Czytaj książkę: «Lost Island»
Lost Island
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Roman
Annika Kastner
Booklounge Verlag
Erstausgabe im November 2020
Alle Rechte liegen beim Verlag
Copyright © November 2020
Booklounge Verlag
Johann-Boye-Str. 5
23923 Schönberg
Coverbild: @ Korionov - Can Stock Photo Inc.
978-3-947115-20-4
Inhalt
Widmung
Kapitel 1 - Hazel
Kapitel 2 - Hazel
Kapitel 3 - Nick
Kapitel 4 - Hazel
Kapitel 5 - Nick
Kapitel 6 - Hazel
Kapitel 7 - Nick
Kapitel 8 - Hazel
Kapitel 9 - Nick
Kapitel 10 - Hazel
Kapitel 11 - Nick
Kapitel 12 - Hazel
Kapitel 13 - Nick
Kapitel 14 - Hazel
Kapitel 15 - Nick
Kapitel 16 - Hazel
Kapitel 17 - Nick
Kapitel 18 - Hazel
Kapitel 19 - Nick
Kapitel 20 - Hazel
Kapitel 21 - Nick
Kapitel 22 - Hazel
Kapitel 23 - Nick
Kapitel 24 - Hazel
Kapitel 25 - Nick
Kapitel 26 - Hazel
Kapitel 27 - Nick
Kapitel 28 - Hazel
Kapitel 29 - Nick
Kapitel 30 - Hazel
Kapitel 31 - Nick
Kapitel 32 - Hazel
Kapitel 33 - Nick
Kapitel 34 - Hazel
Kapitel 35 - Nick
Kapitel 36 - Hazel
Kapitel 37 - Nick
Kapitel 38 - Hazel
Kapitel 39 - Nick
Kapitel 40 - Hazel
Nachwort
Hazel und Nick
Playlist
Die Autorin
Weitere Bücher der Autorin
Widmung
Die Geschichte von Hazel und Nick geistert schon lange in meinem Kopf herum und ich freue mich, dass sie endlich die Chance haben, euch ihre Geschichte zu erzählen.
Wie immer sind die Figuren frei erfunden. Auch die Orte und Geschehnisse, doch macht es sie nicht weniger lebendig für mich. Immer wenn ich ein Buch beende, ist es so, als würde ich guten Freunden Lebewohl sagen. Es macht mich glücklich und traurig zugleich.
An dieser Stelle ein Dankeschön an jeden einzelnen meiner Leser. Danke, dass du meine Geschichten liest, den Figuren Leben einhauchst, rezensierst und mich verlinkst – das bedeutet mir sehr viel. Ich widme dir dieses Buch, denn ohne dich würde es meine Bücher nicht geben! Außerdem meinem Mann, Philipp, und meinem Sohn, Joshua. Ich liebe euch beide sehr, Jungs. Ich glaube, es ist nicht immer einfach mit mir, wenn ich in einer Schreibphase bin, in meiner eigenen Welt herum tigere, oder von unterwegs anrufe, dass du, Philipp, mal eben schnell ein Post-it an meinen PC hängen sollst – mit Stichworten, die du eigentlich überhaupt nicht verstehst. Aber du lachst mit mir darüber und dafür liebe ich dich noch mehr.
Deine Annika
Kapitel 1 - Hazel
1 Jahr vorher
Ich lache herzhaft über Dr. Conners Witz. Er ist mit Abstand mein Lieblingskollege, denn ich mag seine freundliche, humorvolle und väterliche Art. Wobei, Kollege ist gut, eigentlich ist er mein direkter Vorgesetzter, das vergesse ich nur oft, weil es eher freundschaftlich zwischen uns zugeht. Gut gelaunt laufe ich neben ihm über den kargen Krankenhausgang, wobei unsere Schritte von den Wänden widerhallen und unsere Sohlen quietschende Geräusche verursachen.
»Haben Sie sich schon überlegt, wo Sie nach Ihrem Studium arbeiten möchten? Nicht mehr lange und Sie haben es gemeistert – mit Bravour, wie ich vermute.« Er schiebt seine leicht schief hängende Nickelbrille auf dem Nasenrücken hoch. Eine Geste, die mir ziemlich vertraut ist, weil er dies alle paar Minuten wiederholt. Seine grauen Augen, die von Lachfalten umgeben sind, schauen mich ebenso neugierig wie erwartungsvoll an. Er wartet auf eine Antwort. Das ist etwas, was ich wirklich an ihm schätze – er ist an mir als Mensch interessiert, hört gespannt zu. Etwas, was viele vor lauter Stress verlernt haben. Bei ihm fühle ich mich ernst genommen.
»Nein, ich habe noch keine Idee«, gebe ich zu, reibe mir dabei verlegen über den Nacken. Das ist nicht die Antwort, die er gerne gehabt hätte, denn er fragt mich schon zum zweiten Mal nach meinen Plänen. Ich weiß, dass ich die Antwort nicht ewig hinausschieben kann, aber was will ich überhaupt? Wo will ich mich niederlassen? Hier? Oder möchte ich noch mehr von der Welt sehen? Ich habe immer viel reisen wollen, die Erde entdecken, stattdessen bin ich seit Jahren nicht im Urlaub gewesen. Das Studium ist hart und fordert überdurchschnittlichen Einsatz, mit Unmengen an Überstunden. Irgendwie ist dadurch alles andere auf der Strecke geblieben. Bin ich bereit, gleich in die Vollen zu gehen, oder nehme ich mir eine kleine Reiseauszeit?
»Nun, es ist kein Geheimnis, dass wir hier alle sehr angetan von Ihrer Arbeit sind. Wenn Sie sich vorstellen können, zu unserem Team zu gehören, würde ich ein gutes Wort für Sie einlegen. Hazel, Sie können hier viel erreichen. Ich werde nicht jünger und Sie könnten eines Tages meine Nachfolgerin sein, wenn Sie Ihre Karten richtig ausspielen. Die Fähigkeiten haben Sie, was wir beide wissen.« Ich spüre, dass ich erröte. Väterlich legt Dr. Conner mir die Hand auf den Arm, nickt aufmunternd. »Nun, mein Kind, Sie werden ja ganz rot. Nehmen Sie das Lob an, Sie haben es sich verdient. Sie sind fleißig, die Kollegen und Patienten schätzen Sie sehr, auch ich schätze Sie, aber das wissen Sie.«
»Danke, Dr. Connor«, stammle ich deutlich verlegen. Ich kann einfach nicht mit Komplimenten umgehen.
Unsere Schuhe verursachen erneut ein lautes Quietschgeräusch, während wir in den nächsten Korridor einbiegen. Nachdenklich runzle ich die Stirn, als ich den leeren Gang vor uns erblicke. »Sollte der Patient nicht von einem Polizisten rund um die Uhr bewacht werden?« Dr. Conner spricht meine Gedanken aus, ehe ich selbst Gelegenheit dazu habe.
Ich blättere in meinen Unterlagen, checke die vorhandenen Notizen. »Ja, Personenbewachung. Es hat sich nichts an der Situation geändert, deswegen liegt er von den anderen Patienten isoliert. So ist es der Wunsch der Staatsanwaltschaft gewesen«, lese ich vor. Merkwürdig. Aber es ist auch das erste Mal, dass ich eine Patientenbewachung durch die Polizei erlebe. Irgendwie aufregend und beängstigend zugleich. »Vielleicht ist er in einer Untersuchung, die kurzfristig angeordnet worden ist?« Ich zucke mit den Schultern, es wird schon seine Gründe haben, hat es immer. Hier werden so oft Untersuchungen festgelegt, die erst im Anschluss vermerkt werden. »Immerhin sind wir eine Stunde zu früh dran«, werfe ich noch hinterher. Es ist also nicht unmöglich.
»Oh, das wäre wirklich ärgerlich. Mary freut sich so auf unseren Hochzeitstag und dass ich etwas eher komme. Wir wollen zum Essen gehen, so richtig schick«, seufzt der Mann neben mir. Ich weiß genau, was er meint. Er macht so viele Doppelschichten, dass Mary sich sicher nach etwas extra Zeit sehnt. Der Gedanke, dass sie nach all den Jahren noch romantisch essen gehen, einander so wichtig sind, erwärmt mein Herz. Sowas wünsche ich mir auch. Jemanden, der mich liebt – in guten und schlechten Zeiten, bis ich alt, grau und faltig bin. Leider gibt es solche Verbindungen heutzutage äußerst selten, und bei der vielen Arbeit werde ich vermutlich nie jemanden kennenlernen. Noch ein Grund mehr, der fürs Reisen spricht.
Ich schiebe diese Gedanken beiseite, schaue mich um. Der Flur ist leer und still. Die Patienten sind auf andere Etagen aufgeteilt worden, damit die Polizei Übersicht über das Kommen und Gehen behält, aber jetzt gerade wirkt es gruselig, wie in einem dieser Zombie-Horrorfilme, als bricht jede Sekunde das Chaos aus. Okay, meine Fantasie geht mit mir durch, hier wird sicherlich keine Zombie-Armee durchrennen. Auf dieser Station liegt ein ehemaliges Gangmitglied eines großen Drogenringes. Er ist angeschossen und wegen Besitz illegaler Substanzen verhaftet worden. Er hat einen Deal mit der Polizei ausgehandelt, wird gegen seine Leute aussagen, um nicht ins Gefängnis zu müssen, und in den Zeugenschutz überführt. Das macht ihn allerdings zu einer Zielscheibe für seine alten Kollegen und zu einem wichtigen Zeugen für die Staatsanwaltschaft, die seit Ewigkeiten nach solch einem Glücksfall gesucht hat, um den Ring endlich zerschlagen zu können – wie im Fernsehen, wirklich verrückt. Ich bewundere seinen Mut, denn so wie ich gehört habe, ist diese Vereinigung gefährlich und skrupellos. Wie kann man sich nur auf so etwas einlassen? Es ist letztlich seine eigene Dummheit gewesen, die ihm das hier eingebrockt hat.
»Nun, dann sehen wir doch einfach nach.« Dr. Connor drückt die Türklinke hinunter und tritt vor mir ins Zimmer ein. Ich stolpere über meine eigenen Füße, wobei mein Kugelschreiber vom Klemmbrett rutscht, anschließend klimpernd zu Boden fällt. Während ich mich bücke, höre ich den Oberarzt überrascht rufen: »Was ist hier …«, doch weiter kommt er nicht, verstummt plötzlich. Ich vernehme ein leises Zischen, etwas Feuchtes benetzt mein Gesicht. Ich richte mich automatisch auf, starre ins Zimmer unseres Patienten. Ein weiteres Zischen erklingt, wonach mein väterlicher Kollege vor mir zu Boden geht. Seine Augen blicken mir leer entgegen, in seiner Stirn prangt ein Loch, aus dem Blut auf den Boden rinnt. Mein Herz bleibt gefühlt stehen, als ich den Krater in seinem Kopf sehe. Ich verstehe nicht, was ich da gerade erblicke oder was passiert ist. Warum …? Was …? Ich wische mir über das Gesicht, schaue meine Finger an. Sie sind rot – von seinem Blut, welches mir ins Gesicht gespritzt ist. Kälte und Angst breitet sich in Wellen in mir aus, als langsam durchsickert, dass Dr. Connor mit einer Kugel im Kopf vor mir liegt. Er ist tot, versuche ich das Bild, welches sich mir bietet, zu verstehen, wische mir abermals über die Wangen und reibe mein Gesicht. Blut, sein Blut. Mein Herz schlägt wieder, hämmert nun wild gegen meine Brust. Es sind erst wenige Sekunden vergangen, seit er vor mir zusammengesackt ist, für mich fühlt es sich jedoch wie Stunden an. Die Zeit scheint langsamer zu laufen. Ich schaue schleppend hoch, sehe nun den Polizisten, der den Zeugen bewachen sollte, an dessen Kopfende verharren, mit der Waffenmündung auf mich gerichtet. Mein Gehirn steht unter Schock, kann die Situation nicht richtig erfassen, aber weiß, hier läuft etwas falsch. Unsere Blicke treffen sich für eine Sekunde, seine Visage brennt sich in meinen Schädel ein. Das blutige Bild dessen, was er angerichtet hat, ebenfalls.
Dunkles Rot besudelt das ehemals weiße Laken, der Zeuge blickt mich aus ebenso leeren Augen an, wie der gutmütige Dr. Connor, dessen Lachen ich nie wieder hören werde und dessen Frau heute vergeblich auf ihn warten wird. Ich versuche, all das zu begreifen, doch mein Kopf spielt nicht mit – ich verliere dadurch wertvolle Sekunden. Der Polizist visiert mich an, lächelt leicht, was nicht zu dem Drumherum, welches sich mir offenbart, passt. Ich folge seinen Bewegungen mit den Augen. Dann setzt mein Verstand endlich wieder ein, Adrenalin durchflutet meinen Körper. Nein, ich werde hier nicht sterben. Niemals. Überlebenswille packt mich: Ich schleudere ihm mein Klemmbrett mit Schwung entgegen, denn es ist das Einzige, was ich gerade habe, um mich zu schützen. Er hebt den Arm, will es abwenden, und drückt gleichzeitig ab. Die Kugel streift meinen linken Oberarm. Ich schreie heiser auf, merke den Schmerz aber kaum, zu sehr bin ich mit Adrenalin vollgepumpt. Das Klemmbrett landet polternd auf dem Boden, woraufhin ich die Gunst der Stunde nutze, herumwirbele und meine Beine in die Hand nehme, denn ich muss hier raus – und zwar sofort. Wenn ich leben will, was ich definitiv möchte, sollte ich hier weg. So schnell es geht.
Meine Füße setzen sich wie von selbst in Bewegung, fliegen förmlich über den Boden, Schmerzen spüre ich noch immer keine. Mein Körper hat die Kontrolle übernommen, hilft mir, alles zu geben. Ich höre Schritte hinter mir, und ein leises Fluchen, doch ich bin schneller, nutze den Vorsprung, den ich mir erarbeitet habe. Schon immer bin ich eine gute Läuferin gewesen, eine sehr gute sogar. Auch wenn ich lange nicht mehr beim Training gewesen bin, meine Muskeln haben es nicht vergessen. Ich reiße einen Medikamentenwagen, der verlassen im Gang steht, um. Scheppernd verteilen sich die kleinen Dosen und Flaschen hinter mir auf dem Boden, wodurch ich ihm für einige Sekunden den Weg versperre und mir mehr Puffer verschaffe.
