Czytaj książkę: «Der Heilungsweg des Schamanen im Lichte westlicher Psychotherapie und christlicher Überlieferung»

Czcionka:

August Thalhamer

Der Heilungsweg des Schamanen

im Lichte westlicher Psychotherapie

und christlicher Überlieferung

ENNSTHALER VERLAG STEYR

Erklärung:

Die in diesem Buch angeführten Vorstellungen, Vorschläge und Therapiemethoden sind nicht als Ersatz für eine professionelle medizinische oder therapeutische Behandlung gedacht. Jede Anwendung der in diesem Buch angeführten Ratschläge geschieht nach alleinigem Gutdünken des Lesers.

Autoren, Verlag, Berater, Vertreiber, Händler und alle anderen Personen, die mit diesem Buch in Zusammenhang stehen, können weder Haftung noch Verantwortung für eventuelle Folgen übernehmen, die direkt oder indirekt aus den in diesem Buch gegebenen Informationen resultieren oder resultieren sollen.

Bibliographischer Hinweis:

In diesen Text sind längere Passagen eingeflochten aus dem bereits erschienenen Beitrag des Autors: »Jenseits von Luhmann. Über den Systembegriff unserer Vorfahren und seine mögliche Anwendung heute«. In: MEHTA, Gerda/ZIKA Erik (Hg.): Systemische Grenzgänge. Wirksames und Wirkendes im Zwischenmenschlichen.- Wien, 2006, Krammer

Der Titel der rumänischen Übersetzung lautet: »Arta vindecătoare a şamanului în lumina psihoterapiei occidentale şi a tradiţiilor creştine« erschienen 2011 bei Editura Har Tios, Botoșani

Dieses Buch ist erstmals 2007 in der edition pro mente erschienen und erscheint jetzt, überarbeitet und erweitert, als 1. Auflage 2014 im Verlag Ennsthaler.

www.ennsthaler.at

1. Auflage 2014

ISBN 978-3-7095-0039-2 (EPUB)

August Thalhamer · Der Heilungsweg des Schamanen im Lichte westlicher Psychotherapie und christlicher Überlieferung

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2014 by Ennsthaler Verlag, Steyr

Ennsthaler Gesellschaft m.b.H. & Co KG, 4400 Steyr, Österreich

Satz & Umschlaggestaltung: www.traxl-thomas.at Umschlagbild: Olga Galushko - Fotolia.com

Die Seele des Menschen kann nur geheilt werden,

indem er sich

den Verbindungen mit den sichtbaren Welten der Natur und der Gemeinschaft zuwendet

wie auch

den Verbindungen mit den unsichtbaren Kräften der Ahnen und der verbündeten Geister.

Malidoma Patrice Somé, Brückenbauer zwischen afrikanischer und westlicher Kultur

Einleitung (von Dr. Carlo Zumstein)

August Thalhamer und ich sind uns vor über zehn Jahren anlässlich einer Expedition zu den Schamanen in Tuva, Sibirien, das erste Mal begegnet. Eine Erfahrung, die uns beide nachhaltig verändert hat. August erzählt in diesem Buch von seiner tiefen Verbindung mit dem Schamanen Saryglar Borbak Ool. Damals bereits auf den langen Fahrten durch die Steppe und in den nie ganz dunklen sibirischen Nächten, begann zwischen uns ein Dialog über unseren unterschiedlichen Weg auf der Suche nach einem Schamanismus, der sich in unserer westlichen Zivilisation neben Medizin und Psychotherapie gemeinsam mit anderen spirituellen Heilmethoden wirkungsvoll einsetzen lässt. Seither haben wir diesen Gedankenaustausch in lockerer Folge fortgesetzt. Ich liebe schamanisch Tätige, die nicht nur alte Heilrituale anwenden, um wundersame Heilungen zu erwirken, sondern auch verstehend nach den Hintergründen dieses archaischen Heilwissens forschen – in Respekt vor dem Wissen unserer Kultur, das unser Denken, Fühlen und Handeln seit Geburt geprägt hat. August Thalhamer ist ein solcher Heiler, Denker, Forscher, Philosoph und Lehrer. Ich habe sein Buch mit großem Interesse gelesen.

August Thalhamer, ausgebildeter Priester, Psychotherapeut, seit Jahren auf eigenem spirituellen Weg, verwebt seine reichen beruflichen und persönlichen Erfahrungen und sein weit gespanntes Wissen zu einem Teppich von Grundformen des psychospirituellen Heilens. Dabei betitelt der Autor sein Buch Der Heilungsweg des Schamanen. Der Weg des Schamanen ist kein Weg in unserem Sinn. Weder erfolgt die Ausbildung der Schamaninnen und Schamanen in vorgegebenen Stufen noch lässt sich ihr heilendes Wirken in eine kausale Abfolge von Handlungsschritten ordnen. Auch die Rituale lassen sich nicht in Gebrauchsanweisungen vereinfachen.

Außerdem betrachtet August Thalhamer den Schamanen im Licht der westlichen Psychotherapie und christlicher Überlieferung. Die Psychotherapie mit ihrer Vielfalt methodischer Ansätze wirft ein vielfarbiges Streulicht auf die noch eruierbaren Spuren der Schamanen und Schamaninnen in den verschiedensten Naturvölkern und Kontinenten. Zudem ist Schamanismus ein mündlich weitergegebenes Erfahrungswissen. Was wir darüber heute wissen, haben wir meist aus zweiter Hand von Ethnologen und Anthropologen. Die christliche Überlieferung aus dem Mund von Aposteln, Kirchenvätern, Philosophen, Päpsten ist unendlich fassettenreich.

Darum begegnet mir der Heilungsweg des Schamanen wie ein Teppich, der sich jedes Mal vor uns ausbreitet, wo immer wir selbst unterwegs sind und in diesem Buch lesen. Er wird dabei zu einem eigenen Kraftplatz, der heilend und klärend in uns wirkt. Oder müsste ich gar sagen, August Thalhamer legt einen Boden, der in den Tiefen des archaischen schamanischen Wissens gründet, die Grundmusterung des Christentums ausbreitet und dazwischen ein vielfarbiges Mosaik der verschiedensten psychologischen und spirituellen Modelle auslegt. Eigentlich ist alles bekannt, was Thalhamer im Laufe seines Weges zusammengetragen hat über den Schamanismus der verschiedensten indigenen Traditionen, bei den Philosophen von der Antike bis zu den heutigen Konstruktivisten, über die psychologischen Schulen von Freud über Jung, die humanistische und transpersonale Psychologie und das Christentum vom Alten Testament bis zu modernen Spirituellen. Doch der Autor gestaltet daraus Muster, die gewollt ineinander übergehen. Dadurch entstehen neue Ansichten und Einsichten des Heilens. Das ist die Herausforderung dieses Buches. Man muss immer seine eigenen Wege über diese Muster gehen, sie nachzeichnen, sie bedenken, in sich aufnehmen. Dann wirken sie auf geheimnisvolle Weise.

Das mutige Bekenntnis zum Schamanen ist die zweite Herausforderung. August Thalhamer nimmt uns mit dem Buch Der Heilungsweg des Schamanen auf seinen Heilungsweg mit, seinen Weg als verwundeter Heiler, wie Schamanen auch bezeichnet werden. Weil sie durch ihr Leiden und ihre Heilung selbst Heilkräfte geschenkt bekommen. Das Leiden ist Durchgang durch Sterben, Tod und Wiedergeburt, ist Initiation, Berufung für ein zweites Leben als Heiler und Schamane. Der Autor beginnt sein Buch denn auch mit seiner magischen Heilung von jahrelangen Rückenbeschwerden durch »Meine Frauen«. Ein ganzes Kapitel widmet er seinem persönlichen schamanischen Weg. Er gewährt uns immer wieder Einblicke in sein eigenes Wirken als Heiler, anhand vieler Beispiele. Er wagt es, sich selbst als Schamane und als Botschafter eines ewigen Wissens zu bekennen, wenn auch mit einem sensiblen Zögern, unser eigenes Zögern erfühlend, von einem aufgeklärten Menschen heute zu hören, dass er von Wesenheiten einer Anderen Welt zu ihrem ewigen Botschafter vergessenen Wissens berufen wurde.

Ich mag dieses Zögern nicht als Grund dafür nehmen, dass August auf seinem Weg so viele lebende Weggefährten und Ahnen um sich schart. Da finden wir alle großen Namen der Psychologie, viele Religiöse und Philosophen aber auch heutige Weggefährten wie Bert Hellinger, Stanislav Grof, Serge Kahilli King, Willigis Jäger, Anselm Grün, Sylvester Walch, Roger Walsh. August Thalhamer würdigt das Wirken anderer, verbindet sie zu einem sich immer weiter spannenden Netz von Menschen. Nur so kann sich immer mehr heiles Wissen und Wirken kristallisieren und so können sich heraufbeschworene Achsen des Bösen aufweichen.

Die dritte Herausforderung dieses Buches ist Thalhamers Leidenschaft fürs Heilen. Heilen ist für ihn Erlösung von Krankheit, Leiden und Schmerz. Fürs Heilen wendet er die Rituale der alten Schamanen an, fürs Heilen weint er, er betet und bittet magische Wesenheiten genauso um Heilkraft wie den christlichen Gott. Er versteht sie alle als Kräfte eines größeren Ganzen. Dadurch gelingt ihm eine Art Transzendenz der Begrifflichkeit. Er findet sich wieder als Schamane, der letztlich nur mit der Kraft des All-Einen Heilung anstößt, unabhängig davon, welche Namen diese Kraft im Dienste von Religionen, Philosophien und Psychologien trägt. Thalhamer durchschlägt gleichsam mit Begriffen, die diese als Mauern gegen die archaischen Heilkräfte der Natur errichtet haben, diese Mauern wieder. Dadurch kann die ursprüngliche Kraft des Lebens wieder wirken. Das sind Herausforderung und Geschenk dieses Buches. Möge es viele Menschen erreichen.

Dr. Carlo Zumstein

29. März 2007

Gründer und Leiter der Foundation for Living Shamanism and Spirituality,

jetzt: The Art of Bridging TAOB Foundation

Prolog

»Wie bist Du zum Schamanismus gekommen?« »Durch’s Essen,« antworte ich.

Ich sitze mit einer Kollegin im »Pro«, und noch vor der Suppe berichtet mir Monika Haslhofer begeistert, dass sie an einem schamanischen Seminar teilgenommen habe. Eine Woche später war ich schon auf dem Grundkurs und bald darauf auf dem Seminar über »Extraktion«.

Ich war fasziniert von der Tatsache, dass ich viele Heilungspraktiken unter anderen Namen bereits seit vielen Jahren kannte und (wenn auch nicht in identischer Form) praktizierte.

Und je weiter meine Ausbildung in der Foundation for Shamanic Studies voranschritt, umso sicherer war ich, nicht nur – aufbauend auf meinen bisherigen Ausbildungen und Erfahrungen – eine wesentliche Erweiterung meiner Heilmethoden, sondern auch eine neue Heimat gefunden zu haben.

Da ich mich aber auch im Christentum beheimatet fühle und von Herzen Psychotherapeut bin, musste ich diese drei, auf den ersten Blick doch sehr unterschiedlich erscheinenden Richtungen auf Kompatibilität prüfen – schon, um innere Konflikte zu vermeiden.

Gibt es – geheime – Verbindungen zwischen den dreien? Was ist ihre Schnittmenge? Sind es am Ende drei verschiedene Sprachen, vom Selben zu reden, dieselben Erfahrungen zu beschreiben? So begann ich darüber zu forschen, zu referieren und zu schreiben. Ein paar Aufsätze finden sich auf unserer Homepage:

www.thalhamer-haase.at.

Angeregt durch Karl M. Fischer habe ich nun in diesem Buch zusammengefasst, wie das alles zusammenpassen könnte. So habe ich versucht, den Wissenden zu bestärken, indem er seine Erfahrungen hier wiederfinden und sie vielleicht in einem neuen Licht wertschätzen kann. Schamanischen Greenhorns wollte ich eine Einführung bescheren, durch die sie vielleicht Verbindungen zu ihrer vertrauten Weltsicht herstellen können. Einerseits sollte das Buch persönlich und verständlich geschrieben sein, andererseits auch wissenschaftlichen Kriterien entsprechen.

Sollten Sie theoretische Überlegungen anöden, frage ich mich, wozu Sie dieses Buch gekauft haben. Aber extra für Sie habe ich Geschichten und anschauliche Berichte, ob selbst erlebt oder zitiert, in Schrägschrift dargestellt, sodass Sie ungehemmt (und unbemerkt) von Geschichte zu Geschichte hüpfen können.

Im Gegensatz zu katholischen Priestern, deren Berufung ja kirchenamtlicherseits auf Männer beschränkt wird, ist die Berufung bei SchamanInnen und PsychotherapeutInnen auf Männer und Frauen etwa gleich verteilt. Daher wechsle ich männliche und weibliche Formen ab und gelegentlich finden Sie wie hier das berühmte »Innen«. Es sind in jedem Fall beide Geschlechter gemeint.

Ich danke meinen KlientInnen, die mir so viele Erfahrungen ermöglicht haben, und meinen Freunden, die die Entstehung dieses Buches kritisch begleitet haben.

Da ich geschichtlich sehr interessiert bin, habe ich es nicht lassen können, zur leichteren Einordnung hinter jeden Autor das Todesjahr anzufügen, außer Sie sehen den Namen in Großbuchstaben geschrieben: dann finden Sie daneben das Erscheinungsjahr eines Buches, das hinten in der Literaturliste aufgelistet ist.

So berichte ich von meinen schamanischen Erfahrungen (Namen wurden verändert) und zeige auf, wie sie aus psychologischer und christlicher Sicht erklärt werden könnten.

Eine Einladung, auf seine Eingebungen zu hören, ihnen zu vertrauen und ihnen zu folgen – gleich, ob Sie sie als Botschaften der Spirits, der Weisheit des Unbewussten oder als göttlich bezeichnen.

August Thalhamer

Theologe, Psychologe und Stadtschamane

Linz an der Donau, im Februar 2007

Vorwort zur zweiten Auflage

Es strebt das Herz gern himmelwärts.

