Czytaj książkę: «Die Geierkrieger»
Arthur Krasilnikoff
IN ERINNERUNG AN
John Katé Hardbattle & Komtsha
Saikuta & Gomme & Tsau
und
gewidmet dem Roten Volk.
Du sollst dir kein Bildnis machen.
MAX FRISCH
Früher konnten sie das, was sie glaubten, nicht wissen.
Wir können nicht glauben, was wir wissen.
VILLY SØRENSEN
Erläuterungen des Autors:
Vor einigen Jahren bekam ich eines Tages ein Paket mit besprochenen Tonbändern zugeschickt. Die nun folgende Geschichte beruht auf diesen Bändern. Sie spielt auf einer hoch gelegenen Sandebene, der Kalahari, die wiederum in der Republik Botswana, mitten im südlichen Afrika liegt. Regenzeiten, in denen es tagsüber im Schatten bis zu 45 Grad werden kann, wechseln sich dort mit Dürreperioden und deren Nächten bis zu minus 15 Grad ab. Für alle Lebewesen stellt dies eine Herausforderung dar.
Gxwma ist sowohl eine Person als auch ein Seinswesen, das die Welt erschaffen hat. Er ist kein Gott wie der christliche Gott. Und doch ist das Wort Gott in Überlieferungen oft fälschlicherweise verwandt worden, ebenso wie christliche Missionare versucht haben, aus Gxwma und Gott eins zu machen. Für gewisse Gruppen des roten Volkes gibt es sowohl einen Schöpfergott als auch einen eher erdverbundenen, oft sehr zu Scherzen aufgelegten Gott.
Von dem Augenblick an, in dem Gxwma das Universum mit allem, was dazugehört, geschaffen hat, ist er genauso wie alles und alle den Gesetzen des Universums unterworfen. Man kann nicht sagen, dass er der Herr der Schöpfung ist, aber vielleicht ist er die Idee der Schöpfung.
Ein Passbuch ist ein fünf Jahre gültiger Personalausweis, der auch als Wahlberechtigung dient.
Abaa entspricht dem europäischen Sternbild Orion.
Ich habe die Abschriften der vorliegenden Bänder gesammelt und überarbeitet und – damit die Berichterstattung fortlaufend ist – die notwendigen Informationen über Ereignisse hinzugefügt, die auf den Bändern nicht erwähnt werden. Diese Anreicherungen beruhen auf logischen Rückschlüssen und Vermutungen in Kenntnis der dort herrschenden Verhältnisse. Darüber hinaus ist der Bericht nicht verfälscht worden.
Personen:
Dornenbuschvolk:
Kanta, Erzähler, Schamane und Jäger, früherer Farm- und Minenarbeiter
Dai, verheiratet mit Kanta
Mathilda, ihre Tochter
Qose, Kantas Pflegemutter, verheiratet mit
Saikuta, Schamane und Jäger, Kantas Pflegevater
Mamasa, Qoses Mutter
Abel, Jäger, Schamane und Laienprediger, früherer Farmarbeiter
Duitwé, Frau und Wächterin des Tümpels
NxauNxau, Jäger
Yehuu, jüngerer Jäger, Erzähler
Kgaishe, Jäger und Herumtreiber, Gelegenheitsarbeiter
Tyuavolk:
Khuuo, Jäger
Tammai, Giraffenjäger, spricht Setswana und einfaches Englisch
TwaiTwai, älterer Jäger und Schamane
Kiree, Jäger, verheiratet mit
Bane, spricht Setswana
Haukwe, junges Mädchen
Naro:
Kase, Farmarbeiter bei dem alten und dem jungen Johnsston
Qwaa, verheiratet mit Johnsston und Mutter von
William Tsai Johnsston
Willie Jones, (politischer) Wortführer des roten Volkes, verheiratet mit
Koaba
Xini, ein Jäger
Rasajh Singh, Anwalt, Flüchtling aus Südafrika unter der Apartheitsregierung
Der Koch, Geschäftsführer des Kalahari Arms, kommt ursprünglich aus Madagaskar
Weiße:
Johnsston, der Ältere, Emigrant aus England
Audrey Manfield, verheiratet mit
Manfield, Farmer, Südafrikaner, Vater von
Broderick Manfield, Farmer, Fahrer von Vieh- und Gütertransporten
Trissy Manfield, verlobt mit Bernhard Terreblanche
Tswana:
Moruti, Minister
Thomas Tsheko, sein Abteilungsleiter, verheiratet mit
Simone Tsheko, sowie ihre Kinder
Seretse, benannt nach dem ersten Präsidenten des Landes, 6 Jahre
Edna, ein mürrisches Baby
Europäer:
Marco Polo, junger Mann aus Venedig
Die Ratte, ein Haustier
Niccolo Polo, Marcos Vater
Maffeo Polo, Marcos Onkel
Al Tahir, Seemann
Kublai Khan, mongolischer Kaiser von China
Tadai, seine Tochter
Die Chinesin
Die kleine Frau
Eines Abends, als wir am Feuer saßen, sagtest du, dass du ein Buch über uns schreiben willst. Ich war sehr verblüfft. Ich sagte nicht viel mehr als: Willst du das? In meinem Herzen fragte ich mich, ob du denn nicht mehr mit uns zusammen sein wolltest? Wir sprachen darüber, und ich war ein wenig nervös. Es gab viele, die uns helfen wollten, viele, die Bücher geschrieben und Filme gedreht haben und noch viel mehr. Und fast alle sind nicht mehr zurückgekommen. Ich dachte, wenn wir diese Geschichte erzählen, brauchst du es nicht zu tun, und du wirst zurückkommen müssen. Wenn du genau zuhörst, siehst du, dass ich lächle.
Kanta
Die Geierkrieger und der Junge, der pinkeln musste
Kanta erzählt
Sie kamen mit dem ersten Lichtschimmer.
An diesem Morgen war der Junge zeitig aufgewacht. Er wunderte sich über das verschwommene Licht und den Dunst, der mit dem Licht untrennbar verbunden schien. Nur Büsche und Bäume stachen dunkel aus dem weißen Nebeldunst hervor. Alles war von dem dichten Nebel umgeben, der nur langsam enthüllte, was er verbarg.
Zuerst glaubte er, sie seien Steine, die er vorher nicht bemerkt hatte. Er konnte die Gesichter der Männer nicht ein einziges Mal richtig sehen. Aber er sah, dass sie sich Geierfedern um die Oberarme gebunden hatten und dass zwischen den Federn kleine Pfeifen aus Knochen hingen.
Sie töteten jeden Einzelnen.
Jeden Einzelnen, der schlafend in der Siedlung lag. Er entkam als Einziger. Er wusste nicht, ob die Getöteten noch etwas gemerkt hatten, so schnell ging alles. Er hatte sich ein Stück von der Siedlung entfernt, um zu pinkeln. Er konnte sich gerade noch ins Gebüsch werfen, als sie mit ihrem Gemetzel begannen. Die Männer sprachen nicht miteinander. Sie töteten seine Leute, als ob sie als ein Wesen mit einer Absicht handelten.
Zuerst war weißer Dampf da, als sei die Welt in ein Spinnengewebe aus Nebel eingesponnen. Und vereinzelte Vogelpfiffe. Doch die Stille begann zu grollen und zu schreien, als würde die Welt kentern. Langsam geriet sie aus den Fugen, da sie dem Ersten den Hals durchschnitten. Er war nicht in dieser Welt, als sie seinen Vater umbrachten. Ein Schnitt – das war alles.
Als er zurückkehrte, war es ganz still. Der Morgen breitete sich in seinem seltsamen weißen Dunst und seinem zitternden Licht vor ihm aus. Zögernd kam die Welt zurück. Scharfer Akaziengeruch stieg ihm in die Nase. Es würde nicht lange dauern, bis die Wärme diesen seltsamen Traummorgen vertreiben und er sehen würde, was passiert war.
Trotzdem blieb er liegen, als die Wärme kam und die Insekten zum Leben erwachten. Das Nebelspinnengewebe löste sich auf. Ein Käfer summte vorbei. So einen Nebel hatte er noch nie gesehen.
Jetzt war es ganz still. Die Feuer rauchten nicht mehr. Und niemand war da, der sich erhoben hatte, um neues Brennholz aufzulegen. Obwohl er die Augen geschlossen hielt, spürte er das Kribbeln der Wärme auf der Haut.
Niemand hatte sich bewegt.
Er war nicht da gewesen, als die Geiermänner kamen.
Niemand erhob sich, um nach ihm zu rufen. Kein Laut war zu hören. Erst da bemerkte er den schwarzen Skarabäus, die blaue Akazienbiene und die kupferrote Ameise, die durch den Sand krabbelten, der die gleiche Farbe wie der Nebel hatte. Er lag da, als sei er gefallen.
Endlich kam er auf die Beine. Er tat, als sei nichts gewesen, guckte starr auf den Boden und ging weg. Er konnte sich nicht überwinden zurückzugehen. Als er so weit gegangen war, dass er die Siedlung nicht mehr sehen konnte, fand er die Federn und die Knochenpfeifen. Sein Überleben war nicht beabsichtigt gewesen.
Lange Zeit war er allein und sehnte sich nach Menschen. Der Himmel erhob sich blau und mächtig über ihm und beobachtete ihn unaufhörlich. Überall, wo er ging und stand, breiteten sich Bäume und Büsche über der gewaltigen Ebene aus. Gras und Sand schienen zwischen ihnen hindurch.
Von dem Moment an, als er gesehen hatte, wie seinem Vater die Kehle durchschnitten worden war, bestand für ihn alles Lebende nur mehr aus Stöcken, Haut und Knochen.
Es gab nichts Lebendiges mehr. Alles schien von toten Dingen ausgeführt zu werden.
Er ging lange.
Es war ihm gleichgültig, ob er im Kreis, vorwärts oder rückwärts ging. Wenn er nur etwas zu essen und zu trinken bekam.
Ab und zu fiel sein Blick auf die in weiter Ferne grasenden blauen Gnus. Sie ähnelten Hautstücken, die fest auf einen Rahmen aus Knochen gespannt waren, und wirkten seltsam flach. Es fiel ihm schwer zu glauben, dass sie wirklich da waren. Und wenn er ihre wunderlichen lang gestreckten Köpfe mit der tief liegenden Augenpartie, die schwarzen gebogenen Hörner genauer betrachtete, wurden sie noch unwirklicher. Das ununterbrochene Gebrüll einer Vielzahl von Tieren, das um sie herum in der Luft über der Ebene schwirrte, anschwellend und abebbend zugleich. Diese Laute und Gerüche bewirkten etwas in ihm. Er konnte sie nicht ertragen. Sie machten ihn unsicher, so als würde ihn jemand verfolgen.
Die Gnus ließen ihn sehen, wie sie gebaut waren; Zebras und Springböcke dagegen waren zu rund, um durch sie hindurchzusehen. Die Haut saß so eng um ihren runden fleischigen Körper, dass das Skelett darunter verschwand.
Tagelang irrte er umher. Er hatte vergessen, dass er eine Stimme besaß. Kein Laut entwich ihm. Irgendwer hatte geschrien an jenem Morgen, ein Schrei wie von einem Vogel. Seitdem hatte er keine Stimme mehr.
Manchmal blieb er stehen und spähte in die Landschaft. Sie breitete sich in Wellen vor ihm aus. Überall Büsche und Bäume. Dazwischen Gras. Zu dieser Zeit war es grün und frisch. Es war ein Platz für Kuhantilopen, den er in einem Traum hätte erfinden können. Ihre langen schmalen Gesichter starrten ihn unablässig an. Die Augen schienen zu glühen. Die Schädel mit den schwarzen nach hinten gebogenen Hörnern waren unter der dünnen Haut deutlich sichtbar. Er dachte, dass sie auch nicht anders gemacht waren wie eine Tanzpuppe, selbst wenn es im Traum geschehen war.
Er sagte kein Wort, was immer er erlebte. Er bestand nur noch aus seinen Sinnen und seinem Körper, der unaufhörlich Hunger und Durst spürte, Durst. Das Einzige, was er tat, war, Essen für diesen Körper zu beschaffen.
Als er erwachte, sah er Geier an Stelle der Männer. Natürlich war das beabsichtigt. Davon ließ er sich nicht täuschen. Auch wenn er danach keine Geier mochte, aber wer tat das schon? In Wirklichkeit waren sie ja auch nur als Männer verkleidete Apparate. Dann kamen die Hyänen, und er verließ den Ort. Jetzt hatte er kein Zuhause mehr.
Er war ein lebender Toter. Er hätte tot sein sollen und trotzdem war er es nicht. Hätte er nicht pinkeln müssen, wäre er jetzt tot. Er kroch weg, und erst als er weit weg war und die Geier nicht mehr sehen konnte, wagte er aufrecht zu gehen.
Vielleicht ging er den ganzen Tag. Manchmal kroch er. Dann wieder bekam er Angst und lief. Besonders auf den weiten Ebenen hatte er Angst, dass sich im Gras und den niedrigen Büschen Löwen oder Leoparden verstecken könnten, und er lief, dass das Gras gegen seine Beine schlug und er vor Atemnot keuchte, die übrige Zeit ging er wieder. Er konnte sich nicht erinnern, früher Angst gehabt zu haben. Er hatte das Gefühl, die ganze Zeit verfolgt zu werden. Er sank. Sein Magen zog sich zusammen. Er meinte sich übergeben zu müssen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.
In der ersten Nacht ging es ihm schlecht. Er weinte, weil er ganz allein war. Jetzt, wo er versuchen musste, allein zu schlafen, kam alles zurück. Die Leute. Der Nebel. Sein eigener Atem. Die Geierfedern. Die sich anschleichenden Männer. Kein Atemlaut war von ihnen zu hören gewesen. Verzweifelt sehnte er sich, jemanden berühren zu können. Von jemandem gehalten zu werden. Oder einfach jemandem nahe zu sein, um dessen Wärme zu spüren. Schließlich versuchte er, sich selbst zu halten. Das tröstete ihn ein wenig.
Alles war so schnell gegangen, dass er keinen Alarm schlagen konnte. Er hatte einfach dagestanden und gepinkelt. Noch halb schlafend, hatte er nur die Männer in dem weißen Nebel ausmachen können. Was hätte er tun sollen? Was wäre das Richtige gewesen? Und dann das erste Messer, und das nächste, und das nächste … das Blut, das so schnell aus den Kehlen schoss, dass niemand schreien konnte.
Ganz langsam hatte er sich hingelegt. Plötzlich war er wie auseinander gebrochen, als sei er nicht länger ein Ganzes. Nur noch Sinne, die nicht mehr zusammenspielten.
Mit den Augen sah er die Männer und das Blut. Mit den Ohren hörte er die Messer, wie sie in Haut und Fleisch schnitten. Mit der Haut fühlte er plötzlich die morgendliche Kälte und musste zittern.
Das eine war nicht die Folge des anderen.
Als der Nebel sich hob und verschwand. Als der Dunst wegtrieb wie dünne, zerfetzte Kleidungsstücke. Als die weißen Dampfwesen sich auflösten. Als die Geier kamen und später die Hyänen mit ihrem Gelächter, entdeckte er, dass er nicht tot war, wie er hätte sein sollen. Er wusste nicht, was er machen sollte. Die ganze Zeit war er den Tränen nahe.
Jetzt vermisste er seine Mutter, obwohl er das nicht sollte. Er war ein großer Junge, aber noch immer liebte er es, von ihr gestreichelt zu werden, als sei er ein kleines Kind. Und den Vater, der ihn hochhob, dass er sehen konnte, wenn die blauen Gnus dem Wasser in der Luft hinterher donnerten. Und die kleine Tcisa, die ihn immer weckte, indem sie auf ihn krabbelte.
Nein, sie alle gab es nicht mehr. Und ihn hätte es auch nicht mehr geben sollen. Es war verkehrt, dass er lebte, wenn sie alle nicht mehr da waren.
Auch Großmutter und Großvater nicht, die ihn gelehrt hatten, was er wissen musste.
Die Spuren, die allerkleinsten, den geknickten Zweig und den Abdruck, den das Tier hinterlassen hatte, der Aufschluss über Alter und Geschlecht gab. Wie alt die Spur war. Welchen Kot die einzelnen Tiere ausschieden. Was sie gefressen hatten. Welche Wurzeln essbar waren. Welche Früchte man nicht essen durfte. Auch wenn sie lecker aussahen.
Die Jungen Dabe und Qaa, die immer gemeinsam auf die Jagd gingen und ihn manchmal mitnahmen, damit er sehen konnte, wie sie es machten, und die ihn lehrten, Fallen zu bauen. Und wie man kleine Zweige von bestimmten Büschen in die Erde steckte. Wie man sie anordnen musste, damit die Tiere den Weg zu der Falle einschlugen. So wie sie es von den Jungen gelernt hatten, die älter als sie waren.
Der erste Kronendukker, den er fing, entkam, weil er ihn nicht sofort erschlug. Die kleinen Hörner an der Stirn, die wie zwei magische Gewächse hochstanden. Er konnte sich noch immer an den schwachen Duft der Wärme erinnern, der von dem Tier ausging, und an das wilde Schlagen des Herzens. Das Tier hatte nicht einmal geschrien. Zuletzt streifte der Pelz seine Brust, während er vorsichtig die Beine des Tiers aus der Falle befreite. An das Gefühl, als der Dukker aus seinen Armen sprang, aus einer Art Gemeinschaft, die sich in Rauch auflöste. Die jagenden Jungen lachten so, dass sie beinahe umfielen. Als er das nächste Mal ein Tier einfing, diesmal ein Springhase, machte er es wie die anderen und versetzte ihm einen ordentlichen Schlag mit der Keule. Bang. Tot und still.
Nein, nichts würde er mehr von ihnen lernen.
Und nichts hatte er bei sich, als er aus der Siedlung weglief. Nicht einmal etwas, um Feuer zu machen. Ein kleines Feuer, an dem er sich wärmen konnte. Deshalb dachte er an den Strauß. Wenn er nur ein Feuerzeug gehabt hätte wie er. Ja, bevor es dunkel wurde, hatte er nicht darüber nachgedacht. Es war einmal ein Strauß, der hatte ein Feuerzeug, mit dem er Feuer machen konnte.
Niemand sonst besaß etwas so Prächtiges.
Gxwma war schon lange aufgefallen, dass das Essen, das der Strauß zubereitete, immer sehr gut roch. Eines Abends, als Gxwma sich nahe genug herangeschlichen hatte, um etwas erkennen zu können, sah er, wie der Strauß Feuer machte und mit Töpfen und Töpfchen zu hantieren begann. Wenig später breitete sich ein herrlicher Duft in der Dunkelheit aus, und das Feuer leuchtete, dass man es auf eine lange Entfernung sehen konnte.
So unglaublich hatte Gxwmas Essen nie geduftet.
Gxwma dachte, dass er dieses Feuerzeug haben musste.
Nach einer Weile entdeckte Gxwma, dass der Strauß das Feuerzeug unter einem seiner Flügel versteckte. Oho, dachte er. Oho, jetzt weiß ich, was ich tun muss.
Ein paar Tage später kam Gxwma vorbei.
»Du, Strauß, ich habe einen Busch mit reifen Beeren gefunden. Möchtest du welche haben?«
Froh folgte der Strauß Gxwma und dachte sich nichts dabei.
»Sieh. Da ist der Busch.«
Unverzüglich entdeckte der Strauß die Beeren und begann sich voll zu stopfen. Oh. War das köstlich. Er konnte an nichts anderes denken, als all die guten Beeren zu fressen.
Da sagte Gxwma: »Die größten hängen ganz oben. Sieh mal, da. Das sind die besten. Meinst du, du kannst an sie herankommen? Du bist viel größer als ich.«
»Ja, das kann ich«, sagte der Strauß und dachte sich nichts dabei. Worauf er sich so hoch reckte, wie er konnte, um an die Beeren zu kommen, und die Flügel ausbreitete, um an die Beeren zu kommen, die noch weiter oben waren. Denn jetzt glaubte er, dass die höchsten die besten seien.
Sofort raubte Gxwma das Feuerzeug und lief wie ein Steinbock, um fortzukommen.
Endlich begriff der Strauß, worauf Gxwma die ganze Zeit aus gewesen war.
In der Zwischenzeit hatte Gxwma mit spitzen Steinen aus dem Dornbusch eine Falle für den Strauß gebaut, da er genau wusste, dass der Strauß schneller laufen konnte als er. Gxwma hatte Dornbuschzweige in den Boden gesteckt, sodass der Strauß gezwungen war, bei seiner Verfolgung zwischen ihnen hindurch und über die spitzen Steine zu laufen.
Wie ein Wirbelwind kam der Strauß angerannt und lief direkt in die Falle. Gxwma hatte die Steine so geschickt angebracht, dass sich der Strauß alle Zehen bis auf den großen Zeh und den Zeh daneben, die beide am Fuß hängen blieben, abschnitt. Dadurch wurde der Strauß so aufgehalten, dass Gxwma mit dem Feuer entkommen konnte.
Seit dieser Zeit hat der Strauß nur zwei Zehen.
Und kein Feuer.
Ehéh.
Sie sitzen im Schatten unter dem Apfelblattbaum
Der Baum steht westlich von der Mitte der Siedlung, die oben auf einem nach Süden gehenden Hang liegt. In alle Richtungen breitet sich die Hochebene weit unter dem sengenden Blick des Himmels aus.
Es sind bestimmt ein Dutzend Hütten oder mehr, die den Menschen als Wohnungen dienen. Den Menschen der Dornenbüsche. Sie gehören zum roten Volk. Ncoakwe. Oder sie nennen sich einfach kwe.
Sie sitzen viele Tage dort, während sie Werkzeuge und Ledersachen fertig stellen, die als Kunsthandwerk an die Aufkäufer verkauft werden sollen. Während der sich unablässig jagenden Jahreszeiten haben sie im Schatten ihre Beute mit Messer und Nadeln und ihr Leben mit dem Mund verarbeitet. Sie erzählen diese Geschichten, weil sie mit ihnen weiterleben.
Da sind unter anderem NxauNxau, Kanta, Abel, Duitwé. Qose und Willie, der eigentlich ein Farmersohn aus Ghanzi ist. Khuuo, der aus dem Norden gekommen ist, aus Chobe. Er ist zufällig da, während die Geschichte erzählt wird.
Zwischendurch sind sie mit anderen Dingen beschäftigt, doch dann kommen sie zurück und erzählen weiter.
Duitwé und Qose haben Zickzackstreifentätowierungen über den Augenbrauen, auf den Wangen, doch nicht aus Schönheitsgründen. Die Tätowierungen sind mit Asche gefüllte Narben von Kopfschmerzen der Seele und des Körpers.
Duitwé ist die Älteste. Sie ist so alt, dass niemand ihr Alter kennt, denn sie ist älter als alle anderen. Ihre Haut ist von Runzeln durchzogen, und ihr Gesicht zeigt tiefe Furchen. Es zerspringt vor Lachen und schnalzenden Lippen, ob sie nun von Lachen oder Schmerzen erzählt. Und hinter ihren Worten zittert unaufhörlich ein Husten, der ab und zu so gewaltsam aus ihr herausbricht, dass sie aufstehen und sich aushusten muss, um wieder Luft zu bekommen.
Qose ist inzwischen auch in die Jahre gekommen, auch wenn sie noch immer einen ausgelassenen Melonentanz tanzen kann. Man bemerkt sie nicht, trotzdem ist sie die, die immer da ist. Doch hat man ihr einmal in die Augen gesehen, vergisst man ihren Blick nie mehr. Sie ist Kantas Mutter. Jung ist sie nicht mehr.
Khuuo ist auch alt. Dennoch hat er die lange Reise von Nordosten hier herauf unternommen, weil die Familie seines Vaters aus diesem Teil des Sandgesichts stammt. Er hat eine Nase, von der man ebenso gut heruntergleiten könnte wie von dem Hügel nördlich der Siedlung. Er hat sich immer gewünscht, diese Gegend kennen zu lernen. Jetzt hat er Zeit dazu und ist hergekommen.
Willie ist der Jüngste, auch wenn die meisten ihn nicht mehr als jungen Mann bezeichnen würden. Er hat pechschwarzes Haar, das jetzt voll grauer Funken ist. Aber seine Augen sind sanft und glühend zugleich.
Abel ist ungefähr so alt wie Duitwé. Beide dürften sich einem Jahrhundert an Lebenszeit nähern. Sein Gesicht ist davon geprägt, dass er ein Leben lang neugierig war. Er ist der Christ unter ihnen. Der Pfarrer. Der Missionar. Den größten Teil seines Lebens hat er auf den Farmen der Weißen zugebracht. An seiner linken Hand fehlt der kleine Finger.
NxauNxau ist ein guter Jäger, aber er ist nicht mehr jung. Deutlich sieht man die schwarze Narbe zwischen den Augen. Asche, die in Hautkratzer gerieben worden ist, das soll ihm bei der Jagd Glück bringen. Auch Abel und Kanta haben solche Kratzer zwischen den Augen, aber sie sind nicht so deutlich sichtbar. NxauNxaus Kinder sind schon erfahrene Jäger. Er erzählt seine Geschichten ohne Umschweife und erregt nicht viel Aufsehen.
Kanta ist der Erzähler unter ihnen. Man sieht ihm an, dass er das, was er erzählt, ganz tief aus sich herausholt, als würde es gerade passieren. Seine Stimme ist weich und tief. Seht ihn euch an.
Zusammen mit Willie ist er der, der die Welt außerhalb der Kalahari bereist hat. Bis Europa und Amerika sind sie gekommen. Nur im Traum haben sie gewusst, dass die Welt sich so weit ausdehnen kann.
Mathilda sollte man nicht übergehen. Sie ist Kantas Tochter und nach Hause gekommen, nachdem sie als junges Mädchen einige Jahre bei einer schwarzen Familie in der Hauptstadt gelebt hat. Sie hat ihr Tonbandgerät mitgebracht und wir fangen an. Sie ist kein Kind mehr, das steht fest.
Schließlich vergessen wir das Tonbandgerät. Mathilda kommt geschmeidig wie der Schatten einer Schlange und wechselt die Bänder, wenn es nötig ist.
Kinder und Jungen lauschen, kommen und gehen. Erwachsene sitzen etwas im Hintergrund und hören zu. Rufen hin und wieder dazwischen. Die Geschichten sind so zufällig wie ihre Zuhörer. Doch hört man zu, sind sie wichtig, und sie passieren, auch wenn man sie nicht hört.
Es ist die Zeit des Jahres, in der die Früchte reifen und die Jagd nicht schlecht ist. Dai, Kantas Frau, ist mit ein paar anderen Frauen draußen, um Melonen zu sammeln. Der Regen kann noch immer fallen, und die Nächte werden langsam kühler.
Eine Zeit, in der das Leben leicht sein müsste.
Fremde kommen hinzu, lauschen und gehen wieder. Ihre Geschichten sickern in die der anderen.
Kanta erzählt noch immer.
Die Geierkrieger
Der Elenstier
Damals hieß er Duube. Er war zehn Jahre alt und verstand das Ganze eigentlich nicht. Alles zerfiel, wie Vögel vom Himmel fallen.
Als er am nächsten Morgen erwachte, lange bevor die Sonne genug Kraft hatte, etwas Lebendem zu schaden, machte er sich gleich auf den Weg. Er hatte keinen Grund zu bleiben. Es gab nichts zu essen. Ja, es gab keinen Tee, keinen Maisbrei oder etwas anderes.
Er betrachtete es als Notwendigkeit, Richtung Westen zu gehen. So war er sicher, niemanden zu treffen, der ihn kannte. Es war seine größte Angst, so lange zu leben, dass jemand, nachdem er seinen Namen gehört hatte, zu ihm sagen würde: »Duube? Du bist doch bestimmt der Sohn von Nqaba und Kito. Nein, das kannst du nicht sein! Wessen Kind magst du sein?«
Vielleicht würde er erwachsen und sein Gegenüber alt sein, wenn das geschähe. Vielleicht hätte der andere seine Eltern gut gekannt und würde sagen: »Es ist unglaublich, wie du Bo ähnelst. Bist du mit ihm verwandt? Wie hast du gesagt, dass du heißt?«
»Ich heiße Ciko.«
»Ciko. Ich kenne niemanden, der so heißt. Wie heißen dein Vater und deine Mutter?«
Bei diesen Gesprächen glaubte er immer, dass das Wiedererkennen erst passieren würde, wenn er erwachsen geworden wäre und seine Pflegeeltern, die zu treffen er sich sicher war, tot wären, sodass er ihre Namen nennen könnte, ohne zu lügen.
»Ja. Ich kenne sie nicht, und du hast gesagt, dass deine Mutter an einer Krankheit gestorben ist, von der man Narben bekommt? Die erst rote Wunden sind.«
So ging er umher und redete mit fiktiven Menschen.
Die Mistkäfer. Lange starrte er auf die Mistkäfer, die sich in einem Scheißehaufen versammelten wie eine Gemeinde mit schwarzen Regenschirmen bei Regenwetter. Es war ein Scheißehaufen von einem Elenstier. Er wusste genau, dass so die Tiere auf die Welt gekommen waren.
Ja, so war das, dachte er, während er auf die Mistkäferversammlung starrte. Er begann sich selbst Geschichten zu erzählen, aber nicht zu laut. Vielleicht erzählte er sie auch den Mistkäfern. Sie mussten sie ja allmählich auswendig können.
Eines Tages hatte Gxwma einen Teig gemacht. Einen kleinen Klumpen des Teigs verwahrte er in einem Topf mit Deckel. Einmal täglich hob er den Deckel, um nach dem Teig zu sehen. Ja, ich weiß wirklich nicht, woraus der Teig gemacht war, aber jeden Tag war er ein Stück weiter aufgegangen.
Donnerwetter, wenn nicht allmählich aus dem Teig ein kleines Tier wurde.
Damals gab es nichts als Gras und Honig. Mit jedem vergangenen Tag wurde das Wesen im Teig größer, und nach und nach konnte man sehen, was es werden würde. Zuerst war es ein kleiner Ball, dann wuchs es und wurde zu einem Tier mit Haut. Zuerst glatt wie die Oberfläche des Teigs, dann behaart wie eine Antilope.
Wenn man jetzt den Deckel hob und in den Topf guckte, sah man deutlich, dass es ein Elenstier war. Unbegreiflich, denn damals gab es nur Dunkelheit und kein Licht. Ja, Gxwma hatte kein Feuer. Den Strauß gab es noch nicht. Es gab überhaupt kein Tier mit Ausnahme des kleinen Kerls da unten im Topf. Und der wusste wohl kaum, was er war. Denn er war durch und durch aus Teig geboren und in einem Topf erschaffen. Gxwma sah jeden Tag nach ihm. Als er groß genug war, setzte er ihn an einem geheimen Ort aus.
Das war Gxwma. Und dann seine Frau. Somit waren sie jetzt zu zweit.
Überall herrschte Dunkelheit, und es gab weder Sonne noch Mond, weder Sterne noch Feuer. Es war dunkel wie im Magen eines Tiers.
In diesem Dunkel gab es einen besonderen Ort, unbekannt und geheim. Nur Gxwma wusste, wo der Ort war, denn er versorgte den Elenstier mit Futter. Noch heute frisst der Elenstier nur Gras, das frisch sprießt, wo das alte abgebrannt worden ist, denn dieses Gras ist süß.
Jedes Mal, wenn Gxwma mit seiner Frau draußen war, um Honig zu suchen, gab er dem Elenstier heimlich seinen Teil ab, damit er wuchs und dick und groß wurde. Die Kinder mussten zu Hause bleiben, obwohl zwei so groß waren, dass sie wie erwachsene Jäger hätten jagen können, wäre es nicht so dunkel gewesen. Und hätte es Tiere gegeben, die man hätte jagen können, aber die gab es nicht.
Dafür gab es einen Jungen, einen richtigen Jungen. Den kleinen Bruder der Großen. An ihn sollt ihr euch erinnern.
Gxwma war mehr und mehr davon in Anspruch genommen, den Elenstier mit Honig zu füttern. Und er wurde größer und größer. Ja, er wurde fett und schwer von dem ganzen Honig. Nur Gwxma konnte ihn aus seinem Versteck hervorrufen.
»Kga-na-na-kga«, rief er.
Und dann kam der Elenstier, fett und groß. Er war so schwer geworden, dass er nur langsam zu ihm kommen und den Honig fressen konnte. Gxwma trug ihn in großen Grasbüscheln.
Wenn er mit seiner Frau Honig in Grasbüscheln gesammelt hatte, weil sie nicht genug Töpfe und Gefäße für den ganzen Honig hatten, sagte er zu seiner Frau: »Ich verschwinde noch einmal. Geh du nur schon heim und bereite den Jungen ihr Essen, ich komme auch bald.«
Ja, nicht einmal seiner Frau hatte er von dem geheimen Tier erzählt. Und sie hatte wohl jeden Tag, wenn er zu dem Ort kam, nur gedacht: Der eine Busch ist doch so gut wie der andere. Oder: Natürlich kann er noch pinkeln gehen, bevor wir nach Hause gehen.
Jedenfalls liebte Gxwma den Elenstier über alles in der Welt. Nichts anderes schien etwas zu bedeuten, doch niemand kannte Gxwmas Gedanken.
Allmählich gab es zu Hause immer weniger zu essen, da Gxwma fast alles dem Elenstier gab. Der wurde fetter und fetter und fraß mehr und mehr. Die ältesten Jungen beklagten sich, wenn ihre Mutter mit dem, was sie tragen konnte, nach Hause kam. Denn das, was sie nach Hause brachte, reichte ja nicht, wenn alle drei davon satt werden sollten. Die Söhne wurden immer hungriger, je größer sie wurden. Auch Gxwma und seine Frau bedienten sich, bilde ich mir ein, auch wenn die Jungen das Beste bekamen. Die Kinder konnten ja nicht aufhören zu wachsen.
Was machte die Mutter der Jungen? Sie hätte Gxwma doch auffordern sollen, seinen Honig stehen zu lassen, wenn er austreten ging. Vielleicht aß er ihn selbst. Und außerdem hatte sie ihm ja versprochen, den Jungen nichts zu sagen. Trotzdem dürfte sie sich allmählich gewundert haben. Wer weiß das schon? Vielleicht wusste sie es, sagte aber nichts. Es kann doch sein, dass sie es ihm anfangs gönnte. Und erst als die Jungen über den Hunger klagten, der kniff und ihre Mägen plagte, dass sie ohne Unterlass knurrten, dachte sie darüber nach.
Es war ja noch immer stockfinster, selbst mitten am Tag. Noch immer gab es weder Sonne noch Mond, weder Sterne noch Feuer. Es ist doch klar, dass die Jungen sich zufrieden geben mussten. Aber sie waren nicht dumm, die beiden Jungen. Obgleich der Kleine es noch nicht verstand. Er hat noch mehr Essen als die anderen bekommen, da er der Jüngste war. Die Großen dachten, wir müssen einen Plan schmieden. Und das taten sie.