Eine weitere Kugel fliegt an mir vorbei. Ich schreie auf, als sie die Wand links neben mir trifft und sich dort in den Putz bohrt. Ich schlage einen Haken wie ein Hase, versuche dabei, ihm kein gutes Ziel zu sein. Der Mann hinter mir flucht nun laut und ungehalten, tritt obendrein den Medikamentenwagen aus dem Weg. Schlitternd bliebe ich an einer Tür zu einem der verlassenen Patientenzimmer stehen, renne hinein und werfe sie mit einem lauten Knall hinter mir zu. Erst mal aus dem Schussfeld sein, das ist gut.
»Oh Gott«, flüstere ich schluchzend, sperre mit zitternden Fingern die Tür ab. Jeder von uns hat einen Generalschlüssel, den ich zuvor nie benutzt habe, aber es gibt schließlich für alles ein erstes Mal. Konzentriere dich, herrsche ich mich selbst an und endlich dreht sich der verdammte Schlüssel im Schloss. Langsam entferne ich mich von der Tür, mein Brustkorb hebt und senkt sich hektisch, mein Herz hüpft mir fast aus der Brust.
Nur wenige Sekunden später trommelt es laut gegen die Tür, lässt sie in den Angeln erzittern, woraufhin ich einen weiteren Satz nach hinten mache. Die Klinke wird hoch und runter gedrückt, Tränen vernebeln mir die Sicht. Das kann nicht wahr sein. Das ist ein Albtraum! Bitte, flehe ich, lass mich aufwachen, doch leider ist es kein Traum. Es ist bittere Realität und ich sitze fest. Ich muss einen Ausweg finden. Meine Taschen sind leer, mein Handy steckt zum Aufladen im Schwesternzimmer an der Steckdose. Die Telefone im Zimmer sind abgestellt. »Bitte nicht«, flüstere ich erstickt, trete weiter nach hinten, bis mein Rücken die kalte Wand trifft. Ich sinke daran hinab, begebe mich in die Hocke, fahre mir mit beiden Händen über das Gesicht. Warum kommt denn niemand? Jemand wird meine Schreie gehört haben. Es muss mir doch jemand helfen. Dr. Conner, er …
»Mach diese beschissene Tür auf«, flucht mein Verfolger auf der anderen Seite. »Dir wird niemand glauben, Miststück. Niemand, hörst du? Wir machen dich fertig. Ich bin Polizist. Wir haben überall Männer. Ich werde dich töten oder ihnen weismachen, dass du mit uns unter einer Decke steckst. Hörst du? Dein Wort gegen meins. Du bist so oder so tot«, zischt er. Ich höre die Wut in seiner Stimme, glaube ihm jedes Wort. Sie alle sind gefährlich, er gehört zu der Gang. Sie haben die Polizei unterwandert und wer weiß, wen noch. Ich werde schneller tot sein, als ich aussagen kann – da hat er recht. Wenn nicht er, wird jemand anderes dafür sorgen, sollte ich hier rauskommen. Wenn jemand wie er hilft, wem soll ich dann trauen? Wem kann ich überhaupt trauen? Das erschüttert mich bis in die tiefsten Winkel meines Verstandes. Ich will keineswegs sterben.
Blut rauscht durch meine Ohren. Ich habe das Gefühl, nicht genügend Luft zu bekommen, zerre an meinem Kragen, um mir Platz zu erzwingen. Eine Panikattacke, ich kenne jedes Symptom, nur hilft mir dieses Wissen gerade nicht. Mein Versuch, ruhig und gleichmäßig zu atmen, gelingt mehr schlecht als recht. Du musst nachdenken, ermahne ich mich selbst, während ich mich hochstemme und mich, auf der Suche nach einem Ausweg, im Kreis drehe. Mein panischer Blick bleibt am Fenster hängen, als er sich abermals gegen die Tür wirft. Lange wird sie nicht mehr halten, das Holz splittert bereits.
Mit wild klopfendem Herzen und zittrigen Fingern öffne ich das Fenster, schaue hinab zu Boden. Alles läuft wie in einem Film ab – handeln oder kampflos aufgeben. Ich muss wählen. Erste Etage, das kann ich packen. Die Zimmer auf dieser Seite liegen mit den Fenstern zum Wald. Ich muss es nur bis dahin schaffen. Springen und laufen, dabei hoffen, dass mir beim Sturz nichts passiert. Das klingt nach einem akzeptablen Plan. Was habe ich auch für eine Alternative? Hierbleiben und resignieren? Lieber breche ich mir, bei dem Versuch mein Leben zu retten, den Hals, als es ihm so leicht zu machen.
Während die Tür hinter mir langsam nachgibt, steige ich aufs Fensterbrett, wobei meine Beine sich wie Pudding anfühlen. Ich schaffe das, ich werde es schaffen, feure ich mich wie in einem Mantra an. Ich schiebe meine Beine über das Fensterbrett, hangle mich vorsichtig hinab. Als ich mich hängenlasse, rutschen meine Hände plötzlich ab. Meine Muskeln sind nicht stark genug, um mich lange zu halten – ich zittere wie verrückt. Mit einem erstickten Schrei falle ich in die Tiefe, ehe ich bereit gewesen bin. Der Aufprall dringt schmerzhaft durch meinen ganzen Körper, meine Beine knicken unter mir weg, sodass ich komplett im Rosenbusch lande. Verdammt, es tut so unglaublich weh. Äste sowie kleine Dornen stechen mir in die Haut, reißen an mir, erschweren mir zusätzlich die Flucht, doch Adrenalin durchflutet mich erneut, pusht meinen Körper. Also rapple ich mich stöhnend auf, befreie mich aus dem Gestrüpp, renne dann – so schnell ich kann – in den Schutz der Bäume. Ich ignoriere meinen pochenden Körper, die schmerzenden Beine und meine Lunge, die höllisch brennt. Mein Leben wird nie wieder das gleiche sein. Tränen vernebeln mir die Sicht, als ich in die Tiefen des Blätterwerks eintauche und es mich vor Blicken verbirgt.
Er hat sie erschossen. Sie beide. Er wird mich töten, wenn er mich in die Hände bekommt. Er darf mich nicht finden, niemand darf das, denn keiner wird mir glauben – ich kann ja selbst kaum begreifen, dass das wirklich passiert ist. Oh mein Gott. Er sollte ihn beschützen. Beschützen! Er ist Polizist und dafür da, Menschen vor den Bösen zu bewahren. Nun sind sie alle tot, ich werde die Nächste auf seiner Liste sein.
Kapitel 2 - Hazel
Müde schenke ich mir ein Glas Weißwein ein, trete damit hinaus in den Garten, der vom Licht der untergehenden Sonne in sanftes Rot getaucht worden ist. Wind spielt mit meinen Haaren und ich schaue mich um. Mein Garten, meiner. Das Gefühl, dass dieses Fleckchen mir gehört, ist unbeschreiblich. Ich lasse mir das Wort auf der Zunge zergehen. Meins! Etwas, das mir gehört, nach so langer Zeit – das gefällt mir. Es klingt so normal, wobei normal etwas ist, was mir seit einem Jahr fremd erscheint. Also genieße ich den Augenblick, bleibe stehen, mustere alles genau. Ich schaue, ob irgendwas, was zu meiner normalen Routine gehört, ungewöhnlich ist. Ich bin immer auf der Hut. Mir fällt nichts auf. Alles ist genauso, wie es sein muss, doch das Gefühl der Furcht ist allgegenwärtig. Wie eine zweite Haut ist es ein Teil von mir geworden, welche sich nicht abstreifen lässt, was auch gut ist, denn es macht mich vorsichtiger. Misstrauen und Achtsamkeit bestimmen mein Leben, mein Fortdauern, um genau zu sein. Im Überleben bin ich mittlerweile eine Meisterin. Alles ist ruhig, demnach atme ich erleichtert ein, lasse mich auf einem der Holzstühle nieder, die ich im Onlinehandel unter einem falschen Namen bestellt habe, denn mein altes Ich ist an jenem Tag mit Dr. Conner gestorben. Meine Beine lege ich auf dem Stuhl ab, der mir gegenübersteht, woraufhin ein zufriedenes Seufzen meinem Mund entfährt. Meins! Wann habe ich mir zuletzt solchen Luxus gegönnt, etwas wirklich meins zu nennen oder an eine richtige Zukunft zu denken? Ein waghalsiger Gedanke.
Ein Jahr auf der Flucht hat vieles verändert, aus mir eine andere Person gemacht. Kaum sitze ich tiefenentspannt da, legt Storm ihren großen Kopf auf meinen Schoß. Meine Mundwinkel heben sich zu einem Lächeln. Sachte streiche ich meinem Hund über das weiche Fell, genieße die Nähe, jenes Wissens, dass ich trotz allem nicht alleine bin. Nicht mehr. Seit ich sie vor elf Monaten in mein Leben gelassen habe, gibt Storm mir ein Gefühl der Sicherheit. Sie ist eine Kämpferin und genau wie ich eine Überlebende. Exakt einen Monat, nachdem ich mein altes Leben hinter mir lassen hab müssen, haben wir uns getroffen.
Ich presse die Lippen zusammen. Ungern denke ich darüber nach, was ich verloren habe. Noch viel weniger an diesen speziellen Tag, der Auslöser für all das gewesen ist. Die furchtbarsten Stunden meines Daseins. Der Tag, an dem ich meine Freunde, meine Existenz und mein Leben verloren habe, nur weil ich zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen bin. Was ich hingegen seit zwölf Monaten nicht verloren habe, ist die Angst. Sie sitzt wie ein Schatten in meinem Nacken, verhöhnt und ermahnt mich zu gleichen Teilen. Aber ist es nicht besser, in Angst zu leben, als tot zu sein wie Dr. Connor? Manchmal weiß ich die Antwort nicht. Je nachdem, wie der Tag gewesen ist, oder in welchem schäbigen Motel ich gerade aufgewacht bin. Es hat Tage in diesem Jahr gegeben, an denen ist es definitiv verlockender gewesen, tot zu sein. Ich bin nie der ängstliche Typ gewesen – und jetzt? Der kleinste Schatten jagt mir schreckliche Furcht ein, ich hasse es. Hilflos … So kenne ich mich nicht. Im Gegenteil. Ich bin immer stolz darauf gewesen, so eigenständig zu sein. Ich habe alles im Griff gehabt, bin dabei gewesen, erfolgreich durchzustarten. Würden meine Freunde mich überhaupt wiedererkennen? Ich, die einst für jeden Spaß zu haben gewesen ist, versteckt sich nun am liebsten in ihrem Haus. Türen und Fenster fest verschlossen. Es widerstrebt mir ja selbst, aber was soll ich tun, wenn die Furcht größer ist? Ich weiß, dass ich mich in einem Trauma befinde, doch der Schuldige ist auf freiem Fuß und ich bin nicht bereit, zu sterben. Ich kann kaum zu einem Arzt gehen, ohne zu viel preiszugeben. Wie soll ich das also verarbeiten? Nein, er würde mich finden, denn ich weiß nicht, wer noch alles auf der Gehaltsliste dieser Organisation steht. Früher bin ich auf die Menschen zugegangen, mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Ich bin gesellig gewesen, kommunikativ, und habe Spaß am Leben gehabt, es genossen. Heute nehme ich die Beine in die Hand, wenn mir jemand zu nahekommt. Allein, aber sicher, denn ich kann niemanden trauen. Woher soll ich letztlich wissen, wer zu ihnen gehört und dass man mich nicht hinterrücks verrät? Ich habe meine Konten über Nacht online aufgelöst, alles, was ins Auto gepasst hat, mitgenommen und dann bin ich innerhalb kürzester Zeit verschwunden. Jeglichen Kram, der mir in die Finger gekommen ist, habe ich zu Geld gemacht, um mich über Wasser zu halten. Das Gute an meinem vorherigen Lebensstil ist gewesen, dass ich durch das Studium sehr sparsam gewesen bin. Da kommt einiges zusammen, auch das Erbe meiner Eltern. Mit diesem Geld bin ich vor dem, was ich gesehen habe und vor dem Mann, der Dr. Connor und ebenso unseren Patienten kaltblütig ermordet hat, geflohen. Niemand wird mir das je glauben. Wem soll ich vertrauen, wenn sogar die Polizei korrupt ist? Ich habe immer gedacht, so etwas passiert nur in Filmen. Filme, die ich früher gerne gesehen habe wohlgemerkt, weil ich es für pure Fiktion und nicht für die Realität gehalten habe. Jetzt, wo ich selbst mitten in einem stecke, brauche ich solche Filme nicht mehr. Mir ist auch bewusst, dass nicht alle Polizisten so sind, aber wie soll ich die Guten von den Bösen unterscheiden? Sie haben wohl kaum ein Zettel auf der Stirn kleben, der mir dabei helfen wird. Ich weiß, dass sie nach mir suchen. Es ist überall in den Nachrichten gewesen, auf jedem Sender und in jeder Zeitung des Landes. Sie suchen mich als wichtige Zeugin, erhoffen sich Details, was an jenem Tag geschehen ist. Details, die nur ich ihnen liefern kann, aber nicht werde. Sie wissen, dass ich etwas gesehen habe. Warum bin ich sonst verschwunden? Es wird spekuliert, ob ich zu der Gang gehöre, ein Opfer oder bereits tot bin, vergraben an einem unbekannten Ort. Sollen sie das ruhig denken. Nur er weiß, dass ich es nicht bin, denn niemand außer ihm hat das Interesse, mich tot zu sehen – ich weiß schließlich, wer er ist. Ich habe ihn im Fernsehen erkannt, heuchelnd und schuldbewusst gestanden, dass er kurz auf der Toilette gewesen ist. Lügner. Seine versteckte Botschaft an mich, wie er laut und deutlich zu der Presse gesagt hat: »Sollte sie noch leben, werde ich sie finden.« Ich weiß, er wartet nur darauf, dass ich einen Fehler mache. Dann wird er vor meiner Tür stehen, um mich zu holen. Aber ich bin nicht dumm und versuche, Fehler zu vermeiden. Bis zum heutigen Tag bin ich darin sehr erfolgreich. Dass ich noch lebe, ist der beste Beweis, oder? Schwachstellen kann ich nicht riskieren, dafür lebe ich, wie gesagt, zu gerne. Selbst in Angst. Außerdem zählt Storm auf mich.
