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DAS MODEL UND DER WALFLÜSTERER

AVA LENNART

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Einem Seemann

„Ein Kuss ist eine Sache, für die man beide Hände braucht.“
Mark Twain
GISCHT

ALEXANDER
Die Tussi nervt, seit wir das Dock verlassen haben. Fetzen ihrer Stimme, trockene Zahlen ins Handy rufend, übertönen das Brummen des Bootsmotors. Ich reiße mich zusammen und greife räuspernd nach dem Mikrofon. Tief ertönt meine Ansage durch die Lautsprecher an Deck:
„Herzlich Willkommen an Bord, liebe Gäste. Ich hoffe, alle fühlen sich wohl auf unserer Sightlady. Anderenfalls kommen Sie bitte zu mir. Die Fahrt wird insgesamt etwa drei Stunden dauern. Aber ich verspreche Ihnen, dass es kurzweilig wird. Soeben haben wir die Mündung des Fraser Rivers verlassen und halten uns Richtung Vancouver Island. Mit etwas Glück stoßen wir bei den Gulf Islands auf die ersten Wale. Wenn Sie jetzt nach rechts schauen, haben Sie einen eindrucksvollen Blick auf Vancouver.“
Während ich das Mikrofon wieder in die Aufhängung stecke, registriere ich zufrieden, wie sich sämtliche Köpfe der Gäste, die sich in gelben Ganzkörperoveralls am Bug des Bootes sammeln, nach rechts drehen und meiner Empfehlung folgen. Ich sauge den Seewind in die Nase und genieße die beruhigende Wirkung, die der Ozean jedes Mal auf mich hat. Ich habe geahnt, dass ich hier draußen abschalten kann.
„Das interessiert nicht, Margot, 2012 waren es 40%. Wir reden heute über verdammte 70%. Tendenz steigend. Es wird Zeit, diese selbstgefälligen Machos wachzurütteln.“
Ich verziehe den Mund. Ist klar, dass die Tussi nicht zugehört hat. Wie kann man nur an Zahlen denken, wenn Vancouver Island in der Sonne blitzt? Hält sich wohl für megawichtig mit ihren Prozenten. Die denkt, weil sie Deutsch spricht, versteht sie keiner.
Warum um alles in der Welt bucht jemand wie sie eine Whale-Watching Tour? Und dann in diesem Aufzug, vielmehr Anzug? Typ steife deutsche Geschäftsfrau. Verstohlen schiele ich zu ihr hinüber. Den gelben wasserdichten Overall hält sie ungenutzt in der perfekt manikürten Hand. Nicht schick genug? Ich schätze die Frau auf Anfang Dreißig. Eigentlich sieht sie gar nicht übel aus. Das heißt, wenn ich solche stylischen Tussis auch nur ansatzweise beachten würde. Dann hätte ich zugegeben, dass ihr Hintern in dem grauen Bleistiftrock, der sich in meine Richtung streckt, während sie versucht, sich an die Reling zu lehnen, passabel zur Geltung kommt. Ich verdrehe die Augen, als die Frau ihre zum Rock passenden Pumps auf das weiße Gestänge abstellt. Ich kann ihr gleich sagen, dass sie mit den glatten Sohlen abrutscht. So grinse ich und krame in der Schublade neben dem Steuerrad nach einer Kaugummipackung. Das Bild von wohlgeformten Waden noch auf meiner Netzhaut.
„Nein, 16 Dollar pro Meter ist nicht akzeptabel. Die vergessen die Zollgebühren. Sag ihnen das, Margot. Wir sind schließlich potenzielle Großabnehmer.“ Ich versuche gleichmütig zu bleiben. Vielleicht war es doch nicht die beste Entscheidung, ausgerechnet heute aufs Meer zu fahren. Ich wische die unliebsame Erinnerung fort und konzentriere mich auf die übrigen Gäste an Bord, die ich von meiner erhöhten Position aus im Blick habe. Eine Teenagerin steht in gerader Linie vor mir und wirft Brotstücke in einen Möwenschwarm, der das Boot mit ungeduldigem Gekreische umlagert. Der gelbe Overall ist ihr zu groß, an den Beinen und Ärmeln umgekrempelt. Ein hochgewachsener, etwa fünfzigjähriger Herr mit chinesischen Gesichtszügen steht neben dem Mädchen und beobachtet ihr Treiben. Der Typ erinnert mich an den Schauspieler aus Hongkong. Wie heißt der gleich? Was mit drei Silben. Der Chinese hat auf jeden Fall dieselbe attraktive Ausstrahlung. Ich bin einen Moment lang fasziniert, wie der Mann in sich zu ruhen scheint. Seine Mundwinkel sind unmerklich nach oben gezogen, was ihm einen wissenden Gesichtsausdruck gibt. Einschüchternd. Unweigerlich versuche ich mich an einer Kopie dieser Mimik. Dann gebe ich es auf. Meine Laune ist heute zu mies um zu lächeln.
Es ist eine blöde Idee gewesen, die Tour zu fahren. Eine saublöde. Das hätte Bobby oder einer der Studenten übernehmen können.
„Bis zur Schau im Juli muss es stehen. Sag ihm am besten, alle warten nur auf ihn. Und das stimmt ja auch. Zur Not drohe ihm mit Schadenersatz. Die Uhr tickt, Margot. Apropos, ich muss jetzt auflegen.“
Ich blinzle vor Wut und unterdrücke ein genervtes Stöhnen. Diese Margot kann einem echt leidtun. Was für ein bescheuerter Name überhaupt. Schadenersatz! Wie verabscheue ich solche Leute, die auf Geld aus sind! Ich blicke jetzt unverhohlen zu der Frau. Sie soll mitbekommen, wie sehr sie nervt.
In diesem Augenblick streicht sie eine aus dem streng hochgesteckten Haar gelöste Strähne hinter das Ohr. Mein Herz macht bei dieser unschuldigen Geste einen Satz und ich verschlucke fast meinen Kaugummi. Einen Moment fesselt ihr herzförmiges Gesicht meinen Blick. Ich verharre auf ihren vollen Lippen, die sie nachdenklich knetet. In diesem Moment wirkt sie verletzlich. Wie ein Mädchen. Die zaghafte Geste passt überhaupt nicht zu ihrem wichtigtuerischen Gehabe. Unwillkürlich entfährt mir ein Keuchen. Der Fahrtwind hat die widerspenstige Strähne wieder gelöst und das Spiel geht von vorne los. Ich erwache aus meiner Starre, schüttle über mich den Kopf und blicke zum Bug.
Wie gut, dass sie mir so was von egal ist.
Ein anderes Walbeobachtungsboot nähert sich. Ich grinse und kann es mir nicht verkneifen, die lautstarke Bootshupe gleich mehrfach zu betätigen. Mit Genugtuung registriere ich, wie die Frau erschrocken zusammenfährt und zucke zur Erklärung mit den Schultern. Schließlich ist diese Begrüßung unter den Walbooten üblich. Die Gäste johlen und winken begeistert. Soll sie woanders telefonieren.
„Nein, ich bin auf einem Boot, Margot. Ich habe dir doch von dem chinesischen Investor erzählt. Heute ist er da, und ich sollte endlich aufhören zu telefonieren. Zum Glück habe ich meine Wunderwaffe Valérie dabei. … Ja, genau. Sie hat ihn ganz gut im Griff. War ja auch nicht anders zu erwarten. Zurück zum Thema. Fakt ist, ich brauche die Ware so schnell wie möglich. Kriegst du das hin? Ansonsten frage ich Ingrid.“ Sie holt Luft, bemerkt in diesem Moment meinen Blick und runzelt irritiert die Stirn. Ich stelle mich ihrer vorwurfsvollen Miene mit einem aufgesetzten Lächeln. Sie verengt die Augen und wendet sich jäh ab. Margot spurt nach ihrer Ansage wohl nicht wie gewünscht.
Als ihr Blick meinen gekreuzt hat, bin ich kurz aus dem Konzept gebracht. Unbewusst verstärke ich den Griff um das Steuerrad und ärgere mich über mich. Mist, die soll sich nicht einbilden, ich begaffe sie aus Interesse. Ich reiße mich zusammen und richte den Fokus wieder auf das Wasser. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Frau den lästigen Overall über das Geländer hängen.
Geschähe ihr recht, wenn sie patschnass würde, grolle ich innerlich. Warum kann sie nicht wie die anderen Passagiere entspannt und spritzgeschützt an der Reling stehen, das strahlende Wetter und die Skyline von Vancouver genießen? Das Garn des Seemannspullis juckt am Hals. Gedankenverloren reibe ich über die Stelle bevor ich bemerke, dass das Nachziehen des Keilriemens vor der heutigen Fahrt Spuren hinterlassen hat. Ich starre auf meine ölverschmierten Hände und runzle die Stirn. Vor Beginn meiner Schicht im Lokal darf ich nicht vergessen, die dunklen Ölränder unter den Fingernägeln mit Waschpaste zu schrubben. Die Zeit wird knapp sein.
„Nein, die Schnittmuster sind Gold wert. Schick sie bitte nicht unverschlüsselt. Egal, was dir Karl rät.“
Zum wiederholten Mal frage ich mich, was diese Frau überhaupt auf der Sightlady tut, wenn sie kein Interesse an dem Trip hat? Ich spüre, wie sich die kleine Falte zwischen meinen Augenbrauen zu einer Zornesfurche vertieft, während ich das Boot geschickt durch die Wasserstraße lenke. Warum nur reagiere ich so stark auf sie? Oder auf diese bescheuerten Namen? Margot, Ingrid, Karl ... fehlt nur noch Walter beziehungsweise Gertrud! Jetzt schmunzle ich fast wieder. Wenn ich ehrlich bin, bietet sie mir eine hervorragende Zielscheibe für meine schlechte Laune. Tief atme ich ein und aus und hoffe, die salzige Seeluft wird mich runterbringen. Das hilft immer. Eine Weile lausche ich dem gleichförmigen Tuckern des Motors. Der Keilriemen scheint zu halten. Eigentlich alles in Ordnung. Ich nehme mir fest vor, die Frau von jetzt an zu ignorieren. Schließlich hat sie bezahlt und es ist ihr Bier, ob sie telefoniert oder Spaß hat.
„Na, Adonis, weshalb so schlecht gelaunt?“ Ich verdrehe die Augen, und wende mich meinem Freund Neil zu, der mit verschränkten Armen und grinsend im Türrahmen der Fahrerkabine lehnt. Zugegeben sieht Neil selbst in dem unförmigen Overall attraktiv aus. Ich erkenne neidlos an, dass Neils rotblonde Locken durch das knallige Gelborange des Anzugs interessant wirken, anstatt sich mit dem Farbton zu beißen. Bevor ich es im Griff habe, huscht mein Blick zu der Frau, die Neils breiten Rücken mustert, während sie telefoniert. Ist klar. Frauen wie sie fahren auf Neil ab. Er hat diese Ausstrahlung. Die Aura eines erfolgreichen Anwalts. Selbst wenn er keinen Anzug sondern Ölzeug trägt. Meine Stimmung rutscht unerklärlicherweise tiefer in den Keller. Mir fällt ein, dass ich Neil eine Antwort schulde und reibe mir übers stoppelige Kinn.
„Ich bin müde. Es war viel los im Heidelberg gestern Abend“, versuche ich, mir und Neil meine Laune zu erklären. Sollte ich von Neil erwarten, zu wissen, weshalb ich an diesem Jahrestag so schräg drauf bin? Immerhin ist der Rotschopf mein bester Freund. Wenn ich darüber nachdenke: warum sollte er? Wenn wir zusammen abhängen, meistens bei Surftrips, sprechen wir nie über die Geschehnisse von damals. Ich bezweifle, dass der lebensfrohe Neil versteht, weshalb mir die Sache noch Jahre später nachhängt. Er hält mich wahrscheinlich für eine Dramaqueen. Schließlich kann ich mich selbst in diesem Zustand kaum ertragen. Verdammt, was für eine Pussy ich heute bin!
„Wie lange willst du diese Jobs durchhalten? Die ganze Nacht im Restaurant deiner Eltern kellnern. Heute auch noch die Mittagsschicht. Dazu die Kurse und die anstrengende Bootstour. Du musst deinen Eltern endlich klarmachen, die Waltouren haben jetzt für dich Priorität. Denk auch an Bobby. Sie ist deine Geschäftspartnerin.“
Ich seufze und starre auf das glitzernde Wasser vor mir.
„Ja, du hast recht. Ich werde ein wenig mehr Luft haben in nächster Zeit. In der Uni sind nur noch die Sommerkurse. Meine Eltern sagen schon längst, ich soll mich auf meine eigenen Projekte konzentrieren.“
„Reicht es nicht, wenn du ihnen Geld gibst? Du verdienst doch ganz ordentlich.“ Ich schüttele den Kopf. „Es geht nicht um Geld, Neil. Es geht vielmehr um Verantwortung. Ich möchte für die Familie da sein. Ihnen zeigen, dass ich sie tatkräftig unterstütze. Du weißt, dass ich es ihnen schuldig bin.“
Neil blickt mich fragend an.
„Die Geschichte mit Luigi Branca. Du erinnerst dich? Heute ist es genau fünf Jahre her.“
Sein Gesicht erstarrt.
„Ist Laura tatsächlich schon fünf Jahre ... tot?“
Ich nicke nur.
„Jetzt verstehe ich, warum du mich ausgerechnet heute zu der Tour eingeladen hast.“ Sein Ton klingt ernst und er mustert mich eindringlich. Shit, er hat doch nicht etwa Mitleid? Das ist das Letzte, was ich brauche.
„Ehrlich gesagt wurde es langsam Zeit, dass du mal mitfährst. Außerdem musstest du auch mal raus aus deiner Kanzlei. Gib es zu.“ Ich grinse Neil schief an und bin erleichtert, als er leise lacht.
Wir hängen beide eine Weile unseren Gedanken nach. Bei der Erinnerung daran, was dieser Scheißkerl mir und meiner Familie damals angetan hat, kocht Wut meine Kehle hoch. Brennend heiß. Auch nach Jahren kein bisschen abgekühlt.
Werde ich jemals damit abschließen können?
Als ich meinen grimmigen Blick wieder zu Neil hebe, hat dieser sich von mir abgewandt. Er mustert die Frau im Anzug, die mittlerweile mit dem Rücken zu uns steht und leckt sich kurz über die Lippen. Ich stöhne innerlich, als mir aufgeht, was los ist. Sein Ausdruck gleicht dem einer Katze, die Beute im Gras entdeckt hat. Dass meinem Freund kein Sabber aus dem Mund tritt, ist erstaunlich. Ich blicke zur Frau. Sie telefoniert immer noch. Nicht ahnend, dass ihr wohlgeformtes Hinterteil die volle Show bietet. Ich versuche, mich in meinen Freund hineinzuversetzen. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, erfüllt diese Anzugtussi genau Neils Beuteschema. Er steht auf erfolgreiche und vermutlich dominante Frauen, die übellaunig sind. Wie hat er noch versucht, mir das zu erklären? „Das ist keine schlechte Laune, das ist Autorität. Nette Weiber sind langweilig.“ So ein Unsinn! Die Sanften mit Rehblick sind mir auf jeden Fall sympathischer. Frauen wie Bobby. Oder Laura damals. Schnell verdränge ich die Erinnerung. Dennoch: aus einem unerfindlichen Grund stört es mich, dass Neil die nervige Passagierin entdeckt hat und so offensichtlich abcheckt. Das ist schließlich mein Boot und ich habe Neil für heute eingeladen. ‚Anmachen der Kunden verboten!’, braut sich gerade als Satz in meinem Kopf zusammen, als ein Rufen vom Bug mich aus den Gedanken reißt. Einer der Gäste zeigt aufgeregt nach Backbord. Mist, jetzt habe ich wegen der Tussi und Neil glatt den Job vergessen. Mein Blick scannt die gezeigte Richtung und ich konzentriere mich auf die Wasseroberfläche.
