Czytaj książkę: «Schöner Tod»

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Astrid Keim

Schöner Tod

Ein Frankfurt-Krimi


Keim, Astrid: Schöner Tod. Frankfurt-Krimi. Hamburg, edition krimi 2020

1. Auflage 2020

Das Original ist 2019 im Größenwahn Verlag erschienen.

ISBN: 978-3-946734-98-7

Dieses Buch ist auch als eBook erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.

ePub-eBook: ISBN 978-3-946734-99-4

Lektorat: Klaus Sellge, Nina Ziegler

Umschlaggestaltung: © Annelie Lamers, Hamburg

Umschlagmotiv: © Martin O’Sigma

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die edition krimi ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.

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© edition krimi, Hamburg 2020

Alle Rechte vorbehalten.

https://www.edition-krimi.de

Gedruckt in Deutschland

Contents

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21  21

22  Die Autorin

Landmarks

1  Cover

1

Laura steht auf dem Balkon und atmet tief ein. Es riecht nach Frühling. Zum ersten Mal in diesem Jahr ist eine Ahnung von aufspringenden Knospen und zwitschernden Vögeln zu spüren. Vor wenigen Tagen erst hat der strenge Frost nachgelassen, der den ­Februar fest im Griff hatte und selbst den ­Schneeglöckchen ihre Lust am Blühen verdarb. Dann sind mit dem Regen mildere Temperaturen gekommen, und heute ist der Himmel fast klar. Sie hatte überlegt, wärmere ­Regionen aufzusuchen, doch das wäre ihre erste Reise ohne Christoph gewesen, und dem fühlt sie sich noch nicht gewachsen. Christoph ist nun etwas über ein Jahr tot und die Verzweiflung der Trauer gewichen. Aber ohne ihn, mit dem sie so viele Reisen, so viele sonnige Tage erlebt hat, wäre sie nicht glücklich gewesen, denn zum Glück braucht man jemanden, mit dem man es teilen kann.

Die Kälte hat sie bisher abgehalten, sein Grab auf dem Hauptfriedhof zu besuchen, aber heute wird das Versäumte nachgeholt, dieser Entschluss stand schon beim Aufstehen fest. Heute wird das Fahrrad aus dem Keller getragen, in dem es fast vier Monate stand, es ist an der Zeit, das zwar ziemlich verrostete, aber heiß geliebte Vehikel ans Tageslicht zu bringen. Sie wirft einen Blick auf das Thermometer: 10 Grad. Da könnte man vielleicht schon zur Übergangsjacke greifen? Nein, besser nicht auf Daunenjacke und gefütterte Stiefel verzichten. In ihrem Alter ist warme Kleidung angesagt, sonst droht womöglich eine Blasenentzündung, wenn nicht Schlimmeres.

Wie war das in ihrer Jugend? Lief sie da nicht auch bei strengster Kälte mit knapper Lederjacke durch die Gegend, die bei jeder Bewegung bloße Haut enthüllte? Auszuschließen ist das nicht, denn die Lederjacke war Pflicht in den frühen Siebzigern, schon um die Eltern zu ärgern, die solch ein Ding mit den schlimmsten Befürchtungen für den Werdegang ihrer Brut verknüpften. Genauso wenig Beifall fand der Minirock, dessen Länge der Breite des Gürtels entsprach. Für so etwas jobbte Laura seit ihrem sechzehnten Lebensjahr wochen­lang in den großen Ferien, da ihre Erzeuger absolut nicht willens waren, Geld für derartigen Firlefanz herauszurücken, der so gar nicht ins konservative Weltbild passen wollte. Auch die Freude über den Fleiß der Tochter hielt sich in Grenzen, da er zu solchen Resultaten führte.

Mit Mühe gelingt es ihr, das Fahrrad die steilen Stufen hochzutragen. Letztes Jahr ging das noch besser, die Gelenke sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren. Es wird Zeit, sich mehr zu bewegen. Vor allem, dass es warm wird, dann geht es hoffentlich wieder bergauf.

Bergauf geht es aber zunächst am Holzhausenpark vorbei zur Eckenheimer. Keine große Steigung, aber sie zieht sich. Das Tor des Alten Portals ist ins Schloss gefallen, darum muss sie absteigen. Das ist Absicht, vermutet sie, um den Radfahrern das Hineinkommen zu erschweren, denn der große Hinweis »Radfahren verboten« wird von vielen ignoriert. Auch von ihr. Sie hat für sich beschlossen, dass damit nur die Mountainbiker gemeint sein können, die sonst querfeldein durch die Gräberreihen pflügen würden. Schritttempo dagegen gefährdet niemand und macht kaum einen Unterschied zum Laufen, erleichtert aber das Vorwärtskommen ungemein. Schließlich sind 65 Jahre kein Pappenstiel. Natürlich ist man noch nicht wirklich alt, Gott bewahre, aber kleine Einschränkungen sind nicht wegzuleugnen.

Sie bleibt vor Christophs Urnengrab stehen, einer Doppelnische in der Mauer, die einst auch ihre Asche aufnehmen wird, und betrachtet sein Foto. Er lächelt sie an, braungebrannt, mit Wind im Haar. Vorletztes Jahr ist das gewesen, aufgenommen von seiner Schwester Maren, als sie zu viert in Südfrankreich waren. Glory Days. Einige von vielen vorangegangenen. Sie ­lernte ihn zehn Jahre nach einer katastrophal ­gescheiterten, früh geschlossenen Ehe kennen. Bei ihrem ersten Mann, einem intellektuellen Überflieger, lagen Genie und Wahnsinn eng beisammen. Lange hatte sie seine Stimmungsschwankungen verharmlost. Als er jedoch eines Morgens erklärte, dass Hegel und Kant ihm im Schlaf offenbart hätten, wie die Welt zu retten sei und er sich fortan ganz dieser Aufgabe widmen wolle, gab es kein Verdrängen mehr. An diese Zeit denkt sie nicht gern. Sie war Referendarin, stand kurz vor dem zweiten juristischen Staatsexamen. Sie konnte nicht mehr schlafen, sie konnte sich nicht mehr konzentrieren, die Prüfung musste um ein Jahr verschoben werden. Erst nach der Trennung fasste sie wieder Tritt.

Mit Christoph dagegen verband sie nicht nur tiefe Zuneigung, sondern eine gemeinsame Verständigungsebene, die Worte und Erklärungen oft unnötig machte. Gleichaltrig und mit ähnlicher Sozialisation, harmonierten sie von Anfang an. Sogar ihre Nach­namen ergänzten sich zum Stabreim: Martens-Mahler. Er war Pädagoge durch und durch, ging seiner Arbeit am ­humanistischen Gymnasium mit Freude und Engagement nach. Die Verabschiedung in den Ruhestand wurde mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegengenommen. Aber der Ausblick auf ein Leben ohne Pflichten überwog, zumal sich auch Laura entschloss, aus dem Berufsleben auszuscheiden; sie war Partnerin in einer großen Kanzlei. Nun wollten sie das Leben genießen, Ausstellungen besuchen, sich ihrem Hobby, dem Kochen, intensiver widmen und natürlich reisen. Hatten sie bis jetzt die meisten ­Ferien in Frankreich verbracht, auch der Sprache wegen, stand jetzt Italien auf dem Programm. Den Spuren der Renaissance wollten sie folgen, Florenz, Venedig, Rom, Padua besuchen, wo diese Epoche in unzähligen Meister­werken präsent ist.

Es hätte so schön werden können, aber das Schicksal machte einen Strich durch die Rechnung. Drei Monate später war er tot. An dem Tag, als Laura offiziell verabschiedet wurde. Als sie abends gegen zehn nach Hause kam, fand sie ihn auf dem Sofa, zur Seite gesunken, das Gesicht friedlich. Der Fernseher lief, ein halb leeres Weinglas stand auf dem Tisch.

Der Boden wankte unter ihren Füßen. Die Ambulanz konnte nichts mehr tun, der Tod war bereits vor einigen Stunden eingetreten. Es wurde eine Obduktion angeordnet, um Fremdverschulden oder Suizid auszuschließen. Ein geplatztes Aneurysma im Gehirn mit massiven Einblutungen war die Ursache gewesen.

Mit diesem Befund konnte Laura nur schwer umgehen. Sie machte sich Vorwürfe, nicht bei ihm gewesen zu sein. Kurz, nachdem sie das Haus verlassen hatte, war der Tod gekommen. Unfassbar, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Nie hatte Christoph über ­Beschwerden geklagt. Erleichterung brachte ein ­Gespräch mit dem ­gemeinsamen Hausarzt, der erklärte, dass ein ­Aneurysma keine Symptome verursache und eine Rettung in diesem Fall an ein Wunder gegrenzt hätte. Rückblickend half ihr das zwar, trotzdem ­dauerte es noch Wochen, in denen sie mit dem Schicksal haderte, und ein weiteres halbes Jahr, bis sie wieder nach vorne schauen konnte. Alles ist wieder da beim Anblick von Christophs Bild. Als wäre es gestern geschehen.

Nach seinem unerwarteten Tod hat sie ein Ehrenamt angenommen, um die Leere zu füllen. Als ­Vorleserin in Altenheimen. Damit ist sie ziemlich ausgelastet, denn was zunächst nach nur wenigen Stunden in der Woche ausgesehen hat, nimmt mittlerweile viel Zeit in Anspruch. Schnell ging es nicht mehr nur um das Vorlesen, längst ist sie auch in die persönlichen Situationen der alten Menschen eingebunden, die sich nach Ansprache und Zuwendung sehnen. Laura hat sich dieser Aufgabe gerne angenommen, denn so trifft sie mit Leuten zusammen, die sie sonst niemals kennengelernt hätte, und erfährt Dankbarkeit und Vertrauen.

In Gedanken versunken, setzt sie sich auf eine Bank und legt den Kopf in den Nacken. Die Sonne hat schon etwas Kraft. Ein Eichhörnchen huscht nah vorbei, und im Baum unterhalten sich zwei Amseln. An diesem Ort ist das Sein genauso präsent wie die Vergänglichkeit. Ein inniges Gefühl von Dankbarkeit durchströmt sie und löst die traurigen Erinnerungen ab. Dankbarkeit, dass mit dem Frühling das Leben wiederkehrt und sie dabei sein darf. Sonne auf der Haut und das Zwitschern von Vögeln – das genügt, um glücklich zu sein. Was früher als Selbstverständlichkeit kaum ­wahrgenommen wurde, hat einen anderen Stellenwert erhalten. Das zunehmende Alter trägt dazu bei, und vor allem ­Christophs plötzlicher Tod. In jungen Jahren mochte sie den Herbst mit seinen schönen Farben am liebsten. Das hat sich gründlich geändert. Herbst hat nun mit Abschied zu tun, Frühling dagegen mit Neuanfang. Mittlerweile scheint ihr der Neuanfang nicht mehr so gewiss und wird deshalb umso wertvoller.

Sie beschließt, noch einen kleinen Spaziergang durch den schönen alten Teil des Friedhofs zu machen, in dem die großen Frankfurter Namen versammelt sind. Sie lässt das Fahrrad stehen und schlendert durch die Lebensbaumallee, nimmt dann kleinere Wege und bewegt sich kreuz und quer gemächlich auf den Ausgang zu, immer wieder stehenbleibend, um eine Inschrift zu entziffern oder eine Skulptur zu bewundern. Die wenigen milderen Tage haben den Schneeglöckchen gereicht, um Knospen anzusetzen. Das Leben fängt neu an – und zum ersten Mal seit Christophs Tod kann sie es wieder genießen.

Sie hat nicht auf den Weg geachtet und steht plötzlich vor einem Grabmal, das ihr während ihrer Spazier­gänge bis jetzt entgangen ist. Auf einem Sockel aus Kalkstein liegt die lebensgroße Skulptur einer jungen Frau. Sie ist in ein leichtes Gewand gekleidet, das den Körperformen folgt und auch ihre Füße bedeckt. Der linke Arm liegt angewinkelt auf der Brust. Der Kopf mit dem kunstvoll geflochtenen Haar, in dem drei kleine Blüten stecken, wendet sich dem Betrachter zu. Das schöne Gesicht mit den geschlossenen Augen wirkt lebendig und entrückt zugleich, es könnte auch das Porträt einer Schlafenden sein. Obwohl die Verwitterung deutliche Spuren hinterlassen hat, wirkt das Grab gepflegt. Weder der üppig wachsende Efeu noch Flechten oder Moose überziehen die Liegende.

Der Sockel trägt eine Inschrift. Laura geht in die Knie, um sie zu entziffern, was sich sofort mit einem bohrenden Schmerz und deutlichem Knirschen rächt. Das Todes­jahr 1923 fällt ihr als Erstes ins Auge. Es ­dauert eine Weile, bis der Text Gestalt annimmt, denn die eingemeißelten Buchstaben haben ihre Schärfe verloren. Als die Zusammenhänge klar werden, ist sie zutiefst berührt:

Warum muss sich die Anmut neigen

und gar so rasch im Tod vergehn?

Wird sie in einem höhern Reigen

zum Himmelsglanze neu erstehn,

da sie in diesen Erdenbahnen

das Glück, das ihr bemessen war,

erschöpft in einem seligen Ahnen?

Uns blieb ein Duft von ihrem Haar.

Langsam richtet sich Laura auf. Trotz wärmender Sonnen­strahlen und dicker Jacke überzieht sie eine Gänse­haut. Wieder betrachtet sie das ebenmäßige, ­ruhige Gesicht, dessen Konturen sich bereits zu verwischen beginnen. Nicht mehr lange, und die Züge werden unkenntlich sein. Wie die Tote in ihrem Grab. Fast hundert Jahre sind eine lange Zeit. Der Versuch, die Schönheit zu bewahren, ist zum Scheitern verurteilt.

Vielleicht findet sich auch auf der Rückseite noch eine Inschrift. Nur drei, vier Schritte ist sie gegangen, als sie wie angewurzelt stehen bleibt: Hinter der Tumba liegt im dichten Efeu eine Gestalt, eingehüllt in dünne Plastikfolie, auf der kleine Wasserperlen blitzen. Eine Puppe, versucht sie ihr pochendes Herz zu beruhigen, bereits ahnend, dass es genau das ist, wonach es aussieht: ein toter Körper. Panik steigt in ihr auf, sie schaut sich suchend um, horcht, aber nicht das ­kleinste Geräusch deutet auf die Anwesenheit eines Dritten hin. Ich muss die Polizei alarmieren, meldet sich die Vernunft, aber wie von unsichtbaren Fäden gezogen, nähert sie sich um zwei weitere Schritte. Jetzt ist die Gestalt deutlich zu erkennen, und ihr stockt der Atem. Die Folie bedeckt eine junge Frau, deren weißes Gewand bis zu den Füßen reicht. Das aschblonde Haar ist zum Zopf geflochten und um den Kopf gewunden, die linke Hand ruht auf der Brust. Eine leuchtend rote Rose steckt im Haar, ein aufreizender Kontrast zur Farblosig­keit der übrigen Erscheinung. Um keine Spuren zu zerstören, beugt sie sich so weit wie möglich vor, um die Züge der Toten zu studieren. Das Gesicht ist von verblüffendem Ebenmaß. Lichtbraune Wimpern säumen in perfektem Halbkreis die geschlossenen Augen. Der Mund ist rosig, und ein Hauch von Rosa liegt auch auf den Wangenknochen. Ohne die Blässe des übrigen Gesichts, von Hals und Hand, der wächsernen, unverkennbaren Blässe des Todes, und ohne die beperlte Folie, könnte auch eine Schlafende im Efeu liegen. Eine ganz junge Frau, fast noch ein Mädchen, in der Makellosigkeit ihrer Jugend. Was ist das für ein Mensch, der es übers Herz bringt, diese Vollkommenheit zu zerstören? Nein, nicht zu zerstören, die Zerstörung wird noch kommen – dieses Leben auszulöschen, wie man eine Kerze auslöscht?

