Czytaj książkę: «Lost Island»

Czcionka:

Lost Island

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Roman

Annika Kastner

Booklounge Verlag

Erstausgabe im November 2020

Alle Rechte liegen beim Verlag

Copyright © November 2020

Booklounge Verlag

Johann-Boye-Str. 5

23923 Schönberg

Coverbild: @ Korionov - Can Stock Photo Inc.

978-3-947115-20-4

Inhalt

  Widmung

  Kapitel 1 - Hazel

  Kapitel 2 - Hazel

  Kapitel 3 - Nick

  Kapitel 4 - Hazel

  Kapitel 5 - Nick

  Kapitel 6 - Hazel

  Kapitel 7 - Nick

  Kapitel 8 - Hazel

  Kapitel 9 - Nick

  Kapitel 10 - Hazel

  Kapitel 11 - Nick

  Kapitel 12 - Hazel

  Kapitel 13 - Nick

  Kapitel 14 - Hazel

  Kapitel 15 - Nick

  Kapitel 16 - Hazel

  Kapitel 17 - Nick

  Kapitel 18 - Hazel

  Kapitel 19 - Nick

  Kapitel 20 - Hazel

  Kapitel 21 - Nick

  Kapitel 22 - Hazel

  Kapitel 23 - Nick

  Kapitel 24 - Hazel

  Kapitel 25 - Nick

  Kapitel 26 - Hazel

  Kapitel 27 - Nick

  Kapitel 28 - Hazel

  Kapitel 29 - Nick

  Kapitel 30 - Hazel

  Kapitel 31 - Nick

  Kapitel 32 - Hazel

  Kapitel 33 - Nick

  Kapitel 34 - Hazel

  Kapitel 35 - Nick

  Kapitel 36 - Hazel

  Kapitel 37 - Nick

  Kapitel 38 - Hazel

  Kapitel 39 - Nick

  Kapitel 40 - Hazel

  Nachwort

  Hazel und Nick

  Playlist

  Die Autorin

  Weitere Bücher der Autorin

Widmung

Die Ge­schich­te von Ha­zel und Nick geis­tert schon lan­ge in mei­nem Kopf he­rum und ich freue mich, dass sie end­lich die Chan­ce ha­ben, euch ih­re Ge­schich­te zu er­zäh­len.

Wie immer sind die Fi­gu­ren frei er­fun­den. Auch die Or­te und Ge­scheh­nis­se, doch macht es sie nicht we­ni­ger le­ben­dig für mich. Immer wenn ich ein Buch be­en­de, ist es so, als wür­de ich gu­ten Freun­den Le­be­wohl sa­gen. Es macht mich glü­cklich und trau­rig zu­gleich.

An die­ser Stel­le ein Dan­ke­schön an je­den ein­zel­nen mei­ner Le­ser. Dan­ke, dass du mei­ne Ge­schich­ten liest, den Fi­gu­ren Le­ben ein­hauchst, re­zen­sierst und mich ver­linkst – das be­deu­tet mir sehr viel. Ich wid­me dir die­ses Buch, denn oh­ne dich wür­de es mei­ne Bü­cher nicht ge­ben! Außer­dem mei­nem Mann, Phi­lipp, und mei­nem Sohn, Jos­hua. Ich lie­be euch bei­de sehr, Jungs. Ich glau­be, es ist nicht immer ein­fach mit mir, wenn ich in ei­ner Schreib­pha­se bin, in mei­ner ei­ge­nen Welt he­rum ti­ge­re, oder von un­ter­wegs an­ru­fe, dass du, Phi­lipp, mal eben schnell ein Post-it an mei­nen PC hän­gen sollst – mit Stich­wor­ten, die du eigent­lich über­haupt nicht ver­stehst. Aber du lachst mit mir da­rüber und da­für lie­be ich dich noch mehr.

Dei­ne An­ni­ka

Kapitel 1 - Hazel

1 Jahr vor­her

Ich la­che herz­haft über Dr. Con­ners Witz. Er ist mit Ab­stand mein Lie­blings­kol­le­ge, denn ich mag sei­ne freund­li­che, humor­vol­le und väter­li­che Art. Wo­bei, Kol­le­ge ist gut, eigent­lich ist er mein di­rek­ter Vor­ge­setz­ter, das ver­ges­se ich nur oft, weil es eher freund­schaft­lich zwi­schen uns zu­geht. Gut ge­launt lau­fe ich ne­ben ihm über den kar­gen Kran­ken­haus­gang, wo­bei un­se­re Schrit­te von den Wän­den wi­de­rhal­len und un­se­re Soh­len quiet­schen­de Ge­räu­sche ver­ur­sa­chen.

»Ha­ben Sie sich schon über­legt, wo Sie nach Ih­rem Stu­di­um ar­bei­ten möch­ten? Nicht mehr lan­ge und Sie ha­ben es ge­meis­tert – mit Bra­vour, wie ich ver­mu­te.« Er schiebt sei­ne leicht schief hän­gen­de Ni­ckel­bril­le auf dem Na­sen­rü­cken hoch. Ei­ne Ge­ste, die mir ziem­lich ver­traut ist, weil er dies alle paar Mi­nu­ten wie­der­holt. Sei­ne grau­en Augen, die von Lach­fal­ten um­ge­ben sind, schau­en mich eben­so neu­gie­rig wie er­war­tungs­voll an. Er war­tet auf ei­ne Ant­wort. Das ist et­was, was ich wirk­lich an ihm schät­ze – er ist an mir als Mensch in­te­res­siert, hört ge­spannt zu. Et­was, was viele vor lau­ter Stress ver­lernt ha­ben. Bei ihm füh­le ich mich ernst ge­nom­men.

»Nein, ich ha­be noch kei­ne Idee«, ge­be ich zu, rei­be mir da­bei ver­le­gen über den Na­cken. Das ist nicht die Ant­wort, die er ger­ne ge­habt hät­te, denn er fragt mich schon zum zwei­ten Mal nach mei­nen Plä­nen. Ich weiß, dass ich die Ant­wort nicht ewig hin­aus­schie­ben kann, aber was will ich über­haupt? Wo will ich mich nie­der­las­sen? Hier? Oder möch­te ich noch mehr von der Welt se­hen? Ich ha­be immer viel rei­sen wol­len, die Er­de ent­de­cken, statt­des­sen bin ich seit Jah­ren nicht im Ur­laub ge­we­sen. Das Stu­di­um ist hart und for­dert über­durch­schnitt­li­chen Ein­satz, mit Un­men­gen an Über­stun­den. Ir­gend­wie ist da­durch alles an­de­re auf der Stre­cke ge­blie­ben. Bin ich be­reit, gleich in die Vol­len zu ge­hen, oder neh­me ich mir ei­ne klei­ne Rei­se­aus­zeit?

»Nun, es ist kein Ge­heim­nis, dass wir hier alle sehr an­ge­tan von Ih­rer Ar­beit sind. Wenn Sie sich vor­stel­len kön­nen, zu un­se­rem Te­am zu ge­hö­ren, wür­de ich ein gu­tes Wort für Sie ein­le­gen. Ha­zel, Sie kön­nen hier viel er­rei­chen. Ich wer­de nicht jün­ger und Sie könn­ten ei­nes Tages mei­ne Nach­folg­erin sein, wenn Sie Ih­re Kar­ten rich­tig aus­spie­len. Die Fä­hig­kei­ten ha­ben Sie, was wir bei­de wis­sen.« Ich spü­re, dass ich er­rö­te. Väter­lich legt Dr. Con­ner mir die Hand auf den Arm, nickt auf­mun­ternd. »Nun, mein Kind, Sie wer­den ja ganz rot. Neh­men Sie das Lob an, Sie ha­ben es sich ver­dient. Sie sind flei­ßig, die Kol­le­gen und Pa­tien­ten schät­zen Sie sehr, auch ich schät­ze Sie, aber das wis­sen Sie.«

»Dan­ke, Dr. Con­nor«, stamm­le ich deut­lich ver­le­gen. Ich kann ein­fach nicht mit Kom­pli­men­ten um­ge­hen.

Un­se­re Schu­he ver­ur­sa­chen er­neut ein lau­tes Quietsch­ge­räusch, wäh­rend wir in den näch­sten Kor­ri­dor ein­bie­gen. Nach­denk­lich runz­le ich die Stirn, als ich den lee­ren Gang vor uns er­bli­cke. »Soll­te der Pa­tient nicht von ei­nem Poli­zis­ten rund um die Uhr be­wacht wer­den?« Dr. Con­ner spricht mei­ne Ge­dan­ken aus, ehe ich selbst Ge­le­gen­heit da­zu ha­be.

Ich blät­te­re in mei­nen Un­ter­lagen, che­cke die vor­hand­enen No­ti­zen. »Ja, Per­so­nen­be­wa­chung. Es hat sich nichts an der Si­tua­tion ge­än­dert, des­we­gen liegt er von den an­de­ren Pa­tien­ten iso­liert. So ist es der Wunsch der Staats­an­walt­schaft ge­we­sen«, le­se ich vor. Merk­wür­dig. Aber es ist auch das er­ste Mal, dass ich ei­ne Pa­tien­ten­be­wa­chung durch die Poli­zei er­le­be. Ir­gend­wie auf­re­gend und be­äng­sti­gend zu­gleich. »Viel­leicht ist er in ei­ner Un­ter­su­chung, die kurz­fri­stig an­geord­net wor­den ist?« Ich zu­cke mit den Schul­tern, es wird schon sei­ne Grün­de ha­ben, hat es immer. Hier wer­den so oft Un­ter­su­chun­gen fest­ge­legt, die erst im An­schluss ver­merkt wer­den. »Immer­hin sind wir ei­ne Stun­de zu früh dran«, wer­fe ich noch hin­ter­her. Es ist al­so nicht un­mög­lich.

»Oh, das wä­re wirk­lich är­ger­lich. Ma­ry freut sich so auf un­se­ren Hoch­zeit­stag und dass ich et­was eher kom­me. Wir wol­len zum Es­sen ge­hen, so rich­tig schick«, seufzt der Mann ne­ben mir. Ich weiß ge­nau, was er meint. Er macht so viele Dop­pel­schich­ten, dass Ma­ry sich si­cher nach et­was ex­tra Zeit sehnt. Der Ge­dan­ke, dass sie nach all den Jah­ren noch roman­tisch es­sen ge­hen, ein­an­der so wich­tig sind, er­wärmt mein Herz. So­was wün­sche ich mir auch. Je­man­den, der mich liebt – in gu­ten und schlech­ten Zeiten, bis ich alt, grau und fal­tig bin. Lei­der gibt es sol­che Ver­bin­dun­gen heut­zu­ta­ge äu­ßerst sel­ten, und bei der vielen Ar­beit wer­de ich ver­mut­lich nie je­man­den ken­nen­ler­nen. Noch ein Grund mehr, der fürs Rei­sen spricht.

Ich schie­be die­se Ge­dan­ken bei­sei­te, schaue mich um. Der Flur ist leer und still. Die Pa­tien­ten sind auf an­de­re Eta­gen auf­ge­teilt wor­den, da­mit die Poli­zei Über­sicht über das Kom­men und Ge­hen be­hält, aber jetzt ge­ra­de wirkt es gru­se­lig, wie in ei­nem die­ser Zom­bie-Hor­ror­fil­me, als bricht je­de Se­kun­de das Cha­os aus. Okay, mei­ne Fan­ta­sie geht mit mir durch, hier wird si­cher­lich kei­ne Zom­bie-Ar­mee durch­ren­nen. Auf die­ser Sta­tion liegt ein ehe­ma­li­ges Gang­mit­glied ei­nes gro­ßen Dro­gen­rin­ges. Er ist an­ge­schos­sen und we­gen Be­sitz il­le­ga­ler Sub­stan­zen ver­haf­tet wor­den. Er hat ei­nen De­al mit der Poli­zei aus­ge­han­delt, wird ge­gen sei­ne Leu­te aus­sa­gen, um nicht ins Ge­fäng­nis zu müs­sen, und in den Zeugen­schutz über­führt. Das macht ihn aller­dings zu ei­ner Ziel­schei­be für sei­ne al­ten Kol­le­gen und zu ei­nem wich­ti­gen Zeugen für die Staats­an­walt­schaft, die seit Ewig­kei­ten nach solch ei­nem Glücks­fall ge­sucht hat, um den Ring end­lich zer­schla­gen zu kön­nen – wie im Fern­se­hen, wirk­lich ver­rückt. Ich be­wun­de­re sei­nen Mut, denn so wie ich ge­hört ha­be, ist die­se Ver­ei­ni­gung ge­fähr­lich und skru­pel­los. Wie kann man sich nur auf so et­was ein­las­sen? Es ist letzt­lich sei­ne eige­ne Dumm­heit ge­we­sen, die ihm das hier ein­ge­brockt hat.

»Nun, dann se­hen wir doch ein­fach nach.« Dr. Con­nor drückt die Tür­klin­ke hin­un­ter und tritt vor mir ins Zim­mer ein. Ich stol­pe­re über mei­ne ei­ge­nen Fü­ße, wo­bei mein Kugel­schrei­ber vom Klemm­brett rutscht, an­schlie­ßend klim­pernd zu Boden fällt. Wäh­rend ich mich bü­cke, hö­re ich den Ober­arzt über­rascht ru­fen: »Was ist hier …«, doch weiter kommt er nicht, ver­stummt plötz­lich. Ich ver­neh­me ein lei­ses Zi­schen, et­was Feuch­tes be­netzt mein Ge­sicht. Ich rich­te mich auto­ma­tisch auf, star­re ins Zim­mer un­se­res Pa­tien­ten. Ein wei­te­res Zi­schen er­klingt, wo­nach mein väter­li­cher Kol­le­ge vor mir zu Boden geht. Sei­ne Augen bli­cken mir leer ent­ge­gen, in sei­ner Stirn prangt ein Loch, aus dem Blut auf den Boden rinnt. Mein Herz bleibt ge­fühlt ste­hen, als ich den Kra­ter in sei­nem Kopf se­he. Ich ver­ste­he nicht, was ich da ge­ra­de er­bli­cke oder was pas­siert ist. Wa­rum …? Was …? Ich wi­sche mir über das Ge­sicht, schaue mei­ne Fin­ger an. Sie sind rot – von sei­nem Blut, wel­ches mir ins Ge­sicht ge­spritzt ist. Käl­te und Angst brei­tet sich in Wel­len in mir aus, als lang­sam durch­si­ckert, dass Dr. Con­nor mit ei­ner Kugel im Kopf vor mir liegt. Er ist tot, ver­su­che ich das Bild, wel­ches sich mir bie­tet, zu ver­ste­hen, wi­sche mir aber­mals über die Wan­gen und rei­be mein Ge­sicht. Blut, sein Blut. Mein Herz schlägt wie­der, häm­mert nun wild ge­gen mei­ne Brust. Es sind erst we­ni­ge Se­kun­den ver­gan­gen, seit er vor mir zu­sam­men­ge­sackt ist, für mich fühlt es sich je­doch wie Stun­den an. Die Zeit scheint lang­sa­mer zu lau­fen. Ich schaue schlep­pend hoch, se­he nun den Poli­zis­ten, der den Zeugen be­wachen soll­te, an des­sen Kop­fen­de ver­har­ren, mit der Waf­fen­mün­dung auf mich ge­rich­tet. Mein Ge­hirn steht un­ter Schock, kann die Si­tua­tion nicht rich­tig er­fas­sen, aber weiß, hier läuft et­was falsch. Un­se­re Bli­cke tref­fen sich für ei­ne Se­kun­de, sei­ne Vi­sa­ge brennt sich in mei­nen Schä­del ein. Das blu­ti­ge Bild des­sen, was er an­ge­rich­tet hat, eben­falls.

