Czytaj książkę: «Ausgetrabt»
Hans Weber / Armin Ruhland
Ausgetrabt
Niederbayern-Krimi

Zum Buch
Rossnarrisch Wie jedes Jahr richtet sich an Pfingsten die Aufmerksamkeit des Rottals und der weiteren Umgebung auf das beschauliche Städtchen Pfarrkirchen. Größen des Sulky-Sports versammeln sich an Bayerns ältester Trabrennbahn und präsentieren ihre Pferde den zahlreichen, fachkundigen Zuschauern. Polizeikommissar Thomas Huber gehört an Pfingsten auch zu den „Rossnarrischen“ und trifft sich mit seinen Freunden an der Rennbahn, um auf mögliche Sieger zu tippen. Nach den Pfingstrennen beenden zwei Ereignisse jäh die Festtagsstimmung des jungen Beamten. Zu seinem Bedauern zieht Mandy Hanke in sein Büro ein, eine vorlaute, aber unerfahrene Kollegin, die aus dem thüringischen Gera an die Rott gewechselt war. Außerdem wird ein Pferdetrainer tot aufgefunden. Dass Huber in dieser Situation gleich am ersten Tag eine gemeinsame Mordermittlung aufzunehmen hat, wird nicht die letzte unangenehme Überraschung für den arg gebeutelten Polizeibeamten sein.
Hans Weber, geboren 1961, und Armin Ruhland, geboren 1959, besuchten dieselbe Klasse am Gymnasium Dingolfing und waren eng befreundet. Nach dem gemeinsamen Abitur im Jahr 1980 trennten sich jedoch ihre Wege. Während Weber nach seinem BWL-Studium in verschiedenen Bereichen bei einem bayerischen Automobilhersteller lange Jahre nahe seiner Heimat beschäftigt war, zog es seinen Freund in die Ferne. Nach einem Kunstgeschichtsstudium belieferte Armin Ruhland vom spanischen Madrid aus wissenschaftliche Bibliotheken mit Fachliteratur. Nach knapp 40 Jahren kreuzten sich ihre Wege wieder und sie entdeckten ihre Liebe zum Schreiben von regionalen Krimigeschichten. Die beiden Autoren leben mit ihren Familien im Landkreis Dingolfing-Landau.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Christine Braun
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © gandolf / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6694-6
Eins
Pfingstsonntag
»Hoffentlich hält das Wetter bis Dienstag«, sagte Thomas Huber, der am Nachmittag des Pfingstsonntags vor dem Café »il2« in Pfarrkirchen mit seinem Freund Helmut Drexler den herrlichen Tag in der niederbayerischen Kreisstadt genoss. Von ihrem Platz aus hatten die beiden Freunde einen direkten Blick auf eines der Wahrzeichen der malerischen 12.000-Einwohner-Stadt: das »Wimmer-Ross«. Diese überlebensgroße Bronzeplastik thronte auf einem Backsteinsockel inmitten des Stadtplatzes, genau gegenüber dem Kult-Café. Einer der größten Söhne der Stadt, der Künstler und Bildhauer Hans Wimmer, schenkte das Kunstwerk Mitte der 1960er-Jahre seiner Heimatstadt Pfarrkirchen.
Thomas, dem das Wetter der kommenden zwei Tage besonders am Herzen lag, betrachtete die imposante Statue. »Weißt du, Helmut, dass die Bauern zwischen Rott und Inn die Bedeutung des Pferdes in einem besonderen Sprichwort zusammeng’fasst haben?«
Helmut folgte dem Blick seines Freundes zum Wimmer-Ross und schüttelte den Kopf.
»›Weibasteam is koa Vadeam, as Rossvaregga tuat den Bauern schregga!‹«
Helmut wandte sich wieder seinem Gegenüber zu. »Ich hab kein Wort verstanden.«
»Soweit kommt’s noch, dass wir für unsern eigenen Dialekt einen Dolmetscher brauchen«, erwiderte Thomas, zeigte sich jedoch gnädig und bot eine hochdeutsche Version an: »›Der Tod der Frau ist kein Verderben, stirbt aber das Pferd, trifft es den Bauern hart.‹«
Dem ungläubigen Staunen Helmuts war zu entnehmen, dass sich ihm der Sinn des Spruches immer noch nicht erschloss.
»Wenn die Frau eines Bauern g’storben ist, hat er sich einfach eine Neue g’sucht, und die hat vielleicht eine Mitgift mit’bracht und den Besitz vermehrt. Ist ein Pferd verend’t, drohten oft Schulden und Elend«, gab Thomas seine geschichtlichen Kenntnisse zum Besten.
Gerade in der Zeit, als Hans Wimmer sein Ross auf dem Pfarrkirchner Stadtplatz aufgestellt hatte, waren in den zahlreichen Bauernhöfen dieser Region die Pferde von den Traktoren verdrängt worden. Der Künstler wollte ein Zeichen setzen, damit die lange Tradition des Nutztieres nicht vergessen wird. Sogar eine eigene Rasse wurde im 19. Jahrhundert nach dieser Gegend benannt: das Rottaler Pferd. Heute ist dieses Warmblut, das sich als Reit- und Zugpferd eignet und dem ein ausgeglichener und gutmütiger Charakter nachgesagt wird, vom Aussterben bedroht. Das Rottaler Pferd wurde im Jahr 2000 sogar hochoffiziell zur »Gefährdeten Nutztierrasse des Jahres« erklärt. Vielleicht hat das Wimmer-Ross tatsächlich einige niederbayerische Rossnarrische motiviert, diese alte Pferderasse zu erhalten.
Es waren bestimmt auch Rossnarrische, die Ende des 19. Jahrhunderts die erste Trabrennbahn Bayerns in Pfarrkirchen erbaut haben. Mittlerweile ist das 1.000-Meter-Oval an der Rott das älteste in Bayern. Keine andere bayerische Rennbahn, die sich heute noch in Betrieb befindet, weist eine längere Historie auf. Allerdings beschränkt sich seit Jahrzehnten der Rennbetrieb im Gegensatz zu den anderen deutschen Trabrennbahnen ausschließlich auf Pfingstmontag und Pfingstdienstag. Diese beiden Tage gehören zweifelsohne zu den Jahreshöhepunkten im Rottal. Dann herrscht in Pfarrkirchen Ausnahmezustand. Die Hotels sind ausgebucht, am Pfingstdienstag haben die meisten Geschäfte nachmittags geschlossen und viele Menschen aus der Gegend freuen sich schon Wochen vorher auf dieses Spektakel, auf spannende Pferderennen und auf gesellige Stunden an der historischen Trabrennbahn.
Genau wie die beiden Freunde Thomas Huber und Helmut Drexler, die gemeinsam den Wettergott beschworen, denn auf der Pfarrkirchner Rennbahn gab es keine geschlossenen Tribünenhäuser. An der altehrwürdigen Bahn spielte sich fast alles unter freiem Himmel ab, weswegen freundliches Wetter ein wichtiger Erfolgsfaktor für diese Veranstaltung war.
Auf dem Tisch vor den Freunden im »il2« lag das Traberjournal, welches die beiden ausgiebig studierten. In dem Programmheft waren die Startpferde mit ihren Fahrern aufgeführt. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse ihrer letzten Starts dokumentiert und die Chancen für die Rennen beim Pfarrkirchner Pfingstmeeting bewertet.
»Hut ab, die Pfarrkirchner haben wieder ein ordentliches Programm auf d’Füß g’stellt. Für jeden Renntag zehn Rennen, das ist respektabel«, urteilte Helmut Drexler nach dem ersten flüchtigen Durchblättern des Rennprogramms. Der Bankangestellte verfolgte schon seit vielen Jahren die deutsche Traberszene, deshalb konnte er gut beurteilen, dass 20 Rennen mit durchschnittlich zehn Pferden pro Rennen ein großer Erfolg für den hiesigen Veranstalter waren. In der Regel sah sich Drexler die deutschen Trabrennen über den Livestream eines Wettanbieters an, doch hin und wieder fuhr er nach München-Daglfing oder nach Straubing zu den zwei verbliebenen bayerischen Trabrennbahnen.
»Warum werden die Startpferde im deutschen Trabrennsport immer weniger?«, hakte Thomas Huber nach, der sich nur zu Pfingsten in Pfarrkirchen zum Fan dieses Sports wandelte.
»Gute Frage. Meiner Einschätzung nach hängt das mit dem stetig steigenden Wettangebot im Internet zusammen. Früher hat ein Wetter entweder Toto g’spielt oder er ist auf eine Pferderennbahn ’gangen. Heute kannst du im Internet oder in den vielen Wettbüros auf sämtliche Sportarten in der ganzen Welt wetten«, erklärte sein Freund.
»Und was hat das mit den Startpferden auf der Trabrennbahn zu tun?« Thomas Huber hatte die Zusammenhänge noch nicht ganz verstanden.
»Wenn die Wettumsätze auf den Pferderennbahnen rückläufig sind, müssen automatisch auch die Rennpreise g’senkt werden. Das schreckt viele Pferdebesitzer ab und sie investieren ihr Geld lieber woanders. Deswegen haben einige Trabertrainer aufg’hört und diverse Rennbahnen ihre Pforten schließen müssen, wie die in Mühldorf und Pfaffenhofen«, ergänzte Helmut Drexler.
»Das leucht’ ein«, bestätigte der Teilzeit-Traberfan Thomas Huber, der sich sogleich Sorgen um die Traditionsveranstaltung in seiner Heimatstadt machte. »Was meinst’, bleibt Pfarrkirchen von dieser Entwicklung verschont?«
»Nicht ganz. Bei uns werden die Startpferde auch weniger, aber dank unserer zahlreichen Sponsoren können die Rennpreise hoch g’halten werden. Und die wiederum locken Trabrennpferde aus Westdeutschland, Österreich und sogar aus Tschechien an. Heuer kommen zum Beispiel Deutschlands Traberlegende Heinz Wewering und der aktuelle Champion der Republik, Michael Nimczyk, nach Pfarrkirchen zum Zuchtrennen.«
Zuerst begutachteten die beiden Mittdreißiger, die schon gemeinsam das örtliche Gymnasium besucht hatten, die Starter des »Bayerischen Zuchtrennens«. Dieses Rennen, das früher ausschließlich dreijährigen Pferden vorbehalten war, spricht seit dem Jahr 2010 die gesamte internationale Klasse aller Jahrgänge an. Der Name jedoch ist geblieben, und mit einer stattlichen Gesamtdotation von 20.000 Euro bildet es am Dienstag den Höhepunkt des Pfarrkirchner Pfingstmeetings.
»Wer ist denn dein Favorit im Zuchtrennen?«, fragte Thomas seinen Freund, von dem er wusste, dass er besonders in den letzten Wochen die Rennen auf Deutschlands Trabrennbahnen verfolgt hatte.
Helmut Drexler grübelte, aber wie es bei sogenannten Experten ist, vermied auch er eindeutige Aussagen. »Der Wewering und der Nimczyk haben schon sehr gute Pferde am Start. Da werden es die anderen ziemlich schwer haben«, orakelte der Traberinsider.
