Czytaj książkę: «Das schwarze Herz»
Armin Öhri
Das schwarze Herz
Julius Bentheim ermittelt

Zum Buch
Berlin 1868 Die preußische Polizei wird an den Tatort eines grausigen Verbrechens gerufen. Gemeinsam mit seinen beiden Polizei-Aspiranten und Freunden Julius Bentheim und Albrecht Krosick macht sich Kommissar Gideon Horlitz auf den Weg zum Herrenhaus des Herzogs von Gerolstein, das ein wenig außerhalb der Stadt gelegen ist. Bei ihren Ermittlungen stoßen sie auf ein Netz aus Intrigen, Mord und Gewalt, und unversehens geraten sie in den Einflussbereich einer geheimen Loge. Es kommt zu mysteriösen Verwicklungen mit französischen Komponisten, gefährlichen Doppelagenten und zänkischen Frauenzimmern. Auch die Insassen eines Irrenasyls sowie ein verschrobener Adliger, dessen Bekanntschaft Julius und Albrecht bei einer Soiree machen und von dem es heißt, er habe einen Werwolf in seinem Gefolge und stehe mit dem Bösen im Bunde, sorgen für Gruselspannung in der Metropole an der Spree.
Der Liechtensteiner Schriftsteller Armin Öhri, geboren 1978, lebt in Grabs im St. Galler Rheintal. »Das schwarze Herz« ist der vierte Berlin-Krimi des Autors um seinen Protagonisten, den jungen Tatortzeichner Julius Bentheim. Armin Öhri erhielt den »European Union Prize for Literature«, seine Werke wurden mehrfach ins Ausland übersetzt. Er ist Gründer des Liechtensteinischen Literatursalons und Präsident des Liechtensteinischen Autorenverbands »IG Wort«.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Bildes von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lesser_Ury_-_Am_Kurfürstendamm_(1910).jpg
ISBN 978-3-8392-6786-8
Widmung
Für Saskia
Motto
In der schwindenden Dunkelheit sah er den verstümmelten Leichnam. Sein Mund klebte von geronnenem Blut.
(Guy Endore: Der Werwolf von Paris)
Vorwort
Mindestens eine Aussage in diesem Werk ist falsch.
(Albrecht Krosick)
*
Anmerkung: Dieses Werk muss mindestens eine falsche Aussage enthalten. Angenommen, es täte es nicht: In diesem Fall ist das Vorwort wahr, wenn es falsch ist, und falsch, wenn es wahr ist. – Was eigentlich unmöglich ist.
(Professor Alfredo Casanelli, Inhaber des Lehrstuhls für Logik an der Università degli studi di Bologna; 17. Mai 1869)
Erstes Kapitel
Der Tatort, das altehrwürdige Anwesen des Herzogs von Gerolstein, lag etwas mehr als eine Meile vor der Berliner Stadtgrenze. Hier, im Dorf Weißensee, kam der Fernhandelsweg nach Norden durch, und rings um das beinah zirkelrunde Stillgewässer, das dem Dorf seinen Namen gegeben hatte, fügten sich Gutshäuser und großzügig angelegte Gartenanlagen in die Uferlandschaft.
Weit ausladende Bäume säumten die holprige Straße, als Julius Bentheim und Albrecht Krosick – Tatortzeichner der eine, Polizeifotograf der andere – mit ihrem Freund und Vorgesetzten Kriminalkommissar Gideon Horlitz, jenem bekannten und in Fachkreisen als äußerst bibliophil geltenden Homme de Lettres, in einem Landauer vorfuhren. Das mysteriöse Ableben des Hausherrn und die damit verbundene Aufnahme einer gerichtlichen Untersuchung verlangten die Anwesenheit der drei Herren aus dem Stadtpalais Grumbkow, dem Berliner Polizeipräsidium. So traurig der Anlass ihres Kommens auch sein mochte – Arbeit war Arbeit, und in diesem speziellen Fall waren besonders die beiden jungen Polizeiaspiranten begierig darauf, die Hinterlassenschaft des exzentrischen Herzogs persönlich in Augenschein zu nehmen, zumal sich hartnäckig das Gerücht hielt, der Verblichene habe sich zu Lebzeiten der Alchemie und den dunklen Wissenschaften verschrieben.
Julius Bentheim dachte sich sein Teil bei diesen Ammenmärchen. Rücklings aus der Kutsche steigend, den Blick über die Schultern nach hinten gerichtet, ließ er bereits das Auge schweifen, um das Ziel ihres Ausflugs zu betrachten: Ein mächtiges Gemäuer in Form von gestapelten Steinbruchscherben und lokalen Findlingen umgab das Grundstück. Weit in die Höhe geschossene, dichte Trauerweiden vermochten es, dem zufällig vorbeikommenden Wanderer tief und nachhaltig ins Bewusstsein zu dringen, wo sie unweigerlich einen melancholischen Eindruck hinterließen.
Kaum hatten die Neuankömmlinge das schmiedeeiserne Zufahrtstor durchschritten, als sie auch schon das imposante Herrschaftshaus erblickten. Vor ihnen thronte es auf einer Anhöhe, hinter der das spiegelglatte Wasser des Weißen Sees zu erahnen war. Das Gebäude hinterließ bei Julius einen doppelten Effekt. Einerseits beeindruckten ihn die Größe, die Ausmaße und der Protz mit all seinen Verzierungen; andererseits wirkte es zu überladen für seinen Geschmack. Überall reckten sich stolze Giebel zum Himmel empor, die Fassade war teilweise neoklassizistischen Ursprungs, an manchen Stellen aber brach ein Überbleibsel gotischer Baukunst hervor. Groteske, wild blickende Statuen von Dämonen und Teufeln prägten das Bild.
Unheil verkündende dunkle Wolken lagen über dem Anwesen. Ein kalter und zugleich rauer Wind fegte über ihre Köpfe hinweg, als Horlitz, Krosick und Bentheim endlich vor dem Hauptportal standen und an der Klingel zogen.
Es vergingen zwei Minuten, bis sie ein schlurfendes Geräusch vernahmen. Mit einem Krächzen öffnete sich die Tür, und die Ermittler blickten in das gestrenge Gesicht eines älteren Mannes, der eine schäbige Livree trug und einen goldenen Kerzenständer in der Hand hielt.
»Die Herren wünschen?«
Bentheim sah sich den Diener genauer an. Seine knochigen Wangen und die hohe Stirn erinnerten an einen Asketen, und im Kerzenschimmer besaßen die geriatrischen Zuckungen, die in unregelmäßigen Abständen seine Handbewegungen zu befallen schienen, ein eindringliches, wenn auch komisches Flair.
»Darf ich Ihnen unsere Karte geben?«, sprach ihn Horlitz höflich an, sowie sie über die Schwelle getreten waren. Besagte Visitenkarte mit einer auffällig barschen Bewegung an sich reißend, starrte der Livrierte sie mit zusammengekniffenen Augen an.
»Noch mehr Polizisten?« Es war eher eine Feststellung denn eine Frage. Der alte Mann drehte sich um, tief aufseufzend, und winkte mit der Hand. »Folgen Sie mir, meine Herren! Bitte, so kommen Sie doch.«
Krosick und Bentheim, die hinter Horlitz in der Eingangshalle standen, nickten sich einvernehmlich zu, bevor sie wieder nach ihren Gepäckstücken griffen und zum Diener aufschlossen. Der Boden, über den sie Albrechts Kamera und seine weiteren Fotoutensilien schleiften, bestand aus rohen Pflastersteinen. An den Wänden prangten Bilder barocker Meister: schwere, düstere Ölgemälde. Von der mit Stuckwerk verzierten Decke hingen goldene Kandelaber herab, wodurch Julius erst auffiel, dass an keinem einzigen Ort Petroleumlampen brannten. Einzig das Flackern der Kerzen warf verzerrte Schatten an die Wände, und das wilde Pfeifen des aufkommenden Sturms, das von draußen hereindrang, ließ den Tatortzeichner erschaudern. Es war eine gespenstische Atmosphäre, und so war es nicht weiter verwunderlich, dass just in diesem Haus ein Mord geschehen war.
Der Diener führte die neu eingetroffenen Gäste in die oberen Stockwerke, vorbei an ausgestopften Tieren – Wölfe, Bären, einige Adler –, blank gereinigten Ritterrüstungen und anderem Trödel. Der ganze Ort war eine Ansammlung seltener Kuriositäten, wobei Bentheim gewillt war, sogar den seltsamen Diener dem Inventar zuzuordnen.
Sie betraten den Schauplatz des Verbrechens durch eine robuste, mit Messing beschlagene Eichentür. Vom Fenster des Zimmers, das sich zu einem Innenhof hin öffnen ließ, blickte ihnen das geistlose Mondgesicht eines jungen Polizisten entgegen; ein weiterer Gendarm führte sie in den Raum, in dem der Mord begangen worden war. Insbesondere den Kommissar begrüßte der Mann herzlich.
»Gut, dass Sie es sich einrichten konnten«, meinte er gemütvoll, wobei seine Miene dunkel wie eine Gewitterwolke war. »Wir haben nichts angerührt, Herr Kommissar. Alles ist noch so, wie wir es vorgefunden haben.«
Gideon Horlitz nickte dem Polizisten dankbar zu und fuhr sich mit der Rechten durch die grau melierten Haare. Mit gespanntem Interesse beobachtete Julius Bentheim seinen Freund und Mentor, wie dieser gedankenverloren vor sich hin starrte. Horlitz, 56 Jahre alt und mit Hang zum Bäuchlein, war ein Experte auf dem Gebiet der Kriminalistik. Nach 15 langen Jahren als Obristwachtmeister in einem Dragonerregiment war er in den Polizeidienst gewechselt. 1848 war er an der Auflösung der Preußischen Nationalversammlung durch die Armee beteiligt gewesen; ein Umstand, viel zu peinlich, um ihn je zu erwähnen – und Julius schien es, als verrenne sich der Kommissar bisweilen in seinen Fällen, bloß um diese Scharte in seinem Lebenslauf auszuwetzen.
Dieses Sich-in-etwas-Hineinsteigern war vor Monaten zur Obsession geworden. Silvester vor zwei Jahren hatte der Kommissar seinen Schützlingen den Vorschlag gemacht, den Jahreswechsel an seiner statt in der Märkischen Schweiz zu feiern. Er selbst könne beruflich nicht weg, und Clara, seine Gattin, wolle nicht allein verreisen. Was ungesagt blieb und Albrecht und Julius damals nicht wussten: Clara Horlitz lag im Sterben. Je mehr der Krebs in ihr wucherte, desto tiefer versenkte sich ihr Mann in die Arbeit.
Da stand er also neben Bentheim, die Stirn in Falten gelegt. Sein Blick schweifte durchs Zimmer, während ein unverständliches Murmeln über seine Lippen drang. Währenddessen ließ Albrecht Krosick den Kommissar und seinen Freund stehen und durchschritt zweimal den Raum, um sich auf eigene Faust ein Bild von dem grausamen Verbrechen zu machen. Das Zimmer war so kurios wie die anderen Räume in diesem seltsamen Haus, die sie später noch zu Gesicht bekommen sollten. An den Wänden hingen flämische Grafiken und Stiche, ein präparierter Luchs starrte Krosick mit seinen glasigen Murmelaugen entgegen, auf einer überdimensionierten Schreibtischplatte lagen eine Aktenmappe und ein Stapel loser Blätter – unbezahlte Rechnungen, Korrespondenz sowie die aktuelle Ausgabe von Eugenie Marlitts Goldelse. In einer Ecke befand sich eine wuchtige, jedoch wurmstichige Standuhr. Genau gegenüber in der Wand klaffte das Loch eines geöffneten Wandsafes.
Vor dem Schreibtisch stand eine klobige Kleidertruhe auf dem Parkettfußboden, der aus lauter auf Hochglanz polierten Polygonen zusammengesetzt war. Der Fotograf ging um den Tisch und erblickte zu seinen Füßen den Toten.
Der Mann lag ausgestreckt auf dem kahlen Boden, neben ihm ein umgekippter Bürostuhl. Um den Kopf hatte sich eine dunkle Lache ausgebreitet. Das Blut war bereits geronnen. Albrecht ging in die Knie, um die Leiche genauer anzusehen. Was er da im flackernden Kerzenschein erblickte, erschreckte ihn: unmöglich, das Gesicht des Mannes zu erkennen. Der Mörder hatte ganze Arbeit geleistet, denn sein tödlicher Schuss hatte den Kopf in seiner Gänze zerfetzt. Es war undenkbar, auch nur annähernd zu sagen, wie der Tote zu Lebzeiten ausgesehen haben mochte, und unwillkürlich erfasste den Fotografen ein Schaudern. Er wollte eben wieder aufstehen, als ihm ein seltsamer Umstand ins Auge fiel: Der Tote trug Handschuhe.
