Czytaj książkę: «"Gemeinsam wachsen" - der Elternratgeber ADHS»

Die Autoren

Dr. Armin Born ist Diplom-Psychologe, Diplom-Pädagoge und Psychologischer Psychotherapeut.
Nach dem Studium des Lehramts an Grund- und Hauptschulen, der Pädagogik und der Psychologie bildete er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Würzburg zehn Jahre lang vor allem angehende Lehrer aus.
Seit Anfang der 1990er Jahre arbeitete er dann als Psychologischer Psychotherapeut in kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen und parallel 20 Jahre lang als Ehe-, Familien- und Lebensberater in einer Beratungsstelle in Würzburg. Seit 2006 besteht daneben auch eine Therapietätigkeit in freier Praxis. Sein therapeutischer Hauptschwerpunkt ist die Arbeit mit Kindern mit Lernproblemen und zusätzlichen psychischen Problemen und die Arbeit mit AD(H)S-Kindern und deren Familien.
Seit 2000 erweiterte sich sein Arbeitsfeld um Vorträge und Fortbildungen im deutschsprachigen Raum zu den Themengebieten »Effektives Lernen«, »Frühförderung« und »Lern- und Verhaltensprobleme bei AD(H)S«.

Claudia Oehler ist Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin.
Nach dem Studium der Psychologie war sie zunächst fünf Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Philipps-Universität Marburg unter Leitung von Prof. Dr. Dr. H. Remschmidt tätig. Von 1991 bis 2003 arbeitete sie dann als Verhaltenstherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in einer großen kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis mit dem Schwerpunkt der Betreuung von AD(H)S-Kindern und deren Familien. Seit 2003 ist sie als Verhaltenstherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in freier Praxis tätig. Seit 2000 zahlreiche Fachvorträge, Veröffentlichungen und Fortbildungsveranstaltungen insbesondere zum Thema Lernen und AD(H)S.
Weitere Publikationen des Autorenteams:
Born A., Oehler C. (2019): Lernen mit ADHS-Kindern. 11. Auflage, Stuttgart: Kohlhammer.
Born A., Oehler C. (2017): Lernen mit Grundschulkindern. 2. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer.
Born A., Oehler C. (2020): Kinder mit Rechenschwäche erfolgreich fördern. Ein Praxishandbuch für Eltern, Lehrer und Therapeuten. 6. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer.
Armin Born Claudia Oehler
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Pharmakologische Daten, d. h. u. a. Angaben von Medikamenten, ihren Dosierungen und Applikationen, verändern sich fortlaufend durch klinische Erfahrung, pharmakologische Forschung und Änderung von Produktionsverfahren. Verlag und Autoren haben große Sorgfalt darauf gelegt, dass alle in diesem Buch gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Da jedoch die Medizin als Wissenschaft ständig im Fluss ist, da menschliche Irrtümer und Druckfehler nie völlig auszuschließen sind, können Verlag und Autoren hierfür jedoch keine Gewähr und Haftung übernehmen. Jeder Benutzer ist daher dringend angehalten, die gemachten Angaben, insbesondere in Hinsicht auf Arzneimittelnamen, enthaltene Wirkstoffe, spezifische Anwendungsbereiche und Dosierungen anhand des Medikamentenbeipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen und in eigener Verantwortung im Bereich der Patientenversorgung zu handeln. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.
Mit Zeichnungen von Anja Freudiger
2., überarbeitete Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Umschlagabbildung: © www.fotolia.com
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-037122-4
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-037123-1
epub: ISBN 978-3-17-037124-8
mobi: ISBN 978-3-17-037125-5
Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.
Inhalt
1 Danksagung
2 Vorwort
3 Einleitung
4 Kapitel 1: Das Fundament stärken
5 1 Die Ausgangssituation
6 2 Beobachtungsaufgaben und Experimente
7 Kapitel 2: Grundlagenwissen
8 1 ADHS-Kinder und ihre Eigenschaften
9 2 Verhaltenslehre
10 Kapitel 3: Wie kann ich das Verhalten meines Kindes effektiv verändern?
11 1 Wie sieht zumeist die Ausgangssituation in Familien mit ADHS-Kindern aus?
12 2 Die »Lösungslandkarte« – ein erster Überblick
13 3 Die wichtigsten Schritte erfolgen im Voraus
14 4 Verhalten in der Konfliktsituation
15 5 Im Nachhinein handeln – die Konsequenzen
16 6 Belohnungen oder »Kosten«?
17 7 Ein ausführliches Beispiel für die vollständige Umsetzung der Lösungslandkarte
18 Kapitel 4: Weitere hilfreiche Maßnahmen
19 1 Passende und unpassende Erziehungsvorstellungen
20 2 Erfolgreiches und weniger Erfolgreiches in der Erziehung
21 3 Wie Sie sich selbst ein Bein stellen oder Ihre Kinder gezielt führen können
22 4 Besonders belastende Spezialprobleme
23 5 Auch Männer können besser werden
24 Kapitel 5: Zum passenden Umgang mit ADHS-Kindern in der Schule
25 1 Zur Ausgangssituation: ADHS-Kinder im Schulsystem
26 2 Voraussetzungen für die Entwicklung von Lösungsansätzen bei Verhaltensproblemen
27 3 Lösungsansätze bei Verhaltensproblemen im schulischen Bereich
28 4 Grundlage für die Entwicklung von Lösungen bei Lernproblemen
29 5 Gemeinsam wachsen – ADHS-Kinder als Entwicklungschance auch für Lehrerinnen und Lehrer
30 Kapitel 6: Die Macht der Gedanken
31 1 Die Bedeutung der Gedanken für Erleben und Verhalten
32 2 Den Teufelskreis der negativen Gedanken und Gefühle wahrnehmen und verändern
33 3 Erfahrungen aus unseren Elterngruppen
34 Schlusswort
35 Literatur
36 Verzeichnis der elektronischen Zusatzmaterialien
37 Liste der Arbeitsblätter in der Reihenfolge ihrer aufeinander aufbauenden Verwendung
Elektronische Zusatzmaterialien
Zum Buch gibt es das Angebot, die Arbeitsmaterialien des Elterntrainingsprogramms herunterzuladen. Weitere Informationen hierzu finden Sie am Ende des Buches (
Verzeichnis der elektronischen Zusatzmaterialien).
Danksagung
Den vielen ADHS-Kindern und ihren Eltern, die wir seit über 25 Jahren in Elterntrainingsgruppen und in Einzeltherapien begleiten durften, sei an dieser Stelle sehr gedankt. Ohne sie wäre dieses Buch nicht zustande gekommen. Durch die Möglichkeit, immer wieder gemeinsam Lösungen für die täglichen Probleme mit ADHS-Kindern zu suchen, konnten wir im Laufe der Jahre viele nützliche Ideen und Ansätze zusammentragen.
Auch möchten wir den Kolleginnen und Kollegen, die unsere Fortbildungskurse zum Würzburger Elterntrainingsprogramm besucht haben, danken. Sie haben durch ihre persönlichen Erfahrungen und durch den gemeinsamen Austausch darüber hilfreiche Anregungen gegeben.
Lehrerinnen und Lehrern möchten wir für ihre konstruktive Kooperation zur Verbesserung der Lern- und Leistungsproblematik sowie der Verhaltensprobleme unserer ADHS-Kinder im schulischen Rahmen danken.
Claudia Oehler und Armin Born
Vorwort
ADHS ist das häufigste kinderpsychiatrische Krankheitsbild mit weitreichenden Konsequenzen für den weiteren Lebensweg der betroffenen Kinder und Familien. Die Kernsymptome der ADHS liegen in einer Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit, einer erhöhten Impulsivität und einer Hyperaktivität. Die Symptomatik tritt bereits sehr früh, d. h. in der Regel vor dem Eintritt in den Kindergarten auf und zeigt sich in den verschiedenen Lebensbereichen der betroffenen Kinder, d. h. sowohl in Familie, Kindergarten, Schule als auch im Umgang mit anderen Kindern. Diese Erkrankung zählt zu den häufigsten Anlässen, weshalb Kinder und Jugendliche kinder- und jugendpsychiatrisch, kinderärztlich oder schulpsychologisch vorgestellt werden. Das Störungsbild der ADHS besteht häufig fort bis ins Erwachsenenalter.
Eine gründliche Diagnostik und erfolgreiche Behandlung der ADHS setzen eine Kooperation unterschiedlicher Berufsgruppen wie die der Psychologen, Pädagogen, Ärzte und Lehrer sowie eine Zusammenarbeit mit den Eltern und ihren betroffenen Kindern und Jugendlichen voraus. Da ADHS einen chronischen Verlauf aufweist, ist eine kontinuierliche Betreuung und Behandlung oft über viele Jahre notwendig, um deren Wirksamkeit zu gewährleisten.
Grundlage einer Therapie ist in der Regel die Beratung und Aufklärung von Eltern, Kindern, Erziehern und Lehrern. Von allen darauf aufbauenden Therapieverfahren ist der Erfolg verhaltenstherapeutischer Interventionen und, soweit notwendig, einer medikamentösen Behandlung sowie deren Kombination im Rahmen einer sog. multimodalen Therapie am Besten belegt.
Im Rahmen der verhaltenstherapeutischen Maßnahmen sind es vor allen Elterntrainings, deren positive Wirkung empirisch nachgewiesen werden konnte. Diese zielen auf eine Verminderung der schwierigen Verhaltensweisen der Kinder im familiären und schulischen Rahmen einerseits und auf eine Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehung andererseits ab. Internationale und nationale Studien (MTA-Studie, Effekt von THOP) zeigen, dass sich durch Elterntrainings Verhaltensauffälligkeiten in der Familie deutlich reduzieren lassen. Nicht nur die Kinder selber können von diesen Maßnahmen profitieren, sondern auch Eltern und Geschwisterkinder. Ebenso gibt es Belege dafür, dass verhaltenstherapeutische Interventionen in der Schule und im Kindergarten Einfluss auf die hyperkinetische, aggressive und emotionale Symptomatik haben.
Wie ist dieser Elternratgeber entstanden?
Durch die jahrelange Einzel- und vor allem familientherapeutische Arbeit an den Verhaltens-, Lern- und Leistungsproblemen von ADHS-Kindern haben wir vor 25 Jahren begonnen, das Würzburger Elterntraining zu entwickeln. Es handelt sich dabei um ein halbstandardisiertes Elterntrainingsprogramm, welches aus 14 Sitzungen aufgebaut ist und in Elterngruppen von maximal 12 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durchgeführt wird. Inhaltliche Schwerpunkte sind die Verbesserung der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die wirksame Veränderung der Verhaltensproblematik der Kinder durch ein entsprechendes Handwerkszeug, was wir Eltern mit auf den Weg geben wollen, und die Verbesserung der Lern- und Leistungsproblematik. Dieses Elterntrainingsprogramm konnten wir bisher über 60 Mal durchführen, wobei wir immer ein hohes Engagement der Eltern erlebten. Wir hatten dabei immer den Eindruck, dass gerade die Gruppensituation, d. h. das Erleben der Eltern, nicht alleine mit ihrer Problematik zu sein, eine gute Ausgangsbasis für die Veränderungsmotivation darstellte.