Der eine sagte: »Kleiner Bruder, wir müssen miteinander reden. Wir glauben, dass Vater das meiste isst, bevor Mutter und er nach Hause kommen. Allerdings ist Vater nicht dicker geworden. Aber wir glauben trotzdem, dass er es isst. Mutter wird nichts sagen.«
Und der andere: »Ja, sie sagt, dass sie nicht mehr gefunden haben, aber das glauben wir nicht. Wir wollen, dass du morgen mitgehst. Wir müssen wissen, was passiert. Ob es wirklich weniger zu essen gibt als früher. Du musst Vater nur genug zusetzen, dann kann er nicht nein sagen.«
Der kleine Bruder blieb dabei, dass er das nicht wollte. Wozu sollte er auch?
Die beiden Jungen antworteten im Chor: »Aber du musst mitgehen, dann hören wir auch auf, dich zu necken!«
Der andere fügte noch hinzu: »Dann darfst du auch mit uns spielen.«
Vielleicht haben sie ihm das gesagt, wer weiß, jedenfalls stimmte er zu.
Am nächsten Morgen, es war noch immer dunkel, rief Gxwma seiner Frau zu, dass sie auf Honigjagd gehen konnten.
Sofort begann der jüngste Sohn herzzerreißend zu weinen.
»Was ist denn mit dir los?«
»Ich will mit«, heulte der Junge.
Und die Mutter sagte: »Das geht nicht, es ist doch viel zu dunkel für so einen kleinen Jungen.«
Daraufhin weinte er noch mehr.
Die großen Jungen antworteten: »Nehmt ihn mit, sonst heult er den ganzen Tag. Dieser Lärm ist nicht auszuhalten.«
Die Mutter sagte: »Hör auf zu weinen. Damit erreichst du nichts.«
Als es eine ganze Zeit so weitergegangen war, war Gxwma der Sache müde und fasste einen Beschluss: »Lass ihn mitkommen. Er kann mit mir gehen. Ich kann ihn ja tragen, wenn er müde wird.«
»Ja«, jubelten die beiden großen Jungen. »Endlich haben wir Ruhe.«
»Wenn es denn so sein soll, lass uns gehen«, meinte die Mutter schließlich. »Aber du nimmst ihn.«
»Ja, ja«, sagte Gxwma und dabei blieb es.
So gingen sie los: Der kleine Bruder hicksend und schniefend. An Gxwmas Hand und mit der Mutter im Schlepptau. Der Tag verging mit Gras und Honig sammeln. Es war ein köstlicher Honig, dick und süß und herrlich duftend. Und sie sammelten sehr viel davon. Als es endlich Zeit wurde, nach Hause zu gehen, trug Gxwma das größte Fuder.
Es war ja noch immer dunkel. Es gab weder Sonne noch Mond, weder Sterne noch Feuer, doch trotzdem wusste Gxwma genau, wie spät es war. Also machten sie sich auf den Heimweg. Nicht weit von zu Hause wurde Gxwma langsamer und sagte: »Ich gehe noch austreten, geht ihr nur schon heim.«
Doch der schlaue kleine Bruder antwortete: »Ich muss auch pinkeln.« Also begleitete er den Vater. Währenddessen ging die Mutter nach Hause, um das Abendessen zu bereiten.
Jetzt konnte Gxwma sein Geheimnis nicht länger für sich behalten und sagte: »Jetzt bist du mein Mitwisser, aber untersteh dich, irgendjemandem etwas zu sagen, verstanden?«
Der Junge nickte und versprach es.
»Kga-na-na-kga«, rief Gxwma.
Zuerst war es ganz still, doch dann polterte und stampfte es im Gras. Der Elenstier kam. Er war so schwer. So schwer. So schwer. So fett war er von dem ganzen Honig geworden.
Langsam, langsam, Schritt für Schritt kam er hervor. Er war so groß wie ein Haus. Er war das größte Tier. Er war das einzige Tier auf der Welt.
Lange bevor das Tier in Sichtweite kam, konnte man die Geräusche seiner Schritte hören, so dröhnten sie. Ja, er trat so hart auf, dass die Körper des Großen und des Kleinen bei jedem seiner Schritte erbebten. Der kleine Bruder keuchte vor Verblüffung. Noch nie hatte er etwas Ähnliches erlebt. Er hatte zwar noch nicht so lange gelebt, aber dass es so etwas auf der Welt gab, hatte er nicht erwartet. Ein so riesiges Tier.
Man hätte nicht glauben sollen, dass es aus einem kleinen Teigklumpen in einem Topf entstanden war. Plötzlich merkte der kleine Junge, dass der Elenstier von dem, was sie heute gesammelt hatten, zu fressen begann.
»Er frisst ja alles auf«, rief der Junge.
»Ssst, nicht so laut. Das ist mein Tier und es lebt von dem, was wir sammeln. Das Tier ist meine Freude und es hält die Welt in Gang. Du darfst kein Wort davon erzählen. Versprich es mir. Dann darfst du auch morgen wieder mitgehen.«
Und Gxwmas kleiner Sohn versprach es, die Hand fest auf das Herz gepresst.
Wenig später kamen sie nach Hause und aßen das Abendessen, das die Mutter aus dem, was sie tragen konnte, bereitet hatte. Am nächsten Morgen standen Gxwma und seine Frau bereit. Das Kind lag wie seine beiden großen Brüder noch in seinem Bett und schlief. Sie weckten ihn, und der Junge weigerte sich aufzustehen.
»Ich bin so müde und der Weg ist viel zu weit.«
Gxwma bot ihm an: »Aber du kannst meinen Bogen und meine Pfeile tragen.«
Man mag vielleicht denken, dass er damit schießen wollte.
Der Junge wiederholte: »Ich bin so müde und ich schaffe es nicht, so lange zu gehen.«
Schnell sagte die Mutter: »Lassen wir das Kind liegen. Komm.«
Sobald sie verschwunden waren, standen die älteren Brüder auf und plagten ihren kleinen Bruder.
»Erzähl. Was hast du herausgefunden?«
Sie bedrängten ihn weiter, bis er nachgab und ihnen von dem Elenstier erzählte.
»Ihr habt noch nie ein so großes Tier oder Wesen gesehen. Es ist so fett und schwarz wie die Dunkelheit. Vater gibt ihm den größten Teil des Honigs, und es frisst ihn mehr als gerne. Zuerst sagt er Kga-na-na-kga, damit es herauskommt. Aber ich weiß nicht mehr, was er sagt, damit es wieder geht.«
Die beiden großen Jungen wollten unbedingt sofort losgehen. Zuerst wollte der kleine Bruder nicht mit.
»Er schlägt mich tot, wenn ich euch den Ort zeige.«
»Natürlich tut er das nicht«, sagten die beiden Brüder. »Und außerdem wird Mutter es ihm verbieten.«
Also machten sie sich auf den Weg. Sie mussten ja nicht weit gehen. Trotzdem nahmen sie ihre Speere mit.
»Hier ist es«, flüsterte der kleine Bruder, obwohl Gxwma nicht in der Nähe war.
»Kga-na-na-kga«, rief der eine der großen Jungen.
Kurz darauf kam der Elenstier hervor. Mächtig und riesig und fett. Fett, das man es nicht glauben konnte. Schwer, dass der Boden bebte. Ja, größer als groß. Dunkler als das Dunkel selbst. Und das obwohl es weder Sonne noch Mond noch Sterne gab. Einen kurzen Augenblick keuchten die Jungen vor Verblüffung, aber nur einen Augenblick.
Unverzüglich stießen beide ihre Speere in das Tier.
Atemlos stürzte der Stier davon, aber es wurde nur ein kurzer keuchender Lauf.
Er fiel um und starb, fiel um und starb, und starb. So groß war er.
Sofort spürte Gxwma durch die Dunkelheit, dass die Welt sich veränderte.
Er konnte keinen Honig mehr finden. Wie sehr er auch suchte.
Im Gras.
Auf der Erde.
In den Tälern.
Auf den Höhen.
Er konnte keinen Honig finden. Und seine Frau auch nicht. Trotzdem gaben sie nicht auf. Sie suchten weiter.
Was Gxwma dachte, wusste niemand.
Und im Gras lag tot der fette Elenstier mit den Speeren der Jungen in seinem Körper. Schnell begannen sie das große Tier zu häuten und aufzuschlitzen. Das Fett floss. Der Stier war so groß, dass sie mit ihren Messern schnitten und schnitten.
Der kleine Bruder sagte: »Ja, jetzt werde ich totgeschlagen.«
Ermüdet von dem Häuten und Aufschlitzen, stöhnten die beiden Großen: »Quatsch. Natürlich wirst du das nicht. Wenn Vater das ganze fette Fleisch sieht, wird er wild vor Begeisterung sein. Er wird sich zu uns setzen und essen. Und auch wenn wir gegessen haben, wird noch immer massenhaft Fleisch da sein.«
So setzten sie sich hin und aßen und aßen, dass ihre Bäuche dick wurden.
Danach mussten sie sich hinlegen und schlafen, so müde waren sie geworden. Und der kleine Bruder lief sofort nach Hause.
Gxwma und seine Frau hatten nur ein paar Waben gefunden. Mit ihnen gingen sie heimwärts. Jetzt erhärtete sich Gxwmas Verdacht, dass etwas Entscheidendes passiert war. Noch immer war das Dunkel überall, doch Gwxma wusste, ob es Morgen oder Abend war. Als er zu der Stelle kam, ging er wieder austreten, wie er es gewöhnlich tat, und rief nach dem Elenstier: »Kga-na-na-kga«, rief er.
Nichts geschah.
Er rief noch einmal. Der Elenstier kam nicht. Jetzt wusste er, warum es keinen Honig mehr gab. Er wurde sehr wütend und traurig. Er ging mit seinen Waben nach Hause. Und traf den kleinsten Jungen.
Sofort sagte Gxwma: »Du hast das Geheimnis verraten. Es gibt keinen Honig mehr. Wo sind die Jungen?«
Der kleine Bruder antwortete: »Sie waren so wütend, dass es nicht mehr zu essen gab. Deshalb haben sie mich geschlagen, bis ich ihnen erzählt habe, was du mir gestern gezeigt hast. Sie haben ihre Speere mitgenommen. Sie haben den Elenstier getötet. Und jetzt werden sie mich töten, weil ich es dir erzählt habe.«
»Nein«, sagte Gxwma. »Nicht während ich hier bin.«
Die Mutter bereitete die Waben zu, und sie aßen sie und legten sich schlafen. Die beiden Jungen waren noch immer draußen an dem Ort, an dem sie den Stier getötet hatten.
Am nächsten Morgen stand Gxwma ohne ein Wort zu sagen auf und ging hinaus. Es war noch immer dunkel. Noch immer gab es weder Sonne noch Mond, weder Sterne noch Feuer.
Er ging direkt zu dem toten Tier und setzte sich in den Matsch aus Fleisch und Blut, Eingeweiden und Darminhalt. Die Jungen schliefen noch immer. Er griff in die Eingeweide. Was er dachte, weiß niemand. Aber er nahm eine Hand voll Kot und warf ihn weit von sich, so weit er konnte, und während er das tat, sagte er: »Jetzt kann der Springbock kommen.«
Sofort war da ein Gewimmel von Springböcken.
Natürlich konnte man sie nur hören und nicht sehen, denn es war dunkel, und es gab weder Sonne noch Mond. Ja, woher er ihren Namen wusste und ob es die richtigen waren, die hervorkamen, das kann niemand wissen. Aber jetzt heißen sie jedenfalls Springböcke, und sie sehen genauso aus.
So saß er mitten in den Überresten des Tiers und warf den Darminhalt in alle Richtungen und rief: »Jetzt kann das Gnu kommen.«
Sofort sprangen und liefen Gnus in wirrem Getümmel umher. So fuhr er fort.
Alle Tiere entstanden, indem er sie bei ihrem Namen rief, während er den Kot in alle Richtungen warf. Sie kannten ihre Namen, deshalb kamen sie herbei, als hätten sie nur darauf gewartet, von ihm gerufen zu werden.
Weiter warf er mit Darminhalt und Matsch und Kot um sich. Giraffen und Elefanten und Strauße entstanden.
»Jetzt kann der Strauß kommen.«
So fuhr er fort, bis die Tiere da waren, alle Tiere.
Und sie machten einen Lärm, dass man sich die Ohren zuhalten musste. Aber die Jungen schliefen so tief, dass sie nichts hörten. Man konnte es kaum glauben. Bei all dem Lärm.
»KauKai! Kaukhoi Ai Ai! Khoi! Kai«, riefen die Tiere im Chor.
»So hört doch«, sagte Gxwma zu seinen Söhnen. »Hört ihr wirklich nicht den Lärm, den die Tiere machen? Kommt, wacht auf!«
Erst da wurden sie endlich wach und hörten das Iahen und Blöken und Muhen der Tiere. Sie liefen sofort nach Hause und schnappten sich ihre Jagdausrüstung. Sie wussten sofort, was sie tun sollten. Natürlich liefen sie erst gegen den Wind. Dann krochen sie langsam in Schussnähe heran. Aber es war noch immer dunkel, und es gab weder Sonne noch Mond, weder Sterne noch Feuer.
In der Zwischenzeit war Gxwma nach Hause gegangen. Nachdem er den Jüngsten geweckt hatte, fragte er: »Sag mir, wo ist das Federdings, mit dem die Jungen immer spielen?«
Der Jüngste holte das Teil. Ein Stock und eine Feder, die mit einer Schnur zusammengebunden waren. Woher es kam, wusste niemand. Es war einfach da. Gxwma warf es in die Luft, und es fiel sofort wieder herunter. Das wiederholte er viele Male, ohne dass irgendetwas passierte.
»Du musst die Feder an beiden Enden nass machen. Das tun sie immer, damit es lange in der Luft bleibt«, sagte der jüngste Sohn.
Das half. Diesmal flog es hoch in die Luft und blieb lange Zeit oben, bevor es dicht bei Gxwma wieder herunterfiel, denn es war ein gutes Spielzeug. Und er machte es noch einmal. Warf es hoch, hoch in die Luft. Diesmal stieg es immer höher hinauf, als wollte es nicht mehr herunterkommen. Plötzlich traf es die Mitte der Dunkelheit. Und die Sonne kam hervor und begann über allem zu scheinen. Je höher es stieg, desto stärker schien über alles die Sonne.
Alles war mit Gras bedeckt, aber es gab keine Bäume. Nicht einen Ort, an dem man draußen in der Ebene Schatten finden konnte. Und allmählich wurde es sehr warm.
Als nun die beiden jagenden Jungen alle Tiere sehen konnten, schlichen sie sich vorsichtig und listig an sie heran. Doch nach und nach begann die Erde an Knien und Ellenbogen zu brennen, dass sie sich aufrichten und auf den Füßen gehen mussten. Ungeachtet ob sie auf Zehen oder auf Fersen gingen, die Erde war sengend heiß, wenn man auf sie trat. Es brannte und tat furchtbar weh, ob sie nun auf den Fußaußen- oder Fußinnenseiten hüpften. Es half weder, mit krummen Beinen zu hinken, noch mit geraden einherzustolpern. Sie mussten sich auf den Bauch legen und kriechen. Trotzdem brannte die Erde noch immer so, dass es nicht auszuhalten war.
Plötzlich rief eine Stimme: »Redet nicht so viel darüber. Bittet die Bäume hervorzukommen.«
Und wirklich, da war plötzlich ein Baum.
Wenig später kam ein zweiter hinzu. Jetzt konnten sie darunter kriechen und hatten Schatten. So ging es weiter mit den Bäumen. Es wurden immer mehr. Die Jungen blieben im Schatten der Bäume, bis die Sonne zum Abend hin kleiner wurde.
Ja, das ist die Geschichte, wie die Sonne hervorkam.
Duube lächelte vor sich hin, denn diese Geschichte hatte er schon oft gehört. Sie hatten sich dabei vor Lachen gewälzt. Sie war so unmöglich und so unglaublich, wenn sein Vater sie erzählte. Und obwohl es ihn nicht mehr gab, hörte Duube doch seine lebendige Stimme, wenn er die Geschichte für sich selbst wiedererlebte.
Er saß in der frühen Morgensonne und zeichnete Vogelspuren in den Sand. Als die Holzmaus nur wenige Meter von ihm entfernt mit Zweigen und Wollflocken im Maul geschäftig von Ast zu Ast eilte, wurde ihm klar, dass er von jetzt an immer allein sein würde, ungeachtet wie viele Freunde oder gute Menschen er auch traf. Diesmal begann er nicht zu weinen. Wie er so in dem klebrigen Sand saß, der sich gelblich gegen die Haut des Schienbeins abhob, ähnelte er am ehesten einem Jungen, der von zu Hause abgehauen war. Gleich würde er aufstehen und weitergehen, zurück in die Siedlung. Wenig später würde er johlend die Hütten erreichen. Hallo.
Wenn es nur so wäre. Nie wieder würde er johlend in die Siedlung kommen.
Von jetzt an musste er ein Mensch sein, der alles vergessen hatte und alles neu lernen musste. Langsam, wie sich der Elenstier im Dunkeln vorwärts bewegte, lernte er einzusehen, dass er niemals mehr diese Verbundenheit erfahren würde, diese Ganzheit, die zwischen ihm und seinen Eltern, zwischen ihm und seinen Großeltern, zwischen ihm und seiner kleinen Schwester bestanden hatte. Er hatte sie tot zurückgelassen und musste ein Leben ohne sie beginnen. Er sah nach der Holzmaus, deren Backen sich kräftig bewegten. Die blanken Augen glänzten, als hätte sie jemand geputzt. Doch obwohl sie ihn sah, sah sie ihn nicht. Als wäre er ein Stück abgeschälte Rinde oder ein Haufen verkrüppelter, kranker Grashalme, die sich bewegen konnten. Sie war teilnahmslos, außer Stande, die Existenz eines anderen lebenden Wesens anzuerkennen, wenn dieses Wesen keine Holzmaus war. Dieses Gefühl hatte er.
Aber dieser Morgen war anders als alle anderen. Es war der erste Tag seines Lebens ohne Mutter und Vater. Sie gab es nicht mehr und seine kleine Schwester auch nicht. Sie waren getötet worden wie Tiere in einer Falle.
Etwas fiel ihm auf. Es war nicht mehr neblig wie an jenem Morgen. Aber der Nebel kam mit dem dunstigen Tod in seinem Schoß auf die Erde, ungeachtet wie er die Landschaft sichtbar werden ließ, als sei sie gerade erschaffen worden.
Hinterlistig und unbemerkt lauerte der Tod im Nebel, bevor er lautlos und ohne zu wanken zuschlug.
Jetzt muss Kanta sich kurz selbst in die Geschichte einbringen
Den ersten Menschen, die ich sah, nachdem ich ganz geworden war, wagte ich mich nicht zu nähern. Ich musste so weit von der Siedlung wegkommen, dass niemand, den ich eventuell um Hilfe bitten würde, auf die Idee kommen konnte, ich sei einer, der nicht überlebt haben dürfte. So weit musste ich wegkommen, dass niemand, den ich traf, von demselben Stamm sein konnte.
Ich konnte nicht wissen, ob sie Geierkrieger waren. Überhaupt weiß ein Kind nichts von dem, was es erst als Erwachsener wissen soll. Es gab niemanden, der mir davon erzählen konnte. Die, die mir davon hätten erzählen können, waren alle tot.
Doch wusste ich immerhin so viel, dass jemand gegen ein Gesetz verstoßen hatte und dass sie sterben mussten, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Und alle in ihrer Nähe müssen sterben, ungeachtet was sie getan haben oder nicht. Ob das so ist, damit niemand mehr übrig ist, der von den Morden erzählen kann. Oder ob die Menschen auch Verbrecher sind, ohne es zu wissen, Mitschuldige, das weiß ich nicht. Und ich war noch nicht alt genug, um mir darüber im Klaren zu sein, dass wir alle im Lager gegen ein Gesetz verstoßen hatten. Dass wir ein schlechter Stamm waren, der keine Daseinsberechtigung mehr hatte. Das weiß keiner.
Wie das passiert? Wie man versteht, dass der, der gegen ein Gesetz verstößt, das Kommen der Geierkrieger heraufbeschwört, das weiß ich nicht. Aber ich bin einer der wenigen, der überlebt und die Geierkrieger bei der Arbeit gesehen hat. Danach verschwinden sie, werden zu Dampf, zu Gras, zu Bäumen, als hätten sie nie existiert. Vielleicht sind es Geier, die einen kurzen Augenblick Menschengestalt annehmen und im nächsten Augenblick weg sind. Vielleicht sind sie im Nebel, entstehen wie Wassertropfen und verschwinden mit dem Nebel. Der einzige sichtbare Beweis für ihre Existenz sind die Menschen, die sie ermordet haben.
Lange Zeit ging ich umher und sah in ihre Gesichter. In die Gesichter der Alten, ob sie Geierfedern und Knochenpfeifen getragen haben könnten, aber ich konnte nichts sehen. Sie konnten sich verwandeln, die lächelnden Menschen und lieben Gesichter, die mich und euch ansahen und mochten, sie waren plötzlich Mörder, die so selten wie der Nebel waren.
Vielleicht hatten es die Schwarzen getan oder welche von uns, die sich so mit ihnen gemischt hatten, dass sie solche Gepflogenheiten zu uns brachten.
Vielleicht hatte es diese Gepflogenheit immer gegeben, und niemand hatte lange genug gelebt, um davon zu erzählen. Und wenn man überlebte wie ich, tat man, als sei nichts gewesen. Nie auch nur ein einziges Wort. Aber irgendwo lauerte eine Tat, die jeder von uns begehen konnte und die diese mordenden Krieger herbeirief. Allein das Zusammensein mit so einem Gesetzesbrecher, sein Kind oder mit ihm verwandt zu sein, konnte eines Tages, eines frühen Morgens, die Geierkrieger mit einer tödlichen Unerbittlichkeit in unsere Welt bringen.
Vom Feuer machen
Gnus, das wusste er, konnten so verwirrt werden, dass sie dumm davon wurden. Aber er hatte keine Waffe. Er hatte nicht genug Kraft, einen Holzspeer so zu werfen, dass er in die Haut eines blauen Gnus eindrang. Obwohl er ohne weiteres einen Ast zuschneiden konnte. Mit dem richtigen Gewicht, schwer, läge er ordentlich in der Hand, dass er sausend durch die Luft flöge, das hatte er so viele Male getan …
Zwei Dinge schlugen diese Gedanken aus seinem Kopf wie Steine, die in der Luft zusammenstießen:
Er hatte kein Messer und er hatte nichts, womit er spielen konnte.
Er wusste genau, wie die Erwachsenen das Gift bereitet hatten, um die Pfeile damit einzuschmieren, aber es war nicht leicht, die richtigen Larven zu finden. Er hatte auch Angst, sich zu schneiden, während er mit dem Gift arbeitete. Die Pfeile hätte er machen können, hätte er nur Sehnen und Pfeilspitzen gehabt. Alles, bei dessen Herstellung er zugesehen hatte, war zu Pfeilen geworden, weil die Leute auf die Jagd gingen.
Wäre er schlau und vorausschauend gewesen, hätte er sich zurück in die Siedlung geschlichen und eine Jagdausrüstung mit Speeren, Bogen und Pfeilen geholt. Alles wäre in dieser Ausrüstung gewesen, ein Grabstock, Feuer. Dass er aber auch nicht daran gedacht hatte. Doch gleich darauf wurde ihm klar, dass er es nie über sich gebracht hätte, dorthin zu gehen, wo es so still war. Und es war lange her, dass die Feuer aufgehört hatten zu brennen.
Nein, für ihn hatte es nur die eine Möglichkeit gegeben: wegzugehen. Auch wenn die Decken noch so verlockend im Wind geweht hatten, und die vollen Wasserbehälter, die in einem Baum hingen, schwer gegeneinander schlugen, wenn der Wind ihnen hin und wieder einen kräftigen Stoß versetzte. Er hätte nie zurückgehen können, um sich zu bedienen. Das konnte er nicht, wenn all die Toten dort lagen. Und wer weiß, vielleicht hätte ihn einer mit seinen Totenhänden festgehalten. Und seine Mutter … er ertrug es einfach nicht, daran zu denken. Er wusste mit großer Sicherheit, dass er jetzt nicht sterben konnte, und er wusste, dass das stimmte. Wie ein Mistkäfer, der sich mit seinem Scheißeklumpen über Knollen und Steine rollte und niemals aufgab, wollte auch er nicht aufgeben. Vielleicht dachte er das nicht so klar und deutlich. Er wollte nur nicht sterben. Deshalb verließ er den Ort unter dem Baum, wo er geschlafen hatte. Die Holzmaus war nicht zu sehen. Die Sonne war aufgegangen, aber noch nicht alt genug, um alles zu versengen.
Während er umherging und sich einsam fühlte, schreckte er zweimal ein paar Springböcke auf. Sie flüchteten, polternd und taumelnd, lange bevor er nahe genug herangekommen war. Er hörte sie durch das Gebüsch brechen, sah die verwirrt hin und her laufenden Körper im Sonnenlicht zwischen den Bäumen. Sie torkelten schwerfällig davon, wie es sich für diese so gewandten Tiere eigentlich nicht ziemt. Erst draußen in der freien Wildbahn wurden sie zu Springböcken, die wie umherschweifende Lichter über die Grassteppe flogen.
Gegen Mittag stand die Sonne so heiß und tief über ihm, dass er unter den nächsten Bäumen Schutz suchen musste. Die Strahlen waren so heftig, dass er das Gefühl hatte, unter einem Regenbogen aus Wärme zu stehen. Alles Lebende schien von dem Sonnenschauer weggespült worden zu sein. Er selbst lag unter einem Apfelblattbaum und keuchte, als würde er ertrinken. Die Insekten hatten als einzige Kraft, deshalb hörte man sie. Selbst die Mistkäfer bekamen genug Wärme, um brummend durch die Luft zu fliegen.
Die Käfer kribbelten und knirschten, wenn man sie aß, besonders die, die zusammen mit Blättern in einem Mörser zerstampft wurden. Sie zu fangen sollte ihm gelingen, und wie er die Blätter von den Pflanzen bekam, wusste er auch. Sie konnten nicht wegfliegen wie die Käfer. Fast bekam er Lust, sofort loszulaufen, aber er besann sich und blieb im Schatten, bis die Hitze erträglicher wurde. Jetzt wusste er, wie er an Essen kommen konnte.
Am Nachmittag stieß er auf einen Fleck Erde, wo massenhaft Tsamamelonen wuchsen. Es waren so viele, dass er beschloss, in der Nähe zu bleiben und zu schlafen und zu essen und zu schlafen und sich satt zu essen. Die Käfer interessierten ihn nicht mehr. Er hatte ihren Lieblingsbusch nicht wieder gefunden. Er hatte ja auch kein Salz, man brauchte Salz dazu. Er konnte sich erinnern, dass sie Blätter und Käfer zusammen mit Salz im Mörser zerstoßen hatten.
Nein, jetzt grub er die Zähne in das feste, zarte Fleisch. Das Wasser des saftigen Fruchtfleischs spritzte in seine Mundhöhle. Ah, das löschte seinen Durst. Er hatte nicht gewusst, dass er so durstig war. Es kitzelte förmlich vor Freude in ihm über den Durst, den er jetzt stillen konnte. Seine Zähne, sein Gaumen, die Innenseiten seiner Wangen wurden feucht von dem frohen Naschen des herrlichen nassen Fruchtfleisches. Er aß sich mit größter Aufgeregtheit durch eine Reihe grüner, bunt schillernder Melonen. Ja, er hüpfte geradezu, so froh war er, seinen Durst stillen zu können. Nur langsam schwand die berauschende Freude, diese erfrischenden Früchte zu essen. Jetzt ruhten die Kerne zusammen mit dem Fruchtfleisch in seinem Magen und dehnten seinen Bauch, dass er nur mit Mühe weiterstolpern konnte. So selig und unberechenbar wild war sein Kauen und Schlucken gewesen. Doch mit der Sattheit nahm diese flatternde Freude ab.
Aus irgendeinem Grund wusste er, dass er sich nicht in der Nähe des Feldes aufhalten sollte. Vielleicht hatte sein Vater oder sein Großvater oder sein Onkel, der ein großer Jäger war, ihm erzählt, dass man sich nicht zu nahe bei einem solchen Feld aufhalten sollte. Er fand einen Akazienbaum, einen Kameldornbaum, unter dem er die Nacht verbringen konnte.
Die Sonne war noch nicht geschrumpft und zum Abend hin rot geworden. Deshalb begann er, nach Baumstücken zu suchen, mit denen er versuchen wollte, Feuer zu machen, denn er wusste, wie man das macht. Er begann nach zwei Sorten Holz zu suchen. Eine hart, eine weich. Nachdem er lange Zeit gesucht hatte, fand er endlich zwei Holzstücke. Eine Wurzel und einen Ast. Mit den Zähnen entfernte er die Rinde. Mit Hilfe eines scharfen Steins schnitt er eine kleine Kerbe in das Holzstück, dass die Funken in das feine Knäuel fallen konnten, das er aus Heu und vertrockneten Blättern geformt hatte.
Der erste Versuch endete kläglich. Er saß verkehrt, bekam einen Krampf in einem Bein. Seine Nase juckte. Fast schaffte er es nicht. Er wand und drehte sich, um richtig zu sitzen. Einmal gelang es ihm, doch da hatte er vergessen, genügend Reisig zu holen, das Feuer fangen konnte, sodass er wieder aufstehen und welches holen musste. Endlich war alles bereit.
Jetzt musste es gelingen.
Er schwitzte, Schweiß rann ihm von der Stirn. Alles machte ihn nervös. Es knackte im Holz, es begann zu rauchen. Der Rauch stieg ihm süß in die Nase, der feine schwache Geruch der Funken, wie aus Stein. Die Glut in den Holzspänen, die das Grasknäuel Feuer fangen ließ. Kleine tanzende Flammen, die verschwanden, um mit kleinen Puffen wiederzukommen, bis endlich das Gras brannte. Die in das Reisig übersprangen. Der Brandgeruch schwärte in der Nase. Jetzt griff er nach den kleinen Ästen. Sie glühten, loderten, Flammen schlugen aus. Er hatte Feuer gemacht.
Er konnte Feuer machen wie Gxwma. Wie der Strauß wusste er, dass er Feuer machen konnte. Er konnte die Nacht erwärmen, obwohl er keine Decke hatte, um sich zuzudecken.
An jenem Abend, an dem er ein Feuer entfacht hatte, das nicht zu hoch in den Himmel leuchtete, saß er so nahe an den Flammen, wie er konnte. Trotzdem zitterte er, als würde er frieren.
Was, wenn sie entdeckt hatten, dass er nicht da war?
Er war der Tote geworden, der fehlte.
Wenn sie, wer immer sie waren, zurück in die Siedlung gekommen waren, um zu sehen, ob alle da waren, würden sie ihn nicht finden.
Vielleicht waren sie so beharrlich, dass sie nach ihm suchten, langsam, als folgten sie einer Antilope, die von ihren Giftpfeilen getroffen war und von der sie wussten, dass sie immer langsamer werden würde. Stehen bleiben würde. Wenn das Gift ihren Sprung verlangsamte, ihren Lauf steifer werden ließ, sodass sie sich zeigen musste. Sich dem Tod hingeben musste, so unbekannt er auch war für Menschen und Tiere.
Man lernt ihn nur kennen, wenn er den eigenen Stamm trifft, nie vorher. Ihm wurde klar, dass er zwischen der Wärme und dem Tod wählen musste. Wenn sie ihm auf der Spur waren.
Gxwma fand das Nest mit dem Straußenei. Er zerbrach es, und aus seinen Schalen entstanden die ersten Menschen. Und sie liefen wie der Strauß, flüchteten vor Gxwma. So würde er vor den Geierkriegern flüchten, wenn sie ihn verfolgten.
Trotzdem versuchte er, etwas zu sagen, in der kleinen Höhle aus Licht, die das Feuer schuf. Er schien diese Worte sagen zu müssen. Er erzählte sich selbst von Gxwma und dem Strauß. Zuerst klangen seine Worte merkwürdig, als wäre nicht er es, der sprach. Sie klangen so seltsam, als seien noch andere anwesend. Das war kurz bevor er sich nach ihnen umsah, aber es waren seine eigenen Worte. Sie hatten einen linkischen, scharrenden Klang, und er sprach leise, nachdem er die ersten Worte gehört hatte. Sie liefen einfach in die Dunkelheit wie unerfahrene Tiere. Anschließend holte er tief Luft und ließ eine neue Herde auf die Welt kommen. Sie hüpften im Dunkeln wie sonderbare Frösche nach einem langen Regen. Aber es waren seine Worte. Sie kamen aus seinem Mund, zuerst langsam und ungeschickt, doch dann konzentrierte er sich auf die Erzählung, und die Worte wurden zu langen Tieren, die sich wie Schlangen wanden.
Er schlief ein, während er an sie dachte, und träumte, dass seine Stimme ein Wesen war, das sich wie eine Schlange wand, sich zusammenkrümmte, um plötzlich zu einem Vogel mit blauen Schwungfedern zu werden, der ihn wichtigtuerisch und wissend anstarrte, und er verstand kein Wort, obwohl er deutlich hörte, wie die Worte aus seinem Mund kamen. Langsam beugte er sich über ihn und schrie, dass seine Ohren wehtaten, seine Zehen sich vor Schmerz krümmten, und er lachte von Herzen, als er auf dem Weg in ein schwarzes Loch hinunter war. Er wusste nur zu gut, dass er in eine Unendlichkeit fallen würde, wenn er hineinfiel. Er würde ein Rad aus einem Körper mit Beinen und Armen sein, das unaufhaltsam und unaufhörlich fiel.
Irgendwann hörte sein Bewusstsein auf, und er war nicht länger in dem Traum. Ob er an einem anderen Ort in einem anderen Traum war oder ob er wach geworden und wieder eingeschlafen war, wusste er nicht. Aber an die Stimme, seine Stimme, die zu einem blauen Vogel wurde, der ihn auslachte, während er ihn in das Loch des unendlichen Falls hinunterstieß, konnte er sich noch erinnern.
Als er wieder wach wurde, lag er auf der Erde, und das Feuer war ausgegangen. Obwohl er nichts zu kochen hatte, konnte er es nicht lassen, in der Asche nach Glut zu stöbern. Er konnte nicht erklären, warum er stattdessen nicht lieber aufbrach, um weiter von der Siedlung wegzukommen. Aber als er die Glut fand, war es ihm unmöglich, etwas anderes zu tun, als Feuer anzuzünden.
Er kam erst zu sich, als es ihm endlich gelungen war, das Feuer zum Lodern zu bringen, und als er merkte, wie die Wärme Löcher in die Morgenkälte stach. Er löschte das Feuer sofort. Er wanderte weiter, während es noch kühl war. Nicht einmal eine Ahnung von Nebel war da oder da gewesen. Er nahm nur wenige Tsamamelonen mit, um nicht zu viel tragen zu müssen.
Nur wenige Wolken standen am Himmel. Man konnte sehen, dass der Winter nahe bevorstand. Er musste versuchen weiterzukommen, bevor die Wärme der Sonne über die Kälte der Nacht siegte. Er wanderte noch immer Richtung Westen. Er ging nicht schnell, lief nicht. Er ging ruhig, sodass er noch immer auf den Ort treffen würde, an dem die Sonne rot und resigniert der Nacht weichen musste.
