechselt habe, bevor sie zu Bett ging.
Am 18. Juni, ungefähr um ein Uhr mittags, erschien ein Herr bei mir. Er gab an, ein Assessor König aus Berlin zu sein, und fragte nach Fräulein Holm.
Ich meldete den Besucher dem Fräulein an und hörte, wie sie ihn im Hausflur wie einen guten Bekannten begrüsste. Ich kam darauf aus der Küche auf den Flur und fragte Fräulein Holm, ob ich Kaffee kochen solle. Fräulein Holm war angezogen, in Mütze und Jacke, und sagte, sie sei eben im Begriff, eine Spazierfahrt zu machen. Ich hörte, wie der Herr darauf sehr erregt sagte: „Aber ich muss dich unbedingt sprechen, Graziella!“ Fräulein Holm antwortete darauf lachend, dann könne er sie ja begleiten. Die beiden gingen dann, lebhaft miteinander sprechend, zusammen die Mönchstrasse hinunter in der Richtung nach dem Ossenreyer, wo Fräulein Holm ihr Auto in der Garage des Herrn Assmann stehen hatte. Was die beiden weiter miteinander sprachen, habe ich nicht gehört.
Fräulein Holm trug, als sie das Haus verliess, ihre Handtasche und die Handschuhe in der Hand. Der Herr trug nichts in der Hand.
v. g. u.
Marie Karoline Peschke
Stralsund, den 18. Juni, 18.30 Uhr.
Wendhöfer, Krim.-Ass.
Ermittlungsbericht.
In der Mordsache Holm
habe ich im Auftrage des Krim.-Komm. Sartorius Herrn Friedrich Assmann, Ossenreyer 310, in seinem Büro vernommen. Herr Assmann sagt aus:
Ich betreibe auf dem Grundstück Ossenreyer 310 ein Tank- und Garagengeschäft. Am 14. Juni mietete ein Fräulein Holm aus Berlin bei mir einen Garagenplatz für ihren Adlerwagen IA 98 025 und gab als ihre Adresse an: Mönchstr. 214, bei Frau Peschke.
Fräulein Holm hat am 16. Juni um 14 Uhr ihren Wagen geholt. Sie ist gegen 16 Uhr zurückgekehrt und hat den Wagen wieder bei mir untergestellt. Sowohl bei der Abfahrt wie bei der Rückkehr war sie allein.
Am 18. Juni erschien sie wieder kurz nach 13 Uhr und bestieg ihren Wagen. Diesmal war sie in Begleitung eines mir unbekannten Herrn, den sie mehrmals „Werner“ nannte. Ich hatte den Eindruck, dass sowohl Fräulein Holm wie der Herr in ärgerlicher Stimmung waren; sie sprachen in meiner Gegenwart jedoch nichts Besonderes.
Fräulein Holm bestieg den Lenksitz und der Herr den Sitz daneben. Bevor Frl. Holm Gas gab, hörte ich den Herrn sagen: „Haben wir Treibstoff genug bis Berlin?“ Sie sagte darauf ärgerlich: „Das könnte dir so passen!“
Dann fuhren sie beide in der Richtung auf den Neuen Markt davon.
v. g. u.
Friedrich Assmann.
Stralsund, den 18. Juni, 18 Uhr.
Gautsch, Krim.-Wachtm.
Ermittlungsbericht.
In der Mordsache Holm
habe ich auf Anordnung des Krim.-Komm. Sartorius den Geschäftsführer des Kabaretts „Plaza“, Greifswalder Strasse 2, Herrn Heinz Möhring, vernommen. Herr Möhring sagt aus:
Durch die Blendorfsche Tanzschule, Berlin W, Kleiststrasse 317, wurde mir im April Fräulein Holm als Solotänzerin empfohlen. Ich tätigte mit der genannten Tanzschule einen Engagementsvertrag, demzufolge Frl. Holm vom 15. Juni bis 1. August in meinem Lokal als Tänzerin mit eigenem Programm auftreten sollte. Die Gage betrug wöchentlich 80 RM.
Frl. Holm traf am 14. Juni hier ein und suchte mich sofort in meinem Büro auf. Wir besprachen ihr Programm, und ich machte sie mit den Lokal-, Bühnen- und Garderobeverhältnissen bekannt. Frl. Holm machte auf mich einen sehr guten und anständigen Eindruck.
Am 15. Juni abends trat sie zum ersten Male auf. Ich war mit ihrer tänzerischen Darbietung zufrieden, und auch bei den Gästen fand sie Anklang. Am 16. und 17. Juni ist sie ebenfalls vertragsgemäss aufgetreten.
An ihre Kollegen und Kolleginnen hatte sie infolge der kurzen Zeitdauer noch keinen Anschluss gefunden. Ich selber unterhielt mich nach ihrem ersten Auftreten mit ihr und erfuhr — was ich schon durch die Tanzschule wusste —, dass dies ihr erstes Engagement sei. Sie sagte mir ferner, dass sie bei Frau Peschke, Mönchstr. 214, ein nettes Zimmer gemietet habe.