Ich blicke meinem Hund in seine braunen Augen, die mir treu entgegen schauen. Ja, ich werde gebraucht – ein schönes Gefühl. Ebenso, dass wir hier vorerst ein Zuhause haben. Zum ersten Mal seit dieser langen Zeit gönne ich mir dieses Stückchen Zuflucht und ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass mein Leben nicht immer so aussehen wird wie die letzten Monate, erreicht mich. Wer soll mich hier schon finden? Die Insel ist winzig. Zum Glück ist die Miete für das Haus spottbillig. Vermutlich, weil es klein ist, aber für mich ausreichend. Ich brauche nichts Großes oder Auffälliges. Stattdessen habe ich nach einem Ort gesucht, der abgelegen und sich weit weg befindet. Hier habe ich ihn gefunden. Eine kleine Insel mit wenigen Einwohnern, abgeschottet von der restlichen Welt. Die Uhren scheinen hier langsamer zu laufen, als auf der verbleibenden Welt. Hinzu kommt, dass ich die Miete bar zahlen kann, solange ich dem jeden Monat pünktlich nachkomme.
Meine Gedanken schwirren wild hin und her. Jetzt, wo ich den Schlüssel im Schloss zu der Tür mit den Erinnerungen in meinem Kopf geöffnet habe, rauschen die Bilder nur so heraus. Ich schlucke den Kloß in meinem Hals runter, spüle mit einem Schluck Wein nach. Dr. Conners kalte Augen verfolgen mich jede Nacht in meinen Träumen. Ich habe das Gefühl, ihn durch meine Flucht zu verraten. Mary wird wissen wollen, was passiert ist, sie hat das Recht dazu, die Wahrheit zu kennen. Ich würde es an ihrer Stelle auch erfahren wollen, doch diesen Gefallen kann ich ihr nicht tun, geschweige denn, mein Beileid bekunden. Vor seinen Blicken in meinen Träumen bin ich machtlos, davor kann ich nicht weglaufen. Ein so gutmütiger Mann und dann dieser schreckliche Tod. Er hat es keinesfalls verdient, niemand hat das. So sehr ich versuche, die Bilder zu verdrängen, desto präsenter sind sie.
All das Geld, was für mein Studium bestimmt gewesen ist, ebenso all das Geld, was meine Eltern mir vererbt haben und das, was ich mir selbst zur Seite gelegt habe – es wird einige Zeit reichen, danach sehe ich weiter. Ich werde Gras über die Sache wachsen lassen, ehe ich mir vielleicht einen Job suche. Ein bis zwei Jahre kann ich so durchhalten, wenn ich sparsam bleibe. Ich habe mein altes Auto verkauft, an Menschen, die sich nicht mit Papieren aufhalten, und mir einen neuen Wagen angeschafft, von denselben Leuten, zusammen mit einem neuen Namen. Aus Hazel Summer ist Hazel Smith geworden. Ich weiß, es ist riskant, Hazel zu behalten, aber außer meinem Vornamen ist mir nichts geblieben.
Meine damals dunkelrot gefärbten Haare, sind heute naturblond, zudem viel länger als früher. Aus dem modischen Bob ist jetzt eine lange Mähne geworden, die weit über meinen Rücken hinabfällt. Manchmal erkenne ich mich selbst kaum wieder und doch bin es irgendwie immer noch ich. Wie kann ich mir so fremd sein?
Ich bin bis auf diese kleine Insel geflüchtet, hier kann ich für mich sein. Nur zum Einkaufen muss ich mein Grund und Boden verlassen. Seit drei Wochen bin ich jetzt hier, hoffe, dass ich mich irgendwann heimisch fühlen und mir wieder ein wenig mehr Leben aufbauen kann. Es ist so schwer gewesen, etwas zu finden, wo ich mich auch nur ansatzweise sicher fühle. Sicher? Lachhaft. Aber hier, Meilen um Meilen von dem Ort meiner Albträume entfernt, schaffe ich es möglicherweise, ein wenig zu mir selbst zu finden. Storm und ich. Du bist nicht alleine, erinnere ich mich. Mit einem müden Lächeln proste ich Storm zu: »Wir beide meistern das!« Er hebt den Kopf von meinen Beinen an, legt ihn schief zur Seite. Seine treuen Augen mustern mich aufmerksam. Was meine Grandma wohl macht? Sie fehlt mir am meisten, immerhin ist sie meine alleinige noch lebende Verwandte. Einzig durch mein Verschwinden ist sie ebenfalls in Sicherheit. Das ist alles, was zählt, egal wie sehr sie mir fehlt. Storm brummt, stupst mir mit der Nase auffordernd ans Bein. »Du hast schon wieder Hunger, was?« Er dreht sich aufgeregt im Kreis, woraufhin ich kichern muss. »Okay, verstanden.«
Motiviert stehe ich auf. Ab jetzt wird alles anders, und damit fange ich direkt an – ich werde mal wieder etwas Leckeres für mich kochen. Meine Kleidung ist viel weiter geworden, zu weit. Kummer und Angst haben mir den Appetit genommen. Das Essen an den Raststätten hat den Rest dazu beigetragen. Kummer schlägt mir auf den Magen, seit eh und je. Das liegt jetzt hinter mir, erinnere ich mich abermals. Ich trinke den Rest Wein auf Ex, nehme das leere Glas mit in die Küche, die schon bald nach frischen Kräutern, Knoblauch und Tomatensauce duftet. Meine Vorräte, die ich mitgebracht habe, gehen langsam zu Neige, also werde ich in absehbarer Zeit über meinen Schatten springen müssen und das erste Mal den Supermarkt der kleinen Insel aufsuchen. Das wird wohl mein größter Test werden: Einkaufen gehen wie jeder normale Mensch, auch wenn es mir Unbehagen beschert. Keine große Sache, das kann ich schaffen, denke ich, während ich eine Kerze anzünde und mich an den Tisch setze. »Willkommen in deinem neuen Leben«, murmle ich, ehe ich es mir schmecken lasse.

Vogelgezwitscher weckt mich am nächsten Morgen, während ein paar Sonnenstrahlen vorwitzig durch die Rollläden scheinen, dem Boden so ein neues Muster verpassen. Gähnend schaue ich zum Wecker, halte überrascht inne. Es ist fast neun Uhr. Wow, wenn das mal kein gutes Zeichen ist! Sonst wache ich immer viel früher auf. Wenn die Träume mich quälen, ist an weiterschlafen nicht zu denken, aber so spät? Wahnsinn. Ich fühle mich sogar ziemlich ausgeruht und erfrischt. Was ein Gläschen Wein und gutes Essen so bewirken kann! Ich strecke mich, genieße das Ziehen meiner Muskeln, schaue neben das Bett. Feixend mustere ich meinen Hund, der auf dem Rücken liegt, alle Viere von sich gestreckt und leise schnarchend. Dieser Anblick ist herzerwärmend, entlockt mir jeden Tag aufs Neue ein Lächeln.
»So ein Wachhund«, murmle ich mit erhobenen Mundwinkeln, schleiche kopfschüttelnd aus dem Zimmer, um Storm nicht zu wecken. Dieser Hund ist die reinste Schnarchnase – vermutlich gibt es ein Faultier unter seinen Ahnen. Aber er passt zu mir, sein Leben ist genauso hart gewesen wie meins. Er ist ein Kämpfer. Ich habe ihn in einem Straßengraben gefunden. Ein kleines dreckiges Häufchen Elend, welches zu stark zum Sterben gewesen ist. Seine Geschwister haben es nicht geschafft, nur er hat überlebt – vergessen vom Rest der Welt, weggeworfen in einer Kiste, zurückgelassen und nicht gewollt. Er trägt Spuren und Narben wie ich. Innerlich sowie äußerlich, denn ihm fehlt ein halbes Ohr, für mich ist er jedoch perfekt. Als ich ihn angesehen habe, ist mir sofort klar gewesen, er gehört zu mir und ich gehöre zu ihm. Das Schicksal hat gewollt, dass wir uns finden und uns gegenseitig helfen, zu überleben. Vielleicht ist es albern, ans Schicksal zu glauben, mag sein, aber ich will nicht für immer einsam bleiben. Storm gibt mir das Gefühl, nicht mehr allein sein zu müssen, er ist meine neue Familie. Vor allem liebt er mich, wie ich bin.
Tiefe Trauer überkommt mich, als ich an meine Freunde und meine Großmutter denke. An Silvi, meine beste Freundin, die hochschwanger gewesen ist, als ich verschwunden bin. Ich werde ihr Kind nie kennenlernen, dabei sollte ich die Patentante werden. Das ist nun ein anderes Leben. Ich unterdrücke die Tränen, beginne damit, mir Frühstück zu machen. Nacheinander schlage ich die Eier in eine Schüssel, füge Vollkornmehl hinzu und etwas Milch, einen Hauch Vanille und eine Messerspitze Backpulver, ehe ich langsam Pfannkuchen in der gusseisernen Pfanne ausbacke. Der Duft lässt meinen Magen knurren, mir das Wasser im Mund zusammenlaufen, und hellt die trüben Gedanken auf. Nicht daran denken, sage ich mir immer wieder. Neues Leben! Nicht daran denken, denn das macht alles viel unerträglicher. Eine Devise, die ich wiederhole, um sie zu festigen.
Ich höre Krallen über das Laminat kratzen, gähnend trottet mein Hund in die Küche, als hat er geahnt, dass mir gerade die Decke auf den Kopf zu fallen droht. »Hallo, Schlafmütze.« Ich stelle Storm das Futter hin, woraufhin er wie ein ausgehungerter Löwe, der seit Wochen nichts gefressen hat, darüber herfällt. Ich lasse mich auf dem Küchenstuhl nieder, bestreue einen der Pfannkuchen mit Zucker, ehe ich genüsslich hineinbeiße. Verdammt, wie lecker! Ich bin ein Pfannkuchen-Junkie. »Was hältst du davon, wenn wir nach dem Frühstück zum Strand gehen?«
Storm hebt kurz seinen Kopf, sein Ohr wackelt. Ein kleines »Wuff« entfährt ihm, was ich als Zustimmung werte. Immerhin wohne in nun auf einer Insel, das sollte ich genießen, solange es geht.
Kapitel 3 - Nick
Ich liebe freie Tage. Was gibt es besseres, als auszuschlafen, dazu das Wissen, dass man den lieben langen Tag das machen kann, worauf man Lust hat? Ich genieße die Morgensonne, gepaart mit der frischen Brise, die mir entgegenweht, während ich am Strand durch den Sand jogge. Meine Füße versinken dabei im weichen Sand, während meine Schuhe an meinem Hals hin und her baumeln. Es ist anstrengender hier zu laufen als auf der Straße, aber ich liebe das Meer, die unendliche Weite. Ein Grund, wieso ich nach meiner Ausbildung und meinem Dienst auf dem Festland wieder hierher zurückgekommen bin. Ich liebe diese Insel, jedenfalls jetzt.
Früher, als ich jünger gewesen bin, habe ich weit weg gewollt – viel erleben, Partys feiern, bloß nie mehr zurückkommen. Und jetzt? Jahre später sind wir fast alle wieder hier und glücklich damit. Wir haben gemerkt, was uns die Insel gibt – wie groß der Zusammenhalt ist, wie viel so etwas wert ist. Draußen auf dem Festland bist du ein namenloser Fremder, du kannst dich auf niemanden verlassen, zumindest nicht so wie auf diesem winzigen Fleckchen. Hier hält man zusammen! Leider mischt sich auch die halbe Insel in dein Leben ein, doch sie stehen dir ebenso bei. Selten ziehen Fremde her, was den meisten Einheimischen so gefällt. Nicht, dass wir ungesellig wären, im Gegenteil, dennoch schätzen wir unsere Ruhe. Der eine oder andere findet einen Partner auf dem Festland, das schon, aber so richtig neue Bewohner sind eine Seltenheit – abgesehen von den Sommertouristen.
Ich bin gerade von einem vierwöchigen Lehrgang in der Stadt zurück, und verdammte Scheiße, das Meer hat mir gefehlt. Der salzige Geruch, das Schreien der Möwen, das Rauschen der Wellen. All das vermittelt mir das Gefühl von Freiheit und Ruhe wie sonst nichts auf dieser Welt. Der Strand ist ausgestorben, denn es ist keine Touristenzeit mehr. Der Hochsommer ist vorbei, die Saison neigt sich dem Ende zu. Die paar Touris, die sich hier noch tummeln, sind nicht der Rede wert. Es gibt immer vereinzelte Ganzjahrestouristen, die lieber im Herbst und Winter am Meer sind, harte Fischer, Senioren, die eine oder andere Familie, aber das ist nur eine Handvoll. Endlich gehört der Strand wieder uns, Ruhe kehrt mit dem Herbst ein. Es hat Vor- und Nachteile, wenn Touristen kommen, wie eben alles im Leben. Man lernt interessante Menschen kennen, doch sie verstopfen das Dorf und den Strand. Diebstähle, Schlägereien, all das sind Dinge, mit denen wir meist nur in der Saison zu kämpfen haben. Ebenso der Müll, der oftmals achtlos liegen gelassen wird und den wir Einheimischen beseitigen, weil wir unsere Insel lieben. Manchmal ist es auch etwas langweilig, wenn die Saison zu Ende geht – man kann eben nicht alles haben. Sollte es mir doch irgendwann zu öde werden, was ich bezweifle, steht mir die Welt offen, doch bis es so weit ist, genieße ich das Meer und die Geselligkeit.
