Czytaj książkę: «Ach du Schreck! AD(H)S»
Arno Backhaus
Visnja Lauer / Dr. Just Lauer
Ach du Schreck! ADS
Vom Chaoskind zum Lebenskünstler

Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
3. Auflage 2011
ISBN 9783865065667
© 2009 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfotos: Colourbox; Arno Backhaus
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Ein ganz normaler Tag
I AD(H)S: KEIN SCHRECKGESPENST
DR. JUST LAUER / ARNO BACKHAUS
Was sich hinter AD(H)S verbirgt
Ursachen
Auswirkungen auf das Leben Betroffener
Behandlungsmöglichkeiten
Persönliche Erfahrungswerte
Worterklärungen
1 EINE KINDHEIT MIT AD(H)S
ARNO BACKHAUS
Immer in Bewegung, ständig „auf Schuss“
Von der Schule geflogen, sitzen geblieben, geklaut
Familienalltag: Streit und Schläge
Eine kriminelle Karriere im Kleinen
2 DIE GROSSE WENDE
ARNO BACKHAUS
Entscheidung für ein Leben mit Jesus
Ehe mit Hanna
Neuanfang
»Arno & Andreas«
Vergebung
Gemeindegründung
3 EIN KIND MIT AD(H)S
ARNO BACKHAUS
Der Wunsch nach einem Kind (Hanna Backhaus)
Unser Sohn Fabian: Diagnose AD(H)S
Die Familien-Konferenz
Die Herausforderung annehmen (Hanna Backhaus)
4 LEBEN MIT AD(H)S
ARNO BACKHAUS
Die Erkenntnis: Ich habe AD(H)S
Interview mit Hanna und Arno
Die ihre Hoffnung auf den Herrn setzen, bekommen neue Kraft
Menschen mit AD(H)S in der Bibel
Die Stärken stärken, die Schwächen schwächen
Kann es sein, dass ich AD(H)S habe? (Dr. Just Lauer / Visnja Lauer)
II AD(H)S: DIE EIGENE »FUNKTIONSWEISE« VERSTEHEN
VISNJA LAUER
Aktivierung
Die exekutiven Funktionen
Die unbewusste Verarbeitung von Informationen
Was ist durch AD(H)S bedingtes, was erworbenes Verhalten?
Identität und Selbstwert
Familiensituation
AD(H)S – Kreativität oder Störung?
Das Leben geht weiter
Quellenverzeichnis
Literaturempfehlungen
Danksagungen
Vorwort
Dieses Buch soll weder eine Selbstdarstellung noch eine Abrechnung mit meiner Familie sein, sondern Menschen ermutigen, die an ihrem eigenen AD(H)S leiden oder an dem ihrer Kinder, Ehepartner, Nachbarn, Arbeitskollegen oder anderer Personen aus ihrem Umfeld.
Während ich über die ersten 15 Jahre meines Lebens schrieb, wurde mir bewusst, dass so eigentlich eine kriminelle Karriere im Kleinen beginnt. Was wäre aus meinem Leben geworden, wenn ich nicht Menschen getroffen hätte, die mein Leben auf den Kopf gestellt haben?
Mit meinen Erfahrungen will ich Hoffnung wecken und anderen Mut machen. Aus einem chaotischen Leben und einer tragischen Geschichte kann etwas werden, wenn ein Mensch bedingungslos geliebt wird. Es lohnt sich, in Menschen zu investieren und sie zu lieben, wie sie sind! Aber wer liebt dich schon so, wie du »biest«?
Ich bin kein Theoretiker, sondern ein Autodidakt, ich fahre mit meinem Auto viel in Deutschland herum, halte Vorträge, gebe Konzerte und mache viele Er-fahr-ungen. Ich lebe, experimentiere, versage, lerne aus dem Versagen und lebe wieder, versage, lerne wieder daraus und lebe. In diesem Buch berichte ich über meine Erfahrungen im Umgang mit meinem AD(H)S und dem unseres Sohnes.
Ich könnte mir vorstellen, als Gott die Menschen schuf, fiel ihm auf, dass noch »das Salz in der Suppe« fehlte, und so ließ er sich AD(H)S einfallen. Was wäre die Welt ohne diese besondere, merkwürdige (des Merkens würdige), außergewöhnliche Spezies Mensch?
AD(H)Sler sind wirklich wie Diamanten! Man muss sie mit Fassung tragen.
Arno Backhaus
Ein ganz normaler Tag
Ich beschließe, das Auto zu waschen. Als ich zur Tür gehe, sehe ich, dass die Post auf dem Tisch liegt. Na gut, bevor ich das Auto wasche, werde ich schauen, wer mir geschrieben hat. Ich lasse die Schlüssel auf dem Schreibtisch liegen, schmeiße die Post weg, die mich nicht interessiert, und stelle fest, dass der Mülleimer voll ist. Ich werde die Rechnungen und Kontoauszüge im Schreibtisch verstauen und den Mülleimer ausleeren. Aber wo die Schublade des Schreibtisches schon mal offen ist, könnte ich doch eigentlich gleich die Schecks ausstellen, um die Rechnungen zu bezahlen. Wo ist das Scheckheft? Auweia! Es ist nur noch ein Scheck drin. Mein Vorrat an Schecks ist in der zweiten Schublade des Schreibtisches. Ah, da auf dem Tisch ist ja das Glas mit Saft, den ich vorhin gerade trinken wollte. Ich werde die anderen Schecks suchen – aber zuerst muss ich das Glas wegstellen; es steht zu nah am Computer. Ach, dann kann ich ja den Saft auch gleich wieder in den Kühlschrank stellen, er ist schon ganz lauwarm. Ich gehe Richtung Küche und sehe, dass die Pflanzen Wasser brauchen. Ich stelle das Glas Saft auf das Tischchen neben der Küche und – juhuuuuuuuu!, da ist sie ja, die Brille, die ich schon den ganzen Morgen gesucht habe! Die sollte ich besser sofort verstauen. Dann fülle ich eine Kanne mit Wasser und nähere mich meinen durstigen Pflanzen. Ahhhhhh! Jemand hat die Fernbedienung in der Küche gelassen und ich habe mich halb tot gesucht, als ich fernsehen wollte. Am besten bringe ich sie gleich dahin zurück, wo sie hingehört. Ich gieße meine Pflanzen ein wenig – ein bisschen gieße ich auch den Boden, den werde ich aber bestimmt gleich sauber machen –, werfe die Fernbedienung auf die Couch und gehe auf die Haustür zu, die ganze Zeit mit dem Gedanken beschäftigt: Was war es doch gleich, das ich die ganze Zeit machen wollte?
Am Ende des Tages ist das Auto nach wie vor schmutzig, die Rechnungen sind unbezahlt, das Glas Saft steht auf dem Tischchen neben der Küche, meine Pflanzen haben nicht genug Wasser, um überleben zu können, im Scheckheft ist nach wie vor nur ein Scheck und ich kann beim besten Willen die Autoschlüssel nicht finden! Als mir klar wird, dass ich den ganzen Tag überhaupt nichts zu Ende gebracht habe, bin ich überrascht, denn eigentlich war ich die ganze Zeit beschäftigt. Ich muss feststellen, dass AD(H)S eine sehr ernste und schwerwiegende Störung ist. Am besten versuche ich mal, was über das Internet rauszufinden. Aber erst mal schauen, ob mir irgendjemand eine E-Mail geschickt hat …1
AD(H)S: kein Schreckgespenst
DR. JUST LAUER/ARNO BACKHAUS
Was sich hinter AD(H)S verbirgt
Gleich zu Beginn, lieber Leser, möchte ich Sie etwas verwirren. Die Begriffe ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Störung) bzw. ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung) sind mir persönlich unsympathisch, steht das »S« darin doch für »Störung« und weist damit unmittelbar auf Probleme, Defizite, Fehlfunktionen, kurz, auf eine Krankheit hin. Von einer solchen Vorstellung ausgehend werden die nicht selten genialen Fähigkeiten der Betroffenen, die sie zu besonders interessanten Menschen machen können, automatisch in den Hintergrund gedrängt. Die oft bewundernswerte Genialität von AD(H)Slern in bestimmten Teilbereichen des Lebens hat – genau wie die Verhaltensweisen, die an anderen Stellen Probleme bereiten und die Wurzel für die vielfältigsten Fehlentwicklungen sein können – ihre Ursache in speziellen Funktionsweisen des Gehirns. Arno Backhaus wird die besonderen Befähigungen dieser Menschen an späterer Stelle ausführlich beschreiben. Meine Ausführungen dagegen befassen sich beinahe ausschließlich mit den ungünstigen Aspekten und Auswirkungen dieser speziellen Art »zu ticken«. Sehen Sie mir das nach! Ich bin Mediziner und wir werden für gewöhnlich immer dann aufgesucht, wenn irgendetwas beim Menschen nicht so funktioniert, wie es sollte, und Beeinträchtigungen auftreten. Genau die sind es ja auch, die AD(H)S-Betroffenen das Leben schwer machen und uns dann von einer Störung sprechen lassen.
In meinen Ausführungen muss ich mich leider auf einige wenige Aspekte zu dem riesigen Thema AD(H)S beschränken – sonst wäre ein eigenständiges Buch entstanden. Für umfassendere Informationen weise ich auf die Literaturempfehlungen hin.