Dunk­les Rot be­su­delt das ehe­mals wei­ße La­ken, der Zeu­ge blickt mich aus eben­so lee­ren Augen an, wie der gut­mü­ti­ge Dr. Con­nor, des­sen La­chen ich nie wie­der hö­ren wer­de und des­sen Frau heu­te ver­geb­lich auf ihn war­ten wird. Ich ver­su­che, all das zu be­grei­fen, doch mein Kopf spielt nicht mit – ich ver­lie­re da­durch wert­vol­le Se­kun­den. Der Po­li­zist vi­siert mich an, lä­chelt leicht, was nicht zu dem Drum­he­rum, wel­ches sich mir of­fen­bart, passt. Ich fol­ge sei­nen Be­we­gun­gen mit den Augen. Dann setzt mein Ver­stand end­lich wie­der ein, Adre­na­lin durch­flu­tet mei­nen Körper. Nein, ich wer­de hier nicht ster­ben. Nie­mals. Über­lebens­wil­le packt mich: Ich schleu­de­re ihm mein Klemm­brett mit Schwung ent­ge­gen, denn es ist das Ein­zi­ge, was ich ge­ra­de ha­be, um mich zu schüt­zen. Er hebt den Arm, will es ab­wen­den, und drückt gleich­zei­tig ab. Die Kugel streift mei­nen lin­ken Ober­arm. Ich schreie hei­ser auf, mer­ke den Schmerz aber kaum, zu sehr bin ich mit Adre­na­lin voll­ge­pumpt. Das Klemm­brett lan­det pol­ternd auf dem Boden, wo­rauf­hin ich die Gunst der Stun­de nut­ze, her­um­wir­be­le und mei­ne Bei­ne in die Hand neh­me, denn ich muss hier raus – und zwar so­fort. Wenn ich le­ben will, was ich de­fi­ni­tiv möch­te, soll­te ich hier weg. So schnell es geht.

Mei­ne Fü­ße set­zen sich wie von selbst in Be­we­gung, flie­gen förm­lich über den Boden, Schmer­zen spü­re ich noch immer kei­ne. Mein Körper hat die Kon­trol­le über­nom­men, hilft mir, alles zu ge­ben. Ich hö­re Schrit­te hin­ter mir, und ein lei­ses Flu­chen, doch ich bin schnel­ler, nut­ze den Vor­sprung, den ich mir er­ar­bei­tet ha­be. Schon immer bin ich ei­ne gu­te Läu­fe­rin ge­we­sen, ei­ne sehr gu­te so­gar. Auch wenn ich lan­ge nicht mehr beim Trai­ning ge­we­sen bin, mei­ne Mus­keln ha­ben es nicht ver­ges­sen. Ich rei­ße ei­nen Me­di­ka­men­ten­wagen, der ver­las­sen im Gang steht, um. Schep­pernd ver­tei­len sich die klei­nen Do­sen und Fla­schen hin­ter mir auf dem Boden, wo­durch ich ihm für ei­ni­ge Se­kun­den den Weg ver­sper­re und mir mehr Puf­fer ver­schaf­fe.

Ei­ne weite­re Kugel fliegt an mir vor­bei. Ich schreie auf, als sie die Wand links ne­ben mir trifft und sich dort in den Putz bohrt. Ich schla­ge ei­nen Ha­ken wie ein Ha­se, ver­su­che da­bei, ihm kein gu­tes Ziel zu sein. Der Mann hin­ter mir flucht nun laut und un­ge­hal­ten, tritt oben­drein den Me­di­ka­men­ten­wagen aus dem Weg. Schlit­ternd blie­be ich an ei­ner Tür zu ei­nem der ver­las­se­nen Pa­tien­ten­zim­mer ste­hen, ren­ne hin­ein und wer­fe sie mit ei­nem lau­ten Knall hin­ter mir zu. Erst mal aus dem Schuss­feld sein, das ist gut.

»Oh Gott«, flüs­te­re ich schluch­zend, sper­re mit zit­tern­den Fin­gern die Tür ab. Je­der von uns hat ei­nen Ge­ne­ral­schlüs­sel, den ich zu­vor nie be­nutzt ha­be, aber es gibt schließ­lich für alles ein er­stes Mal. Kon­zen­trie­re dich, herr­sche ich mich selbst an und end­lich dreht sich der ver­damm­te Schlüs­sel im Schloss. Lang­sam ent­ferne ich mich von der Tür, mein Brust­korb hebt und senkt sich hek­tisch, mein Herz hüpft mir fast aus der Brust.

Nur we­ni­ge Se­kun­den spä­ter trom­melt es laut ge­gen die Tür, lässt sie in den An­geln er­zit­tern, wo­rauf­hin ich ei­nen wei­te­ren Satz nach hin­ten ma­che. Die Klin­ke wird hoch und run­ter ge­drückt, Trä­nen ver­ne­beln mir die Sicht. Das kann nicht wahr sein. Das ist ein Alb­traum! Bit­te, fle­he ich, lass mich auf­wachen, doch lei­der ist es kein Traum. Es ist bit­te­re Rea­li­tät und ich sit­ze fest. Ich muss ei­nen Aus­weg fin­den. Mei­ne Taschen sind leer, mein Han­dy steckt zum Auf­laden im Schwes­tern­zim­mer an der Steck­do­se. Die Tele­fo­ne im Zim­mer sind ab­ge­stellt. »Bit­te nicht«, flüs­te­re ich er­stickt, tre­te weiter nach hin­ten, bis mein Rü­cken die kal­te Wand trifft. Ich sin­ke da­ran hi­nab, be­ge­be mich in die Ho­cke, fah­re mir mit bei­den Hän­den über das Ge­sicht. Wa­rum kommt denn nie­mand? Je­mand wird mei­ne Schreie ge­hört ha­ben. Es muss mir doch je­mand hel­fen. Dr. Con­ner, er …

»Mach die­se be­schis­se­ne Tür auf«, flucht mein Ver­fol­ger auf der an­de­ren Sei­te. »Dir wird nie­mand glau­ben, Mists­tück. Nie­mand, hörst du? Wir ma­chen dich fer­tig. Ich bin Po­li­zist. Wir ha­ben über­all Män­ner. Ich wer­de dich tö­ten oder ih­nen weis­ma­chen, dass du mit uns un­ter ei­ner De­cke steckst. Hörst du? Dein Wort ge­gen meins. Du bist so oder so tot«, zischt er. Ich hö­re die Wut in sei­ner Stim­me, glau­be ihm je­des Wort. Sie alle sind ge­fähr­lich, er ge­hört zu der Gang. Sie ha­ben die Poli­zei un­ter­wan­dert und wer weiß, wen noch. Ich wer­de schnel­ler tot sein, als ich aus­sa­gen kann – da hat er recht. Wenn nicht er, wird je­mand an­de­res da­für sor­gen, soll­te ich hier raus­kom­men. Wenn je­mand wie er hilft, wem soll ich dann trauen? Wem kann ich über­haupt trauen? Das er­schüt­tert mich bis in die tief­sten Win­kel mei­nes Ver­standes. Ich will kei­nes­wegs ster­ben.

Blut rauscht durch mei­ne Oh­ren. Ich ha­be das Ge­fühl, nicht ge­nü­gend Luft zu be­kom­men, zer­re an mei­nem Kra­gen, um mir Platz zu er­zwin­gen. Ei­ne Pa­ni­kat­ta­cke, ich ken­ne je­des Sym­ptom, nur hilft mir die­ses Wis­sen ge­ra­de nicht. Mein Ver­such, ru­hig und gleich­mä­ßig zu at­men, ge­lingt mehr schlecht als recht. Du musst nach­den­ken, er­mah­ne ich mich selbst, wäh­rend ich mich hoch­stem­me und mich, auf der Su­che nach ei­nem Aus­weg, im Kreis dre­he. Mein pan­is­cher Blick bleibt am Fens­ter hän­gen, als er sich aber­mals ge­gen die Tür wirft. Lan­ge wird sie nicht mehr hal­ten, das Holz split­tert be­reits.

Mit wild klop­fen­dem Her­zen und zit­tri­gen Fin­gern öff­ne ich das Fens­ter, schaue hi­nab zu Boden. Alles läuft wie in ei­nem Film ab – han­deln oder kampf­los auf­ge­ben. Ich muss wäh­len. Er­ste Eta­ge, das kann ich pa­cken. Die Zim­mer auf die­ser Sei­te lie­gen mit den Fens­tern zum Wald. Ich muss es nur bis da­hin schaf­fen. Sprin­gen und lau­fen, da­bei hof­fen, dass mir beim Sturz nichts pas­siert. Das klingt nach ei­nem ak­zep­ta­blen Plan. Was ha­be ich auch für ei­ne Al­ter­na­ti­ve? Hier­blei­ben und re­si­gnie­ren? Lie­ber bre­che ich mir, bei dem Ver­such mein Le­ben zu ret­ten, den Hals, als es ihm so leicht zu ma­chen.

Wäh­rend die Tür hin­ter mir lang­sam nach­gibt, stei­ge ich aufs Fens­ter­brett, wo­bei mei­ne Bei­ne sich wie Pud­ding an­füh­len. Ich schaf­fe das, ich wer­de es schaf­fen, feu­re ich mich wie in ei­nem Man­tra an. Ich schie­be mei­ne Bei­ne über das Fens­ter­brett, hang­le mich vor­sich­tig hi­nab. Als ich mich hän­gen­las­se, rut­schen mei­ne Hän­de plötz­lich ab. Mei­ne Mus­keln sind nicht stark ge­nug, um mich lan­ge zu hal­ten – ich zit­te­re wie ver­rückt. Mit ei­nem er­stick­ten Schrei fal­le ich in die Tie­fe, ehe ich be­reit ge­we­sen bin. Der Auf­prall dringt schmerz­haft durch mei­nen gan­zen Körper, mei­ne Bei­ne kni­cken un­ter mir weg, so­dass ich kom­plett im Rosen­busch lan­de. Ver­dammt, es tut so un­glau­blich weh. Äs­te so­wie klei­ne Dor­nen ste­chen mir in die Haut, rei­ßen an mir, er­schwe­ren mir zu­sätz­lich die Flucht, doch Adre­na­lin durch­flu­tet mich er­neut, pusht mei­nen Körper. Al­so rap­ple ich mich stöh­nend auf, be­freie mich aus dem Ge­strüpp, ren­ne dann – so schnell ich kann – in den Schutz der Bäu­me. Ich ig­no­rie­re mei­nen po­chen­den Körper, die schmer­zen­den Bei­ne und mei­ne Lun­ge, die höl­lisch brennt. Mein Le­ben wird nie wie­der das glei­che sein. Trä­nen ver­ne­beln mir die Sicht, als ich in die Tie­fen des Blät­ter­werks ein­tau­che und es mich vor Bli­cken ver­birgt.

Er hat sie er­schos­sen. Sie bei­de. Er wird mich tö­ten, wenn er mich in die Hän­de be­kommt. Er darf mich nicht fin­den, nie­mand darf das, denn kei­ner wird mir glau­ben – ich kann ja selbst kaum be­grei­fen, dass das wirk­lich pas­siert ist. Oh mein Gott. Er soll­te ihn be­schüt­zen. Be­schüt­zen! Er ist Po­li­zist und da­für da, Men­schen vor den Bö­sen zu be­wah­ren. Nun sind sie alle tot, ich wer­de die Näch­ste auf sei­ner Lis­te sein.

Kapitel 2 - Hazel

Mü­de schen­ke ich mir ein Glas Weiß­wein ein, tre­te da­mit hin­aus in den Gar­ten, der vom Licht der un­ter­ge­hen­den Son­ne in sanf­tes Rot ge­taucht wor­den ist. Wind spielt mit mei­nen Haaren und ich schaue mich um. Mein Gar­ten, mei­ner. Das Ge­fühl, dass die­ses Fleck­chen mir ge­hört, ist un­be­schreib­lich. Ich las­se mir das Wort auf der Zun­ge zer­ge­hen. Meins! Et­was, das mir ge­hört, nach so lan­ger Zeit – das ge­fällt mir. Es klingt so nor­mal, wo­bei nor­mal et­was ist, was mir seit ei­nem Jahr fremd er­scheint. Al­so ge­nie­ße ich den Augen­blick, blei­be ste­hen, mus­te­re alles ge­nau. Ich schaue, ob ir­gend­was, was zu mei­ner nor­ma­len Rou­ti­ne ge­hört, un­ge­wöhn­lich ist. Ich bin immer auf der Hut. Mir fällt nichts auf. Alles ist ge­nau­so, wie es sein muss, doch das Ge­fühl der Furcht ist all­ge­gen­wär­tig. Wie ei­ne zwei­te Haut ist es ein Teil von mir ge­wor­den, wel­che sich nicht ab­strei­fen lässt, was auch gut ist, denn es macht mich vor­sich­ti­ger. Miss­trauen und Acht­sam­keit be­stim­men mein Le­ben, mein Fort­dau­ern, um ge­nau zu sein. Im Über­le­ben bin ich mitt­ler­wei­le ei­ne Meis­te­rin. Alles ist ru­hig, dem­nach at­me ich er­leich­tert ein, las­se mich auf ei­nem der Holz­stüh­le nie­der, die ich im On­li­ne­han­del un­ter ei­nem fal­schen Na­men be­stellt ha­be, denn mein al­tes Ich ist an je­nem Tag mit Dr. Con­ner ge­stor­ben. Mei­ne Bei­ne le­ge ich auf dem Stuhl ab, der mir ge­gen­über­steht, wo­rauf­hin ein zu­frie­de­nes Seuf­zen mei­nem Mund ent­fährt. Meins! Wann ha­be ich mir zu­letzt sol­chen Luxus ge­gönnt, et­was wirk­lich meins zu nen­nen oder an ei­ne rich­ti­ge Zu­kunft zu den­ken? Ein wag­hal­si­ger Ge­dan­ke.