Ich bin so in meinen Gedanken versunken, dass ich nicht merke, wie ein weißer Blitz auf mich zugeschossen kommt. Hinzu fliegt ein kleines rotes Ding an meiner Nase vorbei, sodass ich stoppen muss, und obendrein in ein Loch trete, weil ich abgelenkt bin. Ich taumle. Eine Sekunde später werden meine Beine gerammt und ich kann nichts mehr unternehmen, um den Sturz zu verhindern. Meine Arme rudern, auf der Suche nach Gleichgewicht, wild in der Luft herum. Ich rolle mich geübt am Boden ab, bekomme allerdings eine Ladung Sand ins Gesicht, während ich einen Purzelbaum schlage. Wütend spucke ich die Körner aus, trotzdem knirscht es in meinem Mund, als ich genervt die Zähne aufeinanderbeiße.
Ich schaue nach rechts, um zu erfahren, was mich gerade mit Gewalt umgerissen hat, entdecke dabei einen Dalmatiner, der voller Freude in die Fluten springt, um nach einem roten Ball zu schnappen, der mir zuvor knapp an der Nase vorbeigeflogen ist. Empört stehe ich auf, klopfe mir dabei zornig den Sand von der Hose und meinem T-Shirt. Immer diese Hundebesitzer, die keine Kontrolle über ihre Tiere haben. Es muss ein Touri sein, der Hund kommt mir nicht bekannt vor und wie gesagt, hier kennt jeder jeden, selbst jeden verdammten Hund. Wäre ich im Dienst, dürfte diese rücksichtslose Person ein fettes Bußgeld abdrücken. Und was für eins, der würde sich grün und blau ärgern. Diese Touris, die denken, sie können machen, was sie wollen. Das kommt auf meine Nachteilliste, so viel ist klar. Na, warte!
Aufgebracht drehe ich mich um, erstarre augenblicklich, als ich mich Nase an Nase mit einer wirklich niedlichen Blondine wiederfinde. Na ja, Nase an Nase kann man nicht sagen, denn sie ist winzig. Ich muss ziemlich weit nach unten schauen, um in ihre Augen, die wunderschön sind, zu blicken – ein tiefes Braun, was mir eine Gänsehaut beschert.
»Oh mein Gott, sind Sie verletzt? Es tut mir so leid. Ich bin in Gedanken gewesen und hätte besser aufpassen müssen, wohin ich werfe. Storm ist wie ein Rammbock. Alles was zwischen ihm und seinen Ball kommt, wird mitleidslos weggefegt. Oje, Sie bluten. Ich … ich … Warten Sie, ich schau mir das an.«
Ehe ich auch nur einen Ton sagen kann, geht sie vor mir in die Hocke und ich folge ihr sprachlos mit den Augen, während sie beginnt, mich mit geschickten Fingern abzutasten, und mir dabei sehr nahekommt. Hitze steigt in mir auf, ob ich will oder nicht. Ein Prickeln breitet sich genau dort aus, wo sie mich berührt. Diese Frau haut mich total um – im wahrsten Sinne des Wortes. Erst rennt ihr Hund mich über den Haufen, dann redet sie ohne Punkt und Komma, ohne Luft holen zu müssen, auf mich ein und tastet mich zudem ohne Scham ab. Das überfordert mich gerade. Sie schaut so schuldbewusst aus ihren langen Wimpern nach oben, dass meine Wut verpufft, ehe sie sich den Anschiss ihres Lebens anhören muss – dabei wäre ich so gut in Fahrt gewesen. Sie nagt an ihrer Unterlippe, zieht sie zwischen die Zähne und tastet mein Knie gewissenhaft ab, welches eine leichte Schürfwunde aufweist. Dieser Kratzer ist ein Hauch von nichts, ich habe weitaus Schlimmeres erlebt. Aber … Irgendwie möchte ich sie noch schmoren lassen. Wie sie so an ihrer Lippe saugt, vor mir auf den Knien, weckt verdammt schmutzige Gedanken in mir. Ich muss dringend etwas Abstand schaffen, um mich zu ordnen, und zwar schnellstmöglich.
»Das wird mich nicht umbringen«, schmunzle ich doch achselzuckend, trete einen großen Schritt zurück, atme tief ein, sehr tief. Aus Reflex fahre ich mir durchs Haar, mustere mein Gegenüber abermals, versuche ganz automatisch, mir ein Bild von ihr zu verschaffen. Ich analysiere, würde meine Schwester jetzt behaupten und sie hätte recht, das liegt wohl an meinem Beruf. Auf dem zweiten Blick entdecke ich dabei einige vorwitzige Sommersprossen auf ihrer Stupsnase. Ich habe eine Schwäche für Sommersprossen, ehrlich. Sie zuckt bei meinen Worten, was ich allerdings nicht sinnvoll deuten kann. Ihre braunen Augen blicken mich nervös an, mustert mich eindringlich, fast ängstlich, und sie nestelt an der Leine in ihren Händen herum. Sie weicht meinem Blick schnell wieder aus, lässt ihr Haar vor das Gesicht fallen, als will sie sich vor mir verstecken. Das ist keine normale Reaktion oder ist sie einfach nur schüchtern? Nein, das passt nicht zusammen. Verwundert halte ich inne, doch sie steht bereits auf, klopft sich ebenfalls den losen Sand von ihren nackten wohlgeformten Beinen. Ich nehme mir einen Moment, genieße den Anblick, der sich mir bietet. Sie scheint keines der Beachbunnys zu sein, wie wir die Sonnenanbeterinnen nennen, die im Sommer den Strand bevölkern, denn ihre Haut ist so dermaßen blass, als hätte sie eine lange Zeit keine Sonne gesehen. Mein Blick wandert nach oben, über ihre Hüfte, die schmale Taille, hin zu ihren ausdrucksstarken Augen, die mich an Nugatschokolade erinnern. Ob ihr das schon mal jemand gesagt hat? Ich liebe Schokolade beinahe so sehr wie Sommersprossen und irgendwie lässt diese Frau mein Herz gerade ein wenig schneller schlagen. Sie hat eindeutig mein Interesse geweckt. Sie blitzt mich leicht verärgert an, die Angst, die ich eben gemeint gesehen zu haben, ist verschwunden, dafür steht ihr Verärgerung deutlich ins Gesicht geschrieben. Ein wohliger Schauer gleitet meinen Rücken hinab. So etwas, dass mir eine Fremde so unter die Haut geht, ist mir noch nie passiert. Also schiebe ich es lapidar auf den Sturz, möglicherweise hat mein Kopf doch etwas abbekommen.
»Fertig mit der Glotzerei?«, knurrt sie, woraufhin ich auflache. Sie hat gerade noch so süß und schüchtern gewirkt, jetzt könnte man glauben, sie will mich gleich in Flammen aufgehen lassen – bei den Blicken, die sie mir zuwirft. Okay, ich gestehe ihr zu, dass meine Musterung zwar nicht höflich gewesen ist, dennoch anerkennend. Sie rümpft ihre kleine Stupsnase erbost, lässt dabei die Sommersprossen tanzen, was einfach liebreizend wirkt. Fast bin ich in Versuchung, die kleinen Sprenkel zu zählen.
»Also, erst rennst du mich um, dann motzt du mich auch noch grundlos an?«, erwidere ich gut gelaunt. »Außerdem habe ich nicht geglotzt. Ich habe nur geschaut, ob ich klarsehen kann, nachdem ich gestürzt bin. Wer weiß, vielleicht habe ich eine Gehirnerschütterung? »
»Storm hat dich umgerannt, nicht ich. Im Übrigen habe ich mich entschuldigt, mehrfach. Es tut mir aufrichtig leid, aber das ist kein Freifahrtschein, mich so … zu mustern. Das ist unangebracht und unhöflich. Ich bin keine Stute auf dem Viehmarkt. Typen wie du, sind einfach ätzend.«
»Typen wie ich? Du kennst mich gar nicht.« Ich muss nun herzlich lachen, was sie dazu auffordert, ihre Augen noch etwas mehr zu verengen, dabei so finster in meine Richtung zu schauen, dass man fast Angst haben könnte. Sie hat ein kleinwenig Recht, aber das werde ich nicht zugeben, sondern strahle sie einfach an. Keine Stute auf dem Viehmarkt? Ich mag dieses Geplänkel wirklich, genau richtig. Sie hat Feuer, das gefällt mir.
»Ja, Typen wie du. Die denken, nur weil sie gut aussehen, können sie machen, was sie wollen. Weißt du, das könnt ihr gar nicht. Nur weil man attraktiv ist, ist das kein Freifahrtschein für ein arschiges Machoverhalten, wozu deine Musterung von eben definitiv gehört.«
»Soll ich mich jetzt dafür entschuldigen, dass du mich attraktiv findest, oder dafür, dass ich dich bewundernd gemustert habe?« Sie steht so dicht vor mir, dass ich runter schauen muss, wenn ich mit ihr rede. Angriffslustig verschränkt sie die Arme vor der Brust, schiebt ihre Lippe trotzig vor. Eine zarte Röte bedeckt ihre Wangen, so aufgebracht ist sie. Es wirkt so herrlich ungekünstelt, dass sie auf Anhieb noch ein paar Sympathiepunkte bei mir sammelt. Ich hasse es, wenn Frauen aufgesetzt und künstlich sind. Ihr ist offenbar egal, was ich von ihr denke, auch wenn sie gerade ein wenig übertreibt. So dramatisch ist meine Musterung nun echt nicht gewesen. »Du bist total niedlich, wenn du sauer bist. Ich kann das gar nicht ernst nehmen bei deiner Größe«, stichle ich, sie schnaubt stattdessen empört.
»Volltrottel. Das ist mir echt zu blöd«, zischt sie, pfeift sogleich nach ihrem Hund. Er kommt erneut wie ein Blitz angerannt, rempelt mich dabei abermals an, sodass ich einen Schritt nach vorne machen muss. Wir wären zusammengestoßen, wenn sie nicht nach hinten hüpfen würde – als wäre ich die Pest in Person. Okay, das ist verletzend. Das bin ich nicht gewohnt. Ich bin zwar kein David Beckham, aber auch kein Quasimodo. Es kratzt etwas an meinem Stolz. Sie wirkt fast zufrieden, grinst ihren tropfenden Hund an. »Guter Junge«, lobt sie ihn zudem, woraufhin er erfreut mit dem Schwanz wedelt und mir einen kurzen Blick zuwirft.
»Anscheinend mag dein Hund mich nicht«, mutmaße ich weiterhin amüsiert über die ganze Situation. Der Tag entwickelt sich besser, als ich angenommen habe.
»Storm mag es nicht, wenn man mich verärgert.« Sie nimmt ihre langen blonden Haare zu einem Zopf zusammen. Schade eigentlich, ich mag offene Haare und ihre sehen wirklich toll aus, wie sie im Wind wehen. Wild und zügellos, genau passend für meine Fantasie, wo sich gerade einiges zurecht spinnt. Am liebsten würde ich meine Hand ausstrecken, ihr die vorwitzige Strähne aus der Stirn streichen und schauen, ob sie so weich sind, wie sie aussehen. Sie wirkt so natürlich und frisch mit ihrer frechen Zunge, dass sie mich immer neugieriger auf sich macht. Wer ist sie? Wie lange wird sie auf unserer Insel bleiben? Der Wind weht stärker, steigt ihr von hinten unters Kleid. Es umflattert sie, wobei mein Mund trocken wird, als ich einen Blick auf ihre wohlgeformten Oberschenkel und ein Hauch roter Spitze erhasche. Herr im Himmel, sei mir gnädig. Verlangen schießt durch meine Adern, ob ich will oder nicht. Irgendwas an ihr zieht mich magisch an, nicht nur ihre Optik. Es ist eher das Gesamtpaket, was sehr reizvoll ist und mich anlockt. Eine Stimme sagt mir, dass diese Frau gefährlich für mich sein kann, dass sie eine ganze andere Rolle spielen wird, als ich vielleicht denke. Man könnte es Eingebung nennen oder doch auf den Sturz schieben? Sie ist anderes, nur wie genau, muss ich noch herausfinden, dringend. »Du tust es schon wieder. Was bist du? Ein Perverser?« Sie schüttelt deutlich entrüstet den Kopf und schnipst mit ihren Fingern vor meiner Nase, um die Aufmerksamkeit auf ihr Gesicht zu lenken.
»Ich habe mich nur gerade gefragt, wie groß du bist. Eins vierzig? Du bist winzig. Wie eine kleine wütende Fee. Ich nenne dich Tinkerbell, ja das passt zu dir. Eine kleine wütende Tinkerbell.« Ihr Gesicht entgleist kurz, was meine Mundwinkel zucken lässt. Jetzt, wo ich es ausgesprochen habe, stimmt es tatsächlich. Sie ist so klein und zierlich wie diese Fee aus Kinderbüchern. Dazu dieses helle Haar, das herzförmige Gesicht mit der kleinen Stupsnase und den etwas zu großen Lippen, die wirklich verruchte Gedanken in mir wecken. Was sie damit alles anstellen könnte … Ob sie so verlockend schmecken, wie sie aussehen? Sie geht mir unter die Haut, was mir nicht ganz gefällt. Jede Emotion, die kleinste Gefühlsregung, kann man in ihren Augen ablesen. Ihre Stimme ist weich, mit einem leicht rauchigen Kratzen, welches mir eine wohlige Gänsehaut beschert. Wie sie wohl morgens klingt? Oder wenn sie … Halt! Stopp! Nick, komm runter. Sie hat recht, du benimmst dich wie ein Perverser. Was auch immer diese Frau in mir auslöst, jetzt ist Schluss.
»Du Spinner kannst mich mal.« Sie lacht auf, was eher empört, als belustigt klingt. »Storm, mit so einem … Vollidioten vergeuden wir keine weitere Minute«, teilt sie ihrem Hund mit, wendet sich kopfschüttelnd ab und stapft aufgebracht davon. Ihr Kleid weht hinter ihr her und wie von selbst huscht mein Blick kurz zu ihrem Po. Gut, dass sie das nicht sieht, sonst würde sie mich fertigmachen, ganz sicher.