AD(H)S:
Differenziertes Wissen tut not
In der Vergangenheit war es oft mühsam, Menschen von der Existenz, geschweige denn der Bedeutung von AD(H)S überzeugen zu wollen. Heute bestehen die Schwierigkeiten eher darin, dass viele das Wesentliche schon zu wissen meinen. Es wird dann nicht selten alles in einen Topf geworfen: die typischen Verhaltensweisen von AD(H)Slern, die daraus erwachsenden Probleme und individuellen Verarbeitungsmechanismen, die sehr stark von den Lebensumständen abhängen, in denen der einzelne Betroffene sich befindet bzw. aufgewachsen ist, und mögliche Begleitstörungen.
Bei AD(H)S handelt es sich um eine der häufigsten, wenn nicht sogar die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter, die zunehmend als chronische Störung angesehen wird, da sie sich in der Mehrzahl der Fälle auch im Erwachsenenalter nicht verliert.
Zudem wird die enorme Bedeutung der Störung meines Erachtens immer noch unterschätzt. Differenziertes Wissen tut not! Handelt es sich doch bei AD(H)S um eine der häufigsten, wenn nicht sogar die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter, die zunehmend als chronische Störung angesehen wird, da sie sich in der Mehrzahl der Fälle auch im Erwachsenenalter nicht verliert. Schätzungen zufolge soll AD(H)S bei 3 – 6 % aller Kinder und Jugendlichen und 2 – 4 % aller Erwachsenen vorliegen. AD(H)S im Erwachsenenalter ist in Deutschland spätestens seit 2003 anerkannt. Nach Ergebnissen der sogenannten Milwaukee-Studie, auf die wir noch zurückkommen werden, bildet sich die Störung lediglich bei 14 – 35 %2 der betroffenen Kinder zurück, je nachdem, welche Kriterien für eine Gesundung angelegt werden.
»Die Medien sind voll von Meldungen über AD(H)S-Kinder: kleine Chaoten, Zappelphilippe, Problemkinder. Was wird aus diesen Kindern eigentlich, wenn sie erwachsen sind? Aus Kindern mit AD(H)S werden, mit einiger Wahrscheinlichkeit, Erwachsene mit AD(H)S. Nur haben diese sich meist sehr unterschiedlich mit dieser Tatsache arrangiert. Ohne zu wissen, dass es AD(H)S gibt, geschweige denn, dass sie davon betroffen sind, schaffen sich AD(H)Sler ihre persönlichen Überlebensstrategien. Der ›Aha-Effekt‹ kommt vielfach erst, wenn sie selbst Kinder haben, die ›auffällig‹ sind. Wird bei ihrem Kind die Diagnose AD(H)S gestellt, erfahren sie, dass diese Veranlagung familiär gehäuft auftritt. Fragt man sie dann nach Erlebnissen aus der eigenen Kindheit, macht es ›klick‹.«
ARNO BACKHAUS
Die Diagnose AD(H)S
Die Diagnose AD(H)S wird gestellt, wenn Betroffene unaufmerksames und impulsives Verhalten mit oder ohne Hyperaktivität (motorische Unruhe) zeigen, das nicht ihrem Alter oder sonstigen Entwicklungsstand entspricht und zu deutlichen Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen führt. Die Diagnosestellung fordert auch, dass die Auffälligkeiten länger als sechs Monate bestehen, Krankheitszeichen bereits vor dem Alter von sieben Jahren erkennbar waren und die Symptome nicht besser durch eine andere Störung erklärt werden können. Die Aufmerksamkeitsproblematik bleibt bei Fortbestehen der Störung im Erwachsenenalter von zentraler Bedeutung. Für die beiden anderen Leit- oder Kernsymptome, Impulsivität und besonders Hyperaktivität, gilt das nicht in diesem Maße. Letztere ist bei betroffenen Erwachsenen kaum noch oder nur sehr abgeschwächt vorhanden und wird mehr als eine innere Ruhelosigkeit empfunden.
Die Diagnose AD(H)S wird gestellt, wenn Betroffene unaufmerksames und impulsives Verhalten mit oder ohne Hyperaktivität zeigen, das zu deutlichen Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen führt.
Es existieren mehrere verschiedene Formen von Aufmerksamkeit, die im Gehirn über unterschiedliche Nervenzellennetzwerke gesteuert werden. Aufmerksamkeit im Sinne von Wachheit meint einen Zustand des Organismus, der von hellwach bis tief schlafend reicht. Bei der selektiven Aufmerksamkeit geht es um die Zuwendung zu bestimmten Sachverhalten und das Ausblenden anderer Ereignisse, vergleichbar dem Lichtkegel eines Scheinwerfers. Am deutlichsten ausgeprägt scheinen die Schwierigkeiten bei der Daueraufmerksamkeit zu sein. Darunter versteht man die Fähigkeit, Handlungen zu planen und bis zum Erreichen des Zieles konzentriert weiterzuführen.
»Für AD(H)S-Betroffene kann eine simple Unterhaltung auf einer Party eine ungemein anstrengende Sache sein. Je mehr visuelle und akustische Eindrücke sie wahrnehmen, desto schwieriger wird es für sie, sich auf eine Sache zu konzentrieren. So schwierig, dass sie manchmal wirklich nicht mehr zu normaler Kommunikation fähig sind! So paradox es klingen mag, manche AD(H)Sler können ihre Konzentrationsschwierigkeiten beheben, indem sie während der Arbeit ein Radio oder einen Fernseher laufen lassen. Die dezente Geräuschkulisse verhindert dann, dass sie andere Ablenkungen registrieren.«
ARNO BACKHAUS
Besonderheiten der Hirnfunktion
Bei AD(H)S handelt es sich um eine der häufigsten, wenn nicht sogar die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter, die zunehmend als chronische Störung angesehen wird, da sie sich in der Mehrzahl der Fälle auch im Erwachsenenalter nicht verliert.
Noch ist es verbreitet, von verschiedenen Formen von ADS zu sprechen: dem hyperaktiv-impulsiven, dem unaufmerksamen oder dem kombinierten Subtyp, je nach Ausprägung der drei Leitsymptome. Bei dieser Einteilung stehen die Kernsymptome ganz im Vordergrund. Die aktuelle Forschung beschäftigt sich intensiv mit den hinter diesen Symptomen steckenden Besonderheiten und Beeinträchtigungen der Hirnfunktion und hat dazu verschiedene neuropsychologische Erklärungsmodelle entwickelt. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die sogenannten exekutiven (ausführenden) Funktionen, wobei es sich um eine Vielzahl von komplexen Prozessen in unserem Gehirn handelt, die entscheidend für ein zweckmäßiges, zielgerichtetes und selbstregulierendes Verhalten sind. Bei AD(H)S scheinen viele der exekutiven Funktionen beeinträchtigt zu sein. Auch das Arbeitsgedächtnis ist betroffen. Es ist von Bedeutung für die Speicherung und Nutzung von Informationen, die für die Planung und Organisation von Handlungsabläufen wichtig sind. AD(H)S-Betroffene haben Probleme bei der zeitlichen Organisation ihrer Handlungen und können Zeiträume und -verläufe nur schwer einschätzen. Es gelingt ihnen schlechter, die Konsequenzen ihres eigenen Handelns vorauszusehen, aus Erfahrungen zu lernen und entsprechend dieser Erfahrungen in Gegenwart und Zukunft angemessen und effektiv zu handeln.
»Viele AD(H)Sler haben große Schwierigkeiten mit Zeitabläufen. Sie haben ein anderes Zeitgefühl und tun sich ausgesprochen schwer, realistisch zu planen. Für ihre Mitmenschen bedeutet das: Sie sind oft unpünktlich, unzuverlässig und schwer zu fassen. Aber auch AD(H)S-Betroffene können an ihrem Zeitmanagement arbeiten! Jeder kann selbst entscheiden, welche Hilfsmittel ihm sympathisch sind: Timer, Zeitpläne, piepsende Uhren, bunte Erinnerungszettel … «
ARNO BACKHAUS
AD(H)S: Ein Phänomen
moderner Gesellschaften?
AD(H)S-Betroffene haben das zentrale Problem, sich angemessen zu organisieren und aufgabenangepasst zu verhalten, wodurch die Entwicklung von Selbstständigkeit in allen Bereichen des täglichen Lebens mehr oder weniger beeinträchtigt wird. In einem Gesellschaftsgefüge, das sich durch zunehmende Komplexität auszeichnet und wachsende Anforderungen an die Fähigkeit des Einzelnen stellt, zu lernen und sich selbst zu organisieren, wirken sich diese Beeinträchtigungen nachteiliger aus. Das ist ein wesentlicher Grund, warum AD(H)S heute in aller Munde ist, häufiger diagnostiziert wird und eine Modekrankheit zu sein scheint.
AD(H)S ist heute in aller Munde, wird häufiger diagnostiziert und scheint eine Modekrankheit zu sein. Aber diese Störung gab es schon immer.
Besonders kritische Geister vermuten ja, sie sei eine Erfindung der Pharmaindustrie und einiger findiger Ärzte! Aber diese Störung gab es schon immer. In der Literatur werden seit Jahrhunderten Menschen mit AD(H)S beschrieben. Besaß nicht schon Petrus die Eigenschaften eines AD(H)Slers (s. S. 141)?
»AD(H)Sler leben oft im Chaos. Jegliche Routinearbeiten sind ihnen verhasst, und dazu gehört häufig auch das Aufräumen. Hat sich dann erst einmal eine größere Unordnung entwickelt, sind sie nicht mehr in der Lage, diesen ›Berg‹ zu bewältigen. In den letzten Jahren gab es viele Buchveröffentlichungen über ›Messies‹, Menschen, die ihren Haushalt oder Arbeitsplatz einfach nicht in den Griff bekommen und schier im Chaos untergehen. Es gibt bereits einige Messie-Selbsthilfegruppen und in den USA wurde sogar ein 12-Schritte-Programm entwickelt, mit dessen Hilfe man Herr über das Chaos werden kann. Alle diese Tipps eignen sich auch für AD(H)S-Betroffene, die übermäßige Schwierigkeiten mit Ordnung haben.«
ARNO BACKHAUS
Veränderte Lebensbedingungen lassen aber eine wachsende Zahl Betroffener auffällig werden, »durchs Raster fallen«, weil die erhöhten Anforderungen an eine angemessene Selbststeuerung und Selbstorganisation des Verhaltens nicht mehr erbracht werden können.
