Czytaj książkę: «Die Walzerkönigin»
Anny von Panhuys
Die Walzerkönigin
Roman
Saga
Die Walzerkönigin
© 1917 Anny von Panhuys
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711570395
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Erstes Kapitel.
Hilde Tomiczek und Marta Stiller flüsterten und kicherten eifrigst und gingen wie zierliche Schatten durch das Dunkel des Vorfrühlingsabends.
In der Grabenstrasse war es still, nur ab und zu huschte ein Pärchen, das der linde Abend zu einem Plauderstündchen zusammengeführt, beim Nahen der beiden Mädchen auseinander. In der Kleinstadt muss man sehr vorsichtig sein, sonst ist man bald in aller Mund; der Klatsch hat schon manches junge jubelnde Glück zu Fall gebracht, dass es sich nimmer wieder erheben konnte. Nimmermehr. Darum huschten die Pärchen bei näherkommenden Schritten so jäh auseinander.
Die Grabenstrasse war zu Ende, vor den beiden Mädchen breitete sich der Düppelplatz. Rings um den kleinen Platz standen Lindenbäume, doch streckten sich die Zweige noch kahl und leer gen Himmel.
Wenn man quer über den Platz ging, kam man in die Bahnstrasse, die Hauptverkehrsader des Städtchens. Die Mädchen sahen einen Moment wie unschlüssig nach der Richtung hinüber. In der Bahnstrasse brannten dreimal soviel Gaslaternen als in der Grabenstrasse, und Menschen gab es um diese Zeit dort auch. Aber man kam auch in Gefahr, Bekannte zu treffen, und in Schwärzestadt gehörte es noch weniger als sonstwo zum guten Ton, dass sechzehnjährige höhere Töchter um die neunte Stunde noch einen Strassenbummel machten.
Marta Stiller, mit dem langen dunkeln Zopf und der energischen Raubvogelnase, schob ihren Arm unter den der Freundin, und langsam schlenderten die beiden den Weg, den sie gekommen, wieder zurück. Das Kichern von vordem war zwischen ihnen verstummt, sie redeten von ernsten Dingen. Von Dingen, die ihre jungen empfänglichen Herzen stark bewegten.
„Weisst Du, Hilde,“ meinte Marta, „allzuweit darf ich meine Gedanken nicht spazieren führen, sonst wird mir bitterangst. Ach Gott, so viel ich mir schon Mühe gegeben habe, an Beredsamkeit fehlt es mir doch wahrlich nicht, es will und will mir nicht gelingen, Mutter den sondervaren Plan auszureden, mich Zahnärztin werden zu lassen. Weiss Gott, wie sie auf diese Idee kommt!“ — Mit festem Druck auf den Arm zwang sie die Freundin stehen zu bleiben. „Und ich tu’s und tu’s nicht,“ kurz und trotzig stampfte ein kleiner Mädchenfuss das holprige Pflaster. „So’ nen Beruf mag ich nicht, dazu hab ich kein Talent, nee. — Brr,“ sie schüttelte sich, dass ihr Zopf aufgeregt hin und her pendelte, „fremden Leuten im Mund herumfahren, das passt mir ganz und gar nicht, und für mich selbst brauch’ ich nicht Zahnärztin zu werden.“ Sie lachte plötzlich übermütig, so dass ihre kleinen gleichmässigen Zähnchen aufblitzten wie poliertes Elfenbein.
„Da hast Du recht, Marta, denn Du hast die schönsten Zähne, die ich bisher gesehen habe,“ sagte die blonde Hilde anerkennend und zog die Freundin weiter.
„Ja,“ nickte die andre, „meine Zähne sind schön, auch Haar und Augen sind nicht ohne, wenn nur die Nase nicht wäre,“ sie seufzte komisch, „Vater behauptet, als die Nasen verteilt wurden, da hätte ich nicht ein-oder zweimal, sondern mindestens ein dutzendmal ‚hier‘ gerufen.“
Nun lachten sie beide doch. Das ging ihnen immer so, ihren Ernst durchbrach meist rasch wieder ein übermütiges Wort. Dann plauderte Marta von ihrem Wunsch, Schauspielerin zu werden. Zu Hilde konnte sie davon sprechen, wenn sie es dagegen daheim einmal wagte, dann blickte man sie entsetzt an, als rede sie irre. — Mitten in das fröhliche Plänemachen tönte von der Peterskirche herüber tief und nachhallend ein Glockenschlag.
„Schon halb zehn,“ rief Marta Stiller erschreckt, „da ist’s Zeit, nach Hause zu gehen.“
Schneller schritten die beiden zu.
Vor einem schlichten zweistöckigen Hause machten sie Halt. Hilde öffnete von aussen den nur leicht angelehnten Flügel eines niedrigen Parterrefensters. Mit einer Bewegung, der man die lange Übung anmerkte, schwang sie sich dann durch das Fenster. Noch ein paar geflüsterte Worte, ein flüchtiger Händedruck, und Marta eilte davon.
Hilde sah, leicht aus dem Fenster gelehnt, der andern noch einige Augenblicke nach, bis das stumpfe Grauschwarz der öden Grabenstrasse die Freundin umfing und über ihr zusammenschlug.
Nun schloss das junge Mädchen das Fenster und tappte in ihrem finsteren Zimmerchen zum Tisch, wo Lampe und Zündhölzer standen. Eben wollte sie ein Hölzchen anstreichen, da liess sie die Rechte wieder sinken und hob lauschend den Kopf.
Feine getragene Geigentöne erhoben ihre Stimmen weich und kosend in langsamem Dreiachteltakt und schlangen sich zusammen zum Reigen, sangen süss und feierlich einen Walzer. Es war ein Walzer, der wenig gemeinsames hatte mit denen, die unsre modernen Operettenkomponisten der Bühne schenken. Ein Walzer rund und voll, und doch kam er daher wie wehe Klage, unendliches Leid. Lautes Schluchzen tönte daraus und überwindendes Lächeln. Über allem triumphierte aber eine hoheitsvolle Resignation, und ein befreites Sichlösen von allem Irdischen. Mit langgezogenem, sanft ersterbendem Mollakkord schloss der letzte Bogenstrich.
In Hildes dunkelm Zimmer zitterte der schwere weiche Akkord nach und hing machtvoll über dem kleinen Raum. Das Mädchen starrte mit grossen Augen in die Finsternis, und schwer atmend hob sich ihre junge Brust. Ihr war zumute, als hätte ihr einer ein Bekenntnis abgelegt — von Lust und Freude, vom Entsagen und siegreichen Überwinden.
Der so spielte, der hatte überwunden, der ersehnte nichts Grosses mehr von der Zukunft und sah allen kommenden Tagen ruhig entgegen. Und er, der so spielen konnte, war ihr Vater. Des Daseins Enttäuschungen lagen hinter ihm, weit, weit ...
Hilde erzitterte. Wenn er so spielte wie heute, dann fühlte sie ein Grauen vor der Zukunft, eine schreckliche, beklemmende Lebensfurcht umspann sie wie ein riesiges Netz, aus dem sie sich nicht mehr befreien konnte. In Gedanken erblickte sie die Freundin, wie sie vorhin in der Finsternis der stillen Strasse untertauchte. Und die abendliche Dunkelheit da draussen schien ihr plötzlich ein Symbol des Lebens, und ein Schauer machte ihren schlanken Körper frösteln.
Auch Hilde war auf ihren Wunsch seit Jahren von dem Vater im Geigenspiel unterrichtet worden, sie spielte Konzertstücke sauber und mit guter Technik. Auch hatte sie ein vorzügliches musikalisches Gehör; kaum vernommen, spielte sie des Vaters Walzerkompositionen nach. Aber das Seltsame, das Überwältigende, das seinen einfachen Walzern die Grösse gab, das war ihr nicht gegeben, davor stand sie machtlos.
Jetzt rieb sie schnell das Zündholz an, und nun flammte der Docht der Lampe auf und füllte mit beruhigendem Lichte den Raum.
Ein Lächeln huschte um den frischen Mädchenmund. Gott, welch ein Angsthase sie doch manchmal war. Wie konnte man sich vor dem Leben fürchten? Das musste doch bunt und farbenprächtig sein, stark und berauschend schön und voll von glücklichen Überraschungen.
Wieviel hatten Marta und sie schon über das Leben geplaudert. Alle ihre frohen Lebenshoffnungen hatten sie sich aufgebaut wie Weihnachtsgeschenke, die man sich selbst macht und dann trotzdem bestaunt. Und das Leben erschien ihnen wie ein köstliches Märchenbuch, in dem sie bald lesen durften nach Herzenslust. Marta schwärmte davon, eine grosse Schauspielerin zu werden, und zugleich eine grosse Dame mit seidenen Kleidern und seidenen Strümpfen, die sie wegwerfen würde, wenn auch nur das kleinste Loch darin war Gestopfte Strümpfe — oh, so etwas trägt „man“ doch nicht.