Stechende Rückenschmerzen machen ihr bewusst, dass sie wohl mehrere Minuten in der halbgebeugten Stellung verharrt hat. Wieder mahnt die Vernunft, die Polizei zu informieren, aber genau diese Vernunft lässt sie auch zögern. Nur allzu gut weiß sie, was jetzt ­kommen wird. Spurensicherung, Absperrung des Fundorts, Eintreffen des Gerichtsmediziners, des Fotografen. Bestandsaufnahme in aller Routine und Nüchtern­heit. Es erscheint ihr wie ein Sakrileg, die Ruhe dieses Körpers zu stören.

Sie könnte Thomas anrufen, dann müsste sie das Unvermeidliche nicht allein durchstehen. Mit Thomas Aumann verbindet sie eine langjährige Freundschaft. Zuerst war es der Beruf, der sie zusammenführte. Neunzehn Jahre ist es her, als sie ihn im Rahmen eines Prozesses um die Entführung und Ermordung eines Kindes kennenlernte. Er war ein junger Kriminal­kommissar, zumindest kam er ihr so vor, mit gut zehn Jahren Altersunterschied, aber sein akribisches Vorgehen, seine soziale Kompetenz, die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, Mitgefühl zu zeigen, nötigten ihr von Beginn an Achtung ab und führten schließlich zu einer Freundschaft, die auch seine wechselnden Partnerinnen und Christoph einbezog. Ausgerechnet er, der sich eine Familie wünschte, hat in Liebesdingen wenig Glück gehabt. Die längste Beziehung dauerte zwei Jahre, es wollte sich einfach nichts Festeres ergeben, und heute, mit über fünfzig, hat er wohl aufgegeben, darauf zu hoffen.

Ja, es wäre gut, Thomas direkt anzurufen, dann hat sie wenigstens einen Freund an ihrer Seite, wenn der ganze Tross eintrifft. Sie erwischt ihn sofort, als hätte er den Anruf erwartet. Er sei auf dem Weg nach Hause und wollte gerade Jenny Bescheid sagen, dass er früher komme. Heute sei eine der seltenen Gelegenheiten, ein paar Überstunden abzufeiern. Jenny, wer ist Jenny?, fährt ihr durch den Sinn, sie schiebt aber die Neugier beiseite, es gibt jetzt Wichtigeres. Mit etwas schlechtem Gewissen, da sie seine Freizeitplanung zunichte machen wird, berichtet sie von ihrem Fund.

»Ich bin sofort da, alarmiere nur noch die Truppe.«

»Halt«, stoppt sie ihn, bevor er auflegen kann, »die Portale sind zu. Man kann sie natürlich öffnen lassen, aber das dauert eine Weile. Am besten fahrt ihr ein Stück weiter. Kurz vor dem Eingang des Jüdischen Friedhofs ist eine Schranke. Wenn ihr Sprechkontakt aufnehmt, wird sie gehoben.«

»Ist der Fundort weit vom Eingang entfernt?«

»Nein, nur ein paar Schritte vom Alten Portal aus.«

»Dann parken wir dort und kommen zu Fuß rein, so können keine Spuren zerstört werden. Es wäre allerdings gut, wenn du uns hinführen würdest. Warte am Parkplatz auf uns.«

Sie macht sich sofort auf den Weg, denn die Anfahrt wird nicht lange dauern. Das Polizeipräsidium liegt ganz in der Nähe. Thomas ist als Erster da, er war bereits am Auto, als ihn der Anruf erreichte. Als die Kollegen eintreffen, hat sie ihm den Sachverhalt bereits hastig erklärt, und er gibt die Informationen knapp und präzise weiter. Sie lotst die kleine Kolonne in Richtung Neues Portal. Nach ungefähr 100 Metern wendet sie sich nach rechts. Jetzt sind es nur noch ein paar Schritte, und das Grabmal liegt vor ihnen.

Nachdem sich Thomas mit aller Vorsicht einen ersten Überblick verschafft hat, kehrt er zu ihr zurück. Sie steht etwas abseits, um die Spurensicherung nicht zu behindern. Seine Lippen sind ­zusammengekniffen, und die Querfurchen auf der Stirn treten deutlicher als sonst hervor. Er fährt sich mit der Hand über sein immer noch dichtes Haar, in dem das Grau begonnen hat, das dunkle Braun zu verdrängen. »Es ist ­unfassbar, was Menschen bereit sind, anderen Menschen anzutun. Selbsttötung halte ich wegen der Folie für unwahrscheinlich, obwohl man auch diese Möglichkeit genau prüfen wird. Es sieht eher so aus, als sei das Mädchen sorgfältig gebettet und die Kleidung arrangiert worden.« Auch er scheut sich offenbar, von einer Toten oder schlicht der Leiche zu reden, empfindet die Lebendig­keit im Angesicht des Todes.

Thomas legt den Arm um ihre Schultern: »Geh nach Hause, im Moment kannst du nichts tun. Ich informiere die Kollegen über deine Personalien. Sobald die Spurensicherung abgeschlossen ist, wirst du Besuch bekommen, um deine Aussage zu protokollieren.«

»Kannst du das nicht machen?« Laura schaut ihn bittend an.

»Wo bleibt deine Professionalität? Schon vergessen, dass eine neutrale Person wesentlich besser dafür geeignet ist? Natürlich bezweifele ich nicht, dass du auch mir den Sachverhalt genau schildern würdest, aber du weißt, welche Wichtigkeit selbst das kleinste Detail hat. Um das herauszulocken, hat jemand Unbefangenes nun mal wesentlich bessere Chancen als ein langjähriger Freund.«

Laura kommt nicht umhin, zuzustimmen. Doch bevor sie sich auf den Nachhauseweg macht, braucht sie noch eine dringende Auskunft.

»Wann gebt ihr eigentlich die Sache an die Presse?«

»Sobald wir hier fertig sind. Zwecklos, es aufzuschieben. Ich bin ohnehin überrascht, dass offenbar noch niemand von der Sache Wind bekommen hat. Normalerweise ist die Meute schon da, bevor die Spuren­sicherung fertig ist. Du brauchst keine Angst zu haben«, nimmt er ihre Befürchtungen vorweg, »dein Name wird nicht erwähnt. Eine Spaziergängerin hat die Leiche gefunden. Punkt.«

Mit der Bitte, sie auf dem Laufenden zu halten, wendet sie sich zum Gehen. Thomas schaut ihr nach. Er freut sich über das Treffen, auch wenn ihm ein anderer Anlass lieber wäre. Seit Christophs Tod haben sie sich nicht mehr gesehen, auch nicht telefoniert, obwohl er seine Unterstützung angeboten hatte. Als sie sich nicht meldete, nahm er an, dass sie Zeit brauche, um sich zu fangen, und wollte sich nicht aufdrängen. Mehrmals hatte er den Telefonhörer in der Hand, war dann aber doch nicht mutig genug, ihre Nummer zu wählen. Aber in seinen Gedanken war sie oft präsent. Natürlich gab es keinen Grund für sie, sich ausgerechnet an ihn zu wenden, um sich trösten zu lassen. Da gibt es andere, die ihr näher stehen, das muss er zugeben. Aber gewünscht, sie trösten zu dürfen, das hatte er schon.

2

Die Uhr bei der Friedhofsgärtnerei zeigt kurz vor drei, als Laura dort vorbeiradelt. Der angekündigte Besuch wird sicher nicht vor fünf erfolgen, Zeit genug also, um einen Abstecher ins Café Wacker im Mittelweg zu machen, eine heimelige Oase, nur einen Steinwurf entfernt von der hektischen Betriebsamkeit des Oederwegs. Genau das, was sie braucht, um ihre Gedanken zu sortieren.

Eine Tasse Kaffee mit aufgeschäumter Milch und ein Stück Himbeertorte ohne Sahne sollten helfen, den Ablauf der Geschehnisse stichpunktartig zu ­rekapitulieren. Sie leiht sich einen kleinen Bestellblock samt Kugelschreiber und versucht, sich zu konzentrieren.

Die Aussicht auf den Kuchen jedoch bringt eine Ablenkung, denn als Erstes fällt ihr ein, was für ein Privileg es ist, Anfang März in den Genuss von Himbeeren zu kommen. Besonders während der kalten Jahreszeit sehnt sie sich nach diesen Früchten. Das war schon in der Kindheit so. Für sie als Novembergeborene stand die Himbeertorte ganz oben auf der Wunschliste. Früher gab es nur eingemachte oder tiefgefrorene, beide zwar etwas matschig, aber doch mit den Aromen des Sommers. Als dann die ersten frischen im Winter kamen, war das eine Sensation. Um nichts in der Welt möchte sie jetzt darauf verzichten. Eigentlich ist sie Gegnerin des Imports von Lebensmitteln aus weit entfernten Regionen, erstens wegen der katastrophalen Energiebilanz, zweitens aus Bedenken vor zugesetzten Pestiziden. In Bezug auf Himbeeren macht sie allerdings eine Ausnahme. Der Geschmack von frischen schlägt die anderen um Längen, und so fallen sie unter die Amnestie. Genauso wie der Kuchen, welcher den Früchten erst zur Vollkommenheit verhilft.

Als sie bemerkt, wie ihre Gedanken abschweifen, ruft sie sich zur Ordnung. Sie muss sich konzentrieren und den Ablauf rekapitulieren, solange er noch frisch im Gedächtnis ist. Dieses Vorgehen war mit das Erste, was sie bei Zeugenbefragungen lernte. Wenn kein Mikrofon zur Hand war und keine Möglichkeit bestand, Notizen zu machen, war das Gedächtnisprotokoll direkt im Anschluss die einzige Chance, Ergebnisse fehlerfrei zu sichern.

Wie also war der Ablauf? Nachdenklich malt sie kleine Spiralen auf das Blöckchen. Gibt es etwas, das ich vergessen habe? Schritt für Schritt geht sie die Situation durch, vom Entziffern der Inschrift bis zur Entdeckung des leblosen Körpers, und notiert die einzelnen Punkte. Das Gesicht. Sie hat den vagen Eindruck, es irgend­wann schon einmal gesehen zu haben. Es will sich jedoch keine Erinnerung einstellen, und der Eindruck verschwindet genauso schnell, wie er gekommen ist. Nein, es gab nichts Auffälliges, nicht den geringsten Hinweis, der weiterhelfen könnte. Doch, drängt es sich ihr plötzlich auf, da gab es etwas: die Rose im Haar. Eine leuchtend rote Rose, voll erblüht, ohne das geringste Anzeichen des Verwelkens. Das korrespondiert mit dem Zustand der Toten. Auch hier keine Spuren von Verwesung, soweit sie es feststellen konnte. Ist das ein Hinweis darauf, dass der Körper erst kürzlich abgelegt wurde, oder hat der strenge Frost beides konserviert? Unwahrscheinlich, zumindest was die Rose betrifft, die wäre nach kurzer Zeit erfroren und braun geworden. Also wird der Körper noch nicht lange dort gelegen haben. Oder sollte es sich um eine künstliche Blume handeln? Sie konzentriert sich auf das Aussehen. Nein, ausgeschlossen, das wäre ihr aufgefallen. Die Rose ist echt. Aber irgendetwas stimmt da nicht. Sie hat das sichere Gefühl, etwas bemerkt zu haben, ohne es in Worte fassen zu können. Aus Erfahrung weiß sie, dass es keinen Sinn macht, darüber nachzugrübeln, es wird ihr wieder einfallen, wenn die Zeit dafür reif ist. Als Gedächtnisstütze schreibt sie in Blockbuchstaben »ROSE« auf den Zettel, macht ein Ausrufezeichen dahinter und unterstreicht das Wort zweimal mit energischen Strichen. Sorgfältig faltet sie das Papier zusammen und verstaut es im Portemonnaie, um sich dem Kuchen zu widmen, der gerade gebracht wird.

Sie ist noch nicht ganz fertig, als Renate eintrifft und sich ohne Umstände am Tisch niederlässt. Renate ist ihre beste Freundin. Sie kennen sich noch aus Studenten­zeiten. Auch sie ist eine Liebhaberin der angenehmen Dinge des Lebens, die sich mit zunehmendem Alter zunehmend in Caféhäusern abspielen. Ohne sich verabreden zu müssen, treffen sich die beiden häufig am Nachmittag im Wacker, um ihrer Vorliebe zu frönen und ein Schwätzchen zu halten.

Renate kann sich ihre Zeit frei einteilen. Zwar absolvierte sie ihr Soziologiestudium mit Bravour und setzte noch eine Promotion mit summa cum laude darauf, hat aber nie in diesem Beruf gearbeitet. Ihr Interesse galt zunehmend den Wirtschaftswissenschaften, und auf diesem Gebiet finden ihre kritischen Analysen und Artikel in Fachzeitschriften seit Jahren öffentliche Anerkennung.

Aus einem sehr vermögenden Elternhaus stammend, wurde sie als spät geborenes, sehnlichst erwartetes einziges Kind klaglos und großzügig alimentiert. Außerdem verfügte sie seit dem 21. Lebensjahr durch ein Vermächtnis der Großeltern über eigenes Geld. Unabhängig von pekuniären Zwängen, konnte sie ihr Leben selbst gestalten. Nach dem Tod der Erzeuger bestand die einzige Veränderung darin, sich nun selbst um die Verwaltung des Vermögens kümmern zu müssen, was ihr mit beachtlichem Erfolg gelang. Und es gelang ihr, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben und sich dem Einfluss der Mutter entziehen, die als Charity Lady im Rampenlicht ihre wohltätigen Auftritte ­gefeiert hatte. Renates Charity-Aktionen bestehen seit Jahren darin, mittellosen Freunden über die Runden zu helfen und sich ehrenamtlich in einer Menge wohl­tätiger Organisationen zu engagieren. Alf, Künstler und Privatphilosoph, den sie von ihrer Mutter erbte, wird von ihr genauso gesponsert wie eine alte Freundin der Familie, der sie den Verbleib in der vertrauten großen Altbauwohnung ermöglicht, nachdem Anlageberater am Neuen Markt ihr Vermögen verspielten.

Laura war nicht die Einzige, die Renate darum beneidete, dass ihr der harte Konkurrenzkampf um einen Job erspart blieb. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger war Soziologie das Lieblingsfach der intellektuellen Avantgarde und der Andrang auf die wenigen Stellen entsprechend groß. Die Professoren Adorno, Marcuse und Horkheimer, leitendes Dreigestirn der Fakultät und Begründer der Kritischen Theorie, genossen hohe Achtung und Verehrung in der progressiven Studentenschaft. Viele wollten in ihre Fußstapfen treten, ohne die beruflichen Aussichten ins Kalkül zu ziehen. So kam es, dass nicht wenige nach dem Examen Taxi fuhren. Was als Übergang gedacht war, wurde manchmal aus Mangel an Alternativen zum festen Job, und so saßen damals einige hoch qualifizierte Akademiker hinter dem Steuer.

Auch Laura liebäugelte zunächst mit dieser Fachrichtung, aber in realistischer Abschätzung der Perspektiven entschied sie sich für die ­Rechtswissenschaften, sehr zur Befriedigung ihrer Eltern, die meinten, eine Juristin in der Familie könne nicht schaden. Es dauerte eine Weile, bis die Familie begriff, dass auch für sie ein Prozess mit Kosten verbunden sein würde.