Nach dieser Nacht sprach er nicht mehr mit sich selbst. Er spürte, dass es ein unnötiges Risiko war zu laufen. Er war noch immer der Meinung, dass er nicht am Leben sein dürfte. Er war ein Toter, der sich bewegen konnte. Er spürte deutlich, dass er wie eine Puppe war, deren Arme und Beine sich auf und ab bewegten. Hin und wieder kam ihm der Gedanke, dass er vielleicht doch tot war. Und dass es so sein musste, tot zu sein. Allein zwischen den Bäumen über Gras und Sand zu gehen. Es war nicht länger verwunderlich, dass seine Stimme so eigentümlich klang. Die Stimmen der Toten mussten merkwürdig klingen.
In Wirklichkeit lag er tot neben seiner Familie wie die anderen. Nur Tote konnten träumen, dass sie lebendig waren und umherwanderten wie er. Dass das Gras wie Wasser im Wind strömte und die Bäume schief und von Feuer und Sonne verbrannt waren. Die Büsche, ganz schwarz vom Feuer, aber mit grünen Zweigen. Und hier und da eine Herde Kuhantilopen, die stehen blieben und ihn anstarrten, als dächten sie, da kommt ein Toter vorbei, wie ist das möglich? Als ob er durch das Bewältigen des Geschehens das, was er in der Welt tat, normal werden lassen könnte. Als könnte er von einem Jagdausflug zurückkommen. Jedes Mal versuchte er, es als unwichtig abzutun. Denn da ging er ja und lebte, weil er hatte pinkeln müssen. Oder nicht?
Hin und wieder fühlte er eine große Verlassenheit, wenn er den Wind durch das Gras fahren sah. Er konnte ja nicht wissen, ob er noch immer neben seiner Mutter und seinem Vater lag und starb. Viele Male versuchte er, diese Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben. Aber sie waren wie hungrige Geier über dem Aas. Sie kamen immer wieder zurück.
Er versuchte, nicht mehr zu sprechen.
Kanta berät sich mit den Kindern
Jetzt müsst ihr euch vorstellen, dass mehrere Tage vergangen sind. Ich habe darüber nachgedacht, was passiert ist. Ob es ihm wohl gelungen ist, einen Speer zu machen oder Pfeil und Bogen. Denn er brauchte etwas, wovon er leben konnte. Er konnte nicht nur Melonen und Moramabohnen essen.
Am liebsten würde ich ihn entdecken lassen, wie man die Larven findet, dann könnte er Giftpfeile machen. Vielleicht eine ganze Jagdausrüstung zusammenstellen. Denn er war ja ein schlauer kleiner Junge, der wusste, wie man sich die Puppe in der Erde bei den Larvengiftbüschen schnappte. Er wusste auch, wie man anschließend den Kopf der Puppe abzwicken musste, nachdem man ihn lange genug warm gerieben hatte, dass er ganz weich war, und wie man das Gift auf den Pfeilschaft unmittelbar hinter der Spitze drücken musste, aber erst wenn man den Pfeil brauchte. Hat man den Pfeil mit so einer Hand voll Puppen eingeschmiert, ist er so giftig, dass nichts einen retten kann, wenn er einen trifft. Aber ich glaube, das war ihm zu gefährlich. Wenn man nur eine Schramme in der Hand, eine Wunde im Mund hatte und das Gift einem ins Blut ging. Davon stirbt man, das ist sicher. Da kann man nichts machen.
Wir verwenden das Gift ja auch nicht mehr. Es ist zu beschwerlich. Aber er wusste, wie es geht. Er hatte viele Male zugesehen, wenn sein Vater und seine Onkel nach dem Ende der Regenzeit den großen Jungen die Puppen gezeigt hatten.
Einen Speer konnte er im Feuer härten. Es ist wahrscheinlicher, dass er sich so einen machen würde. Andererseits ist auch das schwer. Lasst uns jetzt sehen, was passiert.
»Lass ihn Fallen aufstellen«, riefen mehrere Kinderstimmen.
»Diese Schnurfallen? Nein, das geht doch nicht. Wie soll er sie warten? Er wandert ja immer weiter. Er kann doch nicht zurückkommen und die Fallen ausräuchern, die er aufgestellt hat. Nein, das geht nicht.«
»Eine Keule für Springhasen«, meldeten sich ein paar ältere Stimmen. »Die kann er mit sich herumtragen.«
»Tja, das ginge. Wenn er einen Ast oder einen Wurzelstock mit einem ordentlichen Knauf am Ende findet. Ja, das wäre gut. Ich will versuchen, mich daran zu erinnern. Lasst uns jetzt sehen.«
Der erste Springhase
Er wollte in die Richtung gehen, in der die Sonne untergehen würde. Er konnte sich nicht überwinden, den anderen Weg zu nehmen. Es ergab sich so, ohne dass er darüber nachgedacht hätte. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, den anderen Weg einzuschlagen, denn das wäre lebensgefährlich. Er würde den Geierkriegern direkt in die Arme laufen.
Während des Gehens bemerkte er mehrere Male kleine Horden blauer Gnus, die weit hinten rechts am Horizont vorbeizogen. Jedes Mal überlegte er, ob er versuchen sollte, einen Speer zu machen. Vielleicht würde er ein schwaches Tier finden, das er von der Herde trennen könnte. Aber er musste auch jedes Mal daran denken, dass sich im Gras Löwen versteckt halten konnten. Oder Hyänen. Wilde Hunde, die ihm die Beute entreißen würden. Wenn er an sich hinunterblickte, konnte er deutlich sehen, dass er nicht Manns genug war, seine erlegte Jagdbeute zu verteidigen, deshalb gab er den Gedanken auf. Er war auch nicht stark genug, einen Speer zu machen, der die Haut des Tieres durchbohren könnte. Selbst wenn er fast neben dem Tier stünde.
Auf die Ferne ähnelten die Gnus auch weit ausgebreiteten Fellstücken. Da waren die Springböcke schon interessanter. Mit ihrem hellbraunen Fell und dem weißen Bauch und den weißen Schweifen hielt er sie für geeigneter. Ansonsten dachte er an sie nicht als Essen.
Ab und zu kam er so nahe an sie heran, dass ein wunderliches Dröhnen erklang, wenn alle auf einmal zum Lauf ansetzten, plötzlich aufgeschreckt durch einen Laut. Und die Springböcke sprangen wie auf Absprache hoch in die Luft. Vielleicht taten sie das, um größer auszusehen oder um die Löwen und Leoparden zu verwirren, die sie zu fangen versuchten. Er stellte sich die Springböcke bei einem großen Treffen vor, auf dem sie diskutierten, wie und in welcher Reihenfolge sie das nächste Mal springen wollten, wenn eine Horde Löwen hinter ihnen her war. Vielleicht gab es große Debatten darüber. Vielleicht hatten sie einfach Schwierigkeiten, sich zu einigen, bevor sie nicht lange genug darüber gesprochen hatten und endlich alles geklärt war und jeder wusste, wann er oder sie hochspringen sollte.
Im Großen und Ganzen sprachen die Tiere mehr miteinander, je länger er alleine war.
Am meisten beschäftigte ihn der Gedanke, anderen Menschen zu begegnen. Er hielt es für das Beste, wenn mehrere Tage verstrichen, bevor er auf jemanden traf.
Trotzdem verging kaum ein Tag, an dem er sich nicht vorstellte, wie es wäre, plötzlich weit genug von zu Hause entfernt zu sein und jemanden zu treffen, vor dem er keine Angst haben musste. Er wusste genau, dass man ab und zu einen Schwarzen treffen konnte. Ja, er war sich nicht einmal sicher, ob es nicht Schwarze gewesen waren, die sich als Geierkrieger verkleidet hatten. Er konnte nichts mit Sicherheit wissen. Besser, er traf keine Schwarzen.
Wenn er jetzt jemanden träfe, würde er hoffen, dass es Leute aus dem roten Volk wären, die viele Tagesreisen von ihrer Siedlung entfernt in den äußersten Randgebieten ihres Landes auf der Jagd wären. Die überrascht wären, ihn zu sehen.
Sie würden sagen: »Guten Tag, mein Junge. Wir sehen dich genau. Und wir glauben, dass wir dich noch nie gesehen haben.«
Er würde antworten. Beim Anblick der Männer würde er sich ein bisschen unwohl fühlen. Aber sie sollten nicht glauben, dass ihm das etwas ausmachte. Also würde er antworten, dachte er: »Willkommen, ihr fremden Männer. Ich freue mich, Euch zu sehen. Ich bin viele Tage gereist, um Euch zu treffen. Bei meinem Volk heiße ich Duube.«
Einer von ihnen würde etwas sagen, während er vor Verlegenheit mit dem großen Zeh im Sand bohren würde. Der Mann würde ein wenig vortreten und sagen: »Ich heiße Duube, du musst mein Neffe sein. Vor langer Zeit wurde ein Neugeborener Duube genannt. Komm näher, mein Junge. Ich bin dein Onkel.«
Nein, dachte er. Auch wenn er die Unterhaltung selbst erfunden hatte. Er musste so weit von der Siedlung wegkommen, dass nicht die geringste Chance bestand, dass man ihn wieder erkannte.
Das könnte schwer werden. Sein Vater hatte gesagt, dass weit oben im Westen ein Onkel lebte, der seinen Namen trug. Der Onkel wusste das. Es waren nicht weniger als zehn Tagesreisen bis zu ihm, vielleicht sogar mehr. Er hatte überhaupt noch nicht überlegt, ob er die Sprache verstehen würde. Wie lange musste er gehen, um niemanden zu treffen, der ihn kannte? Je weiter er nach Westen ging, desto weniger Leute würden ihn oder seine Mutter oder seinen Vater kennen, hatte er die ganze Zeit gedacht. Oder auch nur einen aus seiner Familie.
Einmal sah er eine Giraffe. Sie bewegte sich, als schwebte sie langsam durch die Luft. Sie war ganz allein.
Sie fraß von Baumästen, wand ihre lange blaugraue Zunge um die dünnen Zweige mit den vielen Blättern. Als hätte sie ein Abkommen mit einer Schlange.
Einst hatte die Giraffe gesagt: »Du kannst in meinem Mund wohnen, wenn du jedes Mal, wenn ich hungrig bin, grüne Zweige für mich von den Ästen brichst.«
Die Schlange, die nicht richtig darüber nachgedacht hatte, wie lang die Giraffe mit Hals und allem war, antwortete, sie wollte das gerne, wenn sie nur nachts frei bekäme, um sich auf die Jagd zu schleichen, und erst bei Morgengrauen wieder auf ihrem Platz sein müsste.
Deshalb frisst die Giraffe nachts nicht. Und wenn sie trinkt, passt sie auf, dass die Schlange nicht ertrinkt, obwohl das fast passiert.
Doch diese Giraffe bewegte sich gleitend wie eine Wolke. Der Junge fragte sich, ob er über die Ebene wegschweben könnte, als würde er die Erde nicht berühren. Die Giraffe war groß. Die Flecken waren sehr dunkel und ließen den hellen Teil der Haut weißgold aussehen, ja, fast weiß. Da er wie versteinert dasaß, sah die Giraffe ihn erst, als er nur noch wenige Meter von ihr entfernt war. Er saß ganz still und versuchte einem rotgoldenen Stein zu gleichen, auf den Licht durch die Äste fiel. Er hielt die Hände vor die Augen und sah durch die Finger hindurch.
Die Giraffe entdeckte ihn, als seine Haut plötzlich zu zittern begann. Die Giraffe dachte, Steine haben doch keine Haut, die zittert. Noch nie in seinem Leben war er einem Tier so nahe gewesen, dass er es riechen konnte. Den zarten, säuerlichen Duft wie von etwas Kräuterigem, und hoch da oben befanden sich die Augen.
Sie starrten ihn an. Einen kurzen Augenblick trafen sich die Blicke des Jungen und der Giraffe, als er die Hände von den Augen nehmen und sich auf der Erde abstützen musste, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. In den Augen lag eine Sanftheit, gepaart mit einer Art unbekümmerter Furchtlosigkeit, als dächte das Tier: Bist du auch allein? Ich bin groß, du bist klein. Wir sind nicht eins, aber trotzdem sind wir eins. Du verstehst meine Sprache nicht, ich deine nicht. Ich habe dich wieder erkannt.
Wie ein Blitz fuhr ihm dieser Gedanke durch den Kopf.
Kurz darauf stampfte sie wie eine weiße schaukelnde Wolke mit Flecken durch das Laub und weiter über die Ebene. Der Junge wünschte sich nichts sehnlicher, als die Wort zu kennen, die die Giraffe bewegen könnten, ihn mitzunehmen. Er hatte das Gefühl, niemals so alleine gewesen zu sein wie nach dem Treffen mit der Giraffe.
Mehrere Tage vergingen. Er musste sich von Kürbissen und Tsamamelonen ernähren, die er auf der Erde fand. Glücklicherweise war es jetzt leichter, nachdem er herausgefunden hatte, wie er Feuer machen konnte. Einmal hatte er sogar das Glück, ein Tierfell zu finden, in das er die Funken hineintropfen lassen konnte. Nun, Fellbüschel wohl eher, die er aber zusammen mit den Feuerstöcken auf seiner Wanderung mit sich tragen konnte.
Er hatte nicht gedacht, wie lange zehn Tagesreisen dauern konnten. Er war sich darüber im Klaren zu vergessen, deshalb setzte er sich jeden Morgen hin und zählte an seinen Fingern ab, wie weit er gekommen war.
Er wollte nicht plötzlich nach einer langen Tageswanderung durch das sich ausbreitende Land, dessen sanfte Hügel mit verschiedenen Büschen und Bäumen bedeckt waren, zwischen denen Gras wie weißes Haar wuchs, auf Leute treffen, die ihn wieder erkannten.
Die Apfelblattbäume wurden seltener und andere Dornakazien, höhere Bäume mit flacheren Blätterdächern, häufiger. Wieder wechselte das Gras die Farbe, wurde grüner und karger, wuchs fast in Büscheln, sodass der Sand wie ein Haarboden deutlicher hindurchschien. Auch der Sand veränderte seine Farbe von grau zu goldbraun zu rot und wieder zurück, während er durch das Land wanderte.
Sorgfältig erinnerte er sich an die Tage, erinnerte sich mit Hilfe der Finger, drei Tagesreisen, sieben Tagesreisen und neun Tagesreisen. Nach ein oder zwei Tagen würde er nach Menschen Ausschau halten oder besser sich finden lassen, in eine Siedlung kommen. Wenn er eine finden konnte.
Einmal, beim sechsten oder siebten Finger, war er einigen Männern, die auf der Jagd waren, sehr nahe gekommen. Nahe. Sie waren an ihm vorbeigezogen. Direkt vorbei, sodass er sie hin und wieder leise sprechen hören konnte. Sie waren ihrer Beute nicht ganz nah. Ja, ihm war fast unbehaglich bei ihrem Anblick zu Mute, und er hatte sich überhaupt nicht vorstellen können, was er machen sollte, falls sie ihn ansprechen würden. Plötzlich wurde er scheu und presste sich in den Sand, als sie vorbeigingen. Erst später wunderte er sich, dass sie seine Fußspuren nicht gesehen hatten.
Damals, nicht lange nach diesem Erlebnis, geschah es, dass er auf den Akazienbaum stieß. Er bewegte seine Wurzeln hin und her, sodass er nicht zu übersehen war. Sofort sah er, dass genau diese Wurzel da eine gute Keule werden konnte. Genau richtig, um einem fetten Springhasen den Kopf einzuschlagen. Er fand ein paar Äste, mit denen er die Wurzel abbrechen konnte, indem er sie wie einen Hebel ansetzte. Schnapp, sagte es, und die Wurzel brach. An dem Geräusch konnte er hören, dass es sich um gutes, hartes Holz handelte. Eigentlich hätte es ein Rosinenbeerenbusch sein sollen, aber die Wurzel eignete sich gut. Der Bruch war auf der richtigen Seite, er hatte auch die Wurzelknolle. Er wog den Stock in der Hand, bevor er damit schlug. Er war brauchbar. Er fand einige Steine, mit denen er ihn zurechthobeln konnte. Mit einem anderen Stein gelang es ihm, den dicken Knauf am Ende des Stocks zu glätten. Jetzt war er bereit, zuzuschlagen. Er hatte eine Keule und ein Feuerzeug. Er konnte ein Tier fangen. Und er konnte es über dem Feuer braten.
Ein Stück weiter in der Richtung, ja da drüben, liegt ein hügeliges Gebiet. Die Hügel sind höher als hier in der Gegend. Auf der Spitze des höchsten Hügels ist es sehr sandig. Aber es gibt auch viele Büsche. Ihre Wurzeln kriechen weit, um Fuß zu fassen. Und zwischen den Büschen haben die Springböcke ihre Siedlung. Nähert man sich von der richtigen Seite, sieht man leicht ihre Eingangslöcher.
Es war spät am Nachmittag, als er dort ankam. Die Schatten wurden langsam lang. Wie ein Schakal lauerte die Nacht da draußen. Bereit zuzuschlagen, wenn der Tag den Ort verließ. Er war völlig erschöpft vom Erklimmen der Hügel, die immer bergauf zu gehen schienen.
Da entdeckte er die Löcher. Was er dachte, weiß ich nicht, denn er war ja ziemlich müde. Trotzdem wurde er wie eine Schlange. Er legte sich auf den Boden und kroch. Geschmeidig und weich im Rücken kroch er aufwärts und näherte sich einem Loch, als die Sonne rot wurde. Er lag still da und versuchte die Luft anzuhalten, als er das flinke Tier erblickte.
Hätte er nur einen Haken gehabt, um es hervorzuziehen
Das Tier kam weiter vorgekrochen. Er hielt den Atem an. Das Tier konnte ihn nicht riechen, da sich kein Lüftchen regte. Langsam hob er die Keule. Jetzt kam das Tier so weit hervor, dass er den Kopf deutlich sehen konnte. Die feuchten Augen. Die Ohren, die nach hinten herunterhingen wie verwelkte Blätter. Die zuckende Nase. Die Vorderpfoten. Es ließ sich Zeit. Es wusste nicht, dass er da war.
»Jetzt musst du zuschlagen«, rief einer.
»Ja, jetzt!«, riefen mehrere.
Da schlug er zu. Die Keule traf das Tier direkt am Kopf. Es sank still vor dem Eingangsloch zusammen. Er hatte sein erstes Tier gefangen.
»Oh, das war gut«, sagte ein Junge. »Ich hätte nicht geglaubt, dass du zuschlägst.«
Mathilda kommt nach Hause
Kanta erzählt
Wir schliefen alle, als Mathilda spät in der Nacht nach Hause kam.
Ich glaube, alle hatten sich schlafen gelegt, und einige von uns lagen rund um das Feuer, um sich daran zu wärmen. Es war ja Winter, und wir hatten uns in unsere Decken gehüllt und warteten auf die Morgensonne, damit sie die Kälte aus den Knochen trieb. Du weißt ja, wie kalt es im Winter werden kann, Willie. Ich habe gesehen, wie du an so einem Morgen ganz nah an die Glut herangetreten bist, um warm zu werden.
Ich habe keine Ahnung, wann das Klinikauto gekommen ist, das sie mitgenommen hat, wie sie sagt. Jedenfalls habe ich den Motor nicht gehört. Ich kann mich nur erinnern, dass ich sie irgendwann am Feuer sitzen sah. Sie saß in ihren schwarzen Kleidern da und starrte in die Glut. Sie saß in der Hocke, die Arme um die Beine geschlungen und den schwarzen Hut tief in die Stirn gezogen. Ganz still, als wäre sie ein großer schwarzer Vogel, der lautlos aus der Nacht gekommen war und sich neben dem Feuer niedergelassen hatte. Ein großer schwarzer Vogel mit Hut. Ich hatte ausreichend Zeit, sie zu betrachten. Sie sah genauso aus wie Dai, als ich sie zum ersten Mal richtig wahrgenommen hatte. Deshalb blieb ich lange liegen und schaute sie an, wie sie dort saß. Sie hatte nicht einmal ihre Mutter geweckt, und so dachte ich, dass etwas Bedeutsames passiert sein musste.
»Mathilda, was machst du hier mitten im Winter? Du weißt doch, wie kalt es hier ist. Du hättest lieber in der Wärme in Gaborone bleiben sollen. Hast du Ferien?«
Ich lag da, das Kinn in die Hände gestützt und die Decke weit hochgezogen. Es dauerte lange, bis sie antwortete. Ich hatte nicht laut gesprochen. Vielleicht hatte sie meine Fragen nicht gehört. Ich konnte sehen, dass sie mehr Holz auf das Feuer gelegt hatte. Vielleicht war ich davon aufgewacht. Davon, dass es heller wurde. Vielleicht war das ihre Art, darauf aufmerksam zu machen, dass sie gekommen war, aber so sah sie nicht aus. Deshalb wollte ich sie so fragen, dass sie mir die Antwort geben konnte, die ihr am besten passte.
»Bist du für die Ferien nach Hause gekommen?«, wiederholte ich, nachdem sie lange Zeit nicht geantwortet hatte.
»Ja«, sagte sie schließlich. »Ich denke, ich werde eine Weile hier bleiben, wenn ich die Ruhe dazu finde.«
»Daran wird dich bestimmt niemand hindern«, antwortete ich.
Sie nahm einen dünnen Stock und stocherte damit im Feuer herum. Aber sie unternahm keinen Versuch, ihre Mutter zu wecken. So verging viel Zeit. Ich hätte wohl anders fragen sollen.
Jedes Mal, wenn ich die Augen öffnete, saß sie in ihren schwarzen Sachen da und starrte in die züngelnden Flammen. Und jedes Mal war das Feuer mehr und mehr zu Glut und die Glut zu Asche geworden. Die Nacht nahm allmählich die gleiche Farbe an, als sie still auf die Seite sank, weil sie endlich Schlaf gefunden hatte. Genauso still ging das Grau der Nacht ohne zu erröten in das Blau des Tages über. Wir schliefen alle, und noch immer umgab uns Kälte.
Kanta denkt an Wasser. Mathilda gibt ihm Tee
Kanta lehnt sich zurück gegen die raue Rinde des Baums und seufzt müde, nachdem er seine verwirrten Zuhörer für eine Stunde oder mehr weggeschickt hat. Sie sollen vor Sonnenuntergang zurückkommen.
Er hat seine Geschichten zu erzählen.
Die Aussicht, eine Stunde Ruhe zu haben, in der er im Schatten des Laubs liegen will, lässt ihn vor sich hin lächeln. Durch die Blätter wird die Sonne nur vorsichtig scheinen. Manche Stellen wird sie mit ihren warmen Strahlen trotzdem erreichen, aber daraus werden sich nur Schatten und Sonnenmuster im Sand ergeben, die sich unaufhörlich und unmerklich verändern, während der Tag und die Sonne sich drehen.
Im Halbschlaf stellt er sich vor, wie sich das brennend heiße Licht in kühles Wasser verwandelt und alles überflutet. Und durch die Blätter und Zweige streicht unablässig der Wind und atmet, als sei er das Meer.
Kanta lacht vor sich hin. Mathilda ist auch fort. Das Mikrofon liegt am Fuß des Baums und saugt Laute in sich auf. Die Heimchen singen so laut, dass der Laut zu zerspringen beginnt. Kanta räuspert sich und spricht mit schlaftrunkener und gebrochener Stimme.
»Später erzähle ich weiter.«
Aber das ist wohl mehr als Beruhigung für ihn selbst gemeint. Denn kurz darauf wird sein Atem schwer und in sich gekehrt wie bei jemandem, der fest eingeschlafen ist.
Später wird er ihnen vom Meer erzählen.
Denn das Meer hatte er sowohl bei Sturm als auch bei ruhigem Wetter gesehen. Wenn die Sonne schien und der Wasserspiegel in seinem Rahmen so gespannt dalag wie eine Haut. Wenn es zu lebhaft wurde und keinen Platz mehr auf der Welt hatte: Wasser, Wind und Staub jagten sich im Kreis und brüllten wie rasende Elefanten. Er kam mit sich überein, dass das Wasser die gleiche graue, schwere Farbe hatte.
Er schläft so tief, dass er nicht merkt, wie jemand zu ihm kommt und ihn sanft mit einer Decke zudeckt.
Als er wieder aufwacht, ist es Morgen, und Mathilda ist da und hat das Gerät ausgeschaltet. Sie hat eine Teekanne mitgebracht und füllt die Becher mit Milch und viel Zucker. Er streckt sich behaglich und streckt den Arm nach dem Becher aus, den sie ihm anbietet. Sie sieht ihn nicht an, aber auf ihrem Gesicht liegt ein zarter Schein, als könnte man mit ihr reden.
Hinter sich im Sand hört Kanta die ersten Kinder zurückkommen. Er ist bereit zu erzählen.
»Warum müsst ihr unbedingt in die Schule?«, fragt er an dem Morgen, als zwei Jungen aufstehen, um in die Schule zu gehen. Sie haben ihren Maisbrei gegessen und ihren Tee getrunken. Eine beginnende Erregung lässt sein Blut schwären.
»Das müssen wir eben«, antworten sie, doch die Frage verwirrt sie.
»Was glaubt ihr in der Schule zu lernen, das ihr nicht auch hier lernen könnt? Alle wissen doch, dass das Lernen in der Schule nichts bringt. Es hat unserem Volk nichts Gutes gebracht, Lesen und Rechnen zu lernen. Wenn ihr es könnt, wird es euch genauso gehen wie allen anderen auch. Zum Beispiel mit der Jagdlizenz. Jetzt können sie zu dir sagen: Du kannst lesen. Also hättest du wissen müssen, wann sie abläuft. Jetzt seid ihr Werkzeuge und Opfer der Machthaber. Jetzt können sie euch Mitteilungen schicken, die eure Augen nicht ignorieren können.«
Die Jungen starren ihn verständnislos an. Es lässt sich nicht übersehen, dass Kanta sehr erregt ist. Der Schrecken, dass die weit entfernte Regierung ihn erreichen könnte, lässt seine Haare zu Berge stehen, als liefe ein Skorpion über seinen nackten Bauch.
Solange sie ihre Briefe nicht lesen konnten, musste die Regierung kommen und sagen, was sie wollte. Es ließ sich gut einrichten, auf der Suche nach Melonen zu sein, wenn sie kamen.
Aber jetzt konnte man sie nicht länger zum Narren halten. Nun gab es Funk und Autos. Und es gab Leute, die lesen und schreiben konnten. Mit Hilfe des Funks konnte man mitteilen, dass die Regierung auf dem Weg war. Vielleicht gelang es einem, zu entwischen. Aber einige glaubten noch immer, dass die Regierung auf sie hören würde.
Oft erzählt Kanta seine Geschichten von morgens an, um die Kinder daran zu hindern, in die Schule zu gehen. Er befürchtet, dass die Regierung die Kinder auf Abwege führt, indem sie ihnen lesen und schreiben lehrt, und die Regierung hofft, dass er Recht hat. Das Erste, das Kanta als Kind mit Schrecken erfüllt hatte, als er in die Siedlung kam, war die Tatsache, dass er in die Schule gehen sollte.
Ihm selbst war das bestimmt nicht eingefallen. Nein, es war Qoses Idee, und nie hätte er gedacht, dass dieses freundliche Wesen so bestimmt und fordernd sein könnte. Sie hatte einfach darauf bestanden, als er meinte, das sei nichts für ihn. Alle Kinder, so sagte sie weiter, mussten in die Schule gehen, um Lesen und Rechnen zu lernen.
»Wir können nicht mehr so leben, wie wir bisher gelebt haben. Du kannst nicht einfach nur auf die Jagd gehen und so tun, als sei alles in Ordnung. Wenn du hier leben willst, musst du lesen lernen, damit du verstehst, was auf den Papieren der Regierung steht.«
Sie war so weit gegangen zu sagen, dass sie es schließlich gewesen waren, Qose, Duitwé und viele andere Frauen, die verlangt hatten, dass die Regierung eine Schule baute und dass gleichzeitig neue Bohrlöcher mit Wasser errichtet wurden. Er würde nicht mehr gerne bei ihr wohnen, wenn er nicht Lesen und Schreiben lernte. Denn sie würde sich fortwährend wiederholen, dass er in die Schule gehen sollte. Wollte er das nicht mehr hören, musste er ausziehen. Oder mit der Schule anfangen. Das war einfach so. Noch nie hatte er etwas Ähnliches gehört. Ja, er war also ein paar Mal da gewesen, in der Schule.
Als er seine Angst vor den schwarzen Lehrern überwunden hatte, kam die Angst, dass sie ihn schlagen würden, damit er lernte. Denn er sah sie mit Rohrstock und Lineal schlagen. Auch das hatte er nie zuvor erlebt. Dass einem so etwas einfallen konnte. Vielleicht war er nicht schnell genug. So geschlagen zu werden, das verstand er nicht. Und er wollte nicht mehr in die Schule gehen. Trotzdem hatten die anderen, mit denen er spielte, nach und nach lesen gelernt.
Das wollte er auch.
Deshalb nahm er seinen ganzen Mut zusammen und ging in die Schule. Die ersten Tage lief es gut. Doch als sie ihm das erste Mal mit einem Lineal auf die Finger schlugen, kam er nicht mehr. Er ging auf der Stelle nach Hause. Er würde nie mehr in die Schule gehen. Aber das ist viele Jahre her. Obwohl er die Antwort bereits kennt, fragt er trotzdem: »Schlagen sie noch immer?«
»Du weißt doch, dass sie das tun.«
Es ist auch erst ein paar Monate her, dass die Eltern einen Lehrer vorgeladen haben, weil er die Kinder nicht nur mit der Hand, sondern mit der Messingspange seines Gürtels geschlagen hat. Er hatte Besserung gelobt. In ein paar Monaten würden sie denselben Lehrer oder einen neuen vorladen müssen, um ihn noch einmal daran zu erinnern, dass Schläge im roten Volk als Unsitte galten.
»Ja, aber warum geht ihr dann in die Schule?«
Einige antworten sofort: »Unsere Mütter wollen das.«
Andere zögern, sagen aber später: »Wir gehen in die Schule, um lesen zu lernen.«
Und dann sind da die beiden Jungen, die bereits gegangen sind, um nicht zu spät zu kommen.
Plötzlich sagt Qose zu einer Gruppe Kinder, die sich noch immer nicht bequemt haben, loszukommen: »Ihr könnt euch noch diese Geschichte anhören, die Kanta lange Zeit daran zweifeln ließ, ob er das Richtige getan hat. Hört nur zu.«
Von der Notwendigkeit, in die Schule zu gehen
Eines Tages kam ein schwarzer Lehrer. Ja, dieser schwarze Lehrer, Johannes hieß er. Er ist übrigens noch immer hier. Als er das erste Mal hier herauskam, meinte er, hier wäre es sehr einsam. Und der Ort lag so weit von allem entfernt. Dass es der Ort war, an dem die Welt beginnt, konnte er nicht begreifen. Er sah nur irdische Geier, die an nichts anderes dachten als an den nächsten Gang Fleisch. Staub. Gras. Vertrocknete Äste. Skorpione und staubige Schlangen. Bis hier heraus kam er, wo die, mit denen er Umgang haben sollte, kaum als Menschen bezeichnet wurden. Und ihren Kindern sollte er Lesen und Schreiben lehren. Kindern?
Stinkende Staubhaufen waren das. Vor den Worten lehrte er sie, sich zu waschen, bevor sie in die Schule kamen. Solch eine Wasserverschwendung, wie er sie ihnen zeigte, hatten sie noch nie gesehen. Dann setzte er sich hinter den Tisch, den vierbeinigen, und lehrte sie, wie die Worte geschrieben wurden.
Beim Anblick all dieser blanken, neugierigen Augen spürte er plötzlich eine unbändige Lust, sie die Wunder des Schreibens erkennen zu lassen. Die Wunder der Wörter, wenn sie sich in Schrift verwandelten.
Vor ihren Augen verwandelte er die kratzende Kreide auf der Tafel in einen Zauberstab. Doch erst lehrte er sie mit unendlicher Geduld seine eigene Sprache.
Aus ihr kamen die Wörter als Geschichten von wundervollen Dingen und Menschen aus aller Welt. Aber am erstaunlichsten war das, was er ihnen erzählte. Über die Haltbarkeit der Worte. Sie konnten weder verfaulen noch vom Regen aufgelöst werden. Nicht zu Staub werden. Waren sie erst als Schrift da, blieben sie auf ewig bestehen.
Die Schrift war das Ewigkeitsgeschenk der Gedanken, sagte er. Er hielt den Finger in die Luft, als er das sagte.
Vorher konnte man sich nur so gut erinnern, wie man eben konnte. Er wusste sehr wohl, dass man sich auf verschiedene Weisen erinnerte. In der Schrift jedoch lagen Mitteilungen. Grüße. Gedanken, die vor tausend Jahren gedacht worden waren und tausend Jahre in die Zukunft reichten.
Deshalb beschlossen zwei aus der südlichen Siedlung, das Mädchen Gaba und der Junge Xaisi, ihrem Großvater in tausend Jahren einen Gruß zu schicken. Niemand hatte etwas gegen einen Großvater in tausend Jahren einzuwenden. Sie erzählten es auch niemandem. Jedenfalls keinem Erwachsenen. Bei ihnen konnte man nie ganz sicher sein. Erwachsene konnten Einwände haben. Das wussten sie.
Stundenlang konnten sie ihre Nachmittage damit verbringen, darüber nachzudenken, was sie schreiben wollten. Ab und zu, wenn sie sahen, wie der schwarze Lehrer seine Wunderworte von der Tafel wischte, hegten sie Zweifel, ob die Worte wirklich tausend Jahre Bestand haben würden. Sie in den Sand zu schreiben, brachte auch nicht viel.
Im Herbst fanden sie einen alten Kotflügel von einem Lastwagen, den die Mutter des Jungen jahrelang genutzt hatte, um Wasser hineinzufüllen oder um ihn und seine Geschwister darin zu baden, als sie noch klein waren.
Er war so alt und haltbar, dass sie sich vorstellen konnten, dass er die Wörter über tausend Jahre festhalten konnte. Was also sollten sie schreiben? Es war ja nicht so einfach. Sie brauchten lange, lange Zeit, um ein Wort auf das rostige Eisen zu schreiben. Denn die Worte sollten nicht nur in den alten Lack geritzt werden, sondern in das Eisen, dass es schrie.
Jeder Buchstabe sollte da stehen. Es war so schwer und brauchte so lange Zeit. Sie mussten noch einmal nachdenken, denn die Wörter mussten ausgesucht werden, mussten leicht sein und trotzdem all das beinhalten, was sie sagen wollten.
Der schwarze Lehrer hatte so traurige Augen. Trotzdem begeisterte er sich für die Wörter. Sie wussten genau, dass die melancholischen Augen und die hängenden Schultern daher rührten, dass seine Frau ihn von Karakubis aus hier herausgefahren und ihn im Sand vor dem Lehrerhaus mit einem großen Gerät von einem Koffer mit Gurt und Schnalle und einem zweitürigen Kleiderschrank zurückgelassen hatte.
Zuerst hatten sie geglaubt, dass er darin wohnen wollte, so groß war der Schrank. Aber am Tag darauf kam das Klinikauto holpernd angefahren mit einem Bett aus altem Eisen und einer Matratze, die der Wind wie ein Pferd wiehern ließ, indem er durch die kupferroten Spiralfedern sauste.
