Czytaj książkę: «SOKO bizarr»


1. Auflage März 2017
Copyright © 2017 by Edition Roter Drache
Edition Roter Drache, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Buchgestaltung: Holger Kliemannel
Titelbild: Foto © by Axel Hildebrand
Lektorat: Isa Theobald
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten.
ISBN 978-3-944180-94-6
INHALTSVERZEICHNIS
Cover
Titel
Impressum
Vorwort von Isa Theobald
Trigger-Warnung
Spanner
Feuer
Pinguine
Die Patientin
Brüder
Still
Langsam
Spiel
Grüner Daumen
Atemlos
Alt
Monster
Der Autor
Weitere Bücher
LIEBER LESER,
verzeihen Sie mir die Vertraulichkeit, aber hier, am Beginn der absonderlichen Reise in die menschlichen Abgründe, die dieses Buch für Sie sein wird, wollte ich Sie mit Freundlichkeit empfangen. Mit Mitgefühl. Davon wird es im restlichen Teil des Buches nicht mehr viel für Sie geben.
Soko Bizarr entführt Sie in dreizehn Geschichten in Welten voller Blut, Tod und Feuer. Menschen, die sich gegenseitig auf die absonderlichsten Arten und aus den merkwürdigsten Gründen heraus um die Ecke bringen, Tatwaffen, bei denen jeder Polizist Kopfschmerzen bekäme, dazwischen Verstümmelungen, Kannibalismus, Brandstiftung und Gartenarbeit. Bizarr, in der Tat.
Man sollte meinen, ein Autor, in dessen Kopf es derart abgedreht zugeht, sei ein Sonderling, einer, der sich in dunklen Ecken herum treibt und der, wie der Meister des Horrors Stephen King einmal schrieb, das Herz eines Jungen hat. In einem Glas, auf seinem Schreibtisch. Weit gefehlt, lieber Leser. Der Autor dieses Buches wickelt Sie, so Sie ihm denn begegnen, charmant um den Finger, verzaubert Sie mit Freundlichkeit und verzichtet dann gnädiger weise darauf, Ihnen das Leben zu rauben. Den Schlaf, vielleicht. Wenn Sie sensibel sein sollten. Dann einfach nicht abends lesen.
Normalerweise würde ich Ihnen an dieser Stelle viel Freude wünschen, aber machen wir uns nichts vor: wenn Sie bei dieser Art von Geschichten Freude empfinden, sollten Sie vielleicht einen Therapeuten aufsuchen. Ich gebe Ihnen stattdessen lieber eine Warnung mit auf den Weg: verlieren Sie sich nicht in den Geschichten. Und achten Sie auf die Worte. Manche davon haben scharfe Kanten.
Isa Theobald
(in der inständigen Hoffnung, besagtem Autor ausreichend geschmeichelt zu haben, um im nächsten Buch weder als Psychopath noch als Opfer verwurstet zu werden)
TRIGGER—WARNUNG
Ja, es gibt eine Trigger-Warnung.
Weil man das jetzt so macht.
Machen muss.
Und für alle die nicht wissen, was das bedeuten soll: In diesem Buch werden Situationen und Sachverhalte fiktional dargestellt, die landläufig unter „kranke Scheiße“ laufen.
Weil es Menschen gibt, die sich durch irritierende, anstößige und möglicherweise traumatisierende Inhalte abgestoßen, verunsichert und in ihren Gefühlen verletzt fühlen.
Weil diese Menschen sich vermutlich denken: „Oha, da ist `bizarr` im Titel. Und ein Umriss von einer Leiche mit Riesendödel auf dem Cover. Und Blutflecken. Und Lötkolben. Und Küchengeräte. Und Hundespielzeug als Tatwaffe. Das kann ja nicht so schlimm sein. Das bringe ich meiner herzkranken Tante mit oder lege es im Kindergarten aus oder lese es in der Selbsthilfegruppe für Suizidgefährdete vor.“
Sowas kommt häufiger vor, als man denkt.
Deswegen, liebe Menschen, die ihr wisst, was eine Trigger-Warnung ist und eine solche auch für nötig haltet:
Geht weg!
An alle anderen:
Herzlich willkommen bei ein paar Geschichten, die sich im Kopf eines Mainstream-Autoren gebildet haben wie Rost am Auto oder dieses grünliche Zeug auf der Wurst.
So schlimm wird es auch gar nicht.
Aber wie gesagt: Trigger-Trigger-Trigger!
Soll mir hinterher keiner kommen und sagen: „Hey, deinetwegen habe ich mich jetzt umgebracht.„ Oder „Deinetwegen habe ich jetzt irgendwen anders umgebracht, weil es sich bei dir so lustig angehört hat.“
Nee, nee, neeeee!
Ich lehne diese Verantwortung ab.
Axel Hildebrand

SPANNER
Raimund ist zwölf Jahre alt und leidet schon lange unter entzündeten Augen. Weil da die Haare immer reinhängen. Man kann bürsten, soviel man will. Raimund ist chronisch auf Augentropfen.
Die Verdauung von Raimund ist für sein Alter eher träge. Etwas stückig. Und riecht auch nicht. Also kaum. Im Gegensatz zu anderen.
Es wäre gut, wenn Raimund sich mehr bewegen würde. Dann hätte er kein Übergewicht und der Stuhlgang wäre auch weicher.
Raimund bewegt sich aber nicht gern. Das Sofa ist sein Lieblingsplatz.
Aber irgendwas muss er doch machen, wenn Benjamin den ganzen Tag nicht da ist.
Das Vieh kann doch nicht 24 Stunden lang pennen.
Oder doch?
Seit Benjamin seine neue Wohnung bezogen hat, gibt es eigentlich genug andere Projekte. Weil das Geld für eine Grundrenovierung fehlt, wohnt er seit zwei Monaten auf einer halben Baustelle. Das Wohnzimmer ist fertig. Die Küche auch. Aber Flur, Schlafzimmer und die kleine Kammer müssen noch gemacht werden.
Für Benjamin kein Problem. Er hat keine Freundin zur Zeit und die Umzugskisten und Malerfolien stören ihn nicht.
Jedes Wochenende kommt er mit der Renovierung seines neuen Heims ein kleines Stück weiter.
Trotzdem ist dieser brennende Wunsch entfacht, zu wissen, was Raimund tagsüber so treibt.
Der Tierarzt meinte mal, dass Katzen über ein Eigenleben verfügen. Dass sie – wie Menschen auch – Macken entwickeln. Zumindest in Wohnungen. Da werden alle Viecher neurotisch, die eigentlich ein paar Quadratkilometer als Revier brauchen.
Benjamin nimmt diese Aussage als Versprechen. Sein Kater Raimund hat also Macken. Und die sind bestimmt lustig. Vielleicht kann man einen YouTube-Channel machen? Der würde dann „Raimund allein zu Haus“ heißen.
Dieser Gedanke ist Benjamin die knapp 200 Euro für die Wlan-fähige Kamera wert. Es ist eine spezielle Haustier-Cam. Mit Bewegungssensor und HD-Auflösung. Alle Aktivitäten werden sofort auf einen Server geladen und Benjamin kann sich das dann auf seinem Handy ansehen. Oder später – nach Feierabend – auf dem Computer.
Vorfreude! Und wie!