Am 15. Juni, nach ihrem ersten Auftreten, hat Frl. Holm gemeinsam mit mir und einer Kollegin, Frl. Elna Lissem, in meinem Lokal eine Flasche Wein getrunken. Sie war dabei sehr fröhlich und erwähnte, wie froh sie sei, endlich auftreten zu können. Ich erinnere mich auch, dass sie dabei erzählte, sie habe keine Eltern mehr, nur eine verheiratete Schwester in Berlin. Frl. Holm wurde an diesem Abend zweimal zum Tanz geholt, und zwar von Herrn Kaufmann Schröder, Lange Strasse, der öfter bei mir verkehrt, und von einem jungen Herrn, dessen Namen ich nicht kenne, der aber gleichfalls Stralsunder ist und oft in meinem Lokal verkehrt. Die Herren gingen sofort an ihre Tische zurück, nachdem der Tanz zu Ende war. Frl. Holm sass dann noch eine halbe Stunde bei uns am Tisch und sah sich das weitere Programm an. Gegen Mitternacht verabschiedete sie sich und ging nach Hause. Meines Wissens hat sie niemand begleitet. Die beiden Herren, die mit ihr tanzten, blieben noch bis gegen zwei Uhr im Lokal.
Am 16. und 17. Juni hat Frl. Holm sofort nach Beendigung ihrer Nummer das Kabarett verlassen und ist nach Hause gegangen. Ich habe nicht bemerkt, dass sie irgendwelche Bekanntschaften unter meinen Gästen gemacht hat.
v. g. u.
Heinz Möhring, Geschäftsführer.
Stralsund, den 18. Juni, 20 Uhr.
Wendhöfer, Krim.-Ass.
Ermittlungsbericht.
In der Mordsache Holm
habe ich mich in die Wohnung der Frau Peschke begeben und im Beisein der Wohnungsinhaberin und des Krim.-Wachtm. Erkner das Zimmer der Graziella Holm einer Durchsuchung unterzogen.
Wir fanden dabei zwei Lederkoffer, die von Frau Peschke als Eigentum der Ermordeten bezeichnet wurden. Die bei der Leiche gefundenen Schlüssel passten zu den Koffern.
Als Inhalt fanden wir lediglich Garderobe, ein Theaterkostüm, Wäsche und einige Bücher (Unterhaltungsromane). Im Kleiderschrank befanden sich weitere Garderobestücke. Auf dem Tisch fanden wir eine Schreibmappe, die nach Aussage der Wirtin ebenfalls der Holm gehörte. Dieselbe enthielt:
Ein Foto, 18 × 24, einen Herrn und eine junge Frau darstellend. Fotograf: Atelier Gellert, Berlin, Kurfürstendamm. — Eine Foto-Postkarte, Brustbild, einen jungen Mann darstellend. Auf der Rückseite die Inschrift: „Zur Erinnerung an unsere choreographische Studienzeit — Erwin Röseler.“ — Eine Gruppenaufnahme der Tanzschule Blendorf, die zwischen anderen Tanzschülern Graziella Holm und den vorgenannten Erwin Röseler zeigt. — Mehrere Prospekte sowie das Programm einer Aufführung der Tanzschule Blendorf. — Unbeschriebenes Briefpapier und Briefumschläge.
Die sämtlichen Effekten wurden polizeilich sichergestellt.
Stralsund, den 18. Juni, 20 Uhr.
gez. Sartorius, Krim.-Komm.
Seit langem ist in den Dienstzimmern der Stralsunder Kriminalpolizei nicht so fieberhaft gearbeitet worden wie in diesen Spätnachmittagstunden des 18. Juni. Kommissar Sartorius setzt alles daran, die Mordsache Holm rasch aufzuklären oder wenigstens die Fäden in die Hand zu bekommen. Zwischen ihm und der Greifswalder Staatsanwaltschaft gehen dringende Ferngespräche hin und her. Die Polizeiposten und Landjägereien der Umgebung sind mobil gemacht. Bis hinüber nach Rügen ist der gesamte Apparat der Polizei alarmiert. Von Stralsund aus gehen sofort zwei Kriminalbeamte nach Sassnitz und Binz, um den dortigen Kollegen bei etwaigen Ermittlungen in den um diese Zeit stark besuchten Bädern zur Hand zu gehen. Die übrigen, dem Kommissar Sartorius zur Verfügung stehenden Beamten sind an diesem Abend dauernd unterwegs.
Die Bevölkerung Stralsunds merkt nichts von dieser fieberhaften Tätigkeit. Noch ist nichts weiter durchgesickert, als dass auf der Landstrasse nach Demmin heute nachmittag ein schweres Autounglück stattgefunden hat. Da es sich bei der Verunglückten nicht um eine in Stralsund bekannte Persönlichkeit handelt, regt man sich nicht sehr über die Nachricht auf. Selbst Frau Peschke und der Garagenbesitzer Assmann vermuten in den Vernehmungen, denen sie unterworfen wurden, nicht mehr als die üblichen amtlichen Erhebungen zur Klärung der Schuldfrage bei dem Unglücksfall. Nur die dunklen und zweifelhaften Elemente in der Stadt und Umgegend merken, dass „etwas Besonderes los ist“. Gegen alle Kleiderordnung erscheinen plötzlich in den Herbergen und Schlafstellen Kriminalbeamte, die nicht zu den mit der gewöhnlichen Kontrolle der Fremden betrauten Beamten gehören. Ausweispapiere und Pässe werden haarscharf geprüft, einige Verdächtige müssen sogar nachweisen, wo sie sich am heutigen Nachmittag aufgehalten haben. Die „Kunden“ auf den Landstrassen Vorpommerns haben heute einen „schlechten Tag“. Die Landjäger scheinen sich plötzlich unheimlich vermehrt zu haben. Allenthalben tauchen die Streifen auf, stellen jeden Wanderer und „flebben“ mit einer Gründlichkeit, die weit über das übliche Mass hinausgeht. Selbst der harmloseste, ehrsamste Handwerksgeselle auf Wanderschaft muss es sich gefallen lassen, drei-, viermal innerhalb weniger Stunden seine Ausweise revidiert zu sehen.