Hilde hatte dazu gutmütig gelacht, denn sie wusste genau: vorläufig trug Pastor Stillers Jüngste noch wollene Strümpfe, die ihr die Mutter strickte, und die gestopft wurden, solange es irgend ging. Aber auf den abendlichen Spaziergängen schwadronierte Marta gern ein wenig. Sie liebte überhaupt alles Besondere. So machten ihr diese abendlichen Spaziergänge, die sie mit Hilde unternahm, vielleicht nur Vergnügen, weil sie sich dazu heimlich aus dem Hause stehlen und wieder hineinschleichen musste. Das Gerade-ans-der-Haustür-gehen machte ihr keinen Spass, und darum gefiel es ihr, dass Hilde durchs Fenster ihren Weg nahm, obgleich dazu nicht der geringste Grund vorlag, denn Hildes Vater wusste von den kleinen harmlosen Ausgängen der Freundinnen. Darin waren sich nun beide Mädchen einig: das Selbstverständliche ihres Zusammenseins wurde anziehender, wenn es so einen kleinen Stich ins Ungewöhnliche erhielt.
Hilde fuhr sich mit der Bürste leicht über das vom Frühlingswinde verwehte Haar und blickte dabei in den Spiegel, der über ihrer Waschkommode hing. Matt und unsicher gab er ihr Bild zurück; das klare, sanfte Licht des Lämpchens hatte nicht Kraft genug, voll bis hierher zu dringen, doch zwei leuchtende blaue Augen guckten aus dem Spiegelglas, und über dem rötlich schimmernden Haar lag es wie Goldstaub, der schillernd aufblitzte. Und Hilde Tomiczek lächelte ihr Spiegelbild an.
Dann ging sie zum Vater.
Amtsrichter Tomiczek sass in einem tiefen Lehnstuhl. In der Linken hielt er nachlässig den Geigenbogen, und auf seinen Knien lag die braune Amati, die er einmal vor langen Jahren, da er noch ein junger Referendar gewesen, zufällig in einem Trödlerladen Berlins gekauft hatte. Wie sie dahin gekommen? Wer konnte es wissen. Not, Sorge und viel Verständnislosigkeit mussten das kleine Instrument an diese Stätte gebracht haben, denn wertvoll war die Geige, das hatte der junge Tomiczek damals beim ersten Blick herausgefunden. Manchmal meinte er, es müsse eine echte Amati sein, und wollte sie von Sachverständigen prüfen lassen, aber in letzter Minute scheute er immer wieder davor zurück — wenn die Sachverständigen entschieden, die Geige sei nicht echt, dann war er um eine geliebte Illusion ärmer. Also wozu? So blieb ihm der Glaube an seine Amati erhalten bis jetzt, da aus dem jungen Referendar ein alter Amtsrichter a. D. geworden war.
Als Hilde ins Zimmer trat, blickte der Vater auf.
„Nun, Mädel, zurück vom Spaziergang?“
Hilde nickte.
„Schon lange ... Ich habe zugehört ... als Du spieltest, Vater.“
Tomiczek erhob sich. Er war gross und schmal, und seine Figur neigte ein wenig nach vorn, wie ein hoher Baum, den anhaltender Sturm in der Jugend etwas gebogen.
Hilde liess sich auf einer kleinen Fussbank nieder und neigte sinnend und erwartungsvoll den feinen Kopf. Sie wusste, nun würde der Vater wieder spielen.
Leicht drückte er die Geige unters Kinn, und seine Linke umfasste zärtlich den Hals des Instrumentes, als sei es ein geliebtes, lebendes Wesen. Und der Bogen setzte an. Kurz, in tändelnd abgehacktem Staccato, neckisch im Dreiachteltakt flatterten die Klänge auf und jubelten ineinander, toll und aufreizend.
Wieder war es eine Walzermelodie. Allmählich ward der Bogenstrich länger, bedeutsamer, und in wiegenden Rhythmen, durch die zage, halbverschwommene Sehnsuchtsrufe brachen, zogen die Weisen hin.
Heisses unverstandenes Sehnen nach einem Etwas, für das sie keinen Namen wusste, quoll jäh in Hilde auf, und als der Alte Geige und Bogen sinken liess, da huschte sie zu ihm hin, legte ihre schmalen Arme um seinen Hals:
„Wie Du einem das Innerste zu rühren weisst, Vater, und wieder froh zu machen mit Deinen Walzern, das ist so wundersam und eigen. Wer Dich nicht gehört hat, der glaubt’s wohl niemals, dass ein Walzer so wirken kann.“
Und leise setzte sie hinzu: „Das ist sicher das böhmische Blut in Dir,“ und dann mit leisem Schelmenkichern: „Als Dein Vater sich damals naturalisieren liess, da vergass er, sein böhmisches Blut mit naturalisieren zu lassen. Und das Blut blieb böhmisch, Väterchen, das klingt und singt nun in Deinen Walzern.“
Sanft nahm sie dem Vater Geige und Bogen ab und zog ihn wieder in seinen Lehnstuhl nieder, schob sich die Fussbank herbei, und sass nun zu des Vaters Füssen.
„Ja, die Böhmen haben ihre Musik, die sitzt ihnen im Körper, im Herzen, und vibriert ihnen bis in die Fingerspitzen. Aus dem Herzen kommt ihr Spiel, und darum ergreift es so mächtig.“
Versonnen sagte es Hilde Tomiczek.
Der alte Mann neigte den scharfen Charakterkopf.
„Ja, Böhmens Königstraum ist wohl ausgeträumt für immer, aber in dem Spiel der Böhmen, da glüht es stolz und heimverlangend auf. — Du magst wohl recht haben, Kind, das böhmische Blut ist uns geblieben,“ und ihm fiel ein, durch wieviel Irrwege im Leben ihn dieses Blut gedrängt.
„Schade, Vater, dass so wenig von Deinen, Musiksinn in mir ist,“ klügelte Hilde, „es muss schön und erhebend sein, sich so wie Du in Tönen die Seele zu befreien.“
Da lächelte er bedächtig.
„Die Seele zu befreien! Kleine Hilde, noch beschwert ja nichts Deine Seele. Und dann,“ zögernd, überlegend, schob er die Worte nach, „hast vielleicht zudem auch eine Portion gut bedächtigen, märkischen Blutes von Deiner toten Mutter in den Adern.“
Er sah ins Leere und dachte an eine rundliche, blonde Frau, die gleichmütig einige Lebensjahre neben ihm hergelaufen war, und an die er sich manchmal erinnern musste, wie an einen braven, anständigen Weggesellen. Mehr war ihm seine Frau nie geworden.
„Noch beschwert ja nichts Deine Seele,“ wiederholte er sinnend noch einmal, „noch ist ja keine Lebenswoge bis zu Dir herangebraust. Höchstens ein winziges Wellchen hat Deine Füsse bespritzt. Wenn Grosses, Machtvolles fordernd zu Dir kommt, dann, Kind,“ er hob mit der Hand Hildes Kinn, „dann wird auch Dein Spiel mehr sein als nur eine Kette von Tönen — dann schwingt die Seele mit.“
Mit dem Ausdruck unendlicher Liebe und Güte legte er seine andre freie Hand auf das flimmernde dichte Haar der vor ihm Sitzenden.
„Tief und wahr wird Dein Spiel sein, aber eines gehört dazu, und das, das vergiss nicht. Es ist das Beste, was uns gehört — darauf gib acht, da lass den grauen Alltagsstaub nicht heran, das trage sorgfältig durch Dein Leben,“ ernst und bedeutungsvoll endete er, und seine Stimme ward fast feierlich: „Halt’ Dir die Seele rein, Mädchen!“
Zweites Kapitel.
Ein paar Wochen später stand Hilde Tomiczek an Marta Stillers Seite vor dem Altar der Peterskirche, um das Taufgelübde zu erneuern. Als Unterlage zur Konfirmationspredigt hatte der magere kleine Prediger Stiller den Spruch gewählt: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!“ Hilde Tomiczek dachte an des Vaters Worte: „Halt’ Dir die Seele rein!“ Eigentlich bedeutete das beinahe dasselbe.
Der kleine schmächtige Pfarrer redete, und seine schmalen, langen, behaarten Hände griffen dabei ab und zu nervös in die Luft. An diese Bewegungen war seine Gemeinde gewöhnt. Hilde aber musste immerfort auf diese suchenden, zuckenden Hände sehen, es zerstreute sie, so dass sie von der Predigt wenig hörte. Nur der Spruch schwang ihr nach: „Selig sind, die reinen Herzens sind,“ und die sechs Worte tauchten, sich wiederholend, stets wieder in ihrem Geiste auf. Immer von neuem, sie konnte sich nicht mehr dagegen wehren.