Aufgrund des großen Interesses vieler Kolleginnen und Kollegen entschlossen wir uns sodann, dieses Elterntrainingsprogramm weiterzugeben. Wir gründeten ein Fortbildungsinstitut, in dem wir im Zeitraum von etwa zehn Jahren zahlreiche Wochenendseminare für ärztliche und psychologische Kolleginnen und Kollegen anboten. Auch hier erlebten wir, dass das Würzburger Elterntraining auf eine große positive Resonanz stieß und heute sicher in Kombination mit den Ideen und Erfahrungen der einzelnen Kollegen in vielen Praxen in Deutschland gewinnbringend zum Wohle der ADHS-Kinder und ihrer Eltern eingesetzt wird.
Nach langer Überlegung haben wir uns nun entschlossen, Grundzüge dieses Elterntrainings und all dem, was wir in den vergangenen Jahren darüber hinaus in den Therapien von ADHS-Kindern und ihren Familien an Erfahrung und Wissen erwerben durften, in Form eines Elternratgebers zusammenzustellen.
Wenn Eltern heute die Praxis einer Ärztin oder eines Psychologen aufsuchen, stellen wir häufig fest, dass sie sich im Laufe der letzten 20 Jahre immer mehr und präzisere Kenntnisse über die ADHS-Problematik angeeignet haben. Dennoch ist, insbesondere in unserer immer komplexer werdenden Gesellschaft mit sehr hohen Anforderungen an Eltern und Kinder, die Umsetzung des Wissens im Alltag sehr schwierig. Zu diesem Zweck sind über den Buchhandel sehr viele ADHS-Elternratgeber erhältlich. Dieser hier vorliegende Ratgeber zeichnet sich insbesondere durch das Merkmal aus, dass er auf einer über 25-jährigen Erfahrung der beiden Autoren mit zahlreichen Familien beruht und somit auch sehr viel »Expertenwissen« dieser Eltern beinhaltet. Es ist – neben unserem spezifisch eigenen Fachwissen – insbesondere dieser Erfahrungsschatz, der uns als so wertvoll erscheint, dass wir ihn in Form dieses Buches anderen betroffenen Eltern weitergeben möchten.
Wenn es bei Ihnen zu Hause in der Erziehung Ihrer Kinder gut läuft, läuft es gut. Dann haben Sie für sich schon den passenden Weg gefunden, was uns sehr freut. Gibt es auf der anderen Seite im Verhaltensbereich oder auch in der Schule Schwierigkeiten, kann Ihnen dieser Ratgeber vielleicht noch zusätzliche Anregungen bieten.
Nehmen Sie sich Zeit für dieses Buch. Lesen Sie es nicht einfach »so« durch. Versuchen Sie es durchzuarbeiten – schließlich soll Ihre Lektüre Sinn machen und Sie sollen von ihr profitieren, wenn Sie sich dafür schon etwas von Ihrer sicherlich zumeist knappen Zeit nehmen. Ihre Situation soll sich ja verbessern.
Das Hauptziel dieses Elternratgebers besteht darin, Ihnen zu helfen, in Erziehungssituationen nicht bloß zu reagieren und damit »aus dem Bauch« heraus zu handeln, sondern überlegt und vorausplanend zu erziehen. Wir möchten, dass Sie in Ihrer Erziehung erfolgreich sein können, dass Sie zufrieden werden und damit auch Entlastung und Hoffnung erleben. Die Belastung durch die augenblicklichen Probleme mit Ihren Kindern soll abnehmen und Ihre Zufriedenheit im Leben mit Ihren Kindern soll wachsen.
Eltern leben heute in einer schwierigen Zeit. Die Anforderungen unserer Gesellschaft sind sehr komplex geworden, die Zeit so schnelllebig. Insofern stehen Mütter und Väter auch unter erheblichem Druck, werden ungeduldiger und suchen schnelle Lösungen, um Probleme ihrer Kinder bzw. im Umgang mit ihren Kindern rasch in den »Griff« zu bekommen. Auf Dauer liegt der Ansatz für eine dauerhafte Lösung möglicherweise jedoch genau im Gegenteil dieser Vorgehensweise: Er liegt nicht im spontanen, schnellen Reagieren, sondern zunächst im Innehalten, im Beobachten, im Festlegen von realistischen Zielen, im Vorausplanen, in der Kommunikation mit dem Kind und schließlich in der Umsetzung der angestrebten Ziele in kleinen Schritten. Stets gilt es dabei, die Fallen, die wir uns selbst und die die Kinder uns stellen, zu erkennen, zu durchschauen und entsprechende Antworten zu finden. Ein solides Erziehungshandwerkszeug, eine große Portion Gelassenheit und Hoffnung sowie erlebte Erfolge für Eltern und Kinder bilden das Grundgerüst dessen, was wir Ihnen als Mütter und Väter für Ihren Alltag mitgeben möchten.
In dieser zweiten Auflage haben wir versucht, unsere Erfahrungen und Weiterentwicklungen seit der letzten Auflage (2011) einzuarbeiten. Erneut spiegeln die Ergänzungen wider, was sich in der Therapie und in unserer tagtäglichen Arbeit mit Eltern, aber auch mit Lehrern und Lehrerinnen bewährt hat. Aufgenommen wurden auch unsere Erfahrungen aus Fortbildungen mit Therapeutinnen und Therapeuten sowie Lehrer und Lehrerinnen.
Was ist nun konkret neu in dieser zweiten Auflage?
Im Kapitel 3 »Wie kann ich das Verhalten meines Kindes effektiv verändern?« finden Sie einmal die neue Vorlage »Konflikt mit meinem Kind – die Eskalationsspirale«. Als Instrument kann sie Ihnen helfen, eine Feinanalyse der wiederkehrenden Konfliktsituationen durchzuführen und den Interaktionsablauf auf ungünstige Verstärkermechanismen hin zu analysieren. Darauf aufbauend fällt es Ihnen vielleicht leichter, »Fallen« zu entdecken, ihnen dann rechtzeitig auszuweichen und konstruktive Lösungen zu entwickeln.
Weiterhin finden sie im Abschnitt zur Beruhigungszeit das »Vulkantraining«. Diese Ergänzung zeigt eine Möglichkeit auf, wie sie ihr Kind motivieren können, das »emotionale Runterkommen« zu üben (
Kapitel 3).
Im Kapitel 4 »Weitere hilfreiche Maßnahmen« erschien es uns wichtig, den Abschnitt »Der tägliche Kampf um den Computer und das Handy« weiter auszubauen,
a. da sich die Nutzungsdauer der Medien durch Kinder und Jugendliche in den letzten Jahren signifikant erhöht hat und
b. ADHS–Kinder in diesem Bereich besonders gefährdet sind
Deswegen ist es für Sie als Eltern umso wichtiger, angemessene Umgangsweisen mit dieser Herausforderung zu kennen. Wir haben hier versucht Bewährtes und Hilfreiches im Umgang mit dem »Bildschirm«-Konsum zusammenzustellen.
Das Kapitel »Zum passenden Umgang mit ADHS-Kindern in der Schule« haben wir erheblich erweitert. Sie finden hier als Lehrer oder Lehrerin noch mehr Hilfestellungen für Ihren Umgang mit dem ADHS–Kind (z. B. die Eskalationsspirale als Analyseinstrument sich aufschaukelnder Konflikte) und Ideen für eine bessere Kooperation mit den Eltern der ADHS-Kinder (
Kapitel 5).
Bei dieser Neuauflage wünschen wir Ihnen als Leserin oder Leser wieder einen möglichst hohen »Ertrag« und vielleicht neue Erkenntnisse beim Lesen und vor allem eine Erleichterung im sehr anstrengenden Alltag mit ADHS-Kindern.
| Claudia Oehler und Armin Born | Würzburg, im Juli 2020 |
Einleitung
Dieses Buch richtet sich an Mütter und Väter mit einem ADHS-Kind, die in der Erziehung manchmal das Gefühl haben, an ihre Grenzen zu stoßen. Meist haben sie den Wunsch, den Umgang mit ihrem Kind zu verbessern. In unserer therapeutischen Arbeit erfahren wir auf der einen Seite immer wieder, welch großer Belastung Eltern ausgesetzt sind. Auf der anderen Seite sind wir zugleich immer von Neuem beeindruckt, welches Wissen und welche Kompetenz Eltern mitbringen. Wir erleben die immense tägliche Leistung vor allem der Mütter, die leider selten angemessen gewürdigt wird. Es steht außer Frage, wie schwer es ist, ADHS-Kinder immer wieder auf den richtigen Lebensweg zu bringen. Die Erziehung von ADHS-Kindern stellt für die Eltern eine große Herausforderung dar. Diese birgt aber gleichzeitig auch die Chance, an diesen Erziehungs- und Entwicklungsaufgaben gemeinsam zu wachsen. Wir möchten Sie, liebe Leserinnen und Leser, gerne bei diesen Aufgaben begleiten und Ihnen auf diesem Weg Hilfestellungen, Lösungsideen und Anregungen anbieten, die Sie auf Ihre individuelle Situation anpassen können.
Jede Familie, jedes Kind, jede Mutter, jeder Vater, jede wiederkehrende schwierige Situation ist anders. Deswegen gibt es auch keine Rezepte oder Patentlösungen, nach denen Sie vorgehen können, um Verbesserungen zu erzielen.
Keiner kennt Ihr Kind und Ihre familiäre Situation so gut wie Sie. Wir möchten Ihnen einen Rahmenplan, eine »Lösungslandkarte« anbieten, mit deren Hilfe Sie Lösungen für die besonderen Verhaltensprobleme Ihres Kindes entwickeln können. Wir zeigen Ihnen den Rahmen, Sie als Spezialist übernehmen die Feinabstimmung.
Nur Sie können aufgrund Ihrer langjährigen Erfahrung im Umgang mit Ihrem Kind einschätzen, was in Ihrem besonderen Fall wirksam sein könnte und was nicht. Nur wenn Sie als Spezialist für Ihr Kind und Ihre Situation – vielleicht auch mit Hilfe unserer »Lösungslandkarte« – eigene Maßnahmen entwickeln, kann es gelingen, Erziehung noch angemessener, passender und förderlicher zu gestalten. Besonders wichtig erscheint uns dabei, – und dazu haben die Eltern tagtäglich die Möglichkeit –, in einer liebevollen und wohlwollenden Familienatmosphäre Strukturen und Regeln für Ihr Kind aufzubauen und ihm damit Orientierung und Halt zu geben.
Um dies durchzuhalten, brauchen Sie sehr viel Kraft. Manchmal werden Sie sich vielleicht auch fragen, wie Sie diese denn nur aufbringen können. Auch hierzu werden wir uns gemeinsam Gedanken machen.
Besonders stark beeinträchtigen uns in diesem Zusammenhang auch unsere negativen Gedanken, unsere »Energiekiller«-Gedanken, die es gilt, durch positivere, »energiespendende« Gedanken Schritt für Schritt zu ersetzen. Dieser Arbeit an den Gedanken, die in das ganze Buch immer wieder einfließt, ist zusätzlich noch ein ausführliches Kapitel gewidmet. Denn nur, wenn Sie über ausreichend Energie und Kraft verfügen, ist es auch möglich, Hilfreiches und Notwendiges in der Erziehung Ihres Kindes kontinuierlich umzusetzen.
Einen wesentlichen Bestandteil unseres Buches stellen die praktischen Beobachtungsaufgaben, Übungen und Experimente dar. Ziel der durchzuführenden Aufgaben ist es, den Alltag bewusster zu erleben und zu gestalten, um ihn dadurch letztendlich mittel- und langfristig verändern zu können. Da wir wissen, dass Gedanken sehr flüchtig sind und nach unserer Erfahrung schnell wieder vergessen werden, lohnt es sich, die dargestellten Aufgaben schriftlich zu bearbeiten. Mit dem Aufschreiben bekommen Sie Abstand und auch mehr Bewusstheit.
Unser Ziel ist es, dass sich bei Ihnen zu Hause etwas verändert, etwas verbessert. Die Grundlage für unsere Arbeit stellen Ihre Erziehungsressourcen dar, die durch Ihre jahrelange Erfahrung mit Ihrem Kind entstanden sind. Vielleicht sind Sie sich Ihrer Kompetenz noch gar nicht so richtig bewusst.
Aufbauend auf Ihren Erziehungserfahrungen werden wir versuchen, diese durch Bewährtes und Hilfreiches aus unserer therapeutischen Praxis zu ergänzen und weiter auszubauen. Auf diese Weise werden individuelle Lösungen für Ihre Erziehungsprobleme entwickelt, im Alltag ausprobiert und im Laufe der Zeit immer differenzierter an Ihre jeweilige Situation angepasst. Letztlich wird der Einstieg in einen kontinuierlichen, positiven Veränderungsprozess angestrebt.