Ein Jahr auf der Flucht hat vieles ver­än­dert, aus mir ei­ne an­de­re Per­son ge­macht. Kaum sit­ze ich tie­fen­ent­spannt da, legt Storm ih­ren gro­ßen Kopf auf mei­nen Schoß. Mei­ne Mund­win­kel he­ben sich zu ei­nem Lä­cheln. Sach­te strei­che ich mei­nem Hund über das wei­che Fell, ge­nie­ße die Nä­he, je­nes Wis­sens, dass ich trotz al­lem nicht allei­ne bin. Nicht mehr. Seit ich sie vor elf Mo­na­ten in mein Le­ben ge­las­sen ha­be, gibt Storm mir ein Ge­fühl der Si­cher­heit. Sie ist ei­ne Kämp­fe­rin und ge­nau wie ich ei­ne Über­le­ben­de. Ex­akt ei­nen Monat, nach­dem ich mein al­tes Le­ben hin­ter mir las­sen hab müs­sen, ha­ben wir uns ge­trof­fen.

Ich pres­se die Lip­pen zu­sam­men. Un­gern den­ke ich da­rüber nach, was ich ver­lo­ren ha­be. Noch viel we­ni­ger an die­sen spe­ziel­len Tag, der Aus­lö­ser für all das ge­we­sen ist. Die furcht­bar­sten Stun­den mei­nes Da­seins. Der Tag, an dem ich mei­ne Freun­de, mei­ne Exis­tenz und mein Le­ben ver­lo­ren ha­be, nur weil ich zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort ge­we­sen bin. Was ich hin­ge­gen seit zwölf Mo­na­ten nicht ver­lo­ren ha­be, ist die Angst. Sie sitzt wie ein Schat­ten in mei­nem Na­cken, ver­höhnt und er­mahnt mich zu glei­chen Tei­len. Aber ist es nicht bes­ser, in Angst zu le­ben, als tot zu sein wie Dr. Con­nor? Manch­mal weiß ich die Ant­wort nicht. Je nach­dem, wie der Tag ge­we­sen ist, oder in wel­chem schä­bi­gen Mo­tel ich ge­ra­de auf­ge­wacht bin. Es hat Ta­ge in die­sem Jahr ge­ge­ben, an de­nen ist es de­fi­ni­tiv ver­lo­cken­der ge­we­sen, tot zu sein. Ich bin nie der ängst­li­che Typ ge­we­sen – und jetzt? Der klein­ste Schat­ten jagt mir schre­ckli­che Furcht ein, ich has­se es. Hil­flos … So ken­ne ich mich nicht. Im Ge­gen­teil. Ich bin immer stolz da­rauf ge­we­sen, so eigen­stän­dig zu sein. Ich ha­be alles im Griff ge­habt, bin da­bei ge­we­sen, er­folg­reich durch­zu­star­ten. Wür­den mei­ne Freun­de mich über­haupt wie­der­er­ken­nen? Ich, die einst für je­den Spaß zu ha­ben ge­we­sen ist, ver­steckt sich nun am liebs­ten in ih­rem Haus. Türen und Fens­ter fest ver­schlos­sen. Es wi­ders­trebt mir ja selbst, aber was soll ich tun, wenn die Furcht grö­ßer ist? Ich weiß, dass ich mich in ei­nem Trauma be­fin­de, doch der Schul­di­ge ist auf frei­em Fuß und ich bin nicht be­reit, zu ster­ben. Ich kann kaum zu ei­nem Arzt ge­hen, oh­ne zu viel preis­zu­ge­ben. Wie soll ich das al­so ver­ar­bei­ten? Nein, er wür­de mich fin­den, denn ich weiß nicht, wer noch alles auf der Ge­halts­lis­te die­ser Or­ga­ni­sa­tion steht. Frü­her bin ich auf die Men­schen zu­ge­gan­gen, mit ei­nem brei­ten Lä­cheln im Ge­sicht. Ich bin ge­sel­lig ge­we­sen, kom­mu­ni­ka­tiv, und ha­be Spaß am Le­ben ge­habt, es ge­nos­sen. Heu­te neh­me ich die Bei­ne in die Hand, wenn mir je­mand zu na­he­kommt. Allein, aber si­cher, denn ich kann nie­man­den trauen. Wo­her soll ich letzt­lich wis­sen, wer zu ih­nen ge­hört und dass man mich nicht hin­ter­rücks ver­rät? Ich ha­be mei­ne Kon­ten über Nacht on­li­ne auf­ge­löst, alles, was ins Auto ge­passt hat, mit­ge­nom­men und dann bin ich in­ner­halb kür­zes­ter Zeit ver­schwun­den. Jeg­li­chen Kram, der mir in die Fin­ger ge­kom­men ist, ha­be ich zu Geld ge­macht, um mich über Was­ser zu hal­ten. Das Gu­te an mei­nem vor­he­ri­gen Lebens­stil ist ge­we­sen, dass ich durch das Stu­di­um sehr spar­sam ge­we­sen bin. Da kommt ei­ni­ges zu­sam­men, auch das Er­be mei­ner Eltern. Mit die­sem Geld bin ich vor dem, was ich ge­se­hen ha­be und vor dem Mann, der Dr. Con­nor und eben­so un­se­ren Pa­tien­ten kalt­blü­tig er­mor­det hat, ge­flo­hen. Nie­mand wird mir das je glau­ben. Wem soll ich ver­trauen, wenn so­gar die Poli­zei kor­rupt ist? Ich ha­be immer ge­dacht, so et­was pas­siert nur in Fil­men. Fil­me, die ich frü­her ger­ne ge­se­hen ha­be wohl­ge­merkt, weil ich es für pu­re Fik­tion und nicht für die Rea­li­tät ge­hal­ten ha­be. Jetzt, wo ich selbst mit­ten in ei­nem ste­cke, brau­che ich sol­che Fil­me nicht mehr. Mir ist auch be­wusst, dass nicht alle Poli­zis­ten so sind, aber wie soll ich die Gu­ten von den Bö­sen un­ter­schei­den? Sie ha­ben wohl kaum ein Zet­tel auf der Stirn kle­ben, der mir da­bei hel­fen wird. Ich weiß, dass sie nach mir su­chen. Es ist über­all in den Nach­rich­ten ge­we­sen, auf je­dem Sen­der und in je­der Zei­tung des Lan­des. Sie su­chen mich als wich­ti­ge Zeu­gin, er­hof­fen sich Details, was an je­nem Tag ge­sche­hen ist. Details, die nur ich ih­nen lie­fern kann, aber nicht wer­de. Sie wis­sen, dass ich et­was ge­se­hen ha­be. Wa­rum bin ich sonst ver­schwun­den? Es wird spe­ku­liert, ob ich zu der Gang ge­hö­re, ein Opfer oder be­reits tot bin, ver­gra­ben an ei­nem un­be­kann­ten Ort. Sol­len sie das ru­hig den­ken. Nur er weiß, dass ich es nicht bin, denn nie­mand außer ihm hat das In­te­res­se, mich tot zu se­hen – ich weiß schließ­lich, wer er ist. Ich ha­be ihn im Fern­se­hen er­kannt, heu­chelnd und schuld­be­wusst ge­stan­den, dass er kurz auf der Toi­let­te ge­we­sen ist. Lüg­ner. Sei­ne ver­steck­te Bot­schaft an mich, wie er laut und deut­lich zu der Pres­se ge­sagt hat: »Soll­te sie noch le­ben, wer­de ich sie fin­den.« Ich weiß, er war­tet nur da­rauf, dass ich ei­nen Feh­ler ma­che. Dann wird er vor mei­ner Tür ste­hen, um mich zu ho­len. Aber ich bin nicht dumm und ver­su­che, Feh­ler zu ver­mei­den. Bis zum heu­ti­gen Tag bin ich da­rin sehr er­folg­reich. Dass ich noch le­be, ist der be­ste Be­weis, oder? Schwach­stel­len kann ich nicht ris­kie­ren, da­für le­be ich, wie ge­sagt, zu ger­ne. Selbst in Angst. Außer­dem zählt Storm auf mich.

Ich bli­cke mei­nem Hund in sei­ne brau­nen Augen, die mir treu ent­ge­gen schau­en. Ja, ich wer­de ge­braucht – ein schö­nes Ge­fühl. Eben­so, dass wir hier vor­erst ein Zu­hau­se ha­ben. Zum er­sten Mal seit die­ser lan­gen Zeit gön­ne ich mir die­ses Stück­chen Zu­flucht und ein klei­ner Hoff­nungs­schim­mer, dass mein Le­ben nicht immer so aus­se­hen wird wie die letz­ten Mona­te, er­reicht mich. Wer soll mich hier schon fin­den? Die In­sel ist win­zig. Zum Glück ist die Mie­te für das Haus spott­bil­lig. Ver­mut­lich, weil es klein ist, aber für mich aus­rei­chend. Ich brau­che nichts Gro­ßes oder Auf­fäl­li­ges. Statt­des­sen ha­be ich nach ei­nem Ort ge­sucht, der ab­ge­le­gen und sich weit weg be­fin­det. Hier ha­be ich ihn ge­fun­den. Ei­ne klei­ne In­sel mit we­ni­gen Ein­woh­nern, ab­ge­schot­tet von der rest­li­chen Welt. Die Uhren schei­nen hier lang­sa­mer zu lau­fen, als auf der ver­blei­ben­den Welt. Hin­zu kommt, dass ich die Mie­te bar zah­len kann, so­lan­ge ich dem je­den Monat pünkt­lich nach­kom­me.

Mei­ne Ge­dan­ken schwir­ren wild hin und her. Jetzt, wo ich den Schlüs­sel im Schloss zu der Tür mit den Er­in­ne­run­gen in mei­nem Kopf ge­öff­net ha­be, rau­schen die Bil­der nur so her­aus. Ich schlucke den Kloß in mei­nem Hals run­ter, spü­le mit ei­nem Schluck Wein nach. Dr. Con­ners kal­te Augen ver­fol­gen mich je­de Nacht in mei­nen Träu­men. Ich ha­be das Ge­fühl, ihn durch mei­ne Flucht zu ver­ra­ten. Ma­ry wird wis­sen wol­len, was pas­siert ist, sie hat das Recht da­zu, die Wahr­heit zu ken­nen. Ich wür­de es an ih­rer Stel­le auch er­fah­ren wol­len, doch die­sen Ge­fal­len kann ich ihr nicht tun, ge­schwei­ge denn, mein Bei­leid be­kun­den. Vor sei­nen Bli­cken in mei­nen Träu­men bin ich macht­los, da­vor kann ich nicht weg­lau­fen. Ein so gut­mü­ti­ger Mann und dann die­ser schre­ckli­che Tod. Er hat es kei­nes­falls ver­dient, nie­mand hat das. So sehr ich ver­su­che, die Bil­der zu ver­drän­gen, de­sto prä­sen­ter sind sie.

All das Geld, was für mein Stu­di­um be­stimmt ge­we­sen ist, eben­so all das Geld, was mei­ne Eltern mir ver­erbt ha­ben und das, was ich mir selbst zur Sei­te ge­legt ha­be – es wird ei­ni­ge Zeit rei­chen, da­nach se­he ich weiter. Ich wer­de Gras über die Sa­che wach­sen las­sen, ehe ich mir viel­leicht ei­nen Job su­che. Ein bis zwei Jah­re kann ich so durch­hal­ten, wenn ich spar­sam blei­be. Ich ha­be mein al­tes Auto ver­kauft, an Men­schen, die sich nicht mit Pa­pie­ren auf­hal­ten, und mir ei­nen neu­en Wagen an­ge­schafft, von den­sel­ben Leu­ten, zu­sam­men mit ei­nem neu­en Na­men. Aus Ha­zel Sum­mer ist Ha­zel Smith ge­wor­den. Ich weiß, es ist ris­kant, Ha­zel zu be­hal­ten, aber außer mei­nem Vor­na­men ist mir nichts ge­blie­ben.

Mei­ne da­mals dun­kel­rot ge­färb­ten Haa­re, sind heu­te natur­blond, zu­dem viel län­ger als frü­her. Aus dem mo­di­schen Bob ist jetzt ei­ne lan­ge Mäh­ne ge­wor­den, die weit über mei­nen Rü­cken hin­ab­fällt. Manch­mal er­ken­ne ich mich selbst kaum wie­der und doch bin es ir­gend­wie immer noch ich. Wie kann ich mir so fremd sein?

Ich bin bis auf die­se klei­ne In­sel ge­flüch­tet, hier kann ich für mich sein. Nur zum Ein­kau­fen muss ich mein Grund und Boden ver­las­sen. Seit drei Wo­chen bin ich jetzt hier, hof­fe, dass ich mich ir­gend­wann hei­misch füh­len und mir wie­der ein we­nig mehr Le­ben auf­bauen kann. Es ist so schwer ge­we­sen, et­was zu fin­den, wo ich mich auch nur an­satz­wei­se si­cher füh­le. Si­cher? Lach­haft. Aber hier, Meilen um Meilen von dem Ort mei­ner Alb­träu­me ent­fernt, schaf­fe ich es mög­li­cher­wei­se, ein we­nig zu mir selbst zu fin­den. Storm und ich. Du bist nicht allei­ne, er­in­ne­re ich mich. Mit ei­nem mü­den Lä­cheln pro­ste ich Storm zu: »Wir bei­de meis­tern das!« Er hebt den Kopf von mei­nen Bei­nen an, legt ihn schief zur Sei­te. Sei­ne treu­en Augen mus­tern mich auf­merk­sam. Was mei­ne Grand­ma wohl macht? Sie fehlt mir am meis­ten, immer­hin ist sie mei­ne allei­ni­ge noch le­ben­de Ver­wand­te. Ein­zig durch mein Ver­schwin­den ist sie eben­falls in Si­cher­heit. Das ist alles, was zählt, egal wie sehr sie mir fehlt. Storm brummt, stupst mir mit der Na­se auf­for­dernd ans Bein. »Du hast schon wie­der Hun­ger, was?« Er dreht sich auf­ge­regt im Kreis, wo­rauf­hin ich ki­chern muss. »Okay, ver­stan­den.«

Mo­ti­viert ste­he ich auf. Ab jetzt wird alles an­ders, und da­mit fan­ge ich direkt an – ich wer­de mal wie­der et­was Le­cke­res für mich ko­chen. Mei­ne Klei­dung ist viel weiter ge­wor­den, zu weit. Kum­mer und Angst ha­ben mir den Ap­pe­tit ge­nom­men. Das Es­sen an den Rast­stät­ten hat den Rest da­zu beige­tra­gen. Kum­mer schlägt mir auf den Ma­gen, seit eh und je. Das liegt jetzt hin­ter mir, er­in­ne­re ich mich aber­mals. Ich trin­ke den Rest Wein auf Ex, neh­me das lee­re Glas mit in die Kü­che, die schon bald nach fri­schen Kräu­tern, Knob­lauch und To­ma­ten­sau­ce duf­tet. Mei­ne Vor­rä­te, die ich mit­ge­bracht ha­be, ge­hen lang­sam zu Nei­ge, al­so wer­de ich in ab­seh­ba­rer Zeit über mei­nen Schat­ten sprin­gen müs­sen und das er­ste Mal den Super­markt der klei­nen In­sel auf­su­chen. Das wird wohl mein größ­ter Test wer­den: Ein­kau­fen ge­hen wie je­der nor­ma­le Mensch, auch wenn es mir Un­be­ha­gen be­schert. Kei­ne gro­ße Sa­che, das kann ich schaf­fen, den­ke ich, wäh­rend ich ei­ne Ker­ze an­zün­de und mich an den Tisch set­ze. »Will­kom­men in dei­nem neu­en Le­ben«, murm­le ich, ehe ich es mir schme­cken las­se.



