Czytaj książkę: «Meister der Pyramiden»
Artjom Maier
Meister der Pyramiden
Ein Wuxia-Science-Fiction Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Impressum neobooks
Kapitel 1
„David Parker“, sprach der Mann seinen Namen laut aus, ohne dass jemand anderes im Raum war, der ihn hätte hören konnte. Er sprach den Namen so aus, als würde er sich auf diese Weise auf die Schulter klopfen. Gleichzeitig brachten diese zwei Wörter den Mann, der schon seit einiger Zeit gedankenverloren an einem offenen Fenster stand, wieder zurück in die Wirklichkeit. Seine Augen wurden von Leben erfüllt und sein Blick glitt zu den Pyramiden, die nicht weit von seinem Standort in das weiche Licht des Sonnenuntergangs eingebettet schienen. David Parker konnte kaum glauben, dass er tatsächlich hier war. Nicht der Ort an sich war für ihn so unglaublich, auch wenn Gizeh doch eine gewisse Faszination ausstrahlte, vielmehr war es der Zweck seiner Reise, der ihn zum lächeln brachte. Die rote Sonnenscheibe bewegte sich unabänderlich weiter hinter den Horizont und es wurde von Minute zu Minute dunkler. In diesen Zeitzonen wird es immer schon früh dunkel. -Umso besser, dachte Parker, -die Magie der Dunkelheit wird uns bei unserem Vorhaben unterstützen.-
Parker drehte sich vom offenen Fenster und dem unglaublich schönen Ausblick weg und ging in Richtung Tür. Auf dem Weg hinaus erblickte er sein Spiegelbild und blieb stehen. Ein älterer Herr, mit beinahe vollständig ergrautem kurzgeschorenem Haar, kantigen Gesichtszügen, sowie nur mit einer hellen Baumwollhose bekleidet, starrte ihm entgegen. Parker schaute auf seinen Bauch, der sichtlich flacher geworden war, ja der Kerl sah richtig frisch aus, nur etwas bleich. Doch zum Sonnenbaden würde er noch genug Gelegenheit bekommen –das Fasten hat mir richtig gut getan- schoss es Parker durch den Kopf. Den Schlüssel vom Hotelzimmer ließ er einfach liegen, heute würde er ihn nicht brauchen. Das Hotel, das sowieso nur für Herrschaften wie ihn, oder hochrangige Politiker errichtet wurde, war schon die ganze Woche über geschlossen. Nur Menschen, denen er voll und ganz vertraute, befanden sich momentan in diesem Gebäude. Auch wenn er manche von ihnen nie gesehen hatte, so wusste er dennoch, dass Brüder einander nicht bestehlen. Er schien der Letzte zu sein, die glamourösen Flure des Hotels waren bereits menschenleer und vollkommene Stille umgab den älteren Herrn. Im Aufzug, welchen er barfuß betrat, drückte er auf Untergeschoss –ein sinnloser Luxus, denn das Hotel hatte gerade mal drei Stationen, an denen der Aufzug halten konnte: Untergeschoss, Erdgeschoss und den ersten Stock. Die alte Maschine setzte sich langsam in Bewegung und seilte sich sanft nach unten ab. Parker versuchte sich zu sammeln, an nichts mehr zu denken und zur Ruhe zu kommen. Doch das fiel ihm alles andere als leicht, ja selbst er verspürte hin und wieder Aufregung, wo man doch meinen könnte ein C.I.A. Direktor hätte Nerven aus Stahl.
Der Aufzug brauchte nicht lange und kam zum Stillstand, die Metalltüren öffneten sich und Parker erblickte einen langen, schmalen Korridor, der mit einem weinroten Teppich ausgelegt war. Seine nackten Füße zerdrückten die weichen Fasern des Teppichs und hinterließen einen kleinen Abdruck nach jedem Schritt, den er machte, der jedoch nach wenigen Sekunden wieder verschwand. Am Ende des Korridors angelangt blieb Parker vor einer dunkelbraunen schweren Tür stehen, nahm einen tiefen Atemzug, klopfte drei Mal und schaute in die Überwachungskamera, die direkt neben der Tür befestigt war. Ein Sicherheitsmann der einem Grizzlybär in einem schwarzen Anzug glich, öffnete mit einem gespielt freundlichen Lächeln auf den Lippen die Tür.
„Bitte, Mr. Parker“, der Sicherheitsmann machte eine einladende Geste. „Die anderen sind schon alle da. Danke, dass Sie so kurzfristig kommen konnten.“
Parker nickte und lief ein Stück hinein. Vor ihm erstreckte sich eine Art riesige Tiefgarage. Der Raum war etwa 30 Meter breit und etwa 50 Meter lang, vielleicht auch länger. Das Ende konnte er nicht sehen, da die Beleuchtung sehr spärlich war. Die Höhe des Raumes betrug etwa fünf bis sechs Meter, doch das war nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs. Direkt vor ihm befand sich eine mit Hieroglyphen verzierte Wand mit einem weiteren offensichtlich antiken Eingang. Parker ging hindurch und erblickte steile Stufen, die ihn weiter in die Tiefe führten. Er begann damit die Stufen hinunter zu steigen, immer in Richtung des Lichtes, das aus einem Raum am Ende der antiken Treppe leuchtete.
Beim Hinuntersteigen erinnerte sich Parker daran, wie er das erste Mal in diesen Räumlichkeiten gewesen war. Das müsste bereits 15 Jahre her sein. Damals kam er mit seinem Mentor hierher, der ihn in die Geheimnisse der Freimaurerei einführte. Und jetzt? –Jetzt ist es endlich geschafft, wir haben es entziffert,- dachte Parker, womit er seinen im Aufzug gefassten Vorsatz sich zu beruhigen und nicht zu denken brach. –Ein klarer Geist, vollkommen frei von Gedanken ist sehr mächtig und daher wichtig für dieses Ritual.-
Endlich war er unten an der Lichtquelle angelangt. Es handelte sich dabei um einfache Neonröhren, die einen Korridor beleuchteten. Dieser Korridor war noch schmaler als der im Untergeschoss des Hotels, bestand jedoch aus sandfarbenem Stein, genauso wie man es von altägyptischen Anlagen und anderen ägyptischen Bauten aller Art erwarten würde. Er ging hinein in diesen merkwürdigen Tempel, der tief unter dem Hotel verborgen lag und von dem keine Menschenseele, bis auf einige auserwählte Kreise, etwas wusste. Ein geheimer Ort.
Parker war erstaunt darüber wie gut alles restauriert worden war! Doch schließlich hatte das auch eine Menge gekostet. Alleine die richtigen Arbeiter zu finden war schon problematisch, denn sie sollten ihren Mund halten können! Daher konnte man selbst zum Steine schleppen nur Profis engagieren und ja, die meisten waren Amerikaner. -Ein ägyptischer Arbeiter würde sich wohl kaum so brav an eine Verschwiegenheitserklärung halten, wie einer aus „unseren“ Breitenkreisen. Gerüchte würden schnell entstehen und das möchte man ja vermeiden.- Parker sah sich weiter um. Die Wände waren reich verziert mit Hieroglyphen und verschiedenen Zeichnungen von Menschen und Göttern, doch je tiefer man in den Bau ging, desto weniger sah man diese aus jedem Buch über Ägypten bekannten Zeichen. Denn nun mischten sich plötzlich der Ägyptologie gänzlich unbekannte Zeichen und geometrische Figuren hinzu. Es waren Planetenumlaufbahnen zu sehen, Sterne, Menschen in seltsamen Posen und sehr viel Text.
Er betrat einen großen Raum, der von keiner einzigen Säule gestützt wurde. Obwohl die Decke rechteckig war wusste der C.I.A. Mann, dass er sich im Inneren einer kleinen Pyramide befand, die aus vordynastischer Zeit stammte. Überall im Raum sah er Menschen, die genau wie er, nur mit dünnen hellen Baumwollhosen bekleidet waren, und im Schneidersitz hockend auf ein Blatt Papier starrten. Sie lasen etwas, manche bewegten dabei leicht ihre Lippen mit.-Sie üben die Formel.- Einer seiner Brüder kam zu ihm geeilt und wies Parker einen Platz zu. Als Parker sich setzte ging der Mann rasch zu einem anderen und meldete, dass man nun vollzählig sei: „Die Nummer 99 ist eingetroffen.“
Zwei der Anwesenden, die unmittelbar links und rechts neben dem Eingang standen, zerrten je eine Kiste, die sich hinter ihnen befand, vor und öffneten diese. Jeder der Anwesenden wusste nun was zu tun war. Die Männer bildeten zwei Reihen, wobei sich in jeder Reihe 49 Mann befanden. Auch David Parker stellte sich an, um einen Gegenstand aus einer der Kisten zu erhalten. Nur einer der Männer blieb regungslos in der Mitte des Raumes, er stand direkt vor einem Sarkophag und schloss die Augen während er etwas rezitierte. Die zwei Herren vom Eingang, gingen nun, die Kisten hinter sich herziehend, zu jedem der aufgereihten Teilnehmer. Aus den Kisten kam ein ägyptisches Kreuz hervor, das allen der Reihe nach ehrfurchtsvoll überreicht wurde. Das ägyptische Angh sieht aus, wie das Kreuz, das den Christen heilig ist. Im Gegensatz zum christlichen Kreuz hat es aber noch eine Schlaufe im oberen Teil. Es bestand aus einem merkwürdigen Material, welches zwar wie Glas aussah, jedoch kalt und für seine Größe von etwa 15 Zentimeter, sehr schwer war. Parker hatte das Ding bisher nur auf schwarzweißen Fotos gesehen, die direkt bei den Ausgrabungen dieser Pyramide gemacht wurden.