Der hitzig diskutierte Gegensatz von Vererbung und Umwelteinflüssen ist durch die neuere Forschung aufgelöst worden und das Zusammenwirken beider Ursachen wird immer besser verstanden.
Die Gesellschaft wird sich in absehbarer Zeit sicher nicht in eine Richtung verändern, die AD(H)S-Betroffenen das Leben leichter macht. Im Gegenteil, aller Voraussicht nach werden die Anforderungen an die menschliche Lern- und Anpassungsfähigkeit noch weiter steigen.
»Als ›Gegenpart‹ zum Messie gibt es aber auch überdurchschnittlich viele zwanghafte AD(H)Sler. Die Entwicklung der Zwanghaftigkeit kann dabei als Überlebensstrategie verstanden werden. Zwanghafte AD(H)Sler sind gewissenhaft, perfektionistisch, überordentlich, halten Regeln penibel ein, reden nur dann, wenn sie sicher sind, dass es auch ›stimmt‹, was sie sagen. Ihre Zwanghaftigkeit äußert sich als ein unangemessenes Kontrollbedürfnis in vielen Lebensbereichen. Diese AD(H)S-Betroffenen werden häufig nicht als solche erkannt.«
VISNJA LAUER
Ursachen
Was sind die Ursachen von AD(H)S? Eine spannende Frage. Der in der Vergangenheit oft hitzig diskutierte Gegensatz von Vererbung und Umwelteinflüssen ist durch die neuere Forschung aufgelöst worden und das Zusammenwirken beider Ursachen wird immer besser verstanden.
Die Entstehung der Kernsymptome wird durch vielfältige Faktoren beeinflusst. Der Einfluss der Gene bei der Entwicklung von AD(H)S wird mit deutlich über 50 % angegeben; in Veröffentlichungen ist überwiegend von 60 – 80 % die Rede. Daneben können vor, bei und nach der Geburt erworbene Schädigungen des zentralen Nervensystems Symptome auslösen; sie sind aber insgesamt eher von geringerer Bedeutung. Solche Schädigungen entstehen beispielsweise durch Nikotin- und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft, durch Frühgeburtlichkeit mit niedrigem Geburtsgewicht, insbesondere wenn gleichzeitig Hirnblutungen aufgetreten sind, Sauerstoffmangel im Gehirn oder Infektionen.
Genetische Ursachen
Auf die besondere Bedeutung genetischer Einflüsse wurde zunächst aus Familienstudien geschlossen. Dort zeigte sich eine mit dem Verwandtschaftsgrad zunehmende Erkrankungswahrscheinlichkeit. Bei erstgradig Verwandten von Kindern mit AD(H)S ist das Risiko für die Entwicklung von AD(H)S zwei- bis achtfach erhöht. Kinder betroffener Erwachsener sind sogar in 40 – 60 % der Fälle selbst betroffen. Adoptionsstudien zeigen eine deutlich höhere Übereinstimmung der Ausprägung von AD(H)S bei getrennt lebenden biologischen Geschwistern als bei zusammen aufwachsenden Halbgeschwistern, sodass die familiäre Häufung nicht durch Erziehungsfaktoren, sondern nur durch genetische Faktoren zu erklären ist.
Aktuell werden ca. 18 Genveränderungen mit AD(H)S in Verbindung gebracht. Diese betreffen vor allem Gene, die sich auf die Verfügbarkeit und Funktion bestimmter Hirnbotenstoffe auswirken. Das sind chemische Substanzen, die für die Weitergabe von Informationen zwischen den Hirnnervenzellen zuständig sind. Die bei AD(H)S auf mehreren Genen und an verschiedenen Genorten gefundenen Veränderungen wirken sich in bevorzugter Weise auf den Botenstoff Dopamin aus und gehen einher mit Funktionsstörungen von Regelkreisen in bestimmten Hirnregionen.
Die bei AD(H)S auf mehreren Genen und an verschiedenen Genorten gefundenen Veränderungen wirken sich in bevorzugter Weise auf den Botenstoff Dopamin aus.
Jede einzelne Genveränderung für sich genommen hat nur geringfügige Effekte auf die Entwicklung von AD(H)S. Je mehr verschiedene Genorte aber bei einer einzelnen Person verändert sind, desto wahrscheinlicher wird die Entwicklung von AD(H)S. Treten zusätzlich die oben erwähnten Schädigungen vor, bei und nach der Geburt ein, erhöht sich diese Wahrscheinlichkeit. Je mehr Faktoren also im Einzelfall zusammenkommen, desto wahrscheinlicher wird es, dass die dadurch ausgelösten Veränderungen bestimmter hirnbiologischer Abläufe zusammengenommen ein solches Ausmaß annehmen, dass daraus Krankheitssymptome entstehen. Zusammengefasst legen die bisherigen Untersuchungen nahe, dass AD(H)S einen komplexen Erbgang aufweist und durch das Zusammenwirken verschiedener Genveränderungen untereinander und mit Umweltrisiken bedingt ist.
Umwelteinflüsse
Günstige psychosoziale Faktoren können das Auftreten von Symptomen oder eine Verschlechterung verhindern.
Auch das Umfeld, in dem ein Kind aufwächst, hat Einfluss auf die Entwicklung von AD(H)S. Während ungünstige psychosoziale Faktoren – wie emotionale und körperliche Vernachlässigung in der frühen Kindheit – das Auftreten der Störung wahrscheinlicher machen, können günstige psychosoziale Faktoren – wie eine intakte, unterstützende und psychisch gesunde Familie – das Auftreten von Symptomen oder eine Verschlechterung verhindern. Bildlich gesprochen vermag eine förderliche Umgebung das Überlaufen des vollen Fasses zu verhindern, während hinderliche es sogar noch füllen und mehr oder weniger schnell überlaufen lassen.
Die Forschung erweitert fortlaufend unsere Kenntnisse über die Einflüsse von Umwelt und sozialer Interaktion auf das menschliche Gehirn. Eigentlich war ja immer schon klar, dass Umgebungseinflüsse sich irgendwie auf Menschen auswirken. Heute können wir solche Auswirkungen teilweise sogar sichtbar machen und konkrete organische (materielle) und funktionelle Veränderungen des Gehirns benennen. Halten wir das noch einmal nachdrücklich fest: Umwelterfahrungen beeinflussen die Struktur und die Funktionsweise unseres Gehirns, und das auch im Hinblick auf AD(H)S und die Schwere der AD(H)S-Symptomatik.
Auswirkungen auf das Leben Betroffener
Was wissen wir über die Auswirkungen von AD(H)S auf das Leben Betroffener? Die Antwort muss lauten: beinahe täglich mehr. Die Informationsflut zu diesem Thema ist enorm und kann deshalb an dieser Stelle nur in Auszügen wiedergegeben werden. Vergessen Sie dabei bitte nicht, dass es sich im Folgenden um statistische Aussagen und Tendenzen handelt, um die Darstellung erhöhter Risiken, nicht um zwangsläufig eintretende Ereignisse im Leben von Betroffenen. Gerade die Lebensgeschichte von Arno Backhaus zeigt, dass und wie das Leben eines erheblich von AD(H)S Betroffenen gelingen kann. Das war auch für meine Frau und mich ein starkes Motiv, an diesem Buch mitzuwirken. Wir wollen AD(H)S-Betroffenen Hoffnung geben. So ist es mein Wunsch, dass die folgenden Aussagen immer im Blick auf diese Hoffnung gelesen werden.
Begleitstörungen
Etwa 70 %3 der Kinder mit der Diagnose AD(H)S und 80 % der betroffenen Erwachsenen weisen mindestens eine weitere psychische Störung auf, haben Lernstörungen und Teilleistungsschwächen oder Beeinträchtigungen in umschriebenen Bereichen ihrer Entwicklung, beispielsweise der Sprache. Die häufigsten psychischen Begleitstörungen bei Kindern und Jugendlichen sind Störungen des Sozialverhaltens (um die 50 %), depressive Störungen und Ängste. Zu den häufigsten psychischen Begleiterkrankungen bei Erwachsenen gehören Depressionen (bis zu 60 %), Angststörungen (20 – 60 %), Suchterkrankungen (bis zu 60 %) und Persönlichkeitsstörungen (10 – 20 %). Während beim hyperaktiv-impulsiven AD(H)S-Subtyp vermehrt Störungen des Sozialverhaltens auftreten, sind beim unaufmerksamen Subtyp, der insbesondere bei Mädchen und Frauen vorkommt, häufiger Depressionen, Ängste und Lernstörungen zu finden.
Der Begriff Begleitstörungen will ausdrücklich nicht nahelegen, dass es sich bei diesen Störungen um Folgen von AD(H)S handelt, sondern lediglich beschreiben, dass die Störungen gleichzeitig bestehen. Dennoch scheint die Entwicklung einiger wesentlicher Begleitstörungen durch eine ausgeprägte AD(H)S-Symptomatik mehr oder weniger stark begünstigt zu werden. Das gilt besonders für Störungen des Sozialverhaltens.
Art und Ausmaß der Begleitstörungen entscheiden in hohem Maße über die Langzeitprognose des Betroffenen.