Ein neugieriger, kosender Frühlingssonnenstrahl lugte scheu durch die hohen mit Heiligenbildern geschmückten Kirchenfenster, zwängte sich dann eifrig an all’ den blau und rot und golden gemalten Heiligen vorbei, wurde breiter und belichtete die Kanzel, auf der Prediger Stiller stand. Eine leuchtende Helle umgab den plötzlich. Hilde blickte mit jäh emporgerecktem Kopf auf den kleinen Mann mit den lebhaften Händen. In seinen Augen war eine fiebernde Unruhe. Und jetzt fanden seine Worte auch den Weg zu Hilde Tomiczeks Ohr.
Stark und befehlend klang die sonst nicht allzu kräftige Stimme Johannes Stillers, da er schloss:
„Darum, meine lieben Konfirmanden, wie auch die Schicksalspfade sein mögen, durch die Euch Gott im Leben führt — Kummer und Sorge bleiben ja keinem Irdischen erspart — Euer Herz, das haltet rein und klar, dass Gottes Auge sich darin spiegeln kann. Segnend mag er Euch immerdar führen, der Spruch, den uns der Sohn des Höchsten in seiner herrlichen, überwältigenden Bergpredigt gab: „Selig sind, die reinen Herzens sind,“ er schrie es beinahe, und wie zögernd und abgehackt glitt es hinterher: „denn sie werden Gott schauen.“
Wie unter einem Bann hatten alle gesessen, die Alten und die Jungen. Ein hörbares Aufatmen ging durch die dichtbesetzten Bänke.
Marta raunte der Freundin zu: „So habe ich den Vater niemals reden hören, hab’ nicht einmal geahnt, dass er das kann.“
Und gerade wie ihre Worte verklangen, schwand der Sonnenstrahl auf der Kanzel; sich stützend über die Brüstung geneigt, lehnte ein mageres grauhaariges Männchen mit müdem Gesicht und stumpfen Augen ...
Am andern Tag hat sich Johannes Stiller ertränkt im kleinen Teich, tief drinnen im Eichenwald. Im schlammigen Wasser, das immer wie mit grüner Patina überzogen aussah, hat er Ruhe gesucht. Ruhe gesucht, weil er nicht reinen Herzens gewesen.
Er hatte die Kirchenkasse angegriffen.
Die grosse Familie war schuld daran. Drei Söhne studierten, das kostete viel Geld, und wenn man im Predigerhaus auch Pensionäre hielt, die das Gymnasium in Schwärzestadt besuchten, es reichte nie so recht So mag es gekommen sein, dass Johannes Stiller sein reines Herz verlor und es sich in dem ecklen schlammigen Teich wieder rein spülen wollte ...
Niemals schwand aus Hilde Tomiczeks Gedächtnis das Bild des kleinen Mannes, wie er auf der Kanzel stand und mit seinen nervösen Händen ins Leere griff. — — —
Marta Stiller ging in schwarzen Trauerkleidern und kam oft in das kleine Haus, das Amtsrichter Tomiczek mit seiner Tochter bewohnte. Hilde versuchte mit aller Kraft, die Freundin auf andre Gedanken zu bringen. Doch die vermochte über das tragische Ende des Vaters nicht hinwegzukommen, ihr junges Gesicht war starr und undurchdringlich, und ihre Augen fanden keine Tränen.
„Wenn ich nur wüsste, wie ich Dich einmal zum Weinen brächte,“ sagte Hilde, „das würde Dir gut tun und Dich befreien,“ — aber wie sie es auch anfing, Martas schwarze Augen blieben trocken, und um ihre Mundwinkel lag ein verbitterter Zug.
„Mich bringt so leicht nichts zum Weinen,“ hatte sie erwidert, „überhaupt kannst Du es Dir merken, dass ich das Wort „Gefühl“ aus meinem Zukunstswörterbuch ausgeschaltet habe.“ Und in auflodernder Leidenschaft zuckte es ihr vom Munde: „Warum soll ich einem nachweinen, der so an Frau und Kindern gehandelt hat. Und wenn’s tausendmal mein Vater gewesen ist — das durfte er nicht tun, das nicht. Nun hat er uns allein gelassen, feige geflüchtet ist er aus dem Leben, und uns ist die Verachtung der Menschen geblieben.“
Dicht trat sie vor Hilde hin, und ihre Fäuste ballten sich, als müsse sie einem ins Gesicht schlagen.
„Verachtung! Weisst Du, wie das weh tut? Hast Du eine Ahnung, wie das erbittern kann, wie das an einem wurmt und frisst, wenn man über die Strasse geht und in aller Vorübergehenden Blicke Verachtung liest? Verachtung — für die Tochter des Diebes Johannes Stiller.“
Wutverzerrt war das schmale blasse Gesicht, und Hilde wusste nicht, wie sie diesem Ausbruch begegnen sollte.
„Niemand verachtet Dich, Liebste, niemand. Herzliches Mitleid haben alle mit Dir und den Deinen,“ versuchte sie zu trösten.
Da lachte Marta kurz und hässlich. Voll Hohn war dieses Lachen.
Im Nebenzimmer zitterte ein langer Bogenstrich auf und zog in wiegendem Gleichmass schwere dämmersüsse Doppelklänge nach. Auf und nieder wegten die Töne, beschwörend hoben sie ihre Stimmen gleich düsteren Anklagen. Ein schriller unvermittelter Aufschrei der Quinte — dann rauschten liebliche Dreiklänge selig beruhigend auf. Dazwischen gellte, ein paarmal noch, doch immer leiser, wie ersterbend, der heisse Aufschrei, bis er endlich erlosch, sich verlor in einem freundlich sanften Pizzicato.
Marta stand noch immer vor der blonden Hilde, doch die geballten Fäuste hatten sich geöffnet, das erst so blasse Antlitz war gerötet, und aus den Augen lösten sich langsam zwei grosse, leuchtende Tränen. Dann weinte Marta Stiller; ein tiefes, heilig tiefes Weinen um den Vater war es.
Was der Mutter verhärmte Züge, aus denen eine stumme Bitte sprach, nicht vermochte, was den gütigen Reden der Freundin nicht gelungen war, das erreichte der alte Amtsrichter Tomiczek mit einem seiner seltsamen, selbstkomponierten Walzer. Marta hatte die Tränen wiedergefunden, und Johannes Stiller konnte ruhig schlafen unter seinem Hügel — seine Jüngste, sein Liebling hatte ihm vergeben.
Hilde Tomiczeks Herz schlug höher vor Stolz über des Vaters Macht. Traurig nur stimmte es sie, dass ihr diese Macht nicht gegeben war. Wie oft sie es auch versuchte; des Vaters Kompositionen wurden unter ihren Fingern nette liebe Walzer, die sich wohl ein wenig schmeichlerisch ins Ohr stahlen; das, was der alte Tomiczek daraus zu machen wusste, das lag für Hilde weltenfern.
„Unerreichbar!“ meinte sie. —
Hilde hatte recht gehabt, man zeigte in Schwärzestadt das innigste Mitgefühl mit dem Schicksal der Familie Stiller. Die angesehensten Bürger des Städtchens führten Frau Stiller Pensionäre zu; Söhne von ausserhalb wohnenden Freunden und Bekannten. Marta musste nun tüchtig im Haushalt zur Hand gehen, und die beiden Frauen brachten sich ganz gut durch, ohne besondere Freuden allerdings, aber auch ohne besondere Sorgen.
Frau Stiller gab sich, als der erste Schmerz um den Gatten abgeklungen war, damit zufrieden, doch in Martas Feuerkopf brodelten immer neue Gedanken auf, wie sie dem tödlichen Einerlei entrinnen könne. Bis zum achtzehnten Jahre sollte sie zu Hause bleiben und sich dann in Berlin zur Dentistin ausbilden. Von dieser Idee war Frau Stiller, trotz aller Bemühungen ihrer Tochter, nicht abzubringen.
„Das ist ein Beruf, der wirklich lohnend ist,“ meinte sie, „denn eine tüchtige Dentistin kommt überall durch. Hier in Schwärzestadt würdest Du sicher bald viele bekannte Damen zu Klienten haben, und bedenke, Marta, mit den Kindern käme man sicher zu Dir. Die Frau versteht es doch viel besser, Kinder zutraulich zu machen, nicht wahr? Und wie schön wäre das, wenn Du Dich hier niederliessest; Du hast Deine gute Praxis, ich sorge für den Haushalt, und wir leben ruhig und friedlich zusammen.“ Ein stilles Leuchten verklärte ihr Gesicht bei solchen Zukunftsträumen.