Als nun alle so ein Angh erhalten hatten, setzte man sich mit überkreuzten Beinen hin, und der Mann in der Mitte, der neben dem Sarkophag aus massiven Stein stand, offensichtlich ein Zeremonien Meister, begann zu sprechen:
„Brüder ich danke euch für euer zahlreiches Erscheinen.“ Dieser Satz schien Parker überflüssig, denn er wusste, dass jeder in diesem Raum alles dafür geben würde hier dabei sein zu dürfen. Doch der Mann fuhr fort:
„Jeder von uns hat große Opfer gebracht um hier und jetzt das zu erfahren, was wir zu erfahren wünschen. Wir haben uns 90 Tage lang allen weltlichen Vergnügens enthalten, wir haben auf Alkohol verzichtet, wir haben kein Fleisch verzehrt und keinen Geschlechtsverkehr gehabt. Des Weiteren waren die letzten neun Tage besonders hart für uns alle. Wir haben uns von jeglichem Essen ferngehalten, alles was die Schrift verlangt, haben wir erfüllt.“
Der Zeremonien Meister machte eine lange Pause und blickte in die Gesichter seiner Brüder, so als ob er prüfen würde, ob auch wirklich jeder die 81+9 Tage lang die Weisungen befolgt hatte und sich unter Kontrolle gehabt hat. Zufrieden sprach er schließlich mit einer ruhigen Stimme weiter.
„Und das alles für den heutigen Abend. Heute Abend werden wir das erlangen wonach wir alle schon sehr lange auf der Suche sind: Weisheit!“
Er beugte sich vor und tastete nach etwas auf dem Boden. Als er die Stelle gefunden hatte hob er einen kleineren Stein hoch, der als Abdeckung für eine Nische diente, die sich direkt beim Sarkophag befand. In dieser Nische befanden sich zwei merkwürdige Steinchen, Zylinderförmig, 5 Zentimeter im Durchmesser und milchig-durchsichtig. Keiner außer dem Zeremonien Meister konnte die schemenhaften Linien die sich im Stein befanden und die zackigen Einkerbungen auf der Oberfläche des Steins sehen. Er nahm die Steine vorsichtig in seine Hände, schloss die Nische und hob sein Bein um in den Sarkophag zu steigen. Darauf folgte das andere Bein und der Mann setzte sich im Sarkophag aufrecht hin, je ein Steinchen in einer Hand haltend. Alle Brüder schauten ehrfürchtig zu ihm als einer der Anwesenden eine schwarze Flüssigkeit über den im Sarg sitzenden Zeremonien Meister goss und dieser sich hinlegte. Das war das Zeichen. Die Männer, die sich hier versammelt hatten, fingen an etwas in einer unbekannten Sprache zu rezitieren und hoben das zuvor ausgeteilte Angh vor die Stirn –vor das Auge der Weisheit,- erklärte Parker sich selbst den Vorgang. Im Sarkophag zischte es. Jeder der Anwesenden wusste was zu tun war, jeder war vorbereitet, hoffentlich würde es funktionieren! Dies würde eine lange Nacht werden.
Kapitel 2
Der junge Mann machte einen tiefen Atemzug. –Frische Luft,- sagte er sich während sein Körper sich wieder mit Leben füllte. Nach einer etwas über 6 Stunden andauernden Fahrt von Wuhan nach Shiyan war Wu Guan Tai froh endlich wieder den stickigen Zug verlassen zu können. Als Sportler war er es einfach nicht gewöhnt so lange auf einem Platz zu sitzen. Außerdem war er auch ein bisschen hungrig. Er kramte in seiner hellen, modischen Jeans nach dem Mobiltelefon um sich nach der Uhrzeit zu erkundigen, doch dann fiel sein Blick auf eine Uhr auf dem Bahnhof und er ließ das Telefon in der Tasche. Durch eine einfache Kopfrechnung stellte er fest, dass er hier noch zwei Stunden Zeit haben würde, da der Bus, der ihn tief ins Wudang Gebirge zu seinem Ziel bringen sollte, erst dann abfahren würde. Nach einer kurzen Überlegung machte er sich auf den Weg um ein gemütliches Plätzchen zu suchen, wo er seinen Hunger stillen könnte. Er musste nicht weit laufen. In der Nähe des Bahnhofs fand er ein schlicht eingerichtetes Restaurant das ziemlich leer stand. Die Besitzer, ein älteres Ehepaar, schauten gerade Fern. Der kleine Fernseher stand einfach auf einem der Tische. Das erinnerte Wu Guan Tai an seine Großeltern, bei denen es ähnlich zuging, sie lebten förmlich in ihrem Restaurant und schauten dort auch während der Arbeit teilweise recht unsinnige Serien. Aber das Essen dort war das frischeste und beste, das er je gegessen hatte. Naja schließlich war sein Opa ja auch der Koch dort.
Als Wu Guan Tai nun das Restaurant betrat, zog er seine Sonnenbrille aus, wobei seine braunen, mandelförmigen Augen, zum Vorschein kamen. Seine Augen strahlten eine gewisse Selbstsicherheit aus und schienen fast zu leuchten. Dieses Leuchten bemerkte selbst die Wirtin, die seinen Blick gespürt hatte und sich sofort vom Fernseher wegdrehte.
„Kommen Sie, kommen Sie!“, die alte Frau stand auf und wies Guan Tai einen Tisch zu.
Der schlichte weiße Tisch nah am Fernseher wurde extra für ihn noch mit einem feuchten Lumpen abgewischt. Die freundliche ältere Dame wollte Wu Guan Tai sogleich die Speisekarte reichen, er jedoch brauchte sie nicht:
„Für mich bitte eine Portion Bao Zi mit Gemüse und eine Tasse Pu Erh Tee.“
Die Dame lächelte ihn an, nickte und verschwand in die Küche.
Bao Zi, mit Gemüse gefüllte Teigtaschen, aß er sehr gerne, ganz besonders wenn er unterwegs war, denn die lagen ihm gut im Magen. Der Pu Erh Tee ist die Teesorte, die sein Meister am liebsten trank. Dieser Tee ist ebenfalls sehr gut für den Magen. „Pu Erh Tee ist die ursprünglichste aller Teesorten“, pflegte sein Meister zu sagen. Wu Guan Tai war schon als Kind von den Geschichten des Meisters über seine Reisen nach Tibet entlang der Tee-Route sehr angetan. Über diese Route wurde der Pu Erh Tee in verschiedene tibetische Städte transportiert. Sein Meister war jedoch kein Händler, sondern ein Pilger, der sich den Händlern auf ihrer Reise anschloss. Bei diesen langen Wanderungen hatte der Meister sehr viel erlebt und gesehen. Allerdings sprach er nicht gern über Vergangenes und Guan Tai konnte ihn nur bei einer guten Tasse Tee dazu bringen diese Geschichten zu erzählen.
Wu Guan Tai ließ seinen Blick durch das Restaurant wandern, der auf dem älteren Herren, der ganz gebannt in den Fernseher starrte, eine Zeitlang stehen blieb. Dann schaute er in Richtung Küche und daraufhin aus dem Fenster. Nach der langen Zugfahrt war es Ihm unglaublich langweilig geworden. Mit einem Ohr verfolgte er, was im Fernsehen lief und das weckte schließlich doch sein Interesse.
Im Fernsehen wurde ein Nachrichtenmagazin ausgestrahlt und er hörte wiederholt das Wort Kornkreise. Guan Tai wandte sich dem Bildschirm zu.
„Seit der gestrigen Nacht wurden weltweit mittlerweile mehr als 30 Kornkreise gemeldet…“ Diesen Satzfetzen hatte er nur kurz von der Nachrichtensprecherin vernommen und da wechselte der Sender schon das Thema.
„Kornkreise?“, sagte Guan Tai und schaute dabei den alten Mann an.
„Die zeigen das schon den ganzen Morgen“, erwiderte er ohne Guan Tai anzuschauen. „Angeblich sind seit gestern 30 Kornkreise in den verschiedensten Regionen der Welt gemeldet worden.“
Der Alte drehte sich Guan Tai zu.
„Kornkreise sind eine Art Erdzeichnungen die auf Kornfeldern entstehen, sehen aus wie die Mandalas aus Tibet. Die Fernseh-Fuzzies machen jetzt Panik darum, wer denn diese Kreise gemacht hat.“
„Und wer hat die gemacht?“, fragte Guan Tai neugierig.
„Na bestimmt die Reporter selber. Wenn es keine Nachrichten zu berichten gibt erfinden sie eben welche!“
Da kam seine Frau mit Guan Tais Essen aus der Küche und rief sarkastisch:
„Natürlich, die Reporter setzen sich in ein Flugzeug, fliegen die ganze Nacht um die Welt und mähen das Korn mit dem Rasenmäher, damit sie dir eine Geschichte präsentieren können!“
„Das machen die doch nicht selber!“, konterte der Mann, mit seiner krächzenden Stimme, „die bezahlen Profis, die haben doch gerade erst gezeigt, dass der erste Kornkreis gestern von Spaßvögeln gemeldet wurde. Die hatten eine Spezialausrüstung dabei. Irgendwelche Stöcke, Maßbänder und Walzen mit denen sie diese Kornkreise machen um die Leute zu verwirren. Und jetzt behaupten sie, als sie dabei waren ihren Kornkreis zu machen, ist ein echter vor ihren Augen entstanden? Das kannst du doch nicht glauben, die halten doch die ganze Welt zum Narren!“
Die alte Dame schüttelte über die Worte ihres Ehemannes nur den Kopf und wandte sich an Guan Tai. „Was halten Sie denn davon?“
„Ich weiß nicht so recht.“
„Lass doch den jungen Mann in Ruhe, woher soll er denn was darüber wissen, er hat doch eben erst von der Sache erfahren“, schimpfte der Greis.
„Er ist doch sicher ein Soldat, die wissen über sowas Bescheid“, erklärte seine Ehefrau.
„Woher willst du wissen, dass er Soldat ist?“, konterte der Alte neckisch.