Plötzlich verspürte der Fotograf einen Druck auf seine Schulter.
»Na, Albrecht, haben Sie ebenfalls die Handschuhe bemerkt?« Wie eine Salzsäule stand Gideon Horlitz hinter ihm und deutete auf die Leiche. »Seltsam, nicht wahr?«, meinte er vielsagend. »Weshalb trägt der Herzog Handschuhe? Vielleicht hat es nichts zu bedeuten, womöglich aber auch alles. Dies ist eine Frage, der wir nachgehen müssen, meine Herren. Vorerst jedoch: Widmen Sie sich Ihrer Arbeit. Julius, hier! Zeichnen Sie! Und Sie, Albrecht, ich will Fotos von der Leiche, von dem Safe, von der Standuhr, einfach von allem.«
Horlitz lächelte verschwörerisch. Dann drehte er sich um, ging auf einen der Polizisten zu und bat diesen, den Sachverhalt des Verbrechens zu erklären. Unverzüglich begann der junge Mann mit dem Bericht. Der Hausdiener, so der Beamte, habe am frühen Morgen ein Telegramm zum Molkenmarkt an die Mordkommission geschickt, auf dem Anwesen derer von Gerolstein sei ein Verbrechen verübt worden; der ehrwürdige Herzog Rudolf sei einem schändlichem Raubmord zum Opfer gefallen. Und tatsächlich deute die Indizienlage auf diese Version hin. Der Hausherr sei tot, sein Tresor ausgeraubt, und in einem Zimmer der unteren Etage sei ein Fenster eingedrückt worden.
»Hat der Diener kein Geräusch gehört?«, fragte Horlitz leicht irritiert.
»Er gab zu Protokoll, er habe ungefähr um Viertel vor drei einen dumpfen Laut vernommen, sich aber nichts dabei gedacht und weitergeschlafen.«
Für einen kurzen Moment äugte Gideon Horlitz in Richtung der Standuhr, murmelte wieder Unverständliches in seinen Bart und schritt noch einmal quer durch den Raum. Julius Bentheim, bereits damit beschäftigt, für die Tatortskizzen vor seinem geistigen Auge ein Gitternetz über dem Boden auszubreiten, trat ihm widerwillig aus dem Weg.
Hin und wieder bückte sich der Kommissar, um etwas genauer zu betrachten. Alles saugte er detailgetreu in sich auf, jedes einzelne Staubkorn fixierte er angestrengt, doch schielte er immer wieder zur Uhr hinüber und verzog das Gesicht zu einem spitzbübischen Grinsen.
Krosick und Bentheim wussten, dass ihr Freund in diesen Phasen angestrengten Nachdenkens nicht gestört werden wollte, und so ließen sie es auch bleiben, ihn über das ominöse Geheimnis der Uhr zu befragen. Der Tatortzeichner holte ein Etui mit diversen Stiften hervor, während sich Albrecht daranmachte, sich mit ganz praktischen Fragen der Tatortfotografie auseinanderzusetzen: Wohin mit dem Stativ? Welche Perspektive sollte er wählen? Welcher Blendenwert war in diesem schlecht ausgeleuchteten Zimmer geeignet, und welche Verschlusszeiten sollte er einhalten?
Mit geübten Handgriffen spitzte Julius einen Grafitstift nach dem anderen an, wobei er sein Augenmerk unentwegt auf das Zifferblatt der Standuhr richtete. Doch konnte er nichts Außergewöhnliches bemerken: Die beiden Zeiger zeigten auf die Neun und auf die Drei, die Sekundenangabe betrug etwa 50 Sekunden. Erst bei genauerem Hinsehen fiel ihm auf, dass auf dem Boden vor der Uhr einige Scherben lagen. Das war aber auch schon das einzig Seltsame.
Gideon Horlitz schien mehr gesehen zu haben als der Tatortzeichner. Enttäuscht über die eigene Unfähigkeit, die Indizien zu deuten, wandte sich Julius einem der beiden Polizisten zu, um wenigstens etwas Verwertbares über den Toten zu erfahren. Der Kriminalkommissar klopfte inzwischen die Wände ab, kroch auf allen vieren auf dem Boden umher und gebärdete sich so schrullig und eigenartig, dass die beiden Gendarmen ihn ratlos anschauten. Julius zuckte gelassen mit den Schultern. Bei Gideon musste man auf alles gefasst sein.
Etliche Minuten später trat der Kommissar fröhlich gelaunt an Bentheims Seite: »Julius, Albrecht! Kommen Sie Ihren Pflichten nach. Ich habe alles gesehen, was es zu sehen gibt, und bin Ihnen sehr verbunden, meine Herren.«
»Aber«, entgegnete der Tatortzeichner, »Sie haben den Toten ja noch gar nicht genauer begutachtet.«
»Das ist vorerst auch wirklich nicht nötig«, antwortete Gideon jovial. »Was mich antreibt, ist erst einmal die Lust auf ein paar Buletten, später dann vielleicht noch eine Berliner Weiße!«
Und so ließ der Kriminalkommissar seine beiden Polizeiadepten verdutzt am Tatort zurück.
Zweites Kapitel
Einige Stunden später, es ging schon auf neun Uhr zu, erreichten Bentheim und Krosick – bis auf die Knochen durchgefroren – das Revier am Molkenmarkt, wo sich das Polizeipräsidium und die Stadtvogtei gemeinsam im ehemaligen Palais des Oberfeldmarschalls von Grumbkow befanden. Gleich daneben, im früheren Palais des Grafen von Schwerin, hatte seit 1771 das Kriminalgericht seinen Sitz genommen. Der gesamte Gebäudekomplex galt wegen der oft willkürlich ausgeübten Polizeigewalt als Ort des Schreckens. Als die beiden jungen Männer jedoch an diesem Novembertag des Jahres 1868 in Gideons Büro saßen, war davon nichts zu spüren. Albrecht hatte seine Fotos bereits entwickelt und die Abzüge abgegeben, Julius deponierte die Tatortzeichnungen auf dem Bürotisch. Ihnen beiden war es ein Anliegen, in Gideons Gegenwart die vergangene Nacht noch einmal Revue passieren zu lassen. Auf der Tischplatte standen drei heiße, dampfende Tassen Lindenblütentee, und allmählich erfüllte ein aromatischer Geruch den Raum.
Der Kommissar führte das Getränk an die Nase und inhalierte kurz. Zufrieden seufzend stellte er die Tasse, ohne aus ihr getrunken zu haben, zurück auf den Tisch.
»Wie finden wir den Mörder?«, fragte Julius beiläufig, worauf ihn Horlitz mit hochgezogenen Augenbrauen spöttisch anstarrte.
»Sie meinen eher: Was war das Motiv des Mörders?«
Bentheim, der nicht verstand, worauf der Beamte hinauswollte, erklärte sich: »Ich frage mich lediglich, welche unsere nächsten Schritte sein werden.«
»Denken Sie logisch, mein lieber Julius! Glauben Sie denn wirklich, ein dreister Räuber hätte sich auf das weitläufige Gelände des Anwesens geschlichen, wäre dort eingebrochen, hätte auf Anhieb das Zimmer mit dem Safe gefunden, diesen geöffnet und wäre schließlich morgens um drei auf den Hausherrn gestoßen, der sich dann – rein zufällig natürlich – angezogen mit Hemd und Krawatte von dem bösen Buben erschießen lässt? Das klingt ziemlich überdreht. Und nebenbei ist es albern. Nein, Julius, denken Sie logisch! Wir sind hier nicht in einem Ihrer heiß geliebten Kolportageromane.«
Bohrend blickte ihm Horlitz in die Augen. Als von dem Tatortzeichner keine Antwort kam, meinte er vorwurfsvoll: »Es ist doch sonnenklar, dass uns der Hausdiener belogen hat. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?«
Bentheim schüttelte den Kopf, und mechanisch massierte er sich die linke Hand, deren Ringfinger und kleiner Finger er in Königgrätz auf dem Schlachtfeld eingebüßt hatte.
Zu seiner Verwunderung nickte Albrecht Krosick. Wenngleich Julius wusste, dass das kriminalistische Gespür seines Freundes sein eigenes bisweilen übertraf, war er doch gespannt auf dessen Ausführungen; jene Ausgeburten der Hirnwindungen, die Bentheims deduktives Denken in den Schatten stellten. Stets war er aufs Neue überrascht, wenn er erleben durfte, wie sein Freund skurrile Aspekte schier unlösbarer Kriminalfälle enträtselte. So war es beim Fall der Dunklen Muse gewesen, bei den seltsamen Vorgängen um den Bund der Okkultisten oder bei der geheimnisvollen Dame im Schatten. Und so war es auch diesmal. Inzwischen waren sie auch keine Studenten mehr, seit sie im Frühjahr ihre Jus-Prüfungen bestanden hatten, sondern Aspiranten für den Polizeidienst.
»Nun gut, Julius, geliebter Freund und Zechbruder«, begann Albrecht ausgelassen. »Laut Aussage des Hausdieners war um Viertel vor drei ein dumpfes Geräusch zu vernehmen: allem Anschein nach der Mörder, der sich Zutritt ins Haus verschafft hatte. Jetzt zeigt aber die Standuhr im Zimmer, wo die Tat geschehen ist, ebendiese Zeit an. Ein Zeiger ist auf der Neun, ein anderer auf der Drei.«
»Was beweist, dass der Diener recht hat«, warf Bentheim ein.
Krosick schüttelte missbilligend den Kopf.
»Es wäre ein überaus großer Zufall, wenn die Uhr just zu jener Zeit stehen geblieben wäre, als der Mörder ins Haus gekommen war. Hast du nicht die Glasscherben auf dem Boden bemerkt?«
»Doch.«
»Natürlich. Dumme Frage – du musstest sie ja zeichnen. Also ist dir aufgefallen, dass die Uhr exakt dem Tresor gegenüber steht.«
Erneut nickte der Tatortzeichner.
»Und du hast sicherlich bemerkt, dass der Safe gewaltsam geöffnet wurde.«
»Ja, es wurden einige Kugeln auf ihn abgefeuert.«
»Dann darf ich dir somit die Lösung des Rätsels präsentieren?«
Bentheim rollte die Augen. »Nur zu.«
»Nun gut«, begann Krosick in der für ihn typischen, leicht nervigen Art, anderen gegenüber aufzutrumpfen. »Der Eindringling steht also vor dem Safe und versucht, ihn zu öffnen. Er zieht die Pistole, zielt auf den metallenen Kasten und drückt einige Male ab, weshalb der Tresor fünf Dellen aufweist. Auf dem Boden davor haben die Polizisten denn auch fünf Patronenhülsen, jedoch nur vier Projektile gefunden. Irgendwo, Kollege Julius, muss also noch eine weitere Kugel sein.«
Bentheim pfiff anerkennend.
Der Tatortfotograf fuhr fort: »Ein Schuss wurde also reflektiert, schwirrte ziellos durch den Raum und traf – zufällig – das Zifferblatt der Standuhr genau in seiner Mitte. Die gläserne Einfassung zersplitterte, womit wir auch die vielen Scherben am Boden erklären können. Die Kugel aber fuhr durch das Uhrwerk und brachte die Uhr zum Stehen. Ich habe mir das Gehäuse etwas genauer angesehen, Julius. Die beiden Zeiger wurden durch den Eintritt der Kugel zwar blockiert, doch müssen sie sich in diesem blockierten Zustand noch kurz gedreht haben.«
»Wie das?«, fragte Julius verblüfft. »Die Uhr zeigte doch Viertel vor drei, wie es der Hausdiener zu Protokoll gegeben hat.«
Nun war es Horlitz, der mit wissender Miene lächelte. »Die Uhr zeigte etwas in der Nähe von Viertel vor drei, denn um diese Uhrzeit können die Zeiger keine gerade Linie bilden und gleichzeitig auf der Neun und der Drei stehen. Das ist nicht möglich.«
Julius zog seine Mercier, die ihm einst ein Onkel vermacht hatte, aus der Westentasche und blickte prüfend auf das Zifferblatt. Mit wenigen Handgriffen drehte er die Rädchen der Zeigerjustierung. Allmählich dämmerte ihm, worauf seine Freunde hinauswollten.
»Verstehen Sie nun, was ich meine?«, fragte der Kommissar mit siegesgewisser Gelassenheit.
»Es war also gar nicht Viertel vor drei«, stellte Julius fest. »Aber wie spät war es dann tatsächlich?«
»Geben Sie mir Ihre Uhr!«, bat ihn Horlitz.
Bentheim löste die Mercier von ihrer Kette, um sie dem Kommissar zu reichen. Dieser griff nach ihr und verstellte die Zeiger, bis sie genau zwölf Uhr anzeigten.