„Dann möchte ich schon lieber Lehrerin werden,“ warf Marta ein.
„Du lieber Gott, da hast Du nicht viel Aussicht, Lehrerinnen gibt’s so viele, und Dich studieren zu lassen, dazu hab’ ich nicht die Mittel. Und nun gar Deine verrückte Grille Schauspielerin zu werden — da gebe ich nicht nach, Marta, das kannst Du von mir nicht verlangen! Dein Vater war Prediger,“ setzte sie vorwurfsvoll hinzu, und während sie das letzte sagte, trat die Erinnerung vor sie hin und schielte mit falschen bösen Augen die bleiche Witwe an.
Und siedendheiss stieg die Scham in ihr auf. Sie schlug die arbeitsharte Hand vors Gesicht, und ein lautloses Schluchzen durchrüttelte die gebrechliche Gestalt wie Fieberfrost. Der Prediger Johannes Stiller, der ihr Mann gewesen, war ja zum Dieb geworden — er hat das Kleid, das er getragen, entweiht. —
Warmes Mitgefühl ergriff Marta; sie vermochte nicht, die hilflose Mutter ungetröstet leiden zu sehen. Da versprach sie alles, was sie von ihr forderte.
Gut, sie würde Dentistin werden. — Noch waren es ja ein paar Jahre bis dahin! Die Beweglichkeit und Schwungkraft ihrer sechzehn Jahre erfüllte sie mit allerlei vagen Hoffnungen, sie malte sich aus, wie vieles sich noch ereignen könne, bis es soweit war.
Und die Zeit ging hin, ein Tag reihte sich an den andern zu gleichmässiger Kette. Die formte sich zu Monaten und hängte sich zusammen zu Jahren. Martas achtzehnter Geburtstag stand bevor.
Am Tage neckte sich Marta mit den Pensionären und tollte mit ihnen herum gleich einem ausgelassenen Buben. Des Abends aber, wenn die Lichter im Stillerschen Hause erloschen waren, sass sie über die Klassiker gebeugt und las mit glühenden Wangen Goethes und Schillers Dramen. Kleist und Grillparzer wurden ihr lebendig, und ihr kleines Zimmer füllte sich mit bunten Gestalten — grüssend zogen sie an ihr vorüber, die sie gerufen mit seliger, banger Sehnsucht.
So spann die dunkelhaarige, überschlanke Marta Stiller nächtens in ihrem Stübchen wonnige Ruhmesträume, und während Schwärzestadts brave Philister längst in tiefem Schlafe lagen, schimmerte blitzend, wie ein funkelndes kleines Sternchen, ein einsames Licht durch die Rolljalousien von Prediger Stillers Häuschen. Und Schwärzestadts Nachtwächter, der mit seinem Karo vorüberwanderte, schüttelte zuweilen sinnend sein weisses Haupt, wenn das Lichtsternchen gar so aufdringlich durch die Spalten der Jalousien leuchtete ...
Manchmal schwärmte Marta der Freundin vor, und dann legte sie die blassen Hände zusammen wie zum Gebet; ein glückliches Lächeln trat um ihren Mund, als höre sie schon das Beifallsrufen einer freudigen Menge, die ihr zujubelte, ihr, der berühmten Schauspielerin Marta Stiller.
Zuweilen erschien sie des abends bei Hilde und bat den alten Tomiczek etwas zu spielen. Bach und Haydn spielte er den Mädchen oder ein feuriges Stücklein von dem Geigerkönig Sarasate, aber das wunderlichste blieben doch des Spielers eigene Walzer.
Einmal fragte Marta, warum man denn in der Öffentlichkeit nichts von seinen Kompositionen wisse.
Scheu und erschreckt wich der Alte dieser Frage aus, denn sie rührte an eine alte Wunde, die längst nicht mehr blutete, längst vernarbt war, an die er aber dennoch nicht gern erinnert wurde, weil mit der Erinnerung so vieles mit herauf kam, das am besten hinter der Tür der Vergangenheit blieb. Aber den wiederholten Bitten der Mädchen konnte er auf die Dauer nicht widerstehen, und so erzählte er an einem stillen Abend doch, warum es für die grosse Welt da draussen niemals einen Tonkünstler Tomiczek gegeben.
„Ich muss weit ausholen,“ begann der alte Mann, — „bis zu meiner frühesten Jugend. Meine Vorfahren waren tschechischen Ursprungs und wohnten in Prag. Durch Verheiratung mit einer Deutsch-Böhmin siedelte sich einer von ihnen, mein Grossvater, in ihrer Heimat, dem Dorfe Tyssa, an, das in der Nähe der sächsischen Grenze liegt. Sein einziger Sohn, mein späterer Vater, ein blutjunger Architekt, desertierte, da er seiner Soldatenpflicht genügen sollte, nach Preussen, und machte sich hier in Schwärzestadt, wo ihn der Zufall landen liess, sesshaft. Er war tüchtig in seinem Berufe. Nachdem er einige Zeit bei einem Bauunternehmer gearbeitet hatte, fing er an, selbständig Bauten zu übernehmen. Das Glück war ihm günstig, — viel Konkurrenz gab’s in jener Zeit hier nicht, — und so schaffte er sich mit seinem Fleiss und seiner Energie bald ein kleines solides Vermögen. Indes hatte Österreich die Spur des Deserteurs gefunden. Mehrere Briefe flogen zwischen Österreichs Militärverwaltung und Schwärzestadts Bürgermeisterei hin und her, doch löste sich die Sache friedlich, mein Vater wurde nicht ausgeliefert. Er verheiratete sich hier und wurde auch naturalisiert. Ich besuchte hier das Gymnasium, machte mein Abiturientenexamen und sollte Jura studieren. Ich liebte damals schon die Musik mit jeder Fiber, aber alle Mühe, die ich mir gab, den starrköpfigen Vater zu bewegen, mich der Musik ganz widmen zu dürfen, war nutzlos. Bisher hatte er nichts dagegen gehabt, dass ich Geigenunterricht nahm, nun aber erklärte er mein Üben für Zeitverschwendung und mein Spiel für elende Fiedelei.
„Willst wohl ein Bierfiedler werden, so ein armseliger Stadtmusikant,“ höhnte er, und einmal, da wir wieder deshalb in Streit gerieten, schlug er meine Geige in Trümmer. Mein Vater war heftigen Temperaments, und wenn er auch äusserlich gut preussisch war, innerlich ging ihm das Tschechenblut heiss durch die Adern. — Endlich gab ich nach, der Mutter Bitten hatten mich bezwungen, und ich bezog die Universität. Alles wickelte sich glatt ab, ich machte meine Examen, ging den vorgeschriebenen Weg bis zum Amtsrichter. Ein hervorragender Richter ward ich nicht, nur einer in der Menge, die man zum Durchschnitt zählt. — In vielen kleinen märkischen Städtchen habe ich ein paar Lebensjahre liegen. Gleichgültige, arme Jahre.“
Der alte Mann blickte sinnend vor sich nieder, dann blitzten seine Augen auf im Glanze einer stolzen Erinnerung.
„Einmal aber war mir doch etwas Schönes beschieden,“ sagte er bewegt, „etwas Schönes und zugleich Trauriges. Das war, als ich Martin Wollenstedt, einen unsrer besten Komponisten, kennen lernte und ihm meine Walzer vorspielte. Ganz zufällig gab sich das so. Wir wohnten beide vorübergehend in Berlin in derselben Pension. Ja,“ ein leichter Flor legte sich über seine Augen, „das war meine schönste und schwerste Stunde damals. Denn der Mann, der als einer der Ersten im Reich der Musik galt, sagte mir, dass meine Walzer ihm eine Offenbarung gewesen, wie die echte melodienreiche und doch gehaltvolle Operettenmusik beschaffen sein müsse. Er versuchte mich zu überreben, dass ich meine Walzer herausgebe, alles Nötige wollte er veranlassen. Ruhm und Ehre prophezeite er mir, — doch ich konnte seinem Wunsche nicht nachgeben. Nun nicht mehr. Ich war zu alt dazu geworden, zu schwerfällig. Das, was das Glück meiner Jugend hätte werden können, würde mir altem Manne nur unnötige Sorgen geschaffen haben. Vielleicht wär’s eine Enttäuschung geworden — und ich fühlte mich nicht mehr stark genug, solche Enttäuschungen zu ertragen. Meinen Frieden, den ich in all den langen Jahren gewonnen, den wollte ich nicht auf’s Spiel setzen. So blieb denn der Walzerkomponist Vincenz Tomiczek der Welt ebenso unbekannt wie seine Weisen,“ schloss der alte Amtsrichter und fügte leise hinzu: „Vielleicht war es die Geschichte eines verlornen Lebens, mit der ich eben Eure Jugend beschwert habe, vielleicht aber war es gut, dass alles für mich so gekommen ist.“ — — — —
Die Vergangenheit wirkte in die Gegenwart hinein, des Amtsrichters Erzählung trug eine merkwürdige Frucht.