Aber bei alledem kommt wenig heraus. Als Kommissar Sartorius gegen neun Uhr abends von der Haussuchung im Zimmer der Ermordeten heimkehrt, versammelt er seine Beamten zu einer kurzen Besprechung im Dienstzimmer. Die Ergebnisse der ersten Ermittlungen werden verglichen und besprochen. Es ist wenig, sehr wenig. Die Suche nach Spuren am Tatort ist völlig ergebnislos geblieben. Die bei der Toten und in ihrer Wohnung gefundenen Sachen ergeben keinen Anhaltspunkt. Vor allem bleibt das Motiv der Tat in geheimnisvolles Dunkel gehüllt.
Kriminalassistent Wendhöfer, ein älterer und besonnener Mann, wirft die Frage auf, ob nicht schliesslich doch ein Unglücksfall vorliegen könnte. Auch das wird noch einmal gründlich erwogen. Die geringen Beschädigungen des Wagens machen einen Unfall zwar unwahrscheinlich, schliessen die Möglichkeit jedoch nicht aus. Nach dem Gutachten des Sachverständigen kann der Wagen zwar unmöglich durch den Anprall gegen den Baum in Brand geraten sein, aber andererseits ist auch nicht klar festzustellen, wie überhaupt das Feuer entstanden ist.
Kommissar Sartorius schüttelt zu den Argumenten seines Assistenten den Kopf. „Alles schön und gut, Wendhöfer, aber wie erklären Sie dann die unzweifelhaften Würgemale am Halse der Toten?“ Das vermag der Assistent auch nicht, und so bleibt notwendig die Annahme bestehen, dass ein Verbrechen vorliegt.
„Wir werden mehr wissen, wenn wir den Begleiter der Holm haben“, hofft Kommissar Sartorius und lässt sich die Fremdenlisten der Hotels vorlegen. Sie sind alle von gestern. Die heutigen Meldezettel werden erst im Laufe des nächsten Vormittags eingehen. In den vorliegenden Listen befindet sich kein Herr König aus Berlin.
Zwei Beamte werden abgeschickt, um die wenigen Gasthäuser der Stadt zu revidieren. Bereits dreiviertel Stunden später kommt ein Anruf. Einer der Beamten teilt mit, dass im Hotel „Berliner Hof“ tatsächlich ein Mann wohnt, der sich als Assessor Werner König aus Berlin eingetragen hat.
„Er ist heute vormittag dort abgestiegen“, sagt der Beamte im Fernsprecher. „Zur Zeit befindet er sich nicht hier im Hotel, aber abgereist ist er noch nicht. Seine Sachen sind noch im Zimmer.“
„Bleiben Sie im Hotel und erwarten Sie die Rückkehr des König“, dekretiert Kommissar Sartorius nach kurzem Nachdenken. „Wenn er kommt, führen Sie mir den Mann vor. Ist er bis elf Uhr nicht zurückgekehrt, so machen Sie mir Meldung.“
„Wenn er nicht zurückkehrt“, sinnt der Kommissar hoffnungsvoll, nachdem er den Hörer hingelegt hat, „wenn dieser König sich davongemacht hat, ohne sein Gepäck im Hotel abzuholen, dann haben wir die Spur, dann ist er hinreichend verdächtig, um nach ihm fahnden zu lassen. Vielleicht liegt der Fall ganz einfach. Vielleicht handelt es sich um ein Eifersuchtsdrama oder einen persönlichen Racheakt.“
Aber so einfach liegt die Mordsache Holm nicht.
II
Ermittlungsbericht.
In der Mordsache Holm
habe ich auf Anordnung des Krim.-Komm. Sartorius gemeinsam mit dem Krim.-Wachtm. Müller in den Gasthäusern nach dem Begleiter der Holm gefahndet.
Im Hotel „Berliner Hof“ stellte ich an Hand der Fremdenliste fest, dass ein Assessor Werner König aus Berlin heute vormittag dort abgestiegen ist. Auf Befragen erklärte der Portier, dass Herr König das Zimmer 12 bewohne, etwa um 19 Uhr ausgegangen und bisher noch nicht zurückgekehrt sei. Ich setzte mich daraufhin fernmündlich mit Krim.-Komm. Sartorius in Verbindung, der mich beauftragte, im Hotel die Rückkehr des König abzuwarten und ihn zur Vernehmung zum Polizeiamt zu bringen.
Um 21.52 Uhr erschien ein Herr im Hotel, den der Portier uns als den Gesuchten bezeichnete. Er bejahte meine Frage, ob er Herr König aus Berlin sei. Auf meine Aufforderung, mir zum Polizeibüro zu folgen, gab er zunächst an, Assessor bei der Berliner Staatsanwaltschaft zu sein. Er kam darauf jedoch ohne Widerstreben unserer Aufforderung nach.