»Sehen Sie, Julius«, erklärte er, »ich bewege jetzt langsam die beiden Zeiger. Sehen Sie es? Erst jetzt, etwa 32 Minuten nach zwölf Uhr zeigen die beiden Zeiger in die entgegengesetzten Richtungen. Und wenn ich weiterdrehe, so geschieht dies immer in einem Abstand von einer Stunde und ungefähr sechs Minuten.«
Aufgeregt hielt er Julius die Uhr vors Gesicht.
»Genau genommen zeigen der Minuten- und der Stundenzeiger um null Uhr 32 und acht Elftel Minuten zum ersten Mal in die total entgegengesetzte Richtung. Noch in dieser Nacht, als Sie beide am Tatort beschäftigt waren, habe ich es ausgerechnet. Darauf immer wieder im genauen Abstand von einer Stunde und fünf Minuten und fünf Elftel einer Minute, also ungefähr 27 Sekunden.«
Bentheim hatte verstanden.
Horlitz ereiferte sich weiter: »Haben Sie den Stand des Sekundenanzeigers an der Wanduhr betrachtet, Julius? Ja? Haben Sie das getan? Die Uhr zeigte ungefähr 50 Sekunden oder vielleicht auch 51 an. Mathematisch gesehen müsste der präzise Zeitpunkt jedoch bei 49 Sekunden plus eine Elftel-Sekunde gelegen haben. Das wiederum beweist, dass der Mord gar nicht morgens um drei stattfand, sondern schon viel früher. Das Uhrwerk ist mechanisch, die 50 war bereits erreicht. Die exakte Tatzeit lässt sich anhand des Sekundenzeigers auch leicht berechnen. Auf den Tresor wurde genau um 21 Minuten und 49 Sekunden nach zehn Uhr geschossen! Der Mord muss kurz zuvor geschehen sein. Quod erat demonstrandum!«
Bentheim blieb die Luft weg. Zumindest theoretisch musste er sich eingestehen, dass die eben gehörte Schlussfolgerung plausibel war. Dennoch kam er nicht umhin, den Advocatus Diaboli zu spielen und wenigstens zwei oder drei Punkte anzumerken.
»Angenommen, die Zeiger haben sich gedreht«, warf er ein, »und angenommen, die Uhr ist einfach früher schon stehen geblieben – sagen wir mal: vor zwei Tagen oder vor einer Woche, was weiß ich?«
»Ihre Skepsis ehrt Sie«, entgegnete Horlitz. »Rein mathematisch gesehen müssen wir diese Varianten ausschließen, da ansonsten eine Rechnung oder auch eine Kalkulation der Wahrscheinlichkeit, oder wie immer man das auch nennen mag, vollends überflüssig wäre.«
Dem Tatortzeichner schwirrte der Kopf.
Was, wenn die Uhr gar nicht exakt lief? Oder wenn sie bereits vorher falsch justiert gewesen war? Wenn sie vor- oder nachging? Er wollte zu einer zweiten Entgegnung ansetzen, als der Kommissar, der seine Gedanken zu lesen schien, abwehrend die Hand hob und mit gutmütiger Stimme sprach: »Lassen Sie das, Julius! Es ist alles eine Frage der deduktiven Logik. Warten wir doch einfach ab, wie sich die Sache entwickelt. Alles andere wäre müßig.«
Gedankenverloren lehnte sich Julius Bentheim in seinem Sessel zurück. Wenn der Hausdiener sie über den Zeitpunkt des Mordes belogen hatte, so stellte sich unausweichlich die Frage, welchen Nutzen er sich davon erhoffte.
»Wir haben also den Mörder gefunden«, sagte Bentheim mehr zu sich selbst, als ihn Horlitz auch schon unterbrach.
»Sehen Sie die Sache nicht so engstirnig, Julius. Die Tatsache, dass der Diener uns falsch informiert hat, beweist noch lange nicht, dass er auch der Täter ist.«
Empört hob Julius den Kopf. »Nun hören Sie doch! Der reiche Herzog wird ermordet. Keiner der Nachbarn will etwas gehört oder gesehen haben. Und schließlich belügt uns der kauzige Diener auch noch offensichtlich. Da muss man doch nur eins und eins zusammenzählen, um auf die Lösung zu kommen. Der Kerl gehört ins Gefängnis!«
»Nicht so ungestüm, junger Freund«, besänftigte der Kommissar das aufbrausende Naturell seines Tatortzeichners. »Die Dinge sind meistens nicht so, wie sie zu sein scheinen. Zugegeben, alles spricht gegen den Diener. Doch haben Sie nicht seine zitternden Handbewegungen gesehen? Glauben Sie wirklich, dieser schwache, wahrscheinlich von der Schüttellähmung befallene Mann hätte den Safe mit wohlplatzierten Schüssen öffnen können? Ich bin überzeugt, dass dieser alte Herr nie dazu imstande gewesen wäre, die Pistole auch nur annähernd gerade zu halten. Nein, Julius, der Diener ist nicht der Täter.«
»Aber weshalb sollte er den tatsächlichen Mörder decken?«
»Eben das herauszufinden, wird unsere nächste Aufgabe sein«, meinte Horlitz, wobei in seiner Stimme ein enthusiastischer Unterton mitklang, der stets zu hören war, sobald sein Spürsinn geweckt oder zumindest gereizt worden war. Er sah zur Bürodecke hoch und schwelgte für kurze Zeit in Gedanken, bevor er sich brüsk an Bentheim wandte und mahnend sprach: »Überlegen Sie das nächste Mal, bevor Sie jemanden verdächtigen. Ich mag Ihnen ein warnendes Beispiel anführen, wenn Sie gestatten?«
Bentheim seufzte geschlagen, während der Kommissar, den diese ostentative Missbilligung überhaupt nicht störte, fröhlich zu seinen Ausführungen ansetzte: »Einer meiner ersten Fälle drehte sich um die Entführungsaffäre Schadow«, erzählte er im Plauderton. »Sie haben den Namen vermutlich schon einmal gehört. Emil Schadow. Ein angesehener Mann aus der Oberschicht. Preußischer Junker, wie er im Buche steht. Dieser Schadow also wurde eines Tages auf offener Straße verschleppt – direkt vor dem Haupteingang zum Zoologischen Garten. Ein Einzeltäter hielt den Junker mehrere Tage gefangen, ohne dass es der Gendarmerie gelang, dem Kriminellen auf die Spur zu kommen. Der Entführte saß die ganze Zeit mit verbundenen Augen auf einem Stuhl. Niemals bekam er seinen Peiniger zu Gesicht. Man gab ihm zwar zu essen, doch sein Sitzfleisch wurde arg strapaziert, wie Sie sich leicht vorstellen können. Als der Entführer ein hohes Lösegeld forderte und dieses von der Familie des Opfers auch überreicht bekam, erhielten wir eine Nachricht, wo Schadow aufzuspüren war. Wir fanden ihn schließlich gefesselt und geknebelt in einem verlassenen Lagerhaus in der Gartenstraße vor dem Hamburger Tor. Damals war das noch eine übel beleumdete Gegend, voll mit Ganoven, Huren und zugezogenen Arbeitern. Wenige Tage später verhafteten unsere Leute einen einschlägig vorbestraften Halunken, der zu den üblichen Verdächtigen gehörte. Immer wieder war der Mann durch Einbrüche und Gewalttaten aufgefallen und besaß für die Tatzeit überdies kein hieb- und stichfestes Alibi. Eine klare Sache, dachten sich die Leute von der Ermittlung und wollten die Affäre schon ad acta legen. Zum Glück des Delinquenten war ich bei einem der Verhöre anwesend, woraufhin er aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Wissen Sie auch, wieso?«
Unisono verneinten Bentheim und Krosick.
»Weil ich den Mann mit einem Seil einen Knoten machen ließ.«
»Einen Knoten?«, wiederholte Albrecht verblüfft. »Ich glaube, ich verstehe nicht ganz.«
»Der Mann war sichtlich nervös. Natürlich. Das ganze Verhör hindurch fuhr er sich mit der linken Hand durch die Haare oder kratzte sich an der Nase. Das brachte mich auf eine Idee. Ich gab dem Strolch ein Seil und befahl ihm, einen Knoten zu machen. Das Ergebnis war der Knoten eines Linkshänders. Die Schlingen und Verknüpfungen jedoch, mit denen das Opfer gefesselt gewesen war, waren die Knoten eines Rechtshänders gewesen. Der Verdächtige konnte unmöglich der Entführer sein. Wir mussten den Mann also laufen lassen. Der Teufel liegt im Detail. Ich hoffe, Sie haben etwas aus dieser Anekdote gelernt, meine Herren.«
So sprach er und setzte endlich die Tasse Tee an die Lippen.
Drittes Kapitel
Am Abend dieses denkwürdigen Tages sahen sich Albrecht und Julius bemüßigt, den Mordfall für einige Zeit Mordfall sein zu lassen und in die schillernde Welt der preußischen Gesellschaft einzutauchen. Die Markgräfin Dorothea von Sternau, eine ebenso vermögende wie schrullige alte Jungfer, hatte die Schönen und Reichen zu einer Soiree auf ihren Landsitz geladen. Anlass zur Feier gab der Geburtstag ihrer Schoßhündchen, zweier kleiner und verwöhnter Promenadenmischungen, welche die ehrenwerte Dame vor einigen Jahren beim Prenzlauer Tor aufgelesen hatte. So exzentrisch und verschroben der Grund für dieses fröhliche Beisammensein auch war – den beiden Freunden war es einerlei; sie nutzten die Gunst der Stunde, um Beziehungen zum Hochadel zu knüpfen.
Die Huld ihres Besuches in diesem ausgewählten Zirkel lag in einem äußerst delikaten Fall begründet, den Julius und Albrecht einst mit Bravour und zur völligen Zufriedenheit der alten Gräfin gelöst hatten: Sternaus Liebesbriefe waren verschwunden gewesen. Diener und Hausgesinde wurden verdächtigt. Die adlige Herrin beschuldigte Sekretäre und Köche, Diebe der verfänglichen Korrespondenz zu sein. Sie verstieg sich gar so weit, Spione und ausländische Kriminelle für das Verschwinden ihrer amourösen Zeilen verantwortlich zu machen.
Da ihm seine Zeit zu kostbar war, um sie mit derartigen Belanglosigkeiten zu vertrödeln, übergab Kommissar Horlitz den Fall seinen zwei Adepten. Diese fassten die Gelegenheit beim Schopf. Binnen weniger Stunden hatten Albrecht und Julius den ganzen Sachverhalt entwirrt, und die Lösung hatte ihre Ursache in einem ganz profanen Umstand: Gräfin Dorothea, die vergessliche Jungfer, hatte schlicht und einfach die Briefe verlegt. Sie steckten als Lesezeichen in einem Buch, das Julius in ihrer Bibliothek auf der Lesekommode fand – pikanterweise in Abbé Prévosts unrühmlicher Geschichte des Chevaliers des Grieux und der Manon Lescaut. Die Ausgabe war völlig zerlesen und ihre erotischsten Stellen mit roter Tinte umrandet.
Wie dem auch sei, jedenfalls quetschten sich die zwei Freunde gegen acht Uhr abends zwischen geparkten Kutschen und Droschken hindurch, bis sie vor dem schmiedeeisernen Eingangstor der Villa Sternau standen, und zeigten einem der Türsteher, die man in lächerliche silberne Fantasie-Uniformen gesteckt hatte, ihre mit Blattgold umrandeten Einladungen.
Der Diener begutachtete die krakelige Handschrift seiner Herrin, blickte Julius leicht irritiert an und reichte ihm die Karte wortlos zurück. Der Tatortzeichner lächelte sinnig, denn er wusste um den kuriosen Inhalt des Textes:
Ich werde tunlichst darauf achten, dass die Luft in meinem Salon Ihren kriminellen Spleen verscheuchen wird.
Herzlichst, Ihre Gräfin D.
Es erübrigte sich zu sagen, dass der Unterschied zwischen »kriminell« und »kriminalistisch« noch nicht in die Hautevolee vorgedrungen war.
Julius und Albrecht betraten das Grundstück und fanden sich in einem der schönsten Gärten außerhalb der Berliner Zoll- und Akzisemauer wieder. Sorgfältig gestutzte Buchsbäume bildeten mehrere Quadrate, in denen die Gemüsebeete nicht bloß nützlich sein sollten, sondern ein dekoratives Element abgaben. Das Blaugrün des Lauchs stach ab vom lichten, hellen Grün des winterlichen Feldsalats. Dazwischen hatte man Rosenkohl und ein paar Steckrüben eingebettet und an den Ecken und Kreuzungen der Vierecke kleine Teiche ausgehoben, die von hölzernen Stangen überdeckt waren, welche ihrerseits von Kletterrosen überwuchert wurden. Auf mit Kies bestreuten Pfaden zwischen den Quadraten hindurch verlief der Weg zum Haus. Alles war von unzähligen Fackeln beleuchtet und in ein irisierendes Licht getaucht. Im Frühling und Sommer, wenn bei den meisten Pflanzen die Blütezeit gekommen war, würde die Anlage ein unvergessliches Bild abgeben.