Vogel­ge­zwit­scher weckt mich am näch­sten Mor­gen, wäh­rend ein paar Son­nen­strah­len vor­wit­zig durch die Roll­lä­den schei­nen, dem Boden so ein neu­es Mus­ter ver­pas­sen. Gäh­nend schaue ich zum We­cker, hal­te über­rascht in­ne. Es ist fast neun Uhr. Wow, wenn das mal kein gu­tes Zeichen ist! Sonst wa­che ich immer viel frü­her auf. Wenn die Träu­me mich quä­len, ist an weiter­schla­fen nicht zu den­ken, aber so spät? Wahn­sinn. Ich füh­le mich so­gar ziem­lich aus­ge­ruht und er­frischt. Was ein Gläs­chen Wein und gu­tes Es­sen so be­wir­ken kann! Ich stre­cke mich, ge­nie­ße das Zie­hen mei­ner Mus­keln, schaue ne­ben das Bett. Fei­xend mus­te­re ich mei­nen Hund, der auf dem Rü­cken liegt, alle Vie­re von sich ge­streckt und lei­se schnar­chend. Die­ser An­blick ist herz­er­wär­mend, ent­lockt mir je­den Tag aufs Neue ein Lä­cheln.

»So ein Wach­hund«, murm­le ich mit er­ho­be­nen Mund­win­keln, schlei­che kopf­schüt­telnd aus dem Zim­mer, um Storm nicht zu we­cken. Die­ser Hund ist die reins­te Schnarch­na­se – ver­mut­lich gibt es ein Faul­tier un­ter sei­nen Ah­nen. Aber er passt zu mir, sein Le­ben ist ge­nau­so hart ge­we­sen wie meins. Er ist ein Kämp­fer. Ich ha­be ihn in ei­nem Stra­ßen­gra­ben ge­fun­den. Ein klei­nes dre­cki­ges Häuf­chen Elend, wel­ches zu stark zum Ster­ben ge­we­sen ist. Sei­ne Ge­schwis­ter ha­ben es nicht ge­schafft, nur er hat über­lebt – ver­ges­sen vom Rest der Welt, weg­ge­wor­fen in ei­ner Kis­te, zurück­ge­las­sen und nicht ge­wollt. Er trägt Spu­ren und Nar­ben wie ich. In­ner­lich so­wie äu­ßer­lich, denn ihm fehlt ein hal­bes Ohr, für mich ist er je­doch per­fekt. Als ich ihn an­ge­se­hen ha­be, ist mir so­fort klar ge­we­sen, er ge­hört zu mir und ich ge­hö­re zu ihm. Das Schi­cksal hat ge­wollt, dass wir uns fin­den und uns ge­gen­sei­tig hel­fen, zu über­le­ben. Viel­leicht ist es al­bern, ans Schi­cksal zu glau­ben, mag sein, aber ich will nicht für immer ein­sam blei­ben. Storm gibt mir das Ge­fühl, nicht mehr allein sein zu müs­sen, er ist mei­ne neue Fa­mi­lie. Vor al­lem liebt er mich, wie ich bin.

Tie­fe Trau­er über­kommt mich, als ich an mei­ne Freun­de und mei­ne Groß­mutter den­ke. An Sil­vi, mei­ne be­ste Freun­din, die hoch­schwan­ger ge­we­sen ist, als ich ver­schwun­den bin. Ich wer­de ihr Kind nie ken­nen­ler­nen, da­bei soll­te ich die Patent­an­te wer­den. Das ist nun ein an­de­res Le­ben. Ich un­ter­drü­cke die Trä­nen, be­gin­ne da­mit, mir Früh­stück zu ma­chen. Nach­ein­an­der schla­ge ich die Ei­er in ei­ne Schüs­sel, fü­ge Voll­korn­mehl hin­zu und et­was Milch, ei­nen Hauch Va­nil­le und ei­ne Mess­er­spit­ze Back­pul­ver, ehe ich lang­sam Pfann­kuchen in der guss­eiser­nen Pfan­ne aus­backe. Der Duft lässt mei­nen Ma­gen knur­ren, mir das Was­ser im Mund zu­sam­men­lau­fen, und hellt die trü­ben Ge­dan­ken auf. Nicht da­ran den­ken, sa­ge ich mir immer wie­der. Neu­es Le­ben! Nicht da­ran den­ken, denn das macht alles viel un­er­träg­li­cher. Ei­ne De­vi­se, die ich wie­der­ho­le, um sie zu fes­ti­gen.

Ich hö­re Kral­len über das La­mi­nat krat­zen, gäh­nend trot­tet mein Hund in die Kü­che, als hat er ge­ahnt, dass mir ge­ra­de die De­cke auf den Kopf zu fal­len droht. »Hal­lo, Schlaf­müt­ze.« Ich stel­le Storm das Fut­ter hin, wo­rauf­hin er wie ein aus­ge­hun­ger­ter Lö­we, der seit Wo­chen nichts ge­fres­sen hat, da­rüber her­fällt. Ich las­se mich auf dem Kü­chen­stuhl nie­der, be­streue ei­nen der Pfann­kuchen mit Zu­cker, ehe ich ge­nüss­lich hin­ein­bei­ße. Ver­dammt, wie le­cker! Ich bin ein Pfann­kuchen-Jun­kie. »Was hältst du da­von, wenn wir nach dem Früh­stück zum Strand ge­hen?«

Storm hebt kurz sei­nen Kopf, sein Ohr wa­ckelt. Ein klei­nes »Wuff« ent­fährt ihm, was ich als Zu­stim­mung wer­te. Immer­hin woh­ne in nun auf ei­ner In­sel, das soll­te ich ge­nie­ßen, so­lan­ge es geht.

Kapitel 3 - Nick

Ich lie­be freie Ta­ge. Was gibt es bes­se­res, als aus­zu­schla­fen, da­zu das Wis­sen, dass man den lie­ben lan­gen Tag das ma­chen kann, wo­rauf man Lust hat? Ich ge­nie­ße die Mor­gen­son­ne, ge­paart mit der fri­schen Bri­se, die mir ent­ge­gen­weht, wäh­rend ich am Strand durch den Sand jog­ge. Mei­ne Fü­ße ver­sin­ken da­bei im weichen Sand, wäh­rend mei­ne Schu­he an mei­nem Hals hin und her baum­eln. Es ist an­stren­gen­der hier zu lau­fen als auf der Stra­ße, aber ich lie­be das Meer, die un­end­li­che Wei­te. Ein Grund, wie­so ich nach mei­ner Aus­bil­dung und mei­nem Dienst auf dem Fest­land wie­der hier­her zurück­ge­kom­men bin. Ich lie­be die­se In­sel, je­den­falls jetzt.

Frü­her, als ich jün­ger ge­we­sen bin, ha­be ich weit weg ge­wollt – viel er­le­ben, Par­tys fei­ern, bloß nie mehr zurück­kom­men. Und jetzt? Jah­re spä­ter sind wir fast alle wie­der hier und glü­cklich da­mit. Wir ha­ben ge­merkt, was uns die In­sel gibt – wie groß der Zu­sam­men­halt ist, wie viel so et­was wert ist. Drau­ßen auf dem Fest­land bist du ein na­men­lo­ser Frem­der, du kannst dich auf nie­man­den ver­las­sen, zu­min­dest nicht so wie auf die­sem win­zi­gen Fleck­chen. Hier hält man zu­sam­men! Lei­der mischt sich auch die hal­be In­sel in dein Le­ben ein, doch sie ste­hen dir eben­so bei. Sel­ten zie­hen Frem­de her, was den meis­ten Ein­hei­mi­schen so ge­fällt. Nicht, dass wir un­ge­sel­lig wä­ren, im Ge­gen­teil, den­noch schät­zen wir un­se­re Ru­he. Der ei­ne oder an­de­re fin­det ei­nen Part­ner auf dem Fest­land, das schon, aber so rich­tig neue Be­woh­ner sind ei­ne Sel­ten­heit – ab­ge­se­hen von den Som­mer­tou­ris­ten.

Ich bin ge­ra­de von ei­nem vier­wö­chi­gen Lehr­gang in der Stadt zurück, und ver­damm­te Schei­ße, das Meer hat mir ge­fehlt. Der sal­zi­ge Ge­ruch, das Schrei­en der Mö­wen, das Rau­schen der Wel­len. All das ver­mittelt mir das Ge­fühl von Frei­heit und Ru­he wie sonst nichts auf die­ser Welt. Der Strand ist aus­ge­stor­ben, denn es ist kei­ne Tou­ris­ten­zeit mehr. Der Hoch­som­mer ist vor­bei, die Saison neigt sich dem En­de zu. Die paar Tou­ris, die sich hier noch tum­meln, sind nicht der Re­de wert. Es gibt immer ver­ein­zel­te Ganz­jah­res­tou­ris­ten, die lie­ber im Herbst und Win­ter am Meer sind, har­te Fi­scher, Se­nio­ren, die ei­ne oder an­de­re Fa­mi­lie, aber das ist nur ei­ne Hand­voll. End­lich ge­hört der Strand wie­der uns, Ru­he kehrt mit dem Herbst ein. Es hat Vor- und Nach­tei­le, wenn Tou­ris­ten kom­men, wie eben alles im Le­ben. Man lernt in­te­res­san­te Men­schen ken­nen, doch sie ver­stop­fen das Dorf und den Strand. Diebs­täh­le, Schlä­ge­rei­en, all das sind Din­ge, mit de­nen wir meist nur in der Saison zu kämp­fen ha­ben. Eben­so der Müll, der oft­mals acht­los lie­gen ge­las­sen wird und den wir Ein­hei­mi­schen be­sei­ti­gen, weil wir un­se­re In­sel lie­ben. Manch­mal ist es auch et­was lang­wei­lig, wenn die Saison zu En­de geht – man kann eben nicht alles ha­ben. Soll­te es mir doch ir­gend­wann zu öde wer­den, was ich be­zweif­le, steht mir die Welt of­fen, doch bis es so weit ist, ge­nie­ße ich das Meer und die Ge­sel­lig­keit.

Ich bin so in mei­nen Ge­dan­ken ver­sun­ken, dass ich nicht mer­ke, wie ein wei­ßer Blitz auf mich zu­ge­schos­sen kommt. Hin­zu fliegt ein klei­nes ro­tes Ding an mei­ner Na­se vor­bei, so­dass ich stop­pen muss, und oben­drein in ein Loch tre­te, weil ich ab­ge­lenkt bin. Ich taum­le. Ei­ne Se­kun­de spä­ter wer­den mei­ne Bei­ne ge­rammt und ich kann nichts mehr un­ter­neh­men, um den Sturz zu ver­hin­dern. Mei­ne Ar­me ru­dern, auf der Su­che nach Gleich­ge­wicht, wild in der Luft he­rum. Ich rol­le mich ge­übt am Boden ab, be­kom­me aller­dings ei­ne La­dung Sand ins Ge­sicht, wäh­rend ich ei­nen Pur­zel­baum schla­ge. Wü­tend spu­cke ich die Kör­ner aus, trotz­dem knirscht es in mei­nem Mund, als ich ge­nervt die Zäh­ne auf­ein­an­der­bei­ße.

Ich schaue nach rechts, um zu er­fah­ren, was mich ge­ra­de mit Ge­walt um­ge­ris­sen hat, ent­de­cke da­bei ei­nen Dal­ma­ti­ner, der vol­ler Freu­de in die Flu­ten springt, um nach ei­nem ro­ten Ball zu schnap­pen, der mir zu­vor knapp an der Na­se vor­beige­flo­gen ist. Emp­ört ste­he ich auf, klop­fe mir da­bei zor­nig den Sand von der Ho­se und mei­nem T-Shirt. Immer die­se Hun­de­be­sit­zer, die kei­ne Kon­trol­le über ih­re Tie­re ha­ben. Es muss ein Tou­ri sein, der Hund kommt mir nicht be­kannt vor und wie ge­sagt, hier kennt je­der je­den, selbst je­den ver­damm­ten Hund. Wä­re ich im Dienst, dürf­te die­se rück­sichts­lo­se Per­son ein fet­tes Buß­geld ab­drü­cken. Und was für eins, der wür­de sich grün und blau är­gern. Die­se Tou­ris, die den­ken, sie kön­nen ma­chen, was sie wol­len. Das kommt auf mei­ne Nach­teil­lis­te, so viel ist klar. Na, war­te!

Auf­ge­bracht dre­he ich mich um, er­star­re augen­bli­cklich, als ich mich Na­se an Na­se mit ei­ner wirk­lich nied­li­chen Blon­di­ne wie­der­fin­de. Na ja, Na­se an Na­se kann man nicht sa­gen, denn sie ist win­zig. Ich muss ziem­lich weit nach un­ten schau­en, um in ih­re Augen, die wun­der­schön sind, zu bli­cken – ein tie­fes Braun, was mir ei­ne Gän­se­haut be­schert.