Da! Ein helles Aufblitzen! Das Fernglas hebend, drossle ich den Motor. Das sind doch ...?! Ich traue meinen Augen kaum. Mein Herz begreift vor dem Verstand, um welche Walart es sich handelt und klopft freudig. Wie jedes Mal, wenn ich die Fluken der Tiere entdecke. Sofort ist meine trübe Stimmung weggeblasen. Aufgeregt greife ich zum Mikrofon.
„Danke für die Mithilfe. Wir haben Glück. Das sind Grauwale, die sich äußerst selten in die Bucht begeben. Normalerweise sind sie nur auf der Pazifikseite von Vancouver Island aus zu sehen. Ich bringe uns vorsichtig heran.“ Über Funk gebe ich Bobby, die in der Station im Hafen die Stellung hält, aufgedreht die genauen Koordinaten der Sichtung durch. Kaum habe ich aufgelegt, weht wieder die Stimme der Frau zu mir herüber.
„Bist du dir sicher? Überprüf die Zahlen noch einmal. Verdammt, warum dauert das so lange?“ Meine euphorische Stimmung kühlt schlagartig ab. Wie kann sie ausgerechnet jetzt telefonieren? Bekommt diese Frau nichts vom Leben mit? Da sind Wale. Grauwale!
Na warte, der zeige ich’s.
„Aaaachtunnng!“
Grimmig reiße ich das Steuer herum. Das Boot bäumt sich kurz auf. Die Passagiere kreischen und suchen lachend Halt am Geländer. Wie von mir geplant, schwappt eine ordentliche Welle die Längsseite des Bootes entlang. Das deutsche Fluchen zu meiner Linken wird deftiger. Zufrieden sehe ich aus dem Augenwinkel, dass mein Zielobjekt sich mit letzter Mühe an der Reling festkrallt. Ihre Hand, in der vorher noch das Handy gelegen hat, ist leer. Wie ein begossener Pudel steht sie da und versucht zu verarbeiten, was mit ihr geschehen ist. Neil eilt ihr bereits zur Seite. Der Mann verschwendet keine Zeit und nutzt die Gelegenheit. Sie weist die Hilfe schroff ab und entdeckt ihr Handy in einer Spalte zwischen Kajüte und Deck. Ich finde es urkomisch, wie sie vor der Ritze auf alle Viere niedergeht und vor sich hinfluchend vergeblich versucht, ihr Telefon herauszunesteln. Merkt sie denn nicht, dass sie dabei Neil die ganze Zeit ihren Hintern entgegenstreckt? Unsere Blicke treffen sich und ich quittierte finster die von Neil verhalten angedeutete obszöne Geste, obwohl ich das gar nicht vorgehabt habe. Neil stutzt. Mir entfährt ein unkontrolliertes Schnauben, das sofort erstirbt, als die Frau jäh den Kopf hebt und mich kampflustig mustert. Ein Blick, der dem verletzlichen Wesen von eben nicht im Entferntesten ähnlich ist. Um meine Verblüffung zu unterdrücken, presse ich die Kiefer zusammen,
Die ist sauer. Soviel steht fest.
Rasch konzentriere ich mich wieder auf das Steuer und versuche mich an einem Pokerface. Die Frau baut sich in der Kajütentür auf. Vermeintlich gelangweilt wende ich ihr den Kopf zu. Ihre rechte Körperhälfte ist patschnass. Volltreffer.
Himmel, merkt die denn nicht, dass sie mit den verschränkten Armen ihre Brüste hochpusht, die sich, in zarte Spitze verpackt, unter der feuchten Seidenbluse abzeichnen? Ich habe Mühe, ihr in die Augen zu blicken.
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, frage ich sie auf Englisch. Ein Meister der Beherrschung.
Statt einer Antwort neigt sie ihre wütende Grimasse so nah in meine Komfortzone, dass ich vage die braunen Einsprengsel in ihren grünen Augen wahrnehme. Solche Einschlüsse habe ich ebenfalls in meiner blauen Iris. „Wutpünktchen“ hat meine Mutter diese in der Kindheit immer genannt. Das passt ja jetzt. Ihr Mund ist zu einer Linie zusammengepresst. Versteht wohl keinen Spaß, die Dame. Ich schluckte trocken, wende den Blick von ihrer Iris ab und fixiere einen Wassertropfen, der ihr zartes Kinn hinabtanzt. Faszinierend, wie dieser zickzack einen Weg über ihre Haut bahnt, sich eine Sekunde im unsichtbaren Flaum verfängt und zu Boden flieht. Der hat es gut. Moment mal! Bin ich etwa neidisch auf einen Wassertropfen? Als ich ihr wieder in die unfassbar grünen Augen schaue, wird mir heiß. Ich widerstehe dem Drang, mich zu räuspern. Ärgerlich! Die humorlose Tussi soll bloß nicht denken, ich fühle mich schuldig. Schäme mich womöglich.
Nun ja, vielleicht bin ich mit der Aktion ein wenig zu weit gegangen.
So nah nehme ich wahr, wie sich ihre Nasenflügel blähen, als wittere sie mich. Bilde ich mir das ein, oder wechselt ihr zorniger Blick für den Bruchteil einer Sekunde zu Erstaunen? Mein Herz hämmert plötzlich. Trotz der salzigen Meeresluft und dem aufdringlichen Dieselgeruch des Motors nehme ich einen blumigen, sehr fraulichen Duft an ihr wahr. Die Härchen an meinem Unterarm stellen sich spürbar auf. Es scheint nur mich und sie zu geben. Die restliche Welt ist ausgeblendet.
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“ Neils sexy Bass-Stimme, die er im Flirtmodus auflegt, dringt von weit her zu mir durch und beendet den Moment. Benommen blinzle ich und komme wieder zur Besinnung.
Sie hat diesen Augenblick anscheinend nicht so intim empfunden. Die Frau ignoriert Neils charmantes Angebot und blafft mich auf Englisch an, ohne den jetzt eiskalten Blick von mir zu wenden: „Das war Absicht. Ich verlange Entschädigung. Ohne dieses Telefon kann ich nicht arbeiten. Wenn Sie mir nicht schnellstmöglich ein Neues besorgen, kommt Sie das teuer zu stehen.“ Ich bin schlagfertig, aber gerade bleibt mir jedes Wort im Halse stecken. Hat die sie noch alle? Wieder diese Sache mit dem Schadenersatz. Ist klar. Ich liefere mir mit der aufgebrachten Lady ein filmreifes Blickduell. Es gelingt mir, eine Eiseskälte in die Stimme zu legen, die mich angesichts meiner unterdrückten Wut selbst verblüfft.
„Sie befinden sich auf See. Bei dem unberechenbaren Wellengang obliegt es Ihrer eigenen Verantwortung, wenn Sie Wertgegenstände mitführen. Wie ich sehe, haben Sie nicht einmal das Minimum an Verhaltensregeln eingehalten und den Schutzanzug übergezogen. Soll ich für den nassen Anzug etwa ebenfalls verantwortlich sein?“ Ihre Augen sind empörte Schlitze.
„Sie brauchen nicht so scheinheilig zu tun. Sie haben mich schon die ganze Zeit wütend angeglotzt.“
„Ich, Sie anglotzen? Wovon träumen Sie nachts, Lady?“ Sie lacht verächtlich und lässt den Blick demonstrativ über meinen Overall schweifen, wobei sie den Kopf leicht schüttelt. Eine blöde Kuh! Kleider machen Leute, wie? Meine Kehle wird vor Zorn eng. Es hilft wenig, dass ich am Rande meines Gesichtsfeldes mitbekomme, wie Neil die Szene belustigt begafft.
„Ganz bestimmt nicht von Ihnen“, murmelt sie auf Deutsch. Die Wut ballt in meinem Hals einen Kloß, den ich mit Mühe unten halte. Die kommt mir gerade heute recht. Selbst wenn sie nicht weiß, dass ich Deutsch verstehe. Ich raffe den letzten Rest an Beherrschung zusammen. Die ersten Schaulustigen nähern sich vom Bug her.
„Lassen Sie mich jetzt bitte meine Arbeit machen. Es ist Ihnen entgangen, aber wir haben Grauwale gesichtet. Es gibt Gäste auf dem Boot, die das mehr interessiert, als ein eingeklemmtes Handy. An Land können wir gerne in Ruhe schauen, wie sich Ihr Telefon bergen lässt.“ Ich wende den Blick nach vorn und bin erstaunt, wie dicht wir bereits an den Walen sind. Mist, so nah wollte ich ihnen gar nicht auf die Pelle rücken. Das tun die touristischen Walbeobachtungsboote. Wohingegen meine Tour für Respekt vor den Tieren und ökologische Nachhaltigkeit steht. Daran ist diese arrogante Tussi schuld. Ärgerlich schnalze ich mit der Zunge und drossle den Motor.
In der unvermittelt einsetzenden Stille höre ich umso deutlicher, was sie auf Deutsch zischt, während sie sich mit einer abfälligen Handbewegung von mir abwendet. „Hinterwäldler!“
Der Druck in meiner Kehle explodiert endlich. Ich kann mich nicht länger zurückhalten. Selbst schuld, Baby!
„Arrogante Tussi!“, knurre ich lautstark, ebenfalls auf Deutsch, und gleich hinterher: “Zimtzicke!“, so wütend bin ich. Die Frau zuckt zusammen. Ich registriere zufrieden, wie sie nervös über ihr Haar fährt. Mit triumphierendem Grinsen greife ich nach dem Fernglas und verlasse die Kabine. Soll sie in ihrem eigenen Saft schmoren. Mein Blick fällt auf Neil, der verwirrt die Augen zusammenkneift und schlagartig bin ich nüchtern. Was ist los mit mir? Meine heutige Stimmung darf nicht das Geschäft schädigen. Ich werde mich um die Wale kümmern und es gut sein lassen. Neil wird sich schon der Frau annehmen. Ich zucke die Schultern und will mich gerade Richtung Bug aufmachen, als der Mann mit chinesischen Gesichtszügen und das etwa vierzehnjährige hübsche Mädchen, genau die beiden, die ich vorhin beobachtet habe, neben die Anzugtussi treten. Die blonde Jugendliche hält mir grinsend die Hand hin.
„Hallo, ich bin Valérie. Ich spreche auch Deutsch und die arrogante Tussi da ist meine Mutter Elle.“
FLUKEN

ELLE
Dieser Kerl hat sie doch nicht mehr alle! Arrogant? Zimtzicke? Ich? Okay, ich hätte daran denken können, dass er meinen Titel für ihn nicht so prickelnd gefunden hat. Kann ja keiner ahnen, dass er Deutsch versteht. Bei ihm passt die Bezeichnung Hinterwäldler schließlich. Man muss ihn nur anschauen in seinen ölverschmierten Klamotten. Aber wenn jemand auf der Welt keine arrogante Zicke ist, dann ich. Ich kenne mich mit arroganten Zicken bestens aus. Schließlich arbeite ich in der Modebranche. Da sind sogar die meisten Männer arrogante Zicken. Dagegen bin ich eher der Typ besonnene Pragmatikerin.
Oh, ich hyperventiliere fast, so wütend bin ich. Warum bringt der Typ mich so auf die Palme? Er kann mir doch egal sein. Es muss am Stress liegen. Tief inhaliere ich die Seeluft. Ein und aus. Und noch mal. Meine Mutter behauptet immer, das hilft. Tatsächlich beruhige ich mich ein wenig. Der Walboottyp kommt in mein Blickfeld. Verstohlen mustere ich den unverschämten Kerl, dem ich soeben näher gekommen bin, als ich wollte.
Ich gebe zu, er riecht gut. Eine Mischung aus Mann und frisch gemähtem Gras, was ich in der Meeresluft in Kombi mit dem unförmigen Hafenarbeiteroutfit erstaunlich finde. In diesem Seemannspulli und der Jacke hat er im ersten Moment an den Stripper erinnert, der eine prickelnde Show auf dem Junggesellenabschied meiner Schwester hingelegt hatte. Kurz verliere ich mich in Gedanken an dessen definierte Bauchmuskeln und kreisende Hüften, die die Mädels damals zum Kreischen gebracht hatten. Ob der Typ hier auch einen stählernen Körper hat? Wenn er nach Gras duftet, scheint alles möglich. Ich wische mir über die Stirn, um die albernen Gedanken fortzuscheuchen. Wie komme ich jetzt auf Sex? Der Mangel an Sinnlichkeit in meinem Leben fordert offenbar seinen Tribut. In letzter Zeit ertappe ich mich bei pikanten Tagträumen. Ich besinne mich auf die Gegenwart. Denn, dass der Mann vielleicht sexy ist, ändert nichts daran, dass er Schuld hat, wenn ich die nächsten Stunden nicht erreichbar bin. Ich wage kaum daran zu denken, dass das Handy größeren Schaden genommen haben könnte. Nicht auszudenken, was während meiner Funkstille passieren könnte. Schließlich ist in drei Wochen die große Show und es brennt an allen Ecken und Enden. Alle, die in den letzten Wochen so hart gearbeitet haben, verlassen sich auf mich.
Was Margot denken mag? Hoffentlich hat sie ihren Auftrag so weit verstanden, die verzögerte Lieferung Stoff auf jeden Fall bis Ende der Woche nach Kanada zu beordern. Mist. Ich hätte die treue Margot nicht anfahren dürfen. Sie ist eine verlässliche Hilfe und meine Kontaktperson zu den deutschen Großhändlern. Manchmal wird mir alles zu viel. Hoffentlich bringt der Tag mit Mister Chang den ersehnten Durchbruch. Ich hätte nicht so lange telefonieren sollen. Wie gut, dass Valérie ihn mit ihrem Charme vom ersten Augenblick an eingewickelt hat und mir so etwas Luft verschafft hat. Vor aufwallendem Stress presse ich die Hände so fest um die Reling, dass die Fingerknöchel weiß hervortreten. Es tut gut, die leichte Panik, die sich in mir ausbreitet, in glühende Wut auf diesen, diesen ... Walboottypen zu kanalisieren. Mit brennenden Augen bekomme ich mit, wie meine Tochter sich dem Typen auch noch freundlich vorstellt. Das hat man davon, wenn man seine Kinder zur Höflichkeit erzieht. Tja, Wunderwaffen haben leider auch Nebenwirkungen. Mister Chang, Valérie und der Walboottyp haben ihre Begrüßung beendet und alle drei wenden sich mir zu. Ich stutze. Die erwarten nicht etwa, dass ich mich jetzt ebenfalls diesem Typen höflich vorstelle? Kommt nicht infrage! Handymörder. Stinkender Handymörder, füge ich bissig hinzu. Okay, nach Gras. Aber trotzdem. Die Hand schüttele ich ihm auf keinen Fall. Man muss ja nur die Trauerränder unter seinen Fingernägeln anschauen, dann ist alles klar. Solche Typen rotzen bei jeder Gelegenheit auf den Boden. Eklig! Außerdem ist er dafür verantwortlich, dass ich in meinen nassen Klamotten friere, wie ich im Augenblick feststelle. Was, wenn ich ausgerechnet in dieser Stresszeit krank werde? Daran ist er schuld! Mein Unbehagen muss sich auf meinem Gesicht gespiegelt haben. Sonst würde dieser freche Typ nicht so grinsen. Bemerkt dieser unsensible Holzklotz nicht, wie stinkwütend ich auf ihn bin? Wie heißt er überhaupt? Das habe ich in meiner Gedankenflut gar nicht mitbekommen. Mein Blick bleibt an zwei Grübchen hängen, die sich links und rechts seiner schwungvollen Lippen bilden. Unter anderen Umständen finde ich Grübchen anziehend. Aber bei so einem? Nö! Sein Lächeln erstirbt schlagartig. Im selben Moment legt mir jemand behutsam von hinten eine Decke über die Schultern. Mehr den Lumpen einer Decke, aber die wohlige Wärme, die mich sogleich umhüllt, brauche ich dringend. Sehr aufmerksam. Ich wende mich zu dem unbekannten Wohltäter um.