Leider sind schon die ersten Aufnahmen ernüchternd. Das Weitwinkel erfasst den Moment, wo Benjamin die Wohnung verlässt (Bewegung) und den Moment, wo er wieder heimkommt (noch eine Bewegung).
Ansonsten nix.
Die Geburt des langweiligsten YouTube-Channels ever.
Benjamin findet, dass die 200 Euro sich irgendwie auszahlen müssen und schaltet den Sensor ab. Jetzt nimmt die Kamera alle 10 Sekunden ein Bild auf. Egal, ob sich etwas bewegt oder nicht. Damit wird Raimund sich keinesfalls mehr unbeobachtet durchs Zimmer schleichen können.
Ha!
Und es funktioniert. Jeden Tag gibt es einen Zeitrafferfilm von Benjamins Wohnzimmer.
Und auf etwa fünf Bildern ist Raimund zu sehen. Wie er vom Sofa klettert. Verschwindet. Und gegen Abend zurück aufs Sofa klettert.
Yeah. Big Deal. Die 200 Euro haben sich total gelohnt.
Benjamin vermutet, dass Raimund den Tag irgendwo im unrenovierten Teil der Wohnung verbringt und nimmt es als Motivation, endlich weiterzumachen.
Diese Wände streichen sich nicht von allein.

Nachdem die Tapete im Flur – sie setzt sich bis in die kleine Kammer am Ende fort – jetzt zum dritten Mal runtergefallen ist, muss Benjamin einsehen, dass das nix wird mit dem Überstreichen. Da befinden sich so viele Schichten Tapete auf der Wand, dass schon die leichte Feuchtigkeit seiner Wandfarbe reicht, um den uralten Kleister der oberen Schicht zu lösen. Platsch.
Also Spachtel und Dampfgerät und los.
Benjamin schuftet das komplette Wochenende. Natürlich geht die Tapete ohne Farbe drauf nur in winzigen Streifen ab. Und als es endlich Sonntagabend ist, hat er gerade mal den Flur und einen Teil der Kammer geschafft. An der Rückwand der Abstellkammer geht es ganz besonders schwer. Und Benjamin gibt auf. Für dieses Mal. Er erklärt sich die erstaunliche Haftkraft durch den anderen Untergrund.
Wenn man dran klopft, klingt es nicht wie Ziegelstein, sondern wie Holz.
Gibt es oft, in Altbauten. Das stammt aus einer Zeit, wo man noch Dienstboten hatte und die Wohnungen sich über komplette Etagen erstreckten. Damals müssen die Mieten dramatisch anders gewesen sein.
Benjamin vermutet eine alte, verrammelte Tür am Ende der Kammer. Denn früher war da vermutlich keine Kammer, sondern der Flur ging einfach weiter. Zum Südflügel. Wo die Chaiselongue der Erbtante stand. Oder so.
Jetzt ist das die Nachbarwohnung.
Schön. Die Tapete muss trotzdem runter.
Aber nächstes Wochenende erst.
Die nächsten Tage vergehen mit ereignislosen Zeitrafferfilmen einer kamerascheuen Katze.
Kollegen, denen Benjamin davon erzählt hat, meinen, man sollte seine Haustiere nicht stalken. Die hätten auch ein Recht auf Privatsphäre.
Benjamin findet das lächerlich. Er will Raimund bei seinen tollen, bemackten Aktivitäten sehen. Endlich! Aber dazu bräuchte er eine zweite Kamera. Für den anderen Teil der Wohnung. Oder sogar eine dritte. Fürs Schlafzimmer.
Denn wenn er die Kamera aus dem Wohnzimmer jetzt einfach umdreht, dann wird Raimund das merken und sein Verhalten ändern. Weil Katzen so sind. Aber Benjamin fehlt ohnehin das Geld für eine flächendeckende Überwachung und so macht er lieber mit der Renovierung weiter.
Damit es schneller geht, pfuscht er. Denn die Rückwand der Kammer wird sowieso nie einer zu sehen kriegen. Also bleibt die Tapete dran und wird einfach fleckig überstrichen. Und – das bestätigt die These mit dem anderen Untergrund – hier hält auch die Tapete.
Anschließend kommt das Schlafzimmer und Benjamin fühlt sich wie einer der Helden aus der Hornbachwerbung.
Bis zu dem Tag, als er Frau Soll aus dem ersten Stock trifft. Die Rentnerin meckert ihm die Ohren voll wegen der gestiegenen Heizkosten. Sie soll jetzt 85 Euro Abschlag jeden Monat zahlen. Von ihrer lächerlichen Witwenrente. Wo sie doch nur 56 Quadratmeter hat.
56?!
Benjamin hat die Wohnung mit 54 Quadratmetern vermietet bekommen. Wo sind seine restlichen 2?
Mit einem Maßband ist die Arbeit schnell erledigt. Wohnzimmer plus Küche plus Schlafzimmer plus Flur. Ergebnis 54.
Vielleicht ist sein Grundriss anders als der von Frau Soll? Es gibt ja in Altbauten auch je nach Stockwerk unterschiedlich dicke Wände und so.
„Ja, unten dick und oben dünn.“, meint ein Kollege. Also müsste Frau Soll eher weniger Quadratmeter haben als Benjamin. Total unlogisch.
Aber eigentlich auch egal. Benjamin zahlt ja nur die Fläche, die er auch tatsächlich hat. Also lässt er es dabei bewenden.
Bis er eines Abends – eher aus genervter Langeweile und um eine gepfefferte Amazon-Rezension zu schreiben – die Filme der letzten Wochen ansieht.
Der Plot ist jedes Mal recht ähnlich: Katze schläft. Katze steht auf und geht weg, Katze kommt sechs Stunden später wieder.
Wie die STAR WARS-Filme. Nur eben mit Katze anstatt Todesstern. Irgendwie vorhersehbar.
Nur einer ist anders. Der mit dem Schatten. In einem Film gibt es – laut Zeitstempel gegen 13 Uhr – einen Schatten an der Wand. Das muss Raimund sein!
Aber was tut er da? Wo genau ist er da?
Man sieht im Bild nur den Schatten. Keine Katze. Keine Lichtquelle. Und es sind auch nur drei Einzelbilder. Scheiß Zeitraffer!
Benjamin verschiebt die Ein-Stern-Bewertung der Haustier-Cam und platzt fast vor Neugier. Er wird die Kamera umdrehen. Denn anscheinend geht die tägliche Action im Flur ab.
Benjamin versucht, die Situation zu rekonstruieren. Er schaltet das Licht im Flur an. Schon mal gut. Das muss es sein. Anders kriegt man keinen solchen Schatten an die Wohnzimmerwand.
Aber wo war Raimund? Es muss weiter oben gewesen sein. Der Schatten ist ziemlich lang und hoch.
Die Leiter?
Kann das sein, dass der phlegmatische Kater auf eine Malerleiter klettert und vorher das Licht anmacht?
Benjamin sieht endlich wieder eine Zukunft für seinen YouTube-Channel.
Am nächsten Tag geht er in der Mittagspause extra vor die Tür, um per Handy den Film abzurufen.
Flur. Dunkel. Keine Katze.
Na toll.
Aber Benjamin weiß, dass Naturforscher teilweise wochenlang vor dem Bau von irgendwelchen Nagern lauern – nur um ein gutes Bild zu machen.
Also fein. Abwarten. Cloudspeicher ist geduldig.