Laut Prof. Russell A. Barkley, einem der führenden Experten zum Thema AD(H)S in den USA, ist das Risiko für die Entwicklung von oppositionellem Verhalten bei Kindern mit AD(H)S elffach höher als bei Altersgenossen ohne. Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl und Prof. Dr. Manfred Döpfner von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Köln berichten von etwa zehn Mal häufigerem dissozialen oder aggressiven Verhalten.
Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Begleitstörungen bei Kindern mit AD(H)S steigt, wenn deren Eltern auch psychische Störungen aufweisen – etwa AD(H)S, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen. Sie scheinen auch vermehrt aufzutreten in Familien, die über ein vergleichsweise geringes Einkommen verfügen, nicht intakt sind und lediglich ein eingeschränktes Interesse an der Entwicklung ihrer Kinder zeigen.
Art und Ausmaß der bestehenden Begleitstörungen entscheiden in hohem Maße über die Langzeitprognose des einzelnen Betroffenen. So haben beispielsweise Kinder und Jugendliche mit AD(H)S und einer begleitenden, besonders früh einsetzenden, ausgeprägten Störung des Sozialverhaltens ein deutlich höheres Risiko für spätere Straffälligkeit, Drogensucht und die Entwicklung einer antisozialen Persönlichkeitsstörung.
»AD(H)S bedeutet für die Betroffenen, dass sie oft nicht das auf die Reihe kriegen, was sie sich vornehmen oder gerne schaffen würden. Das geht jedem von uns einmal so. Aber wenn das Scheitern zum Lebensmotto wird, hat das schwerwiegende Folgen.
AD(H)Sler haben meist ein schlechtes Selbstbewusstsein. Infolge der zahlreichen Fehlschläge in ihrem Leben trauen sie sich nichts mehr zu. Manche AD(H)Sler werden zu Außenseitern und Einzelgängern, manche leben auch eine Art Doppelleben, nur um die chaotische Seite ihres Alltags zu verbergen. Aus dieser Spannung heraus kommt es häufig zur Abhängigkeit von Alkohol, Zigaretten, Tabletten, Drogen, dem Glücksspiel, dem Internet etc.«
ARNO BACKHAUS
Andere Negativentwicklungen
Zur systematischen Aufklärung der Folgen von AD(H)S für ein Leben wurde in der bereits erwähnten Milwaukee-Studie untersucht, wie sich eine in der Kindheit diagnostizierte Störung bis zum 27. Lebensjahr entwickelt. Bei AD(H)S-Betroffenen fanden sich im Vergleich zu Gesunden unter anderem häufiger Arbeitsplatzwechsel, finanzielle Probleme, Partnerschaftskrisen, seelische Krisen, Suizidversuche, Krankenhausaufenthalte und Vorstrafen. Darüber hinaus müssen in diesem Zusammenhang auch noch eine erhöhte Unfallgefährdung, Beeinträchtigungen der Fahrsicherheit und vermehrte Probleme im Bereich der Sexualität erwähnt werden. So ist es nicht verwunderlich, wenn die Lebenszufriedenheit betroffener Erwachsener in den Bereichen Familienleben, Partnerschaft, soziales Leben, Berufsleben und Erreichen von Zielen statistisch auffallend nach unten abweicht.
»So schwer AD(H)S für die Betroffenen zu ertragen ist, so schwer ist es auch für die Menschen in ihrer Umgebung. Einen Menschen mit AD(H)S in der Familie zu haben fordert extrem viel von allen Beteiligten. Mit einem AD(H)Sler verheiratet zu sein ist eine außergewöhnliche Herausforderung! Banale Dinge wie miteinander reden oder planen sind eben plötzlich nicht mehr so banal. Viele Ehepartner berichten, dass sie sich nach einiger Zeit einfach nicht mehr geliebt fühlen, weil der AD(H)SBetroffene ständig unzuverlässig ist und wichtige Termine oder Erledigungen vergisst. Die daraus entstehenden zwischenmenschlichen Verletzungen können erheblich sein.«
ARNO BACKHAUS
Auswirkungen von AD(H)S in Schule und Berufsleben
Sehr starke negative Auswirkungen hat AD(H)S in der Schule. Dieser Lebensbereich stellt besondere Anforderungen an die Lern- und Selbstregulationsfähigkeit des Einzelnen. Die Schulleistungen von AD(H)S-Kindern sind durchschnittlich schlechter und ihre Produktivität ist geringer. Spezielle Lernstörungen, wie eine Lese- und Rechtschreibschwäche, treten gehäuft auf. Probleme beim Einhalten von Regeln und negative Beziehungen zu den Klassenkameraden sind leider keine Ausnahme, sondern eher der Normalfall.
»AD(H)S-Kinder langweilen sich im Unterricht sehr schnell, wenn sie nicht unmittelbar am Geschehen beteiligt sind. Sie versuchen dann, ihre eigene Aufmerksamkeit zu erhöhen, indem sie herumhampeln, mit den Beinen wippen, andere Kinder ärgern oder anderen kreativen Selbstbeschäftigungen nachgehen. Damit stören sie den normalen Unterricht. Deshalb ist es wichtig, dass der Unterricht interessant und abwechslungsreich gestaltet ist. Die Aufmerksamkeit von AD(H)S-Kindern wird durch alles erhöht, was ihre Emotionen anspricht. Hilfreich ist auch, wenn sie möglichst nah am Lehrer sitzen (sofern es ihnen nicht wie eine Bestrafung erscheint, ruhig auch an einem Einzeltisch), sodass der Lehrer öfter Blickkontakt zu ihnen auf nehmen kann. Sitzen AD(H)S-Kinder in den hinteren Reihen, besteht die Gefahr, dass sie ständig abgelenkt werden von dem, was sich direkt vor ihnen abspielt.«
ARNO BACKHAUS
Von Gleichaltrigen wird das Verhalten von Kindern mit AD(H)S als störend oder unangemessen empfunden. Folglich haben die Betroffenen weniger Freunde, werden weniger wertgeschätzt und öfter abgewiesen, besonders von Kindern mit hohem Ansehen in der Gruppe. Es ist erschreckend, wie schnell AD(H)S-Kinder auffallen und in der Gefahr stehen, ausgeschlossen zu werden! Bei Untersuchungen in einem Sommercamp erfuhren sie schon am Ende des ersten Tages verstärkt Ablehnung. Ein anderes Mal beklagten sich Gruppenmitglieder bereits nach wenigen Minuten über das Verhalten eines neu hinzugekommenen AD(H)S-Kindes.
»Da AD(H)S-Kindern oft Ablehnung entgegengebracht wird, machen sie sehr früh die Erfahrung: Ich bin anders! Das wirkt sich auf ihr Selbstwertgefühl aus, verursacht ein negativ geprägtes Selbstbild und macht es für sie besonders anstrengend, in Gemeinschaft zu leben. Diese Anstrengung führt bei ihnen schnell zu seelischer und körperlicher Erschöpfung.«
ARNO BACKHAUS
Stichwort: Identität und Selbstwert (S. 167)
Lernschwierigkeiten und Verhaltens- und Sozialprobleme von AD(H)S-Kindern sind in der Regel dicht miteinander verwoben. Zusammen erklären sie die negativen Folgen: gehäuftes Wiederholen einer Klasse, seltenere Schul- und Universitätsabschlüsse, ein insgesamt niedrigeres Ausbildungsniveau und Berufe mit geringerem sozialen Status. Im Berufsleben geht es dann oft weiter mit höheren Entlassungsraten und häufigerem Stellenwechsel.
»Neben den hyperaktiven gibt es allerdings auch die stilleren AD(H)S-Kinder. Das sind Kinder, die – wenn der Unterricht langweilig oder besonders schwierig wird oder Daueraufmerksamkeit gefordert wird – aussteigen und träumen, nicht stören, sondern ihren eigenen Gedanken nachhängen. Sie fallen oft erst in der späteren Schulzeit auf, wenn sie mit ihren Leistungen weit unter ihrem Intelligenzniveau bleiben oder wenn sie zu Hause und im Leben einfach nicht vorankommen.«
VISNJA LAUER
Behandlungsmöglichkeiten
Wenden wir uns nun den Behandlungsmöglichkeiten von AD(H)S zu. Insbesondere die medikamentöse Behandlung der Störung ist immer wieder Gegenstand hitziger Debatten.
Medikamentöse Therapien
Derzeit gibt es keine Störung in der Psychiatrie, die so gut behandelbar ist wie AD(H)S. Das liegt vor allem an der sehr guten Wirksamkeit der Medikamente.
Prof. Russell A. Barkley zufolge gibt es derzeit keine Störung in der Psychiatrie, die so gut behandelbar ist wie AD(H)S. Das liegt vor allem an der sehr guten Wirksamkeit der eingesetzten Medikamente. Es werden in erster Linie Psychostimulanzien verabreicht, die den Dopaminstoffwechsel im Gehirn beeinflussen. Sie verbessern die Verfügbarkeit dieses Botenstoffs für die Informationsweiterleitung von Nervenzelle zu Nervenzelle und gleichen damit den relativen Mangel an Dopamin in den betroffenen Regelkreisen aus. Zu diesen Wirkstoffen gehören Methylphenidat (MPH), vielen als Ritalin bekannt, und D-L-Amphetamin, die beide seit Mitte des letzten Jahrhunderts verwendet werden. Bei optimaler Dosierung profitieren etwa 85 % der behandelten Kinder von diesen Medikamenten. MPH stellt dabei das Mittel der ersten Wahl für die medikamentöse Behandlung dar.