Am andern Tag nämlich war Marta Stiller spurlos aus Schwärzestadt verschwunden.
Drittes Kapitel.
„Meine Lebensgeschichte hat ihren Entschluss zur Reife gebracht,“ warf sich dann auch Amtsrichter Tomiczek vor, als er von der Marta Flucht erfuhr, „sie fürchtete, vielleicht auch einmal ein verlorenes Leben beklagen zu müssen.“
Ein paar Wochen später langten von Marta zwei Briefe in Schwärzestadt an. Einer war an Frau Stiller, der andre an Hilde gerichtet. Frau Stillers Figürchen fiel von diesem Tage an noch mehr in sich zusammen. Mit ihrer Jüngsten war sie fertig, die existierte nicht mehr für sie. Sie schickte Marta deren zurückgelassene Sachen, ohne eine Zeile hinzuzufügen, verkaufte ihr Häuschen und zog zu ihrem ältesten Sohne, der sich in einem benachbarten Orte eine Praxis als Landarzt gegründet hatte. Dort leitete sie seinen kleinen Hausstand, traurig und wortkarg; Martas Namen sprach sie nicht mehr aus. Desto mehr aber musste sie an dieses störrische, eigenwillige Kind denken. —
Der Brief an Hilde lautete:
„Meine liebste Hilde!
Du zartes Kräutchen „Rührmichnichtan“ wirst sicher sehr erschreckt gewesen sein, als Du von meinem heimlichen Fortgang aus der kleinen Heimat vernommen. Ich konnte nicht anders, Hilde, ich konnte nicht! Das Grauen vor dem Beruf, in den mich Mutter durchaus hineindrängen wollte, hat mir schon manche Stunde verkümmert, das Denken daran hat mir alles vergällt. Tief im inneren Herzen hab ich’s immer gefühlt, ich würde kreuzunglücklich werden, wenn ich in dieser Sache die folgsame Tochter spielte und, das weisst Du ja, ich habe keine Lust kreuzunglücklich zu werden. Im Gegenteil, nach tollem, jauchzendem, himmelstürmendem Glück strecke ich sehnend die Arme aus, und solch ein Glück, hoch über dem Alltag thronend, kann nur die Kunst geben.
Ich musste handeln wie ich es tat, das wirst Du später einsehen, kleine Hilde; die Zukunft soll es meiner Mutter und Dir beweisen. Denk an das Schicksal Deines Vaters, der sich nicht zu dem Beruf bekennen durfte, der ihm sein Leben reich und wertvoll gemacht hätte. Ich meine übrigens, — ein wenig mutiger hätte er dereinst gegen seines Vaters Willen ankämpfen müssen. Seine Natur war aber wohl anders als die meine ist. Die Menschen sind ja so verschieden; es gibt Kämpfernaturen und solche, die dulden. Und ganz heisse Temperamente gibt es, die sich ihr Glück erstürmen müssen. Ja, Du, ich glaube fast, zu denen gehöre ich. —
Doch ich will Dich nicht mit Betrachtungen über dieses Thema langweilen, sondern Dir kurz und sachlich erzählen, wie ich hierher gekommen bin. Du wirst auf dem Poststempel den unbekannten Ortsnamen Treptow a. T. entziffert haben; heisst: An der Tollense. Treptow an der Tollense ist ein Städtchen, viel, viel kleiner als Schwärzestadt; es liegt im Regierungsbezirk Stettin, an der Strecke Berlin— Stralsund. Und von der Reichshauptstadt bin ich geradewegs hierhergereist mit dem in Berlin frisch zusammengestellten Schauspielensemble des Herrn Direktor Emmerich Gross. Vierzehn Tage geben wir hier Vorstellung, dann schiebt Emmerich Gross seinen Thespiskarren weiter bis ans Nordostende des Tollenser Sees nach Neubrandenburg.
Wie ich zu Emmerich Gross gekommen? höre ich im Geiste Deine Frage. Sehr einfach. Ich ging in Berlin zu einem Theateragenten und fragte keck, ob er mir nicht eine Stellung als Statistin vermitteln könne — irgendwo. Nur die Möglichkeit müsste ich dort haben, mich dann nach und nach in kleinen Rollen einspielen zu können. Der Agent fragte vorlaut nach meinen Garderobenverhältnissen. Doch aus meiner peinlichen Verlegenheit über diese bei mir recht unangebrachte Wissbegierde erlöste mich ein Klopfen an der Tür. Mit wehendem Havelock trat ein mittelgrosser Mann ein, dessen bartloses Gesicht ganze Bände von schlechter Schminke und billiger Vaseline sprach. Vielleicht auch von Sorge und ganz gewöhnlichem Hunger. Dieser Mann war Emmerich Gross, der allwinterlich die kleinen Städte und Ortschaften von Mecklenburg und Pommern und ein Stückchen Preussen mit seiner berühmten Schauspielertruppe beglückt. Er nahm mich mit, ohne viel Fragen nach woher und wohin. Auch meine Garderobe interessierte ihn nicht. „Meine Hede wird schon Rat schaffen,“ meinte er nur. Hede ist sein rechtmässiges angetrautes Eheweib. Na ja, so also landete ich bei dem Schauspieldirektor Emmerich Gross in Treptow an der Tollense. Ausser stummen Rollen habe ich noch nichts gespielt, wird aber wohl bald kommen.
Ich will nun schliessen, denn ich muss mich daran machen, mein grünes Kleid zu einem altdeutschen Kostüm zu wandeln. Ich nähe mir ein paar bunte Puffen über die Ärmel und der Rock wird malerisch gerafft. Mit der nötigen Phantasie ist so’n altdeutsches Kostüm gar nicht schwer zu beschaffen, wie Du siehst. — Übrigens, meine Gage beträgt — vierzig Mark. Wird Dir nicht schwindlig bei der Summe? Doch jetzt wirklich Schluss! Schreib bitte bald. An meine Mutter schrieb ich gleichzeitig. Ich hoffe, sie wird mir nicht zürnen ...
Grüss’ Deinen Vater von mir. Besonders schön aber grüsse ich Dich, liebe, alte Hilde. Deine
Marta Stiller.“
Beim Lesen dieser Epistel musste Hilde mehrmals unwillkürlich lachen, der frohe Übermut Martas lugte kichernd und lockend zwischen den Worten hervor. Doch kam sie nicht dazu, den Brief bald zu beantworten; der Vater war bettlägerig, ein altes Herzleiden quälte ihn, und Hilde musste immer um ihn sein. — In diesen Tagen, da er seine geliebte Geige meiden musste, spielte ihm Hilde vor, und das weiche singende Geigenspiel wirkte beruhigend auf ihn, und half ihm zuweilen den Schlaf zu finden. So war er auch heute nach Hildes Spiel eingeschlummert.
Das junge Mädchen stand am Fenster ihres Stübchens und blickte sinnend hinaus. Welch ein ungewohntes Leben heute in der sonst so menschenleeren Grabenstrasse! Aus den Häusern gegenüber traten Leute und bildeten kleine erregte Gruppen. Plötzlich flackerte in Hilde Tomiczek eine jähe unvermittelte Angst auf, als müsse sich irgend etwas Schlimmes ereignet haben, das sie und den Vater berühre. Sie vermochte nicht, sich dieser instinktiven Sorge zu erwehren, verliess deshalb wie mechanisch die Wohnung und ging hinaus auf die Strasse. Dicht trat sie an eine Gruppe von Nachbarn heran und fragte was geschehen sei.
Da schrie eine Frau los: „Dieser Filou, der Bankier Schneider hat Bankrott gemacht, und unsre erbärmlichen Spargroschen sind dabei mit flöten gegangen. Nun können wir nochmal von vorn anfangen.“ — Und ein Mann rief: „Alles was ich zusammenlegen konnte, habe ich dem Kerl zum Aufheben hingetragen, und nu, wo meine Hände müde und steif sind, nu, wo ich mich ausruhen wollte, kann ich betteln gehen.“ Wimmernd brach ihm die Stimme.
Hilde rührte kein Glied. Allbarmherzigkeit! Was redeten diese Menschen da? Das konnte doch nicht möglich sein!