„Elle, lange nicht gesehen. Was hast du so gemacht?“
Überrascht blicke ich in ein jungenhaftes, aber verflucht attraktives Männergesicht, das von feurigen Locken umrahmt ist. In der hintersten Ecke meiner Erinnerung ertönt ein leises „Ping“ des Erkennens.
„O´Ryan? Neil O´Ryan?“
„Wow, du erinnerst dich. Dann muss ich damals einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen haben, obwohl es nur eine Nacht war.“ Vielsagend spielt Neil mit seinen roten Brauen. Ein ungläubiges Schnauben ertönt. Der Walboottyp wendet sich ab und begibt sich an den Bug zu den anderen Fahrgästen. Was hat der denn? Wenn es nicht so abwegig wäre, könnte man glauben, er sei eifersüchtig. Das Schnauben wiederholt sich, kommt diesmal von hinter mir. Als ich den Kopf wende, ragt keine zwanzig Meter von mir entfernt ein riesiger Walkörper aus den Fluten, bevor er nach einem eleganten Winker mit der Fluke geschmeidig unter der Wasseroberfläche verschwindet.
„Mama, hast du das gesehen? So nah waren wir noch nie dran.“ Valérie blickt begeistert zwischen mir, Mister Chang und der Stelle, wo der Wal untergetaucht ist, hin und her. Nachdem ich beim Anblick des behäbigen Meeresriesen ehrfürchtig erstarrt bin, fange ich mich.
„Ja, Valérie. Aber so schön es ist, diese Tiere aus der Nähe zu betrachten, sollte man Abstand zu ihnen halten, um ihren Lebensraum zu respektieren.“
Ein Schnauben ertönt seitlich von mir. In freudiger Erwartung, noch eines dieser seltenen Walexemplare zu sehen, ruckt mein Kopf in Richtung des Geräuschs. Mein Lächeln erstarrt, als ich stattdessen auf die grimmig zusammengekniffenen Augen des Walboottypen treffe.
„Dreimal dürfen Sie raten, meine Teuerste, wer dafür verantwortlich ist, dass wir den Mindestabstand nicht einhalten. Wenn Sie mich mit Ihrem verdammten Handy nicht kirre gemacht hätten, wäre das nicht passiert.“ Er schluckt weitere Worte runter, wie ich fasziniert an der starken Auf- und Abbewegung seines ausgeprägten Adamsapfels erkenne. Gerade setze ich zu einer Erwiderung an, als ich dem interessierten Blick von Mister Chang begegne. Herrgott, was mache ich? Ich darf mir vor diesem stets besonnenen Mann nicht die Blöße geben und von dem Hafenarbeiter provozieren lassen. Mister Changs Ausgeglichenheit ist völlig unnatürlich, wenn man mich fragt. Vielleicht wächst auf seiner Teeplantage noch etwas anderes…. Aber er ist schließlich der Investor und mein Job ist es, ihm den Tag seines Lebens zu verschaffen.
Wenn mir das gelingt, unterstützt er mich hoffentlich und investiert in die Kollektion. So ist das mit meiner Freundin und Assistentin Jill abgemacht. Die Walbeobachtungstour habe ich für einen perfekten Einstieg gehalten, um Mister Chang das Lebensgefühl von Vancouver nahezubringen. Aber im Moment läuft stimmungsmäßig alles aus dem Ruder. Wenn diese maritime Metapher mal nicht hierhin passt!? Unfassbar, was einem so im Bruchteil von Sekunden durch den Kopf stürmt. Das muss an der salzigen Luft liegen.
Kurz sammle ich mich. Höflichkeit ist schließlich die beste Methode, einem Feind den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ha, schon wieder! Vielleicht sollte ich statt Mode zu designen lieber ein Heftchen mit maritimen Redewendungen veröffentlichen?
„Es tut mir leid, wenn Sie sich durch mich haben ablenken lassen. Ich freue mich, wenn wir an Land versuchen, das Telefon, das ich dringend für meine Arbeit benötige, zu bergen.“ Ich schenke ihm ein strahlendes Lächeln kombiniert mit einem subtilen Augenaufschlag, der bislang noch jeden Mann in die Knie gezwungen hat. Auch wenn es bei diesem Exemplar Mann nur als „Perlen vor die Säue werfen“ zu bezeichnen ist. Offenbar wälzt er meinen Satz hin- und her und sucht nach einer versteckten Beleidigung. Zufrieden wende ich mich meinem Kavalier zur Rechten zu.
„Selbstverständlich erinnere ich mich an dich, Neil. Das war eine wilde Zeit während der Secondary High.“ Ein Blick auf meine Tochter zeigt mir, dass diese von einem auftauchenden Wal abgelenkt ist. Dennoch senke ich beim nächsten Satz die Stimme zu einem sinnlichen Säuseln.
„Besonders die Strandbude an den Spanish Banks.“ Neil errötet bis an die Haarspitzen, als er meine Anspielung versteht. Ich sehe ihm an, dass er sich daran erinnert. An den Moment, den er nach einem vielversprechendem Kuss an der dunklen Hüttenwand gewählt hatte, um das letzte, schlechte Bier von sich zu geben. Nur ein beherzter Sprung zur Seite hatte mich vor Schlimmerem bewahrt. Anschließend war er in ein Koma gefallen. Ich war abgetörnt und habe ihn den Rest der Schulzeit, die für mich nach jenem Sommer ohnehin vorbei war, ignoriert. Zwischen uns war außer dem Kuss wegen seiner ekligen, unreifen Aktion also nichts gelaufen. Im Nachhinein war ich erleichtert darüber. Hatte ich doch kurz darauf herausgefunden, dass er alle Frauen angrub, die nicht bei drei auf den Bäumen waren.
„Du bist vor Ende jenes Sommers weggezogen, Elle!“ Es klingt wie ein persönlicher Vorwurf.
„Ja, ich bin nach Europa gegangen. Ein Jobangebot in Paris.“ Klingt das arrogant? Neils Mund formt ein erstauntes „Oh. Paris!“.
Ein weiteres Schnauben ertönt. Wal oder Walboottyp? Was für ein spannendes Spiel. Aha, kein Wal. Der Hinterwäldler kneift die Augen zusammen und heftet den Blick auf Neil, der sich fängt.
„Was nicht ist, kann ja noch werden, Prinzessin.“ Sein Mund verzieht sich zu einem selbstgefälligen Grinsen.
Träum weiter, Neil!
Diesmal ist es an mir, zu schnauben.
LEHRSTUNDE

ELLE
Die Fahrt zurück verläuft friedlich. Das Boot passiert noch einige Walgruppen, hauptsächlich Orcas. Meines Handys beraubt, bleibt mir nichts anderes übrig, als mit Valérie und Mister Chang an der Reling zu stehen. Endlich habe ich Augen für die wunderschöne Landschaft und die Tiere in ihrem angestammten Lebensraum. Schnell erreiche ich den gleichen Level an Begeisterung wie Valérie und Mister Chang. Der grässlich unförmige Schutzanzug, in den ich mich doch noch gezwängt habe, hält den kalten Fahrtwind ab. Auch wenn Neils übertriebene Fürsorge langsam nervt, beginne ich, mich zu entspannen. Ich muss zugeben, die Zwangspause ist nötig gewesen. Seit Wochen lebe ich auf einer Adrenalinwelle für die Show meines Modelabels und kann die Tage, die den langen Nächten folgen, nur mit stetigem Koffeinnachschub überstehen. Aber ich habe mir fest vorgenommen, nach der Show wieder mehr Zeit mit meiner Tochter zu verbringen. Dabei verdränge ich den Gedanken, dass „nach der Kollektion“ gleichzeitig „vor der Kollektion“ ist.
Der Walboottyp scheint seine schlechte Laune abgelegt zu haben, seit ich den Overall übergestreift habe. Ich muss zugeben, dass er seinen Job gut macht. Er versorgt die Passagiere mit interessanten Fakten zum Verhalten der Meeressäuger und weist mehrfach auf ein Walforschungsprogramm der University of British Columbia, der UBC, hin. Und er hat eine angenehme Stimme, die selbst der kratzige Lautsprecher nicht verschandeln kann.
„Wussten Sie, dass Schwertwalkühe über 100 Jahre werden können, während die Bullen im Durchschnitt nur 30 durchhalten?“
Mir war nicht bewusst, dass es sich bei der Tour um keine Touristenattraktion handelt, sondern eher um eine Studienfahrt. Jill hat die Fahrt gebucht. Telefonierend bin ich hinter Valérie und Mister Chang aufs Boot gestolpert und habe, wie so oft, nichts anderes wahrgenommen. Außer, dass Mister Chang nicht der ältliche Chinese ist, den ich erwartet habe. Er hat mich mit der intensiven Musterung meines Äußeren aus dem Konzept gebracht. Man sieht dem Mann Wohlstand und Macht an. Unweigerlich habe ich einen Harem an Geishas vor Augen gehabt, in dessen Mitte sich Mister Chang halbnackt räkelt. Das Blut ist mir in die Wangen geschossen und fast habe ich über meine wirren Gedankenspiele hysterisch gekichert. Dann siegte meine Vernunft, schließlich gibt es in China keine Geishas. So kann das nicht weitergehen! Ich benötige dringend Urlaub ... oder einen Mann? Nein, Urlaub. Definitiv.
Tief Luft holend genieße ich die zarten Spritzer der Gischt in meinem Gesicht. Die Sonne schickt warme Frühsommerstrahlen durch die grauen Wolken und die Küstenlinie von Vancouver Island erstrahlt in sattem Grün. Wie schön das aussieht.
„Die Bullen erkennt man übrigens an der größeren, dreieckigen Finne. Ausgewachsene Bullen vertilgen etwa 150 Robben im Jahr. Kein Wunder, dass sie bei der Völlerei früh sterben.“ Die humorvolle Lehrstunde scheint bei Valérie gut anzukommen, denn sie quittiert jede Information mit einem aufmerksamen Nicken. Hochinteressant. Vielleicht wird es mir gelingen, die Französisch-Vokabeln künftig beim Abfragen auch irgendwie in Witze zu verpacken, überlege ich gerade, als mir bewusst wird, dass wir uns wieder Steveston Harbour, dem Anfang und Ende der Tour, nähern. Der Walboottyp lenkt das Boot geschickt in den Hafen. Valérie ist begeistert, als er sie bittet, die Schiffstaue einer Frau, die am Dock offenbar auf das Boot gewartet hat, zuzuwerfen. Die Frau ist nicht besonders groß und hat eindeutig südamerikanische Wurzeln. Zumindest erinnert sie mich an diese Schauspielerin mit der Wahnsinnsfigur und den rehbraunen Augen. Wie heißt die noch gleich? Ah ja: Salma Hayek. Das muss die Geliebte, die Frau oder was auch immer dieses Walboottypen sein. Dem Leuchten auf ihrem Gesicht nach zu urteilen, wenn sie den Mann ansieht. Eine solch rassige Frau habe ich diesem Hafenarbeiter gar nicht zugetraut. Dieser ist jedoch ganz auf den Einparkvorgang konzentriert und reagiert nicht auf ihr Lächeln. Typisch Mann. Als der Motor mit einem letzten Dröhnen erstirbt, schälen sich die Passagiere aus ihren Overalls und verlassen nach und nach das Boot, nicht ohne sich vorher überschwänglich bei dem Bootstypen für die lehrreiche Tour zu bedanken. Auch Valérie, Neil und Mister Chang gehen von Bord und schütteln ihm die Hände.
„Hast du noch Zeit vor deiner Schicht, Alexander?“, fragt die rassige Südländerin den Bootstypen. Endlich habe ich einen Namen für ihn. Alexander also. Passt irgendwie.
„Nicht viel. Ich komme sofort, bring nur schnell das Boot ins Bett.“ Er zwinkert der Schönheit kurz zu und ihr Gesicht überzieht sich mit zarter Röte. Unwillkürlich schmunzle ich. So schön kann Liebe sein. Alexander wendet sich um und runzelt die Stirn, als er mich entdeckt.
„Kann ich noch etwas für Sie tun?“ Ich traue meinen Ohren kaum. Hat der sie noch alle?
„Könnte es sein, dass Sie etwas vergessen haben?“ Es gelingt mir gerade noch, die Schärfe aus meiner Stimme zu nehmen. Er kneift nachdenklich die Augen zusammen, bis ihm anscheinend wieder einfällt, dass er noch mein Handy aus seinem Boot pulen muss. Ich überlege, ob ich Beifall klatschen soll.
Mit einem undefinierbaren Grunzen dreht er sich zu der Frau im Hafen.
„Geh vor, Bobby. Ich hab hier noch etwas zu erledigen.“
Mit langen Schritten kehrt er zur Fahrerkabine zurück. Dabei murmelt er verhalten vor sich hin. Ich ignoriere seine Flüche und folge ihm. Ohne das Motorengeräusch klackern meine High Heels über das Deck. Alexander kniet sich neben die Ritze, in der das Handy liegt. Von hinten beuge ich mich über seine Schulter.
„Sie brauchen ein Werkzeug. Mit den Fingern geht es nicht, das habe ich ja bereits versucht.“ Er holt Luft und ich könnte schwören, er verdreht die Augen. Er schafft es aber, sich mit ausdruckslosem Gesicht zu mir umzudrehen. Hut ab! Mein Blick heftet sich auf seinen fein geschwungenen Mund. Wie fürs Küssen gemacht. Schnell verdränge ich diesen unpassenden Gedanken.
„Wissen Sie was, Lady, Sie gehen am besten von Bord, trinken einen Kaffee und lassen mich das in Ruhe machen.“ Unwillig verziehe ich das Gesicht. Es fällt mir schwer, die Kontrolle zum zweiten Mal an diesem Tag abzugeben. Aber er hat wohl recht. Ich neige zum Klugscheißertum, was Jill oft genug in Rage bringt.