Renate heiratete mit 26 ihre Teenagerliebe. Stefan war erst kurz zuvor durch einen Zufall wieder in ihr Leben getreten, und die Hochzeit fand nur zwei Monate danach statt. Laura hatte nie verstanden, was ihr an diesem Mann so gefiel, denn außer gutem Aussehen konnte sie nichts Bemerkenswertes an ihm finden. Ein knappes Jahr später war Renate Witwe. Bei einer gemeinsamen Wanderung mit Freunden durch den herbstlichen Wald glitt ihr Mann auf nassen Blättern aus, rutschte einen Abhang hinunter, fiel auf eine kleine, selten befahrene Straße und wurde von einem Auto überrollt. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus, und seine Eltern gaben ihr die Schuld an dem Unfall. Wegen der Lebensversicherung, die sie ausgezahlt bekam. »Heimtückischer Mord aus Geldgier«, so lautete die Anschuldigung, ein Verfahren jedoch wurde gar nicht erst eröffnet, da mehrere Zeugen das Geschehen beobachtet hatten. Ausgerechnet Geldgier als Mordmotiv, das machte Renate nun wirklich fassungslos. Die Lebensversicherung war bereits lange vor der Heirat abgeschlossen worden und hatte der Altersversorgung dienen sollen. Wie sie Laura einmal anvertraute, wollte sie eigentlich das Geld der Familie überlassen, überlegte es sich aber anders, als sich das Blatt so wendete. Seit damals hat Renate keinen ernsthaften Versuch mehr unternommen, eine neue Partnerschaft einzugehen, obwohl es an Verkupplungsversuchen des Freundeskreises nicht mangelte. Soweit es Laura einschätzen kann, ist Renate mit ihrem Los durchaus zufrieden und empfindet keine Defizite.

»Ich muss dir was erzählen«, fangen beide gleichzeitig an.

»Du zuerst!« Großzügig überlässt Laura ihrer Freundin den Vortritt, die darauf zu brennen scheint, ihre Geschichte loszuwerden. Und tatsächlich handelt es sich um Brennendes, nämlich um einen Klecks Löwensenf. In diesen ist ihr gieriger und nicht ohne Grund ziemlich dicker roter Kater Adorno getreten, als er auf den Tisch sprang und mit einer Pfote im Teller landete. Der Duft des übrig gebliebenen Wurstzipfels verlockte ihn wohl zu diesem Fehltritt, der sich bitter rächte beim Versuch, die Pfote sauber zu lecken. Der scharfe Senf stieg ihm in Nase und Augen, sodass er wie ein geölter Blitz durch die Wohnung raste, heftig niesend, mit tränenden Augen, bis es seiner Herrin gelang, ihn einzufangen und in der Badewanne zu reinigen.

Laura kann sich das genau vorstellen, und beide schütten sich aus vor Lachen.

»Jetzt du«, auffordernd nickt Renate ihr zu, aber Laura schaut auf die Uhr und schüttelt den Kopf.

»Nächstes Mal. Ich bekomme noch Besuch, weiß aber nicht genau, wann. Es ist besser, wenn ich mich aufmache. Wahrscheinlich kann ich dir später auch mehr erzählen.«

Sie hat es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen. Ein Gedanke ist wie aus dem Nichts aufgetaucht, und der hat mit der Rose zu tun. Auf dem Fahrrad sind es nur zwei Minuten bis zu ihrer Wohnung in einem ruhig gelegenen Altbau, die sie mit Christoph vor 15 Jahren gekauft hat. Zum Glück, wie ihr immer wieder bewusst wird, wenn sie hört, welche horrenden Mieten mittlerweile in der Frankfurter Innenstadt verlangt werden. So etwas wäre heute für einen Normalverdiener nicht mehr finanzierbar. Hastig schließt sie auf und deaktiviert die Alarmanlage, die rot blinkend durch das milchige Sicherheitsglas mögliche ­Einbrecher warnt. Als die Wohnung vor zwei Jahren renoviert wurde, entschlossen sie sich zu dieser Lösung, um das Fenster der alten Tür nicht weiterhin mit Gittern zu verschandeln.

Sie wirft den Mantel über einen Stuhl, streift ungeduldig die Schuhe von den Füßen, um in die bereitstehenden Pantoffeln zu schlüpfen, und geht zu dem kleinen Beistelltisch neben dem Sofa. Eine Lampe steht dort und außerdem ein kleiner Silberkelch mit weißer Kamelie, umgeben von einem Arrangement aus immergrünen Blättern. Sie hat es von Maren bekommen als Mitbringsel, bald nach Christophs Tod. »Das ist unsterblich und trotzdem echt«, sagte Maren, »ich habe es in München gesehen und dachte, es würde dir gefallen. Die Blumen und das Grün werden gefriergetrocknet und halten dann ewig. Fühl mal, es gibt keinen Unterschied zu lebenden Pflanzen!« Vorsichtig betastete Laura die zarten Blütenblätter und musste ihr recht geben.

Aufmerksam betrachtet Laura nun das Gesteck. Es ist tatsächlich so. Nicht die geringste Spur des ­Verwelkens nach elf Monaten. Sollte es sich bei der Rose im Haar des Mädchens vielleicht um ein solches Artefakt handeln? Das wäre eine Erklärung für den Erhaltungs­zustand. Wenn man solche Blumen in München kaufen kann, gibt es sie auch in Frankfurt. Bestimmt aber nicht in vielen Geschäften, das wäre ihr sonst sicher schon aufgefallen. Vielleicht bietet sich hier eine Möglichkeit, auf die Spur des Täters zu stoßen.

Ihr kriminalistischer Eifer ist geweckt. Sie schaltet den Computer ein und tippt »haltbare Rosen« in die Suchmaschine. Sofort werden mehrere Seiten aufgerufen, in denen verschiedene Online-Firmen ihre Produkte anbieten. Ernüchtert muss sie feststellen, dass es so einfach wohl doch nicht geht. Alle haben gefrier­getrocknete Blumen in großer Auswahl im Angebot, vor allem rote Rosen scheinen der große Renner zu sein.

Das Klingeln an der Haustür unterbricht ihre Nachforschungen. Über die Sprechanlage erfährt sie, dass der erwartete Besuch eingetroffen ist. Eine nette Stimme, denkt sie und ist erleichtert. Ein bärbeißiger, altgedienter Polizist würde ihr jetzt überhaupt nicht passen. Sie drückt den Summer und nimmt die zierliche kleine Frau in Augenschein, die kurz darauf vor der Tür steht. Laut Ausweis handelt es sich um Iris Kirchner. Der Name passt. Alles an ihr ist filigran. Schwarze, zum klassischen Bob geschnittene Haare umranden ein blasses Gesicht und stehen verblüffend im Gegensatz zu ihren leicht schräg geschnittenen Augen in einem so tiefen Blau, dass es fast ins Violette spielt. ­Irisaugen. Lauras Großmutter hatte solche Augen; seit ihrem Tod vor 28 Jahren hat sie diesen Farbton nie mehr gesehen. Diese Farbe gefiel ihr als Kind viel besser als das dunkle Braun ihrer eigenen, Erbteil des Vaters, dessen Gene dominierten. Kuhaugen, dachte sie immer, wenn sie sich im Spiegel betrachtete, und konnte ihnen nie etwas abgewinnen. Bis der erste Freund ihre »wunderschönen, sanften Rehaugen« bewunderte. Das half, sich damit abzufinden.

Vielleicht ist ihr die Polizistin wegen dieser Augen auf Anhieb sympathisch, vielleicht ist es aber auch ihr freundliches, dabei energisches Auftreten. Sie kommt jedenfalls ohne Umschweife zur Sache und bittet um detaillierte Schilderung des Auffindens, während sie ein kleines Aufnahmegerät einschaltet. Da Laura den genauen Ablauf bereits rekapituliert hat, kann sie präzise berichten und wird auch nur von wenigen Zwischen­fragen unterbrochen.

Iris Kirchner nickt, als der Bericht zu Ende ist. »Sonst ist Ihnen nichts aufgefallen?«

»Doch.« Jetzt kann Laura den Trumpf aus dem Ärmel ziehen und informiert über ihre Vermutung, die Rose sei vermutlich gefriergetrocknet. Zum Beweis stellt sie das kleine Gesteck auf dem Tisch und registriert zufrieden die Überraschung.

»Das ist vielleicht ein Hinweis«, ihr Gegenüber tippt auf die Blüte, »da könnte man ansetzen, wenn sich das bewahrheitet.«

Allerdings muss Laura den aufkommenden Optimismus dämpfen und weist auf ihre eigene Recherche hin.

»Trotzdem, besser als gar nichts ...« Sie fixiert Laura mit ihren erstaunlichen Augen. »Ist Ihnen vielleicht noch mehr aufgefallen?«

Hätte ich doch schon gesagt, denkt Laura leicht eingeschnappt, doch ihr fällt tatsächlich noch etwas ein. »Die Rose passt nicht.«

»Inwiefern?«

»Im Haar der Skulptur ist keine Rose, sondern drei ziemlich unscheinbare Blüten, da bin ich mir ziemlich sicher. Das ist doch merkwürdig. Ansonsten war der Körper nämlich absolut identisch abgelegt und bekleidet. Das kann doch kein Zufall sein, sieht eher nach Kalkül aus. Als wollte der Täter damit einen Hinweis geben.«

»Sollte es sich tatsächlich so verhalten, werden wir der Sache natürlich nachgehen«, verspricht die Polizistin und stoppt den Recorder.»Für heute ist es genug, aber richten Sie sich darauf ein, dass wir Sie möglicherweise noch einmal brauchen.«

Laura nickt. »Jederzeit. Ich bin sehr neugierig, was hinter dieser furchtbaren Sache steckt. Meiner Ansicht nach ist es die Tat eines Psychopathen.«

»Alle Mörder, die aus Kalkül töten, sind Psychopathen, das ist meine Ansicht«, entgegnet die Polizistin entschieden, während Laura sie zur Tür begleitet. »Selbst diejenigen, denen volle Zurechnungsfähigkeit bestätigt wird, haben eine psychische Deformation, sonst könnten sie sich nicht über die Hemmschwelle des Tötens hinwegsetzen.«

Wieder alleine, denkt Laura über die Worte nach. Irgendwie hat Iris Kirchner recht, irgendwie aber auch nicht. Eine Hemmschwelle gibt es gewiss, da braucht man nur ins Tierreich zu schauen. Angehörige derselben Art vermeiden es, sich untereinander zu töten. Selbst bei vehementesten Rangordnungskämpfen ist der Tod des Kontrahenten eher ein unglücklicher Zufall. Sonst würden Hirsche nicht ihre Geweihe verhaken, um ihre Kraft zu messen, sondern versuchen, die scharfen Spitzen dem Gegner in die Flanke zu stoßen. Instinktverhalten nennt man so etwas wohl, das dem Schutz der eigenen Art dient. Da sind offenbar der Menschheit einige Instinkte abhandengekommen. Andererseits können außergewöhnliche Situationen ein anderes Verhalten hervorrufen. Sie erinnert sich an einen Artikel, in dem beschrieben wurde, dass Ratten bei Überbevölkerung und Nahrungsknappheit den eigenen Nachwuchs fressen. Im Gegensatz zu den Tieren ist dem Menschen jedoch Verstand genug gegeben, die Folgen seines Tuns einschätzen zu können. Es muss sich also tatsächlich um einen psychischen Defekt handeln, wenn dieser Mechanismus außer Kraft gesetzt wird. Was wiederum zum Anfang führt: Was bringt jemanden dazu, erst einen Mord zu begehen und dann alles daran zu setzen, um den Anschein zu erwecken, es sei eigentlich nichts passiert? Vielleicht ein Mord aus Eifersucht, nach dem Motto: »Wenn ich dich nicht haben kann, soll es auch kein anderer«, der dann Reue nach sich zog? Das kommt ihr nicht unwahrscheinlich vor, und sie beschließt, mit Thomas darüber zu reden und außerdem spätestens übermorgen nach dem Resultat der Autopsie zu fragen, sollte er sich nicht vorher melden.

Kurz überlegt sie, Renate noch anzurufen, um sie über das Geschehen zu informieren. Doch für heute ist es genug. Lieber ein gemütlicher Fernsehabend, um abzuschalten. Sie zappt durch die Kanäle und bleibt bei einem Komiker, pardon: Comedian hängen, wie man diese Gattung auf Neudeutsch bezeichnet. Leider verplätschert dessen Darbietung seicht im Sande, sodass sie sich mit einem Glas Wein und dem satirischen Wochenrückblick ins Bett zurückzieht, um zu erfahren, was wieder einmal schief gelaufen sei.

3

Als sie am nächsten Morgen aufwacht, fühlt sie sich wie gerädert. Das Nachthemd ist völlig verschwitzt und das Bettzeug so zerwühlt, als hätte ein Nahkampf stattgefunden. Dunkel erinnert sie sich, in einem verwahrlosten Haus nach dem Ausgang gesucht und sich in einem Labyrinth wiedergefunden zu haben. Es war ein Endlostraum, aus dem sie mehrmals hochschreckte, aber sofort wieder einschlief und weiter­träumte. Sie geht ins Bad, beugt sich über das Waschbecken und schüttet sich mit beiden Händen kaltes Wasser ins Gesicht. Als sie in den Spiegel schaut, fühlt sie sich keineswegs besser. Eine blasse ältere Frau mit wirren Haaren und dunklen Ringen unter den Augen blickt ihr entgegen. Auch die Falten kommen ihr tiefer vor als sonst. Nun gut, da lässt sich etwas tun. Eine Feuchtigkeitsmaske kann einiges bewirken. Christoph hatte sich immer amüsiert, wenn sie ihre Schönheitstour machte, wie er es nannte, und versichert, das habe sie gar nicht nötig. Ihr schienen jedoch Zweifel angebracht, denn allzu deutlich machten sich langsam, aber sicher die Spuren des Alters bemerkbar.

Damit hatte sie in ihrer Jugend überhaupt nicht gerechnet, mit 17 empfand sie bereits 30jährige als ziemlich betagt. Altern war etwas, das andere betraf. Alte Menschen brauchten sich ohnehin nicht mehr ums Aussehen zu kümmern, da war sowieso alles zu spät. Welche Fehleinschätzung! Jetzt gehört sie dazu und kümmert sich sehr ums Aussehen. Aber das teilt sie mit der Mehrheit ihrer Altersgenossinnen, denn kaum eine findet sich so ohne Weiteres mit den unangenehmen Begleit­erscheinungen der zunehmenden Jahre ab. Außer Renate. Die hat als Einzige offenbar keine Probleme mit Äußerlichkeiten. Damit ist sie das genaue Gegen­teil ihrer glamourösen Mutter, die Schönheit, Charisma und Charme bis zu ihrem Lebensende bewahrte. Und selbst dieses war spektakulär: Bei der Gala zu ihrem 75. Geburtstag stolperte sie über ein Kabel und stürzte von der Bühne. Beim Aufprall erlitt sie einen Schädelbasisbruch, der nach einwöchigem Koma zum Tode führte.

Abgesehen von ihrem scharfen Intellekt ist dagegen an Renate so gar nichts Spektakuläres. Mittelgroß, mittel­braunes Haar, mittlerweile graumeliert, mittelmäßiges Aussehen. Dabei hätte sie Potential, so kommt es zumindest Laura immer vor, aber sie ist eine der Frauen, »die nichts aus ihrem Typ machen«, wie es die einschlägigen Magazine formulieren. In alten Filmen gibt es eine wiederkehrende Szene: Irgendein Schönling nimmt der blaustrümpfigen Sekretärin die überdimensionale Hornbrille ab, die Klammer aus dem Haar und schon verwandelt sich die Raupe in einen Schmetterling. Renate hat an solche Metamorphosen offenbar nie den geringsten Gedanken verschwendet, vielleicht um der Mutter keine Chance auf die Hoffnung zu geben, sie könne einst in ihre Fußstapfen treten. Laura nimmt sich vor, dieses Thema bald einmal anzusprechen, denn sie wüsste doch zu gerne, weshalb ihre Freundin in dieser Angelegenheit so ein Desinteresse an den Tag legt.