„Nein, nein,“ entrang es sich ihr, und dann ging sie mit müden Füssen zurück. In ihrem Kopfe wirbelte es von tausend schnell herzudrängenden Gedanken. „Nein, nein,“ lallte sie, als sie sich wieder in ihrem Zimmer befand. Sie wusste ja, sein kleines Vermögen hatte der Vater dem Bankier Schneider übergeben, und wenn es Wahrheit gewesen, was diese Leute sagten, dann —
Wie ein Mühlrad drehte es sich in ihrem Kopfe. Nein, nein, es musste ein Missverständnis sein. Irgend ein leichtfertig verbreitetes Gerücht lag dem Irrtum zugrunde ...
Abends aber brachten die beiden Zeitungen Schwärzestadts die Bestätigung des Gehörten. Trotz Hildes Vorsicht bekam der Amtsrichter eines der Blätter zur Hand, und die Aufregung hatte einen schweren Anfall zur Folge, und wenige Tage später trug man Vincenz Tomiczek zu Grabe. — — —
Viertes Kapitel.
Hilde waren nach des Vaters Tode nichts als einige hundert Mark geblieben, die Möbel und seine Geige, von der man ja nicht einmal wusste, ob es eine echte Amati war ...
Sie mietete sich eine kleine Wohnung, — und versuchte Geigenunterricht zu geben, doch es wollten sich keine Schüler finden. In Schwärzestadt hatte man kein Zutrauen zu einer so jungen Musiklehrerin. Da zog man Kantor Beeskow oder Stadtkapellmeister Jasmann vor.
Hildes Kasse schmolz immer mehr zusammen, und von weitem glaubte sie schon das graue Medusenantlitz der Not zu erblicken. Da entschloss sie sich, ihre Möbel zu verkaufen und nach Berlin zu ziehen, das von Schwärzestadt nur durch eine knappe Stunde Bahnfahrt getrennt war. In der Millionenstadt, hoffte sie, würde es ihr besser gelingen, Schüler zu erhalten.
Ein Versuch, vorher Martas Rat einzuholen, war missglückt. Sie hatte den Brief der Freundin lange unbeantwortet gelassen, und da sie nun schrieb, erhielt sie ihr Schreiben mit dem Postvermerk „Adressatin nicht aufzufinden“ zurück. Wer wusste, wie weit ins Land hinein Emmerich Gross seinen Thespiskarren inzwischen gerollt hatte ...
An einem eisigkalten Januarmorgen entstieg Hilde Tomiczek einem Abteil dritter Klasse, und wenige Minuten darauf stand sie, den Geigenkasten in der Linken, die Handtasche in der Rechten vor dem Hauptportal des Stettiner Bahnhofes. Vorgestern hatte sie sich bereits in der Mittelstrasse ein Zimmer gemietet. Ganz zufällig hatte sie die Annonce der Vermieterin in die Hände bekommen. — Ihr grosses Gepäck hatte Hilde direkt in die Wohnung abgesandt. Nun bestieg sie, da sie aus der Fahrtrichtung der vielen elektrischen Bahnen nicht klug zu werden vermochte, eine Droschke, die sie nach kurzer Fahrt ans Ziel brachte.
Vor einem hohen Hause, das sich äusserlich wenig von den Nachbarhäusern unterschied, hielt der Wagen. Hilde stieg zwei Treppen hinauf und läutete.
„Das wird die Neue sein,“ hörte sie eine scharfe Frauenstimme sagen, und ein Spalt in der Tür öffnete sich. Dann wurde Hilde eingelassen, und Frau Jädicke führte sie gleich in ihr Zimmer. Doch blieb sie bald wieder allein, da die Wirtin nach dem Essen sehen musste, wie sie erklärte.
Nun befand sich Hilde Tomiczek in ihrem neuen Heim. Was würde ihr hier die Zukunft bringen?
Ein kleines Hinterstübchen war es, das Hilde fortan bewohnen sollte. Billige Öldruckbilder hingen an den Wänden, und über die Tischlampe stülpte sich ein leuchtend grüner Papierschirm. Eine Girlande von künstlichen Schneeballen zog sich um den Spiegelrahmen. Dies alles war Hilde beim Mieten neulich nicht besonders aufgefallen, jetzt taten ihr diese Geschmacklosigkeiten förmlich weh.
Ich will Frau Jädicke bitten, diese hässlichen überflüssigen Dinge fortzunehmen, dachte Hilde, während sie langsam Hut und Jackett ablegte. Dann sah sie sich weiter um, ängstlich erwägend, wie sie das Zimmer ein wenig gemütlicher machen könne. Etwas Fremdes, Heimatloses lag über dem Raume, das machte sie frösteln.
Das ist das Ungewohnte, versuchte sie sich selbst Mut einzureden, und dabei rollten ihr die Tränen über die Wangen. —
Frau Jädickes dicke Figur schob sich nach energischem Anklopfen, ohne das „Herein“ abzuwarten, durch die Tür.
„Na nu, Jotteken, wo fehlt’s denn,“ rief sie, die Hände zusammenschlagend, „warum weinen Sie denn? Wenn man so hübsch und so jung is, sollte man noch jar nich wissen, wie so’n Salzwasser brennen kann.“
Täppisch gutmütig legte sie Hilde die Hand auf die Schulter.
„Aber Sie erzählten mir ja, dass Ihr Vater jestorben is, lieber Jott, das will durchjemacht sind, vor so wat bleiben wir alle nich verschont. Nu aber Kopf hoch, Fräulein, in Berlin ist noch jeder durchjekommen, der ehrlich un willig wat tun wollte. Passen Sie mal auf, wie schnell Sie hier Schüler finden. Die Hauptsache is, dass Sie vorläufig ’n Notjroschen haben. So für die erste Zeit.“ —
Zögernd sagte sie es, wie vorsichtiges tastendes Fragen war das, doch Hilde hörte nur das Mitgefühl aus der Frau sprechen, nicht die Angst, ob die neue Mieterin auch pünktlich ihre fünfundzwanzig Mark bezahlen konnte.
Sie nickte und ihre Tränen rieselten langsamer. Ja, einen Notgroschen habe sie. — Da neigte Frau Jädicke bedächtig ihren runden Kopf.
„Na also, denn man keine Bange nich, es wird schon werden. Übrigens kam ich nicht aus Neujier, ich wollte man bloss fragen, ob Sie heute bei uns mitessen möchten, ’s jibt Königsberger Klopse, die isst mein Mann fürs Leben jerne. Un Suppewürfel ha’ ich auch, da mach ich für Sie ’ne Tasse Brühe.“
Die Fürsorge der Frau tat Hilde gut, und sie erklärte sich einverstanden; da ihr das Essen schmeckte und Expedient Jädicke sich als ein freundlicher Mann entpuppte, mit dem man sich nett unterhalten konnte, nahm Hilde fortan ständig am Mittagstisch der Familie Jädicke teil. — —
Schüler meldeten sich nicht, trotz aller Bemühungen Hildes, welche zu bekommen. Sie übte fleissig, hoffte von einem Tag zum andern auf einen Erfolg, und dabei schmolz ihr Geld langsam zusammen. Sie hatte sich verschiedene Kleidungsstücke anschaffen müssen, auch Stiefel, und dazu gesellten sich allerlei unvorhergegesehene Ausgaben. Einige Male hatte sie auch Konzerte besucht, um gute Geiger zu hören. Da sie nicht allein gehen mochte, bat sie Frau Jädicke, sie zu begleiten. Das kostete alles Geld, und sie besass so wenig. Mit einer fürchterlichen Angst erwachte sie zuweilen des Nachts und malte sich in den krassesten Farben aus, was wohl geschehen würde, wenn das letzte Zwanzigmarkstück gewechselt war.
Und der Tag brach an, da es soweit war. Ein hässlicher, verregneter Tag war es. Hilde lag auf dem schmalen Sofa ihres Hinterzimmers und zermarterte sich den Kopf, was nun werden sollte.
Nebenan in dem grossen Eckzimmer mit dem Balkon rumorte es lebhaft. Dieses, sowie ein daneben befindliches Schlafzimmer, hatte der Filialleiter eines grösseren Geschäftes lange bewohnt, doch der war nach auswärts versetzt worden, nun standen die Zimmer schon einen halben Monat frei. Heute waren sie wieder bezogen worden.
„Eine pikfeine Dame,“ prahlte vorhin Frau Jädicke, „mit echtem Pelzmantel un riesije Brilljanten in die Ohren. Sie singt im Sommerjarten und verdient klotzijes Jeld. Die im Sommerjarten kriegen ja alle Jehälter — Jehälter sage ick Sie ... Schade, dass Sie so was nich können!“ klang ihre Rede bedauernd aus.