Ein weiterer Diener empfing sie an der Eingangspforte und führte sie ins Gebäude, das aus ockerfarbenem Stein bestand. Der weitere Weg ging vorbei an prächtigen Möbeln und hinein in einen mondän eingerichteten Saal, dessen Fenster hin zum Garten zeigten. Etliche Gäste waren bereits anwesend, und der Diener kündete Bentheim und Krosick an, wie es einst wohl ein sklavischer Nomenklator der alten Römer gemacht haben würde: Laut und deutlich rief er ihren Vor- und Zunamen und räusperte sich, bevor er die Berufe des Tatortfotografen respektive Tatortzeichners erwähnte, die hier, bei den oberen Zehntausend, nicht gerade als gesellschaftsfähig galten.
Die Damen und Herren drehten sich für einen Augenblick zur Tür und bedachten ihre Wenigkeit mit einem belanglosen Nicken, und dann kam auch schon Gräfin Dorothea angerauscht, ihre zwei obligaten Schoßhündchen auf den Armen. Julius begrüßte sie warmherzig und kramte eine Bockwurst aus der Hosentasche hervor, die er speziell für diesen Augenblick eingepackt hatte.
»Sieh an, ein Geburtstagsgeschenk für meine Lieben!«, entfuhr es der erfreuten Dame. »Ach, es ist erbärmlich«, plauderte Gräfin Dorothea drauflos, »ich kokettiere und kokettiere, aber niemand würdigt mich auch nur eines Blickes. Glauben Sie, ich finde hier einen Gatten?« Und ohne dass der Angesprochene auch nur eine Silbe hätte antworten können, fuhr sie fort. »Dort drüben, sehen Sie, Julius? Dort steht Hermann von Thile, einer unserer Unterstaatssekretäre. Daneben parlieren die Herren Fontane, Möllhausen und Galen. Gehen Sie nicht hin, ich warne Sie; die reden ohne Unterbruch über ihre miesen Texte. Und da hinten, der mit dem Sektglas in der Hand, das ist ein Minister. Aber fragen Sie mich jetzt nicht, was er ministriert; ich bin doch immer so zerstreut und vergesse diese Dinge gleich wieder. Sowieso, diese Politik … Haben Sie übrigens meine neue Fassade bewundert?«
Bentheim verneinte.
»Das ist schade«, bemerkte sie mit Nachdruck. »Äußerst bedauerlich. Die Steine habe ich extra aus La Gaude kommen lassen. Das liegt in Frankreich, müssen Sie wissen. Aber Sie sind ein Studiosus; ich rede und rede, und Sie wissen das bestimmt besser als ich.«
Julius hüstelte leicht irritiert, streichelte ihren Hunden über die Köpfe und entschuldigte sich mit dem Verweis, einen Bekannten unter den Gästen entdeckt zu haben, den Journalisten Friedrich Goedsche. Gräfin Dorothea nahm ihm die Notlüge ab.
Wenig später, nach einer Anstandspause von fünf Minuten, die Julius und Albrecht im Eingangsflur auf und ab gehend hinter sich gebracht hatten, betraten sie erneut den Raum. Albrecht schnappte sich ein Glas Champagner von einem der Tabletts und gesellte sich mit Julius zu einer Ansammlung Männer und Frauen, die gerade dabei war, heftig über die weltpolitische Lage und insbesondere über die neu gegründete preußische Provinz Hessen-Nassau zu disputieren. Das Gespräch zog sich hin und wurde allgemein, bis schlagartig die Damen der Runde verstummten. Ihre Augen waren auf die Saaltür gerichtet, wo soeben ein junger, dandyhaft wirkender Gentleman Stellung bezogen hatte. Groß und dominant, mit viriler Ausstrahlung, betrachtete er herausfordernd die Gesellschaft.
»Das ist er«, seufzte die Frau zu Albrechts Linken. »Er sieht verdammt gut aus. Wenn er nur nicht diesen Pakt geschlossen hätte …«
»Verzeihen Sie. Aber welchen Pakt?«, erkundigte sich der Tatortfotograf.
Die Dame starrte ihn verständnislos an.
»Sie kennen den Vicomte de Rastignac nicht?«
»Ich hatte noch nicht das Vergnügen.«
»Meiden Sie ihn!«, befahl ihm die Frau mit Nachdruck. »Man erzählt sich, er pflege Freundschaft mit Werwölfen. Er steht mit dem Bösen im Bunde.«
Obgleich es sich einer Dame gegenüber nicht ziemte, lachte Julius, der dem Gespräch gefolgt war, unwillkürlich auf.
»So, so«, meinte Albrecht süffisant. »Trägt Ihr Vicomte denn ein Kainsmal? Als Franzose wird er am Ende gar ein Katholik sein. Das wäre bei uns bereits Grund genug, ihn aufzuhängen.«
»Zwei Gründe«, warf Julius leichthin ein. »Franzose und Katholik.«
»Sie belieben zu scherzen«, entgegnete die Frau sichtlich verärgert, bevor sie sich brüsk abwandte.
Julius zuckte mit den Achseln und schickte sich in eine weitaus interessantere Konversation mit einem alten Baron, der zufällig in der Nähe stand.
Drei Stunden später, als die Soiree zu Ende war und die letzten Gäste das Haus verließen, sollte jener besagte Vicomte tatsächlich vor dem Tatortzeichner Aufstellung beziehen und ihn in ein völlig unerwartetes Gespräch verwickeln. Sie standen auf dem Gehweg vor der Villa Sternau: Julius, Albrecht und der Franzose. Die Haare des Ausländers waren leicht pomadisiert, der Anzug tadellos geschnitten, das Gesicht glatt rasiert und die Augen stechend.
»Dacascos Rastignac«, stellte er sich freundlich lächelnd vor, ohne auch nur in Erwägung zu ziehen, seinen Titel oder zumindest sein Adelsprädikat zu nennen. »Und Sie sind die Herren Bentheim und Krosick, nicht wahr? Die berühmten Polizeiaspiranten, wie mir die reizende Gräfin Dorothea heute mitgeteilt hat.«
Er besaß den unvermeidlichen Akzent all jener, die hinter Lothringens Nordosten lebten. Das I betonte er, das R sprach er viel zu oft mit, wo es im Deutschen oft verschluckt wird, und das im Französischen stumme Anfangs-H übersah er auch in seinen Übersetzungen.
Mit der gebotenen Bescheidenheit fügte Julius an, dass sie bloß ihre Arbeit taten wie jeder andere anständige Mann auch. Sein Gegenüber erschien Bentheim trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner Jugend einnehmend und liebenswürdig zu sein. Um den Hals des Franzosen hing ein grauer Schal, der auf Höhe der Schultern mit einem roten Tatzenkreuz geschmückt war. An den Fingern der rechten Hand glänzten zwei teure Ringe.
»Ich habe heute Morgen die Gazetten gelesen, Herr Bentheim, die National-Zeitung, die Vossische und die Spenersche. Ich muss schon sagen, diese Geschichte mit dem toten Herzog hat ein richtiges Rauschen im Blätterwald verursacht. Haben Sie bereits einen Anhaltspunkt?«
»In Bezug auf wen oder was?«
Julius gab sich wortkarg. Langsam fröstelte er ein wenig.
»Natürlich in Bezug auf den Täter«, lachte der junge Vicomte auf. »Solche Mördergeschichten interessieren mich ungemein. Sie wissen schon: Marie-Catherine Cadière und Jean-Baptiste Girard, die Marquise de Brinvilliers und der Chevalier Godin de Sainte-Croix, Catherine Monvoisin oder Gilles de Rais und so weiter und so fort.«
»Leider muss ich Sie insofern enttäuschen, als ich verpflichtet bin, zu unseren laufenden Ermittlungen keine Auskünfte zu geben.«
»Wie schade, wie betrüblich«, sinnierte der Franzose, der diese Floskel zweifellos erwartet hatte. »Aber ich wünsche Ihnen eine gute Heimreise und verabschiede mich gleichzeitig von Ihnen. Ich sehe, mein Kutscher fährt gerade vor.«
Als ob es den Moment abgepasst hätte, raste ein Viergespann um die Ecke. Schnaubend blieben die Klepper vor den drei Männern stehen, ihre Nüstern tropften, ihr Atem qualmte in den Schwaden. Die Kalesche war gänzlich in Schwarz gehalten, die Insignien an der Seite zeigten zwei Ritter auf einem Pferd, darunter standen Name und Nummer des Gefährts; es war eine Velid 13-666, eine edle und keineswegs billige Sonderanfertigung. Vicomte Dacascos griff nach dem Schieber, der die Tür entriegelte, und bestieg den Wagen. Ein letzter Gruß noch aus dem Inneren, und dann stob das Gespann davon.
Der schwarz gekleidete Kutscher, der bislang Bentheims Sichtwinkel verborgen geblieben war, schwang die Peitsche, und dem Tatortzeichner war es, als ob der nach hinten gerutschte Jackenärmel des Mannes einen dunklen, dicht behaarten Arm entblößte. Im Schein der nächsten Laterne kehrte die Kalesche um und preschte erneut an Julius und Albrecht vorüber.
Eiskaltes Grauen und Entsetzen packten Bentheim, als das Wesen auf dem Kutschbock dicht an ihnen vorbeiratterte. Lange blieben die Freunde reglos stehen, um sich über das soeben Erlebte klar zu werden. Ein Frösteln fuhr Julius den Rücken hinab. Er hatte einen Blick auf den fletschenden Rachen eines Wolfsmenschen erhascht; das Gesicht von dichten Haarbüscheln verklebt, die Augen leuchtend und stechend, und als die Kutsche im Nebel verschwand, war aus der Ferne ein Heulen zu vernehmen, das kurz darauf verebbte.
Viertes Kapitel
In dieser Nacht bekundete Julius Mühe, geruhsam zu schlafen. Er wälzte sich hin und her und sah es ganz und gar als ein Ding der Unmöglichkeit, Zeuge dieses seltsamen Zwischenfalls geworden zu sein. Werwölfe gab es nicht, konnte es nicht geben, und so schob er die Erklärung für seine Beobachtung dem nicht gerade sparsamen Umgang mit dem Champagner zu und schlief wieder ein. Am nächsten Morgen stand er auf, körperlich zwar müde, aber zumindest geistig wieder frisch.
Neben sich erblickte er den kleinen Körper seines dreieinhalbjährigen Sohnes auf der Matratze. Im Schlaf bewegte Edwin den Mund. Seine Hand schnellte unbewusst vor, um nach dem Vater zu greifen. Die Morgenstunden waren mithin das Schrecklichste in Julius’ Leben. Wenn Edwin die unergründlich tiefen Augen öffnete, die er von seiner Mutter geerbt hatte, erinnerten sie den Tatortzeichner unweigerlich an Filine, seine allzu früh verstorbene Frau. Kurz nach Edwins Geburt, als ihr Körper schwach und entkräftet gewesen war, hatte die Schwindsucht sie hinweggerafft.
Den Sohn an der Hand stieg Julius Bentheim die Treppen seiner Unterkunft hinab und betrat, durchs Vestibül kommend, die Küche. Seine Vermieterin, die rüstige Offizierswitwe Amalia Losch, begrüßte herzlich die beiden. Der auf Besuch gekommene Albrecht Krosick saß bereits auf der Eckbank.
Wie gewohnt ließ Julius seinen Sohn bei Amalia zurück, die in ihrer Rolle als Ersatzmutter beseligt aufging. Als die beiden Freunde das Haus verließen, beschlossen sie, Horlitz über das kuriose Erlebnis vom Vortag zunächst im Unklaren zu lassen. Den Spott und die bissigen Kommentare des Kommissars fürchtend, stürzten sich die zwei erneut in die Arbeit.
An den folgenden Tagen jedoch stagnierten die Untersuchungen im Mordfall Gerolstein. Gideon Horlitz sah vorerst von einem Zugriff auf den Hausdiener ab. Nach wie vor war der Kommissar davon überzeugt, dass dieser, wenngleich er den Herzog nicht umgebracht habe, dennoch etwas vor den Beamten verschweige. In der Folge wurden verschiedene Polizeiagenten auf den Diener angesetzt, die abwechselnd den mittlerweile beschäftigungs- und stellenlosen Mann beschatten sollten. Sogar Horlitz persönlich hängte sich verbissen an die Observierung, aber zu seiner Enttäuschung verließ der Hausdiener äußerst selten das Anwesen des verblichenen Herzogs.