„Sieh dir doch sein Gesicht an, sein starkes Kinn, seinen aufrechten Gang, wie er sitzt, er ist sicher ein Soldat.“
„Ich bin kein Soldat, ich trainiere bloß ein wenig Kung Fu“, stellte Guan Tai richtig.
„Oh!“, lächelte die Dame und drehte sich wieder zu ihrem Ehemann. “Diese Kornkreise sind sicher echt!“, fing sie mit dem selben Thema wieder an.
Und auch der Alte ließ es nicht einfach auf sich beruhen. „Du meinst doch immer recht zu haben! Der junge Mann ist aber kein Soldat und die Kornkreise sind Unfug!“
Die beiden stritten noch eine Weile so weiter, doch Guan Tai genoss das leckere Essen und ignorierte den kindischen Streit des Ehepaares. Das Essen sollte ihm schließlich Kraft für das geben, was noch bevorstand, einen anstrengenden Weg hoch in die Berge.
***
Der Bus hielt direkt an einer Straßenkreuzung und es stieg nur ein einziger Fahrgast aus. Eine Haltestelle gab es dort nicht, zumindest keine, die durch ein Schild markiert gewesen wäre. Es war auch keine echte Straßenkreuzung, sondern eher eine kleine Kreuzung zwischen einer asphaltierten Straße und einem kleinen Trampelpfad der hinauf in die Berge führte. Der Busfahrer wartete noch eine Weile, in der Annahme, dass der Ausländer, der in der Nähe am Straßenrand saß, einsteigen würde. Als der Ausländer sich nicht rührte fuhr der Bus weiter. Es war mittlerweile Spätnachmittag und Guan Tai wollte eigentlich nur noch an seinem Ziel ankommen. Der Ausländer, der am Straßenrand saß, sah jedoch wirklich verzweifelt aus und Wu Guan Tai ging schließlich doch zu ihm hinüber. –Vermutlich braucht er Hilfe und kann kein Chinesisch.- Ausländer waren im Wudang Gebirge keine Seltenheit.
„Ni Hao!“, grüßte Guan Tai.
„O, sorry I don´t speak Chinese”, antwortete der Ausländer betrübt.
-eine gute Gelegenheit um Englisch zu üben.-
„Woher kommst du?“, fragte Wu Guan Tai nun auf Englisch.
„Du sprichst Englisch!?“, der Ausländer, strahlte plötzlich und konnte sein Glück kaum fassen. „Ich komme aus Finnland, ich glaube ich bin in den falschen Bus gestiegen“, fing der Ausländer überstürzt zu erzählen an bevor Guan Tai antworten konnte. Er kramte in seiner Tasche und holte einen Zettel hervor, auf dem etwas geschrieben stand.
„Ich suche diese Tai Chi Schule!“, der Ausländer reichte Guan Tai den Zettel auf dem mit Pinyin Umschrift der Name einer Schule stand.
Guan Tai schaute auf den Zettel.
„Ja, ich kenne diese Schule, sie ist etwa 10 km von hier entfernt. Du hättest lieber ein Taxi nehmen sollen.“
„Das habe ich schon versucht aber der Taxifahrer konnte entweder nicht lesen was auf dem Zettel stand oder kannte diese Schule nicht. Ich fuhr nicht weiter mit, ich weiß schließlich nicht ob wir überhaupt nicht komplett in die falsche fahren würden.“
„Kein Problem, hast du einen Stift?“, Guan Tai wollte dem Ausländer den Namen der Schule mit chinesischen Zeichen aufschreiben doch ehe der Ausländer reagieren konnte, ergriff Guan Tai die Gelegenheit und winkte ein Taxi herbei, das gerade zufällig vorbeifuhr. Was schon in dieser verlassenen Gegend an ein Wunder grenzte.
Der Taxifahrer hielt an und Guan Tai fragte ihn, ob er diese besagte Tai Chi Schule kenne, die der Ausländer suchte. Worauf der Fahrer nickte und Guan Tais vorherige Schätzung bezüglich der Entfernung ziemlich genau wiedergab „Etwa 10 km von hier, ich bringe euch hin.“
Guan Tai hob abwehrend die Hände vor seine Brust, „Ich komme nicht mit, ich frage nur für ihn“, sein Blick zeigte auf seinen neuen Freund.
„Kein Problem!“, der Taxifahrer winkte den Ausländer ins Auto.
„Kannst du ihn fragen ob ich die Fahrt auch in Euro bezahlen kann, ich habe vor der Reise leider sehr wenig Geld gewechselt, es reichte nur für ein Essen und für das Busticket, das ich mir kaufen musste. Die von der Tai Chi Schule sollten mich eigentlich vom Flughafen abholen, sie kamen jedoch nicht. Ich hab es daraufhin auf eigene Faust versucht“, entgegnete der Ausländer.
„Was soll die Fahrt denn kosten?“, fragte Guan Tai den Fahrer.
„60 Yuan!“
„Hm, er sagt er hat nur Euro dabei ist das ok?“
„Was soll ich denn mit Euro?“
Guan Tai wandte sich dem Ausländer zu: „Er sagt er nimmt keine Euro.“
„Was soll ich…, dann muss ich wohl laufen…“, lamentierte der Ausländer, der nun gedankenverloren schien.
„Kennst du ihn?“, fragte der Taxifahrer Guan Tai. Anfangs hatte er angenommen die zwei währen Bekannte, da sie etwa gleich alt waren. Jetzt dämmerte es ihm, dass Guan Tai hier nur zu helfen versucht.
Wu Guan Tai griff in seine Hosentasche, holte seinen Geldbeutel heraus und reichte dem Fahrer 60 Yuan. „Ich sehe ihn heute zum ersten Mal.“
Der Ausländer schaute etwas verwirrt zu Guan Tai. Der Taxifahrer nickte jedoch und forderte den Ausländer gestikulierend auf, in das Auto zu steigen.
Der Ausländer kramte wieder in seiner Tasche, holte einen 10 Euro Schein hervor und reichte diesen Guan Tai mit einem dankbaren Gesichtsausdruck.
Guan Tai jedoch lehnte ab und schob die Hand des Unbekannten bei Seite.
„Ist schon ok!“
„Bitte, nimm es!“
„Nein, Nein, es ist in Ordnung. Wenn Geld ein Problem lösen kann, dann gebe ich es gerne dafür aus.“
Der Ausländer verstand dass Guan Tai das Geld nicht bloß aus Höflichkeit ablehnte. Er steckte den Schein achtlos in seine Hosentasche zurück, stieg rasch in das Taxi ein und bedankte sich tausendfach bei dem anonymen Wohltäter. Als Guan Tai gerade gehen wollte, winkte ihn der Fahrer nochmal zu sich und streckte ihm 20 Yuan entgegen:
„Das war eine noble Geste von dir und das obwohl du so jung bist, ich alter Geizkragen habe den Fahrpreis wohl etwas zu hoch angesetzt“, sagte der Fahrer lachend. Guan Tai nahm das Geld und lächelte zurück.
Das Taxi fuhr davon, durch das offene Fenster hörte Guan Tai den Ausländer nochmal „Xiexie!“, rufen, „Danke“, wohl das einzige Wort, das er auf Chinesisch kannte.
Wu Guan Tai machte sich nun auf den Weg. -Wenn ich mich beeile schaffe ich es noch leicht zum Abendessen. Vorausgesetzt der Meister ist überhaupt da, der braucht echt ein Telefon-; jetzt wirklich.
Das Wudang Gebirge liegt im Herzen Chinas in der Provinz Hubei. Es zieht sich über 400 Kilometer und gilt als heilig. Viele daoistische Meister ziehen sich seit jeher dorthin zurück um nach dem Dao zu suchen und im Einklang mit der Natur zu leben. Seit Wu Guan Tai denken konnte lebte sein Meister in diesem Gebirge. Er pilgerte jedoch auch sehr viel umher, manchmal sogar über Jahre, deshalb machte sich Guan Tai´s Verstand möglicherweise zu Recht Sorgen darüber, dass er bei seiner Ankunft eine leere Hütte vorfinden könnte. Aber tief in seinem Herzen wusste er, dass der Meister da sein würde. Er musste an diesen Traum denken, den er vor drei Tagen geträumt hatte. Der Meister war ihm erschienen und hatte ihn gebeten zu ihm zu kommen. Er hatte ihm außerdem gesagt, dass es sehr wichtig sei und dass er Guan Tais Hilfe benötigen würde. Aber auch, dass Guan Tai dabei sehr viel lernen würde. Da gerade die Semesterferien angefangen hatten, hatte er genügend Zeit gehabt. Guan Tai sagte daher eine Reise mit Freunden ab und machte sich auf den Weg nach Wudang. Einer seiner Freunde hatte damals gefragt „Du glaubst doch nicht wirklich dass dir dein Meister erschienen ist, oder?“. Guan Tai hatte darauf nichts erwidert. –Du wirst es nicht verstehen, der Meister kann weitaus mehr als du glaubst.-
Kapitel 3
- Washington D.C., USA-
Ein Mann rannte aufgeregt durch ein Großraumbüro auf eine Tür zu, auf der stand:
Administrator of National Aeronautics and Space Administration (NASA)
FRANK COHEN
Er klopfte an der Tür und stürmte gleich rein. „Mr. Cohen, Houston meldet etwas, das Sie sich unbedingt ansehen sollten.“
Mr. Cohen musterte den Eindringling. Cohen war kein Mann der leicht aus der Ruhe zu bringen war, was jeder in seiner Gegenwart spürte und dadurch automatisch auch ruhiger wurde.
„Robert wie oft habe ich Ihnen gesagt, dass Sie mich Frank nennen sollen“, sagte Cohen in einem ruhigen Tonfall.