Stralsund, den 18. Juni, 23.30 Uhr.
gez. Wendhöfer, Krim.-Ass.
Müller, Krim.-Wachtm.
Vernehmung.
In der Mordsache Holm
habe ich in meinem Amtszimmer den Assessor König, Berlin, vernommen.
Zu den Personalien gibt der Befragte an:
Ich heisse Werner Karl Heinrich König, geb. am 10. 1. 1907 zu Berlin, Assessor bei der Staatsanwaltschaft III, Berlin-Moabit, wohnhaft Berlin, Uhlandstr. 455, deutscher Staatsangehöriger, ev., ledig, nicht vorbestraft.
Obige Personalien erhärtet der Befragte durch Vorlage seines Reisepasses Nr. 2 497 622 sowie seiner amtlichen Legitimation.
Zur Sache gibt König auf Befragen an:
Ich bin seit drei Jahren mit Herrn und Frau Nerger, Berlin-Kladow, Amselallee 14, befreundet und verkehre in deren Haus. Dort lernte ich auch, vor einem Jahr ungefähr, die Schwester der Frau Nerger, Fräulein Graziella Holm, kennen.
Am 12. Juni d. J. rief mich Frau Nerger an, sagte mir in sehr erregtem Ton, dass ihre Schwester Graziella ohne ihr Vorwissen ein Engagement als Tänzerin angenommen habe, und bat um meinen Besuch, um die Sache mit mir zu besprechen. Nach Dienstschluss fuhr ich zu Frau Nerger und erfuhr dort, dass Graziella in einem drittklassigen Lokal in Stralsund auftreten wolle, und zwar schon am 15. Juni. Frau Nerger war sehr aufgebracht darüber. Sie erklärte, dass ihr Mann höchst unwillig darüber sei und dass alle ihre Verwandten es als einen Skandal betrachten würden, wenn der Name der Familie auf öffentlichen Varietéanzeigen zu lesen sein würde. Sie erklärte ferner, dass auch sie selbst es als ein Unglück für ihre Schwester betrachte, wenn diese wirklich zur Bühne ginge. Sie bat mich dringend — da sie selbst nicht fortkönne — um den Freundschaftsdienst, nach Stralsund zu fahren und Graziella energisch zuzureden, ihren Plan aufzugeben und nach Berlin zurückzukommen. Aus Freundschaft für Herrn und Frau Nerger erklärte ich mich dazu bereit.
Am 17. Juni nahm ich Urlaub und fuhr am 18. mit dem Frühzug nach Stralsund, wo ich im Hotel „Berliner Hof“ abstieg. Durch einen Anruf im Kabarett „Plaza“ erfuhr ich von dem dortigen Portier, dass Frl. Holm in der Mönchstr. bei einer Frau Peschke wohne. Ich begab mich sofort dorthin und ersuchte die Wirtin, mich Frl. Holm zu melden. Frl. Holm kam mir schon auf dem Flur entgegen; sie war zum Ausgehen angezogen und sagte mir sofort, sie sei im Begriff, eine Spazierfahrt anzutreten. Sie forderte mich auf, sie zu begleiten.
Auf dem Weg zur Garage begann ich bereits, ihr den Grund meines Hierseins zu erklären. Frl. Holm sagte, sie könne sich schon denken, weshalb ihre Schwester mich mobil gemacht habe; ich solle mir aber nicht einbilden, dass sie auf ihr Engagement verzichte.
Wir haben dann an einer Tankstelle den Wagen bestiegen. Frl. Holm lenkte. Wir fuhren in langsamem Tempo durch die Stadt. Ich kenne Stralsund und seine Umgebung nicht und kann daher nicht sagen, welchen Weg wir fuhren. Wir waren jedoch sehr bald auf offener Landstrasse. Während der Fahrt versuchte ich Frl. Holm zu bewegen, nach Berlin zurückzukehren. Sie wurde sehr ärgerlich, schalt auf ihre Schwester und wurde auch gegen mich ausfallend. Als ich nicht nachgab, geriet sie in eine so grosse Empörung, dass sie mitten auf der Landstrasse den Wagen anhielt und mich aufforderte, auszusteigen und sie in Ruhe zu lassen.
Ich versuchte, diese Aufforderung scherzhaft zu nehmen, aber Frl. Holm wiederholte sie in sehr energischem Tone. Ich war darüber empört, kam jedoch ihrer Aufforderung nach und stieg aus. Frl. Holm gab Gas und fuhr weiter, ohne mir noch einen Blick zuzuwerfen. Ich sah ihr nach, bis sie an einer Biegung der Landstrasse meinem Gesichtskreis entschwand. Frl. Holm fuhr auch, nachdem sie mich abgesetzt hatte, in durchaus ruhigem Tempo weiter. Ich schätze die Geschwindigkeit auf höchstens 40 Kilometer.
Ich war über den Misserfolg meiner Mission und das Verhalten Frl. Holms sehr ärgerlich. Da ich keine Verkehrsmittel entdecken konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu Fuss auf den Rückweg nach Stralsund zu machen. Als Frl. Holm mich absetzte, möge es ungefähr 2.50 Uhr gewesen sein. Ich habe höchstens drei bis vier Minuten an der Stelle gestanden und ihr nachgeschaut, bis ich mich zum Rückmarsch entschloss. Irgend etwas Ungewöhnliches habe ich nicht bemerkt. Auf der Fahrt sind uns einige Autos entgegengekommen, auch erinnere ich mich an ein Fuhrwerk. Genaue Angaben kann ich darüber nicht machen.