Falls sich trotzdem etwas regte und der Mann müden Ganges die Hauseinfahrt heruntertrabte, folgte ihm der Kommissar heimlich auf Schritt und Tritt. Er schlich ihm nach, hielt sich verdeckt im Hintergrund und beobachtete jede einzelne Bewegung, jedoch ohne etwas Auffälliges zu bemerken. Julius und Albrecht hatten es sich unterdessen zur Aufgabe gemacht, etwas mehr über das Leben des Verblichenen in Erfahrung zu bringen. Als sie eines Abends wieder im Palais Grumbkow saßen, informierten sie Horlitz über den Stand der Ermittlungen.
»Herzog Rudolf von Gerolstein war der letzte Spross einer der ältesten preußischen Familien«, führte Albrecht aus. »Ursprünglich entstammte sie dem alten hugenottischen Adel, was aus ihrem Namen freilich nicht mehr ersichtlich ist. Aber das kennen wir ja von unserem lieben Freund Theodor Fontane her. In früheren Zeiten dehnte sich der Besitz derer von Gerolstein weit über den ganzen Bezirk hinweg aus, bis hin zu Heinersdorf und Blankenburg. Im Lauf der letzten drei Jahrzehnte aber zerrann der Reichtum der Familie unter den Händen des ermordeten Herzogs. Außer ein paar Feldern, einer abgewirtschafteten Fabrik in Malchow und dem alten Gutsbesitz blieb nicht mehr viel übrig von dem einst großen Hab und Gut der Familie. Ich habe meine Beziehungen spielen lassen und in Erfahrung gebracht, dass das vormals prächtige Vermögen zu einem kleinen Haufen zusammengeschrumpft ist. Der Herzog war so gut wie bankrott, wenn man dem Geschwätz der Leute Glauben schenken darf. Nichtsdestoweniger führte er einen ausschweifenden Lebensstil, hielt sich einen Hausdiener und sammelte jedes noch so ausgefallene Kuriosum, das ihm nur irgendwie in die Finger geriet. Seine frühen Mannesjahre verbrachte er in der französischen Hauptstadt, wo sein Auftreten dermaßen Furore machte, dass er offenbar dem Dichter Eugène Sue als Modell für die Hauptfigur in dessen Geheimnissen von Paris herhalten musste.«
Bei der Erwähnung des berühmtesten aller Kolportageromane kehrte schlagartig ein Leuchten in Bentheims Blick, das jedoch gleich wieder verschwand. Er zuckte müde mit den Schultern und legte den Kopf zurück. Auch Horlitz saß nachdenklich in seinem Sessel und zwirbelte sich ein ums andere Mal die Barthaare. Julius, der einen Seitenblick zu ihm hin warf, hielt es nicht für ratsam, dem Kommissar in dieser Verfassung Fragen zu stellen.
Schließlich meinte Gideon verschlafen: »Das wirft ein völlig neues Licht auf die Angelegenheit, meinen Sie nicht auch? Nun bin aber ich an der Reihe, Ihnen von meinen Nachforschungen zu erzählen. Entweder ist unser Hausdiener viel zu schlau für uns und hält uns zum Narren oder er ist tatsächlich genauso unschuldig, wie er sich verhält. Jedenfalls lässt er sich nicht aufs Glatteis führen. Die einzigen Male, die er das Anwesen seines ehemaligen Herrn verlassen hat, nutzte er, um mit einer Mietdroschke hinauf zum Prenzlauer Windmühlenberg und zu den Schnapsbrennereien zu fahren, wo er Brot, Korn, Senf und ein paar Flaschen Getreidekümmel erstand.«
»Nicht gerade eine von Erfolg gekrönte Beschattung«, mokierte sich Albrecht, doch der Kommissar machte eine warnende Handbewegung.
»Ich würde keine vorschnellen Schlüsse ziehen. Obwohl sich nicht der Diener verdächtig benommen hat, tat dies dafür ein mir noch unbekannter Mann, der sich ebenfalls für unseren Verdächtigen zu interessieren schien.«
Julius horchte auf.
»Noch ein Verfolger?«
»Es hat den Anschein. Zwar sah ich in den letzten Tagen nur ein altes, gebrechliches Mütterlein, einen forschen Milchmann sowie einen älteren Herrn mit Schnurrbart und grauen Haaren, die mir während der Beschattung des Dieners besonders ins Auge gefallen sind, doch die Gangart dieser drei eigentlich so unterschiedlichen Personen war von solch verblüffender Ähnlichkeit, dass ich nur den einen Schluss ziehen konnte: Es muss sich bei ihnen um ein und dieselbe Person handeln.«
»Wer sollte ein Interesse daran haben, den Hausdiener zu verfolgen?«, fragte Bentheim leicht verwirrt, worauf Horlitz entgegnete: »Genau das, meine Freunde, werden wir morgen herausfinden müssen.«
Fünftes Kapitel
Noch vor Sonnenaufgang lagen Julius Bentheim und Albrecht Krosick auf der Lauer. Sie hatten sich an einem der alten, weit ausladenden Bäume vor dem Anwesen des seligen Herzogs ins restlich verbliebene Herbstlaub des Wipfels hochgezogen und saßen nun in mehreren Fuß Höhe auf einem Ast, der gefährlich im Wind schwankte.
Krosick war in eine dicke Wolldecke eingehüllt, während Bentheim einen Wintermantel um den Körper geschlungen hatte. Schweigend sahen sie über die Grundstücksmauer und beobachteten die ausgedehnte Domäne, die in morgendlichen Nebel gehüllt war und bei beiden einen gespenstischen Eindruck hinterließ. Irgendwo in der Ferne heulte ein Tier, und von einem der nahen Bäume hallte ein Käuzchenschrei herüber.
Die Minuten vergingen. Minuten, die sie – beinahe steif gefroren – auf dem knarzenden Ast verbrachten. Einmal schlug ein Kaninchen seine Hacken über das Feld, ein andermal sauste raschelnd eine Feldmaus unter dem Baum vorbei. Dann herrschte wieder Ruhe, und nicht das leiseste Knistern und Raspeln war in den Baumkronen zu hören.
Plötzlich hob Albrecht den Arm und deutete auf die östliche Umgrenzung des Anwesens. Julius spähte hinüber und konnte gerade noch erkennen, wie sich jemand über die Mauerkrone hangelte. Soweit Bentheim seine Augen nicht täuschten, trug der Eindringling einen schwarzen Mantel. Es war zweifellos ein Mann: Statur und Körperbau des Fremden waren kräftig, seine geduckte Gangart ließ mitnichten auf das grazile Wesen einer Frau schließen. Geschickt verbarg der Unbekannte das Gesicht hinter einem ebenfalls dunklen Schal, seine Hosen waren eng anliegend, und unter seiner linken Achsel beulte sich der Mantel ein wenig.
»Er ist bewaffnet«, flüsterte Albrecht, der denselben Gedankengang hatte wie Bentheim.
Nervös blickte der Tatortzeichner zu seinem Freund hinüber, doch Krosick gab ein Zeichen der Zurückhaltung. Beherrscht hielt Julius den Atem an, als er von ihrem luftigen Versteck aus das Geschehen verfolgte.
Nebelschwaden zogen über die Wiese. Nur bedingt gaben sie die Sicht auf die sich entwickelnde Handlung frei. Hin und wieder erhaschte Julius einen Blick und sah, wie sich der Eindringling dem Haus näherte. Unsicher, als ob er die Anwesenheit der Polizeianwärter erahnte, schaute der Mann sich um. Dann schlich er wieder einige Fuß näher an das Gebäude heran, stets gebückt und mit angespannten Muskeln. Kurz bevor der Fremde das prächtige Anwesen erreicht hatte, gab Albrecht ein Zeichen.
Lautlos sprangen die Freunde vom Baum, kletterten über die Grundstücksmauer hinweg und ließen sich auf der anderen Seite ins nasse Gras fallen. Schwer atmend lag Julius hinter einem dichten Gebüsch in Deckung, während Albrecht auf allen vieren auf ihn zugekrochen kam. In seiner Stellung verharrend, beobachtete er das Gebäude, so gut es der Nebel zuließ, und stürzte dann völlig unerwartet aus ihrem Versteck heraus.
»Komm, Julius! Komm schon!«, rief er und eilte auf den Westflügel zu.
Nun war Bentheim klargeworden, dass der Unbekannte bereits in das Gebäude eingedrungen sein musste. Er hetzte seinem Freund nach, durch den Garten rennend, wich taufeuchten Ästen aus, die wie Fangarme nach ihm zu greifen schienen, trampelte über Blumenbeete und erreichte schließlich seinen Freund, der vor einem Fenster des Gebäudes kauerte. Der Rahmen wies die unverkennbaren Kratzspuren eines Dietrichs auf, wahrscheinlich von einem einfachen, aus einem Eisennagel hergestellten Sperrhaken. Das Fenster war von außen entsperrt und von innen ins Schloss fallen gelassen worden.
Während Krosick seine Waffe zog, spähte er vorsichtig durch das milchig trübe Glas. Seit Julius und er im Preußisch-Österreichischen Krieg gekämpft hatten, durften sie auch als Polizeiadepten offiziell den Revolver tragen. Ein Antrag an den Polizeipräsidenten Lothar von Wurmb, eingereicht von Gideon Horlitz persönlich, hatte es möglich gemacht.
Albrecht murmelte etwas Unverständliches, bevor er einige Schritte zurücktrat und in einem gefährlich tollkühnen Sprung durch die Scheibe hechtete. Das Glas zersplitterte und klirrte, das Krachen von Holz wurde laut, und dann hörte Julius den Aufprall seines Freundes auf dem Fußboden des Hauses. Von Krosicks wilder Entschlossenheit überrumpelt, stand der Tatortzeichner noch immer vor dem Westflügel des Gebäudes. Instinktiv nahm er ebenfalls etwas Anlauf und wollte schon seinem Freund folgen, als das ohrenbetäubende Geräusch einer abgefeuerten Pistolenkugel die Stille durchbrach. Und dann ertönte ein zweiter Schuss, dem weitere folgten. Zwei leere Hülsen flogen Bentheim um die Ohren. Er warf sich zu Boden, hielt schützend die Arme über den Kopf und wartete, bis der ganze schreckliche Zauber vorbei war.
Plötzlich herrschte wieder Stille.
Vorsichtig sah Bentheim hoch, als er auch schon die vertraute Stimme seines Freundes vernahm.
»Komm rein, Julius«, rief ihm Albrecht zu. Diesmal lag unverkennbar ein Schimmer von Enttäuschung in seiner Stimme.
Der Tatortzeichner stieg durch den Fensterrahmen ins Gebäude und blickte sich um. Der Raum, in dem sie sich befanden, war nicht minder skurril als die anderen, die Julius bereits ein paar Tage zuvor gesehen hatte. Vor den Wänden standen steinerne, mit Hieroglyphen beschriftete Sarkophage. Das ganze Interieur erinnerte Julius an das Haus in der Behrenstraße 60, wo Albrecht und er vor einigen Monaten bei den Eheleuten Lepsius zu Gast gewesen waren. Karl Richard Lepsius, der Begründer der modernen Ägyptologie in Deutschland, hatte seine Gemächer ebenfalls nach Art der Söhne des Nils geschmückt gehabt.
In der Ecke links von Julius ruhte in einer blank geputzten, glitzernden Glasvitrine eine lebensgroße Mumie, die ihm aus ihren geschrumpften, ausgetrockneten Augäpfeln entgegenstarrte. Wenige Ellen vor seinen Füßen lag der leblose Körper des unbekannten Eindringlings. Weißer Schaum floss aus seinem Mund und tröpfelte auf den Boden herab.
»Du hast ihn erschossen, Albrecht!«, bemerkte Bentheim trocken.
Der Fotograf schüttelte missmutig den Kopf. Er reichte Julius seine Waffe und sagte: »Sieh selbst nach. Aus dieser Pistole wurde keine einzige Kugel abgefeuert. Er war es, der auf mich schoss. Aber ich ging in Deckung und zählte die Schüsse, die er auf mich abgab. Sowie er keine Patronen mehr hatte, kam ich mit gezogener Waffe aus meinem Versteck, um ihn zu stellen. Als er die Ausweglosigkeit der Situation einsah, griff er unverzüglich in seine Manteltasche, zog eine Kapsel hervor und schluckte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.«
»Kaliumcyanid?«, fragte Bentheim verblüfft.
»Sieht so aus.«
Er wollte Krosick gerade nach den so unerforschlichen Beweggründen fragen, die zu dieser Tat geführt hatten, als ein Geräusch die beiden Freunde herumfahren ließ. Vor ihnen stand der Hausdiener, der sich einen Morgenmantel übergeworfen hatte. In den Händen hielt er ein großkalibriges Jagdgewehr – eines der Marke Dreysesche Zündnadel-Wallbüchse M65 – und stocherte damit wild in der Luft umher.