Nach fast zwei Wochen verliert Benjamin langsam die Lust. Denn außer ein paar kurzen Momenten, wo Raimund ins Schlafzimmer geht und in die Küche, passiert gar nichts.
Na, warte … Haustier-Cam-Hersteller! Das gibt Stunk auf Amazon.

„Alter, ruf mich nie wieder an!“
Benjamin ist verwirrt. Wieso reagiert Nicci so? Er hatte sie in einem Club kennengelernt und sie war genau sein Typ: Jede Menge Tattoos und Piercings und so Ghetto-Style, wie man nur sein kann, wenn man aus Esslingen stammt.
Und jetzt – nach nur einer Nacht – völlige Kontaktsperre.
Soooo blöd war der Sex jetzt auch wieder nicht. Also für Benjamin. Nicci hat da offenbar einen anderen Standpunkt. Aber was erwartet sie denn? Nach sechs Bier und zwei Nasen Ketamin?
Benjamin hakt die Sache ab. Bis sein Kumpel Toni bei seiner Freundin rausfliegt und für ein paar Tage bei ihm pennen muss.
Da war Toni am nächsten Morgen verschwunden. Nur ein Zettel auf dem Tisch: „Arschloch!“
Benjamin versucht ein paar Tage, die Geschichte zu klären. Aber Toni ist sowas von nicht mehr erreichbar für ihn. Geht ihm sogar auf der Straße aus dem Weg.
Was soll das?
Zuerst denkt Benjamin, dass Raimund Toni in die Schuhe gepisst hätte. Oder aufs Kopfkissen gekackt. Katzen äußern so häufig den Wunsch, dass der Besuch gehen soll.
Aber das kann’s ja wohl nicht sein. Nach fast 12 Jahren Freundschaft.
Toni verweigert aber jedes Gespräch. Und Benjamin beschließt, ihm aufzulauern. Vor der Firma.
Geduckt, hinterm Auto versteckt, kommt Benjamin sich ziemlich bescheuert vor. Ist das das Ende von Leuten, die erst ihre Katzen per Kamera bespannen? Dass sie irgendwann auf dem Parkplatz hocken und ihren besten Freunden auflauern?
„Hau ab!“
Toni reagiert gar nicht auf das Auflauern. Nur auf Benjamin.
Aber der besteht drauf. Schreit Toni an, dass er mal endlich sagen soll, was eigentlich los ist!
Toni sieht jetzt Benjamin an. Ziemlich lange. Dann schüttelt er nur den Kopf. Meint, er will da nie wieder drüber sprechen oder nachdenken. Seit damals kann er keine Nacht mehr pennen. Und das ist Benjamins Schuld.
„Was hab ich denn gemacht?!“
„Komm mir jetzt nicht so. Das war das Ekelhafteste, was ich jemals erlebt habe!“
Benjamin ist jetzt klar, dass er irgendwas gemacht hat. Aber er kann sich nicht dran erinnern. Wirklich nicht!
Ob er schlafwandelt? Als Kind soll ihm das öfter passiert sein. Sagt Benjamins Mutter. Da sei er wie ein Gespenst durchs Haus geschlichen und hätte die Geschwister erschreckt. Indem er sich einfach zu ihnen ins Bett gelegt hat.
Könnte eine Erklärung sein. Falls – nur mal angenommen – falls Benjamin sich wirklich in der Nacht schlafwandelnd zu Tom aufs Sofa gelegt hätte … unter die Decke gekuschelt … dann muss das ziemlich schwul rübergekommen sein.
Und wenn sowas wirklich passiert ist – dann hat er eine Aufnahme davon.
Denkt Benjamin.
Aber die Nachtsicht der Haustier-Cam ist ziemlich übel. Nur grünlich-schwarzes Geflimmer.
Immer wieder spult er zu dem Punkt, wo Toni fluchtartig die Wohnung verlässt. 01:23 Uhr sagt der Zeitstempel.
Und vorher niemand, der aus dem Schlafzimmer kommt.
Na, schön. Also kein Schlafwandeln.
Aber Licht.
Licht?!
Benjamin hat immer nur bis der Stelle gespult, wo Toni geht. Aber zehn Minuten später ist Licht im Flur. Nicht im ganzen Flur. Sondern in der Kammer. Ein schmaler Streifen. Und nur auf einem einzelnen Bild.
Benjamin sucht den Film, auf dem Nicci abhaut. 3:46 Uhr. Nicci rennt – erst halb angezogen – aus der Tür.
Und dann – 12 Minuten später wieder das Licht.
Für ein Bild.
Was auch immer Raimund in der Kammer getrieben hat – er kann kein Licht eingeschaltet haben. Weil da gar keine Lampe drin ist. Die liegt noch im Karton von IKEA, den Benjamin nächstes Wochenende anpacken will.

Benjamin geht durch seinen Flur. Er betritt die Kammer. Kein Licht. Wie auch?
Benjamin horcht an der Rückwand aus Holz. Stille. Was sollte man da auch hören?
Dann klopft er. Ziemlich doll. Die ehemalige Tür wackelt.
Moment mal!
Was, wenn das gar keine Verkleidung aus Brettern ist? Was wäre, wenn er neben einem Irren wohnt, der auf seiner Seite noch eine Klinke an der Tür hat? Und Licht dahinter?
Na toll. Jetzt kommt die Paranoia.
Benjamin würde es aber doch gerne genau wissen. Er verlässt die Kammer und da hört er das Klopfen. Wie eine Antwort auf sein Gehämmere von eben.
„Na warte! Du Wichser!“
Benjamin stürzt aus der Wohnung und klingelt beim Nachbarn.
Erst jetzt fällt ihm auf, dass er den noch nie gesehen hat. Schön, Benjamin ist auch den ganzen Tag nicht da. Aber wer schon „Hellmann“ heißt …
„Ja, bitte?“
Da steht eine Frau vor ihm. Ende 20. Keine Tattoos, keine Piercings, aber trotzdem wunderschön.
Benjamin entschuldigt sich erst mal – ist ja schon spät. Und dann murmelt er irgendwas von wegen Feuchtigkeit und vielleicht ein Rohrbruch und ob er mal kurz die Flurwand sehen könnte.
Kann er.
Da steht eine kleine Kommode. Auf dieser Seite gibt es keine Kammer. Nur sauber verputzte Wände.
„Alles trocken.“, meint die Nachbarin. Und sie ist froh, dass sie jetzt wieder einen netten Nachbarn hat. Weil sie ja schon seit drei Jahren hier wohnt und es toll findet. Nebenan wechselt es alle paar Monate.
„Warum eigentlich? Gibt’s da Schimmel, bei dir?“
Das würde Benjamin gerne von seiner Nachbarin wissen. Das „warum eigentlich.“ Denn dass das Problem auf keinen Fall Schimmel ist, da besteht für Benjamin kein Zweifel mehr.
Benjamin fragt noch, was da für Leute wohnten. Vorher. Und er hört, dass eine alte Frau mit ihrem Sohn da wohl fast 30 Jahre gelebt hat. Und nachdem die gestorben war, kamen und gingen ständig neue Leute. Alle eher im Alter von Benjamin.
Benjamin bedankt sich und geht.
Er würde eigentlich gerne die Einladung zum Begrüßungswein annehmen. Aber jetzt muss er erst mal schnell zur Kiste mit dem großen „W“ drauf. Da ist sein Werkzeug drin.