Der Eindringling neigte seinen Kopf etwas zur Seite und sagte fast schon verschwörerisch: „Frank, kommen Sie mit, es geht um die Nationale Sicherheit.“
„Nationale Sicherheit “, ahmte Frank Cohen den Mann nach, „was haben Sie denn?“
„Kommen Sie doch einfach mit und sehen Sie selbst“, sagte der Mann ohne das Gesicht zu verziehen.
Frank Cohen atmete tief durch, stand langsam auf und griff nach seinem Sakko.-Was habe ich damit zu tun?- „Zeigen Sie mir was Sie haben.“
Der große dünne Mann vor ihm schoss sofort aus dem Büro, so dass der stabile und eher gemütliche Frank Cohen kaum mit ihm Schritt halten konnte. Die beiden gingen in einen leeren Konferenzraum und der dünne Typ holte aus einem Regal einen silbernen Koffer heraus. –Was will er denn damit?- dachte Cohen, der wusste, dass sich darin ein abhörsicheres Satellitentelefon befand.
„Setzen Sie sich Mr. Cohen“, stotterte der Dünne „oh verzeihen Sie, Frank. Es dauert eine Weile.“
„Es dauert eine Weile? Wieso haben Sie mich dann gerade so gedrängt?“
„Ich mache nur was mir aufgetragen wurde. Ich sollte Sie schnellstmöglich mit Houston verbinden“, antwortete der dünne Typ geduldig.
Frank Cohen setzte sich auf einen der Stühle und verschränkte wartend seine Arme vor der Brust.
„Und wozu das Satellitentelefon?“
„Es ist abhörsicher.“
„Abhörsicher?“ –Sie wissen dass ich das weiß.-
„Die Nationale Sicherheit“, erinnerte der dünne Mann den gemütlichen Frank Cohen.
„Natürlich, die Nationale Sicherheit.“ Frank Cohen war alles andere als aufgeregt. Nach einer Weile hörte er wie der Dünne mit jemandem „aus“ dem Koffer kommunizierte.
„Mr. Cohen“, er drehte den Koffer zu Frank Cohen, der dann ein Fernsehbild sehen konnte. Im Bild war sein alter Kollege zu sehen der etwas verstört schien.
„Jon! Du hättest mich auch auf mein Handy anrufen können wozu die Mühe mit dem Satellitentelefon“, auf Cohens Gesicht erschien ein breites Grinsen.
„Frank, schön dich zu sehen. Wir haben hier etwas. Du solltest vielleicht nach Houston kommen.“
„Was? Kein wie geht’s, kein wie läuft’s mit deiner Diät? Immer noch der alte Jon, nur Arbeit im Kopf! Was ist denn bei euch los?“
„Ich bin nicht sicher, ob ich dir das am Telefon sagen sollte…“
„Und wieso hast du mich dann holen lassen?“
„Ich wollte…“
„Pack schon aus, das Telefon soll doch abhörsicher sein!“
Der Mann auf der anderen Seite schaute kurz zur Seite wo offensichtlich noch eine weitere Person stand, die man nicht im Bild hatte. Die Person sagte etwas zu dem Mann im Satellitentelefon. Was genau konnte Frank jedoch nicht hören.
Dann sprach der Kollege langsam „Frank wir haben MÖGLICHERWEISE einen neuen Planeten entdeckt.“
Frank Cohen starrte entgeistert in den Bildschirm.
„Na und? Bei der Anzahl der Planeten im Universum. Wen wundert das. Mir wurde gesagt es ginge um die Nationale Sicherheit.“
Frank Cohen sah wie der glatzköpfige General auf seinem Bildschirm tief Luft holte: „Frank, wo soll ich bloß anfangen? Ist Mr. Patterson noch im Raum?“
„Natürlich!“
„Bitten Sie Ihn uns alleine zu lassen“, sagte die raue Stimme durch das Telefon.
Cohen schaute kurz zu seinem dünnen Begleiter. „Mr. Patterson.“
„Aber natürlich.“ Patterson nahm sein Telefon vom Tisch und verschwand aus dem Konferenzraum.
„Nun, wir sind allein“, sagte Frank Cohen als die Tür hinter dem dünnen Mann zufiel „ich dachte Patterson wüsste worum es geht?“
„Wir haben ihn bloß gebeten dich zu holen Frank, ich wollte nicht dass jemand weiß dass wir kommuniziert haben. Es ist…“ Der General brach mitten im Satz ab.
„Ok hier die Fakten“, fuhr er schließlich fort. „Heute Nacht haben wir von einem unserer Mars Orbiter ungewöhnliche Bilder erhalten. Um 23.03 Uhr Ortszeit empfingen wir Bilder von einem Planeten, der sich momentan direkt gegenüber der Erde, auf der anderen Seite der Sonne befindet. Unsere Astronomen erkannten sofort, dass es kein Planet unseres Sonnensystems ist, den wir kennen. Unseren Berechnungen zufolge hat der Planet den gleichen Abstand zur Sonne wie die Erde und auch die gleiche Geschwindigkeit. Und noch mehr: er ist auch etwa gleich groß wie die Erde. Unseren bisherigen Beobachtungen zu folge werden wir ihn vermutlich von der Erde aus nie zu Gesicht bekommen da er sich IMMER hinter der Sonne versteckt.“
„Aber vom Mars können wir ihn sehen“, hakte Cohen nach.
„Momentan steht der Mars in einer Position aus der wir den fremden Planeten sehen können, ja. Der Mars hat ja eine andere Umlaufbahn um die Sonne als die Erde.“
„Sie wollen mir sagen da ist ein Planet hinter der Sonne von dem wir nichts wissen. Ist das ein Scherz“, lachte Cohen los.
„Frank, es ist kein Scherz. Es ist das was uns unser Orbiter meldet.“
„Aber wie ist das möglich, es war doch nie ein anderer Planet zu sehen. Ich meine selbst wenn ein Planet der Erde direkt gegenüber liegen würde…“
„Ich weiß Frank“, unterbrach ihn der General, „dieser Planet gehört dort nicht hin.“
„Und was ist das für ein Planet?“, fragte Frank Cohen immer noch ungläubig.
„Wir wissen nichts Näheres, noch nicht. Unsere Leute tun alles, was möglich ist um der Sache auf den Grund zu gehen. Wir rechnen, wir analysieren, und wir haben den zweiten Mars Orbiter zu den Koordinaten des ersten geschickt um die übermittelten Bilder zu bestätigen.“
Frank Cohen lachte wieder los. „Ist denn heute der erste April! Jon Sie hatten mich fast!“
„Frank!“, sagte der Mann mit Nachdruck durch das Videotelefon, „es ist keinesfalls ein Scherz.“ Dann reichte ihm die Person neben ihm etwas. Der Mann im Telefon nahm es an und hob es in die Kamera. Es war ein Foto welches der Orbiter aufgenommen hatte, auf dem man tatsächlich einen Planeten erkennen konnte. Frank schaute ungläubig, doch allmählich dämmerte ihm, dass sein Kollege keinen Scherz mit ihm trieb.
„Wie lange ist dieser Planet schon da?“, fragte er mit einem ernsten Gesichtsausdruck.
„Wir können es nicht so genau sagen, nicht länger als ein paar Tage. Vielleicht erst seit einigen Stunden. Die Bilder die wir haben sind jedenfalls 20 Stunden alt.“
„Und wo kommt dieser Planet so urplötzlich her? Ist es ein Naturphänomen, ein Asteroid? Was ist es?“
„Wir wissen es nicht. Der Planet tauchte plötzlich auf, sonst hätten wir seinen Anflug bemerkt. Aber eins ist sicher, es ist kein Asteroid, es hat eine Umlaufbahn um unsere Sonne und, Frank, es gehört dort nicht hin.“
Kapitel 4
Wu Guan Tai sah die Hütte schon von weitem. Direkt am Fuße eines kleineren Berges stand sie da, vollkommen in die Landschaft eingebettet. Soweit er wusste war die Hütte aus gestampftem Lehm gebaut und mit Ziegeln überdacht. Um die Hütte herum gab es keinen Zaun und der Pfad, der zu ihr führte war kaum breiter als 30 Zentimeter. Der Meister überließ die Natur um die Hütte herum sich selbst, und entsprechend durchwachsen sah die Gegend hier eben aus. Im Inneren der Hütte würde aber Ordnung herrschen, das wusste Wu Guan Tai genau „Ordnung im Haus-Ordnung im Kopf“ pflegte der Meister zu sagen. Es ist nicht lange her als Guan Tai die Kunst des Feng Shui zu erlernen begann. Die Kunst mit seiner Umgebung im Einklang zu leben, das Qi der Himmelsrichtungen und der Sterne zu nutzen und durch sein Dasein die Harmonie der Natur nicht zu stören. Aber erst jetzt bemerkte er dass die Hütte eine freie Fläche vor dem Haus hatte; –Das ist der Phönix, er braucht einen freien Blick nach vorne um sich zu entfalten,- und hinter der Hütte ein Berg war. – Die Schildkröte bietet dem Haus Schutz, vor dem Haus herrscht Yang, hier fließt ein kleiner Fluss, es ist hell und es herrscht Bewegung, hinter dem Haus herrscht Yin, Ruhe und Schatten. Die Grundsätze des Feng Shui,- Guan Tai wiederholte im Kopf, was er einst gelernt hatte.