»Was geht hier vor?«, fragte er, und in seiner Donnerstimme lag die Wut des zu Unrecht in seinem Schlaf Gestörten. »Was machen Sie hier, meine Herren? Wer hat hier geschossen?«
Albrecht Krosick zeigte wortlos auf den Toten und ließ die Sache damit auf sich beruhen.
»Benachrichtigen Sie die Gendarmerie am Molkenmarkt und bitten Sie um Verstärkung«, trug Julius dem Hausdiener auf, während sich Albrecht über den Leichnam beugte und ihm den Schal vom Gesicht zog. Schockiert starrte der Bedienstete auf den leblosen Körper, während er ein devotes »Sofort, die Herren!« vor sich hin stammelte. Dann riss er sich von dem üblen Anblick los und eilte davon.
Julius wandte sich seinem Freund zu, der in der Zwischenzeit in die Hosen- und Hemdtaschen der Leiche gegriffen hatte.
»Nun, Albrecht, hast du etwas über die Beweggründe dieses Mannes herausgefunden?«
Krosick hielt ihm ein Blatt Papier entgegen.
»Das Einzige, was dieser Mann hier auf sich trug, ist dieses Schreiben. Und das werden wir heute noch gemeinsam entziffern müssen.«
Bentheim griff nach dem Papier, faltete es auseinander und las:
1216201817
201552054514 49514518
20185661621141120
23119 8120 19952514 81521205
21144 259191920 112125
135141938514?
Verärgert gab er den Zettel zurück. Wie sollte dieser Code – falls es überhaupt einer war – zu knacken sein? Wie viel Zeit blieb ihnen dafür? Und hatte er überhaupt etwas mit ihrem Fall zu tun? Der Tatortfotograf schaute seinen Freund mokant an, lächelte gelassen und meinte, als er Bentheims Unmut und seine Verzagtheit erfasst hatte: »Schneide nicht so ein griesgrämiges Gesicht, Julius. Der Code sollte leichter zu dechiffrieren sein, als du annimmst.«
»Wie kommst du darauf?«
»Deduktive Logik. Nehmen wir uns ein Vorbild an Gideon Horlitz und machen wir, was er getan hätte. Schau dir den Toten einmal genauer an, Julius. Seine Hände sind von Schwielen übersät, das Gesicht ist nachlässig rasiert, auch benutzt er kein Rasierwasser. Der Verblichene zählte also keineswegs zum erlauchten Kreis besser verdienender Leute. Nein, er gehörte vielmehr dem Menschenschlag an, der seine Kräfte und seine Muskeln gebraucht. Ich bezweifle stark, dass der Absender dieser Nachricht unserem Fremden hier eine intellektuelle Höchstleistung abverlangen konnte, nur um diesen Text zu entziffern. Was der Einbrecher vermochte, können wir beide schon lange, meinst du nicht auch, Julius?«
Sechstes Kapitel
Zwei Stunden später saßen Bentheim und Krosick wieder im Büro ihres Vorgesetzten im ehemaligen Palais des Oberfeldmarschalls von Grumbkow. Gideon Horlitz ließ sich auf den aktuellen Stand der Dinge bringen. Dabei hockte er asketenhaft auf seinem Sessel, die Füße übereinandergekreuzt wie ein buddhistischer Mönch aus dem fernen, bunten Indien. Seine Rechte fuhr durch seinen Bart. Dann und wann vernahm Julius jene undefinierbaren Grunzlaute, die der Kommissar von sich zu geben pflegte, wenn er angestrengt nachdachte.
Die Minuten verstrichen, ohne dass sich Horlitz auch nur einmal zu Wort meldete. Julius beobachtete ihn insgeheim und fragte sich, was in seinem Hirn vorgehen mochte. Die Leichtigkeit, mit welcher der erfahrene Horlitz seine Schlussfolgerungen zog, überschritt den Horizont seines Denkprozesses. Bentheim blickte noch einige Zeit auf den Zettel mit den vielen Zahlen, den sie bei dem Toten gefunden hatten, bevor er entnervt den Kopf schüttelte und den Kommissar und Albrecht alleine zurückließ, um sich beim Gasthof ums Eck ein Bier und eine Brezel zu gönnen. Die beiden würden das Problem schon lösen.
30 Minuten später erwartete ihn ein ausgewechselt wirkender Kommissar. Er hatte sich eine Pfeife angezündet, deren beißenden Qualm er genussvoll inhalierte. Auch Krosick lächelte bis über beide Ohren.
»Sie haben doch nicht …?«
Gideon Horlitz nickte freudig. Fassungslos blickte Bentheim ihn an. Vollkommen ratlos, wie seine Freunde es geschafft hatten, den Code zu knacken, beugte er sich über das Papier. Noch bevor er etwas fragen konnte, hielt ihm der Kommissar ein weiteres Blatt entgegen, auf dem er in markanter Schrift seine Überlegungen notiert hatte.
»Sehen Sie, Julius, es ist doch ganz einfach. Sie müssen nur die richtigen Schlüsse aus den gegebenen Fakten ziehen, um ans Ziel zu gelangen. Cäsar, der allseits bekannte römische Feldherr, hatte zum Beispiel eine eigens für ihn entwickelte Geheimschrift, die ebenso einfach wie effektiv war: An die Stelle des A trat das D, an die Stelle des B das E und so weiter. Das nennt man gemeinhin monoalphabetische Verschlüsselung. Die alten Römer haben die Buchstaben ihres Klartextes einfach um drei Stellen verschoben. Der Name Cäsar wurde also, wenn ich mir das im Kopf so auf die Schnelle richtig zusammenreime, in seiner lateinischen Variante wie folgt geschrieben: Fdhvdu. Bei unserem Code verhält es sich ähnlich. Statt Buchstaben hat der Codierer einfach Zahlen verwendet. Eine 1 steht demnach für den ersten Buchstaben des Alphabets, das A. Die 2 steht für das B, die 3 für das C. So zieht es sich das ganze Alphabet hindurch fort. Bis hin zum Z, das der Zahl 26 entspricht.«
Bentheim wusste um die Komplexität zahlreicher mathematischer oder sprachlicher Codes. An der Friedrich-Wilhelms-Universität hatte er ein Seminar besucht, das sich mit den Kommunikationsmitteln des organisierten Verbrechens befasst hatte. Ausgefeilt und schwer zu knacken waren sie gewesen, jene Kassiber, Mordaufträge und Ganoven-Befehle, die meisten im Rotwelsch geschrieben, manche im Grypsera, einige wenige im Lotegorischen. Ihnen allen war jedoch gemein, dass man im Besitz des spezifischen Codes sein musste, um aus der Nachricht erst eine Information werden zu lassen. Dass Albrecht und Horlitz bloß ein paar Minuten für die Dechiffrierung gebraucht hatten, machte Julius sprachlos.
Der Kommissar seufzte lautstark.
»Kommen Sie, ich zeige es Ihnen, mein Freund«, sprach er und hielt Julius den Zettel mit dem codierten Text entgegen. »Schauen Sie doch nur einmal die Nummer 20185661621141120 an. Sehen Sie genau hin. Nach der Acht kommt eine Fünf, gefolgt von zwei Sechsen. Stellen Sie die Acht und die Fünf zusammen, so erhalten Sie die Zahl 85. Hierzu gibt es aber keinen entsprechenden Buchstaben. Auch für die folgenden Zahlen 56, 66 und 61 gibt es keine Buchstaben, die man ihnen zuordnen könnte. Die Fünf und die beiden Sechsen müssen einzelne Zahlen sein. Womit wir schon ein wenig auflösen können: 2018eff1621141120.
Machen wir nun weiter, Julius. Am Ende dieser Verschlüsselung stehen eine Zwei und eine Null. Die Null entspricht aber keiner Zahl, da das Alphabet mit A, also 1 beginnt. Wir haben also eine 20 am Ende, ebenso am Anfang. Also können wir auch schreiben: T18eff16211411t.
Setzen wir nun für die ersten beiden Zahlen, die Eins und die Acht, ihre entsprechenden Buchstaben ein, so erhalten wir den Wortteil Taheff-, was eindeutig ein Fehler ist. Ziehen wir aber die Eins und die Acht zu einer 18 zusammen, so verschmelzen die schon vorhandenen Buchstaben zum Wortteil Treff-, was die Sache ziemlich erleichtert. Lösen wir auch noch die restlichen Zahlen auf, so kommen wir von Treff16211411t zum leicht verständlicheren Wort Treffpunkt.«
Bentheim blieb beinah die Luft weg.
»Sie sind ein Genie«, stammelte er.
Horlitz aber winkte ab und meinte bescheiden: »Genug der schmeichelnden Worte, Julius. Lassen Sie uns jetzt darangehen, das Rätsel vollständig zu lösen.«
Und so geschah es denn auch.
Die drei Ermittler saßen über dem Kryptogramm, tüftelten Buchstaben- und Zahlenkombinationen aus, bis erneut ein Wort dechiffriert war. Sie überlegten angestrengt, konzentrierten sich auf die Chiffren, die vor ihnen lagen, doch kaum war der eine so weit, eine Lösung vorzuweisen, kam ihm der andere bereits zuvor. Krosick warf einen Vorschlag ins Feld, dann wiederum Bentheim, dann wieder der Kommissar, bis sie es schließlich geschafft hatten. Gideon Horlitz atmete erleichtert auf und zündete sich aus einem Gefühl des Triumphes heraus erneut seine bereits zum zweiten Mal gestopfte Pfeife an. Vor ihnen lag des Rätsels Lösung:
Auftrag:
Töte den Diener.
Treffpunkt:
Was hat sieben Häute
und beißt alle
Menschen?
Ihre anfängliche Freude und Albrechts kindlicher Übermut schwanden sogleich, als die drei Ermittler den Inhalt des Textes erfasst hatten.
»Schon wieder ein Rätsel!«, entfuhr es Krosick zornig. »Wollen die uns zum Narren halten?«
»Keineswegs«, meinte Bentheim. »Wir müssen bildlich denken, Albrecht. Der Tote hatte also den ehrlosen Auftrag, den Kammer- und Hausdiener des verblichenen Herzogs von Gerolstein umzubringen. Nach begangener Tat hätte er sich mit einer dritten Person treffen sollen, sehr wahrscheinlich mit dem Auftraggeber des schändlichen Vorhabens.«
»Wieso hat der Mandant des Killers den Zettel nicht einfach in Klarschrift ausformuliert?«, warf Albrecht ein.
»Wahrscheinlich ist das damit zu erklären«, überlegte Horlitz, »dass pure Zahlenkombinationen bei einer Handschriftenanalyse fast keine Anhaltspunkte bieten. Wie dem auch sei … Das Rätsel ist so allgemein gestellt, dass sich die beiden Verschwörer wahrscheinlich in der näheren Umgebung verabredet hatten. Was also hat sieben Häute?«
»Eine Schlange?«, schlug Albrecht vor. »Vielleicht treffen Sie sich auf dem Gelände der alten Fasanerie?«
»Im Zoologischen Garten?«
Der Kommissar überlegte kurz, schüttelte dann aber langsam den Kopf.
Albrecht insistierte: »Weshalb keine Schlange? Sie häutet sich mehrmals und beißt alle Leute. Genau wie beschrieben.«
»Ich dachte erst auch in diese Richtung. Leider gibt es in unserem Zoo keine Schlangenterrarien. Es hat Volieren für Adler, Eulen und Raben, und gerade haben die Arbeiten für die neuen Hirschreviere begonnen, die in ein paar Monaten zur Besichtigung freigegeben werden. Nein, hier ist etwas anderes gemeint.«
Krosick und Horlitz überlegten fieberhaft, ohne auf eine adäquate Lösung zu kommen. Während sie vor sich hin grübelten, beäugte sie Julius gespannt. Mit durchdringenden Blicken sah er sie an und räusperte sich schließlich lautstark. Er, der sich schwärmerisch mit seinem Sohn abgab und in seinem Bekanntenkreis immer wieder nach Kinderliedern, lustigen Reimen und Versen suchte, kannte längst die Antwort.
»Die Lösung ist eine Zwiebel.«
Seine Augen glänzten, und er blies triumphierend den Rauch von Gideons Pfeife weg.
»Sie machen sich über mich lustig.«
»Keineswegs«, entgegnete Bentheim. »Das ist eine Scherzfrage, ein bekanntes Rätsel aus der Vorschule oder den Kinderbewahranstalten. Eine Zwiebel hat sieben Häute und beißt auch alle Menschen. Natürlich im übertragenen Sinn.«
Horlitz lachte auf.