Jedoch der Bauch, jedoch der Bauch, der liebt die Erde auch.

Brigitte Heidebrecht

Es geht, so könnte man sagen, in dem Buch um das alte Bemühen des Menschen, seine himmlische und seine irdische Existenz in Einklang zu bringen.

Ich bin dankbar für die vielen positiven Rückmeldungen. Offensichtlich bin ich auf Fragen eingegangen, die sich viele stellen, und es ist nach wie vor das einzige Buch, in dem Schamanismus, Psychologie und christlicher Glaube zusammen in den Blick genommen werden.

Ich danke dem Ennsthaler-Verlag, dass er meine Darlegungen – ergänzt mit gelegentlichen Erweiterungen – neu auflegt.

Und es würde mich freuen, wenn ich ein wenig dazu beitragen könnte, dass Sie sich dem Leben anvertrauen (oder wie immer Sie es nennen) und sich fallen lassen in der Gewissheit, die Rainer Maria Rilke (†1926) so ausdrückte: » ... und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.«

August Thalhamer am 28. August 2013 im 40. Jahr meiner Laufbahn als Trainer und Psychotherapeut

1. Schamanismus

Wenn du die Gärten der Einweihung betreten willst

Wenn du die Schwelle nie überschreiten willst,

wird die Tür nie aufgehen.

Wenn du die Gärten der Einweihung betreten willst,

geht dein Weg am Hüter der Schwelle vorbei.

Es kann vieles sein.

Die Projektion deiner Angst.

Die Emanation deiner Sehnsucht.

Das Spiegelbild deines Egos.

Dein innerer Lehrer.

Dein Schutzengel. Begleiter in das Licht.

Geh vorbei an der Schwelle

und lass dich führen.

Sonia Emilia Roppele

Meine Frauen

Sie entkleiden mich und waschen mich rituell. Dann betrachten sie mein schmerzendes Rückgrat. Sagt die eine: »Das müssen wir reparieren.« Darauf die andere: »Mit Reparieren geht da gar nichts mehr. Diese Teile müssen wir austauschen!« Sie bauen mir drei Wirbel mit den Bandscheiben aus und setzen mir solche aus Wachs und Honig ein. Dann werde ich noch gesegnet. Und die Vision ist vorbei.

Das war 1982. Abgesehen von dem Jahr meiner Scheidung, blieb ich daraufhin bis heute schmerzfrei. Seit meiner Jugendzeit hatte ich immer wieder unter starken Kreuzschmerzen gelitten. Laut Röntgenbild, sagt der Arzt, müsste das nach wie vor so sein.

Als ich gut zehn Jahre später meine erste schamanische Reise machte – so nennt man die Meditation der Schamanen –, erschienen mir die Frauen wieder. Sie waren sehr erfreut, dass ich sie endlich besuchte. Zu ihnen gesellten sich mein Adler, eine Gruppe von Mönchen und höhere Instanzen, die ich nur gelegentlich aufsuche. Damit sind wir schon bei der ersten Grundannahme des Schamanismus:

Erste Grundannahme:
Außer der sichtbaren gibt es noch andere Welten.

Das ist auch wesentlicher Bestandteil aller später entstandenen Religionen. Natürlich werde ich als Theologe erinnert an den Satz des Jesus v.N.: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« (Joh. 18,36; »aber in dieser Welt«, wie es an anderer Stelle der Bibel heißt) oder z. B. an Meister Eckharts (†1328) Formulierung: »Es gibt zweierlei Geburt des Menschen: eine in die Welt und eine aus der Welt« (zit. in Andreas SCHÖNFELD, 2002).

Ich finde es interessant, dass diese »anderen Welten« üblicherweise nicht näher spezifiziert werden, sondern eben als »anders« bezeichnet werden. Auch das Wort »Übernatur« bedeutet ja nur, dass diese Wirklichkeit über die uns bekannte »Natur« hinausgeht. Das Gleiche bedeutet »Transzendenz« (darüber hinausgehend) im Gegensatz zu »Immanenz« (innebleibend). Man verwendet also Worte, die genau genommen ohne Inhalt sind, sondern bloß ausdrücken, was sie nicht bedeuten, wie auch »Nicht-alltägliche Wirklichkeit«, »Außersinnliche Wahrnehmung«, »Nondualität« oder »Das Unbewusste«. Auch wenn Worte »Das Reich der Himmel«, das bei den australischen Aborigines verwendete Wort »Traumzeit« oder »Trance« einladen können, sich darunter etwas Bestimmtes vorzustellen: schon durch die Wortwahl kommt der Respekt vor dem Mysterium zum Ausdruck, das zu ergründen nicht wirklich möglich ist. Es handelt sich – wie auch in diesem Buch – um unzulängliche Versuche, etwas für uns Irdische Unfassbares zu fassen und zu verstehen. Natürlich erschwert das auch die wissenschaftliche Untersuchung (siehe unten), obwohl man paradoxerweise bei Zurücklassung des Denkens und Erklären-Wollens – in der Meditation – diese Wirklichkeit tatsächlich erfahren kann. Wieder wach, fällt es schwer, diese Erlebnisse zu beschreiben. Im Grunde sind alle philosophischen und religiösen Erklärungsmuster ebenso wie die eindrucksvollen schamanischen Bilder mit Vorsicht zu genießen. Es sind Versuche. Und man sollte nie vergessen, sich zwischendurch vor dem unfassbaren Geheimnis zu beugen.

Angeregt durch die über 30.000 Jahre alten Felsmalereien in der Chauvet-Höhle bei Vallon-Pont-d’Arc an der Ardèche, schreibt der bekannte Schriftsteller John BERGER (2006): »Für Nomaden entspricht die Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft der Erfahrung eines Anderswo ... Für beide, Jäger wie Beute, garantiert das Versteck das Überleben. Alles hängt davon ab, dass man einen Unterschlupf findet. Alles versteckt sich. Was verschwunden scheint, ist bloß vor den Blicken verborgen. Eine Abwesenheit – wie die nach dem Tod – wird als Verlust, aber nicht als Verlassensein empfunden. Die Toten verstecken sich bloß woanders.«

Schon im Schamanismus wird diese andere Welt als bevölkert erlebt: nicht nur von den Toten, sondern auch von Dämonen und von mächtigen Geistwesen, die man kontaktieren und um Schutz und Hilfe, um Kraft, Heilung und Erkenntnis bitten kann. Oft werden dazu besondere Kraftplätze genützt und es gibt auch bestimmte Zeiten, in denen das Tor zur Geisterwelt offener ist als sonst, z. B. die Nächte beim Wechsel der Jahreszeiten.

In den späteren Hochreligionen werden diese Geistwesen oft als »Engel« (griechisch: angeloi) bezeichnet, was wörtlich »Botschafter« bedeutet, also Kommunikatoren zwischen dem unfassbaren Urgrund des Seins und dem Menschen. In der Bibel werden sie auch »Mächte und Gewalten« genannt. Der große Theologe des Mittelalters, Thomas von Aquin (†1274) nennt sie »Wesenheiten, die keinen Anteil an der Materie haben.« Gewissermaßen anschaulichere, fassbarere Mittler zwischen dem gänzlich unfassbaren Urgrund, dem Wesen des Seins – bei uns üblicherweise mit der Chiffre »Gott« bezeichnet – und uns Irdischen. (Siehe dazu meine Ausführungen unten: Ist Schamanismus eine Religion?)

Der Freud-Schüler C.G. JUNG (1995) begegnete in der außergewöhnlichen Wirklichkeit, die er »Phantasie« nannte, seinem Geistführer, der sich »Philemon« nannte und ihm entscheidende Erkenntnisse vermittelte. Und er betont: »Wir sind dermaßen in unser subjektives Bewusstsein verwickelt und verstrickt, dass wir einfach die uralte Tatsache vergessen haben, dass Gott hauptsächlich durch Träume und Visionen spricht.«

Auch Sokrates (†399 v.Chr.) sagt in einem der Dialoge Platons (†347 v.Chr., zit. in GOLDBERG, 1983): »Durch die Gunst der Götter stand mir seit meiner Kindheit ein halbgöttliches Wesen zur Seite.«

Im Schamanismus, der ältesten Form der Medizin und Psychotherapie – wahrscheinlich seit mehr als 30.000 Jahren praktiziert –, nützt man diese Ressourcen der Anderswelt zur Lösung von Problemen aller Art. Der Schamane begibt sich dazu (mit Hilfe von Tanz und Musik, z. B. von Trommeln, Rasseln, Gesängen, in manchen Weltgegenden auch mit Hilfe psychotroper Substanzen) in Trance und reist zu seinen Ahnen, zu seinen verbündeten Geistwesen (sie werden manchmal auch als »Götter« bezeichnet), zu den Kräften der Erde und des Himmels, zu seinen Krafttieren, Lehrerinnen und Führern.

Voraussetzung ist die Annahme einer körperunabhängigen Seele, die den Körper nach dem Tod verlässt, aber auch schon zu Lebzeiten in andere Welten wegfliegen kann. (Manche Forscher vermuten diesen Seelenglauben bereits bei den Neandertalern, die im Mittelpaläolithikum, in der Zeit von ca. 130.000 v.Chr. bis ca. 30.000 v.Chr. lebten, weil einige wenige Bestattungsarten darauf hinweisen könnten, dass schon damals an eine Existenz nach dem Tod geglaubt wurde.)

Gelegentlich wird der Schamane deshalb als »verrückt« bezeichnet, weil er aus dem normalen Bewusstheitszustand in einen veränderten hinüberrückt – in einen Trance-Zustand, sich dann vielleicht auch eigenartig bewegt und spricht, im Unterschied zum bleibend Verrückten (für den ihn westliche Psychologen bis in die 1950er Jahre gehalten haben), aber wieder ins Alltagsbewusstsein zurückrückt, wenn er seine Aufgabe für einzelne oder die Gemeinschaft erledigt hat. Mircea ELIADE (1954) berichtet: »Wer sich dem Schamanismus als Psychologe nähert, ... wird ihn unfehlbar mit bestimmten Formen seelischer Verirrung vergleichen oder gar unter die geistigen Krankheiten hysteroider und epileptischer Struktur einreihen« und belegt in seinem Standardwerk als einer der ersten ausführlich, »warum uns die Gleichsetzung des Schamanismus mit irgendeiner Geisteskrankheit unannehmbar erscheint.«

Roger N. WALSH (1992), der das Schamanentum mit den Augen des Psychologen durchleuchtet: »Es hat in der westlichen Psychiatrie Tradition, Mystiker als Irre, Heilige als Psychotiker und Weise als Schizophrene zu betrachten, und dies ungeachtet der Tatsache, dass die großen Heiligen und Weisen möglicherweise den Gipfel menschlicher Entwicklung repräsentieren und den stärksten Einfluss auf die menschliche Geschichte gehabt haben.«

Es ist ja nicht von vornherein klar, sondern von der Gesellschaft festgelegt, was als wahnsinnig und was als normal gilt. Bekanntlich werden Verrückte (wie Kriminelle oder manche Minderheiten) nicht nur (bewusst) aus Sicherheitsgründen ausgegrenzt oder in entsprechenden Institutionen hinter Schloss und Riegel gebracht, sondern (unbewusst), weil sie eigene Schattenanteile repräsentieren, die man ablehnt.

Während Anthropologen und Psychiater bei SchamanInnen »Geisteskrankheit«, »Epilepsie« oder »Hysterie« diagnostizierten oder sie als »Schwindler und Scharlatane« bezeichneten, als pathologische Persönlichkeiten, deren Verfahren als völlig unwissenschaftlich und wirkungslos abzulehnen wären, behaupteten Priester und Missionare, dass SchamanInnen mit dem Teufel im Bunde stünden, wohingegen die weltliche Macht Schamanen oft deshalb verfolgte und auszurotten suchte, weil sie im Volk hoch geachtet und meist nicht ohne weiteres bereit waren, sich einer unterdrückenden Macht unterzuordnen. Ähnlich wie die Mystiker aller Religionen von ihren religiösen Institutionen und Machthabern oft erhebliche Repressionen zu erleiden hatten, weil sie ja in erster Linie ihrer inneren Führung folgen wollten und sich die Beschreibung ihrer Erfahrungen oft erheblich von der offiziellen Doktrin unterschied. Bisher hat die klassische Ethnologie den Schamanismus meist aus einer fast musealen Perspektive als untergehende Kulturform beschrieben.

Über die Geschichte der Rezeption des Schamanismus im Westen siehe Amélie SCHENK (1999), wo sie deutlich macht, wie sehr das Bild des Schamanismus von der jeweiligen Kultur des Betrachters abhing – was natürlich auch auf mich und meine Ausführungen zutrifft.

Das aus dem Tungusischen (Sibirien) stammende Wort »Schamane« (es ist auch dort ein Fremdwort, kommt wahrscheinlich aus dem Sanskrit und bedeutet »der Erregte, Bewegte, Feurige«, vielleicht auch »der Wissende«; manchmal wird es auch mit »der Verrückte« übersetzt – die exakte Bedeutung ist nicht eindeutig eruierbar) wurde von den Anthropologen als Begriff für alle Heiler in den Stammeskulturen eingeführt, die in Trance mit Hilfe von Geistwesen im Dienst der Gemeinschaft Probleme lösen. Eine gute Darstellung findet sich im Standardwerk von Mircea ELIADE (1954), einen Eindruck z. B. vom asiatischen Schamanismus erhält man mit beeindruckenden Bildern durch den ungarischen Anthropologen Mihály HOPPÁL (1994).

Die meisten SchamanInnen üben ihre spirituelle Tätigkeit nicht hauptberuflich aus. Andreas REIMERS (2005) berichtet z. B. über Nepal: »Nach neueren Untersuchungen gibt es ca. 700.000 Schamanen ..., die neben ihrem eigentlichen Broterwerb als Bauern und Handwerker für die Gesundheit von durchschnittlich fünfzig Personen zuständig sind.«

Die Hauptaufgabe des Schamanen besteht darin, das soziale und wirtschaftliche Leben seines Dorfes, seines Stammes und der einzelnen Stammesmitglieder immer wieder mit der Ordnung alles Existierenden und den anderen Welten in Einklang zu bringen und Störungen zu beheben, die sich auch in Krankheiten ausdrücken können.