»Stellt euch vor«, sagte er eines Tages in der Schule zu den Sprachlosen. Denn die Kinder verstanden nicht, was das war, das sie sich vorstellen sollten.
»Stellt euch jedes einzelne Wort als Schiff vor, das mit kostbaren Schätzen oder den gefährlichsten Giften beladen ist. Jedes Wort ist ein Schiff, das alles enthalten kann.«
An ihren Augen konnte er sehen, dass sie nicht einmal ahnten, was ein Schiff war. Das Meer, die Schiffe, die Stürme, die Wellen, die Gischt und der salzige Geschmack. Das war sein Traum. Wie sollte er ihnen davon erzählen? Wie sollte er Fragen stellen? Und sie wiederum sahen seine Augen matt werden und abgleiten, da er ihre Welt nicht begriff. Langsam verstand er, was für eine unmenschliche, grenzenlose, unmögliche Aufgabe es war, die er auf sich genommen hatte.
Niemand konnte wissen, gegen welchen Grad an Hoffnungslosigkeit er ankämpfte, als er sagte: »Ein Schiff ist ein Kübel, der auf dem Wasser schwimmt. Ein Meer ist eine Wasserwüste, die sich schnell bewegt. Auf diesem Meer segeln Schiffe mit Menschen und Waren zwischen den Städten hin und her. Und sie werden entladen und wieder beladen und segeln weiter. Genauso ist es mit den Worten. Jeder kann unterschiedliche Dinge in dasselbe Schiff füllen.«
Aber sie verstanden ihn nicht. Oder sie wollten ihn nicht verstehen.
Trotzdem waren da die zwei aus der südlichen Siedlung, die sich monatelang mit dem alten rostigen Kotflügel zu schaffen machten. Sie verwandten einen alten Nagel zum Schreiben. Und er quietschte mehr als die Kreide an der Tafel. Ihre Finger taten weh, obwohl sie sich abwechselten. Aber sie waren zäher als der widerspenstige Nagel. Es brauchte viele quietschende Kratzer, bis diese zu einem Buchstaben wurden.
Es gelang ihnen, eine Botschaft an ihren Großvater zu schreiben, der in tausend Jahren leben würde.
Lieber Großvater.
Wir sind deine Enkelkinder. Leider wurden wir zuerst geboren.
Wir hoffen, du hast nichts dagegen.
Die Welt, in der du lebst, wird nicht mehr die gleiche sein wie heute.
Vielleicht gibt es dort, wo du lebst, keine Tiere und auch keine Tsamamelonen.
Vielleicht gibt es keine Bäume und keine Vögel, die sich auf sie setzen können.
Aber wir kennen sie und lieben sie.
Der Elenstier und die Giraffe sind die besten Tiere, die wir kennen.
Solange sie über die Erde wandern, so wie sie wollen, ist die Welt es wert, in ihr zu leben.
Du darfst nicht vergessen, unseren Geschwistern das zu sagen.
Dies ist unser Brief an dich.
Gaba Xaisi
An dem Tag, an dem sie den letzten Satz schrieben, lachten sie und dachten lange an ihren Großvater, vielleicht würde er ihren Brief nicht lesen können. Und sie fragten den Lehrer danach. An ihren Gesichtern konnte er sehen, dass sie es ernst meinten, deshalb sagte er, nachdem er lange Zeit aus dem Fenster gesehen hatte, dass er darüber nachdenken und vielleicht in Büchern nachschlagen musste, um dort etwas zu erfahren, was er im Moment nicht wusste. Aber morgen wollte er ihnen antworten, das versprach er. Und sie glaubten ihm.
Der Lehrer Johannes lachte vor sich hin. Wer hätte gedacht, dass einige der Wüstenkinder wissen wollten, ob man die Schrift noch in tausend Jahren lesen konnte, was für Staubhaufen, als würde die Schriftsprache nichts taugen, wenn sie keine tausend Jahre Bestand hatte.
Sie erzählten ihm ja nicht, dass sie eine Nachricht für ihren Großvater hatten, die wirklich haltbar sein sollte.
Hier sitze ich weit von allem entfernt, dachte er, und soll diese Kinder, die nie einen Bleistift oder einen Kugelschreiber in der Hand gehabt haben, eine Schriftsprache lehren. Sie, die Tausende von Jahren gut damit zurechtgekommen sind, sich am Feuer Geschichten zu erzählen und Lieder zu singen. Herrgott, wohin soll das führen?
Aber der Lehrer Johannes war ein ergebener Mann. Seinem Lehrberuf war er treu bis zum Äußersten. Er würde schon eine Antwort finden, die nicht ganz gelogen war. Jetzt galt es den Glauben zweier Kinder daran zu erhalten, dass die Schriftsprache Bestand hatte. Auf jeden Fall tausend Jahre.
Hier hält Qose mit ihrer Erzählung inne.
Die Kinder gehen. Die Letzten müssen laufen, um rechtzeitig da zu sein, wenn es schellt.
Nur Erwachsene sind noch da, Abel, Duitwé und einige andere. Willie muss da gewesen sein, aber er sagt nichts. Qose muss ein paar Dinge erledigen, die Ziege melken, Wasser holen, und verlässt deshalb den Schatten unter dem Baum.
Als wäre es die Fortsetzung von dem, was sie gerade erzählt hat, sagt Kanta: »Ich habe das Meer gesehen. Er hat mich einmal mitgenommen. Wir sind im Auto zur Küste gefahren, viele Tage lang. Zuerst haben wir bei Kalkfontein übernachtet und dann irgendwo bei Windhoek.
Und eines Tages kamen wir zum Meer.
Ich hatte mir überhaupt nicht vorgestellt, dass das Meer diese glänzend blaue Farbe haben könnte.
Eine Unendlichkeit konnte ich darauf gucken, und gleichzeitig musste ich das Gesicht von dem Meer abwenden.
Ich ertrug es nicht, dass es mir unablässig in die Augen sah.«
Der Sand
Es ist eine der Nächte, in denen die Kälte aus dem Dunkel heraushängt.
Eine Zeit lang sitzen nur Khuuo und Abel am Feuer. Khuuo legt sich hin, die Füße fast in den Flammen, und zieht sich die Decke bis zu den Ohren. Und bevor er einschläft, sagt er zu Abel: »Du weißt, der Sand ist immer da.
Egal, was du tust, du hast immer das schmierige Gefühl, nie sauber zu sein. Es macht dir nur etwas aus, wenn es dir bewusst wird.
Der Sand ist immer da. Du kannst ein ganzes Leben leben, ohne dass es dir auffällt. Er ist einfach da.
Eines Tages bemerkst du den Sand. Zufällig. An einem trockenen, kalten Tag.
Er ist überall.
In deinen Kleidern, auf deiner Haut, auf deinen Händen, in deinem Haar, zwischen deinen Zähnen.
Die ganze Zeit ist irgendwo Sand. Und der Geruch, der saure, knirschende Geruch.
Unaufhörlich lässt er dich nach Luft verlangen, die nicht diesen Geruch hat. Aber er ist überall in dir.
Er hängt in deinen Nasenlöchern, als würde die Nasenhöhle selbst danach riechen.
Der Sand ist nur eine der Wahrheiten, mit denen man leben muss. Egal wie viel tausend Jahre er erst als Berg da gewesen ist.«
Abel antwortet: »Selbst als Farmarbeiter habe ich dieses Gefühl nicht kennen gelernt. Wie sollte ich ohne den Sand sein? Er ist immer hier gewesen, genau wie ich. Ich habe den Sand immer gekannt, auf ihm leben wir, auf dem großen Sandgesicht.
Du kommst von einem anderen Ort. Ich kenne ihn nicht. Du hast an einem Ort gelebt, an dem man den Sand nicht so kennt, wie wir ihn kennen. Nein, so ist mir der Sand nie aufgefallen.«
Khuuo auf dem Weg in den Schlaf: »Genau das sage ich. Du hast den Sand nicht gespürt. Du hast nur in ihm gelebt. Vielleicht spürst du ihn einmal.«
Abel mag nicht antworten. Er zuckt die Schultern und legt sich hin.
Nur der Wind wühlt den Sand auf.
Die Wanderung
Duitwé beginnt zu erzählen
Eines Nachmittags murmelt sie wieder und wieder Sätze vom Meer vor sich hin, als wäre sie umhergegangen und hätte über Kantas Worte nachgedacht. Als sie einige Zeit später dasitzt und Fellstücke zu einer kleinen Tasche zusammennäht, murmelt sie noch immer, während sie die Nadel durch das Leder sticht und den Sehnenfaden zu sich hinzieht. Das lässt einen der Männer neckend sagen: »Wie ich sehe, sitzt du da und sprichst mit dir selbst. Wie wäre es, wenn du mit uns sprechen würdest?«
Duitwé räuspert sich, lacht kurz, dann hustet sie. Aber sonst antwortet sie nicht direkt auf die Frage des Mannes.
Später, als die Kinder zurückgekommen sind, sagt sie: »Ja, ich habe das Meer nie gesehen, aber ich kenne eine Geschichte, die vom Meer erzählt. Es ist die Geschichte, die ich als Kind am meisten geliebt habe. Ich weiß nicht, woher sie kommt, aber mein Onkel kannte sie. Es ist lange her, dass ich sie erzählt habe. Und sie hat sich vor so langer Zeit zugetragen, dass sich niemand mehr an etwas anderes erinnern kann als daran, dass sie ihm von seiner Großmutter erzählt worden ist, die sie wiederum von ihrer Großmutter erzählt bekommen hat und so weiter bis ans Ende der Zeit.«
Kanta kennt die Geschichte nicht, und Abel kann sich nicht erinnern, sie schon einmal gehört zu haben, obwohl Duitwé sagt, dass er das hat.
»Schluss mit dem Gerede. Erzähl«, winkt Abel mit der Hand.
»Ich erzähle das, was passiert ist. Nicht mehr und nicht weniger. Meine Großmutter hat mir davon erzählt. Es kann lange dauern, es kann schnell gehen. Ich weiß nicht, ob die Geschichte überhaupt zu Ende kommen will. So, jetzt erzähle ich, wie ich mich an sie erinnere.«
Es lebte ein Mann am Fuß der großen roten Düne. Wo sie lag, weiß ich nicht, aber so wurde sie genannt. Er hatte eine Frau und sie hatten zwei Söhne, die zwischen ihnen schliefen.
Er lebte davon, dass er an der Küste Fische aus dem Meer holte und zusammen mit anderen ins Landesinnere zog und die Riesenantilopen jagte. So nannten sie sie. Es konnten Elenstiere oder Gämsböcke sein. Die Frau sammelte die Kräuter und Wurzeln, die es dort gab. Man sagt, dass einige im Meer wuchsen. Genau wie wir kochten und brieten sie ihr Essen. Über die Fische weiß ich nichts. Mit Ausnahme der Haie. Von den Walen erzähle ich später.
Die Haie sind wie ein böser Traum. Schneller als der Blitz, der das Licht hinter sich lässt. Sie bewegen sich so gewandt im Wasser wie die Schwalben in der Luft. Sie sind nur viel, viel größer. Manche Menschen essen sie. Manchmal ist es umgekehrt.
Seit Beginn der Zeit, als alle Tiere Menschen waren, hat es eine Sprache gegeben, die alle sprechen konnten. Aber jetzt ist es nur noch wenigen vergönnt, diese Sprache zu sprechen, die allen Tieren gemeinsam ist.
Das glückliche Leben dauerte von dem Moment an, als die beiden Jungen geboren wurden, bis zu der Zeit, als sie ungefähr zehn waren. So lange dauerte die gute Zeit. Es tut weh zu leben. So lange glücklich zu sein, ist fast zu lange. Aber die Geschichte sagt, dass es wahr ist. Sie erzählt es so, deshalb tue ich es auch.
Irgendwo an der Küste hörte vor langer Zeit der kleine Junge, der nun der Vater der Kinder geworden war, zum ersten Mal die Geschichte von dem Sternbild, das wir Abaa nennen.
Es war einmal ein Jäger, der auf der Jagd nach drei Zebras war. Er hatte sie lange verfolgt. Aber sie hatten ihn die ganze Zeit getäuscht, indem sie Wege gewählt hatten, die ihn in die Irre führten. Eines Abends hatte er sich so nahe an sie herangepirscht, dass er zusammengekrümmt hinter einem Busch saß, während die drei Zebras direkt vor ihm grasten. Er erhob sich, um zu schießen. In diesem Moment entdeckten ihn die Zebras. Keins von ihnen hatte geglaubt, dass er ihnen so nahe gekommen war.
In ihrer Not liefen die Zebras in den Himmel hinauf, denn das war ihre einzige Chance. In dem Augenblick, in dem sie auf den Himmelsbogen traten, hatte er seinen Bogen fertig gespannt. Blitzschnell schoss er den ersten Pfeil hinter den Tieren her. Wenn ihr genau hinguckt, könnt ihr ihn sehen. Er leuchtet, während er durch die Dunkelheit des Himmels zischt, so schnell ist er.
Irgendwann in der Zukunft wird er eins oder drei Zebras treffen, wenn das Sternbild nicht in einer Nacht die Kante des Horizonts erreicht. Wenn das passiert und die Tiere nicht getroffen sind, werden die Zebras auf die Welt herunterkommen und weiterlaufen. Sie werden ihre Streifen wiedergewinnen als Zeichen von Nacht und Tag und in Richtung des großen Sees verschwinden.
Nachdem sie über den Himmel gerannt sind, so lange die Menschen sich erinnern und davon erzählen, können sie nur am Ufer des großen Sees genug zu trinken bekommen. Als einziger aller Seen kann dieser See ihren Durst stillen. Und der ist groß, da die Zebras so lange gelaufen sind.
Ihr kennt auch die Geschichte, die der Junge gehört hat, als er klein war. Er hat sie nie vergessen.
Der Durst beginnt
Als die Regenzeit beginnen sollte, endete die gute Zeit, denn der Regen wollte nicht mehr fallen.
Trotzdem beschaffte der Junge, der jetzt ein erwachsener Jäger war, Fleisch, und die Frau kam mit Brennholz und Wurzeln nach Hause. Beide nahmen sie von dem, was das Meer ihnen gab. Jeden Abend saß er am Feuer und hatte das Gefühl, dass alles war, wie es sein sollte.
Erst als die Trockenheit ihnen die Nahrung nahm, kam der Schmerz. Sowohl der, der im Körper nagte, als auch der, der im Herzen nagte.
Es war, als würde Gxwma neben ihm stehen und sagen: »Jetzt sollst du die Welt kennen lernen.«
Kurz bevor Hunger und Durst Menschen und Vieh von der Küste vertrieben, wurde er aus Kummer wieder zu einem Jungen. Denn er verlor seine Kinder. Sie starben ihm unter den Händen weg. In derselben Nacht verschwand seine Frau.
Unter den Sternen sah er sie in den Himmel steigen wie auf einer durchsichtigen Treppe. Als sie ein gutes Stück hinaufgekommen war, drehte sie sich nach ihm um und rief: »Beeil dich und hol unsere Kinder, bevor sie zu weit kommen. Sie können nicht mehr zurück, wenn sie bis zu mir kommen.«
Da sah er, dass die Kinder schon weit oben im Himmel waren, und er lief zu ihr hin.
Kurz darauf erwachte er und sie war fort, während die beiden Kinder leblos in seinen Armen lagen. Er sah sie nicht mehr. Nicht einmal eine Fußspur konnte er finden.
Am nächsten Morgen entdeckten die Leute, dass er vor der Hütte saß und mit den beiden toten Kindern spielte. Er sprach und lachte, während er von dem einen Kind zum anderen sah. Nicht einen Augenblick lang beachtete er die anderen, so versunken war er in sein Spiel mit den Ausdruckslosen.
An diesem bitteren Morgen hatte er mit einem Schlag seine ganze Familie verloren.
So war er mitten unter den Leuten allein.
Ja, damals hatten sie Vieh. Und auch das Vieh konnte an unbändigem Durst sterben. Es waren bestimmt einige Wochen vergangen, in denen sie alle schwächer und schwächer geworden waren. Obwohl das Meer direkt neben ihnen lag, kann man von ihm nicht trinken und leben. Es ist zwar Wasser, aber zu salzig zum Trinken, wenn der Durst einen quält.
Es ist salziger als das Wasser von Kacgae, und schon das ist salzig genug. Stimmt, man muss extra viel Zucker in den Tee geben, um das Salz nicht zu schmecken.
Heutzutage seid ihr noch immer arm, aber ihr leidet keinen Durst. Nicht im Vergleich zu ihnen. Ihr bekommt Wasser, wenn ihr durstig seid.
Nein, damals war es so, dass sie im Sand nach Nässe suchen mussten. Nasser Sand. Sie konnten Tropfen herauspressen. Sie mit einem Strohhalm aufsaugen und in einem Behälter auffangen. Wir haben das selbst einmal gemacht. In meiner Zeit gewann man ständig Wasser auf diese Weise. Wir haben auch gedürstet.
Selbst das Wild musste auf den Knien liegen, um an das kostbare Wasser zu kommen.
Die Schakale trabten so schnell sie konnten davon, bevor sie die ausgemergelte Beute der Geier wurden. Und die Hyänen? Die Tiere, von denen die Menschen sagen, dass sie dumm sind? Die wendeten den Pelz unter dem Sand und liefen die Ufer der Nacht hinauf und hinunter, als hofften sie auf Nässe.
Die Raubtiere waren so hungrig, dass sie vergaßen, dass sie Raubtiere waren. Und die Geier kamen von allen Seiten herangeflogen, sobald ein Tier oder ein unbeschützter Mensch sich hinlegte. Sie hatten ihre Beute kaum gepackt, bevor sie das tote Leben schon wieder losließen. Was sollte ein Geier mit einem so ausgetrockneten Tier anfangen? Es gab andere Orte, an denen das Aas mehr Feuchtigkeit enthielt.
Starke Kiefer wurden vom Durst geschwächt. Die Löwen wurden dünner als ihre Skelette, und die Schatten der Elefanten waren dicker als sie selbst. So kam die Trockenheit über alles Lebende. Selbst die Kühe brüllten nicht mehr, da das Brüllen die Feuchtigkeit von den Schleimhäuten nahm. Und das Gras wurde schwarz bis hinunter in die Wurzeln. Es kam eine Stille so tief wie der Himmel selbst. Es war so trocken, dass selbst der Himmel knarrte. Nur wenn es dunkel war, konnte man sehen, dass das Rückgrat der Nacht den Himmel noch immer oben hielt.
Die toten Kinder
Da die Sorge ihn wieder zum Jungen gemacht hatte, glaubten einige, er habe den Verstand verloren. Weil er die toten Kinder nicht loslassen wollte, sondern weiter mit ihnen spielte.
Er konnte auf den Gedanken kommen, sie schön zum Schlafen zurechtzulegen. Ihnen etwas vorzusingen und ihnen Geschichten zu erzählen. Er trug sie herum, als wären sie halb Puppen, halb lebende Menschen. Er wusch sie und tat, als gäbe er ihnen zu essen. Er war wohl wahnsinnig geworden.
Es ist eine alte Geschichte, und im Laufe der Zeit kann ohne weiteres etwas verloren gegangen sein. Oder hinzugefügt worden. Die Geschichte kommt von weither.
Aber zuerst passierte etwas sehr Ernstes. Dieser Mann, dieser Junge, lernte innerhalb kurzer Zeit den Durst kennen. So gut lernten er und sein Volk ihn kennen, wie ihr ihn nie kennen lernen werdet.
Ich kenne ihn. Ich weiß, was es heißt, dass die eigene Zunge unerträglich wird. Als lebte sie im Mund wie ein selbstständiges Tier, von dem man nicht länger weiß, ob es zu einem gehört. Der Speichel und alles Nasse sind längst verschwunden. Und die Zunge versucht mehr Platz zu erobern, als man ihr geben will. So schwillt sie an. Man betrachtet die Welt als wunderlichen Ort. Das Licht kentert im Kopf, und die Wärme ist eine Art Melone, in der man sich bewegt. Der Durst, das Verlangen nach Wasser ist alles. Man ist weder tot noch lebendig. Man ist ein Wesen, das sich nach Nässe sehnt. Man kann nur das.
Als er diesen Durst kennen gelernt hatte, lernte er den Tod und die Sorge kennen. Und später überkam ihn der Wahnsinn.
Zuerst verdursteten die beiden Kinder. Danach war sie gegangen. Ich weiß nicht warum. Doch vielleicht hat sie gedacht, dass die Kälte der Nacht zusammen mit dem Meer etwas Feuchtigkeit bringen könnte. Draußen in der Nacht verschwindet sie. Ist es das Meer oder der Sand, der sie aufnimmt?
So ist das, er erwacht bei dem Traum, dem unangenehmen Traum, dass sie oben im Himmel ist wie auf einem Teppich voller Sterne. Dort geht sie den Kindern entgegen. Er sieht ihre glänzenden Augen. In diesem Augenblick ruft sie ihm etwas zu. Er erwacht und sieht zu seinem Entsetzen, dass beide Kinder tot unter den Fellen liegen und dass seine Frau verschwunden ist.
Er war so verwirrt, dass er das, was er träumte, nicht von dem unterscheiden konnte, was er wirklich sah.
So ist es mit dem Durst, man wird wunderlich davon. Man kann nicht richtig denken. Alles wird seltsam, und man tut wunderliche Dinge.
Sie taten alles, damit es regnete. Sie sangen, sie beteten, sie tanzten die alten Gesänge, um den Regenstier dazu zu bewegen, seine Tropfen zu werfen. Sie glaubten ja, dass der Elenstier mit dem Regen kommen würde. Die Trancetänzer reisten zum Ende der Welt, um diesen Stier zu finden, der den Regen zurückhielt. Aber es half nichts. Und sie wussten nur zu gut, dass der Regen erst kommen würde, wenn er wollte, nicht vorher. Aber was wünschen sich die Menschen nicht alles, auch wenn sie es besser wissen müssten?
Wie grau der Himmel auch war, die Sonne schien immer durch ihn hindurch, wenn auch bleich und matt. Der Regen war an einen anderen Ort gegangen. Nicht einen Tropfen hatte er für diesen toten Ort übrig. Hitze und Trockenheit dauerten an. Weit entfernt sahen die Leute Blitze zucken und hörten den Donner grollen. Doch hier konnten sie nur von dem Rufen der Regentropfen träumen.
Mutlos schleppten sie sich herum. Bald hatten sie keine Kraft mehr, Fische zu fangen, und allmählich hielten die Fische sich auch von der Küste fern. Doch da griff der verrückte Vater ein. Denn jetzt versuchte er wahrhaftig, den anderen verständlich zu machen, dass sie genau wie in der alten Geschichte handeln mussten, auch wenn sie lange her war. Ja, sie waren Teil der Geschichte. Da der Durst sie noch immer plagte, schlug er ihnen vor, den Zebras zu folgen, um zu dem großen See zu kommen, der ihren Durst stillen konnte.
Sie hörten ihm zu, während sie vor ihren Hütten standen oder sich nur so weit von ihnen entfernten, dass sie zurückkommen konnten, denn in ihnen versteckten sie ihre wenigen und jämmerlichen Wasserreste.
Trotzdem spürten sie keinen besonderen Drang ihm zu folgen. Doch nach und nach verstanden sie ein paar Tatsachen: Kein Wasserloch in Sicht. Kein Tier. Die Welt um sie herum war so trocken, dass sie hören konnten, wie die Bäume verwelkten. Ein unaufhörliches, nach innen gewandtes Knarren. Legte man das Ohr an die Rinde, klang es wie ein unendliches Stöhnen. Es gab nicht viel zu deuteln. Obwohl sie kleine Knochen warfen, die sie in einer Hand schüttelten, bevor sie sie auf den Sand fallen ließen, um zu sehen, welchen Rat sie ihnen gaben.
Doch bevor das passierte, kam es zu dem Ereignis in der roten Düne, die ein Stück von ihrer Siedlung entfernt lag. Noch einmal war es der wahnsinnige Vater, der die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zog. Noch immer war er nicht bereit, seine Kinder zu begraben, die er deshalb ständig mit sich herumtrug. Das eine von ihnen blickte so starr in das Land des Nichts, dass es Schrecken erregend war, wenn sein Blick einen unerwartet traf. Noch immer war das Volk nicht bereit, auf den Wahnsinnigen zu hören. Sagen wir, sie waren nicht durstig genug. Aber das wurden sie.
An dieser Stelle muss Duitwé husten und sofort ihren Bericht unterbrechen. Doch keiner der Zuhörer lässt sich etwas anmerken, denn sie muss oft mitten in einer Geschichte, die sie gerade erzählt, innehalten.
Sie haben gelernt zu warten, bis sie wieder bereit ist.
Gerade an diesem Tag ist es sehr windig, und ihre Gewänder und Tücher flattern um sie herum, während sie forteilt. Schnell verliert sich der Klang ihres Hustens im Wind. Und bald hört man nur den heulenden Wind in den Ästen und Lappen. Kurz darauf wird der Klang von dem warmen, feinen Klingeln abgelöst, das bei der Zubereitung des Tees drüben am Feuer entsteht.
Wenige Augenblicke später kommt Duitwé zurück, aber sie ist so müde von ihrem Hustenanfall, dass sie sich für eine Tasse Tee entscheidet, um den schweren Husten in ihrer Brust zu lösen.
Vom Leben als Jäger oder Minenarbeiter
Selbstverständlich ist man Jäger wie alle anderen auch. Aber man ist auch so heruntergekommen, dass man gezwungen ist, dort zu arbeiten, wo man ein paar Pfennig verdienen kann: auf den Farmen, bei den Safarigesellschaften und beim Straßenbau. In den Minen in Selebe-Pickwe. Jwaneng.
Als die Schwarzen wollten, dass Samen von Mais und süßen Wassermelonen in die Erde gepflügt werden sollten, tat man auch das. In der besten Absicht. Hier, wo es nie regnet und die Sonne immer scheint. Ob sie aufgingen oder nicht, spielte keine Rolle. Allein für das Roden des Bodens bekam man Geld. Jetzt ist das Sandgesicht mit schwarzen Flecken bedeckt wie von der mystischen Krankheit, die die Kopfhaut von uns Menschen grau oder kahl werden lässt.
Zuerst kam die Kgotla, der Treffpunkt. Auf diese Weise drängten sich die Schwarzen in unser Leben. Sieh, da liegt sie mit ihrem grünen Schild mit den gelben Buchstaben. Jegliches Abbrennen der Felder ist verboten. Auf Setswana. Als könnten wir lesen und ihre Sprache. Aber sie waren schlau genug, uns zu sagen, was da stand. Wie sollten Bohnen und Melonen sprießen und das Wild kommen, wenn die Erde nicht mehr abgebrannt werden durfte?
Neu ist die Tribüne mit dem blauen Dach aus Wellblech, den weißen Halbmauern und den schwarzen Sockeln. Ja, mit einem Zementboden. So bekommen die Feinen keine nassen Haare oder Sand in die Schuhe.
Wir sitzen noch immer im Sand. Wir mussten einen Häuptling ernennen. Als hätten wir jemals einen gehabt. Die Schwarzen wählten einen, da wir es ja nicht taten. Und der Häuptling musste den Schwarzen gehorchen, da sie seinen Lebensunterhalt bezahlten. Er konnte weder lesen noch schreiben. Jetzt war Platz für den Peitschenbaum. Nicht weit von der Kgotla, damit alle sahen, wen die Regierung auspeitschen ließ.
Sie schleichen sich ein wie Schlangen, und langsam erwürgen sie das, was unsere Lebensart ausmacht.
Unter keinen Umständen war man auf ein Leben als Gefangener in einem Ghetto vorbereitet, als die Schwarzen in ihren Uniformen auftauchten und uns zum Treffen in die Kgotla bestellten: »Jetzt muss jegliche freie Jagd aufhören. Jetzt braucht ihr eine Lizenz. Ein Stück Papier, auf dem steht, was ihr jagen dürft. Wo und wie viel.«
»Aber wir können doch nicht lesen.«
»Wir machen das schon für euch.«
Die Namen waren in einer Sprache geschrieben, von der man nicht das Geringste verstand. Und ihre Aussprache machte es auch nicht leichter. Aber man hätte auch kein Wort kapiert, wenn sie korrekt gewesen wäre. Eine, die sie zufällig viel besser verstand, weil sie in die Schule gegangen war, musste versuchen, alles zu übersetzen.
Jetzt bekam man alle Worte in seiner eigenen Sprache zu hören, doch warum waren sie so daran interessiert, dass man die Paviane totschlug?
Das kleine Volk, das in der Hocke sitzt. Ihm hatten wir nie etwas getan. Sie hatten uns vor den Leoparden beschützt, die sich im Gras versteckten. Warum sollten wir sie totschlagen? Man kam nicht zurecht mit der Lizenz. Hier war man seit Generationen auf die Jagd gegangen und kannte das Wild besser als die Schwarzen und die Weißen. Und wusste, wie man danach sieht.
Und plötzlich sollten diese Banditen einem sagen, wie das Wild gehegt werden sollte. Als verständen sie etwas davon. Nur weil sie in der Stadt in die Schule gegangen waren.
Nach und nach kam es zu einem Gemurmel unter den alten Jägern. Sie setzten sich zusammen, Junge und Alte, Männer und Frauen, um darüber zu reden. Hin und her ging die Diskussion. Die Jüngeren wussten nicht genau, was sie tun sollten, deshalb sagte einer der alten Jäger: »Es kann doch nicht richtig sein, dass wir von Pavianen leben sollen. Ihr wisst wohl nicht genau, wie das zusammenhängt.«
Und ein anderer warf den Arm in die Luft: »Ruft stattdessen nach den Tieren. Sie sind wichtiger als wir.«
Es war deutlich erkennbar, dass alle sehr empört waren. Das hatte es vorher nicht gegeben.
Der weiße Mann und sein Tanz
Vom Hass auf Weiße und Schwarze
Vielleicht sind bereits Tage vergangen, nun jedenfalls ist es Abend. Die Leute haben Tee getrunken, um warm zu werden, und einige haben Decken geholt, die sie sich um die steifen Schultern legen können. Eine Stimme erhebt sich in der Dämmerung, gereizt und heftig, aus Mutlosigkeit über einen Streit: »Ich hasse die Schwarzen.«
Die Worte fallen mitten in das übliche Gemurmel, das um das Feuer zu hören ist. Wo über alles und nichts geredet wird. Wo das Gesagte manchmal gehört werden soll und manchmal wie überflüssiges Gerede vorbeizieht.
Aber Abel hört es und protestiert. Zugegebenermaßen gibt es Schwarze, die man hassen kann, wenn man es unbedingt will, manche sind wirklich unleidlich. Mit uns ist es nicht anders. Von den Weißen könnte man das Gleiche sagen. Aber bestimmt gibt es auch einige gute. Er jedenfalls hat einen weißen Farmer gekannt.
»Er war schon ein komischer Kauz. Du hast ihn doch auch gekannt, Willie. Du bist doch mit seinem Sohn in die Schule gegangen, nicht wahr?«
»Ja«, sagte Willie. »Da war irgendwas mit der Familie!«
»Wer ist dieser Farmer? Ich kenne niemanden, der nicht versucht hat, so viel wie möglich aus uns herauszuholen, ohne etwas dafür zu bezahlen. Lass uns hören.«
Abel beginnt von seinem ersten Treffen mit ihm zu erzählen.
Ich war fast schon erwachsen. Ich kann mich erinnern, dass ich gerade meinen ersten Gämsbock geschossen hatte. Der Pfeil gehörte jedenfalls mir. Oh ja, der Gämsbock war alt und zäh. Wäre er nicht direkt in meinen Pfeil hineingetorkelt, wäre er bestimmt vor Altersschwäche umgefallen. Aber es war ein Gämsbock.
Wir hörten von ihm, als wir von der Jagd zurückkamen. Und waren sofort neugierig, wie er aussah.
Zu dem Zeitpunkt, als wir auftauchten, um ein wachsames Auge auf ihn zu haben, war nichts anderes zu sehen als die seltsame wehende Hütte. Wie Kinder es tun können, wenn sie etwas Neues, Fremdes sehen, beschlossen wir, zu bleiben und mit ausreichendem Abstand und gut versteckt zu sehen, ob wir etwas entdeckten, das wir noch nie zuvor erlebt hatten.
Also blieben wir.
Als der weiße Mann am Nachmittag aus seiner Stoffhütte auftauchte, kamen einige seltsame Laute mit ihm heraus. Nicht er machte die Laute, die traurig in unsere Ohren drangen.
Langsam begann der Mann zu tanzen. Ja, er verharrte fast ganz still in einigen sonderbaren vogelartigen Bewegungen. So stand er mehrere Minuten da. Er tanzte eigentümliche, erstarrte Figuren, als hinge er in der Bewegung fest und könnte sich nicht befreien. Auf dem Gesicht des Mannes lag ein seltsam verzückter Ausdruck. Als würde der Laut ihn an der Nase herumführen. Es spielte keine Rolle, wo er war. In der Bewegung. Ob er allein war oder in einem Raum an einem Ort mit vielen Menschen. Denn ab und zu schüttelte er den Kopf und sprach sehr schnell mit einigen, die dort waren, wo er war. Die nur er sehen konnte. In Wirklichkeit war er allein. Die Wirklichkeit. Zuerst war die Stoffhütte da, und nachdem sie ziemlich lange dagestanden hatte, kamen die seltsamen Laute und der weiße Mann heraus.
Als er sich einige Zeit wie ein Vogel zu der Musik bewegt hatte, veränderten die Musik und er die Geschwindigkeit. Er drehte sich, so schnell er konnte. Mit den Augen suchte er einen Gleichgesinnten, aber es war niemand da. Es wurde schlimmer und schlimmer. Der Sand flog um seine Füße, erhob sich wie eine kleine Wolke. Er lachte aus vollem Hals. Und der Tanz wurde wilder und schneller. Ganz plötzlich blieb er stehen, ganz aufrecht, dass man sehen konnte, wie groß er war.
Dann kam die Stille zurück.
Zuerst stand sie still wie er, und man hörte nichts. Dann kamen sie langsam zurück. Die Laute. Die dünne Rettungsleine des Liedes der Zikaden. Der gleitende Pfiff der Vögel, wenn sie vorbeischnellten. Oder die langen Töne anderer Vögel, die blau waren, wenn man genau hinsah. Der Mistkäfer brummte wieder davon auf der Suche nach Dreck.
Dann ging ihm die Luft aus, und er fiel in den Sand und lag da, als hätte er ein schnell wirkendes Gift genommen. Meine Augen sahen ihn, aber er wusste nicht, dass ich da war. Vielleicht hatte ich mich, was den weißen Mann betraf, geirrt, ich wusste nicht, weshalb er da war.
Später versuchte ich zu Hause am Feuer genauso zu tanzen wie er, was sehr schwer war, vor allem, da die Laute nicht da waren. Und als ich endlich umfiel, wie er, lachten alle anderen. Natürlich wusste ich, dass er etwas ganz anderes wollte, der weiße Mann.
Er kam zusammen mit vier Männern, ein paar Schwarze und ein paar Weiße. Sie hatten ein Ochsengespann vor dem Wagen, der seine Habseligkeiten transportierte. Später fand ich heraus, dass er Polizist sein sollte. Ich weiß nicht, was die anderen Weißen davon hielten, dass jemand kam, der sie im Zaum halten sollte.