Langsam jogge ich los, neben ihr her, noch nicht bereit, dieses Treffen zu beenden, »Ich bin Nick,« teile ich ihr mit, auch wenn sie nicht so wirkt, als würde sie das wissen wollen. Das nagt schon ein wenig an mir. Dennoch will ich, dass sie meinen Namen kennt, denn ich muss mehr über die unbekannte Schönheit erfahren, also drossle ich mein Tempo. Dann wechsle ich die Position, laufe rückwärts vor ihr her. Das Lauftraining macht sich glücklicherweise bezahlt. Sie versucht, mich zu ignorieren, was ich ihr möglichst schwer mache. Meine Neugierde ist noch lange nicht gestillt.
»Will ich das wissen?« Sie schaut mich an, hebt eine Augenbraue und versucht, arrogant zu wirken, was ihr so überhaupt nicht gelingt. »Ich glaube nicht, nach deinem Namen gefragt zu haben. Und weißt du, wieso? Er interessiert mich nicht die Bohne.«
Wie frech sie ist, denke ich jauchzend. Ich finde es erquickend, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt und meine Laune steigt immer weiter. »Klar willst du das, du kannst ruhig ehrlich sein. Auch wenn du jetzt so unschuldig guckst, du hast mich ebenso gemustert, Fräulein. Aber weißt du, das ist okay. Guck so viel, wie du willst.« Ich breite die Arme vor ihr aus, woraufhin sie die Augen verdreht. Sie wird rot, herrlich. Ertappt! Ich habe schrecklichen Spaß daran, sie zu ärgern.
»Wunschdenken, mein Freund. Wunschdenken«, kontert sie, noch immer diese leichte Röte auf den Wangen, die ihre Sommersprossen stärker hervorheben.
Mein Freund? Mhh, klingt gut und gefällt mir, was wirklich beängstigend und verrückt zugleich ist. Eventuell entwickle ich mich doch zu einem Psycho. Ich hoffe nicht, doch man weiß ja nie. »Mein Freund? So schnell bin ich nicht«, necke ich sie weiter. »Ein paar Dates vorher wären schon nett, dennoch verstehe ich, dass du Nägel mit Köpfen machen willst. So ein Mann wie ich, ist ratzfatz weg vom Markt. Ich kann dich beruhigen, denn ich bin noch zu haben. Eigentlich wollte ich daran in nächster Zeit nichts ändern, aber mal schauen, was kommt?«
»Wahnsinn, Mister Arroganz persönlich. Was willst du von mir? Da rennt Storm einen verrückten über den Haufen und ich muss es ausbaden? Werde ich dich wieder los?« Sie verdreht die Augen gen Himmel.
»Mhh, kommt drauf an. Fürs Erste ist ein Name ganz nett. Danach vielleicht ein Drink zur Entschuldigung, das wäre durchaus angemessen.«
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, ich will nur meine Ruhe«, teilt sie mir mit, legt zudem einen Gang zu, um mich zu umrunden.
So schnell gebe ich nicht auf. Sie verwirrt und beeindruckt mich zugleich. Erst flirtet sie, da bin ich mir ganz sicher, und dann macht sie plötzlich dicht? Ich merke, dass sie hin und hergerissen ist. Ich wette, dahinter steckt eine interessante Geschichte, die ich unbedingt wissen will. Wenn ich ehrlich bin, bin ich noch nie so neugierig auf eine Frau gewesen wie jetzt gerade. Der Polizist in mir will jedes Geheimnis ergründen – reine Berufskrankheit. Ich möchte alles über sie wissen, woher sie kommt und wie lange sie bleibt, doch für den Anfang reicht es, nur mit ihr zu reden. So viel Spaß habe ich ewig nicht mehr mit einer fremden Frau, die nicht zu meinen Freunden zählt, gehabt – was jedoch daran liegt, dass mich Touristen nicht faszinieren. Die Zeiten, wo man sich ein Touri mit nach Hause nimmt, sind irgendwie vorbei. Ich bin nicht an einer Beziehung interessiert, mein Job ist momentan alles, was zählt. »Wieso ich? Du musst dich entschuldigen. Du hast mich fast umgebracht. Oh, ich meine natürlich dein Hund. Aber Eltern haften für ihre Kinder, du demnach auch für deinen Hund.«
Sie beißt auf ihre Lippe, ich erkenne ein kurzes Zucken ihres Mundwinkels. Ah, das gefällt mir, darauf kann ich aufbauen. »Das ist nur ein Kratzer. Bis du heiratest, ist das verschwunden«, lässt sie mich fachmännisch wissen.
»Oho, jetzt willst du durch die Blume erfahren, ob ich vielleicht doch eine Freundin habe? Nein, ich bin Single, wie ich bereits gesagt habe. Du hättest mich das gerne direkt fragen können. Nur keine Scheu, ich bin wie ein offenes Buch.«
Jetzt lacht sie laut, das gefällt mir noch mehr. »Oh Gott, du bist ja von dir überzeugt. Das ist echt schrecklich. Kann man das Buch auch wieder schließen?« Ihr Lachen vermischt sich mit dem Schreien der Möwen über uns und dem Rauschen der Wellen. Es passt perfekt zusammen. Ich will mehr davon, es macht mich schon jetzt süchtig. Der heisere Klang verursacht ein Ziehen in meiner Brust. Ich muss sie nochmal lachen hören, egal wie krank das gerade klingt, aber es jagt kleine Schauer über meine Haut.
»Das nennt man gesundes Selbstbewusstsein.« Ich zwinkere ihr zu, woraufhin ihre braunen Augen vergnügt funkeln. Es macht ihr offensichtlich doch Spaß, sieh an. Ihre Stimmung wechselt sekündlich, also will ich sie etwas weiter hervorlocken. »Ein Drink ist das Mindeste. Womöglich behalte ich eine Narbe, wer weiß das schon … Für die Jungs auf der Wache muss ich mir allerdings eine bessere Geschichte ausdenken. Die lachen mich sonst aus. Kannst du dir vorstellen, was das für ein Gerede geben würde?«
»Du bist Polizist?« Ihr Gesicht entgleist kurz, aber sie fängt sich schnell. Jeglicher Schalk, der eben noch in ihren bezaubernden Augen gestanden hat, ist fort. Sie nimmt eine unbewusste Abwehrhaltung ein, wirkt fast panisch, schaut sich kurz um, als würde sie checken wollen, ob außer uns noch andere Menschen am Strand sind. Ihr Hund spürt es ebenfalls, tritt dichter an sein Herrchen heran, während sie sich anscheinend schematisch über die Arme reibt. Den meisten Frauen gefällt es, einen Polizisten zu daten, sie hingegen guckt mich an, als hätte ich ihr eröffnet, dass ich Toiletten putze und das nackt vor laufender Kamera. Ich kenne dieses Verhalten von meiner Dienstzeit auf dem Festland. Ihre Körpersprache verrät es mir. Diese Frau hat etwas Schlimmes erlebt. Nur was? Der Gedanke raubt mir einen Moment den Atem, weil mir sämtliche schrecklichen Fälle im Kopf umherschwirren, die ich im Laufe der Jahre bearbeitet habe. Häusliche Gewalt, Vergewaltigung, Misshandlung. Eine endlose Liste im Leben eines Polizisten. Nicht immer bin ich rechtzeitig vor Ort gewesen, um den betroffenen Frauen zu helfen – diese Fälle verfolgen mich an grauen Tagen noch immer.
»Ja, ich bin ein Cop.«
Kapitel 4 - Hazel
Ach du meine Güte, er ist ein Polizist. Sofort wird mir heiß und kalt gleichzeitig, ich reibe mir die Arme, um die Kälte zu vertreiben, die sich über meinen Körper legt. Er sieht überhaupt nicht aus wie ein Kriminalbeamter, so gar nicht. Sein linker Arm ist vom Handgelenk an tätowiert. Die Tätowierung verschwindet unter seinem engen T-Shirt, welches einen trainierten Körper vermuten lässt, wenn ich mir seine Oberarme und breite Brust ansehe, an denen sich die Muskeln abzeichnen. Welcher Polizist ist denn bitte so bemalt? Ich kenne keinen. Nicht, dass ich viele kenne … Fuck! So habe ich mir niemals einen Polizisten vorgestellt. So … rockig und … schelmisch. Ich bin zu leichtsinnig. Wieso hat er auch so hartnäckig sein müssen? Ich bin zwar extra zickig und ungenießbar gewesen, um ihn loszuwerden, habe mich dann jedoch in dieses Geplänkel verwickeln lassen.
Ich spüre, wie ich immer nervöser werde und eine leichte Welle der Panik sich anbahnt, Storm tippelt neben mir auf und ab, von meiner Stimmung angesteckt. Er bemerkt meinen Gemütsumschwung, wedelt mit dem Schwanz – unsicher, was er tun soll. Nicht mal ich weiß, wie ich mich verhalten soll. Mir ist bewusst, dass ich vermutlich übertreibe, doch die Angst sitzt in meinen Knochen. Kalt, finster und präsent. Ich habe das Gefühl, plötzlich nicht mehr genügend Luft zu bekommen, lege mir die Hand an den Hals, reibe leicht darüber. Am liebsten möchte ich davonlaufen, was allerdings einen noch absurderen Eindruck vermitteln dürfte. Gut, dann ist er eben Polizist, aber er kennt mich nicht und er gehört nicht zu denen. Immerhin hat Storm ihn umgerannt, nicht er hat den Kontakt gesucht. Oder etwa doch, flüstert eine leise Stimme in meinem Kopf.
Das lockere Geschäker und flirten ist vorbei. Ich will hier einfach nur weg, auf der Stelle. Mein Herz flattert viel zu schnell in meiner Brust. Misstrauen regt sich in mir, lässt jedes Wort in meinen Gedanken Revue ablaufen. »Ich … muss los. Mein Freund wartet auf mich«, lüge ich, beende den kleinen Flirt endgültig mit Nachdruck. Ich hätte mich gar nicht erst darauf einlassen sollen, so nett es auch gewesen ist. Irgendwie hat er es geschafft, mich zu fesseln. Ich weiß nicht, was mich überhaupt geritten hat, auf seine Schäkerei einzugehen. Das habe ich nun davon: ein verdammter Bulle! Seine waldgrünen Augen mustern mich enttäuscht, Bedauern erfüllt mich ebenfalls. In einem anderen Leben wäre ich mit ihm etwas trinken gegangen und hätte sicherlich viel Spaß gehabt.
»Dein Freund? Ernste Geschichte?«, fragt er mit einem Ausdruck im Gesicht, als würde er in eine Zitrone beißen. Ich zögere nur eine Sekunde, ehe ich antworte. Er gefällt mir, leider. Doch in meinem Umfeld ist kein Platz für andere, erst recht nicht für Polizisten. Egal wie attraktiv und lustig er ist oder was für breite Schultern er hat – und mal vollkommen davon abgesehen, dass diese mich quasi einladen, mich in seine muskulösen Arme zu werfen, um mich vor der Welt zu verstecken. Ich bin einfach schon zu lange alleine, das hat mich einen Moment weich werden lassen.
»Findest du deine Frage nicht sehr dreist? Aber ja. Wir sind seit Ewigkeiten zusammen.« Ich versuche, entschuldigend zu lächeln, zucke dabei mit den Achseln. Los, nun hör auf, zu bohren, bitte ich still! Geh einfach!
Er fährt sich durch das dunkelbraune Haar, es bleibt in allen Richtungen stehen, was ihm etwas Jungenhaftes verleiht. Zu gern würde ich die Distanz überwinden und … Stopp! Jetzt gehen meine Gedanken zu weit. Er hat Charisma und eine so charmante Art an sich, dass es mich noch trauriger macht, ihn verletzen zu müssen. Und sein Körper ist wahrhaftig … Wow! Ich muss ihn einfach nochmal mustern. Er ist groß und schlank, nicht mager, eher außerordentlich gut gebaut. Unter seinem engen Laufshirt zeichnen sich stattliche Muskeln ab, die mich weich werden lassen … Und sein Bizeps … Oh ja. Sein Haar reicht ihm knapp über die Ohren, ist vollkommen verwuschelt. Die leicht gebräunte Haut verrät mir, dass er viel Zeit in der freien Natur verbringt. Aber was meinem Herz einen Hüpfer versetzt, sind seine Augen. Dieses tiefe Grün, wunderschön. Es erinnert mich an die Wälder in meiner Heimat. Dazu sein schiefes Lächeln. Selbst die kleine Narbe an der linken Augenbraue passt perfekt zu ihm. Was sie wohl für eine Geschichte erzählen würde? Er wirkt eher wie ein Badboy und nicht wie ein Gesetzeshüter. So kann man sich täuschen und für jemanden wie mich, der solange keinen Kontakt zu männlichen Wesen gehabt hat, ist er ein wahrer Leckerbissen.
»Das heißt, dass du nichts mit mir trinken willst?« Hoffnung blitzt in seinen Augen auf.
»Genau, das heißt es. Mein Freund findet so etwas nicht witzig.« Eigentlich ist seine Frage ziemlich unverschämt, wäre ich wirklich vergeben, aber das verzeihe ich ihm. Immerhin bin ich auf den Flirt zuvor eingegangen. Hätte ich tatsächlich einen Freund, würde das kein gutes Licht auf mich werfen.
»Wieso lässt er dich so ganz alleine an den Strand gehen? Ich würde jede Minute mit meiner Freundin nutzen, wenn ich mit ihr im Urlaub bin.«
»Wir wohnen hier«, rutscht es mir heraus und ich trete von ihm weg.
Sein Gesicht entgleist. »Du lebst hier? Seit wann? Wo?«
Ich Idiotin. Jetzt habe ich seine Neugierde erneut geweckt. Wie blöd kann man denn sein? »Ähm, ich muss los.« Mir fällt nichts Besseres ein, als mich umzudrehen und den Strand entlang zu joggen. Nur weit weg von diesen grünen Augen und seinem intensiven Blick.