Er ist also der erste Systemiker schlechthin: Er sieht und behandelt ein Problem des Einzelnen (oder des Stammes) nicht nur im Zusammenhang mit der Lebensgeschichte und dem Beziehungsgefüge in dem der Betreffende lebt oder gelebt hat, sondern betrachtet auch Zusammenhänge mit der übrigen Natur, die als Geschenk verehrt und als Bedrohung gefürchtet wird, und mit der Welt der Toten, insbesondere der Ahnen, und der Welt der Geister. Er ist auch dafür verantwortlich, dass die Seelen der Verstorbenen verlässlich in der anderen Welt ankommen und nicht in dieser Welt hängen bleiben und z. B. als Gespenster lästig werden.

Schamanen sind also die Mittler und Wanderer zwischen den Welten, gemäß dem Bild des Weltenbaums oder der Weltenachse, das in vielen Kulturen verbreitet ist; auch bei unseren keltischen Vorfahren, wie es BURGSTALLER (1989) – wahrscheinlich historisch nicht korrekt – aus den Felszeichnungen in der »Notgasse« im oberen Ennstal herauszulesen glaubte: Von den drei Hauptteilen des Baumes, Wurzel, Stamm und Krone, stellt der Stamm die Welt dar, die wir mit unseren Sinnen im Wachzustand wahrnehmen. Darum wird unsere Alltagswirklichkeit schamanisch oft auch als »die mittlere Welt« bezeichnet, wobei man sich die anderen Dimensionen als die obere und die untere Welt vorstellt.

Es ist klar, warum Vertreter anderer Kulturen überhaupt nicht verstehen können, dass viele in unserer (wie wir sie bezeichnen) hochzivilisierten Gesellschaft die sichtbare Welt als einzig existierende ansehen. Ob wir denn nicht wüssten, dass der Stamm alleine nicht leben könnte! »Es unterliegt keinem Zweifel, dass in diesem geschichtlichen Augenblick die westliche Kultur schwer erkrankt ist,« sagt der Afrikaner Malidoma Patrice SOMÉ (1996). Der amerikanische Psychologe und Philosoph William James (†1910, zit. in Holger KALWEIT, 1988) glaubte, der normale Mensch sei nur halb wach und ähnle einem Hysteriker, dessen Wahrnehmungsfeld stark eingeengt ist und der nur in einem sehr begrenzten Ausschnitt seines ganzen Wesens lebt: »Wir alle haben Lebensreserven, von denen wir nur träumen können.«

Aus psychologischer Sicht sind die Totemtiere Projektionen, ebenso wie die weisen Kräfte, die uns führen und lehren, und natürlich auch Gott. Das ist m.E. keine Abwertung, da ich ja nur nach außen projizieren kann, was ich in mir habe. Der Kritik des militanten Atheisten Richard DAWKINS (2006), »dass nicht die Menschen von Göttern, sondern die Götter von Menschen erschaffen wurden,« kann man so unbedenklich zustimmen. Sagte doch schon Johann Wolfgang von Goethe (†1832):

Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,

die Sonne könnt’ es nie erblicken;

läg’ in uns nicht des Gottes eigne Kraft,

wie könnt’ uns Göttliches entzücken?

Meiner Erfahrung nach, ist es unerheblich für die Effizienz der Arbeit, ob der Patient psychotherapeutische Ressourcenarbeit macht und Lösungen aus seinem Unbewussten aufsteigen lässt, oder ob er ein Problem schamanisch zu lösen sucht, indem er in Trance seine verbündeten Geistwesen um Hilfe bittet. Da ich ja in beiden Feldern arbeite, bin ich überzeugt davon. Allerdings eben auch, dass unser innerer Reichtum unermesslich und ganz Außergewöhnliches zu leisten im Stande ist.

Im Westen wurde der Schamanismus in den 1960er Jahren durch den amerikanischen Anthropologen Carlos CASTANEDA (1998) weithin bekannt, z. B. durch »Die Lehren des Don Juan«, wo er beschreibt, wie er – zunächst mit Hilfe bewusstseinsverändernder Pflanzen und Pilze – lernte, in die Welt der nicht-alltäglichen Wirklichkeit der Yaqui-Indianer Mexikos zu reisen. Er geht aber v.a. den Weg eines »Mannes des Wissens und der Macht«, was ich nicht unbedenklich finde. Es stellt sich nämlich die viel wichtigere Frage, wofür ich sie einsetze. Wissen und Macht sind wertneutral und kein Selbstzweck und können sowohl zum Schaden wie zum Nutzen der Welt und des Einzelnen eingesetzt werden.

Auf jeden Fall könnte der Drogenboom, der Ende der 1960er mit der Hippie- und Flower-Power-Bewegung begann, als viele Versuche mit Marihuana oder LSD begannen, außer der Flucht aus einer öden Alltagswelt auch die Ahnung und die Sehnsucht nach dieser anderen Dimension bedeutet haben. Für die Allermeisten war eine positive Auswirkung dieser bewusstseinsverändernden Substanzen freilich nicht nachweisbar. Sonst müssten ja alle, die von einem »Rave« kommen, erleuchtet sein, was nicht der Fall zu sein scheint.

Wie entstand der Schamanismus? Wie wird man SchamanIn?

Vielleicht gab es eine große Dürre und die Tiere, von denen der Stamm lebte, vermehrten sich zu wenig. So hungerten auch die Menschen. Eines Morgens, die Leute waren schon recht geschwächt, berichtet ein Mädchen von seinem Traum: »Ich bin über den großen Berg geflogen. Mit meinem Freund, einem riesigen Vogel. Dahinter sind viele Tiere und genug zu essen.« Für die Alten ist es Kinderkram. Als der Vogel das Mädchen aber auch die folgenden Nächte im Traum heimsucht, entscheiden die Alten: Ob wir hier sterben oder dort, spielt auch keine Rolle. Und sie machen sich auf den Weg und finden alles, wie das Mädchen es im Traum gesehen hatte. Glücklich schmatzend feiern sie. Und beim nächsten Problem, das auftritt, fragen sie das Mädchen, ob es nicht wieder träumen könnte, um eine Lösung geschenkt zu bekommen. Vielleicht aber fällt das Mädchen spontan in Trance, als sie abends musizieren, und erhält Antworten. So lernen sie, wie man den Zustand auch absichtlich herbeiführen kann. Und die jeweils dafür Begabtesten üben in der Folge diese Funktion aus. So könnte es gewesen sein. Oder auch nicht.

Vielleicht war es so, dass sich drei Jäger auf den Weg machten, um einen Hirschen für die Sippe zu erlegen. Diesmal hatten sie sich weiter als sonst von ihrer Lagerstätte entfernt. Da hinderte sie ein anhaltendes Hochwasser, zurückzukehren. Hunger, Müdigkeit und Erschöpfung quälen sie und ihre Kräfte schwinden. Einer kriegt Halluzinationen: Ein alter Mann führt sie flussaufwärts und zeigt ihnen einen Baum, auf dem sie übers Wasser gehen können. Da ist der Mann weg und am anderen Ufer erscheint ein hinkendes Mammut. Dann brach es ab und sie sitzen glücklich im Kreise ihrer Sippe, umringt von den Kindern und bewundert von den Erwachsenen. Halb wach, halb in Trance folgen sie dem Flusslauf Richtung Quelle und finden alles, wie es dem Jäger gezeigt worden war. Daheim versucht er später, in Einsamkeit, durch Wachen und Fasten diesen außergewöhnlichen Zustand bewusst herbeizuführen und den alten Mann wieder aufzusuchen, der ihnen den Weg gewiesen hatte.

Vielleicht aß der Krieger versehentlich ein wenig von dem Pilz, an dem sein Onkel gestorben war, und sagte darauf in Verzückung wahre Sätze. So entdeckte er die richtige Dosis, die er brauchte, um immer wieder Gesichte zu erhalten, die dem Wohl der Sippe dienten.

Oder es war ein heißer Tag. Der Junge klopfte mit einem Holz auf das Fell, das sein Vater zum Trocknen aufgespannt hatte. Der Ton gefiel ihm. Auf einmal sieht er Bilder und ist fasziniert. Sie sind so schön, dass er gar nicht zurückkehren will. »Das werde ich wieder machen,« sagt er sich. Später baut er die erste Trommel und lehrt auch seine Kinder zu reisen.

Vielleicht war es so, dass sich die Menschen im Übergang von ihrer tierischen Vergangenheit ohnehin eine hohe Sensitivität bewahrt hatten und sie, unreflektiert und selbstverständlich, in beiden Zuständen lebten, die sie lange Zeit nicht einmal unterscheiden konnten.

Auf jeden Fall wird die übrige Natur sowohl nährend wie auch bedrohlich erlebt. Kein Wunder, dass die Menschen Ehrfurcht vor ihr hatten, da die Erde Leben geben und zerstören konnte. Insbesondere in Jäger- und Sammlergesellschaften mit der geringen Vorhersagemöglichkeit, ob man genug zu essen erjagen oder finden werde, war es überlebenswichtig, Methoden zu finden, sich die übrige Natur gewogen resp. gefügig zu machen, um so sicherer und angenehmer leben zu können. So gewannen sie eine Fülle von Erfahrungswissen – irdischer Natur, z. B. bei der Herstellung von Werkzeugen und Waffen und spiritueller Natur, bei der Entwicklung wirksamer Rituale, in denen sie mit den Energien von Pflanzen und Tieren in Kontakt treten konnten. Was sich bewährte, wurde den Nachfahren weitergegeben.

Man geht heute davon aus, dass der Schamanismus nicht in einer bestimmten Gesellschaft entwickelt bzw. entdeckt wurde und sich von dort ausgebreitet hat, sondern dass er in den verschiedenen Weltgegenden gleichzeitig entstanden ist und zum Humanum gehört.

Wie auch immer: Einige sind von Haus aus sehr begabt und erkennen – hellsichtig – sogar im Wachzustand verborgene Zusammenhänge. Manchmal liegt das in der Familie und wird von Generation zu Generation »weitervererbt«, wie z. B. Galsang Tschinag und Amélie SCHENK (1998) von einer tuvinischen 19-Jährigen in der Mongolei berichten, die vom Geist ihrer zuvor verstorbenen Großmutter, der großen Schamanin Pürwü, erfasst und zu deren Nachfolgerin als Schamanin berufen wurde.

Andere werden gerufen, in Fieber, in Träumen oder spontanen Visionen. Sieht jemand plötzlich Geister, die sonst niemand sieht, wird er nicht zum Psychiater geschickt, sondern Schamanen überprüfen, ob er nicht zum Schamanen berufen und dazu von ihnen gerufen worden ist.

Andere werden sensitiv durch eine schwere Krankheit oder einen Unfall, der sie an den Rand des Todes brachte. Die Initiation ist aber nie ein Ereignis, sondern ein Prozess der persönlichen Heilung und Reifung und der Prüfung und Ausbildung, der über Jahre geht.

Schamanische Berufung heute

Luise, eine Diabetikerin, die regelmäßig zur Dialyse muss, begegnet bei einer schamanischen Reise (genauere Beschreibung s.u.) ihrer geliebten Großmutter, die seit Jahren tot ist, hält sich aber nicht lange bei ihr auf (Disziplin!), um weiter in die obere Welt zu fliegen. Dort erlebt sie eine wunderschöne und würdevolle Frau, die sich mit dem Namen »Nina« vorstellt. Bald ist sie umgeben von einer Schar Frauen, die Luise besondere Hochachtung entgegenbringen, ihr ihre Berufung zur Schamanin bestätigen und sie ermutigen: »Du brauchst nicht weiter Angst zu haben, wenn Du reist. Deine körperliche Heilung ist nicht unsere Aufgabe. Aber wir bringen in Dir eine Melodie zum Klingen, die Du nie vergessen wirst. Und die wird bewirken, dass sich auch in der mittleren Welt alles einrenkt.« Luise begann ihrer Berufung zu folgen, begann Heilungsrituale durchzuführen und erhielt später eine Spenderniere, die sie bis zu ihrem Tod nicht wieder abgestoßen hat.

Auch die meisten der klinisch Toten, die reanimiert werden konnten, berichten, dass sie einen Blick in die andere Dimension machen durften, von der sie ungern zurückkehren wollten, und veränderten daraufhin grundlegend ihr Leben. (Ein Vergleich schamanischer Reise-Erfahrungen mit Nahtoderlebnissen findet sich bei Joachim FAULSTICH (2003), der auch den viel beachteten Film »Jenseitsreisen« gedreht hat.) »Im Angesicht des Todes wird das Selbst des Menschen geboren,« sagt Augustinus (†430).

Manche erleben in spontanen oder bewusst herbeigeführten Visionen eine Zerstückelung als die entscheidende Initiationserfahrung. Tod und Auferstehung werden dabei meist grausig und realistisch erlebt. Doch wie soll jemand zum Grenzgänger zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten werden, wenn er nicht erst den Tod selbst gekostet hat?

Von solch einer spontanen Zerstückelungs-Erfahrung, wie ich sie in meiner Praxis auch immer wieder erlebe, berichtet Winfried PICARD (2006) ausführlich als entscheidendem Wendepunkt in der Leidensgeschichte einer schizophrenen Patientin.

Der Schamane versteht sich als Wanderer zwischen den Welten. Das deutsche Wort »Hexe« kommt wahrscheinlich von »haga zuga« oder »haga zussa«, was soviel bedeutet wie »Zaunreiterin« (die Grenzen überspringt), ein Wort, das angeblich in manchen Gegenden der Schweiz noch verwendet wird. In der keltischen Tradition spielten Grenzen und Übergänge eine besondere Rolle und noch heute drücken manche Naturheiler dies auch rituell aus, indem sie am Übergang zwischen Tag und Nacht auf der Schwelle des Hauses halb im Tag- und halb im Nachtgewand ihre Zeremonien durchführen. Das erzählte Tom COWAN, der »Die Schamanen von Avalon. Reisen in die Anderswelt der Kelten« (1998) schrieb.

