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Arthur Holitscher
Arthur Holitscher: Drei Monate in Sowjet-Russland
Band 167 in der gelben Buchreihe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort des Herausgebers
Der Autor Arthur Holitscher
Vorbemerkung zu Sowjet-Russland
Arthur Holitscher: Drei Monate in Sowjet-Russland
Das Arbeiter-Volk
Subbotnik
Das Rote Heer
Propaganda
Von der Arbeitsschule
Proletkult
Chaos der Künste
Der Untergang der Intellektuellen
Schaljappin
Das Leben der Städte
Bourgeois
Der weiße Terror und der rote
Religion
Weltrevolution
Die gelbe Buchreihe
Weitere Informationen
Impressum neobooks
Vorwort des Herausgebers
Vorwort des Herausgebers

Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.

Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.
Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den Seeleuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzutragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leser-Reaktionen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere.
Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski

Ruhestands-Arbeitsplatz
Hier entstehen die Bücher und Webseiten des Herausgebers
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Der Autor Arthur Holitscher
Der Autor Arthur Holitscher

https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/holitsch.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Holitscher
Geboren am 22.8.1869 in Budapest; gestorben am 14.10.1941 in Genf. Der Spross einer Budapester großbürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie war nach dem Abitur sechs Jahre lang Bankangestellter in Budapest, Fiume und Wien. Er selbst sah sich immer als Österreicher oder Deutschen, aber nicht als ungarischen Juden. 1895 ging er als freier Autor nach Paris; 1897 wurde er Redakteur des „Simplicissimus“ in München. Nach Jahren eines unsteten Reiselebens zwischen Paris, Budapest, Brüssel, Rom, Neapel und München übersiedelte er 1907 nach Berlin, wo er Lektor von Cassirer wurde. Als Reiseschriftsteller besuchte er die USA, die UdSSR, Indien, China, Japan. 1933 wurden seine Bücher von den Nationalsozialisten verbrannt, er nahm seinen Wohnsitz in Paris, Ascona und zuletzt in Genf, wo er 1941 verarmt, verlassen und fast erblindet starb – seine Grabrede hielt Robert Musil.

Robert Musil – 1880 – 1942
Quelle: Killy Literaturlexikon
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Vorbemerkung zu Sowjet-Russland
Vorbemerkung zu Sowjet-Russland

Wladimir Iljitsch Lenin – Владимир Ильич Ленин – 1870 – 1924
https://www.dhm.de/lemo/biografie/wladimir-lenin
In den „Aprilthesen“ formuliert Lenin sein radikalrevolutionäres Programm, worin er den sofortigen Frieden, eine einschneidende Landreform und eine Räteregierung fordert.
Juli: Der von den Bolschewiken mitgetragene Juliaufstand scheitert, Lenin flieht nach Finnland.
7. November: Der von Leo D. Trotzki organisierte Putsch bringt die Bolschewiken an die Macht, Lenin ruft daraufhin die Räterepublik aus.
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https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetrussland
Als Sowjetrussland wurde die Russische Sowjetrepublik vor Errichtung der Sowjetunion (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken) bezeichnet, also etwa in der Zeit von der Oktoberrevolution 1917 über den Russischen Bürgerkrieg bis zur Unionsverfassung von 1922 (auch informelle Bezeichnung der russischen Regierung vor Gründung der Sowjetunion).
https://www.bpb.de/internationales/europa/russland/47918/revolutionaere-neuordnung-und-stalin-diktatur-1918-1953
Die revolutionäre Neuordnung von Staat und Gesellschaft vollzog sich allerdings unter extremen Bedingungen. Bereits im Frühjahr 1918 kam es zwischen „Weißen“, Gegnern des Oktoberumsturzes, von denen manche die alte zarische Ordnung wiederherstellen wollten, und „Roten“, den Bolschewiki, zu heftigen Kämpfen. Großbritannien, die USA, Japan und Frankreich entsandten Interventionstruppen, die die Weißen gegen die sowjetische Seite unterstützten.

Boris Kustodijew: „Der Bolschewik“
In einer ungeheuren Kraftanstrengung organisierten die Bolschewiki den Widerstand und bauten eine mit massiver Repression verbundene, rigide Versorgungsdiktatur auf. Der „Kommunismus“ der Bürgerkriegsphase mit Hochinflation und gewaltsamer Beschlagnahmung lebensnotwendiger Güter war eine überbürokratisierte Organisation des Mangels, die im ganzen Land Unzufriedenheit und Widerstand hervorrief. Die Industrieproduktion sank im Bürgerkrieg auf ein Minimum, der Schwarzmarkt blühte. In nur zwei Jahren gelang es den Bolschewiki, ihre soziale Basis zu ruinieren: Die Arbeiterschaft befand sich durch den Zerfall der Industrie im Zustand der Auflösung, die bäuerliche Bevölkerungsmehrheit, ursprünglich durch das Bodendekret 1917 für die Sowjetmacht gewonnen, befand sich 1920 im Aufstand. Das System des „Kriegskommunismus“ war trotz des militärischen Sieges bankrott und konnte nur durch massive Repressionen gegen Bauern, streikende Arbeiter und Oppositionelle aufrechterhalten werden.
Nach der Niederschlagung der „Weißen“ entschied sich die sowjetische Führung unter Lenin zu einer politischen Wende. Sie ersetzte im März 1921 die Ablieferungspflicht durch eine Naturalsteuer und gab den Handel mit Überschüssen frei. Damit öffnete sie den Weg für die Entstehung eines Agrarmarktes, der sich rasch entfaltete und zu einer deutlichen Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion führte. Da die sowjetische Führung nach Vertreibung der Weißen und Unterdrückung aller konkurrierenden linken Parteien wie Menschewiki und Sozialrevolutionäre ein politisches Monopol innehatte, konnte sie sich die Verfügung über Großindustrie, Banken und Außenhandel vorbehalten und so weiterhin die Wirtschaftsentwicklung kontrollieren.

Lenin inspiziert auf dem Roten Platz in Moskau zusammen mit Kommandeuren allgemeine Truppen der Roten Armee (25. Mai 1919)
Ziel der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NÖP) war einerseits die Steigerung der Wirtschaftsleistung, andererseits die Versöhnung der Gesellschaft mit dem Regime und damit die Überwindung der Folgen von Bürgerkrieg und Versorgungsdiktatur. Von 1921 bis 1928 herrschte ein fragiles soziales Einvernehmen, das es ermöglichte, die Wirtschaftsleistung der Vorkriegszeit wieder zu erreichen und die Basis für die weitere Industrialisierung des Landes zu schaffen.
An der Spitze der „Russischen Kommunistischen Partei“ (der Bolschewiki) kam es indessen zu heftigen Führungskämpfen, in denen sich letztlich Generalsekretär Iosif Wissarionowitsch Stalin (1879-1953) durchsetzte.

Josef Wissarionowitsch Stalin – Иосиф Виссарионович Сталин – 1879 – 1953
Er verstand es, die emotionale Reaktion auf den Tod Lenins am 24. Januar 1924 auszunutzen und einen Lenin-Kult zu organisieren, der vom Aufbau einer bürokratischen Organisation flankiert wurde. Dieser Apparat war die Machtbasis, mit deren Hilfe Stalin nach der Ausschaltung seiner Gegner Ende der Zwanzigerjahre die dominierende Figur wurde. In Fortentwicklung des Lenin-Kults wurde nun auch Stalin das Objekt kultischer Verehrung. Aus der Mythisierung seiner Person erwuchs ihm zusätzliche Macht.
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Arthur Holitscher: Drei Monate in Sowjet-Russland
Arthur Holitscher: Drei Monate in Sowjet-Russland

Arthur Holitscher – Clara Zetkin – Claude McKay – in Moskau
https://www.projekt-gutenberg.org/holitsch/3monate/3monate.html
1921 in Berlin im Verlag S. Fischer erschienen
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Und nun sage ich euch: Lasset ab von diesen Menschen,
und lasset sie fahren.
Ist der Rat oder das Werk aus den Menschen,
so wird’s untergehen;
Ist’s aber aus Gott, so könnt ihrs nicht dämpfen;
Auf dass ihr nicht erfunden werdet,
als die wider Gott streiten wollen.
Apostelgeschichte 5, 38-39
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„Die Wahrheit über Sowjetrussland“
In der ersten Septemberwoche des Jahres 1920 schickte Karl Radek, der damals im Gefängnis Moabit saß, einen Sendboten zu mir mit der Frage, ob ich mich einer Kommission anschließen wolle, die zusammen mit ihm nach Russland reisen würde. Diese Kommission bestand aus Sachverständigen für die Landwirtschaft, die Industrie, einem ehemaligen Staatssekretär als Fachkundigen für das Verwaltungswesen, einem Vertreter der Berliner radikalen Arbeiterschaft und dem Polizeipräsidenten einer großen Schweizer Stadt. Ich sollte die Ergebnisse dieser Reise in einem Buche niederlegen. Ich sagte sofort zu und traf dann im Laufe des Herbstes wiederholt mit Mitgliedern dieser Kommission im Empfangszimmer des Moabiter Gefängnisses zusammen, wo wir mit Radek unter Aufsicht eines Inspektors sprechen durften.

Karl Radek – Карл Бернгардович Радек – 1885 – 1939
Journalist und Politiker, der in Polen, Deutschland und der Sowjetunion wirkte
Die Abreise der Kommission, die Radek vonseiten der deutschen Regierung gewährleistet zu sein schien, verzögerte sich von Woche zu Woche. Radek wurde dann im Januar des laufenden Jahres allein und heimlich über die Grenze gebracht.
Je weiter unsere Abreise hinausgeschoben wurde, umso enttäuschter wurde ich in Bezug auf die Möglichkeit, den Bolschewismus in seiner ursprünglichen, wie mir schien stärksten und definitiven Form in Wirksamkeit zu sehen. Die „Schritte nach rechts“, die in Lenins Broschüre von den „Nächsten Aufgaben der Sowjet-Macht“ ausführlich behandelt sind, wurden getan; das Taylorsystem, das Prämiensystem in das Programm des wirtschaftlichen Aufbaus aufgenommen; die Stellung der Bolschewiki zum Bauernstand, zumal zu den Mittelbauern, gab uns zu denken; es kamen Nachrichten über die Arbeitsarmee und den Arbeitszwang, Nachrichten, die uns verstimmten, und ich fragte Radek beim Abschied, ob es denn überhaupt noch Zweck habe, für mich wie für uns alle, nach Russland zu reisen, da die vielen Kompromisse und Konzessionen das Bild des Bolschewismus doch schon, wenn auch nicht unkenntlich gemacht, doch in verhängnisvoller Weise gefälscht hätten. Radek beruhigte mich mit seinem hellen, sarkastischen Lächeln und sagte, wenn ich nicht irre: es komme wenig darauf an, dass man Kompromisse schließe, alles darauf, dass man es verstehe, sie im geeigneten Augenblick wieder rückgängig zu machen, und dass er der Überzeugung sei, dies würde geschehen.
Meines Wissens bin ich das einzige Mitglied dieser Kommission, das seit Radeks Abschied von Berlin den Boden Russlands betreten hat, und zwar auf den Tag genau ein Jahr nach dem Erscheinen jenes Sendboten in meiner Wohnung. In diesem Jahre hatte sich das Bild des Bolschewismus, d. h. der praktischen Durchführung der kommunistischen Prinzipien in Russland fortwährend gewandelt und verschoben. Die Todesstrafe z. B. wurde abgeschafft, dann infolge eines versuchten Anschlags der Gegenrevolution wieder eingeführt. Lawinen von Lügen, bewussten Fälschungen und phantastischen Verzerrungen stürzten vor den Augen der Welt über das Werk der Kommunisten in Russland nieder. Schließlich kannte sich in dem Wust der Widersprüche, Gerüchte und Dementis, der Behauptungen und Manifeste niemand mehr aus. Der zweite Kongress der Dritten Internationale, die Delegationen, die ihn besuchten, und die über das, was sie gesehen hatten, Bericht gaben, halfen nicht, den Nebel zu zerstreuen. Auf manchem qualmenden Scheiterhaufen, der den Männern der Sowjet-Regierung errichtet wurde, brodelte brenzlig das eigene heimische Parteisüppchen. Ich war ziemlich entmutigt, wankend und unsicher geworden, als mich im Sommer dieses Jahres ein Zeitungskonzern aufforderte, nach Russland zu fahren und über meine Erfahrungen ein Buch zu schreiben.
Wie sind die Berichterstatter beschaffen, die die Welt in das belagerte, vielverleumdete und vielgepriesene Land entsendet? Und auf welche Art und Weise kann man in Russland das Wesentliche erfahren? Das Mitglied der Partei kommt hier nicht in Frage – es betritt und verlässt Russland natürlich mit gebundener Marschroute. Ich kenne einige Bücher, eine Reihe von Aufsätzen über Sowjet-Russland, bin auch mit einem und dem anderen Berichterstatter persönlich bekannt und infolgedessen fähig, den Mann mit seiner Meinung wie mit den tatsächlichen Verhältnissen zu konfrontieren. Allerhand ehrgeizige Gesellen, heimliche Geschäftemacher, tückische Verräter tummeln sich auf dem heißen und bunten Boden herum. Der Wahrheitsbegierigen, der in gutem Sinne Wissensdurstigen, der Befugten und Berufenen, der Ernsten und Getreuen gibt es nicht gar viele. – (Von dem wüsten Chaos gröblicher Makulatur stechen da die Bücher einiger Engländer und eines Deutschen, Alfons Paquet, aus der ersten Zeit der bolschewistischen Revolution erfreulich ab.)