»Oh mein Gott, sind Sie ver­letzt? Es tut mir so leid. Ich bin in Ge­dan­ken ge­we­sen und hät­te bes­ser auf­pas­sen müs­sen, wo­hin ich wer­fe. Storm ist wie ein Ramm­bock. Alles was zwi­schen ihm und sei­nen Ball kommt, wird mit­leids­los weg­ge­fegt. Oje, Sie blu­ten. Ich … ich … War­ten Sie, ich schau mir das an.«

Ehe ich auch nur ei­nen Ton sa­gen kann, geht sie vor mir in die Ho­cke und ich fol­ge ihr sprach­los mit den Augen, wäh­rend sie be­ginnt, mich mit ge­schick­ten Fin­gern ab­zu­tas­ten, und mir da­bei sehr na­he­kommt. Hit­ze steigt in mir auf, ob ich will oder nicht. Ein Pri­ckeln brei­tet sich ge­nau dort aus, wo sie mich be­rührt. Die­se Frau haut mich to­tal um – im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes. Erst rennt ihr Hund mich über den Hau­fen, dann re­det sie oh­ne Punkt und Kom­ma, oh­ne Luft ho­len zu müs­sen, auf mich ein und tas­tet mich zu­dem oh­ne Scham ab. Das über­for­dert mich ge­ra­de. Sie schaut so schuld­be­wusst aus ih­ren lan­gen Wim­pern nach oben, dass mei­ne Wut ver­pufft, ehe sie sich den An­schiss ih­res Lebens an­hö­ren muss – da­bei wä­re ich so gut in Fahrt ge­we­sen. Sie nagt an ih­rer Un­ter­lip­pe, zieht sie zwi­schen die Zäh­ne und tas­tet mein Knie ge­wiss­en­haft ab, wel­ches ei­ne leich­te Schürf­wun­de auf­weist. Die­ser Krat­zer ist ein Hauch von nichts, ich ha­be wei­taus Schlim­me­res er­lebt. Aber … Ir­gend­wie möch­te ich sie noch schmo­ren las­sen. Wie sie so an ih­rer Lip­pe saugt, vor mir auf den Knien, weckt ver­dammt schmut­zi­ge Ge­dan­ken in mir. Ich muss drin­gend et­was Ab­stand schaf­fen, um mich zu ord­nen, und zwar schnell­stmög­lich.

»Das wird mich nicht um­brin­gen«, schmunz­le ich doch ach­sel­zu­ckend, tre­te ei­nen gro­ßen Schritt zurück, at­me tief ein, sehr tief. Aus Ref­lex fah­re ich mir durchs Haar, mus­te­re mein Ge­gen­über aber­mals, ver­su­che ganz auto­ma­tisch, mir ein Bild von ihr zu ver­schaf­fen. Ich ana­ly­sie­re, wür­de mei­ne Schwes­ter jetzt be­haup­ten und sie hät­te recht, das liegt wohl an mei­nem Be­ruf. Auf dem zwei­ten Blick ent­de­cke ich da­bei ei­ni­ge vor­wit­zi­ge Som­mer­spros­sen auf ih­rer Stups­na­se. Ich ha­be ei­ne Schwäche für Som­mer­spros­sen, ehr­lich. Sie zuckt bei mei­nen Wor­ten, was ich aller­dings nicht sinn­voll deu­ten kann. Ih­re brau­nen Augen bli­cken mich ner­vös an, mus­tert mich ein­dring­lich, fast ängst­lich, und sie nes­telt an der Lei­ne in ih­ren Hän­den he­rum. Sie weicht mei­nem Blick schnell wie­der aus, lässt ihr Haar vor das Ge­sicht fal­len, als will sie sich vor mir ver­ste­cken. Das ist kei­ne nor­ma­le Re­ak­tion oder ist sie ein­fach nur schüch­tern? Nein, das passt nicht zu­sam­men. Ver­wun­dert hal­te ich in­ne, doch sie steht be­reits auf, klopft sich eben­falls den lo­sen Sand von ih­ren nack­ten wohl­ge­form­ten Bei­nen. Ich neh­me mir ei­nen Mo­ment, ge­nie­ße den An­blick, der sich mir bie­tet. Sie scheint kei­nes der Be­ach­bun­nys zu sein, wie wir die Son­nen­an­be­te­rin­nen nen­nen, die im Som­mer den Strand be­völ­kern, denn ih­re Haut ist so der­ma­ßen blass, als hät­te sie ei­ne lan­ge Zeit kei­ne Son­ne ge­se­hen. Mein Blick wan­dert nach oben, über ih­re Hüf­te, die schma­le Tail­le, hin zu ih­ren aus­druckss­tar­ken Augen, die mich an Nu­gat­scho­ko­la­de er­in­nern. Ob ihr das schon mal je­mand ge­sagt hat? Ich lie­be Scho­ko­la­de bei­nahe so sehr wie Som­mer­spros­sen und ir­gend­wie lässt die­se Frau mein Herz ge­ra­de ein we­nig schnel­ler schla­gen. Sie hat ein­deu­tig mein In­te­res­se ge­weckt. Sie blitzt mich leicht ver­är­gert an, die Angst, die ich eben ge­meint ge­se­hen zu ha­ben, ist ver­schwun­den, da­für steht ihr Ver­är­ge­rung deut­lich ins Ge­sicht ge­schrie­ben. Ein woh­li­ger Schau­er glei­tet mei­nen Rü­cken hi­nab. So et­was, dass mir ei­ne Frem­de so un­ter die Haut geht, ist mir noch nie pas­siert. Al­so schie­be ich es la­pi­dar auf den Sturz, mög­li­cher­wei­se hat mein Kopf doch et­was ab­be­kom­men.

»Fer­tig mit der Glot­ze­rei?«, knurrt sie, wo­rauf­hin ich auf­la­che. Sie hat ge­ra­de noch so süß und schüch­tern ge­wirkt, jetzt könn­te man glau­ben, sie will mich gleich in Flam­men auf­ge­hen las­sen – bei den Bli­cken, die sie mir zu­wirft. Okay, ich ge­ste­he ihr zu, dass mei­ne Mus­te­rung zwar nicht höf­lich ge­we­sen ist, den­noch an­er­ken­nend. Sie rümpft ih­re klei­ne Stups­na­se er­bost, lässt da­bei die Som­mer­spros­sen tan­zen, was ein­fach lie­brei­zend wirkt. Fast bin ich in Ver­su­chung, die klei­nen Spren­kel zu zäh­len.

»Al­so, erst rennst du mich um, dann motzt du mich auch noch grund­los an?«, er­wi­de­re ich gut ge­launt. »Außer­dem ha­be ich nicht ge­glotzt. Ich ha­be nur ge­schaut, ob ich klar­se­hen kann, nach­dem ich ge­stürzt bin. Wer weiß, viel­leicht ha­be ich ei­ne Ge­hirn­er­schüt­te­rung? »

»Storm hat dich um­ge­rannt, nicht ich. Im Üb­ri­gen ha­be ich mich ent­schul­digt, mehr­fach. Es tut mir auf­rich­tig leid, aber das ist kein Frei­fahrt­schein, mich so … zu mus­tern. Das ist un­an­ge­bracht und un­höf­lich. Ich bin kei­ne Stu­te auf dem Vieh­markt. Ty­pen wie du, sind ein­fach ät­zend.«

»Ty­pen wie ich? Du kennst mich gar nicht.« Ich muss nun herz­lich la­chen, was sie da­zu auf­for­dert, ih­re Augen noch et­was mehr zu ver­en­gen, da­bei so fins­ter in mei­ne Rich­tung zu schau­en, dass man fast Angst ha­ben könn­te. Sie hat ein klein­we­nig Recht, aber das wer­de ich nicht zu­ge­ben, son­dern strah­le sie ein­fach an. Kei­ne Stu­te auf dem Vieh­markt? Ich mag die­ses Ge­plän­kel wirk­lich, ge­nau rich­tig. Sie hat Feu­er, das ge­fällt mir.

»Ja, Ty­pen wie du. Die den­ken, nur weil sie gut aus­se­hen, kön­nen sie ma­chen, was sie wol­len. Weißt du, das könnt ihr gar nicht. Nur weil man at­trak­tiv ist, ist das kein Frei­fahrt­schein für ein ar­schi­ges Ma­cho­ver­hal­ten, wo­zu dei­ne Mus­te­rung von eben de­fi­ni­tiv ge­hört.«

»Soll ich mich jetzt da­für ent­schul­di­gen, dass du mich at­trak­tiv fin­dest, oder da­für, dass ich dich be­wun­dernd ge­mus­tert ha­be?« Sie steht so dicht vor mir, dass ich run­ter schau­en muss, wenn ich mit ihr re­de. An­griff­slus­tig ver­schränkt sie die Ar­me vor der Brust, schiebt ih­re Lip­pe trot­zig vor. Ei­ne zar­te Rö­te be­deckt ih­re Wan­gen, so auf­ge­bracht ist sie. Es wirkt so herr­lich un­ge­künst­elt, dass sie auf An­hieb noch ein paar Sym­pa­thie­punk­te bei mir sam­melt. Ich has­se es, wenn Frau­en auf­ge­setzt und künst­lich sind. Ihr ist of­fen­bar egal, was ich von ihr den­ke, auch wenn sie ge­ra­de ein we­nig über­treibt. So dra­ma­tisch ist mei­ne Mus­te­rung nun echt nicht ge­we­sen. »Du bist to­tal nied­lich, wenn du sau­er bist. Ich kann das gar nicht ernst neh­men bei dei­ner Grö­ße«, stich­le ich, sie schnaubt statt­des­sen emp­ört.

»Voll­trot­tel. Das ist mir echt zu blöd«, zischt sie, pfeift sog­leich nach ih­rem Hund. Er kommt er­neut wie ein Blitz an­ge­rannt, rem­pelt mich da­bei aber­mals an, so­dass ich ei­nen Schritt nach vor­ne ma­chen muss. Wir wä­ren zu­sam­men­ge­stoßen, wenn sie nicht nach hin­ten hüp­fen wür­de – als wä­re ich die Pest in Per­son. Okay, das ist ver­let­zend. Das bin ich nicht ge­wohnt. Ich bin zwar kein Da­vid Beck­ham, aber auch kein Qua­si­mo­do. Es kratzt et­was an mei­nem Stolz. Sie wirkt fast zu­frie­den, grinst ih­ren trop­fen­den Hund an. »Gu­ter Jun­ge«, lobt sie ihn zu­dem, wo­rauf­hin er er­freut mit dem Schwanz we­delt und mir ei­nen kur­zen Blick zu­wirft.

»An­schei­nend mag dein Hund mich nicht«, mut­ma­ße ich weiter­hin amü­siert über die gan­ze Si­tua­tion. Der Tag ent­wi­ckelt sich bes­ser, als ich an­ge­nom­men ha­be.

»Storm mag es nicht, wenn man mich ver­är­gert.« Sie nimmt ih­re lan­gen blon­den Haa­re zu ei­nem Zopf zu­sam­men. Scha­de eigent­lich, ich mag of­fe­ne Haa­re und ih­re se­hen wirk­lich toll aus, wie sie im Wind we­hen. Wild und zü­gel­los, ge­nau pas­send für mei­ne Fan­ta­sie, wo sich ge­ra­de ei­ni­ges zu­recht spinnt. Am liebs­ten wür­de ich mei­ne Hand aus­stre­cken, ihr die vor­wit­zi­ge Sträh­ne aus der Stirn strei­chen und schau­en, ob sie so weich sind, wie sie aus­se­hen. Sie wirkt so na­tür­lich und frisch mit ih­rer fre­chen Zun­ge, dass sie mich immer neu­gie­ri­ger auf sich macht. Wer ist sie? Wie lan­ge wird sie auf un­se­rer In­sel blei­ben? Der Wind weht stär­ker, steigt ihr von hin­ten un­ters Kleid. Es um­flat­tert sie, wo­bei mein Mund tro­cken wird, als ich ei­nen Blick auf ih­re wohl­ge­form­ten Ober­schen­kel und ein Hauch ro­ter Spit­ze er­ha­sche. Herr im Himmel, sei mir gnä­dig. Ver­lan­gen schießt durch mei­ne Adern, ob ich will oder nicht. Ir­gend­was an ihr zieht mich ma­gisch an, nicht nur ih­re Op­tik. Es ist eher das Ge­samt­paket, was sehr reiz­voll ist und mich an­lockt. Ei­ne Stim­me sagt mir, dass die­se Frau ge­fähr­lich für mich sein kann, dass sie ei­ne gan­ze an­de­re Rol­le spie­len wird, als ich viel­leicht den­ke. Man könn­te es Ein­ge­bung nen­nen oder doch auf den Sturz schie­ben? Sie ist an­de­res, nur wie ge­nau, muss ich noch her­aus­fin­den, drin­gend. »Du tust es schon wie­der. Was bist du? Ein Per­ver­ser?« Sie schüt­telt deut­lich ent­rüs­tet den Kopf und schnipst mit ih­ren Fin­gern vor mei­ner Na­se, um die Auf­merk­sam­keit auf ihr Ge­sicht zu len­ken.

»Ich ha­be mich nur ge­ra­de ge­fragt, wie groß du bist. Eins vier­zig? Du bist win­zig. Wie ei­ne klei­ne wü­ten­de Fee. Ich nen­ne dich Tin­ker­bell, ja das passt zu dir. Ei­ne klei­ne wü­ten­de Tin­ker­bell.« Ihr Ge­sicht ent­gleist kurz, was mei­ne Mund­win­kel zu­cken lässt. Jetzt, wo ich es aus­ge­spro­chen ha­be, stimmt es tat­säch­lich. Sie ist so klein und zier­lich wie die­se Fee aus Kin­der­bü­chern. Da­zu die­ses hel­le Haar, das herz­för­mi­ge Ge­sicht mit der klei­nen Stups­na­se und den et­was zu gro­ßen Lip­pen, die wirk­lich ver­ruch­te Ge­dan­ken in mir we­cken. Was sie da­mit alles an­stel­len könn­te … Ob sie so ver­lo­ckend schme­cken, wie sie aus­se­hen? Sie geht mir un­ter die Haut, was mir nicht ganz ge­fällt. Je­de Emo­tion, die klein­ste Ge­fühls­re­gung, kann man in ih­ren Augen ab­le­sen. Ih­re Stim­me ist weich, mit ei­nem leicht rau­chi­gen Krat­zen, wel­ches mir ei­ne woh­li­ge Gän­se­haut be­schert. Wie sie wohl mor­gens klingt? Oder wenn sie … Halt! Stopp! Nick, komm run­ter. Sie hat recht, du be­nimmst dich wie ein Per­ver­ser. Was auch immer die­se Frau in mir aus­löst, jetzt ist Schluss.