Die »Initiationskrankheit« (wörtlich: »die Krankheit, die einen auf den Weg bringt«) verschwindet oft, wenn man zu schamanen beginnt. Aber nicht immer. Man spricht vom »verwundeten Heiler«.

Der geniale Begründer der neuen Hypnotherapie Milton H. Erickson (†1980), der Psychiater Erwin Ringel (†1994) und der Mathematiker und Physiker Stephen Hawking, den viele für den begabtesten zeitgenössischen Menschen halten, waren/sind durch Behinderungen schwer beeinträchtigt. Haben sie gerade dadurch Außergewöhnliches geleistet, weil sie ihr Leiden nach einiger Zeit annehmen konnten und sich ihre Beeinträchtigung dadurch als Segen erwies?

Gerade bei einem Heilberuf ist selbst erlittenes Leid oder eine überlebte Krise mit dem üblichen Ablauf tiefgehender Gefühle sicher für das Verstehen seiner Klienten von großem Vorteil. Er wird sich bei intensiven Gefühlsäußerungen nicht schrecken. Er kennt das ja von sich selbst – und hat es (hoffentlich) inzwischen bewältigt.

Das erinnert daran, dass das Psychologiestudium oder der Beruf des Psychotherapeuten – unbewusst – wohl deshalb gewählt werden, weil man in Wirklichkeit seine inneren Konflikte und Probleme lösen und sich selbst heilen möchte.

Vor ein paar Jahren kam Sonja zu mir, eine Schülerin der Oberstufe, die seit geraumer Zeit an Epilepsie, u.zw. an dem Grand Mal, litt. Da dies seit alters her oft als Berufungskrankheit erlebt wird, lade ich sie ein zu einem schamanischen Heilseminar.

Bei einer schamanischen Reise erscheint ihr ein Löwe, der zu ihr sagt: »Glaube endlich an Deine Kraft!« Und in einem Nachttraum wollen Lichtgestalten sie wegzerren: Sie wehrt sich.

Dann mache ich mit der Gruppe eine schamanische Heilbehandlung für sie. Kaum mache ich die Augen zu, sehe ich eine Menge mächtiger Frauen über Sonja. Sie sind zuerst überhaupt nicht begeistert, dass ich, ein Mann, daherkomme, sind mir aber dann dankbar, als sie meine weiblichen Seiten erkennen. Ich frage sie, warum sich ihre Heilkraft noch nicht durchgreifend auf Sonja auswirkt. Sie antworten: »Es spießt sich im Kopf.« Das kann ich (rituell) leicht bereinigen. Dann sehe ich das Hindernis in ihrem Herzen, es ist vor allem Sonjas große Angst vor dem vielen Schlimmen, dem sie begegnen wird, wenn sie ihrer Heilberufung folgt.

Die Hauptbotschaft, die ich erhielt und Sonja mitteilen sollte: Wenn Du zu heilen anfängst, werden die Anfälle aufhören. Zum Abschluss der Sitzung sollte ich sie bitten, jeden von uns zu segnen. Was sie auch tat.

Es kam so, wie es mir in der Vision gesagt worden war: Als sie ziemlich widerwillig und ganz selten zu heilen begann, reduzierte sich die Frequenz der Anfälle. Seit sie nun regelmäßig Heilsitzungen hält, hat sie keine epileptischen Anfälle mehr. Als sie einmal wieder eine längere Pause einlegte, kamen in dieser Zeit die Anfälle wieder.

Gemäß der humanistischen Psychologie (nach Abraham Maslow, †1970, Fritz Perls, †1970, Carl Rogers, †1987 etc.) bin ich der Ansicht, dass jeder Mensch die Fülle der Weisheit in sich trägt und diese grundsätzlich für sich selbst und andere fruchtbar machen kann. Auch so gesehen gehören schamanische Fähigkeiten zum Humanum und jeder Mensch ist dazu fähig. So wie jeder – wenn auch in unterschiedlicher Qualität – befähigt ist zu singen.

Francis VAUGHAN (1991), eine der Pionierinnen der Transpersonalen Psychologie, hält Intuition – ein anderes Wort für diese innere Erkenntnisquelle – nicht für eine exotische Fähigkeit einiger Auserwählter, sondern für eine universelle Eigenschaft aller Menschen. Auch Gail Ferguson (zit. in OBERMAYR-BREITFUSS, 2005) betont, »dass Intuition etwas komplett Normales unter menschlichen Wesen ist.«

Sicherlich gibt es welche, die von Haus aus sehr begabt sind, und man kann sie auch trainieren. Die Begabtesten des Stammes werden eben SchamanInnen, wobei sich keine/r freiwillig darum bewirbt, sondern oft wie Sonja durch eine Krankheit von den Geistern gerufen und regelrecht gezwungen wird. »Der Heiler träumt davon, menschlich, d.h. normal zu sein, während der Normale ebenso angesehen sein will wie der Medizinmann,« berichtet Malidoma Patrice SOMÉ (1996). Auch von den Propheten wird berichtet, dass sie sich mit Händen und Füßen gegen ihre Berufung gewehrt haben. Der Schweißer Nkongo, der Sohn eines nganga, eines traditionellen Heilers bei den Duala in Kamerun, erzählt dem Forscher Eric DE ROSNY (1999):

»Ich möchte in einem Unternehmen arbeiten. ... Aber diese nganga-Sache geht mir nach: Falls ich im Traum eine Vision habe, wird mich das bestärken. Dann muss ich akzeptieren. Ich selbst werde aber nicht drauf aus sein, eine Vision zu haben. ... Und ich bin sogar sicher, dass, wenn meine Mutter das alles erführe, sie mir raten würde, davon Abstand zu nehmen.« Auch sein Vater Loe, der ursprünglich Schreiner werden wollte, hatte sich zunächst geweigert, nganga zu werden.

Selten denkt jemand in unseren Breiten beim Wort »Beruf« an die Frage, wer denn da ruft. »Nicht Ihr habt mich erwählt, sondern ich habe Euch erwählt,« heißt es auch bei Joh. 15,16.

Oft wird eine schamanische Begabung von anderen Schamanen erkannt. Ein Erlebnis im Frühjahr 2004 ist mir besonders in Erinnerung geblieben:

Drei Monate war die kleine Christa nach ihrer schwierigen Entbindung (Geburtsgewicht 800g) im Inkubator gelegen. Als sie dann endlich heimkam, schrie sie täglich herzzerreißend zwischen 16 und 19 Uhr. Noch länger, wenn sie untertags mit Fremden in Kontakt gekommen war. Sie bekam eine Darmentzündung und hatte viele Infekte. Antibiotika halfen nicht, mehr als hundert Blutabnahmen hatten den Ärzten keine Klarheit gebracht. Ich habe mit der behandelnden Ärztin gesprochen. Die verzweifelten Eltern riefen mich an, ob ich nicht eine Fernbehandlung machen könnte.

Ich dachte mir: Das arme Kind! und spürte eine große Traurigkeit. Aber kaum in Trance, erlebe ich seine Größe: Christa ist/wird eine große Frau und Schamanin. Und ihr schlimmer Start ist ihr Berufungsgeschenk. Die Anderen in der Gruppe erleben es ähnlich. Ich brauche nichts für sie tun. Im Gegenteil: Sie segnet uns und ich solle dazu jeder/m im Kreis die Hände auflegen. Als ich ihren Segen weiterleite, sehe ich, wie sie sich immer mehr aufrichtet und ihre Symptome verschwinden. Es war eine Ehre, dass sie uns besucht hatte. Für Christa war es nur um die Bestätigung gegangen und dass ihre Begabung erkannt wird.

Die Mutter berichtet mir eine Woche später am Telefon: Ab dem Zeitpunkt der Sitzung hat Christa 24 Stunden nur gelacht und dann sehr lange geschlafen. Und wie es mir gezeigt worden war, ist sie seither symptomfrei und ein besonders heiteres Kind, wie mir die überweisende Ärztin von Zeit zu Zeit berichtet.

Seit ich als spiritueller Heiler bekannt wurde, kommen vermehrt Sensitive zu mir, die aber ihre Begabung nicht als solche deuten, sondern als furchtbare Belastung erleben. Einige von ihnen sind hellsichtig (was ich nicht bin – ich muss in Trance gehen, um zu sehen) und haben Präkognitionen. Für den Psychologen interessant (und fragwürdig) ist freilich, dass sie vorwiegend negative Ereignisse, z. B. Todesfälle, voraussehen, selten aber z. B., dass jemand eine glückliche Liebesnacht haben wird.

Auch bei Schizophrenen ist das Tor zur Anderswelt schon offen.

Roswitha mailte mir: »Ich ging gestern ca. um Mitternacht schlafen und glaubte plötzlich, Außerirdische seien bei mir. Ich hatte das Gefühl: Sie bearbeiten mich.«

Ein Teil der als »schizophren« Diagnostizierten hat sicher eine spirituelle Begabung, die sie aber nicht unter Kontrolle haben und dadurch auch nicht für sich und andere nützen können. Sollten Sie davon betroffen sein: Das kann man üben und lernen. (Ein diesbezüglicher Behandlungsbericht findet sich unten.) Es schaut vielleicht nicht so aus, aber schamanisches Vorgehen ist äußerst diszipliniert:

•Man reist nicht irgendwo hin – wie ein Psychotiker, den es seiner Problematik gemäß irgendwohin verträgt, was er normalerweise nicht steuern kann –, sondern man sucht ausschließlich seine verbündeten guten Mächte auf und lässt sich dann von ihnen führen.

•Man entscheidet, von Ausnahmen abgesehen, selbst über den Beginn des Bewusstseinswechsels und dessen Ende.

•Man geht nicht in die Anderswelt, um aus seiner schlimmen und unerträglichen Situation zu fliehen, sondern im Gegenteil, um die Ressourcen dort für diese Welt fruchtbar zu machen.

Die Foundation for Shamanic Studies

Durch sie erhielt ich die Einführung in den Schamanismus, die Grundausrüstung sozusagen. Die eigentliche Ausbildung erhält man jedoch durch Visionen von Meistern und Lehrern in den anderen Welten. So war das auch bei mir.

Die Foundation for Shamanic Studies wurde gegründet von Michael HARNER (1994). Er erzählte, dass es ihm wie den meisten Anthropologen ( z. B. auch Florinda DONNER, 1983) gegangen war: Er durfte als Forscher zwar an schamanischen Heilritualen teilnehmen, konnte aber, abgesehen von Äußerlichkeiten, nicht in Erfahrung bringen, was dabei wirklich vor sich ging und wie die bemerkenswerten Heilungen zustande kamen. (Siehe dazu unten den Abschnitt über wissenschaftliche Forschung. Auch den LeserInnen dieser Zeilen, die sich näher für Schamanismus interessieren, seien eigene Erfahrungen empfohlen. Manches kann man nur verstehen, wenn man es selbst erlebt hat, worauf auch das Wort »Interesse« hinweist, das ja »dazwischen, mitten drin sein« bedeutet.) »In religiösen Dingen kann man bekanntlich nichts verstehen, das man nicht innerlich erfahren hat,« sagte Carl Gustav Jung (†1961).

So wurde Harner eingeladen, den »objektiven« wissenschaftlichen Standpunkt (wie man ihn damals verstand) zu verlassen und sich – in einer Form von teilnehmender Beobachtung – selber initiieren zu lassen. Also begab er sich auf Visionssuche, was er auch in seinem Buch »Der Weg des Schamanen« beschreibt. Seine Erfahrungen gingen weit über das bisher verstandesmäßig Erkannte hinaus. Er machte weitere persönliche schamanische Erfahrungen, verließ daraufhin die Universität, forschte aber weiter und initiierte internationale Treffen, wobei er v.a. der Frage nachging: Was ist bei den SchamanInnen in allen Weltteilen gleich? Diesen Core-Schamanismus (das Wesentliche, den Kern des Schamanismus) begann er auch zu lehren – in einer für uns westlich Sozialisierte nachvollziehbaren und zugänglichen Form. So gibt es durch seine und andere Organisationen inzwischen auch in unserer modernen Gesellschaft wieder zunehmend Frauen und Männer, die ihre Berufung erkennen und ihr folgen.

Abgesehen von den »Naturbegabungen« unter den »Geistheilern«, die sich auch in unseren Breiten ohnehin über die Jahrhunderte gehalten haben – so vollständig konnte die spirituelle Heiltradition durch Kirche und Aufklärung doch nicht ausgelöscht werden, wie z. B. der Journalist Paul UCCUSIC (1984), der spätere Verantwortliche der Foundation in Europa, in seinem schönen Buch berichtet. Der Sozialwissenschaftler und Kulturanthropologe Andreas J. OBRECHT (1999 und 2000) forschte nicht nur in anderen Kulturen, sondern auch in Österreich: Im ersten Band erzählen erstmals Heiler und Heilerinnen offen von der Entdeckung ihrer Fähigkeiten und über erfolgreiche Praktiken jenseits der Schulmedizin, im zweiten Band geht es um die Frage:

»Wer sind jene Menschen, die in Zeiten der Krankheit, der Krise, des Schmerzes und des bevorstehenden Todes auf die hilfreichen Kräfte des Gebetes, der heilenden Hände, auf Naturgeister und Krafttiere, auf die Heiligen der katholischen Kirche, auf die Hilfe Verstorbener, auf universale kosmische Kräfte, auf Jesus Christus oder geheimnisvolle Energieplätze, kurz auf christliche und schamanische Heilrituale vertrauen? ... 76% der Klienten geben an, eine eindeutige Verbesserung der subjektiven Befindlichkeit – physisch und psychisch – erfahren zu haben.«

Für diese Arbeit wurden auch ich und eine Reihe meiner KlientInnen befragt.

Ute MOOS (1999) stellt vier HeilerInnen aus Österreich (darunter auch mich unter dem Pseudonym »Albert G.«) und jeweils eine/n ihrer PatientInnen ausführlich vor.