Nachdem ich etwa zehn Minuten gegangen war, wurde ich von einem plötzlich einsetzenden heftigen Gewitterregen überrascht. Ich wurde stark durchnässt, und als ich ein Gehöft auftauchen sah, suchte ich dort Schutz. Die Leute, ein älteres Ehepaar, luden mich ein, in die Stube zu kommen, und wir unterhielten uns dort, bis der Regen nachliess. Um 3.40 Uhr — nach der Uhr in der Stube des Gehöftes — bin ich weiter nach Stralsund gegangen, und zwar die Landstrasse entlang. Ich erinnere mich, kurz vor der Stadt ein Auto gesehen zu haben, das mir entgegenkam und in dem neben einigen Zivilisten zwei Polizeibeamte sassen.
Um halb fünf Uhr bin ich im Hotel angelangt. Ich habe mich in meinem Zimmer umgezogen und gewaschen. Dann habe ich eine Tasse Kaffee im Hotel getrunken und versucht, Frau Nerger in Berlin telefonisch zu erreichen. Ich erhielt durch das Hausmädchen den Bescheid, dass Frau Nerger ausgegangen sei, am Abend aber zurückerwartet würde.
Darauf bin ich — gegen sieben Uhr — noch etwas ausgegangen, um mir die Sache mit Frl. Holm noch einmal gründlich zu überlegen. Ich bin die Hauptstrasse hinuntergebummelt und schliesslich in einem Kaffeehaus, gegenüber dem Rathaus, eingekehrt. Dort habe ich einen Kognak getrunken und dann noch einmal versucht, Nergers zu erreichen. Diesmal meldete sich Frau Nerger am Apparat. Ich berichtete ihr, dass ich leider erfolglos gewesen sei. Frau Nerger bat mich dringend, doch noch einen Versuch zu machen. Auch sie war über das Verhalten ihrer Schwester empört. Ich beschloss daraufhin, noch einen Tag hier zu bleiben, mir am Abend die Vorstellung in der „Plaza“ anzusehen und im Anschluss daran noch einmal mit Frl. Holm zu sprechen. Gegen neun Uhr ging ich zum Hotel zurück, wo mich die Beamten erwarteten. Von dem tragischen Unglücksfall, der Frl. Holm inzwischen betroffen, habe ich erst hier im Polizeibüro gehört.
Ich erkläre ausdrücklich, dass zwischen Frl. Holm und mir nur rein freundschaftliche und kameradschaftliche Beziehungen bestanden. Ferner erkläre ich, dass es während der Fahrt oder überhaupt während unseres Zusammenseins durchaus keinen persönlichen Streit zwischen Frl. Holm und mir gegeben hat. Ich habe auch nicht versucht, sie gewaltsam zu veranlassen, nach Berlin zurückzukehren. Frl. Holm war meines Wissens eine gute und sehr vorsichtige Fahrerin.
Nachträglich erklärt König noch auf Befragen: Den Namen der Leute, bei denen ich vor dem Regen Schutz suchte, kenne ich nicht. Es war ein ziemlich grosses Gehöft, östlich von der Landstrasse, zu dem ein breiter, etwa fünfzig Meter langer Feldweg führte. Etwa hundert Meter links von dem Gehöft sah ich eine Ziegelei.
v. g. u.
Werner König.
Stralsund, den 18. Juni, 23 Uhr.
Sartorius, Krim.-Komm.
*
Vernehmung.
In der Mordsache Holm
habe ich den Landwirt Franz Klaasen, Stralsund, vernommen.
Zu den Personalien erklärt Befragter:
Ich heisse Franz Peter Klaasen, geb. 9. 9. 1888 zu Stralsund, Landwirt, ev., verh., bisher unbescholten.
Zur Sache befragt, erklärt Klaasen:
Es ist richtig, dass gestern nachmittag gegen drei Uhr ein Fremder in meinem Hof vor dem Regen Schutz suchte. Ich sah den Mann von der Landstrasse herkommen. Er lief den Feldweg herunter, weil es so stark regnete. Den Rockkragen hatte er hochgeschlagen. Meine Frau und ich liessen ihn in die Stube kommen. Er wollte erst nicht, um nicht den Fussboden nass zu machen, kam aber herein, als wir ihn nötigten. Er blieb etwa eine Stunde bei uns, bis der Regen aufhörte. Wir sprachen über das Wetter und darüber, wie weit es noch bis Stralsund sei. Der Fremde sagte, er sei bei einem Spaziergang vom Regen überrascht worden. Bevor er ging, gab er unserem sechsjährigen Enkelkind, das in der Stube spielte, fünfzig Pfennig. Wir sahen dann, wie er in raschem Schritt die Landstrasse nach Stralsund entlang ging.
Dem König gegenübergestellt, erklärt der Landwirt Klaasen: Jawohl, das ist der Mann, der gestern von 3 bis 3.40 Uhr in unserer Stube war. Ich erkenne ihn wieder. Ein Irrtum ist ausgeschlossen.
v. g. u.
Franz Klaasen, Landwirt.
Stralsund, den 19. Juni, 10 Uhr vorm.