Der Meister hatte natürlich auch kein Schloss an seiner Tür. Er hatte schließlich so gut wie nichts, alles was er besaß war eine Matratze die mit irgendwelchen merkwürdigen Algen gefüllt war, einen kleinen Tisch, einen Stuhl, Kleidung und einige Bücher. Die Bücher waren jedoch sehr alt und vermutlich nicht nur wegen ihres Inhalts wertvoll. Es waren meist Bücher zu allen möglichen Philosophien. Unter Ihnen fand man daoistische Klassiker wie das Dao De Jing, Zhuang Zi, Liezi oder Daozhang. Aber es gab dort auch buddhistische, konfuzianistische, christliche und islamische Heilige Schriften. Dazu viele Schriften über Medizin, Kampfkunst und Geschichte. In der kleinen Küche hatte er etwas Geschirr und unheimlich viele Kräuter, die er selbst gesammelt hatte. Unter dem Boden der Küche befand sich auch noch ein Erdloch, das hin und wieder als Kühlschrank genutzt wurde. Der Meister machte sich keine Sorgen um Diebe: „man sollte nicht an Dingen haften, wenn was wegkommt hat es eben ein anderer, ich hoffe es nützt ihm dann genau so viel wie zuvor mir!“, antwortete der Meister einst auf Guan Tais Frage ob er denn keine Angst habe, dass jemand seine Hütte ausrauben könnte.
Guan Tai näherte sich rasch der Hütte. Es gab immer noch etwas Sonnenlicht, welches die malerische Landschaft der Wudang Berge magisch erscheinen ließ.
„Onkel, ich bin wieder da!“, rief er in Richtung der Hütte.
„Onkel, bist du zu Hause?“, Guan Tai nannte seinen Meister immer Onkel, das war eine der Bedingungen, damit er von ihm als Schüler akzeptiert wurde. Es war zwar etwas ungewohnt so einer Respektperson nicht die in Asien übliche Ehrfurcht vor dem Meister auch sprachlich entgegenzubringen, also ihn auch Meister zu nennen, aber er wollte es nicht. Sein Meister war eben anders. Er war eigenartig und wie Guan Tai mittlerweile überzeugt war, war er auch einzigartig.
„Onkel!“, Guan Tai war nur noch zwei Schritte von der Tür entfernt als diese plötzlich aufging.
Guan Tai hatte ein breites Grinsen auf seinem Gesicht, doch in der Tür sah er jemanden, den er nicht erwartet hatte. Er stoppte überrascht vor der Tür.
„Wo...wo ist der Onkel?“, stotterte Guan Tai.
Vor ihm stand eine der hübschesten Frauen, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Sie hatte lange schwarze Haare, große braune Augen und volle Lippen. An ihrer Kleidung und ihrem geschminkten Gesicht, erkannte er sofort, dass sie keine von den daoistischen Nonnen sein konnte, die den Meister manchmal besuchen, um ihn in allen möglichen Angelegenheiten um einen Rat zu bitten. Sie war sehr modern angezogen. Eine kurze dunkle Jeansjacke, ein weißes Kleid darunter und dazu völlig unpassende Turnschuhe die sie jedoch offensichtlich nur wegen der Wanderung in die Berge trug.
„Du bist bestimmt Guan Tai, ich heiße Mey!“, sagte die junge Frau freundlich.
„Hallo!“, erwiderte Guan Tai und hob etwas seine Hand zum Gruß um zu winken.
„Der Meister hat mich gebeten hier auf dich zu warten “, sie machte eine einladende Bewegung, „komm doch rein.“
Guan Tai folgte ihr in die Hütte, darin hatte sich wieder mal nichts verändert. Schon seit Jahren nicht. Nur roch es jetzt nach Parfum.
„Du hast bestimmt Hunger von der langen Reise.“ Sie griff in eine große weiße Handtasche „Ich habe dir etwas gebratenen Reis aus der Stadt mitgebracht“
Sie reichte ihm die Dose mit dem Reis.
„Leider ist er schon kalt geworden.“
„Das macht nichts.“
Guan Tai bedankte sich und stellte die Dose auf den Tisch.
„Wo ist denn der Onkel hin?“
„Er ist in die Berge um…“, die junge Frau zögerte etwas, „ich glaube er hat was von Talismanen gesagt“, sagte sie vorsichtig, als ob sie raten würde. „Er will morgen wiederkommen.“
„Talismane? Wozu?“, rutschte es Guan Tai heraus.
Mey zuckte bloß mit den Schultern.
„Ich würde ja noch gern bleiben aber ich muss langsam los bevor es dunkel wird“, sagte sie und schaute auf ihre goldfarbene Armbanduhr. „Ich warte hier schon ziemlich lange, der Meister hat mir nicht gesagt, wann genau du kommst.“
„Entschuldige.“
„Naja, das macht nichts. Du kannst ja nichts dafür.“ Sie packte ihre weiße Tasche und stand schon bald in der Tür: „Ich hoffe wir sehen uns bald wieder.“
Guan Tai wusste nicht wie gut Mey sich in diesen Bergen auskannte. Es wurde immer dunkler und er wurde so erzogen, dass er eine Frau nicht nachts alleine durch den Wald gehen lassen konnte. Außerdem hatte er sowieso nichts mehr zu tun solange der Meister nicht da war, also schlug er ihr vor, sie zu begleiten.
„Aber wenn du dann zurück läufst wird es schon sicher ganz dunkel sein“, entgegnete Mey.
„Ich kenne diese Gegend ganz gut“, gab Guan Tai zurück. Mey lächelte.
Die beiden machten sich auf den Weg. Schüchtern und schweigend liefen sie den schmalen Pfad entlang, den Guan Tai gerade erst gekommen war, durch das satte Grün der Wudang Berge. Doch obwohl sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, fühlten sie sich nicht fremd, was Guan Tai nicht ganz verstehen konnte.
Kapitel 5
-Washington D.C., USA-
Noch während des Gesprächs mit dem NASA General wurde Frank Cohen klar, dass er nicht nach Houston gehen würde, da er von Washington aus mehr erfahren könnte. Nur um ein Satellitenbild zu sehen würde sich die lange Reise nicht lohnen und nur kostbare Zeit verbrauchen. Alle relevanten Informationen aus Houston würde er auch hier erhalten. Jetzt musste man handeln.
Information, das war das Schlagwort. Er benötigte mehr Information damit überhaupt etwas in Gang kommt. Frank Cohen war da nicht allein. Deshalb wurde schnell eine Versammlung einiger Experten und den wichtigsten Entscheidungsträgern einberufen, um über den Fall des fremden Planeten zu beraten. Da saß also Frank Cohen an einem runden Tisch in dem größten Bürogebäude der Welt, dem US Verteidigungsministerium, dass vielen besser als das Pentagon bekannt ist, und sah den sogenannten Experten zu, wie sie ratlos und manche sogar voller Panik, darüber spekulierten was es mit dem Planeten auf sich hat.
Bis endlich der Verteidigungsminister eintraf. Ein älterer Herr mit grauen Haaren und einem genauso grauen Anzug. Auf ihn hatten alle gewartet. Jetzt konnte es losgehen. Er brachte sogleich Ordnung in das Gedanken- Chaos der Eierköpfe, indem er einfach und unkompliziert die Sitzung eröffnete, ohne sich wie sonst üblich vorzustellen oder zumindest ein trockenes „Hallo“ zu sagen.
„Meine Herren“, sagte er mit lauter und bestimmter Stimme, so dass alle Anwesenden ihre Gespräche einstellten. „Ich wurde gerade eben in der Limousine über die Angelegenheit informiert also müssen Sie mich kurz auf den neuesten Wissensstand bringen und mir das alles nochmal genau erklären.“
-Der Mann vergeudet keine Zeit,- dachte Cohen, der ihn nicht sonderlich mochte, jedoch für seine Kompetenz respektierte.
Ein Mann mit einem Schnauzer und einer großen Brille meldete sich gleich zu Wort.
„Herr Verteidigungsminister, nach unserer Einschätzung und auch der der NASA Fachläute haben wir drei Szenarien darüber entwickelt, was es sein könnte und ich denke keines davon wird Ihnen gefallen!
„Einen Augenblick“, unterbrach der Verteidigungsminister, „eins nach dem anderen. Wie ich sagte wurde mir nur ein Memo überreicht, das ich erst auf dem Weg hierher durchgelesen habe. Sehr aufschlussreich war es aber nicht. Habe ich das richtig verstanden: Sie haben Satellitenaufnahmen die uns einen Planeten zeigen, der sich uns gegenüber auf der anderen Seite der Sonne befindet?“ Das alles konnte der Verteidigungsminister bereits loswerden noch bevor er sich überhaupt gesetzt hatte.
Der Mann mit der Brille nickte. „Ja, Sir.“
Nun saß er endlich in seinem weinroten Sessel. „Und?“
„Wie meinen Sie das?“, fragte der Mann mit der Brille, dessen Nase etwas verschnupft schien.
Der Verteidigungsminister öffnete seine Hände auf dem Tisch. „Was wissen wir noch?“
„Nun“, stotterte der Mann unsicher, „wir haben Szenarien entwickelt, was es sein könnte…“
„Was es sein könnte?“
Der Mann mit dem Schnauzer und der großen Brille wischte sich mit einem Taschentuch über die Nase und fuhr fort:
„Szenario 1: jemand, und das können im Grunde nur die Russen, Chinesen, Japaner und vielleicht noch die Inder sein, hat sich in unseren Orbiter gehackt und gaukelt uns mit diesem fremden Planeten etwas vor.“
„Und das würden wir als einen aggressiven Akt gegen die Vereinigte Staaten von Amerika bezeichnen“, sagte jemand anders am Tisch, der Verteidigungsminister nickte kurz. „Aber was hätte jemand davon?“
„Szenario 2“, der Mann mit dem Schnauzer las weiter von seinem Zettel ab: „Jemand, und das können ebenfalls nur die zuvor genannten Länder sein, besitzt eine Technologie die im Stande ist Hologramme in solchen Größen zu projizieren, dass dieser Planet den wir sehen nichts weiter ist als ein riesiges Weltraum-Hologramm. Die Frage hier ist, wieso jemand sich diese Mühe macht.“
„Ist sowas überhaupt möglich, ich meine ein so großes Hologramm?“, fragte Frank Cohen.