Benjamin angelt zwischen alten Sägen und Schraubzwingen ein Brecheisen hervor. Der klassische „Kuhfuß“. Benutzt hat er den nie. Aber sein Vater meinte damals beim Auszug, dass man sowas haben muss.
„Nimm mal mit, Junge.“
Jetzt braucht Benjamin das Ding auch. Und zwar dringend. Kein Auge würde er mehr zukriegen, solange er nicht weiß, was hinter dieser alten Tür ist.
Es knackt sehr laut. Splitter fliegen. Dann geht alles ganz einfach.
Benjamin muss nicht Tausend rostige Nägel entfernen. Nur einen kleinen Schnappriegel.
Die Scharniere der Tür sind bestens geschmiert. Quietschen nicht mal. Kein Wunder – da liegt eine Dose Sprüh-Öl, die er seit Längerem schon vermisst.
Und hinter der Tür sieht Benjamin jetzt eine Kammer. So um die 2 Quadratmeter. Auf dem Boden eine Matratze. Etwas stinkig, aber sonst sauber. Dazu Decken und Kissen. Und ein Wandregal mit Konservendosen.
Beleuchtet von einer Lampe, die Benjamin gerade angeknipst hat.
Damit wäre mal geklärt, woher der Lichtstreifen auf dem Film kam.
Ansonsten ist hier gar nichts geklärt.
Benjamin steht zitternd da und langsam sickert in seinen Verstand die Erkenntnis, dass hier jemand wohnt.
Und zwar schon seit seinem Einzug. Vielleicht schon seit Jahren.
Zwar ist der Raum kleiner als eine Gefängniszelle – aber irgendwer hat sich hier eingenistet! Wie eine Zecke im Fell von Katzen!
Hinter Benjamins Beinen erscheint jetzt Raimund. Er streicht kurz an Benjamins Hose vorbei und legt sich dann auf das Bett – also vielmehr die Matratze.
Schnurrend.
Damit wäre dann auch geklärt, was Raimund so tagsüber tut. Auch ohne Kamera.
Offen ist weiterhin: Wo geht der geheimnisvolle Katzenbetreuer eigentlich aufs Klo?
Die Antwort ist leider ziemlich zwingend: In der Wohnung natürlich.
Und weil dieser winzige Raum keine Verstecke bietet, gibt es auch nicht viele andere Möglichkeiten, wo der Mitbewohner jetzt gerade ist. Sebastian umklammert das Brecheisen und dreht sich um.
Gerade ist im Bad der Spülknopf gedrückt worden …

FEUER
„Der arme Mann brennt. Der reiche Mann brennt. Frauen brennen. Kinder brennen.
Hunde und Katzen. Alle brennen.
Feuer macht keine Unterschiede.
Feuer ist gerecht.
Wenn man also ein Feuer legt, dann hilft man eigentlich nur dem Schicksal nach.
Hey, Moment! Gerechtigkeit im Tod hat ja wohl nichts mit dem Schicksal zu tun, könnte man jetzt einwerfen.
Aber auch die Nörgler und Besserwisser brennen.
Alle gleich. Alle Asche am Ende.“
Holger sitzt am Küchentisch und schreibt. Seine Hand saust über das Papier. Der Kugelschreiber schmiert.
„Alles brennt.“
Holger hängen die Haare ins Gesicht. Er hält inne. Starrt auf das Papier. Die Seite ist voll. Holger nimmt das Blatt und legt es auf einen Stapel zu den anderen. Der Stapel ist ziemlich groß. Mindestens 300, 400 Blatt liegen da schon.
Man bekommt eine ungefähre Idee, womit Holger seine Freizeit verbringt.

Irgendwo draußen wartet Melanie auf den Bus. Der Wind pfeift und das kleine Bushäuschen ist an der einen Ecke angekokelt und in der anderen Ecke vollgekackt. Also steht sie lieber draußen im Wind.
Es wird noch – wenn sie Glück hat – etwa eine Viertelstunde dauern, bis sie im Warmen sitzen kann. Bis der Bus – der Lumpensammler – seinem Spitznamen gerecht wird und die letzten Heimkehrer einsammelt.
Und wenn Melanie Pech hat, dann ist irgendwas mit dem klapprigen Scheißding. Dann steht er im Depot. Oder wenn der Fahrer krank ist. Oder was auch immer. Der letzte Bus ist schon oft nicht gekommen. Und wenn doch, dann zu spät. Also wird Melanie noch eine Weile frieren.
Aber so ist das eben, wenn man die gute Landluft dem städtischen Feinstaub vorzieht und preiswerter wohnen will. Für Melanie ist das okay. Sie kriegt ja auch ihren Führerschein nächsten Monat wieder und dann ist die Welt auf dem platten Land wieder schön.
Bis man das nächste Mal eingeladen wird, 30km weg von zu Zuhause, und entweder nichts trinkt oder riskiert, dass man wieder einen Monat Bus fahren darf.
Melanie beschließt, weniger zu trinken.
Irgendwann beschließt sie, gar nichts mehr zu trinken. Denn ihr ist so kalt und der beschissene Bus lässt sich immer noch nicht blicken.
Und obwohl ihre Nase schon fast taub ist vor Kälte, riecht sie jetzt etwas. Etwas, das sich aus dem Pisse-Kokel-Geruch des Bushäuschens schält: Feuer!
Melanie dreht sich um und sieht – gar nicht weit weg – eine alte Scheune, aus der Rauch aufsteigt.
Na toll.
Melanie überlegt, ob sie hingehen soll.
Oder auf den Bus warten.
Menschenleben retten.
Bus.
Harte Entscheidung um die Zeit.
Dann läuft sie doch los.
Netz hat ihr Handy nicht. Aber im Haus neben der Scheune brennt Licht und da wird es ja wohl ein gutes, altmodisches Festnetztelefon geben.
Hoffentlich.
Als Melanie die Scheune erreicht, sieht man die Flammen schon hinter den Fenstern. Also eher Fensterrahmen – denn Glas gibt es hier nicht. Hat es vermutlich auch nie gegeben. Das soll auch richtig so sein, hat ihr Opa mal erzählt, weil dann der Luftzug dafür sorgt, dass das Heu nicht schimmelt über den Winter.
Melanie sieht, dass da dringend Handlungsbedarf ist und klingelt beim Haus.
Klingelt Sturm.
Dann endlich geht die Tür auf. Ein Mann – mit ein, zwei Flecken vom Essen der letzten Tage auf dem Hemd – steht vor ihr.
Ja?
Es brennt!
Wo?
In Ihrer Scheune! Los, los! Feuerwehr rufen!
Der Mann nickt und geht zurück ins Haus. Die Tür geht vor Melanies Nase zu.
Sie weiß nicht genau, was das soll. Der Typ muss ihr ja jetzt nicht einen heißen Tee anbieten oder sich auf Knien bedanken. Aber wenigstens aufwärmen wird sie sich ja wohl dürfen.
Wohl nicht. Die Tür ist zu.
Und als Melanie sich umdreht, sieht sie gerade noch ihren Bus.
Schön. Danke.
Melanie klingelt wieder.
Hier draußen ist es sehr, sehr kalt!
Keine Antwort.
Und nochmal klingeln.
Ich erfriere und das ist unfair, weil ich gerade Ihre doofe Scheune gerettet habe. Und wenn nicht die, dann das Haus. Weil die Flammen sicherlich übergreifen werden. Halllloooooooooo?!
Da geht die Tür wieder auf.