Albert Einstein: »Ich vertraue auf Intuition.«

Es tut gut, nach der etwa fünfhundertjährigen Überbetonung der Vernunft und der fast ausschließlichen Wertschätzung des Denkens und Lenkens nun wieder den Wert des anderen Pols zu erkennen. Im Duden finden wir unter »Intuition«: »unmittelbare ganzheitliche Sinneswahrnehmung, ohne Reflexion entstandene Erkenntnis des Wesens eines Gegenstandes«. Manchmal wird sie als »Wissen ohne Wissen« bezeichnet. Wolfgang Amadeus Mozart (†1791) und Johann Wolfgang von Goethe (†1832) berichteten übereinstimmend von Einfällen in Überfülle, die in bestimmten Augenblicken kamen, die sie aber nicht herbeizwingen konnten. Intuition spielt aber nicht nur im Wirken des Künstlers eine entscheidende Rolle:

Manche knifflige wissenschaftliche Probleme wurden auf diesem Weg gelöst, worauf nicht nur Albert Einstein (†1955) verwiesen hat. Zum Beispiel: berichtete der Chemiker August Kekulé (†1896), dass er die Ringstruktur des Benzols durch Bilder von Schlangen, die ihm im Halbschlaf gekommen waren, entdeckt hatte; und auf ähnliche Weise entschlüsselte Melvin Calvin (†1997) die Geheimnisse der Photosynthese. Der Physiker Michael Boris Green entwickelte die Stringtheorie, nachdem ihm unverständliche, verrückte Bilder in den Sinn gekommen waren.

Wenn es stimmt, dass der Mensch vielleicht 100.000 Entscheidungen pro Tag zu treffen hat, wäre dabei das bewusste logische Denken absolut überfordert. Wir entscheiden vorwiegend intuitiv, nachweislich kurz bevor sich unser Denken damit befasst – mit dem »Bauch-Hirn«, das mit seinen etwa 100 Millionen Nervenzellen v.a. im Darm zu lokalisieren ist und laut aktueller Forschung fast 9-mal mehr Informationen nach oben schickt als umgekehrt. Das gilt für kleine tägliche Entscheidungen ebenso wie für die Partnerwahl oder Managemententscheidungen. Interessanterweise heißt es schon in den Psalmen (16,7): »Selbst des Nachts unterweisen mich meine Nieren.«

Diese bei jedem Menschen vorhandene Fähigkeit kann man auch bewusst trainieren und nützen. Unsere frühen Vorfahren haben in der Nutzung dieser Erkenntnisquelle über Jahrtausende Erfahrungen gesammelt. Schamanische Arbeit funktioniert nämlich nur, wenn man (wie in anderen spirituellen Traditionen) das Denken reduziert, sein Ich und die eigenen Absichten zurückstellt und sich der Intuition überlässt.

Zum Beispiel: macht der gewiefte Westler vor einer Entscheidung eine Pro- und Contra-Liste für jede Alternative, gewichtet die Argumente, diskutiert mit anderen darüber, macht vielleicht ein Gruppen-Brainstorming und zerbricht sich den Kopf, was die beste Lösung sein könnte. Wenig üblich ist, – vielleicht zusätzlich – sich still hinzusetzen, mit dem Nachdenken aufzuhören und sein Unbewusstes um Hinweise auf die richtige Lösung zu bitten, die auch durch kleine Körpersignale bestätigt werden können.

Wie unsere Altvordern wartet man nicht auf eine spontan auftretende Eingebung, sondern begibt sich in einen veränderten Bewussheitszustand, der intuitive Einfälle ermöglicht – eine natürliche Fähigkeit, die grundsätzlich jeder lernen und üben kann und wohin er sowieso jede Nacht reist. Man könnte auch sagen: es handelt sich um induzierte Träume.

Diese Methoden (in der schamanischen Sprache: Befragung der Geister) könnten wie in den Stammeskulturen nicht nur zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden, sondern auch zur Lösung politischer, wirtschaftlicher sowie wissenschaftlicher und technischer Fragestellungen. Die Antworten entsprechen allerdings nicht immer dem, was man vorher vermutet und sich gedanklich zurechtgelegt hatte. Aber die Lösungshinweise, die (psychologisch gesprochen) aus der Weisheit des – kollektiven – Unbewussten aufsteigen, bzw. (schamanisch gesprochen) einem in Trance in der Anderswelt geschenkt werden, sind meiner Erfahrung nach verlässlich und stehen im Einklang mit dem Wohl des ganzen Universums. Sie kommen oft nicht in »digitaler« Form, sondern »analog« in Form von Bildern, die erst entschlüsselt werden müssen.

Susanne mailte mir: »Ich sah Würmer unter meinem Weisheitszahn, damit konnte ich nicht wirklich was anfangen. Als ich in der darauf folgenden Nacht träumte, dass sehr viele Ameisen im Mund diese Würmer auffraßen, streckte ich die Fühler nach einem Zahnarzt aus und vereinbarte einen Termin.

Röntgen und Untersuchung ergaben, dass der Zahn ok wäre und ich bestand dennoch drauf, dass er rausgerissen wird. Wir staunten beide nicht schlecht, als am Zahn eine Zyste dranhing, die fast gleich groß war wie der Zahn selbst. ›Höchste Zeit,‹ war der Kommentar des Zahnarztes. Du kannst Dir vorstellen, wie dies mein Vertrauen in meine Intuition gestärkt hat.«

So nähern wir uns einer zweiten Grundannahme, die sich wesentlich von unserer vergleichsweise erheblich eingeschränkten Sichtweise im Westen unterscheidet. Es fragt sich ja:

Wie kann eine Person von einer anderen etwas spüren und wissen, was sie gar nicht wissen kann?

Das lässt den, der zum ersten Mal einer schamanischen Behandlung beiwohnt, ergriffen, aber verwundert den Kopf schütteln.

Doch das Phänomen kennen wir auch aus verschiedenen Richtungen der Psychotherapie: ob in Gestaltarbeit, Psychodrama, in der Familienrekonstruktion, der Part’ s Party, bei Familien- oder Strukturaufstellungen – wer mit diesen Methoden arbeitet, hat die Erfahrung gemacht, dass man sich auf die wesentlichen Aussagen der Darsteller/Rollenspieler (von seltenen Ausnahmen abgesehen) verlassen kann.

Es kommt vor, dass vom Spieler sogar dieselben Formulierungen gebraucht werden, die der Fallbringer vom Dargestellten kennt, dessen Symptome er ansatzweise spürt, selbst wenn dieser schon gestorben ist.

Fachleute sagen ja, dass eine Gitarrenseite – einmal gezupft – nie wieder aufhören wird zu klingen, auch wenn wir den Ton mit unseren Ohren bald nicht mehr wahrnehmen. Theoretisch sei es möglich, mit einem sensiblen Messgerät Töne hörbar zu machen, die vor hunderten Jahren erklungen sind. Haben wir in Trance etwa diese Fähigkeit?

Unsere abendländische Kultur ist die einzige auf der Welt und in der Geschichte, die die Individualität in nie gekanntem Maße betont. Wir sind es gewohnt, uns als Einzelwesen, getrennt von allen anderen, zu sehen. Aus schamanischer Sicht wird die Einzelausformung und Unterscheidbarkeit des Einzelnen vom Anderen nicht geleugnet, so wie auch ein Finger sich vom anderen unterscheidet und sogar eigene Namen hat: Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger ... Was unsere Kultur trotz der Entwicklung der Systemtheorie nicht sehr ernst nimmt, ist, dass Alles mit Allem verbunden ist. Schamanisch wird der ganze Kosmos wie ein einziger Organismus gesehen.

Zweite Grundannahme: Alles ist Teil eines Ganzen.

Wenn ein Finger verletzt wird, spürt dies auch der andere Finger, denn es gibt Verbindungen: Haut, Gewebe, Blut- und Nervenbahnen ... Sehe ich mich also als Teil eines Körpers, gibt mir das nicht nur Kraft durch die Erfahrung des Verbundenseins, sondern ich kann die Verbindung auch nützen und wahrnehmen, was in einem anderen Teil des einen los ist. Ich brauche also keinem eine Ohrfeige zu geben, da kann ich mir ja gleich selbst eine runterhauen; und wenn ich einem anderen Liebes antue, dann beschenke ich dadurch auch mich selbst.

»Wir … wissen auch, dass wir als lebendiger Teil dieser Erde

ihr nicht Gewalt antun können,

ohne uns selbst zu verletzen.«

Lame Deer, Lakota-Häuptling (†1877)

Diese uralte schamanische Sicht der Einheit aller Lebewesen fand auch Eingang in den Hinduismus, Jainismus und Buddhismus, wo sie einen bedeutenden Impuls für das praktische Leben darstellt.

In der jüdisch-christlichen Tradition wurde oft der Auftrag Gottes: »Macht euch die Erde untertan!« (Gen. 1,28) missverstanden, dass man die Natur brutal ausbeuten dürfe.

Wie anders spricht Roy SESANA (2005), der alte San aus der Kalahari-Halbwüste in Botswana, z. B. über die Jagd:

»Ich kann Worte nicht lesen. Doch ich kann das Land lesen und die Tiere. Alle unsere Kinder können dies. Könnten sie es nicht, wären alle längstens schon tot ... Jagen heißt: Zu den Tieren gehen und mit ihnen zu sprechen. Du stiehlst nicht ihr Leben. Du gehst hin und fragst ... Du spürst der Antilope nach ... Du sprichst zu ihr und schaust ihr in die Augen. Und dann weiß sie, dass sie dir ihre Kraft geben muss, damit deine Kinder weiterleben können.«

Tobee Tcori, wie er auch genannt wird, der bekannteste Sprecher der Buschleute, hat 2005 für den Kampf gegen die Vertreibung seines Volkes, das wegen des Diamantenabbaus aus ihrer Heimat zwangsumgesiedelt worden war, den Alternativen Nobelpreis erhalten.

Der Biologe und Kulturwissenschafter Andreas WEBER (2007), der der Frage nachgeht, was wir in uns vernichten, wenn wir die Natur zerstören, präzisiert: »Lange Zeit haben Biologen und Philosophen zu solchen Themen geschwiegen. Erst seit den letzten Jahren beginnen sie zu begreifen, wie sehr wir mit anderen Wesen verbunden sind ... Ohne lebende Wesen um uns herum ... müssen unsere eigenen Empfindungen verkümmern ... Denn wir sind Tiere. Darum gehört zu dem, was unser innerstes Wesen ausmacht, auch das, was andere Tiere uns zu zeigen vermögen ... In den abgründigen Augen der wilden Kreaturen sehen wir uns selbst ... Alles Seelische hat eine körperliche Kehrseite. Wir sind in unserer Psyche mit der Natur verflochten ... Das heißt freilich zu begreifen, dass es auf diesem Planeten kein Drinnen und kein Draußen gibt, keine Systeme, die exklusiv für den Menschen gelten und nicht für Fische und Vögel, Tauben und Tiger. Genauso wenig existiert ein isoliertes Reich des Geistes.«

Weber zieht eine besorgte Bilanz: »Das Ende des ökologischen Zeitalters, so fürchten manche, wird eingeläutet durch die schleichende Machtübernahme von transnationalen Konzernen wie Monsanto, die sich an keine demokratische Errungenschaft mehr gebunden fühlen; durch kapitalistische Diktaturen wie China, die Umwelt- und Menschenrechte gleichermaßen ignorieren und den Abschied von ihnen auch hierzulande zunehmend erzwingen. Der Sibirische Tiger und der Yangtse-Delfin sterben darum nicht allein. Wir sterben jetzt schon mit ihnen.«

Seit alters werden alle Dinge als Geschwister und Verwandte gesehen, als Abkömmlinge des Großen Geheimnisses:

»Gott schläft im Stein,

atmet in der Pflanze,

träumt im Tier,

wacht auf im Menschen,« heißt es in einem alten Spruch, der immer wieder verschieden formuliert wird ( z. B. Rudolf KAISER, 1990).

Alles, was existiert, ist aus der einen Schöpferkraft hervorgegangen (wie immer man sich diese vorstellt) – religiös ausgedrückt: aus Gott – und ist daher gleicherweise göttlich und gleicherweise Geschöpf wie alles andere, was existiert. Das hat natürlich einen ganz anderen, achtungsvollen Umgang mit der übrigen Natur zur Folge. Wenn Tiere oder Pflanzen ihr Leben hingeben, um mich zu ernähren, werde ich mich selbstverständlich bei ihnen dafür bedanken und vielleicht eine Gegenleistung bringen, was manchmal zutreffend, aber meist missverständlich als »Opfer« bezeichnet wird. Das englische »to offer« bedeutet einfach, etwas anzubieten – etwa, wie man selbstverständlich ein Gastgeschenk mitnimmt.

Aus schamanischer Sicht umfasst diese Verbundenheit eben nicht nur alle Menschen, sondern alles, was existiert: auch Tiere, Pflanzen, Materie, den ganzen Kosmos, alles, was existiert hat und existieren wird, vom Anfang bis zum Ende der Zeit:

»Ich war da in vielen Erscheinungsformen, ehe ich die

mir gemäße Gestalt fand.

Die schmale Schwertklinge war ich und bin die vergoldete

Lanze gewesen.

(Und werde sie wiedererkennen, wenn sie sich mir von

neuem zeigen.)

Ich war ein Regentropfen in der Luft und war ein leuchtender

Stern am Himmel.

Das Wort in einem Buch war ich und bin im Beginn ein

Buch gewesen.

Ich war das Licht in einer Lampe, dreimal in Folge, je eine Zeit.

Eine Brücke war ich und spannte mich über dreimal zwanzig Flüsse.

Als Adler kreiste ich in den Lüften und durchpflügte als Schiff

das Meer.

In der Schlacht führte ich die Krieger, war das Band an der

Windel des Säuglings.

Das Schwert in einer Hand war ich und das Schild im Kampf.

Eine Harfensaite bin ich gewesen, neun Jahre lang, dann vom

Zauber gebannt für ein Jahr in das Gischten des Meeres.

Ich war der Schürhaken im Feuer und war ein Baum tief

im Dickicht.