„Im Prinzip besitzt auch die USA solche Technologien, es wären nur eine Menge Satelliten dafür nötig und wenn jemand so viel von denen in den Weltraum schießt wäre es uns sicher aufgefallen“, sagte jemand am runden Tisch.
„Außer die Operation war seit Jahren geplant und die Satelliten wurden in kleinen Phasen installiert“, widersprach ein Kollege.
Der Verteidigungsminister schaute nun wieder zu dem Mann mit dem Schnauzer: „Sie haben gesagt Sie hätten drei Szenarien…“
„Nun, dass dort wirklich ein fremder Planet ist“, sagte der Mann mit leiser Stimme.
„Ich habe Ihnen noch ein viertes Szenario“, sagte der Verteidigungsminister gereizt. „Unser dämlicher Orbiter ist kaputt, oder da ist irgendein Müll der vor der Linse schwebt…“
„Sir, unsere Experten haben das natürlich schon überprüft. Wir können getrost ausschließen, dass der Orbiter defekt ist oder dass wir es mit etwas anderem zu tun haben, denn gleich nach dem ersten Kontakt haben wir einen anderen Orbiter auf Kurs geschickt. Er ist vor einer Stunde dort angetroffen und bestätigt die Bilder“, sagte der Mann mit der Brille vorsichtig.
„So?“, entgegnete der Verteidigungsminister spöttisch.
Ein Mann in einer Uniform der ebenfalls am Tisch saß schaute zum Minister: „Sir, ich empfehle auf DEFKON 2 zu gehen.“
„Wozu?! Sieht der Planet so bedrohlich aus?“
„Sir, bei allem Respekt, wenn sich jemand bei uns ein-hackt oder uns durch Hologramme täuschen will…“
„…Hören Sie“, der Minister ließ den Mann nicht aussprechen, „ich bin schon lange genug in diesem Geschäft dabei. Ich sage Ihnen mal was. Im kalten Krieg haben russische Satelliten die über den USA spioniert haben festgestellt, dass einige Atomraketen gestartet wurden, wenn ich mich recht erinnere sollten es fünf gewesen sein. Die Russen dachten wir fangen den dritten Weltkrieg an, doch obwohl ein weiterer Satellit den Angriff bestätigt hat, haben die verantwortlichen Offiziere keinen Gegenangriff gestartet. Obwohl sie es laut Protokoll hätten tun sollen. Sie trauten der Sache jedoch nicht. Und wie Sie sehen war es richtig, denn sonst würden wir hier wahrscheinlich nicht mehr sitzen. Wie sich rausstellte war es ein Software Problem. Ein Software Problem, das beinahe den dritten Weltkrieg ausgelöst hätte. Und der wäre für niemanden gut ausgegangen… Also, meine Herrschaften, bevor wir irgendwelche Gegenmaßnahmen ergreifen fragen wir doch erst mal bei den Russen, den Chinesen, Japanern, und wen Sie da noch aufgezählt haben, nach…“
„Die Inder, Sir“, fügte der Mann mit der Brille hinzu.
„Ja, von mir aus die Inder- die Inder, ist das Ihr Ernst?“
„Naja, sie haben auch ein eigenes Weltraumprogramm.“
„Verstehe. Wie auch immer. Finden Sie heraus was die anderen wissen und berichten Sie mir davon. Dann sehen wir weiter. So, wenn niemand mehr was zu sagen hat außer Spekulationen oder dass wir im Grunde nichts wissen, erkläre ich die Sitzung für beendet.“
Ein großer dunkelhäutiger Mann der neben dem Verteidigungsminister saß und eine Militär Uniform trug nickte dem Minister zustimmend zu und stand als erster auf um den Raum zu verlassen, während die anderen noch unsicher da saßen und überlegten, ob sie nun wirklich die Sitzung so schnell beenden sollten. Der große Mann war niemand geringeres als General Julius T. Campbell. Das T im Namen steht dabei für Trevor. Er war einer der kompetentesten Soldaten die die US Air Force je hervorgebracht hatte. Jeder der den General auch nur ansah hatte sofort Respekt vor diesem Mann. Man musste nicht unbedingt wissen, dass er in mehreren Kriegen gewesen war und dass er so einige durch sein entschlossenes Handeln verhindert hatte. Man musste auch nicht wissen, dass er die härtesten Ausbildungen durchgemacht hatte und noch nebenbei einige Studiengänge absolviert hatte. Die meisten Menschen respektierten ihn allein schon auf Grund seiner Körpergröße von 1.90 und seines massiven Erscheinungsbildes, dass er mit Hilfe des Footballs geformt hatte. Sein Gang war stets aufrecht. Wenn er saß, saß er immer aufrecht. Wenn er sprach, dann nur mit Sinn. General Campbell hatte in seinem Leben mit gerade mal 45 Jahren schon sehr viel gesehen und erlebt. Weit mehr als jeder andere in diesem Raum. Natürlich konnten ihn ein paar Satelliten Bilder nicht aus der Ruhe bringen und ohne einen triftigen Grund würde auch er, genau wie der Verteidigungsminister, nicht den Alarmzustand ausrufen. Denn ist dieser erst mal ausgerufen, werden es auch andere Nationen heraus finden, was zu Missverständnissen führen könnte und den Handlungsspielraum deutlich eingrenzen würde. Schließlich war die einzige Bedrohung, die der fremde Planet bisher auslöste, einzig die Vorstellungskraft der sogenannten Experten, die in dessen Erscheinen alle möglichen Schreckensszenarien hinein interpretierten. Als Julius T. Campbell aufstand und seine tadellos sitzende Uniform zu Recht zupfte, bewegte sich in seinem Gesicht kein einziger Muskel. Er schaute nur seine Kollegen am Tisch an und verabschiedete sich mit einem kurzen: „Meine Herren.“
Kapitel 6
Mey hatte es nicht sehr weit von der Hütte des Meisters bis zu ihrem Roller den sie an einer nahen Straße abgestellt hatte. Langsam wurde es aber dunkel und sie war froh, dass Guan Tai mitgekommen war.
„Woher kennst du eigentlich den Onkel?“, fragte Guan Tai und brach die Schweigebarriere, die zwischen den beiden herrschte.
„Das ist eine etwas seltsame Geschichte.“
„Ich mag seltsame Geschichten.“
Mey schaute kurz nach hinten als ob sie überprüfen wollte, dass den beiden keiner folgte. „Meine Eltern sind vor einigen Jahren in die Stadt ausgewandert, um besser zu verdienen und ich blieb bei meiner Oma im Dorf. Meine Oma hat einen kleinen Obststand und lebt praktisch von dem, was sie selbst anbaut und verkauft. Ich helfe ihr natürlich aber damit wir etwas mehr Geld haben arbeite ich noch als Kellnerin in einem Restaurant. Die Geschäfte da laufen sehr gut, weil dort auch sehr viele Touristen essen. Eines Tages ist meine Oma sehr krank geworden. Um die Rechnungen für die Medizin zu begleichen musste ich also sehr viele Überstunden machen, meine Eltern haben leider auch nicht viel Geld übrig. Eines Abends, es hat ziemlich stark geregnet, war das Restaurant leer. Ich sah einen seltsamen Mann auf der Straße, der gar keine Schuhe trug und sich in Richtung unseres Restaurants begab. Er ging zu uns herein bat um etwas Reis und ging dann wieder. Irgendwie tat er mir leid, also folgte ich ihm und sagte ihm, er solle mit mir kommen, damit ich ihm Schuhe kaufen könnte. Er hat mich kurz angeschaut und folgte mir in einen nahegelegenen Laden. Ich hatte keine Ahnung, dass er sich ausgerechnet teure Markenschuhe aussuchen würde, aber ich wollte ihm dann doch den Gefallen tun“, erzählte sie lächelnd.
Auch Guan Tai musste lächeln.
Mey überlegte kurz, dann sprach sie weiter:
„Ich glaube es war gleich am nächsten Tag, da kam derselbe Mann, wieder ohne Schuhe, und fragte im Restaurant nach mir. Eine Kollegin hat mich gerufen und als ich rauskam sah ich einen Beutel voller Kräuter da liegen, der Mann war jedoch verschwunden. Ich wollte gleich wieder reingehen, aber plötzlich tauchte dieser Mann doch wieder auf.“
Mey schmunzelte.
„Er hat sich hinter einem Baum versteckt! Dann sagte er sowas wie: „Muss man dir denn das Offensichtliche erklären?! Die Kräuter sind für deine Großmutter!“ Mir stockte das Herz, woher wusste er von meiner Oma? Hat er mich verfolgt? Er kam näher und plötzlich bemerkte ich, dass er weder streng gerochen hatte noch irgendwie ungepflegt aussah, ich musste mich fast schämen weil ich am Abend zuvor angenommen hatte, dass er ein Obdachloser sei. Plötzlich wurde mir klar, dass er ein daoistischer Meister ist. Ich wusste es einfach!“
-Der Meister hat es dir mitgeteilt, so wie er mich hierherbestellt hat, er kommt eben ohne Worte aus, er hat einen starken Geist,- dachte Guan Tai.
„Ich stand also da und wusste nicht was ich als nächstes sagen soll. Der Mann deutete noch einmal auf den Beutel mit den Kräutern und ging. In dem Beutel lag noch ein Blatt Papier mit genauen Anweisungen wie man diese Kräuter dosiert. Als ich die Geschichte meiner Oma erzählt habe war, sie sehr froh über dieses Geschenk. Nach einer Woche ging es ihr bereits viel besser, nach zwei hat sie schon wieder im Garten gearbeitet und jetzt nach zwei Monaten ist sie fitter denn je, würde ich sagen.“
„Und wie ging’s dann weiter, wie hast du den Onkel kennengelernt?“
„Als ich meiner Oma diesen Daoisten beschrieben habe, hat sie gemeint sie kenne ihn. Schon als Kind will sie ihn gesehen haben und auch später in ihren 50ern und sie meint, dass er seit dem kein Jahr älter aussieht. Sie meint die Leute sagen er sei 200 Jahre alt!“, lachte Mey. Mit einem Mal wurde ihr Blick ernst und neugierig zugleich: „Ist er das?“
-Wenn du bloß wüsstest.-
Guan Tai lächelte, „die Leute reden viel!“
Mey und Guan Tai liefen mittlerweile sehr langsam.