»Du Spin­ner kannst mich mal.« Sie lacht auf, was eher emp­ört, als be­lus­tigt klingt. »Storm, mit so ei­nem … Voll­idio­ten ver­ge­uden wir kei­ne weite­re Mi­nu­te«, teilt sie ih­rem Hund mit, wen­det sich kopf­schüt­telnd ab und stapft auf­ge­bracht da­von. Ihr Kleid weht hin­ter ihr her und wie von selbst huscht mein Blick kurz zu ih­rem Po. Gut, dass sie das nicht sieht, sonst wür­de sie mich fer­tig­ma­chen, ganz si­cher.

Lang­sam jog­ge ich los, ne­ben ihr her, noch nicht be­reit, die­ses Tref­fen zu be­en­den, »Ich bin Nick,« tei­le ich ihr mit, auch wenn sie nicht so wirkt, als wür­de sie das wis­sen wol­len. Das nagt schon ein we­nig an mir. Den­noch will ich, dass sie mei­nen Na­men kennt, denn ich muss mehr über die un­be­kann­te Schön­heit er­fah­ren, al­so dross­le ich mein Tem­po. Dann wech­sle ich die Po­si­tion, lau­fe rück­wärts vor ihr her. Das Lauf­trai­ning macht sich glü­ckli­cher­wei­se be­zahlt. Sie ver­sucht, mich zu ig­no­rie­ren, was ich ihr mög­lichst schwer ma­che. Mei­ne Neu­gier­de ist noch lan­ge nicht ge­stillt.

»Will ich das wis­sen?« Sie schaut mich an, hebt ei­ne Augen­braue und ver­sucht, ar­ro­gant zu wir­ken, was ihr so über­haupt nicht ge­lingt. »Ich glau­be nicht, nach dei­nem Na­men ge­fragt zu ha­ben. Und weißt du, wie­so? Er in­te­res­siert mich nicht die Boh­ne.«

Wie frech sie ist, den­ke ich jauch­zend. Ich fin­de es er­qui­ckend, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt und mei­ne Lau­ne steigt immer weiter. »Klar willst du das, du kannst ru­hig ehr­lich sein. Auch wenn du jetzt so un­schul­dig guckst, du hast mich eben­so ge­mus­tert, Fräu­lein. Aber weißt du, das ist okay. Guck so viel, wie du willst.« Ich brei­te die Ar­me vor ihr aus, wo­rauf­hin sie die Augen ver­dreht. Sie wird rot, herr­lich. Er­tappt! Ich ha­be schre­ckli­chen Spaß da­ran, sie zu är­gern.

»Wunsch­den­ken, mein Freund. Wunsch­den­ken«, kon­tert sie, noch immer die­se leich­te Rö­te auf den Wan­gen, die ih­re Som­mer­spros­sen stär­ker her­vor­he­ben.

Mein Freund? Mhh, klingt gut und ge­fällt mir, was wirk­lich be­äng­sti­gend und ver­rückt zu­gleich ist. Even­tu­ell ent­wi­ckle ich mich doch zu ei­nem Psy­cho. Ich hof­fe nicht, doch man weiß ja nie. »Mein Freund? So schnell bin ich nicht«, ne­cke ich sie weiter. »Ein paar Da­tes vor­her wä­ren schon nett, den­noch ver­ste­he ich, dass du Nä­gel mit Köp­fen ma­chen willst. So ein Mann wie ich, ist ratz­fatz weg vom Markt. Ich kann dich be­ru­hi­gen, denn ich bin noch zu ha­ben. Eigent­lich woll­te ich da­ran in näch­ster Zeit nichts än­dern, aber mal schau­en, was kommt?«

»Wahn­sinn, Mis­ter Ar­ro­ganz per­sön­lich. Was willst du von mir? Da rennt Storm ei­nen ver­rück­ten über den Hau­fen und ich muss es aus­ba­den? Wer­de ich dich wie­der los?« Sie ver­dreht die Augen gen Himmel.

»Mhh, kommt drauf an. Fürs Er­ste ist ein Na­me ganz nett. Da­nach viel­leicht ein Drink zur Ent­schul­di­gung, das wä­re durch­aus an­ge­mes­sen.«

»Du brauchst dich nicht zu ent­schul­di­gen, ich will nur mei­ne Ru­he«, teilt sie mir mit, legt zu­dem ei­nen Gang zu, um mich zu um­run­den.

So schnell ge­be ich nicht auf. Sie ver­wirrt und be­ein­druckt mich zu­gleich. Erst flir­tet sie, da bin ich mir ganz si­cher, und dann macht sie plötz­lich dicht? Ich mer­ke, dass sie hin und her­ge­ris­sen ist. Ich wet­te, da­hin­ter steckt ei­ne in­te­res­san­te Ge­schich­te, die ich un­be­dingt wis­sen will. Wenn ich ehr­lich bin, bin ich noch nie so neu­gie­rig auf ei­ne Frau ge­we­sen wie jetzt ge­ra­de. Der Po­li­zist in mir will je­des Ge­heim­nis er­grün­den – rei­ne Be­rufs­krank­heit. Ich möch­te alles über sie wis­sen, wo­her sie kommt und wie lan­ge sie bleibt, doch für den An­fang reicht es, nur mit ihr zu re­den. So viel Spaß ha­be ich ewig nicht mehr mit ei­ner frem­den Frau, die nicht zu mei­nen Freun­den zählt, ge­habt – was je­doch da­ran liegt, dass mich Tou­ris­ten nicht fas­zi­nie­ren. Die Zeiten, wo man sich ein Tou­ri mit nach Hau­se nimmt, sind ir­gend­wie vor­bei. Ich bin nicht an ei­ner Be­zie­hung in­te­res­siert, mein Job ist mo­men­tan alles, was zählt. »Wie­so ich? Du musst dich ent­schul­di­gen. Du hast mich fast um­ge­bracht. Oh, ich mei­ne na­tür­lich dein Hund. Aber Eltern haf­ten für ih­re Kin­der, du dem­nach auch für dei­nen Hund.«

Sie beißt auf ih­re Lip­pe, ich er­ken­ne ein kur­zes Zu­cken ih­res Mund­win­kels. Ah, das ge­fällt mir, da­rauf kann ich auf­bauen. »Das ist nur ein Krat­zer. Bis du hei­ra­test, ist das ver­schwun­den«, lässt sie mich fach­män­nisch wis­sen.

»Oho, jetzt willst du durch die Blu­me er­fah­ren, ob ich viel­leicht doch ei­ne Freun­din ha­be? Nein, ich bin Sing­le, wie ich be­reits ge­sagt ha­be. Du hät­test mich das ger­ne direkt fra­gen kön­nen. Nur kei­ne Scheu, ich bin wie ein of­fe­nes Buch.«

Jetzt lacht sie laut, das ge­fällt mir noch mehr. »Oh Gott, du bist ja von dir über­zeugt. Das ist echt schre­cklich. Kann man das Buch auch wie­der schlie­ßen?« Ihr La­chen ver­mischt sich mit dem Schrei­en der Mö­wen über uns und dem Rau­schen der Wel­len. Es passt per­fekt zu­sam­men. Ich will mehr da­von, es macht mich schon jetzt süch­tig. Der hei­se­re Klang ver­ur­sacht ein Zie­hen in mei­ner Brust. Ich muss sie noch­mal la­chen hö­ren, egal wie krank das ge­ra­de klingt, aber es jagt klei­ne Schau­er über mei­ne Haut.

»Das nennt man ge­sun­des Selbst­be­wusst­sein.« Ich zwin­ke­re ihr zu, wo­rauf­hin ih­re brau­nen Augen verg­nügt fun­keln. Es macht ihr of­fen­sicht­lich doch Spaß, sieh an. Ih­re Stim­mung wech­selt se­künd­lich, al­so will ich sie et­was weiter her­vor­lo­cken. »Ein Drink ist das Min­de­ste. Wo­mög­lich be­hal­te ich ei­ne Nar­be, wer weiß das schon … Für die Jungs auf der Wa­che muss ich mir aller­dings ei­ne bes­se­re Ge­schich­te aus­den­ken. Die la­chen mich sonst aus. Kannst du dir vor­stel­len, was das für ein Ge­re­de ge­ben wür­de?«

»Du bist Po­li­zist?« Ihr Ge­sicht ent­gleist kurz, aber sie fängt sich schnell. Jeg­li­cher Schalk, der eben noch in ih­ren be­zau­bern­den Augen ge­stan­den hat, ist fort. Sie nimmt ei­ne un­be­wuss­te Ab­wehr­hal­tung ein, wirkt fast pa­nisch, schaut sich kurz um, als wür­de sie che­cken wol­len, ob außer uns noch an­de­re Men­schen am Strand sind. Ihr Hund spürt es eben­falls, tritt dich­ter an sein Herr­chen he­ran, wäh­rend sie sich an­schei­nend sche­ma­tisch über die Ar­me reibt. Den meis­ten Frau­en ge­fällt es, ei­nen Poli­zis­ten zu daten, sie hin­ge­gen guckt mich an, als hät­te ich ihr er­öff­net, dass ich Toi­let­ten put­ze und das nackt vor lau­fen­der Ka­me­ra. Ich ken­ne die­ses Ver­hal­ten von mei­ner Dienst­zeit auf dem Fest­land. Ih­re Körper­spra­che ver­rät es mir. Die­se Frau hat et­was Schlim­mes er­lebt. Nur was? Der Ge­dan­ke raubt mir ei­nen Mo­ment den Atem, weil mir sämt­li­che schre­ckli­chen Fäl­le im Kopf um­her­schwir­ren, die ich im Lau­fe der Jah­re be­ar­bei­tet ha­be. Häus­li­che Ge­walt, Ver­ge­wal­ti­gung, Miss­hand­lung. Ei­ne end­lo­se Lis­te im Le­ben ei­nes Poli­zis­ten. Nicht immer bin ich recht­zei­tig vor Ort ge­we­sen, um den be­trof­fe­nen Frau­en zu hel­fen – die­se Fäl­le ver­fol­gen mich an grau­en Ta­gen noch immer.

»Ja, ich bin ein Cop.«

Kapitel 4 - Hazel

Ach du mei­ne Gü­te, er ist ein Po­li­zist. So­fort wird mir heiß und kalt gleich­zei­tig, ich rei­be mir die Ar­me, um die Käl­te zu ver­trei­ben, die sich über mei­nen Körper legt. Er sieht über­haupt nicht aus wie ein Kri­mi­nal­be­am­ter, so gar nicht. Sein lin­ker Arm ist vom Hand­ge­lenk an tä­to­wiert. Die Tä­to­wie­rung ver­schwin­det un­ter sei­nem en­gen T-Shirt, wel­ches ei­nen trai­nier­ten Körper ver­mu­ten lässt, wenn ich mir sei­ne Ober­ar­me und brei­te Brust an­se­he, an de­nen sich die Mus­keln ab­zeich­nen. Wel­cher Po­li­zist ist denn bit­te so be­malt? Ich ken­ne kei­nen. Nicht, dass ich viele ken­ne … Fuck! So ha­be ich mir nie­mals ei­nen Poli­zis­ten vor­ge­stellt. So … ro­ckig und … schel­misch. Ich bin zu leicht­sin­nig. Wie­so hat er auch so hart­nä­ckig sein müs­sen? Ich bin zwar ex­tra zi­ckig und un­ge­nieß­bar ge­we­sen, um ihn los­zu­wer­den, ha­be mich dann je­doch in die­ses Ge­plän­kel ver­wi­ckeln las­sen.

Ich spü­re, wie ich immer ner­vö­ser wer­de und ei­ne leich­te Wel­le der Pa­nik sich an­bahnt, Storm tip­pelt ne­ben mir auf und ab, von mei­ner Stim­mung an­ge­steckt. Er be­merkt mei­nen Ge­müts­um­schwung, we­delt mit dem Schwanz – un­si­cher, was er tun soll. Nicht mal ich weiß, wie ich mich ver­hal­ten soll. Mir ist be­wusst, dass ich ver­mut­lich über­trei­be, doch die Angst sitzt in mei­nen Kno­chen. Kalt, fins­ter und prä­sent. Ich ha­be das Ge­fühl, plötz­lich nicht mehr ge­nü­gend Luft zu be­kom­men, le­ge mir die Hand an den Hals, rei­be leicht da­rüber. Am liebs­ten möch­te ich da­von­lau­fen, was aller­dings ei­nen noch ab­sur­de­ren Ein­druck ver­mitteln dürf­te. Gut, dann ist er eben Po­li­zist, aber er kennt mich nicht und er ge­hört nicht zu de­nen. Immer­hin hat Storm ihn um­ge­rannt, nicht er hat den Kon­takt ge­sucht. Oder et­wa doch, flüs­tert ei­ne lei­se Stim­me in mei­nem Kopf.

Das lo­cke­re Ge­schä­ker und flir­ten ist vor­bei. Ich will hier ein­fach nur weg, auf der Stel­le. Mein Herz flat­tert viel zu schnell in mei­ner Brust. Miss­trauen regt sich in mir, lässt je­des Wort in mei­nen Ge­dan­ken Re­vue ab­lau­fen. »Ich … muss los. Mein Freund war­tet auf mich«, lü­ge ich, be­en­de den klei­nen Flirt end­gül­tig mit Nach­druck. Ich hät­te mich gar nicht erst da­rauf ein­las­sen sol­len, so nett es auch ge­we­sen ist. Ir­gend­wie hat er es ge­schafft, mich zu fes­seln. Ich weiß nicht, was mich über­haupt ge­rit­ten hat, auf sei­ne Schä­ke­rei ein­zu­ge­hen. Das ha­be ich nun da­von: ein ver­damm­ter Bul­le! Sei­ne wald­grü­nen Augen mus­tern mich ent­täuscht, Be­dau­ern er­füllt mich eben­falls. In ei­nem an­de­ren Le­ben wä­re ich mit ihm et­was trin­ken ge­gan­gen und hät­te si­cher­lich viel Spaß ge­habt.

»Dein Freund? Ern­ste Ge­schich­te?«, fragt er mit ei­nem Aus­druck im Ge­sicht, als wür­de er in ei­ne Zi­tro­ne bei­ßen. Ich zö­ge­re nur ei­ne Se­kun­de, ehe ich ant­wor­te. Er ge­fällt mir, lei­der. Doch in mei­nem Um­feld ist kein Platz für an­de­re, erst recht nicht für Poli­zis­ten. Egal wie at­trak­tiv und lus­tig er ist oder was für brei­te Schul­tern er hat – und mal voll­kom­men da­von ab­ge­se­hen, dass die­se mich qua­si ein­laden, mich in sei­ne mus­ku­lö­sen Ar­me zu wer­fen, um mich vor der Welt zu ver­ste­cken. Ich bin ein­fach schon zu lan­ge allei­ne, das hat mich ei­nen Mo­ment weich wer­den las­sen.