Was wollen Sie?
Mich aufwärmen!
Hier?
Ja, weil nebenan ins Feuer setzen, ist mir dann doch zu heiß.
Wer sind Sie denn überhaupt?
Melanie, die wegen Ihres Feuers den letzten Bus verpasst hat. Bitte, gern geschehen.
Und jetzt wollen Sie eine Belohnung?
Nein, ich will nur nicht erfrieren.
Der Mann mustert sie. Von oben bis unten. Aber er lässt sie immer noch nicht rein.
Sie sind ein Arschloch.
Melanie will gerade wieder gehen, da besinnt sich der Kerl.
Okay.
Und sie kann rein. Drinnen sieht es nicht gerade sauber aus. Aber auch nicht komplett eingedreckt. Eben eher so nach „Mann wohnt schon zu lange alleine“.
Aber es ist warm.
Melanie setzt sich an den Tisch.
Der Mann setzt sich auch hin und sagt nichts.
Wohnen Sie hier allein?
Ein kümmerlicher Versuch, ein Gespräch anzufangen, was zu einem heißen Getränk oder einem „Danke“ führen könnte.
Ja.
Der Mann streicht sich die langen Haare aus dem Gesicht.
Früher hatte ich eine Familie. Aber jetzt nicht mehr.
Das tut mir leid.
Warum?
Weil … weil es sich so angehört, als wäre das … naja … etwas Trauriges.
Ja, das ist sehr traurig.
Eben. Sie müssen nicht drüber sprechen. Ich will nicht …
Aber da fängt der Mann auch schon an, zu erzählen. Das hat man jetzt davon, wenn man Konversation machen will, bis die Feuerwehr da ist.
Es war vor drei Jahren. Da war Doreen … meine Frau … und Marcel … mein Sohn … da waren sie hier. Und wir waren eine glückliche Familie.
Hm. Ja. Sowas kommt vor.
Ach, wirklich? Finden Sie?
Na, ich weiß ja nicht, was passiert ist.
Wissen Sie nicht, nein?
Nein. Woher denn? Ich kenne Sie ja nicht.
Der Mann sieht sie seltsam an. Als würde er abwägen, ob Melanie die Wahrheit sagt. Und dann legt er den Kopf schief wie ein alter Hund.
Es gab ein Feuer.
Noch eins?
Ja. Die Scheune war oben ausgebaut. Da war ein Kinderzimmer drin. Man konnte vom ersten Stock aus direkt rübergehen. Ein Durchbruch. Einfach den Flur verlängert. Weil hier im Haus nicht genug Platz war.
Es hat dann da gebrannt?
Ja. Gerade als Doreen Marcel ins Bett bringen wollte. Er war fast 10.
Das tut mir echt leid.
Sollte es auch.
Wieso?
Melanie merkt, dass der Typ vermutlich einen Therapeuten braucht. Sie versucht einen Ausweg:
Was denken Sie, wann die Feuerwehr kommt?
Der Mann zuckt die Achseln. Er wirkt ganz erstaunlich unbeteiligt für jemanden, der gerade zum zweiten Mal ein Feuer neben dem Haus hat.
Doreen ist bei ihm eingeschlafen. Im Bett. Ist oft passiert. Nach so’nem langen Arbeitstag. Da ist Doreen immer sehr müde gewesen. Und weil beide geschlafen haben, haben sie auch nichts bemerkt. Das waren die Gase, hat die Feuerwehr gesagt. Die sind giftig. Man erstickt bei Feuer. Und verbrennt erst hinterher.
Das ist echt übel. Tut mir leid. Wirklich.
Da denkt keiner drüber nach. Der so’n Feuer legt. Dass da Menschen ganz schlimm umkommen.
Wie? Das war Brandstiftung?
Ja.
Haben sie den Täter gekriegt?
Nein.
Scheiße.
Ja, das ist noch zusätzlich schlimm. Wenn man weiß, dass der noch frei rumläuft.
Tut mir leid. Kann ich einen Tee kriegen oder so?
Aber der Mann reagiert nicht. Er starrt Melanie einfach weiter an.
Darf ich mir selber einen Tee machen? Der funktioniert doch, der Wasserkocher? Ja?
Der Mann starrt einfach nur. Und Melanie steht auf und füllt den Kocher.
Wissen Sie, warum ich nicht verbrannt bin?
Nein.
Weil ich auch geschlafen habe. Hier oben. Und ich bin erst geweckt worden, als es geklingelt hat. Da müssen Doreen und Marcel schon tot gewesen sein.
Ja, schrecklich. Haben Sie Teebeutel?
Der Mann zeigt nur auf eine Blechdose. Melanie sieht nach und findet Tee. Jetzt wird doch noch alles gut.
Mich hat eine junge Frau raus geklingelt. Und sie hat geschrien. Und gesagt, dass ich löschen muss.
Hm. Ja, wäre vielleicht keine schlechte Idee. Sie haben doch sicher einen Schlauch. Ich mein ja nur, damit noch was da ist, wenn die Feuerwehr kommt. Warum kommt die nicht?
Weil ich sie nicht angerufen habe.
Was?!
Ich habe das Feuer schon abgestellt.
Melanie weiß jetzt, dass sie nicht warten wird, bis das Teewasser fertig ist. Sie weiß, dass sie – wenn sie sich beeilt und den Daumen raushält – sicher jemanden findet, der sie bis zum nächsten Ort mitnimmt. Denn das hier … das ist ihr dann wirklich zu krank.
Die junge Frau hat gesagt, dass sie mir geholfen hat. Dass ich die Scheune rette. Und dass sie eine Belohnung will.
Belohnung?
Ja. Geld. Ich habe ihr fast 500 Euro gegeben. Alles, was ich im Haus hatte.
Der Mann steht auf. Er geht zur Tür. Gerade als Melanie gehen will. Er verstellt ihr den Weg.
Hinterher hat die Polizei gesagt, was wirklich passiert ist. Dass die zu zweit warten.
Wer denn?
Sie sind auch nicht alleine, oder?
Doch! Und ich gehe jetzt!
Er hat die Scheune angezündet und sie hat mich gewarnt. Das war die Masche. So haben die sich durchs Land geschlagen. Hier’n kleines Feuer und ne Belohnung. Und da. Und dann wieder woanders.
Das ist total krank.
Ja. Finde ich auch.
Ich möchte jetzt an die frische Luft.
Warten Sie noch. Ich muss ihnen noch sagen, wie ich damit umgehe.
Wie gehen Sie damit um?
Ich will Rache. Für meine Familie. Ist schon klar, dass die beiden vor drei Jahren nicht gewusst haben, dass meine Familie da oben schläft. In Scheunen schläft ja meistens keiner. Aber das war halt bei uns so.
Bitte, kann ich gehen?
Nein. Weil ich ihnen jetzt meinen Plan erkläre.
Ich will Ihren Plan nicht wissen!
Der Mann öffnet einen Schrank neben der Tür. Darin steht eine Propangasflasche, daran angeschlossen ein Kupferrohr, das in der Wand zur Scheune verschwindet.
Hier kann ich das Feuer in der Scheune anschalten. Und ausschalten. Das brennt dann wie lauter kleine Feuerzeuge. Ist ganz einfach. Nur ein Rohr mit Löchern.
Wie? Das Feuer ist nur Show? Da brennt’s gar nicht?
Nein. Jetzt nicht mehr. Ich hab den Hahn zugedreht.