Kritisch betrachtet sie sich im Spiegel. Die braunen Augen, ein voller Mund, leicht gewelltes, halblanges Haar, dessen Dunkelblond langsam vom Grau überdeckt wird. Christoph hat vom Färben überhaupt nichts gehalten. »Steh zu deinem Alter«, versuchte er sie zu überzeugen. »Graue Haare und Falten sind schön. Gelebtes Leben. Schau dir doch nur die operierten Gesichter an, mit aufgespritzten Lippen, zentimeterdickem Make-up und wallendem Blondhaar. Möchtest du so aussehen?« Und als er hinzufügte, dass er sie genau so liebe, wie sie sei, war sie sehr gerührt und nahm sich vor, das Unausweichliche tapfer hinzunehmen.

Leider sagt ihr das heute niemand mehr, und trotz aller Anstrengungen will es ihr nicht so richtig gelingen, Falten schön zu finden. Daran ist unerfreulicherweise nur wenig zu ändern, aber ändern lässt sich etwas anderes. Heute, entscheidet sie, heute werde ich wenigstens meine alte Haarfarbe zurückbekommen. Die Frisur bleibt so, wie sie ist, ab und zu etwas kürzen, fertig. Das kann sie zur Not auch selber. Färben ist etwas anderes, da gibt sie sich lieber in die Hände eines Fachmanns. Es wimmelt hier von Friseurläden. Einer wird sie bestimmt drannehmen, ohne lange Wartezeiten.

Nach dem Frühstück macht sie sich sofort auf den Weg. Sie braucht nicht lange zu suchen, gleich der erste Salon hat noch Kapazitäten frei. Eine freundliche Dame ihres Jahrgangs führt sie zu einem Sessel und legt ihr ein Cape um die Schultern. Laura schaut sich um: Die Siebziger lassen grüßen. Braune Waschbecken, ockerfarbene Wände, praktischer Linoleumboden. In der Ecke steht ein großer Besen. Hoffentlich sind wenigstens die Geräte modern, hoffentlich ruft die Farbe keine Verätzungen hervor. Die freundliche Dame steht jetzt hinter ihr und fragt nach den Wünschen der geschätzten Kundin. Laura erklärt dem Spiegelbild ihre Wünsche und nimmt dabei einen ziemlich penetranten Geruch nach Zigaretten wahr, der etwas abgemildert auch im Raum hängt. Nicht sehr angenehm, aber sie sollte nicht so zimperlich sein. Früher wurde immer und überall geraucht, besonders beim Friseur, um die Wartezeit zu verkürzen. Als die Dame mit allen zehn Fingern ihre Haare aufschüttelt, geraten nikotingelbe Finger ins Blickfeld. Noch weniger angenehm. Aber Laura beschließt, durchzuhalten und sich nichts anmerken zu lassen. Dieser Entschluss wird allerdings auf eine harte Probe gestellt, als die Nachrichten des Radios im Hintergrund zu Ende sind und deutsche Schlager ertönen. Die Dame summt mit. Laura schließt die Augen und versucht an etwas anderes zu denken. Vielleicht wäre eine Zeitschrift hilfreich. Neue Post, Frau aktuell und Bunte stehen zur Auswahl. Sie entscheidet sich für die Neue Post und liest intime Details über Affären berühmter Stars, von denen sie nicht einmal die Namen kennt. Resignierend fügt sie sich in ihr Schicksal und hofft, dass die Prozedur bald zu Ende sei. Aber das zieht sich. Die Farbe muss einwirken. Während der Einwirkzeit kommen Vater und Sohn, um sich die Haare schneiden zu lassen. Beim Kleinen geht es schnell, aber beim Erzeuger braucht es seine Zeit. Längst hat eine Art Wecker geschrillt, um das Ende der Einwirkzeit zu signalisieren. Ungerührt stellt die Dame das Gerät wieder an mit der Bemerkung, ein paar Minuten mehr würden nicht schaden, während sie sich in aller Ruhe ihrem anderen Klienten widmet. Lauras Kopfhaut beginnt zu jucken. Erst als der Herr gezahlt hat, wird der geschätzten Kundin wieder Aufmerksamkeit zuteil. Die ist mehr als erleichtert, von der Schmiere befreit zu werden und freudig überrascht vom Ergebnis der Sitzung. Die Friseurin versteht ihr Handwerk. Das Grau ist verschwunden und die natürliche Farbe perfekt getroffen. Grund genug, die Imponderabilien zu vergessen und dem moderaten Honorar ein großzügiges Trinkgeld hinzuzufügen.

Gerade als Laura den Salon verlassen hat, klingelt das Handy. Renate ist dran und reklamiert die ausstehenden Neuigkeiten. Sie verabreden sich um zwei am Palmengarten. Das Wetter ist mild wie am Vortag und ein kleiner Spaziergang wird beiden guttun.

Renate ist schon da. Sie besitzt eine Jahreskarte, die den Vorteil hat, auch bei den Nebeneingängen zu ­funktionieren. So können sie sich zusammen durchs Drehkreuz quetschen. Eingehüllt in den ­betäubenden Duft der Hyazinthen und Narzissen, schlendern sie durch die Frühlingsblumenschau. Tulpen in der ganzen Breite des Farbspektrums stehen in voller ­Blüte, von Wachsweiß bis zu einem fast schwarzen Violett. Geflammte Kelche sind darunter, gefüllte, solche mit ausgefransten, gezackten, gezahnten und glatten Blüten­blättern. Die Vielfalt der Farben und Formen ist überwältigend. Laura spürt zwar die Neugier der Freundin, bringt es aber angesichts dieser Pracht nicht fertig, ihre Geschichte zu erzählen. Erst als sie auf der Bank über dem Wasserfall des Palmenhauses sitzen, berichtet sie.

Renate fällt aus allen Wolken. »Das kann doch nicht wahr sein, du hast die Leiche gefunden?«

»Wieso, woher weißt du von der Sache?« Laura ist verblüfft.

»Hast du noch keine Zeitung gelesen? Da steht alles drin, in großer Aufmachung!«

Klar, wie dumm, nicht daran gedacht zu haben. Sie hatte kurz überlegt, die Zeitung zum Frühstück zu holen, dann aber den Gang zum Briefkasten gescheut. Dankbar konstatiert sie, dass ihr Name offenbar nicht erwähnt ist. Thomas hat Wort gehalten.

Laura muss ihrer Freundin nun genauso detailliert Auskunft geben wie der Polizei. »Und du musst mir die Stelle zeigen. Weiß man schon, woran die Frau gestorben ist? Davon stand nämlich nichts in der Zeitung.«

Laura muss sie enttäuschen. »Das wird noch etwas dauern. Die Obduktion erfolgt erst heute, das weiß ich von der Polizistin. Der Körper war steifgefroren. Thomas hat versprochen, mich zu benachrichtigen.«

Als hätte er auf dieses Stichwort gewartet, erscheint seine Nummer auf Lauras Handy. Was die Todesursache betrifft, hat er noch keine Neuigkeiten. Die seien am späten Nachmittag zu erwarten. »Aber woher wusstest du, wie man mit dem Auto in den Friedhof kommt? Das könnte nämlich ermittlungsrelevant sein. Der Täter muss ja ein Fahrzeug benutzt haben, um die Tote zu transportieren. Wir haben Reifenspuren gefunden, die nicht von den Fahrzeugen der Friedhofs­gärtnereien stammen. Sie werden gerade analysiert. Vielleicht lässt sich damit die Personengruppe einkreisen.«

Daran hatte sie noch gar nicht gedacht, ein neuer Aspekt. Das mit der Zufahrt weiß wirklich nicht jeder. Sie erfuhr es auch erst durch Maren, die sie um Hilfe beim Neubepflanzen des Grabs ihres Schwiegervaters gebeten hatte. Mit jeder Menge Erde und Blumen im Kofferraum waren sie durch die Schranke gefahren, die in solchen Fällen geöffnet wird.

Laura setzt Thomas darüber in Kenntnis, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass die Schranke auf Anforderung immer geöffnet wird. »Da fragt keiner genauer nach, deshalb kommt im Grunde jeder rein.«

»Trotzdem danke für die Information. Mal sehen, ob wir damit einen Schritt weiterkommen.«

Renate hat das Gespräch verfolgt und zieht die Brauen hoch. »Ich wollte dich nicht unterbrechen, aber könnte nicht doch jemandem ein Fahrzeug um diese Jahreszeit aufgefallen sein? Es war doch eiskalt zum angenommenen Tatzeitpunkt und die Erde gefroren. Da kann man auf keinen Fall etwas einpflanzen, und bauliche Maßnahmen an Grabsteinen, für die man Werkzeug transportieren müsste, halte ich auch für ausgeschlossen.«

»Du hast recht! Zu dieser Zeit waren dort mit Sicher­heit nur wenige Menschen unterwegs. Und gerade deshalb kann sich vielleicht jemand erinnern.«

Sie ist kurz davor, Thomas anzurufen, um ihm diese Überlegung mitzuteilen, aber es ist anzunehmen, dass er mit seiner ausgeprägten Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen, bereits selbst darauf gekommen ist. Sie möchte keinesfalls seine Intelligenz beleidigen. Sie denkt nach. »Vielleicht könnte ich auf eigene Faust versuchen, in dieser Beziehung etwas herauszubekommen …«

»Nein!«, Renate ist entschieden dagegen. »Das würde gerade noch fehlen. Ich verstehe zwar, dass es dich in den Fingern juckt, in diesem selbst erlebten Fall, aber du würdest nur die offiziellen Ermittlungen stören. Wenn du noch arbeiten würdest, könnte ich das verstehen, aber dein Abschied war doch definitiv, oder habe ich da etwas falsch verstanden?«

Laura muss ihr recht geben. In beiden Punkten. Als sie fast zeitgleich mit Christoph in den Ruhestand wechselte, tat sie das mit dem festen Vorsatz, sich nicht mehr mit den kriminellen Seiten des menschlichen ­Daseins zu beschäftigen, sondern die angenehmen mit Christoph zu genießen.

»Es ist so, wie du sagst«, wendet sie sich an Renate, »und ich werde mich raushalten, obwohl es tatsächlich in den Fingern juckt. Thomas und seine Kollegen werden ihr Bestes geben, und ich bin immerhin dicht dran. Ja, du auch«, beantwortet sie den fragenden Blick ihrer Freundin, »wenn du versprichst, niemandem etwas davon zu sagen. Obwohl, das wäre egal, er wird nur Dinge erzählen, welche die laufenden Ermittlungen nicht gefährden.«

»Genau, und gerade deswegen solltest du nichts auf eigene Faust versuchen. Wer weiß, ob es nicht sogar gefährlich werden könnte: Der Täter plant offenbar eiskalt.«

Auch da hat Renate recht. Die ganze Vorgehensweise spricht für eine akribische Planung. Allerdings auch für ein gerüttelt Maß an Risikobereitschaft. Viel einfacher wäre es doch, die Leiche irgendwo im Wald abzulegen. Es muss also einen wichtigen Grund für die Inszenierung gegeben haben – so wichtig, dass das Risiko bewusst in Kauf genommen wurde.

Renate nickt. »Und der Grund führt wahrscheinlich zum Motiv. Oder umgekehrt. Es liegt auf der Hand, dass beides zusammenhängt. Warten wir ab, was die Obduktion ergibt. Vielleicht bringt das etwas Licht ins Dunkel ...« Sie schaut auf die Uhr. »Ach, ich muss los. Ich habe Alf versprochen, noch mal reinzuschauen. Er hat ein neues Projekt am Start.«

Und auf Lauras fragenden Blick: »Er will sich an eine größere Skulptur wagen, eine eigene Interpretation der antiken Figurengruppe des Laokoon mit seinen beiden Söhnen im Kampf mit dem Meeresungeheuer.«

Als wäre das Erklärung genug, steht sie auf und zieht ihre Jacke an.

Laura hält sie am Ärmel fest. »Lebensgroß?«

»Klar. Etwas Spektakuläres muss es schon sein.«

»Aber wieso, für was?«

»So genau weiß ich das bis jetzt auch nicht, aber es hängt mit seinem Engagement gegen die Verschmutzung der Meere zusammen. Es ist als Metapher gedacht.«

»Und wie kannst du ihn dabei unterstützen?«

»Er braucht einen größeren Raum und auch Material. Ich habe versprochen, mich darum zu kümmern.«

Laura weiß nicht so genau, ob das Ganze wirklich seriös ist, Renates ernsthafter Gesichtsausdruck spricht aber dafür.

»So schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe: Er verbindet Kunst mit dem Kampf für den Umweltschutz.«

Damit hat er Renate natürlich auf seiner Seite, und auch Laura muss zugeben, dass man sein Geld für schlechtere Dinge ausgeben kann. Obwohl Alf über beachtliches Talent verfügt und in der Kunstszene durchaus einen Namen hat, will sich kein größerer finanzieller Erfolg einstellen. Es genügt zum Leben, da er keine großen Ansprüche stellt. An Renate wendet er sich nur, wenn es für ein künstlerisches Vorhaben nicht reicht. Sie würde ihn weitaus mehr unterstützen, aber das anzunehmen, verbietet sein Stolz. Jetzt, bereits in den Sechzigern, hat er sich mit den Gegeben­heiten arrangiert und wohl auch die Hoffnung auf einen Durchbruch aufgegeben. Vielleicht, so hat man ihm nahegelegt, würde die Hinwendung zu abstrakter Kunst auf bessere Resonanz stoßen, aber das lehnt Alf ab. »Nein, das ist nichts für mich«, hat er erst letztens wieder entschieden mitgeteilt und sich sofort anderen Themen zugewandt, um ­dieser unumstößlichen Tat­sache Nachdruck zu verleihen. Laura nahm sich damals vor, ihn bei Gelegenheit noch einmal darauf anzusprechen, denn auch ihr wollen sich viele Werke absolut nicht erschließen.

Das war, als sie zu viert in Renates Küche saßen, Alf in Begleitung seiner Muse. Tatsächlich, so stellt er Vanessa vor, das ist ihr offizieller Titel. Von Renate weiß Laura, dass sich die beiden vor knapp fünf Jahren in einem Café kennenlernten, wo sie kellnerte, und seitdem voneinander profitieren. Vanessa, eine strahlende Schönheit, die gerne im Mittelpunkt steht, aber auf intellektuellem Gebiet ein paar kleinere Defizite aufweist, lernt durch ihn eine Menge Leute aus Kreisen kennen, die ihr sonst verschlossen blieben. Und Alf, mit dieser Frau an seiner Seite, erfährt ein gutes Stück mehr Aufmerksamkeit für seine Arbeiten, als er sonst bekäme.

»Und die beiden haben nichts miteinander?«, wollte Laura damals wissen.

»Nein, mit Sicherheit nicht«, erklärte Renate, »das ist rein platonisch. Vanessa mit ihren 24 Jahren hat nicht das geringste Interesse an einem alternden Künstler, der in der Szene zwar einen guten Ruf genießt, aber finanziell immer am Rand eines Desasters balanciert. Und Alf, der Ästhet, erfreut sich einfach an ihrem Anblick und dem Interesse, das sie erweckt. Auch ich mag sie übrigens gern. Sie ist nett, unkompliziert, lacht viel. Sie hat einfach die Gabe, gute Laune zu verbreiten.«

»Kann ich mitkommen?« Laura erscheint der avisierte Besuch als gute Gelegenheit, auf andere Gedanken zu kommen.