„Okay.“ Er wirkt verblüfft, dass ich mich so widerstandslos seinem Vorschlag füge. Sein Gesicht erhellt sich und er zeigt auf ein Lokal in unmittelbarer Nähe, dessen umlaufende Holzveranda Richtung Hafen zeigt. Seinem Blick folgend, stelle ich fest, dass seine ölverschmierten Finger kräftig, aber schmalgliedrig sind.
„Sehen Sie das Restaurant dort? „The Heidelberg“ gehört meinen Eltern. Gehen Sie doch mit Ihrer Tochter und Ihrem ... Mann dorthin und trinken Sie etwas auf meine Kosten. Sobald ich Ihr Handy geborgen habe, bringe ich es Ihnen.“ Wenn er nicht wütend ist, kann er sogar recht einnehmend sein. Meine Mundwinkel zucken unwillkürlich, als er Mister Chang für meinen Mann hält. Aber ich korrigiere ihn nicht. Wozu auch?
„Also gut. Aber bitte beeilen Sie sich. Ich brauche es schnellstmöglich zurück.“ Ich lächle ihn an und sehe an seiner Miene, dass er über mein Entgegenkommen erstaunt ist. Meine Güte, er muss mich wirklich als Superzicke wahrgenommen haben, wenn er bei diesem dünnen Lächeln erfreut ist. Nachdenklich kaue ich an meiner Unterlippe und betrachte ein letztes Mal das eingeklemmte Telefon. Als ich den Blick hebe, schaut er ertappt weg und fährt sich durchs Haar. Er hat dickes, windzerzaustes, nussbraunes Haar, in das die Sonne einzelne helle Reflexe geblichen hat. Hat er mich etwa beobachtet, wie ich an der Lippe nage? Dieser Typ ist mit dem notorischen Schwerenöter Neil O`Ryan befreundet. Das färbt sicher ab. Er soll gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen. Außerdem hat er eine Freundin. Oder Frau? Ich kann mir nicht verkneifen, rasch nach einem Ring an seinen Händen zu suchen. So weit ist es mit mir gekommen, dass mich ein Hinterwäldler reizt. Reiß dich zusammen!
„Sollte es kaputt sein, erwarte ich umgehend Ersatz.“ Ein letztes Mal schaue ich ihn streng an und stöckle dann vom Boot. Mein Abgang ist wegen der hohen Absätze auf der schwankenden Bootsbrücke nicht so souverän, wie von mir beabsichtigt. Aber an seinem fast vertrauten Schnauben, das mich verfolgt, erahne ich, dass mein Plan aufgegangen ist, ihn in die Schranken zu weisen.
THE HEIDELBERG

ELLE
Valérie und Mister Chang stehen neben der Bootsbrücke und unterhalten sich angeregt über Wale. Offensichtlich hat den beiden die Tour gefallen. Innerlich danke ich Jill für die gute Idee. Mister Chang soll sich in Vancouver wohl fühlen. Mit neuer Energie streiche ich den Bleistiftrock glatt.
„Mister Chang, ich hoffe, der Ausflug hat Ihnen gefallen. Darf ich Sie bitten, sich kurz zu gedulden? Wir können hier in dem Restaurant einen Kaffee trinken, bis der Bootsmann mein Handy befreit hat.“ Ich zeige in die Richtung des Restaurants und laufe bereits los. Festen Boden unter den Füßen, habe ich zur alten Form zurück gefunden.
„Oh, gute Idee! Wo Kaffee ist, ist meistens auch Tee!“, ruft Mister Chang fröhlich und folgt mir. Ich könnte mich ohrfeigen! Verflixt, ich habe völlig vergessen, dass Mister Chang Teetrinker ist. Schließlich gehören ihm riesige Teeplantagen in China. Ich sollte mich konzentrieren. Auch meine Tochter setzt sich in Bewegung. „Wo Tee ist, ist meistens auch Cola“, grinst Valérie mich an. Naseweis. Woher hat sie das? Ein rascher Blick auf den gutmütig lächelnden Mister Chang zeigt, dass dieser Valéries Humor versteht. Erleichtert stoße ich die Luft aus. Noch eine halbe Stunde in diesem Lokal, und der Tag kann wie geplant weitergehen. Meiner Armbanduhr nach würden wir es rechtzeitig in das angesagte Restaurant nach China-Town schaffen, wo ich in einen Tisch reserviert habe. Vorausgesetzt, dieser Kerl stellt sich bei der Bergung des Handys nicht allzu dämlich an.
„Ich muss los, vielleicht sieht man sich bald wieder?“ Als ich mich umdrehe, schaue ich in Neils erwartungsvolle Augen. Den habe ich komplett vergessen.
„Ja, vielleicht“, antworte ich unverbindlich, umfasse den Arm meiner Tochter und ziehe sie unter Neils entgeistertem Blick Richtung Hafenrestaurant.
Munter plaudernd betreten wir nach wenigen Metern die Stufen, die zu der Holzveranda hinaufführen, die längs der Hafenseite verläuft. Brusthohe Glasscheiben schützen die Gäste vor dem Seewind. Diese sitzen an langen Holztischen auf rustikalen Bänken. Ein großes Schild, auf dem, mit Wildblumen verziert, „The Heidelberg“ geschnitzt ist, begrüßt die Eintretenden. Das Lokal ist offenbar beliebt. Draußen ist kein freier Platz mehr zu finden. An der schweren Tür kommt uns eine dralle Frau entgegen, die ein Tablett mit Getränken und essbaren Kleinigkeiten balanciert. Mein Magen erinnert mich lautstark daran, dass ich heute das Frühstück habe ausfallen lassen. Während ich den Blick kaum von den Tellern lösen kann, zupft Valérie mich am Ärmel.
„Mama, schau. Die Frau hat genauso ein Kleid an, wie ich als Kind mal von Tante Sabine geschenkt bekommen habe. Wie hieß das noch mal?“ Ich nehme die Bedienung genauer in Augenschein. Tatsächlich. Die Frau trägt ein Dirndl. Diese geschmackvolle Version hat allerdings wenig mit dem pinken Ungetüm mit grüner Schürze zu tun, das Valérie zu meinem Entsetzen im Alter von vier Jahren Tag und Nacht tragen wollte. Es bedurfte viel Überredungskunst, das Kleid wenigstens ab und an in die Waschmaschine zu stecken. Als Valérie dann endlich selbst zugab, aus dem Dirndl herausgewachsen zu sein, flossen bittere Tränen. Erleichtert hatte ich den Lumpen entsorgt. Ich hätte nicht gedacht, dass sich Valérie daran erinnert.
„Die Kleider nennt man Dirndl. Eigentlich tragen die Heidelberger keine Dirndl. Die Stadt liegt zu weit nördlich für diese Tracht“, kann ich mir nicht verkneifen, den verträumten Gesichtsausdruck meiner Tochter zu bremsen. Valérie kommt doch nicht etwa auf die Idee, unbedingt wieder ein Dirndl zu wollen? Obwohl, wenn ich sie in der schwarzen Skinny-Jeans und dem dunklen, langen Pullover so ansehe, stünde ihr Farbe und Weiblichkeit nicht schlecht. Ich seufze. Valérie ist so hübsch. Alle Versuche, ihr Modeempfinden beizubringen, perlen an ihr ab. Typisch Teenager halt. Kaum zu glauben, dass sie dasselbe Kind ist, das einst das pinke Dirndl vergöttert hatte.
Als wir durch die Eingangstür treten, frage ich mich, weshalb das Bild der Deutschen in der Welt immer bayerisch sein muss.
Das Innere des Restaurants empfängt uns mit einer angenehmen Ruhe, die sich von der Betriebsamkeit auf der Veranda unterscheidet. Der Raum ist hell und geräumig. Neben einer langen Bar aus unbehandeltem Holz, vor der hohe Hocker aus dicken Ästen stehen, finden sich an den Fenstern große, mit Bänken kombinierte Holztische. Dazwischen ist viel freier Raum, der sich nach oben fortsetzt. Das hohe Gebälk, in dem sich das Gemurmel und Besteckklappern der Gäste verliert, gibt dem Restaurant etwas Luftiges. Ich erkenne an, dass genau die Balance zwischen Landhausstil und Moderne getroffen ist. Wie zufällig sind Felle auf modernen Holzbänken verteilt und auf Tischen und Fensterbänken stehen gläserne Windlichter neben Vasen mit Wildblumen. In seiner Schlichtheit wirkt alles einladend und stimmig. Mister Chang scheint das ebenfalls so zu empfinden. Sein Gesicht strahlt und er klatscht erfreut in die Hände, als er weitere Mädchen im Dirndl erspäht. Vielleicht ist die Idee, ihn mit dem gediegenen Restaurant in Chinatown Heimatfeeling zu geben, nicht so ausgereift gewesen?
Eine schlanke Dame um die sechzig, in langer Tracht kommt auf uns zu. Sie streckt uns die Hände entgegen und begrüßt uns freundlich. „Ich bin Christiane Herbst, Alexanders Mutter. Sie müssen die Gruppe sein, die unser Sohn telefonisch angekündigt hat. Er hat nicht übertrieben. Sie sind sehr hübsch. Sprechen Sie tatsächlich Deutsch?“ Ich bin so überrumpelt, dass ich kein Wort hervorbringe. Hübsch? Interessant, dass ihm das trotz allem aufgefallen ist. Misstrauisch ergreife ich die dargebotene Hand. Ich vermute eher, dass Alexander mich als „Oberzimtzicke“ avisiert und Christiane das eigenmächtig umgetauft hat. Sie ignoriert meine Verwunderung.
„Entschuldigen Sie meine Neugier. Ich freue mich immer, wenn ich auf Landsleute treffe, die hier leben.“ Die Frau ist so nett, ich kann sie kaum mit dem grantigen Boots-Alexander, der mein Handy auf dem Gewissen hat, in Verbindung bringen. Die Verwandtschaft ist nicht zu leugnen. Dieselben blauen Augen. Dass mir das auffällt? Ein ungewohntes Kribbeln macht sich in meinem Magen breit.
„Ich spreche auch Deutsch“, schaltet Valérie sich dazwischen, die stolz darauf ist, zweisprachig erzogen worden zu sein. Ich besinne mich meiner Erziehung.
„Mein Name ist Elle Sommerfeld und das ist meine Tochter Valérie. Meine Eltern stammen aus Deutschland. Wir sind hierhin gezogen, als ich sechs Jahre alt war. Aber Valérie ist in Vancouver geboren.“ Im Affekt streiche ich Valérie über das Haar, was meine Tochter mit einem Augenrollen quittiert. Schnell ziehe ich die Hand zurück.
„Freut mich sehr.“ Ihr Blick ruht einen Moment wohlwollend auf Valérie und mir.
„Sollten Ihre Eltern noch in Vancouver sein, müssen Sie mit ihnen unbedingt in unser Restaurant kommen. Hier ist ein beliebter Treffpunkt für deutsche Einwanderer.“
„Meine Eltern hat das Heimweh vor ein paar Jahren zurück nach Deutschland getrieben. Meine Schwester lebt mit Mann und zwei Kindern dort. Sie wollten in ihrer Nähe sein.“ Man sieht mir anscheinend an, wie sehr ich meine Eltern vermisse, denn Christiane legt mit einer tröstenden Geste ihre Hand auf meinen Arm. Bei so viel Mitgefühl wird meine Kehle eng und ich konzentriere mich zur Ablenkung auf Christianes schmale Finger. Wieder eine offensichtliche Gemeinsamkeit mit ihrem Sohn Alexander. Nach einem kurzen Drücken zieht Christiane die Hand weg.
„Das tut mir sehr leid. Ja, der Ruf der Heimat ist stark. Mein Mann und ich haben auch manchmal Lust, alles stehen und liegen zu lassen und zurückzugehen. Aber wir sind zwei Jahre nach unserer Hochzeit nach Kanada ausgewandert und haben bis auf eine Schwester meines Mannes keine Verwandten mehr in Deutschland. Ich befürchte fast, wir sind jetzt echte Kanadier.“ Ich weiß sofort, was Christiane meint. Genau das ist die unterschwellige Angst meiner Eltern gewesen: die deutsche Identität zu verlieren. Dabei waren sie einst voller Träume nach Kanada ausgewandert um „der deutschen Enge“ zu entkommen. Als meine Schwester Sabine ihr Herz ausgerechnet an einen durchreisenden Deutschen verlor, waren meine Eltern insgeheim erleichtert. Einen besseren Grund nach Deutschland zurückzugehen, als zu ihrer schwangeren Tochter, gab es nicht. Mich hingegen zog nach meiner Modelphase in Paris die Sehnsucht wieder zurück nach Kanada. Obwohl das bedeutet hatte, meine Tochter Valérie ohne Hilfe meiner Eltern großzuziehen.
„Wenn meine Eltern uns das nächste Mal besuchen kommen, werde ich ihnen Ihr Restaurant auf jeden Fall zeigen.“ Christiane lächelt zufrieden. Sie wendet sich an Mister Chang und spricht ihn auf Deutsch an. „Herr Sommerfeld?“ Herr Chang blickt sie freundlich an, reagiert aber nicht.
Valérie entfährt ein Kichern. „Nein, das ist Mister Chang. Er kann kein Deutsch, aber Chinesisch und Englisch. Mama will finanzielle Unterstützung von ihm, deshalb verbringen wir den Tag mit ihm.“ Mir bleibt das Herz stehen. Räuspernd werfe ich meiner Tochter, die zu viele Vokabeln aus meiner Welt aufschnappt, einen Blick zu. Christiane macht einen verwirrten Eindruck und scheint Valéries Aussage zu überdenken. Ich spüre, wie meine Wangen sich erhitzen. Sie denkt doch nicht etwa ... !
„Mister Chang ist heute unser Gast. Er ist ein möglicher Investor in mein Unternehmen. Meine Tochter hat eine sehr blumige Sprache“, korrigiere ich Valéries Aussage. Sichtlich erleichtert, mustert Christiane uns mit wachsamen Augen.
„Dann müssen Sie mit Ihrem Mann einmal bei uns vorbeischauen.“
„Meine Mutter hat keinen Mann. Unsere Familie sind Mama und ich. Mein Vater lebt in Paris.“ Was ist nur in Valérie gefahren? Das geht die fremde Frau nichts an. Was soll sie von mir denken? Christiane scheint der Spruch von Valérie nicht zu stören. Im Gegenteil! Sie mustert mich eindringlich. Ein interessiertes Glitzern stiehlt sich in ihre blauen Augen. Unvermittelt fühle ich mich, als hätte ich einen Test bestanden.
„Wunderbar! Bitte seien Sie heute unsere Gäste.“ Überrumpelt von Christianes Herzlichkeit – oder geht es nur mir so? - lässt sich unsere kleine Gruppe an den Tisch führen. Die Sitzecke aus unbehandelten Holzmöbeln strahlt „deutsche Gemütlichkeit“ aus. Auf den Bänken liegen flaschengrüne Filzkissen. Auch auf dem Tisch befinden sich schlichte Filzuntersetzer. Zu meinem Erstaunen nimmt Christiane ebenfalls Platz. Auf ihr Fingerschnippen hin nähert sich zur sichtbaren Freude von Mister Chang eine Dirndl-Bedienung. Als sie die Speisekarten verteilt, will ich dankend abwinken. Schließlich wartet der Tisch in Chinatown auf uns. Aber Mister Chang starrt so gebannt in das Balkon-Dekolleté, dass ich innerlich umdisponiere.