Wenn Sie die Möglichkeit haben sollten, kann es sehr hilfreich sein, dieses Buch gemeinsam mit Ihrem Partner oder einer ebenfalls betroffenen Mutter (bzw. einem Vater) durchzuarbeiten. Gemeinsame Gespräche auf der Grundlage dieses Buches können sich als sehr konstruktiv erweisen.
Noch eine wichtige Anmerkung: Im Folgenden wenden wir uns oft an die Mütter, die in aller Regel die Haupterziehungsarbeit leisten. Wir unterstellen auch, obwohl dies im Einzelfall anders sein kann, dass die Väter aufgrund ihrer Berufstätigkeit weniger an den familiären Alltagssituationen teilhaben. Obwohl sich in unserer Gesellschaft im Hinblick auf die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau viel verändert hat, sind es dennoch meist die Mütter, die mit ihrem Kind zur Therapie oder in Elterntrainingsgruppen gehen. Dieser Umstand spiegelt wider, dass der Mutter in unseren Familien zumeist immer noch der größte Teil der Erziehungsaufgaben übertragen wird.
Wir verstehen das gemeinsame Wachsen, das durch einen konstruktiven Erziehungsprozess entstehen kann, nicht nur als ein Wachsen mit Ihrem Kind, sondern auch als Wachsen in Ihrer gemeinschaftlich zu bewältigenden Erziehungsaufgabe als Eltern. Auch hier möchten wir uns gerne mit Ihnen auf den Weg machen und Sie auf diesem begleiten.
Wie ist dieser Ratgeber aufgebaut?
Dieses Buch gliedert sich in fünf Teile. In Teil 1 geht es um Ihre Ausgangssituation, d. h. um den »Ist-Zustand« Ihres Erziehungsalltags verbunden mit den Verhaltensproblemen, die Ihnen täglich in Zusammenhang mit Ihrem ADHS-Kind begegnen. Ihre Sammlung der Verhaltensprobleme aber auch der Erfahrungsschatz Ihres »Expertenwissens« ist der Ausgangspunkt für erste Schritte in Ihrer Veränderungsarbeit.
Teil 2 umfasst Grundlagenwissen, d. h. er beschreibt zunächst noch einmal die Eigenschaften von ADHS-Kindern. Des Weiteren sollen Ihnen die Gesetzmäßigkeiten der Entstehung, der Aufrechterhaltung und der Verstärkung des problematischen Verhaltens bei ADHS-Kindern verdeutlicht werden: Wie entsteht grundsätzlich Verhalten, wie wird es verstärkt und wie trainiert Ihr ADHS-Kind ganz bestimmte Verhaltensprobleme, insbesondere das »Nichtfolgen«?
Teil 3 stellt den zentralen Teil des Buches dar. Hier werden Sie Schritt für Schritt an eine effektive Veränderung der Problemverhaltensweisen Ihres Kindes herangeführt. Unser Rahmenplan zur Veränderung von Problemverhaltensweisen, die »Lösungslandkarte«, wird in seinen unterschiedlichen Facetten und seiner spezifischen Abfolge ausführlich und mit Beispielen dargelegt.
Teil 4 ergänzt die Lösungslandkarte durch weitere hilfreiche Einzelmaßnahmen. Hier werden Sie viele kleinere und größere Herausforderungen finden, denen Sie in Ihrem Erziehungsalltag begegnen und für die wir Hilfreiches zusammengestellt haben.
Teil 5 geht auf den Umgang mit ADHS- Kindern in der Schule und die anstrengende Arbeit von Lehrern ein und versucht hilfreiche Analyseinstrumente und konstruktive Ansätze zur Verbesserung der für alle, für Lehrer, Kinder und Eltern gleichermaßen belastenden Situation zu entwickeln.
Teil 6 schließlich beschäftigt sich mit der »Macht der Gedanken«. Wenn es vorher um die Veränderung der Wahrnehmung und des Verhaltens ging, geht es jetzt darum, sich mit Ihren weniger hilfreichen Gedanken rund um die Erziehung Ihres ADHS-Kindes zu beschäftigen und diese, wenn möglich, in kleinen Schritten in unterstützende, hilfreichere Gedanken umzuwandeln.
Am Ende des Buches werden wesentliche Inhalte zusammengefasst, um Ihnen für Ihren Erziehungsalltag noch einmal abschließend einen roten Faden und einen hoffentlich konstruktiven, lösungsorientierten Weg aufzuzeigen.
Im Anhang bzw. auf den dort angegebenen Internetseiten schließlich finden Sie in »chronologischer« Reihenfolge die Arbeitsmaterialien, die Sie benötigen, um die jeweiligen Aufgaben und Experiment durchzuführen. Vielleicht legen Sie sich zusätzlich eine kleine Mappe an, um die bearbeiteten Materialien zu sammeln und abzuheften, die Ihnen dann später als erlebte »Erinnerungsstütze« hilfreich sein können.
Wir empfehlen, das Buch von Beginn an kapitelweise durchzuarbeiten. Es ist aber durchaus auch möglich, die für Sie wichtigen Stellen punktuell herauszugreifen. Wir raten jedoch nachdrücklich dazu, Ihre weitere Lektüre des Buches mit Kapitel 1 zu beginnen, da dessen Inhalte ein unerlässliches Fundament für alle nachfolgenden Überlegungen und Anregungen darstellen.
In diesem Ratgeber verwenden wir den Begriff der ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Unter diesem Oberbegriff werden drei Subtypen zusammengefasst, die zum Beispiel aktuell das Amerikanische Diagnostische und Statistische Manual (DSM-5) als »Erscheinungsformen« bezeichnet.
Übereinstimmend werden in den international gebräuchlichen Klassifikationssystemen, ICD-10 und dem aktuellen DSM-5, die drei Symptombereiche Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität genannt und in fast gleicher Weise definiert. Das jeweilige Ausmaß der Ausprägungen in den drei Symptombereichen bestimmt den jeweiligen Typus des Störungsbildes.
Ein Teil der Kinder fällt weniger durch impulsives, ungesteuertes Verhalten und den damit verbundenen Sekundärproblemen auf, sondern mehr durch Aufmerksamkeitsprobleme und den dadurch bedingten Lern- und Leistungsproblemen. Bei einem anderen Teil sind vor allem die Hyperaktivität, mangelhaft regulierte und wenig reflektierte Aktivitäten, durch geringfügigen Anlass auslösbare, überschießende Gefühlsreaktionen und eine geringe Frustrationstoleranz auffällig. Es gibt aber auch Kinder, die gleichermaßen Probleme im Bereich der Aufmerksamkeit als auch im Bereich Impulsivität und Hyperaktivität haben. Um all diesen Kindern gerecht zu werden, benutzen wir in diesem Buch die Abkürzung ADHS.
Kapitel 1: Das Fundament stärken
1 Die Ausgangssituation
In unseren Elterntrainingsgruppen und in den Familientherapiesitzungen haben wir viele Eltern von ADHS-Kindern kennengelernt. Fast durchgängig waren es die Mütter, die sehr stark, teilweise bis an ihre Grenzen, belastet waren. Denn sie sind es, die über den Tag verteilt darauf achten müssen, dass die normalen Anforderungen von Seiten der Schule und der Familie von ihrem ADHS-Kind erfüllt werden. Dies führt nahezu ständig zu Problemen und sehr häufig zu eskalierenden Konflikten. Aufgerieben von diesen Konflikten fühlen sich Mütter oft ausgebrannt. Sie haben den Eindruck, dass die vielen Schwierigkeiten, trotz ihrer Arbeit und ihrer Bemühungen, nicht weniger werden. Durch die nicht endenden Konflikte fühlen sich viele Mütter so gereizt, dass Gedanken wie »Wenn ich ihn nur sehe, könnte ich …« entstehen. Oft besteht bei Müttern auch die Angst, dass mit dem Älterwerden ihrer Kinder die Probleme und Auseinandersetzungen nur noch schlimmer werden.
Immer wieder fühlen sich Mütter in ihrer Erziehung entmutigt und erleben ihre Situation als aussichtslos. Sie versuchen Lösungen und Erziehungsmaßnahmen zu finden, die die Situation verbessern sollen, erleben stattdessen aber immer wieder, dass diese, wenn überhaupt, nur für eine kurze Zeit erfolgreich sind. Oft bleibt in diesem Hamsterrad des Alltags keine Zeit darüber zu reflektieren, welche der Erziehungsmaßnahmen sich als wirklich wirkungsvoll erweisen. Aufgrund der chronischen Dauerbelastung besteht für die meisten Mütter vielmehr die Gefahr, vom Alltag überrollt zu werden. Da ihnen einfach oft die Kraft fehlt, fahren sie mit dem gewohnten, aber nicht immer hilfreichen Erziehungsverhalten fort.
Wenn ihr Mann abends nach der Arbeit nach Hause kommt, erfahren Mütter oft Unverständnis, weil er den aufreibenden Alltag mit dem Kind nicht miterlebt hat. Völlig erschöpft sehen sich dann Mütter in dieser Situation nach einem anstrengenden Tag häufig nicht nur in ihrer täglichen schweren Erziehungsarbeit durch ihren Mann nicht angemessen gewürdigt, sondern sie werden stattdessen auch noch mit der Botschaft konfrontiert »Irgendwie machst du das nicht richtig« oder »Bei mir würde er das nicht machen!« Erfahren Sie als Mutter dagegen Verständnis und Unterstützung von Ihrem Mann, dürfen Sie sich sehr freuen, einen aufmerksamen, einfühlsamen und mitdenkenden Partner zu haben.
Aus Ihrer Perspektive als Vater treffen Sie – von der Arbeit nach Hause kommend – häufig auf eine sehr angespannte Familienatmosphäre und vielleicht auch auf eine gereizte Frau. Diese wartet nur darauf, Ihnen von den Konflikten und dem Fehlverhalten des Kindes erzählen zu können. Vielleicht kennen Sie den Gedanken: »So schlimm kann es doch gar nicht sein.« Möglicherweise gewinnen Sie nämlich am Wochenende auch einen falschen Eindruck von der Problematik, da in dieser Zeit normalerweise weniger Anforderungen an Ihr Kind gestellt werden und dann auch alles ein bisschen besser läuft. Vielleicht haben Sie aber auch die Erfahrung gemacht, welche erheblichen Probleme z. B. in der Morgen- und in der Abendsituation mit Ihrem Kind entstehen können.
Wenn Sie als Mutter alleinerziehend sind, könnte Sie die Frage quälen, wie Sie zukünftig die schwere Erziehungsaufgabe überhaupt allein bewältigen sollen.
Zusätzlich erleben Sie als Mutter auch von Ihrer Umwelt immer wieder negative Rückmeldungen in Bezug auf Ihr Kind. Natürlich beziehen Sie diese meist auch auf sich und fühlen sich für Ihr Kind verantwortlich. Zunehmend beginnen Sie möglicherweise, an Ihrer Erziehungsfähigkeit zu zweifeln, und darunter leidet dann Ihr Selbstwertgefühl.
Gleichzeitig hegen Sie aber auch die Sehnsucht und die Hoffnung, dass Sie vielleicht doch einen Weg finden, auf dem alles besser werden kann. Wir möchten Ihnen gerne Anregungen geben, wie Sie den Berg an Belastungen Schritt für Schritt abbauen können.
1.1 Die Problemsammlung als Grundlage für spätere Veränderungen
Nun wird es konkret!
In einem ersten Schritt sollten Sie die unterschiedlichen Probleme und Verhaltensweisen Ihres Kindes, die Ihren Alltag am meisten belasten, genau beobachten. Anschließend tragen Sie diese bitte in den abgebildeten Protokollbogen ein.
Diese Problemverhaltensweisen dienen als Grundlage für die anschließende Veränderungsarbeit. Das schriftliche Fixieren hilft Ihnen aber auch, später vergleichen zu können, was sich möglicherweise durch Ihre Arbeit zwischenzeitlich bereits verbessert hat. Dann werden Sie sich vielleicht über diesen Fortschritt freuen können.
Auch die außer Haus berufstätigen Väter möchten wir bitten, sich Zeit zu nehmen und über das Wochenende die Problemsammelliste auszufüllen.
Füllen Sie als Mutter und Vater die Liste zunächst bitte getrennt aus.