Ich sah, wie sie den Wagen entluden. Zuerst die Maschine, die die seltsamen Laute machte, nach denen er tanzte. Wenn sie keine Laute spielen sollte, die er auf ein paar runden schwarzen Scheiben hatte, stand sie mit ihrem großen schwarzen Ohr da, als hörte sie alles. Zuerst glaubte ich, dass sie vielleicht auch unsere Musik spielen könnte, wenn sie ihr nur lange genug mit ihrem großen Ohr zugehört hatte. Aber das war falsch. Sie konnte nur die Laute spielen, die aus den schwarzen Scheiben kamen. Besonders diese eine Scheibe war es, die ihn ganz wild machen konnte.
Er ließ sich auf dem Hügel nieder, auf dem wir lange Zeit unsere Wintersiedlung neben dem Wasserloch aufgeschlagen hatten. Er wollte wohl auch gerne in der Nähe des Wassers sein.
Erst viel später konnte er einige Brocken unserer Sprache. Es war ein komisches Durcheinander, das er sprach. Viele Worte waren Afrikaans. Andere Englisch. Einige hatte er selbst erfunden. Und dann waren da die Worte, die aus unserer Sprache kamen. Wir sprachen auch all die ausländischen Brocken, die wir konnten. Auch die Bakgalagadi lieferten uns einige brauchbare Worte. Als Gegenleistung bekamen sie einige unserer Worte. Doch als er endlich unsere Sprache so weit gelernt hatte, dass er uns fragen konnte, ob er sich eine Frau nehmen durfte, fragte er nur zum Schein, denn er hatte sich schon längst ein Mädchen genommen. Obwohl in Wirklichkeit sie ihn gewählt hatte.
Oh, war sie nicht wunderschön. Sie bewegte sich anmutig wie der Wind. Kein Tier und kein Mensch bewegte sich wie sie. Sie gehen zu sehen war so, als ob man sie zu einer Musik tanzen sähe, die wir anderen nicht hören konnten. Sie gehörte zu den jungen Frauen unter uns, die sangen und tanzten, dass es sich herumsprach. Und Männer kamen von weit oben aus dem Norden, aus dem Kauxeivolk, um mit ihr zusammen zu tanzen. Es finden sich keine Worte, um sie zu beschreiben. Aber ich kann sie vor meinem inneren Auge sehen, wie sie damals zwischen uns umherging. Die jungen Männer bekamen einen steifen Nacken davon, sie anzusehen. Aber sie sah nicht zu uns hin, als sie erst entdeckt hatte, dass der lange weiße Trottel sie mochte. Sie würde uns nie ansehen, selbst wenn sie mit uns redete. Ich glaube, er verliebte sich in sie, weil sie ihn ansah. Von Anfang an hatte sie ihn gewollt, obwohl sie erst noch ein Kind war. Jetzt, als sie ihre Augen auf ihn richtete, war sie längst erwachsen. Damit kam er nicht zurecht.
Er musste ja leben wie wir. Auch wenn er zwischendurch Pakete bekam, von weit her. Er baute sich Häuser aus Baumstämmen, die wir ihm zu fällen halfen. Und dann kam das Vieh. Es war schwer, diesen Teil unseres Lebens zusammenzuhalten. Er wurde ein reicher Mann auf dem Land. Aber er sorgte für uns. Wir lernten Tee und Brot kennen. Der Tee war das Beste, und wir konnten an Tabak kommen, den wir vorher nicht gekannt hatten. Als Pfeife diente ihm ein seltsamer hohler Stock, in den er den Tabak stopfte. Er ähnelte unseren nicht. Er war ziemlich kurz und steckte immer fest in seinem Mund.
Er war anders als die Manfieldfamilie oder die Appeldoornfamilie. Sie bauten ihre Farmen oben auf dem Sandgesicht ohne Rücksicht darauf, dass schon Menschen vor ihnen dort waren. Sie machten sie zu ihren Sklaven. Das Volk war ja freundlich und fand sich mit vielem ab, doch wenn es zu hart wurde, gingen sie, wenn sie nicht vorher erschossen wurden. Man konnte ja immer jemand Neuen finden.
Willies Vater war auch einer von denen, die sich eine Frau aus unserem Volk nahmen. Damals war es üblich, dass die Weißen mit uns zusammenlebten und von uns das Überleben lernen mussten. Doch als sie plötzlich Geld für das Vieh bekamen, vergaßen einige der Farmer, wer ihnen geholfen hatte. So gesehen war es egal, ob es Buren oder Engländer waren.
Einige der Weißen glaubten nicht, dass wir Menschen waren, sie hielten uns für merkwürdige Tiere, die durch das Gras hüpften und wie Springböcke lebten. Andere meinten, wir wären wie Kinder, und es wäre am besten für uns, wenn wir solche blieben. Es kann sein, dass einige vorher gekommen waren, aber sie waren nicht anders. Wir merkten zu spät, dass sie unsere schlimmsten Feinde waren. Ich glaube, Leroux und Jonker kamen zuerst. Sie haben immer noch Schwierigkeiten zu verstehen, dass wir nur Menschen sind.
Sonst schufteten wir zusammen mit den weißen Farmern und lehrten sie, mit uns zu reden. Wir lehrten sie, hier zu leben. Wir teilten alles mit ihnen. Sie hatten nichts damals.
Es war wohl der Anfang vom Ende, dass wir sie lehrten, auf dem Sandgesicht zu leben. Zuerst die Schwarzen, dann die Weißen. Wir blieben bei unserem weißen Mann, und anfangs lachten wir, wenn er die Platte auflegte. Später konnte er sich so viel er wollte auf dem Boden wälzen, denn jetzt wussten wir, dass er so war.
Aber die Laute blieben seltsam.
Abel unterstreicht die Sätze mit dem Zeigefinger, der mit der Zeit krumm und schief geworden ist, weil er keinen Mittelfinger hat, an den er sich anlehnen kann.
Willie erzählt
Willie hat seinen Worten aufmerksam zugehört. Nach und nach, als die Erinnerung ihm viele Ereignisse ins Gedächtnis zurückruft, wächst seine Lust, zu erzählen.
Ich kann mich gut an ihn erinnern. Ich kann mich noch genau an ihn erinnern. Wie Abel sagt, bin ich mit seinem Sohn zur Schule gegangen. Wir haben ihn nur bei seinem richtigen Namen gerufen, der Tsai war. Sein voller Name ist William Tsai Johnsston. Die meisten nennen jetzt ihn Johnsston, wie sie seinen Vater genannt haben, und deshalb will ich das hier auch tun. Aber in Wirklichkeit nennen wir ihn noch immer Tsai, denn jetzt ist er einer von uns. Ich habe mit seinen Geschwistern gespielt, und manchmal sprach der alte Johnsston mit uns.
Er war um 1910 hierher gekommen. Vielleicht zu der Zeit, als Duitwé geboren wurde. Aber er war damals schon alt.
Mit dem Alter verlor sich seine Vergangenheit im Dunkeln. Irgendwo gab es verstreute Inseln der Erinnerung, an die er sich noch erinnern konnte, als wären sie wirkliche Träume. Ab und zu nahm er sich Zeit, um uns Kindern davon zu erzählen. Wir lauschten so, dass wir jedes Wort aus ihnen heraussaugten. Da war eine, wo er in Yorkshire den Hügel heruntergelaufen kommt. Er sprach oft von diesem Ort in England. Wir sagten das Wort immer wieder zueinander und krümmten uns dabei vor Lachen. Es kitzelte im Mund, dieses Wort auszusprechen. Yorkshire.
Das Gras ist grün, obwohl die Erde kalt und nass ist. Ganz oben auf dem Hügel, den er johlend heruntergerannt kommt, gibt es eine Kirchturmspitze, die aus dem grünen Laub der Baumkronen herausschaut. Diese Kirchturmspitze erwähnte er immer.
Einige Jungen, die er damals so gut kannte wie seine eigenen schmutzigen Hosentaschen, sind bereits laut rufend den Abhang hinuntergerannt.
Er kommt zu ihnen gelaufen. Er erinnert sich so lebhaft daran, dass er fast den Wind auf seinem Gesicht spürt, während er den Hügel hinab auf die anderen Jungen zustürmt. Sie winken mit den Armen. Und er weiß, dass sein Gesicht die Vorfreude auf das widerspiegelt, was passieren wird. Unten am Fuß des Hügels liegt ein von Wald umgebener dunkler See, den sie heimlich jeden Tag besuchen. Da ist ein Duft aus Holzfäule und Wald und See, der die Nase und den ganzen Körper prickeln lässt. Eine Verschmelzung dieser drei Gerüche, die so die Sinne durchdringen, dass der Körper vor Vorfreude strahlt.
Sie sind wie eine Art Stamm der Gesetzlosen, die in den Wald eindringen und Äste von den Bäumen abbrechen. Im Wald, in der Stille knackt es laut. In ihren Taschen haben sie Schnüre und Angelhaken. Tief im Wald stoßen sie auf den See, der ganz versteckt dort liegt.
Der See hat matschige Ufer mit glitschigem Schlamm. Sie wissen, dass er irgendwo heimlich mit dem Meer in Verbindung steht, das nicht weit von diesem Ort entfernt ist. Ein unsichtbarer Graben bedeckt mit Blättern aus unzähligen Herbsten, voll schwarzen Wassers. Jetzt setzt sich jeder auf seinen Platz, da, wo die Bäume aus dem schmierigen Schlamm eine Wurzel haben unbeachtet hervorgucken lassen, sodass sie sicher mit ihren Stöcken sitzen können.
Jetzt tauchen sie ihre dicken Schnüre ein, die sie in der Zwischenzeit an den abgebrochenen Ästen befestigt haben. Mit an den Schnüren befestigten Angelhaken versuchen sie, die Riesenaale zu fangen, die ihres Wissens nach in dem dunklen, unheimlichen Wasser schwimmen. Oft haben sie die hellroten und braungelben Körper sich lüstern mit dem Wasser, dem schwarzen, wenden sehen. Heute wollen sie die riesigen Seeschlangen herausholen. Und in einer Pfanne braten, die einer von ihnen zu Hause geklaut hat.
Da weiß er, er erinnert sich jetzt genau, dass es Sonntagnachmittag ist. Sie haben den ganzen Tag frei, und es gibt keinen Ort, den sie nicht heimsuchen können. Doch der waldumrandete See am Ende des Hügels ist der heimlichste Ort, den sie finden können. Trotzdem liegt wie bei allem Verbotenen etwas Lüsternes über den wilden Erwartungen, die sie an dieses Angeln haben. Unterwegs sind sie laut gewesen, bis sie zum Ende des Hügels kommen und in den Wald hineingehen. Dann werden sie stumm, und während die Äste abbrechen, liegt ein erwartungsvolles Lächeln auf ihren Gesichtern. Er erinnert sich aus der Ferne, aber trotzdem so, als wäre er noch immer dabei. Noch immer kann er die unbestimmte Mischung aus Holzfäule, Seewasser und dem faden Dunst der Aale riechen, der von ihrem langen Aufenthalt im Brackwasser herrührt. Noch immer kann er den Klang ihrer Stimmen hören, die wie helle Vögel durch das Dunkel des Waldes fliegen, während Äste knacken und Füße im Matsch ausrutschen.
Noch immer kann er sich genau daran erinnern, während er da in Sand und Hitze in seinem selbst gebauten Holzlehnstuhl sitzt, den er hartnäckig vor den wenigen Besuchern, die dort vorbeizukommen wagen, als seinen Wüstenpolsterstuhl bezeichnet.
Der Hügel mit seiner Böschung, die kein Junge ohne zu schreien hinunterlaufen kann. Die Bäume wie abwartende Erwachsene. Die Kirchturmspitze. Der Waldsee. Das glitschige, schlammige Seeufer. Die fleischigen Aale, die mit etwas Verbotenem behaftet waren.
Wir hörten ihn erzählen, während wir neben ihm im Sand saßen, und lauschten ihm verwundert und verblüfft, denn die Bilder, die er in seinem Holzlehnstuhl vor sich sah, konnten wir nicht sehen.
Er erinnert sich noch immer an die dunklen Straßen, durch die er als junger Polizist ging. Nicht, dass es keine beleuchteten Straßen gab. Aber die dunklen, engen Gassen sind es, an die er sich am besten erinnert. In denen das Dunkel so dicht ist, dass es sich fast wie ein Nebel um die eingeschalteten Laternen legt. In denen das Licht das Dunkel fast nicht durchdringen kann. Einige Male, als niemand auf der Straße zu sehen war, hat er dem Laternenpfahl mit seinem Stab einen ordentlichen Schlag versetzt, dass der metallene Laut zwischen den Häuserfassaden widerhallte. Gleichzeitig mit dem Abklingen des Lautes ist er unbekümmert weitergewandert, als hätte er nichts mit dem Geräusch zu tun. Ein Polizist auf Streife. Er kann noch immer darüber lachen und den Kopf schütteln. Und in der Ferne, nur ein paar Meter entfernt, spielen ein paar seiner Kinder.
Er sagte zu uns, dass wir uns seine Worte vielleicht nicht merken würden, weil wir Kinder seien. Aber wir schlürften sie in uns hinein und ließen uns die Geschichten immer wieder erzählen.
Obwohl sie halb ernst, halb lustig ausfielen, sah er uns an, während er die Worte zusammen mit dem flüchtigen Pfeifenrauch wegwinkte: »Ich bin siebzig Jahre alt. Ich habe drei Kinder, die noch klein sind. Und ich habe meiner Familie in England verboten, Weihnachtspudding hier herauszuschicken. Ich bekomme ihn ja erst Ostern. Was soll ich mit so einem ausgetrockneten Krümelpaket?«
Nach so einer Bemerkung konnte er plötzlich Lust bekommen, Musik zu hören. Hineinzugehen und die Maschine aufzuziehen, die große 78’er aufzulegen. Den Trichter Richtung Tür auszurichten. In dem Raum ist es fast schwarz durch das ganze Licht draußen, aber er weiß, dass sie zuoberst im Plattenstapel liegt. Er weiß, dass es das langsame Stück mit der schweren, trägen Melodie ist. Eine Sehnsucht ist in diese Musik eingeflochten. Die Musik ist langsam wie eine Nadel mit Sehnendraht, die man unendlich durch ein Stück Fell zieht.
Weil ich es wissen wollte, habe ich Johnsston gefragt, was das für eine Musik war, die sein Vater gespielt hat. Aber er wusste es nicht. Wie so vieles andere waren das Grammofon und die Platten verschwunden, nachdem der Alte tot war.
Jetzt beginnt die Musik. Er geht hinaus und beginnt seinen selbst erfundenen Tanz zu tanzen. Langsam, in einer versuchten Übereinstimmung mit der Musik. Die Kinder entdecken es und kommen, um sich an seine Arme oder an andere Körperteile zu hängen, denn sie wissen, was passieren wird. Erst kommt der langsame erstarrte Tanz. Ja, der Frost, das Eis auf den Seen, lange Zeit. Unendlich, langsam. Dann der plötzlich heftige letzte Teil des Satzes.
Die Kinder werden weggeschleudert und fliegen wie große Bienen durch die Luft, sodass sie mit einer gleitenden Bewegung im Sand landen. Ihr Lachen vermischt sich mit der Musik. Das dunkle Verlangen von vorher verschwindet. Er lacht mit ihnen, denn einige von ihnen sind seine eigenen Kinder. Sie sind das Einzige, was von ihm bleiben und ein Zeichen dafür ablegen wird, dass es ihn gegeben hat. Das ist sein Yorkshire-Gedanke, dass man da gewesen sein muss. Er sagt das oft zu uns und lacht: »Dort, wo ich herkomme, regnet es immer. Es gibt nur zwei Arten von Wetter in Yorkshire. Regenwetter, bei dem es regnet, dass man die Hügel sehen kann. Und Regenwetter, bei dem man sie nicht sehen kann.«
Hier, tief in der Kalahari, in der Gomkgae, im Sandgesicht, ist er damit zufrieden, gelebt zu haben.
Er kann sich nicht aufraffen, andere Orte zu besuchen. Es ist für ihn mit einer besonderen Zufriedenheit verbunden, dass seine Gebeine hier begraben werden sollen. Dass sein Fleisch verwesen und zu Futter für die kleinsten Tiere der Kalahari werden wird.
Die Musik verklingt und stottert in den Rillen mit einem Laut, der kein Wort hat, aber jedes Mal da ist, wenn das passiert.
Weiter weg von dem Tanz sitzen Menschen und sehen ihn an. Ab und zu bin ich unter denen, die ihn verwundert ansehen. Da ist dieser merkwürdige Mann mit seinem einsamen Tanz, und mit den Jahren sind die Kinder mit in den Tanz eingebunden worden. Er hat sein Leben so mit unserem, dem des roten Volks, aus dem ihre Mutter kommt, verflochten. Er kommt nicht mehr davon los. Die Kinder sind seine Sorge. Sie sind es, an die er am meisten denkt. Nicht daran, wie sie sind, sondern daran, was aus ihnen werden soll, wenn er tot ist. Können sie überleben?
Aber dann taucht er zurück in den Tanz und in die träge Musik und in den erstarrten Tanz. Er ist wie Musik, die man schafft, um zu zeigen, wie ein großer Vogel seine Flügel bewegt, bevor er dorthin fliegt, wo die Sehnsucht ihn hintreibt. Dann lächelt er den Kindern zu. Sie haben kein Verlangen gespürt mitzusingen, wie sie es oft tun, wenn sie irgendeinen rhythmischen Laut oder den Gesang eines anderen hören.
Unsere Lieder sind auch Lieder, deren Klänge eine große Sehnsucht und ein schmerzvolles Wissen um das Leben beinhalten. Oft sind sie wie der Anfang eines Rufs nach der Anwesenheit anderer. Doch wenn er diese Platte auflegt, ist es, als wollte er allen deutlich machen, dass er ein Mann von einem ganz anderen Ort ist.
Bei Willies letzten Worten seufzt Kanta wissend durch Nase und Mund, und Abel, der mit dem gegen die Schulter gelehnten Tanzstab dasitzt, nickt mehrere Male.
Von der Stadt Ghanzi
Später erzählen Abel und Kanta von Ghanzi, der einzigen Stadt der Gegend. Es können viele Worte über die einzige große Stadt in der Kalahari gesagt werden.
Nachdem die Worte eine Zeit lang zwischen den beiden hin und her gegangen sind, beginnt Kanta zu erzählen. Willie, der in Ghanzi lebt, sagt nichts. Wirkt seltsam uninteressiert. Aber er ist auch der Jüngste.
Anfangs gab es eine Hauptstraße, die so breit war, dass eine Gruppe Viehtreiber eine ganze Kuhherde durch die Straße treiben konnte, ohne dass sie an Gebäude stießen.
Das Volk änderte sich, Läden tauchten auf.
Es gab Wholesale und Ghanzi Traders. Es gab den Hardware Store und das Oasis. Das Hotel Kalahari Arms. Es war die Stadt der Weißen, Ghanzi. Die Stadt der Buren.
Unser Volk blieb oben auf dem Hügel hinter dem Hotel, wie es das noch heute tut und wie es das tat, bevor die Weißen und die Schwarzen kamen.
Dort war Wasser.
Jetzt lebt es davon, was der Tag ihm gibt. Eine andere Gruppe lebte am Weg nach Xanagas. Nach und nach, als die Schwarzen hinzukamen, wuchsen sie zur größten Gruppe an.
Weiter den Weg hinunter liegen die Zollgebäude und das Wildlifehaus mit den großen Knochen im Vorgarten. Es könnten ebenso Knochen von Tieren sein, die sie uns geklaut haben. Gegenüber den Büros des Bezirksrats, die Sanitätsstation. Das ist der Ort der Schwarzen. Der Schwarzen, die die Macht haben.
Der Unterschied ist leicht zu erkennen. Die Häuser der Weißen sind gelb getüncht, da die blauen Augen diese Farbe besser ertragen. Die Häuser der Schwarzen sind weiß mit blauen Türen und Fenstern. Der Sockel ist schwarz angemalt. Es sind die Farben der Flagge von Botswana.
Auf der anderen Seite des Weges lungern Kabakae herum, der schwarze Stadtteil, in dem der Großteil der Stadtbevölkerung lebt. Da unten liegt auch der Fußballplatz. In der Mitte ist eine kleine Senke. Manchmal steht in der Regenzeit so viel Wasser auf dem Platz, dass man schwimmen können sollte, um in der Mannschaft zu spielen. Lag die Stadt der Weißen still da, dann sickerte es in den Stadtteilen der Schwarzen wie in einem Ameisenhaufen.
Unten am Flugplatz wohnen Leute von uns, die in den Geschäften arbeiten, auf dem schmalen Grasfeld, das zwischen der Landebahn und dem Weg liegt.
Einige der Geschäfte waren mit blauem Wellblech gedeckt, und andere hatten hell gestrichene Fassaden, auf denen ihr Name stand. Erst wenn man hineinkam, merkte man, dass sie so viel Ware hatten, dass es in den Augen wehtat, alles auf einmal zu sehen. Alles wurde von Neonlicht beleuchtet, das die Menschen seltsam aussehen ließ, wie lebende Tote. Auf den Holzregalen waren all die Waren ordentlich angeordnet, die zu brauchen man sich vorstellen konnte oder die man plötzlich nicht entbehren konnte, weil man gesehen hatte, dass es sie gab.
Doch nach ein paar Jahren oder mehr waren die Regale von Jonker leer, da er sich verrechnet und in neue Sachen investiert hatte. In diesen Jahren ging die Entwicklung an Ghanzi vorbei.
Wenn man bei Hardware gegenüber dem Hotel drehte, an der Metzgerei Bottlestore und Potts auf der anderen Seite des Weges vorbeiging, der genauso breit wie die Hauptstraße war, kam man zum Oasis Store, dem einzigen Gebäude, das ochsenblutfarben gestrichen war. Die Buchstaben waren grün mit gelbweißen Schatten. Ein wenig tiefer auf der Wand stand Orange Pekoe Tee. Ich wusste nicht, was das war. Das sind die einzigen Buchstaben, die ich lesen konnte.
Es war Jim, der einen ganzen Vormittag damit verbrachte, es mir beizubringen. Es kostete mich zwei Flaschen Clubman und einen Maismehlsack mit getrocknetem Elenfleisch. Zuerst ging er die Buchstaben einen nach dem anderen durch, damit ich sie in den Kopf bekam. Glücklicherweise waren mehrere gleich. Schließlich, kurz bevor sie mittags schlossen, konnte ich die Worte Orange Pekoe Tee lesen.
»Jetzt«, sagte ich zu ihm, »jetzt musst du mir nur noch sagen, was das bedeutet.«
»Bist du verrückt, du dummer Buschmann? Ich habe nicht die geringste Ahnung.«
»Hör auf, mich einen dummen Buschmann zu nennen. Du hast den ganzen Morgen nichts anderes getan, als mich so zu nennen. Du bist doch kein bisschen besser als ich. Nur weil du lesen kannst und von dem Missionar in D’kar fromm gemacht worden bist.«
Es gab einmal einen kleinen Ort, eine Farm ungefähr vierzig Kilometer vor Ghanzi, auf der eine Missionsstation eingerichtet worden war. Aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt ist sie zu einem christlichen Handelszentrum geworden.
Ich wollte nur wissen, was da stand, nachdem ich herausgefunden hatte, dass die Zeichen etwas bedeuteten. Und der einzige Grund für mein Interesse war der, dass die grünen Buchstaben mit den weißen Schatten schön aussahen, wie sie dort an der Wand herunterhingen.
Erst da wollte ich es Buchstabe für Buchstabe wissen. Ansonsten mache ich mir nichts daraus, lesen zu können, denn es entfernt mich von dem, was ich bin. Und dann bricht alles über mir zusammen. Aber diese drei Worte, Orange Pekoe Tee, der Klang dieser drei Worte tat mir unglaublich gut. Die Stöße in den Lauten unterschieden sich von denen, die es in unserer Sprache gab. Orange Pekoe Tee. Das ist so viele Jahre her. Trotzdem gehe ich noch immer dorthin und sehe mir die Worte an und spreche sie aus. Wenn niemand in der Nähe ist, spreche ich sie laut aus. Sonst flüstere ich sie nur vor mich hin. Orange Pekoe Tee.
In der Bar erzählte jemand, dass man ihn einst in Stangen kaufen konnte und dass er weit her aus China kam. Ich habe es nicht selbst gesehen und weiß also nicht, ob es stimmt.
Schräg gegenüber von Hardware lag das Hotel, wie ich bereits gesagt habe. Viele Jahre lang stand ein Schild mitten auf dem Weg vor dem Kalahari Arms. Wie eine Insel in dem Wegemeer aus Staub. Es knackte laut, wenn der Wind drehte, sodass man Bescheid wusste, wenn man drinnen saß.
Es war ein Ort des weißen Mannes, Leute unseres Schlags kamen höchstens hintenherum bis in die Küche. Wenn wir Glück hatten, arbeiteten einige von uns, nein, nicht in der Küche, sondern als Müllmänner und Gärtner. Die meisten, die auf den Farmen lebten, waren ja Buren, sodass wir ein bisschen Afrikaans lernten. Damit kamen wir zurecht, wenn es sein musste. Sie waren es, die das Hotel führten.
Für die Weißen begann Ghanzi wie ein Gebäude, nur ein Zementgebäude, und eine Flagge, die englische Flagge, und ein weißer Mann, ein Polizist. Dort waren einst die Kamele gewesen. So wie es immer der Ort des roten Volkes gewesen ist, und wir sind noch immer hier.
Während ich bei dem alten Johnsston war, kam ich immer mit in das Hotel hinein.
Dann stand ich hinter ihm.
»Wenn sie nicht so dumm wären, könntest du dich setzen«, sagte er zu mir.
Er meinte die Weißen, die das Hotel im Namen der anderen Buren leiteten. Das war viele Jahre, nachdem er selbst Farmer und reich an Vieh geworden war. Er hatte so viele Kühe, dass er noch immer zu viele gehabt hätte, um sie ohne Hilfe an einem Tag zu zählen, wenn er die Hälfte weggegeben hätte.
Die Böden im Hotel waren aus einem Material, das sie braun, glatt und glänzend machte, und außerdem waren sie kalt. Wenn du an einem heißen Tag die Wange gegen den Boden legtest, kühlte er so stark, als ob du Fieber hättest. Aber ich wollte von der Stadt erzählen.
Unten gegenüber dem Oasis lag die Stadt, die ein Teil von Kabake war. Dort wohnten viele verschiedene Menschen, einige von uns in Zelthütten. Dort gab es Schuppen, die mit Kartonpappe und mit Plastiksäcken überzogen waren, denn Blechplatten waren schlecht bei einem Regensturm. Aber die Pappe war so oft nass geworden, dass man nicht glaubte, so nass werden zu können, es sei denn, man purzelte in die Senke, wenn sie voll Wasser lief. Weiter hinten lag wieder flaches Grasland, das sie jetzt ganz asphaltiert haben, sodass es kurz nach dem Regen, wenn die Sonne wieder zu scheinen beginnt, einem schwarzen See ähnelt. Die Tausende von kleinen Seen in den Asphaltlöchern funkeln um die Wette, dass man glaubt, es sei ein großer See, aber es sind die kleinen Löcher. Ich bin selbst da gewesen, um es mir anzusehen. Dann ist da der Flughafen, wenn sie mit ihren Flugzeugen kommen, die wie Blätter hereinwirbeln. Ja, halb Blätter, halb Vogel, aber sie landen besser. Da ist ein Sack, der anzeigt, woher der Wind bläst.
Vor zehn Jahren haben sie ein Telefonhäuschen gegenüber dem Hotel aufgestellt, auf derselben Straßenseite wie der Hardwareshop und Barclays Bank, an der Hauptstraße, ja, dort haben sie es aufgestellt. Da stand es. Es war sehr schön, es war ganz neu. Aber niemand konnte es benutzen. Es dauerte ein Jahr, bevor sie neben dem Hotel auf dem Weg zum Krankenhaus die Tankstelle aufmachten.
Wir sind alle hingegangen und haben es uns angesehen, das Telefon, das da drinnen stand. Wir konnten den Hörer abnehmen, wir konnten nur uns selbst atmen und husten hören, das war phantastisch. Einige wollten nicht hingehen und hören. Es war auch nur schön anzusehen. Ein Jahr dauerte es noch, bevor man von dort aus telefonieren konnte. Wen sollten wir auch anrufen? Doch die Entwicklung kehrte sich tatsächlich von dem Augenblick an um, in dem sie das Telefon aufstellten. Von diesem Augenblick an begann die Welt der Schwarzen über uns hereinzubrechen. Anstatt uns zu fragen, machten sie die ganze Stadt zu einer schwarzen Stadt, und wir konnten uns auf den Farmen aufhalten, hier draußen in Xade, oder hinter dem Hotel oder am Flughafen und dort unten hinter dem Wald zum Arbeitsgebäude.
Im Laufe dieser Jahre verloren wir das Land, das uns noch geblieben war. Sie nahmen es einfach, und wir waren zu höflich, deshalb ließen wir es zu.
Das Postamt und der Zoll liegen auch an diesem Weg, der nach Karakubis führt.
Trotzdem gingen wir ins Krankenhaus, die von uns, die daran glaubten. In langen Reihen saßen wir da mit Tuberkulose, Malaria. Wir husteten und rotzten und bekamen Aspirin. Das heilte offenbar alles, denn die Ärzte waren mit wichtigen Dingen beschäftigt und hatten keine Zeit, nach uns zu sehen.
Wärt ihr wie ein Habicht hoch oben über alles geflogen und das hundert Jahre lang, hättet ihr sehen können, wie wir Roten umherwimmelten. Alle, das Sandgesicht und die Tiere und die Menschen lebten miteinander, alles hing miteinander zusammen. Wir jagten die Tiere und bekamen ihr Fleisch. Wir brannten das Gras auf den Jagdgründen ab, damit die Früchte besser wuchsen und die Tiere zu fressen hatten. Das, was für den einen schlecht war, war für den anderen gut. Tiere oder Menschen, Pflanzen oder Erde. Alle hatten etwas beizutragen, alle hatten etwas zu verlieren. Der Schmerz eines Menschen wurde zur Freude eines anderen Tiers. Und im Tanz hielten wir das Ganze zusammen.
Mitten in all das kamen die Weißen mit ihren schweren Ochsengespannen, so viele Ochsen bekamen schiefe Zungen vom Ziehen der Holzkarren durch den schweren Sand. Diese Leute kannten nicht den Wert des Reisens mit nur dem, was man brauchte. Sie hatten Eisenöfen und Kleiderschränke, Betten, die man ebenso gut als Wagen hätte brauchen können. Nur eine Zugvorrichtung und Räder hätte man anbringen müssen.
Danach kamen die Schwarzen in Autos, Lastwagen, mit Eseln und Pferden, und die ganze Zeit wimmelten wir umher.
Aber jetzt ist es langsam genug. Wir waren es, von denen sie immer glaubten, wir hätten nichts anderes zu tun, als im Gras herumzuhüpfen. Sie haben nie verstanden, wer wir waren. So, jetzt müsst ihr lernen, ihre Sprache zu sprechen, damit sie nicht unsere lernen müssen. Ich werde dem nie zustimmen, auch wenn sie noch so oft sagen, dass wir so besser miteinander reden können. Der Preis ist zu hoch.
Ja, an dem Tag, an dem wir wissen, wie wir sie uns vom Leibe halten können, können wir ihre Sprache lernen und Lesen lernen. Solange sie uns Rote nur ausquetschen, will ich das nicht. Lieber laufe ich weg. Ich weiß nicht, wie oft ich das mit Qose durchgesprochen habe. Denn sie ist schuld, dass ihr eine Schule habt. Sie war es, die zu dem alten Jankie gegangen ist und ihn um die Schule gebeten hat. Sie sieht die Dinge anders als ich. Mathilda und Willie sind wie harte Samen in ihrem Kampf. Einst konnten wir teilen. Das wollen die Schwarzen offenbar nicht, nachdem sie uns alles genommen haben.
Zuerst trieben sie das Vieh durch Ghanzi, sodass die Hauptstraße breit genug für die Riesenherden sein musste. Dann kamen das Telefonhäuschen und das Licht und zehn Jahre später der Asphaltweg. Nichts mehr mit Festsitzen im Sand. Polizisten auf Motorrädern, während sie früher auf Kamelen ritten. Und jetzt standen wir Schlange, um an den Ladentisch zu kommen, um Hähnchenschenkel und fatcakes zu kaufen. Tomaten und Kartoffeln, Sardinen, Thunfisch. Alles in der Dose, vorgekocht, fast essfertig, und braune Bohnen. Und wenn man davon genug hat, kauft man sich ein Soft-Eis. Im Oasis. Dort drüben im bottlestore.
Haben wir uns noch nicht zu Tode gefressen, können wir uns sinnlos betrinken. So satt wie unsere Augen und Bäuche sind, ist noch nie jemand von uns gewesen. Trotzdem sterben wir, sterben endlos, bis wir sterben. Vielleicht möchte man wie Mathilda lieber die neuen Geschäfte begaffen, die aus dem Boden geschossen sind. Den Cash Bazar und die Fast-Food-Läden, die von Indern und Libanesen geführt werden.
Die Kinder sind nicht länger diejenigen, die die Stadt regieren.
Denn draußen um die Stadt liegen die Farmen. Die der Buren und die der Engländer. Alle sprechen Afrikaans. Die Weißen, die Schwarzen, die Roten. Am weitesten draußen liegen die Farmen der Schwarzen. Die größte Farm ist die des Präsidenten. Alle stehen auf dem Land, auf dem wir gelebt haben. Duitwé, kannst du dich daran erinnern? An damals, als es weder Schwarze noch Weiße gab?
»Mmm«, sagte sie zwischen zwei Pfeifenzügen. »Damals gab es nichts, das Xade oder Ghanzi hieß oder Botswana. Wir waren wir.«
Manchmal muss man sich aus der Wirklichkeit wegtrinken, damit man in ihr leben kann, weil sie gespalten ist, dass man selbst im Kopf gespalten davon wird, denn wo sind wir? Ihr braucht es mir nicht zu sagen, ich weiß es genau.
Das tut so weh, dass wir untereinander wegsterben, und niemand hilft uns, uns gegen das zu wehren, was mit uns geschieht. Denn wir haben nicht mehr die Kraft, die man dazu braucht.
Deshalb haben sie die Frau hinter dem Hotel aufgeschnitten. Sie aufgeschnitten und ihre Eingeweide herausgeholt, Magen, Leber, Herz, Lunge und Niere, und ihr Geschlecht abgeschnitten. Die Schwarzen haben das getan. Einige von uns sagen, dass es Herero gewesen sind. Sie sagen, es waren Bakgalagadi. Und andere behaupten, es waren Bangwato aus Gaborone. Kurz und gut, es waren Schwarze, wie immer sie sich genannt haben. Und die Polizei wollte nichts wissen.
Sie brachten sie ins Krankenhaus, und dort in dem Raum, der genau wie Potts Metzgerei nur aus blanken Stahltabletts zu bestehen scheint, zeigten sie sie der Familie. Sie sahen ihr Gesicht.