»Hey, ich weiß nicht mal deinen Namen«, ruft er, doch ich werde gerettet, denn zwei Mädchen kommen auf mich zu und winken ihm.
»Nick. Hey«, grüßt eine von ihnen – eine kurvige Brünette. Sie strahlt ihn mit einem Hundert-Watt-Lächeln an, streckt die Brust raus, marschiert dann entschlossen über den Sand, ihrem Opfer entgegen. Es ist mehr als deutlich, was sie von ihm will. Ich beiße mir auf die Lippe, schaue nicht zurück. Es ist besser so. Vermutlich ist er ohnehin der letzte Schürzenjäger, so wie er sich gibt. Ein Hauch von Eifersucht wallt in mir auf, ob ich will oder nicht.
Den restlichen Tag verkrieche ich mich im Garten, lege ein Hochbeet für Gemüse an, um etwas zu tun zu haben und mich irgendwann selbst versorgen zu können. Umso seltener muss ich unter Menschen und hinunter in den kleinen Laden gehen. Außerdem ist es befriedigend, sein eigenes Gemüse anzubauen und zu ernten. Leider muss ich dabei immer wieder an die grünen Augen denken, was mich schrecklich nervt. Bin ich wirklich so leicht zu beeindrucken? Als hätte ich keine anderen Sorgen als einen Typen. Polizist, erinnere ich mich sicherheitshalber noch einmal. Ich bin eine Idiotin. Vor allem, da dieser Typ zu einhundert Prozent jedem weiblichen Wesen auf der Insel nachjagt. Typen, die so aussehen wie er und sich so benehmen, sind Frauenhelden, das kenne ich noch aus meiner Schulzeit. Und dazu ist er ein Cop, das ist der wichtigste Punkt. Tabu, tabu und tabu. Dreimal tabu. »Hör auf, überhaupt an ihn zu denken«, knurre ich mich selbst an. Storm hebt den Kopf und schaut mich verwundert an. Vermutlich glaubt er, dass ich den Verstand verliere. Vielleicht hat er auch recht damit, wenn ich Selbstgespräche führe. Aber mit wem soll ich denn sonst reden? Ich kann ja wohl kaum jemanden anrufen.
Ich putze mir die Hände an der Hose ab, stecke mir die Stöpsel meines MP3 Players in die Ohren, um mich mit Musik abzulenken. Das beruhigt mich. Es lenkt mich ab und sorgt dafür, dass meine Stimmung sich hebt. Weiß Gott, das habe ich heute nötig. Ich muss diesen Typen aus meinem Kopf verbannen. All diese Sehnsucht liegt nur an meiner Einsamkeit, ganz sicher, nicht an diesen grünen Augen. Dadurch, dass ich jetzt hier ein Zuhause habe, weckt dies andere Wünsche in mir. Früher bin ich ein geselliger Familienmensch gewesen. Früher … Heute bevorzuge ich das Alleinsein. Wann habe ich das letzte Mal mit einem anderen Menschen so richtig herzhaft gelacht? Ich kann mich nicht erinnern. Dieses Wissen schmerzt mich und ich drehe die Musik lauter.
Leise summe ich eines meiner Lieblingslieder mit, verliere mich in der Musik, wie ich es geplant habe. Es tut so gut. Die grünen Augen wandern tiefer in meine Gedanken, bereit, mich später erneut zu triezen, während ich mich im Augenblick vollkommen der Arbeit hingebe. Es ist ein wunderbares Gefühl, etwas Sinnvolles zustande zu bringen. Und es fühlt sich gut an, mir etwas Eigenes aufzubauen, etwas, von dem ich lange zerren kann. Ich erschaffe etwas. Es sorgt noch mehr dafür, dass ich mich heimisch fühle, auch wenn unter meinem Bett eine Notfalltasche mit meinem Geld und dem gefälschten Pass liegt. Startklar, direkt aufzubrechen. Nur so habe ich lange überleben können. Einmal ist es knapp gewesen, da bin ich mir sicher, dass er mich anfangs beinahe erwischt hätte, als ich unvorsichtigerweise zu nahe an meinem Zuhause geblieben bin.
Ja, hier ist mein neues Zuhause, doch ich bleibe vorsichtig. Denn ich darf nicht vergessen, dies ist nur eine vorübergehende Station auf meinem Weg, der niemals enden wird. Für immer werde ich hier nicht sicher sein. So naiv, das zu denken, bin ich nicht. Nein, ich bin realistisch, aber eine Weile kann es klappen. Deswegen darf und will ich niemanden kennenlernen oder mich gar mit Menschen von hier anfreunden. So kann ich meine Zeit auf ein Maximum ausdehnen. Wenig Kontakte bedeutet immerhin weniger Menschen, die Fragen stellen.
Die Sonne brennt auf meinen Kopf, Schweiß rinnt mir den Rücken hinab, doch ich grabe unermüdlich in der weichen Erde. Ich genieße das Gefühl, den warmen Boden mit den Händen umzugraben, neues Leben zu erschaffen. Vielleicht bekomme ich sogar mal etwas Farbe im Gesicht und sehe nicht mehr aus wie Hui Buh - das Gespenst. Allerdings wird es mehr Sommersprossen sprießen lassen und ich werde zum Streuselkuchen, ein großer Nachteil. Ich muss an die beiden Mädchen vom Strand denken, wie braun sie gewesen sind, und kann mir ein wenig Neid nicht verkneifen. Kein Wunder, dass Nick sofort aufgegeben hat, als sie angekommen sind und ich vergessen gewesen bin. Dagegen stinke ich so dermaßen ab und sehe aus wie eine Wasserleiche. Nicht, dass ich schon mal eine gesehen hätte, außer natürlich auf Bildern in der Pathologie. Das hat gereicht. Ich möchte nicht in Erinnerung bleiben. Reiner Schutzmechanismus. Auch wenn ich es früher geliebt habe, mich schön zu machen. Hässlich bin ich heute definitiv nicht. Ich habe genügend Selbstbewusstsein. Früher bin ich … besser in Schuss gewesen. Ob dies das richte Wort ist? Na ja, eben nicht so blass oder mager wie jetzt. Meine Kurven haben mir immer gefallen, doch jetzt sind sie nur noch zu erahnen. Ich muss es in den Griff bekommen. Ich will mich wieder rundherum gut fühlen, mich erholen und ein wenig zu mir selbst finden. Meine Seele braucht dies. Selfcare oder wie nennt man es aktuell so modisch in den Medien.
Samen für Samen setze ich in die Erde, bewässere sie. Ich habe heute zu viel riskiert. Auf einen lächerlichen Flirt kann man eingehen, aber nicht mit einem Kerl mit Dienstmarke. Vorsichtig schiebe Sand auf die kleinen Löcher, klopfe ihn fest, ehe ich ihn erneut begieße. Es ist schon fast Abend, als ich endlich fertig werde. Ich wünschte, Granny könnte es sehen, sie wäre total stolz auf mich – ihr kleiner Garten hat immer wie eine Feenlandschaft mit Schmetterlingen, Hummeln und Bienen, die in all der Farbenpracht herumgeschwirrt sind, ausgesehen. Zufrieden bewundere ich mein Werk, klatsche in die Hände, die ganz schwarz von der Erde sind. Wie ich so bin, habe ich die blöden Gartenhandschuhe vergessen. Vor mir erstreckt sie ein großes Hochbeet, gute sieben mal zehn Meter. Es ist wunderschön, ich kann es kaum erwarten, die ersten Triebe zu entdecken. Geduld ist nicht meine Stärke, von mir aus kann es gleich morgen so weit sein.

Ich mache mir zu Abendbrot ein paar Nudeln mit einer frischen Sauce aus Kräutern, Tomaten und buntem Gemüse, welches ich vom Markt mitgebracht habe. Es schmeckt wunderbar. Ich genieße jeden Bissen und zelebriere ihn geradezu. Danach schlendere ich pappensatt mit Storm eine letzte Runde über den Strand, während die Sonne im Meer versinkt.
Die ersten Sterne erscheinen am Himmel, der noch in satte Farben getaucht ist. Ein Gefühl der Zufriedenheit durchfährt mich in diesem Augenblick, wie ich ihn lange nicht gespürt habe. Ich laufe dicht am Wasser entlang, lasse die Wellen meine Füße umspielen. Es fühlt sich befreiend an und weckt Erinnerungen an meine Kindheit, wenn ich mit meinen Eltern am Strand gewesen bin. Zum ersten Mal seit langem schaue ich nicht hinter mich, sondern voraus. Die Luft ist merklich kühler als heute Nachmittag, deshalb ziehe ich meine Strickjacke um meinen Körper fest zusammen.
In der Ferne höre ich Musik und Stimmen, schaue auf. Eins der Häuser am Strand muss eine Party feiern, ein Grund für mich, wieder umzudrehen. Immerhin suche ich keine Gesellschaft, ich möchte nur Ruhe und Frieden.
Kapitel 5 - Nick
»Nicki, hallo?« Jo schnippst vor meiner Nase mit seinen langen Fingern herum, versucht so, meine Aufmerksamkeit zu erlangen.
Ich verdränge eine kleine Blondine mit Schokoladenaugen und niedlichen Sommersprossen aus meinen Gedanken, wende mich stattdessen meinem Freund zu. »Mhh?«, antworte ich, nippe dabei an meinem Bier. So richtig schmeckt es mir heute nicht, aber ich trinke es dennoch.
»Was ist denn mir dir los? Sally flirtet dich seit zwei Stunden an und du? Du bist blind und taub für ihre Reize. Dabei gibt sie sich solche Mühe. Wenn du nicht bald anbeißt, wird sie die Krallen ausfahren. Oder bist du darauf aus?«
Sally, wen interessiert schon Sally, denke ich angewidert. Sie hat mich vor einigen Monaten zu ihrem neuen Ziel auserkoren und geht mir damit total auf die Nerven. Sie ist eine dieser Frauen, die sich mit gewissen Dingen schmücken muss. Getreu dem Motto: Schau, was ich habe, also beneide mich darum. Ich passe anscheinend perfekt in ihr Beuteschema, nachdem sie bei dem Anwalt keinen Erfolg gehabt hat. Dann eben ein Polizist. Sie will mich als Trophäe, etwas, mit dem sie angeben kann. Ihr Getue ist anstrengend.
»Lass ihn, Jo. Nick hat heute von einer wunderschönen Unbekannten einen Korb kassiert«, wirft Brad ein, wofür ich ihm gegen den Arm boxe. Er ist die letzte Tratschtante.
»Dir vertraue ich nie wieder etwas an«, knurre ich verärgert. »Und es ist kein Korb gewesen.« Nett, dass er noch Salz in die Wunde streuen muss. Er hat recht, ich bin es nicht gewöhnt, Körbe zu kassieren.
»Wer gibt dir einen Korb? Das kann ich nicht verstehen.« Sally, die Maggi im Schlepptau hat, stößt zu uns auf die Terrasse. Maggi gibt Jo einen Kuss auf die Wange, woraufhin er seine Freundin zu sich auf den Schoß zieht und seine Nase an ihrem Hals reibt, ehe er ihr etwas ins Ohr flüstert. Sie kichert leise, wirft ihr rotes Haar zurück und strahlt in die Runde.
»Nick hat eine, warte, wie sind seine Worte gewesen? Kleine, unbekannte Fee getroffen«, stichelt Brad weiter und ich frage mich ernsthaft, warum er mein bester Freund ist. Ich muss dringend über unsere Freundschaft nachdenken und teile eine Kopfnuss aus.
»Halt die Fresse, du Loser.« Ich verdrehe die Augen, muss aber ein wenig schmunzeln, denn ich weiß, dass er mich nur ärgern will.
»Das sind ja ganz neue Töne.« Maggi beugt sich neugierig vor, während Sally verärgert die Lippen aufeinanderpresst, dabei die Arme vor der Brust verschränkt, jedoch nicht, ohne ihre Brüste ins rechte Bild zu rücken. Klar, dass ihr dieses Thema nicht passt. Sie sieht Konkurrenz, obwohl ich gar kein Interesse an ihr oder sonst einer Freundin habe. Freundinnen bedeuten Verantwortung, die ich nicht eingehen will. Es gefällt mir so, wie es ist.
»Die Schnalle, die wir mit ihrem Köter am Strand gesehen haben?«, fragt Sally säuerlich, spitzt die Lippen.
»Ihr habt sie gesehen? Ist sie so sexy, wie unser Nick sagt, oder hat er geflunkert?«
»Sie ist hübsch«, stimmt Mags zu »Soweit ich mich erinnere. Ich habe sie nur kurz gesehen.«
»Hübsch? Durchschnitt, unterer Durchschnitt, wenn überhaupt«, murmelt Sally, woraufhin ich ein genervtes Knurren unterdrücke. Es ist armselig, dass sie andere Frauen immerzu schlecht macht. Als wäre sie das einzige weibliche Wesen auf der Welt, welches attraktiv ist – dabei macht ihr Charakter sie oft mehr als hässlich.
»Sie hat gesagt, sie wohnt hier«, plappert Brad weiter. Mir platzt ehrlich gleich der Kragen. Er ist so eine Labertasche, wirklich unfassbar.
»Ach, sie hat das Haus der alten Frieda gemietet?« Mags greift nach Jos Flasche und nimmt einen tiefen Schluck. Jetzt hat sie meine Aufmerksamkeit. Mags ist Immobilienmaklerin, teilt sich eine Firma mit ihrer Mutter. Ein alter Familienbetrieb, der die Häuser auf der Insel vermietet und verkauft. Sie weiß alles über jeden. Warum bin ich nicht eher auf die Idee gekommen, sie zu fragen?
»Das hat doch ewig leer gestanden, dieses winzige Ding.« Angewidert verdreht Sally die Augen. »Wer will schon in solch ein kleines Rattennest ziehen?« Sallys Arroganz ist so unattraktiv, dass ich ihr es am liebsten an den Kopf werfen möchte, doch leider ist ihr Daddy mein Chef, der würde das gar nicht so witzig finden, wenn ich seiner Prinzessin den Kopf wasche. Diese verwöhnte Göre.