Alfons Paquet – 1881 – 1944
Es lässt sich kaum beschreiben, mit welcher Verachtung die führenden Männer Russlands über jene spekulativ Verzückten urteilen, die in ihnen herrliche Heroen ohne Makel erblicken, auf speichelleckerische Art und Weise ihr Werk bewedeln und beräuchern. Für jene anderen, die aus schlotteriger Angst in Russland Begeisterung simulieren, um dann, über die Grenze zurück, in ihrer Heimat vor Verleumdung und Geifer überzufließen, hat man in Russland selbstverständlich nichts weiter als das Viertellächeln der Geringschätzung, wie sich's gebührt.
Wahr ist es, dass jeder, der im Auftrage bürgerlicher Zeitungen, Zeitschriften oder Verbände nach Russland kommt, ohne sonderliche Liebe, dagegen mit unverhohlenem Argwohn empfangen wird. Eine gewisse, in entscheidenden Situationen erprobte Gesinnung gegenüber dem Sozialismus kann als Grundbedingung für die Gewährung der Einreise gelten. Aber ich habe es selber erfahren, auf welche Weise sich einer und der andere diese Einreiseerlaubnis erschlichen hat, der dann, kaum über die Grenze geraten, von den Russen erkannt und mit heftigem Griff in Gewahrsam genommen wurde. Besonders einigen mir gut bekannten Leuten, Herren und Damen, darunter Amerikanern, war es so ergangen. Ich war entsetzt, als ich bald nach dem Betreten russischen Bodens von ihrer Festnahme unterrichtet wurde. Kurz darauf erhielt ich untrügliche Beweise für das Doppelspiel, das sie getrieben hatten, und dessen sie überführt worden waren.
Es kann wohl nur eine Meinung, nur ein Urteil geben über Menschen, die sich mit sorgfältig verheimlichten Aufträgen in ein blockiertes, von inneren Krämpfen und erbarmungslosem äußeren Krieg durchschütteltes Land, in dem eine neue Welt sich vorbereitet, in dem 150 Millionen Menschen geistig befreit worden sind von jahrhundertelanger dumpfer Unwissenheit, einschleichen, um ihre kleinen privaten Interessen zu befriedigen. Zehnfach aber, hundertfach muss man solches Treiben verurteilen, wenn sich Publizisten seiner schuldig machen. Die Publizistik dieser Zeit hat die Aufgabe, Klarheit zu verbreiten, schonungslos und getreu das Sublime wie das Entsetzliche, aus dem diese Zeit sich zusammensetzt, darzustellen und zu verkünden. Wer heute nicht wahr und klar zu reden weiß, mit geheimen Plänen und Instruktionen in der Tasche lächelnden Mundes sich unter ein gequältes Volk mengt, begeht das Verbrechen wider den Geist, für das Kerker nur eine gelinde Strafe ist. All dies muss ich voraussenden, weil ich selbst im Auftrage eines bürgerlichen Konzerns, des „United Telegraph“, der der großen amerikanischen Zeitungsorganisation „United Press“ affiliiert ist, nach Russland kam und die Zweideutigkeit, in die manche Vorgänger uns Nachfolgenden versetzt hatten, lange Zeit zu spüren bekam und zu büßen hatte.
Hindernisse anderer Art türmten sich mir noch in den Weg. Ich will eines kurz schildern, weil es charakteristisch ist für die unvorhergesehenen Verquickungen und Verstrickungen, in die der ausländische Publizist gerät, der seinen rechten Weg gehen möchte. Mancher Schriftsteller gibt einem wohlfeilen feuilletonistischen Spieltrieb allzu willig nach, würzt seinen Bericht mit kleinen intimen Anekdoten, Witzen oder Seitenhieben, die der eine Mann im Kreml über den anderen Mann im Kreml dem Journalistenohr in einem Augenblick der guten Laune preisgegeben hat. Ich könnte ein Lied davon singen, in welche Kalamitäten mich noch vor dem Betreten Russlands und dann in den ersten Moskauer Wochen die scharfgespitzte Zunge Radeks gebracht hat. Radek hatte einem meiner entfernteren Vorgänger, einem Engländer gegenüber sich über ein großes Tier im russischen Auswärtigen Amt näher ausgelassen; er hatte dieses Tier unter die Langohrigen eingereiht. Der Vorgänger brachte die Äußerung wortgetreu und mit Nennung aller Namen in sein vielgelesenes Buch, und da ich als ausländischer Publizist dem Auswärtigen Amt unterstellt war, hatte ich als „Protégé Radeks“ natürlich die Folgen zu tragen. (Nicht ich allein.)
Manch' einer hat sich eine Woche lang in Petersburg oder Moskau aufgehalten, ist dann nach Hause gefahren und hat ein Buch über Russland geschrieben. Es muss gesagt werden, dass die wenigsten unter uns, die Bücher über Russland geschrieben haben, der Sprache des Landes mächtig sind. Wie viele waren imstande, ihre Erfahrungen direkt aus dem Verkehr mit dem Volk zu schöpfen? Offizielle Vertreter der Staatsgewalt sind es zumeist, die den Fremdling über das System, die Zusammenhänge belehren. Die Volkskommissäre sind fast ausnahmslos ehemalige Emigranten und beherrschen die europäischen Sprachen glänzend. Sie sind mit Arbeit überbürdet, und man dringt nur zu kurzen Unterredungen bis zu ihnen vor. Der nächste Kreis um diese Führer ist aus verlässlichen Kommunisten gebildet, die zum überwiegenden Teil nur russisch sprechen. Man gerät nicht selten, und dies trifft besonders auf Ämter zu, die die sogenannten „Spezialisten“ beherbergen, an wortkarge, misstrauische und unwillige Funktionäre, aber auch an solche, die die Anwesenheit des Fremden gerne dazu benutzen, ihrem Groll gegen das System, dem sie sich, um leben zu können, zur Verfügung gestellt haben, einmal freien Lauf zu lassen. Viele unter diesen haben im Ausland gelebt und schweifen gerne vom Thema, das zu erörtern man zu ihnen kam, ab, um gierig Nachricht über das verschlossene Europa zu fordern. Lenkt man sie dann an die Stelle zurück, von der man ausgegangen war, da öffnet sich zuweilen ein Ventil, durch das lange zurückgepresster Dampf zischend hervorspringt. Aber dieses Ventil bleibt nicht lange offen. Die erschrockene Seele klappt es bald zu, und man erhält aus angstvoll verzerrtem Gesicht nichtssagende vage Redensarten.
Solche Psychose verfehlt nicht ihre Wirkung auf den Fremdling, der sich, wenn auch nur für kurze Zeit, in Russland aufhält. In diesem von Not, Begeisterung und Verzweiflung geschüttelten Land erlebt jeder einzelne das Schicksal der unsicheren Zukunft, der brennend gefährlichen Gegenwart. Gleich nach dem Überschreiten der Grenze spürt man eine gewissermaßen atmosphärische Last der Unfreiheit und des Misstrauens sich drückend auf die Seele niedersenken. Wie gerechtfertigt dieses Misstrauen ist, welch' guten Gründe die Kontrolle hat, erwähnte ich bereits. Immerhin ist der Zustand, in dem zu leben man gezwungen ist, oft schwer, zu Zeiten vollkommen unerträglich. Und das liegt nicht an der Kontrollbehörde allein, sondern an den Scharen der zum Teil ganz zweifelhaften Elemente, deren sie sich bedient, um die nötige Kontrolle auszuüben. Leute der Ochrana (der inoffizielle Oberbegriff für die verschiedenen Geheimdienste und die Geheimpolizei im zaristischen Russland) befinden sich unter ihnen; aber auch manchem neugebackenen Spür- und Bluthund bin ich begegnet.
Der Publizist mit ausländischem Auftrag lebt in Häusern unter militärischer Bewachung. Filzpantofflige Schufte schleichen durch die Korridore, und um das Schlüsselloch sammelt sich der fettige Abdruck ungewaschener Ohren. Man ist irgendwelchen Winkeltorquemadas ausgeliefert. Einmal hatte ich im Zimmer einer Dame ein Lehrbuch für erwachsene Analphabeten hinterlassen. Als die Dame verhaftet, ihr Zimmer versiegelt wurde, reklamierte ich bei der mir unmittelbar vorgesetzten Behörde, nämlich dem sogenannten Hauskommandanten, dieses Buch, das ich zu meiner Arbeit benötigte. Tags darauf wurde das Zimmer durch die Beamten jener Kontrollbehörde, der „Allrussischen Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution und des Wuchers“ (nach den Anfangsbuchstaben Wetscheka genannt), geöffnet, die Habseligkeiten der Dame durchkramt, und als ich mein Lehrbuch zurückforderte, wurde mir mit höhnischer Miene erklärt: dass die Dame das „Buch für Anarchisten“, das ich ihr gegeben hatte, sehr sicher verwahrt habe, denn man könne es nicht finden. Dies ist nur ein kleines Missverständnis, aber an solchem Haken ist schon manch' einer hängen geblieben.
Da alles, was man an Geschriebenem und Gedrucktem bei sich führt, vor dem Verlassen des Landes der Wetscheka zur Kontrolle vorgelegt werden muss, und da man mit diesem Material dann drei Grenzen zu passieren hat, ehe man wieder daheim ist, stellen die Notizbücher, die man bei sich trägt, natürlich hohle Attrappen vor. Das Wesentliche, ob es nun günstig oder ungünstig für eines der drei Länder lautet, verbirgt man ängstlich im Gedächtnis, um es vor Missverständnis, Unverstand, Spitzeln und Grenzbehörden zu schützen. Dieser Zustand der geistigen Notwehr ist es, der allmählich jenen seelischen Druck, jene spezifische Moskauer Psychose erzeugt, die schwerer zu ertragen ist als alle anderen Nöte, die man in Russland am eigenen Leibe erfährt. Der bare Selbsterhaltungstrieb, die Revolte des guten Gewissens fälscht und entstellt dir das Bild der Wahrheit, das zu enthüllen du unter das große, rätselhafte Volk des Ostens gekommen bist.
Immer wieder erklärte man mir: Was wir hier brauchen, sind Leute mit Phantasie; keine kleinen klebrigen Matteroffact-Gehirne, deren Horizont auf den Dunstkreis um ihre Nase beschränkt ist. Ich machte den einen und den anderen, der so zu mir sprach, darauf aufmerksam, dass die Führer der Bolschewiki es ja heftig leugneten, ihr Ziel sei die Utopie – und dass dieser oft wiederholte Wunsch nach phantasiebegabten Fremdlingen doch die Suggestion einschließe: der Betrachter möge durch das Gegenwärtige, das Gegebene, durch das Werdende hindurch des leuchtenden Zieles der Utopie gewahr werden, es nie aus den Augen verlieren. Und so ist es auch. Aus den Theorien der Führenden, der Gläubigen, der sich Opfernden, durch all den entsetzlichen Wust der halb und ganz vernichteten Möglichkeiten, durch das unsägliche Wirrsal der Widersprüche, des Provisorischen wie des überhaupt nie zu Verwirklichenden, den Widerstreit von papierner Verordnung und blutigem Daseinskampf, durch die Resultate der erbarmungslosen Kriege, der Blockade, der Sabotage durch die inneren Feinde hindurch das schon Verwirklichte und in einer helleren Zukunft zu Verwirklichende zu erfühlen und zu erblicken – dies ist und bleibt das Wesentliche in Sowjet-Russland.
Was man erfährt, sind indes Bruchteile von Bruchteilen.
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Ich suchte in Russland eine Religion und fand eine Partei. Eine Partei aber, die allerdings eine große Idee, die größte vielleicht, die Menschen je gedacht haben, mit allen Mitteln der politischen Macht und sogar der diplomatischen Schlauheit durchzusetzen bestrebt ist. Ein Franzose sagte mir: „Wir leben hier im Zeitalter der ersten Christenverfolgungen.“ Ein Engländer sagte mir: „Wir in England, in Amerika, wir mutigen und energischen Menschen hätten den Kampf gegen derartige Hindernisse längst aufgegeben.“ Wer aus den Bolschewiki Teufel macht, ist ein Verbrecher, wer aus ihnen Engel macht, ein Narr. Es sind lebendige Menschen, in Gefängnissen, im Exil hart geschmiedete Gehirne, gestählt durch Gefahren, gewaltige, für das Leiden der Unterdrückten offene Herzen, die selber am tiefsten unter der Notwendigkeit leiden, nun wiederum ihrerseits andere unterdrücken zu müssen.
Wie verhält es sich mit dem, der, ohne einer Partei anzugehören, aus Menschheitsdrang, aus innerer Bedrängnis – wenn auch mit ausgesprochen bürgerlichem Auftrag nach Russland fährt? Mein seelisch gerichteter Kommunismus ist durch die russische Prüfung unversehrt mit mir nach Deutschland zurückgekommen. So wenig der Mensch vor der Revolution beim Baron anfing, so wenig fängt er heute beim Kommunisten an. Da mein Menschheitsideal das herrschaftlose Beisammenleben in voller Freiheit auf Erden bedeutet, darf ich, aus diesem Gesichtswinkel gesehen, den Kommunismus wohl als eine Stufe zu diesem Ziel, mehr noch seiner Durchführbarkeit als seiner baren Theorie nach, einer Kritik unterwerfen. Und in diesem Sinne hatte der „Kommandant“ meines Hauses in Moskau wohl recht, wenn er das Lehrbuch für Analphabeten mit einem Handbuch für Anarchisten verwechselte.
„Freiheit ist ein Vorurteil der Intellektuellen.“ Dies steht irgendwo bei Lenin zu lesen. Wenn man nun, in einem Zustand der äußersten persönlichen Unfreiheit von einer Übergangszeit sprechen hört, einer zeitlich beschränkten Diktatur des Proletariats, die eine zeitlich abgeschlossene Diktaturperiode der imperialistischen, kapitalistischen Bourgeoisie ablösen soll und nach der sich alles in eitel Liebe und Gleichheit auflösen wird – wenn man die abgestandene Sentimentalität von den Enkeln, „die es einst besser haben werden“, aus dem Munde der konsequent und konkret denkenden Führer der Bolschewiki zu hören bekommt: dann kann man darauf ruhig erwidern: ihr gebraucht hier die Phrasen von 1914. Es gibt keine Übergangszeit, weil eine Zeit eine andere, keine Übergangsaktion, weil eine Aktion eine andere Aktion gebiert und so fort. Ebenso wenig gibt es Enkel; denn jeder Enkel ist seinerseits wieder Großvater. Es gibt nur einen ewigen Fluss der Dinge, und es gibt jawohl eine verhängnisvolle Verantwortung für die Gegenwart, den blutvoll schrecklichen Augenblick. Ihr selbst wisst es am besten, welche Schlagfertigkeit des Gewissens vonnöten ist, will man die Herrschaft einer Idee aufrichten. Es ist also nicht am Platze, von der allumfassenden Wahrheit zu sprechen, die nur aus den opalnen Fernen der Utopie herüberschimmert, und die nur das phantasiebegabte Auge zu erkennen vermag. Dasselbe Auge, das das Erreichbare betrachtet, muss hart und kühl die Ursache der Widerstände zu ergründen suchen. Wenn sich der Bolschewismus im Flusse befindet, so gibt es eherne Hindernisse, welche sich aus seinem eigenen Wesen emporrecken und seinen Lauf behindern.
In den letzten Tagen vor meiner Abreise erzählte man mir, dass Trotzki eine Artikelreihe des Inhaltes vorbereite: auf welche Weise den lokalen Sowjets wieder mehr Macht zugewiesen werden könne, die ihnen durch die übertriebene Zentralisation zu entschwinden angefangen hat.