Thomas Huber, Beamter bei der Kriminalpolizei in Pfarrkirchen, gab sich, wie in seinem Beruf, mit vagen Antworten nicht zufrieden. »Und was ist mit den Pferden von unseren Rottaler Trabertrainern?«
»Dem Pangraz vom Schwarz Georg geb ich eine Chance, aber der Kilian vom Staudinger Sepp, der hat es richtig schwer.«
»Der Staudinger trainiert doch seine Pferde auf der Pfarrkirchner Bahn. Den seh ich ab und zu auf der Bahn, wenn ich beim Fußballspielen im Stadion bin.«
»Genau, der Sepp hat seine Vierbeiner im Rennbahnstall unterg’stellt und trainiert sie auf der Bahn.«
»Dann hat der quasi einen Heimvorteil?«
»Ja, das hat er schon, aber irgendwie ist beim Staudinger Sepp der Faden g’rissen. Der hat seit Wochen kein Rennen mehr g’wonnen.«
»Und der Schwarz, wo trainiert der seine Pferde?«
»Der hat einen Bauernhof in der Nähe von Eggenfelden gepachtet und trainiert auch dort.«
»Und du meinst, der Pangraz hat wirklich eine Siegchance im Zuchtrennen?«
»Der Pangraz ist ein sehr gutes, trabsicheres Pferd, und sein Trainer und Fahrer ist gut in Form, aber die Pferde vom Wewering und vom Nimczyk sind noch eine Klasse besser. Wir müssen die Rösser beim Aufwärmen beobachten, dann wissen wir mehr«, schlug Helmut Drexler vor, den schon seit einer Weile eine ganz andere Frage beschäftigte. Es ging um Thomas’ Frau Marion. Sie war letztes Jahr am Pfingstdienstag zum ersten Mal auf der Rennbahn dabei gewesen und hatte die übliche, immer sehr gemütliche Runde gehörig aus dem Tritt gebracht. Man könnte auch sagen, dass sie die Partycrasherin war. Bereits nach dem dritten Rennen hielt sie es vor Langeweile nicht mehr aus und wollte samt ihrem Gatten, der sich wie jedes Jahr zusammen mit seinen Freunden im Wettfieber befand, nach Hause gehen. Ständig musste sich die Runde Kommentare anhören, dass sie beim Wetten das ganze Geld zum Fenster rausschmeißen würden und sie doch besser in ihre Ehefrauen investieren sollten. Der Höhepunkt war erreicht, als sie sagte, dass sie die Trabrennen als reine Tierquälerei betrachte, und das ganze wettende Publikum schaue dabei zu und unterstütze diese »Schweinerei«. Die Stimmung am Tisch sank, im Gegensatz zu den anderen Jahren, in den Keller. Auch im Hause der Eheleute Huber hatte sich die Stimmung noch einige Tage nach dem letztjährigen Pfingstfest in Grenzen gehalten, bis sich das Eheleben schließlich wieder normalisiert hatte.
Helmut Drexler zögerte lange, aber dann traute er sich zu fragen: »Kommt eigentlich deine Marion auch wieder mit auf die Rennbahn?«
Thomas Huber verdrehte die Augen. »Nein, das tu ich mir heuer nicht mehr an. Die Marion ist gestern mit einer Schulfreundin zum Wellnessen nach Bad Griesbach ins Hotel Maximilian g’fahren. Wir können also störungsfrei die Rennen genießen. Sie kommt erst am Mittwoch zurück.«
Der Junggeselle Helmut Drexler atmete, ohne es seinem Gegenüber zu zeigen, erleichtert auf. Weil er diese Geschichte vom letzten Jahr nicht weiter vertiefen wollte, wechselte er sofort das Thema. »Sag mal, Thomas, wer von den Kumpeln ist morgen alles dabei?«
»Ich hoffe, dass die ganze Gruppe kommt, genauso wie im Vorjahr. Bei mir hat sich noch keiner abg’meldet, mit Ausnahme der Marion natürlich«, antwortete Thomas, dem bei seinem letzten Satz eine gewisse Erleichterung anzumerken war. Die beiden Pfingsttage wurden von den ehemaligen Schulkameraden als eine Art Klassentreffen genutzt. Viele der früheren Schüler ihres Abiturjahrgangs, die es mittlerweile beruflich in die Fremde gezogen hatte, kamen an diesen Tagen in ihre Heimatstadt zurück, um die beiden Renntage an der Rott zu genießen.
Als Thomas Huber am späten Nachmittag heimkam, begrüßte ihn niemand in seinem Haus in der Stifterstraße des Stadtteils Galgenberg in Pfarrkirchen. Häufiger als er war seine Frau alleine daheim und wartete auf ihn. Denn Thomas hatte immer wieder auch am Abend dienstliche Einsätze bei der Polizei. Marion dagegen arbeitete zu festen Zeiten als Arzthelferin in einer Praxis in ihrer ehemaligen Heimatstadt Eggenfelden. Wenn er nicht zum Dienst musste, fehlte Thomas bei keiner Spielübertragung seines Lieblingsclubs, dem FC Bayern München, die im Vereinslokal des TUS Pfarrkirchen gezeigt wurde. Außerdem verbrachte er nahezu jeden Dienstagabend beim Fußballtraining. Egal wann er nach Hause kam, immer wartete seine Frau auf ihn.
Nicht so an diesem herrlichen Frühsommerabend. Marion war seit gestern in diesem Wellness-Hotel, und er genoss die kurze Zeit der wiedergewonnenen Freiheit. Da es noch nicht allzu spät und der Sonnenuntergang noch ein paar Stunden entfernt war, setzte er sich auf sein Motorrad, eine weißblaue BMW R 1150 GS. Er überlegte kurz, ob er seine Frau im nahen Bad Griesbach besuchen sollte, doch er verwarf den Gedanken wieder, da er den Mädelsabend nicht stören wollte. Weil er noch nicht gegessen hatte, zog er es vor, in den herrlichen Biergarten des »Brunner-Bräus« in Spanberg bei Eggenfelden zu fahren.
Er nahm nicht den Weg über die viel befahrene B388, sondern die Nebenstraße über Postmünster entlang des Rottauensees nach Hebertsfelden, überquerte den Stadtplatz Eggenfeldens, bis er wenige Kilometer später am Weiler Spanberg unweit des Eggenfeldener Flughafens ankam. Wenn er mit dem Motorrad unterwegs war, trank er grundsätzlich keinen Alkohol, obwohl ihm das süffige Brunner-Bier heute sehr geschmeckt hätte.
Im Biergarten des Brauerei-Gasthofs bestellte er sich ein Wasser und ein Schnitzel mit Kartoffelsalat, auf das er sich schon während der Fahrt gefreut hatte. Thomas genoss das deftige Schnitzel, das die Wirtin genau wie seine Oma noch in der Pfanne gebraten hatte, und freute sich seines Lebens, insbesondere auf die beiden Tage auf der Pfarrkirchner Rennbahn.
Zwei
Pfingstmontag
Wie jeden Tag fuhr der Trabertrainer Sepp Staudinger, ein attraktiver Mann Mitte 40, mit seinem Auto um 5.30 Uhr früh durch die leeren Straßen seiner Heimatstadt Pfarrkirchen. Seit zehn Jahren hatte er direkt neben der Rennbahn einen Stall für die ihm anvertrauten Rennpferde gepachtet. Doch heute war kein normaler Arbeitstag. Der Pfingstmontag war der erste Tag des Pfarrkirchner Trabermeetings. Er war nervöser als sonst, als er den Torbogen des Rennbahngeländes durchquerte.
Einige seiner auswärtigen Kollegen, besser gesagt Konkurrenten, waren augenscheinlich mit ihren Pferden schon vor Ort, viele Pferdeanhänger und -transporter standen am Rennbahngelände. Staudinger freute sich einerseits, dass er heute nicht mit den Pferden zu den auswärtigen Bahnen fahren musste – er nahm sogar Wege bis nach Berlin-Mariendorf in Kauf –, andererseits musste er dadurch auf einen ruhigen Morgen verzichten. Er liebte die frühen Stunden, in denen er normalerweise mit seinen Tieren alleine war.
Was soll’s, dachte er. Am Dienstagabend, nach dem letzten Rennen, werden alle wieder abreisen und am Mittwoch geht alles seinen gewohnten Gang. Dafür hatte er heute und morgen ein Heimspiel. Heute und morgen konnte er zum local hero oder zum local loser werden.
Er bog rechts ab und fuhr an den hölzernen Stallungen und den Paddocks vorbei ganz nach hinten zu seinem Stall. Staudinger stieg aus und sperrte die Stalltür auf. Wie jeden Tag warteten seine Vierbeiner schon ungeduldig auf ihn. Oder doch eher auf ihr Frühstück? Sie wieherten und scharrten mit den Hufen, als er den Stall betrat. Als Erstes fütterte der erfahrene Trainer seine Pferde, bevor er sich selbst zum Frühstücken in sein Traberstüberl begab. Dieses war lediglich mit einer alten einfachen Küchenzeile, einem kleinen Kühlschrank, einem Schrank und einem Tisch mit vier hölzernen Stühlen ausgestattet. In diesem spartanisch eingerichteten Raum hingen einige Fotos von ihm und seinen ehemaligen Erfolgspferden, mit denen er als Sieger die Ziellinie auf den verschiedenen Rennbahnen der Republik überquert hatte.
Er ging zum Tisch, nahm ein Küchenmesser aus der Schublade, wickelte das Brot aus der Plastiktüte und schnitt sich zwei dicke Scheiben davon ab. Dann holte er Butter und Marmelade aus dem Kühlschrank und schmierte seine Frühstücksbrötchen, wie er es jeden Tag machte. Dazu trank er seinen Kaffee aus der Thermoskanne, die er von zu Hause mitgebracht hatte.
Nachdem sowohl seine Tiere als auch er gefrühstückt hatten, ging er zurück in den Stall und führte die Pferde, die heute nicht starteten, auf die nahe liegenden Koppeln. Ein BMW X5, der flott auf den Stall zufuhr, störte sein morgendliches Ritual. Er erkannte den Fahrer sofort, wunderte sich aber, da der bisher noch nie zu so früher Stunde am Stallgelände aufgetaucht war.
Der 48-jährige Landwirt und Pferdebesitzer Manfred Dietl stieg aus seiner Nobelkarosse aus, ging zur Koppel und begrüßte den Trainer seiner beiden Trabrennpferde. »Guten Morgen, Sepp. Gell, da schaust, dass ich heut schon so früh da bin.«
»Hast nimmer schlafen können?«, fragte der verdutzte Staudinger zurück.
»Ja, da ist was Wahres dran. Ich hab ’träumt, dass ich heut g’winn«, antwortete Dietl, der am Nachmittag mit seinem Pferd Dark Fighter für den Eurocup der Amateure gemeldet war.
Dieser Eurocup, an dem ausschließlich Hobbyfahrer wie Manfred Dietl teilnahmeberechtigt waren, galt als Höhepunkt des Trabermeetings am Pfingstmontag. In drei Vorläufen qualifizierten sich die ersten drei für das Finale, das mit stattlichen 10.000 Euro dotiert war.
»Ich glaub schon, dass du mit dem Darkie eine gute Chance hast, Manfred«, motivierte Sepp den Hobbyfahrer.
»Glaubst wirklich, Sepp?« Manfred Dietl schaute seinen Trainer skeptisch an.
»Ja. Ich habe ihn am Freitag noch schnell g’fahren. Da hat er mir einen sehr guten Eindruck g’macht.«
»Das freut mich. Was hältst du davon, wenn ich ihn jetzt ein bisserl einspann und ein paar langsame Runden auf der Bahn drehe?«
»Das ist eine gute Idee. Du bist ihn ja schon länger nicht mehr g’fahren. Aber bitte, wirklich nur langsam. Der braucht heut Nachmittag seine ganze Kraft.«
»Logisch. Kannst du ihn mir herrichten?«
»Mach ich. Komm doch mit«, schlug Sepp Staudinger vor.
Der Trainer führte den hübschen Rappwallach, den Manfred Dietl vor ungefähr einem Jahr gekauft hatte, aus seiner Box und band ihn in der Stallgasse an. Nachdem er ihn mit einer Bürste geputzt hatte, legte er ihm das Geschirr an.
Währenddessen öffnete sich die Stalltür. Staudingers junge Mitarbeiterin Kerstin Schmid betrat den Stall und begrüßte die beiden. »Guten Morgen zusammen. Mit dir, Manfred, habe ich um diese Zeit nicht g’rechnet.«
»Mit mir musst du immer rechnen, Kerstin«, flachste der Angesprochene.
»Der Manfred will ein paar langsame Runden mit dem Darkie drehen«, erklärte der Trainer.
»Das kann nicht schaden«, stimmte die Pferdepflegerin zu.
»Und du, Kerstin, kannst schon mal mit dem Ausmisten anfangen«, bestimmte der Chef.
Nachdem das Geschirr und die Zügel angelegt und der Joggingwagen befestigt waren, führte Sepp Staudinger den Traber aus dem Stall. Draußen setzte sich Manfred Dietl auf das Gefährt, und der Trainer begleitete seinen Schützling zur nahen Rennbahn. Staudinger beobachtete die beiden von der Bande aus und hoffte, dass der Hobbyfahrer nicht zu schnell um die Bahn fuhr.
»Und, Sepp, was meinst’, hat der Manfred heute Nachmittag eine Chance?«
Sepp erschrak, als er die Stimme seiner Frau hörte. Seine Monika, die in der Pfarrkirchner Innenstadt eine Modeboutique betrieb, interessierte sich normalerweise nicht für den Trabrennsport. Der Arbeitsplatz ihres Mannes war ihr eigentlich fremd. Lediglich an den beiden Renntagen an der Rott war sie zugegen und hielt ihrem Mann die Daumen. Deshalb kannte sie den Pferdebesitzer und Amateurfahrer Manfred Dietl, denn dieser ließ seine Rennpferde bereits seit acht Jahren von ihrem Mann trainieren.