Sammelliste problematischer Verhaltensweisen
Arbeitsblatt 1.1: Sammelliste problematischer Verhaltensweisen
Wenn Sie diese Liste eine Woche geführt haben, verabreden Sie sich als Paar und machen einen festen Termin aus, so dass Sie genügend Zeit zum Austausch über Ihre Beobachtungen haben. Zeigen Sie einander Ihre Aufzeichnungen und versuchen Sie, diese unvoreingenommen zu vergleichen. Wichtig dabei ist, dass Sie einfach akzeptieren, dass es für den andern genau so ist, wie er es aufgeschrieben hat. Berücksichtigen Sie dabei, dass die Wahrnehmung des Einzelnen unterschiedlich ausfallen kann und dass Sie außerdem jeweils verschiedene Situationen mit Ihrem Kind erleben. Mit Hilfe der Problemsammelliste wird für Sie beide als Eltern der Ausgangspunkt für die weitere gemeinsame Erziehungsarbeit festgehalten.
Für Väter bzw. Lebenspartner ist es in einem solchem Austauschgespräch besonders wichtig, zunächst nur zuzuhören. Es geht hier nicht darum, Ihrer Frau nahezubringen, dass das Problem vielleicht nicht so schwierig ist oder dass das Kind sich bei Ihnen anders verhält. Es geht auch nicht darum, dass Sie in einer für viele Männer manchmal typischen Art sofort an Lösungen denken. Zu diesem Zeitpunkt müssen Sie Ihrer Frau keine Vorschläge machen, wie sie es besser machen kann. Wichtig ist allein, dass Sie zuhören und dass sie die Erfahrung ihrer Frau annehmen können. Akzeptieren Sie einfach, dass es im Augenblick so ist, wie Ihre Frau es berichtet. Denken Sie auch als Vater immer daran, dass Sie die schwierigsten Zeiten mit Ihrem Kind in der Regel nicht miterleben und deswegen einfach auch viel bessere Möglichkeiten im Umgang mit Ihrem Kind haben, da Sie viel weniger »vorbelastet« sind. Als (allein-)erziehende Mutter könnte es wichtig sein, dass Sie mit Ihren Problemen nicht allein bleiben. Versuchen Sie sich mit einer anderen betroffen Mutter, die in einer ähnlichen Situation ist, zu verabreden. Eine solche Mutter können Sie z. B. in einer Selbsthilfegruppe kennenlernen. Überwiegend ist es so, dass im Vergleich zu einem Elternpaar zwei Mütter deutlich mehr Übereinstimmungen im Hinblick auf die belastenden Problemverhaltensweisen ihrer Kinder erleben. So können Sie im Gespräch mit einer ebenfalls »betroffenen« Mutter die wichtige Erfahrung machen, dass Sie mit Ihren Problemen nicht alleine da stehen.
Sehen Sie sich nach dem Erfahrungsaustausch die folgende Aufstellung aus einer Elterntrainingsgruppe an. Hier wurden die Problemverhaltensweisen der jeweils betroffen Kinder auf einem Plakat zusammengestellt. Wie Sie sicher schon vermuten konnten: Das Plakat wurde dabei sehr voll (
Abb. 1.1).
Problemverhalten unserer ADHS-Kinder
Abb. 1.1: Plakat – Problemverhalten unserer ADHS-Kinder
Wenn Sie sich die Auflistung ansehen, finden Sie vielleicht Übereinstimmungen mit Ihrem eigenen Protokollbogen. In der Elterntrainingsgruppe war nach der Sammlung und Erstellung dieses Plakates immer dasselbe Phänomen zu beobachten. Die Mütter in der Runde nickten beim Vorlesen der einzelnen Problemverhaltensweisen. Gleichzeitig huschte immer wieder ein Lächeln über ihre Gesichter: »Genauso ist es bei mir auch.« Die Teilnehmerinnen machten hier die Erfahrung, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine waren. Ähnliches gab es also genauso auch in anderen Familien, auch bei anderen Müttern – vielleicht sogar noch größere Probleme als in der eigenen Familie.
Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, in denen die Probleme und die Belastungen in Familien mit einem ADHS-Kind mit denen anderer Familien verglichen wurden. In Deutschland untersuchten u. a. Döpfner und Mitarbeiter, wie sich eine Familie mit einem ADHS-Kind von anderen Familien unterscheidet (Döpfner, Schürmann, Frölich, 1997). In dem nachfolgenden Schaubild sind die häufigsten Probleme von 6- bis 10-jährigen Kindern angeführt. Die dunkelblauen Balken stellen die Häufigkeit des belastenden Problems in ADHS-Familien dar, die hellblauen Balken dessen Ausmaß in nicht betroffenen Familien. Die Grafik macht auf einen Blick klar, um wie viel mehr Familien mit einem ADHS-Kind belastet sind.