Leo Trotzki
Wenn diese Artikelreihe geschrieben worden ist, wird sie von ungeheurer Tragweite für die Entwicklung des Kommunismus in Russland wie in der Welt sein. Unter allem Vorbehalt und mit größter Vorsicht gebe ich ein Gerücht wieder, das um dieselbe Zeit in Petersburg aufgetaucht war, und das, auch wenn es sich nicht bewahrheitet haben sollte, den Beweis dafür liefert, dass der Bolschewismus ein lebendes Gebilde ist und seine Führer als kluge und den Notwendigkeiten des Tages gewachsene Menschen gelten dürfen.
Der Anarchist (siehe Band 157e in dieser gelben Buchreihe: Anarchisten) Machnow, von den Bolschewiki als wilder Räuberhauptmann und Partisanenanführer zuerst in Acht und Bann erklärt, später freilich zum Bündnis aufgefordert, hat einen wichtigen, ja, wie es heißt, einen entscheidenden Anteil an dem Niederringen und der Erledigung Wrangels in Südrussland gehabt.

Nestor Machno – Нестор Іванович Махно – 1888 – 1934
Als Entgelt für seine Hilfe forderte er und wurde ihm gewährt: die Befreiung der um ihrer Gesinnung willen eingekerkerten Anarchisten und die Wiederherstellung der Rede- und Pressefreiheit in näher bezeichneten Gebieten Südrusslands.
Ein Gerücht, wie gesagt.
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Die Wahrheit! Wer es sich leicht machen wollte, könnte Ziffern an Ziffern reihen. Aber stülpe die ganze Statistik um – findest du in dem Haufen auch nur ein Körnchen Wahrheit? Die Naphthaproduktion bildet die Grundlage des russischen Verkehrswesens, aller inneren Möglichkeiten für den wirtschaftlichen Aufbau Russlands.
Rückte Wrangel in den letzten Monaten 100 Werst vorwärts, so versiegte die Quelle; wurde er 200 Werst zurückgeworfen, triumphierte der Statistiker. Ähnlich ging es mit der Baumwollproduktion und der Belieferung der Textilzentren durch Turkestan. Wir fuhren, durch die Statistik deprimiert, eines Tages aus Moskau nach dem Fabrikort Iwanowo-Wosnessensk im Gouvernement Wladimir. Wir wussten, dass dort die Fabriken eben wieder geöffnet waren, um vor Beginn des Krieges aufgestapelte Rohstoffe zu verarbeiten.

Baron Pjotr Nikolajewitsch Wrangel – Барон Пётр Николаевич Врангель
1878 – 1928
Als ich eine Woche später nach Moskau zurückkehrte, berichteten mir Delegierte der Turkestaner Sowjets, die in meinem Hause untergebracht waren, dass tags zuvor einige hundert Waggons mit Baumwolle aus Turkestan nach den nördlichen Gouvernements abgegangen seien. In den offiziellen Zeitungen Russlands begegnet man immer häufiger Aufsätzen, die gegen die Lügenwissenschaft der Statistik zu Felde ziehen, allen Ernstes die Einstellung statistischer Untersuchungen beantragen, nicht etwa, weil man die Not des Landes verschleiern müsse, sondern im Gegenteil, weil die Not den Menschen durch die Mittel der Statistik nicht als ein bald vorübergehender Zustand dargestellt werden dürfe. Eine merkwürdige Tafel wird mir stets vor Augen stehen, wenn ich mich jemals noch an pathetische Zahlen stoßen werde im Leben. Diese Tafel war im Garten des Narkompross, d. h. des Volkskommissariats für Volksaufklärung und Erziehung aufgestellt. Mit dieser Holztafel würde ich, ginge es nach mir, sofort in dem kalten Empfangszimmer Lunatscharskis, des Volkskommissärs, einheizen.

Anatoli Lunatscharski – Анатолий Васильевич Луначарский – 1875 – 1933
Eine graphische Darstellung wies in schwarzen, dann in roten Strichen und Säulen Rubelmengen, nämlich für Zwecke der Volkserziehung ausgeworfene Rubel in den Jahren von 1900 bis 1920 auf. Das Erziehungsbudget von 1900 war ein kleiner waagerechter Strich von der Dicke eines Fingers. 1904 war's der Finger eines kleinen Kindes geworden, so wenig war für den Zweck im Staatsbudget vorgesehen. 1910 war der Finger, wenn ich mich recht entsinne, der Finger eines normalen Bauern, aber immerhin noch ein Finger. 1918 schoss plötzlich eine rote Säule bis zur Mitte der Tafel in die Höhe, das war schon nach der Oktoberrevolution. Eine zweite rote Säule vom Jahre 1920 erreichte aber bereits den höchsten Rand der Tafel. Kein Mensch, der sich im Narkompross auch nur eine Stunde aufgehalten hat, wird das Ungeheure, das über die Jahrhunderte hinaus Gültige und Wirkende leugnen, das die Bolschewiki für die Erziehung des russischen Volkes geleistet haben. Wozu dieser veraltete schwindelhafte Behelf der graphischen Darstellung von Rubelauslagen? Jedes Kind weiß ja, dass die Kaufkraft einer Million Rubel 1920 der Kaufkraft von 1.000 oder gar 500 unter dem letzten Zaren entspricht. Fort mit der Statistik...
Aus Gegenwärtigem, Künftigem, aus der Gesinnung und der Leidensfähigkeit der Massen, aus meinem Gefühl, meinem Verstand, der Erfahrung meines ganzen Lebens, die mir Theorien, Menschen, Ergebnisse durchleuchtet, muss mir die Wahrheit über Sowjet-Russland erstehen. Ich setze mich hin, um mein Buch zu schreiben. Gott helfe mir.
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Das Arbeiter-Volk
Das Arbeiter-Volk
Es ist oft gesagt worden, dass der Ausspruch von Marx: das Land mit dem höchst entwickelten Kapitalismus sei berufen, zuerst die proletarische Revolution siegreich durchzuführen, sich nicht bewahrheitet habe.