Nichts existiert, mit dessen Wesen ich mich nicht verbunden hätte.«

heißt es in dem Gedicht »Cad Goddeu«, das Taliesin zugeschrieben wird, einem vermutlich historischen Barden des 6. Jahrhunderts (siehe Fritz LAUTENBACH, 1991),

»Ich bin alt. Ich bin jung. Ich weiß, was gesagt wurde,« in einem anderen keltischen Lied.

Wer länger meditiert, kennt diese All-Einheits-Erfahrung, in der sich alle Grenzen aufheben, was einen fasziniert und erschüttert zugleich. »Alles ist eines. Und eines ist alles,« beschreibt Meister Eckhart (†1328) diese schwer in Worte zu fassende Erfahrung.

Das erinnert an die schöne Beschreibung von Hermann HESSE (1981):

»Siddhartha bückte sich, hob einen Stein vom Erdboden auf und wog ihn in der Hand. ›Dies hier‹, sagte er spielend, ›ist ein Stein, und er wird in einer bestimmten Zeit vielleicht Erde sein, und wird aus Erde Pflanze werden, oder Tier oder Mensch. Früher nun hätte ich gesagt: Dieser Stein ist bloß ein Stein, er ist wertlos, er gehört der Welt der Maja an; aber weil er vielleicht im Kreislauf der Verwandlungen auch Mensch und Geist werden kann, darum schenke ich auch ihm Geltung. So hätte ich früher vielleicht gedacht. Heute aber denke ich: Dieser Stein ist Stein, er ist auch Tier, er ist auch Gott, er ist auch Buddha, ich verehre und liebe ihn nicht, weil er einstmals dies oder jenes werden könnte, sondern weil er alles längst und immer ist – und gerade dies, dass er Stein ist, dass er mir jetzt und heute als Stein erscheint, gerade darum liebe ich ihn, und sehe Wert und Sinn.‹«

Aus dieser ganzheitlichen Sichtweise werden viele Phänomene verständlich, bis hin zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorgängen. Der Zusammenhang des Individuums mit dem Ganzen wird auch schön beschrieben in der taoistischen Geschichte vom Regenmacher:

In einem Dorf in China herrschte eine furchtbare Dürre. Als alle üblichen Methoden nichts fruchteten, holte man den berühmten Regenmacher aus dem fernen Dorfe. Er erbat sich ein kleines Haus am Dorfrand, die Mahlzeiten sollte man außen hinlegen und ihn auch sonst nicht stören. Als es nach Tagen noch immer nicht regnete und die Leute bereits ungeduldig wurden, ging die Tür auf und er trat heraus. Da zogen Wolken auf und ein herrlicher Regen erfrischte das Land. Die Menschen fielen auf die Knie und bewunderten den großen Regenmacher. »Ich bin gar keiner,« antwortete der Fremde. »Aber ich sah, als ich ins Dorf kam, dass alle Leute außer sich und nicht im Tao waren. Auch ich wurde gleich davon ergriffen. So habe ich mich zurückgezogen, die Balance in mir wieder herzustellen. Und als ich soweit war, begann es zu regnen. Man kann den Regen nicht herbeizwingen. Aber ist man mit sich im Reinen, kommt das Wetter, wie es soll.«

Dritte Grundannahme: Alles Existierende ist beseelt.

Darin drückt sich die Ehrfurcht vor der Natur in allen ihren Ausdrucksformen aus: Nicht nur der Mensch hat demnach eine Seele, sondern alles und jedes hat eine, wenn auch nicht die gleiche – sogar, was in unserer Kultur als »anorganische Materie« bezeichnet wird. Üblicherweise spricht man von »Animismus« (das lateinische Wort »animus« bedeutet: Wind, Hauch, Seele, Geist).

Dieser Respekt drückt sich auch darin aus, dass man nicht einfach die Gaben der Natur nimmt, sondern es ist ein Geben und Nehmen. Z. B. bedankt man sich bei den Tieren und Pflanzen, die man isst – auch dafür, dass man deren Qualitäten in sich aufnehmen darf – und gibt ihnen oder der Erde, wo sie lebten, etwas zurück, sozusagen ein rituelles Gegengeschenk, indem man z. B. einen Tropfen des Getränks, bevor man es zu sich nimmt, nicht nur seinen Ahnen, sondern auch der Erdmutter widmet.

In einer Reihe von Kulturen geht man davon aus, dass der Mensch mehrere Seelen hat (Daan VAN KAMPENHOUT, 2001), von denen eine z. B. in traumatischen Situationen flüchtet, um die Situation erträglicher zu machen und das Überleben zu sichern. Diese Seele, in anderen Traditionen: dieser Seelenteil, fehlt einem aber dann – einer der Auslöser z. B. für schizophrene Schübe oder schwere Depressionen. Behandelt werden sie durch eine »Seelenrückholung« (Sandra INGERMANN, 1998), – in der Gestalttherapie würde man von einer »Reintegration abgespaltener Persönlichkeitsanteile« reden.

Ein peruanischer Schamane erzählte bei einer internationalen Begegnung in Österreich, dass er ein paar Jahre in den Dschungel gegangen sei, um sich von den Bäumen, Pflanzen und Tieren unterrichten zu lassen, welche Mittel wie zubereitet für die Behandlung menschlicher Krankheiten hilfreich seien. Dermaßen ausgebildet behandelt er nun meist erfolgreich sogar Aids- und Krebskranke, was im entfernten Bezirkskrankenhaus bestätigt wird.

Aus schamanischer Sicht löst nicht der Wirkstoff einer Heilpflanze den Heilungsprozess aus, sondern der Geist, die Seele der Pflanze, z. B. der Liane im Ayahuasca-Gebräu oder des San Pedro Kaktus. So sind also auch Medinzinmänner und -frauen nicht materielle Mediziner wie westliche Ärzte, sondern sie nehmen Kontakt auf mit den darin innewohnenden Naturgeistern und arbeiten mit deren Hilfe. Wirksam ist also nicht die Materie, sondern deren Geist oder Seele oder Energie.

Interessanterweise spricht auch die Physik von einer in allem schlummernden Energie, z. B. von der Energie der Atome und dass sich diese von der Struktur her bei allem Existierenden bis auf ihre Größe kaum unterscheiden.

Weit darüber hinausgehend macht man als Schamane aber die Erfahrung, dass man sich mit allem, was existiert, unterhalten kann, nicht nur mit anderen Menschen und Tieren, sondern auch mit Pflanzen und Steinen respektive ihren Seelen.

So begrüßt man zu Beginn schamanischer Rituale die »Herren und Herrinnen der Gegend«, die in dieser Gegend zuständigen Energien der Erde. Wenn man jemanden besucht, geht man ja auch nicht grußlos in die Wohnung, nimmt ein Glas aus dem Schrank und schenkt sich ein Glas Wein ein. Außerdem nimmt man fairerweise ein Gastgeschenk mit.

Ich wende mich dabei in jede Himmelsrichtung, sehe diese Instanzen jeweils in menschlicher Form, begrüße sie und bitte sie um ihre Unterstützung und ihren Segen beim Ritual. Manchmal kommt es aber auch vor, dass z. B. die Herrin im Osten des Ritualplatzes ( z. B. durch kontaminierten Boden) krank und geschwächt ist und mich bittet, für sie und ihr Land ein Ritual zu machen – was ich dann auch tue. Manchmal ist der Herr einer Himmelsrichtung todbeleidigt auf uns Menschen, weil auf seinem Boden, für den er zuständig ist, (oft vor Jahrhunderten) von Menschen entsetzliche Gräueltaten begangen wurden, sodass der zuständige Herr den Menschen, die dort wohnen oder arbeiten, nicht mehr gewogen ist.

2010 wurde ich vom Geschäftsführer der deutschen Filiale eines österreichischen Konzerns gefragt, ob ich nicht ein schamanisches Ritual machen könnte, weil die deutsche Tochterfirma seit der Gründung keinen Gewinn gemacht habe. Alle Analysen und bisherigen Maßnahmen seien wirkungslos geblieben. Wenn sie in diesem Jahr nicht in schwarze Zahlen käme, würde sie geschlossen. In dem Haus sei übrigens bisher noch keine einzige Firma erfolgreich gewesen, mehrere seien bereits in Konkurs gegangen. Jetzt seien sie die einzigen Mieter in dem vierstöckigen Gebäude.

Als ich hinkomme, kann ich an dem Gebäude kein Problem erkennen (manchmal führt einen ja schon der Anblick des Gebäudes zu der Hypothese, dass hier irgendetwas nicht stimmt). Auch das versammelte Management wirkt in keiner Weise konfliktbeladen oder unengagiert, im Gegenteil. Ich bin schon gespannt, ob sich eine unbekannte Störquelle zeigen wird und wenn ja, welche.

So beginne ich mit der Kontaktaufnahme zu den Energien der Region. Im Norden des Firmenstandorts sehe ich einen distinguierten älteren Herrn mit graumeliertem Haar und Bart, der aber völlig giftig und destruktiv ist. Er frisst mich. Ich bin eine goldfarbene helle Lichtkugel und als Vertreter des Allerhöchsten in keiner Weise gefährdet. Bald bereut er dies, denn ich gehe nicht wieder raus, sondern beginne, seinen vergifteten Körper immer mehr mit der Einfachheit und Stimmigkeit, die von mir ausgeht, zu bearbeiten und zu entgiften. Er kann sich nicht dagegen wehren. Bald habe ich seinen Bauch gereinigt, dann seine Brust und sein Herz und zum Schluss auch den Kopf, bis er – wenn auch noch unstabil – vollkommen frei ist. Jetzt bedankt er sich bei mir, dass ich ihn von dem alten Fluch befreit habe und verspricht, in Zukunft den Firmenstandort nicht mehr zu schwächen und zu schädigen, sondern im Gegenteil ihn zu segnen und zu unterstützen. Schwere Störungen konnte ich auch im Süden und Westen der Firma feststellen. Ich kann sie bereinigen.

Niemals käme ich als Wirtschaftspsychologe, als der ich sonst in Unternehmen gerufen werde, auf solche Zusammenhänge, die uns naturwissenschaftlich Erzogenen schon äußerst skurril erscheinen. Es wehrt sich alles in uns gegen die Vorstellung, dass von einem Boden respektive seiner Seele destruktive Energien ausgehen könnten.

Allerdings in dem Monat nach dem schamanischen Ritual machte der deutsche Standort über eine Million Euro Umsatz, so viel wie schon lange nicht. Er kam in diesem Jahr erstmals aus den roten Zahlen und besteht – umstrukturiert – heute noch. Nachdem ich immer wieder solche Erfahrungen mache, bin ich gezwungen, solche Zusammenhänge zu respektieren und als mögliche Ursache von Problemen ins Auge zu fassen.

Außer von Träumen kennen wir solche Vorgänge lediglich aus Märchen, wo man sich ebenfalls mit den Elementen der Natur unterhalten und sie um Hilfe bitten kann. Auch hier kann man nicht einfach nur nehmen, sondern muss auch etwas dafür geben. Spätestens seit dem Zeitalter der Aufklärung (18. Jh.) erscheint uns dies als kindliches, prärationales Denken. Aber Märchen zeugen augenscheinlich von dem alten Wissen um die Vernetztheit menschlicher Schicksale mit der übrigen Natur und von der Erfahrung, dass man diese Verbindung auch zur Problemlösung nutzen kann.

Auch die Wissenschaft entdeckt die Vernetztheit

Durch die Entdeckung der Atome machten uns die Physiker klar, dass alle Materie aus winzigen Teilen besteht, die sich im leeren Raum um einen Kern bewegen. Man könnte sagen, dass alle Materie aus Beziehung und Zusammenhängen besteht.

In der Psychoszene hat als erster C.G. JUNG ( z. B. in »Symbole der Wandlung«, 1995) jeden Menschen als »unbewusst vermischt mit anderen Individuen« beschrieben und das Konzept des »kollektiven Unbewussten« entwickelt, das sich aus Instinkten und Archetypen zusammensetzt und in dem sich die Spuren der Erfahrungen finden, die unsere Vorfahren mit der Tier- und Pflanzenwelt, mit Kräften und Wesen gemacht haben: »Die instinktiv-archaische Grundlage unseres Geistes bildet eine objektive, vorgefundene Gegebenheit, die weder von individueller Erfahrung noch von subjektiv-persönlicher Willkür abhängt.«

In der Humanistischen Psychologie spricht man von der »Fülle der Weisheit, die in uns wohnt« oder von der »Weisheit des Unbewussten«.

Der Biochemiker Rupert SHELDRAKE (1993) untersuchte u.a. die außergewöhnlichen Fähigkeiten von Tieren, z. B., wieso Tauben ihren Besitzer finden, auch wenn er sich gerade meilenweit von seinem Heimatort entfernt befindet, und ging unter anderem der Frage nach, warum man spürt, dass einen jemand von hinten anschaut. Er stellte die These strukturierender und organisierender Felder auf, die er »morphogenetisch« nennt, um die Entwicklung und die Zusammenhänge lebendiger Organismen zu erklären, und hat mit dem Theologen Matthew FOX (2001) sogar ein Buch über »Engel – Die kosmische Intelligenz« geschrieben.

Bert HELLINGER (1994) spricht von der »großen Seele«: »Was ich in meiner Arbeit versuche, ist, jemand in den Einklang zu bringen mit dieser Kraft. Ich selbst füge mich dieser Kraft, bin mit ihr im Einklang, und so arbeite ich also mit etwas, das durch mich nur hindurchgeht.«

SPARRER/VARGA VON KIBÈD (2002): »In den Systemischen Strukturaufstellungen zeigt sich das Wissen zwischen uns. Alle wesentlichen Gedanken fließen letztendlich aus der Quelle dieses Wissens. Wir sind nur Gefäße dafür.« Andere, wie Albrecht MAHR (2003) nennen es »Das wissende Feld«.

»Es gibt einen Traum, der uns träumt,« sagt man bei den Buschleuten in der Kalahari.