»Was machst du heut Vormittag schon da?«, fragte der irritierte Ehemann.
»Ich dachte, ich bring euch eine kleine Stärkung vorbei.« Monika zeigte auf eine Papiertasche mit leckeren Erdbeerschnitten, die sie in einer Bäckerei gekauft hatte.
»Das ist tatsächlich eine Überraschung«, wunderte sich Staudinger.
»Und, hat er eine Chance heute?«, hakte Monika nochmals nach.
»Sein Vorlauf ist nicht leicht, aber der Darkie ist gut drauf. Wenn der Manfred seine Nerven im Griff hat, kann er sich eine Siegchance ausrechnen«, hoffte der Trabertrainer.
Wenig später hatte Manfred Dietl seine morgendliche Trainingseinheit beendet und verließ die Bahn. An der Ausfahrt übernahm Staudinger das Pferd.
»Grüß dich, Monika, du hier? Hat dich der Bettzipfel so früh ausg’lassen?«, flachste Dietl mit der Ehefrau des Trainers.
»Servus, Manfred. Ich hab uns was Süßes mit’bracht«, entgegnete Monika.
»Ich bring noch schnell den Darkie in den Stall und dann essen wir den Kuchen im Traberstüberl. Ihr könnt schon mal vorgeh’n«, schlug Sepp vor. Der morgendliche Trubel war ihm trotzdem nicht ganz geheuer.
Im Traberstüberl hatten Monika und Manfred bereits den Kaffee aufgesetzt und die Kuchenteller auf den Tisch gestellt, als Sepp eintrat.
»Was hast für einen Eindruck g’habt vom Darkie?«, wollte der Trainer von seinem Amateurfahrer wissen.
»Der war ganz entspannt. Wie soll ich ihn heute fahren?«, erkundigte sich der Hobbyfahrer bei dem Profi.
»Ich würd ihn ruhig eintreten lassen, mir eine gute Lage suchen und dann zum richtigen Zeitpunkt losfahren. Aber nicht zu früh«, schlug Staudinger vor.
»Das ist alles leichter g’sagt als ’tan. Hoffentlich blamier ich mich heut nicht. Ich hab nämlich viele meiner Geschäftsfreunde auf die Bahn eing’laden«, entgegnete Dietl.
»Das schaffst du schon, Manfred. Ich drück dir auf jeden Fall die Daumen«, munterte Monika ihn auf.
Sepp war über die plötzliche Rennbegeisterung seiner Frau mehr als erstaunt.
Drei
Alles war bereit für einen spannenden Nachmittag auf Bayerns ältester Trabrennbahn. Die bayerische und die deutsche Fahne sowie Fahnen vieler Sponsoren waren gehisst. Die Tribünen und die aufgestellten Biertischgarnituren neben der Zielgeraden waren schnell besetzt. Viele Besucher kamen mit Campingstühlen und suchten sich ein schattiges Plätzchen am Schlussbogen neben der Bande. Die Bahn war von den Verantwortlichen des Rennvereins wieder hervorragend präpariert worden. Das Personal in den Verpflegungszelten und Wettbuden wartete bereits auf Kundschaft und auch das Wetter spielte mit. Im Innern der Bahn platzierten die Mitarbeiter eines hiesigen Autohauses, die diese Plattform gerne als Werbung für sich nutzten, ihre Nobelkarossen. Der »Verein für Traber- und Warmblutzucht im Rottal« hatte alles bestens organisiert und keine Mühe gescheut, seinen Gästen einen unvergesslichen Nachmittag zu bereiten. Als Bahnsprecher verpflichteten die Verantwortlichen den bekannten Sportkommentator Hartwig Thöne, der vielen Besuchern als Moderator des Senders »Sport1« bekannt war. Thöne galt nicht nur als Fußballfachmann, sondern auch als ausgewiesener Trabrenn-Experte, der die Highlights des Trabrennsports auf nahezu allen deutschen Rennbahnen kompetent und emotional zugleich kommentierte.
Wie jedes Jahr war der Tisch mit der Nummer 25 auf der altehrwürdigen Holztribüne, die Anfang des 20. Jahrhunderts von den damaligen Rossnarrischen im Jugendstil errichtet worden war, auf den Namen Thomas Huber reserviert. Von dort hatte man einen herrlichen Überblick über das 1.000-Meter-Oval und das zweite Wahrzeichen Pfarrkirchens, die Wallfahrtskirche Gartlberg, die hoch über der Stadt thronte. Letztere interessierte die ehemaligen Schüler des Pfarrkirchner Gymnasiums an diesem Tag allerdings wenig.
Schon eine halbe Stunde vor Rennbeginn war die Runde der Freunde komplett. Neben Thomas Huber und Helmut Drexler fanden sich wie immer Berni Ebner, Karl Denk und Florian Sattler zum Wetten ein. Erstmals ergänzte Rudi Kellner die Runde, den Helmut Drexler gestern Abend zufällig getroffen und ihn bei dieser Gelegenheit zum Mitwetten überredet hatte.
»Ich hab überhaupt keine Ahnung von Pferden und genauso wenig vom Wetten«, stellte Kellner gleich zu Beginn klar.
»Das macht nichts. Hauptsach, du hast a Geld dabei«, kommentierte Thomas Huber augenzwinkernd. Schnell einigten sich die Schulfreunde, dass jeder vorerst 20 Euro in einen gemeinsamen Wettpott einzahlte, den Banker Helmut Drexler verwaltete. Insgesamt hatte das Sextett so ein Startbudget von 120 Euro, von dem bei den einzelnen Rennen ein bestimmter Betrag gesetzt werden sollte. Anschließend holten sich die Männer jeweils eine Radlermaß. Ein Grund zum Anstoßen fand sich immer.
»Welche Wettarten gibt’s eigentlich?«, wollte der Wettnovize Rudi Kellner wissen, bevor er seine 20 Euro lockermachte.
»Grundsätzlich gibt es Sieg- und Platzwetten sowie die eher schwierig zu treffenden Zweier- und Dreierwetten. Bei der Siegwette musst du den Sieger des Rennens vorhersagen, bei der Platzwette muss dein gewettetes Pferd unter die ersten drei kommen, wobei sich die Gewinne bei dieser Wettart logischerweise sehr in Grenzen halten. Und bei der Zweier- und Dreierwette musst du die ersten zwei beziehungsweise die ersten drei in der richtigen Reihenfolge vorhersagen«, erklärte der Experte Helmut Drexler.
»Ich denk, wir sollten beim ersten Rennen mit einer Siegwette anfangen«, schlug Thomas Huber vor.
Das erste Rennen war gleichzeitig der erste Vorlauf zum Eurocup der Amateure, der mit acht Pferden besetzt war.
»Was haltet ihr von Dark Fighter, der mit der Nummer fünf?«, fragte Berni Ebner in die Runde, nachdem er sich im Traberjournal über die Starter informiert hatte.
»Der Dark Fighter ist eigentlich ein ganz gutes Pferd, aber der Gegner sitzt im Sulky«, mutmaßte Drexler.
»Was heißt denn das schon wieder?«, fragte Rudi Kellner ungeduldig nach.
»Das heißt, dass der Fahrer des Pferdes, Manfred Dietl, nicht der Geschickteste an der Fahrleine ist«, erklärte Drexler.
»Aber vielleicht hat er ja mal eine Sternstunde, der Manfred«, hoffte Florian Sattler.
»Kennst du den Dietl?«, wollte Berni Ebner wissen.
»Ja, klar kenn ich den Manfred. Der wohnt in Pflanzenöd, ungefähr zwei Kilometer von mir entfernt. Der ist auch bei der Schönauer Feuerwehr, genau wie ich. Mittlerweile ist der Manfred einer der größten Eierproduzenten in der Region«, erklärte Sattler, der aus Schönau kam, ungefähr zehn Kilometer nördlich der Rottaler Hauptstadt.
»Wie viele Hühner muss man denn haben, um zu den größten Eierproduzenten zu gehören?«, fragte Ebner neugierig nach.
»Das kann ich gar nicht genau sagen. Es sind bestimmt einige Tausend, und alle in Boden- und Freilandhaltung. Der liefert seine Eier in ganz Süddeutschland aus«, entgegnete Sattler.
»Das ist ja schön und gut, aber hilft uns nicht bei der Frage, auf wen wir setzen sollen«, unterbrach der Polizeibeamte Thomas Huber den landwirtschaftlichen Exkurs.
»Hast du den Dietl vielleicht g’fragt, wie er seine Chancen einschätzt?«, wollte Karl Denk von seinem ehemaligen Schulfreund Florian wissen.
»Ja, letzte Woche hab ich ihn in Schönau beim Einkaufen ’troffen und da hab ich mit ihm g’redet«, antwortete Sattler.
»Mach’s nicht so spannend. Was hat er g’meint?« Thomas Huber wurde langsam ungeduldig.
»Er will auf Sieg fahren, hat er g’sagt«, bestätigte Sattler.
»Das wollen s’ alle«, bemerkte Helmut Drexler abwertend.
»Trotzdem sollten wir schon rein aus patriotischen Gründen auf das Pferd des Pflanzenöders setzen«, fasste Thomas Huber die Diskussion zusammen. Die Tippgemeinschaft war einverstanden. Helmut Drexler füllte den Wettschein aus und bezahlte die Wette mit zehn Euro im nahen Wetthäusl.
Wenig später trabten die acht Pferde hinter dem Startauto her. Vor ihnen lagen genau 2.100 Meter, was 100 Meter mehr als zwei Bahnrunden bedeutete. Die Zuschauer erhoben sich und beobachteten den Start. Alle Pferde traten glatt ein und liefen in der vorgeschriebenen Gangart, nämlich im Trab. Manfred Dietl ließ sein Pferd ruhig eintreten und reihte sich am Schluss des Feldes in zweiter Spur ein. Das Achter-Feld positionierte sich in vier Zweierreihen.
Bereits nach einer halben Runde steuerte Manfred Dietl, der von den zahlreichen einheimischen Zuschauern angefeuert wurde, sein Pferd nach außen in die dritte Spur und griff an.
»Was macht der denn jetzt? Das ist doch viel zu früh«, kommentierte Helmut Drexler die Aktion des Fahrers.
Die innen trabenden Pferde reagierten auf den Angriff des Pflanzenöders und zogen ihrerseits das Tempo an, wodurch Dark Fighter in der dritten Spur hängen blieb.
»Unseren ersten Zehner können wir abschreiben«, befürchtete auch Thomas Huber, dem klar war, dass das Pferd durch die weiten Wege in der dritten Spur nicht mehr gewinnen konnte.
So kam es auch. Dark Fighter musste dem aufwendigen Rennverlauf, den ihm sein Fahrer beschert hatte, Tribut zollen. Bereits im letzten Bogen zogen die inneren Pferde an dem müden Dark Fighter vorbei. Auf der Zielgeraden brach das Pferd völlig ein, und Manfred Dietl kam nahezu im Schritttempo unter dem Gelächter vieler Zuschauer als Letzter an.
»Ich hab doch gleich g’sagt, dass der Dietl kein Talent für den Sport hat. Der kann bestimmt gut Eier verkaufen, aber von Trabrennen hat der keine Ahnung. Wenn er angreift, muss er schnell nach vorne fahren oder mit seinem Speed bis zum Einlauf warten«, schimpfte Helmut Drexler.
»Da wird der Manfred keine gute Nacht haben. Der ist immer so schnell in seiner Eitelkeit ’kränkt«, ergänzte der Feuerwehrkamerad Florian Sattler.
In diesem Moment trat Hans Baumgartner, der langjährige und mittlerweile pensionierte Kollege des Polizeibeamten Thomas Huber, an den Tisch der enttäuschten Wettgemeinschaft. Mit seinen 63 Jahren machte der Brillenträger, trotz seiner angegrauten Haare, noch einen sehr sportlichen Eindruck.
»Servus, Hans. Hast einen Tipp für uns? Unser Pferd ist grad Letzter ’worden.«
»Grüß dich, Thomas, ja, auf den Dietl Manfred kannst ned wetten. Das hätt ich euch vorher sagen können«, antwortete der ehemalige Polizist und Rottaler Traberexperte.
»Das hab ich ihnen auch g’sagt, aber auf mich haben s’ ned g’hört«, frotzelte Helmut Drexler, der immer noch ein wenig sauer war.