Hilde hatte darauf nichts erwidert, aber die Worte hatten sich in ihr Gehirn gebohrt. Nein, sie konnte so was nicht, sie konnte überhaupt gar nichts, ausser dem bisschen Geigenspiel, und das war zu nichts nütze, wie sie die Erfahrung gelehrt hatte.
„Wer wohnt denn ausser mir noch bei Ihnen?“ erklang jetzt nebenan eine volle Altstimme.
Hilde verstand nicht, was Frau Jädicke antwortete, sie fühlte aber, etwas Schmeichelhaftes für sie konnte es nicht sein, denn die Altstimme sagte: „O, mon dieu, das ist ja sehr traurig.“
Hilde Tomiczek steckte sich die Finger in die Ohren, sie wollte nichts hören, nichts ...
Am andern Vormittag begegnete sie ihrer neuen Zimmernachbarin, die, eben von einem Ausgang zurückgekommen, mit Frau Jädicke auf dem Flur plauderte.
Ein dunkles pikantes Gesicht wandte sich Hilde zu und die sympathische Altstimme beantwortete liebenswürdig ihren kurzen Gruss.
Hilde blieb, da sie das Gespräch nicht stören wollte, einen Augenblick unschlüssig stehen, dann sagte sie leise zu der Wirtin:
„Ich möchte Sie nachher gern etwas fragen, Frau Jädicke.“
Sie beabsichtigte, ihre Uhr und ein paar Ringe zu verpfänden, um sich Geld zu schaffen und wollte die Frau um Rat fragen, trotzdem ihr eine Ahnung zuraunte, dass sie nach solcher Frage wohl bald die Gunst der biederen Frau verscherzt haben dürfte.
Die Fremde mit dem rassigen Gesicht blickte Hilde forschend an und lächelte:
„Verzeihen Sie, Mademoiselle, wir wohnen so dicht nebeneinander, dass ich es daraufhin wage, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten. Ich muss jetzt schleunigst auspacken, vite rasch. Demain soir, heisst morgen Abend, trete ich auf, da will ich heute mes robes, hm, meine Kleider ordnen und Madame Jädicke hat jetzt zu tun —“
„Sauerkraut un Bratwurst jibt’s,“ warf die Frau ein.
„Möchte ich Sie bitten,“ fuhr die Fremde einen Schritt näher tretend, fort, „mir beim Auspacken ein bisschen zu helfen, vorausgesetzt, Ihre Zeit gestattet es Ihnen.“
Ehe Hilde darauf eine Erwiderung gab, lachte Frau Jädicke: „Jewiss hat sie Zeit, mehr als ihr lieb is, wat, Fräulein?“
Hilde zuckte zusammen, der geringschätzende Unterton, der in der Bemerkung lag, empörte sie; die kluge Wirtin hatte wohl längst schon bemerkt, dass der Notgroschen ihrer Mieterin aus dem Hinterzimmer zu Ende ging. Nein, diese Frau konnte sie nicht um Rat angehen.
Die Sängerin musste begriffen haben, was in der andern vorging. Freundlicher noch als vordem sagte sie:
„Bitte, helfen Sie mir, wir alleinstehenden Frauen müssen uns doch gegenseitig unterstützen, n’est ce pas?“ Und sie öffnete die Tür ihres Zimmers und schob die zierliche Blondine sanft über die Schwelle.
So machte Hilde Tomiczek Bekanntschaft mit Marion de Clermont, die als französische Excentrique-Sängerin im Sommergarten auftrat.
Marion de Clermont war von Geburt Elsässerin, und stammte aus einer alten Artistenfamilie. Als kleines Ding tanzte Marion auch auf dem Seil, später wandelte sie zum Varieté hinüber, sang kleine Lieder in kurzen Tüllröckchen und tanzte ein paar kecke Pas dabei. Grazie und Charme waren ihr angeboren. Kaum erwachsen, zog sie denn eines Tages singend und tanzend in einem kleinen Vorstadtvarieté von Paris ein. Es gelang ihr, durch die frische, drollige Art, wie sie die gewagtesten Sachen vortrug, dem Publikum zu gefallen. Sie wurde für das Vorstadtvarieté so etwas wie ein Star. Irgend ein Berichterstatter brachte einen langen Artikel über sie in einer guten Zeitung, und nun interessierten sich die bedeutendsten Agenten mit einem Male für Marion de Clermont. Man riss sich bald um sie, und ihre Monatsgage erreichte längst eine vierstellige Zahl.
In gutem Deutsch, das ihr als Elsässerin ebenso geläufig wie französisch war, — nur einige französische Worte, die sie sofort in drolliger Weise wieder übersetzte, rankten sich graziös wie schillernde Blumen hindurch, — erzählte die Sängerin der lauschenden Nachbarin aus der Hinterstube ihren Lebenslauf. Mit staunenden Augen bewunderte Hilde jetzt die eleganten Kleider, die von der Marion vorsichtig den riesigen Koffern entnommen und vorläufig über Stühle und Sofa gelegt wurden.
Meine Bühnentoiletten sind bereits im Sommergarten,“ plauderte sie anmutig. „Schwer werd ich’s haben quelques jours, ja einige Tage, meine Zofe ist krank geworden in Hamburg, sie kommt erst nach, bientôt, bald hoffe ich. Sie lachte sorglos. „Ca, ne fait rien, aber das macht nichts. Autrefois, früher wusste ich ja gar nicht was eine Zofe war.“
Hilde versuchte, ein paar belanglose Worte zu erwidern, aber es wurde nur ein törichtes unbeholfenes Stammeln.
Was wollte die überhaupt von ihr? Ihr nur ihren Reichtum und ihr Glück zeigen. Denn das mit dem „Helfen beim Auspacken“ war nur eine Redensart gewesen, sie mit ins Zimmer zu locken. Was möchte die Wirtin vorhin über sie zu der Sängerin gesagt haben, dass die sich jetzt an ihrer Armut weiden wollte.
„Ach, s’il vous plaît, bitte, bitte, legen Sie diese Bluse dort über den Stuhl,“ bat Marion jetzt und hielt ihr ein reich besticktes flimmerndes Etwas aus zartestem Seidentüll hin.
Hilde tat mechanisch, wie ihr geheissen, aber Empörung wallte dabei in ihr auf, das konnte die Sängerin wahrlich allein tun, und schnell und kühl sagte sie: „Ich will nun gehen, viel zu helfen vermag ich doch nicht, ich stehe Ihnen nur im Wege,“ sie schritt zur Tür. Doch ehe sie diese erreichte, war Marion an ihrer Seite und gedämpft schlug es ihr ans Ohr:
„Bleiben Sie, bitte. Vous savez, Sie verstehen, ich sehe es Ihnen an, dass ich Sie nicht des Auspackens wegen gebeten habe. Mais, aber — man traut sich nicht recht an Sie heran, Sie haben so etwas unbändig Stolzes.“ Sie zog Hilde sanft ins Zimmer zurück, schob die kostbaren Kleider, die das Sofa bedeckten, achtlos beiseite und drückte Hilde auf die Polster nieder. Sie nahm neben ihr Platz, und ein feines unaufdringliches Parfüm schmeichelte sich um Hildes Sinne.
Was will sie nur von mir? dachte Hilde Tomiczek gequält.
Und neben ihr begann die warme, tiefe Frauenstimme wieder zu sprechen:
„Ich möchte nicht viele Worte machen, sondern Ihnen erklären, warum ich Interesse für Sie habe. Ich weiss von Frau Jädicke, dass Sie Sorgen haben, weil Sie keine Schüler bekommen und wieviele Zeit Sie schon warten. Mon dieu, mein Gott, so viele patience, will sagen Geduld, hält’ ich nicht gehabt. Und nun ist Ihr Geld zu Ende.“
Hilde wollte aufspringen, doch eine weiche Hand verhinderte sie daran, und die Stimme raunte weiter, ein bisschen Spott zitterte hindurch:
„Wirtinnen, die ihre Miete brauchen, haben scharfe Augen — ich kenne das von früher. Ah,“ ein leiser Seufzer stieg auf: „Je le sais, ich weiss, wie das tut, wenn man Sorgen hat, autrefois, früher habe ich viele gehabt, und weil ich das kenne, darum möchte ich Ihnen helfen. Sie sind so jung und so blond und so hübsch, Sie sollen keine sottises, ich meine Dummheiten machen mit sterben und so.“
Hilde senkte schuldbewusst die Wimpern.