»Und wo, bitte schön, sollen wir nun eine Zwiebel finden? Wollen Sie die Marktstände und Gemüseläden bewachen lassen, nur weil sich vielleicht der Auftraggeber in der Nähe einer Zwiebel befindet? Das ist schlicht grotesk und zudem einfach lächerlich.«
»Sie haben nicht ganz verstanden«, sagte Julius. »Ich meine sicherlich keine richtige Zwiebel. Sie müssen bildlich denken. Wo finden wir diese Gemüsepflanze, wenn nicht auf Marktständen?«
Nun ging seinen Freunden ein Licht auf.
»Natürlich! Das ist es!«, rief Albrecht aus. »Der Kirchturm der evangelischen St.-Peter-und-Paul-Kirche am Wannsee besitzt ein Zwiebeldach. Dort also wollten sich die beiden Halunken treffen.«
»Exakt! Und die Person, welche die Notiz geschrieben hat, wird uns noch vor Ort in die Fänge gehen.«
»Wie meinst du?«, fragte Albrecht überrascht. »Wir kennen den Zeitpunkt des Treffens nicht.«
»Doch, doch, das tun wir«, sprach Julius, der nun stetig selbstsicherer wurde. »Halte die Notiz gegen das Licht.«
Albrecht tat, wie ihm geheißen, streckte das Papier der flackernden Funzel ihrer Zimmerlampe entgegen und entdeckte ein kleines, aber dennoch gut sichtbares Wasserzeichen.
»Was siehst du?«
»Ich erblicke ein großes T«, gab der Fotograf zur Antwort.
»Sehr gut!«, meinte Julius. »T ist der 20. Buchstabe des Alphabets. Wir werden also unseren mysteriösen Unbekannten um die 20. Stunde in der St.-Peter-und-Paul-Kirche erwarten. Spätestens dann wird sich herausstellen, wer hinter diesen Morden steckt.«
Siebtes Kapitel
Eine Viertelstunde vor acht Uhr abends fanden sich Julius Bentheim und Albrecht Krosick auf Nikolskoe am Wannsee ein. In Steinwurfweite von der Kirche, die nördlich der Königsstraße zwischen der Pfaueninsel und dem Park Klein-Glienicke im Düppeler Forst gelegen war, floss die Untere Havel vorbei.
Gideon Horlitz wartete bereits auf seine zwei Gehilfen und besaß einen etwas ungeduldigen Gesichtsausdruck.
»Da sind Sie ja!«, begrüßte er sie grantig, wobei er einen demonstrativen Blick zur Turmuhr in der blau-weißen Rosette warf. Auch Bentheim sah hoch, doch die Dunkelheit machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Er konnte nicht einmal die Zeiger erkennen. »Gerade rechtzeitig«, fuhr der Kommissar ungerührt fort. »Von unserer Kontaktperson ist noch nichts zu sehen, was auch gut ist. Gehen wir hinein.«
Bentheim und Krosick kamen weder zu Wort noch konnten sie ein freundliches »Guten Abend« von sich geben, so schnell hatte der Kommissar sie begrüßt und förmlich überrumpelt. Er zog sie hinter sich her, und seine schnellen Schritte zielten auf die Kirche hin, die Friedrich Wilhelm III. seiner Tochter zuliebe, der Zarin Alexandra Fjodorowna, nach dem Stil russisch-orthodoxer Gotteshäuser hatte erbauen lassen. Die Wandflächen waren glatt, einzig ein Gesims teilte den kubischen Baukörper in zwei gleich hohe Abschnitte. Der obere Teil war von Arkaden durchbrochen. Ein zierlicher Turm – der einzige Kirchturm des Gebäudes – endete nach russischem Vorbild in einer Zwiebelkuppel.
Noch im Gehen, als sie die fünf Stufen zur Eingangspforte nahmen, offenbarte der Kommissar seine Pläne: »Sie, Julius, setzen sich in eine der hintersten Reihen dieser Holzbänke und beobachten sorgfältig das Geschehen. Sie, Albrecht, machen dasselbe auf der anderen Seite, während ich mich in einen der unbenutzten Beichtstühle begebe, von wo aus ich ebenfalls eine günstige Übersicht genieße. Falls eine verdächtige Person auftaucht, knien Sie einfach nieder und täuschen ein Gebet vor. Alles andere überlassen Sie mir.«
Die Tür krachte hinter ihnen ins Schloss, einen lauten und dumpfen Nachhall hinterlassend. Ein leichtes Gefühl von Unbehagen ergriff Julius. Obgleich er weder fleißiger Kirchgänger noch gläubiger Mensch war, missfiel es ihm, hier, im Hause Gottes, auf Verbrecherjagd zu gehen und die Ruhe dieser ehrwürdigen Einrichtung zu stören. Albrecht, welcher aufrührerischen und revoltierenden Gedankengängen aus Prinzip nie abgeneigt war, blickte ihn verwundert an. Und auch Horlitz, dessen rein logisch und pragmatisch denkender Geist die Existenz höherer Mächte als jener der Naturgesetze stets infrage stellte, solange sie nicht bewiesen waren, musste das Missbehagen in Bentheims Gesicht bemerkt haben.
Sich dem Tatortzeichner zuwendend, raunte er: »Falls Gott existiert, ist es sein Wille, dass wir die Morde an dem Herzog und dem Unbekannten aufdecken, selbst wenn wir dies in seinem Hause tun sollten. Wieso auch nicht? Was spricht dagegen, der Wahrheit Tür und Tor zu öffnen?«
Julius Bentheim seufzte ergeben. Neben dem Eingang stand ein Weihwasserbecken, was ungewöhnlich war für eine evangelische Kirche, aber womöglich etwas mit dem orthodoxen Vorbild zu tun hatte. Bentheim tippte den Finger ins Nass und bekreuzigte sich, bevor er die düstere Halle durchschritt. Die Balkendecke flach, die Emporen schlicht gehalten – alles hier atmete den Hauch des Klassizismus.
Wenige Meter weiter, bei einer der hintersten Reihen, setzte sich Julius nieder, während Albrecht es ihm gleichtat und der Kommissar einen der Beichtstühle aufsuchte. Außer ihnen waren zwei weitere Personen anwesend: eine junge, einnehmend hübsche Frau, die ein schlichtes schwarzes Kleid trug und gerade dabei war, an einem Kerzenständer einige Lichter zu entfachen, sowie ein beleibter Kleriker, der gedankenverloren vorn im Chorraum kniete und zum Altar hin betete. Unter dem Saum seiner Kutte schauten die abgewetzten Sohlen seiner Hanfsandalen hervor.
In einer katholischen Kirche hätte Bentheim pro forma einen Rosenkranz hervorgezogen und ihn mechanisch zwischen den Fingern hin und her wandern lassen. Hier jedoch fehlte dieses Utensil zur perfekten Scharade. Er faltete also lediglich die Hände, ließ den Kopf ein wenig sinken und beobachtete aus den Augenwinkeln heraus den Raum. Offensichtlich war die gesuchte Person noch nicht aufgetaucht.
Nach einiger Zeit erhob sich der beleibte Ordensbruder. Er ordnete den Faltenwurf seiner Kutte und wälzte sich schwer atmend durch den Kirchgang. An den Säulengängen, welche linker und rechter Hand die Emporen hielten, waren ein paar Leuchten angebracht, die alles in dunkles Rot tauchten – ein Teufelsrot, wie Julius meinte, das eine gespenstisch-dämonische Atmosphäre hervorrief.
Er spähte dem Dicken nach, während sich bei der offenen Kniebank auch Albrecht nach ihm umblickte. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Augen, und der Tatortfotograf zuckte fragend mit den Schultern.
Wo blieb der gesuchte Mittelsmann?
Bentheim sah noch einmal in die Richtung der eleganten Dame in Schwarz – offenbar eine Witwe – und ließ dann den Blick gemächlich durch die Kirche schweifen. Falls jemand eintreten sollte, so würde das laute Ächzen der Eingangstür sein Kommen schon ankünden.
Die St.-Peter-und-Paul-Kirche war ein Ort, den man gemeinüblich mit dem Attribut »seltsam« äußerst trefflich beschreiben konnte. Ziel und Nutzung der Kirche waren zwar dieselben wie bei allen anderen Kirchen auch, doch trat sie drastisch aus der Ansammlung von Gotteshäusern hervor. Man konnte sie gar als Panoptikum für einen Kunsthistoriker ansehen. Form und Ausstattung des Bauwerks waren nur schwer in die Kategorien und Epochen der Kirchenarchitektur einzuordnen. Hauptschiff und die beiden Seitenschiffe waren theoretisch gleich hoch. Doch die Emporen, die durch tiefer gelegene Bogen miteinander verbunden waren, ließen zumindest optisch eine Dreiteilung erahnen. Ein riesiges Gewölbe schmückte das Chorhaupt, vor dem links auf vier achtkantigen Pfeilern mit korinthischen Kapitellen eine hölzerne Kanzel stand. Die über dem Altar angebrachten Fensterrosen spendeten zu wenig Licht, als dass es die vorherrschende Dunkelheit durchbrochen hätte.
Julius fragte sich gerade, wie herrlich wohl die Orgel klingen musste, die mit zehn Registern und einem Manual der berühmten Firma Turley gebaut worden war, als sich einige Bänke vor ihm etwas bewegte.
Die Frau war aufgestanden und schritt nun Richtung Ausgang. Langsam kam sie an Bentheim vorbei, und er konnte in ihren Augen eine Träne erblicken, die sie verstohlen wegwischte. Mit zitternden Händen klammerte sie sich an einer beutelartigen Pompadour-Tasche fest. Ihre Brosche, ein in einer silbernen Fassung eingelegtes Obsidian-Herz, das sie über der linken Brust an ihr Kleid geheftet hatte, reflektierte den Kerzenschein.
Armes Geschöpf, dachte Bentheim, als sie so verloren an ihm vorbeiging, um die Kirche zu verlassen. Noch immer trauerte er Filine nach, Edwins Mutter und seine der Schwindsucht erlegene Gattin, und er fühlte mit der jungen Witwe.
Wiederum ein lautes Krachen, und die Tür fiel ins Schloss.
Da hörte Bentheim den Kommissar, wie er fluchend und blaffend auf Albrecht und ihn zugeschossen kam: »Himmel! Was haben wir falsch gemacht? Eine geschlagene Stunde sind wir schon hier und haben noch immer kein Zeichen von unserem Mittelsmann. Wo bleibt der Kerl bloß, zum Teufel noch mal!«
»Gideon!«, fuhr Julius seinen Freund und Vorgesetzten an. »Wir sind in einer Kirche.«
Nur schwerlich beruhigte sich Horlitz. Dann aber vergewisserte sich der Kommissar leicht beschämt, ob nicht doch noch jemand Zeuge seines Benehmens geworden war, und atmete erleichtert auf.
Enttäuscht verließen sie die Kirche. Versonnen ging Horlitz vor Krosick und Bentheim her. Sie gingen den Pfad zum Nikolskoer Weg hoch, dem sie eine Zeit lang in einvernehmlichem Schweigen folgten. Bald darauf konnten sie einen zufällig vorbeifahrenden Dogcart heranwinken. Sie bestiegen die Kutsche und ließen sich in die Stadt fahren. Das Gefährt holperte über den Weg, bog in rasantem Tempo nach rechts um die Kurve in die Königstraße ein, wo es über die Glienicker Brücke weiterging. Schließlich ließen sie vor den ersten Patrizierhäusern halten.
Bentheim verabschiedete sich von seinem Freund und ihrem älteren Kollegen, der seinen Gruß regungslos, fast schon apathisch quittierte. Gideons Gedanken mochten wohl um die seltsamen Umstände kreisen, die bisher zu zwei Todesfällen geführt hatten, und so war es für Julius nicht weiter verwunderlich, dass er von der Verabschiedung keine große Notiz mehr nahm.
Während Bentheim sich darauf freute, zu seinem Sohn zurückzukehren, um mit ihm, der jetzt schon schlafen mochte, die wenigen Stunden trauter Gemeinsamkeit zu genießen, ging sein Mentor gänzlich in seinem Beruf auf. Seit Claras Hinscheiden war die Arbeit seine Braut, und seine Besessenheit, was obskure, beinah schon ins Fantastische hinauslaufende Begebenheiten anging, ließ ihm gar keine Zeit übrig für solch »banale Dinge wie Balztanz und erneute Brautschau«. Zumindest waren dies seine Worte.
Wie gesagt, fand sich Bentheim bei seiner Vermieterin ein. Mit Frau Losch nahm er eine späte Abendmahlzeit zu sich und plauderte mit ihr über den neuesten Klatsch und Tratsch der Hauptstadt. Auch diskutierten sie angeregt die Entwicklung der preußischen Außenpolitik sowie den aktuellen Akzessionsvertrag, durch den der Kleinstaat Waldeck einen Teil seiner Hoheitsrechte an Preußen verloren hatte. Sie tranken Wein – die rüstige Offizierswitwe sogar drei ganze Gläser – und genossen den Abend, bis sie lachend und müde zu Bett gingen.