»Und? Hast einen Tipp?«, hakte Thomas Huber nach.
»Wenn’s normal läuft, kann im nächsten Rennen der Biendl Gerd mit der Lovely Queen nicht verlieren«, mutmaßte Baumgartner.
»Und was ist mit dem Hengst vom Staudinger Sepp?«, fragte Thomas Huber.
»Der Staudinger Sepp hat zurzeit absolut keinen Lauf«, antwortete Hans Baumgartner und ging zurück zu seinem Platz.
»Wenn’s normal läuft. Wenn ich das schon hör«, grantelte der Neuwetter Rudi Kellner.
»Beim Trabrennen gibt’s keine Vollkasko-Versicherung. Da kann immer was passieren«, stellte Thomas Huber klar.
»Also gut, dann wetten wir auf die Lovely Queen, aber da werden wir nicht die Einzigen sein«, fasste Helmut Drexler die Diskussion nüchtern zusammen. Diesmal war die Wettgemeinschaft etwas mutiger und investierte gleich 20 Euro aus ihrem gemeinsamen Wettpott auf das Pferd des vielfachen bayerischen Champions Gerd Biendl.
Gleich nach dem Start ging Lovely Queen an die Spitze und führte das Feld bis zum Schlussbogen an. Auf der Zielgeraden sprangen die sechs Freunde auf und feuerten ihr Pferd lautstark an. Die Stute zeigte ihre Klasse. Sie löste sich auf der Zielgeraden vom Feld und gewann überlegen mit fünf Längen Vorsprung. Die Runde freute sich über ihren ersten Wettgewinn und klatschte sich gegenseitig ab.
»Ich hab’s g’wusst, auf die Tipps vom Baumgartner Hans kannst du dich verlassen.« Thomas Huber fühlte sich bestätigt.
Den Freunden war allerdings noch unklar, wie hoch der Wettgewinn ausfallen würde, da die aufgestellten Bildschirme mit den Eventualquoten von ihrem Platz aus nicht einsehbar waren. Als sie vom Bahnsprecher Hartwig Thöne erfuhren, dass die Siegquote von Lovely Queen lediglich 14 zu 10 betrug, war der Wettgemeinschaft die Ernüchterung an ihren langen Gesichtern anzusehen. Das bedeutete, dass sie für ihre eingesetzten 20 Euro trotz Sieg lediglich 28 Euro ausbezahlt bekamen.
Rudi Kellner brachte es auf den Punkt: »Das heißt, wir haben einen Reingewinn von acht Euro. Pro Mann entspricht das genau einem Euro und 33 Cent. Da werden wir nicht reich.«
Ein älterer Mann vom Nebentisch drehte sich um. »Jo, jo, auf der Rennbahn kann man scho a kloans Vermögen machen, du musst vorher aber ein großes g’habt haben!« Der Mann grinste schelmisch.
Die sechs Mitdreißiger mussten kurz überlegen, dann schmunzelten auch sie. Die Aussage des Nachbarn bremste jedoch nicht ihre Wettleidenschaft, im Gegenteil.
»Ich denk, wir sollten das Risiko erhöhen und die Dreierwette spielen«, schlug Thomas Huber vor.
Die Wettgemeinschaft war mit dem Vorschlag einverstanden. Von nun an übernahm der vermeintliche Experte Helmut Drexler den Vorsitz der Runde. Er beobachtete die Pferde beim Warmlaufen und machte sich Notizen in sein Traberjournal. Kurz vor den jeweiligen Rennen füllte er den Wettschein für die Dreierwetten aus. Die anderen Mitglieder der Wettgemeinschaft mussten nur seinen Vorschlägen zustimmen, was sie auch taten.
Leider stimmte das theoretische Wissen Drexlers mit dem praktischen Geschehen auf dem Renngeläuf häufig nicht überein. Einmal wechselte ein gewettetes Pferd auf der Zielgeraden in den Galopp und wurde disqualifiziert. Ein anderes Mal gewann ein Außenseiter, der nicht auf dem Wettschein der sechs Freunde stand.
Nachdem sich der eingesetzte Wettpott mittlerweile nahezu halbiert hatte, konnte sich Karl Denk eine kleine Spitze in Richtung Thomas Huber nicht verkneifen. »Gut, dass heuer deine Marion ned dabei ist, sonst hätten wir uns wieder was anhören dürfen.«
»Das Kapitel Rennbahn ist für die Marion beendet. Die habe ich für ein paar Tage nach Griesbach zum Wellnessen g’schickt«, rechtfertigte sich Huber.
»Eine gute Idee«, kommentierte Berni Ebner lachend.
Da es auch in den nächsten Rennen für die fidele Runde nichts zu ernten gab, hatte Rudi Kellner einen Vorschlag. »Du, Thomas, geh doch mal zu deinem Ex-Kollegen und frag ihn, ob er noch einen Tipp für uns hätte, weil so kommen wir ned weiter.«
»Ja gut, ich geh ihn fragen, schlechter als die Tipps vom Helmut können seine kaum sein«, frotzelte Thomas.
»Was kann ich dafür, wenn die Pferde ned so laufen, wie ich mir das vorstell? Außerdem könnt ihr es auch ned besser. Ich sag nur Manfred Dietl«, flachste Helmut.
Wenig später kam Thomas zurück und brachte einen ausgefüllten Wettschein mit. »Der Hans hat g’meint, im nächsten Rennen hat der Antonio vom Schwarz Georg eine Riesenchance. Das ist ein Außenseiter und zahlt am Toto bestimmt dreistellig. Den spielen wir für 20 Euro auf Sieg. Was meint ihr?«
»Okay, das riskieren wir. Ist eh schon wurscht«, stimmte ihm Karl Denk zu.
»In der Tasche wird’s nicht mehr«, ergänzte Rudi Kellner.
Das Rennen entwickelte sich anfangs ebenfalls nicht zum Geschmack der Pfarrkirchner Wettrunde. Antonio lag hinter dem Führenden in der Innenspur und hatte während der zwei Runden keine Möglichkeit zum Überholen, da neben ihm ein anderes Pferd trabte, das ihm den Weg versperrte. Zu Beginn der Zielgeraden ließ jedoch das außen trabende Pferd nach, fiel zurück, und der Weg war frei für Antonio. Sein Fahrer Georg Schwarz erkannte sofort die Situation und steuerte den auf der Innenspur geschonten Hengst nach außen. Dann lief er locker unter dem Applaus des Pfarrkirchner Publikums und ganz besonders unter dem Jubel der Wettgemeinschaft an Tisch 25 an dem führenden Gespann vorbei und siegte mit großem Vorsprung.
»Ist das geil. Ich hätt ned ’glaubt, dass der Antonio noch rauskommt«, freute sich Thomas Huber.
»Ich wär nie auf den Antonio ’kommen«, gab Helmut Drexler unumwunden zu.
Die Freunde klatschten sich ab, prosteten sich freudestrahlend zu und tranken auf Hans Baumgartner, der ihnen den Tipp gegeben hatte.
Gespannt wartete das Sextett auf die Stimme Hartwig Thönes, die den endgültigen Einlauf und die Quoten bekannt gab. »Yes«, schrien sie vereint und machten die »Beckerfaust«. Für Antonio gab es eine Quote von 120 Euro für zehn Euro Einsatz auf Sieg. Das hieß, es gab eine Auszahlung von 240 Euro für die Wettgemeinschaft an Tisch Nummer 25.
»Das ist eine andere Hausnummer«, merkte Rudi Kellner betont nüchtern an.
»Jetzt müssen wir uns aber beim Baumgartner Hans bedanken«, forderte Florian Sattler.
»Ich bring ihm gleich eine frische Radlermaß vorbei«, schlug Thomas Huber vor.
»Bring ihm auch eine Leberkässemmel mit. Den müssen wir uns warm halten. Den Ex-Bullen können wir morgen auch wieder gut gebrauchen«, ergänzte Karl Denk nicht ohne Hintergedanken.
Zum Ende der Veranstaltung holten sich die zufriedenen Wetter eine Stärkung in den Verpflegungszelten der Pfarrkirchner Rennbahngastronomie. Mit Leberkäs-, Würstl- und Schnitzelsemmeln war das kulinarische Angebot wie jedes Jahr recht überschaubar.
Letztlich konnten die sechs Freunde den Renntag als Erfolg verbuchen. Ihren Einsatz von 20 Euro pro Person hatten sie mehr als verdoppelt. »Keine Bank dieser Welt zahlt höhere Zinsen als hier auf der Rennbahn, gell, Helmut«, scherzte Berni Ebner in Richtung seines Freundes Helmut Drexler, der bekanntlich bei einer Bank beschäftigt war. In der Hoffnung, dass es morgen am Pfingstdienstag, am Tag des Bayerischen Zuchtrennens, mindestens genauso gut lief, verabschiedete sich die gesellige Runde gegen 19 Uhr und freute sich auf den nächsten Tag.
Vier
Dienstag
Der Wettergott war erneut auf der Seite der Traber. Das Thermometer zeigte um die 25 Grad an, und die Sonne strahlte durch die wenigen Wolken am Himmel. Am Rottaler Nationalfeiertag, dem Pfingstdienstag, strömten noch mehr Zuschauer auf das Renngelände als am Montag. Die Bedeutung der Veranstaltung unterstrich die Präsenz des Bayerischen Rundfunks. Reporter Harald Mitterer interviewte sowohl einige Fahrer als auch den ein oder anderen Ehrengast und berichtete später in der Abendschau über das Bayerische Zuchtrennen. Natürlich war auch die regionale Polit-Prominenz vertreten, die von Hartwig Thöne namentlich begrüßt wurde. Die Politiker sollten später die Siegerehrung beim Bayerischen Zuchtrennen durchführen.
Die Männer am Tisch mit der Nummer 25 waren schon wie am Vortag eine halbe Stunde vor Rennbeginn vollzählig vereint, um die Pferde beim Aufwärmen zu beobachten. Besonders Helmut Drexler gab sein Fernglas nicht mehr aus der Hand und verfolgte genau, ob ein Pferd beim Warmlaufen galoppierte oder ob es mit gespitzten Ohren spritzig und voller Tatendrang seine Runden drehte. Gleichzeitig und ohne den Feldstecher abzusetzen, machte er sich Notizen in sein Traberjournal. Die anderen fragten sich, ob er dieses unleserliche Gekritzel später noch entziffern konnte – sie jedenfalls konnten es nicht. Wie am Vortag hatte jeder der sechs Freunde wieder einen 20-Euro-Schein in den Wettpott eingezahlt. Alles versprach einen erneuten spannenden und geselligen Nachmittag. Eine Sorge hatte das Sextett jedoch: Sie hatten ihre »Wett-Vollkasko-Versicherung« vom Vortag mit Namen Hans Baumgartner noch nicht gesichtet. Das erste Rennen begann in wenigen Minuten und war mit einem Gewinnspiel des örtlichen Möbelhauses WEKO gekoppelt. An diesem Gewinnspiel konnten alle Besucher teilnehmen, die bei der Siegwette mit mindestens fünf Euro Einsatz erfolgreich waren. Gegen Ende des Renntages wurden zehn Gewinner gezogen, von denen jeder einen Einkaufsgutschein über 50 Euro vom Möbelhaus erhalten würde.
»Zum Warmwerden könnte sich jeder von uns für eine Siegwette um fünf Euro ein Pferd aussuchen, damit wenigstens einer am Gewinnspiel teilnehmen kann«, schlug Helmut Drexler vor. Nach einer kurzen Diskussion hatte jeder sein Pferd gefunden. Drexler füllte für jedes der sechs Pferde einen eigenen Wettschein aus und bezahlte insgesamt 30 Euro im Wetthäusl.
Das erste Rennen begann. Die ehemaligen Abiturienten des Pfarrkirchner Gymnasiums feuerten ihre gewetteten Pferde an. Als Erster lief zur Freude des Wettnovizen Rudi Kellner sein Pferd durchs Ziel.
»Die dümmsten Bauern haben immer die dicksten Kartoffeln«, flachste Thomas Huber.
»Ich lern halt am schnellsten, das war in der Schule auch schon so«, konterte Rudi mit einem breiten Grinsen, der ein hervorragender Schüler am Gymnasium gewesen war. Jetzt musste die Wettgemeinschaft auf die Siegquote warten. Letztlich waren alle mit der Quote von 70 zu 10 zufrieden. Somit hatten die Tipper an Tisch 25 einen Reingewinn von immerhin fünf Euro erwirtschaftet, da sie 35 Euro ausbezahlt bekamen, und hatten zusätzlich ein Ticket für die Lostrommel des WEKO-Gewinnspiels gewonnen.