„So!“ Ganz lang dehnte die Sängerin dieses „so“. „Also Sie haben schon daran gedacht, an das Letzte. Armes Ding,“ ihre Stimme bebte, „armes Ding, ja das Leben ist unbarmherzig, zu einem zu gut und zum andern zu schlecht. Das müssen wir Menschen ein bisschen ausgleichen.“ Sie legte einen Arm um Hildes Schulter: „Sehen Sie mich an, bitte, und sagen Sie sans gêne, bin ich Ihnen unsympathisch?“
Hilde blickte in ein Paar klare, dunkle Augen, die sich gütig und verstehend in die ihren senkten. Wie eine warme Welle köstlicher reiner Menschenliebe floss es von dieser fremden Frau zu ihr herüber, und leise schüttelte sie den Kopf.
„Ich bin Ihnen also nicht unsympathisch, nun dann ist alles in Ordnung. Ich gefalle Ihnen, und Sie gefallen mir,“ frohlockte die Sängerin, „da wollen wir fortan Freundinnen sein. Und nun ich Ihre Freundin bin, darf ich Ihnen auch raten und helfen, nicht wahr?“ Und ohne die andre zu Wort kommen zu lassen, sagte sie drollig: „Ja, nun sind wir gute Freundinnen, aber ich weiss nicht einmal, wie meine Freundin heisst.“
Hilde lachte laut auf, aber in ihren Augen schimmerte es verdächtig.
„Hilde Tomiczek heisse ich,“ sagte sie.
„Hart klingt der Name, fremd und apart,“ fand die Sängerin, „wenn Ihr Geigenspiel so fremd und apart wie Ihr Name ist, dann hätt’ ich einen herrlichen Plan, dann wär’s gleich mit den Sorgen aus,“ schloss Marion überlegend.
Hilde hatte keine Ahnung, was Marion meinte, doch das beglückende Gefühl, so plötzlich eine Freundin zu besitzen, einen Menschen auf der weiten, grossen Gotteserde, dem sie sich anvertrauen durfte, machte sie vorläufig schon glücklich.
„Holen Sie Ihre Geige, Hilde, und spielen Sie mir vor,“ bat Marion, und Hilde folgte dem Wunsche. Was sie von Konzertstücken auswendig konnte, spielte sie der neuen Freundin vor.
„Ich bin nicht musikalisch genug, Ihr Spiel richtig einzuschätzen,“ meinte die Sängerin, „nur so viel finde ich heraus, Sie waren sehr fleissig und haben viel gelernt.“
Sie sah sinnend vor sich hin. Es war, als wollte sie Hilde irgend einen bestimmten Vorschlag machen und wiederum, als könnte sie sich noch nicht recht dazu entschliessen.
„Jedenfalls hätten die Schüler, die nicht kommen, tüchtiges von Ihnen lernen können,“ sagte sie, und dann wünschte sie zum Schluss noch etwas Lustiges zu hören.
Hilde hätte ihr gern den Gefallen getan, aber was sollte sie ihr auf der Geige Lustiges spielen. Sie überlegte — und plötzlich, ohne klares Besinnen, setzte sie den Bogen an zu einem Walzer des toten Vaters. Und während sie spielte, vergass sie vollständig, wo sie sich befand.
Draussen klopfte laut und stark der kräftige Pulsschlag der Millionenstadt, Hilde hörte ihn nicht. Sie befand sich wieder in dem kleinen Häuschen der Grabenstrasse, und wildes Weinlaub lugte in die Fensterscheiben, übermütig schlenderte sie Arm in Arm mit Marta Stiller durch die abendfriedlichen Strassen des Heimatstädtchens, und Marta flüsterte heimlich von ihren Bühnenträumen. Durch alle ihre behüteten Jugendtage wanderte sie wieder und hockte zu den Füssen des Vaters und lauschte seinen Walzern. Prediger Stiller stand mager und dürr auf der Kanzel der Peterskirche, und Marta floh aus der engen bescheidenen Heimat, vielleicht einem Irrlichtschein nach, den sie mit Träumeraugen für einen Stern gehalten. Und Hilde sah den Vater im Sarge liegen, tot und kalt — und dann kamen die Sorgen ums tägliche Brot. Mit einem Ton, der wie ein Hilferuf klang, endete Hilde.
Verwundert schaute sie sich um. Wie weit war sie denn in die Vergangenheit zurückgeschritten, dass sie sich erst besinnen musste, wo sie war?
Rings um sie herum lagen Kleider, köstliche Wäsche, federgeschmückte Hüte, und da drüben auf einem Stuhl kauerte die elegante, lebenslustige Marion de Clermont und tupfte sich mit dem Spitzentaschentuch über die Lider. Eben erhob sie sich und stiess ein herabfallendes Stickereikleid mit dem Fusse fort.
„Plunder,“ sagte sie verächtlich, „gut genug für eine wie ich, aber Sie chérie, Teure, in was sollten Sie sich hüllen?! Sie sind ja keine gewöhnliche Sterbliche, Sie können einem ja das Herz in der Brust umwenden mit Ihrer Musik. C’est le plus beau, dies ist das Schönste, was ich in meinem ganzen Leben gehört habe!“
Und in Hilde stieg es jubelnd auf: nun hast Du dieselbe Macht wie der Vater, nun kannst Du seine Walzer spielen wie er. Durch Not und Sorge und schlaflose Nächte musstest Du gehen, ehe Dir’s gelang. Und Hilde Tomiczek segnete Not und Sorge und die bangen schlaflosen Nächte ...
Jetzt brachte Marion de Clermont ihren Vorschlag. Sie wollte dem Direktor das Sommergartens von Hildes Spiel erzählen und ihn bitten, sie Probe spielen zu lassen. Vielleicht — nein sicher, engagierte er sie, „und dann werden Sie ein berühmter Varietéstern,“ freute sich Marion.
„Nein, nein, dazu eigene ich mich nicht, vor vielen Menschen öffentlich spielen — ich könnte das nicht,“ wehrte Hilde ab. Ihrem soliden Kleinstadtsinn widerstand alles, was mit der grossen Öffentlichkeit zusammenhing.
„Das gibt sich schon,“ redete die Sängerin zu, „die Hauptsache ist, dass Sie der Direktor hört, da Sie zudem noch très jolie sind, ja, sehr hübsch, glaube ich sicher, er engagiert Sie, weil Sie eine aparte Nummer sind.“
„Was bin ich?“ fragte Hilde.
„Eine aparte Nummer, un numéro extraordinaire,“ lächelte Marion leichthin. „Im Varietéprogramm sind wir alle eine Nummer. Das, was wir dem Publikum bieten, ist unsre Arbeit, unsre Nummer.“
Sie fasste Hilde um die Taille und wirbelte mit ihr im Zimmer herum. „Hei donc, hopp, le numéro extraordinarie, die aparte Nummer soll leben!“
Hilde hatte Mühe Geige und Bogen festzuhalten bei diesem Herumschwenken. Atemlos fiel sie endlich auf einen Stuhl.
„Eh bein, als Exzentrique habe ich von Ihnen keine Konkurrenz zu befürchten,“ lachte Marion, „und nun will ich Ihnen etwas sagen. Der Plan, Sie dem Varieté zuzuführen, der erstand schon in mir, als ich mit Madame Jädicke von Ihnen sprach. Ihre Konzertstücke, die Sie mir vorhin spielten, konnten mich aber nicht befriedigen, oder sehr wenig. So was gibt’s en masse. Aber als Sie die Walzer spielten, die Walzer mit dem Lachen und Weinen, da wusst ich: solch Spiel gibt’s nicht en masse. Das ist rar, sehr rar. Maintenant, jetzt rede ich mit dem Direktor, er ist ein sehr liebenswürdiger Herr, den ich von Paris her gut kenne. Und dann war ich ja auch im vorigen Jahr schon einmal bei ihm im Sommergarten; er wird mir den Gefallen tun und Sie anhören. Dann aber, wenn es glückt und er sie auftreten lassen will, seien Sie nicht ängstlich, dann Courage, Courage! Wenn man was kann, braucht man keine Furcht zu haben. Und nun ziehen Sie sich schnell warm an, und seien Sie für heute mein Gast. Lassen Sie die Familie Jädicke ihren Sauerkohl und ihre Bratwurst selbst essen.“
Gehorsam wie ein Kind folgte Hilde der rasch gewonnenen Freundin, und bald sassen die beiden vergnügt in einer netten Ecke eines gemütlichen Weinlokals. Nach dem zweiten Gläschen Sekt erwachte in Hilde Tomiczek der Mut, wirklich „un numéro extraordinaire“ zu werden, wenn es der Direktor vom Sommergarten wollte. Und hoffentlich wollte er! Beim dritten Glas tranken Marion und Hilde auf Du und Du.
Hilde hätte es nie für möglich gehalten, dass sie sich so glücklich fühlen könnte. Nur, weil ein fremder Mensch so gut zu ihr war ...
Darmowy fragment się skończył.