„Peter. Da bist du ja. Komm zu uns!“ Christiane winkt einem Herrn mit grauem Haar zu, ebenfalls in Tracht. Er hat das Restaurant durch eine Seitentür betreten und hält einige Papiere in der Hand. Instinktiv weiß ich, das ist Alexanders Vater. Er hat die gleiche Aura wie sein Sohn. Eine männliche, raumbeherrschende Präsenz. Moment mal. Habe ich Aura gedacht? Jetzt geht es mit mir durch. Dieser Holzklotz Alexander hat außer schlechter Laune überhaupt keine Aura. Christiane zieht den Mann auf den Platz neben Valérie.
„Stell dir vor, unser Sohn hat diese hübsche Landsmännin kennengelernt.“ Christianes Augenbrauen sind bei dem Satz bedeutungsvoll hochgezogen. Mir wird mulmig zumute. Was geht hier vor? Bin ich auf der Fleischbeschau eines Heiratsmarktes?
Peter hält mir die Hand hin und ich erkenne das Lächeln wieder, das sein Sohn mir zaghaft geschenkt hat. Bevor ich ihn in seine Schranken verwiesen habe.
Ich senke den Blick, irritiert von meinen Gedanken, und öffne die Speisekarte. Sofort bin ich abgelenkt und schmunzle. Sämtliche deutsche Leibgerichte meiner Schwester und mir sind aufgeführt: Schweinebraten, Kohlrouladen, Blaukraut, Heringsstipp, Königsberger Klopse, Kartoffelpuffer, und, und, und. Mein Magen jauchzt vor Freude und das Wasser läuft mir im Munde zusammen. Am liebsten hätte ich die Speisekarte rauf und runter bestellt. Merkwürdig, dass mir das Restaurant bislang nie aufgefallen ist. Gleichzeitig sticht mir die Sehnsucht nach meiner Mutter ins Herz. Sie kann diese Köstlichkeiten seit der Rückkehr nach Deutschland höchstens einmal im Jahr für mich zubereiten. Obwohl ich passabel koche, schmecken sie einfach nicht so gut wie bei ihr. Ich hebe die Augen. Anscheinend bin ich die einzige die hungrig ist und die Speisekarte studiert habe. Valérie unterhält sich lebhaft mit Christiane. Mister Chang lächelt und studiert die Konstruktion der Holzbalken an der Decke.
„Mister Chang“, wende ich mich ihm zu, „wir könnten hier etwas essen. Die deutsche Küche ist sehr schmackhaft und passt hervorragend zu meinem deutschen Design.“ Mister Chang nickt höflich, was ich als sein Einverständnis werte.
„Meine Mama sagt, in Heidelberg gibt es überhaupt keine Dirndl. Stimmt das? Ich war leider noch nie in Heidelberg.“ Wieder stöhne ich innerlich, aber Christiane grinst nur.
„Da hat deine Mama recht. Unsere Familie stammt auch nicht aus Heidelberg sondern aus einer kleinen Stadt im Odenwald. Aber Heidelberg klingt als Name spannender als Michelstadt. Das scheint in der Welt der Inbegriff des romantischen Deutschlands zu sein. Genauso wie das Dirndl. Seit unsere Bedienungen Dirndl tragen, ist der Umsatz verdoppelt.“ Sie zuckt mit den Achseln. Valérie grinst in Richtung Mister Chang. „Hm, ich kann mir vorstellen, woran das liegen könnte...“ Es ist Zeit für meinen Einsatz und ich werfe meiner Tochter einen warnenden Blick zu.
„Auf jeden Fall haben Sie es gemütlich.“
Christiane und Peter strahlen.
„Es freut mich, Elle, wenn es Ihnen gefällt. Es war ein Haufen Arbeit, aus dieser heruntergekommenen Hafenkaschemme das zu machen, was Sie heute sehen. Wir hätten besser damals abgerissen, statt den Bestand zu restaurieren. Aber das stellte sich erst heraus, als der Umbau bereits zu weit fortgeschritten war.“ Christiane nickt zu den Worten ihres Mannes.
„Zwischendurch war ich drauf und dran, aufzugeben. Jetzt, nach drei Jahren Arbeit, sehen wir endlich, dass der Aufwand gelohnt hat. Auch dank der Dirndl.“
Christiane streicht Valérie liebevoll über die blonden Locken und ich bin überrascht, dass meine Tochter den Kontakt von einer fremden Frau zulässt. Es liegt wahrscheinlich an Christianes offenem Wesen, das auch sie bezaubert.
„Die Tracht war übrigens Alexanders Idee.“ Innerlich verdrehe ich die Augen. War klar, dass dem Freund von Schwerenöter Neil O´Ryan hochgepushte Brüste als Verkaufsargument einfallen. Christiane blickt stirnrunzelnd auf ihre Armbanduhr und dann zur Tür. „Wo bleibt er nur?“ Sofort beißt mich das Gewissen. Obwohl er daran schuld ist, dass mein Handy weggeflutscht ist.
Valérie ist nicht mehr zu bremsen.
„Wo kann man denn diese Dirndl kaufen? Gibt es die auch in meiner Größe?“ Christiane lacht auf.
„Gefallen sie dir? Die Dirndl fertigt eine Freundin von mir an. Alles beste Handarbeit.“ Sie rückt ein Stück ab und betrachtet Valérie von oben bis unten. „Ich denke, Größe „S“ dürfte passen. Davon habe ich eins. Wir hatten vor einem Jahr eine jugendliche Praktikantin.“ Valérie strahlt übers ganze Gesicht.
„Mama, hast du das gehört? Ich bekomme wieder ein Dirndl.“ Ich lächle schief. So simpel ist es also, meine mürrische Teenagertochter zu erfreuen. Die dralle Dirndl-Blondine von draußen nähert sich dem Tisch. Mister Changs Gesicht erhellt sich, und wir geben unsere Bestellung auf. Wurde langsam Zeit. Mein Magenknurren ist mittlerweile peinlich.
„Ihre Freundin näht die Dirndl? Ich bin in der Textilbranche und immer auf der Suche nach gewissenhaften Näherinnen. Wenn sie Aufträge braucht, wäre ich an einem Kontakt interessiert.“ Valérie verdreht die Augen. Sie hasst es, wenn ich ständig über die Arbeit rede.
„In der Textilbranche? Was genau machen Sie denn?“
„Mama näht unglaublich schöne Kleider für Schwangere.“ Christiane zieht anerkennend die Brauen hoch und Peter lächelt versonnen.
„Nun ja, von selbst nähen kann keine Rede mehr sein. Ich habe mich seit Valéries Geburt mit einem eigenen Label für Schwangerschaftsmode selbstständig gemacht. Genau wie Sie nutze ich den guten Ruf des deutschen Handwerks und habe es Babe in Germany genannt.“
Valérie ist plötzlich aufgeregt.
„Mama, meinst du, du könntest Dirndl für Schwangere in dein Programm aufnehmen?“ Einen Moment starre ich irritiert auf meine Tochter.
Christiane fängt lauthals an zu lachen und Valérie und ich lassen uns anstecken. Selbst Herr Chang, der nicht wissen kann, worum es geht, kichert.
FAMILIENANSCHLUSS

ALEXANDER
Mit einem Windstoß öffne ich die schwere Eichentür und poltere mit den Gummistiefeln in das Lokal. Sofort fällt mein Blick auf die Stammtischecke, und ich traue meinen Augen kaum. Die Anzug-Tussi hat den Kopf in den Nacken geworfen und lacht, bis sie sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischt. Meine Mutter hat ihr vertraulich die Hand auf den Arm gelegt und lacht ebenfalls. Selbst mein Vater Peter und der chinesische Gigolo-Ehemann grinsen wie die Honigkuchenpferde. Was wird das, wenn es fertig ist?
Christiane hat mich erspäht, wie ich erstarrt bei der Tür stehe. Ihr Lachen erstirbt und sie kräuselt missbilligend die Stirn.
„Alexander, da bist du ja.“ Die Anzug-Elle hört auf zu lachen und blickt in meine Richtung. Zieht sie etwa wieder die Augenbrauen beim Anblick der verschmierten Bootsklamotten hoch? Ich schnaube zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Tage ungläubig.
„Tut mir leid, Ma. Zum Umziehen war keine Zeit mehr. Ich musste mich um das Telefon dieser Dame kümmern.“ Mit Mühe unterdrücke ich es, anklagend mit dem Finger auf sie zu zeigen, zucke mit meinem stoppeligen Kinn in ihre Richtung. Noch nicht einmal für mehr als einen kurzen Austausch mit Bobby war Zeit. „Du kannst mir glauben, ich hätte eine warme Dusche und frische Klamotten vorgezogen. War nicht so einfach, das elendige Handy aus meinem Boot zu porkeln.“ Mit ein paar Schritten nähere ich mich dem Tisch und lege das Telefon rüder als beabsichtigt vor Elle ab. Sie checkt hastig das Display und runzelt die Stirn, weil es keine einzige Nachricht anzeigt. Misstrauisch schaut sie mich an.
Als ob ich es nötig habe, ihre Nachrichten zu lesen!
„Soweit ich das sehen konnte, funktioniert alles. Ich bin Ihnen also nichts mehr schuldig.“ Ich verschränke die Arme vor der Brust und funkle sie an. Am liebsten wäre mir, sie schnappt Mann und Tochter und verschwindet auf der Stelle aus meinem Leben. Aber ich kenne meine Mutter. Sie hat diesen speziellen Gesichtsausdruck und dass das Trio am Stammtisch sitzen darf, lässt mich Ungutes erahnen. Jetzt wechseln meine Eltern einen bedeutungsvollen Blick.
Daher weht also der Wind. Sie wollen mich mit dieser Tussi verkuppeln. Ich hätte mir gleich denken können, wie meine Eltern auf diese Schickimickimaus abfahren. Sie hat ein Kind und ihre Fruchtbarkeit ist damit sozusagen amtlich besiegelt. Meine Eltern sind der Ansicht, ich sei ihnen einen Haufen Enkelkinder schuldig und solle mich gefälligst an die Produktion machen.
Aber nicht mit mir!
Nicht mit dieser Frau!
Nur über meine Leiche!
Außerdem hat sie bereits einen Typen, der im Übrigen nicht gerade dezent meiner Kollegin Mona in den Ausschnitt gafft. Vor den Augen seiner Frau.
Oder ist sie das nicht? Wissen meine Eltern mehr als ich?
„Zieh nicht so ein finsteres Gesicht und vor allem die Jacke aus. Warum setzt du dich nicht einen Moment zu uns, Junge.“ Mein Vater rückt auf und deutet auf den freien Platz. Bewusst, mich wie ein trotziges Kind zu verhalten, verdrehe ich die Augen. Als ob ich dafür vor der Schicht Zeit hätte.
Die Tochter der Anzugtussi mustert mich fasziniert. Mit einem ergebenen Seufzer entledige ich mich der schweren Jacke und setze mich neben Peter. Mein Vater verzieht das Gesicht.
„Eine Dusche wäre tatsächlich angebracht vor deiner Schicht.“ Auch meine Mutter rümpft die Nase. Wieder verdrehe ich die Augen. Valerie kichert und tauscht einen verschwörerischen Blick mit mir. Ich weiß selbst, ich habe dringend eine Dusche nötig. Hören sie mir nicht zu? Ich habe soeben gesagt, dass dafür keine Zeit gewesen ist.
„Lass ihn, du weißt, was heute für ein Tag ist“, hält Peter meine Mutter von weiteren Bemerkungen zurück.
Verbissen streife ich die Ärmel des Seemannspullis bis zu den Ellbogen. Als ich hochsehe, trifft mich Elles Blick von gegenüber. Sie hat die Lider gesenkt und die Nasenflügel wirken geweitet. Sie schnuppert. Das scheint eine Eigenart von ihr zu sein. Was soll das? Hat sie die Warnung meiner Eltern nicht gehört? Sie wirkt allerdings nicht angeekelt.
Im Gegenteil.
Dann fällt ihr Blick auf das Tattoo, das sich von meinem Handgelenk den Arm hinaufschlängelt. Ich weiß, es wirkt, als bewege es sich im Spiel der Muskeln und Sehnen. Das war der Clou, weswegen ich mich für den Koi entschieden habe. Elle beißt sich auf die Unterlippe, was ein unerwartetes Rieseln in meinen Lenden auslöst. Eine diffuse Gewissheit tröpfelt in meinen Verstand. Kann es sein, dass sie auf mich steht? Die Business-Tussi, die mich für einen Hinterwäldler hält? Mein Blick huscht zu dem Chinesen, der in ein Gespräch mit dem Mädchen und Christiane vertieft ist. Auf einmal bin ich mir sicher, er ist nicht ihr Mann. Ein warmes Gefühl zuckt kurz durch meinen Bauch. Bevor ich es greifen kann, ist es weg.
Lässig lehne ich mich zurück und zeige ihr mit einem überlegenen Lächeln, dass ich sie durchschaue. Sieh her, Elle, kühle Attitüde hast nicht nur du drauf! Als sie den Blick von den verschlungenen Wellenmustern hebt, zuckt sie ertappt zusammen. Hektisch richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Tochter und den Chinesen. Eins zu Null für mich! Ich wende meine Augen nicht von ihr. Die Sache beginnt, mir Spaß zu machen.
Der Chinese erhebt sich und fragt nach den Waschräumen. Da er am Ende einer Bank sitzt, stehen meine Mutter und Valérie auf und lassen ihn durch. Gerade als sie stehen, fragt das Mädchen Christiane:
„Kannst du mir dieses Dirndl zeigen?“
„Aber ja, komm mit, ich habe es in den Personalumkleiden.“ Die Kleine strahlt und mit einem kurzen Blick zu ihrer Mutter entfernen sie sich. Wie aufs Stichwort erhebt sich Peter, Lieferpapiere zusammenraffend, die vor ihm auf dem Tisch gelegen haben.
„Sie entschuldigen mich. Es gibt einiges zu erledigen. Hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich hoffe sehr, Sie besuchen uns öfter.“ Er reicht Elle die Hand. Diese schlägt zögerlich ein. Ihr Blick streift kurz den meinen. Sie setzt ein unverbindliches Lächeln auf.
„Valérie scheint es hier gut zu gefallen und es ist wirklich gemütlich bei Ihnen. Ich denke also, wir werden wiederkommen. Hat mich ebenfalls gefreut.“ Zufrieden wendet sich mein Vater ab.
Schon stoße ich wieder laut den Atem aus, so arrangiert kommt mir diese unmittelbare Zweisamkeit vor.
„Sie hören sich selbst schon an, wie die Wale.“ Jäh schnellt mein Kopf zu ihr hin und ich hebe fragend die Brauen.
„Na, ich meine Ihr Schnauben. Das haben Sie schon den ganzen Tag gemacht. Es hört sich genauso an, wie das der Wale.“
Was ist das denn für ein Spruch? Ist das etwa ihre Vorstellung von höflicher Konversation? Als Antwort ziehe ich nur die Schultern hoch. Ohne den Blick von ihr zu nehmen, greife ich nach einem Stapel Bierdeckel, den ich automatisch mische wie ein Kartenspiel. In mir brodelt es. Sie soll auf keinen Fall denken, ich sei der Hinterwäldler, für den sie mich hält. Auch wenn ich angeblich wie die Wale schnaube. Tue ich das? Würde mich nicht wundern: so viel Zeit, wie ich mit diesen Tieren verbringe.