»Niemand kann das richtige Gefühl zum Denken haben, der glaubt, dass das Denken etwas sei, das sich nur innerhalb des Menschen, in seinem Kopf oder in seiner Seele abspiele ... Wenn ich durch Gedanken etwas ergründen kann über die Dinge, so müssen die Gedanken erst darinnen sein in den Dingen,« sagt Rudolf Steiner (†1925), zit. in Regina OBERMAYR-BREITFUSS (2005), die vom »intuitiven Speicher« spricht und auch den Philosophen und Weisheitslehrer Omraam Mikhael Aivanhov (†1986) erwähnt, der diese Erkenntnisquelle den »Kausalkörper« nennt und ihn mit einem Berg vergleicht, von dem aus man die ganze Landschaft überblicken kann.

In der Tradition des indianischen Medizinrades nach Harley Swift Deer und Hyemeyohsts STORM (1990) bedeutet die Position 15 im östlichen Zentrum »die Seele aller Menschen«, wo alles gespeichert ist, was je auf der Welt gedacht und getan wurde.

In den letzten Jahren entdeckten Neurowissenschafter wie G. Rizzolatti et al. (vgl. Joachim BAUER, 2006) als physischen Beleg für Intersubjektivität im Gehirn sogenannte Spiegelneuronen, die vermutlich die Einfühlung in andere ermöglichen. (Bei Schizophrenen, die fremde und eigene Regungen oft nicht mehr unterscheiden können, sind diese ebenso gestört wie bei Autisten, die sich kaum in andere hineinversetzen können.)

So verschieden die Wurzeln und Ausprägungen der genannten Auffassungen auch sein mögen: Diese systemische bzw. transpersonale Sichtweise gehört wesentlich zum schamanischen Weltbild.

Wobei auch diese im Wachzustand erfahrbare Welt, also jeder Stein, jede Pflanze, jedes Tier, natürlich auch jedes Haus und jede Maschine etc. (durch Naturgeister, Elfen u.Ä.) als belebt, »beseelt« und energetisiert aufgefasst werden, wie dies auch der letzte Universalgelehrte Gottfried Wilhelm LEIBNIZ (†1716) in seiner Monadenlehre ähnlich sah.

Interessanterweise sind in unserer Sprache noch immer Reste dieser schamanischen Sichtweise vorhanden, wenn man z. B. von »Eingebung« spricht. WER gibt mir hier etwas? Oder wenn jemand sagt: »Die Landschaft hat mich sehr berührt« oder »Dieses Bild hat mich sehr angesprochen«, »Ich bin ganz angetan«. Niemand hat mich materiell berührt oder mit den Ohren hörbar mit mir gesprochen oder etwas getan. Diese Ausdrücke stammen noch aus einer Zeit, wo man sich – wie in Märchen oder Träumen – sicher war, dass man z. B. mit Tieren oder Bäumen sprechen und von ihnen berührt werden kann. Diese Zeit erleben die meisten von uns als Kind. Die moderne Entwicklungspsychologie leitet die Genese der komplexen Erkenntnisprozesse von den frühen sensorischen Empfindungen ab, wobei die Sprache diese frühen sinnesnahen Erfahrungen metaphorisch nützt. (Über die Zusammenhänge zwischen den Entwicklungsphasen des einzelnen Menschen und der Menschheitsgeschichte siehe weiter unten meine Ausführungen zum Thema: »Ist das nicht Regression?«)

Auch die von uns als »anorganisch« bezeichnete Materie hat aus schamanischer Sicht eine Art von Gedächtnis.

Wie man nicht eine fremde Wohnung betritt und sich ungefragt etwas aus dem Kühlschrank nimmt, beginnt man jedes schamanische Ritual, besonders aber an einem Ort, an dem man noch nie gearbeitet hat, indem man nicht nur die Hilfe der mächtigen Geistwesen aus der Anderswelt, sondern auch die Zustimmung und das Wohlwollen der »Herren und Herrinnen der Gegend« erbittet.

Bei der schamanischen Behandlung eines Unternehmens, in dem es zu zwei Todes- und einer Menge von Unglücksfällen gekommen war, stellte sich heraus, dass es eine unglückliche Verbindung gab zu dem Herrn der Gegend nördlich der Firma, der von den Menschen nichts mehr hielt, seit auf seinem Boden immer wieder so furchtbare Unmenschlichkeiten und Verbrechen begangen worden waren. Eine sensitive Mitarbeiterin, die am Heilritual für das Unternehmen teilgenommen hatte, hatte dabei ebenso wie ich ein Schlachtfeld mit vielen liegen gelassenen Toten gesehen. Seither ist übrigens kein einziger Unfall mehr aufgetreten.

Ähnliche Erfahrungen berichtet auch Regina OBERMAYR-BREITFUSS (2005) aus ihrer Tätigkeit als systemische Supervisorin: »Auch unverarbeitete Kräfte aus der Vergangenheit eines Firmenortes können den Arbeitserfolg der Belegschaft beeinträchtigen, z. B. ein Gebäude, in dessen Keller noch ›verschlossene Kriegsgeschehnisse‹ sind.«

Das erinnert auch an die französische Psychodramatikerin und Aufstellerin Anne Ancelin SCHÜTZENBERGER (2003), die in ihrer Arbeit ebenfalls Zusammenhänge zwischen aktuellen Problemen und oft Jahrhunderte zurückliegenden Ereignissen fand.

Natürlich gibt es auch Plätze, die eine starke positive Energie ausstrahlen. Unsere Vorfahren wählten solche Plätze für ihre Rituale und auch die heutigen Gotteshäuser stehen oft auf diesen, schon vorher genutzten Kraftplätzen. Außerdem werden oft Quellen, Höhlen, bestimmte Berge, Bäume oder Tiere etc. als besonders geeignete Tore zum Übernatürlichen erlebt, verehrt und für Rituale genützt.

Schamanisch kann man also die Verbindung zu allen anderen Teilen der Natur herstellen, die man wie Geschwister – hervorgegangen aus dem gleichen unfassbaren Urgrund – auffasst, wobei man darauf achtet, dass in der Beziehung zu ihnen das Geben und Nehmen ausgeglichen ist. Wenn Uncle Les Kuloloio, ein hawaiianisch Ältester und traditioneller Heiler, sagt: »Wir sind Kinder des Meeres,« meint er das wörtlich. Nicht, dass unsere Wissenschafter nicht auch betonten, dass alles Leben aus dem Meer entstanden ist, aber wenn wir an unsere Vorfahren denken, kommen wir meist nicht über unsere Groß- oder Urgroßeltern hinaus. Wir denken nicht an die Unzahl unserer früheren Ahnen bis hin zu den ersten Menschenpaaren, von denen wir alle abstammen, schon gar nicht an unsere tierischen Vorfahren, die Pflanzen oder die sogenannte anorganische Materie, von der wir kommen; wir sehen daher auch die uns jetzt umgebende übrige Natur nicht als Geschwister und Cousins an und behandeln sie auch nicht entsprechend achtungsvoll – obwohl diese uralte Sichtweise auch der Evolutionstheorie entspricht, die 1859 erstmals von Charles Darwin (†1882) formuliert wurde.

Galsan Tschinag, ein Tuvinier aus der Mongolei (in: Amélie SCHENK 1998):

»Die Geister meiner Urahnen habe ich überall um mich herum, es ist der Wind, es ist der Sonnenstrahl, es ist die Erde, es sind die Steine, die Bäume, die Menschen, die Tiere, alles, was mich umgibt, ist jeweils Teil der Geister meiner Urahnen ... Bei uns ist die bekannteste Behandlungsmethode eigentlich die Berührung mit der Mutter Erde, die Berührung mit den Brüdern Bäumen, die Berührung mit den Freunden Steinen, die Berührung mit den Schwestern Gewässern. Wenn ich auf der Erde sitze oder liege, spüre ich eine Strömung durch mich hindurchgehen, und ich halte dies für die Kräfte der Geister.«

So wird man auch nicht gedankenlos essen, sondern sich bei dieser Pflanze/diesem Tier bedanken, das sein Leben hingegeben hat, um mich zu nähren. (Eine gute Einführung in diese Denkweise bietet Marlo MORGAN, 1995.)

Auf Grund dieser ganzheitlichen Sichtweise ist jede Krankheit (inkl. Unfälle) und jedes Problem als psychosomatospirituell anzusehen, nicht nur die heute als psychosomatisch anerkannten Krankheiten, wie verschiedene Formen von Magen-, Darm-, Herz- und Hautkrankheiten etc. Wiewohl freilich der Schwerpunkt und die Entstehung mehr auf der körperlichen, der seelischen oder der spirituellen Ebene liegen können und damit auch den ersten und vorrangigen Behandlungsansatz indizieren. Aber m.E. sind immer alle drei Faktoren im Spiel.

Der Theologe, Zen- und Yoga-Lehrer Michael VON BRÜCK (2004) drückt es so aus:

»Fast alle alten Kulturen betrachten Medizin, d.h. die Anschauung vom körperlichen und seelischen Befinden des Menschen und die Möglichkeiten des gezielten Eingriffs zur Verbesserung und Gesundwerdung im Falle von Störungen, im Kontext sozialer Systeme und spiritueller Balance.

Zu den sozialen Systemen gehören oft nicht nur die Menschen der nächsten Umgebung, sondern die gesamte Gesellschaft und die Geister der nicht mehr Lebenden, d.h. das soziale Universum umfasst die Umwelt bis in geistige, sinnlich nicht wahrnehmbare Bereiche, nicht selten auch die Tiere und Pflanzen.

Medizinisches Wissen bedeutet demnach, die Faktoren zu studieren, die zu Unausgewogenheit, Ungleichgewicht und Dominanz einzelner Aspekte gegenüber der Harmonie des Ganzen führen, um den Ausgleich wiederherzustellen.

Dabei wird auch den religiös-spirituellen Dimensionen größte Aufmerksamkeit zuteil, denn Krankheit wird häufig betrachtet als Störung des Verhältnisses des Menschen zu sich selbst, zur Gesellschaft und zum göttlich bestimmten Universum. Heilung ist dann Wiederherstellung und Ausgleich des harmonischen Zustandes in allen diesen Dimensionen zugleich. ...

So ist es nicht verwunderlich, dass Buddha wie Jesus die Funktion des Arztes zugeschrieben wurde, weil sie physisch-spirituell zu heilen beanspruchten.«

Und SHAMANISM AND HEALING (2005) ergänzt:

»Bei allen noch intakten Traditionen können auch Irrtümer oder Fehltritte – etwa das Versäumen eines Rituals oder ein Verstoß gegen die gesellschaftlichen Verhaltensregeln – die kosmischen Muster stören und werden als Krankheit betrachtet.

Der Begriff der Krankheit bezieht sich also nicht nur auf körperliche Leiden, sondern auch mangelndes Jagdglück, Unfälle, Probleme in der Familie bedeuten für die Mitglieder dieser Gesellschaften ein Zeichen, dass die kosmischen Kräfte in Disharmonie sind. Das verursacht die Krankheit.

Der Schamane versteht den menschlichen Körper als einen komplexen Organismus, in dem das Sein in allen seinen Manifestationen wohnt: dem Körperlichen, dem Emotionalen, dem Mentalen und dem Spirituellen.

Die schamanische Intervention in Heilungsprozessen ist daher immer holistisch. Sie unterscheidet sich dadurch grundsätzlich von der westlichen traditionellen Medizin und Psychologie, die bei den Patienten meist nur die für krank gehaltenen Teile behandelt.«

Stimmte die klare Trennung, wie sie heute bei uns gängig ist, mit der Wirklichkeit überein, wäre es nicht möglich, dass körperliche Krankheiten, wie z. B. Migräne, auch psychotherapeutisch ( z. B. mit Familienrekonstruktion) oder schamanisch erfolgreich behandelt werden können.

Wie geht man auf die schamanische Reise?

Das kann spontan vorkommen: Da ist man auf einmal weggetreten und findet sich in der anderen Welt vor. In unserer Kultur ist es allerdings empfehlenswert, Beginn, Ziel und Ende der Reise selbst zu bestimmen, um nicht als Verrückter in einer Nervenklinik zu landen.

Man geht also auf Visionssuche.

Noch im alten Griechenland war die Tempel-Medizin sehr verbreitet. Man suchte Heilung oder Hinweise durch die Inkubation: Ein Gott erschien dem Patienten im Traum und gab Hinweise zur Heilung der Krankheit, die dann von den Priestern gedeutet wurden. Bei der schamanischen Reise wartet man nicht auf einen Nachttraum. Man könnte sie als induzierten Traum sehen, wobei zwischen Botschaft und Botschafter unterschieden werden kann: Die Inhalte der meisten Nachtträume können als Botschaften der Weisheit des Unbewussten, resp. der guten Geister, verstanden werden. Nur in den »großen Träumen«, wie ich sie nenne, erscheinen einem die Botschafter selbst, z. B. in Form von Lichtwesen, Engeln oder weisen Tieren, die einem Hinweise geben oder Lösungen vermitteln. Über den schamanischen Weg des Träumens siehe Carlo ZUMSTEIN (2003).

Bei uns spricht man von Zentrieren, Kontemplation oder gemäß den fernöstlichen Traditionen von Meditation, was von der lateinischen Wortwurzel her bedeutet: nachsinnen, und was etwas Heilendes hat – wie es auch im Wort »Medizin« zum Ausdruck kommt. Meditierend gelange ich in das Zentrum des Seins, das in vielen spirituellen Richtungen gegenstandslos als Leere resp. Fülle erlebt wird. In der schamanischen Tradition lässt man Bilder und Botschaften aufsteigen und man spricht von Reise, weil man sich ja dazu von einer Welt (der diesseitigen) in eine andere (die jenseitige) begibt, um seinen mächtigen Verbündeten in der Anderswelt zu begegnen – Repräsentanten des unfassbaren Mysteriums, der Leere resp. der Fülle, die man dann auch sehen, hören oder spüren kann.