»Immerhin gehört es ihr und nicht Mami und Papi.« Brad prostet ihr zu. Ihre Augen blitzen verärgert auf, während ich in mein Bier grinse. Damit hat Brad wieder Pluspunkte bei mir gesammelt.
»Wen interessiert deine Meinung, du …«, giftet Sally, doch bevor es ausartet, lenkt Mags die Aufmerksamkeit auf sich.
»Mum hat erzählt, dass es vor zwei oder gar drei Wochen vermietet worden ist. Sogar bar gezahlt für die ersten drei Monate. Komisch, oder? Wer zahlt so etwas denn bitte bar?« Mags schüttelt den Kopf. »Uns soll es egal sein, weg ist weg. Vom Leerstehen wird es jedenfalls nicht besser.« Sie hat recht, das ist mehr als kurios und in meinem Kopf beginnen sich Fragen an Fragen zu reihen. Bar bezahlt? Dazu ihr Verhalten? Der Polizist in mir erwacht zum Leben, will den Fall lösen. Ich wittere Geheimnisse auf zehn Metern Entfernung.
»Vielleicht gehört sie zu diesen Leuten, die kein Konto haben, weil sie sich beobachtet fühlen. Soll es ja geben.« Jo grinst, zuckt dann mit den Schultern. »Diese Verschwörungstheoretiker und so.«
»Oder ihr Freund«, brumme ich missmutig. Den Glückspilz wollen wir ja nicht vergessen.
»Freund? Nein, Mum hat gesagt, dass die Frau alleine eingezogen ist. Nee, warte, mit ihrem Hund, einem Dalmatiner mit nur einem Ohr. Ihr wisst ja, wie wissensdurstig Mum ist.« Mags grinst und prostet uns zu.
Dann hat sie mich also angelogen, dieses Biest. Na warte, man sieht sich im Leben immer zweimal. Vor allem auf dieser Insel. Sie hat mich nur loswerden wollen und ich habe es nicht gecheckt. Ich Volltrottel.
»Soll ich sie mal durchleuchten?« Brads Mundwinkel wandern nach oben, sein Ton ist mehr als zweideutig. Jetzt fängt er sich wirklich eine Kopfnuss von mir ein, eine gewaltige Kopfnuss.
»Du kannst mal die Klappe halten, du Hornochse«, feixe ich. »Du bist schlimmer als die Doppelkopfrunde der alten Ladys. Ehrlich. Dir vertraue ich nichts mehr an. Und du wirst sie nicht durchleuchten. Niemand macht das, klar?«
Wir flachsen hin und her, wobei ich versuche, nicht die ganze Zeit an die kleine Fee zu denken, die sich in meinem Kopf festgesetzt hat und nach wie vor ein großes Fragezeichen hinterlässt. Verdammt, ich bin neugierig. Ich will sie kennenlernen, unbedingt. Aber irgendwie beunruhigt mich das auch. Mir geht generell niemand so unter die Haut. Dennoch schwirrt hier ein Geheimnis umher und das will ich lösen. Keiner von uns ist der klassische Beziehungstyp, bis auf Jo natürlich, als er sich in Mags verliebt hat. Jetzt kann ich sie mir ohne einander nicht mehr vorstellen. Beide gibt es nur noch im Doppelpack. Leider hängt da auch oft Maggis Anhängsel dran – Sally. Auf die könnte jeder hier verzichten. Sie hat sich in den Jahren einfach in eine andere, materielle Richtung entwickelt als wir.
Wir wechseln das Thema, bedienen uns hungrig am Grill. Theo, einer unserer Freunde, feiert seine Beförderung und schmeißt das riesige Barbecue. Er arbeitet in einer großen Kanzlei auf dem Festland als Anwalt. Ihn hat Sally vor mir erobern wollen. Mehr als eine wilde Nacht ist für ihn jedoch nicht drin gewesen. Dieses morgendliche hin- und herpendeln wäre mir wirklich zu anstrengend, aber er geht in dem, was er tut, vollkommen auf. Dabei ist es nicht nur einmal vorgekommen, dass Jo ihn mit seinem Kutter rüberfahren hat müssen, weil er seine Fähre verpasst hat. Theo ist das letzte Faultier. Ich hätte nie gedacht, dass er das durchzieht und Anwalt wird, dazu noch so erfolgreich. Es passt nicht zu der Niete, die ich kenne und welche nie Hausaufgaben gemacht hat.

Leider kommt der nächste Morgen viel zu früh. Die Partynachwehen lassen nicht lange auf sich warten, also kaufe ich mir unterwegs einen starken Kaffee im Diner, bevor ich die Wache betrete. Ich kann bequem zur Arbeit laufen und meine Pause am Strand verbringen, ein positiver Aspekt der kleinen Insel. Die Dienstbesprechung ist ereignislos, was sich vorteilhaft auf meinen Brummschädel auswirkt. Hier passiert nicht viel. Gerade jetzt, wo die Saison zu Ende geht, ist es ruhiger denn je. Im Sommer wird sich das wieder ändern, es wird kleinere Delikte geben, leichte Einbrüche in Autos, Diebstähle am Strand, doch jetzt ist chillen angesagt. Manchmal glauben ein paar Jugendliche, hier auf den Putz hauen zu können, ein ausgearteter Junggesellenabschied oder gelegentlich böse Buben, die der Meinung sind, sie können die Ferienhäuser knacken. Aber sonst? Zeitweise fehlt mir etwas Action, wovon ich früher in der Großstadt mehr als genug gehabt habe. Doch dann denke ich an das Meer vor der Tür und die Sehnsucht nach dem Nervenkitzel wird etwas kleiner. Es ist auch nicht unbedingt verkehrt, in keine Schießerei zu geraten, und einen entspannen Arbeitstag zu haben. Früher, auf dem Festland, hat es einige brenzlige Situationen gegeben, die dazu geführt haben, dass ich das Thema Familie und Freundin erst mal abgehakt habe. Der Gedanke, jemanden zurückzulassen, ist mir zuwider und nach dem ersten Streifschuss, der mich erwischt hat, sowieso. Sie Narbe davon trage ich als Mahnung an mich selbst.
»Jungs, ab mit euch!« Der Chief nickt uns zu und alle schwirren langsam aus, um für Recht und Ordnung zu sorgen … Oder auf der Promenade Kaffee trinken, Katzen von Bäumen holen – was auch immer der Tag so bringen mag.
»Ich fahr eine Runde Streife.« Ich nehme einen Schluck vom Kaffee, der zu einer kalten Brühe geworden ist, angle mir noch schnell das Kuchenstück, welches unsere Schreibkraft mir jeden Tag mitbringt. Sie lächelt mich schüchtern an, woraufhin Brad die Augen gen Himmel verdreht. Ein weiterer Schluck des kalten Kaffees lässt mich die Nase rümpfen. »Igitt!« Ich werfe den Becher in den nächsten Mülleimer, während ich zum Streifenwagen schlendere, dabei den Kuchen esse. Vermutlich ist es unfair von mir, Carlas Kuchen anzunehmen, da es ein offenes Geheimnis ist, dass sie für mich schwärmt, aber was soll ich machen: Ich liebe Kuchen und tue ihr damit ja nicht weh. Davor hat sie für Brad geschwärmt und davor … Ach, was weiß ich. Es gibt nicht so viele Singles auf der Insel. Sie ist ein liebes Mädchen und ich genieße den Kuchen, solange die Schwärmerei anhält.
Mein Freund stöhnt auf. »Du willst zum Haus der alten Frieda, oder? Mann, Nick, lass das Mädchen doch, wenn sie so schlau ist, dir aus dem Weg zu gehen. Stell dir vor, was Sally mit ihr macht, sollte sie ihr in die Quere kommt.«
»Sally?« Ich lache auf. »Sally ist uninteressant. Du weißt, dass da nichts läuft. Weder heute noch irgendwann. Wir passen so gut zusammen wie Hund und Katz, wir würden uns die Augen auskratzen. Ich will mir ja nur mal das Haus anschauen und gucken, ob alles okay ist. Ist es nicht wichtig, dass die neuen Bürger sich sicher fühlen? Dass wir sie willkommen heißen? Wo sind deine guten Manieren geblieben?« Ich grinse, setze meine Sonnenbrille auf, salutiere vor meinem Freund. Damit sehe ich aus wie die Polizisten aus den schlechten Filmen im Fernsehen, aber das ist mir egal.
»Sicher? Du bist wie der böse Wolf, wenn du so grinst. Es macht sogar mir ein wenig Angst. Das Mädchen kann sich warm anziehen und einem leidtun. Du bist doch sonst nicht so penetrant.« Brad schüttelt den Kopf über meine Hartnäckigkeit.
»Ich weiß nicht, sie reizt mich«, gebe ich zu, woraufhin er mich wissend beäugt.
»Oho, love is in the air …« Er wackelt mit den Augenbrauen, doch ich ignoriere seine blöden Sprüche. Damit kriegt er mich nicht, ich bin keine zwölf mehr, wo das funktioniert hätte.
Ich setze mich in den Dienstwagen, Brad schwingt sich neben mich, was mir gar nicht passt. »Was wird das denn?«, knurre ich ihn an. Er wird definitiv nicht mitkommen, das kann er sich abschminken. Es würde meine ganzen Pläne zu Nichte machen, um in Ruhe mit ihr reden zu können.
»Ich will dieses besondere Mädchen sehen. Anscheinend hat sie dir den Kopf verdreht. Brad schnallt sich an, fährt sich durch das raspelkurze blonde Haar und schenkt mir das breiteste Lächeln, welches ich je gesehen habe.
»Vergiss es, steig aus! Außerdem verdreht mir niemand den Kopf.« Ich winke ihn weg, doch er ist stur. Er dreht sich, immer noch grinsend wie ein Trottel, nach vorne und trommelt aufs Armaturenbrett. Ich hasse ihn gerade ein ganz klein wenig, wie man gute Kumpel in solchen Momenten eben hasst.
»Los, los! Wir haben ein Date. Ich kann es kaum erwarten.«
Ich umklammere das Lenkrad, schaue ihn abwertend von der Seite an. Gott, wie er nerven kann, wenn er es drauf anlegt. Er ist so neugierig wie die alten Fischweiber. »Ernsthaft? Du gehst mir auf den Sack, Brad. Steig aus!« Befehle ich, doch er lacht nur.
»Ich werde mitfahren. Stell dir vor, sie verklagt dich hinterher, weil du ihr ihre Rechte nicht vorgelesen hast? Dafür sind Kollegen da. Nichts zu danken, mein Lieber. Oder du gerätst in eine Schießerei? Da brauchst du deinen Partner, dafür bin ich da. Das ist mein Job.« Ich verdrehe die Augen. Schießerei? Hier? Schon klar!
»Ich will sie nicht verhaften, nur ein Hallo dalassen.«
Brad grinst noch breiter, wenn das überhaupt möglich ist. »Aha, also doch zu ihr. Von wegen nur mal Streife fahren, das kannst du dem Chief so verkaufen, aber nicht deinem besten Freund.« Meine Mundwinkel wandern nach oben. Ertappt. »Oder hast du Angst, dass sie auf mich abfährt? Hm? Ist es das? Kann ich verstehen, Kumpel.« Er klopft mir auf den Arm, schaut mich gespielt mitleidig an. »Das bist du ja gewohnt.«
Wir diskutieren noch einige Minuten hin und her, ehe ich das Auto starte, Brad natürlich weiterhin im Gepäck. Mein bester Freund kann sehr hartnäckig sein, sofern er will, und wir würden vermutlich noch in vier Stunden hier sitzen, wenn ich ihn nicht mitnehme. Vielleicht sollte ich ihn unterwegs einfach rauswerfen. Verdient hätte er es ja, eine Überlegung ist es definitiv wert.
Die Fahrt zum Haus ist kurz, nicht mal dreißig Minuten später biegen wir vom Hauptweg auf den Kiesweg ein, der nach oben zum Grundstück führt. Sie wohnt nahe den Klippen, weit weg von den Touristenrummel, in dem leicht vom Wind und Gezeiten geprägtem Häuschen, deren gelbe Farbe langsam abblättert. Aber gerade dieses Aussehen verleiht diesem winzigen Haus einen gewissen Charme, der sich nicht bestreiten lässt. Mit etwas Zuwendung könnte daraus etwas Exklusives werden, vor allem weil ihre Aussicht gigantisch sein muss, so dicht, wie sie am Abhang wohnt. Ein direkter Blick auf das Meer – es muss ein Gefühl der völligen Freiheit sein, hinaus zu schauen, wenn man dort morgens mit seinem Kaffee steht. Einen kurzen Moment frage ich mich, wieso ich nie auf die Idee gekommen bin, das kleine Haus zu kaufen. Es wäre für mich ebenfalls perfekt gewesen.
Kapitel 6 - Hazel
Summend reibe ich mir die Beine mit Sonnencreme ein, genieße die warmen Strahlen auf meiner nackten Haut. Neben mir rauschen wütende Meereswellen, die in der Tiefe unruhig gegen den Stein peitschen, während die Möwen über mir kreischend ihre Runden ziehen. Ich habe es mir im Garten gemütlich gemacht, einen Smoothie auf der einen, mein neues Buch auf der anderen Seite. Ja, so gefällt mir mein neues Leben. Ich stöpsle meinen MP3-Player in die Ohren, stelle ihn an, wähle dann einen meiner Lieblingssongs aus. Mit den Füßen wiege ich im Takt der Musik, singe leise einige Zeilen mit, ehe ich mich zurücklege und die Augen schließe. Müdigkeit hindert mich daran, mich richtig auf das Buch vor mir zu konzentrieren.