Die Stimmung der Wettrunde erhellte sich weiter, als sie unten an der Bande ihre personifizierte Wettversicherung sahen. »Servus, Hans, komm doch kurz zu uns her«, forderte ihn Thomas Huber von Weitem bestimmt, aber höflich auf.
Wenig später stand Hans Baumgartner vor dem Tisch der Mittdreißiger. »Was gibt’s, Männer?«, fragte der ehemalige Polizist, der insgeheim ahnte, welche Frage gleich gestellt werden würde.
»Du, Hans, hast ned ein paar Tipps für uns? Das hat gestern so gut klappt«, bezirzte ihn Thomas.
»Heut ist es schwer. Die Felder sind ausgeglichen oder der Favorit schaut meilenweit raus, wie im nächsten Rennen«, antwortete der 63-Jährige, der die Wettgemeinschaft damit enttäuschte.
»Du warst doch bestimmt im Stall hinten. Was wird denn da so g’redt?«, hakte Thomas nach, der sich mit der Aussage noch nicht zufrieden gab.
»Ja schon. Ich hab grad mit dem Schwarz g’sprochen.«
»Was hat er g’sagt?«
»Er hat g’meint, dass er sich mit dem Pangraz im Zuchtrennen eine große Chance ausrechnet.«
»Und was meinst du, Hans? Hat er für dich eine Siegchance?«
»Kann ich mir schon vorstellen. Der Pangraz ist ein Klassepferd und beim Schwarz läuft’s ganz gut zurzeit.«
»Warst auch beim Staudinger? Der hat doch den Kilian vom Dietl Manfred im Zuchtrennen am Start?«
»Ja, aber ganz kurz nur, der war ziemlich im Stress.«
»Wie schätzt du die Chancen vom Kilian ein?«
»Gott sei Dank kann ihn der Dietl nicht selber fahren. Es würd mich aber wundern, wenn der Sepp das Zuchtrennen g’winnt, weil er momentan gar keinen Lauf hat.«
»Danke, Hans. Wenn dir noch einer einfällt, immer gerne. Du weißt ja, wo wir sitzen.«
»Ja, ja, das weiß ich. Übrigens, danke für die Radlermaß und die Leberkässemmel gestern.«
Hans Baumgartner sah, wie Rudi Kellner für das Gewinnspiel des Möbelhauses seine Adresse auf die Rückseite des Wettscheins vom ersten Rennen schrieb.
»Du musst den Wettschein knicken«, schlug der Pensionär vor.
»Warum?«, fragte der verdutzte Kellner.
»Weil die Glücksfee einen geknickten Schein besser zwischen ihre Finger kriegt«, erklärte Hans Baumgartner und verließ die Runde.
»Das klingt einleuchtend«, bestätigte Berni Ebner.
»Wenn dir der Hans einen Tipp gibt, dann solltest du ihn befolgen. Das war schon bei der Arbeit so«, sagte Thomas Huber.
Gesagt, getan. Rudi Kellner knickte den beschrifteten Wettschein in der Mitte und brachte ihn zu einem eigens für das Gewinnspiel aufgestellten Behälter.
»Wie machen wir jetzt mit dem Wetten weiter?«, fragte Karl Denk in die Runde.
»Na ja, den Pangraz merken wir uns schon mal vor, und bei den anderen Rennen müssen wir unserem Helmut noch eine zweite Chance geben«, schlug Thomas Huber aus Mangel an Alternativen vor.
»Hoffentlich kann der Helmut sein Gekritzel im Traberjournal lesen«, unkte Florian Sattler.
»Kein Problem, Männer. Das schaffen wir«, antwortete Helmut Drexler, der mit dieser Aussage Optimismus verbreiten wollte. »Der Favorit Armino steht über dem Feld. Deswegen riskieren wir im nächsten Rennen gleich eine Dreierwette. Bei einer Siegwette auf Armino gibt es eh nicht viel zu g’winnen«, schlug er voller Überzeugung vor.
»Aber dann müssen wir auch den Zweiten und den Dritten vorhersagen«, konterte Rudi Kellner mit gebotener Skepsis.
»Da hätt ich schon eine Idee«, entgegnete Drexler.
»Lass den Helmut nur machen. Irgendwann findet ein blindes Huhn auch ein Korn«, flachste Thomas Huber.
Der Puls der sechs Freunde schnellte in die Höhe, als ihre gewetteten Pferde genau in der Reihenfolge das Ziel passierten, wie sie es getippt hatten.
»Wir haben die Dreierwette«, schrie Helmut Drexler voller Freude.
»Super, Helmut. Ist das geil, wir haben ’troffen«, freute sich auch Thomas Huber.
Alle klatschten sich ab und prosteten sich zu, als die Stimme Hartwig Thönes Ungemach ankündigte: »Die Rennleitung überprüft den Einlauf.«
»Was bedeutet das?«, fragte Rudi Kellner ungeduldig.
»Die Überprüfung ist eine Art Videobeweis wie beim Fußball«, erklärte Helmut Drexler besorgt.
»Können die uns dann unsere Dreierwette nehmen?«, hakte Rudi Kellner ungläubig nach.
»Ja, das könnt passieren, wenn die Rennleitung irgendetwas feststellt, das nicht korrekt abgelaufen ist.«
»Jetzt warten wir mal ab«, beschwichtigte Thomas Huber.
Nach langen Minuten des Bangens erklang die Stimme des Bahnsprechers erneut: »Die Rennleitung hat entschieden, dass das ersteingekommene Pferd Armino wegen Behinderung des Pferdes Nicole Way im ersten Bogen disqualifiziert wird.«
Buhrufe und Pfiffe hallten von den Rängen. Auch die Wettgemeinschaft an Tisch 25 war erbost.
»Das kann doch nicht wahr sein.«
»Jetzt hätten wir eine Dreierwette und dann so was.«
»Die verarschen uns doch.«
»Von mir aus können sie den Fahrer bestrafen, aber ned den Wetter.«
»Da braucht sich keiner wundern, wenn immer weniger g’wettet wird.«
»Wenn so etwas noch mal passiert, sieht mich kein Mensch mehr auf der Rennbahn.«
Es dauerte einige Rennen, bis sich die sechs Freunde beruhigt hatten. Das Wettfieber war deutlich abgeflacht.
Das änderte sich jedoch vor Beginn des Zuchtrennens.
»Was machen wir jetzt mit dem Pangraz im Zuchtrennen?«, fragte Florian Sattler, bei dem sich die Spiellust als Erstes wieder einstellte.
»Wenn dir der Baumgartner Hans einen Tipp gibt, dann solltest du ihn befolgen«, wiederholte Helmut Drexler sehr süffisant den vorherigen Satz seines Freundes.
»Ja, genau. Wir wetten den Pangraz um 50 Euro auf Sieg«, schlug Drexler vor. Trotz des hohen Einsatzes war die Wettgemeinschaft letztlich mit dem Vorschlag einverstanden.
Hartwig Thöne stellte die Teilnehmer am Bayerischen Zuchtrennen in einer Einzelparade vor. Er erwähnte nicht nur die Namen von Pferd und Fahrer, sondern auch die des Trainers und des Besitzers sowie die bisherigen Erfolge der Pferde und die aktuellen Quoten am Wettmarkt. Die meisten Zuschauer standen jetzt vor der Bande, um noch näher am Geschehen zu sein. So auch die sechs Freunde, die ihren Tisch verlassen hatten, um an der Bande ihr gewettetes Pferd anzufeuern. Favorit des Rennens war Dexter mit dem deutschen Champion Michael Nimczyk im Sulky, dem die sechs garantiert nicht den Daumen hielten.
Zwölf Teilnehmer reihten sich hinter dem Startauto ein. Nach dem Start übernahm Dexter sofort die Führung, was dem Wett-Sextett an der Bande ganz und gar nicht schmeckte. Pangraz dagegen befand sich im hinteren Teil des Feldes in zweiter Spur. Nach einer Runde griff Kilian mit Sepp Staudinger im Sulky in der dritten Spur an, kam aber nach wenigen Metern von den Beinen, galoppierte und wurde von der Rennleitung disqualifiziert.
»Da wird der Dietl Manfred fluchen«, kommentierte der Feuerwehrkamerad des Besitzers.
»Das interessiert mich weniger, viel wichtiger ist, wann der Schwarz mit dem Pangraz endlich losfährt«, entgegnete Berni Ebner, der sich Sorgen um seine Wette machte.
Als ob der Fahrer von Pangraz die Worte Ebners gehört hätte, steuerte Georg Schwarz eingangs des letzten Bogens seinen Hengst nach außen in die dritte Spur und griff vehement an. Pangraz machte schnell Boden gut und erschien zu Beginn der Zielgeraden neben dem Favoriten. Es entwickelte sich ein spannender Zweikampf um den Sieg zwischen dem westdeutschen Favoriten und dem Rottaler Traberhengst. Die zahlreichen Zuschauer feuerten die Pferde an, wobei die Sympathien eindeutig bei dem einheimischen Traber lagen, genauso wie bei der sechsköpfigen Tippgemeinschaft an der Bande.
Am Ziel hatte Pangraz die Nase vorne und gewann unter dem Jubel des Publikums das prestigeträchtige Bayerische Zuchtrennen in Pfarrkirchen. Die Freude der Wetter um Drexler, Huber und Co kannte keine Grenzen, die sechs lagen sich in den Armen.
Rudi Kellner hielt plötzlich inne und drückte mit seiner Aussage die Stimmung etwas. »Hoffentlich gibt es diesmal keinen Videobeweis.«
»Das glaub ich nicht. Es sind schon einige Minuten vergangen und der Bahnsprecher hat noch nichts von einer Überprüfung g’sagt«, beschwichtigte Helmut Drexler.
Kurze Zeit später wurde der Sieger bestätigt, was die erfolgreichen Wetter zu weiteren Freudensprüngen veranlasste.
Jetzt versammelten sich die Ehrengäste auf Zielhöhe für die Siegerehrung. Alle waren sie gekommen, um zu gratulieren: Michael Fahmüller, der Landrat des Landkreises Rottal-Inn, Wolfgang Beißmann, der Bürgermeister von Pfarrkirchen, der Präsident des Hauptverbandes für Traberzucht, die Sponsoren des Zuchtrennens sowie die Vorstandschaft des Veranstalters, des Vereins für Traber- und Warmblutzucht im Rottal.
Unter großem Applaus der Zuschauer, die sich an der Bande um die besten Plätze drängelten, kam das siegreiche Gespann, der Hengst Pangraz mit seinem Trainer und Fahrer Georg Schwarz und mit seinem überaus glücklichen Besitzer Klaus Erlacher, zu den Gratulanten. Hartwig Thöne moderierte auch die Siegerehrung. Als Erstes wurde Pangraz ein Siegerkranz übergestreift, was dem Hengst nicht sonderlich gefiel. Anschließend gratulierten die Honoratioren dem Fahrer und dem Besitzer des siegreichen Pferdes.
Hartwig Thöne interviewte zunächst den erfolgreichen Fahrer. »Herr Schwarz, Gratulation zu diesem großartigen Erfolg. Haben Sie eingangs des Schlussbogens noch an den Sieg geglaubt, als Sie sich im hinteren Teil des Feldes befanden?«
»Vielen Dank, Herr Thöne. An den Sieg habe ich immer geglaubt. Ich habe gewusst, dass Pangraz einen unheimlichen Speed hat. Und dass es dann auf der Zielgerade gegen den starken Dexter noch gereicht hat, ist umso schöner.«
Als Nächstes wandte sich der Moderator dem glücklichen Besitzer zu. »Gratuliere Ihnen, Herr Erlacher. Was bedeutet Ihnen dieser Sieg im Bayerischen Zuchtrennen in Ihrer Heimatstadt Pfarrkirchen?«
»Für mich geht ein Traum in Erfüllung. Ich bin schon als Kind mit meinem Vater auf die Pfarrkirchner Rennbahn gegangen und habe die Pferde bewundert. Und jetzt hat mein Pferd dieses prestigeträchtige Rennen gewonnen. Ich bin sprachlos«, antwortete der Besitzer, der sein Glück gar nicht fassen konnte.
»Ist das der Pfarrkirchner Notar?«, fragte Thomas Huber in die Runde.