Abb. 1.2: Belastungen und Probleme in Familien mit und ohne ADHS-Kind(er) (vgl. Breuer & Döpfner 1997)
Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern weltweit. In den USA erfasste z. B. Barkley, einer der renommiertesten ADHS-Forscher, in einer Untersuchung zum einen die Häufigkeit des durch ADHS bedingten Problemverhaltens, zum anderen das Ausmaß der Belastung durch das Problem für die jeweilige Familie. Die Hausaufgabensituation fehlt bei Barkley, da die Kinder in den USA Ganztagsschulen besuchen.

Problemhäufigkeit bei Kindern mit ADHS im Vergleich zu Kindern ohne ADHS
Tab. 1.1: Problemhäufigkeit bei Kindern mit ADHS im Vergleich zu Kindern ohne ADHS (Nach Barkley, Taking charge of ADHD. The complete, authorative guide for parents. New York, London 2000, S. 96)


Durchschnittlicher Ausprägungsgrad* der Probleme bei Kindern mit ADHS im Vergleich zu Kindern ohne ADHS
* Eingeschätzt auf einer Skala von 1 (gering) bis 9 (stark)
Tab. 1.2: Durchschnittlicher Ausprägungsgrad bei Kindern mit ADHS im Vergleich zu Kindern ohne ADHS (Nach Barkley, Taking charge of ADHD. The complete, authorative guide for parents. New York, London 2000, S. 96)
Die Schaubilder sollen Ihnen als Eltern noch einmal verdeutlichen, dass Sie mit Ihrem persönlichen Belastungserleben keineswegs alleine sind. Andere Familien, andere Mütter bzw. andere Kinder müssen sich vielleicht sogar mit noch ausgeprägteren Problemen auseinandersetzen.
Fazit
Obwohl Mütter häufig von ihrem sozialen Umfeld dafür verantwortlich gemacht werden, dass ihr Kind problematische Verhaltsweisen zeigt, sehen Sie, dass dies nicht nur bei Ihrem Kind so ist, sondern dass auch andere von ADHS betroffene Kinder dessen Schwierigkeiten teilen – dies haben zahlreiche Untersuchungen in unterschiedlichen Ländern festgestellt. Weltweit scheint die Erziehung von ADHS-Kindern um ein Vielfaches schwieriger als bei anderen Kindern zu sein. Auch die Ausprägung der Erziehungsprobleme ist um ein Vielfaches erhöht. Als Mutter und Vater sollten Sie deswegen die Schuld für die Probleme nicht bei sich selber suchen.
Was bedeuten diese Aussagen nun aber für Sie persönlich? Weil es so ist, wie es ist, und diese Schwierigkeiten bestehen, müssen Sie im alltäglichen Umgang mit Ihrem Kind besonders engagiert, durchhaltefähig und konsequent nach dem richtigen und passenden Erziehungsweg suchen. Was bei Ihren anderen (nicht von ADHS betroffenen) Kindern möglicherweise erfolgreich war, muss aufgrund seiner besonderen Voraussetzungen beim ADHS-Kind nicht unbedingt wirken.
Die Verhaltensprobleme Ihres Kindes werden also zum großen Teil von dem Krankheitsbild ADHS hervorgerufen. Nichtsdestotrotz bzw. gerade deshalb ist es besonders für Mütter, die in der Familie die Hauptlast der Erziehung tragen, wichtig, einen erfolgreichen und für sie passenden Weg aus der Dauerbelastung heraus zu finden.
1.2 Ihr Erfahrungsschatz
Manchmal, besonders wenn die Probleme überhand nehmen, der Alltag voller Konflikte und keine Verbesserung erkennbar ist, gerät in Vergessenheit, dass Sie als Eltern über Jahre hinweg wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Ihrem Kind gesammelt haben. In dieser Zeit sind Sie Fachfrau bzw. Fachmann für Ihr Kind geworden. Sie kennen Ihr Kind am allerbesten und Sie haben auch einen wirklichen Erfahrungsschatz darüber erworben, welche Maßnahmen bei Ihrem Kind erfolgreich und welche wirkungslos sind.
Sie verfügen über sehr viel Wissen über den Umgang mit schwierigen Problemsituationen zu Hause. Was haben Sie bisher schon an erfolgreichen Maßnahmen im Umgang mit Ihrem Kind ausprobiert und was war weniger wirkungsvoll? Dieses Wissen möchten wir nun zusammentragen.
Da nur Gedachtes oder Gesprochenes allzu schnell in Vergessenheit gerät, möchten wir Sie als Mutter und Vater wiederum bitten, sich über ein paar Tage Zeit zu nehmen und Ihren Erfahrungsschatz aufzuschreiben (
Abbildung 1.2).

Expertenwissen aus jahrelanger Erziehungsarbeit
Arbeitsblatt 1.2: Expertenwissen aus jahrelanger Erziehungsarbeit
Versuchen Sie sich anschließend wieder mit Ihrem Mann bzw. einer anderen Mutter zu verabreden und vergleichen Sie Ihre Listen. Was stimmt überein? Wo erkennen Sie Unterschiede, wo Zusätzliches? Es ist ganz normal, dass Sie neben Übereinstimmungen auch Unterschiede feststellen. Jedes Kind ist anders. Was bei dem einen taugt, muss nicht bei dem anderen wirksam sein. Auch als Vater und Mutter sind Sie unterschiedlich. Macht der eine etwas, ist es nicht das Gleiche, wie wenn der andere grundsätzlich genauso handelt. Wählen Sie deswegen bewusst aus, was vielleicht eine Anregung für Sie sein könnte bzw. was nicht zu Ihnen passt.
Vergleichen Sie auch Ihre eigenen Erfahrungen mit den Erfahrungen, die wir in den Elterntrainingsgruppen gesammelt haben. Hierzu finden sie zwei Plakate («Erfolgreiche Maßnahmen«/«Maßnahmen, die nicht erfolgreich waren«), die in diesen Gruppen entstanden sind (
Abbildung 1.3).

Abb. 1.3: Expertenwissen von Müttern und Vätern unserer Elterngruppen – ein Beispiel
2 Beobachtungsaufgaben und Experimente
2.1 Die Selbstbeobachtung Ihres Verhaltens dem Kind gegenüber – Die »Strichliste«
Selbstbeobachtung stellt eine wichtige Voraussetzung dar, um zunächst Ihr eigenes Verhalten und später sodann auch jenes Ihres Kindes zu verändern. Dabei gilt es als erstes, den »Ist-Stand« festzuhalten und damit bewusster zu machen. Aus diesem Grund besteht die nächste Aufgabe für Sie darin, zwei Wochen lang zu beobachten, wie Sie sich Ihrem Kind gegenüber verhalten. Ist Ihr Umgangston, Ihr Verhalten Ihrem Kind gegenüber freundlich oder eher aggressiv? Sind die Rückmeldungen, die Sie Ihrem Kind geben, eher positiv oder negativ?
Was ist nun unter einem positiven und negativen Rückmelden und Zuwenden eigentlich genau zu verstehen? Auf was müssen Sie als Eltern achten? Zum einen können es verbale Äußerungen wie die folgenden negativen sein: »Wann machst du endlich …«, »Warum hast du nicht …« oder »Muss ich es dir denn hundertmal sagen, dass du …«. Oder positive Äußerungen wie: »Toll«, »Es hat mich gefreut, dass du …« oder »Das war lieb von dir«.
• Bei der Einschätzung Ihrer Äußerungen gelten sachliche Hinweise (»Räumst du bitte deine Jacke auf«, »Das Essen ist fertig«, »Putz dir bitte die Zähne« usw.) natürlich nicht als negative Rückmeldungen. Erst wenn der Ton schärfer, die Lautstärke größer wird und Gefühle wie Ärger oder Gereiztheit mitschwingen, muss eine solche emotional geladene Ermahnung – ob berechtigt oder nicht, spielt für unser Erfassen keine Rolle – als ein negatives Zuwenden gewertet werden.
• Es gilt aber nicht nur verbale Äußerungen zu erfassen. Häufig drücken wir uns auch nur nonverbal aus – ein böser oder ein freundlicher Blick, ein Wegstoßen oder ein Über-den-Kopf-streichen. Auch solche Verhaltensweisen sind mitzuzählen.
Zusammengefasst ist unter negativem Zuwenden und Rückmelden also Schimpfen, Drohen, böse Blicke, Wegstoßen, Strafen aussprechen etc. zu verstehen und damit ein unfreundliches, ärgerliches, gereiztes und ablehnendes Verhalten dem Kind gegenüber. Positives Zuwenden auf der anderen Seite kann Zulächeln, Loben, liebevoll Berühren, interessiert Zuhören und sich Zeit Nehmen etc. beinhalten und spiegelt Wertschätzung und ein freundliches Verhalten dem Kind gegenüber wider.
Bei dieser Selbstbeobachtungsaufgabe ist es nicht notwendig, jede einzelne Äußerung und Verhaltensweise, die Sie gegenüber Ihrem Kind zeigen, präzise festzuhalten. Es genügt schon, wenn Sie sich hierzu vielleicht einen kleinen Bleistift und einen kleinen Block einstecken. Immer dann, wenn sie Ihrem Kind eine positive oder negative Rückmeldung geben, machen sie einen Strich. Am Abend zählen sie Ihre Striche zusammen und tragen die Anzahl in die Protokollliste ein. Es ist günstig, positive und negative Zuwendung mit verschiedenen Farben einzutragen. Versuchen Sie dies zwei Wochen lang zu notieren. Am Ende erhalten Sie dann zwei verschiedenfarbige Kurven.