Gestern hat mich der Tag und die Ereignisse aufgewühlt, ich habe verdammt schlecht geschlafen, noch fieser als sonst. In meinen Träumen bin ich durch ein Labyrinth aus Fluren gerannt, das namenlose Grauen hinter mir, nur hat es diesmal kein Fenster gegeben, kein Ausweg für mich. Ich bin gerannt und gerannt, bis ich schweißgebadet mitten in der Nacht hochgeschreckt bin. Danach ist es mit dem Schlafen vorbei gewesen, mein Herz hat ewig wie wild gegen meine Rippen geschlagen. Wie ich diese Albträume hasse. Ich habe mich in einem alten Fachbuch vergraben, bis zum Morgen darin gelesen, nur um mich abzulenken. Ich hoffe, dass diese Träume irgendwann verblassen, mich wieder schlafen lassen. Das wäre ein Luxus, der mir viel Lebensqualität wiedergeben würde. Doch jetzt fordert mein Körper das zurück, was man ihm heute Nacht verwehrt hat. Am Tag fällt es mir leichter, zu schlafen, wenn die Sonne alle dunklen Schatten vertreibt. Am Tag wirkt alles freundlicher, weniger angsteinflößend.
Ich döse leicht weg, mein Körper übernimmt das Ruder. Er zeigt mir, was er benötigt, und das ist nun mal Ruhe. Etwas, was diese Gegend ausstrahlt. Hier bin ich vorerst sicher, predige ich stets. Wenn ich es oft genug sage, glaube ich es gewiss. Diese Insel ist klein. Wie soll er mich ausgerechnet hier finden? Ich kann mir eine Auszeit nehmen, einige Monate zur Ruhe kommen und weiterschauen, so weit weg von meiner Heimat. Einen neuen Namen, ein anderes Leben, erinnere ich mich. Der gefälschte Ausweis ist schwer zu bekommen gewesen, verdammt teuer, doch auch das habe ich geschafft. Ich bin mir dabei schon etwas verwegen vorgekommen, wie ein Mafioso. Er ist aber eine notwendige Investition gewesen, ich habe ihn gebraucht, um dieses Grundstück zu mieten, Fahrkarten zu erhalten – und, und, und.
Das Lied wechselt gerade, als ein Schatten über mich fällt. Mein Herz scheint kurz auszusetzen, ehe es im Galopp zu rasen beginnt. Er hat mich gefunden. Ich reiße augenblicklich die Augen auf, sehe nur die Umrisse eines Mannes, der sich gerade zu mir beugt, die Sonne in seinem Rücken. Seine große Hand wandert drohend auf meine Kehle zu, was mich völlig in Panik geraten lässt – ich habe Todesangst. Oh mein Gott, er bringt mich um, schießt es mir immer wieder durch den Kopf. Ich schreie wie am Spieß, Storm kläfft vom anderen Ende des Grundstücks. Er wird nicht rechtzeitig hier sein, um mich zu beschützen. Aber ich bin nicht mehr so hilflos wie früher. Kampflos werde ich nicht sterben. Niemals. Mit voller Wucht trete ich zu, treffe meinen Gegner mitten in den Bauch und höre ein ersticktes Uff, ehe ich mich aufrappele, dann verdutzt stoppe, als ich in schmerzverzerrte grüne Augen blicke. Waldgrüne Augen, um genau zu sein, die mir bekannt vorkommen und mir den ganzen Tag im Kopf herumgegeistert sind. Jetzt wo die Panik nachlässt, das Blut nicht mehr in meinen Ohren rauscht, erkenne ich ihn. Vor mir steht nicht mein Albtraum, sondern Nick – in Uniform, die ihm wie an den Leib gemeißelt ist und seine breiten Schultern betont. »Sag mal, hast du einen Knall? Du kannst dich nicht so anschleichen«, brülle ich ihn mehr als wütend an. Ich reiße mir die Kopfhörer aus den Ohren, werfe sie heftig zu Boden. Was denkt er sich dabei? Mein Herz schlägt noch immer viel zu schnell, ich habe mir fast in die verdammte Hose gemacht. Zitternd entweicht Luft aus meinem Mund. Du bist sicher, flüstere ich mir zu. Versuche, wieder runter zu kommen. Falscher Alarm.
»Ob ich einen Knall habe? Was bist du, eine Ninjaelfe? Du hast mir mit voller Wucht einen Kick in den Magen verpasst. Verdammt!« Er reibt sich den Bauch, mein Mitleid hält sich allerdings in Grenzen, zu sehr habe ich mich erschrocken. Dies ist mein Grund und Boden. Er hat nicht einfach herzukommen.
»Selbst schuld. Ehrlich. Sei froh, dass ich keine Zeit zum Zielen hatte und nicht tiefer abgerutscht bin. Das ist Privatbesitz.« Ich bin echt auf hundertachtzig. Mein Puls beruhigt sich gar nicht mehr. Ich habe gedacht, er hat mich hier gefunden. Gerade, wo ich mich langsam einlebe. Mit dem Gefühl des Friedens ist es schlagartig vorbei. Ich fühle mich augenblicklich verfolgt und möchte mich sofort verkriechen. Jetzt erreicht uns auch Storm, aber der alte Verräter tänzelt schwanzwedelnd vor Nick auf und ab. »Storm«, brumme ich vorwurfsvoll, woraufhin mich seine braunen Augen fragend anschauen. Plötzlich bemerke ich einen anderen Polizisten, der vor Lachen Tränen in den Augen hat, während Nick noch immer angepisst aus der Wäsche schaut und sich den Bauch reibt.
»Oje, ich hätte das so gern gefilmt. Das ist wirklich ein Ninjakick gewesen. Filmreif. Lasst mich Hollywood anrufen.« Ich mustere den blonden Kerl stirnrunzelnd, denn ich finde das absolut nicht witzig. Misstrauisch beäuge ich beide – zwei Polizisten sind schlimmer als einer.
»Habe ich etwas verbrochen oder was wollt ihr?« Ich reibe mir über die Arme. Die Angst sitzt mir in den Knochen, lässt mich frösteln. Haben sie herausgefunden, dass mein Ausweis gefälscht ist? Ich suche mit den Augen unauffällig nach einem Fluchtweg, was völlig albern ist. Ich bin mitten in meinem Garten. Wohin soll ich flüchten? Über die Klippen?
»Ja, wir müssen deine Personalien aufnehmen.« Nick schaut mich ernst an.
»Warum?« Ich ziehe die Augenbrauen zusammen und versuche, cool zu wirken, auch wenn ich innerlich vor Panik zittere. Ich habe ihnen keinen Grund zu dieser Handlung gegeben. Das stinkt doch zum Himmel. Schlagartig verstehe ich es. Er sagt das nur, um mich aus der Reserve zu locken. Er will mich ärgern, genießt es ganz offensichtlich, wenn man seine zuckenden Mundwinkel betrachtet. Sie können nicht wissen, wer ich tatsächlich bin. Niemals. Dafür bin ich zu vorsichtig gewesen und das beruhigt mich etwas. Also richte ich mich gerade auf, schaue Nick in seine vergnügt funkelnden Augen. Er erwidert meinen Blick bewusst unschuldig. Dieses blöde Arschloch. Ich muss ihm zugestehen, dass er nichts über meine Vergangenheit weiß, trotzdem kann ich nichts gegen die Wut, dass sie mir solche Angst gemacht haben, tun.
»Wir sind hier, weil Nick sonst durchdreht … Weil er deinen Namen nicht weiß«, ertönt es vom blonden Polizisten, der Storm den Bauch krault. Dieser Verräter seufzt verzückt, sein Bein zuckt dabei. Er hat augenscheinlich kein Schamgefühl. Er kann doch nicht vor jedem fremden Wesen seinen Bauch entblößen.
»Dann muss er wohl damit leben oder durchdrehen. Mir ist das ziemlich egal.« Ich verschränke mit Nachdruck die Arme vor der Brust. »Das ist Belästigung. Wenn ihr ohne Grund hier seid, wie es mir scheint, belästigt ihr mich. Das ist strafbar. Solltet ihr beide auch wissen, sofern ihr gut in eurem Job seid. Also bitte ich euch hiermit offiziell, mein Grund und Boden zu verlassen.«
»Es ist Tradition, die neuen Inselbewohner zu begrüßen. Wir sind eine Gemeinschaft und gewisse Dinge musst du eben akzeptieren. Ich werde nicht der einzige sein, der Hallo sagt. Warte ab.« Nick grinst noch breiter, mir wird ganz bange. Er lässt sich nicht von meiner kalten Mine einschüchtern. Meint er es ernst, dass hier mehr von den Bewohnern auftauchen werden? Oh, bitte nicht. Das passt so gar nicht in meinen Plan.
»Er hat recht, du Ninjaelfe, hier erwartet man, dass du zu jedem Stadtfest kommst und aktiv am Inselleben teilnimmst«, stimmt sein Kollege ein. Beide nicken sich bestätigend zu. Oh mein Gott, das ist ja furchtbar. So viel zum Thema Ruhe und Frieden. »Wir sind eine kleine Gemeinschaft, so nervig das sein kann, hier hält man zusammen. Jeder kennt jeden, jeder hilft jedem. Ein riesiger Haufen Musketiere, wenn man so will.«
»Das ist ein Witz, oder?« Ich stöhne innerlich, will meine Ruhe und keine … Inselsekte. Wo bin ich hier nur gelandet? Früher hätte mir das vielleicht gefallen, aber jetzt? Warum habe ich über so etwas nicht nachgedacht? Großstadt bietet Anonymität, die ich hier eigentlich auch suche, was anderes habe ich nicht mal in Betracht gezogen.
»Alsoooo, wie darf ich dich nennen?« Nick angelt sich meinen MP3-Player und wickelt sich das Kabel um den Zeigefinger. Ich reiße ihm das Teil augenblicklich aus der Hand, schnaube entrüstet. Er ist so verdammt frech. Ich schwöre, mein Herz klopft nur so wild, weil ich sauer bin, nicht, weil er mir imponiert.
»Ich möchte, dass ihr umgehend mein Grundstück verlasst, aber zackig!« Ich mache winkende Handbewegungen in Richtung Straße, spreche dabei mit besonders viel Nachdruck. Das müsste jetzt selbst der letzte Trottel verstehen.
»Nick, ich weiß jetzt, was für einen Narren du an ihr gefressen hast. Sie ist entzückend. So widerspenstig, dabei so niedlich verpackt. Sie macht es dir wenigsten mal schwer, das gefällt mir. Also, wenn du sie nicht datest, würde ich sie glatt darum bitten.« Der blonde Polizist zwinkert mir zu, ich hebe eine Augenbraue. Sind hier alle so arrogant? Was ist das, die Insel der Playboy-Polizei?
»Ich werde niemanden daten.«
»Sie ziert sich nur«, antwortet Nick gut gelaunt, wobei ich nicht leugne, dass mir seine schlanke Statur mit den definierten Armen sehr zusagt – sein Diensthemd betont jede darunterliegende Erhebung. Ob ich will oder nicht fällt mir einfach auf, dass er verdammt sexy ist und mein Körper darauf reagiert, was aber eine ganz natürliche Reaktion ist, beruhige ich mich. Meine letzte Verabredung ist ewig her, das sind einfach Sehnsüchte, die freigesetzt werden. Punkt. Ich meine, jede Frau hat Bedürfnisse, oder?
»Redet nicht über mich, als wäre ich nicht da. Wenn es nicht so lächerlich wäre, würde ich euch drohen, die Polizei zu rufen, solltet ihr euch nicht vom Acker machen.« Ich fahre mir genervt durch die Haare. Genau das ist es, was mir ein Angstgefühl beschert. Die Polizei macht, was sie will. Auch wenn die beiden hier anscheinend nur Spaß wollen, fühlt ein Teil von mir sich in die Enge getrieben und bedroht. Sie wollen mich necken, ich bin ja nicht blöd, doch mein krankes Hirn sieht das anders.
»Okay, lass uns ein Deal eingehen. Ein Date und ich bin weg.« Nick fährt sich mit der Zunge über die Lippen, meine Augen folgen ihm genau. Wie seine Küsse wohl schmecken? Moment, was denke ich denn da? Bin ich denn verrückt geworden! Er soll verschwinden und keine Fantasien in mir heraufbeschwören. Ich bin definitiv zu lange alleine. Das ist kalter Entzug! Ich lache auf, spüre, dass ich rot werde und er mich genau beobachtet. Vermutlich habe ich einen Sonnenstich – ja, das ist möglich. Dabei rate ich meinen Patienten stets dazu, im Sommer einen Hut zu tragen. Seine Küsse. Ha, was für Ideen ich doch habe. Das würde in eine völlig verkehrte Richtung laufen. Vor allem da sein Blick mir Blitze durch den Körper jagt und ein warmes Kribbeln in meinem Bauch auslöst. Ganz falsch.
»Ich bin Hazel. So, mehr gibt es nicht für deinen Seelenfrieden. Und ja, es existieren Frauen, deren Höschen nicht direkt feucht werden, nur weil ein schnuckeliger Polizist vor ihrer Tür steht. Für das Protokoll, damit kennst du dich ja aus: Ich habe kein Interesse an einem Date mit dir, deinem Freund oder sonst wem auf dieser Insel. Klar soweit? Ich möchte meine Ruhe und dass ihr verschwindet. Hau ab. Va' al diavolo. Piérdase. Get lost oder auf welcher Sprache soll ich es dir noch sagen? Chinesisch? Zou Kai.« Ich bin schon immer gut in Sprachen gewesen. Nick entgleist kurz das Gesicht, während sein Freund schallend lacht. Ich hasse es, vulgär zu werden, aber das ist mir einfach herausgerutscht. Ich möchte so unsympathisch wie möglich wirken, sodass er das Interesse an mir verliert.
»Hat sie das gerade wirklich gesagt?« Nick schaut seinen Freund an, dieser stützt sich vor Lachen auf seine Oberschenkel. Ich werde immer röter. Vermutlich raucht mein Kopf bereits oder ich gehe gleich in Flammen auf.
»Ja, hat sie. Oh man, ich hätte euch aufnehmen sollen. Die ganze Zeit. Herrlich, das ist so gut, besser als Kino. Ich mag dich, Lady. Du bist verdammt lustig. Ich bin Brad.« Seufzend ergreife ich seine Hand.
Darmowy fragment się skończył.