Ich habe zu oft im Leben Smalltalk betrieben und verspüre gerade absolut keine Lust dazu. Elle fixiert angestrengt die Tischplatte. Plötzlich muss ich grinsen, so offensichtlich ist es, wie sie sich unter meinem unablässigen Blick und unserem Schweigen windet. Am liebsten hätte ich vor Vergnügen begonnen, ein Liedchen zu pfeifen. Die umsitzenden Gäste schwatzen angeregt. Aus einer der Boxen in der Nähe unseres Tisches ertönt leise deutsche Volksmusik. Ich fahre mit meinen schwarz umrandeten Fingernägeln am Rand eines Bierdeckels entlang. Nach einer gefühlten Ewigkeit gibt sie es wohl auf, darauf zu hoffen, dass dieser Mister Chang oder Valérie bald zurückkommen. Sie hebt den Kopf.
Wenn ich dachte, sie sei schüchtern, habe ich falsch gelegen. Ihre grünen Augen fixieren mich jetzt auffordernd. Mein Herz stolpert für einen Moment, so sehr ziehen mich diese tiefgrünen Seen in die Tiefe. Ihr Blick sendet Blitze. Mein eigener Herzschlag pocht laut in den Ohren. Himmel, die Frau ist unberechenbar! Es kostet mich mehr Anstrengung als gedacht, meine gelangweilte Miene beizubehalten. Nach einer Weile kräuselt sich ihre Nase. Mein Verhalten geht ihr wohl gegen den Strich. Ich starre auf die sich bewegenden Sommersprossen. Cool bleiben!
„Das war sehr schönes Wetter auf unserem Bootsausflug heute.“ Ihre Stimme klingt atemlos. Sexy.
Das Wetter, echt jetzt? Meine rechte Augenbraue hebt sich zeitgleich mit den Mundwinkeln.
„Ja. Stellen Sie sich vor, morgen soll ebenfalls ein schöner Tag werden.“ Mein Tonfall kann kaum den Spott verbergen. Jetzt ist es an ihr zu schmunzeln. Sieh an, sie scheint Humor zu haben. Und sie ist ... niedlich. Scharf ziehe ich die Luft ein und denke über dieses Adjektiv nach.
Okay. Niedlich ist nicht korrekt. Sie ist keine Figur aus einem Disneyfilm. Ich kann es nicht mehr abstreiten: diese Frau ist heiß. Trotz des Anzugs. Ein bisschen mehr auf den Hüften könnte sie allerdings haben. Und sie bleibt eine Zimtzicke. Dazu stehe ich.
Wieder schweigen wir. Diesmal ist die Stille allerdings weniger unangenehm.
Ein Brummen ertönt. Elle hält erschrocken die Hand vor den Bauch. Die verlegene Röte, die ihre Wangen flutet, sieht ... wieder heiß aus. Verdammt!
Amüsiert beiße ich mir auf die Lippen.
„Das Essen kommt gleich. Sie werden sehen, es ist köstlich. Alles Original-Familienrezepte.“ Unvermittelt lächelt sie und lässt mich innerlich nach Luft schnappen. Wow. Diese Frau hat ein außergewöhnliches Gesicht. Unter zart gewölbten Brauen blitzen mich mandelförmige grüne Augen an, die ein wenig zu weit auseinander stehen. Ihre Nase würde ich aristokratisch nennen. Sehr gerade und mit hohem Ansatz. Wegen der zarten Sommersprossen wirkt diese allerdings nicht zu streng. Der herzförmige Mund war mir schon auf der Tour aufgefallen.
„Die Tour war wirklich sehr lehrreich. Sie machen das gut. Ist das Ihr Hobby oder Ihr Beruf?“ Ich entspanne mich. Also gut. Dann eben Smalltalk. Ich will mal nicht so sein. Das von ihr angeschnittene Thema ist vertrautes Terrain.
„Das ist mein Beruf. Wir veranstalten diese Touren mit wissenschaftlichem Hintergrund. So unterscheiden wir uns von den als Touristenattraktion aufgezogenen Fahrten und versuchen so den Besuchern die Achtung vor dem Lebensraum Ozean nahezubringen. Vielleicht sollte ich mich noch einmal anständig vorstellen. Das ist heute etwas untergegangen.“ Ich halte ihr die ölverschmierte Hand hin. „Mein Name ist …“
Weiter komme ich nicht.
„Mama, schau. Ist es nicht wunderwunderschön?“ Das Mädchen steht strahlend vor uns und hat ein hellgrünes Dirndl mit roter Schürze an. Die blonden dicken Haare sind zu zwei Bauernzöpfen geflochten. Vor Aufregung sind ihre Wangen gerötet und die Augen glänzen. Sie hebt den Saum des Dirndls und dreht sich einmal im Kreis, wobei der Tellerrock um sie schwingt. Ich muss zugeben, das Kind sieht wie aus einem Modekatalog für bayerische Tracht aus.
„Valérie, du siehst wunderschön aus!“ Elle hat die Hand ergriffen auf ihr Herz gelegt.
„Christiane hat gesagt, ich sehe wie eine richtige junge Frau aus.“ Sie drückt ihren Brustkorb nach vorn, um den Ausschnitt zu präsentieren, der allerdings außer den Rüschen der Bluse nicht viel zu bieten hat. Mein Schmunzeln darüber erstirbt, als ich den wehmütigen Ausdruck in Elles Augen wahrnehme.
„Ja, wie eine richtige junge Frau. Da hat Christiane recht“, flüstert sie.
„Christiane hat gesagt, das ist das Praktikantendirndl. Was macht eigentlich ein Praktikant genau?“
„Das ist jemand, der praktische Erfahrungen sammelt. Du kannst dich doch an Jenna erinnern, die letztes Jahr bei uns in der Schneiderei war. Sie war auch eine Praktikantin.“ Valérie nickt ungeduldig. Man sieht ihr an, wie sie begeistert einen Plan ausheckt.
„Mama, ich habe doch Ferien. Kann ich hier im Restaurant so ein Praktikum machen?“ Gespannt wendet sich mein Blick Elle zu. Ich kann es nicht leugnen: unerklärlicherweise reizt mich die Aussicht, die Zimtzicke öfter zu sehen.
Deren Lippen öffnen sich, und an ihrem Stirnrunzeln kann ich erkennen, wie Elle fieberhaft an einer Ausrede feilt, wie sie den Wunsch ihrer Tochter ablehnen soll.
„Bitte, bitte, Mama. Du sagst immer, ich soll etwas Sinnvolles machen. Und das ist es doch!“
Die kreisrunden Augen von Valérie sind herzzerreißend und das Mädchen zieht einen entzückenden Schmollmund. Ein gerissenes Biest, kann ich gerade noch denken, bevor ich aus einem unerfindlichen Grund beim Anblick dieses Welpenblicks wie Wachs in der Sonne schmelze. Elle scheint es ähnlich zu gehen. Ihr Mund schließt sich und der ratlose Blick weicht einem milden Ausdruck. Ihre Hand fährt sich über die Stirn, wie um die Trance wegzuwischen.
„Dafür hat Christiane sicherlich keine Zeit, Valérie. Und wolltest du nicht mit Marnie ins Resort fahren?“
„Aber Christiane hat es vorgeschlagen. Sie hat gefragt, ob ich in den Ferien nicht schnuppern möchte, wie so ein Restaurant läuft. Und mit Marnie habe ich mich sowieso verkracht.“
„Verkracht? Aber ihr seid beste Freundinnen und werdet euch sicher wieder vertragen.“ Ein Schatten huscht über Valéries Gesicht. Sie murmelt etwas, das stark nach „Die kann mich mal“ klingt. Elle legt zwei Finger an die Nasenwurzel und schließt kurz die Augen. Die Situation überrumpelt sie offenbar.
Valérie nutzt den Moment der Schwäche aus.
„Danke, Mama. Ich wusste, du erlaubst das. Das ist ja so cool!“ Sie dreht sich zu Christiane um, die gerade aus der Personaltür kommt.
„Mama hat´s erlaubt“ Elle hebt jäh den Kopf.
„Aber das ist ja wunderbar. Es ist für mich eine große Freude, Ihre reizende Tochter hier zu haben. Dann kannst du gleich morgen anfangen und schauen, ob es dir gefällt. Ah, da kommt euer Essen. Ich lasse euch jetzt in Ruhe und nachher zeige ich dir alles.“ Valérie meidet den Blick ihrer Mutter und nimmt Platz. Wieder und wieder streicht sie begeistert über die Dirndlschürze.
Meine Kollegin Mona nähert sich mit einem voll beladenen Tablett. Der Chinese folgt dicht hinter ihr und ist in den Schwung ihrer ausladenden Hüften versunken. Sie erkennt mich und zwinkert mir zu. Hastig erhebe ich mich und greife nach der Jacke. Wenn ich an die bevorstehende Schicht denke, die ich ausgerechnet mit Mona verbringen soll, kehrt schlagartig meine schlechte Laune zurück. Ich registriere, wie sie einen grünen Salat vor Elle abstellt. Echt jetzt? Die Tussi ist in Schmankerl-Schlaraffenland und bestellt Salat? Kein Wunder, dass sie so schmal und schlecht drauf ist.
Elle hat wohl bemerkt, wie ich ihren Salat angaffe und ihr scharfer Blick ist einer dieser Art, die töten können. Bei mir hat er jedoch den gegenteiligen Effekt. Mir wird heiß und unvermittelt bricht mir der Schweiß aus. Eine kalte Dusche, aber schnell!
„Na dann, guten Appetit allerseits. Lassen Sie sich die deutschen Spezialitäten schmecken.“ Die Runde nickt freundlich. Nur Elle hat meine imaginären Gänsefüße registriert. Ihre Gabel stoppt auf halbem Weg zum Mund und ihre Nase kräuselt sich wieder. Am liebsten gäbe ich mir selbst High-Five. Zu gerne sähe ich ihre Augen noch einmal, aber ihr Blick bleibt stur auf ihren Teller gerichtet. Ich wende mich ab. Als sich die Personaltür neben der Bar hinter mir schließt, meine ich Elles brennenden Blick auf meinem Rücken zu spüren. In der Umkleide schäle ich mich aus der dicken Seemannskluft und nach einer kurzen Dusche, von der ich kaum etwas mitbekomme, so sehr bin ich in Gedanken versunken, kann ich wieder klar denken.
Was ist heute nur los mit mir?
Ich arbeite schlicht zu viel und es ist einfach nicht mein Tag. Wie sollte es an diesem Datum auch anders sein?
BABE IN GERMANY

ELLE
Versunken starre ich auf das Foto auf dem Schreibtisch, das meine Tochter Valérie im zarten Alter von vier Jahren zeigt. Das Kind strahlt in die Kamera. Ich habe mal gelesen, ein Kind freut sich im Schnitt vierzig mal am Tag, meistens über Kleinigkeiten. Und so ist es bei Valérie tatsächlich gewesen. Sie war meine Sonne. Damals. Meine Gedanken trüben sich, wenn ich an meine antriebslose Teenagertochter denke, die mich aus ihrem Leben ausschließt und jede meiner Zärtlichkeiten abblockt. Die genervt die Zimmertür zuknallt, nur weil ich es gewagt habe zu fragen, wie der Schultag war oder ob sie sich nicht mal wieder mit ihren Freundinnen Marnie und Joanna treffen will. Die lustlos im Essen herumstochert, wenn sie überhaupt zum Essen kommt, statt fernzusehen und mit neu entwickeltem Sarkasmus jede meiner Bemerkungen kommentiert. Die mich überrumpelt, um ihren Willen durchzusetzen, wie gestern wegen des Praktikums. Wann ist Valérie diese kindliche Freude abhanden gekommen? Habe ich alles falsch gemacht oder ist das normal? Ich versuche mich zu erinnern, wie ich in meiner Jugend gewesen bin. Aber die Erinnerung an die eigene Pubertät ist nur ein verschwommener Gesamteindruck. Ich hoffe, Valérie übersteht diese Phase gut und wird als Erwachsene wieder die glückliche, offene Person sein, wie auf dem Foto.
Das ungetrübte Glück und Vertrauen in das Leben, das dieses Foto von Valérie ausstrahlt, hat mich in der Vergangenheit unbändig motiviert, wenn ich selbst an einem Tiefpunkt war. Und davon hat es einige gegeben. Aber ich kann mit Stolz von mir behaupten, alle Tränentäler aus eigener Kraft überwunden zu haben. Und so wäre es auch diesmal: Ich werde den aktuellen finanziellen Engpass mit Hilfe eines Investors überstehen. Auch wenn dieser grantige Alexander fast alles boykottiert hat, war der Tag gestern mit Mister Chang ein gelungener Auftakt. Wir haben uns heute im Büro verabredet, um das Geschäftliche zu bereden. Dieser grantige Alexander ... unweigerlich erhöht sich mein Pulsschlag und ich denke an die bläulichen Symbole auf seinem Unterarm. Eigentlich stehe ich nicht auf Tattoos. Zumindest habe ich das bis gestern gedacht. Doch seine Körperbemalung hat mich fasziniert. Rein aus künstlerischen Aspekten, versteht sich. Blaue Wellen und Muster, Flossen eines japanischen Karpfens, die sich um seinen sehnigen Unterarm winden. Ich habe den Drang verspürt, mich vorzuneigen und den Ärmel des Seemannspullis hochzuschieben, um das Bild in seiner Gänze betrachten zu können. Genau in dem Moment ertappte er mich beim Gaffen und sein wissender Blick verschlug mir für einen Moment den Atem. Mir wurde heiß und das wurde nicht besser, als ich mich später mit ihm allein am Tisch befand. Er hat eine dominante Ausstrahlung, die mich völlig aus der Fassung bringt. Er ...
Jills Klopfen reißt mich aus den Gedanken.
„Herein.“ Jill öffnet die Tür und betritt hinter Mister Chang den Raum.
Ich erhebe mich und begrüße den chinesischen Investor.
„Mister Chang, ich hoffe, Sie hatten eine erholsame Nacht?“ Mister Chang nickt lächelnd.
„Kommen Sie bitte, ich zeige Ihnen unsere Werkstätten. Jill, meine Assistentin, haben Sie ja bereits kennengelernt.“ Ich deute auf die ältere gepflegte Dame, die Mister Chang empfangen hat. Wie immer ist Jill wie aus dem Ei gepellt. Heute trägt sie eine weite weiße Seidenbluse kombiniert mit schwarzer Marlenehose. Klassischer geht es kaum. Jill liebt den Stil von Coco Chanel und ich bin stets versucht, ihr eine langstielige Zigarettenspitze als Accessoire zu verpassen.