Karl Marx
Denn gerade Russland, das Agrarland mit einem nur in den ersten Stadien befindlichen Industriekapitalismus hat die proletarische Diktatur zum Siege geführt. Ein anderer Ausspruch aber von Marx hat sich als wahr und folgerichtig erwiesen: dass nämlich das organisierte städtische Proletariat vor allem berufen sei, das Rückgrat jeder antikapitalistischen Revolution zu bilden. (In Deutschland haben die Kieler Matrosen, d. h. organisierte Metallarbeiter das Gebäude des Imperialismus zu Falle gebracht.)
Der organisierte Arbeiter, den Marx meint, ist aber nicht nur der Teil des klassenbewussten Proletariats, der den Sinn des Sozialismus erfasst hat und das proletarische Wirtschafts- und Verwaltungssystem begreifen, stützen und ihm zum Siege verhelfen muss, sondern vor allen Dingen ruht auf ihm die Pflicht, einen eben zertrümmerten Apparat durch eisernen Fleiß aufzubauen und alle nichtorganisierten, nicht klassenbewussten, alle unwilligen Elemente, die die neu aufzubauende Organisation auf die Dauer nicht entbehren und von sich abhalten kann, zu kontrollieren, zu disziplinieren, anzufeuern, wenn es sein muss zu unterdrücken.
Das Problem des Kommunismus ist: arbeiten; mit vollster Hingabe, unter Anstrengung aller Kräfte auf eine nicht mehr dem kapitalistischen Zwang der Selbsterhaltung, sondern dem freien menschlichen Streben nach Hingabe an die Gemeinschaft unterworfene Weise arbeiten. Das Problem des bolschewistischen Aufbaues, der Diktatur des Proletariats beruht darauf, dass mit einem wuchtigen Griff, einem harten Zupacken, Umbiegen und Abbrechen zugleich mit dem Kapitalismus der Trieb des Eigennutzes, der Habgier vernichtet werde und die Produktion, die Arbeitswütigkeit dabei nicht nur keinen Schaden erleide, sondern durch unerhörte Opferwilligkeit, angespanntes Pflichtbewusstsein auf dem eben zertrümmerten Gebäude der neue Zustand auferstehe. Es ist also, wie man sieht, ein psychologisches Problem. Es ist kein rein ökonomisches, sondern ein Gesinnungsproblem. Es ist ein Problem, bei dem die Psychologie der Massen wie des Individuums eine große Rolle zu spielen hat, eine entscheidendere Rolle vielleicht als die Routine.
Unter welchen Bedingungen nun hat der russische Kommunismus dieses verhängnisvolle Experiment begonnen? Er fand eine durch 16 Jahre Krieg geschwächte, verwahrloste und demoralisierte Menschenmasse vor, einen total verlotterten Produktionsapparat, einen erschrecklichen Mangel an den notwendigsten Rohstoffen. Fortwährende Bedrohung durch den an den Grenzen des Landes sich düster zusammenballenden Weltkapitalismus, der, der ungeheuren Gefahr bewusst, immer neue Heere vorwärts schob, den ganzen papierenen Apparat der Feindseligkeit, der Verleumdung, der Verdächtigungen in ein rasendes Tempo versetzte, der durch tausend unterirdische Kanäle Zwietracht, Verrat und Ärgeres in das hart geschlagene, wie eine Festung blockierte Land sandte. Aber schlimmere Hindernisse noch als diese rein äußerlichen erwuchsen dem Bolschewismus und seinen Führern aus den seelischen Vorbedingungen der Menschen, die sie fanden, um mit ihnen ihre Ideale aufzurichten. Ein Volkskommissar erklärte mir mit traurigem Lächeln: der russische Arbeiter habe in den Zeiten vor der Oktoberrevolution zu wenig kapitalistische Prügel erhalten, sei also niemals für eine angestrengte systematische Produktion vorgebildet gewesen. Die besten und verlässlichsten Arbeiter seien die Litauer, die Polen und die Juden.
Es gibt Leute, die den Bolschewiki den Vorwurf machen, dass sie mit einem ungeeigneten Volkskörper ein so radikales Experiment gemacht hätten. Und es sind nicht zuletzt die aufrichtigen Sozialisten, die diesen Vorwurf erheben; denn sie befürchten beim Scheitern dessen, was sie das bolschewistische Experiment nennen, ein weltweites Erstarken des Kapitalismus und eine Diskreditierung des sozialistischen Gedankens auf unabsehbare Zeit.
Nach drei Monaten, die ich in Russland verbracht habe, kann ich ein ähnliches, wenn auch viel leichteres Bedenken nicht von mir weisen. Das Volk ist müde, der Arbeiter entnervt, der Kapitalismus hat an der Gesinnung der Menschen, an dem Trieb zur Gemeinschaft Jahrtausende lang gesündigt, und der treu ergebenen opferwilligen Genossen sind verhältnismäßig wenige. Die Opferwilligkeit dieser Treuen und Gerechten führt sie – an den roten Fronten – zur Preisgabe ihres Lebens und damit zur Vernichtung der wesentlichen und wichtigen Stütze der Gesinnung bei den schwankenden Massen und der Kontrolle aller der Disziplin Unfähigen, bewusst das Getriebe Zerstörenden.
* * *
Ich habe einige Fabriken besichtigt, in denen ich die Produktionsweise des heutigen Russlands, fragmentarisch zwar, wie es sich von selbst versteht, aber doch in seinen Konturen zu verfolgen vermochte. Es waren dies: eine Textilfabrik in der Nähe Moskaus, eine Kattunfabrik in Iwanowo-Wosnessensk, außerdem Fabriken verschiedener Art in Petersburg, Werkstätten, Bekleidungsindustrien, Brotfabriken usw. In mancher Fabrik fanden wir Rohstoffe vor, die noch aus der Zeit vor dem Kriege stammten. In anderen lag schon neues Material aus den unerschöpflichen Vorratskammern des weiten Landes bereit, jedoch wurden da auch Verarbeitungsstoffe verwendet, die die Blockade nicht herein ließ, z. B. Farben für den Musteraufdruck des Kattuns, die im Frieden aus Bayern importiert wurden, und deren Versiegen die Fabrikation wieder vor ein schwieriges Problem stellen wird.
Die Fabriken, die wir sahen, waren bereits in der Zeit vor dem Kriege erbaut und eingerichtet worden. Alles, was wir zu beobachten hatten, um das Wirken des neuen Arbeitssystems zu erkennen, war: in welchem Zustand sich die Fabrik befand, auf welche Weise man die vorhandenen Maschinen und Stoffe behandelte, seit der Arbeiter selber Herr des Betriebes geworden war, und zuletzt das Wichtigste: auf welche Art man den zugrunde gehenden Apparat, die abgenutzten Maschinen, die unersetzbaren Maschinenbestandteile arbeitsfähig erhielt, durch sorgfältige Behandlung, durch Erfindungsgabe, durch Hingabe und Verständnis für die Notwendigkeit der Produktion, nicht nur für die äußeren Bedürfnisse des Volkes, sondern für die Stärkung und Aufrechterhaltung der großen politischen Idee.
Ich bedaure es sehr, dass wir keinen Kodak zur Hand hatten, als wir die große Tuchfabrik in der Nähe von Moskau besuchten. Sie fabrizierte Militärtuch, außerdem Tuche für Männerbekleidung und das sogenannte „technische Filztuch“ für die Papierfabrikation. Die Herstellung dieses letzteren – eines schweren weißen Filzes von zwei Finger Dicke, der eine endlose Rolle darstellt – erfordert eine bestimmte Maschine zum Aufrauen des Stoffes. Diese Maschine heißt Rollkardenmaschine und stellt einen Zylinder aus Metall dar, an dem distelförmige biegsame Stachelspulen befestigt sind. Das Tuch wird über diese Disteln gezogen, die die Fasern des Tuches aufrauen. Die Maschinen, die aus Bury in England bezogen worden waren, waren nicht mehr zu gebrauchen. Die Arbeiter in der Fabrik zimmerten nun aus Holz ähnliche Zylinder zusammen und befestigten an ihnen wirkliche Disteln, die aus einem entfernten Gouvernement herbeigeschafft und natürlich einer raschen Abnutzung ausgesetzt waren. Diese Maschine, primitiv, naiv, wie von irgendeinem Robinson Crusoe zusammengesetzt, kam mir als rührendes Symbol der Not und der Tugend des neuen Russlands vor.
Ich besuchte diese Fabrik mit dem ehemaligen Volkskommissar der ungarischen kommunistischen Regierung, dem ausgezeichneten Volkswirtschaftslehrer Professor Varga.

Varga Jenő – 1879 – 1964
Wir fuhren unangemeldet dort hinaus und konnten einen genauen Einblick in das Getriebe so der Arbeit wie der Verwaltung gewinnen. Von 6.100 Spindeln arbeiteten zurzeit nur 3.000. 1.600 Arbeiter lebten mit ihren Familien auf dem Gebiet um die Fabrik. Viele Maschinen standen still, weil es an Werkzeugen mangelte, die fehlenden Bestandteile zu erneuern. So z. B. musste der endlose Filz, von dem ich sprach, da die Maschinen zum Zusammenweben des Filzes nicht funktionierten und nicht zu ersetzen waren, von Hunderten von Arbeiterinnen zusammengewebt werden. Da saßen sie nun auf langen Bänken in einer Reihe und fügten mühselig Faden um Faden der beiden Enden des Tuches zusammen. Eine unendlich monotone und mühselige Arbeit, bei der es zu vermeiden war, dass Knoten in das Tuch gelangten, weil dann das Papier, das über diese Tuche laufen muss, natürlich zerrissen wäre. Mir fiel bei dieser Verrichtung ein Wort ein, das ich in Moskau gehört hatte: „Wenig Maschinen, viel Menschen – viel Maschinen, wenig Menschen. Unser Problem ist einfach: wir haben enorme Mengen Menschen, wir brauchen die Maschinen nicht.“
Die Arbeiterinnen dieser Fabrik hatten pro Tag ein Minimum von 7½ Arschin Gewebe abzuliefern, erhielten dafür einen Minimaltagelohn von 121 Rubeln 20 Kopeken. Um die Produktion zu heben, wurde ein Prämiensystem eingeführt, welches die Bezüge bis zu 400 Prozent des Lohnes steigern konnte. Zu Zeiten der erhöhten Produktionsnotwendigkeit wurden 40 Überstunden monatlich bei 25 monatlichen Achtstundentagen geleistet. Vor der Einführung des Prämiensystems hatte bei den männlichen Arbeitern die tägliche Produktion einen Durchschnitt von 12 Arschin betragen, nach der Einführung des Prämiensystems betrug der Durchschnitt 15 bis 17 Arschin. Jeder Beamte und Arbeiter hat pro Kopf seiner Familie Anspruch auf 11 Szazn Landes zur eigenen Bebauung im nächsten Umkreis der Fabrikniederlassung. Das hatte seine Vorzüge und Nachteile. Da die Lebensmittelbelieferung oft eine gänzlich ungenügende war und zumal die Arbeiterinnen vor Unterernährung und Müdigkeit kaum mehr zu arbeiten vermochten, durfte man nichts dagegen haben, dass sich ein Teil des Betriebspersonals halbe Tage lang unentschuldigt auf den Feldern umhertrieb, um Rüben, Kartoffeln und andere Erdfrüchte anzubauen, zu pflegen und einzuheimsen. Gegen diese notgedrungene Sabotage der Produktion half nur das mechanisch erhöhte Prämiensystem. Doch war die Stimmung unter der Arbeiterschaft eine vorzügliche. Sie wussten ja, dass etwas sich geändert hatte, dass sie für sich arbeiteten, und das half ihnen über manche Entbehrung, Müdigkeit und Kummer hinweg.
Eine Schar hübscher, gut gekleideter und fröhlicher Kinder stand um unser Automobil, als wir kamen und gingen. Im Klubzimmer, in den Speisesälen, in dem Kinderklub der Arbeiterheime hingen Bilder und Fahnen mit Wahlsprüchen an den Wänden; ein Theater sah man, dessen Dekorationen von den Arbeitern selbst gemalt worden waren. Das Programm der letzten Aufführungen zeigte Stücke von Tschechow und Tolstoi. In einem kleinen Atelier standen naive Ton- und Holzskulpturen, die begabte Arbeiter in ihren Mußestunden ausgeführt hatten. Ein Sanatorium mit vorzüglich gehaltenen Räumen für Operationen, Wöchnerinnenstuben und Apotheke wies erstaunlich gut funktionierende Einrichtungen auf, der Oberarzt verfügte sogar über chirurgische Geräte; wie uns im Vertrauen mitgeteilt wurde, waren diese durch den Schleichhandel erstanden; auch war, was in Russland noch seltener ist, Chloroform vorhanden.
Im Betriebsrat saßen nur Arbeiter; kein Beamter. Der Vorsitzende war Kommunist. Doch ist das nicht unbedingte Regel. Es gibt Fabriken, in denen kein Kommunist im Betriebsrat sitzt; nur war diese eben eine der wichtigsten in der Nähe Moskaus und stand in direktem Zusammenhang mit der Zentralstelle für Textilversorgung des Landes. Uns hatten zwei Genossen begleitet, ein älterer, mit der Kontrolle dieser Fabrik im Moskauer Textilkomitee beauftragt, und ein jüngerer, der im Zentrotextil, der obersten Stelle für die gesamte Produktion des Reiches, die verantwortungsvolle Stelle des Leiters der gesamten Wollabteilung innehatte. Beide Genossen waren ehemalige Angestellte der großen Fabrik und standen noch in einem freundschaftlichen und vonseiten des alten, expropriierten Besitzers patriarchalischen Verhältnis zu ihrem ehemaligen Arbeitgeber.
Weniger günstige Eindrücke hatten wir, als wir im Büro der Fabrik mit den führenden Beamten zu sprechen anfingen. Der Leiter des Büros, ehemaliger Direktor der Fabrik, seit zwanzig Jahren in derselben Tätigkeit, gab ohne weiteres zu, dass seine Bücher nicht ordentlich geführt seien; außerdem konnte er über die Produktionsmengen, die Rohstoffe, die Quantitäten der Verarbeitung nur vollkommen vage und verlegene Auskunft erteilen.
Nach Iwanowo-Wosnessensk fuhr ich als Mitglied einer kleinen Gruppe, die unsere wunderbare Klara Zetkin begleitete. Iwanowo-Wosnessensk ist eine der größten Industriestädte Russlands, das Herz des revolutionären proletarischen Russlands. Hier herrschte unter der Arbeiterschaft Jubel ob des Besuches der seltenen Frau.

Clara Zetkin – 1858 – 1933
Auch Angelika Balabanoff befand sich in unserer Gesellschaft.