»Klar, wenn ich gewusst hätte, dass du Lust dazu hast, hätte ich dich sofort gefragt. Alf wird sich freuen, dich zu sehen.«

Beide sind mit dem Fahrrad da und so dauert es nicht lang bis zur Humboldtstraße. Alf bewohnt dort seit fast dreißig Jahren zwei Zimmer im Erdgeschoss eines Altbaus. Ein geräumiger Mansardenraum, ehemals Unterkunft für Bedienstete, gehört dazu. Er hat ihn selbst ausgebaut, mit gehöriger Dämmung gegen Hitze und Kälte und zwei großen Fenstern im Dach, durch die mildes Nordlicht fällt. Normalerweise ist er groß genug für seine Projekte, das neue Werk jedoch erfordert andere Dimensionen. Als er die Wohnung mietete, war das Nordend noch keine so ­angesagte Wohngegend wie heute. Vor allem Studenten und junge Akademiker zog es dorthin, der urbanen (und gastronomischen) Vielfalt wegen. Heute sind die Mieten kaum noch erschwinglich: Die Gutverdiener haben auch diesen Stadtteil für sich entdeckt.

Alf braucht zum Glück keine Kündigung oder Mieterhöhung zu befürchten, denn er ist mit dem Besitzer des Hauses befreundet, seit sich dessen Frau von ihm trennte und die Kinder mitnahm. Alf konnte nicht mit ansehen, wie er niedergedrückt durchs Treppenhaus schlich, und lud ihn auf ein Glas Wein in seine Wohnung. Das war der Beginn ihrer Freundschaft, die durch ihre gemeinsame Leidenschaft fürs Schachspiel gefestigt wurde, offenbar Alfs einziger Leidenschaft außer der Kunst, wie es Laura vorkommt. Neben Vanessa, der Muse, gibt es nur wenige Frauen in seinem Umfeld, und keine ist dabei, die auf eine intime Beziehung schließen ließe. Laura hat sich oft darüber gewundert, auch die Vermutung angestellt, ob er vielleicht schwul sei, ist aber nie zu einem Ergebnis gekommen. Sein Sexualleben ist ein Buch mit sieben Siegeln.

Sie sitzen, mit Wolldecken gegen den leichten Wind geschützt, auf dem kleinen Freisitz hinter dem Haus. Alf durfte ihn im Garten anlegen. Theoretisch steht er auch den anderen Bewohnern zur Verfügung, aber nur selten macht jemand Gebrauch davon. Obwohl erst kurz nach drei, beginnt die Sonne schon ihre Kraft zu verlieren. Lang wird man hier nicht mehr sitzen können, aber ein langer Besuch ist auch nicht geplant.

Renate kommt gleich zur Sache: »Es wird schon klappen. Ich habe gehört, dass bei einer Künstler­gemeinschaft in einer ehemaligen Fabrik etwas frei wird. Ein Atelier mit Nordlicht muss es bei diesem Projekt ja wohl nicht sein.«

Alf nickt. »Nur die Größe ist ausschlaggebend. 50 m2 wären ideal.«

Da zu diesem Thema offenbar kein Diskussions­bedarf mehr besteht, kommt Laura auf die Frage zurück, die sie beim letzten Treffen in Renates Küche nicht mehr stellen konnte: »Alf, warum siehst du eigentlich die abstrakte Kunst so kritisch?«

»Nicht die abstrakte Kunst per se«, korrigiert er, »da habe ich mich wohl zu pauschal ausgedrückt. Nur gewisse Richtungen. Warst du nach dem Umbau schon mal im Städel?«

Und als Laura den Kopf schüttelt: »Solltest du aber. Schau dir die neue Abteilung für Moderne Kunst im Untergeschoss an.«

Er schweigt, als sei damit alles gesagt.

Aber Laura lässt nicht locker. »Wegen der neuen Räumlichkeiten?«

»Ja, auch, architektonisch sind die wirklich gelungen, aber vor allem wegen dem, was drin ist. Abstraktes satt, und zwar in einer Form, als hätten die ­Erschaffer ­niemals gelernt, einen Pinsel zu führen, was sich vermutlich auch so verhält. Ich habe es schon immer für eine Verspottung des Intellekts gehalten, monochrome Farbflächen oder wirre Muster als Kunst zu bezeichnen!«

»Da bist du aber einer der wenigen«, wirft Renate ein.

»Schon klar, aber weißt du, weswegen? Weil sich keiner traut, so etwas laut zu sagen. Da wird man sofort als Banause und Ignorant an den Pranger gestellt. Als ewig Gestriger. Das vor allem mit unserem unseligen Erbe. Kunst aber, die ich als solche bezeichne, hat etwas mit Organisation und Struktur zu tun. Mit Ästhetik! Was da in gewissen Bereichen der abstrakten Kunst gefeiert wird, ist die angebliche ›Ästhetik‹ des Destruktiven. Ich bitte euch, was soll man davon halten? Alles in der Natur strebt nach Harmonie. Selbst in der Chaostheorie: Da ordnen sich die Fraktale zu harmonischen Mustern. Wie weit sind wir mit unserer ­Zivilisation gekommen, dass wir das Gegenteil davon als Ausdruck großer Kunst feiern! Das lässt Rückschlusse auf den Zustand der Gesellschaft zu. Wir selbst sind destrukturiert, desorientiert und zerrissen. Nur deshalb konnte ein Begriff wie ›Die Ästhetik des Hässlichen‹ überhaupt aufkommen. Man muss sich mal vorstellen, dass dafür eigene Museen oder zumindest Abteilungen in Museen geschaffen werden!«

Alf steht auf und holt tief Luft. Es ist ihm anzu­merken, dass ihn dieses Thema umtreibt. Wie jedes Mal denkt Laura, dass er etwas Mephistophelisches hat mit seiner ewig schwarzen Kleidung, der asketischen Gestalt, den dunklen, mittlerweile von weißen Fäden durchzogenen Haaren, die in einer Welle ins Gesicht fallen – und den nach oben strebenden Augenbrauen. Jetzt sind sie über der Nasenwurzel zusammengezogen, ein deutliches Anzeichen tiefster Missbilligung.

Doch Laura fühlt sich irgendwie erleichtert. Ihr diffuses Unbehagen angesichts einiger dieser Werke wurde in Worte gefasst. Auch sie hat das Bedürfnis nach Harmonie, dem »Schönen, Wahren, Guten«, das jahrhundertelang das Selbstverständnis von Kunst zum Ausdruck brachte. Dieses Bedürfnis ist vielen anscheinend abhandengekommen, was wiederum den Schluss nach sich zieht, dass Alf so falsch nicht liegt.

Renate beugt sich vor. »Ich kann da nur zustimmen. Verunsicherung in den Lebensumständen ruft Verunsicherung in der Beurteilung von Dingen hervor. Aber das Verunsicherndste ist, dass man auf Unverständnis stößt, wenn man diese Richtung infrage stellt. Als hätten sich die führenden Köpfe darauf geeinigt, das ästhetische Empfinden aus den Köpfen der anderen zu treiben. Kunst ist zur Allerweltssache verkommen, seit alles zur Kunst erklärt werden kann.«

»Genau, und Joseph Beuys hat nicht unerheblich dazu beigetragen, mit seinem Jeder ist ein ­Künstler«, wirft Laura ein. »Und er hat die Ästhetik des ­Hässlichen auf die Spitze getrieben. Denkt nur an die Fett- und Filzinstallationen, bei denen auch noch Ekel dazukam.«

Alf grinst. »Kein Wunder, dass zumindest eine davon dem gesunden Menschenverstand in Person einer Putzfrau zum Opfer fiel.« Alf ist so richtig in seinem Element, zumal er Verbündete gefunden hat. »Kunst sollte doch positive Gefühle auslösen. Bewunderung, Hochachtung, Einsicht, Verständnis, vielleicht Begeisterung, aber auch Ehrfurcht oder Staunen. Das war vor nicht allzu langer Zeit noch allgemeiner Konsens. Was ficht uns also an, diese Reaktionen infrage zu stellen, sie gar als kunstfeindlich zu brandmarken? Mir ist bis jetzt keine Antwort dazu eingefallen!«

»Mir auch nicht«, pflichtet Renate bei. »Letztens sah ich im Fernsehen ein sogenanntes Kunstwerk«, sie dreht die Augen gen Himmel, »da blieb mir die ­Spucke weg. Eingeweide über ein Gestell drapiert, und das Ganze nannte sich ›Das Innere wird sichtbar‹ oder so ähnlich. Da kann man nur staunen, und zwar über die Bereitschaft, solche Schöpfungen auch noch mit ordentlich viel Geld zu belohnen.« Sie zieht ihre Decke enger um sich. »Aber lasst uns reingehen. Es ist kühl geworden.«

Das ist es in der Tat, auch Laura fröstelt seit einigen Minuten, wollte aber das Gespräch nicht unterbrechen. »Finde ich auch. Außerdem bekomme ich langsam Hunger. Ich werde nach Hause fahren und schauen, was der Kühlschrank hergibt.«

4

Leider ist die Kühlschrankinspektion nicht sehr ergiebig. Gerade als Laura beschließt, dass es ein Käse­brot und später noch zwei Spiegeleier für ­heute tun müssen, da sie keine Lust hat, das Haus noch einmal zu verlassen, klingelt das Telefon. Thomas hat Neuigkeiten: »Die Todesursache steht nun fest. Ich bin gerade beim Chinesen bei dir um die Ecke, etwas zum Essen holen. Das erste seit heute Morgen. Wenn du magst, komme ich auf einen Sprung vorbei?«

Das trifft sich ja richtig gut. »Klar kannst du kommen. Bring mir was mit. Gebratener Reis mit Hähnchen­fleisch und Sprossen wäre gut.«

Kaum zehn Minuten später steht er mit zwei Plastik­tüten vor der Tür. Laura nimmt die Boxen heraus und verteilt den Inhalt auf Teller. Thomas’ Meinung, man könne doch direkt aus den Schachteln essen, da die Zeit knapp sei, kann sie nicht teilen. Etwas Stil muss schon sein, auch wenn es sich nur um Fast Food handelt.

»Die paar Sekunden mehr wirst du ja wohl noch Zeit haben. Es sei denn, du hast ein so dringendes Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme wie Anja, diese Dogge, die ich mal kannte. Wenn die mit ihrem Herrchen essen war, wollte sie ihr Steak englisch, das ging nämlich schneller.«

Thomas schüttelt den Kopf. »Du hast recht. So ist es besser. Aber viel Zeit habe ich leider wirklich nicht. Um sieben ist eine Dienstbesprechung mit ­anschließender Pressekonferenz angesetzt. Vor zehn komme ich da ­sicher nicht raus. Jenny wird sich freuen …«

Da, schon wieder. Jenny. Es muss etwas Ernsteres sein. So brennend das Laura auch interessiert, jetzt kann sie leider nicht nachhaken, denn Thomas legt die Karten auf den Tisch: »Insulin, hoch dosiert. Und K.-o.-Tropfen, hoch dosiert. Da wollte jemand auf Nummer sicher gehen. Beide Dosen waren bereits für sich genommen tödlich.«

»Sonst noch was?«

»Sie war geschminkt, Lippenstift und Rouge. Wie es aussieht posthum. Leider bringt uns das nicht weiter. Gängige Farben, die man in jeder Drogerie findet.«

»Aber vielleicht ein Mosaiksteinchen fürs Täterprofil?«

»Vielleicht. Da hat sich jemand richtig Mühe gegeben. Wenn wir den Grund dafür wüssten, kämen wir der Sache ein ganzes Stück näher. Leider hat sich da aber noch nichts ergeben.«

»Anzeichen von sexueller Gewalt?«

»Keine.«

Laura nickt. Das hatte sie vermutet. Sexualtäter richten ihr Opfer meist übel zu und lassen es liegen, verscharren es oberflächlich oder bedecken es mit ­Zweigen. So jemand macht sich keine Mühe, die Leiche herzurichten. Das Bedürfnis ist gestillt, nun nichts wie weg. »Wie gelangten die Gifte in den Körper?«

»Das Insulin in die Armbeuge, die Tropfen oral mit Kaffee vermischt. Milchkaffee, um genau zu sein.«

»Aber das bedeutet, der Mörder hat überhaupt keinen Versuch unternommen, die Todesursache zu verschleiern. Und die intravenöse Insulininjektion, das weist auf medizinische Kenntnisse hin. Was den Personen­kreis einschränkt.«

»So einfach ist das nicht: Jeder Junkie kennt sich mit Spritzen in die Vene aus und K.-o.-Tropfen sind in der Szene relativ einfach zu besorgen.«

»Denkst du wirklich an einen Täter aus diesem Umfeld? Mir scheint das nicht sehr wahrscheinlich, wenn man an Fundort und Aussehen denkt.«

»Man darf keine Möglichkeit ausschließen.«

»Das heißt, ihr habt bis jetzt überhaupt keine Spur?

»So würde ich das nicht sagen. Die Identität ist ­geklärt. Wir können jetzt das Umfeld unter die Lupe nehmen.«

»Wer war sie?«

»Marie Varel. Mutter Deutsche, Vater Franzose. Ihre Mitbewohnerin hat sie am 24. Februar als vermisst gemeldet und nun auch identifiziert. 22 Jahre. Studierte an der Musikhochschule Geige, kam vor einem Jahr aus Arles nach Frankfurt, nachdem ihr Vater an Krebs gestorben war. Die Mutter ist schon länger tot. Hier in Frankfurt hat sie wohl noch Verwandte. Du siehst, der Anfang ist gemacht. Aber wir konzentrieren uns noch auf andere Dinge. Die Untersuchung ergab, dass es sich tatsächlich um eine gefriergetrocknete Rose handelt. Du hattest also recht. In Frankfurt gibt es aber offenbar keine Läden oder Gärtnereien, die so etwas ­anbieten. Iris nimmt sich nun die Online-Shops vor. Sie ist zäh und gründlich, die Recherche also bei ihr in besten Händen.«

»Den Eindruck hatte ich auch. Und wirklich sehr hübsch.«

Thomas schaut sie amüsiert an. »Zwar hat das nichts mit ihren Qualitäten als Polizistin zu tun, aber da kann ich dir nur zustimmen. Als sie vor zwei Jahren bei uns anfing, waren eine ganze Reihe von Kollegen hinter ihr her.«

»Waren? Du auch?« Laura ist ganz Ohr.