Arbeitsblatt 1.3: Die »Strichliste« – Meine negativen und positiven Rückmeldungen an mein Kind
Wenn Sie diese Beobachtungsaufgabe ein paar Tage durchgeführt haben und sie Ihnen vertraut und geläufig geworden ist, beginnen Sie bitte den nächsten Abschnitt zu lesen.
Normale Reaktionen auf chronische Belastungen
Stehen wir unter dauerhafter Belastung und chronischem Stress, laufen in uns häufig bestimmte innere Verarbeitungsmechanismen ab.
Je mehr man selbst unter Stress steht, desto mehr verengt sich der eigene Blickwinkel. Man beschränkt sich immer mehr auf die eigene Perspektive. Das Erleben und die Gefühle des anderen werden zunehmend ausgeblendet. Wie es dem anderen zumute ist, wie er die Situation erlebt, was er fühlt, gerät aus dem eigenen Bewusstsein. Dieser Mechanismus ist umso mächtiger, je mehr negative Gefühle wie Ärger, Wut und Trauer mit den nicht endenden Belastungen verbunden sind.
Je mehr Ärger, Wut, Enttäuschung oder Trauer mit einem Menschen bzw. mit einer Situation verknüpft sind, desto mehr bleiben wir gedanklich auf das Negative fixiert. Hinzu kommt, dass es nicht nur bei der Ausrichtung dieser einseitigen Aufmerksamkeit bleibt. Das Negative – gekoppelt mit diesen Gefühlen – bleibt meist auch leichter im Gedächtnis haften und wird damit auch entsprechend besser wieder erinnert. Im Gegensatz dazu fällt es deutlich schwerer, das Positive wahrzunehmen. Das Positive bleibt dann auch schlechter im Gedächtnis.
Unter großen Belastungen entsteht also oft eine einseitige Fixierung auf negative Wahrnehmungen und damit bleibt dann auch nur überwiegend Negatives in der Erinnerung zurück.
2.2 Die Phantasiereise: Ein Wechsel der Erlebensperspektive
Wenn Sie einmal eine Viertelstunde ungestört Zeit für sich haben und gleichzeitig auch in sich die Bereitschaft zu einem Experiment spüren, können Sie sich vielleicht auf folgende Vorstellungsübung »Eine Phantasiereise« einlassen:
Lesen Sie bitte zunächst die auf der gegenüberliegenden Seite 13 abgedruckte Anleitung genau durch und folgen Sie ihr nach Ihrer Erinnerung. Sie können sich die Anleitung auch vorlesen lassen oder sie auf Cassette aufsprechen. Legen Sie dabei zwischen den einzelnen Abschnitten immer wieder kürzere Pausen ein, damit sich die Vorstellungen in Ihnen entwickeln können.
Vorstellungsübung – Eine Phantasiereise
Mit der Vorstellungsübung soll erreicht werden, dass Sie sich ganz bewusst in Ihr Kind hineinversetzen können. Ziel dabei ist es, eine besondere Form von vertiefter innerer Besinnung zu erreichen.
Die Übung setzt sich aus einer kleinen Einstimmung und der eigentlichen Vorstellungsübung zusammen.
Versuchen Sie einfach, sich soweit darauf einzulassen, wie es Ihnen möglich ist.
Setzen Sie sich möglichst bequem auf Ihren Stuhl. Wenn Sie bequem sitzen, schließen Sie dann langsam die Augen.
Richten Sie die Aufmerksamkeit zunehmend nach Innen und spüren Sie, wo Sie entspannt sind und wo Sie vielleicht noch nicht so entspannt sind.
Versuchen Sie vielleicht eine noch bequemere Körperhaltung zu finden. Achten Sie jetzt auf Ihren Atem. Spüren Sie, wie die Luft durch die Nase oder den Mund einströmt. Fühlen Sie, wie die Luft durch den Hals in die Brust und in den Bauch geht.
Stellen Sie sich jetzt vor, Sie sind das Kind, dessentwegen Sie dieses Buch lesen und durcharbeiten.
Versetzen Sie sich langsam immer mehr in Ihr Kind hinein.
Sie erleben als Ihr Kind, Sie werden immer mehr Ihr Kind.
Wenn Ihnen das immer mehr gelingt, weißt du als Kind und kannst du es vielleicht auch hören, wie du von deinen Eltern gerufen wirst.
Du kennst dein Alter. Du weißt, wie du aussiehst. Du weißt, ob du Geschwister hast oder nicht.
Beginne dich, an die Tage in der letzten Woche zu erinnern.
Versuche dir, einen Morgen in dieser Zeit vorzustellen. Du wirst geweckt oder wachst vielleicht selbst auf.
Du erlebst, was alles passiert, bis du in die Schule (oder in den Kindergarten) gehst.
Du hörst, was die Mutter und vielleicht auch der Vater häufig zu dir sagen.
Du nimmst auch den Tonfall und vielleicht auch die Lautstärke dabei wahr.
Du siehst, wie die Mutter und vielleicht auch der Vater dabei aussehen.
Vielleicht gehen dir auch bestimmte Gedanken durch den Kopf. Vielleicht löst dies auch Gefühle in dir aus.
Wenn du das morgendliche Geschehen durchlebt hast, mache einen kleinen Zeitsprung und versetze dich in den Unterricht (oder in den Kindergarten). Du erlebst, wie es dir im Unterricht (oder im Kindergarten) geht. Du erlebst, wie du dich im Unterricht (oder im Kindergarten) verhältst. Du hörst, was die anderen Kinder zu dir sagen. Und du hörst auch, was die Lehrer (oder die Erzieherin) häufig zu dir sagen und wie sie dabei aussehen. Wie sich ihr Tonfall und ihre Lautstärke dabei anhören.
Vielleicht gehen dir auch bestimmte Gedanken durch den Kopf.
Vielleicht löst dies alles in dir ein bestimmtes Gefühl aus oder vielleicht sogar mehrere.
Wenn du dies alles wieder durchlebt hast, mache wieder einen kleinen Zeitsprung und versetze dich in die Zeit am Nachmittag. Du musst vielleicht Hausaufgaben machen oder hast vielleicht auch Freizeit.
Du erlebst, was dir gefällt und auch, was dir schwer fällt.
Du erlebst, was dir immer wieder passiert.
Du erlebst noch einmal, wie du dich häufig verhältst.
Und immer wieder gibt es auch bestimmte wiederkehrende Situationen für dich.
Du hörst, was deine Mutter oder dein Vater in solchen Situationen häufig zu dir sagen und wie sie dabei aussehen.
Und du nimmst ihren Tonfall und ihre Lautstärke dabei wahr.
Vielleicht gehen dir auch wieder bestimmte Gedanken durch den Kopf.
Vielleicht löst dies alles in dir wieder bestimmte Gefühle aus.
Wenn Sie dies alles an der Stelle Ihres Kindes durchlebt haben, kehren Sie langsam wieder zurück in Ihre eigene Person.
Öffnen Sie langsam die Augen und dehnen und strecken Sie sich vielleicht, wenn Ihnen danach ist.
Arbeitsblatt 1.4: Vorstellungsübung – Eine Phantasiereise
Wie gut ist es Ihnen gelungen, sich auf die Phantasiereise einzulassen?
Das ist nicht einfach. In den Elterntrainingsgruppen gab es immer wieder Mütter, denen es schwer fiel, sich in ihr Kind hineinzuversetzen und die dann in ihre eigene Mutterrolle zurückgerutscht sind. Sie versuchten dann zum Teil zu begründen, warum sie als Mutter auf eine bestimmte Weise auf ihr Kind reagiert haben, so z. B., dass ihr Kind viel Unsinn mache und deswegen geschimpft werden musste.
Wenn dies bei Ihnen auch der Fall war, versuchen Sie noch einmal, die Augen zu schließen, sich in Ihr Kind hineinzuversetzen und ausschließlich in der Perspektive Ihres Kindes zu bleiben.
War es Ihnen jetzt möglich, sich ein bisschen in Ihr Kind hineinzuversetzen?
Wenn es Ihnen gelungen ist, versuchen Sie sich zu erinnern: Haben Sie in den einzelnen Situationen mit den Augen Ihres Kindes etwas sehen können? Haben sie etwas hören können? Was haben Sie als Ihr Kind gedacht? Wie haben Sie sich als Ihr Kind gefühlt?
Bevor Sie weiter lesen, möchten wir Sie bitten zu versuchen, diese Erfahrungen aus dem Blickwinkel Ihres Kindes schriftlich in dem folgenden Bogen festzuhalten. Sie wissen ja, Gedanken und Erinnerungen sind sehr flüchtig. Nur wenn wir sie schriftlich festhalten und nachlesen können, können wir auch bewusst damit arbeiten.

Vorstellungsübung »Ich bin mein Kind«
Arbeitsblatt 1.5: Vorstellungsübung »Ich bin mein Kind«
Möglicherweise ist Ihnen nach dem Ausfüllen und Durchlesen Ihres Bogens etwas bewusst geworden.
Diese Vorstellungsübung ist fester Bestandteil in unseren Elterntrainingsgruppen. Obwohl die Vorgaben neutral formuliert sind, berichten die Eltern durchgängig fast immer nur »Negatives«.
Als Kind sehen sie die großen Erwachsenen, sie sehen einen verärgerten oder gereizten Gesichtsausdruck bei den Erwachsenen. Sie sehen den bösen Blick der Eltern auf sich gerichtet, sie hören die laute Stimme, sie hören das ständige Drängen und Auffordern. Sie hören die gereizte Stimme »Jetzt mach doch endlich!«. Sie hören die vorwurfsvolle Stimme der Mutter »Hör endlich auf!«.
Als Kind denken sie, »was habe ich denn schon wieder falsch gemacht«, »ich bin immer Schuld«, »ich muss immer …«, oder »ich kann doch nichts dazu«. Als Kind fühlen sie Wut, Zorn, Scham, Angst, Hilflosigkeit, Traurigkeit.
Die folgende Abbildung zeigt wieder Plakate aus einer Elterntrainingsgruppe, auf denen die Auswertung der Phantasiereise festgehalten wurde. Vielleicht erkennen Sie nun einiges wieder, was Sie selbst als Ihr Kind gesehen, gehört, gedacht und gefühlt haben.
Stellen Sie sich vor: Sie erleben dies Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Wie würden Sie sich fühlen, wie würde es Ihnen ergehen?
Und, was passiert bei Ihrem Kind?
ADHS-Kinder wirken nach außen hin meist »cool«. Als Außenstehender, d. h. als Vater, Mutter oder als Lehrer und Erzieher hat man oft den Eindruck, dass es den Kindern gar nichts ausmacht, wenn sie geschimpft oder gestraft werden. Vielleicht denken die einen oder anderen Erwachsenen auch, dass ADHS-Kinder diese negativen Rückmeldungen ihrer Umwelt gar nicht so richtig wahrnehmen.
Die Vorstellungsübung hat in unseren Elterntrainingsgruppen sehr viele Emotionen ausgelöst. Manche Mütter haben geweint, da ihnen zum ersten Mal wirklich deutlich wurde, dass ihre Kinder nämlich nicht nur cool sind, sondern, dass sie sich oft sehr schlecht fühlen, dass sie traurig sind, dass sie sich unverstanden fühlen, dass sie sich hilflos fühlen.
An dieser Stelle geht es nicht darum, Ihnen als Müttern und Vätern Schuldgefühle zu machen. Aber diese Vorstellungsübung erscheint uns eine ganz wichtige Grundlage dafür zu sein, sich in die Kinder hineinzuversetzen und wahrzunehmen, dass die vielen negativen Rückmeldungen – die Strafen, das Schimpfen, die Ermahnungen –, die sie erhalten, deutliche Spuren in ihrer Seele hinterlassen. Sie haben Auswirkungen auf das Selbsterleben, das Selbstbild und das Selbstwertgefühl der Kinder. Die Vorstellungsübung hat damit in erster Linie das Ziel, dass Sie als betroffene Eltern die Bedeutung der Form Ihres »Feedbacks« für Ihr Kind besser einschätzen können.

Abb. 1.4: Plakat – Eltern werten ihre Phantasiereise aus
2.3 Die Positivliste: Heute ist mir an … positiv aufgefallen – eine Beobachtungsaufgabe
Mit der Vorstellungsübung haben Sie die Beobachtungsaufgabe, positives und negatives Zuwenden zu zählen, ergänzt. Von der zweiten Woche an können Sie nun mit unserem nächsten Experiment beginnen: dem Einüben einer »positiveren Brille«. Zusätzlich zu Ihrer »Strichliste« notieren Sie täglich, vielleicht am Abend, was Ihnen positiv an ihrem Kind aufgefallen ist.