Angelika Balabanoff
Wir wurden mit militärischen Ehren empfangen. Die Rote Armee stand auf dem Bahnhof, die Militärkapelle spielte die Internationale, und wir nahmen eine Art Parade ab. Weinende Frauen begrüßten und küssten Klara und Angelika, die vom Trittbrett des Waggons Ansprachen an die Versammelten hielten.
Die Fabrik, die wir am nächsten Tage besichtigten, hatte im Frieden enorme Mengen von Kattunstoffen nach dem näheren und weiteren Orient geliefert. Die Musterbücher der Fabrik wiesen eine schier unglaubliche Fülle von buntesten Drucken auf. Alle Urformen indischer, chinesischer, persischer Dekoration fanden sich in diesen Musterbüchern vereinigt. Jetzt wurden natürlich Varianten von nur ganz geringer Zahl ausgeführt. Doch fanden wir schon neue Zeichnungen in einem sauberen, volkstümlichen Stile, der dem Geschmack des Proletariers angemessen schien. Im Hofe der Fabrik, die seit zwei Wochen erst wieder in Gang gesetzt worden war, im Frieden 4.500, jetzt nur 2.000 Arbeiter beschäftigte, lagen noch Berge von Granaten. Die Fabrik war nämlich im Kriege auf diesen angenehmen Produktionszweig umgestellt worden. Das ganze Teufelszeug rostete nun unter der dreimal wiederholten Schneeschicht. Iwanowo-Wosnessensk besitzt 210 Fabriken und ist, wie gesagt, das Zentrum der Kattunfabrikation Russlands. Durch die neue Produktionsweise sind jetzt alle für die Fabrikation von Textilwaren bestimmenden Bearbeitungsstellen vereinigt, während früher der unsinnige Zustand herrschte, dass man einen Stoff, der an einem Ort gewebt wurde, Tausende von Meilen weit an einen anderen Ort zur weiteren Bearbeitung, dann wieder quer durchs Land zum Dekatieren usw. herumschicken musste. Von den 210 Fabriken sind es zwanzig große, die gegenwärtig in Betrieb stehen. Kleine Betriebe sind natürlich gesperrt, da die Konkurrenz der Fabrikanten und die Privatinitiative mit dem Privateigentum aufgehört haben.
Auch hier sahen wir viel Heroismus der Arbeit und viel rührendes Elend. Blasse Frauen stürzten auf unsere Zetkin zu, zeigten ihre Bastschuhe – draußen hatten gerade die ersten Winterfröste eingesetzt – und baten die Freundin und Führerin, den Genossen Lenin zu veranlassen, dass er mehr Brot und mehr Schuhe nach Iwanowo schicke. (Der Ort galt von jeher als ein Hungerzentrum.)
Gegen welche Schäden moralischer Art das meines Erachtens die Moral nicht minder schädigende Prämiensystem anzukämpfen hat, lehrte uns der Besuch einer großen Mäntelnäherei in Petersburg. Als wir ankamen, war eine kleine Gruppe von jungen Arbeiterinnen im Zimmer des Betriebsleiters versammelt. Auf Stühlen lagen, sorgfältig hingebreitet, hübsche, aus gutem Tuch verfertigte und mit Seide gefütterte Blusen und Jacken, Röcke, sogar einige schöne warme Mäntel aus Plüsch und mit Pelzwerk. All dies wurde an Arbeiterinnen für gutes Verhalten, emsige Arbeit und pünktlich eingehaltene Arbeitszeit verteilt. Wir erfuhren, dass viele von den Arbeiterinnen sich den härtesten Strafen für Verletzung der Arbeitspflicht aussetzten, halbe Tage lang fortblieben, um für die Ehegattinnen irgendwo versteckter reicher Schieber Mäntel zu nähen, Kleider anzufertigen, wobei die Löhne für solche heimlich fertiggestellte Kleider zwischen 60- und 80.000 Rubel schwankten. Hier hatten wir einen wüsten Ansturm von großstädtisch demoralisierten, keifenden und fuchtelnden Frauen zu bestehen. Dieser Ansturm galt dem Abteilungsleiter der Petersburger zentralen Kommunalbehörde, der uns die Werkstätten zeigte. Der Mann, einer der tüchtigsten, gewissenhaftesten und arbeitsfreudigsten Beamten des großen Stabes der Petrokommun war ehemals selbst Schneider gewesen. Die Beschwerden der Arbeiterinnen waren: mangelhaftes Schuhwerk und ungerechte Bevorzugung irgendwelcher Kolleginnen bei der Verteilung der Prämien.
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Russland, das blockierte, vom Krieg bedrängte, vor inneren Feinden sich nur ungenügend schützende Russland krankt an einer Unterproduktion des Notwendigsten.
Das traurigste Wort, das ich in Russland gehört habe, war das Wort: Remont. Remont bedeutet Reparatur, und wenn man Remont hört, bedeutet es, dass etwas kaputt ist, das nicht repariert werden kann. Im täglichen Leben bemerkt man dasselbe wie in den großen Dingen der öffentlichen Einrichtungen und Notwendigkeiten. Ging in dem schönen Hause, in dem ich in Moskau wohnte, eine Schraube von der Klinke meiner Zimmertür verloren, so konnte ich meine Tür nicht mehr schließen, denn es waren einfach keine Schrauben zu beschaffen. Mein Weg in die Stadt führte mich durch eine der belebtesten Verkehrsadern, eine abschüssige Straße entlang. Mitte Oktober hatten wir 15 Grad Kälte. In einem vierstöckigen Hause war allem Anschein nach ein Leitungsrohr geplatzt. Ein ekler Bach von Urin er ergoss sich gelb durch den Schnee und das Eis hundert Meter weit über die Straße. Die Röhren waren nicht zu ersetzen. Überall auf Schritt und Tritt Verwüstung, Unersetzbarkeit, Ruin. Damit zugleich Resignation, Gehenlassen, Verlotterung, Sich-Hinlegen und Sterben.

Anton Iwanowitsch Denikin – 1872 – 1947 – zaristischer Offizier der „Weißen“
Und doch – im Frühjahr 1920 gab es zwischen der Erledigung Denikins und dem neu einsetzenden Polenkrieg einen Zeitraum von ungefähr drei Monaten, in dem die Industrie mit einem Ruck erhöhte Produktion aufwies, dadurch die Belieferung vom Lande einen Aufschwung nahm, die allgemeine Stimmung sich hob, das System erstarkte und an Anhängern gewann. Aber dann kam Polen, dann kam Wrangel, dann kamen die Besetzung des Donjetzbeckens, die Verwüstung und die Abschneidung der ukrainischen Felder, die Wegnahme der Naphthaquellen, Müdigkeit, Verzweiflung. Trotzdem ließ man den Mut nicht sinken. Die Lebensmittelration der Kinder wurde erhöht (die bösen Kommunisten erhöhten sogar die Lebensmittelration für die Kinder der verhassten Bourgeoisie), und die wenigen Monate Waffenstillstand an der Front bewirkten, dass der Winter 1920/1921 minder hart und gefährlich auf die leidende Bevölkerung der großen Städte niederfällt.
Als ich Russland verließ, war Wrangel in die Flucht geschlagen, und wir atmeten auf. Eine Zeitspanne von mindestens vier Monaten Ruhe an den Fronten stand Russland bevor. Russland, das ein bewunderungswürdig aufgebautes Heer von Arbeitern und Bauern besitzt, wird imstande sein, diese disziplinierten, zum Teil enthusiastischen, weil für das Recht kämpfenden Männer zur Arbeit in den wichtigen, für Leben und nächste Zukunft entscheidenden Produktionszweigen umzustellen. Wenn der Krieg, wie ich später ausführen werde, hilft: die Idee des Kommunismus in der Armee und damit in den breitesten Massen des russischen Volkes auf entscheidende Weise zu verbreiten, so hilft der Waffenstillstand, die Atempause zwischen zwei Kriegen, die Industrie zu stärken. So bewirkt der Kampf der Entente genau das Entgegengesetzte von dem, was sie sich von der Bekämpfung des Bolschewismus verspricht. Die Zukunft wird es lehren, ob der Weltkapitalismus sich nicht in einem nutzlosen Ansturm gegen die Idee der Befreiung der Massen aufreibt und verausgabt.
(Die Russische SFSR, die schon im Juni 1990 ihre Souveränität, nicht aber ihre Unabhängigkeit verkündet hatte, erklärte im Dezember 1991 die formale Auflösung der Sowjetunion, was die Überleitung der Außenbeziehungen der alten Sowjetunion auf die neu entstandene Russische Föderation erleichterte. Boris Jelzin, der in der ersten demokratischen Präsidentschaftswahl des Landes am 12. Juni 1991 zum Präsidenten Russlands gewählt wurde, übernahm die Kontrolle über Medien und Schlüsselministerien. Schrittweise demontierte und entmachtete er Präsident Gorbatschow, der am 25. Dezember 1991 als Präsident der UdSSR zurücktrat und die Amtsgeschäfte an Jelzin als Präsidenten der Russischen Förderation übergab. Symbolträchtig wurde um 19:32 Uhr Moskauer Zeit die seit 1917 über dem Moskauer Kreml wehende Flagge der Sowjetunion mit Hammer und Sichel eingeholt und die weiß-blau-rote Flagge Russlands aufgezogen. Damit wurde das utopische Experiment des Kommunismus auf russischem Boden beendet.)
Diese Befreiung der Massen ist nicht wörtlich zu nehmen. Denn wenn man unter Freiheit Selbstbestimmung, Leichtigkeit der Bewegung, ein gemütliches Hinvegetieren versteht, so kann man diese Freiheit in Russland allerdings nicht finden. An ihrem Mangel leidet jedermann (nicht allein der Intellektuelle!), am allermeisten aber der russische Arbeiter.
Einige Bemerkungen über die Art der Arbeitszuteilung und die Bedingungen der Arbeit selbst seien hier eingeflochten: Die Freizügigkeit des Arbeiters besteht nicht mehr. Die Vermittelung der Arbeitskräfte geschieht nicht durch Arbeitsbörsen, wie noch vor kurzem, sondern durch das Volkskommissariat für Arbeit (Kommissar Schmidt), das in enger Fühlung und bei den höheren Stellen auch in persönlicher Union mit den Gewerkschaften und ihren Führern steht. Arbeitspflicht besteht für jeden Mann vom 16. bis 50. Jahr, für jede Frau bis zum 40. Jahre. Der Maximalarbeitstag dauert 8 Stunden. In manchen Betrieben, die schwere, gefährliche oder gesundheitsschädigende Formen der Arbeit bedingen, wie in Zündholzfabriken, in Bergwerken usw., reduziert sich die Arbeitszeit um 2 bis 2½ Stunden und um ganze Arbeitstage in der Woche. Frauen haben acht Wochen vor und acht Wochen nach ihrer Niederkunft Anspruch auf vollständige Ruhe, vollständige Bezahlung ihrer Bezüge und auf eine Belieferung an Leinwandstoffen und allem Nötigen für die erste Versorgung des Kindes. Außerdem wird die Milchration, auch wenn die Frau ihr Kind nicht selbst stillt, erhöht. Schwankungen bei der Durchführung all' dieser Vorschriften sind noch zu beobachten. Ich selbst habe in manchen Betrieben junge Mädchen gesehen, die offenbar das 16. Jahr noch nicht erreicht hatten. Indes mag das auf einen Irrtum zurückzuführen sein; verkümmerte, armselige Proletarierkinder sind ja im Wachstum gehemmt worden von je, und der traurige Zustand des gequälten Landes vermochte daran im Zeitraum von drei Jahren trotz der ungeheuersten Anstrengung nichts Entscheidendes zu ändern.
* * *
Um das, was ich über die geistige Arbeit im Dienste des Staatswesens zu sagen habe, gleich in das richtige Gleichgewicht zu bringen, will ich zwei Sätze aus Lenins Broschüre „Staat und Revolution“ zitieren. Der erste Satz lautet: „Beamtentum und ständiges Heer, das sind die Parasiten am Körper der bürgerlichen Gesellschaft.“ Der zweite Satz lautet: „Von einer plötzlich restlosen Beseitigung des Beamtentums an allen Orten kann keine Rede sein. Dies wäre Utopie; aber den alten Beamtenapparat sofort zertrümmern und gleichzeitig mit dem Bau eines neuen beginnen, der die allmähliche Beseitigung jeglichen Beamtentums ermöglicht, das ist keine Utopie.“ Weiter führt Lenin aus: Mit der Beseitigung des spezifischen Vorgesetztentums der Staatsbeamten kann und muss sofort von heute auf morgen begonnen werden, und an deren Stelle müssen die einfachen Funktionen von Aufsehern und Buchhaltern treten.
Was ich in Russland gesehen, erfahren, und ich darf ruhig sagen, erlitten habe, lässt sich auf das System der ungeheuerlichsten Zentralisierung des ganzen Produktions- und Verwaltungsapparates zurückführen, den diese an Schrecknisse gewohnte Welt jemals erlebt hat. Die Privatinitiative ist zugunsten der Staatsinitiative ausgeschaltet, aber die Menschen sind die alten geblieben. Das Beamtentum ist eine in allen Formen der Gesellschaftsordnung wiederkehrende Belastung des produktiven Arbeiters, des die Schätze der Natur, sei es durch den Pflug, sei es durch den Spaten hebenden Arbeiters, des die Schätze des Landes verarbeitenden und zum Gebrauch für die Gemeinschaft herrichtenden Arbeiters.
Ein Wort an Alle, an alle Arbeiter, an die sich vereinigenden Proletarier aller Länder! Im Augenblick, in dem ihr die Herren der Staatsgewalt geworden seid, im Augenblick, in dem ihr die Klasse der Ausbeuter unterdrückt und vernichtet habt, beginnt für euch eine Zeit der ungeheuersten Kraftanstrengung, die Notwendigkeit unerhörtester Arbeitsleistung, die Zeit einer selbstauferlegten äußersten Sklaverei, die nur bei den Klassenbewusstesten, bei den Zukunftsbewusstesten unter euch ein Gegengewicht in der inneren Befreiung, in dem Bewusstsein der inneren Freiheit finden kann!
Die Zentralisierung des politischen und wirtschaftlichen Verwaltungsapparates gebiert eine so maßlose, alle Begriffe überschreitende, jeder Kontrolle allmählich entschlüpfende Beamtenschaft, dass ihr wiederum für eine Schar mehr oder minder untätigen parasitären Individuen angestrengt zu arbeiten habt, maßlos zu arbeiten habt, nur dass diese auf eurem Buckel hockende Schar euch jetzt nicht mehr ausbeutet, sondern das verwaltet, was ihr mit eurer Hände und Hirne Arbeit aus dem Erdboden hervorstampft, in den Werkstätten verarbeitet.
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Wenn unter dem kapitalistischen System nur die Hälfte der Bevölkerung rein produktive Arbeit leistet, so weiß ich nicht, welcher Bruchteil der Bevölkerung unter dem kommunistischen System rein produktive Arbeit leisten wird und kann. Die erste Notwendigkeit, die erste Tat nach der Ergreifung der Macht durch das Proletariat war: die kapitalistischen Führer und Beamten aus dem Staats- und Wirtschaftskörper völlig auszuschalten. Sofort darauf ergab sich als nächste dringendste Notwendigkeit die Aufgabe: unter diesen Ausgeschalteten vorerst die Spezialisten in den einzelnen Fächern wieder in den Beamtenkörper aufzunehmen. Diese Notwendigkeit birgt eine maßlose Gefahr in sich, wie ich es gleich ausführen will. Sieht man sich das Diagramm eines großen Verwaltungskörpers, z. B. des Obersten Wirtschaftsrates, im Zusammenhang mit allen den ihm untergeordneten Zweigen der Produktion und Verteilung an, so wird man an diesem Schema des Verhängnisvollen des Systems genau gewahr werden. Zuerst befindet sich im Innern dieses Diagramms, in der Mitte des Blattes, auf dem das Schema eines Kommissariats oder eines Zentralrats aufgezeichnet ist, ein kleiner Kreis.