Die Wirksamkeit medikamentöser und nichtmedikamentöser Therapien im Vergleich
Die wichtigste von Barkley und anderen durchgeführte MTA-Studie ist hier aufschlussreich: Dort wurde eine auffallende Überlegenheit der Wirkung einer medikamentösen Behandlung mit MPH auf die AD(H)S-Symptomatik und auf oppositionell-aggressives Verhalten festgestellt. Selbst die Ergänzung der MPH-Therapie durch eine Verhaltenstherapie brachte keinen zusätzlichen Effekt! Bei allem Psychotherapie-Optimismus kann und darf man dieses Ergebnis nicht vom Tisch wischen.
Nebenwirkungen treten bei der Behandlung mit MPH im normalen Dosisbereich nur selten und überwiegend in der Einstellungsphase auf. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören: Appetitminderung, Schlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen, Missstimmung, Weinerlichkeit oder, seltener, das Auftreten oder die Verschlechterung von Tics. Diskutiert wird, ob und in welchem Ausmaß MPH das Längenwachstum beeinträchtigt. Im Widerspruch zu zahlreichen Medienberichten in den letzten Jahren konnten in Langzeitstudien bisher keine negativen psychischen oder körperlichen Auswirkungen durch die Therapie mit Stimulanzien festgestellt werden.
»Jede AD(H)S-Symptomatik hat ihr eigenes Gesicht und ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Sie muss deshalb durch qualifizierte Fachärzte sehr genau diagnostiziert werden. Da bei AD(H)S ein relativer Mangel an Dopamin in bestimmten Regionen des Gehirns besteht, kann man mit Medikamenten einiges erreichen. Vielen AD(H)S-Betroffenen können Medikamente helfen, sich zu konzentrieren, das Wirrwarr im Kopf zu ordnen und endlich zur Ruhe zu kommen, und sie kommen gut damit zurecht. Man sollte aber unbedingt einen kompetenten Facharzt für die Behandlung mit entsprechenden Medikamenten aufsuchen. Der Arzt muss diese sehr genau, gemäß seinen Untersuchungen, auf den Patienten einstellen und abstimmen. Grundsätzlich gilt: Medikamente können helfen, aber die biologische Ursache nicht heilen.«
ARNO BACKHAUS
Stimulanzien und Suchtentwicklung
Die Verordnung der Psychostimulanzien erfolgt auf einem BTM-Rezept, da sie den Bestimmungen der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung unterliegt. Das mag einige schockieren, hat aber mehr historische Gründe. Die Gabe von Stimulanzien galt lange als Risiko für eine spätere Suchtentwicklung. In Studien wurde jedoch gezeigt, dass die Einnahme von MPH nicht zu einer Abhängigkeitsentwicklung führt oder beiträgt. Vielmehr scheint sie das Risiko für eine frühzeitige Nikotin-, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit sogar zu vermindern.
In Studien wurde gezeigt, dass die Gabe von MPH nicht zu einer Abhängigkeitsent wicklung führt oder beiträgt. Vielmehr scheint sie das Risiko für eine frühzeitige Nikotin-, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit zu vermindern.
Auch bei Erwachsenen stellt der Einsatz von MPH nach deutschen Leitlinien die medikamentöse Behandlung der ersten Wahl dar. Untersuchungen belegen eine gute Wirksamkeit. Allerdings ist MPH noch nicht für die Behandlung ab 18 Jahren zugelassen; das entsprechende Genehmigungsverfahren läuft zurzeit. Die Verschreibung ist aber dennoch erlaubt. Man spricht dann von Off-Label-Use. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten in der Regel nicht.
Atomoxetin
Seit 2005 wird in Deutschland auch der Wirkstoff Atomoxetin eingesetzt, der sich in Studien ebenfalls als effektiv erwiesen hat. Atomoxetin wirkt im Gegensatz zu MPH über 24 Stunden. Dafür tritt die volle Wirkung erst einige Wochen nach Einnahmebeginn ein. Als Nebenwirkung soll besonders auf das Auftreten von Suizidgedanken und Leberwerterhöhungen geachtet werden. Die Wirkstärke von Atomoxetin ist nicht so hoch wie die von MPH. Aber unter bestimmten Umständen, beispielsweise wenn eine 24-Stunden-Wirkung dringend erforderlich erscheint oder bei begleitender Tic- oder Angststörung, kommt es als Wirkstoff der ersten Wahl infrage.
Für den Einsatz bei Erwachsenen ist Atomoxetin nur dann zugelassen, wenn die Behandlung vor dem 18. Geburtstag begonnen wurde. Die Verschreibung kann aber als Off-Label-Use dennoch erfolgen, wenn diese Bedingung nicht erfüllt wird.
Andere Wirkstoffe
Auf weitere Medikamente soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Sie werden nur bei einem wesentlich kleineren Prozentsatz der Betroffenen eingesetzt, bei denen die beschriebenen Wirkstoffe nicht den gewünschten Effekt haben, nicht angewendet werden dürfen oder bei denen Begleiterkrankungen bestehen. Vorzugsweise bei Erwachsenen werden zum Beispiel spezielle Antidepressiva verordnet.
»Es gibt Menschen, die Hanna und mir gesagt haben, dass sie ihrem Kind nie mehr Ritalin geben werden. ›Da will ich lieber einen Zappelphilipp als einen so vor sich hin träumenden Jungen, den ich gar nicht mehr wiedererkenne.‹ Bei anderen hat nach der Einnahme von Medikamenten das Leben wieder Einzug gehalten. Ob eine medikamentöse Behandlung notwendig ist, richtet sich vor allem nach dem Leidensdruck des Patienten und seiner Umwelt. Kommt ein Patient gut damit zurecht, kann es ihm ein ganz neues Lebensgefühl vermitteln. Es hat mal jemand gesagt, die Wirkung der Medikation könne etwa so dramatisch sein wie ›eine Brille bei einem Kurzsichtigen‹.
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Die multimodale Therapie
Ich habe nun so viel über Medikamente geschrieben, dass ein falscher Eindruck entstehen könnte. Natürlich wäre es wünschens- und erstrebenswert, ohne jegliche »Chemie« auszukommen. Dennoch lässt sich die Gabe von Medikamenten durch beratende Gespräche oder verhaltenstherapeutische Maßnahmen in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht vermeiden.
Die Leitlinien der Fachgesellschaften sehen die Einbettung einer medikamentösen Behandlung in ein multimodales Behandlungskonzept vor. Ein solches Konzept soll alle beeinträchtigenden Verhaltensweisen und Problembereiche des Patienten berücksichtigen und die zu deren Therapie erforderlichen verschiedenen Behandlungsmethoden kombinieren.
Grundlage einer multimodalen Behandlung sind eingehende Gespräche – nicht nur mit den Eltern, sondern auch mit den Kindern, sofern sie ein entsprechendes Alter erreicht haben, und gegebenenfalls mit Erziehern oder Lehrern. Diese Basismaßnahme wird Psychoedukation genannt. Sie beinhaltet die Aufklärung über die Störung, deren Entstehung, Behandlungsmöglichkeiten und Verlauf. Außerdem findet in der Psychoedukation eine Erörterung und Vermittlung von hilfreichen Verhaltensweisen im Umgang miteinander statt, die die AD(H)S-spezifischen Besonderheiten des Kindes berücksichtigen.
Die in der Psychoedukation entwickelten Handlungsstrategien werden bei Bedarf durch verhaltenstherapeutische Maßnahmen vertieft. Idealerweise sollte die Verhaltenstherapie konkret an den problematischen Verhaltensweisen ansetzen und diese dort bearbeiten, wo sie auftreten: im Kindergarten, in der Schule und/oder in der Familie. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, ist spätestens jetzt der Zeitpunkt für eine medikamentöse Behandlung gegeben. Bei stark ausgeprägter Symptomatik mit einer erheblichen Beeinträchtigung des Patienten oder seines Umfeldes sollte jedoch sofort damit begonnen werden.
Wann verhaltenstherapeutische Maßnahmen sinnvoll sind
In der öffentlichen Meinung wird eine Behandlung mit Psychostimulanzien ohne begleitende Verhaltens- oder sonstige Psychotherapie nicht selten sehr kritisch gesehen und mitunter tendenziell schon fast als Kunstfehler erachtet. Dieser Bewertung muss mit Nachdruck widersprochen werden. Wenn die Kombination aus psychoedukativen Gesprächen und Medikamenteneinnahme gut wirkt und keine wesentlichen Beeinträchtigungen mehr bestehen, sind zusätzliche Interventionen nicht erforderlich. Dennoch halte ich persönlich begleitende verhaltenstherapeutische Maßnahmen grundsätzlich für sinnvoll und erstrebenswert. Mit dem IntraActPlus-Konzept von Fritz Jansen und Uta Streit, einem videogestützten Therapieansatz, habe ich in dieser Hinsicht sehr gute Erfahrungen gemacht.4 In einer Minderzahl der Fälle können verhaltenstherapeutische Maßnahmen in Verbindung mit psychoedukativen Beratungen als Behandlung für die AD(H)S-Problematik ausreichen. Die Verhaltenstherapie hat darüber hinaus einen hohen Stellenwert, wenn die Effekte der medikamentösen Behandlung nicht zufriedenstellend sind, die Störung stark ausgeprägt ist oder Begleitstörungen auftreten. Dann kommen natürlich auch zahlreiche andere Psychotherapieverfahren zum Einsatz.