»Fin­dest du dei­ne Fra­ge nicht sehr dreist? Aber ja. Wir sind seit Ewig­kei­ten zu­sam­men.« Ich ver­su­che, ent­schul­di­gend zu lä­cheln, zu­cke da­bei mit den Ach­seln. Los, nun hör auf, zu boh­ren, bit­te ich still! Geh ein­fach!

Er fährt sich durch das dun­kel­brau­ne Haar, es bleibt in allen Rich­tun­gen ste­hen, was ihm et­was Jun­gen­haf­tes ver­leiht. Zu gern wür­de ich die Dis­tanz über­win­den und … Stopp! Jetzt ge­hen mei­ne Ge­dan­ken zu weit. Er hat Cha­ris­ma und ei­ne so char­man­te Art an sich, dass es mich noch trau­ri­ger macht, ihn ver­let­zen zu müs­sen. Und sein Körper ist wahr­haf­tig … Wow! Ich muss ihn ein­fach noch­mal mus­tern. Er ist groß und schlank, nicht ma­ger, eher außer­or­dent­lich gut ge­baut. Un­ter sei­nem en­gen Laufs­hirt zeich­nen sich statt­li­che Mus­keln ab, die mich weich wer­den las­sen … Und sein Bizeps … Oh ja. Sein Haar reicht ihm knapp über die Oh­ren, ist voll­kom­men ver­wu­schelt. Die leicht ge­bräun­te Haut ver­rät mir, dass er viel Zeit in der frei­en Natur ver­bringt. Aber was mei­nem Herz ei­nen Hüp­fer ver­setzt, sind sei­ne Augen. Die­ses tie­fe Grün, wun­der­schön. Es er­in­nert mich an die Wäl­der in mei­ner Heimat. Da­zu sein schie­fes Lä­cheln. Selbst die klei­ne Nar­be an der lin­ken Augen­braue passt per­fekt zu ihm. Was sie wohl für ei­ne Ge­schich­te er­zäh­len wür­de? Er wirkt eher wie ein Bad­boy und nicht wie ein Ge­set­zes­hü­ter. So kann man sich täu­schen und für je­man­den wie mich, der so­lan­ge kei­nen Kon­takt zu männ­li­chen We­sen ge­habt hat, ist er ein wah­rer Le­cker­bis­sen.

»Das heißt, dass du nichts mit mir trin­ken willst?« Hoff­nung blitzt in sei­nen Augen auf.

»Ge­nau, das heißt es. Mein Freund fin­det so et­was nicht wit­zig.« Eigent­lich ist sei­ne Fra­ge ziem­lich un­ver­schämt, wä­re ich wirk­lich ver­ge­ben, aber das ver­zei­he ich ihm. Immer­hin bin ich auf den Flirt zu­vor ein­ge­gan­gen. Hät­te ich tat­säch­lich ei­nen Freund, wür­de das kein gu­tes Licht auf mich wer­fen.

»Wie­so lässt er dich so ganz allei­ne an den Strand ge­hen? Ich wür­de je­de Mi­nu­te mit mei­ner Freun­din nut­zen, wenn ich mit ihr im Ur­laub bin.«

»Wir woh­nen hier«, rutscht es mir her­aus und ich tre­te von ihm weg.

Sein Ge­sicht ent­gleist. »Du lebst hier? Seit wann? Wo?«

Ich Idio­tin. Jetzt ha­be ich sei­ne Neu­gier­de er­neut ge­weckt. Wie blöd kann man denn sein? »Ähm, ich muss los.« Mir fällt nichts Bes­se­res ein, als mich um­zu­dre­hen und den Strand ent­lang zu jog­gen. Nur weit weg von die­sen grü­nen Augen und sei­nem in­ten­si­ven Blick.

»Hey, ich weiß nicht mal dei­nen Na­men«, ruft er, doch ich wer­de ge­ret­tet, denn zwei Mäd­chen kom­men auf mich zu und win­ken ihm.

»Nick. Hey«, grüßt ei­ne von ih­nen – ei­ne kur­vi­ge Brü­net­te. Sie strahlt ihn mit ei­nem Hun­dert-Watt-Lä­cheln an, streckt die Brust raus, mar­schiert dann ent­schlos­sen über den Sand, ih­rem Opfer ent­ge­gen. Es ist mehr als deut­lich, was sie von ihm will. Ich bei­ße mir auf die Lip­pe, schaue nicht zurück. Es ist bes­ser so. Ver­mut­lich ist er oh­ne­hin der letz­te Schür­zen­jäger, so wie er sich gibt. Ein Hauch von Eifer­sucht wallt in mir auf, ob ich will oder nicht.

Den rest­li­chen Tag ver­krie­che ich mich im Gar­ten, le­ge ein Hoch­beet für Ge­mü­se an, um et­was zu tun zu ha­ben und mich ir­gend­wann selbst ver­sor­gen zu kön­nen. Um­so sel­te­ner muss ich un­ter Men­schen und hin­un­ter in den klei­nen Laden ge­hen. Außer­dem ist es be­frie­di­gend, sein ei­ge­nes Ge­mü­se an­zu­bauen und zu ern­ten. Lei­der muss ich da­bei immer wie­der an die grü­nen Augen den­ken, was mich schre­cklich nervt. Bin ich wirk­lich so leicht zu be­ein­drucken? Als hät­te ich kei­ne an­de­ren Sor­gen als ei­nen Ty­pen. Po­li­zist, er­in­ne­re ich mich si­cher­heits­hal­ber noch ein­mal. Ich bin ei­ne Idio­tin. Vor al­lem, da die­ser Typ zu ein­hun­dert Pro­zent je­dem weib­li­chen We­sen auf der In­sel nach­jagt. Ty­pen, die so aus­se­hen wie er und sich so be­neh­men, sind Frau­en­helden, das ken­ne ich noch aus mei­ner Schul­zeit. Und da­zu ist er ein Cop, das ist der wich­tigs­te Punkt. Ta­bu, ta­bu und ta­bu. Drei­mal ta­bu. »Hör auf, über­haupt an ihn zu den­ken«, knur­re ich mich selbst an. Storm hebt den Kopf und schaut mich ver­wun­dert an. Ver­mut­lich glaubt er, dass ich den Ver­stand ver­lie­re. Viel­leicht hat er auch recht da­mit, wenn ich Selbst­ge­sprä­che füh­re. Aber mit wem soll ich denn sonst re­den? Ich kann ja wohl kaum je­man­den an­ru­fen.

Ich put­ze mir die Hän­de an der Ho­se ab, ste­cke mir die Stöp­sel mei­nes MP3 Play­ers in die Oh­ren, um mich mit Musik ab­zu­len­ken. Das be­ru­higt mich. Es lenkt mich ab und sorgt da­für, dass mei­ne Stim­mung sich hebt. Weiß Gott, das ha­be ich heu­te nö­tig. Ich muss die­sen Ty­pen aus mei­nem Kopf ver­ban­nen. All die­se Sehn­sucht liegt nur an mei­ner Ein­sam­keit, ganz si­cher, nicht an die­sen grü­nen Augen. Da­durch, dass ich jetzt hier ein Zu­hau­se ha­be, weckt dies an­de­re Wün­sche in mir. Frü­her bin ich ein ge­sel­li­ger Fa­mi­lien­mensch ge­we­sen. Frü­her … Heu­te be­vor­zu­ge ich das Allein­sein. Wann ha­be ich das letz­te Mal mit ei­nem an­de­ren Men­schen so rich­tig herz­haft ge­lacht? Ich kann mich nicht er­in­nern. Die­ses Wis­sen schmerzt mich und ich dre­he die Musik lau­ter.

Lei­se sum­me ich ei­nes mei­ner Lie­blings­lie­der mit, ver­lie­re mich in der Musik, wie ich es ge­plant ha­be. Es tut so gut. Die grü­nen Augen wan­dern tie­fer in mei­ne Ge­dan­ken, be­reit, mich spä­ter er­neut zu trie­zen, wäh­rend ich mich im Augen­blick voll­kom­men der Ar­beit hin­ge­be. Es ist ein wun­der­ba­res Ge­fühl, et­was Sinn­vol­les zu­stan­de zu brin­gen. Und es fühlt sich gut an, mir et­was Ei­ge­nes auf­zu­bauen, et­was, von dem ich lan­ge zer­ren kann. Ich er­schaf­fe et­was. Es sorgt noch mehr da­für, dass ich mich hei­misch füh­le, auch wenn un­ter mei­nem Bett ei­ne Not­fall­ta­sche mit mei­nem Geld und dem ge­fäl­schten Pass liegt. Start­klar, direkt auf­zu­bre­chen. Nur so ha­be ich lan­ge über­le­ben kön­nen. Ein­mal ist es knapp ge­we­sen, da bin ich mir si­cher, dass er mich an­fangs bei­nahe er­wischt hät­te, als ich un­vor­sich­ti­ger­wei­se zu na­he an mei­nem Zu­hau­se ge­blie­ben bin.

Ja, hier ist mein neu­es Zu­hau­se, doch ich blei­be vor­sich­tig. Denn ich darf nicht ver­ges­sen, dies ist nur ei­ne vor­über­ge­hen­de Sta­tion auf mei­nem Weg, der nie­mals en­den wird. Für immer wer­de ich hier nicht si­cher sein. So naiv, das zu den­ken, bin ich nicht. Nein, ich bin rea­lis­tisch, aber ei­ne Wei­le kann es klap­pen. Des­we­gen darf und will ich nie­man­den ken­nen­ler­nen oder mich gar mit Men­schen von hier an­freun­den. So kann ich mei­ne Zeit auf ein Ma­xi­mum aus­deh­nen. We­nig Kon­tak­te be­deu­tet immer­hin we­ni­ger Men­schen, die Fra­gen stel­len.

Die Son­ne brennt auf mei­nen Kopf, Schweiß rinnt mir den Rü­cken hi­nab, doch ich gra­be un­er­müd­lich in der weichen Er­de. Ich ge­nie­ße das Ge­fühl, den war­men Boden mit den Hän­den um­zu­gra­ben, neu­es Le­ben zu er­schaf­fen. Viel­leicht be­kom­me ich so­gar mal et­was Far­be im Ge­sicht und se­he nicht mehr aus wie Hui Buh - das Ge­spenst. Aller­dings wird es mehr Som­mer­spros­sen sprie­ßen las­sen und ich wer­de zum Streu­sel­kuchen, ein gro­ßer Nach­teil. Ich muss an die bei­den Mäd­chen vom Strand den­ken, wie braun sie ge­we­sen sind, und kann mir ein we­nig Neid nicht ver­knei­fen. Kein Wun­der, dass Nick so­fort auf­ge­ge­ben hat, als sie an­ge­kom­men sind und ich ver­ges­sen ge­we­sen bin. Da­ge­gen stin­ke ich so der­ma­ßen ab und se­he aus wie ei­ne Was­ser­lei­che. Nicht, dass ich schon mal ei­ne ge­se­hen hät­te, außer na­tür­lich auf Bil­dern in der Pa­tho­lo­gie. Das hat ge­reicht. Ich möch­te nicht in Er­in­ne­rung blei­ben. Rei­ner Schutz­me­cha­nis­mus. Auch wenn ich es frü­her ge­liebt ha­be, mich schön zu ma­chen. Häss­lich bin ich heu­te de­fi­ni­tiv nicht. Ich ha­be ge­nü­gend Selbst­be­wusst­sein. Frü­her bin ich … bes­ser in Schuss ge­we­sen. Ob dies das rich­te Wort ist? Na ja, eben nicht so blass oder ma­ger wie jetzt. Mei­ne Kur­ven ha­ben mir immer ge­fal­len, doch jetzt sind sie nur noch zu er­ah­nen. Ich muss es in den Griff be­kom­men. Ich will mich wie­der rund­he­rum gut füh­len, mich er­ho­len und ein we­nig zu mir selbst fin­den. Mei­ne See­le braucht dies. Self­ca­re oder wie nennt man es ak­tu­ell so mo­disch in den Me­dien.

Sa­men für Sa­men set­ze ich in die Er­de, be­wäs­se­re sie. Ich ha­be heu­te zu viel ris­kiert. Auf ei­nen lä­cher­li­chen Flirt kann man ein­ge­hen, aber nicht mit ei­nem Kerl mit Dienst­mar­ke. Vor­sich­tig schie­be Sand auf die klei­nen Lö­cher, klop­fe ihn fest, ehe ich ihn er­neut be­gie­ße. Es ist schon fast Abend, als ich end­lich fer­tig wer­de. Ich wünsch­te, Gran­ny könn­te es se­hen, sie wä­re to­tal stolz auf mich – ihr klei­ner Gar­ten hat immer wie ei­ne Feen­land­schaft mit Schmet­ter­lin­gen, Hum­meln und Bie­nen, die in all der Far­ben­pracht her­um­ge­schwirrt sind, aus­ge­se­hen. Zu­frie­den be­wun­de­re ich mein Werk, klat­sche in die Hän­de, die ganz schwarz von der Er­de sind. Wie ich so bin, ha­be ich die blö­den Gar­ten­hand­schu­he ver­ges­sen. Vor mir er­streckt sie ein gro­ßes Hoch­beet, gu­te sieben mal zehn Me­ter. Es ist wun­der­schön, ich kann es kaum er­war­ten, die er­sten Trie­be zu ent­de­cken. Ge­duld ist nicht mei­ne Stär­ke, von mir aus kann es gleich mor­gen so weit sein.



Ich ma­che mir zu Abend­brot ein paar Nu­deln mit ei­ner fri­schen Sau­ce aus Kräu­tern, To­ma­ten und bun­tem Ge­mü­se, wel­ches ich vom Markt mit­ge­bracht ha­be. Es schmeckt wun­der­bar. Ich ge­nie­ße je­den Bis­sen und ze­le­brie­re ihn ge­ra­de­zu. Da­nach schlen­de­re ich pap­pen­satt mit Storm ei­ne letz­te Run­de über den Strand, wäh­rend die Son­ne im Meer ver­sinkt.