In diesem Kreise steht der Volkskommissar für Arbeit, für Volksaufklärung, für Auswärtige Angelegenheiten, für Gesundheitspflege, oder was er sonst ist. Diese Männer, soweit ich sie kennen gelernt habe, soweit ich ihre Arbeit beobachten und mich über ihre Arbeit informieren konnte, sind Persönlichkeiten von absoluter, keiner Verleumdung zugänglichen Integrität, durch das Leben und das Schicksal erprobte, gehärtete, aufopferungsvollste, für unsere gemäßigten Zonen der Pflichterfüllung unbegreifliche Arbeiter, Verantwortungsträger, zum Teil wahre Apostel und Herolde einer neuen Zeit.
Um diesen innersten Kreis, der entweder einen Namen oder die Namen eines ganz engen Komitees von drei bis fünf Menschen umfasst, zieht sich ein Kreis mit schon etwas breiterem Radius. In diesem Radius sind die Leiter der obersten Verwaltungsstellen des Kommissariats genannt, meist ebenso erprobte, zum großen Teil ebenso opferwillige, mit Arbeit überlastete und ihrer Verantwortung bewusste Kommunisten. Die Kreise weiten sich immer mehr. Jedem Leiter eines Verwaltungs- oder Produktions- oder Verteilungszweiges unterstehen Abteilungsleiter, die ihrerseits wieder einen weiteren Kreis und immer weitere Kreise von Untergebenen mit spezialisierten Funktionen besitzen. Je weiter diese Kreise sich von dem Mittelpunkt entfernen, umso weniger können die Funktionäre, die ihn ausfüllen, kontrolliert werden.

Georgi Wassiljewitsch Tschitscherin – Георгий Васильевич Чичерин – 1872 – 1936
Ich habe den Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Tschitscherin, kennengelernt, habe ungefähr zu sehen bekommen, wie sein Kommissariat arbeitet. Außerdem habe ich auch neben anderen Kommissariaten das Kommissariat für Volkserziehung des Genossen Lunatscharski zu beobachten Gelegenheit gehabt.
Ich kann nicht sagen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen der Tüchtigkeit „des inneren Kreises und der äußersten Kreise“ ein und desselben Kommissariats besteht, und ich will nicht sagen, welches von den erwähnten Kommissariaten mir diese Überzeugung beigebracht hat. Ich weiß nur, dass Tschitscherin, ein kränklicher, hüstelnder Asket, von den achtzehn Arbeitsstunden, die er täglich leistet, reichlich zehn an Organisationsfehlern innerhalb seines Kommissariats einbüßen muss. Lunatscharski mag ein Mann von grandiosen Ideen sein, und manches, was in seinem Kommissariat durchgesetzt ist, wird die Welt in stärkere Erschütterung versetzen, als sie das Kommissariat der Arbeit oder irgendeines wirtschaftlichen Departements hervorzurufen vermag – aber er ist der typische Intellektuelle, verschwindet von Zeit zu Zeit, um Konrad Ferdinand Meyer zu übersetzen oder um ein Drama zu schreiben, in dem Marx mit Faust und Bakunin mit Mephisto und andere unzüchtige Paarungen stattfinden, und die Arbeit des Kommissariats trägt die Folgen.
Je stärker sich der Kommunismus einwurzelt, im Maße, in dem das System in dem ganzen ungeheuren Lande erstarkt, im Maße, in dem alle zur Zentralorganisation gehörenden Zweige der Verwaltung und der Produktion in den Bereich der Zentralisierung einbezogen werden, macht sich die Notwendigkeit der Auffüllung des Beamtenkörpers, der Zuziehung von Massen neuer und immer neuer Mitarbeiter bemerkbar. Es lässt sich nicht vermeiden, dass sich Elemente in diesen Scharen einfinden, die durch Faulheit, Korruption, durch bewusst feindliche Gesinnung gegenüber dem System den ganzen Apparat schwächen und diskreditieren. Die „inneren“ Vorkämpfer der revolutionären Idee fordern von ihren Untergebenen mit mehr oder minderer Energie dieselbe Aufopferung, denselben Idealismus, dieselbe Gläubigkeit, die sie in sich hegen, und die letzten Grundes die Ursache dafür ist, dass der russische Kommunismus sich seit drei Jahren siegreich in Russland behauptet hat und eine nie mehr vergängliche Umwandlung der Geister in der ganzen Welt bewirkte.
Aber diesem seelischen Druck geben nur jene nach, die die Vorbedingungen der Aufopferung, des Idealismus, der Gläubigkeit in ihren Herzen besitzen. Bei den anderen, die, um zu leben, sich dem Sowjet-Apparat freiwillig, aufgefordert oder notgedrungen zur Verfügung gestellt haben, keimt und schwillt mächtig und immer mächtiger Hass, Böswilligkeit und Vernichtungssucht an.
Wenn es die Eigenschaft des Staates ist, dass er einen enormen Beamtenapparat nötig hat, so trägt der Staat seinen Krankheits- und Todeskeim in sich, und es ist fraglich, wie sich aus dem vorläufig allmächtigen Gebilde des Staates jemals unser utopischer Traum der freien Gemeinschaft kleiner Kreise entwickeln soll. In Russland habe ich das unerhörteste, ungemessenste Leiden in fast allen Schichten der Bevölkerung gefunden, fröhlich aber und guter Dinge habe ich (außer den Kindern) nur eine Schicht gesehen, nämlich eine im wirklichen Sinne des Wortes parasitäre, bürgerliche Mittelschicht von neuem Beamtentum, die sich weiß Gott woher zusammen gefunden hat, sich über den wissbegierigen und ernst und eifrig den Zusammenhängen nachforschenden Fremdling lustig macht, ihn durch Ignoranz oder bewusste Irreführung bei seiner Arbeit behindert. Ich sprach schon vorhin von der Schwierigkeit, durch Informationen die Wahrheit über die innere Struktur des Apparates zu erhalten. Diese Schicht einer, man kann es ruhig so nennen, neuen Bourgeoisie, der sogenannten Sowjet-Bourgeoisie, ehrgeizige, zynisch unzuverlässige Menschen, werden durch Maulwurfsarbeit den Staatskörper unterminieren und würden vermutlich die ersten sein, die auf den Trümmern, wenn es jemals Trümmer geben könnte, die weiße Fahne oder irgendeine andere hissten.
Die inneren Kreise kennen diese Zustände, kennen diese Leute ganz genau. Von Zeit zu Zeit „kämmen sie sie aus“, d. h. sie schütteln sie ab unter Hinweis auf die Notwendigkeit, dass die Front junger Männer bedarf, dass in einem entfernten Ort des weiten Landes ein Posten vakant geworden ist, auch wird der kommunistische Samstag oft als willkommener Anlass dazu ersehen, die zu geistiger wie zu körperlicher Dienstleistung Unwilligen zu entlarven, sich ihrer zu entledigen. Aber es fragt sich, ob der Ersatz, der für diese Ausgekämmten geschaffen wird, nicht aus noch trüberen Elementen besteht. Es ist in den Russland feindlich gesonnenen Ländern immer wieder die Rede davon, dass die Rote Armee es sein wird, die letzten Endes die Bolschewiki stürzen wird. Dieser Hoffnung muss sich die vereinte kapitalistische Welt entschlagen. Die neue Sowjet-Bourgeoisie schenkt ihrerseits dieser kapitalistischen Welt eine erneute, wenn auch beträchtlich geringere Hoffnung. Es ist unwahrscheinlich, dass die Sowjet-Führer diesen Krebsschaden früher oder später vollkommen auszuschneiden fähig sein werden.
Die Kommunistische Partei Russlands ist zahlenmäßig gering. Sie beträgt nach neuester Schätzung dreiviertel Millionen bei einer gesamten Volkszahl von 150 Millionen, und von dieser dreiviertel Million ist, gering bemessen ein Drittel, und zwar gerade das wertvollste, verlässlichste und opferwilligste Drittel an den Fronten, wo es in den vordersten Gräben die Sache der Sowjets verficht. Welches Maß von Heroismus an diesen Fronten von den überzeugungstreuen, opferwilligen Kommunisten stündlich bezeugt wird, kommt nie ans Tageslicht. Die letzte Woche des Wrangel-Abenteuers, die ich in Russland verlebt habe, weist auf eine Epopöe hin. Kämen diese verlässlichen, erprobten Menschen zurück, das Übel wäre über Nacht in nichts vergangen.
Es ist unzweifelhaft, dass eine Schwäche, nicht der Führer allein, sondern des ganzen Systems darin liegt, dass die konterrevolutionären, die sabotierenden, faulen und korrupten Elemente nicht radikal beseitigt werden können. Schwierig dürfte es ja sein, die „Spez“ hinauszuwerfen. „Spez“ ist ein ebensolches Schimpfwort wie „Spek“. „Spez“ ist der Spezialist, „Spek“ der Spekulant. Beide zugleich Spekulanten und Spezialisten der alten, nur unvollkommen vernichteten Wirtschaft und Gesinnung. Der Spez ist ehemaliger Kaufmann, Fabrikant, Kapitalist, Ausbeuter, aber gründlicher Kenner seines Produktions- oder Verteilungsgebietes. Er ist nicht leicht durch Männer der geraden Gesinnung, aber mangelnden Sachkenntnis zu ersetzen.
Eine Vereinfachung des Beamtenkörpers wäre indes wohl durchführbar, und dadurch könnte eine ungeheure Schar überflüssigen, herumlungernden, Witze und Zoten reißenden Gelichters aus den Ämtern entfernt werden. Sie tun ja doch nichts. Man gerät in gelinde Wut, wenn man auf sie angewiesen ist. Unsereiner, der nur wenige Wochen und Monate in den großen Zentren der Arbeit und Verwaltung verweilen kann, leidet Höllenqualen. Die Ämter sind in Villen oder Palästen untergebracht, die ehemals reichen Leuten gehört haben und so ziemlich an der Peripherie der Stadt gelegen sind, nur wenige im Zentrum. Telefon funktioniert nicht, oder, wenn es funktioniert, nur einseitig. Eine Maschine, d. h. ein Automobil, das einem nebst Sekretär, Übersetzer und anderen schönen Dingen versprochen worden ist, tritt nicht in Erscheinung. Man ist also gezwungen, entweder zu Fuß zwölf Werst zu laufen oder sich in eine Droschke zu setzen, deren Lenker für eine Strecke wie vom Brandenburger Tor nach dem Anhalter Bahnhof 5.000 Rubel verlangt und auch bekommt. Der Monatsgehalt eines Sowjet-Beamten, Arztes oder anderen Funktionärs macht selten mehr als diese Summe aus; daher kann sich nur ein Spekulant eine Droschke leisten; infolgedessen entzieht sich der Droschkenlenker, der früher 10 bis 15 Kopeken für die Fahrt bekommen hat, der irdischen Gerechtigkeit.
Man hat fest ein Stelldichein verabredet mit einem Funktionär zweiten, dritten oder fünften Grades; rast mit dem Iswostschik durch die Stadt. Der Funktionär ist nicht zugegen, verreist, noch nicht ins Büro gekommen, kommt wahrscheinlich auch nicht, hat vergessen oder – ist nicht aufgelegt. Aber das ist es nicht, was einem die heilige Wut gegen das Beamtentum allmählich in den Adern gerinnen lässt. Es sind nicht nur die Einzelnen, auch nicht Gruppen, wie jene Chemiker im Gouvernement Wiatka (?), die sich an die Zentralstelle in Moskau mit dem schamlosen Ersuchen gewendet haben, keine Kommunisten zu schicken, sondern Leute, die Chemie verstehen; es ist auch nicht eine Kreatur wie jene Oberärztin in dem Petersburger Gefängnis, die uns mit sadistischer Wollust in ihrem Bereich herumführte, dann mit unverhohlenem Zynismus ihre Vorgesetzten wegen ihrer kommunistischen Gesinnung verhöhnte und uns, als wir ihr aus unserer Gesinnung kein Hehl machten, mit naiver Miene fragte: wie kann man nur?
Es kann passieren, dass einem, nachdem man in einem Amt mehr oder weniger sichere und erschöpfende Auskunft bekommen hat und hoch befriedigt das Zimmer verlässt, ein kleines verdächtiges Lachen nachgesandt wird. Man wendet sich dann um, sieht eine Gruppe von vollkommenen unwissenden Leuten, die sich soeben eine Menge Lügen aus den Fingern gesogen haben und jetzt den Bauch halten über die Naivität des Fremdlings, der wirkliches Wissen vorausgesetzt hat und mit wirklichem Wissen abzuziehen vermeint. Gogolsche Revisorstimmung. All' das sind wohl Geringfügigkeiten, obzwar sie sich traurig genug anhören. Aber durch solche Unzuverlässigkeiten geschieht es, was ich einmal in einer mir interessant und wertvoll dünkenden Bildungsstätte in Moskau erlebt habe. Dort war eine Reihe von Werkstätten geschlossen, einfach, weil aus Nachlässigkeit der vorgesetzten Behörde die Grenzfrage der Belieferung mit Materialien durch das eine oder das andere Kommissariat, das Kommissariat für professionelle Arbeit oder das Kommissariat für Volksaufklärung ungefähr fünfviertel Jahr lang unentschieden geblieben war. Man wundert und ärgert sich schließlich nicht mehr, zieht seine Schlüsse und geht seiner Wege, d. h. man geht, wenn man überhaupt noch zu gehen imstande ist. Als ich infolge totaler Erschöpfung und des erbärmlichen Pflasters von Moskau in einer Nacht auf der Straße hingeflogen war und mir Knie und Ellenbogen blutig geschlagen hatte, war ich gezwungen, mich nach einem Stock oder irgendeiner Stütze umzusehen. Der normale Weg wäre gewesen, ein Gesuch an die mir übergeordnete Behörde, das Auswärtige Amt, einzureichen und zu begründen, weshalb ich einen Stock benötige. Dieser Instanzenweg hätte, wenn es an den städtischen Verteilungsstellen wirklich so etwas wie einen Stock gegeben hätte, was man mir aber sofort verneinte, ungefähr zwei Wochen gedauert ... Ebenso die Besohlung von Amts wegen meines zweiten Paares total durchgelaufener Stiefel. Ich zog es vor, auf den Markt zu gehen, von dem ich später ausführlich sprechen werde, wo aber keine Stöcke, sondern nur Besen zu haben waren. Ein Besen kostete 12.000 Rubel. Ich hätte den Besenstiel entzwei sägen müssen, und er wäre nur eine notdürftige Stütze gewesen. Infolgedessen brach ich von meinem Regenschirm das untere Holz ab und ging so mit einer etwas breiteren Basis wochenlang in Russland spazieren. Kleine Fehler der Organisation, aber man spürt sie am eigenen Leibe.
Was soll nun aus dieser maßlosen Zentralisation, aus diesem weiter und immer weiter überwuchernden Beamtenkörper, diesem parasitären wilden Fleisch an dem gesunden Leib eines Arbeitervolkes werden?
Oft fuhr ich nachts aus einem Alptraum auf. Ich sah die Menschheit der Zukunft in zwei Lager gespalten. Die eine Hälfte saß in den Ämtern, die andere wartete in Vorzimmern. Die ganze Entwicklung der Politik kam mir so vor: die in den Vorzimmern strebten danach, selbst die Macht an sich zu reißen, d. h. drin in den Amtszimmern zu sitzen, damit jene, die jetzt im Amt saßen, sich draußen in den Vorzimmern in Reihen stellen müssten. Am ersten Tage meiner Anwesenheit auf ehemals russischem Boden, in Reval, während ich auf das Visum meines Passes im Auswärtigen Amt der Republik Eesti wartete, habe ich mir ein Andenken an diese drei Stunden mitgenommen. Das Außenministerium der Republik Estland ist in einem wunderschönen ehemaligen Herrenhaus, einem großen Haus aus dunkelroten Holzstämmen mit schwarzen Ornamenten außen, weißen Räumen mit enormen Kachelöfen und Empiremöbeln innen untergebracht. Im Empfangszimmer, in dem ich auf meinen Pass wartete, drei Stunden lang wartete – es gingen derweil junge Beamte und Beamtinnen aus und ein, saßen auf den hübschen Empiremöbeln, erhielten von Leuten, die Anliegen hatten, Bonbonpakete, Blumen und anderes zugesteckt – in diesem schönen Vorzimmer habe ich eine Quaste von einem der Empiremöbel abgedreht. All' die Empiresessel und Fauteuils hatten seidene Borten, die von nervösen, stundenlang wartenden Vorzimmerkreaturen in unzählige Fasern zerpflückt und zerrissen über die Lehnen und Beine herunterhingen. Meine Verzweiflungstat vollendete nur das Zerstörungswerk ungezählter Vorgänger in den Empirefauteuils. Wenn ich nachher im Laufe der Monate in Ämtern zu tun und zu warten hatte, zupfte ich in der Tasche an dieser ersten Quaste, fühlte, dachte und betete. Ich betete: lieber Gott, man hat dich abgeschafft; ehe du aber vollkommen von der Erde verschwindest, erlöse uns von diesem Übel. Ich kenne keinen anderen Weg. An wen soll ich mich wenden? An einen Volkskommissar?