Thomas grinst. »Ja. Waren. Als es ihr zu bunt wurde, erklärte sie kurz und nachdrücklich, dass ihr Frauen lieber seien. Danach war Ruhe. Und was mich betrifft: nein. Zu jung, fast schon eine andere Generation. Da fehlt eine wichtige Verständigungsebene: der gemeinsame Erfahrungshintergrund. Außerdem gehöre ich nicht zu den Männern, für die Frauen ab vierzig ­Neutren sind.«

Das hört sich vernünftig an. Trotzdem überlegt sie einen Moment, ihn auf Jenny anzusprechen, denn der Name klingt in ihren Ohren ziemlich jugendlich, aber Thomas fährt bereits fort: »Es gibt übrigens noch eine Spur. Eine Friedhofsangestellte glaubt sich zu erinnern, irgendwann Ende Februar am späten Nach­mittag – und das ist ungewöhnlich – die Schranke über Fern­bedienung geöffnet zu haben. Der Zeitpunkt würde zur Vermissten­meldung passen, obwohl sich der genaue Todestag ja nicht bestimmen lässt.« Er schaut auf die Uhr. »In einer Viertelstunde wird sie im Präsidium erwartet. Ich möchte bei der Befragung dabei sein. Wollen wir uns demnächst mal abends zum Essen treffen, dann haben wir mehr Zeit zu reden, wäre dir das recht?«

Laura nickt. »Sehr gern!«, und begleitet ihn mit leichtem Bedauern zur Tür. Das waren ja nun wirklich eine Menge Neuigkeiten. Sie denkt kurz daran, Renate über den neuesten Stand in Kenntnis zu setzen, beschließt dann aber, es auf den nächsten Tag zu verschieben. Für heute reicht es mit dem Thema. Den Abend wird sie mit einem alten Tatort verbringen, in dem ihr Lieblingsduo, der abgehobene Professor Börne mit seinem bärbeißigen Untermieter Kommissar Thiel, einen weiteren Mord aufklären. Womit sie doch wieder beim Thema wäre …

Gleich nach dem Frühstück informiert sie Renate über den Status quo und inspiziert dann ihren Kleiderschrank. Der Himmel ist wieder tiefblau und wolkenlos, die Temperatur hat bereits die 15 Grad überschritten, und Laura kommt zu dem eindeutigen Schluss, nichts Richtiges zum Anziehen zu haben, als sie die Klamotten vom letzten Jahr durchforstet. Eigentlich vom vorletzten, denn im vergangenen hat sie sich wenig um ihre Garderobe gekümmert, da stand die Trauer zu sehr im Vordergrund. Prüfend hält sie sich einen Rock vor den Bauch, nimmt eine passende Bluse vom Bügel, dann die dunkelgraue Hose und ein schwarzes Oberteil. Alles noch tragbar, alles in Ordnung, auch die übrigen Sachen. Aber es kommt ihr so vor, als sei ein neuer Lebensabschnitt angebrochen, dem sie nun auch optisch Rechnung tragen muss.

Eigentlich geht sie gerne zu AppelrathCüpper oder Peek&Cloppenburg auf der Zeil, denn die haben auch für die reifere Dame etwas im Angebot. Des schönen Wetters wegen entscheidet sie sich aber für einen ­Bummel über die Bergerstraße. In einem der vielen kleinen Läden sollte es doch auch etwas Passendes geben. Dass es sich um kein leichtes Unterfangen handelt, wird ihr in der vierten Boutique klar. Zwergengrößen, nichts als Zwergengrößen! Genau wie in den drei vorherigen! Kritisch wird sie von der Verkäuferin gemustert und dann darüber informiert, dass es wohl schwer würde, etwas zu finden. Laura ist perplex. Kleidergröße 40 und da soll es nichts geben? In einem Zeitungsartikel stand letztens, dass die 42er Figur am häufigsten in der weiblichen Bevölkerung jenseits der dreißig ­anzutreffen sei. Ja, was machen denn diese Damen? Oder erst die jenseits des Durchschnitts? Wo finden denn die ihre Kleidung? Hier jedenfalls nicht, das ist offenkundig. Gerade als sie sich zum Gehen wendet, tritt eine junge Frau aus der Kabine, um sich in ihrem neuen Outfit der Freundin zu präsentieren. Jetzt lüftet sich das Geheimnis. Die Freundin ist entzückt über die Passform des Kleides, und auch die Verkäuferin beglückwünscht die Kundin zu ihrer geschmackssicheren Wahl. Laura kann es nicht glauben. Die Beglückwünschte sieht aus wie eine Brühwurst kurz vorm Aufplatzen. Obwohl sie nicht wirklich dick ist. Zumindest nicht dicker als Laura selbst, sofern man in dieser Kategorie überhaupt von dick sprechen kann. Jede Speckfalte ist überdeutlich sichtbar, die Unterwäsche zeichnet sich ab. Man trägt String, auch das offenbart sich, denn die Bänder schneiden ein. Wenn man so eine Freundin hat, braucht man keine Feindin. Und so eine Verkäuferin braucht man auch nicht. Die müsste doch das Schlimmste verhindern! Fassungslos schaut sie zu, wie sich das Opfer einer gravierenden Geschmacksverirrung vor dem Spiegel in Bewunderung ihrer Erscheinung dreht und wendet. Und schlagartig wird ihr klar, dass sie mit ihrer Einschätzung völlig schief lag: Es geht offenbar darum, sich in die engste Zwergengröße zu pressen, auch wenn der Körper vehementen Widerstand leistet, um zu beweisen, dass man schlank genug dazu ist. Das wäre auch die Erklärung dafür, dass selbst stark übergewichtige Damen mit Vorliebe die engsten Klamotten tragen.

Ernüchtert beschließt Laura, doch wieder ihre bewährten Häuser aufzusuchen. Heute aber nicht mehr, denn sie muss noch etwas essen und hat Elli versprochen, ihr einen Besuch abzustatten. Mit Elli Claussen, eigentlich Elisabeth, einer Bewohnerin des Altenheims, hat sich Laura richtig angefreundet, mittlerweile sind sie sogar per Du. Obwohl hoch in den Achtzigern, ist Elli hellwach und immer noch agil, trotz einer kleinen Herzschwäche. Alle alten Freunde sind bereits tot und Laura eine der seltenen Besucherinnen. Sie war früher Tänzerin, und das mit beachtlichem Erfolg: Mit ihrer Compagnie bereiste sie die ganze Welt. Das muss die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen sein, denn davon erzählt sie am meisten. Sogar in Las Vegas traten sie auf und trafen dort das »Rat Pack«: Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis jr. Viele Fotos sind erhalten, und wenn sie die Alben aufschlägt, öffnet sich eine Welt von Glanz und Glamour, eine Welt, die so gar keine Ähnlichkeit mit Lauras braver bürgerlicher Existenz hat. Während des Krieges kehrte Elli als unerwünschte Ausländerin in ihre Heimatstadt Frankfurt zurück. Die Compagnie zerstreute sich in alle Winde, sie heiratete einen Tierarzt, der sie gut versorgt zurückließ. Über diese Ehe weiß Laura wenig. Nur, dass es ein großer Schicksalsschlag war, als die gemeinsame Tochter, das einzige Kind, früh verstarb. Es scheint fast, als habe sich nach deren Tod nichts Bemerkenswertes mehr ereignet. Allerdings gibt es eine Enkelin, von der sie jede Woche besucht wird und mit der sie offenbar eine tiefe Bindung hat, denn dies sind die Tage, auf die sie sich am meisten freut.

Laura hat schon mehrmals mit dem Gedanken gespielt, mitzuschreiben, wenn Elli von der goldenen Zeit ihrer Jugend berichtet, um ein Buch daraus zu machen. Die alte Dame wäre mit Sicherheit begeistert von der Idee, doch scheut sich Laura vor der Verantwortung, die damit einherginge. Das hieße nämlich, alles andere hintanzustellen, denn das Projekt würde eine Menge Zeit beanspruchen. Ganz zu schweigen von der Schwierigkeit, einen Verlag zu finden.

Da es bereits zu spät ist, um noch einmal nach Hause zu fahren, studiert sie die Speisenkarten der vielen Lokale, um eine Kleinigkeit zu essen. Das Angebot ist kosmopolitisch, da hat man die Qual der Wahl. Laura entscheidet sich für ein Lachsfilet mit Reis und Spinat. Das klingt gesund und nach nicht allzu vielen Kalorien. Während sie auf ihr Essen wartet, schaut sie aus dem Fenster auf die Vorbeiflanierenden. Ihr wird klar, dass die Boutiquen recht haben mit ihrem Angebot, denn die weibliche Bevölkerung nimmt es an. Die doppelte Speckrolle über engsten Hosen ist nicht Kür, sondern Pflicht. Leggings werden auf ihre Belastungsgrenze geprüft, Röcke spannen sich über gewichtigen Hinter­teilen und geben den Blick auf knubbelige Knie frei.

Laura ist froh, als ihr Essen kommt. Der Spinat sieht zwar etwas wässrig aus, aber das Lachsfilet wird diesen kleinen Fehler wieder wettmachen. Die Freude dauert aber nur kurz, denn als sie ihren Fisch anschneidet, bietet sich unerwarteter Widerstand. Irgendwie geht das Messer nicht durch. Erstaunlich angesichts der Tatsache, dass es sich um ein richtiges Messer und kein Fischmesser handelt. Alarmiert dreht sie das Stück um und traut ihren Augen nicht. Der Lachs ist auf der Rückseite total verbrannt, nein, nicht verbrannt. Verkohlt. Angesichts dieser Dreistigkeit verschlägt es ihr die Sprache. Hat denn der Koch überhaupt kein Unrechts­bewusstsein? War er in seinem früheren Leben Köhler? Oder geht er vielleicht davon aus, dass der Gast den ungenießbaren Teil einfach abkratzen soll? Wütend ruft sie den Service und zeigt auf das Desaster. Hier regt sich wenigstens ein Funke von Verständnis. Es sei tatsächlich etwas dunkel geraten, gibt man zu, ob die Kundin vielleicht einen neuen Fisch wolle? Die Kundin lehnt dankend ab, zahlt ihr kleines Wasser und begibt sich zur nächsten Bäckerei, um einen Mohnzopf zu kaufen. Der tut es auch, und damit geht sie keine größeren Risiken ein.

Mittlerweile ist es drei und Zeit, sich auf den Weg zu machen. Sie nimmt die U-Bahn am Merianplatz, steigt an der Hauptwache um und ist 15 Minuten später am Ziel. Die Wohnanlage gehört zu den komfortableren, sie wirkt eher wie ein Hotel und ist verkehrstechnisch gut angebunden. Auf ihr Klopfen wird sie von einer unbekannten Frauenstimme hereingebeten. Elli ist nicht allein. Sie liegt reglos im Bett. Neben ihr sitzt eine Frau mittleren Alters, mit ihrem weißen Kittel eindeutig dem Pflegepersonal zuzuordnen. Als Laura ins Zimmer kommt, steht sie auf und stellt sich mit einem festen Händedruck als Angela Mohrhaupt vor. Laura erinnert sich, diesen Namen von Elli gehört zu haben, als sie in sehr warmen Worten von ihrer betreuenden Ärztin sprach. Der Name passt, denn das schmale Gesicht ist von einer Fülle dunkler Locken umrahmt.

Elli öffnet die Augen und winkt Laura mit einer schwachen Handbewegung zu sich. »Es ist etwas Furchtbares passiert«, sagt sie mit brüchiger Stimme, »Marie ist ermordet worden, meine Enkelin.« Laura hält in der Bewegung inne, wie vom Donner gerührt. Das darf doch nicht wahr sein. Ihr Blick wird von einem Foto auf der Kommode angezogen. Jetzt weiß sie, woher der flüchtige Eindruck kam, das Mädchen zu kennen. Das Foto zeigt Marie an eine Säule gelehnt. Die Aufnahme muss älter sein, denn die Haare sind nur halblang. Das Gesicht liegt im Halbschatten, die Züge etwas unscharf. Jetzt, wo die Verbindung her­gestellt ist, liegt die Ähnlichkeit auf der Hand, Laura ist jedoch sicher, dass sie nicht von alleine darauf gekommen wäre.

Sie folgt dem spontanen Impuls, Elli in den Arm zu nehmen, setzt sich dann auf die Bettkante und nimmt ihre Hand. Die Ärztin steht auf. »Es ist gut, dass Sie da sind, denn eine andere Patientin wartet noch auf mich. Ich hätte sonst jemand aus der Pflege gebeten, aber so ist es besser.« Sie weist auf ein Röhrchen mit Tabletten: »Das ist Tavor, ein sehr wirksames Beruhigungsmittel. Eine weitere Tablette gegen Abend schadet mit Sicherheit nicht, vielleicht schaue ich nachher noch einmal vorbei, spätestens aber morgen früh.« Wieder ein fester Händedruck, verbunden mit einem kleinen Lächeln. Eine schöne Frau, denkt Laura, auch wenn das beginnende Alter anfängt, ihren Gesichtszügen die Weichheit zu nehmen.

5

Solange es notwendig war, hat Angela Mohrhaupt den Anschein von Gelassenheit aufrechterhalten können. Jetzt, im Gang, lehnt sie sich erschöpft gegen die Wand. Sie fühlt sich ausgelaugt und leer. Viel ­länger hätte sie es im Zimmer nicht ausgehalten. Gott sei Dank ist die Besucherin gekommen, Laura Mahler, wenn sie den Namen richtig verstanden hat. Gott sei Dank konnte sie noch die Fassung bewahren. Das hier ist eine ganz andere Sache als die fast schon Routine gewordene Konfrontation mit dem Ende des Lebens. Sie fürchtet, dass die Nachricht den Lebenswillen der alten Dame brechen wird, und weiß, dass sie die Verantwortung trägt, bestmögliche Unterstützung zu leisten. Sie weiß allerdings nicht, wie sie das schaffen soll. Es gelingt ihr nur mit Mühe, die Patienten zu versorgen. Schon das morgendliche Aufstehen kostet Überwindung. Sie muss sich zusammenreißen, sie kann nicht hier stehen bleiben, was sollen die anderen denken, wenn sie jemand sieht?!

Es sind nur ein paar Schritte bis zur Toilette. Mit beiden Händen stützt sie sich aufs Waschbecken und schaut in den Spiegel. Die Augen sind umschattet, ihr Blau steht in scharfem Kontrast zu den dunklen ­Ringen. Keine Ringe. Tränensäcke, verbessert sie sich erbarmungslos. Sie studiert die Striche, die sich von der Nase zum Mund ziehen, die Fältchen um die Augen, die Linien um den Hals. Das ist eine Fremde im Spiegel, eine müde, verblühende Frau mit blassem ­Gesicht und leerem Blick. Kein Wunder, dass sie Alex verlassen hat, irgendwann musste das kommen. Das hat sie schon gewusst, als es begann. 17 Jahre Altersunterschied lassen sich nicht einfach ignorieren, auch wenn es anfangs so aussah. Die gemeinsame Basis fehlte.

Er, nach dem Germanistikstudium und dem Volontariat bei einer großen Tageszeitung als Journalist übernommen, ist dort heute stellvertretender Chefredakteur mit ausreichendem Salär. Er konnte reisen, das Leben genießen, sie musste ihren Pflichten nachkommen. Der Freundeskreis war nicht kompatibel. Zwei oder drei Versuche machten das klar, sodass sie keine weiteren unternahmen. Trotzdem lebten sie zusammen, besser gesagt, er nahm das Angebot an und zog bei ihr ein, als seine Wohnung wegen Eigen­bedarfs gekündigt wurde. Im Nachhinein gesehen wohl aus Bequemlichkeit, denn nie machte er den Versuch, nach seinem eigenen Geschmack etwas mitzu­gestalten, brachte nur ganz wenige Möbel mit. Anfangs war sie darüber verwundert, aber er beteuerte, dass er sich wohlfühle und nichts vermisse. Jetzt ist sie überzeugt, dass alles für ihn nur ein Provisorium war, bis sich etwas Besseres böte.

Vor drei Wochen ließ er sie wissen, dass er sich neu verliebt habe. Leider. Er bedauere das sehr, und sie dürfe nicht glauben, dass das leicht für ihn sei. Aber so sei es nun einmal und die Trennung für alle das Beste. Ein klarer Schnitt. Mit dem Altersunterschied habe das überhaupt nichts zu tun, auch wenn Bettina erst 22 sei, eine Studentin, die ihr Praktikum in der Redaktion mache. Gestern hat er letzte Sachen aus ihrer Wohnung geholt und sich mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange verabschiedet. Tschüss, das war’s.