»Ich selbst habe nie ein AD(H)S-Medikament eingenommen und komme bisher meistens gut zurecht. Allerdings arbeite ich auch schon seit meinem 16. Lebensjahr intensiv an meinem Verhalten. Unser Sohn Fabian hat Medikamente nur während seiner Ausbildungszeiten eingenommen.«
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Andere Behandlungsansätze
Auf andere Behandlungsansätze werde ich nicht näher eingehen. Sie haben sich entweder als nicht oder nur sehr gering wirksam (wie die Homöopathie), als gefährlich (wie AFA-Algen) oder als in ihrer Wirkung noch nicht abschließend beurteilbar (wie die Gabe bestimmter Nährstoffe, etwa Omega-3-Fettsäuren) erwiesen. Auch die in einzelnen Studien beschriebene gute Wirksamkeit eines Neurofeedback-Trainings, eines Biofeedbackverfahrens, kann noch nicht abschließend beurteilt werden. Vielleicht ist der eine oder andere von Ihnen überrascht, dass die Ergotherapie bisher mit keinem einzigen Wort erwähnt worden ist. Sie hat einen unbestreitbaren Stellenwert bei der Behandlung der verschiedenen Entwicklungsstörungen, die bei Kindern mit AD(H)S gehäuft auftreten. Es gibt aber keine kontrollierten Studien, die eine eindeutige Verbesserung der Kernsymptome belegen. Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen hier andere Erfahrungen gemacht. Das würde mich persönlich nicht verwundern, vor allem, wenn ein Ergotherapeut sein Vorgehen streng nach den Lerngesetzen ausrichtet. Er arbeitet dann aber eigentlich verhaltenstherapeutisch, wie die Ergotherapeuten, die das IntraActPlus-Konzept von Jansen und Streit anwenden.
Persönliche Erfahrungswerte
Vor etwa 14 Jahren ist mir klar geworden, was AD(H)S eigentlich bedeutet. In gewisser Weise war das eine kognitive und emotionale Erleuchtung. Ich begegnete damals auf einem Spezialseminar betroffenen Kindern und Jugendlichen und deren Eltern, hörte und verstand erstmals deren Probleme, Nöte und Enttäuschungen. Übereinstimmend wurde von den betroffenen Familien über unzählige Therapieversuche mit den verschiedensten Behandlungsverfahren berichtet. Die Eltern waren mit ihren Kindern ohne Erfolg von Pontius zu Pilatus gelaufen und über ein normales Maß hinaus bemüht und engagiert gewesen.
Eine medikamentöse Behandlung mit MPH erbrachte nicht mehr für möglich gehaltene Verbesserungen der Symptomatik und eine erhebliche Entlastung der Betroffenen und ihrer Familien.
Dabei hatten sie sich durchgehend Vorhaltungen ausgesetzt gesehen, durch ihre Erziehung für die Ausprägung der Störung zumindest erheblich mitverantwortlich zu sein. Verzweiflung und Resignation hatte sich bei einigen breitgemacht. Dann aber hatten die meisten doch noch einen Durchbruch erlebt: Eine medikamentöse Behandlung mit MPH erbrachte nicht mehr für möglich gehaltene Verbesserungen der Symptomatik und damit einhergehend eine erhebliche Entlastung der Betroffenen und ihrer Familien.
Ich möchte betonen, dass es sich damals nicht um eine von der Pharmaindustrie gesponserte Veranstaltung handelte. Zu dieser Zeit war die pharmazeutische Industrie in Deutschland überhaupt nicht aktiv in Sachen AD(H)S und medikamentöser AD(H)S-Behandlung. Das einzige damals auf dem deutschen Markt angebotene Fertigarzneimittel war das Methylphenidatpräparat Ritalin. Von der Herstellerfirma wurde es aber nicht aktiv bei Ärzten etc. beworben. Das hat sich erst in den letzten Jahren dramatisch geändert. In der Zwischenzeit hat man mehrere Nachahmerpräparate auf den Markt gebracht, vermehrt auch Zubereitungen, die den Wirkstoff verzögert freisetzen und seltener am Tag verabreicht werden müssen.
In meinem Berufsalltag wiederholte sich das Erleben der oft durchschlagenden, positiven Wirkung von MPH im Leben Betroffener ständig.
Dass es aber überhaupt so weit kam und die Pharmaindustrie ein großes Geschäft zu wittern und zu handeln begann, lag an den stark gestiegenen Verordnungszahlen von MPH durch eine noch überschaubare Zahl von Ärzten, zu denen auch ich gehörte. Diese Kollegen hatten vermutlich dieselben Erfahrungen wie ich gemacht.
Erfolg medikamentöser Therapien
In meinem Berufsalltag wiederholte sich das Erleben der oft durchschlagenden, positiven Wirkung von MPH im Leben Betroffener ständig. Das, was ich seinerzeit auf dem oben beschriebenen Seminar staunend und fragend zugleich erlebt hatte, wurde auch in meinem beruflichen Alltag beinahe uneingeschränkt bestätigt, wenn die Kinder richtig eingestellt, also nicht über- oder unterdosiert waren. Es beeindruckt auch Ärzte stark, wenn Kinder in ihrem Leben wieder in die richtige Spur finden, Schulwechsel, Sonderbeschulungen, die Herausnahme von Kindern aus Familien verhindert werden, Kinder wieder Freude am Leben und Freunde finden, Eltern wieder Hoffnung entwickeln und Spaß im Umgang mit dem Nachwuchs haben. Können Sie ermessen, was das für diese Kinder und deren Familien bedeutet? Da bekommt das Leben in positiver Weise eine neue Richtung, und das oft so einschneidend, wie bei kaum einer anderen Behandlungsform.
Rückmeldung einer Mutter
Ich möchte an dieser Stelle die E-Mail-Rückmeldung einer Mutter wiedergeben. Wenige Tage zuvor hatte sie mit der medikamentösen Therapie ihres Sohnes begonnen. Sie hatte geweint, als ich ihr eine solche Maßnahme nahelegte. In der Vergangenheit hatte sie sich erfolglos durch verschiedene alternative, »ganzheitliche« Therapieansätze Hilfe erhofft. Eine Behandlung mit MPH stand ganz im Gegensatz zu ihrer bisherigen Sichtweise und ihrem Lebenskonzept:
Michael (Name geändert) ist im Ganzen viel ruhiger und zentrierter. Das ständige Zappeln der Beine hat ganz aufgehört. Er ist nicht mehr so impulsiv, wenn es darum geht, seine Bedürfnisse durchzusetzen. Vor der Einnahme der Tabletten äußerte sich das in Wutanfällen, jetzt wirkt er eher nachdenklich und ist empfänglich für Gegenargumente und ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass er versteht, was ich ihm sage. Er sagt selbst, dass es ihm mit den Tabletten besser geht und dass er seinen Tag besser regeln kann. Am Wochenende hat er sehr ausdauernd Mathematik für die anstehende Arbeit geübt. In dieser Form habe ich das noch NIE!!! bei ihm erlebt. Er wirkt viel entspannter und fröhlicher, ist nicht mehr so »getrieben«. In der Schule hat er sich von den Krawallmachern distanziert.
Nicht wenige Menschen haben Bilder ruhiggestellter, dumpf auf Ansprache reagierender Personen mit starrem Gesichtsausdruck vor Augen, wenn von Medikamenten die Rede ist, die die Psyche beeinflussen. Diese Vorstellung lässt sich in den Beschreibungen der Mutter nicht wiederfinden. Sie berichtet von einem Kind, das befreit wirkt. Wie viele tief greifende Verhaltensänderungen des Jungen beschreibt sie in diesem kurzen Abschnitt! Seine Chancen, mit guten (Selbstwert-) Gefühlen in gelingenden Beziehungen zu leben, sind durch die medikamentös bewirkten Veränderungen seines Verhaltens gestiegen und ihm und seinen Eltern wird es ungleich viel besser gehen.
Ein Energieproblem: mehr Anstrengung für die gleiche Leistung
Kritiker sprechen immer wieder skeptisch von oberflächlichen Wirkungen eines Medikamentes. Was meinen sie damit, wo die Wirkungen doch oft so tief greifend sind? Bezieht sich der Ausdruck »oberflächlich« womöglich darauf, dass nur bei einer bestimmten Wirkstoffkonzentration eines eingenommenen Medikamentes im Blut anderes Verhalten gezeigt wird, scheinbar ohne bewusste, angestrengte und zielgerichtete Mitarbeit des Betroffenen als Ausdruck seiner Motivation und inneren Haltung von Eigenverantwortlichkeit?
AD(H)S-Betroffene haben ein Energieproblem. Im Vergleich mit Nichtbetroffenen braucht ihr »Motor« mehr »Kraftstoff« für die gleiche Leistung. Medikamente können diese Beeinträchtigung grundlegend vermindern und das Leben erleichtern.
Jedes menschliche Tun, egal ob Handeln, Denken oder Fühlen, hinterlässt Spuren im Gehirn.
AD(H)S-Betroffene haben unter dem Strich ein Energieproblem. Im Vergleich mit Nichtbetroffenen braucht ihr »Motor« mehr »Kraftstoff« für die gleiche Leistung. Er arbeitet mit geringerem Wirkungsgrad, weshalb AD(H)S-Betroffene zum Erlernen und Beherrschen vieler lebenswichtiger Kompetenzen und schulischer Inhalte in der Regel mehr Anstrengung und Energie aufbringen müssen. Sie müssen also ohnehin stärker motiviert sein, um im Idealfall das Gleiche zu erreichen. Die bereits beschriebenen Medikamente, die auf bestimmte neuronale Funktionsabläufe einwirken, können diese Beeinträchtigung grundlegend vermindern und Lernen – und in der Folge das Leben – erleichtern. Auch im Rahmen einer Psychotherapie kann dann wirkungsvoller gelernt und neues Verhalten aufgebaut werden.