»Ja«, sagten Sohn und Tochter. »Das ist Mutter.«
Sie lag auf einem Tisch mit einem bis zum Kinn hochgezogenen Laken. Aber mehr durften sie nicht von ihr sehen. Die Polizei hatte ja gesagt, dass sie an einem Messerstich in die Lunge gestorben sei.
Sie wurde begraben. Draußen in Groot Lagte, wo sie herkam. Sie war eine Kauxei. Viele Menschen kamen. Ich denke, es wurden Fragen gestellt. Die Polizei wollte nichts mehr unternehmen. Es sei denn, sie bekam den Befehl dazu. Aber wer sollte die Macht haben, das zu befehlen, und gleichzeitig dafür sorgen, dass wir unser Recht bekamen? In meiner Lebenszeit findet sich so ein Wesen wahrscheinlich nicht.
Jetzt, drei Tage später, zog sich ihr Sohn die Sachen aus und hängte sie ordentlich über die Äste eines kleinen Baums, der neben ihrem Grab stand. Dann legte er sich auf das Grab und schnitt sich die Kehle durch, dass das Blut schreiend in die Erde lief. Dieser Baum ist zu jung, um all den Schmerz zu erleben. Er ist nicht zu fassen, weder für einen Baum noch für einen Menschen.
So ist die Stadt, Ghanzi, die einmal der Ort war, zu dem unser Volk ging, wenn es vom Durst geplagt wurde. Jetzt plagt uns der Durst, weil wir dorthin gegangen sind. Gegenüber von Potts Metzgerei führt ein Kiesweg zu den neuen Häusern hinauf, zu der Kirche, der Kirche der Weißen. Dorthin eilen die Buren und sitzen andächtig da. Man kann sie singen hören, es klingt genau wie das Meckern der Ziegen. Dort berauschen sie sich an Psalmengesang und christlichen Worten, während wir uns schon mit Clubman zu fünf Pula die Flasche betrunken haben. Jeder von uns nähert sich seinem Himmelreich auf seine Weise.
Der Missionar war auch hier. Der alte Abel ist doch bei ihm gewesen, um predigen zu lernen. Noch heute ist er der beste Schamane, der je mit uns getanzt hat, aber das weiß der Missionar nicht. Schwester Mary aus Lands End, die zwar Krankenschwester, aber auch Missionarin ist, es aber nicht gegen uns verwendet, hat ihn überredet, das Vaterunser in unserer Sprache zu beten.
Es macht nichts, wenn er es betet. Denn die Worte bleiben bei ihm und laufen nicht Amok zwischen uns. Wir können hoch in die Schule kommen, wenn er bei Treffen und Ähnlichem betet, und uns auf die Schulbänke setzen, in schönen Reihen, in unseren besten Kleidern, später kommen dann unsere Kinder und singen im Chor schöne Lieder auf Setswana. Das hört sich nicht so schlecht an, auch wenn wir kein Wort verstehen. Bis auf die, die in der Mine in Selebe Pikwe oder in einer ähnlichen Mine gearbeitet haben, aber wir merken, dass wir nicht länger unsere eigenen Herren sind. Wenn umgekehrt Gäste aus der Hauptstadt kommen, hören sie unsere Lieder in unserer Sprache. Das ist schon eine seltsam verkehrte Welt.
Aber vielleicht wollen sie nur beweisen, dass es nicht so schlecht um uns steht. Wir können ja in die Schule gehen und auf Setswana singen. Obendrein haben wir noch eine Kgotla bekommen, wo wir uns versammeln können, und einen Baum, wo die Leute ausgepeitscht werden. Wir haben wirklich Fortschritte gemacht, aber wir gehen daran zu Grunde.
Willie, er ist sehr viel kritischer. Er trägt einen Zorn in sich, der ihn in den Dingen bohren lässt, über die wir anderen nur sprechen, wenn uns nichts anderes einfällt. Sonst tut es zu weh. Wir müssen darüber lachen, um es aushalten zu können.
Ich glaube, es sind die zwei kleinen Kinder, die er verloren hat. Und dass sie ein Troll, ein Hexenmeister, aus dem Grab gestohlen hat. Man sagt, er hat sie aus dem Sand schweben lassen, die kleinen Holzkisten durchbrechen lassen, und gleich hinunter in seinen Sack hat er sie gesteckt. Willie hat es mir gezeigt. Die kleine Einzäunung, wo die beiden begraben worden sind, und noch nach so langer Zeit sieht man die Fußspuren. Willie hat viel verloren.
Er hasst ihre Heuchlerei. Nicht jeden Einzelnen, aber das ganze schwarze Pack, das ihn in den Schmutz gezogen hat. Ihr ganzes Gerede von Bürgerschaft, wie können sie von einer gleichwertigen Gesellschaft sprechen, wenn sie uns alles genommen haben. Ja, gut, die Weißen haben genauso mitgeholfen. Wenn sie uns wie Gleichgestellte behandelten, wir wissen etwas, das sie nicht wissen und umgekehrt, könnten wir gemeinsam besser und klüger werden. Doch wie sollte das gehen, es ist ja noch nicht lange her, dass sie uns für Tiere hielten, die nur im Gras herumhüpften.
Ja, Mathilda hat mir am Feuer vorgelesen, was sie für uns getan haben.
Wir können uns nicht länger aufführen wie Kronendukker. Wir müssen selbst an die Arbeit gehen, um so zu uns selbst zu finden, wie wir es wollen.
Wir müssen an unserer Sprache festhalten. Sonst geht unsere Welt verloren.
Und ihr Jungen werdet wie die anderen sein, da ihr keine Lust mehr habt, wie wir zu sein. Da ihr so Möglichkeiten habt, besser zu leben. Glaubt nicht, dass ich das nicht sehe. Abel, du bist doch der Missionar. Sag was.
»Und was sollte das sein?«
Nun, ich musste daran denken, als du vom Kalahari Arms gesprochen hast. Das ist kein Ort für uns. Es sei denn, du arbeitest dort. Aber ich bin ein paar Mal da gewesen. Es ist ja nicht mehr wie in den alten Tagen, wo wir in die Stadt hinuntergingen, wenn wir etwas zu trinken haben wollten. Ich kann mich nicht erinnern, wann der erste bottlestore aufgemacht hat, aber oh Gott, wie hat unser Volk diesen Laden unterstützt. Ich höre sehr wohl, wie das klingt. Aber ich bin nicht der Auffassung, dass wir ein Volk aus üblen Trinkern sind. Wenn wir trinken, ist leicht zu erraten warum.
Wo ich herkomme? Ach ja, aus dem Gefängnis. Ich wünschte, es wäre nicht da, dann müsste ich nicht davon erzählen. Aber es ist da. Was soll ich darüber sagen?
Dass es der beste Ort ist, sich die Haare schneiden zu lassen, falls man zu viel Geld und zu lange Haare hat, dass sie dort gutes Gemüse züchten. Wer dort gesessen hat, weiß das am besten. Viele, zu viele Rote sind eingesperrt worden. Es ist ein Ort des Schmerzes. Es liegt im anderen Teil der Stadt genau wie das Krankenhaus. Aber dort kann man den Schmerz behandeln. Über den ersten Ort kann man nicht mehr erzählen.
Lasst mich stattdessen am Gefängnis vorbeigehen, dann kommen wir zur Bibliothek, dem Haus der Bücher. Dort war es, wo Willie so viele Nachmittage verbracht hat.
Abel mischt sich ein, nachdem er mit seinem einsamen Zeigefinger gewunken hat. Er ist sich der Bedeutung seiner Hand als Wirkungsmittel sehr wohl bewusst. Er braucht sie nur zu heben, um die Aufmerksamkeit der Leute zu erhaschen.
»Dieses Gefängnis ist eine schlechte Erfindung. Man lernt es früh genug kennen. Aber da ist dieser andere Ort. Das Arms.«
Abel sucht nach dem Tabak, bevor er weiter erzählt.
»Das Hotel«, wiederholt Abel. »Nicht dass ich oft dort gewesen bin. Es gab zwei Gelegenheiten, zu denen man dort hinkam, Willie wird schon dafür sorgen, dass du auch die Chance bekommst, Khuuo, wenn ihr nach Ghanzi kommt.«
Abel erzählt
Entweder geht man an die Bar oder hinten herum. Mit anderen Worten, in den Garten des Hotels. Weiter draußen liegt der Swimming-Pool für die Hotelgäste. Vor einigen Sommern wäre ein Kind beinahe in dem klaren blauen Wasser ertrunken. Ein Swimming-Pool in der Kalahari. Eure Vorväter hätten sich totgelacht. Der Aufseher hat das Kind mit seinem Netz herausgefischt, als wäre es ein Blatt. Ich habe mich übrigens immer darüber gewundert, dass er auch Gummistiefel trägt, wenn er frei hat. Ich möchte nur ungern mit diesen Füßen zusammen schlafen.
Der Garten ist direkt mit dem Restaurant verbunden. Man konnte sich dort die gleichen Mahlzeiten servieren lassen wie im Restaurant. Während einige hier draußen in der Kühle des Abends aßen, nahmen andere nur vor dem Abendessen drinnen in dem harten elektrischen Licht ihre Drinks ein.
Wie es heute geläufig ist, standen auf der Speisekarte viele Gerichte, die man im Augenblick nicht bekommen konnte. Man könnte auch sagen, dass man diese Gerichte natürlich bekommen konnte, nur eben nicht an diesem Tag. In der Bar kaufte man seine Zigaretten und Trinkwaren außerhalb der Essenszeiten. Dass das weiße Publikum es vorzog, im Garten zu sitzen und sich Drinks oder Zigaretten von der Kellnerin bringen zu lassen, war in keiner Weise als Ausdruck der Überlegenheit der Weißen über die Nichtweißen zu verstehen. Es hing vielmehr mit ihrer Trägheit zusammen, gemischt mit einem gewissen Hang zum guten Leben. Manche Buren, die dorthin kamen, hatten Bäuche, gespannt wie trächtige Esel, sie zeigten, dass ihnen Drinks und Fleisch über alles gingen. Ihnen zusammen gehörte die Hälfte der Stadt. Sowohl das Hotel als auch die Bar.
Das Leben, das sich entfaltete, war das lokale Leben, obwohl schon hin und wieder Reisende kamen und sich in die Bar wagten. Das kam aber nicht so häufig vor. Es ist die einzige moderne europäische Bar in der ganzen Gegend, einmal abgesehen von den verschiedenen Shebeen, den kleinen Spelunken, für die jeder eine Lizenz beim Gemeindeamt erwerben konnte.
Dorthin gingen die Roten meistens. Unzählige aus unserem Volk haben den Grundstein für ihr Unglück in diesen Spelunken gelegt, in denen sie Kade getrunken haben, den billigen Schwarzgebrannten der Schwarzen, der oft mit gebrauchten Batterien aufgemotzt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Mit einer richtigen Bar mit angrenzendem Tanzlokal konnte nur das Hotel aufwarten. Die Räume ließen sich zu vielen Zwecken nutzen. Zu Discotanz und Wahlversammlungen. Die umherreisenden Missionare und Heiler konnten bei diesen Versammlungen neue Anhänger gewinnen. Viele aus unserem Volk ließen sich nicht von der Regierungspartei heranlocken. Ärzte mit einer fahrbaren Klinik kamen. Einige Ärzte kamen von weither aus Namibia.
Allmählich war es nicht mehr ungewöhnlich, einen von uns an der Bar stehen und sich ein Bier genehmigen zu sehen. Aus irgendeinem Grund trinken die meisten von uns Castle. Ich habe alle ausprobiert, alle Marken. Ich denke, sie schmecken gleich gut, wenn sie nur kalt sind. Im Moment trinke ich Lions. Noch immer wurde die Bar am häufigsten von den Schwarzen frequentiert.
Da waren ein paar, die einen gutgläubigen jungen Schwarzen aus Serowe am anderen Ende des Landes nach Ghanzi gelockt hatten, um dort ein Wochenende zu verbringen, indem sie ihn glauben gemacht hatten, dass Ghanzi der aufregendste Ort in Botswana war. Nie ist jemand so enttäuscht gewesen sowohl von seinen Freunden als auch von diesem Ort.
Es war das schlimmste Wochenende seines Lebens.
Glücklicherweise war er noch jung, sodass er bestimmt noch etwas erleben würde, das schlimmer war. Es war ein junger Minenarbeiter aus der zweitgrößten Stadt des Landes, der trocken hinter den Ohren wurde. Man kann sich gut das Gelächter vorstellen, das es später in der Serowebar gab, nachdem die Freunde den jungen Mann am Abend zum Bus nach Ghanzi gebracht hatten, wo das Hotel mit Bar und Garten lag. An beiden Orten wurden Geschichten erzählt. In der Bar hörte man mehr schwarze als weiße Geschichten, während für den Garten das Umgekehrte zutraf. Sie waren wohl gleich glaubwürdig, die Geschichten, die an der Bartheke erzählt wurden. Im Garten erzählte man sich zum Beispiel eine Geschichte wie die folgende:
Ein Prediger überredete viele wohlhabende weiße Farmer, nach Maun zu fahren. Einer Stadt am Fluss im Okavangodelta. Er wollte die Farmer und ihre Frauen noch einmal taufen. Er vertrat eine neue und bessere Variante des christlichen Glaubens. Doch wie es so oft der Fall war, die einzig wahre. Im Unterschied zu den paar anderen, zwischen denen man wählen konnte. Im nächsten Jahr vielleicht, wenn der Beitrag verfallen war, konnte man nach erneutem Nachdenken zu einem anderen Glauben wechseln. Vielleicht mit Nachhilfe eines eifrigen Verkäufers eines noch wahreren Glaubens. Ungeachtet dessen, dass alle Missionare betonten, dass ihr Glaube der einzig wahre war.
Gut, in diesem Fall war es eine Form, bei der der Auserwählte vollständig untergetaucht wurde.
In einem Hotel, das recht bequem an einem Arm des Flusses lag, der selbst in der Trockenzeit ausreichend Wasser führte, bot der Missionar die erstrebte Erlösung vom Tod feil. Das ewige Leben wartete auf der anderen Seite. Wenn nur der Glaube des Wiedergetauften glühend genug war.
Es kostete gar nichts. Natürlich musste man den Aufenthalt in dem Hotel und die Nahrungsaufnahme bezahlen. Aber darüber hinaus nichts. Die Erlösung kostete nur Taufe und beharrlichen Glauben.
An einem geeigneten Wochenende traf auch eine zahlreiche Menge Leute ein. Die Leute, bei denen es sich vorzugsweise um gut situierte weiße Farmer und ihre Frauen handelte, trafen strahlend vor frisch gewaschener Erwartung im Hotel ein. Eine Reihe kleiner Pavillons, in denen man wohnen konnte, gehörte zu der Anlage. Jeder Pavillon hatte zwei Zimmer. Es war ein Wochenende ohne minderjährige Kinder.
Hier konnten die Familien die weißen Gewänder anziehen, die nun einmal dazu gehören. Denn diese Kleider schwimmen so schön auf dem Wasser, wenn man getauft wird, dachten die Leute. Gleichzeitig waren die Untergetauchten so anständig bekleidet. Denn diese Buren und zugelaufenen Engländer waren schrecklich schamhaft, wollten aber unbedingt erlöst werden.
Wie gesagt, man begann mit der Taufe, die fast den ganzen Nachmittag dauerte. Es blieb gerade noch Zeit für einen Sundowner, den die Weißen inzwischen als lebensnotwendig ansahen, nicht nur bei einem Weekendaufenthalt im Delta.
Als alle ordentlich untergetaucht worden waren, standen die Leute klatschnass und getauft am Ufer – und erlöst. Das Ganze war so weit überstanden, als der Pfarrer die Leute bat sich auf dem Rasen zu versammeln, da er noch einige wichtige Worte sagen wollte. Es dauerte auch nicht lange, bis sie alle vor ihm zusammengelaufen waren, erfüllt von reinem Glauben, auch wenn das Flusswasser in den Gewändern nach etwas anderem roch.
Er sagte ihnen, dass sie sich waschen und trockene Kleider anziehen sollten, bevor man sich zu dem traditionellen Sonnenuntergangsdrink traf. Und dass nichts passender wäre, als mit dem Ablegen des nassen Taufkleides, das sie nie mehr tragen sollten, auch Abschied von ihrem alten Leben zu nehmen.
In Übereinstimmung mit ihrem neuen Leben sollten sie ihrem Ehepartner die Sünden ihres bisherigen Lebens beichten und sich im Vertrauen auf den neuen Glauben reinen Herzens vergeben. Bis zu dem Drink war noch ungefähr eine halbe Stunde Zeit. Und diese Zeit sollten sie zu diesem Reinigungsprozess nutzen. Mit folgenden Worten verabschiedete er die erlösten Versammelten in ihren nassen Kleidern:
»Geht jetzt zurück in eure Pavillons. Gesteht und vergebt, damit euer neues Leben im reinsten Geist zu Gottes Ehre beginnen kann.«
Gehorsam gingen die Leute zurück in ihre Pavillons. Wie es sich gehört, gestanden die Frauen zuerst. Es waren nur kleine Sünden, die sie begangen hatten. Hier und da eine kleine Unterschlagung, eine kleine Schummelei bei der Haushaltsabrechnung. Ach, das konnte man leicht vergeben.
Jetzt waren die Männer an der Reihe. Sie gestanden wesentlich schwerere Verfehlungen, zum Beispiel all die Male, die sie mit anderen Frauen geschlafen hatten. Mit weißen und schwarzen. Mit jungen Naro-Mädchen, die im Haus arbeiteten. Damals hatten sie das nicht so genau genommen, aber jetzt sollte Schluss damit sein. Es hatte ihnen ja nie etwas bedeutet. Das musste man doch verstehen.
Als der Augenblick des Geständnisses kam, erhob sich zur Verblüffung des Pfarrers aus allen Pavillons eine Wehklage der Frauen.
Zu dem erstrebten Drink kam tatsächlich niemand außer dem Pfarrer. Die meisten verließen stattdessen das Hotel, noch bevor es dunkel geworden war. Wie lange die Betreffenden Anhänger dieser Kirche blieben, weiß man nicht.
Aber das boshafte Wesen, das zum ersten Mal diese Geschichte erzählte, konnte abschließend berichten, dass die männlichen Unholde nach ihren Frauen herauskamen, mit roten Ohren und fleckigen Gesichtern wie Schuljungen, die erwischt worden waren, als sie ihre Finger tief im Honigglas hatten.
Solche Geschichten machten am häufigsten im Garten die Runde. Natürlich brachte hin und wieder der eine oder andere Buschmann sie mit nach Hause und konnte jetzt mit Nachdruck von der Torheit der Weißen erzählen, die vielleicht nicht unsere eigene übertraf, aber ihr doch ebenbürtig war.
Ich hörte diese Geschichte, während ich zwischen den Tischen im Halbdunkel im Gras saß, mich aber noch in Hörweite befand, da ich auf einer Farm arbeitete.
Lasst mich in diesem Zusammenhang gleich sagen, dass wir vielleicht auch nicht besser waren. Zu der Farm, auf der ich arbeitete, kam genau zu dieser Zeit ein Missionar von einer anderen Observanz, aber seine Ausgabe des Christentums war nicht weniger wahr.
Diese Geschichte wollte ich natürlich in der Bar erzählen:
Die Kirche des Predikanten hatte keine physische Form auf dieser Erde. Es gab kein bestimmtes Haus, in dem man sich versammeln und beten konnte. Der Pfarrer konnte in ein Haus wie meines oder in das eines Glaubensgenossen kommen und den Gottesdienst abhalten. Oder man traf sich in einer Gruppe, selbst draußen im Busch, und war dort mit Gott, Jesus oder wer nun immer zu diesem Glauben gehörte, zusammen. Nach seiner Lehre brauchte der Geist Gottes keinen bestimmten Ort, sondern nur ein paar Menschen, die versammelt waren. Vielleicht bestand ein Unterschied darin, dass dieser schwarze Pfarrer viel eher eine Amtsperson war als die weißen Pfarrer. Das hing jedoch wieder mehr mit der Zeit zusammen, die man in christlicher Gesellschaft verbracht hatte, als mit einem eigentlichen Unterschied zwischen Schwarzen und Weißen.
Um in seine Kirche zu kommen, war es wichtig, sich von seinem früheren Leben zu reinigen. Diese physische Reinigung bestand darin, dass er die Leute mit in den Busch zu einem kleinen Hügel nahm.
Dort befahl er den Leuten, ihre Hosen abzulegen, wenn sie welche anhatten. Sobald sie bereit waren, seine Ausgabe des Heiligen Geistes zu empfangen, machte er sich zu der physischen Reinigung bereit:
»Ich möchte, dass ihr einer nach dem anderen zu mir kommt und euer Hinterteil herausstreckt, damit ich euch in Gottes Namen reinigen kann.«
Sie mussten buchstäblich einer nach dem anderen zu ihm hinaufgehen und sich einen Einlauf göttlicher Größe verabreichen lassen. Er führte kurz und bündig eine Schlange aus weichem Gummi in die Ärsche der Betroffenen ein, segnete das Wasser und ließ das heilige Pumpenwasser in so reichlichen Mengen in den Darm laufen, dass er von allem Bösen gereinigt wurde.
Einige ließen sich dazu verleiten, denn wir sind sowohl praktische als auch vergeistigte Leute. Andere schüttelten den Kopf und bereiteten sich darauf vor, ihren entarteten Heidenstatus noch eine Weile beizubehalten.
Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie der wahre Glaube und die wahre Kirche sich nannten, aber es war bestimmt ein Glaube mit einem derben Humor, und ein Glaube mit Humor ist nicht zu verachten.
So eine Geschichte ließ viele, die sie hörten, nach einer weiteren Runde Bier verlangen. Man hätte Prozente aus dem zusätzlichen Bierverkauf gewinnen können. Nein, ich habe diesen Einlauf nie ausprobiert. Wie konntet ihr das nur glauben?
Die Geierkrieger
Der Vogel und die Hyäne
»Kanta, wolltest du nicht eine Geschichte erzählen? Wie ging es mit dem Jungen weiter?«
Kanta nickt, doch erst als er gesehen hat, dass Abel nichts mehr hinzuzufügen hat, fährt er mit seinem Bericht von dem Jungen fort, während er weiter an dem Speer arbeitet.
Während der Junge über die weite öde Ebene wanderte und der Himmel ihm noch größer vorkam, erinnerte er sich an all die Geschichten, die er gehört hatte, denn so fühlte er sich weniger einsam. Jedes Mal, wenn er ein Tier sah, überlegte er, ob es nicht eine Geschichte gab, die genau zu diesem Tier passte.
Sich selbst Geschichten zu erzählen bewirkte, dass er sich gewissermaßen mit den Tieren verwandt fühlte. Natürlich wusste er genau, dass es Tiere waren, aber einmal waren sie alle Menschen gewesen, die reden und auf die Jagd gehen, Häuser bauen, die Jagdbeute über dem Feuer braten konnten.
Es war an einem späten Nachmittag, als er den Elenstier oben auf dem Hügel stehen sah. Seine Zunge glitt wie ein hellblauer Lederrest über die Zähne hin und her, während er Blätter von einem Akazienbaum in sich hineinspachtelte. Er musste einfach an damals denken, als er durch den Pfeil der Hyäne, der ihn streifte, seinen schwarzen Streifen erhielt. Später, als der Elenstier in die stille Senke hinunterging, klickte es bei jedem Schritt, als flüsterte er die Geschichte vor sich hin. Kurz darauf verblasste das Licht, und er musste schnell das Feuer in Gang bringen.
Er erzählte diese Geschichte laut, damit er ihr zuhören konnte, während das Feuer sich in die Nacht hineinfraß:
Der Elenstier, der Gämsbock, der Kudu und der Springbock und die Kuhantilope, der Vogel nicht zu vergessen, sie waren auch dabei. Alle haben sie einmal die Hyäne besucht. Um einen Jagdausflug zu verabreden. Aber die Hyäne hatte eine heiratsfähige Tochter, die sie gerne loswerden wollte.
Der Elenstier sah gut aus mit seinem emporragenden schwarzen Horn und den strotzenden Muskeln und dem glatten Fell.
Gewiss, dachte die Hyäne. Wenn er sich mit meiner Tochter verheiratet, wäre das eine gute Partie.
Die Tochter wurde herausgeputzt und zurechtgemacht. Ihr Fell glänzte um die Wette mit den Augen, so schön wurde sie. Sie hätte nicht schöner sein können. Doch der Elenstier war nicht im Mindesten interessiert. Sie konnte sich schmücken so viel sie wollte, er beachtete sie kaum. Obwohl sie ihn die ganze Nacht mit ihrem schlanken Körper lockte, hatte er nur Lust zu schlafen.
Nach dem Abendessen legten sich alle Tiere schlafen. Der Elenstier legte sich in die Mitte, bestimmt um von dem lockenden Geschöpf in Ruhe gelassen zu werden. Ganz nah ans Feuer, um warm zu bleiben. Der Vogel schlief im Kreis der Tiere, aber oben auf einem überhängenden Ast. Aber ihr solltet ihn nicht vergessen.
Spät am Abend schlich die Hyäne sich zu den Tieren hinauf, um zu sehen, ob der Elenstier schlief.
Ich weiß nicht, welche Tricks die Hyäne ausprobieren wollte. Aber der Vogel auf dem Ast schlief nur mit einem geschlossenen Auge und entdeckte die Hyäne. Er schlug mit den Flügeln und stieß einen Schrei aus. Die Hyäne lachte entschuldigend und beeilte sich, fortzukommen.
In der Nacht versuchte sie sich noch einmal zu nähern, um zu sehen, ob der Elenstier schlief. Doch auch dieses Mal hatte sie den Vogel vergessen, der auf dem Ast saß. Er fuhr schnell hoch und schrie. So musste die Hyäne sich davonschleichen. Niemand wusste ja, worauf sie aus war.
Die Tiere waren sicher, dass die Hyäne sie töten wollte. Dass sie das beabsichtigte, weil der Elenstier sich nicht mit ihrer Tochter verheiraten wollte.
»Wir hätten sie nie besucht, wenn wir gewusst hätten, dass sie so rachsüchtig ist.«
»Schleichen wir uns morgen Nacht weg.«
Der Tag verging. Sowohl die Hyäne als auch die Tiere taten, als sei alles in Ordnung, und der Elenstier sah nicht einmal zu der Tochter hin.
Genau wie in der vergangenen Nacht legten sie sich schlafen. Der Vogel schlief mitten unter ihnen, aber auf einem Ast wie in der vorigen Nacht. Die Hyäne kam. Der Vogel wachte auf und schrie. Doch glücklicherweise schlief die Hyäne in der Nacht ein, sodass sie sich wegschleichen konnten.
Es war Winter.
Sie saßen dicht um das Feuer, um warm zu bleiben. Mitten in der Nacht kam der Vogel und sagte, dass die Hyäne jetzt schlief.
Endlich konnten sie in die kalte Dunkelheit hinausziehen. Sie hatten Lappen um die Pfoten des Elenstiers gebunden, damit man das harte Klicken nicht hören konnte, wenn sie sich wegschlichen. Es war so kalt, dass sie fünfmal in dieser Nacht ein Feuer anzünden mussten, um sich zu wärmen, bevor sie weitergingen.
Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch wachte die Hyäne auf und entdeckte bald, dass ihre Gäste fort waren. Sie beschloss, sie zu verfolgen, denn sie war eine durchtriebene Person. Sie sagte zu ihrer Tochter:
»Wenn Milch aus der Nase deiner kleinen Schwester läuft, weißt du, dass ich tot bin. Aber wenn ein kalter Wind von Osten kommt, habe ich einen von ihnen getötet.«
Nach diesen Worten ging sie los, um ihre argwöhnischen Gäste zu suchen.
Die Hyäne kam zu dem ersten Feuer und streckte ihr Bein in die Asche. Sie war ganz kalt. So ging sie weiter und kam zum nächsten Feuer. Vorsichtig streckte sie ihr Bein in die kalte Asche. An allen fünf erloschenen Feuern suchte sie vergeblich Wärme. Aber als sie zu der sechsten Feuerstatt kam, verbrannte sie sich die Pfoten in der Glut, da sie vergessen hatte, vorsichtig zu sein. Oh, sie hüpfte und sprang. Sie heulte und schrie. Und rieb sich die übel zugerichteten Stummel mit Grashalmen, die kalt von der Winterkälte waren. Aber es half nicht.
Seit diesem Wintermorgen hat die Hyäne schiefe, verbrannt aussehende Beine. Aber noch gab sie nicht auf. Sie musste bereits nahe an die flüchtenden Tiere herangekommen sein. Verbissen humpelte sie ihnen hinterher.
Später am Tag wurde es jedoch warm. Der Elenstier suchte Schatten, und die anderen Tiere versuchten ihn gegen die Sonne abzuschirmen. Der Vogel flog hoch oben über ihm her und spendete ihm mit seinen Flügeln etwas Schatten. Während er den Elenstier auf diese Weise begleitete, sah er die Hyäne. Sie war ihnen so nahe gekommen, dass sie mit gespanntem Bogen dastand und auf den Elenstier schoss. Mit einem hohen Schrei schoss der Vogel herunter und schlug mit den Flügeln aus, dass der Pfeil sein Ziel verfehlte und nur das Knie des Elenstiers streifte. Doch der Vogel sagte zu den anderen:
»Sucht ihr nur nach der Medizin, die wir brauchen, damit die Wunde heilt, ich kümmere mich um die Hyäne.«
Der Vogel flog zu der Hyäne:
»Jetzt hast du meinen Elenstier getötet, meinen Wächter. Jetzt müssen wir miteinander kämpfen. Du kannst auf mich schießen statt auf ihn.«
Schon seit der ersten Nacht hatte die Hyäne den garstigen Vogel gehasst, der ihr die ganze Zeit mit seinen Schreien und seinem Flügelschlagen in die Quere gekommen war.
»Okay«, sagte sie und machte sich bereit.
»Schieß«, schrie der Vogel. Die Hyäne schoss und schoss. Sie verbrauchte all ihre Pfeile, ohne ihn ein einziges Mal zu treffen. Der Vogel fing alle Pfeile mit seinen Federn auf. »Jetzt bin ich an der Reihe«, schrie der Vogel mit seiner rauen Stimme. Dann schoss er die Hyäne direkt in die Kehle, sodass sie auf der Stelle umfiel und starb. Sofort trat Milch aus der Nase der Jüngsten, und die Tochter schrie:
»Jetzt ist Vater tot!«
Damit endet die Geschichte.
Und ich weiß nicht einmal, wie der Vogel hieß.
Der Junge aber rollte sich am Feuer zusammen und schlief ein, während er über die rachsüchtige Hyäne mit der wimmernden Tochter in sich hineinlachte. Das war die erste Nacht, in der er ohne aufzuwachen schlief, bis die Sonne durch seine Augenlider guckte und ihn weckte.
Wie es ist, eine Maschine zu sein
Seit dem Morgen im Nebel, als alle zu nichts gemacht wurden, hatte er dieses Gefühl in sich gehabt. Nie verließ es ihn richtig, unabhängig wie alt er wurde und wie viel er lernte.
Das Gefühl, dass alles mechanisch war, dass es eine Art Zug gab wie bei den Puppen mit Schnüren und Lederscharnieren. Jedes Tier, jeder Mensch war so aufgebaut. Irgendwie bewegte sich alles, was man lebendig nennen konnte, nur, weil ihm eine Art Batterie eingebaut war. Wenn sie stehen blieb, passierte nichts mehr. Als sein Onkel in den Minen gearbeitet hatte, hatte er ein Radio mit nach Hause gebracht. Es lief mit Batterien, und wenn sie aufgebraucht waren, spielte das Radio nicht mehr.
An diesem Morgen wurde ihm klar, dass er bereits tot war. Er war nichts anderes als ein cleveres elektrisches Werkzeug, das seine Batterien durch Essen und Trinken wieder auflud. Wenn die Batterie leer war, konnte man nichts mehr damit anfangen, und die einzelnen mechanischen Teile verschwanden nach und nach, indem sie Duft und Gas an andere Maschinen abgaben.
Oft weinte er darüber, dass das so war und dass er niemanden hatte, mit dem er darüber sprechen konnte.
Eine Maschine kann nicht existieren. Sie kann sich nicht spüren.
Sieh das Auto hier, zusammengesetzt aus Metalldrähten und dem langen Steuerhebel, die Räder drehen sich, du hast es gebaut, nicht wahr? Glaubst du, es kann fühlen, dass es ein Auto ist? Wer weiß?
So gingen ihm die Gedanken durch den Kopf. In Wirklichkeit war er nicht besser als ein Stein. Es machte ihm Angst, dass nicht mehr Leben in ihm war. Kurz darauf fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, warum er sich anmaßte zu glauben, er sei besser als ein Stein. Wusste er vielleicht, wie ein Stein sich fühlte? Das war kurz bevor er den Stein streichelte, weil er so schlecht von ihm gedacht hatte.
Er kannte ja nur das, was er gesehen hatte. Vielleicht hatte er sich nur eingebildet, dass die Geierkrieger morgens, als er pinkeln musste, gekommen waren und alle außer ihm getötet hatten, weil es so neblig war. Wie sollte er daran festhalten? Er hatte ja das Blut gesehen und die offen stehenden toten Münder, die Arme, die in die Luft und die Stille stachen.
Diese Stille, die herrschen kann, während man träumt und an einem Ort ist, von dem man nicht wegkommen kann, selbst wenn man es gerne möchte. Genau das hatte er ja getan, er war weggegangen. Nicht ein einziges Mal hatte er Ernst damit gemacht zurückzugehen. Daran gedacht hatte er natürlich viele Male.
Wie er zurückkam und sie fest schlafend vorfand, mit zischend in die Lungen hinein- und wieder hinausgehendem Atem. Einige schnarchend, andere, seine kleine Schwester, so leicht atmend, dass man es nur hören konnte, wenn man das Ohr ganz dicht an Nase und Mund hielt.
Und die Gestalten im Nebel waren nichts als Traumgebilde. Ja, er hatte gehofft, dass alles nur ein Traum gewesen war, aus dem er wieder aufwachen würde. Aber er ist nie aufgewacht. Vielleicht hatten sie ihn auch getötet, und er wusste es nur nicht. Er befand sich in einem Traum, während sie ihn töteten, und in diesem Traum haute er ab.
Nach und nach, als die Zeit verging, kam er mit sich selbst überein, dass ein Traum nicht so lange dauern konnte. Es sei denn, er träumte ihn ständig. Warum sollte er nicht ein ganzes Leben in einem Traum leben können? Und jäh an einem Morgen aufwachen, an dem seine Mutter ihn weckte und Vater, Geschwister, Großmutter und Großvater saßen am Feuer und aßen ihr Frühstück und tranken stark gezuckerten Tee. Und alles Leben, das es in der Siedlung gab, während die Leute das Feuer in Gang hielten und mit Töpfen und Deckeln lärmten, bestand aus Lachen und Husten, Geschichten und Spucke, Tabakgeruch und Kindern, die lachten und schwatzten.
Ja, in so einen Morgen würde er gerne aufwachen, und sein Vater würde sich umdrehen und ihn anlachen:
»Wir haben dich schlafen gelassen, so lange du wolltest.« Aber er konnte nicht aufwachen.