„Jill ist mit mir die wichtigste Person hier. Ohne ihre Zustimmung läuft nichts.“ Mister Chang betrachtet Jill so intensiv, dass diese verlegen den Blick abwendet und mit der Hand nervös über ihren grauen Pagenschnitt fährt. Wir betreten den Entwurfsraum. An den Wänden hängen großformatige Fotos von Highlights vorangegangener Kollektionen. Zwei ausladende Schreibtische mit hochgebockter Arbeitsfläche dominieren das weiß gehaltene, hohe Zimmer. Durch die Fabrikfenster hat man einen wunderbaren Blick auf einen baumbestandenen Hinterhof. Meine Firma liegt in einem Fabrikgebäude aus den Zwanzigerjahren im angesagten Quartier Gastown, dem historischen Stadtkern Vancouvers. In unmittelbarer Umgebung sind Shops und Cafés angesiedelt, aber auch viele Designer, Werbeagenturen und Fotografen haben sich in dem Stadtviertel niedergelassen. Die Atmosphäre, fern der Hektik einer Großstadt, ist unschlagbar inspirierend. Ich liebe es, den Lunch in einem der kleinen Lokale zu verbringen. Dieses Quäntchen an europäischem Flair genügt mir völlig, um die eventuelle Sehnsucht nach dem fernen Kontinent zu stillen. Ganz in der Nähe befindet sich die berühmte Steamclock, eine mit Dampf betriebene Uhr, die alle Viertelstunde eine Melodie spielt und von Touristen unzählige Male am Tag abgelichtet wird.
Ohne Jill, die eine enge Freundin meiner Mutter ist und dieser versprochen hat, auf mich ein Auge zu haben, hätte ich es niemals geschafft, die heruntergekommene Fabriketage zu dem zu machen, was sie heute ist. Mittlerweile ist Jill zu meiner engsten Vertrauten und besten Freundin avanciert.
Mister Chang scheint ebenfalls vom Charme des Ateliers bezaubert. Er nickt in einem fort. Bereits gestern habe ich bemerkt, das ist ein untrügliches Zeichen seines Wohlwollens. An der rechten Wand stehen Regale mit Stoffen und Kisten, in denen Knöpfe, Bänder und andere Kurzwaren auf ihren Einsatz warten. Links davon öffne ich eine schmale Tür. Das geschäftige Rattern der Nähmaschinen empfängt uns. Ich hebe meine Stimme.
„Dies hier ist unsere Manufaktur, wie Jill sie getauft hat. Wie ich Ihnen gestern bereits erzählt habe, legen wir Wert auf unser handwerkliches Image. Daher auch der Name des Labels Babe in Germany, in Anlehnung an das Qualitätsimage deutscher Wertarbeit.“ An zehn Tischen setzen eifrige Näherinnen die von mir und Jill skizzierten Entwürfe zu Prototypen um.
„Zur Zeit wird hier alles für die Schau in gut drei Wochen vorbereitet.“ Ich gehe zu einer der Näherinnen und hebe ein halbfertiges Abendkleid in die Höhe, dessen cremefarbener Seidenrock bis zur Hälfte mit kleinen schwarzen Glitzersteinen besetzt ist. Freundlich nicke ich meiner Angestellten zu und bedanke mich.
„Wenn die Einzelstücke dann nach den notwendigen Verbesserungen und Änderungen ihre Endfassung gefunden haben und auf der Präsentation Anklang finden, beginnt die Massenproduktion. In Stoßzeiten, wenn wir zum Beispiel bei hohen Bestellungen nach der Schau einen bestimmten Look selbst produzieren, kann der Raum auf bis zu zwanzig Nähtische aufgestockt werden.“ Ich deute auf eine Nische, in der zusammengeklappte Tisch lagern. Zufrieden registriere ich, wie Mister Chang mehrfach kurz nickt.
„Natürlich wird die Ware nicht in Deutschland hergestellt. Aber wir beziehen viele unserer Stoffe von dort. Und, wie gesagt, sind sowohl ich als auch Jill aus Deutschland, sodass wir mit diesem Image überzeugend auftreten.“
Der Rundgang schließt in dem geräumigen Foyer ab.
„Hier findet die jeweilige Präsentation unserer Kollektion statt. Der Raum bietet sich dafür hervorragend an.“ Stolz betrachte ich die weißgetünchte hohe Decke, mit den fabriktypischen Ziegelbögen, die durch Strahler dezent ausgeleuchtet wird.
„Das Foyer bietet locker Platz für einen Laufsteg und etwa einhundert Besucherstühle. Hier wird auch die Schau der neuen Kollektion stattfinden.“
Mittlerweile sind wir wieder im Büro angelangt und Kitty serviert grünen Tee – selbstverständlich aus dem Hause Chang.
Während wir das heiße Getränk schlürfen, gehen wir durch die Zahlen. Als Mister Chang minutenlang in der Bilanz der Vorjahre versinkt und keine Miene verzieht, beiße ich mir vor Ungeduld in die Lippe. Es fällt mir schwer, still zu sein und nicht alles zu erläutern. Zu gerne behalte ich die Kontrolle. Das gibt mir Sicherheit. Ein ums andere Mal legt Jill beruhigend ihre Hand auf meinen Unterarm und lächelt mich zuversichtlich an.
Mister Chang legt die Akte zur Seite und blickt eine Weile stumm auf den geschlossenen Aktendeckel.
Mit Mühe unterdrücke ich ein nervöses Räuspern.
„Miss Sommerfeld. Ich habe nachgedacht.“
„Ach ... ja?“
„Ja, ich muss sagen, der Ausflug in dieses Hafenrestaurant hat mich inspiriert. Das war eine sehr gute Idee von Ihnen. Ich hebe abwartend die Brauen und mache innerlich drei Kreuze, weil uns das Schicksal in das deutsche Restaurant geführt hat.
„Eine Idee hat mir heute Nacht keine Ruhe gelassen. Was spricht dagegen, ihre Kollektion um Dilden für Schwangere zu erweitern?“
Kontrolliert atme ich aus. Wie bitte? Dilden? Was um alles in der Welt ...? Die einzige Assoziation zu dem mir unbekannten Begriff, die mir in den Sinn kommt, wäre die Mehrzahl von Dildo. Denkt Mister Chang, ich stelle Sextoys her? Für Schwangere? Unsicher blicke ich zu Jill, ob ich mich verhört habe. Jill steht ebenfalls leicht irritiert der Mund offen. Und Jill verliert selten die Contenance.
„Mister Chang. Ich verstehe nicht ganz, was Sie damit meinen?“, frage ich behutsam. Mister Chang scheint von seinem Vorschlag hellauf begeistert. Ungeduldig runzelt er die Stirn.
„Na, Dilden.“
„Ähm?“
„Diese Kleider, die die Bedienungen gestern in dem Restaurant am Hafen anhatten.“ Ein Felsbrocken fällt mir vom Herzen. Gleichzeitig beiße ich mir vor unterdrücktem Lachen in die Wange. Der Druck zu platzen wird größer, als Jill einen Hustenanfall simuliert.
„Spricht etwas gegen die Dilden?“
„Äh, Nein. Im Grunde spricht nichts gegen Dirndl.“ Bewusst deutlich spreche ich das Wort aus. „Das Einzige wäre, es entspricht nicht dem bisherigen Stil von Babe in Germany.“ Mister Chang wartet auf weitere Erklärungen. „Sehen Sie, ich entwerfe Kleidung für die modebewusste, moderne Frau, die auf diese Attribute während ihrer Schwangerschaft nicht verzichten möchte. Ein Dirndl hingegen ist Symbol für ein sehr konservatives, traditionelles Frauenbild. Viele mögen es abstreiten, aber zumindest Frauen tragen Dirndl hauptsächlich, um Männern zu gefallen. Die weiblichen Vorzüge werden hervorgehoben: tiefer Ausschnitt, breite Hüften, schmale Taille...“
„Was ist dagegen einzuwenden? Sind sie etwa eine Emanze?“ Ich kann ein leises Ächzen nicht zurückhalten und ringe unbewusst meine Hände. Bin ich eine Emanze? Nur weil meine Mode die weiblichen Reize nicht plakativ unterstreicht? Der Begriff kommt mir so veraltet und überflüssig vor. Schließlich leben wir in einer modernen Welt und die Frauen sind – dank der radikalen Emanzen der Vergangenheit – schon weit gekommen. Ich habe Glück in einer Generation geboren zu sein, in der für Frauen vieles selbstverständlich ist, was es fünfzig Jahre zuvor nicht gewesen ist. Aber ich bin keine Emanze. Wenn ich ehrlich bin, tendiere ich sogar zur hoffnungslosen Romantikerin. Ich sehne mich insgeheim nach einem starken Beschützer, der mir bei schwierigen Entscheidungen im Leben beisteht. Meiner schlechten Erfahrung mit Männern nach, vor allem mit einem Mann, bleibt dies wohl für immer eine Illusion. Einen Helden gäbe es für mich nicht und damit basta. Der Hang zum Träumen hat allerdings nichts mit meinem kreativen Geschmack zu tun. Hier bevorzuge ich klare Formen. Wie soll ich das Mister Chang nur klarmachen, ohne ihn zu verprellen? Während ich mit mir ringe, erkenne ich beim Blick in Mister Changs Augen, dieser rechnet ohnehin nicht mit einer Antwort.
„Sehen Sie, Miss Sommerfeld: Frauen sind bezaubernde Wesen und sollten dies den Männern zeigen dürfen. Das spielt jedoch keine Rolle, denn ich denke da rein geschäftlich. Sie haben die Restaurantchefin gestern gehört. Seit die Bedienung Dilden trägt, sind die Umsätze gestiegen. Ich brauche ein sicheres Konzept, wenn ich investieren soll.“
„Ja, aber...“ Mister Chang hebt die Hand und bittet um Geduld.
„Diese Dilden werden nun einmal in den Köpfen der Leute mit Deutschland assoziiert. Das passt doch hervorragend zu dem Image Ihres Labels.“ Auf die Schnelle fällt mir kein Gegenargument ein, was mich maßlos ärgert. Sonst bin ich immer diejenige, die das letzte – selbstverständlich bessere – Wort hat.
„Miss Sommerfeld. Ich war vor ein paar Wochen in Qingdao auf dem Beer Festival. Das ist ein chinesisches Oktoberfest und sie werden es nicht glauben: es gibt Blasmusik und die Leute tragen bayerische Tracht. Das ist der Renner! Und heute Nacht habe ich mich kundig gemacht. Überall auf der Welt gibt es Oktoberfeste: in den USA, Australien, auch hier in Kanada. In Japan sind die Dilden so angesagt, dass manche Frauen täglich darin herumlaufen. Aber die Japaner waren schon immer etwas verrückt“, grinst er. Dann wird er wieder ernst. „Was also spricht dagegen, es wenigstens zu versuchen?“
Hilflos blicke ich zu Jill, die verhalten ihre Schultern zuckt.
„Okay, dann versuchen wir es. Ich werde ein, zwei Dirndl entwerfen.“ Mister Chang stellt seine Teetasse ab und ergreift meine Hände.
„Wunderbar, ich wusste, wir einigen uns. Sie werden sehen: die Dilden von Babe in Germany werden der Renner.“
Nachdem wir Mister Chang verabschiedet haben, fühle ich mich völlig entkräftet. Jill drückt mich kurz und klopft mir beruhigend auf den Rücken.
„Weißt du, Elle, freu dich doch. Wenn wir das mit dem Dirndl gut hinbekommen, steigt er ein und der Tag gestern war ein voller Erfolg. Vielleicht hat er recht und die Sache wird der Renner. Schaden kann es bestimmt nicht.“
Ich bin mir da nicht so sicher. Dirndl. Das wird vermutlich meine hart erarbeitete Anerkennung in der Branche versauen. Außerdem habe ich keine Idee, wie ich Mister Chang davon abbringen kann, weiterhin „Dilden“ zu sagen. Das wird sicherlich noch zu peinlichen Zwischenfällen kommen. Wieder betrachte ich das Foto meiner Tochter und bin versucht, dieser die Schuld an meinem Dilemma zu geben. Aber die strahlenden Augen der Vierjährigen halten mich davon ab. Während ich mich in meinem Drehstuhl leicht hin- und herdrehe, lasse ich das Treffen noch einmal Revue passieren. Jill öffnet die Tür und setzt sich an den zweiten Schreibtisch im Raum. Mein Blick bleibt anerkennend an dem klassischen Schnitt von Jills Seidenbluse hängen. Unvermittelt habe ich eine Inspiration. Das klassische schwarz-weiß von Jills Garderobe ließe sich doch auf ein Dirndl im Babe in Germany- Stil anwenden! Plötzlich hellwach, greife ich nach einem Bleistift und beginne mit raschen Strichen meine Vorstellung zu skizzieren. Vielleicht ist Mister Changs Idee nicht so schlecht.
Obwohl es eigentlich Valéries Idee war.
Das Telefon klingelt. Auch das noch. Ich mag es überhaupt nicht, in einer kreativen Phase gestört zu werden. Geistesabwesend hebe ich den Hörer ab. Die Stimme meiner Assistentin Kitty klingt belustigt.
„Elle, da ist ein Verehrer für dich in der Leitung.“ Ratlos senke ich den Stift. Ein rascher Blick auf die Uhr bescheinigt mir zwei Stunden konzentriertes Schaffen.
„Ein Verehrer?“ Jill blickt neugierig zu mir hinüber. Kurzzeitig blitzt das Bild der braungebrannten Unterarme dieses Bootstypen vor mir auf. Mein Herz klopft wild, als ich mich an seinen herben, männlichen Geruch und das unverschämte Grinsen erinnere.
„Ja, ein Neil O´Ryan. Er hat gesagt, er möchte die schönste Frau des Büros sprechen. Ich war unschlüssig, ob er da nicht bei mir gerade richtig war und wollte ihn erst gar nicht zu dir durchstellen.“ Kitty kichert, doch ich höre ihrer Blödelei nicht richtig zu.
Es gibt nur einen Grund für Neil, mich anzurufen. Er will mich gnadenlos anbaggern. Kurz überlege ich, mich verleugnen zu lassen. Dann ermahne ich mich innerlich. So wird das nie etwas mit einem Mann. Neil ist zweifellos attraktiv und vielleicht hat er sich seit damals weiterentwickelt. Ich beschließe, ihm eine zweite Chance zu geben.
„Gib ihn mir.“ Ich lehne mich zurück und betrachte die Skizzen vor mir. „Neil. Du hast ja nicht viel Zeit verloren.“
„Hey schöne Frau. Warum sollte ich? Da winkt das Schicksal mit dem Zaunpfahl, und führt mich wieder über deinen Weg. Das kann ich nicht ignorieren.“ Ich schmunzle widerwillig.
„Du hattest immer schon einen übertrieben blumigen Charme, Neil.“ Er lacht herzhaft. Ein schönes, tiefes Brummen.
„Elle, gib es zu, es kann kein Zufall sein, wenn wir uns nach all den Jahren ausgerechnet auf diesem Boot treffen.“
„Ja, das war unerwartet.“
„Ich habe lange genug auf meine Traumfrau gewartet. Gehst du heute mit mir essen?“ Traumfrau? Obwohl oder gerade weil ich schon lange nicht mehr so schamlos angebaggert wurde, erröte ich. Jill schaut neugierig hinüber, und ich drehe mich in meinem Stuhl Richtung Fenster.
„Heute? Das geht leider nicht. Ich habe bereits etwas vor. Meine Tochter macht ein Praktikum und ich werde sie an ihrem ersten Tag begleiten.“
„Ah, ja. Das Praktikum im Heidelberg. Alexander hat mir davon erzählt. Na, das trifft sich doch hervorragend. Ich liebe das Essen dort. Ich könnte dich um acht Uhr abholen.“ Er überrumpelt mich. Insgeheim habe ich gehofft, ihn noch etwas hinhalten zu können. Solange, bis ich mir darüber im Klaren bin, ob es eine gute Entscheidung ist, Neil zu daten.