»Eines der schwierigsten Dinge im Leben eines Menschen mit AD(H)S ist es, einen Anfang zu finden. AD(H)Sler schieben zu erledigende Aufgaben endlos vor sich her – oft so lange, bis eine Katastrophe unausweichlich ist. Extremer Druck kann dann entweder den ›Kick‹ bringen, endlich in die Gänge zu kommen, oder den Betroffenen schier verzweifeln lassen. Dieser Mangel an Motivation hat aber nichts mit Disziplinlosigkeit zu tun. Er kann nicht ›mit etwas gutem Willen‹ behoben werden. Ein Mensch mit AD(H)S braucht ein überdurchschnittliches Maß an Stimulation und Eigenmotivation, um gute Leistungen zu erbringen. Begeisterung kann einen AD(H)Sler in die Lage versetzen, außergewöhnliche Leistungen zu vollbringen, was bei Außenstehenden zu der üblichen Reaktion führt: ›Siehst du, du kannst ja, wenn du nur willst.‹«
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Verhalten beeinflusst die Struktur und Funktion des Gehirns
Ein weiterer Gedanke ist mir in diesem Zusammenhang aber noch wichtiger. Menschlichem Verhalten liegen bestimmte Strukturen und Funktionsabläufe im Gehirn zugrunde. Dabei handelt es sich aber keinesfalls um eine Einbahnstraße. Das Gehirn steuert das Verhalten, aber jedes menschliche Tun, egal ob Handeln, Denken oder Fühlen, hinterlässt auch Spuren im Gehirn! Es war bereits davon die Rede, dass Interaktionen mit der Umwelt auf Struktur und Funktion des Gehirns einwirken. Das gilt im selben Maße für das eigene Verhalten. Je häufiger bestimmte Verhaltensweisen wiederholt werden, desto schneller, ökonomischer und automatischer laufen sie ab. Das kennen Sie alle, beispielsweise vom Erlernen des Autofahrens, einer Sportart oder einer Sprache. Diese Beschleunigung und Automatisierung von Abläufen ist das Ergebnis neuronaler Umbauprozesse. Dabei unterscheidet das Gehirn nicht zwischen gut oder schlecht. Wenn Handlungsweisen, egal ob günstige oder ungünstige, oft wiederholt werden, scheinen sie wichtig zu sein, und deshalb wird die Effizienz der zugrunde liegenden Hirnfunktionsabläufe verbessert. Das ist biologisch ja überaus sinnvoll. In letzter Konsequenz macht jede Wiederholung eines bestimmten Verhaltens in einer speziellen Situation eine erneute Wiederholung noch wahrscheinlicher. Ausgelebte Wut bahnt neuer Wut den Weg, empfundene Traurigkeit neuer Traurigkeit. Nichtanstrengung bei Anforderungen bringt Nichtanstrengung, Unaufmerksamkeit bringt Unaufmerksamkeit hervor. Auf diese Art und Weise wird ein Mensch so, wie er lebt. Der Actus (das Handeln) wird zum Habitus (der inneren Haltung), schrieb der bekannte Psychiater Viktor Frankl schon in einer Zeit, in der man dem Gehirn noch nicht durch bildgebende Verfahren quasi beim Arbeiten zuschauen konnte oder von neuronalen Umbauprozessen wusste.
Wenn wir mit diesem Wissen zu unserem »Beispielkind« Michael zurückkehren, wird deutlich, wie unterschiedlich sich seine mit oder ohne Medikamente stark differierenden Verhaltensweisen auf sein Gehirn und damit auf sein Leben und Wesen auswirken werden. Allein durch permanente Wiederholung! Das ist einer der Gründe, weshalb ich persönlich die Wortwahl »nur oberflächliche Wirkungen eines Medikaments« nur schwer ertragen kann.
In letzter Konsequenz macht jede Wiederholung eines bestimmten Verhaltens eine erneute Wiederholung noch wahrscheinlicher.
Unter diesen Gesichtspunkten werden Sie vielleicht nachvollziehen können, warum ich mich bei entsprechenden Symptomen bei einem Kind auch dann zu einer medikamentösen Behandlung entschließe, wenn seine Eltern wenig Bereitschaft zeigen, ihr eigenes Verhalten zu verändern oder sich für das Kind anzustrengen. Kinder darf man nicht für die Unreife und das Versagen ihrer Eltern verantwortlich machen. Man darf ihnen wirksame Hilfe nicht vorenthalten, zumal sie in diesem Alter biologisch noch nicht in der Lage sind, in vollem Umfang Verantwortung für sich selbst zu tragen.
Die Bedeutung unserer heutigen Lebensgewohnheiten
Vor dem Hintergrund der Zusammenhänge von Verhalten und strukturellen und funktionellen Veränderungen des Gehirns lassen sich einige eindeutige Aussagen über die mögliche Bedeutung unserer heutigen Lebensgewohnheiten auf die Entstehung und Ausprägung von AD(H)S treffen. Was wird beispielsweise trainiert, wenn Menschen beim Essen herumlaufen oder bei allen möglichen Gelegenheiten nebenbei essen?
Wir leben paradoxerweise in einer Zeit, die die Entwicklung von AD(H)S-Symptomen einerseits eindeutig fördert, sie andererseits aber den Betroffenen immer weniger verzeiht.
Wenn sie ganz allgemein mehrere Dinge gleichzeitig tun, beim Fernsehen herumzappen, sich nicht in die Augen schauen, wenn sie sich begrüßen, die Hand geben oder miteinander reden, Filme mit immer schnelleren Bildwechseln ansehen oder bei Computerspielen teilweise stundenlang in rasantem Tempo unmittelbar und schnell auf kurze und intensive Reize reagieren? Wenn in Schulen gezielt Themen- und Medienwechsel eingesetzt werden, um die Konzentration der Schüler aufrechtzuerhalten oder neu zu gewinnen? Aufmerksamkeit, vor allem Daueraufmerksamkeit, wird bei diesen Tätigkeiten sicher nicht eingeübt. Bei vielen wird Unaufmerksamkeit sogar regelrecht trainiert! So leben wir paradoxerweise in einer Zeit, die die Entwicklung von AD(H)S-Symptomen einerseits eindeutig fördert, sie andererseits aber den Betroffenen immer weniger verzeiht.
»Einer Studie von Wissenschaftlern des Children’s Hospital and Regional Medical Centre in Seattle zufolge scheint Fernsehkonsum im Alter zwischen ein und drei Jahren, also in einer Zeit, in der das Gehirn stark wächst, zur Enstehung von Aufmerksamkeitsproblemen beizutragen. Die Wissenschaftler stellten fest, dass Kinder im Alter von einem Jahr durchschnittlich 2,2 Stunden, im Alter von drei Jahren durchschnittlich 3,6 Stunden am Tag vor dem Fernseher saßen. Sie fanden heraus, dass für ein Kind, das im Alter von einem Jahr eine Stunde pro Tag länger als der Durchschnitt fernsieht, die Wahrscheinlichkeit um 28 % zunimmt, im Alter von sieben Jahren unter Aufmerksamskeitsdefiziten zu leiden. Gleiches ließ sich über Kinder im Alter von drei Jahren sagen.5
Dazu kommt, dass Kinder ihre Aggressionen und ihren Bewegungsdrang früher im Freien abbauten. Heute spielen viele Kinder nicht mehr selbst, sie lassen spielen – im Fernsehen, auf DVDs, in Computerspielen. Sie können ihre Aggressionen nicht mehr draußen abreagieren und lassen sie deshalb an den Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung aus.«
ARNO BACKHAUS
Neulich hatte ich ein kurzes, aber erhellendes Gespräch mit einer 22-Jährigen. Sie ist Deutsche, im Sudan geboren, in Kenia aufgewachsen, und hat Deutschland nach ein oder zwei Semestern Studium in Richtung Holland verlassen. Sie habe sich an vielen Stellen anders verhalten als die jungen Menschen in ihrer Umgebung, berichtete sie. Man habe ihr Verhalten als unangemessen empfunden, wo sie doch so deutsch aussehe und einen urdeutschen Namen trage. Einer fremd Aussehenden hätte man vermutlich mehr verziehen.
AD(H)S-Betroffene sehen aus wie Sie und ich, aber sie verhalten sich überdurchschnittlich oft unangemessen. Von der Umgebung wird das sehr sensibel und fein registriert und bewertet – ganz überwiegend unbewusst – und häufig mit Ablehnung quittiert.
Worterklärungen
Aggressiv-dissoziale Störungen.
Das Hauptmerkmal der aggressivdissozialen Störungen des Sozialverhaltens ist ein sich wiederholendes und durchgängiges Verhaltensmuster, bei dem die grundlegenden Rechte anderer sowie wichtige altersentsprechende soziale Normen und Regeln verletzt werden.
Antisoziale Persönlichkeitsstörung .
Sie ist gekennzeichnet durch eine Missachtung sozialer Verpflichtungen und ein herzloses Unbeteiligtsein an den Gefühlen anderer. Zwischen dem Verhalten und den herrschenden sozialen Normen besteht eine erhebliche Diskrepanz. Die Frustrationstoleranz ist gering und die Schwelle für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten ist niedrig.
Oppositionelle Verhaltensstörungen .
Hauptmerkmal der oppositionellen Verhaltensstörungen ist ein Muster von wiederkehrenden ablehnenden, trotzigen, ungehorsamen und feindseligen Verhaltensweisen gegenüber Autoritätspersonen, das mindestens sechs Monate lang andauert. Die Kinder werden schnell wütend, streiten sich sehr häufig mit Erwachsenen, widersetzen sich aktiv den Anweisungen oder Regeln von Erwachsenen und weigern sich, diese zu befolgen. Sie verärgern andere vorsätzlich und schieben die Schuld für eigene Fehler oder eigenes Fehlverhalten auf andere. Sie sind reizbar, reagieren häufig zornig, ärgern sich schnell und lassen sich von anderen leicht ärgern.