William Morris – 1834 – 1896
britischer Maler, Architekt, Dichter, Kunstgewerbler, Ingenieur und Drucker
Und dann dachte ich an William Morris und mein Lieblingsbuch „Märchen von Nirgendwo“. An den wunderbaren Traum, den vor Morris schon Fourier geträumt hat, von dem Schmetterlingstrieb im Menschen, dem Trieb, sich nicht in einer einzigen Beschäftigung zu verknöchern, kein Spezialist zu sein, sondern aus dem Leben an Abwechslungsmöglichkeiten all' das herauszuschlagen, was es enthält und freiwillig hergibt, ohne geschlagen zu werden, wenn die Menschen sich nur ein bisschen helfen wollen, statt sich zu unterdrücken. Ich dachte an die „kleinen Horden“, die Kinder, die so gern im Schmutz wühlen, die daher in der Gesellschaft der Zukunft die Kloaken reinigen werden. Welche Menschenklasse wird in der Gesellschaft der Zukunft die Ämter anfüllen? Gibt es denn Menschen, die das Brot des Bürokraten aus andern Gründen als aus der absoluten Notwendigkeit, zu leben, die es aus dem Trieb, dem Mitmenschen das Leben so sauer wie möglich zu machen, verzehren?
* * *
Subbotnik
Subbotnik
Aus der Moskauer „Prawda“ vorn 17. Mai 1919:
„Das Arbeiten auf revolutionäre Art“
Kommunistische Samstage
Das Schreiben des Zentralexekutivkomitees der Kommunistischen Partei über das Arbeiten auf revolutionäre Art hat den Kommunisten und ihren Organisationen einen mächtigen Ansporn gegeben. Die allgemeine Begeisterung hat viele Eisenbahner unter den Kommunisten nach der Front geführt. Doch die meisten durften ihre verantwortlichen Posten nicht verlassen, um neue Methoden der Revolutionsarbeit zu suchen. Die lokalen Berichte über die Langsamkeit der Demobilisierung und den bürokratischen Schlendrian veranlassten die Untersektion der Eisenbahn Moskau-Kasan, ihre Aufmerksamkeit dem Mechanismus des Eisenbahnbetriebs zuzuwenden. Es stellte sich heraus, dass aus Mangel an Arbeitskräften und infolge geringer Arbeitsintensität dringende Bestellungen und eilige Lokomotiven-Reparaturen verzögert wurden. Am 7. Mai wurde in der Generalversammlung der Kommunisten und ihrer Freunde in der Untersektion der Eisenbahn Moskau-Kasan die Frage aufgeworfen, wie man von Worten zu Taten übergehen könne, um den Sieg über Koltschak zu erringen.

Alexander Wassiljewitsch Koltschak – Александр Васильевич Колчак – 1874 – 1920
Die angenommene Resolution lautete folgendermaßen:
In Anbetracht der schweren inneren und äußeren Lage, die von der Notwendigkeit geschaffen wird, den Klassenfeind niederzuringen, haben die Kommunisten und ihre Freunde sich von neuem aufzuraffen und ihre Ruhezeit um noch eine Stunde zu verkürzen, d. h. ihren Arbeitstag um eine Stunde zu verlängern. Die Überstunden sind zusammenzulegen, und am Samstag sind hintereinander sechs Stunden körperlicher Arbeit zu leisten, um unmittelbar einen realen Wert zu schaffen. In der Meinung, dass Kommunisten weder ihre Gesundheit noch ihr Leben für die Errungenschaften der Revolution schonen dürfen, wollen wir die Arbeit unentgeltlich tun. Der Kommunistische Samstag soll in der ganzen Untersektion bis zum vollständigen Sieg über Koltschak durchgeführt werden.
Nach einigem Hin und Her wurde dieser Vorschlag einstimmig angenommen.
Am Samstag, den 10. Mai, traten um sechs Uhr nachmittags die Kommunisten und ihre Freunde wie Soldaten zur Arbeit an, stellten sich in Reih und Glied und bekamen ohne Umstände von den Meistern ihre Arbeitsplätze angewiesen. (Es folgt die Tabelle der hier und anderweitig geleisteten Arbeit.) Die Gesamtkosten der Arbeit hätten bei normalem Tarif fünf Millionen Rubel betragen. Da diese in Überstunden geleistet wurde, hätte sie eineinhalbmal so hoch berechnet werden müssen.
Die Arbeitsleistung beim Verladen überstieg die Norm um 270 Prozent. Die übrigen Arbeiten weisen ungefähr dieselbe Mehrleistung auf.
So wurden Verzögerungen dringender Aufträge von sieben Tagen bis zu drei Monaten vermieden, die infolge Arbeitermangel und schleppender Arbeit eingetreten wären.
Die Arbeit wurde mittels schadhafter Werkzeuge verrichtet, die zwar leicht auszubessern waren, deren Instandsetzung aber einzelne Gruppen 30 bis 40 Minuten aufhielt.“ –
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In seiner Broschüre „Die große Initiative“, aus der der vorstehende „Prawda“-Bericht wörtlich abgedruckt ist, nennt Lenin den freiwilligen Arbeitsentschluss der Moskau-Kasaner Eisenbahner die Keimzelle der neuen sozialistischen Gesellschaft, einen neuen gesellschaftlichen Zusammenhang, eine neue Arbeitsdisziplin, einen Sieg des russischen Arbeiters über den kleinbürgerlichen Egoismus und die eigene Trägheit, den ersten Schritt zu einer wirklich revolutionären Tat, zum faktischen Anfang des Kommunismus. Das Beispiel der Moskau-Kasaner Eisenbahner fand begeisterten Widerhall und enthusiastische Nachahmung in allen Teilen des weiten Landes, wo der kommunistische Grundgedanke der Arbeit für die Gemeinschaft bereits Fuß gefasst hatte und in seinem tiefen Wesen begriffen worden war.
Wir im Westen horchten auf. Für uns war der 10. Mai 1919 ein geschichtliches Datum, das uns mächtig erschütterte, fast so mächtig, wie der Gedanke an den 25. Oktober 1917, an dem das Proletariat die Macht ergriffen hatte. Wir sahen die Tat der Kasaner Genossen von einer blendenden, die Jahrhunderte überglänzenden Schönheit umflossen. Wir achteten atemlos auf die Brandung, den Glanz, der aus dem Nordlicht herüber schwellen sollte zu den Proletariern der anderen Länder; wir hofften, glaubten und warteten.