Bis vor drei Wochen wurde ihr Leben von strenger Disziplin bestimmt, die nun ins Wanken geraten ist. Der Tag hat sich nicht geändert, wohl aber der Abend. Sie hatten miteinander gegessen, zu Hause oder auswärts, waren ins Kino gegangen oder in das kleine Weinlokal nicht weit entfernt von ihrer Wohnung.

Sie ringt darum, das innere Gleichgewicht wieder zu erlangen. Es dauert nur wenige Minuten, dann wendet sie sich entschlossen ab. Die Routine der beruflichen Anforderungen ist eine Stütze. Sie schiebt die dunklen Locken zurück, wischt mit einem Papiertuch über die schweißnasse Stirn und schüttelt die Haare wieder zurecht. Wenigstens die machen keine Probleme, konstatiert sie und spürt, wie ihr Puls wieder ruhiger wird. Sie zieht den Lippenstift aus einem Seitenfach der Handtasche, malt den Mund mit aller Sorgfalt nach und vergewissert sich, dass die unnatürliche Blässe verschwunden ist. Die Schwäche ist vorbei, sie fühlt sich gerüstet, ihrer Arbeit wieder nachzugehen.

Laura setzt sich auf den freigewordenen Stuhl und nimmt erneut Ellis Hand. Noch sind deren Augen vom Weinen gerötet, aber die Tablette tut ihre Wirkung. Laura überlegt kurz, von ihrem Part bei dem Todesfall zu berichten, entscheidet sich aber dagegen. Er tut nichts zur Sache, ändert nichts an den ­Gegebenheiten, würde höchstens weitere Aufregung hervorrufen. »Wann hat man es dir gesagt?«, fragt sie stattdessen.

»Heute, nach dem Mittagessen. Man wollte mir wohl nicht den Appetit verderben. Frau Dr. Mohrhaupt war dabei. Sie wusste es bereits.«

Laura nickt. »Das war bestimmt richtig so, meinst du nicht?«

Elli zögert einen Moment. »Zuerst habe ich es als ungeheuerlich empfunden, aber im Nachhinein bin ich dankbar dafür, dass ich nicht alleingelassen wurde. Nein, alleingelassen worden, das wäre ich ohnehin nicht«, korrigiert sie sich, »das Pflegepersonal kümmert sich wirklich sehr gut um uns, aber zur Frau Doktor habe ich doch ein intensiveres Verhältnis. Sie kennt mich besser als die anderen. Sie weiß, dass es das Ende meiner Familie ist.«

Und Lauras Frage vorwegnehmend: »Wir hatten nur ein einziges Kind, unsere Tochter Ina. Sie studierte Kunstgeschichte und reiste mit einer Exkursion nach Südfrankreich, um romanische Kirchen zu besuchen. Im Kloster St. Trophîme in Arles lernte sie einen jungen Mann kennen, der sich dort sein Studium als Fremdenführer verdiente. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Wieder zuhause, sprach sie von nichts anderem als von Jérôme und der Schönheit seiner Heimat­stadt, von der südlichen Sonne und den Lavendel­feldern. Das Lebensgefühl dort sei ein ganz anderes. Frankfurt, wo sie ihre Jugend verbracht hatte, erschien ihr plötzlich eng und kalt und ohne Perspektive. Sie blieb noch ein Jahr, machte ihr Diplom und zog dann zu Jérôme nach Arles. Kurz darauf heirateten sie.«

»Das dürfte nicht so ganz einfach für euch gewesen sein. Das einzige Kind hätte man doch wohl gerne in der Nähe?«

»Natürlich, aber andererseits konnten wir ihre Wahl verstehen, der junge Mann war höflich, respektvoll, aufmerksam und stammte aus einer alteingesessenen Familie. Vor allem aber liebte er Ina offenbar ­aufrichtig. Zur Hochzeit drei Monate später reisten wir nach Arles und konnten uns von ihrem Glück überzeugen. Und 14 Monate später war Ina tot, gestorben bei der Geburt von Marie …«

Elli schließt die Augen, als wolle sie die Erinnerung ausblenden. Schließlich fährt sie fort: »Wir hätten das Kind gerne zu uns geholt, wussten aber, dass das nicht möglich sein würde. Jérôme hätte seine Tochter nie weggegeben, außerdem kümmerte sich die ganze Familie rührend um die Kleine. So blieb es also bei gegenseitigen Besuchen, leider meist nur einmal im Jahr. Ich habe mich so gefreut, als sie sich nach dem Tod ihres Vaters entschloss, hierher zu kommen.«

Laura sieht, wie die Augen wieder feucht werden, und streichelt ihre Hand. Sie hat Elli kaum unterbrochen. Offenbar war es ihr wichtig, die ganze Geschichte zu erzählen. Ein Vertrauensbeweis, denkt Laura, und ich erwidere ihn nicht. Ich verschweige Dinge, die sie vielleicht wissen sollte. Wieder kämpft sie mit sich, ihr die Wahrheit zu sagen, und wieder entscheidet sie sich dagegen. Und sie wird auch Thomas bitten, nichts darüber verlauten zu lassen, sollte er sie befragen; es würde nur neuen Schmerz auslösen.

»Sie hat mich einmal in der Woche besucht«, nimmt Elli den Faden wieder auf, »und das waren Tage, auf die ich mich sehr freute. Sie sieht Ina so ähnlich, und ich hatte immer das Gefühl, auch meine Tochter bei mir zu haben, wenn Marie da war. Ich weiß nicht, wie es nun weitergehen soll, ich sehe keinen Sinn mehr im Leben. Wenn Kinder vor den Eltern gehen, die Enkelin sogar vor ihrer Großmutter, ist die Natur auf den Kopf gestellt. Wäre ich gläubig, würde mir Gott vielleicht einen Weg zeigen, aber jetzt glaube ich weniger denn je, dass Gott weiß, was er tut, es sei denn, er nähme mich auch von der Erde.«

Sie dreht den Kopf zur Seite, schließt die Augen und faltet die Hände über der Bettdecke, als sei jetzt alles gesagt. Laura nimmt es als Signal, dass Elli nun allein sein will. Sie fühlt sich hilflos, und ihr wollen keine Worte des Trostes einfallen. So beugt sie sich über das Bett, streift mit ihren Lippen die Wange der Freundin und verlässt das Zimmer mit dem Vorsatz, am nächsten Tag wieder nach ihr zu schauen.

Es war der letzte Besuch, denn in der Nacht ist Elli gestorben.

Laura sitzt auf dem Balkon, obwohl es deutlich kühler ist als am Vortag. Sie braucht frische Luft, denn ihr ist immer noch ganz wackelig zumute, obwohl bereits zwei Stunden seit der Nachricht vergangen sind. Sie wollte Elli anrufen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Unter der vertrauten Nummer meldete sich eine Männerstimme, die zunächst um Auskunft über ihre Person bat. Da Laura keine Unbekannte auf der Station ist, hat man sie über die Umstände des Todes informiert. Herzversagen. Im Schlaf. Kein Hinweis auf Suizid oder Fremdverschulden. Der Totenschein sei bereits ausgestellt.

Ellis Herz war gebrochen, da ist sie sich sicher und auch, dass der Tod als Freund gekommen ist. Vielleicht hat sie ihn zu sich gerufen, um dem Schmerz ein Ende zu bereiten.

Neben dem Kummer verspürt Laura auch einen Hauch von Erleichterung, denn sie weiß nicht, ob sie Elli in ihrer Trauer angemessen hätte begleiten können. Die eigene Trauer um Christoph ist noch zu präsent, um andere bei der Verarbeitung ihres Schmerzes wirklich unterstützen zu können.

In welchen Wirbel von Ereignissen ist sie da hineingezogen worden. Laura ist auf einmal persönlich betroffen, denn das tote Mädchen ist keine Unbekannte mehr. Neben der Traurigkeit beginnt auch Wut aufzukeimen. Jetzt hat der Mörder schon zwei Menschen auf dem Gewissen, denn moralisch ist er auch schuld an Ellis Tod, da gibt es gar keinen Zweifel. Das ist schwer zu ertragen.

Sie ruft noch einmal an, um sich über das weitere Geschehen zu erkundigen und erfährt, dass Elli schon vor mehreren Jahren ein Testament hinterlegt hat, in dem sie ihr Begräbnis genau regelt. Das Beerdigungsinstitut ist bereits informiert, die erforderliche Summe bezahlt. Man wird Laura wissen lassen, wann die Urnenbeisetzung erfolgt.

Das ist also das Ende. Letzte Formalitäten sind noch zu erledigen, dann schließt sich die Akte. Gibt es Menschen, die um Elli trauern? Ihr wird bewusst, wie wenig sie über Ellis Alltag weiß. Die Gespräche drehten sich meist um längst vergangene Zeiten, deren Erlebnisse umso mehr an Bedeutung gewannen, je weniger die Zukunft versprach. When we were kings: Eine Zeitspanne gibt es in jedem Leben, die die glücklichste, aufregendste oder auch prägendste gewesen ist. Für Elli waren es die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, und viele ihrer Erinnerungen bezogen sich auf diese Zeit. Ja, auch von ihrer Ehe hatte sie erzählt, aber eher beiläufig, und den frühen Tod ihrer Tochter lediglich gestreift. Vielleicht war das eine mit dem anderen eine Verbindung eingegangen, deren Thematisierung Schmerz bereitete. Laura empfindet ein Gefühl von Verlust, als sie erkennt, wie dürftig ihre Informationen sind, wie wenig Zusammenhänge sich erschließen, wie vieles ungesagt ­geblieben ist. Wenigsten die alten Fotoalben wird sie sich erbitten, falls niemand anderes Interesse daran zeigt. So kann sie die schönsten Erinnerungen mit Elli teilen.

Ein paar Wolken sind aufgezogen, und Laura beginnt zu frösteln. Das Klingeln des Telefons fällt mit dem Entschluss zusammen, nach drinnen zu gehen und die Heizung anzuschalten. Der Frühling scheint sein kurzes Gastspiel wieder beenden zu wollen. Eigentlich ist ihr nicht nach Telefonieren zumute, aber als Thomas’ Nummer auf dem Display erscheint, meldet sie sich. Er hat bereits erfahren, dass sie Maries Großmutter kannte, und will nun wissen, ob die etwas über ihre Enkelin erzählt habe, das weiterhelfen könnte.

»Wir müssen uns ein Bild von dem Mädchen machen: welche Freunde, überhaupt welchen Umgang sie hatte. Ob sich in der letzten Zeit etwas verändert hat, ob es einen Partner gab.«

Laura bedauert. »Manchmal kam schon die Sprache auf sie, aber nur ganz beiläufig, ich kann dir also leider nicht mit Details dienen. Aber hast du nicht gesagt, dass sie mit einer Kommilitonin zusammenlebte? Die müsste doch Auskunft geben können?«

»Das schon, und wir haben sie auch bereits ein erstes Mal befragt, aber es ist natürlich immer besser, wenn Aussagen auch von anderer Seite bestätigt werden.«

»Tut mir leid«, wiederholt Laura bestimmt, »ich kann dazu leider nichts beitragen«, und hat plötzlich ein dringendes Bedürfnis, dieses Gespräch zu beenden. Neugier und Spannung sind verflogen, eigentlich möchte sie nichts mehr mit der Sache zu tun haben, denn sie geht ihr zu nahe. Mit der Entschuldigung, einen Arzttermin wahrnehmen zu müssen, verabschiedet sie sich von Thomas und lässt sich in ihren ­Lieblingssessel ­sinken, ein Erbstück der lange verstorbenen ­Großtante. Er ist hoch, mit ausladenden Ohren und hat etwas Höhlenartiges. Hierhin flüchtet sie sich immer, wenn sie Ruhe haben will. Hier kann sie abschalten. Christoph lästerte gern darüber, dass sie sich in ihren Bau verziehe, um die böse Welt zu vergessen. Damit traf er den Nagel auf den Kopf, und auch heute funktioniert diese Strategie. Laura spürt, wie sie ­ruhiger wird, die Gedanken aufhören zu kreisen.

Sie muss sich eine Auszeit nehmen. Nicht mehr nachfragen, wie die Sache steht, keine nutzlosen Vermutungen anstellen. Vielleicht ein paar Tage verreisen? Mit Christoph hat sie häufig Südfrankreich besucht, Arles zum Beispiel, eine Stadt, in der die Geschichte bei jedem Schritt präsent ist. Die Alys Champs fallen ihr ein, die Elysischen Felder. In Paris sind es die Champs Elysées: Begräbnisstätten an den großen ­Ausfallsstraßen der römischen Stadtgründungen. In Arles wurde dort in frühchristlicher Zeit auch der Heilige Trophîme begraben, und viele Gläubige ließen sich in seiner Nähe bestatten. Auch solche aus weiter entfernten Gegenden. Die Angehörigen legten ihren Verwandten ein Goldstück in den Mund und ließen sie in kleinen Booten die Rhône hinuntertreiben. In Arles holte man die Boote ein, nahm den Obolus und bestattete den Verstorbenen an den Alys Champs. Wenn alles gut ging. Ja, diese Stadt würde sie gerne wieder einmal besuchen. Und das frühe Frühjahr ist eine schöne Reisezeit. Dort blühen bestimmt schon die Magnolien. Man müsste nur sicher sein, dass der Mistral nicht weht, der eisige Wind, der bei strahlend blauem Himmel die Freude am Aufenthalt im Freien verdirbt. Vielleicht hätte Renate Lust, mitzukommen?

Gerade als sie zum Hörer greifen will, muss sie auflachen. Abstand will sie gewinnen, auf andere Gedanken kommen, und das ausgerechnet in Arles, Maries Heimatstadt? Da hat ihr das Unterbewusstsein einen ganz schönen Streich gespielt. Ausblenden lässt sich die Angelegenheit also nicht, dazu ist sie zu nahe dran.

Sie wählt Renates Nummer, erzählt, was geschehen ist, und spricht von ihrem Dilemma. Renate versteht sie. »Es ist unwahrscheinlich, dass du es schaffst, dich abzugrenzen, dazu steckst du viel zu tief in der Sache drin. Du kannst nur versuchen, sachlich damit umzugehen, deine persönliche Betroffenheit ­hintanzustellen, sonst verlierst du dich in Spekulationen. Warum wartest du nicht die weiteren Ermittlungsergebnisse ab?«

»Genau deswegen. Weil ich persönlich betroffen bin.«

»Und was folgt daraus?«

»Du hast mich zwar davor gewarnt, mich persönlich zu involvieren, trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich zur Aufklärung beitragen könnte.«

»Und wie?«

»Indem ich Gespräche führe. Das kann ich nämlich, da habe ich jahrzehntelanges Training.«

»An wen denkst du?«

»Zum Beispiel an die Mitbewohnerin. Ich bin eine Freundin von Maries Großmutter, vielleicht finde ich eine andere Verständigungsebene als die Polizei. Vielleicht erfahre ich etwas Neues, zumindest aber erfahre ich etwas über Marie selbst. Ich möchte wissen, was sie für ein Mensch war, warum sie ihre Heimatstadt, ihre Freunde und Angehörigen verließ, um in das fremde Frankfurt zu kommen.«

Renate seufzt.

»Also gut, ich sehe, dass ich dich nicht davon abhalten kann. Meinst du, dass Thomas dir die Adresse gibt?«

»Ich denke schon. Schaden kann ich schließlich nicht anrichten, die offizielle Befragung ist ja bereits erfolgt. Wenn also etwas dabei herauskommt, ist es gut, wenn nicht, dann ist es auch nicht schlimm.«

Gleich nach dem Gespräch ruft sie Thomas an und erzählt von ihrem Plan. Wie erhofft, hat er keine Einwände, bittet Laura aber, mit dem Besuch noch einen Tag zu warten, da Iris Kirchner vorhat, zunächst noch ein weiteres Gespräch mit der jungen Frau zu führen.