In der ersten Nacht hatte er gedacht, jetzt schlafe ich und dann wache ich wieder auf, und alles ist wieder an seinem Platz.
Aber da waren der Nebel und die in Federn gekleideten Krieger, daran konnte er sich erinnern. Und an ihre Arme mit Federn, während sie ihre Waffen schwangen, ihre Messer, die nicht blitzten, weil es neblig war. Das Licht war noch nicht hell genug, dass ein Messer blinken konnte. Da war kein Laut, er konnte nichts hören. Konnte nur die Krieger sehen, während sie sich lautlos bewegten und ihre Pflicht taten, denn genauso wirkte es. Eine Pflicht, die ihnen auferlegt worden war, aber hören konnte er sie nicht. Und doch hätte da ein Laut sein müssen, nur durch das eifrige Summen in seinem Kopf konnte er ihn nicht hören. Trotzdem war da dieser hohe Schrei gewesen, der ihn noch viele Tage verfolgte.
Er dachte nicht unablässig daran, doch mit der Zeit wurden es viele Male. Besonders wenn er über etwas nachdachte, spürte er es, dieses Gefühl, eine Maschine zu sein. Oder dieses Gefühl, nicht lebendig zu sein.
Die Entdeckung
Schon mit dem ersten Streifen Licht kündigte sich ein besonderer Tag an.
Er konnte das fühlen. Als er die Augen aufschlug, war es kühl gewesen wie an einem kalten Wintermorgen, und er machte schnell Feuer. Glücklicherweise fand er Reste noch glühender Glut, sodass er nicht ganz von vorn anfangen und Holz hacken musste. Davon wäre ihm auch warm geworden, dachte er, als er die Glut fand, das musste doch Glück bringen. Also saß er da und ließ sich durchwärmen.
Trübes Wetter, die verschiedenen Grautöne der Wolken verschwammen fast zu einem Ton, und kein Wind. Aber es war kühl. Fast alle waren still, Vögel, Insekten, alle warteten sie auf die Wärme. Dann kam er. Ein Blitz. Krach. Ein Donnerschlag gefolgt von einem Grollen, das den ganzen Vormittag wie ein tiefer Ton über allem hing. Er konnte ihn fast nicht hören, vernahm ihn aber trotzdem während des Gehens wie einen Widerhall im Brustkasten. Erst als in der Mitte des Tages die Sonne durch die Wolkenschicht brach, konnte er den Laut nicht mehr spüren. Das tiefe Dröhnen war nicht länger zu hören. Während des ganzen Weges hatte er darauf gewartet, dass es anfangen würde zu regnen. Nur ein paar zusätzliche Donnerschläge oder ein kurzes Grollen.
Aber an diesem Tag kam nichts mehr vom Himmel herunter. Ein lauter Knall. Und danach das tiefe, anhaltende Dröhnen. Noch nie hatte er so etwas erlebt. Er war sicher, dass dies ein magischer Moment war.
Trotzdem fiel es ihm nicht leicht zu entscheiden, welchen Weg er einschlagen sollte, da die Sonne Schwierigkeiten hatte durchzubrechen. Ihm kamen Zweifel, ob es richtig war, die ganze Zeit in die Richtung zu gehen, in der die Sonne unterging. Es machte wohl nichts, wenn er an einem einzigen Tag die andere Richtung einschlug. Der Donner erlaubte es ihm.
An diesem Tag passierte es: Wieder begegnete er Menschen.
Die Frauen kamen des Weges. Schon auf weite Entfernung hörte er ihre Stimmen, die singend alle wissen ließen, dass sie da waren. Zuerst traute er seinen eigenen Ohren nicht. Dieses Lied, das seit seiner Geburt in seinem Körper gelegen hatte, gesungen von den Stimmen seiner Mutter und seiner Großmutter, hörte er seit jenem Morgen das erste Mal. Ein Gesang wie ein Ruf, der die anderen immer wissen ließ, wo man gerade war. Wortlos und trotzdem voller Mitteilungen.
Ein Rufen, das wir, die wir auf den großen Ebenen leben, als Sicherheit gegen Einsamkeit und Verlassenheit kennen. Leute, die es plötzlich hören, können mit derselben Melodie antworten. Man kann es singen, egal ob man alleine oder mit anderen zusammen ist.
Er sah, wie sie langsam zum Vorschein kamen, wie sie mit Grabstock und Umhängebeutel über das Feld kamen. Hin und wieder beugte eine der Frauen sich hinunter und sammelte eine Melone oder eine Wurzelfrucht auf. Die ganze Zeit ging der Gesang zwischen den drei Frauen in einer Art Frage und Antwort hin und her. Er starrte sie mit offenem Mund an, wie sie sich näher auf ihn zubewegten. Er war vollkommen betäubt oder gelähmt von der Gewissheit, dass er nie von den drei Früchte sammelnden Frauen gefunden worden wäre, wenn er an diesem Morgen seinen gewohnten Weg beibehalten hätte.
Er konnte sich auch nicht entscheiden, ob er weglaufen oder sich zu erkennen geben sollte. Ihm war sehr wohl klar, dass er nicht mehr weglaufen konnte, wenn sich erst alle drei um ihn herumgestellt hatten.
Aber plötzlich waren sie da, bei ihm.
»Wo kommst du her?«
»Du kannst doch noch nicht alt sein.«
»Bist du allein?« Er antwortete ihnen mit keinem Wort. Er schwieg und sah zu Boden.
»Sag uns doch, wo du sie versteckt hast, die Alten!«
»Lasst ihn doch erst einmal zu Atem kommen.«
Die ganze Zeit beobachteten seine Augen einen Mistkäfer, wie er seine Kugel über ein Hindernis nach dem anderen rollte. Ein Zweig, ein Grasbüschel, ein Stöckchen. Er guckte so starr darauf, dass er die Farbe veränderte. Er wurde dunkelgrün, dunkelgrau, schwarzblau, wie eine kleine Gewitterwolke. Die Stimmen schwirrten um ihn herum, und er wagte nicht zu antworten. Nach und nach wurden die Worte weniger. Die Frauen mussten ihn ansehen, um herauszufinden, ob er noch immer dadrinnen in seinem Körper war, den sie deutlich sahen. Schließlich fasste eine der Frauen ihn an.
»Kannst du nicht sprechen?«
Sie schüttelte seinen Arm, aber so leicht, als wäre er ein Geist. Jetzt wurde es sehr schwer, dem Mistkäfer mit den Augen zu folgen und so zu tun, als sei nichts. Aber er hatte sich überhaupt nicht vorgestellt, dass er die Augen schließen würde. Das überraschte ihn genauso wie die Frauen.
»Jetzt hat er die Augen geschlossen.«
»Wenn er nur nicht auch die Ohren geschlossen hat, ist es gut.«
Die Frau fasste ihn am Kinn und beugte sich hinunter, dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte. Ihm in die Augen sehen konnte, falls er sie aufschlug. Es waren viele Tage vergangen, seit ihn jemand angefasst hatte. Bei der Berührung erschauerte er, und die Frau ließ ihn los, nachdem sie ihm den Rücken gerieben hatte.
»Vielleicht kann er nicht sprechen.«
Er hatte selbst das Gefühl, dass nur ein paar halberstickte Laute aus ihm herauskommen würden. Nur ein paar seltsame Krächzlaute. Vielleicht würde er nie mehr sprechen können, auch wenn er die Worte gut verstand. Einige Worte betonten sie ein bisschen zu sehr. Dafür konnten sie natürlich nichts. Vielleicht hatte er trotzdem die Worte vergessen.
Als die Frau, die ihm den Rücken gerieben hatte, zurückgegangen war, um ihre kawaa zu holen, eine Lederdecke, öffnete er die Augen und sah zu Boden. Während sie die Enden zusammenknotete, um sie mit allen Sachen, die sie gesammelt hatte, wie eine Tasche über der Schulter zu tragen, starrte er weiter auf den Boden. Der Sand war ja da. Rot und lehmig leuchtete er zwischen den Grashalmen. Die andere Frau kam zu ihm. Ihr war das Ganze offensichtlich gleichgültig. Sie umarmte ihn und drückte ihn an sich, dass er ihren warmen Körper überall, wo er an seinen gepresst war, mit seiner ganzen Haut spüren konnte. Sie hielt ihn so lange fest, dass er Atem holen musste. Denn das hatte er auch zu verbergen gesucht. Dass er atmete.
»Weißt du was?«, sagte sie. Er konnte merken, wie ihr Flüstern wie ein kleiner Windstoß über seinen Körper fuhr.
»Du musst nichts sagen, und es macht auch nichts, wenn du nicht sprechen kannst. Komm einfach mit uns mit. Dann können wir immer sehen, was passiert. Ich heiße Qose. Und das ist Duitwé. Und da drüben geht Mamasa.«
Die Frau, die Duitwé hieß, sah erheblich älter aus als die beiden anderen. Sie lachte viel, und das Lachen endete meistens in einem starken Husten.
Die drei Frauen suchten weiter nach zarten Wurzeln, Melonen und Brennholz, das sie, wenn ihre Arme voll waren, in ihren kawaas unterbrachten. Er ging mit ihnen, langsam, dass er immer der Letzte war. Nach und nach gewöhnte er sich daran, dass sie sich nach ihm umdrehten, um sich zu versichern, dass er ihnen folgte. Sie streiften ihn mit ihren Blicken, als wäre er ein weiterer Busch in der Landschaft. Er sollte ja nicht glauben, dass er etwas Besonderes war.
Wenn er richtig darüber nachdachte, brauchte er eigentlich nicht länger stumm zu sein. Ja, er war stumm gewesen, verschämt, wie es sich Fremden gegenüber gehört. Aber er wusste auch nicht, ob er nach den stummen Tagen nicht stumm geworden war. Nein, Unsinn, er hatte ja zwischendurch immer wieder gesungen. Aber nicht vor kurzem, vielleicht war es gestern oder vorgestern gewesen. Daran konnte er sich nicht genau erinnern. Jedenfalls war etwas mit Regen gewesen. Er wusste genau, dass es lange dauerte, bis der Regen wieder kam. Erst mussten die Rosinenbeeren reifen.
Aber er überlegte auch, ob er immer im Kreis gegangen war, sodass er in Wirklichkeit nicht so weit Richtung Westen gekommen war, wie er geglaubt hatte. Und wenn sie erst erfuhren, wer er war, würde er schnell von jemandem aus seiner Verwandtschaft wieder erkannt werden. Ja, vielleicht wussten sie, dass seine Familie von den Geierkriegern getötet worden war. Es war wohl das Beste, weiter zu schweigen. Er versuchte in die hohle Hand zu flüstern. Es gelang ihm gut. In Wirklichkeit konnte er gut sprechen. Er brauchte keine Angst haben, die Stimme verloren zu haben.
Die Frau, die ihn zuvor umarmt hatte, kam zu ihm und sagte:
»Du brauchst dich nur an mich zu halten, wenn wir nach Hause kommen. Dann hast du einen Platz, wo du bleiben kannst.«
Am späten Nachmittag, als die Schatten schon über den Bäumen lagen, machten sich die Frauen auf den Heimweg. Aus Müdigkeit waren sie lange geblieben, obwohl die Sonne am Mittag durchgebrochen war. Die Kühle breitete sich in der Luft aus. Einzelne Fledermäuse stießen ihre Laute aus wie Steine, die über das Wasser geworfen wurden.
Einmal kam Duitwé zu ihm, nahm ihn an den Händen und sah ihm lange in die Augen. Dann seufzte sie und ließ ihn gehen.
Die Sonne war so spät gekommen, dass es fast wie eine Absprache wirkte, die unabhängig davon, wie unerfreulich das sein mochte, eingehalten wurde. Das Licht, das von der Sonne kam, war so länglich und halbherzig, dass er gezweifelt hätte, dass die Sonne da war, hätte er sie nicht gesehen. Man konnte es nur als angenehm ansehen, dass den ganzen Tag dieses seltsam trübe Wetter herrschte, das sich nicht entschließen konnte zu regnen. Jetzt wusste er, dass er sicher sein konnte, abends etwas zu essen zu bekommen, das nicht von ihm selbst zubereitet worden war. Dass er zusammen mit anderen Menschen einschlafen würde, die lebend neben ihm liegen würden. Zum ersten Mal innerhalb einer Zeitperiode, deren Länge er nicht kannte, würde er menschliche Schlaflaute hören und nicht alleine sein. Aber gleichzeitig war da ein Morgen, in den zu erwachen er sich fürchtete, weil er das letzte Mal, als er zusammen mit andern geschlafen hatte, den Tod gebracht hatte.
Er beschloss, nicht zu schlafen. Er wollte sich wach halten, bis aus dem Tagesanbruch ein Morgen geworden war und er sehen konnte, dass die Sonne aufging. Während der Nacht würde er trotzdem einschlafen. Das wusste er genau. Er würde alle Laute deutlich hören, und sie würden wie ein schwaches Klicken in seine Ohren eindringen. Die Laute würden weniger werden. Der Himmel würde tief und dunkelblau direkt über ihm schweben. Er würde die Sterne so klar sehen, als würden sie zu ihm hinunterkommen.
Er würde sich nicht länger darüber wundern, dass Gxwma die Knochen des ersten Elenstiers schließlich hoch in den Himmel geworfen hatte, wo sie wie Sterne glänzten und funkelten. Das Rückgrat hatte er im Handumdrehen hoch in den Himmel geschleudert, dass es ihn oben tragen und im Zaum halten konnte, sodass die Sonne jeden Tag Platz zum Scheinen hatte. Jetzt, wo Gxwma sie hatte hervorkommen lassen, damit die Jungen nicht sofort vergaßen, wie böse er darüber geworden war, dass sie den Elenstier getötet hatten.
Er würde die Sterne aus der Nähe sehen. Wie sie die Nacht dort oben trugen. Würde die Decke fester um sich ziehen. Die erste Decke, die er besaß, seit jenem Morgen. Dann würde er einschlafen.
Plötzlich merkte er, dass die drei Frauen dichter neben ihm gingen als vorher. Sie waren jetzt nahe an der Siedlung. Es war Zeit abzuhauen, wenn er das wollte. Trotzdem, der Gedanke, mit anderen zusammen zu schlafen. Richtiges Essen zu bekommen, das erwachsene Frauen zubereitet hatten. Nein, jetzt wollte er es versuchen. Doch wenn ihm auch nur etwas merkwürdig vorkäme, würde er verschwinden. So unmerklich unter der Decke hindurchsickern, wie ein Skorpion sich darunter schleichen kann, doch diesmal würde er dafür sorgen, dass er eine Waffe und eine Decke mitnahm.
Jetzt, wo er hinter den Frauen herstapfte, konnten sie nicht erraten, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen. Sie taten, als sei alles in Ordnung. Als müsste er selber wissen, ob er mit ihnen mitgehen wollte oder nicht.
Die Ankunft
Während er halbherzig den drei Frauen folgte, die, obwohl sie auf dem Heimweg waren, noch immer nach Früchten und Gemüse Ausschau hielten, das sie sammeln konnten, und die unaufhörlich Äste fanden, die sie als Brennholz gebrauchen konnten, sah er plötzlich einen großen Vogel vom Boden auffliegen. Er flog direkt über ihn, als wäre er ein Hausdach.
Er konnte nur sehen, dass er groß und dunkelbraun war. Er war sicher, dass es ein Adler gewesen sein musste, der irgendeine Beute verzehrte, die unten im Gras lag. Eine Schlange, einen Nager. Ja, er hatte kaum Zeit, ihn zu sehen, bevor er plötzlich über ihn flog. Einen Augenblick stand er mit ausgebreiteten Flügeln vor ihm in der Luft. Die äußersten Federn funkelten in der Luft, als wären sie ausgebreitete Finger. Und dann flog er so dicht über ihn, als wäre er ein Hausdach. Eine der Frauen schrie:
»Er verwandelt sich in einen Vogel!«
Doch als der Vogel weggeflogen war, stand er noch immer da und blinzelte, als hätte er nicht verstanden, was passiert war. Und die ganze Zeit hielt er das Gesicht der Sonne zugewandt. Vielleicht hatte er deshalb den Vogel nicht gesehen, bevor er direkt über ihm flog.
Es lag auch nichts im Gras, was ihn hätte überzeugen können, dass er ihn von einer Beute aufgeschreckt hatte. Er guckte weiter ins Gras und zwischen die Grashalme, um zu sehen, ob sich dort nicht eine gehäutete Schlange befand. Ein Nager, dessen Hirn durchbohrt war. Aber da war nichts. Nicht einmal aufgewühlter Sand, der darauf schließen ließ, dass dort ein Kampf stattgefunden hatte.
Die andere Frau kam zu ihm, als wollte sie genauer nachsehen, und antwortete, aus vollem Hals lachend:
»Er steht doch noch immer hier. Er sieht ein bisschen kleinlaut aus. Willst du gar nichts sagen?«, fragte sie ihn, während er wieder den Kopf hängen ließ.
Die beiden anderen Frauen bedeuteten ihr zu schweigen. Sie waren sichtbar verunsichert über die Sache mit dem Vogel.
»Siehst du nicht, dass zwischen ihm und dem Vogel irgendetwas ist!«
Hätte er wie ein Regentropfen im Sand versickern können, er hätte es auf der Stelle getan.
Es war deutlich, dass sie Interesse an ihm hatte. Und er mochte ihre nüchterne Art, sich über alles lustig zu machen. Aber gleichzeitig hatte er keine Zweifel, dass er, sollte es ihm nicht gelingen abzuhauen, dafür sorgen musste, bei ihr zu sein, die geglaubt hatte, er würde sich in einen Vogel verwandeln.
Wenn ich sage, wenn es ihm gelingen sollte abzuhauen, geschieht das deshalb, weil er die ganze Zeit das sonderbare Gefühl hatte, noch weiterkommen zu müssen. Andererseits spürte er gleichzeitig das heftige Verlangen, sich von ein paar warmen Armen umschlingen zu lassen und die Wärme eines anderen menschlichen Körpers zu fühlen. Es war nicht so sehr die Tatsache, dass sie geglaubt hatte, er würde sich in einen Vogel verwandeln, als die, dass sie ihn umarmt hatte. Dass er zum ersten Mal seit langer Zeit umarmt worden war und ihren Körper und ihre Wärme gespürt hatte, die in sein Blut ausgestrahlt hatte. Sie hatte ihn nicht weiter geneckt, um ihn zum Sprechen zu bewegen. Nur gesagt, dass er bei ihr sein konnte, wenn er wollte.
Das Licht war noch schwächer geworden. Aus dem Nachmittag würde bald Abend werden. Die dritte Frau sagte, dass sie jetzt sehen mussten, nach Hause zu kommen und zu kochen, bevor die Sonne unterging. Er konnte nicht länger abhauen. Wäre der Vogel nicht über ihn hinweggeflogen, hätte er genauso leise wie eine Natter durch das Gras weggleiten können. Und den drei Frauen wäre es nie gelungen, ihn zu finden, egal, wie lange sie nach ihm gesucht hätten. Das wusste er. Aber jetzt war klar, dass sie jede seiner Bewegungen beobachteten und ihn nicht abhauen lassen würden. Später würde er sich immer sagen können, dass es nicht seine Idee gewesen war. Es waren die drei Frauen, die ihn irgendwie gezwungen hatten, ihnen zu folgen.
Mittlerweile waren sie ganz nah an der Siedlung. Mehrere Kinder kamen ihnen auf Eselsrücken entgegen. Manche kamen direkt auf ihn zu und riefen:
»Wer bist du denn?«
Bevor er noch den Mund öffnen konnte, hatte die Frau von vorher für ihn geantwortet:
»Er ist ein Vogeljunges, das wir im Gras gefunden haben, deshalb kann er nicht sprechen.«
Als sie allmählich näher kamen, entspannte er sich und hörte auf darüber nachzudenken, ob er abhauen konnte. Jetzt ging er einfach mit ihnen mit. Hielt sich dicht an die Frau, die ihn umarmt hatte. Während er noch immer die Augen auf den Boden gerichtet hielt, damit niemand seinen Blick einfangen konnte.
»Wen bringst du da mit?«, kamen Rufe, als sie die Siedlung erreichten.
Die Frau lachte und winkte mit den Armen, während sie kurz und präzise antwortete:
»Wir haben ihn gefunden.«
Oder:
»Er lag mitten in den Büschen und schien allein zu sein, deshalb haben wir ihn mit nach Hause genommen.«
Solange er die Augen auf den Boden gerichtet hielt, fragte ihn niemand. Aber er ging hinter ihr her, seine eigene Schamhaftigkeit und Höflichkeit machten es ihm unmöglich, mehr als ihre Fersen und Unterschenkel anzusehen, die sich bei jedem Schritt hoben und wieder senkten, als wären sie Teil eines langsamen rhythmischen Tanzes.
Plötzlich war da ein Mädchen, das sich vor ihm hinfallen ließ und ihm direkt ins Gesicht sah. Als sie seinen Blick eingefangen hatte, weil er nicht aufhören konnte zu gucken, lachte sie so herzlich, als klirrten Schellen. Dann rollte sie sich sofort weg. Aber ihr Gesicht blieb in seiner Erinnerung haften. Solange er leben würde, würde er ihren Anblick nie vergessen. Das krause, kurz geschnittene Haar, das wie eine zusätzliche Schicht auf ihrer Kopfhaut lag. Ihr Gesicht mit den schrägen Augen, die die Weichheit der Antilopen hatten, und ihre gerade, aber kurze Tiernase. Das Leuchten der Zähne, die von dem Lachen sprühten, das aus ihrem Mund brodelte. Dieser Laut blieb in seinen Ohren hängen und verließ ihn erst sehr viel später wieder. Als wüsste sie bereits mehr von ihm, als ihm lieb war, dass irgendjemand wusste.
Trotzdem stapfte er weiter hinter der Frau her, als hätte er nichts bemerkt. Alle Zurufe der Kinder beantwortete er mit gebeugtem Kopf, als sei er taub und ohne Worte.
Ehéh.
Die Wildhüter errichten Zäune
NxauNxau erzählt
Vor kurzem, vielleicht im letzten Jahr, kamen Wildhüter mit Zäunen, die oben mit Stacheldraht gesichert waren, und errichteten eine Einzäunung mitten auf dem Marktplatz. Sie bauten sich eine Art Stadt mitten in der Stadt.
Sie lag mitten auf dem Markt- oder Versammlungsplatz und verhinderte wirkungsvoll, dass das Volk sich traf.
Da lag die alte Siegois Freiluftbäckerei, zu der er und seine Frau jeden Tag große Eimer mit Teig geschleppt hatten. Unvergorenes Brot war eine große Neuheit, aber dafür schmeckte es gut. Solches Brot hatten die Leute noch nie gegessen, hatten keinen Bedarf daran gehabt, da sie Melonen und andere Früchte hatten, aber sie mochten den Geschmack.
Hier trafen sich die Verliebten und redeten miteinander, saßen auf einem der alten Zementklötze, die gegenüber den Rohren lagen, die das Wasser von dem Pumploch hoch zu den Wasserabfüllplätzen führten. Hier ritten die kleinen Jungen um die Wette auf Junghengsten, Eseln, dass eine Staubwolke hinter ihnen herzog. Einen Augenblick, der wie ein Flügelschlag kam, mit Johlen und Rufen. Einen Windstoß später waren sie verschwunden.
Die Frauen saßen und warteten, um in das Krankenhaus zu kommen. Da stand ein riesengroßer Baum, der über den Platz ragte und den Gesprächen Schatten spendete, die geführt wurden, nachdem die Leute im Krankenhaus gewesen waren. Die Bronchitis, die Tuberkulose, die Rachenentzündung, die Ohrenentzündung. Die Unterernährung der kleinen Kinder. Alles eignete sich als Gesprächsthema unter diesem Baum. Die Männer saßen in anderen Gruppen zusammen. Nur bei den Jungen vermischten sich die Gesichter.
All das musste weichen, als sie mit ihren großen Lastwagen kamen, denn jetzt sollte das Wildgesetz streng gehandhabt werden.
Und da oben liegt das Pumpwerk, dessen Kolben unablässig den Druck in den Leben spendenden Wasserhähnen aufrecht halten. Die Kgotla, wo alle Treffen abgehalten werden können. Weiter den Hang hinauf auf der gegenüberliegenden Seite steht der Peitschenbaum, in dessen Nähe sich niemand aufhalten mag. Dort hätten sie gut ihr Lager aufschlagen können.
Einige der Alten hielten es für übertrieben. Die Wildhüter haben das Gesetz doch immer streng gehandhabt, seit sie hierher gekommen sind. Die Alten können stehenden Fußes mindestens drei Zwischenfälle nennen, bei denen ein Jäger von Wildhütern geschnappt und auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden ist, damit die Knochen nicht länger auffindbar waren. Nun ja, Recht soll Recht bleiben. Zuerst haben sie sie totgeschlagen. Nein, sie haben sie nicht lebendig verbrannt. So etwas hatte man noch nie gehört. Einige der Alten konnten von lange zurückliegenden Vorfällen berichten, sodass man nicht wusste, ob die Berichte richtig oder nur fast richtig waren, und manchmal legten sie einen auch herein und sagten genau das, was man gerne hören wollte.
So entging man weiterem Geschwätz.
Man konnte sie immer dazu überreden, von den sich wandelnden Zeiten zu erzählen.
»Zur Zeit meiner Mutter. Als meine Großmutter noch ein Kind war …«
Und die alte Frau zeigte in die Richtung, in der die Geschichte stattgefunden hatte. Der gekrümmte Arm, mit dem sie zeigte, ähnelte mit seiner runzligen Haut und ihren Falten, tief wie Flussbetten, einer Landkarte der zeitlichen Veränderungen eines Menschenlebens. Hier sah man die Trockenzeit, bevor das Bohrloch da war. Die Trockenzeit, als das Bohrloch die Menschen vor dem Tod rettete, und die Trockenzeit, nachdem Schule und Klinik gebaut worden waren.
So erzählte sie, wenn man wissen wollte, wie die Menschen litten und überlebten und starben.
Wenn man alles auf einen Zeitrahmen spannte und ihn sich schnell bewegen ließ, würden die Menschen wie Ameisen zwischen einer süßen Wabe und ihrem Hügel hin und her schwirren.
So werden eure Hoffnungen auf ein freies Leben und die Lust der anderen, über euer Leben zu bestimmen, nie auf die Weise übereinstimmen, die ihr für die einzig richtige haltet. Es wird ständig welche geben, die glauben, es besser zu wissen. Immer. In alle Ewigkeit.
Die Wanderung
Der singende Sand
Duitwé erzählt weiter:
Seit alten Zeiten lag die rote Düne da, von der ich erzählt habe. Aber hinter ihr erhoben sich gelbe Dünen in mehreren Reihen. Die Unterirdischen hielten sich dort an einem Ort zusammen mit all denen auf, die erst vor kurzem gestorben waren. Zu bestimmten Zeiten sangen sie, dass es klang, als würde ein großes Wesen jammern.
Mehrere Tage hatte er nach dieser Düne gesucht, denn sie sollte heilende Kräfte haben. Er glaubte wohl, dass die Düne ihm seine Toten lebend zurückgeben würde. Er glaubte auch, dass, würde er nur aufmerksam genug zuhören, ihm die singende Düne erzählen würde, was er tun musste, damit das geschehen konnte.
In einer Nacht kurz nach dem Verschwinden seiner Frau und dem Tod seiner Kinder machte er sich auf, um die Düne zu suchen. Während die Sterne noch hell leuchteten.
Deutlich war das Rückgrat der Nacht am Himmel sichtbar und erstreckte sich von dem einen Ende der Welt zum anderen, um den Himmelsbogen so zu spannen, dass er wie ein Kuppel über der ganzen Welt stand. Dort oben drehten sich die glänzenden Augen der Giraffe, weil sie unablässig Richtung Süden blickte. Die Nacht schwankte allmählich wie ein großer Baum, als er bereits viele Stunden gegangen war. Erst jetzt war die Nacht umgeblasen worden, und das Herz des Morgengrauens glänzte so hell dort oben, als spräche es laut, jetzt stehe ich hier, jetzt wird es Morgen.
Diese Nacht war er gegangen und gegangen, er war längst in die Wüste gekommen. Doch noch immer sangen die Dünen nicht. Seine Großmutter hatte ihm vor vielen Jahren davon erzählt. Aber er hatte ihr nie richtig geglaubt. Wieso sollte man auch in eine Wüste ohne Wasser und Essen gehen und dem Nichts hinterherjagen?
Erst jetzt, wo ihn Durst und Wahnsinn plagten, war er dazu fähig. Der Teil seines Verstandes, der noch funktionierte, versuchte vergebens ihn davon abzuhalten. Endlich hatte er sich auf eine riesige Düne hinaufgearbeitet; die Nacht war vorbei und die Sonne aufgegangen.
Es war schwer, zwei Kinder zu tragen. Obwohl sie tot waren, wogen sie schwer. Von hier oben konnte er eine noch größere Düne sehen. Schatten und Sonne veränderten sich und ließen sie groß erscheinen. Der Rücken der krummen Düne lag scharf wie die Schneide eines neu geschliffenen Messers da.
Er dachte, dorthin muss ich gehen, vielleicht wohnen in ihr die Stimmen, und machte sich auf den Weg.
»Es ist ja ziemlich mühsam, im Sand zu gehen, in den man dauernd einsinkt«, warf Kanta ein, der diese Dünen hinauf- und hinuntergetrabt war.
»Sei jetzt still und lass mich erzählen.«
Doch als er sich abmühte, um nach oben zu kommen, nach oben, hörte er plötzlich den Laut. Ein schwaches Zittern im Sand. Ein feines Flüstern und Flöten, wie wenn der Wind durch die Zweige der Akazienbäume streicht. Plötzlich stand der Laut ausgebreitet vor ihm. Aufrecht und stramm wie ein riesiges Stück Stoff, das von der Erde bis zum Himmel gespannt ist. Ein Brummen, das wie ein Mückenstich anschwoll. Ganz langsam legte er seine beiden Kinder in den Sand. Wie eine gelbe Kobra, die ihre einschüchternde Nackenhaut entfaltet, ließ der Laut alles erzittern. Den Sand. Ihn selbst. Jedes Bein seines Körpers stimmte in den Chor ein, von dem er glaubte, ihn hören zu können. Die Kinder, die dort vor ihm im Sand lagen, hüpften und tanzten, als schlängelte sich das Leben wieder in sie hinein. Obwohl der Laut so heftig war, dass er beinahe umfiel, blieb er da, denn die leblosen Kinder begannen sich zu bewegen, als seien sie lebendig. Ganz langsam konnte er in Laut und Chor der Unterirdischen bestimmte Worte unterscheiden. Obwohl er unablässig ganz tief in seinem Kopf Schmerzen spürte.
Schließlich musste er sich platt zwischen die beiden Kinder legen. Während er dort lag, sah er, dass sie noch immer tot waren. Weder Laut noch Gesang der Unterirdischen würden etwas daran ändern. Er drückte sie so fest an sich, dass er ihren schlechten Atem deutlich spüren konnte, da bei jedem Hüpfer, den der Sand sie machen ließ, Luft aus ihren Bäuchen entwich. Selbst ihre Augenlider zitterten und bebten, als erwachten sie gerade. Zu diesem Zeitpunkt war der Laut so stark, dass das Licht ganz aus seinen Augen verschwand. Als es wieder zurückkam, lag er am Fuß der Düne. Seine Kinder lagen neben ihm, so tot, als wären sie aus Holz gemacht. Und weich wie Haut, Fleisch und Knochen, aus denen sie gemacht waren, wie Puppen. Er versuchte, zu der Düne hinaufzusehen, aber das Licht war zu hell. Ihm war klar, dass er zurückgehen musste. Aber glücklicherweise waren die Kinder nicht lebendig geworden, denn sonst hätte er nicht genug Wasser für sich und sie gehabt.
So dachte er aber nicht. Es ist die Geschichte, die so denkt. Er sammelte die Kinder auf und machte sich langsam auf den Heimweg. Während er zurückging, wurde der einschläfernde, brummende Laut immer schwächer. Es waren die Unterirdischen, die aus der Düne ausgebrochen waren und ihn langsam, aber sicher hinuntergebracht und die beiden Kinder neben ihn gelegt hatten. Auf dem Rückweg versuchte er sich mit aller Macht zu erinnern, was das Dünenvolk ihm gesagt hatte. Denn er war überzeugt, dass sich in dem Moment, in dem der Laut so stark geworden war, dass er bewusstlos wurde, die Düne geöffnet hatte und die Unterirdischen ihn auf geheimnisvolle Weise in deren Tiefe getragen hatten. Erst als das harte Sonnenlicht auf ihn schien, wachte er wieder auf und stellte fest, dass sie ihn mit Kindern, Wanderstock und allem, was er bei sich hatte, wieder hinausgebracht hatten. Das mit Wasser gefüllte Straußenei, das er bei sich trug, war plötzlich wieder aufgefüllt.
Niemand kann mit Sicherheit wissen, ob es sich so verhalten hat.
Aber da sind die, die sagen, er sei nach dem Tag in den singenden Dünen so wunderlich geworden, dass sie mehrere Nächte hintereinander tanzen mussten, damit er wieder er selbst wurde, wie sie ihn alle kannten. Als das Tanzen beendet war, überredete er sie, mit auf die unglaubliche Wanderung zu gehen, da die Trockenheit sie so sehr plagte.
Man kann niemandem einen Vorwurf machen, dass sie glaubten er hätte den Verstand verloren. Oder er sei durch die Wüste und den Tod seiner Familie wunderlich geworden.
»Das glaube ich«, erklang eine klare Kinderstimme.
Während Duitwé in ihrer Erzählung innehält, um ihre Stahlpfeife anzuzünden, sagt Kanta:
»Der singende Sand. Ich habe es wirklich gehört. Damals, als wir am Meer waren und in die Wüste zogen, die links von uns lag.«
Die Wüste war groß und gelb. Der Himmel war blau und dünn. Scharf, als wäre er aus Glas. Auch die Farbe der Dünen war gelb wie Honig.
Etwas weiter vor uns lag eine riesengroße Düne. Zu ihr wollten wir kommen, da wir dachten, wir könnten von ihrer Spitze aus weit sehen.
Plötzlich, während wir auf dem Weg nach oben waren, setzte der Laut ein wie ein Donner. Wie eine Gruppe von tausend Menschen, die nur einen Ton sang, und das so kräftig, dass unsere Ohren den Laut nicht aushalten konnten. Wir mussten flüchten, um nicht auseinander zu brechen. Da sahen wir auf einmal das Tier oben auf der Düne. Angelockt von dem Laut stand er da, der Fuchs mit den großen Ohren. Er konnte ihn nicht aushalten. Es dauerte weniger als eine Sekunde. Ja, wie wenn man die Finger mehrere Male öffnet und schließt. Dann faltete er sich zusammen, und der leblose Körper kullerte die Düne hinunter. Es schien, als hätte der Laut ihm die Knochen im Körper zerschlagen. Ich glaube, dass der Fuchs all die kleinen Tiere fressen wollte, die von dem Laut tot oder bewusstlos geschlagen worden waren.