Sartorius, Krim.-Komm.
Ermittlungsbericht.
Gutachten des Sachverständigen Ingenieur Sperber, Stralsund.
Auf Anordnung und im Beisein des Krim.-Komm. Sartorius habe ich den Personenkraftwagen IA 98 025 untersucht.
Der Wagen zeigt eine leichte Eindrückung der Haube, eine Beschädigung des linken Kotflügels und zum Teil verbrannte oder angesengte Polstersitze. Die Windschutzscheibe ist zertrümmert.
Bei dem Anprall gegen den Baum kann der Wagen höchstens ein Tempo von 15 Kilometer gehabt haben, eher weniger. Andernfalls müssten die Beschädigungen erheblich stärker sein, insbesondere wäre es dann unmöglich, dass die Lampen unversehrt geblieben wären.
Es ist möglich, wenn auch wenig wahrscheinlich, dass die auf dem Lenksitz sitzende Person von den Splittern der Windschutzscheibe nicht verletzt worden ist. Dagegen müssten am Körper der betreffenden Person unbedingt Prellungen festzustellen sein, selbst dann, wenn der Wagen im Augenblick des Anpralls nur ein geringes Tempo hatte.
Völlig ausgeschlossen ist, dass der Wagen infolge des leichten Anpralls in Brand geraten konnte.
gez. Karl Sperber, Ing.
Gerichtl. vereid. Sachverständiger für das Kraftfahrwesen.
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Polizei-Präsidium Berlin.
Krim.-Insp. II.
Vernehmungsbericht.
Im Auftrag der Kriminalpolizei Stralsund habe ich den Tanzschüler Erwin Röseler heute kommissarisch vernommen.
Zu den Personalien sagt Röseler aus:
Ich heisse Erwin Röseler, geb. 30. 11. 1913 zu Fürstenwalde, wohnhaft Berlin-Schöneberg, Hauptstr. 620, von Beruf Tänzer, ev., ledig, bisher unbescholten.
Zur Sache sagt Röseler auf Befragen aus:
Ich bin seit Ostern 1934 Mitglied der Tanzschule Blendorf. Dort habe ich Fräulein Graziella Holm kennengelernt. Andere als kollegiale und freundschaftliche Beziehungen zu ihr habe ich nie gehabt. Meine Schwester und ich sowie die Kollegen Herr Burkhard und Frl. Innichen haben uns am 14. Juni von Frl. Holm verabschiedet, als sie in ihrem Auto nach Stralsund abreiste.
Am 18. Juni war ich von 10 Uhr vorm. bis 1 Uhr nachm. in den Räumen der Tanzschule Blendorf, was Herr Blendorf und meine Mitschüler bestätigen können. Ich bin dann mit dem Autobus nach Hause gefahren, wo ich zum Mittagessen um 2 Uhr eintraf. Ich wohne bei meinen Eltern. Sowohl diese wie meine Schwester können bestätigen, dass ich mich in der Zeit von 14 bis 18 Uhr daheim aufgehalten habe. Am Abend war ich mit meiner Schwester im Tauentzien-Palast. Nach dem Kino, um 21 Uhr, haben wir im Café Mierike eine Tasse Kaffee getrunken und sind dann zusammen nach Hause gegangen. Einen Herrn König kenne ich nicht.
Fräulein Holm galt als begabte Schülerin und war bei uns allen sehr beliebt. Von einem Liebesverhältnis Frl. Holms mit irgend jemand ist mir nichts bekannt.
Die mir vorgelegte Postkarte an Frl. Holm habe ich geschrieben. Die mitunterzeichnete „Gerda“ ist meine Schwester.
v. g. u.
Erwin Röseler.
Berlin, den 20. Juni.
Henneberg, Krim.-Assistent.
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Zusammenfassendes Ergebnis der bisherigen Ermittlungen.
Der zuerst verdächtige Begleiter der ermordeten Graziella Holm hat glaubhaft nachgewiesen, dass er identisch ist mit dem Assessor bei der Staatsanwaltschaft Berlin Werner König, geb. am 10. 1. 1907. Die sofortige Rückfrage bei der genannten Behörde in Berlin hat diese Angabe bestätigt. Die Einlassung des Assessor König, derzufolge er die Holm im Auftrage ihrer Verwandten aufgesucht hat, sowie seine Darstellung seines Zusammentreffens mit ihr am Mordtage weisen keine Widersprüche auf. Frau Nerger, Berlin, die Schwester der Ermordeten, bestätigt die Angaben des Assessors König, insbesondere über das am Tattage zwischen König und Frau Nerger geführte Telefongespräch. Ebenso wird seine Angabe, dass er zur Zeit des Mordes sich im Gehöft Klaasen aufgehalten habe, durch die bestimmte Aussage des Landwirts Klaasen und dessen Ehefrau vollauf bestätigt. Die Entfernung zwischen dem Tatort und dem Gehöft des Landwirts Klaasen beträgt 2,8 Kilometer. Wenn König zur Zeit des Mordes am Tatort gewesen wäre, so hätte er unmöglich bereits um 3 Uhr das Gehöft Klaasen erreichen können. Es bestand daher kein hinreichender Grund, über den vorläufig festgenommenen Assessor König die Untersuchungshaft zu verhängen. Seine Freilassung wurde von der Polizeibehörde im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft Greifswald am 19. Juni, 14.30 Uhr, verfügt. König hat noch am Nachmittag Stralsund verlassen und ist nach Berlin zurückgereist. Er war durch die Nachricht von dem Tode der Holm aufs heftigste erschüttert. Irgendeine Erklärung oder einen Verdacht konnte er nicht angeben.