»Ja, der hat seine Kanzlei am Stadtplatz. Ich kenn ihn nur vom Sehen«, antwortete Karl Denk.
Wenig später wurde zu Ehren des Siegers die Bayernhymne gespielt. Nachdem die zahlreichen Pressevertreter ihre Fotos geschossen hatten, begab sich Georg Schwarz mit Pangraz auf die Ehrenrunde. Das Gespann wurde von zwei feschen Reiterinnen auf prächtig herausgeputzten Rottaler Warmbluthengsten begleitet. Als nach der Bayernhymne der Queen-Klassiker »We are the Champions« gespielt wurde, musste sogar der coole Siegfahrer Georg Schwarz einige Freudentränen verdrücken.
»Wann bekommen wir unser Geld?«, fragte Rudi Kellner voller Ungeduld.
»Nachdem die Quoten bekannt gegeben werden. Wir wissen ja schon, dass wir 350 Euro bekommen«, entgegnete Thomas Huber, der sich gleich nach dem Rennen an einem der aufgestellten Monitore über die Siegquote informiert hatte. Die Quote von 70 zu 10 war angesichts des großen Anhangs, den Pangraz auf seiner Heimatbahn genoss, sehr stattlich und 350 Euro eine Menge Geld für die sechsköpfige Wettgemeinschaft.
Als sie das Geld später in den Händen hielten, beschlossen die Freunde, den Abend nach den Rennen im »Schachtl«-Biergarten in der Pfarrkirchner Innenstadt bei einer deftigen Brotzeit ausklingen zu lassen.
Doch vorher, kurz vor dem letzten Rennen, fand die mit Spannung erwartete Auslosung des Möbelhaus-Gewinnspiels statt. Besonders Rudi Kellners Puls schnellte in die Höhe, als der Bahnsprecher die zehn Gewinner vorlas. Sein Name war jedoch unter den ersten acht Gewinnern nicht dabei, und damit sank seine Hoffnung auf einen der ausgelobten Einkaufsgutscheine. Aber die empfohlene Knick-Technik von Hans Baumgartner führte doch noch zum Erfolg. Der vorletzte Gewinner war Rudi Kellner, der sich seinen Preis gleich abholte.
»Den Gutschein werde ich meiner Freundin schenken, damit ich nächstes Jahr wieder auf die Rennbahn gehen darf.« Rudi grinste über beide Ohren.
»Hat die Knick-Technik also wieder einmal funktioniert.« Hans Baumgartner stand hinter den sechs Männern. Sie hatten ihn im Trubel der vielen Zuschauer und der Freude über den Gewinn gar nicht wahrgenommen.
»Ja, und der Pangraz war auch erfolgreich«, ergänzte Thomas Huber.
»Danke für die Tipps.« Helmut Drexler schüttelte Baumgartner anerkennend die Hand.
»Die Tipps sind gratis und kommen von Herzen«, wiegelte dieser ab.
»Trotzdem würden wir dich nachher gerne zum ›Schachtl‹ einladen, Hans«, schlug Huber vor.
»Das ist nett von euch, Männer, aber ich hab heut schon was vor. Schade, aber vielleicht klappt’s ein andermal.«
Zwei spannende und erfolgreiche Tage lagen hinter ihnen. Das Pfarrkirchner Pfingstmeeting war jedes Jahr ein Genuss. Die sechs Freunde beendeten das diesjährige Rennen im herrlichen Biergarten des »Schachtl«-Wirts bei Wurstsalat, Knusperschnitzel und Schweinsbraten, wohlwissend, dass sie morgen der Alltag wieder einholen würde.
Fünf
Mittwoch
Normalerweise fiel dem Kommissar Thomas Huber der morgendliche Fußweg von seinem Haus im Ortsteil Galgenberg zu seiner Dienststelle leicht, denn er liebte seine Arbeit. Das eher kleinkriminelle Milieu Pfarrkirchens und der Umgebung stellte keine allzu schwierigen Aufgaben an seine analytischen und kombinatorischen Fähigkeiten, außerdem kannte er die gesamte Region wie seine Westentasche. Als langjähriger Mittelfeldstratege des örtlichen Fußballclubs, des TUS Pfarrkirchen, hatte er auf den Plätzen aller umliegenden Gemeinden gespielt.
An diesem Mittwoch aber war sein Gang schwerer. Er und seine Kumpels hatten gestern Abend das aufregende Wochenende und die Wettgewinne ausgelassen gefeiert und erst lange nach Mitternacht den Gasthof »Schachtl« verlassen. Er war müde, gleichzeitig noch voller Eindrücke der zurückliegenden Tage. Doch es half nichts, er musste in den gewöhnlichen Polizeialltag zurückfinden.
Erschwerend kam hinzu, dass ihm ab heute Mandy Hanke, die vor einem halben Jahr aus dem thüringischen Gera nach Pfarrkirchen gewechselt war, als Teamkollegin zur Seite gestellt wurde. Nicht, dass er Probleme mit Teamarbeit hätte, aber Mandy war ein besonderer Fall. Jedes Mal, wenn ihre Zusammenarbeit bisher erforderlich gewesen war, hatte dies mit Ärger geendet, über sie, über ihn selbst, über ihre verbohrte Hartnäckigkeit, die sie an den Tag legte und die ihn um seine niederbayerische Gelassenheit brachte. Schon bald nach ihrer Ankunft hatte er den Kontakt mit ihr vermieden, wo es ging, und die Hilfe anderer Kollegen vorgezogen. Und nun sollte sie seine dauerhafte Begleitung bei Ermittlungsfällen und Nachforschungen sein.
Woher nahm Polizeichef Kiermeier eigentlich das Recht, ihm die Polizeiarbeit derart zu vermiesen? Er hatte sich bisher nichts zuschulden kommen lassen, war stets pünktlich, meistens jedenfalls, war Teamplayer und konnte auch mit Kritik gut umgehen, meistens jedenfalls. Hatte Josef Kiermeier nicht bemerkt, wie schwer er sich mit seiner jungen Kollegin tat? Oder war eben dies der Grund für die Entscheidung seines Chefs? Insgeheim hatte er gehofft, dass Kiermeier ihn zum leitenden Kripoermittler machen und die Neue aus Thüringen seine Mitarbeiterin werden würde. Thomas war also maßlos enttäuscht gewesen, als ihm sein Chef mitgeteilt hatte, dass sie beide gleichberechtigte Ermittler unter ihm werden würden. Ausgerechnet eine Frau, und noch dazu eine aus dem »ostdeutschen Entwicklungsland Thüringen« mit wenig Berufserfahrung. Der Stachel saß tief bei Thomas Huber.
Mit solchen Gedanken schritt er durch den Eingang zu seinem Büro. Hätte er in diesem Moment gewusst, was in diesen Tagen noch alles auf ihn zukommen sollte, wäre ihm die Angelegenheit mit Mandy wohl vollkommen belanglos erschienen.
Mit einem »wunderschönen guten Morgen« betrat er das Büro und wollte damit vor allem sich selbst aufmuntern. »Wie steht’s, was gibt’s?«
»Vier nach acht! Bei Pünktlichkeit wüsste man auch ohne Nachfragen, was los ist.« Natürlich wies Mandy auf die minimale Verspätung hin. Die hübsche Thüringerin mit dem brünetten Pferdeschwanz war mit ihren 30 Lenzen fünf Jahre jünger als ihr neuer Teamkollege, hatte sich aber im Polizeidienst in Gera schon einige Meriten erworben. Auch sportlich stand sie dem begeisterten Fußballspieler in nichts nach. Ihre Neigung galt jedoch dem Triathlon und dabei insbesondere dem Radfahren.
»Forscher haben herausg’funden, dass Menschen, die am Montagmorgen zu spät in die Arbeit kommen, mehr vom Wochenende haben.« Damit wollte Thomas der vorlauten Polizistin den Wind aus den Segeln nehmen.
»Hast du denn nach dem langen Wochenende immer noch nicht genug?«, konterte Mandy.
»Wir reden hier von dem Wochenende Pfarrkirchens schlechthin, aber das ist anscheinend noch nicht bis Thüringen durch’drungen.«
»Du meinst, wenn hier ein paar Pferde im Kreis laufen, soll die Welt in Habachtstellung verfallen?«
»Wer keine Ahnung hat, sollte sich mit Kommentaren zurückhalten.« Etwas Besseres fiel Thomas nicht ein, und er hatte das Gefühl, dass seine Kollegin den nächsten verbalen Sieg errungen hatte.
»Komm schon, erzähl, wie war es auf der Trabrennbahn?« Mit dieser Aufforderung wollte Mandy einlenken und die drohende Verstimmung ihres Kollegen abwenden.
»Spannend«, erwiderte Thomas lakonisch, ließ sich dann jedoch auf das Friedensangebot Mandys ein. »Wenn das Wetter mitspielt, wie an den vergangenen beiden Tagen, gibt es einfach nichts Schöneres, als mit ganz Pfarrkirchen an der Rennbahnbande zu stehen und auf Pferde zu wetten. Das ist ein Volks- und ein Sportfest zugleich.«
»Den Sport treiben hier ja eher die Pferde«, warf Mandy ein.
Thomas war klar, dass die begeisterte Triathletin sprach. »Man kann das Wochenende auch damit verbringen, allein durch die Wälder zu laufen. Aber mit einem Trupp Freunde auf ein Pferd zu setzen und es dann im Schlussspurt gewinnen zu sehen, das ist einfach unschlagbar.«
»Mag schon sein.« Die Polizistin wurde kleinlauter. Thomas hatte einen wunden Punkt getroffen. Nach einem halben Jahr an der niederbayerischen Dienststelle hatte sie noch kein neues privates Umfeld gefunden und kompensierte dies mit langen Telefonaten nach Gera. »Wie soll man als Laie auf ein einzelnes Pferd wetten? Für mich sehen die alle gleich aus.«
»Ein gewisses Maß an Vorwissen ist von Vorteil«, gab Thomas zu, »aber du kannst durchaus jemanden um Rat fragen. Mach ich doch auch. Unser Ex-Kollege Hans Baumgartner, du hast ihn noch kurz kenneng’lernt, ist ein Pferde-Guru. Der ist immer gut für einen ausgezeichneten Wetttipp.«
»Höre ich da Baumgartner?«, ließ sich eine Stimme an der Bürotür vernehmen. Der Polizeichef Josef Kiermeier hatte den morgendlichen Disput gehört und trat hinzu, um mögliche hochschlagende Wellen zu glätten. »Hat Ihnen der Hans wieder die entscheidenden Tipps gegeben, Herr Huber? Ich hoffe, Sie haben ihn entsprechend an Ihrem Gewinn beteiligt.«
»›Die Tipps sind gratis und kommen von Herzen‹, das ist doch der ewige Baumgartner-Spruch, wenn man sich bei ihm bedanken will«, verteidigte sich Thomas.
»Na, Frau Hanke, und was haben Sie an diesem herrlichen Pfingstwochenende Aufregendes unternommen, was den Vorzug vor unseren Pferden erhalten hat?«
»Ich bin mit dem Rad die Rott entlanggefahren. Wie Sie sagen, das Wetter war herrlich. Und so eine Tour macht auch alleine Spaß.«
»Gott sei Dank haben Sie den Weg auch wieder zurückgefunden und begleiten uns in dieser kurzen Arbeitswoche.« Damit war das Wochenendthema dienstgradmäßig beendet und die Bürotätigkeit eingeläutet.
Der Chef wandte sich zum Gehen, und auch Mandy steuerte in Richtung ihres Schreibtisches. Thomas setzte sich in seinen Bürosessel und warf der Kollegin einen skeptischen Blick hinterher. Die Woche lief genau so an, wie er es befürchtet hatte. Mit dieser ostdeutschen Zicke sollte er nun die meiste Zeit seiner Ermittlerarbeit verbringen und noch dazu im selben Büro. Ihm reichte es schon, dass sein Schreibtisch dem ihren gegenüber stand und somit ständig Blickkontakt herrschte, sofern man sich nicht hinter seinem Bildschirm versteckte.
»Ganz langsam in die Gänge kommen«, murmelte Thomas vor sich hin und rief am Computer ein Protokoll der vergangenen Woche auf, welches er nun gemächlich zu Ende führen wollte. Dabei konnte er wunderbar seinen Gedanken und inneren Bildern an die zurückliegenden Tage nachhängen, ganz so, wie wenn man mittels Fotos einen Urlaub wieder aufleben lässt.
Doch daraus wurde nichts.