„Ich wollte natürlich so einen echten daiostischen Meister kennenlernen, vor allem wollte ich mich für seine Hilfe bedanken. Ich bin dann in ein nahegelegenes Kloster gegangen und habe dort nach ihm gefragt. Keiner dort kannte ihn, aber als ich enttäuscht zurückging stand er plötzlich, wie aus dem nichts, vor mir. Ich habe angefangen mich herzlichst zu bedanken aber irgendwie rutschte mir ein Satz raus, den ich zuvor gar nicht sagen wollte. Ich fragte ihn, ob er mir das Dao erklären könnte! Er lachte und sagte mir ich solle morgen wieder kommen. Seitdem unterrichtet er mich ein wenig. Er zeigt mir einige Kräuter und wie man meditiert.“
Sie schaute auf Guan Tais Reaktion, weil es ihr peinlich war, vor jemandem zuzugeben, dass sie meditierte. Keine ihrer Freundinnen wusste davon. Guan Tai verzog jedoch keine Miene.
„Du siehst eigentlich ganz anders aus als ich es mir vorgestellt habe“, sagte Mey. Guan Tai war ziemlich groß und sehr sportlich gebaut. Seine Frisur war auch sehr modern, an den Seiten hatte er ganz kurzes Haar aber einen langen etwas zur Seite gelegten Scheitel. Sein Kinn sah muskulös aus und sein Blick war stets klar und fokussiert. Er trug weiße Turnschuhe zu einer hellen Jeans und einer schwarzen Lederjacke.
„Wie meinst du das?“
„Ich habe eben gedacht, dass ein Daoist, der du ja vermutlich bist, weil der Meister von dir oft als Schüler spricht, etwas…naja...“ Mey suchte die passenden Worte wollte es aber nicht weiter vertiefen, „...einfach anders aussieht.“
„Du meinst etwas weniger cool“, scherzte Guan Tai und bekam dafür von Mey einen leichten Schlag auf die Schulter.
„Also, wenn der Meister 200 Jahre alt ist und er jedoch gleichzeitig dein Onkel ist, musst du auch schon ziemlich alt sein!“, scherzte Mey.
„Alt! Ich bin erst 27.“
„Hum. Und was machst du sonst so?“
„Zurzeit studiere ich.“
„Du studierst, bist du nicht schon etwas zu alt dafür?“, machte Mey mit ihren Späßen weiter.
Guan Tai lächelte verlegen. „Ich bin auf einer Kung Fu Schule aufgewachsen. Seit meinem 8. Lebensjahr habe ich in der Nähe des Shaolin Tempels trainiert, später dann in Wuhan und in den Ferien kam ich oft den Onkel besuchen, der mich auch trainiert hat. Als ich die Schule verließ wollte ich unbedingt Action Star werden und ging nach Hongkong um mich dort als Stuntman zu versuchen. Der Job führt aber zwangsläufig zu Verletzungen und ich stellte fest, dass das Film Business doch nichts für mich ist. Ich habe dann sogar mit dem Gedanken gespielt das Dao zu studieren und Mönch zu werden. Mein Vater fand diese Idee aber nicht besonders gut und schlug mir vor ich solle Trainer werden oder zur Polizei gehen. Aber am liebsten wäre es ihm, wenn ich studiert hätte. Eines Tages stand dann in Wuhan der Onkel vor meiner Tür. Ich erzählte ihm von meinen unglücklichen Ausflug ins Filmgeschäft und dass ich überhaupt nichts mit dem Leben anzufangen weiß. Ich dachte er würde mich bei meinem Vorhaben Mönch zu werden unterstützen, aber das tat er nicht. Er sagte damals: Guan Tai, das Leben eines Mönchs ist nichts für dich, zumindest vorerst nicht. Dein Leben ist die Kampfkunst und Sport. Kannst du das nicht weiter studieren? Ich sagte erst mal nichts, später am Abend fiel mir jedoch ein, dass es in Wuhan eine sehr gute Universität gibt, wo man tatsächlich Sport studieren kann. Und das mach ich jetzt seit einem Jahr. Ich bin tatsächlich einer der ältesten dort aber ich kann dafür auch sagen: der in dem Film dort, der vom Dach stürzt oder der brennt, das bin ich.“
Mey lächelte. „Also bist du zufrieden?“ Sie blickte nach vorne, nicht weit von den beiden entfernt stand ein rosafarbener Roller.
„Ja, ich denke im Moment ist es das Richtige für mich.“
„Das ist toll!“
Mey blieb vor dem Roller stehen.
„Wir sind da, dort steht mein Roller.“
Guan Tai begutachtete den Roller.
„Rosa, was?“
„Der ist süß, nicht wahr?“
„Kommst du nochmal hierher um den Onkel zu besuchen?“, fragte Guan Tai.
„Irgendwann die Woche noch.“
Mey stieg auf ihren Roller.
„Sag mal ist der Meister wirklich dein Onkel?“
„Nun ja, wir sind verwandt, es ist etwas kompliziert“, Guan Tai´s Antwort klang zwar nach einer Ausrede, aber Mey hakte nicht weiter nach. Sie startete den Roller, verabschiedete sich und dankte für die Begleitung. Dann fuhr sie los.
„Du hast das Licht vergessen!“, rief Guan Tai hinterher. Das Licht ging an und Mey winkte und lächelte Guan Tai zu.
Kapitel 7
Wenn man keinen Fernseher hat und gerade keine Freunde da sind, wenn man nicht einmal Strom hat, um Licht einzuschalten und ein Buch zu lesen, dann geht man ziemlich früh ins Bett. Genau das tat Guan Tai nachdem er wieder in der Hütte angekommen war. Im Dunkeln machte er noch einige Kung Fu und Qigong Übungen und ging schon bald darauf schlafen. Am nächsten Tag holten die ersten Sonnenstrahlen den jungen Mann sehr früh aus den Federn. Er stand auf und machte gähnend einige Boxhiebe in die Luft, eine Art Morgentraining. Jedoch hörte er nach fünf, sechs, Hieben wieder auf und ging aus der Hütte geradewegs zu dem kleinen Bach, der nicht weit von der Eingangstür gemächlich dahin floss. Guan Tai wusch sich sein Gesicht mit dem kristallklaren Wasser, welches so klar und so frisch schien, dass es eine Schande wäre nicht davon zu trinken. Und es schmeckte köstlich, Guan Tai konnte nicht genug davon kriegen. Er spürte wie dieses Wasser seinen ganzen Körper wach und stark machte. Ja, das Wasser machte ihn richtig munter so dass er doch noch Lust verspürte sein morgendliches Training weiter zu führen.
Auf einmal hörte er Schritte und das Rascheln von Kleidung hinter sich. Als er sich umdrehte sah er seinen Meister, der sich ihm näherte. Er sah aus wie immer. Dichtes dunkles Haar, buschige Augenbrauen, eine breite Nase und ein weiser Blick. -Er sieht kaum älter aus als 40, wie macht er das?-
„Onkel!“, rief er voller Freude darüber den Mann zu sehen.
„Guan Tai“, der Meister packte Guan Tai mit beiden Händen an den Schultern und lächelte sanft, „wie geht es dir!?“
„Alles ist in Ordnung! Wieso hast du dieses Gewand an?“ Guan Tai sah den Meister meistens in ganz normaler Kleidung, doch heute trug er eine lange gelbe Robe und eine schwarze Kopfbedeckung. Das Gewand eines daoistischen Magiers.
„Später“, entgegnete der Meister. „Komm gehen wir ins Haus“, er setzte sich in Bewegung und ging auf die Hütte zu. Guan Tai folgte ihm. Als der Meister die Hütte betrat, legte er eine Stofftasche ab die vor gelben Zetteln überzuquellen schien. Guan Tai folgte der Handbewegung des Meisters mit seinem Blick und wunderte sich ein wenig über das, was er in der Tasche sah.
„Wie läuft dein Training?“, wollte der Meister schließlich wissen.
„Sehr gut!“, sagte der Schüler munter.
„Und meditierst du auch täglich?“
Guan Tai zögerte etwas und kratzte sich am Kopf. „Täglich wäre etwas übertrieben…“
„Das ist schade“, unterbrach der Meister, „aber bald wird sich das wahrscheinlich ändern. Du weißt ja, dass du nur durch einen starken Geist, einen starken Körper haben kannst. Nur der Geist lässt dich weitermachen wenn die Muskeln zittern und nicht mehr können.“
Guan Tai nickte und zeigte sich einsichtig. Beide schwiegen einen kurzen Moment. Schließlich sollte die kleine Unterweisung des Meisters sich setzen. „Und wie geht’s dir Onkel?“, brauch Guan Tai das schweigen.