Es darf als erwiesen erachtet werden, dass die Ermordete ausser den bei ihr gefundenen Objekten keine bedeutenden Wertsachen oder Geldbeträge besass, solche auch nicht bei ihr vermutet werden konnten. Ein Raubmord scheint daher nicht vorzuliegen, es sei denn, dass man annimmt, der Täter sei bei der Ausführung seiner Tat gestört worden.
Ferner darf als erwiesen betrachtet werden, dass die Ermordete in Stralsund keinerlei Beziehungen zu Männern hatte. Eine Lebensversicherung oder Unfallversicherung — ausser der vorschriftsmässigen Autoversicherung — ist die Ermordete auch nicht eingegangen.
Die nochmalige, mit Polizeihunden vorgenommene Absuchung des Tatortes und seiner weiteren Umgebung hat keine Anhaltspunkte zutage gefördert.
Als einziger Anhaltspunkt bleibt demnach vorläufig nur das unter den Nägeln der Ermordeten gefundene Wollpartikelchen.
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Polizei-Präsidium Stettin.
Chem. Laboratorium.
In der Mordsache Holm
habe ich die mir übersandten Kleidungsstücke sowie die beigeschlossene Stoffaser untersucht.
1 Die Bekleidungsstücke weisen keine Blutspuren auf. Die Bluse (Nr. 3) enthält zwei Zentimeter unterhalb des obersten Druckknopfes einen mindestens drei Tage alten, ausgeriebenen Kaffeefleck. Am Rand des rechten Ärmels sind leichte Verschmutzungen wahrnehmbar, die auf flüchtige Berührungen mit Öl zurückzuführen sind.
2 Das Faserpartikelchen besteht aus dunkelrot gefärbter Baumwolle. Es rührt aus einem Gewebe von gleicher Farbe her. Das eine Ende weist unter dem Mikroskop eine Zerfaserung auf, die beweist, dass es nicht durch einen Schnitt, sondern durch einen gewaltsamen, mechanischen Druck aus dem Gewebe abgetrennt ist. Die Art des Gewebes, zu dem das Partikelchen gehört, lässt sich nicht feststellen. Blutspuren weist es nicht auf. Es ist gänzlich ausgeschlossen, dass die Baumwollfaser aus irgendeinem der vorliegenden Bekleidungsstücke herstammt.
gez. Dr. Reimers, Gerichtschemiker.
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Das sind die Polizeiakten, die in der Mordsache Holm von der Stralsunder Kriminalpolizei dem Berliner Präsidium mit der Bitte um weitere Ermittlungen übersandt werden.
Kommissar Sartorius ist von einem gesunden Ehrgeiz besessen. Es hat ihn mächtig gekitzelt, selber Licht in die Mordsache zu bringen. Aber vor allem ist Kommissar Sartorius Beamter, ein Glied der gewaltigen Maschinerie, ein Mann, der weiss, dass er eben nur ein Rädchen ist und seine Persönlichkeit dem Ganzen unterzuordnen hat. So hat er sich schliesslich entschlossen, den Fall an die „Berliner“ weiterzugeben.
Kriminalkommissar Dr. Dykke von der Reserve-Mordkommission ist wahrhaftig nicht erbaut von dieser neuen Arbeit, die ihm da aufgehalst wird. Aber danach geht’s nicht. Noch am selben Abend findet im Präsidium eine Besprechung in der Mordsache Holm statt, an der auch Kommissar Sartorius, der persönlich aus Stralsund herübergekommen ist, teilnimmt.
„Wir haben — abgesehen von den aktenkundigen Ermittlungen — alles getan, um irgendeinen Anhaltspunkt zu finden“, schliesst er seinen ausführlich-sachlichen Bericht. „Insbesondere haben wir festzustellen versucht, ob sich am Montag oder den darauffolgenden Tagen irgendwelche verdächtige Personen in und um Stralsund aufgehalten haben. Die Landjägereien der Bezirke Stralsund, Greifswald und Rostock haben ihre Streifen verdoppelt. Wir haben in den Herbergen und Schlafstellen Razzien abgehalten und die Insassen auf Herz und Nieren geprüft. Ebenso haben wir natürlich feststellen lassen, wer an den fraglichen Tagen in den Gasthöfen gewohnt hat. Das Ergebnis war nicht sehr ermutigend. Nach genauer Durcharbeitung der Fremdenlisten sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass keine der darin angeführten Personen in der Mordsache Holm in Frage kommen. Auch Assessor König hat während seines Stralsunder Aufenthalts mit niemand verkehrt.“
Kriminalkommissar Dr. Dykke nickt. „Haben Sie auch festgestellt, wer am 18. und 19. Juni aus den Hotels abgereist ist?“
„Darauf haben wir natürlich besondern Wert gelegt. Beim Durchsieben der betreffenden Personen haben wir jedoch fast alle als unbescholtene Leute aus der näheren Umgebung oder als dem Hotelpersonal seit Jahren bekannte Stammgäste festgestellt. Ein gewisser von der Staatsanwaltschaft Dresden gesuchter Hermann Bank, den wir bei dieser Gelegenheit festnehmen konnten, kommt nicht in Frage, da er zur Zeit der Mordtat sich im Restaurant des Gasthofs ‚Zum König von Schweden‘ aufgehalten hat. Es bleiben schliesslich nur folgende drei Personen, die am 18. abends bzw. am 19. vormittags Stralsund verlassen haben.“
Dr. Dykke überfliegt das Blatt, das Sartorius aus seiner Ledertasche gezogen und ihm hingereicht hat.