Und was soll das?
Ich warte. Dass die wieder kommen.
Wer? Die Leute, die damals …? Warum sollen die wiederkommen?
Weil Verbrecher immer wiederkommen. Das weiß ich aus dem Fernsehen.
Wenn das ein Brandstifter-Pärchen war, dann kommen die doch nicht, wenn es schon brennt!
Vielleicht doch. Sie sind doch gekommen.
Ich wollte Ihnen helfen!
Hat die Frau damals auch gesagt.
Ich habe Ihr blödes, selbst gemachtes Feuer von der Straße aus gesehen.
Hat die Frau auch gesagt. Dass sie zufällig vorbeigekommen ist.
Ich habe auf den Bus gewartet! Und der ist weggefahren, weil ich Ihre Scheiß-Scheune retten wollte!
Sie wollten eine Belohnung.
Ich wollte einen Tee! Sind Sie irre?!
Ich bin nicht verrückt. Ich will Rache.
Lassen Sie mich jetzt sofort gehen!
Wo ist ihr Freund? Wartet der draußen?
Melanie zittert. Sie ist am Ende der Welt mit einem Irren eingeschlossen. Ein Irrer mit einem erstaunlichen Verständnis für Pyrotechnik. Was soll sie machen? Das Logikprogramm hat sie durch. Also hilft vielleicht bluffen.
Mein Freund ist im Auto. Der holt mich ab.
Ich hab’s doch gewusst.
Mit einem schiefen Lächeln drückt der Mann ihr jetzt einen Elektroschocker gegen den Hals. Melanie spürt, wie sich alle Muskeln ihres Körpers gleichzeitig verkrampfen und ihre Blase sich entleert.
Sie bricht zuckend zusammen. Ihr wird Schwarz vor Augen.

Die kalte Luft weckt Melanie auf. Sie ist in einem dunklen Raum. Vielleicht die Scheune?
Und ihr tut alles weh. Wenigstens hat sie die vollgepisste Hose nicht mehr an. Aber das ist auf den zweiten Blick auch kein gutes Zeichen.
Melanie ist nackt! Verdammte Kacke!
Und sie ist an ein Bettgestell aus Metall gefesselt.
Kaum haben sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt, sieht sie Holger. Sie weiß jetzt, dass der Mann Holger heißt, weil er sich vorstellt.
Ich bin Holger. Ich war der Mann von Doreen und der Vater von Marcel.
Und mit diesen Worten wirft er das Streichholz. Und jetzt weiß Melanie auch, woher der fiese Geruch kommt: Benzin!
Hitze hüllt sie ein. Die Schmerzen werden unerträglich.
Doch was fast noch schlimmer ist, ist der Lichtschein.
Sekunden bevor Melanie stirbt, erkennt sie an der Wand reihenweise Jacken und Mäntel. Und darunter Eimer mit verkohlten Knochen.
Sind es 10? Oder mehr?
Melanie begreift, dass sie nicht das erste Opfer von Holger ist – und sicher nicht das letzte sein wird.
Holger weiß das auch. Aber hinterher fühlt er sich immer ein wenig besser.
Und selbst wenn er diesmal wieder die Falsche erwischt hat – eines Tages lockt er mit seiner Falle die richtigen Täter an. Da ist Holger sich ganz sicher.
So sicher, wie das Feuer Gerechtigkeit schafft …

PINGUINE
Auf Pinguine würde Alex nie schießen.
Auf keinen Fall!
Die sind niedlich. Sehr sogar, findet Alex. Und da macht er gerne eine Ausnahme. Wobei es eigentlich Quatsch ist, meint Alex. Pinguine wären zwar die perfekten Ziele. Langsam und watschelig und irre leicht zu treffen. Aber wann und wie sollte sich denn ein Pinguin auf sein Grundstück verirren? Mitten in der Pampa von Hessen? Dort, wo die Karten von TOM-TOM seit gefühlten 25 Jahren nicht aktualisiert wurden. Weil … warum? Was soll sich hier ändern? Hier werden keine neuen Straßen gebaut. Auch Vorfahrt oder Tempolimit ändern sich nicht. 100km/h auf der Landstraße und immer geradeaus. So findet man Alex auch. Wenn man will. Einfach der Landstraße folgen. Bis zum Tor. Aber reingehen sollte man lieber nicht. Sonst passiert das, was mit Frederik und Harald passiert ist.
Alex hatte mal im Internet etwas gelesen über solche Leute. „Moderne Schatzsucher“ nennen sie sich. Und sie haben kein Holzbein und keine Augenklappe und sie orientieren sich auch nicht nach einer Karte, wo irgendwo ein großes, schwarzes Kreuz eingezeichnet ist.
Sie haben GPS.
Und Funktionsjacken.
All das weiß Alex nur so am Rande. Es hat ihn nie interessiert. Bis zu dem Tag, wo er in seiner kleinen, gemütlichen Küche saß und sich gerade einen frischen Tee aufgegossen hatte. „Sanfter Ausklang“ stand auf dem Beutel und ein lächelndes Bärchen war abgebildet. Die Mischung soll beruhigen und entspannen. Das kann bei Alex nie schaden. Denn Alex ist ein Choleriker. So wie sein Vater. Bei dem haben auch immer alle gesagt, dass ihn eines Tages noch der Schlag treffen wird, wenn er sich immer so schnell aufregt. Wenn er diesen roten Kopf bekommen hat und die Adern seitlich am Hals dick wie Regenwürmer wurden.
„Du hast hohen Blutdruck! Das bringt dich noch um!“
Es war dann aber doch eine Bandsäge. Aber das ist eine Geschichte, über die Alex nicht gerne spricht. Weil es ihn daran erinnert, dass er diese unschöne Eigenschaft – oder sollte man Charakterzug sagen? – von seinem Vater geerbt hat. Sonst wäre die Sache mit der Bandsäge wohl auch gar nicht erst passiert. Aber Schwamm drüber.
Alex will nicht davon sprechen und wem sollte er es auch erzählen?
Er lebt hier alleine. Schon ziemlich lange. Seit Monika damals gegangen ist, kann er sich nicht mehr durchringen, es nochmal zu versuchen. Zweisamkeit abgehakt. Macht unterm Strich mehr Ärger als es einem bringt.
„Hau doch ab, du Schlampe!“, hatte Alex damals noch – es war wieder ein Wutanfall – auf ihre Sachen geschrieben. Mit einem roten Edding.
„Hau doch ab, du Schlampe!“ auf jedes Kleid.
Auf jeden Pullover und jeden Schlüpfer.
Falls sie doch nochmal zurückkommt und ihr Zeug holen will.
Das hat Monika nie gemacht. Wahrscheinlich auch nie vorgehabt. Aber Alex wollte sichergehen: „Falls sie kommt … dann wird sie schon sehen.“
Wie gesagt: Sie kam nie mehr.
Alex hatte also seinen Tee mit dem niedlichen Bärchenbild geschlürft, als er die beiden Gestalten sah. In ihren knallgelben Funktions-Arschteuer-Atmungsaktiv-Jacken.
So im Nachhinein hätte ihm das schon einen Hinweis geben können.
Gelb. Knallgelb.
Welche Einbrecher ziehen sich schon so an? Und kommen tagsüber quer über den Rasen gelaufen?