»Außerdem wollte ich dich sowieso anrufen. Jenny will heute Abend für ein paar Freunde bei mir kochen. Hast du nicht Lust, vorbeizukommen?«

Soll das heißen, dass sie schon bei ihm wohnt? Laura liegt die Frage auf der Zunge. »Ja, gerne«, antwortet sie stattdessen und meint es ehrlich. Die Neugier ist zu stark, um da widerstehen zu können. Endlich wird sie die neue Flamme kennenlernen.

»Dann also gegen sieben. Ich bin sicher, dass dir Jenny gefallen wird. Umgekehrt natürlich auch.«

Leicht befremdet legt Laura den Hörer auf. Woher nimmt er nur diese Sicherheit? Oder ist es schieres Wunschdenken? Immerhin treffen sich hier zwei ­Frauen zum ersten Mal. Und nicht nur das, beide haben eine Bindung zum gleichen Mann. Zwar anders geartet, wenn man es genauer betrachtet, aber doch keineswegs oberflächlich. Ihre anfängliche Vorfreude relativiert sich. Sie spürt einen leichten Anflug von Eifer­sucht. Nein, eigentlich keine Eifersucht, sondern ein Gefühl von Verlust. Als würde sie nach Christoph nun auch Thomas verlieren.

Unsinn, ruft sie sich zur Raison. Thomas hat jedes Recht auf eine neue Beziehung, und ich überhaupt keins zur Missgunst. Wenn er sich sicher ist, dass wir uns verstehen, sollte ich die Sache gelassen auf mich zukommen lassen.

6

Die Einladung bringt ihr wieder die Notwendigkeit ins Bewusstsein, der Garderobe Aufmerksamkeit angedeihen zu lassen. Dieses Mal wird sie sich auf keine Experimente einlassen und die bewährten Kaufhäuser aufsuchen. Nach einem kleinen Imbiss macht sie sich mit dem Fahrrad auf den Weg. Es ist deutlich kühler geworden und der Himmel bewölkt. Für alle Fälle hat sie das Regencape mitgenommen, hofft aber, es nicht benutzen zu müssen. Schön ist das Teil nämlich nicht, nur zweckmäßig. Zwar wären es mit der U-Bahn nur zwei Haltestellen, aber die Station am Grüneburgweg ist dermaßen zugig, dass sie dort nur ungern einsteigt. Außerdem geht es mit dem Fahrrad genauso schnell. Selbst wenn alle Ampeln rot sind, dauert es maximal zehn Minuten, und die Zeil ist erreicht.

Eigentlich hätte es ein Rock werden sollen, aber angesichts der Witterung scheint ihr eine Hose ­angemessener. Schmal muss sie sein, vor allem aber hoch geschnitten. Bloß nichts, was auf den Hüften sitzt und bei jedem Schritt ein Stückchen tiefer rutscht, sofern es nicht wie eine zweite Haut anliegt. So etwas kommt auf gar keinen Fall infrage, denn das führt zum Brühwursteffekt, verschärft durch die Tatsache, dass sich über dem Bund unweigerlich eine Speckrolle bildet, die es dann zu kaschieren gilt. Die Suche gestaltet sich alles andere als einfach, denn bis zur Taille reicht eigentlich keine einzige Hose. Bestenfalls bis zum Bauchnabel. Immerhin gibt es hier jedoch geschultes Personal, das Hilfe anbietet.

»Eine schlanke 40«, verkündet die Dame mit geübtem Blick, »da finden wir bestimmt etwas Passendes.«

Eine schlanke 40. Das klingt gut. Sofort fühlt Laura sich bestens aufgehoben. Das ist etwas ganz anderes als in den Boutiquen. Hier ist 40 eine schlanke Größe und kein Fall zum Naserümpfen. In kürzester Zeit liegt ein Sortiment zum Probieren bereit, und kaum eine halbe Stunde später ist die Entscheidung für eine hellbeige, schmal geschnittene Hose und ein bordeaux­farbenes Oberteil gefallen, das die Hüften leicht umspielt. Beides ist luftig genug für den Frühling, sollte aber auch bei kühlerer Witterung seinen Dienst tun. Laura betrachtet sich ein letztes Mal im bodenhohen Spiegel und ist zufrieden. Zufrieden auch deshalb, weil kein gnadenloses Licht von oben kommt, wie sie dankbar registriert. In den Umkleidekabinen vieler Geschäfte ist nämlich genau dies der Fall und enthüllt jede Unregelmäßigkeit im Gesicht wie am Körper. Schon vor Jahrzehnten, mit Kleidergröße 36, hasste sie es, Bademoden zu probieren. Jedes Mal fühlte sie sich wie ein Elefant und war froh, wenn die Sache überstanden war. Weshalb die Inhaber oder Innenarchitekten auf solche Details nicht achten, ist ihr unbegreiflich – und in ihren Augen geschäftsschädigend.

Bester Laune macht sie sich auf den Heimweg, auch weil das Wetter gehalten hat. Die Kleidungsfrage wäre gelöst, jetzt fehlt noch das Mitbringsel für den Abend. Bei einem Blumenstrauß würde sich die Frage stellen, wem er überreicht werden soll, Thomas oder Jenny? Für ein gemeinsames Geschenk sind Blumen zu intim, es ist ja noch nicht klar, wie weit die Beziehung fort­geschritten ist. Ein Blumenstrauß für beide, das ist eigentlich nur bei langjährigen Paaren angesagt. Lieber etwas Neutraleres. Einen Wein vielleicht oder noch besser einen Champagner. Sie ersteht in der Lebensmittel­abteilung des Kaufhofs eine Flasche Veuve. Man will sich ja nicht lumpen lassen, ein angemessenes Gastgeschenk soll es schon sein. Das also wäre in trockenen Tüchern. Jetzt nichts wie nach Hause und noch ein Stündchen die Beine hochlegen …

Angesichts der fallenden Temperatur ruft sie ein Taxi und steht kurz nach sieben in den neuen Klamotten, aber mit Daunenjacke darüber vor Thomas’ kleinem Reihenhaus in Eschersheim, das er bewohnt, seit sie sich kennen. Ursprünglich waren diese Häuser für Angehörige des Polizeidienstes zur Miete vorgesehen, aber nachdem ein Investor sie erwarb, erhielt Thomas ein Vorkaufsrecht zu günstigen Konditionen und ­nutzte es. Auch im Hinblick auf eine spätere Familie, die sich aber partout nicht einstellen wollte.

Als Thomas die Tür öffnet, schlägt ihr ein intensiver Duft von Koriander, Minze und gebratenem Fleisch entgegen. Das riecht sich gut an. Sie tippt auf Taboulé mit Lamm. Ganz schön exotisch, Jenny scheint ein Faible für ausgefallene Gerichte zu haben. Nach Umarmung und Wangenküsschen wird Laura in die große Küche geführt, wo schon vier Personen versammelt sind. Eine davon kennt sie bereits, es ist Iris Kirchner. Das andere Paar wird ihr als Gesine und Klaus vorgestellt, Freunde, Nachbarn und Doppelkopfpartner. Laura erinnert sich, die Namen im Zusammenhang mit der Spielrunde schon gehört zu haben. Eine echte Überraschung aber ist Jenny. Ohne Umschweife ­umarmt sie Laura und küsst sie auf beide Wangen. Genau wie vorhin Thomas. Als würde man sich schon ewig kennen. Etwas befremdet tritt Laura einen Schritt zurück und stellt den Champagner auf den Tisch. Jenny ist entzückt über das Gastgeschenk und legt die Flasche sofort ins Eisfach, um sie später zu öffnen.

Während sich Laura mit Thomas über die Vorzüge einer Wohnküche unterhält, beobachtet sie Jenny aus den Augenwinkeln. Ja, sie ist jung, wie vermutet. Ziemlich jung sogar. Höchstens Mitte zwanzig. Und sieht richtig gut aus. Rötlich-blonde Locken in unglaublicher Fülle, grüne Augen, so hell, dass sie ins Gelbliche spielen, ebenmäßige Zähne, die bei jedem Lächeln blitzen. Und sie lächelt oft, zeigt dabei Grübchen. Laura kann nicht umhin zuzugeben, dass ihre Fröhlichkeit an­steckend ist. Da hat sich Thomas wirklich ein Schmuckstück angelacht, denkt sie mit einem kleinen Stich im Herzen. Vierzig Jahre jünger als ich, dreißig jünger als Thomas. Kein Wunder, dass er sich verliebt hat. Obwohl er noch kürzlich behauptete, mit den jungen Dingern nichts anfangen zu können. So eine Aussage relativiert sich offenbar schnell, wenn so ein junges Ding vor einem steht und seine Grübchen zeigt.

Leichte Melancholie ergreift sie. Vierzig Jahre. Die junge Frau könnte ihre Enkelin sein. Wo ist die Zeit geblieben? Es kommt ihr vor, als sei es noch gar nicht lange her, dass sie selbst in diesem Alter war, wo das Leben, wo alle Hoffnungen noch vor ihr lagen, wo sie sich für unsterblich hielt. Möchte sie tauschen? Nein, im Grunde nicht. Ihr Leben ist eigentlich gut gelaufen, wenn auch manche Hoffnung enttäuscht und die Endlichkeit zur Gewissheit wurde. Wer weiß, was Jenny noch alles bevorsteht!

Inzwischen haben alle am runden Tisch Platz genommen, der durch ein versenkbares Mittelstück zum Oval erweitert wurde. Laura lag richtig, was den Hauptgang betrifft. Vorher gibt es jedoch Blätterteigtaschen mit einer Füllung aus pikant angemachtem Ziegenfrischkäse. Ein duftiger Gewürztraminer aus dem Elsass begleitet das Gericht. Eine ausgefallene Kombination, aber beides passt zusammen, Essen und Wein ergänzen sich bestens. Jenny scheint ein geschicktes Händchen zu haben, wenn auch Thomas den Wein ausgesucht hat, wie er nicht ohne Stolz vermeldet.

Bis zum Hauptgang wollen alle noch etwas warten. Zeit, den Champagner zu öffnen, der mittlerweile gut gekühlt ist. Thomas hebt sein Glas: »Trinken wir auf Jenny und Iris, auf eine glückliche Zukunft für die beiden!«

Was war das? Laura lässt fast das Glas fallen. Hat sie sich verhört? Jenny und Iris? Sie wendet sich Thomas zu, um nachzufragen, hält aber inne, denn Jenny steht auf, beugt sich zu Iris und küsst sie. Auf den Mund. Stößt dann zuerst mit ihr, dann mit den anderen an. »Danke für die guten Wünsche, wir können sie gebrauchen!«

Laura verschlägt es die Sprache. So ist das also. Das hätte sie nun am wenigsten erwartet. Wieso hat ihr Thomas nichts gesagt? Als hätte der ihre Gedanken gelesen, flüstert er ihr zu: »Sorry, ich habe wohl vergessen, dir zu erzählen, dass ich Jenny hier aufgenommen habe, bis die beiden eine gemeinsame Wohnung finden. Sie brauchte dringend einen Unterschlupf, als sie bei ihrem Freund auszog, und das Appartement von Iris ist zu klein. Bei mir kann sie erst mal bleiben, ich habe Platz genug.«

Das ändert natürlich die Situation grundlegend. Irgend­wie ist Laura erleichtert, obwohl ihr nicht ganz klar ist, wieso eigentlich. Sie hätte doch Thomas von Herzen eine neue Beziehung gegönnt. Oder etwa nicht? Wenn sie ganz tief in sich hineinhorcht, melden sich Zweifel. In den letzten Tagen ist ihr Thomas nähergekommen als früher – und auf einmal ist sie beruhigt, keine feste Partnerin an seiner Seite zu wissen? Seltsam, da hat sich etwas geändert. Der alte Freund hat einen neuen Stellenwert erhalten. Und wieder ist Thomas auf der richtigen Spur, denn er legt seine Hand auf ihren Arm: »Du hast doch nicht etwa geglaubt, dass ich mit einer Frau, die nur halb so alt ist wie ich, eine Beziehung anfangen würde?«

Doch, das hat sie. Die meisten Männer würden das tun, wenn sich eine Gelegenheit dazu böte, davon ist sie überzeugt. Das schmeichelt nämlich. Das signalisiert dem Ego, dass fortschreitendes Alter Potenz und Libido nichts anhaben können. Für Frauen, auch für junge, stehen diese Aspekte weniger im Vordergrund, aber das liegt daran, dass Frauen mehr Zärtlichkeit suchen, Männer mehr Sex. Zumindest die meisten. Defizite in Weltanschauung und Interessen werden da gerne in Kauf genommen. So einfach ist das.

Sie schaut Thomas halb belustigt, aber auch etwas verunsichert an, als er ernsthaft beteuert: »Nein, das ist nicht mein Ding.« Und mit einem Augenzwinkern: »Besonders wo es doch so attraktive reifere Damen gibt.«

Das war eindeutig auf sie gemünzt. Meint er das ernst? Ihm gegenüber fühlt sie sich uralt. Zehn Jahre voraus zu sein ist für eine Frau ein viel größerer Unterschied als für einen Mann. Dass jemand so viel ­Jüngerer sie attraktiv finden könnte, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Ein nettes Kompliment, beschließt sie. Er hat ein nettes Kompliment gemacht, nicht mehr und nicht weniger.

»Danke für die Wertschätzung«, lächelt sie ihn an. »So etwas Charmantes hat mir seit Christophs Tod keiner mehr gesagt.«

»Das wundert mich, ich dachte eher, dass du so etwas öfter zu hören bekommst, denn es entspricht der Wahrheit.«

Laura verspürt Unbehagen, das Gespräch steuert auf unsicheres Terrain zu. Auf der einen Seite fühlt sie sich geschmeichelt, auf der anderen kann sie nicht glauben, dass er es wirklich ernst meint, denn attraktiv findet sie sich eigentlich nicht. Gepflegt, das ja, vielleicht auch gut erhalten, aber attraktiv? Kann man jemanden attraktiv finden, der auf die Siebzig zugeht? Und das ist leider nicht wegzuleugnen. Sie muss der Realität ins Auge blicken, obwohl allein schon die Zahl ihr Angst macht. Lang ist es nicht mehr bis dahin, wenn man bedenkt, wie schnell die letzten Jahre verflogen sind. Bei Christoph hatte sich diese Frage nie gestellt, aber sie waren ja auch gemeinsam älter geworden.

»Ich glaube, du siehst das mit den nachsichtigen Augen eines Freundes. Mir fällt spontan niemand ein, auf den in diesem Alter die Beschreibung ›attraktiv‹ zuträfe.«

»Mir aber«, Thomas nickt nachdrücklich. »Zum Beispiel Gudrun Landgrebe oder Hannelore Elsner. Wunderschöne Frauen, und ich habe nicht den Eindruck, als sei deren Schönheit künstlich konserviert worden wie bei vielen anderen, die zu Karikaturen ihrer selbst wurden.«

»Gut, mag sein.« Laura kann nicht umhin, ihm zuzustimmen, zumal ihr auch Catherine Deneuve und Mario Adorf einfallen. Die sind sogar noch ein gutes Stück älter. »Aber das sind ja nun die absoluten Ausnahmen.«

»Genau wie du«, grinst Thomas, »so sehe ich das.«

Möglicherweise ist sie wirklich zu kritisch, vielleicht achtet sie vor allem auf die negativen Details und stellt sie in den Vordergrund. Vielleicht sieht sie sich einfach anders als andere. Sie muss bei nächster Gelegenheit mit Renate darüber sprechen, die steht dem Ganzen mit Sicherheit objektiver gegenüber.

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
12 listopada 2024
Objętość:
271 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783946734994
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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