Persönlichkeitsstörungen.
Persönlichkeitsstörungen sind verschiedene überdauernde Erlebens- und Verhaltensmuster mit Beginn in der Kindheit und Jugend, die von einem flexiblen, situationsangemessenen (»normalen«) Erleben und Verhalten in jeweils charakteristischer Weise abweichen. Sie sind durch relativ starre gedankliche Reaktionen und Verhaltensformen gekennzeichnet, vor allem in Situationen, die für die jeweilige Person konflikthaft sind. Die persönliche und soziale Funktions- und Leistungsfähigkeit ist meistens beeinträchtigt.
Tic.
Ein Tic ist eine kurze und unwillkürliche, regelmäßig oder unregelmäßig wiederkehrende motorische Kontraktion (Zusammenziehung) einzelner Muskeln oder Muskelgruppen, in einfacher Form z. B. als Stirnrunzeln, Augenblinzeln, Hochziehen der Augenbrauen, Räuspern, Hüsteln oder Schniefen. Die schwerste und deshalb eindrücklichste Verlaufsform wird als Tourette-Störung bezeichnet.
Eine Kindheit mit AD(H)S
1950 bin ich in Frankenberg an der Eder geboren, einem gemütlichen Städtchen zwischen Kassel und Marburg. Dort blieb ich mit meinen Eltern und meiner neun Jahre älteren Schwester bis zu meinem 5. Lebensjahr.
Immer in Bewegung, ständig »auf Schuss«
Meine Schwester erzählte mir mal, dass sie mit mir jeden Sonntag, während meine Eltern den Gottesdienst besuchten, ins Kino gehen musste. Das war der einzige Ort, an dem ich ruhig war. Im Gottesdienst war ich wegen der Eintönigkeit zu unruhig und mischte nach kurzer Zeit die Leute auf. Auch erzählte mir meine Schwester, dass meine Mutter mich manchmal zu Hause festband, damit sie in Ruhe arbeiten konnte.
»In Arnos Leben lernen wir die Aufmerksamkeits-Defizit-Störung mit Hyperaktivität in ihrer typischen Ausprägung kennen. Darum sind die Symptome und Ereignisse in Arnos Leben nicht auf alle AD(H)S-Betroffenen übertragbar, vor allem solche, die eine Aufmerksamkeits-Defizit-Störung ohne Hyperaktivität oder mit geringer Ausprägung haben.«
VISNJA LAUER
Streit mit der Schwester
An die Frankenberger Zeit habe ich nicht viele Erinnerungen, nur die, dass ich mich mit meiner Schwester heftig gezankt, gestritten und geschlagen habe. Sicher habe ich sie auch oft provoziert und geärgert, sodass es ständig zu Konflikten kam. Da ich sehr schnell und wendig war, lief ich immer um unseren Wohnzimmertisch herum, und hier hatte meine Schwester kaum eine Chance, mich zu erwischen. Wenn sie mich festhalten konnte, musste ich natürlich einiges einstecken; sie kratzte mich mit ihren Fingernägeln, und ich riss an ihren Haaren. Wenn der Streit mit ihr aussichtslos war, biss ich manchmal auch in ihre Hand.
Spiel mit dem Feuer
Auf unserem Wohnzimmertisch stand zur Weihnachtszeit ein Adventskranz mit vier Kerzen, und über unserem Tisch hing eine Lampe mit langen Fransen. Irgendwann spielte ich mal wieder mit den Kerzen herum, kam an die Fransen, und die Lampe brannte lichterloh. Zum Glück konnte mein Vater den Brand löschen, kurz bevor es zu einer Katastrophe kam.
Talfahrt
Als Kind (und ganz besonders als AD(H)Sler, was ich damals natürlich noch nicht wusste) war ich ständig »auf Schuss«. Unser Haus stand am Berg, und der war ideal zum Runterfahren.
Ich fiel mehr als ich ging, und ich blutete ständig irgendwo.
Ich stellte mich auf einen Handwagen, klappte die Deichsel hoch und rollte dann den Berg herunter. Dabei überschlug ich mich oft oder fiel und rutschte den Schotterabhang hinunter. An die Schmerzen der kleinen Schottersteine in meinen Beinen (als Kind trug ich fast nur kurze Hosen) kann ich mich noch heute sehr gut erinnern. Überhaupt fiel ich mehr als ich ging, und ich blutete ständig irgendwo.
»Was Arno aus seiner frühen Kindheit erzählt, ist für AD(H)S-Kinder mit der hyperaktiven Ausprägung leider nicht ungewöhnlich. Er war nur dort ruhig, wo etwas Interessantes stattfand, er war ununterbrochen in Bewegung, und die Mutter wusste nie, ob ihm nicht etwas in den Sinn kam, was für ihn und auch für andere gefährlich werden konnte. Hinzu kamen die Streitereien mit der Schwester, wo er sich, einmal in Fahrt geraten, nicht mehr zurücknehmen konnte. Alles zusammen bedeutete für die gesamte Familie ein erhöhtes Stressniveau im Alltag. Mit der Zeit stellten sich wahrscheinlich schon bei dem Gedanken an Arno ungute Gefühle ein. So lässt sich zumindest nachvollziehen, wie Arnos Mutter, die häufig in eine Situation geriet, die sie überforderte, impulsiv zu schädlichen Reaktionen ihrem Kind gegenüber kommen konnte – auch wenndas auf keinen Fall eine Entschuldigung für den beschriebenen Umgang mit Arno sein soll!«
VISNJA LAUER
Stichworte: Aktivierung (S. 152); Die exekutiven Funktionen (S. 153); Die unbewusste Verarbeitung von Informationen (S. 159); Familiensituation (S. 169)
Einzelgänger
Von meiner Mutter bin ich nie getröstet, sondern immer nur mit Vorwürfen überschüttet worden. Diese Erfahrung und viele andere, die im Laufe der Zeit dazukamen, haben in mir ein ganz tiefes Einsamkeitsgefühl und Urmisstrauen entstehen lassen. In entscheidenden Momenten konnte ich mich auf keinen verlassen oder zurückgreifen. Ich musste lernen, allein klarzukommen. Dieses Gefühl hatte zur Folge, dass ich immer mehr zum Einzelgänger und Einzelkämpfer wurde. Das führte dann dazu, dass ich es in einem Team später immer schwer hatte, bzw. die anderen es mit mir schwer hatten, wie etwa die Band von »Arno & Andreas«, mit der ich 20 Jahre lang auf Tour war, aber auch die unterschiedlichen Teams in unserer Kirchengemeinde. Ich wollte lieber eigene Wege gehen. Bei mir wusste ich wenigstens, woran ich war.
Das Gefühl: Ich bin »falsch«
Von Geburt an habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich nicht auszuhalten bin, dass ich störe und »falsch« bin. Das hat sich ganz tief in mich eingebrannt, wie ein Brandmal, eine Narbe: Alles, was ich mache, ist falsch, schlecht, nicht gut genug, zu spät, zu schnell, zu laut, zu leise, zu teuer, zu aggressiv, zu kurz, zu lang.
Es war ja doch alles falsch, was ich anfasste.
Nichts passte, nichts stimmte. Um mit diesen Vorwürfen und dieser Grundbefindlichkeit klarzukommen, baute ich mir meine eigene Welt auf. Meine eigenen Vorstellungen waren für mich der Maßstab. Ich hörte auf keinen mehr, es war ja doch alles falsch, was ich anfasste. Es dauerte sehr lange, bis ich gelassener, kooperativer und teamfähiger wurde.
Stichwort: Identität und Selbstwert (S. 167)
Gefährliche Experimentierfreude
Als wir später in Kassel wohnten, schickten meine Eltern mich regelmäßig in den Osterferien zu meinem Onkel und meiner Tante nach Frankenberg, sicher zu ihrer Entlastung und auch zu meiner Entspannung. Aber ganz so locker ging es da nicht zu. Mein Onkel und meine Tante, die direkt an der Eder, einem kleinen Fluss, wohnten, waren natürlich mit meinem Tatendrang und meiner Experimentierfreude überlastet. Sie konnten nicht ständig hinter mir her sein. Zweimal bin ich in diesen Ferien beim Spielen in die Eder gestürzt und wäre als Nichtschwimmer fast ertrunken.
»In Zeiten, in denen wenig Interessantes geschieht, sind AD(H)S-Betroffene energetisch auf einem niedrigen Niveau und fühlen sich dabei unwohl. Dieses negative Gefühl verschwindet in dem Moment, wo wieder etwas los ist. Wie Arno sind viele AD(H)S-Betroffene deshalb unbewusst auf der Suche nach starken Reizen und ständig in Bewegung. Dabei verletzen sie sich häufig, da sie von
Haus aus eine beeinträchtigte Fähigkeit zur motorischen Kontrolle haben. Sie können ihre Bewegungen schlecht feinabstimmen. AD(H)S-Betroffene haben auch Schwierigkeiten, ihre Handlungen zu beobachten und die Konsequenzen daraus abzuschätzen. So kann eine Suche nach interessanten Beschäftigungen schnell gefährlich werden.«
VISNJA LAUER
Stichworte: Aktivierung (S. 152); Die exekutiven Funktionen (S. 153); Die unbewusste Verarbeitung von Informationen (S. 159); Familiensituation (S. 169)
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