Achtes Kapitel
Am nächsten Vormittag begegnete Julius dem Kommissar auf dem Flur des Stadtpalais Grumbkow. Ein Lächeln zierte Gideons Gesicht, wie es stets der Fall war, wenn er ein Geheimnis aufgedeckt hatte, doch seine Augen waren diesmal voller Verdruss.
»Hoffe, Sie hatten eine erholsame Nacht«, grummelte er und hastete an seinem Angestellten vorbei in sein Büro, dessen Tür er schwungvoll schloss und Bentheim somit für dieses eine Mal den Zugang zu seinen geheiligten vier Wänden verwehrte. Der Tatortzeichner zog sich in einen anderen Arbeitsraum zurück, wo er ein paar Akten durchforschte, die seine Kollegen angelegt hatten. Albrecht war nirgends zu sehen. Von Theodor Görne, dem hageren Staatsanwalt, der zufällig auf Visite war und kurz ins Zimmer blickte, erfuhr Julius, dass sein Freund schon frühmorgens auf dem Kommissariat gewesen war, aber mit einem Spezialauftrag weggeschickt worden sei.
»Spezialauftrag?«
Görne nickte, wobei seine peinlich-langen Seitenhaare, die er von links über den Glatzkopf gekämmt hatte, gefährlich wippten und zu rutschen drohten. »Ja, so hat Horlitz es genannt: ein Spezialauftrag. Das waren seine Worte.«
»Worum ging es?«
»Irgendwas mit einem fetten Mönch. So genau habe ich nicht hingehört. Jedenfalls hat Ihr Freund den ganzen Tag dafür veranschlagt.«
Bentheim ahnte, worauf dieser Auftrag hinauslief. Sollte sich Horlitz doch in seinem Büro verbarrikadieren, um seine vielen Theorien zu wälzen und seine Vermutungen auf ihre Wahrscheinlichkeit hin zu überprüfen. In der Zwischenzeit sondierte Julius Fingerabdrücke, vertiefte sich in die von ihm selbst angefertigten Skizzen des Tatorts und legte sich seine eigenen Spekulationen über das Motiv des Täters oder der Täter zurecht, in denen einmal der Hausdiener, ein andermal der Einbrecher der Mörder war. Nach geraumer Zeit kreisten seine Gedanken gar um die absurde Idee, der alte Herzog von Gerolstein habe seinem Leben womöglich selbst ein vorzeitiges Ende gesetzt. An diesem Punkt angelangt, platzte ihm der Kragen. Wütend schob der Tatortzeichner den Sessel zurück, stand auf und eilte schnellen Schrittes in Richtung Horlitzens Büro.
Schwungvoll riss er die Tür auf und blickte in das süffisant lächelnde Gesicht seines Vorgesetzten.
»Nun sagen Sie es schon! Was, in drei Teufels Namen, haben Sie herausgefunden?«, fuhr Julius ihn an. Es klang harscher, als er es gewollt hatte, doch der Kommissar schmunzelte zumindest. Bentheim schien es, als ob tatsächlich ein schalkhafter Zug um seine Mundwinkel auszumachen wäre.
»Tja, wie soll ich Ihnen das erklären?«, sprach er und seufzte, als sei es ihm zutiefst zuwider, seinem Untergebenen Rede und Antwort stehen zu müssen. »Seien Sie mir nicht böse, guter Freund, aber ich stelle gerade Überlegungen an, welche die ganze leidige Affäre Gerolstein in ein anderes Licht rücken könnten. Ich wollte Sie keineswegs mit meinen Fantastereien bedrängen und habe Sie deshalb auch nicht eingeweiht, dass ich nebenbei noch einer anderen, auf den ersten Blick verwegen scheinenden Spur gefolgt bin. Leider hat sich meine kühne Theorie bewahrheitet.«
»Machen Sie es nicht so spannend!«
Bentheim vermochte seine Neugier fast nicht mehr zu beherrschen, so sehr spannte ihn Horlitz, dieser Sadist des Intellektuellen, auf die Folter. »Was haben Sie ausgebrütet? So sprechen Sie schon, Gideon! Erklären Sie sich.«
Das Gesicht seines Freundes verlor jeglichen jovialen Ausdruck, der nunmehr einem ernsten Blick wich. Kaum merklich den Kopf bewegend, legte Horlitz die Stirn in Falten und griff nach seiner alten Bruyèrepfeife, die vor ihm auf der Tischplatte lag. Ein gräulicher Rauch kringelte sich zur Decke hoch, nachdem er sie angezündet hatte.
»Nun, mein Freund«, begann er ernst seine Ausführungen, »es ist die Aufgabe der Kriminalistik, entweder begangene Verbrechen aufzuklären oder jene sich in Planung befindlichen zu verhindern. Deshalb ist es wesentlich, das Vorgehen des Verbrechers und seine Tat sowie deren Erscheinungsform zu analysieren. Wir Gendarmen suchen Indizien, die zu einer Täterschaft führen, wir erstellen Psychogramme – und wir gehen dabei rein logisch vor. Der erste Schritt, den wir also tätigen müssen, um ein Verbrechen aufzuklären, ist die Abstimmung der gegebenen Umstände aufeinander. Mit folgerichtigem und geordnetem Denken kommen wir zu Lösungen von Problemen, die uns im Alltag gestellt werden; in unserem Fall also die Klärung des Mordfalls Gerolstein.« Er inhalierte rasch, bevor er mit fast schon samtener Stimme weiter dozierte. »Alle uns gegebenen Indizien müssen wir in einer widerspruchsfreien Verknüpfung anzuordnen wissen. Damit kommen wir zu einem Schluss, also zu einer Lösung. Ich habe mich in den letzten Stunden intensiv mit dem Leben des seligen Herzogs und seinem traurigen, gewaltsam herbeigeführten Ableben beschäftigt, Julius, und ich muss Ihnen offenbaren, dass mir dabei einige Unklarheiten ins Auge gefallen sind.«
Bentheim spitzte die Ohren.
Horlitz paffte an seiner Pfeife und fuhr fort: »In der Logik gibt es ein festes Prinzip, nämlich den Satz vom Widerspruch. Dieser besagt, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, dass ein und dieselbe Tatsache zugleich sein, aber auch nicht sein kann. Wir wissen, dass es um die wirtschaftliche Lage des Herzogs nicht gerade rosig bestellt war, nicht wahr, Julius? Das haben Sie und Albrecht ja selbst in Erfahrung gebracht.«
Julius nickte.
»Gehen wir die Sache logisch an, mein Freund«, schlug der Kommissar vor. »Der komplexe Satz Der Himmel ist wolkenlos und es regnet besteht aus dem ersten Teilsatz Der Himmel ist wolkenlos und dem zweiten Teilsatz Es regnet. Beide Teilsätze für sich gesehen, geben eine Beschreibung eines Zustandes, den wir nicht als falsch ansehen können. Sehen wir sie aber als Komplex, als Einheit, so widersprechen sie sich. Genau dasselbe passiert auch in unseren Ermittlungen. Bei uns heißen die Sätze einfach Der Herzog war bankrott und Der Herzog lebte ausschweifend. Etwas missfällt mir da wirklich.«
»Aber welcher Satz ist berechtigt?«, fragte Bentheim.
»Hm.« Horlitz zuckte mit den Schultern. »Das müssen wir noch herausfinden«, antwortete er. »Vorerst richten wir unser Augenmerk auf eine ganz andere Sache. Rufen Sie sich das Bild des toten Herzogs in Erinnerung. Fällt Ihnen nichts auf, was vielleicht seltsam oder ungewöhnlich war? Und gab es nichts, was Ihnen sonderbar oder unlogisch erschien?«
Bentheim hatte keine Ahnung, worauf sein Freund aus war. Doch da er um dessen kombinatorisches Ingenium wusste, war es ihm auch diesmal nicht vergönnt, ihm das Wasser zu reichen. Sein Geist sah einfach nicht die Dinge, die der in ganz Preußen berühmte Kommissar Horlitz sah, und so gab er sich geschlagen und ließ das grausame Bild des ermordeten Hausherrn vor seinem inneren Auge Revue passieren.
»Was meinen Sie?«
Horlitz antwortete: »Nun, es gibt einige Punkte, die nicht ins Bild eines Raubmordes passen. Erstens: Wir wissen inzwischen, dass der Herzog um zehn Uhr ermordet wurde. Wieso trug die Leiche Handschuhe – im geheizten Haus? Zweitens: Das Gesicht des Toten war nicht mehr vorhanden; so präzise war der Schuss des Mörders gewesen. Weshalb aber macht sich jemand die Mühe, die Pistole derart nah anzusetzen, wenn es ein einfacher Schuss ins Herz auch getan hätte? Drittens: Als wir das Haus des Ermordeten zum ersten Mal betraten, wurde uns die Tür vom Domestiken geöffnet, dessen zitternde Bewegungen ich auf sein fortgeschrittenes Alter zurückführte. Vielleicht, so dachte ich, laborierte er auch an der Schüttellähmung. Aber als Albrecht und Sie draußen bei Weißensee beim Anwesen des Herzogs auf der Lauer lagen und schließlich den Einbrecher stellen wollten, der sich leider selbst einem höheren Richter übergab, trafen Sie beide wiederum auf den Diener. Nur diesmal, wenn ich Ihren Berichten Glauben schenken darf, hielt er Ihnen ein Jagdgewehr entgegen – mit der kundigen und sicheren Hand eines erfahrenen Jagdschützen. Oder irre ich mich?«
Für eine Sekunde blitzte vor Bentheims innerem Auge die nächtliche Situation auf, und er nickte zustimmend.
Mit einer energischen Kinnbewegung fuhr Horlitz fort: »Hat der greise Hausdiener also etwas zu verbergen, gleichwohl ich ihn anfangs für unschuldig hielt? Viertens: Ihrem Bericht zufolge habe der Lakai erschrocken reagiert, sowie er den Einbrecher in seinem Keller erblickte. Es sei lediglich ein hastiger Blick gewesen, doch er habe genügt, um ihm den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben. Kannte er also den Einbrecher? Sie sehen, Julius: Fragen über Fragen, deren rasche Beantwortung unser harrt.«
Bentheim lachte heiser.
»Sie spaßen, Gideon«, entgegnete er. »Wie ich Sie kenne, haben Sie die Rätsel bereits gelöst und werden mir nun voller Enthusiasmus Ihre Auflösung präsentieren. Ist dem nicht so?«
Der Kommissar war geschmeichelt. Leicht verlegen strich er seine Jacke mit einer grazilen Bewegung glatt und antwortete: »Ach, Sie beschämen mich. Aber, ja, ich weiß, wer der Mörder war.«
»Sprechen Sie!«, meinte der Tatortzeichner aufgeregt.
»Nun«, antwortete Horlitz mit langsamer Stimme, »der Mörder war kein Geringerer als der Herzog persönlich!«
»Selbstmord?«, entfuhr es Bentheim.
Der Kommissar schüttelte den Kopf.
»Nein, gewiss nicht. Hören Sie zu! Der Tote war gar nicht der ehrwürdige Herzog, sondern dessen Bediensteter.«
»Dann ist der Diener also der vermeintlich tote Herzog?«
»Exakt.«
»Aber wie …?«
Noch ehe er seine Frage ausformuliert hatte, unterbrach ihn Horlitz: »Ganz einfach: Weshalb trug der Tote Handschuhe? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil Lakaien nun einmal Handschuhe tragen. Und weshalb schoss man dem Toten das Gesicht weg? Natürlich nur, um ihn unkenntlich zu machen. Weshalb zitterte der vermeintliche Diener erst und dann wieder nicht? Weil alles nur gespielt war. Eine Farce, die uns glauben machen sollte, wir hätten es mit einem gebrechlichen Greis zu tun, den wir deshalb nie und nimmer zum Kreis der Verdächtigen gezählt hätten.«
Bentheim pfiff anerkennend, und der Kommissar erklärte: »Es geht hier nicht um einen einfachen Mord, Julius. Da steckt eindeutig mehr hinter der ganzen Angelegenheit. Leider Gottes haben wir jetzt umso mehr Fragen zu beantworten: Weshalb hat der Herzog seinen Domestiken ermordet? Und warum hat er daraufhin seine eigene Ermordung inszeniert? Wer wusste sonst noch um diese leidige Affäre? Denn jemand hat den Herzog ja beschattet. Wer war der unbekannte Einbrecher, der Kaliumcyanid seiner Verhaftung vorzog? Und schließlich: Wer sollte in der St.-Peter-und-Paul-Kirche am Wannsee auf den Attentäter warten?«
Darmowy fragment się skończył.