Hilde Bernauer, die Sekretärin, kam in das Büro gestürmt und vermeldete atemlos und mit stockender Stimme einen Todesfall mit Hinweisen auf eine Gewalttat. Hilde war nicht gerade für ihre Schnelligkeit bekannt, und aus der Ruhe ließ sie sich normalerweise schon gar nicht bringen. Dass nun die Zeichen derart auf Sturm standen, war außergewöhnlich für das Pfarrkirchner Kommissariat, in dem ein Tötungsdelikt – sollte es sich tatsächlich als ein solches herausstellen – höchst selten vorkam.
Von Hildes Alarmstimmung angesteckt, sprang Thomas von seinem Stuhl auf und stellte sich vor die Sekretärin, die im Begriff war, zum Büro des Polizeichefs Kiermeier zu eilen. Auch Mandy erhob sich.
»Was ist wo passiert?«, bedrängte Thomas Hilde Bernauer und versuchte die Schrift auf dem kleinen Zettel zu entziffern, den diese in der Hand hielt.
»Ein Toter, männlich, drüben bei der Rennbahn im Traberstüberl … Er soll blutüberströmt sein. Karl und Stefan sind schon unterwegs«, brachte Hilde hervor. Sie wollte Thomas umrunden, um zum Büro des Chefs zu gelangen.
Mit dem Stichwort »Rennbahn« fühlte sich Thomas persönlich angesprochen. Wie aus Reflex entwand er Hilde den Zettel mit ihren Notizen des Telefonats, das sie zweifelsohne soeben mit einem Zeugen vor Ort geführt hatte, und machte sich selbst auf den Weg zu Kiermeier. Bevor Mandy oder die verdutzte Sekretärin nachkommen konnten, schlug er die Tür hinter sich zu.
Das Zimmer Kiermeiers befand sich am Gang schräg gegenüber. Ohne anzuklopfen, trat Thomas in den Raum und ertappte seinen Chef tief unter den Schreibtisch gebeugt, als wolle er sich die Schnürsenkel binden.
Durch das heftige Eintreten ohne Vorwarnung schrak Kiermeier auf, und bei seinem Versuch, eine aufrechte Position einzunehmen, stieß er sich den Kopf an der Schreibtischkante.
»Was soll denn das? Mensch, Huber, haben Sie denn keine Manieren!«, bellte er seinen Untergebenen an und rieb sich den Hinterkopf, dort, wo seine dezimierten Haare es noch schafften, einen kleinen Wirbel auszubilden.
Thomas konnte sich nicht vorstellen, was sein Chef dort unten gesucht hatte, er wollte es auch gar nicht wissen.
»Chef, wir haben einen Toten. Eine Leiche ist bei der Rennbahn g’funden worden. Ich muss sofort dahin!« Thomas machte Anstalten, wieder zur Tür hinauszueilen.
»Moment!«, kam ihm Kiermeier zuvor. »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Wer ist getötet worden und wie? Wer hat uns informiert? Ist ein Rechtsmediziner einbezogen worden und wer ist sonst noch am Tatort?«
Thomas schielte auf den Zettel, den er zuvor Hilde aus der Hand genommen hatte, und suchte nach Antworten auf die Fragen seines Chefs. Leider konnte er zu keiner einzigen dazu etwas auf dem Papier entziffern. »Mehr wissen wir nicht. Deshalb möcht ich so schnell wie möglich hinüber zur Rennbahn.«
»Zunächst einmal sprechen Sie sich mit Hilde ab, damit ein Rechtsmediziner herbeigerufen wird. Des Weiteren informieren Sie die Spurensicherung, schließlich wollen wir nicht, dass im Falle eines Falles viel Zeit verstreicht und wertvolle Hinweise verloren gehen, weil sich halb Pfarrkirchen am Tatort herumtreibt. Und – Herrgott noch mal – Huber, haben Sie es immer noch nicht begriffen? Sie bilden ein Team mit Frau Hanke! Habe ich mich letzte Woche nicht verständlich genug ausgedrückt? Sie fahren zu zweit!«
»In Ordnung, Chef«, mehr traute sich Thomas nicht zu erwidern.
Der 56-jährige Polizeioberrat war eigentlich die Gelassenheit in Person. Befand er sich aber in einem erhöhten Aggregatszustand wie soeben, und das war bestimmt nicht auf den leichten Schlag auf den Hinterkopf zurückzuführen, so war eine Gegenrede tunlichst zu vermeiden.
Thomas eilte zurück zur Sekretärin, veranlasste das Herbeiholen eines Rechtsmediziners und besprach sich mit der Spurensicherung. Die Leute der SpuSi sollten sich bereithalten und kommen, sobald die Situation am vermeintlichen Tatort geklärt sei. Schließlich war noch nicht ersichtlich, ob es sich tatsächlich um eine Gewalttat handelte. Dann kehrte er in das gemeinsame Büro zurück. Mandy saß an ihrem Schreibtisch und sah mit fragendem Blick zu Thomas auf. Auch ihr war von Kiermeier erklärt worden, dass sie ab sofort ein Team mit Thomas bilden würde, insofern hatte sie es als selbstverständlich angesehen, bei der Tatortbesichtigung dabei zu sein. Der offensichtlich beabsichtigte Alleingang des niederbayerischen Polizisten zu Kiermeier und der SpuSi hatte sie ratlos und verärgert zurückgelassen. Nun wusste sie nicht genau, wie sie reagieren sollte, meinte aber, es sei die Aufgabe ihres voreiligen und eigenbrötlerischen Kollegen, die Angelegenheit wieder ins Lot zu bringen. Genauer gesagt: Sie wartete auf eine, wenn auch noch so kleine, Geste der Entschuldigung.
»Worauf wartest du? Wir haben zu tun«, entfuhr es Thomas, der keine Lust hatte, gegenüber seiner neuen Partnerin Schwäche oder gar Schuldgefühle zu zeigen.
»Auf Ihre freundliche Einladung, Herr Kollege«, erwiderte Mandy und zwängte sich an Thomas vorbei hinaus auf den Flur des Präsidiums.
Vermutlich will sie nun auch noch den Dienstwagen fahren, dachte Thomas voller Ingrimm, als er Mandy zum Portal hinaus folgte. Entgegen seiner Befürchtung steuerte Mandy jedoch die Beifahrertür an.
Mit eingeschaltetem Martinshorn fuhren sie die Arnstorfer Straße hinunter und bogen dann rechts in die Kolpingstraße ein. Der Weg führte an der Rennbahnstraße über die Bahngleise und nach wenigen Metern hatten sie das weiträumige Areal der Pfarrkirchner Rennbahn erreicht. In der Tat war es nur ein Katzensprung vom Präsidium zum Ort des Geschehens.
Thomas kannte die örtlichen Gegebenheiten und musste nicht lange überlegen, welcher Weg ihn zum sogenannten Traberstüberl brachte. Nach der Einfahrt auf das Gelände kamen sie an flachen Stallungen vorbei, deren Holzkonstruktion mit schwarzer Beize wetterfest gemacht worden war. Der Zahn der Zeit hatte an den Wänden, Türen und Luken heftig genagt, aber die meisten dieser Kompartimente waren noch in Gebrauch. Nach einigen Metern bog Thomas rechts ab in eine innenhofartige Anlage mit mehreren abgetrennten Koppeln und einem Trainingskarussell für die sportlichen Vierbeiner. Gegen Norden hin reihten sich offene Pferdeboxen an einem Kiesweg entlang. Sie dienten während der Renntage zu Pfingsten den auswärtigen Trabern als Unterstand.
Als Thomas und Mandy am Ende dieser Ställe ein weiteres kleines Gebäude erreichten, stand dort zur Überraschung beider bereits ein Polizeiauto mit Pfarrkirchner Kennzeichen. Das Gebäude aus Holz beherbergte ebenfalls Pferdeboxen, welche durch einen Zugang auf der Hofseite betreten werden konnten. Polizeihauptmeister Karl Auer war gerade dabei, das weitere Umfeld des Traberstüberls an der südwestlichen Ecke der Stallungen mit einem rot-weißen Signalband abzusichern. Neben dem Streifenwagen hatten sich mehrere Personen versammelt.
Auf dem Rücksitz des Polizeiautos saß eine junge Frau um die 30 Jahre, die sichtlich vom Geschehen gezeichnet war. Sie hatte die Ellbogen auf den Knien abgestützt und den Kopf in die gespreizten Hände versenkt. Falls ihre langen hellblonden Haare am frühen Morgen noch in eine modische Form gebracht worden waren, so fielen sie nun wirr vor das Gesicht. Ein Kollege Karl Auers, der junge Polizeiobermeister Stefan Wegerer, versuchte psychologischen Beistand zu leisten, das war deutlich zu erkennen.
Ein kleines Grüppchen von drei weiblichen Personen jüngeren Alters hatte sich in gebührendem Abstand zum Polizeiauto positioniert. Die hohen schwarzen Reitstiefel wiesen darauf hin, dass sie keine zufälligen Beobachter der Ereignisse waren.
Thomas stellte das Martinshorn ab und parkte hinter dem Streifenwagen. Er und Mandy stiegen aus und eilten zu Auer.
»Morgen, Karl«, grüßte Thomas den Streifenpolizisten. »Wer ist der Tote?«
»Der Staudinger Sepp«, entgegnete der Polizeihauptmeister.
»Was? Der Staudinger Sepp? Der ist gestern noch im Zuchtrennen g’fahren!«
»Und disqualifiziert worden«, ergänzte Auer.
»Warst du gestern auch auf der Rennbahn?«, fragte Huber nach, der seinen Kollegen dort nicht gesehen hatte.
»Logisch, und vorgestern auch.«
Jetzt mischte sich Mandy Hanke in die Diskussion ein, die wie ein Schatten hinter ihrem Kollegen stand und den Kopf schüttelte. »Scheinbar sind an Pfingsten in Pfarrkirchen tatsächlich alle auf der Rennbahn.«
»Sag ich doch.«
»Die Leiche liegt im Traberstüberl, oder?«, fragte Thomas Huber seinen Kollegen.
»Ja, ich zeig es euch. Gehts mit!«
»Ich hoff, ihr habt nichts verändert.«
»Wir haben nichts verändert. Aber was der Notarzt g’macht hat, weiß ich ned.«
»Was hat der Notarzt g’sagt?«
»Dass er tot ist, hat er g’sagt. Und dann ist er gleich weiterg’fahren, weil er wieder angefunkt worden ist.«
Die drei Polizisten gingen den Stall entlang, an dessen Rückseite sich der Eingang zum Traberstüberl befand. Thomas war mit etwas weichen Knien unterwegs, denn der Anblick einer Leiche schlug ihm immer auf den Magen, noch dazu, wenn er den Toten, in diesem Fall allerdings nicht persönlich, gekannt hatte. Zu seinen Münchner Zeiten war er öfters auf Leichen gestoßen, aber in Pfarrkirchen kam das, Gott sei Dank, nicht allzu häufig vor.
Karl Auer sperrte die Tür auf. Sepp Staudinger lag blutüberströmt auf dem Rücken am Boden. Seine Augen standen offen und starrten an die Decke. Der hölzerne Tisch und drei der vier Stühle waren umgekippt. Zwei Brote mit Marmelade lagen am Boden sowie ein zerbrochener Teller und eine Thermoskanne, aus der Kaffee ausgelaufen war. Eine Tatwaffe war weit und breit nicht zu sehen.
»Das schaut nach Messerstichen aus, und vorher hat wohl ein Kampf stattgefunden«, vermutete Thomas Huber.
»Das sehe ich genauso«, stimmte ihm seine Kollegin bei. Mandy Hanke beugte sich über die Leiche und betrachtete den leblosen Körper, als sie hinter sich eine fremde Stimme hörte.
»Das ist meine Aufgabe. Gestatten, Doktor Tremmel, Rechtsmedizin Passau.«
»Kommissar Huber, das ist meine Kollegin Hanke und der Kollege Auer«, stellte Thomas Huber sich und die Seinen vor.
»Sind Sie von Passau hergeflogen?«, fragte Karl Auer nach, der sich wunderte, dass der Rechtsmediziner aus der Drei-Flüsse-Stadt schon da war.
»Nein, ich bin aus Bad Griesbach, meinem Wohnort, hergefahren. Ich hätte heut meinen freien Tag. Aber Sie wissen ja …«, antwortete der Arzt im weißen Overall.
»Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt«, ergänzte Huber.