Protokollbogen
Arbeitsblatt 1.6: Protokollbogen – Was mir heute positiv an meinem Kind aufgefallen ist
2.4 Auswertung der »Strichliste«
Versuchen Sie sich, wenn möglich, wieder über diese Aufgaben auszutauschen. Aber auch wenn Sie allein sind, macht es Sinn, sich Zeit zu nehmen und noch einmal bewusst über die gemachten Erfahrungen nachzudenken.
Kommen wir nun zu Ihrer ersten Aufgabe, dem Zählen der positiven und negativen Rückmeldungen, Ihrer täglichen »Strichliste« (
Kap. 1.2.1).
Wie sehen Ihre Kurven aus? Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich Ihre beiden Kurven anschauen? Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, falls die Kurve mit dem negativen Zuwenden deutlich über der Kurve mit dem positiven Zuwenden liegt?
Vielleicht sind Sie auch erstaunt, wenn Sie feststellen, dass die Kurve mit den positiven Rückmeldungen »besser« ausfällt als die mit den negativen Rückmeldungen. Vielleicht nehmen Sie auch eine Veränderung der Kurven von der ersten zur zweiten Woche wahr. Vielleicht stellen Sie fest, dass Sie in der ersten Woche deutlich mehr negative Striche gemacht haben als in der zweiten Woche.
Im Folgenden möchten wir Ihnen wiedergeben, wie die Erfahrungen mit dieser Hausaufgabe, der Strichliste, in den Elterntrainingsgruppen waren. In der folgenden Äußerung einer Mutter spiegelt sich ein Bewusstwerdungsprozess wider, der mit dieser Beobachtungsaufgabe auch angestrebt war. »Ich habe genau gewusst, was sie wollten, obwohl sie es nicht gesagt haben. Mit der Aufgabe zielten Sie auf die Selbstkontrolle ab. Ich habe mich dann auch mehr zurückgehalten. Meine Tochter hat daraufhin gemeint: »Mama, du bist ja gar nicht mehr meine Mama« (im positiven Sinne: »Du schimpfst ja nicht mehr so viel.«).
Eine andere Mutter berichtete: »Ich achtete bewusster auf positive Äußerungen – ich wollte mir mehr positive Striche geben können. Von meinem Kind habe ich das Positive dann auch wieder zurückbekommen – es lief deutlich besser.«
Wiederum eine andere Mutter erzählte: »Ich fühle mich jetzt entlastet. Ich habe festgestellt, dass ich mich ja gar nicht so häufig negativ äußere, das Positive überwiegt, aber in meiner Erinnerung bleibt häufig nur das Negative hängen«.
Ein Vater sagte: »Ich war darüber erschrocken, wie häufig negative Äußerungen von mir kamen.«
Im Folgenden seien noch ein paar weitere Zitate wiedergegeben:
• »Die Strichliste hat mich wach gerüttelt, man denkt mehr über das eigene Verhalten nach. Man lobt bewusster. Kleinigkeiten würdigt man jetzt eher. Wenn ich mich positiver verhalte, kommen auch positive Reaktionen vom Kind zurück.«
• »Es läuft besser, wenn man sich selbst mehr Zeit nimmt. Die Augen werden einem geöffnet, man reflektiert, man nimmt mehr die positiven Seiten des Kindes wahr, man wägt mehr ab, man meckert weniger. Man denkt mehr darüber nach, wie sehr sich ja auch die Kinder bemühen.«
• »Man ist aber auch von der eigenen Stimmung abhängig. Mir ist bewusst geworden, dass ich mehr schimpfe, wenn ich selbst unter Stress stehe oder belastet bin oder eine schlechte Stimmung habe.«
• »Dass das Kind miterlebt hat, dass ich für mich eine Strichliste geführt habe, war auch ein Ansporn für es selbst.«
• »Wenn ich mit dem Kind alleine bin, sind die positiven Striche mehr.«
• »Wenn der Vater mit dabei ist, nehmen die negativen Äußerungen zu. Innerlich fühle ich mich dann auch deutlich angespannter, als wenn ich alleine mit dem Kind bin. Wenn der Vater dabei ist, spüre ich seine Erwartungen und denke, das Kind muss sich dann in einer bestimmten Weise verhalten. Wenn ich alleine mit dem Kind bin, kann ich mehr zulassen, ohne dass dies unangemessen wäre.«
2.5 Experiment: Bewusstes positives Zuwenden
An dieser Stelle bietet es sich an, dass Sie ein weiteres Experiment folgen lassen. Versuchen Sie jetzt bewusst die Häufigkeit des positiven Zuwendens in der für Sie passenden Weise während der nächsten beiden Wochen zu erhöhen. Bei der letzten Aufgabe ist Ihnen vielleicht deutlich geworden, welch vielfältige und unterschiedliche Formen der positiven Rückmeldungen es gibt: Sie werden festgestellt haben, dass es ja nicht nur »schöne Worte« sind, die man dem Kind sagen kann, sondern es kann ein Anblicken sein, ein Kopfnicken, ein Lächeln, ein Zuhören, ein in den Armnehmen. Bei körperlichen Berührungen berichteten Mütter in den Elterngruppen häufig über durchaus unterschiedliche Erfahrungen. Es gibt Kinder, die körperliche Berührungen, wie Streicheln oder in den Armnehmen als angenehm empfinden und dieses zulassen können. Es gibt aber auch gerade unter den ADHS-Kindern solche, die die körperliche Berührung eher als unangenehm empfinden. Versuchen Sie einfach wahrzunehmen, was für Ihr Kind passt.
Kinder empfinden es auch als positiv, wenn Sie sich für sie interessieren, d. h. wenn Sie nicht nur loben, sondern z. B. auch Fragen stellen, wie beispielsweise »Wie hast du das geschafft?« Anerkennung Ihrem Kind gegenüber sollte jedoch nie übertrieben sein, ein paar Worte reichen in der Regel aus. Gerade ADHS-Kinder, so erleben wir es immer wieder, können oft gar nicht gut damit umgehen, wenn man sie zu sehr lobt. Es ist eher günstig, das Positive Ihrem Kind gegenüber zu dosieren wie etwa: »Gut gemacht!«, »Das freut mich!«, »Danke!« oder »Toll!« verbunden mit einem freundlichen Zunicken. Eine elegante Möglichkeit zu loben kann so aussehen, dass man dem Partner oder der Freundin von dem Kind in dessen Beisein erzählt: »Weißt du, der Peter hat es heute wieder ganz prima hingekriegt. Er hat heute sofort mit den Hausaufgaben angefangen …«.
Achten Sie nicht unbedingt auf das Ergebnis. Viel bedeutsamer und aussagekräftiger ist, ob ein Kind sich anstrengt und bemüht. Deswegen ist es wichtig, immer die Bemühungen des Kindes zu würdigen.
Abb. 1.5: Unterschiedliche Formen der positiven Zuwendung
2.6 Auswertung der »Positivliste«
Nun kommen wir zu Ihrer zweiten Beobachtungsaufgabe: der »Positivliste«.
Wie ist es Ihnen mit dieser Aufgabe ergangen? Was ist Ihnen an Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn positiv aufgefallen? Haben Sie überhaupt etwas finden können oder ist es Ihnen schwer gefallen, etwas aufzuschreiben?
Unsere Erfahrungen in den Elterntrainingsgruppen waren hier höchst unterschiedlich. Es gab nicht wenige Mütter, die berichtet haben »Ich konnte überhaupt nichts aufschreiben« oder »Es gab nichts ungewöhnlich Positives« oder »Er hat sich nur einmal bemüht.« Manche Mütter oder Väter haben aber auch durchaus Dinge gefunden, die ihnen positiv aufgefallen sind.
Im Folgenden geben wir einige Kommentare und Einsichten der Eltern bei dieser Hausaufgabe wieder:
• »Der Regelfall war zuvor, belastende und negative Aspekte wahrzunehmen. Wenn man auf das Positive achtet, kann man auch auf die Kinder anders zugehen.«
• »In unserer Gesellschaft sind wir alle auf Negatives getrimmt. Man kann es aber üben, etwas Positives wahrzunehmen. Wenn es gelingt, kann man die Kinder besser annehmen. Man kann dann Ihre Bemühungen eher würdigen.«
• »Es gibt bei den Kindern mehr Positives als man denkt. Man wird durch die Aufgabe dem Kind gegenüber aufmerksamer, das Kind wird wichtiger. Das eigene Verhalten wird kontrollierter und bewusster.«
• »Man kann Dinge würdigen, die einem sonst selbstverständlich erscheinen.«
• »Mir ist meine eigene innere Messlatte bewusst geworden. Sie ist so eingestellt, dass wenn etwas klappt, es normal und selbstverständlich ist, und es deswegen auch nicht gewürdigt wird.«
Interessant war, dass manche Mütter festgestellt haben, dass ihre Ansprüche, d. h. ihre Messlatte in Bezug darauf, was sie von ihrem ADHS-Kind erwarteten, recht hoch war. Andere Mütter haben einfach Kleinigkeiten aufgeschrieben, was diesen Müttern wiederum geholfen hat, auch auf »Kleinigkeiten« zu achten, d. h. sich bewusst zu machen, dass das, was für das Geschwisterkind vielleicht selbstverständlich ist, für das ADHS-Kind eine große Leistung darstellt. Vielleicht ist es Ihnen ähnlich gegangen? Vielleicht kann Ihnen diese Aufgabe dabei helfen, auch Ihre Messlatte in Bezug auf Ihre Ansprüche und Ihre Erwartungen an Ihr ADHS-Kind etwas zu senken. Wenn Sie sie tiefer hängen, finden Sie sicher etwas Positives, selbst wenn es »nur« eine »Kleinigkeit« ist.
Im gegenseitigen Austausch ist den Eltern immer wieder bewusst geworden, dass es ganz »normal« ist, dass wir insgesamt das Negative deutlicher wahrnehmen und es uns vor allem besser einprägen. Das Positive dagegen erachten wir häufig als selbstverständlich, es wird nicht besonders wahrgenommen, wird somit auch nicht im Gedächtnis abgespeichert und natürlich dem Kind gegenüber nicht besonders gewürdigt.
2.7 »Unbeabsichtigte« positive Veränderungen – ein Bericht der Eltern
Auf die Frage, welchen Sinn das Protokollieren der Rückmeldungen, die »Strichliste« und das Positivtagebuch mache, haben Mütter in den Elterntrainingsgruppen folgende Antworten für sich gefunden:
• Man ist aufmerksamer dem Kind gegenüber
• Das Kind wird wichtiger
• Man macht sich mehr Gedanken um das Kind
• Man entwickelt ein besseres Verständnis für das Kind
• Man kann das Kind besser annehmen
• Durch die Beobachtung des eigenen Verhaltens wird dieses kontrollierter und bewusster: mehr Selbstkontrolle durch bewusste Selbstbeobachtung
• Ein unterstellter »geheimer Auftrag« des Experiments wird »erraten«: ich soll mich freundlicher dem Kind gegenüber verhalten
• Man kann Dinge würdigen, die einem sonst selbstverständlich erscheinen
• Man lernt bewusster mit bestimmten Situationen umzugehen
• Kinder reagieren auf das deutlich freundlichere Verhalten der Eltern ihrerseits mit positiver Verhaltensveränderung
• Man gewinnt die Erfahrung: Es gibt auch schöne Zeiten mit dem Kind
• Es wird die Grundlage für einen besseren gemeinsamen Weg gelegt
2.8 Experiment: Die gemeinsame Zeit
Bevor wir damit beginnen, mit Ihnen Maßnahmen zu überlegen, wie Sie Verhaltensveränderungen bei Ihrem Kind erreichen können, erscheint es uns notwendig, eine entsprechende gute gefühlsmäßige Ausgangslage bei Eltern und Kindern für die angestrebten Verhaltensverbesserungen zu schaffen. Vielleicht ist es auch bei Ihnen zu Hause so, dass Sie oft gereizt sind, weil Sie den Alltag mit Ihren Kindern anstrengend und aufreibend empfinden. Die Kinder nehmen natürlich Ihre Gefühlslage wahr und diese stellt keine günstige Grundlage dafür dar, um Veränderungsprozesse bei Ihrem Kind einzuleiten. Nötig ist vielmehr, dass Ihr Kind Ihr Wohlwollen erlebt. In diesem Zusammenhang ist die Zeit, die Sie Ihrem Kind schenken und die Sie für Ihr Kind investieren, sehr wichtig. In dieser Zeit kann Ihr Kind Ihre Wertschätzung und Würdigung erleben und fühlt sich dadurch angenommener. Auf diesem Hintergrund ist die Idee des sich »zweckfreien« Zeitnehmens entstanden.
Für manche Eltern, diese Erfahrung machen wir in den Kursen immer wieder, ist es zunächst nicht plausibel und nicht einsichtig, diese Aufgabe umzusetzen. Ihre Erwartungshaltung ist vielmehr auf den Fokus ausgerichtet: »Das Kind muss sich unbedingt sofort verändern«. »Wenn ich mich dem Kind gegenüber freundlich verhalten soll, dann nur mit dem Ziel, dass das Kind sich ändert«. Noch häufiger erleben wir die Einstellung: »Wie kann ich denn freundlich zu meinem Kind sein, wie kann ich mir ohne Vorbedingungen und Vorbehalte Zeit für dieses Kind nehmen, das mich ständig so quält.«
Für Eltern, die diese Gedanken haben, ist das Experiment des sich »zweckfreien Zeitnehmens« besonders bedeutsam. Wichtig erscheint uns noch einmal zu betonen, dass diese Aufgabe nicht auf eine positive Veränderung Ihres Kindes abzielt und auch keine Belohnung für eine erbrachte Leistung Ihres Kindes darstellt. Ziel ist »nur« eine positive Veränderung der Familienatmosphäre und der Grundstimmung durch Ihr zugewandtes, freundliches und wohlwollendes Verhalten und durch das Interesse und die Aufmerksamkeit, die Sie Ihrem Kind schenken. Letztendlich soll für die Kinder ein emotional sicherer Rahmen geschaffen werden. Auf diese Weise erleben sie andere Formen des Umgangs miteinander. Vielleicht wird es Sie sogar entlasten, einmal nichts von Ihrem Kind »wollen« zu müssen.
Folgende Grundregeln bei dieser Mutter-Kind- bzw. Vater-Kind-Zeit sind hilfreich:
Verabreden Sie sich ausdrücklich zu einem bestimmten Zeitpunkt. Teilen Sie Ihrem Kind mit, dass Sie sich überlegt haben, sich nun z. B. einmal in der Woche mit ihm oder ihr zu einer festen Uhrzeit zu verabreden. »Ich habe mir überlegt, dass es schön wäre, wenn wir uns z. B. am Donnerstag vor oder nach dem Abendessen, das kannst du dir aussuchen, für eine Stunde zusammensetzen. Du kannst dir schon vorher überlegen, was du dann gerne mit mir machen möchtest«. Auch wenn Sie sich vielleicht ohnehin schon Zeit für Ihr Kind nehmen und mit Ihrem Kind häufiger etwas unternehmen, beginnen Sie ab jetzt damit, sich ausdrücklich zu dieser gemeinsamen Zeit zu verabreden.
Verabreden Sie sich unabhängig von erwünschtem Verhalten oder vorausgegangenen Leistungen. Wenn Sie sich verabredet haben, sollten Sie diese Verabredung auch einhalten, selbst wenn es vorher einen Konflikt gab. Sie haben eine Verabredung!
Während der gemeinsamen Zeit sollten Sie dem Kind Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Ihr Kind übernimmt weitgehend die Führung bei der von ihm ausgewählten Aktivität. Versuchen Sie, auf Positives zu achten und das Kind nicht zu kritisieren. In dieser Zeit geht es ausdrücklich nicht um Förderung Ihres Kindes, um die Erledigung von Dingen oder darum, dass das Kind Ihre Anforderungen erfüllt. Sie schenken Ihrem Kind Ihre Zeit, vorbehaltlos.
Wie oben zum Teil schon dargelegt, haben Sie vielleicht genauso Bedenken wie die eine oder andere Mutter aus unseren Elterntrainingsgruppen. So äußerten sich skeptische Mütter in der Gruppe: »Was soll das denn überhaupt bringen? Belohnung für was? Das Kind soll sich erst einmal ändern.« – »Ich hab eh keine Zeit.« – »Ich weiß gar nicht, was ich da mit ihr machen soll.« – »Es gibt ja noch Geschwister und die?« – »Unser Kind überdreht total leicht. Wenn ich nur auf ihn achte, bringt er mich ganz schön auf die Palme und rastet aus – lieber nicht.« »Kenn ich schon. Er findet dann kein Ende, damit endet dann das Schöne zwangsläufig mit einem Streit.«
Fallen Ihnen möglicherweise noch mehr Bedenken ein?
Gerade jüngere Kinder, da haben Sie Recht, neigen gelegentlich dazu, zu überdrehen und Grenzen der gemeinsamen Zeit zu sprengen. Sollte dies passieren, brechen Sie die Situation ab, die nächste Verabredung wird jedoch genauso geplant.
Durch die gemeinsame Zeit, durch das Verabreden, kann eine neue Qualität – so unsere Erfahrung – eine neue Wertigkeit in der Beziehung zu Ihrem Kind entstehen. Sie können natürlich auch erleben, dass Ihr Kind Sie zurückweist. Dies kann häufiger bei älteren Kindern geschehen. Kinder erleben aber grundsätzlich, auch wenn sie Ihr Angebot ausschlagen, dass Sie sich für Ihr Kind interessieren. Sie fordern nicht nur, sondern Sie nehmen sich ausdrücklich Zeit – selbst die Väter, die meist sehr in ihre Arbeit eingebunden sind.
Was haben Mütter und Väter in unseren Elterntrainingsgruppen in der gemeinsam verbrachten Zeit mit ihren Kindern gemacht?
Natürlich variieren die gemeinsamen Unternehmungen in Abhängigkeit davon, wie alt die Kinder sind, wie viel Zeit man selber aufbringen kann und was für das Kind selbst »passt«. Ganz wichtig erscheint es uns zu betonen, dass es hier nicht darum geht, unbedingt einen ganzen Tag lang etwas völlig Außergewöhnliches oder Besonderes zu machen, also um viel Zeit und ganz herausragende Unternehmungen. Natürlich können Sie dies auch einmal machen. Kinder sind aber auch schon sehr zufrieden, wenn Sie, je nach Ihrer eigenen Belastung, eine halbe Stunde in der Woche Zeit haben und sich in dieser Zeit Ihrem Kind ganz und gar widmen.
Was haben Eltern nun konkret unternommen? Sie haben Fußball gespielt, gemeinsam Drachen steigen lassen, Gesellschaftsspiele gespielt, der Vater hat mit seinem Kind auf der Werkbank etwas entstehen lassen, sie haben vor dem Schlafengehen gekuschelt, einen Ausflug gemacht, ihrem Jugendlichen beim Computerspiel über die Schultern gesehen und sich in das Strategiespiel hineingedacht …
Im Folgenden sehen Sie noch einmal das zusammengefasst, was Eltern einer Elterntrainingsgruppe in dieser gemeinsamen Zeit mit ihren Kindern getan haben:

Abb. 1.6: Gemeinsam Zeit verbringen – Eltern berichten
Ihr Kind soll durch die gemeinsame Zeit nicht belohnt werden, sondern das mit ihr verbundene Ziel besteht darin, dass Ihr Kind Ihre ungeteilte positive Aufmerksamkeit erhält – also ein Geschenk von Ihnen ohne Vorleistung. Dies wird letztlich sein Selbstwertgefühl stärken, die gesamte Familienatmosphäre verbessern und somit eine gute Ausgangsbasis für angestrebte Veränderungen sein.

Abb. 1.7: Überblick über die Arbeit der Eltern im Kapitel 1
Kapitel 2: Grundlagenwissen
1 ADHS-Kinder und ihre Eigenschaften
Sebastian, 8 Jahre, 2. Klasse
Sebastian steht für viele Kinder, die von ihren Eltern in unserer Praxis vorgestellt werden. Zum Erstvorstellungszeitpunkt ist Sebastian acht Jahre alt und besucht die 2. Klasse der Grundschule mit erheblichen schulischen Problemen. Beide Eltern beschreiben Sebastian als motorisch äußerst unruhig. Selbst Sebastians Vater berichtet, dass er regelrecht nervös werde, wenn er nach Hause komme und nur zu Sebastian hinschaue. Wenn Sebastian einen Auftrag bekäme, wie etwa den Müll hinunterzutragen oder Getränke aus dem Keller zu holen, müsste man es ihm tausend Mal sagen. Seine Standardantwort sei: »Aber …«. Sabine (die ältere Schwester) könne das doch erledigen. Es sei ungerecht, da er viel häufiger Jobs machen müsse als Sabine. Beide Eltern sind sichtlich frustriert von den endlosen Diskussionen um Kleinigkeiten.
Aus kleinstem Anlass heraus, so berichtet die Mutter, neige Sebastian zu Wutausbrüchen und zu überschießenden Gefühlsreaktionen. Er könne es überhaupt nicht ertragen, wenn er einmal kritisiert werde und »raste« dann komplett aus.
Wenn er etwas wolle, müsse das sofort umgesetzt werden. Hier sei er äußerst hartnäckig und bedränge insbesondere seine Mutter. Wenn etwas nicht klappe, so berichtet Sebastians Vater, zeige Sebastian eine äußerst geringe Frustrationstoleranz. Dies betreffe z. B. schulische Dinge. Übe man mit ihm Rechenaufgaben und er mache dabei einen Fehler, weigere er sich sofort weiterzumachen und »flippe« aus. Insbesondere, so berichten die Eltern übereinstimmend, sei vor allem die Hausaufgabensituation ein Dauerkampf. Sebastian habe auch Schwierigkeiten mit dem Lesen. Seine Mutter sei absolut bereit, mit ihm täglich zu üben, doch es wäre fast unmöglich, da Sebastian ständig protestiere und die Anforderungen oft völlig verweigere. So kämen sie eigentlich gar nicht zum Üben. Sebastians Mutter berichtet, dass Sebastian sich von Anfang an mit dem Lesen schwer getan habe. Auffällig sei, dass er häufig rate. Er lese Dinge, die gar nicht im Text stünden und lasse auch oft Endungen und Silben weg. Das Lesen sei ziemlich holprig, die Betonung und auch die Sinnentnahme schlecht. Die ersten kleinen Textaufgaben bereiteten ihm Schwierigkeiten, weil er zu langsam lese.
Sebastians Mutter erzählt, dass sie immer wieder zu seiner Lehrerin, Frau Müller, zitiert werde, da Sebastian im Unterricht oft störe, spiele, in Auseinandersetzungen verwickelt sei und auch häufiger Schwierigkeiten mit seinen Klassenkameraden habe. So könne er sich schlecht an Regeln halten, provoziere und »flippe« in der Schule sehr schnell aus, wenn er von anderen provoziert werde.
Am Nachmittag dann, wenn die Hausaufgaben angefangen werden sollten, stelle Sebastians Mutter fest, dass die Hälfte der Bücher in der Schule liegen geblieben sei, ebenso häufig der Turnbeutel. Seine Uhr habe Sebastian auch schon zweimal verloren. Die Termine für die Lernzielkontrollen, die die Lehrerin ja »durch die Blume« verraten würde, würde Sebastian natürlich überhaupt nicht weitergeben. Entweder er wisse sie nicht oder er wolle sie nicht wissen.
Dadurch, dass Sebastian so schnell »ausflippe« und auch in der Gruppe der Gleichaltrigen immer bestimmen wolle, habe er kaum Freunde. Er werde nicht zu Kindergeburtstagen eingeladen und im Fußballverein gebe es auch schon jede Menge Probleme. Immer sei er in Konflikte verwickelt, schuld seien aber stets die Anderen.
Belastend für die Eltern sei auch, dass er ununterbrochen»quassele«. Auch bei Tisch halte er es nicht aus, wenn einmal die Anderen zu Wort kommen wollten. Wenn seine Mutter telefoniere, falle er ihr ständig ins Wort, so dass Sebastians Mutter Telefonate auf den Abend verlegt habe.
Ein Drama sei auch das Fertigmachen am Morgen für die Schule und das Insbettgehen am Abend. Sebastian komme nicht aus dem Bett, trödle herum und provoziere Sabine, seine ältere Schwester, schon am Morgen, so dass alle Beteiligten genervt seien, wenn sie das Haus verließen.
Computer und Handy seien auch ein Reizthema. Hier fordere Sebastian ständig längere Zeiten mit dem Argument »andere Kinder dürfen viel mehr schauen als ich«.
Insbesondere Sebastians Mutter berichtet, mit ihren Nerven völlig am Ende zu sein. Außerdem mache sie sich große Sorgen um die schulische Entwicklung ihres Sohnes. Beide Eltern erzählen noch, dass Sebastian schon als kleines Kind, so in der Kindergartenzeit, wesentlich unruhiger gewesen sei als andere Kinder und sich nie länger und ausdauernd mit etwas habe beschäftigen können. Regelrecht »getrieben« sei er von einer Aktivität zur anderen gewechselt. Außerdem habe er als Kleinkind häufiger Unfälle gehabt, weil er völlig gefahrenblind sei und keinerlei Angst kenne. Früher habe er auch viel kaputt gemacht und Ärger verursacht, so z. B. indem er Flüssigseife in die Lüftungsschlitze der Stereoanlage seines Vaters gekippt habe.
Sarah, 9 Jahre, 3. Klasse
Sarah, neun Jahre, besucht die 3. Grundschulklasse und unterscheidet sich in Vielem von Sebastian. Sarah ist ein hübsches Mädchen, ruhig und eher schüchtern und häufig verträumt. Sarahs Eltern berichten, dass bei Sarah alles »ewig« dauere. Damit Sarah morgens in die »Gänge komme«, müsse die Mutter sie ständig antreiben, was schon sehr viel Nerven koste. Sarah vergesse auffällig viel. So lasse sie so Manches in der Schule oder bei Freundinnen liegen. Den Haustürschlüssel habe sie schon mehrmals verloren.
Sarah sei überhaupt nicht in der Lage, ihr Zimmer in Ordnung zu halten. Ihre Kleidungsstücke schmeiße sie grundsätzlich auf den Boden, obwohl sie mit ihrer Mutter schon so häufig eine »Grundordnung« wieder hergestellt habe. Der Schreibtisch sei ein einziges Chaos, übersät von Mal- und Bastelarbeiten, Schulsachen, Barbiepuppenkleidern, Ketten usw.
Sarah höre oft nicht: Nicht, dass Sarah nicht willig sei, sondern die Mutter habe den Eindruck, dass Sarah Vieles nicht mitbekomme, was man ihr sage.
In der Schule habe Sarah Schwierigkeiten. Insbesondere, so berichtet Sarahs Vater, habe sie Probleme im Rechnen. Trotzdem sei sie willig und übe immer mit Mutter und Vater, auch die Lehrerin bemühe sich, sie zu unterstützen. Bis heute benutze Sarah noch häufig versteckt ihre Finger bei der Addition und bei der Subtraktion. Das Prinzip des Zerlegens beim 10er-Übergang habe Sarah, obwohl sie nun schon in der 3. Klasse sei, offenbar immer noch nicht verstanden. Auch Kopfrechnen sei ein großes Problem, was Sarah frustriere. Vor Textaufgaben habe Sarah regelrecht Angst. Sie überfliege die Aufgabenstellung, greife einzelne Zahlen heraus und versuche irgendetwas nach dem Prinzip »Versuch-und-Irrtum« zu errechnen. Sarah leide sehr unter ihren schulischen Problemen. Oft habe sie morgens vor dem Schulbesuch Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen, so dass sie auch schon gelegentlich in der Schule gefehlt habe. Sarahs Eltern vermuten, dass Sarah eine richtige Angst vor der Schule, insbesondere vor dem Rechenunterricht, entwickelt habe. Vor kurzem habe sie sogar schon einmal gesagt, dass sie sich wünschte, tot zu sein. Sie sei zu allem zu dumm.
Die Hausaufgabenzeit zöge sich immer sehr lange hin. Oft müsse die Mutter Sarah noch einmal bereits im Unterricht Besprochenes erklären. Aber auch dieses müsse sie oft mehrfach wiederholen.
Sarah weine sehr schnell und sei auch sehr anhänglich, insbesondere bei ihrer Mutter. Im Kindergarten sei Sarah eigentlich noch nicht wirklich aufgefallen. Anfangs habe sie eine längere Periode von Trennungsängstlichkeit gezeigt, habe dann aber schon Freundschaften schließen können. Sie beobachte in neuen Situationen erst sehr lange, bevor sie auf Andere zugehen könne.
In der Schule sei dann etwa ab Mitte der 1. Klasse aufgefallen, dass Sarah oft den Anschluss nicht fände, dass sie oft nicht mitbekäme, wenn ein anderes Thema an der Reihe sei oder andere Bücher ausgepackt werden müssten. Sie habe insgesamt ein Zeitproblem, sei oft zu langsam und könne sich häufig schwer organisieren. Am meisten machten sich die Eltern jedoch Sorgen um Sarahs Selbstwertgefühl und ihre zunehmenden Ängste.
Sebastians und Sarahs Fälle zeigen die typischen Symptome auf, die wir bei Kindern mit AD(H)S feststellen: Sebastian zeigt eine hohe Unaufmerksamkeit, eine mangelnde Ausdauer, ist impulsiv und motorisch sehr aktiv. Sarah ist eher ein Träumerchen, d. h. sie zeigt die Symptome einer Aufmerksamkeitsbeeinträchtigung, bei ihr fehlen jedoch die hohe Impulsivität und die Hyperaktivität. Sebastians und Sarahs Probleme lassen die Bandbreite der Symptomatik bei AD(H)S erahnen. Im Folgenden werden noch einmal deren Hauptproblembereiche ausführlicher beschrieben, die im Einzelfall natürlich in unterschiedlicher Intensität und Kombination der Symptome auftreten können.
1.1 Probleme im Bereich der Aufmerksamkeit
Wenn Kinder und Jugendliche eine Aufmerksamkeitsstörung haben, bedeutet dies nicht, dass sie sich grundsätzlich nicht konzentrieren könnten. Eltern berichten immer wieder übereinstimmend, dass es durchaus Tätigkeiten gäbe, in denen ihre Kinder sehr wohl ausdauernd und motiviert bei der Sache wären. Dies sind in der Regel Beschäftigungen, bei denen eine hohe Eigenmotivation vorliegt und die die Kinder sich selbst auswählen können: Dann sind sie sogar nicht selten in der Lage zu »hyperfokussieren«, d. h. alles um sich herum auszublenden und sich sehr stark auf eine Sache zu konzentrieren wie z. B. stundenlang äußerst komplizierte Legomodelle nach Anleitung aufzubauen.
Schwierig wird es aber dann, wenn Forderungen von »außen« gestellt werden, das bedeutet, wenn die Eltern oder der Lehrer etwas »wollen«. In der Regel zeigen ADHS-Kinder dann eine geringe Motivation und auch die entsprechenden Konzentrations- und Ausdauerprobleme. Wie die Eltern von Sebastian und Sarah, so beschreiben auch andere Eltern und Lehrer Kinder mit AD(H)S wie folgt:
• Sie kann einfach nicht zuhören
• Er bringt nie etwas zu Ende
• Dauernd träumt sie vor sich hin
• Ständig verliert sie etwas
• Er ist wahnsinnig leicht ablenkbar
• Ohne Kontrolle und Aufsicht bringt er überhaupt nichts zustande
• Dauernd muss sie ermahnt werden weiterzumachen
• Alles dauert ewig
• Er ist so fahrig, hüpft von einer Sache zur nächsten
• Er macht nichts fertig
• Sie wirkt manchmal wie weggetreten
Kindern mit ADHS fehlt es offensichtlich an der Ausdauer, d. h. an der Fähigkeit, über eine längere Zeit konzentriert bei einer Sache zu bleiben. Bietet sich ihnen etwas Spannenderes, lassen sie sich sehr schnell ablenken. ADHS-Kinder langweilen sich wesentlich schneller und verlieren somit auch schnell das Interesse an ihren Tätigkeiten, insbesondere an solchen, die sie als anstrengend, monoton, langweilig und wenig abwechslungsreich erleben.
Kinder mit ADHS scheinen regelrecht stimulationsbedürftig zu sein, d. h. sie sind ständig daran interessiert, sich »Reizvollerem« zuzuwenden. Das unmittelbare Spaßerleben scheint ADHS-Kinder magisch anzuziehen, sie scheinen darauf aus zu sein, immer die interessantesten, abwechslungsreichsten und angenehmsten Aspekte einer Situation aufzusuchen.
Auch hat man festgestellt, dass Kinder mit einer Aufmerksamkeitsproblematik Probleme mit ihrem Arbeitsspeicher haben. Das »Hier und Jetzt-Gedächtnis«, d. h. das Gedächtnis, das wir benötigen, um mit geistigen Inhalten »im Hier und Jetzt« umgehen zu können, scheint sehr störanfällig. Insbesondere betrifft dies den akustischen Arbeitsspeicher, d. h. das, was wir uns auf einmal merken können, wenn wir etwas hören. Dieser ist bei ADHS-Patienten störanfällig und -begrenzt. Dies bedeutet, dass in den Arbeitsspeicher nur sehr wenige Informationseinheiten hineinpassen, bei Erwachsenen durchschnittlich 7, bei Kindern im Grundschulalter ca. 5, bei ADHS-Kindern oft noch weniger. Die Begrenztheit des Arbeitsspeichers führt dann insbesondere zu schulischen Leistungsproblemen, so in den Bereichen Lesen, Rechtschreiben und Rechnen. Aber auch zu Hause vergessen die Kinder Vieles, so z. B. Aufgetragenes, selbst wenn sie schon auf dem Weg sind, es auszuführen.
1.2 Probleme im Bereich der Impulsivität
Ein weiteres Kernsymptom bei ADHS betrifft die Impulsivität, also die mangelnde Kontrolle der eigenen Impulse. Aus kleinsten Anlässen, so berichten Eltern häufig, reagieren ihre Kinder schnell, hochschießend, überschießend, rasten aus, flippen aus und sind schwer einschätzbar. Neben diesen impulshaften Gefühlsreaktionen zeigt sich die Impulsivität auch in Bezug auf Wunscherfüllungen. ADHS-Kinder können häufig nicht warten, sie wollen etwas »jetzt und hier und sofort«. Sie haben oft Schwierigkeiten mit dem »Belohnungsaufschub«, d. h. sie entscheiden sich eher für Aufgaben, die eine sofortige Belohnung nach sich ziehen. Dinge, bei denen man auf eine Belohnung warten muss, sind weniger attraktiv. ADHS-Kinder sind oft auf ihre Wünsche fixiert, d. h. wenn sie hier und jetzt etwas wollen, sind sie unglaublich hartnäckig, um ihre Wunscherfüllung auch durchzusetzen.
Des Weiteren betrifft die Impulsivität auch die Handlungsplanung der Kinder. Ein Sonderbereich ist hier beispielsweise die Waghalsigkeit von ADHS-Kindern. Viele Eltern berichten, dass ihre Kinder eine besonders hohe Neigung zeigen, Risiken einzugehen und Gefahren oft unterschätzen. Sie dächten nicht an die Konsequenzen ihrer Handlungen, planten wenig voraus und neigten, so z. B. im motorischen Bereich, dann auch häufig zu kleinen Unfällen. Sebastian – der Junge aus unserem oben aufgeführten Beispiel – habe sich einen bleibenden Zahn an der Heizung ausgeschlagen und eine kleine Narbe schmücke sein Kinn, weil er gegen das halboffene Garagentor gerannt sei. In der Kinderzeit habe er ständig offene Schürfwunden gehabt.
Die hohe Impulsivität und das wenig vorausschauende Denken zeigen sich auch im Umgang mit Geld. Jugendlichen und jungen Erwachsenen fällt es oft schwer, planvoll mit ihrem Geld umzugehen. Unnütze Dinge werden aus dem Impuls heraus gekauft, das Taschengeld ist innerhalb von wenigen Tagen am Monatsanfang komplett ausgegeben.
Impulsivität ist nicht nur auf das Handeln beschränkt, es erstreckt sich auch auf das Denken. Vorausschauendes Denken kommt oft zu kurz. Die Devise lautet eher »erst Handeln, dann Denken«: Dinge werden vorschnell und unüberlegt umgesetzt und Konsequenzen dabei nicht bedacht. Menschen mit ADHS wirken auch deshalb manchmal sozial unreifer, weil sie sich eher aus ihrem Gefühl bzw. aus dem Augenblick heraus leiten lassen als von mittel- und langfristig durchdachten Konsequenzen. Dies macht das soziale Miteinander natürlich schwierig.
Weiterhin nimmt man an, dass ADHS-Patienten eine mangelnde Fähigkeit zum sogenannten »inneren Monolog« aufweisen und damit zu regelgeleitetem Verhalten. ADHSler befolgen daher weniger Regeln und sind mehr durch das beeinflusst, was im Augenblick passiert. Entsprechend schnell lassen sie sich mitreißen und sind somit auch sehr leicht verführ- und manipulierbar.
Darmowy fragment się skończył.