Wir wussten nicht, was es war. Als lebte tief unten in der Düne ein Wesen, das jammerte, oder als hätten sich alle Unterirdischen dort versammelt. Und um die Lebenden zu verjagen, sangen sie mit so kräftiger Stimme, bis wir weglaufen mussten. Der Laut stieg und fiel ständig. Ein tiefes Stöhnen dröhnte in uns, dass der Brustkasten sang. Nachdem wir gesehen hatten, wie der Fuchs in sich zusammengefallen war, bekamen wir Todesangst und liefen, so schnell wir konnten, von der Düne weg.
Oben am Himmel
Duitwé legte die Pfeife weg und fuhr mit ihrem Bericht fort.
Die Leute standen am Fuß der Düne und warteten auf ihn. Sie wollten sehen, ob er wirklich zurückkam.
Als er sich endlich zeigte, schrien sie nicht. Sie rückten nur näher aneinander heran, als wäre er sein eigener Geist. Denn er war so dünn geworden, dass er nur noch einem Schatten seiner selbst glich.
Er kam langsam, halb rutschend, halb gehend die schräge Sandfläche hinunter. Noch immer trug er seine beiden Kinder. Eins auf jedem Arm, als ob sie schliefen.
Doch als er nahe herankam, konnten sie sehen, was nicht zu übersehen war. Sie waren noch immer tot. Doch er schien weiter in dem Irrtum befangen, dass sie lebendig seien, obwohl sie weder atmeten noch sich auf die ein oder andere Weise bewegten.
Er blieb einen kurzen Augenblick stehen. Vor der kleinen Menschenmenge. Niemand sagte etwas zu ihm. Der Wind blies und riss unaufhörlich an den wenigen Fellresten, die ihnen geblieben waren. Mehrere hatten Lederstreifen in dem bisschen Wasser gekocht, das ihnen zur Verfügung stand. Um etwas in den Bauch zu bekommen.
Erst beim Anblick seines vor Hunger eingefallenen Bauchs schienen sie zu merken, wie ausgehungert sie waren. Eine Frau lief zu ihm, um die Kinder zu nehmen. Aber sein Wahnsinn war so weit vorangeschritten, dass er nichts spürte oder merkte.
Die Welt, in der er lebte, stand wie ein Leerraum zwischen unserer Welt und einer toten Welt, die wir nicht kennen. Er war sozusagen dort gefangen, und solange er dort war, konnte er auch seine Kinder nicht loslassen. Mit ihren Köpfen, die gegen seinen bis auf die Rippen abgemagerten Brustkasten nickten, schwer wie unaufgeblühte Blumenknospen, schritt er an den Menschen vorbei, die geduldig auf ihn gewartet hatten. Als wären sie zu Gespenstern geworden, während er in der Düne war.
Er ging durch sie hindurch, als wären sie Luft. Man kann sagen, dass sie so mager waren, dass sie leicht so geendet haben könnten. Er ging in seine Hütte und legte die Kinder vorsichtig auf ihre Decken. Da lagen sie also. Jeder, der sie sah, würde glauben, dass sie nur schliefen. Doch schon am nächsten Tag würden die Leute etwas anderes glauben wegen des Geruchs.
Als die beiden toten Jungen stark zu riechen begannen, schlich sich eine gute Frau zu ihm hinein und entlockte ihm die Leichen. Sie eilte fort und begrub sie sitzend, mit dem Gesicht nach Osten gewandt. Zwei kleine Löcher, sodass sie sitzen und in die aufgehende Sonne blicken konnten. Das war eine harte Arbeit, da ihr Fleisch leicht verwest war und sie furchtbar stanken.
Am Abend desselben Tages, während sie noch um das Feuer saßen, kam er heraus und sagte, dass sie sich jetzt entscheiden müssten, ob sie weiter von der Küste wegziehen und nach dem Regen und der Nässe suchen wollten, die sie trinken konnten. Oder ob sie den See aus der Geschichte mit dem ewigen Wasser finden wollten. Alle hörten ihm stumm zu.
Gut, so verging die Nacht. Der Morgen brachte einen neuen Tag. Das Volk wollte gerade weitergehen, als er plötzlich auftauchte und erzählte, dass die Jungen vorausgegangen waren. Aber jetzt könnte es lange dauern, bis sie zu der Stelle kämen, an der sie hoch in den Himmel steigen und den Zebras zu dem Ufer des großen Sees folgen würden.
Jeder hatte sein Leid und seine Sorgen, die mitgenommen werden mussten. Jedenfalls ein Stück des Weges. Nur wenige hatten etwas, worüber sie sich freuten. Aber es gab noch Kinder, die gehen konnten. Noch spielen konnten. Aber sie waren langsam.
Die Hitze dröhnte auf ihre kleinen Windschutze herab. Nicht weit von ihnen entfernt tobte das Meer gegen die Küste. Das Licht sprühte in Wellen und Schaum. Keiner wollte davon trinken. Keiner konnte es unterlassen. Dauerte es lange genug, würden sie auf den Knien liegen und das Wasser in sich hineinschlürfen. Keiner war in der Lage, Fisch aus dem Meer zu holen.
Er war nicht einmal der Älteste unter ihnen und zudem wahnsinnig vor Sorge. Die meiste Zeit führte er sich wie ein Kind auf. Aber alle sahen ein, dass sie von der Küste fortziehen mussten. Obwohl niemand so töricht sein würde, nach dem großen See zu suchen, wie die Zebras es taten.
Die Wärme machte die Grenze fließend, denn sie ließ sich Geschichte und Welt miteinander vermischen, und niemand konnte später beides genau trennen. So war der Tag, an dem er von den singenden Dünen zurückkam, jener Tag, an dem sie einen Beschluss fassen mussten. Auch wenn sie es erst mehrere Tage später taten, war es in der Tat der Tag, an dem die meisten einsahen, dass sie sich auf eine lange Reise begeben sollten. Ihre Habseligkeiten einsammeln und sich auf den Weg machen mussten.
Nur ein Mal warfen sie die Knochen, die sagten, dass sie bleiben sollten. Jeder konnte ja sehen, dass das zu nichts führte. Also machten sie sich auf den Weg.
Danach ging es, wie es oft mit uns geht, mit Tieren und Menschen.
Zuerst gingen die Tiere. Hyänen. Raubtiere. Schakale. Und dann die Menschen. Wenn es zu Naturkatastrophen kommt, machen sich die Menschen immer zuletzt auf den Weg, da es ihnen so schwer fällt zu glauben, dass etwas Ernstes passiert ist. Es kann doch nicht so schlimm sein. Erst wenn nur noch die Erklärung möglich ist, dass es sich um eine Katastrophe handelt, kommen die Menschen in Gang.
Die Tiere haben da schon längst Lunte gerochen und sind fort. Aber die Menschen waren fast verdurstet, als sie sich endlich auf den Weg machten. Allmählich konnten sie sich nicht mehr beschuldigen, einander auf die Hacken zu treten. Zuletzt hatten sie viel Platz. So viele waren gestorben.
Sie gingen alle. Sie stolperten, liefen, sprangen, krochen, trabten. Dieses Wittern nach Feuchtigkeit in der Luft, das einem erzählt, dass Wasser in der Nähe ist, dieser Drang zog sie beständig weiter, weiter.
Sie gingen lange Zeit. Ja, sie gingen viele Tage. Die Menschen.
Was die anderen Tiere machten, erzählt die Geschichte nicht, und deshalb weiß ich nur, dass sie längst fort waren.
Eine Nacht kurz darauf passierte es, dass er, als der, der er geworden war, die Stelle fand, an der er in den Himmel steigen konnte. Sie lag neben Abaas linkem Stern. Die Stelle lag genau da, wo er fast die Erde berührte. Er ging dorthin, machte ein paar Schritte, und wupp stand er oben im Himmel.
Als er nun die anderen zu sich gerufen hatte und versuchte, sie zu überreden, hatten mehrere schon Wasser aus der kleinen Quelle getrunken. Sie schafften es natürlich nicht, zu der Stelle zu kommen. Egal wohin sie die Beine setzten oder wie hoch sie sie hoben, war die Luft dunkel und konnte nichts tragen. Und über ihnen stand die Nacht mit ihrem Sternenrücken. Zwischen ihnen und dem Himmel war Leere.
Doch die, die noch nicht getrunken hatten, fanden die Stelle ohne Schwierigkeiten. Sie stiegen in den Himmel, als sei es die leichteste Sache der Welt. Und sie nahmen Abschied von den anderen, die nicht hinaufkommen konnten, und sagten, dass sie nun die Abkürzung nehmen und genau wie die Zebras noch vor dem Ende der Nacht hinuntersteigen und Wasser aus dem großen See trinken würden. Unmittelbar nach dem Abschied verschwanden sie im Himmel, und die anderen sahen sie nicht mehr.
Das war schon eigenartig. Ich weiß nicht, ob sie an diesem Abend getanzt hatten, in der Dunkelheit, ob sie in Trance waren, als sie verschwanden. Es ist ja schon früher vorgekommen, dass Menschen in Trance gefallen und verschwunden sind. Aber die Geschichte erzählt nicht, dass sie ihre Körper verließen und nicht mehr zurückkamen. Denn es ist ja auch schon früher vorgekommen, dass jemand so entrückt war, dass er nicht mehr zu uns zurückkommen konnte. Dann folgen wir jetzt den anderen, die ihren Durst gestillt haben, denn sie sind es, die die Geschichte erzählen. Und es stehen in der Tat noch merkwürdige Dinge bevor.
Duitwé schenkte sich Tee in den Becher und schwieg.
Der Jäger Taku
Kanta erzählt
Manchmal, wenn man im Wind vor der Hütte steht, kann man von der unbegreiflichsten Sorge erfasst werden. Sonne und Wolken können so miteinander spielen, dass man unwillkürlich denkt, es müsse Regen geben. So früh am Morgen und keine Lust zu leben.
Du drehst dich um, und deine Kinder strotzen vor Kampfesmut. Selbst haben sie das Gefühl, dass sie ausziehen und den ganzen Tag lang kämpfen werden. Denn ihre Welt ist so, dass sie über einen Stein fallen können. Einer kann sich ein Bein brechen, einen Arm bei einem unmöglichen Fall. Ein Sturz kann zu Nasenbluten führen. Ein rasender Lauf über den Sand mit einem grausamen Knall enden. Selbst wenn sie in die Schule gehen, ist ihr Tag ein langer, freudiger Kampftag mit Jagden, Eroberungen, Niederlagen und Überwindungen.
Du wendest dich deiner Frau zu. Sie hat bereits tausend Pläne, was du alles regeln sollst. Gar nicht davon zu sprechen, was sie selbst alles erledigen muss, womit du nichts zu tun hast. Sie hat nicht die Zeit zu begreifen, dass die Sorgen dich vom Tod gezeichnet haben. Dass du keine Worte für sie hast. Dass das Leiden am Leben eigentlich nicht deine Lieblingsbeschäftigung ist.
Ja, sie ist wie ein Fremdkörper, ein Tier, das die Wärme deines Körpers sucht wie ein Skorpion, der sich in deine dunkle Wärme hineinschleicht. Und trotzdem kannst du mit dieser Sorge nicht fertig werden, mit der Entdeckung, dass du nicht genug Zeit hast, die Welt zu retten, dir die Machthaber vorzuknöpfen und alles zu zerstören, was nicht deinen Plänen entspricht. Sie hat keinen Ort, diese Sorge, und trotzdem gehört sie zu dir und zu niemand anderem. Der Versuch, sie wegzuschieben und man zu sagen, als gehöre sie allen Menschen, ist hoffnungslos.
Komm und nimm meine Sorge von mir. Morgen wird sie ohnehin deine sein, ich habe heute keine Zeit für sie.
Wenn ich eine Frau wäre, würde ich das Feuer ein wenig abseits anzünden und ganz leise dabei singen. Und meine Freundin würde begreifen, was nicht in Ordnung ist, und sich zu mir setzen und etwas Brennholz mitbringen. Dann würden sie kommen, die Frauen, und mitsingen. Plötzlich würde der Gesang aufsteigen, größer und kräftiger werden. Unser Händeklatschen würde lauter werden. Natürlich würde getanzt werden, aber erst wenn die Männer hinzugekommen wären. Wir würden tanzen und singen. Mit den Füßen auf die Erde stampfen und klatschen. Schwitzen. Und langsam würde sich die Sorge zwischen uns aufteilen, um schließlich wie ein dünner Rauchstreifen im Dunkel der Nacht zu verschwinden.
Aber ich bin keine Frau. Und ich werde die Sorge nicht los. Tag und Welt haben sich gerade aus dem Dunkel der Nacht erhoben.
Ich sollte dieses Gefühl der Sorge nicht haben, sondern mich darüber freuen, dass wieder einmal alles sichtbar wird. Dass das Licht noch da ist. Und Sonne und Wolken sich wie spielende Kinder jagen, über den Himmel fegen wie Blätter im Wind. Es ist der Morgen eines neuen Tages, ich lebe, und der Wind leistet mir Widerstand, wenn ich ihm entgegengehe, wie tief kann meine Sorge sein. Menschen sterben. Ich werde sterben, so tief ist sie.
»Das werden wir alle. Warum es so schwer nehmen? Es ist sicher, genauso wie jeder Tag mit einem Morgen beginnt. Das ist doch nichts Neues?«
»Aber für mich ist es etwas Neues. Das passiert mir nur einmal, und danach gibt es mich nicht mehr.«
»Ich verstehe, du hast dich so entschieden. Steh nur in der Sonne und lass die Wolken über dich hinziehen, bis du nicht mehr dort stehen magst. Vielleicht kommst du so zu der Einsicht, dass du daran nichts ändern kannst.«
Dann ist es mir doch gelungen, jemanden dazu zu bewegen, mit mir zu sprechen, der nicht ganz derselben Meinung ist. Das kann nur der alte Abel sein, der jeden Tag an meiner Hütte vorbeistapft, um zu sehen, ob es nicht einen Becher Tee gibt, und den gibt es in der Regel.
»Was weißt du, was ich denke?«
Der alte Abel wiehert vor Vergnügen. Nein, sein Lachen erstickt in einem gediegenen Hustenanfall, den zu überwinden er so lange braucht, dass ich Tee nachschenke, sechs Stücke Zucker und einen Schuss Milch hineingeben und ihm den brühend-heißen Becher reichen kann. Dann stellt sich Abel neben mich, und gemeinsam sehen wir über den Platz, den Sand und das von den vielen Ziegen, die zu hüten die Schwarzen einen von uns überredet haben, natürlich gegen Bezahlung, kahl gefressene Land. Unten am Rand des Platzes stehen Akazienbäume, und noch weiter unten liegt der Fußballplatz. Einer der Lehrer hat ihn mit seinen zwei wackligen und halbschiefen Toren bauen lassen.
»Ich kann dir ansehen, was du denkst.«
Der mit Kies bestreute Sandweg schlängelt sich den Abhang hinunter.
Wie zwei Schildwachen stehen wir ganz oben nebeneinander und starren in die Gegend. Abel hat seine Militärmütze auf. Niemand weiß, woher er sie hat. Vom Militär kann er sie nicht haben, das ist sicher. Lange Zeit sagt keiner ein Wort.
Ein paar Lastwagen rollen aus dem Lager der Wildhüter, wie wir es noch immer nennen. Ganz gegen unseren Willen ist daraus eine Art Hauptquartier für die gesamte Wildüberwachung im Wildpark geworden. Alles ging so langsam voran, dass wir nicht auf die Idee kamen, etwas dagegen zu tun. Aber es ist falsch zu behaupten, dass wir nichts gemerkt haben. Es ist, als hätten wir die ganze Zeit auf halbem Weg oben auf der Anhöhe gestanden und die Entwicklung im Auge behalten, ohne sie geschehen zu sehen. Nein, so stimmt es auch nicht. Diese Entwicklung ging so unmerklich vonstatten, dass wir keinen Widerstand leisten konnten, auch wenn wir gesehen haben, was passierte. Nur Einzelne haben protestiert, und wir haben sie nicht gehört.
Die Welt war ja anders, als wir sie uns vorgestellt haben, und damals konnten wir einfach an einen anderen Ort gehen, wenn wir wollten. Wir hatten alle genug Familie, zu der wir gehen konnten.
Zuerst war es unser Land, dann wurde es zu einem Wildpark. Langsam wurden die Tiere wichtiger als wir. Viele von uns verließen diesen Ort, als die Regierung sich einzumischen begann. Es ist, als hinge eine große Unwissenheit über uns wie ein Himmel, als wären wir an einem anderen Ort, wenn all diese Sprachen an uns vorbeirasen. So viele andere außer uns wissen, was wir tun müssen, aber niemand spricht unsere Sprache. Da stehen wir, und die Autos fahren an uns vorbei. So hängt es bestimmt zusammen.
»Du musst lernen, dass du alt geworden bist und sterben kannst. Das ist alles. So ist es immer gewesen«, sagt Abel in meine Gedanken hinein.
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Er hat mich an einer Stelle getroffen, an der ich glaubte nicht getroffen werden zu können. Abel ist alt gewesen, solange ich mich erinnern kann. Daraus muss er gelernt haben.
Das lässt uns noch einmal umhergaffen. Oben in der Luft schweben ein paar Vögel. Es könnten Adler sein. Sie fliegen höher als einige der Wolken, die vorbeitreiben. Keiner von uns sagt etwas.
Wenig später kommt einer der Lastwagen zurück, und jetzt ist noch jemand mit auf der Ladefläche. Wir können nicht sehen, wer es ist. Offenbar ist es jemand, der hier auf den Hügel gehört. Es muss einer von uns sein, von den Roten. Wir können nur nichts sehen. Wir können die Türen des Lastwagens schlagen hören und einige Worte, die der Wind in Bruchstücke zerteilt, bevor sie hier heraufkommen. Dann vergeht viel Zeit.
Mir geht es heute so, dass ich mich zu nichts anderem aufraffen kann, als Tee zu trinken und den Platz anzuschauen, der sich total verändert hat, seit ich ihn das erste Mal gesehen habe.
Zu viele Worte. Ja, vielleicht brauche ich zu viele. Der alte Abel blieb den ganzen Vormittag bei mir. Er holte eine Felltasche aus der Jackentasche, die er gerade fertig machte, um sie zu verkaufen, falls Käufer aus Ghanzi auftauchen sollten. Mit Ahle und Nadel setzte er sich ans Feuer. Ich setzte mich nur, da wir mit Stehen fertig waren. Meine Frau war längst mit den anderen Frauen aufgebrochen, um Zwiebeln und andere gute Dinge zu sammeln.
Wir saßen einfach da und hingen herum. Nun gut, Abel arbeitete an seiner Tasche. Ich konnte mich zu nichts aufraffen. Es war einfach nicht der richtige Moment.
Ansonsten war es ein gewöhnlicher Tag. Ein Wochentag wie alle anderen, und wir hatten ihm bereits einen Namen gegeben, den man auch an anderen Orten in der Welt gebrauchte, Dienstag. Sag also nicht, dass es keine Fortschritte gibt. Alle Tage einer Siebentagewoche haben auf der ganzen Welt den gleichen Namen. Heute ist überall Dienstag. Ob das viel ist, weiß ich nicht, aber es ist bestimmt nicht wenig.
Wie wir so dasitzen, hören wir plötzlich Autotüren schlagen, und wir kommen gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie der Beamte einsteigt, als sei wieder jemand im Auto.
Da wissen wir, dass einer verhört worden ist. Auf der Ladefläche hatte nichts gelegen, es kann also niemand sein, der etwas geschossen hat. Wir sehen das Auto durch das Tor hinausschwingen und an uns vorbeifahren. Es fährt links an uns vorbei, zu Takus Hütte hinauf, und etwas wird hinausgeworfen. Wir können das Geräusch nicht hören. Es ist zu weit weg. Aber wir sehen, dass es ein Männerkörper ist, der in seinem schlappen Zustand länger wirkt, als wir ihn kennen. Denn es ist Takus Körper, der aus dem Wagen geworfen wird. Der Sand bäumt sich in kleinen Staubwolken auf, als der Körper auf die harte Unterlage trifft. Er ist bewusstlos. Gleich darauf fährt das Auto genauso schnell zurück, wie es gekommen ist. Nicht rasend schnell, aber so, dass der Motor kreischt. Und der Fahrer wechselt die Gänge, dass alle hören können, dass die Wildhüter mit dem Auto gefahren sind. Und es ist wichtig, dass wir es alle wissen, es alle gehört haben. Warum ihnen das Spaß macht, wissen wir nicht, aber alle, die Macht haben, wollen offenbar wichtig erscheinen.
Abel stellt seinen Becher ab und trocknet sich den Mund mit einer Hand.
»Sollen wir hingehen?«, fragt er.
Ich stelle auch meinen Becher weg. Es ist sowieso kein Tee mehr da.
»Das können wir tun«, antworte ich.
Abel nickt und wir gehen.
Wir haben alles nur gesehen, gehört haben wir nichts. Als wir hinkommen, ist seine Frau Sebaga schon draußen bei ihm, zusammen mit einigen der älteren Kinder.
»Sie haben ihn in den Sand geworfen wie ein totes Tier.«
»Oh, auf ein Tier würden sie besser Acht geben.«
Taku liegt noch immer auf der Erde, aber Sebaga hat seinen Kopf in ihren Schoß gelegt. Noch immer läuft Blut aus seinem Mundwinkel. An seinen Armen, die auf der Erde liegen, sind an den Handgelenken tiefe Male zu sehen. Mehrere Körperstellen sind blutunterlaufen wie nach Schlägen. Noch weiß niemand von uns, was passiert ist. Ja, wir wissen natürlich, dass die Wildhüter hinter ihm her waren. Aber wir wissen noch nicht warum.
Wenig später kommt Kurama zu uns herauf. Laufend. Denn auch er hat gesehen, wie das Auto seine Fracht abgeladen hat.
»Ich habe gesehen, was passiert ist. Ich habe alles gesehen. Sie haben ihn an Handschellen aufgehängt, an dem Baum. Da oben hinter der Schule.«
Wir kennen den Baum gut. Von seinem Stamm geht ein lang gestreckter dicker Ast ab. Es ist ein guter Baum, um ein Tier aufzuhängen.
»Und sie haben ihn mit dem Kopf zum Boden hin aufgehängt. Sie haben ihn die ganze Zeit geschlagen und getreten. Er hat nichts erzählt, weil er nicht wusste, was sie wollten, dass er sagte. Er hat immer wieder gerufen, dass er nichts weiß, bis er nicht mehr konnte. Danach haben sie ihn noch ein wenig hängen gelassen, während sie ihre Zigaretten fertig geraucht haben. Erst dann haben sie ihn mit ins Lager genommen. Was sie da mit ihm gemacht haben, konnte ich nicht sehen.«
Allmählich kommt Taku zu sich. Schließlich bekommen wir so viel aus ihm heraus, dass der Grund für den Überfall eine alte Eselpeitsche ist, die schon viele Jahre in seiner Hütte gelegen hat. Sie ist aus Elenstierfell gemacht, denn sie muss dick und strapazierfähig sein, und jeder weiß, wie alt sie ist.
Diese Wildhüter gehen ja heutzutage in den Häusern ein und aus, als würde niemand in ihnen wohnen. Sie wühlen in allem, um etwas zu finden, dessen Besitz sie als gesetzeswidrig erklären können, denn wir wissen ja nie, was ihnen einfällt. Aus irgendeinem Grund haben sie beschlossen, dass die alte Peitsche oder der alte Streifen Elenstierleder ein Beweis dafür ist, dass Taku einen Elenstier geschossen hat, den zu erschießen er keine Lizenz hatte. Und deshalb muss er geprügelt werden, bis er sagt, wann und wo er das Tier erschossen hat oder wer mit dabei gewesen ist.
Es ist ja Jahr und Tag her, dass jemand frisches Elenstierfleisch in die Hände bekommen hat. Allein der Gedanke reicht aus, dass Abel Lust bekommt, sich über die großen Elenstiere zu verbreiten, von denen er gehört hat, und wie ihr Fleisch geschmeckt hat. Und alle sind wir einig, dass wir etwas Besseres und Fetteres als Elenstierfleisch nicht bekommen können. Er denkt nicht daran, von den Tieren zu sprechen, die er selbst erlegt hat.
Taku geht es den ganzen Tag über schlecht. Als wir an diesem Abend gehen, hat ihn das Husten von Blut ziemlich erschöpft. Elend und schlapp liegt er auf seinem Schlafplatz. Nicht einmal Tee will er haben, eine extra Ration Zucker kann ihn nicht locken. Er wirkt übel zugerichtet, sagt Kurama, als er einige Stunden später vorbeikommt.
Wenn ich mich richtig erinnere, humpelt er an den nächsten Tagen ins Krankenhaus und lässt sich untersuchen. Er kriecht fast dorthin, Sebaga ist natürlich bei ihm und stützt ihn, so gut sie kann. Die Krankenschwester, sie nimmt die unmögliche Beschreibung der Tortur und der Körperverletzung auf. All die Worte, die künftig festhalten werden, wie sein Zustand war, als sie das erste Mal nach ihm sah. Denn drei Wochen später wird er im Fahrzeug des Krankenhauses auf dem Weg nach Ghanzi sein. Todkrank liegt er dort auf der Krankenbahre, und bei ihm ist die Krankenschwester, deren Journal konfisziert wird bei dem Prozess, zu dem es kommt, als Taku es sich erlaubt, im Auto seinen Geist aufzugeben, während es in aller Schnelle über die sandige Straße von Ghanzi nach Xade holpert. Ihre Beschreibung war ja unmöglich, da sie allzu deutlich davon Zeugnis ablegte, was passiert war. Deshalb musste sie gestohlen werden. Ich glaube nicht mehr, dass sie noch existiert.
Seit alters her hat im Krankenhaus eine Karte gehangen, auf der die Hütten und Wohnungen jedes Einzelnen eingezeichnet waren. Bei jeder Hütte standen die Namen der Menschen, die dort wohnten, und neue wurden nach und nach hinzugefügt, wenn Neue auf die Welt kamen.
Ich habe immer noch Schwierigkeiten zu glauben, dass jeder kleine Mensch nahezu als Nichts beginnt, das schließlich nach neun Monaten zu einem kleinen Menschenkind geworden ist, das wenig später weinen und lachen kann, wie nur wir Menschen es können. Jedes Mal, wenn das passiert, ist es fast wie eine Erschaffung der Welt. Ich habe oft die Karte mit den Ergänzungen und den dickeren Streichungen der Menschen, die gestorben und nicht länger Mitglied in einem Haushalt sind, gesehen. Jetzt braucht Takus Name nicht mehr dort zu stehen. Er kann ausgelöscht werden. Es gibt ihn nicht mehr.
Schon jetzt wissen wir, dass er umgebracht worden ist. Zusammengeschlagen von den drei Wildhütern, bis sein Körper aufgeben und sterben musste. Wie wir die Polizei dazu bringen können, etwas zu unternehmen, wissen wir nicht, aber vielleicht hat es etwas zu bedeuten, dass er im Fahrzeug des Krankenhauses gestorben ist. Dass er sozusagen an einem offiziellen Ort gestorben ist, auch wenn er beweglich ist, muss man noch sagen. Aber doch in einem Raum, der von den Behörden bezahlt wird.
Natürlich führen sie eine erste Untersuchung durch, sobald das Klinikauto angekommen ist. Man will ja nicht für irgendetwas beschuldigt werden. Nein, es ist die Krankenschwester, die meint, dass er an inneren Blutungen auf Grund der rücksichtslosen Behandlung durch die Wildhüter gestorben ist. Sie gibt das Journal, in dem alles steht, der Krankenschwester im Krankenhaus von Ghanzi. Vom ersten Tag an, an dem sie ihn nach dem Verhör behandelt hat, bis zum letzten, an dem sie nach der Ankunft in das Journal einträgt, dass er an der Folge der Verletzungen gestorben ist, die er sich bei dem Verhör zugezogen hat, steht alles drin.
Meine Eingeweide drehen sich um, als ich die Wildhüter das nächste Mal sehe. Einer von ihnen spricht mit Xaiko, dem kleinen Kerl mit den Eseln. Er lacht hemmungslos über etwas, das Xaiko sagt. Der Beamte liegt vor Lachen platt über dem Kühler. Er ist nicht besonders groß. Aber zusammen mit anderen ist er im Stande, einen Menschen totzuprügeln. Und später grinst er, als sei nichts geschehen.
Meine Eingeweide drehen sich um. Mir wird so schlecht, dass ich weggehen muss, um mich nicht zu übergeben. Da liegt Takus toter Körper auf einem Stahlbett in irgendeinem Zimmer. Wen kann das erschüttern?
Die Geierkrieger
Das Treffen mit Saikuta
Kurz nachdem der Junge und die Frauen angekommen sind, haben alle sich an der Feuerstelle niedergelassen und mit der Zubereitung des Abendessens in den schwarzen Kochtöpfen begonnen. Der Junge versucht ständig, die Augen bei sich zu behalten, aber genau wie der Hunger steigt die Neugier in ihm hoch.
»Duitwé will, dass wir heute Abend tanzen«, sagt die Frau, die ihn umarmt hat. So bezeichnet er sie noch immer, auch wenn er inzwischen weiß, dass sie Qose heißt.
Er hat noch immer kein Wort gesprochen. Wenig später kommt ein Mann hinauf zum Feuerplatz, wo sie einen Topf mit Maismehl aufgesetzt hat, und setzt sich. Der Junge hat sich ein wenig abseits des Feuers niedergelassen.
Er hat Duitwé ein kleines Stück zur Seite gehen und ein Feuer entfachen sehen. Eine Weile sitzt sie dort allein, und das Licht ist fast verschwunden. Die Dunkelheit kommt unmerklich schnell. Plötzlich ist sie da, und man kann die Feuer alle deutlich sehen und die Stimmen hören, die überall an den Feuern erklingen.
Etwas später sieht sich der Junge ein wenig freier um. Sie haben gerade gegessen. Maisbrei mit geschmortem Gemüse. Es ist die erste Mahlzeit, die er seit vielen Tagen gemeinsam mit anderen Menschen eingenommen hat. Er hat den Teller neben dem Feuer abgestellt. Die Frau ist weggegangen, nachdem sie den Topf vom Feuer genommen und dem Mann aufgetan hat. Leise haben sie Worte miteinander gewechselt, die nicht zu enträtseln sind.
Aufmerksam betrachtet der Junge ihn, während er isst. Der Mann lässt sich nicht anmerken, dass er ihn ansieht. Er macht sich obendrein die Mühe, nicht in Richtung des Jungen zu sehen. Er spricht nicht einmal mit ihm. Der Junge beginnt Sand von seinen Beinen zu bürsten. Er wünscht sich, dass der Mann etwas zu ihm sagt. Aber der isst seinen Maisbrei, als säße er allein am Feuer. Stattdessen konzentriert der Junge sich auf den Sand, denn er ist überall, selbst im Gras. Unablässig hat man ein Sandkorn oder mehrere im Mund. Immer sitzt irgendwo ein sandiger Schmutzfleck am Körper oder in den Kleidern. Die ganze Zeit bürstet man Sand von sich ab.
Als er noch kleiner war, hatte er oft gedacht, dass er einmal so alt sein wird, dass er keine Wunden mehr an den Beinen hat, in die Sand kommen kann. Es gab die Wurzelfrucht Bi. Sie nahm einem das klebrige Gefühl von Sand, wenn man sich die Hände in ihrem Saft wusch. Und löschte den Durst, wenn man den Saft trank, obwohl er etwas herb schmeckte.
Diese Erinnerung ließ ihn an seine Mutter denken. Nur für den Bruchteil einer Sekunde tauchte ihr Gesicht vor ihm auf. Er sah sie dort liegen. Die Arme noch immer über der Stirn, als schliefe sie, aber an dieses Gesicht erinnerte er sich nicht. Er wusste nicht mehr, ob er an diesem Morgen jemandes Gesicht gesehen hatte. Aber er wusste, dass er sich die Mühe gemacht hatte, ihnen nicht in die Gesichter zu sehen.
Hätte er das damals erklären sollen, er hätte es nicht gekonnt.
Es war eine Art Versuch, dem Tod auszuweichen, indem er ihm nicht in die Augen sah, und doch hatte er alles verloren. Seine Eltern, seine Onkel, seine Tanten und seine Großmutter. Hin und wieder tauchten sie noch immer blitzartig vor seinen Augen auf wie Bilder mit Geräuschen und Stimmen.
Manchmal lag über der Landschaft ein Geruch, besonders am Morgen, der ihn plötzlich die ganze Siedlung lebendig vor sich sehen ließ. Und die Stimmen und Bilder kamen ihm entgegen und sprachen zu ihm. Nur wenige Augenblicke, wie langsame Blitze, dann waren sie wieder weg. Er konnte umhergehen und mit den anderen reden oder sie kamen zu ihm, wenn er mitten in einem Spiel war. Anfangs hatte er sie für eine Art Traumwelt gehalten, die ihm entgegenkam. Auf der anderen Seite des Vorhangs, der die Welt war, in der er lebte, waren alle lebendig und vermissten ihn. Aber diese Vorstellung verschwand auf seiner Wanderung. Jetzt wusste er, dass das nur in seinen Gedanken existierte. Ein Geruch, eine Bewegung, ein Geräusch konnte sie in seine Erinnerung zurückbringen. Sie waren an keinem Ort wirklich da. Sie waren Bilder der Menschen, vor deren Tod er damals in den frühen Morgenstunden mit dem seltsamen Nebel geflüchtet war. Er konnte sich nicht erinnern, dass es je zuvor so neblig gewesen war. Spinnenwebennebel nannte er das.
Es waren keine Kinder in der Nähe. Als hätten sie es abgesprochen, bekam er seine Ruhe, während er aß. Niemand hinderte ihn daran, mit den Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, allein zu sein.
Der Mann trocknete den Löffel an seiner Hose, als er den Maisbrei gegessen hatte. Er stand auf und ging zum Hütteneingang. Streckte die Hand in das Dunkel nach einem getrockneten Fleischstreifen. Er brach ihn über dem Rücken seines Messers. Drehte sich um und ging zu dem nächsten Feuerplatz hinüber, der ein Stück weiter weg war. Als er an dem Jungen vorbeikam, ließ er das eine Stück in seinen Schoß fallen.
»Das ist getrocknetes Elenstierfleisch. Das tut dir gut.« Dann war er auch schon vorbei. Der Junge bemerkte ihn nur wie einen schwachen Luftzug aus Schweiß und Brennholzrauch. Nicht einen Moment sah der Mann ihn an.
So also verlief sein erstes Treffen mit dem Jäger Saikuta.
Während er da im Sand saß, sah er Duitwé alleine an dem Feuer sitzen, das sie selbst entfacht hatte. Es war, als hätte sie immer gelebt und als hätte sie nie gelebt. Sie gehörte allen und war trotzdem ganz sie selbst. Sie saß unbeweglich da. Im Dunkel ähnelte sie einer unbeweglichen Baumwurzel, über die das Feuer spielte. Nur wenn er angestrengt lauschte, konnte er hören, dass sie ganz leise sang.
Duitwé würde er nie als die kennen lernen, die sie war.
Die Flammen fielen auf ihr Gesicht. Unmerklich war das Dunkel herangekrochen und hatte das Tageslicht abgelöst, sodass ihre Gesichtszüge deutlich hervortraten, wenn der Feuerschein über sie flackerte. Ihre Augen starrten wie zwei flache Spiegel in das Feuer.
Darmowy fragment się skończył.