»Wo ist die Spurensicherung?« Der Mediziner wunderte sich, dass die SpuSi ihre Arbeit noch nicht aufgenommen hatte.
»Die rufen wir gleich an«, gab Thomas zurück.
»Was, jetzt erst?«, empörte sich der Arzt.
»Wir wussten vor wenigen Minuten noch nicht, ob es sich um ein Gewaltverbrechen handelt«, rechtfertigte sich Huber.
»Ihr seid ja lustig. Mir scheint, ihr habt in Pfarrkirchen schon länger nichts mehr zu tun gehabt.«
Huber stand da wie ein begossener Pudel. Erschwerend kam hinzu, dass seine Kollegin diese Demütigung live mitbekam. Er hatte die Situation falsch eingeschätzt. Die Spurensicherung hätte er vorsorglich sofort anfordern müssen. Ein solcher Fehler sollte ihm so schnell nicht mehr passieren.
»Jetzt würde ich gerne meine Arbeit machen. Vielleicht kann ich Ihnen nachher schon ein paar Fakten nennen«, sagte Doktor Tremmel, der mit diesen Worten die drei Polizisten nach draußen komplimentierte.
Beim Rausgehen rief Huber die Kollegen der Spurensicherung an und forderte das volle Programm.
»Wer hat den Toten gefunden?«, fragte Mandy Hanke ihren Kollegen Auer, während Thomas Huber mit der Spurensicherung telefonierte.
»Seine Mitarbeiterin Kerstin Schmid. Der Stefan kümmert sich um sie. Die ist ziemlich fertig«, antwortete Karl Auer.
Die letzten Worte hatte Thomas mitbekommen, nachdem er das Telefonat beendet hatte. »Die Mandy und ich gehen zu ihr und befragen sie. Du bleibst da und kümmerst dich um die SpuSi-Kollegen. Die müssten gleich kommen«, ordnete er an.
Kerstin Schmid saß immer noch kreidebleich im Polizeiauto. Polizeiobermeister Stefan Wegerer stieg aus dem Streifenwagen aus, als er seine beiden Kollegen kommen sah.
»Können wir mit ihr sprechen, Stefan?«, fragte Huber.
»Ja, ich denk schon«, mutmaßte Wegerer.
Die Pferdepflegerin Kerstin Schmid hatte das kurze Gespräch mitbekommen und stieg nun ebenfalls aus dem Auto.
Huber und Hanke zückten ihren Polizeiausweis und stellten sich vor. »Sind Sie in der Lage, uns einige Fragen zu beantworten?«, wollte Huber wissen.
»Wie kann so was passieren? Wer macht so was?«, stieß Kerstin hervor, und dabei begann ihr Körper zu zittern. »Das gibt doch koan Sinn!«
Mandy ging einen Schritt auf die verstörte Frau zu und legte ihr den Arm um die Schulter. Kerstin nahm diese Geste des Mitfühlens dankend an.
»Können wir irgendwo hingehen, wo wir uns ungestört unterhalten können?«, fragte der Kriminalkommissar.
»Außer im Traberstüberl gibt’s bei uns keine Sitzgelegenheiten«, antwortete Kerstin Schmid.
»Dann unterhalten wir uns im Auto«, schlug Mandy vor.
»Stefan, du kannst die Kollegen von der SpuSi unterstützen«, ordnete Thomas an. Die Experten in ihren weißen Overalls waren soeben eingetroffen.
»Alles klar, Thomas, mach ich«, sagte der Polizeiobermeister und ging in Richtung Stall.
»Wann haben Sie den Toten g’funden?«, fragte Thomas, der sich neben die Zeugin auf den Rücksitz des BMW Touring gesetzt hatte. Mandy saß auf dem Beifahrersitz und drehte sich zu den beiden um.
»Genau um 8 Uhr. Meine erste Schicht beginnt immer um die Zeit.«
»Was heißt ›erste Schicht‹?«, hakte Mandy nach.
»Ich arbeite von 8 bis 12 Uhr und von 17 bis 19 Uhr. Da bringe ich die Pferde in den Stall und füttere sie.«
»Dann müssen Sie ja zweimal täglich zur Arbeit fahren«, wunderte sich Mandy.
»Das macht mir nichts. Ich wohne nicht weit weg von hier in Mooshof, genauer gesagt, in der Konrad-Wirnhier-Straße. Ich fahr immer mit dem Fahrrad zum Stall.«
»Ich hab den Eindruck, dass Sie der Tod Staudingers ziemlich mitnimmt«, mutmaßte Thomas.
»Wie würden Sie reagieren, wenn Sie Ihren Chef gerade tot aufg’funden hätten? Ich war seine einzige Mitarbeiterin«, schluchzte die Pferdepflegerin.
»Wie lange arbeiten Sie schon bei Sepp Staudinger?« Mandy Hankes Tonfall wurde weicher. Sie spürte, dass die Zeugin kurz vor dem nächsten Weinkrampf stand.
»Seit drei Jahren bin ich jetzt bei ihm. Vorher hab ich als Tierarzthelferin in Schönau g’arbeitet.«
»Was war er für ein Chef?«, wollte Thomas wissen.
»Der Sepp war ein sehr guter Chef, ein echter Pferdefachmann, von dem ich viel g’lernt hab. Man könnt auch sagen, der Sepp war ein Rossnarrischer«, antwortete Kerstin, die sich wieder etwas gefangen hatte.
»Um wie viel Uhr hat der Staudinger seine Arbeit im Stall begonnen?« Mandy musste sich kurz nach vorne drehen, sie bekam mittlerweile ein steifes Genick.
»Der Sepp war ein Frühaufsteher. Der ist jeden Tag, Sommer wie Winter, um halb sechs in den Stall ’kommen, um die Pferde zu füttern«, erklärte die junge Frau.
Bevor Thomas seine nächste Frage stellen konnte, kam ihm seine Kollegin zuvor. »Wann hat er denn dann gefrühstückt?«
Thomas schaute Mandy irritiert an, da sich ihm der Sinn dieser Frage nicht sogleich erschloss.
»Während die Pferde g’fressen haben, so zwischen 6 und 6.30 Uhr im Traberstüberl.«
»Dann können wir auch den Tatzeitpunkt auf diese Zeitspanne eingrenzen«, schlussfolgerte die Polizeikommissarin.
»Wie kommst du darauf?«, fragte Thomas verwundert nach.
»Hast du die Marmeladenbrote am Boden nicht gesehen?«
»Ja, ja, das wird bestimmt im Bericht der Spurensicherung stehen«, mutmaßte Thomas, der die Brote am Boden tatsächlich übersehen hatte.
»Gut, dass die Spurensicherung schon da ist.« Diese Bemerkung konnte sich die hübsche Kommissarin ihrem Kollegen gegenüber, der sich gerne als Chef fühlte, nicht verkneifen.
Das war heute nicht sein Tag. Thomas fiel keine passende Antwort ein. Daher wechselte er das Thema. »Hat Sepp Staudinger Familie?«
»Der Sepp ist verheiratet. Seine Frau, die Monika, hat eine Boutique in der Bahnhofstraße. Kinder haben s’ keine«, gab Kerstin an.
»Das Geschäft kenne sogar ich«, freute sich Mandy, die sich im Gegensatz zu ihrem Kollegen in Pfarrkirchen und Umgebung so gut wie nicht auskannte.
Thomas öffnete das Autofenster, als er sah, dass Karl Auer auf sie zukam.
»Du, Thomas, der Doktor Tremmel will mit euch sprechen.«
»Ja, wir kommen gleich«, gab Thomas ihm zu verstehen und wandte sich wieder der Zeugin zu. »Ich denke, fürs Erste war’s das, Frau Schmid. Bitte halten Sie sich weiter zu unserer Verfügung und geben Sie Herrn Wegerer Ihre genaue Adresse und Telefonnummer an.«
Im Traberstüberl packte Doktor Tremmel gerade seine Sachen in den Koffer, als Thomas und Mandy eintraten. »Und, Herr Doktor, können Sie uns schon was sagen?« Jetzt sah auch Thomas die Marmeladenbrote und die Thermoskanne, die am Boden lagen. Die Kollegen der Spurensicherung in ihren weißen Overalls waren fleißig dabei, zu fotografieren und zu pinseln, um eventuelle Fingerabdrücke sichtbar zu machen.
»Er ist noch nicht lange tot. Vielleicht drei bis vier Stunden«, äußerte sich der Rechtsmediziner.
Mandy unterbrach ihn. »Dann können wir von einem Todeszeitpunkt zwischen 6 und 6.30 Uhr ausgehen?«
»Ja, das könnte in etwa hinkommen«, bestätigte der Arzt.
Mandy lächelte Thomas kurz an, als ob sie sagen wollte: Ich hab’s gewusst.
Thomas ignorierte Mandy und fragte: »Wie ist er umgekommen?«
Doktor Tremmel beugte sich über die Leiche und deutete auf den Einstich in Brusthöhe. »Der Mörder stach mit einem ungefähr zwei Zentimeter breiten scharfen Messer in die Brust. Vermutlich traf er damit das Herz. Der Tod könnte durch eine Herzbeuteltamponade eingetreten sein. Aber das sind nur Vermutungen. Genaueres kann ich Ihnen erst nach der Obduktion sagen, ich ruf Sie morgen an.«
»Wurde die Tatwaffe g’funden?« Thomas wandte sich an einen Kollegen der Spurensicherung.
»Nein, bisher noch nicht«, entgegnete der Beamte.
»Bitte fragts die Pflegerin, ob im Traberstüberl was fehlt«, bat Thomas.
Anschließend verabschiedete sich Doktor Tremmel mit einer weiteren Spitze an die Kripobeamten: »Viel Glück beim Ermitteln, ihr werdet es brauchen.«
Diese Bemerkung überhörte Thomas Huber geflissentlich und ging gar nicht erst darauf ein. »Habt ihr schon was Brauchbares?«, fragte er seinen Kollegen von der SpuSi ungeduldig.
»Bis jetzt nicht, aber wir sind noch lang ned fertig«, entgegnete dieser.
»Dann fahren wir zur Ehefrau in die Boutique«, beschloss Thomas mit einer bestimmenden Geste hin zu seiner Kollegin.
Auf der Fahrt vom Rennbahngelände zur Bahnhofstraße herrschte Eiseskälte zwischen den beiden Kommissaren im Auto. Weder Thomas noch Mandy sagten irgendetwas. Thomas war wegen der Vorführungen durch den Rechtsmediziner und durch seine Kollegin ziemlich bedient. Mandy wusste genau, dass ihr eitler Kollege explodieren würde, wenn sie jetzt den Mund aufmachte, so gut kannte sie ihn schon. Deshalb verzichtete sie darauf.
Thomas stellte den Dienstwagen direkt vor der Boutique in der Bahnhofstraße ab. Er kannte das Geschäft, hatte aber nicht gewusst, dass die Frau des hiesigen Trabertrainers die Inhaberin war. Mandy ging es ähnlich. Ihre Zweizimmerwohnung in der Pflegstraße war nur einen Katzensprung entfernt, aber eingekauft hatte sie dort noch nicht.
Als sie die Eingangstür der Modeboutique öffneten, stieg ihnen der typische Geruch eines Textilgeschäftes in die Nase. In dem sehr übersichtlichen, modern gestalteten Laden waren an den Wänden Regale angebracht, in denen Pullis, Blusen und Hosen auslagen. In der Mitte standen einige runde Ständer mit feschen Jacken für die neue Saison. Kunden waren nicht anwesend.
Es dauerte nicht lange, bis eine top gestylte und elegant mit weißem Blazer und dunkelblauem Rock gekleidete blonde Frau um die 40 die Besucher freundlich empfing. »Grüß Gott. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Mein Name ist Huber und das ist meine Kollegin Hanke, wir sind von der Kripo Pfarrkirchen.« Die beiden Kommissare zückten ihre Dienstausweise.
Die Gesichtszüge der Frau verfinsterten sich. »Ist was passiert?«
»Sind Sie Frau Staudinger?«
»Ja«, sagte die Geschäftsfrau verunsichert.
»Können wir kurz in Ihr Büro gehen?«, schlug Mandy Hanke vor.
Das kleine Büro befand sich im hinteren Teil des Ladens. Als sie an einem Tisch in der Ecke Platz genommen hatten, rückte Thomas mit der traurigen Nachricht heraus. »Frau Staudinger, wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Mann heute früh in seinem Traberstüberl tot, genauer g’sagt, erstochen aufgefunden wurde.«
Darmowy fragment się skończył.