Der Pionier der modernen Heilkunde, Paracelsus (†1541), dem bereits Naturbeobachtungen und Experimente besonders am Herzen lagen, betonte: »Jedermann kann seine Vorstellungskraft so schulen und einrichten, dass er in Berührung mit Geistern kommt und von ihnen unterwiesen werden kann.« Ähnlich wie sich in der christlichen Tradition die Auffassung von einem Schutzengel eingebürgert hat, geht man auch in den Stammeskulturen davon aus, dass jedes Volk, jedes Dorf, jede Familie und jeder Einzelne lebenslang von ganz bestimmten Schutz- und Hilfsgeistern behütet und geführt wird, die man eben in einer schamanischen Reise aufsuchen kann.

Mancherorts begibt man sich hierzu – nach einer Vorbereitung – mit wenig zu essen und zu trinken für ein paar Tage in die Wildnis – mit der Bitte, seinen GeistführerInnen zu begegnen.

Meist geht man in Trance mit Hilfe von Tanz und Musik, z. B. von Trommeln, Rasseln, Didgeridoo, Gesängen etc.

»Ich fliege auf der Trommel zu den Geistern,« sagen sibirische Schamanen. »Wenn Dich einmal der Geist der Trommel berührt hat, wirst Du nie wieder derselbe sein,« heißt es bei den Comanchen in Nordamerika.

»Das Ritual ist der Tanz mit dem Geist, die Art der Seele, mit der anderen Welt zu sprechen. Dadurch wirken sie heilend und unseren menschlichen Horizont unendlich erweiternd,« sagt der Afrikaner Malidoma Patrice SOMÉ (2001).

Vermutlich ein Viertel der SchamanInnen nehmen zum schamanischen Reisen Halluzinogene ein, in Teilen Südamerikas z. B. einen Lianensaft, gemischt meist mit dem DMT-hältigen Chacruna-Kraut, der »Ayahuasca« genannt wird, was »Liane der Geister/Toten«, »Ranke der Seelen« oder »Trunk der wahren Wirklichkeit« bedeutet, weil er die Illusion des Alltagsbewusstseins zerreißt und den Blick für das Wesentliche öffnet. Oder in Mexiko wird z. B. der Peyote-Kaktus mit dem Wirkstoff Meskalin verwendet, den die Azteken »das Fleisch der Götter« nannten. Selbst bei der nach ca. 5.300 Jahren vom Eis freigegebenen Mumie des »Ötzi« wurde eine Schnur mit getrockneten Pilzen (Birkenporlingen) gefunden, die sich als psychoaktiv herausstellten.

Der Ethnopharmakologe Christian RÄTSCH (2006):

»In vielen Kulturen werden Pflanzen als Lehrer respektiert und dienen der Bewusstseinserweiterung, der persönlichen Vision, der Erfahrung des Sinnes des Lebens ... Ayahuasca wird nur für rituelle und medizinische Zwecke gebraut. Wenn die Jäger ausziehen wollen, um Wild zu erbeuten, trinkt der Schamane von dem psychedelischen Gesöff. Wenn der Trunk zu wirken beginnt, verfällt der Schamane in konvulsive Zuckungen. Seine Seele strampelt sich frei; sie will den menschlichen Körper verlassen. Sie entschlüpft schließlich durch den ›umgestülpten‹ Magen und nimmt die Gestalt eines mächtigen Jaguars an. Der Jaguar begibt sich nun auf die Reise zur Herrin der Tiere. Sie hält sich in der ›Blauen Zone‹ auf, einem Punkt jenseits von Raum und Zeit, einem ›Ort jenseits der Milchstraße‹.«

Manche führen durch körperliche Anstrengung, Tanzen, Hitze, Fasten, Rezitieren von Mantras oder Hyperventilation, eine Deprivation des Sensoriums herbei. Manche fügen sich sogar Schmerzen zu, um außer diesen nichts mehr zu spüren und so eine hohe Konzentration zu erreichen.

Ich vertrete ja die Auffassung, dass nicht nur wir von den VertreterInnen der Naturvölker viel lernen und Anregungen erhalten können, sondern auch umgekehrt: z. B., dass wir einfachere Formen kennen und praktizieren, das Denken loszulassen und empfänglich für die Botschaften der Spirits zu werden. Jeder Mensch hat in sich eine Andockstelle ans Unendliche. Ist man geübt, reicht es, nur die Augen zu schließen. Manche müssen nicht einmal das.

Die Foundation for Shamanic Studies hat eine vergleichsweise einfache, aber nicht weniger wirksame Form der Visionssuche entwickelt. Sie baut auf den Erfahrungen mit bei uns üblichen Meditationsformen auf:

Zur besseren Vorstellung beschreibe ich hier die Grundzüge einer solchen Reise. Um nicht versehentlich Falsches einzuüben, wird man sie aber wie alle Entspannungs- und Meditationsformen besser unter Anleitung, z. B. in einer Gruppe, lernen.

Anfangs mache ich meine Klienten darauf aufmerksam, dass die Sprache in diesen anderen Bewusstheitszuständen der entspricht, die sie aus Träumen und Märchen kennen. So sind sie dann weniger darüber verwundert, dass z. B. Tiere sprechen können.

Während ein gleichmäßiger, eintöniger Rhythmus auf der Trommel geschlagen wird (kann auch von einem Tonträger kommen), legt man sich auf den Rücken, schließt die Augen und lässt den Schlag der Trommel auf sich wirken. Darauf erscheint vor dem inneren Sensorium (sichtbar, hörbar oder einfach spürbar) ein wunderschöner Platz in der freien Natur, ein Kraftplatz. Dort verweilt man kurz und begibt sich dann – mit dem Wasser in die Erde einsinkend oder durch einen Gang, einen Tunnel oder Ähnliches, auch Beamen ist möglich – nach unten, bis man in der unteren Welt anlangt, in der meistens Landschaften wie auf der Erde mit Wäldern und Flüssen usw. erlebt werden. Dort erscheint das mächtige Tier – schamanisch erlebt man das Zentrum seiner Kraft üblicherweise als Tier. Man vertreibt sich die Zeit mit ihm und kann ihm auch Fragen stellen, bis ( z. B. nach einer halben Stunde) das Rückholsignal ertönt, woraufhin man sich bedankt und verabschiedet, auf den Kraftplatz oben und von dort wieder in die mittlere Welt zurückkehrt, den uns am meisten vertrauten Teil der Wirklichkeit.

Zwischendurch kann man sich immer wieder erneut das Ziel der Reise vor Augen halten, damit man genau bei den guten Mächten anlangt, die man kontaktieren wollte, und nicht woanders.

Auf ähnliche Weise reist man in die obere Welt, steigt auf mit dem Rauch eines Feuers, springt, fliegt oder wird von einem Vogel hinaufgetragen, um seiner weisen Führung zu begegnen, die üblicherweise in menschlicher Form erlebt wird – psychologisch gesprochen: man nimmt Kontakt auf mit dem Zentrum der Weisheit in sich. Das spätere Auftreten zusätzlicher Krafttiere oder FührerInnen bringt oft Energie und Hilfe für neue Aufgaben.

Wenn man nichts sieht, hört oder spürt, ist dieses »Nichts« genau das Richtige. »Hat nicht funktioniert,« sagt man dann fälschlicherweise. Aber die Botschaft der Spirits ist dann eben, dass man sich mit dem Grau oder Schwarz anfreunden und es als Geschenk würdigen solle. Viele können sich gar nicht vorstellen, was es in einem auslöst, eine halbe Stunde das Nichts anzureisen. Diese Botschaft ergeht, meiner Erfahrung nach, vor allem an Leute, die sich zu viel Druck machen oder ohnehin häufig durch eine Bilderflut gequält werden.

Verwendet man zum Einstieg immer dieselbe Körperhaltung und Musik oder auch bestimmte Kleidung und sonstige Utensilien, wie Kerzen etc., bewirkt dies eine klassische Konditionierung, sodass die Anfangsrituale, die man sich angewöhnt hat, schnell den schamanischen Bewusstheitszustand auslösen. Da ich selbst schon seit meiner Jugendzeit meditiere, brauche ich nur mit der Absicht die Augen zu schließen und bin schon hinüber.

Es gibt viele verschiedene »schamanische Bewusstheitszustände«, nicht nur je nach Weltgegend, sondern auch bei ein und derselben Schamanin, oft während desselben Rituals: von der leichten Trance bis zu tiefgehenden »Besetzungen«, wo man sich nachher an nichts mehr erinnern kann.

Der experimentelle Psychologe Giselher GUTTMANN (2006) hat übrigens bei schamanisch Reisenden andere Gehirnstrom-Aktivitäten festgestellt, als wenn jemand z. B. gerade Zen meditiert: ein paradoxes Arrousal, einen Zustand hochgespannter Entspanntheit. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man zwar einerseits in gleicher Weise weggetreten ist, aber andererseits zugleich aktiv seiner weisen Führerin eventuell Fragen stellt oder z. B. trommelnd in ihrem Auftrag rituelle Handlungen durchführt. Ähnliches fand der Mikrobiologe, Biochemiker und Anthropologe Erich ROTH (2005).

Wie beim luziden Träumen, beim katathymen Bilderleben oder der Oberstufe des Autogenen Trainings, geht es um eine Mischung von Passivität und Aktivität: Die Bilder, die kommen, sind nicht gesteuert und oft fremd und eigenartig. Man geht aber aktiv damit um und beginnt beispielsweise eine Blockade zu entfernen. Aber die Reaktion der Blockade liegt wieder außerhalb der eigenen Kontrolle.

Es ist angemessen, seine verlässlichen Verbündeten zu ehren und dankbar zu würdigen, indem man z. B. Masken anfertigt oder sich tanzend mit ihnen identifiziert. Auch als Psychologe würde ich sagen, dass es gut ist, seine eigenen Ressourcen nicht selbstverständlich zu nehmen, sondern sie dankbar zu würdigen. Als Theologe finde ich sowieso das Dankgebet und den Lobpreis viel angebrachter als das fragwürdige Bittgebet. Muss ich denn um die Schwerkraft bitten? Weiß denn Gott sonst nicht um meine Nöte? Oder verweigert er mir sonst etwa seine Hilfe? Ich bin es, der gebeten werden muss, die Fülle, die mir geschenkt ist, anzunehmen.

Auch in den Religionen werden Hierarchien angenommen, z. B. die verschiedenen Chöre der Engel. Obwohl ich dies früher eigenartig fand, erlebe auch ich in Trance verschiedene Instanzen, die auch für Verschiedenes zuständig sind. Es kommt vor, dass mich die Gruppe der Weisen, die mich üblicherweise wohlwollend, ernst und streng führt, weiterschickt, weil ein bestimmtes Problem ihre Kompetenzen übersteigt. In die höchste Ebene gelange ich persönlich übrigens nur, wenn ich absolut nichts will, auch nicht die Heilung des Klienten. Sonst komme ich gar nicht durch die Pforte.

Die Frage der Anfänger: »Ist das Bild bzw. die Antwort ungesteuert von selbst aufgestiegen oder habe ich es konstruiert?« ist sehr wichtig. Dadurch unterscheiden sich ja die schamanische Reise und ähnliche Methoden von gelenkter Visualisierung, wie sie z. B. im mentalen Training zur Problemlösung eingesetzt wird. Aber sie ist zum Lernen unbrauchbar. Am besten, man ignoriert die Frage einfach und tut so, als ob das Erlebte ungesteuert entstanden wäre: Mit der Zeit tritt die Frage nicht mehr auf, sondern es ist evident und man hat einen Schritt in Richtung »Unterscheidung der Geister« getan, die auch in den mystischen Traditionen, z. B. bei Ignatius von Loyola (†1556), eine wichtige Rolle spielt.

Normalerweise ist das Erste, das mir erscheint, gleich ernst zu nehmen und nicht wegzuschicken, weil ich z. B. etwas anderes sehen wollte oder erwartet habe. Man wertet nicht und deutet nicht und muss auch nicht verstehen. Nach Omraam Mikhael Aivanhov, schreibt OBERMAYR-BREITFUSS (2005), »verspüren Frauen oft die Schwierigkeit, ein Unterscheidungsvermögen zwischen einem persönlichen Gefühl und einer intuitiven Gefühlswahrnehmung zu entwickeln. In unserer westlichen Kultur haben Männer oft die Schwierigkeit, aus ihrem verstandesmäßigen, kritischen Denken heraus ein intuitives Denken zu entwickeln.« Und er gibt den praktischen Hinweis, »dass die Information laut Beobachtungen nur drei Mal empfangen werden kann. Wenn die intuitiven Informationen nicht registriert oder nicht beachtet werden, bleibt die sogenannte ›innere Stimme‹ still.«

Nach Gail Ferguson wird von OBERMAYR-BREITFUSS (2005) die Intuitionspraxis in ähnlicher Form wie die schamanische Reise angeleitet. Nachdem er bewusst Kontakt mit dem »intuitiven Kanal« aufgenommen und eine klare Frage gestellt hat, »nimmt der Intuierende die innere Haltung des ›Empfangens‹ ein und bleibt mit der Konzentration bei der Fragestellung. Das bedeutet, der Intuierende denkt nicht nach, er rät nicht, er erinnert sich nicht an Erfahrungen, er wünscht sich nichts und er fantasiert nicht ... Die intuitiven Informationen kommen zu ihm ... wie ›von Wellen gesendet‹ . Für den Übenden wird der Unterschied zwischen ›Selbst gedacht‹ und ›Empfangen‹ bald sehr deutlich ... Die übrigen Gedanken können kommen und gehen, steigen auf und wieder ab; sie erhalten jedoch keine größere Aufmerksamkeit und werden auch nicht abgelehnt oder verboten.«

Auch in das holotrope Atmen wird in ähnlicher Weise eingeführt. Sylvester WALCH (2002):

»Das Wichtigste, was ihr mitzubringen habt, ist die Bereitschaft loszulassen und der Mut, zuzulassen, was euch in der Atemsitzung begegnet. Veränderte Bewusstheitszustände mobilisieren die innere Heilenergie und lassen Bilder, Themen, Gefühle und Inhalte in bewusstes Erleben kommen, die uns zu einer breiteren und tieferen Sicht der Existenz verhelfen. Vertraut eurer inneren Weisheit, kooperiert mit dem, was passiert, und stellt euch nicht gegen die Erfahrung!«

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
331 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783709500392
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