Das ist wohl schon ungewöhnlich. Aber woher sollte Alex das wissen? Es waren – verdammt nochmal – seine ersten Einbrecher. Also mutmaßlichen Einbrecher.
Er war jedenfalls total aufgeregt. Und erschrocken. Nicht unbedingt in der Reihenfolge.
Alex stand am Fenster, hinter den Vorhängen, und spähte hinaus. Die beiden gelben Hansel staksten über seine Beete. Achteten darauf, dass nichts kaputt ging von dem Salat. Oder wollten sie nur keine Fußabdrücke hinterlassen?
Alex traute denen alles zu.
Auch, dass sie ihn umbringen wollten.
Nicht nur beklauen.
Auch abschlachten.
Wär ja einfach. Wer sollte denn hier seine Schreie hören? Der nächste Nachbar war über drei Kilometer weit weg. Und schwerhörig. Falls den nicht auch schon jemand abgeschlachtet hatte. Oder er an Altersschwäche gestorben war. Alex hatte seinen Nachbarn jedenfalls schon über ein Jahr nicht mehr gesehen.
Alex wusste in diesem Augenblick, dass es eine Frage von „die oder ich„“ war. Sowas weiß man einfach. Da muss es keine Anhaltspunkte geben oder dieses ganze Zeug, nach dem einen die Polizei oder der Richter später fragen würde.
Scheiß auf Beweggründe!
Alex wollte leben! Und zwar nicht, weil es besonders toll war. Sein Leben. Eher im Gegenteil. Aber das Leben – so dachte Alex sich später beim Bierchen – das Leben ist kostbar. Man hat nur eins. Vermutlich.
Scheiß auf Reinkarnation!
Harald und Frederick waren inzwischen hinten auf der Wiese. Irgendwann war das mal Monikas Kräutergarten gewesen. Aber jetzt nur noch kniehoher Dschungel.
Die Schatzsucher liefen herum. Starrten auf ihre kleinen GPS-Geräte und packten dann eine Schaufel aus.
Aha!
Falls Alex vorher noch irgendwelche Bedenken gehabt hatte – jetzt nicht mehr. Spätestens jetzt nicht mehr.
Schaufeln sind für viele Dinge gut. Fürs Grabschaufeln. Fürs Köpferunterhacken, wie bei den Zombieserien und sie sind in den richtigen Händen Waffen. Ziemlich gute Waffen. Mit den scharfen Kanten am Rand. Okay. Jetzt nicht so gute Waffen wie Alex‘ Armbrust. Aber ganz okay im Nahkampf.
Scheiß auf Nahkampf.
Harald merkte erst, das Frederik tot war, als er ihn was fragen wollte. Und in dem Moment, als er den Bolzen im Auge seines Freundes stecken sah, da erwischte es auch ihn. Alex musste kichern. Wenn es stimmte, dass sich die letzten Bilder vor dem Tod irgendwie auf der Netzhaut einbrennen, dann würde man bei Frederik und Harald nur noch etwas Kleines, Rundes, Spitzes erkennen, das sich mit über 100km/h näherte.
Alex kicherte weiter. Das war vermutlich das Adrenalin, das einen durchspült, wenn man gerade dem Tod von der Schippe gehüpft ist.
„Schippe. Hi, hi, hi.“
Alex konnte gar nicht mehr aufhören, zu kichern.

Später – es muss locker eine Woche später gewesen sein – da las Alex dann eine ganze Menge im Internet. Über „Geocaching“ und die sogenannten Schätze, die man da so sucht, anschaut und wieder verbuddelt. Über die nutzlosen Sachen, die da drin sind, in diesen kleinen Keksdosen. Und über die Freude, die so ein Hobby in der freien Natur einem machen kann.
Mal abgesehen von Harald und Frederick.
Alex ist jetzt nicht der Typ, der Fehler zugibt. Also nicht gerne. Und wenn – dann macht es ihn wütend. Da hilft auch der Tee mit den knuddeligen Bärchen nichts mehr.
Also hat Alex beschlossen, dass Frederik und Harald keine Fehler waren. Wenn hier überhaupt einer einen Fehler gemacht hat, dann ja wohl die beiden Idioten in ihren verschissenen, gelben Jacken. Schließlich ist das hier ein Privatgrundstück!
Und in Amerika hätte Alex hier sogar Tretminen legen können. Um sich zu schützen. Und er hätte einen ganzen Schrank voller schwerer Feuerwaffen.
Das wär was! Amerika!
Ist aber leider Hessen. In Deutschland.
Also muss die Armbrust reichen.
Trotzdem fragte sich Alex eine ganze Weile, wie zum Teufel die beiden Deppen ausgerechnet bei ihm auf der Wiese gelandet waren?
Er grub an der Stelle, wo die beiden zuerst gestanden, dann später gelegen hatten und jetzt auch verscharrt sind.
Alex musste dazu die beiden Kadaver sogar extra nochmal rausholen. Um genau nachzusehen, wo denn nun der dämliche „Schatz“ versteckt ist. Wär ja zu und zu bekloppt, wenn da nun jede Woche irgendwelche Penner kämen und auf seinem privaten schönen Land rumlaufen wollten.
Aber da war kein Schatz.
Wie sich später herausstellte, war es vielmehr ein Tippfehler in der Datenbank im Internet. Ja, es gab wirklich eine Datenbank. Und die Koordinaten von Alex‘ Grund und Boden waren offensichtlich aus Versehen da reingeraten.
Ein Skandal!
Fand zumindest Alex. Und sicherlich wäre das sehr einfach zu lösen gewesen – eine Mail an die Website und auf den Fehler aufmerksam machen. Fertig.
Aber Alex scheute die Registrierung. Er mag es nicht, wenn man ihm dann Werbung schickt. Und schon gar nicht mag er die Idee, dass irgendwelche verblödeten Nerds dann wussten, wo er wohnt, wie er heißt und vielleicht auch noch welche Pornos er sich ansieht.
Alex ergreift eine andere – mindestens so wirkungsvolle Maßnahme: Er kauft sich eine neue, bessere Armbrust. Zur Sicherheit.
Eine mit patentiertem Kreuz-Recurve-Rollen-System. Da wird die Sehne an vier Stellen gleichzeitig gestrafft. Das erhöht Schlagkraft und Präzision.
„Das ist im Vergleich, als ob Sie einen Apfel mit einem Skalpell schneiden oder ihn an die Wand werfen.“, hat der der Verkäufer gesagt. Alex hat das nie so ganz verstanden. Aber er hat das Ding gekauft. Weil’s das Teuerste und Beste im Laden war. Man gönnt sich ja sonst nix. Und teuer muss gut sein. Ein Leitfaden, mit dem Alex immer gut gefahren ist bisher. Auch beim Wein. Da hat er keine Ahnung von – aber wenn man die teuerste Pulle nimmt, stimmt es schon.
Warum soll das nicht auch bei Waffen funktionieren?

Die Nachmittage sind lang. Wenn man eine neue Armbrust hat. Wenn nichts passiert. Wenn man am Fenster hockt und den kleinen Schwärmen von Fliegen zuschaut, die über dem Gras tanzen. Wenn längst nicht genug Krähen vorbeikommen, um in der Übung für bewegliche Ziele zu bleiben. Wenn das Teewasser dauernd kalt wird.
Alex fühlt sich jetzt zwar sicher. Aber Sicherheit ist manchmal auch sehr, sehr öde.