Alexander Schljapnikow – Александр Гаврилович Шляпников – 1885 – 1937
Als ein Jahr später Genosse Schljapnikow, der Führer der russischen Gewerkschaften vor dem Vorstand der U.S.P. Deutschlands in Berlin einen Vortrag über Russlands ökonomische Lage und Arbeitsprobleme hielt, fragte ich ihn in der Diskussion, warum er es verabsäumt habe, über die kommunistischen Samstage zu sprechen. Ich bekam eine Antwort, die mich verwirrte und verstummen ließ; sie war ungenügend und vage und schien mir auf den Wesenskern nicht einzugehen. Stand doch der kommunistische Samstag vor meinem Gewissen als etwas Leuchtendes, Heroisches, als ein Beispiel von antiker Größe, denn ich wusste ja, was es für arme, hungrige und übermüdete, dabei träge geborene und jahrhundertelang misshandelte Menschen heißt, freiwillig noch Bürden auf sich zu laden, das einzige hinzugeben, was sie besitzen, ihre Arbeitskraft, und immer wieder Arbeit – für eine Idee, für die Idee!
Als ich Anfang September 1920 nach Moskau kam, erkundigte ich mich nach dem Subbotnik und nahm auch bald darauf an dem kommunistischen Samstag der Beamten, Arbeiter und Angestellten des Auswärtigen Amtes, dem ich zugeteilt war, teil. Nachmittags um drei Uhr begab ich mich zum Hotel Metropol, dem zweiten Sowjet-Haus, in dessen Seitenflügel das Auswärtige Amt untergebracht ist. Unterwegs hielt mich ein Schauspiel, eine kleine Episode auf. Auf dem Platze vor der Oper, vor dem Blumenbeet, in dem aus bunten Blüten und Gräsern in naiver Zeichnung der Kopf von Karl Marx zusammengestellt ist, stand ein alter Kerl von riesigem Wuchs, mit einem Bocksgesicht und einer Rohrflöte vor den Lippen. Zu seinen Füßen lag sein Hut, und in den Hut und um ihn herum hatte man Rubelscheine, Hunderter und Tausender, außerdem noch Äpfel, Stücke Brot geworfen, sogar ein Ei, eine kostbare Seltenheit, eine fast unerschwingliche Kostbarkeit, hatte jemand vorsichtig auf den Haufen zerknüllter Scheine gelegt. Der Alte flötete mit zusammengekniffenen Augen, wie es mir schien, wunderbar und mit erstaunlicher Leidenschaft die wildlieblichen, herzzerreißend melancholischen Weisen Russlands.
Ich hatte mich über Gebühr lang im kleinen Park vor dem Theater aufgehalten und traf unten vor dem Hotel Metropol schon fast sämtliche Beamte, Arbeiter und Angestellten des Auswärtigen Amtes an. Ich stellte mich in Reih und Glied; wir waren etwa 80 an der Zahl, Männer und Frauen, ältere und jüngere Leute. Unter uns waren Korrespondenten vieler Nationen, Stenotypistinnen, ein Staatssekretär (oder von ähnlichem Rang), Delegierte der Internationale, Diener, Beamte aller Kategorien und auch unser Freund, der Quäker, war gekommen. Es ging militärisch zu, unsere Namen wurden von einer großen Liste abgelesen, und hinter die Namen, die sich nicht meldeten, ein Zeichen gemacht. Wir formten uns zu Reihen, zu viert, dann auf offener Straße zu Zweien und zogen in scharfem Marschschritt nach dem Petersburger Bahnhof im Norden der Stadt.
Es war ein etwa halbstündiger Weg, den wir in gutem Tempo zurücklegten. Ich ging neben einem österreichischen Genossen, der mich von Berlin her kannte, wo er mich sprechen gehört hatte. Wenn wir nicht sangen, unterhielten wir uns über den Subbotnik. Wir sangen nämlich viel und herzhaft. Es war ein schöner Herbsttag, sonnig und glasklar. Aus den Seitengossen der Mjasnitzkaja strömten uns ähnliche Züge von Subbotnikern entgegen. Einer von ihnen hatte seine eigene Musikkapelle mit, und bald marschierten wir unter den Klängen der Kapelle, die unser Gesang überbrauste, vorwärts. Die Warschawianka, der Rotgardisten-Marsch. Wunderbare Rhythmen, wie belebtet ihr meine alten Füße!
In den Zwischenpausen gab mir der Genosse Auskunft. Der Subbotnik ist längst keine freiwillige Handlung mehr, sondern ist Pflicht geworden, so für die Kommunisten wie für alle Arbeiter und Angestellten der Sowjet-Behörden, der Regierungsämter, der Betriebsbelegschaften. Es werden Listen geführt, und wessen Name das zweite oder dritte Mal einen Haken angestrichen bekommt, der wird erst gelinde verwarnt, dann ernsthaft zur Rede gestellt und schließlich „ausgekämmt“. Was auch in der Form geschehen kann, dass der Saumselige, Arbeitsunwillige in das Konzentrationslager gesperrt wird, das gefürchtete Lager für Wucherer, Diebe, Gegenrevolutionäre und andere ungetreue Mitglieder der Gesellschaft. Der Subbotnik ist also gewissermaßen ein Prüfstein für die Gesinnung geworden wie etwa der Ruf an die Front.
Auf dem Bahnhof, so hieß es, sollten wir Holz aus Waggons abladen; als wir aber angekommen waren, wies uns der Betriebsleiter des Bahnhofs zu einem Schuppen, wo wir Spaten und Schaufeln aus Eisen und Holz vorfanden; wir hatten für eine geplante Trambahnlinie längs des Eisenbahngleises eine Strecke von 70 Metern Länge und 10 Metern Breite von zähem, seit sechs Jahren angestautem und verhärtetem Schmutz und Schlamm zu säubern. Wir stellten uns nun in eine Reihe auf, entledigten uns unserer Oberkleider und begannen zu schaufeln. Freund Quäker machte rasch ein paar Kodak-Aufnahmen und stand dann in herrlichem grauleinenen Overall, dem amerikanischen Arbeitsgewand, Hose, Weste und Hosenträger aus einem Stück, der Zukunftskleidung der Kommunisten, „Internationalka“ genannt, da; er arbeitete für vier. Ich erkannte viele aus dem Amt, die mich in dieser letzten Woche mürrisch und ohne Freundlichkeit behandelt, die an mir vorübergeblickt und mir unwillig Auskunft gegeben hatten. Jetzt nickten wir einander zu, waren freundlich zueinander, alles Misstrauen schien geschwunden; wir standen ja da und schaufelten gemeinschaftlich knöcheltief in demselben zähen Dreck.
Der Tag war so heiter und glasklar. Hinter uns auf einem Gleise stand ein langer Zug mit heimkehrenden österreichischen, tschechischen und ungarischen Kriegsgefangenen, die uns verwundert anblickten.

Wir arbeiteten, und hier und dort wurde auch gesungen. Wenn auch nicht überall und von allen. Neben mir stand eine junge litauische Arbeiterin, die ihre Spatenhiebe in den Kot mit kleinen Ausrufen begleitete. Einmal sagte sie: wenn nur jeder vor seiner Tür den Mist wegschaufeln wollte, wir brauchten nicht hier zu stehen. Ihre Nachbarin, Sowjet-Bourgeoise, leicht geschminkt und mit Spuren ehemals gewellten Haares seufzte: man lebt zum Glück nur einmal. Der kleine junge Staatssekretär, dünn und zart wie ein Knabe, mühte sich mit einem im Schlamm festgebackenen Wurzelstamm ab. Unsere Arbeit war ziemlich schwer, sie war auf 4 Stunden berechnet, aber in 2½ Stunden hatten wir sie getan. 70 Meter weit war der zähe Schlamm von Jahren weggeräumt, die Trambahnlinie konnte morgen gebaut werden.
Ein Signal: wir marschierten zur Station zurück, stellten uns in Reih und Glied auf und bekamen, jeder und jede, den Schwerarbeiterpajok, d. h. die Lebensmittelzulage eingehändigt: ein halbes Pfund Brot und eine Tüte mit Körnerzucker.
Im rotdunklen Nebel des Abends zogen wir an den phantastischen Türmen Moskaus vorbei durch die Stadt zurück.

Aus anderen Straßen strömten uns Züge entgegen, die Arbeiter und Angestellten der Bekleidungszentralstelle, eine Abteilung roter Soldaten, die Genossen aus dem Kommissariat für Volkswohlfahrt. Hier und da schlüpfte ein Pärchen von kleinen Sowjet-Bourgeoisen, leicht geschminkt und kokett bebändert, aus unserem militärisch stramm über das holprige Pflaster dahin stapfenden Zug auf das glattere Trottoir hinüber. Mit hurtigem Griff hatte ein hinzuspringender Genosse die Ausreißer beim Wickel und zog sie in unsere geordnete Kolonne zurück.
Die Warschawianka, das Lied von der Roten Fahne, die Internationale – wir sangen sie alle in den braunen Abendnebel, an den Türmen Moskaus vorbei. Der alte Faun mit der Pansflöte hatte sich jetzt vor dem Denkmal Feodorows, des ersten Buchdruckers, am Fuße der Chinesischen Mauer der geschlossenen Inneren Stadt, Kitai Gorod, aufgepflanzt. Lockend und leidenschaftlich klangen die hellen trockenen Töne des Rohrs durch den Abend. Wir stapften vorbei. Vor dem Auswärtigen Amt schüttelten wir uns die Hände, und jeder trottete nach Haus. Beine und Arme taten mir weh, mein Herz aber war froh. Ich wünschte ... ich wünschte, ein Zwang käme irgendwoher, und jeder von uns alten und jungen geistigen Arbeitern in Deutschland, Amerika, der ganzen Welt müsste einmal in der Woche mit Kameraden nützliche und harte körperliche Arbeit leisten. Um der Arbeit willen, der einen unteilbaren Arbeit der Hand und des Kopfes willen, der guten, lächelnden, helläugigen Kameradschaft willen, für die Idee der Gemeinschaft und der Zukunft verhärteten Schlamm aus dem Wege räumen mit harten Spatenhieben.
Aber wenn es nach mir ginge, es dürfte kein Unlustiger, kein Widerstrebender dazu gezwungen werden, nicht mit Namenlisten, nicht mit Verwarnung, nicht mit Konzentrationslagern. Um der Arbeit willen und die heilige Gemeinschaft.
Todmüde trottete ich durch die hereinbrechende Nacht in mein entferntes Quartier heim. Plötzlich bemerkte ich, dass ich meinen „Pajok“ noch in der Hand hielt. Ein Arbeiter kam mir entgegen, mit ihm ein Roter, Soldat. Dem Arbeiter gab ich das Brot, dem Soldaten den Zucker.
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Die dritte Phase des Subbotnik heißt Woskressennik, das ist die Sonntagsarbeit. Bei Winteranbruch, wenn die Tage kurz werden, verlegt man den Subbotnik auf den Sonntagmorgen. Aus der freien samstägigen Überstundenarbeit der Kasaner ist eine allrussische allsonntägliche sechsstündige Zwangsarbeit geworden. Uns Ausländern folgte der Woskressennik in unser Haus nach. Am ersten Wintersonntag waren die Bewohner unseres Hauses verpflichtet, von zehn Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags im Hofe unseres Hauses Holz zu sägen, zu spalten und in die Kellerräume zum Zentralofen zu befördern. Diese Arbeit hatte einen leicht humoristischen Beigeschmack der Parodie an sich. Die im Hause ansässigen Arbeiter nämlich leisteten in zehn Minuten dieselbe Arbeit, die wir anderen Dilettanten in zwei Stunden zusammenstümperten, mit verrenkten Schulterblättern, blutig geschlagenen Daumennägeln und angesägten Hosenschäften. Immerhin hatten wir Holzhacken gelernt, auch war das Holz in den Kellerraum befördert, und es begab sich jeder in sein Zimmer, um nach dem Mittagessen: Krautsuppe, Grütze und Tee, seine gute Müdigkeit auszuschlafen.
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Der Zweck des Subbotnik-Woskressennik ist erhöhte Arbeitsleistung. Wie eingangs erwähnt wurde, fördert das psychische Moment der freiwilligen, aber auch der notgedrungenen Arbeit in einer guten, freudigen Gemeinschaft die Leistung in beträchtlichem Maße. Immerhin darf man Bedenken gegen diese Umwandlung und Vergewaltigung eines ursprünglich wahrhaft religiösen Triebes in Zwang äußern. Die Heiligkeit der Arbeit – alle äußere Not ist nicht fähig, kann nicht geltend gemacht werden zur Rechtfertigung der Entheiligung der Arbeit. Die neue Justiz Russlands hat die Geldstrafe aufgehoben – oder doch in fast allen Fällen aufgehoben – und Freiheitsstrafen verwandeln sich immer mehr unter dem Druck der Notwendigkeit einer mit allen Mitteln forcierten Produktion in Zwangsarbeit. Die Arbeit für die Gemeinschaft, Wesenskern und Sinn des Kommunismus, verliert mehr und mehr die ihr innewohnende ethische Bedeutung.
Darmowy fragment się skończył.