„Eberhard Brüggemann, Ingenieur, geb. 2. 4. 1894, wohnhaft Berlin-Halensee, Georg-Wilhelm-Strasse 99.
Dr. Hans Schwarz, Syndikus, geb. 15. 8. 1893, wohnhaft Berlin W, Kurfürstenstrasse 303 — nebst Ehefrau Adele Schwarz, geb. Petter.
I. H. Bodger, Kaufmann, geb. 8. 1. 1907, wohnhaft Liverpool, England.“
„Ingenieur Brüggemann war am Rügendamm tätig“, erläutert Kommissar Sartorius. „Dr. Schwarz und seine Frau haben vier Wochen in Binz zugebracht. Mr. Bodger ist am 15. Juni in Stralsund eingetroffen und am 19. mittags wieder abgereist nach Berlin. Der Hausdiener des Hotels ‚Berliner Hof‘ hat für alle drei das Gepäck zum Zug geschafft und sich davon überzeugt, dass die Herrschaften in den Berliner Schnellzug eingestiegen sind.“
Dr. Dykke notiert sich sorgfältig die Personalien der drei Leute und gibt das Blatt zurück. „Nicht gerade viel“, brummt er missmutig. „Wird allerhand Arbeit geben.“
Kommissar Sartorius nickt bestätigend. „Da die drei Personen, deren Identität noch nicht einwandfrei festgestellt ist, sich nach Berlin begeben haben, und da ferner auch Assessor König, der zum mindesten als Zeuge bei eventuellen Ermittlungen noch in Frage kommt, ebenfalls in Berlin ist, habe ich nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft Greifswald es für nötig erachtet. Ihnen die Akten der Mordsache zuzustellen.“
„König“, sagt Dr. Dykke sinnend. „Er ist also der Letzte, der die Ermordete gesehen hat. Er ist mit ihr fortgefahren und hat sich seiner Aussage nach kaum eine halbe Stunde vor der Mordtat von ihr getrennt. Hm. Aber nach der Aussage der Eheleute Klaasen hat er sich also zur Tatzeit in deren Wohnung aufgehalten. Sie betrachten dieses Alibi als einwandfrei, lieber Herr Kollege?“
„Unbedingt. Klaasen ist ein unbescholtener, in Stralsund bekannter Landwirt, in geordneten Verhältnissen, ohne Schulden, ein Mann von durchaus biederem, ehrlichem Charakter. Den Assessor König hat er vorher nicht gekannt. Ich sehe keinen vernünftigen Grund, warum er und seine Frau König zuliebe eine so schwerwiegende falsche Aussage machen sollten.“
„Sehr richtig. Seine Aussagen und die Darstellung des Assessor König decken sich ja auch vollauf.“
„Ich habe auch in diesem Falle das möglichste getan“, fährt Kommissar Sartorius fort. „Ich bin am 21. Juni selbst noch mal im Gehöft Klaasen gewesen und habe mir die Lokalitäten angesehen. Ich habe ferner die Möglichkeit erwogen, dass König die Uhr in der Wohnstube des Klaasen falsch gestellt haben könnte, um sich ein Alibi zu verschaffen. Klaasen und seine Frau erklären aber ganz entschieden, dass König keine Sekunde allein in der Stube gewesen sei. Sie haben ihn an der Haustür empfangen und sind die ganze Zeit mit ihm zusammen in der Stube gewesen. Auch haben sie ihn wieder bis zur Haustür hinausbegleitet.“
„Also nichts zu machen“, stellt Dr. Dykke fest. „Ich werde natürlich trotzdem morgen noch mal mit Assessor König sprechen. Sie, Henneberg, stellen morgen die nötigen Ermittlungen an über Eberhard Brüggemann, Dr. Hans Schwarz und Mr. J. H. Bodger. Was nun die Geheimhaltung des Mordfalls anbelangt, so bitte ich Sie, lieber Kollege Sartorius, zu erwägen, ob sie noch in unserem Interesse liegt. Ich halte es für durchaus richtig, dass Sie bisher der Öffentlichkeit gegenüber die näheren Umstände bei der Auffindung der Graziella Holm verschwiegen haben. Ich meine aber, nach der jetzigen Sachlage können wir nichts Besseres tun, als auszupacken. Wir haben nicht die geringste Spur. Es wäre immerhin möglich, dass irgendein Unbekannter sich meldet und uns eine wichtige Wahrnehmung berichtet, wenn erst die Öffentlichkeit weiss, dass es sich um einen Mord handelt. Ich wäre daher dafür, dass eine entsprechende Mitteilung der Presse übergeben wird.“
„Sie haben recht, Herr Kollege“, sagt Kommissar Sartorius nach kurzem Nachdenken. „Wir müssen auch das versuchen.“
Darmowy fragment się skończył.