Der Meiste lächelte und setzte sich auf den Holzstuhl. „Gut, sehr gut! Mein Geist hält meinen Körper jung.“ Er zeigte auf die Tasche mit dem gelben Papier drin, die er gerade erst abgelegt hatte. „Wie du siehst habe ich einige Talismane vorbereitet, sie werden uns bei unserer Reise behilflich sein.“
„Welche Reise?“, wunderte sich Guan Tai, der vermutete der Meister spräche hier von einer spirituellen Reise. Vor solchen Reisen hatte Guan Tai den höchsten Respekt, denn viele waren sehr hart. Eine solche Reise hatte ihn als 8 jährigen Jungen tief in die Berge geführt, wo er allein 9 Tage hatte überleben müssen. Das war eine harte Zeit für ihn gewesen. Er hatte zwar überlebt, war danach jedoch fast zwei Wochen krank. Bei einer weiteren „Reise“ wurde er in ein dunkles Zimmer gesteckt, indem er zwei volle Tage in völliger Dunkelheit meditieren sollte, natürlich ohne Pausen geschweige denn etwas zu essen oder Schlaf. Und obwohl der Meister sehr gerne auf Pilgerreise ging, nahm er Guan Tai so gut wie nie mit, warum auch immer. Doch darüber war Guan Tai andererseits auch froh. Wandern könnte er ja auch alleine, dazu bräuchte man keinen Lehrer, der einen unterweist. Und deshalb kam er ja auch hierher: um in den alten Künsten unterwiesen zu werden. Anfangs war es die Kampfkunst, später die Meditation. Dann wurden die daoistischen Klassiker erläutert und natürlich vieles mehr. Das letzte Mal als er den Meister besuchte gab es eingehende Unterweisungen im Feng Shui einer Kunst, die die Daoisten von je her praktizieren. Doch die Antwort, die der Meister auf die Frage gab, hatte Guan Tai so nicht erwartet.
„Wir gehen nach Ägypten“, gab der Meister zurück.
„Ägypten?“, fragte er verständnislos. „Du willst mit mir eine echte Reise nach Ägypten machen?“
Der Meister nickte, sein Blick verriet nichts.
„Onkel, was wollen wir in Ägypten?“
„Setz dich erst mal hin“, jetzt hatte der Meister wieder einen seiner typischen Gesichtsausdrücke, der jedes Mal auftauchte, wenn er jemandem eine Art Geheimnis anvertrauen wollte.
„Weißt du, vor ein paar Tagen da habe ich eine sehr lange Meditation gehabt“, fuhr der Meister fort, nachdem Guan Tai sich auf die Matratze setzte. „Im Laufe der Meditation hatte ich ein sehr merkwürdiges Gefühl, eine Art Vorahnung dass in Kürze etwas passiert, was die Harmonie im Universum stört. Zuerst wollte ich es ignorieren, es hat mich nicht sonderlich interessiert. Doch dieses Gefühl wurde immer stärker, also habe ich beschlossen dem nachzugehen. Ich habe dann die ganze Zeit Visionen vom Weltraum empfangen, konnte mir aber keinen Reim darauf machen. Ich wollte schon aufhören als ich Zeuge eines Ereignisses wurde, das mich dazu veranlasst nach Ägypten zu gehen.“ Der Meister atmete müde durch. „Manche Menschen maßen sich an sie könnten tun und lassen was sie wollen, aber ihre Unwissenheit könnte sie selbst ins Verderben bringen. Guan Tai“, der Meister schaute ihm in die Augen. „Diese Menschen habe eine Tür geöffnet, die wir unbedingt schließen müssen.“ Der Meister schwieg. Guan Tai wusste, der Meister hatte ihm alles gesagt, was er sagen wollte, und weiteres Nachfragen würde nichts bringen. Trotzdem versuchte er es.
„Was für eine Tür?“
„Wir reisen, wenn es geht noch heute Abend ab. Ich werde dir auf unserer Reise alles erklären. Bis dahin musst du dich in Geduld üben.“
Guan Tai musste über das seltsame Vorhaben des Meisters lächeln: „Onkel, wie willst du überhaupt nach Ägypten kommen? Man braucht dazu viel Geld und um ein Flugticket zu kaufen, brauchst du einen Ausweis, hast du überhaupt einen?“
„Einen Ausweis? Sowas brauche ich nicht! Wir werden aber auch keines von diesen Flugdingern benutzen.“
-Oh nein, er will doch nicht,- Guan Tai hatte einen Gedanken der ihm ganz und gar nicht gefiel.
„Onkel du willst doch nicht zu Fuß nach Ägypten? Dazu würden meine Ferien gar nicht ausreichen.“
„Dafür haben wir leider wirklich zu wenig Zeit. Obwohl ich nichts davon halte Fahrzeuge zu benutzen, die auf dem Prinzip der Zerstörung basieren, sehe ich leider keine andere Wahl: wir fahren mit der Eisenbahn.“
„Mit dem Zug? Ich bezweifle, dass von hier einer nach Ägypten fährt“, konterte Guan Tai.
„Aber es gibt doch einen nach Tibet, nicht wahr?“, sagte der Meister mit einem verschwörerischen Lächeln.
„Sicher, aber Ägypten liegt nicht mal annähernd neben Tibet“, antwortete Guan Tai in einem belehrenden Ton.
„Um nach Ägypten zu kommen, müssen wir nach Tibet, Punkt!“ Der Meister erhob sich, ging zur Tür, so dass Guan Tai nur seinen Rücken sah, dort blieb er im Türrahmen stehen und schaute wortlos hinaus ins Freie.
Kapitel 8
-Moskau, Russische Föderation-
In mitten von Moskau, der russischen Hauptstadt, liegt der berühmt berüchtigte Kreml. Neben ihm fließt der Fluss Moskwa. Manch einer mag vielleicht denken, dass es nur ein Regierungsgebäude der Russischen Föderation ist, in dem der Präsident seinen Sitz- und Arbeitsplatz hat. Eine Art Gegenstück zum Weißen Haus in Washington D.C.
So leicht kann man sich irren! Der Kreml ist ein ganzer Gebäudekomplex. Außerdem ist er einer der ältesten Teile Moskaus. Wer der russischen Sprache mächtig ist, der weiß dass Kreml so viel wie Zitadelle bedeutet, also eine in sich abgeschlossene Festung. Daher kann man sich vorstellen, dass es in Russland mehrere Kreml gibt. Da es sich bei DEM Kreml jedoch auch um den Sitz der Regierung handelt, wird „Kreml“ dann doch auch als Synonym für die Regierung an sich verwendet. Die 2,5 Kilometer lange, rote Mauer, die diese Festung umschließt stammt aus dem 15 Jahrhundert. Man kann ausrechnen, dass die Fläche die der Kreml einnimmt etwa 25,5 Hektar Land beträgt. Nicht ganz so groß wie die Verbotene Stadt in China, die kolossale 72 Hektar einnimmt, aber dennoch riesig. Es ist jedoch auch nicht so, dass der Kreml nur aus Regierungsgebäuden besteht. Auf dem Gelände befinden sich nämlich auch Kirchen, Kathedralen, verschiedene Türme und der staatliche Kremlpalast mit seinen 800 Räumen. Alle Gebäude sind pompös und in heiteren Farben. Oft in schickem Weiß und Gold. Und: der Kreml ist ein riesiges Freilichtmuseum, zu dem eigentlich jeder Zugang hat. Natürlich nur nach einem Sicherheitscheck. Es versteht sich praktisch schon von selbst, dass ein Tourist nicht überall, sprich, nicht zu jedem Gebäude und jedem Räum, Zugang hat! Manche sind eben nur den Regierungsangehörigen zugänglich.
In einem der Regierungsgebäude saß ein solcher Regierungsvertreter und zog belustigt die Augenbraue hoch. Die Frage, die aus den fernen USA kam, war absurd. Er war schon weit über 50 Jahre alt und hatte ein bisschen Übergewicht.
„Michail Michailovich, was soll ich denen jetzt antworten?“, fragte ein anderer, auf der Hierarchiestufe niedrigerer eingestufter Angestellter, den lachenden Mann.
„Ist das ihr Ernst? Die denken wir hätten Satelliten hinter die Sonne geschickt um sie mit einem Hologramm zu erheitern?“ Der füllige Mann konnte nicht aufhören zu lachen.
„Nun, die sagen sie sehen da einen Planeten.“
„Einen Planeten sehen die da…“, spottete er. „Sagen Sie unseren Freunden wir haben damit nichts am Hut“, sagte der Mann immer noch lachend, „gehen Sie schon, gehen Sie schon.“ Er winkte den Kollegen weg. Doch als der im Begriff war zu gehen, klopfte es an der massiven Holztür und ein hochgewachsener Mann kam herein. Er sah zu dem stattlich gebauten Mann, der immer noch amüsiert war, herüber:
„Michail Michailovich“, begann er zu sprechen. „China fragt uns, ob wir irgendetwas über einen Planeten wissen, der sich zurzeit hinter der Sonne befindet und den man bisher nicht zuordnen kann.“
Michail Michailovich hob die Augenbrauen. „Taak! (so!)“, rief er, nun nicht mehr so erheitert aus, als ihm klar wurde, dass er etwas verpasst hatte. „Kontaktieren Sie die Weltraumtruppen, fragen Sie die zuständigen Leute warum die Amerikaner und die Chinesen besser informiert sind als wir“, befahl der Mann vorwurfsvoll.
Der andere nickte und wollte gehen, doch dabei lief er fast gegen den Angestellten der gerade erst Michail Michailovich die Fragen der Amerikaner überbracht hatte. Der stand in der Tür und hörte alles mit an. Die beiden Männer entschuldigten sich gegenseitig und verließen den Raum als der stattliche Michail Michailovich etwas hinterher rief. Der Größere der beiden, jener der als zweiter gekommen war, glaubte seinen Namen gehört zu haben und drehte sich um. „Gibt es noch etwas?“
„Kontaktieren Sie auch gleich noch am besten Polkovnik Sila. Er soll sich der Sache mal annehmen.“
Der Mann schaute besorgt zu seinem Vorgesetzten. „Polkovnik Sila? Ist das nicht zu riskant, was wenn ihn die Amerikaner entdecken?“
„Ich sehen keine Alternative. Er soll einfach vorsichtig sein.“ Dann lehnte sich Michail Michailovich in seinem gemütlichen Sessel nach hinten. „Außerdem wird die Welt früher oder später sowieso davon erfahren“, sagte er, während er müde seufzte.
Darmowy fragment się skończył.