Einmal kam einer von diesen affigen Familienvans vorbei. Diese „Platz für 27 Kinder, drei Bollerwagen und die Oma“-Dinger aus der Werbung. Wo die Monitore fürs Kinderberuhigungsprogramm gleich fest in die Kopfstützen eingebaut sind. Und natürlich hybrid. Man liebt ja die Umwelt.
Echte Umweltliebe wäre es, weniger hässliche Kinder zu produzieren, meint Alex. Aber ihn fragt ja keiner.
Und eigentlich wollen die Leute nur nach dem Weg fragen. Weil ihnen ihr Navi abgekackt war – vermutlich, weil die doofen Sprösslinge die Batterie mit ihren Disneyfilmen leergenuckelt hatten.
Alex hat keine Wegbeschreibung für die Leute. Aber eine ganze Menge Bolzen. Stahlspitze mit Carbon-Korpus. Die hat er er gleich im 100er-Karton gekauft und muss die dann später nicht mühsam aus den Leichen herauspopeln. Wenn die erst einmal fest im Knochen stecken … das braucht man wirklich nicht.
Nicht bei der Hitze.

Die Einsamkeit ist nie schlimm gewesen. Alex ist einer von denen, die immer nur doof aus der Wäsche gucken. Wenn jemand so Sachen fragt, wie „Hast du wirklich nie woanders gelebt? Nie in der Stadt? Immer auf dem Dorf?“
Alex grinst dann nur. Und sagt „Warum sollte ich?“
Einsamkeit ist ja eigentlich nur Zeit mit einem zu verbringen, den man liebt. Und Alex ist mit sich glücklich. Er braucht nichts weiter. Andere Leute schon mal gar nicht.
Die ganzen Jahre war das so. Nur er. Sein Elternhaus. Und die Natur drum herum. Das pure Glück.
Na, schön … vielleicht gepaart mit ein wenig Paranoia hier und da. Aber im Großen und Ganzen: Glück.
Leider merkt Alex, dass das jetzt vorbei ist. Jetzt, wo er weiß, wie prickelnd und aufregend Besucher sein können. Jetzt vermisst er sie plötzlich.
Mit bloßem Rumsitzen und Warten lässt sich an dem Zustand nicht viel ändern. Aber vielleicht durch das Internet …
Alex überwindet seine Abscheu vor der Welt da draußen. Vor den anonymen Regierungsbehörden und Spinnern, die einen da digital belästigen könnten, und meldet sich an. Auf der Geocaching-Seite mit dem Tippfehler.
Alex schreibt noch ein, zwei Kommentare über „den tollen, geheimnisvollen Schatz“ auf seinem Acker. Und trägt noch drei, vier weitere Caches ein. Alle verstreut auf seinem Grundstück – und alle wunderbar von der Küche aus zu beobachten.
Urplötzlich ist das kleine Flecken Nirgendwo im Hessischen Outback eine Art Disneyland für Schatzsucher in Funktionsjacken. Theoretisch.
Praktisch wartet hier Alex mit seiner Armbrust.
Und die Ernte ist reich.
Im Laufe der nächsten zwei Monate kommen viele. Sieben Männer. Drei Frauen. Zwei Hunde und ein Kind.
Alles Volltreffer. Direkt zwischen die Augen. Bei dem ersten Hund musste Alex kurz seine moralischen Maßstäbe prüfen: Sind Tiere nicht grundsätzlich unschuldig? Versaut es einem das Karma? Darf man sowas?
Alex kam zu dem Schluss: „Ja, darf man. Was betreten die auch Privatgelände?“
Und so drückte Alex ab. Er schießt auf jeden.
Nur nicht auf Pinguine. Da bleibt Alex sich treu.

Nach einer Weile kommen aber leider keine neuen Eindringlinge mehr.
Alex fühlt, wie er nervös wird. Wie die Unruhe auch vom Bärchen-Tee nicht mehr zu bändigen ist. Ein Jäger ist nur ein Jäger, wenn er auch jagt.
Aber die Scheiß-Beute bleibt weg.
Die Erklärung ist dann ziemlich einfach. Als Alex sich mal wieder in die Geocaching-Seite einloggt, sind alle Daten seines Grundstücks gelöscht.
Laut Administrator-Kommentar, weil keine Feedbacks gekommen sind. Weil es sich offenbar um Karteileichen handelt oder um Einträge eines Trolls.
Wieder was gelernt über die seltsame Welt der Hobby-Schatzsucher. Wenn es da keine Bewertungen gibt, ist man raus. Schlimmer als bei Amazon.
Alex ist ratlos. Und weiter unzufrieden. Es fing gerade an, Spaß zu machen. Und jetzt? Dass man aufhören soll, wenn es am Schönsten ist … das hat sich ein Vollidiot ausgedacht.
Alex überlegt schon, dass er vielleicht unter einem anderen Usernamen neue Schätze posten sollte, als er das gelobte Land entdeckt. Und es ist keine 40km entfernt. Drei Caches! Auf einem Acker!
Alex steigt in seinen Wagen – packt genug Munition ein, Tarnkleidung und eine Thermoskanne Tee.
Und sein kleiner Ausflug wird belohnt! Alex liegt erst seit zwei Stunden hinter einer Hecke, als der Erste auftaucht. Diesmal in Rot. Bodo in einer knallroten Jacke.
Alex visiert ihn an. Und seine Hände zittern zum ersten Mal. Vor Freude.
Warum hat er das nicht gleich so gemacht? Warum ist er überhaupt das Risiko eingegangen, eine Fährte zu seinem eigenen Grund und Boden zu legen? Wie hoch das Risiko ist, hat er erst begriffen, als er diese beiden Streifenpolizisten verbuddeln musste. Natürlich werden manche Schatzsucher auch von ihrer Schatzsucherfamilie als vermisst gemeldet! Natürlich werden die gesucht – von irgendwem.
Und natürlich ist es viel, viel einfacher die echten Schätze zu benutzen, die andere Deppen eingegraben haben. Wie die Krokodile die Wasserstellen. Kein Krokodil hat schließlich jemals selbst einen Teich gebuddelt.
Alex blickt wieder durchs sein Visier. Da ist immer noch Bodo mit der roten Funktionsjacke. Starrt auf sein GPS und freut sich.
Alex entdeckt, dass Bodo ziemlich fett ist. Und auf den zweiten Blick erkennt Alex, dass das gar keine Wampe ist, die man da sieht – das ist ein Tragetuch! So‘n Hippie-Öko-Fair-Trade-Baumwolle-Dingsbums. Sowas womit linkswählende Bildungsbürger ihren Nachwuchs durch die Gegend schleppen. Um die Hände frei zu haben. Fürs Schatzsuchen.
Alex wägt kurz ab: Erst den Vater, dann den Säugling? Oder umgekehrt? Was wäre spannender? Alex vermutet, dass das Baby aus der Entfernung sauschlecht zu treffen ist – wenn der Vater erst mal am Boden liegt.
Also den Wurm zuerst.
Alex‘ Finger krümmt sich am Abzug. Er stößt nochmal kurz vom Bärchen-Tee auf und dann kontrolliert er seine Atmung.

Genau so geht der perfekte Schuss! Wenn die Beute nicht einmal mehr begreift, was passiert ist. So als würde man im Zimmer das Licht ohne Vorwarnung ausschalten.
Zack und dunkel.
Kaum Blut. Aber reichlich Fleisch.
Darmowy fragment się skończył.