„Nein, ich werde früher da sein. Valéries Schicht beginnt am Nachmittag und ich wollte gegen sechs vorbeischauen und sehen, wie sie sich macht.“
„Kein Problem, Süße. Wo du bist, werde auch ich sein. Bis heute Abend. Und...“, er senkt sinnlich die Stimme, „...ich freue mich auf dich.“ Mindestens eine Minute, nachdem das Freizeichen ertönt, starre ich noch auf den Hörer. Ich kann es nicht leugnen, ich habe Lampenfieber.
„Sag bloß, du hast ein Date?“ Jills Tonfall lässt mich den Blick heben. Meiner Freundin kann ich nichts vormachen. Ich erzähle ihr von dem abtörnenden Jugenderlebnis mit Neil und seiner ungefilterten Anmachtour. Jill wirft den Pagenkopf in den Nacken und lacht.
„Glaub mir, Elle. Schlimmer als Richard kann er nicht sein.“ Ich verziehe den Mund. Dass Jill mich immer wieder mit Valéries Vater, dem Pariser Modefotografen, aufziehen muss. Wie soll ich Jill klarmachen, mir liegt nichts mehr an Richard? Selbst wenn ich zweimal im Jahr, wenn er in Kanada ist, bei ihm schwach werde.
„Wo trefft ihr euch?“
„In diesem deutschen Hafenrestaurant, in dem Valérie ihr Praktikum macht. Das Mister Chang zu seinen Dilden inspiriert hat.“ Meine Freundin kichert bei der Erwähnung von Mister Changs komischem Missverständnis. „Anscheinend kommst du derzeit am Heidelberg nicht vorbei.“ Mit einem Male schlägt mein Herz bei Jills Bemerkung aus wie ein Geigerzähler.
Ob der Bootstyp wieder dort sein wird? Sofort verliere ich mich in ungebetenen Tagträumen, in denen muskeltanzende Fischflossen die Hauptrolle spielen.
Obwohl Jill mich fragend ansieht, bringe ich es nicht fertig, ihr von diesem arroganten Hinterwäldler zu erzählen. Das würde diesem Typen einen Stellenwert einräumen, den er nicht besitzt und niemals einnehmen wird.
DUSCHE

ALEXANDER
„Heute also keine, Grauwale?“ Geschickt fängt Bobby das Tau auf.
Ich schüttle den Kopf und ziehe die Gangway in Position. Die heutigen Passagiere tröpfeln mit den üblichen Dankesbekundungen von Bord. Bobby verteilt an jeden von ihnen einen Flyer, der nochmals über das Forschungsprojekt informiert und um großzügige Spenden bittet. Ich genieße die Windstille im Hafen. Es ist ein warmer Tag. Kaum kann ich es erwarten, die windabweisenden Schichten meiner Seemannskluft von mir zu reißen und eine kühle Dusche zu nehmen. Heute wäre genug Zeit dafür, weil ich keine Handys bergen muss.
Kurz blitzen Elles grüne, wutgesprenkelte Augen in meiner Erinnerung auf.
Nachdem alles verstaut ist, erreiche ich mit wenigen Schritten die kleine Walstation in der Hafenzeile. Bobby folgt mir.
„Dekan Hunter hat übrigens angerufen. Er bittet um Rückruf und fragt, ob du auf der diesjährigen Jahresabschlussfeier eine Rede halten könntest. Es sollten Forschungsergebnisse enthalten sein.“ Bobby grinst und ich hebe fragend die Brauen.
„Forschungsergebnisse in der Abschlussrede? Der will doch nur checken, ob sein Geld gut angelegt ist. Aber wenn es sein muss. Ruf ihn bitte morgen zurück und sag zu.“ Ich beginne, mich aus meiner Kluft zu schälen. Als ich meinen nackten Oberkörper vor ihr entblöße, mich hinabbeuge und die Schuhe aufbinde, wendet Bobby sich verlegen ab. Verstohlen schielt sie zu mir hin, während sie so tut, als suche sie etwas auf dem Schreibtisch. Zeit, den Striptease im hinteren Zimmer fortzusetzen. Ich ärgere mich über mich selbst. Wie konnte ich nur so gedankenlos sein?
„Wenn es sonst nichts gibt, spring ich schnell unter die Dusche.“
„Äh .... nein.“ Bobbys Gesicht nimmt die Farbe einer Tomate an, als ich mit dem Handtuch um die Hüfte an ihr vorbei Richtung Bad haste.
In dem winzigen Badezimmer dauert es eine Ewigkeit, bis ich die richtige Temperatur geregelt habe. Als ich mich endlich unter dem heißen Strahl entspanne, suche ich vergeblich nach dem Duschgel. Mist. Das hatte ich heute Morgen mit ins Gym genommen.
„Bobby?“ Gedämpft ertönt ein „Ja?“
„Tust du mir einen Gefallen und bringst mir das Duschgel. Das ist in meiner Sporttasche. Die liegt auf dem Stuhl neben der Tür.“ Ich hinterlasse eine Wasserpfütze auf dem Fußboden, als ich die Dusche verlasse. Notdürftig lege ich mir das Handtuch um die Hüften und öffne die Badezimmertür einen Spalt. Bobby steht davor und schaut mich mit kreisrunden Augen an. Das heißt, sie starrt auf das Rinnsal an Wassertropfen, das meinen Bauch hinabkullert und sich in der schmalen Spur dunkler Locken sammelt, die aus dem Handtuchbund lugt. Sofort ziehe ich den Stoff höher, entreiße ihr das Duschgel und schließe die Tür. Verdammt!
Wieder unter der heißen Dusche schüttle ich über mich selbst den Kopf. Was für ein kompletter Vollidiot ich bin!
Dass Bobby mehr für mich empfindet, als ich ihr geben kann, ist wohl offensichtlich. Sonst hätte mich Neil bei unserem Surftrip heute morgen bei Sonnenaufgang am Jericho Beach nicht darauf angesprochen.
„Du merkst schon, der kleine Salma Hayek-Verschnitt fährt voll auf dich ab?“ Wir treiben mit den Boards im Wasser und warten auf die nächste Welle.
„Bobby? Unsinn, wir sind nur gute Freunde.“ Neil bricht in haltloses Lachen aus.
„Freunde? Sag mal, du musst schon sehr blind sein, nicht zu bemerken, wie sie dich anstrahlt. Die Kleine wird jedes Mal rot wenn du sie zufällig berührst. Außerdem ist sie heiß.“ Beunruhigt schaue ich ihn an und fahre verwirrt durch mein Haar. Je länger ich darüber nachdenke, desto merkwürdiger kommt mir Bobbys Verhalten in den letzten Wochen vor. Ich stöhne, als mir die Erkenntnis kommt.
„Jetzt wo du es sagst... aber das darf nicht sein!“
„Warum denn nicht? Die Kleine ist scharf und hat Temperament. Also, ich würde sie nicht von der Bettkante stoßen.“
„Sprich nicht so von Bobby. Wir arbeiten schon so lange zusammen an diesem Forschungsprojekt. Sie ist wie eine kleine Schwester für mich.“
„Also, du bist definitiv kein Bruder für sie, Alexander. Zum Beispiel heute morgen, als ich dich in der Station abgeholt habe und sie überraschend reinkam. Hast du da nicht bemerkt, wie hektisch sie wurde, als du mit nacktem Oberkörper und dem Neoprenanzug um die Hüften an ihr vorbeigelaufen bist. Ihr ist der Stapel Flyer aus der Hand geglitten. Ich dachte, die springt dich gleich an und leckt deine Brustmuskeln ab.“ Neil imitiert ein Hecheln und tut so, als liefe ihm Sabber aus dem Mundwinkel. Entnervt rolle ich die Augen.
„Neil! Ich hab gesagt, hör auf. Bobby ist nicht nur wie meine Schwester, sondern auch meine Geschäftspartnerin. Ihre Kohle steckt, genau wie meine, in der Walstation. Es wäre tödlich fürs Geschäft, mich auf sie einzulassen. Nicht auszudenken, wenn etwas schiefliefe.“
Wir nehmen die nächste Welle und haben eine Weile Spaß. Später, beim Ausruhen am Strand, greift Neil das Thema wieder auf.
„Angenommen, sie wäre nicht deine Geschäftspartnerin. Würdest du dich auf sie einlassen?“
„Auf Bobby?“ Ich starre auf die Brandung, während ich überlege. Dann schüttle ich den Kopf.
„Nein, sie ist einfach nicht mein Typ.“ Neil verdreht die Augen.
„Ach, und wie ist dein Typ, wenn nicht Latina-Sexbombe mit Wahnsinnsbrüsten?“
„Neil, Bobby hat einen Doktortitel in Ozeanologie. Reduziere sie nicht auf ihr Äußeres.“
„Wenn sie aber doch so heiß ist...“ Ich werfe mein Handtuch nach ihm.
„Wenn du sie heiß findest, fang du doch was mit ihr an.“
„Geht nicht, mein Herz ist derzeit belegt.“ Ich mustere meinen Freund mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Seit wann ist dein Herz und nicht nur dein Schwanz in deine Dates involviert?“ Neil grinst.
„Seit ich meine Jugendliebe wiedergetroffen habe.“ Ich runzle die Stirn. Dann erinnere ich mich.
„Du meinst nicht etwa die Anzugtussi vom Boot? Was war denn daran Jugendliebe? Ich denke, ihr habt nur einmal geknutscht.“ Neil seufzt theatralisch.
„Das eine Mal habe ich aber nie vergessen. Die Frau ist der Wahnsinn. Genau mein Typ. Apropos Typ. Nenn mir einen Grund, warum Bobby nicht dein Typ ist?“ Er kratzt sich seine rötlichen Bartstoppeln. „Ich kann mich an eine Latina vor drei Jahren erinnern. Und an eine Blondine wenig später. War da nicht auch eine Rothaarige? Ja, auf der Party von diesem Dings, wie heißt der noch? Dem die Bar in Yaletown gehört.“
„Du meinst Terry?“ Ich werde nur ungern an die wilden Zeiten erinnert und hoffe, Neil lässt es jetzt gut sein.
„Ja, genau. Der könnte mal wieder eine Party veranstalten. Da waren immer Wahnsinnsbräute. Zurück zum Thema: Hast du überhaupt einen Typ?“ Neils freches Grinsen ist so ansteckend, dass ich ihm sein Gelaber verzeihe.
„Frag mich was Leichteres. Ich bin mir nicht sicher, welches mein Typ ist. Aber Bobby ist es jedenfalls nicht“, sage ich, nachdem ich einen Moment grübelnd den Sand fixiert habe. Irgendetwas hat mir die Stimmung verschlagen und nagt an mir. Ich versuche zu ergründen, was genau es gewesen ist. Wieder sehe ich diese grünen Augen der Anzugfrau vor mir, die mich herausfordernd fixieren. Die Erinnerung daran, wie sich ihr Spitzen-BH durch die feuchte cremefarbene Bluse abzeichnet, lässt mich trocken schlucken. Neil wird ungeduldig.
„Was ist eigentlich los mit dir? Wann hattest du das letzte Mal Sex, Bro.“ Genervt stoße ich die Luft aus und werfe den Kieselstein, mit dem ich die letzten Minuten gespielt habe, in den Sand. Wo ist Neils angenehme Oberflächlichkeit hin?
„Neil, was soll das jetzt werden? Bist du meine Mutter?“ Neil lacht schon wieder.
„Du redest mit Christiane über dein Sex-Life. Ist ja hochinteressant! Nein, im Ernst. Entweder, du bist sehr diskret oder aber bei dir herrscht Flaute.“ Er kneift die Augen zusammen. „Du hast doch früher nichts anbrennen lassen? Und als wir vor zwei Monaten aus dieser Cocktail-Bar in Downtown gewankt sind, wäre die kleine Brünette sicherlich mit dir mitgegangen. Ich dachte, ich höre nicht richtig, als du dankend abgelehnt hast.“
„Das geht dich nichts an.“
„Jetzt sag doch mal. Zwei Monate, vier Monate?“ Mir wird es zu bunt. Nach dem Bord greifend, erhebe ich mich und klopfe den Sand vom Neoprenanzug.
„Ich geh wieder ins Wasser.“
Während ich unter der Dusche meinen Körper einseife, kommt mir das Gespräch mit Neil wieder in den Sinn. Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich seit fast einem Jahr keine Frau mehr gehabt habe. Seit einem fucking Jahr! Ich habe schlicht nicht das Bedürfnis nach Frauen gehabt. Neil hätte es mir ohnehin nicht geglaubt. Er ist wahrscheinlich der festen Überzeugung, ein Mann platzt bei so langer Abstinenz an Samenstau.
Ich denke an die großen braunen Augen von Bobby, die sich hinter der Badezimmertür in greifbarer Nähe befinden. Es wäre so leicht, meinem Einsiedlerdasein ein Ende zu setzen: das Handtuch fallen lassen, Bobby in meine Arme ziehen und sie gleich auf dem Schreibtisch nehmen. Aber, abgesehen davon, dass Bobby das nicht verdient hat, regt sich selbst bei dieser Vorstellung nichts bei mir. Es lässt meine Libido kalt, wenn sie bei mir ist oder wenn ich an sie denke. Eben wie bei einer Schwester. Es gibt keinen Grund, die Freundschaft mit Bobby komplett zu verbocken, ihr vielleicht auch noch wehtzutun und darüber hinaus meinen Traum, die Walforschungsstation, zu gefährden. Warum Bobby plötzlich mehr zu wollen scheint, will ich nicht vertiefen. An meinem Verhalten liegt es bestimmt nicht. Es gibt zu viele zeitraubende Themen in meinem Leben. Da brauche ich nicht noch eine unglücklich verknallte Frau. Vielleicht gibt sich die Schwärmerei von selbst, wenn ich sie ignoriere.
Mein Körper scheint praktischerweise mit meinem Verstand einig. Wahrscheinlich habe ich es schlicht eine Zeitlang mit den Frauen übertrieben und bin jetzt satt. Ich verziehe den Mund, wenn ich an die Zeit vor etwa vier Jahren zurückdenke. Kurz nachdem meine Schwester Mira abgetaucht ist und unser Vater sich einigermaßen erholt hat, bin ich exzessiv mit Neil um die Häuser gezogen. Blind habe ich mir genommen, was mir angeboten wurde. Und das war nicht wenig. Es schien der beste Weg, alles zu vergessen. Sie auszumerzen. Warum auch nicht?
Ich wurde immer wahlloser. Lange habe ich mir eingebildet, mich so an Laura rächen zu können. Wie dumm von mir. Als ob sie mich beobachtet hätte...
Dann habe ich fast eine goldene Regel gebrochen. Das Mädchen ist sicherlich noch Jungfrau gewesen. Kurz bevor es zum Äußersten gekommen ist, ging mir zum Glück auf, dass ich im Begriff war, eine meiner Studentinnen, von der ich noch nicht mal den Namen wusste, im Kopierraum der Uni zu vögeln. Angeekelt von mir selbst, kam ich schlagartig zur Besinnung und kappte meine Triebhaftigkeit. Es fiel mir nicht schwer. Im Gegenteil. Wenn ich ehrlich bin, ließ mich fast jede Frau kalt, die ich im letzten Jahr getroffen habe.
Darmowy fragment się skończył.