Die er­sten Ster­ne er­schei­nen am Himmel, der noch in sat­te Far­ben ge­taucht ist. Ein Ge­fühl der Zu­frie­den­heit durch­fährt mich in die­sem Augen­blick, wie ich ihn lan­ge nicht ge­spürt ha­be. Ich lau­fe dicht am Was­ser ent­lang, las­se die Wel­len mei­ne Fü­ße um­spie­len. Es fühlt sich be­frei­end an und weckt Er­in­ne­run­gen an mei­ne Kind­heit, wenn ich mit mei­nen Eltern am Strand ge­we­sen bin. Zum er­sten Mal seit lan­gem schaue ich nicht hin­ter mich, son­dern vor­aus. Die Luft ist merk­lich küh­ler als heu­te Nach­mit­tag, des­halb zie­he ich mei­ne Strick­ja­cke um mei­nen Körper fest zu­sam­men.

In der Ferne hö­re ich Musik und Stim­men, schaue auf. Eins der Häu­ser am Strand muss ei­ne Par­ty fei­ern, ein Grund für mich, wie­der um­zu­dre­hen. Immer­hin su­che ich kei­ne Ge­sell­schaft, ich möch­te nur Ru­he und Frie­den.

Kapitel 5 - Nick

»Ni­cki, hal­lo?« Jo schnippst vor mei­ner Na­se mit sei­nen lan­gen Fin­gern he­rum, ver­sucht so, mei­ne Auf­merk­sam­keit zu er­lan­gen.

Ich ver­drän­ge ei­ne klei­ne Blon­di­ne mit Scho­ko­la­den­augen und nied­li­chen Som­mer­spros­sen aus mei­nen Ge­dan­ken, wen­de mich statt­des­sen mei­nem Freund zu. »Mhh?«, ant­wor­te ich, nip­pe da­bei an mei­nem Bier. So rich­tig schmeckt es mir heu­te nicht, aber ich trin­ke es den­noch.

»Was ist denn mir dir los? Sal­ly flir­tet dich seit zwei Stun­den an und du? Du bist blind und taub für ih­re Rei­ze. Da­bei gibt sie sich sol­che Mü­he. Wenn du nicht bald an­beißt, wird sie die Kral­len aus­fah­ren. Oder bist du da­rauf aus?«

Sal­ly, wen in­te­res­siert schon Sal­ly, den­ke ich an­ge­wi­dert. Sie hat mich vor ei­ni­gen Mo­na­ten zu ih­rem neu­en Ziel aus­er­ko­ren und geht mir da­mit to­tal auf die Ner­ven. Sie ist ei­ne die­ser Frau­en, die sich mit ge­wis­sen Din­gen schmü­cken muss. Ge­treu dem Mot­to: Schau, was ich ha­be, al­so be­nei­de mich da­rum. Ich pas­se an­schei­nend per­fekt in ihr Beu­te­sche­ma, nach­dem sie bei dem An­walt kei­nen Er­folg ge­habt hat. Dann eben ein Po­li­zist. Sie will mich als Trop­häe, et­was, mit dem sie an­ge­ben kann. Ihr Ge­tue ist an­stren­gend.

»Lass ihn, Jo. Nick hat heu­te von ei­ner wun­der­schö­nen Un­be­kann­ten ei­nen Korb kas­siert«, wirft Brad ein, wo­für ich ihm ge­gen den Arm bo­xe. Er ist die letz­te Tratsch­tan­te.

»Dir ver­traue ich nie wie­der et­was an«, knur­re ich ver­är­gert. »Und es ist kein Korb ge­we­sen.« Nett, dass er noch Salz in die Wun­de streu­en muss. Er hat recht, ich bin es nicht ge­wöhnt, Kör­be zu kas­sie­ren.

»Wer gibt dir ei­nen Korb? Das kann ich nicht ver­ste­hen.« Sal­ly, die Mag­gi im Schlepp­tau hat, stößt zu uns auf die Ter­ras­se. Mag­gi gibt Jo ei­nen Kuss auf die Wan­ge, wo­rauf­hin er sei­ne Freun­din zu sich auf den Schoß zieht und sei­ne Na­se an ih­rem Hals reibt, ehe er ihr et­was ins Ohr flüs­tert. Sie ki­chert lei­se, wirft ihr ro­tes Haar zurück und strahlt in die Run­de.

»Nick hat ei­ne, war­te, wie sind sei­ne Wor­te ge­we­sen? Klei­ne, un­be­kann­te Fee ge­trof­fen«, stich­elt Brad weiter und ich fra­ge mich ernst­haft, wa­rum er mein be­ster Freund ist. Ich muss drin­gend über un­se­re Freund­schaft nach­den­ken und tei­le ei­ne Kopf­nuss aus.

»Halt die Fres­se, du Lo­ser.« Ich ver­dre­he die Augen, muss aber ein we­nig schmun­zeln, denn ich weiß, dass er mich nur är­gern will.

»Das sind ja ganz neue Tö­ne.« Mag­gi beugt sich neu­gie­rig vor, wäh­rend Sal­ly ver­är­gert die Lip­pen auf­ein­an­der­presst, da­bei die Ar­me vor der Brust ver­schränkt, je­doch nicht, oh­ne ih­re Brüs­te ins rech­te Bild zu rü­cken. Klar, dass ihr die­ses The­ma nicht passt. Sie sieht Kon­kur­renz, ob­wohl ich gar kein In­te­res­se an ihr oder sonst ei­ner Freun­din ha­be. Freun­din­nen be­deu­ten Ver­ant­wor­tung, die ich nicht ein­ge­hen will. Es ge­fällt mir so, wie es ist.

»Die Schnal­le, die wir mit ih­rem Kö­ter am Strand ge­se­hen ha­ben?«, fragt Sal­ly säu­er­lich, spitzt die Lip­pen.

»Ihr habt sie ge­se­hen? Ist sie so se­xy, wie un­ser Nick sagt, oder hat er ge­flun­kert?«

»Sie ist hübsch«, stimmt Mags zu »So­weit ich mich er­in­ne­re. Ich ha­be sie nur kurz ge­se­hen.«

»Hübsch? Durch­schnitt, un­te­rer Durch­schnitt, wenn über­haupt«, mur­melt Sal­ly, wo­rauf­hin ich ein ge­nerv­tes Knur­ren un­ter­drü­cke. Es ist arms­elig, dass sie an­de­re Frau­en im­mer­zu schlecht macht. Als wä­re sie das ein­zi­ge weib­li­che We­sen auf der Welt, wel­ches at­trak­tiv ist – da­bei macht ihr Cha­rak­ter sie oft mehr als häss­lich.

»Sie hat ge­sagt, sie wohnt hier«, plap­pert Brad weiter. Mir platzt ehr­lich gleich der Kra­gen. Er ist so ei­ne La­ber­ta­sche, wirk­lich un­fass­bar.

»Ach, sie hat das Haus der al­ten Frie­da ge­mie­tet?« Mags greift nach Jos Fla­sche und nimmt ei­nen tie­fen Schluck. Jetzt hat sie mei­ne Auf­merk­sam­keit. Mags ist Im­mo­bi­lien­mak­le­rin, teilt sich ei­ne Fir­ma mit ih­rer Mutter. Ein al­ter Fa­mi­lien­be­trieb, der die Häu­ser auf der In­sel ver­mie­tet und ver­kauft. Sie weiß alles über je­den. Wa­rum bin ich nicht eher auf die Idee ge­kom­men, sie zu fra­gen?

»Das hat doch ewig leer ge­stan­den, die­ses win­zi­ge Ding.« An­ge­wi­dert ver­dreht Sal­ly die Augen. »Wer will schon in solch ein klei­nes Rat­ten­nest zie­hen?« Sal­lys Ar­ro­ganz ist so un­at­trak­tiv, dass ich ihr es am liebs­ten an den Kopf wer­fen möch­te, doch lei­der ist ihr Dad­dy mein Chef, der wür­de das gar nicht so wit­zig fin­den, wenn ich sei­ner Prin­zes­sin den Kopf wa­sche. Die­se ver­wöhn­te Gö­re.

»Immer­hin ge­hört es ihr und nicht Ma­mi und Pa­pi.« Brad pro­stet ihr zu. Ih­re Augen blit­zen ver­är­gert auf, wäh­rend ich in mein Bier grin­se. Da­mit hat Brad wie­der Plus­punk­te bei mir ge­sam­melt.

»Wen in­te­res­siert dei­ne Mei­nung, du …«, gif­tet Sal­ly, doch be­vor es aus­ar­tet, lenkt Mags die Auf­merk­sam­keit auf sich.

»Mum hat er­zählt, dass es vor zwei oder gar drei Wo­chen ver­mie­tet wor­den ist. So­gar bar ge­zahlt für die er­sten drei Mona­te. Ko­misch, oder? Wer zahlt so et­was denn bit­te bar?« Mags schüt­telt den Kopf. »Uns soll es egal sein, weg ist weg. Vom Leers­te­hen wird es je­den­falls nicht bes­ser.« Sie hat recht, das ist mehr als ku­ri­os und in mei­nem Kopf be­gin­nen sich Fra­gen an Fra­gen zu rei­hen. Bar be­zahlt? Da­zu ihr Ver­hal­ten? Der Po­li­zist in mir er­wacht zum Le­ben, will den Fall lö­sen. Ich wit­te­re Ge­heim­nis­se auf zehn Me­tern Ent­fer­nung.

»Viel­leicht ge­hört sie zu die­sen Leu­ten, die kein Konto ha­ben, weil sie sich be­ob­ach­tet füh­len. Soll es ja ge­ben.« Jo grinst, zuckt dann mit den Schul­tern. »Die­se Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker und so.«

»Oder ihr Freund«, brum­me ich miss­mu­tig. Den Glücks­pilz wol­len wir ja nicht ver­ges­sen.

»Freund? Nein, Mum hat ge­sagt, dass die Frau allei­ne ein­ge­zo­gen ist. Nee, war­te, mit ih­rem Hund, ei­nem Dal­ma­ti­ner mit nur ei­nem Ohr. Ihr wisst ja, wie wis­sens­dur­stig Mum ist.« Mags grinst und pro­stet uns zu.

Dann hat sie mich al­so an­ge­lo­gen, die­ses Biest. Na war­te, man sieht sich im Le­ben immer zwei­mal. Vor al­lem auf die­ser In­sel. Sie hat mich nur los­wer­den wol­len und ich ha­be es nicht ge­checkt. Ich Voll­trot­tel.

»Soll ich sie mal durch­leuch­ten?« Brads Mund­win­kel wan­dern nach oben, sein Ton ist mehr als zwei­deu­tig. Jetzt fängt er sich wirk­lich ei­ne Kopf­nuss von mir ein, ei­ne ge­wal­ti­ge Kopf­nuss.

»Du kannst mal die Klap­pe hal­ten, du Horn­och­se«, fei­xe ich. »Du bist schlim­mer als die Dop­pel­kopf­run­de der al­ten La­dys. Ehr­lich. Dir ver­traue ich nichts mehr an. Und du wirst sie nicht durch­leuch­ten. Nie­mand macht das, klar?«

Wir flach­sen hin und her, wo­bei ich ver­su­che, nicht die gan­ze Zeit an die klei­ne Fee zu den­ken, die sich in mei­nem Kopf fest­ge­setzt hat und nach wie vor ein gro­ßes Fra­ge­zeichen hin­ter­lässt. Ver­dammt, ich bin neu­gie­rig. Ich will sie ken­nen­ler­nen, un­be­dingt. Aber ir­gend­wie be­un­ru­higt mich das auch. Mir geht ge­ne­rell nie­mand so un­ter die Haut. Den­noch schwirrt hier ein Ge­heim­nis um­her und das will ich lö­sen. Kei­ner von uns ist der klas­si­sche Be­zie­hungs­typ, bis auf Jo na­tür­lich, als er sich in Mags ver­liebt hat. Jetzt kann ich sie mir oh­ne ein­an­der nicht mehr vor­stel­len. Bei­de gibt es nur noch im Dop­pel­pack. Lei­der hängt da auch oft Mag­gis An­häng­sel dran – Sal­ly. Auf die könn­te je­der hier ver­zich­ten. Sie hat sich in den Jah­ren ein­fach in ei­ne an­de­re, ma­te­riel­le Rich­tung ent­wi­ckelt als wir.

Wir wech­seln das The­ma, be­die­nen uns hung­rig am Grill. Theo, ei­ner un­se­rer Freun­de, fei­ert sei­ne Be­för­de­rung und schmeißt das rie­si­ge Bar­be­cue. Er ar­bei­tet in ei­ner gro­ßen Kanz­lei auf dem Fest­land als An­walt. Ihn hat Sal­ly vor mir er­obern wol­len. Mehr als ei­ne wil­de Nacht ist für ihn je­doch nicht drin ge­we­sen. Die­ses mor­gend­li­che hin- und her­pen­deln wä­re mir wirk­lich zu an­stren­gend, aber er geht in dem, was er tut, voll­kom­men auf. Da­bei ist es nicht nur ein­mal vor­ge­kom­men, dass Jo ihn mit sei­nem Kut­ter rü­ber­fah­ren hat müs­sen, weil er sei­ne Fäh­re ver­passt hat. Theo ist das letz­te Faul­tier. Ich hät­te nie ge­dacht, dass er das durch­zieht und An­walt wird, da­zu noch so er­folg­reich. Es passt nicht zu der Nie­te, die ich ken­ne und wel­che nie Haus­auf­ga­ben ge­macht hat.



Lei­der kommt der näch­ste Mor­gen viel zu früh. Die Par­ty­nach­we­hen las­sen nicht lan­ge auf sich war­ten, al­so kau­fe ich mir un­ter­wegs ei­nen star­ken Kaffee im Diner, be­vor ich die Wa­che be­tre­te. Ich kann be­quem zur Ar­beit lau­fen und mei­ne Pau­se am Strand ver­brin­gen, ein po­si­ti­ver Aspekt der klei­nen In­sel. Die Dienst­be­spre­chung ist er­eig­nis­los, was sich vor­teil­haft auf mei­nen Brumm­schä­del aus­wirkt. Hier pas­siert nicht viel. Ge­ra­de jetzt, wo die Saison zu En­de geht, ist es ru­hi­ger denn je. Im Som­mer wird sich das wie­der än­dern, es wird klein­ere Delik­te ge­ben, leich­te Ein­brü­che in Autos, Diebs­täh­le am Strand, doch jetzt ist chil­len an­ge­sagt. Manch­mal glau­ben ein paar Jugend­li­che, hier auf den Putz hau­en zu kön­nen, ein aus­ge­ar­te­ter Jung­ge­sel­len­ab­schied oder ge­le­gent­lich bö­se Buben, die der Mei­nung sind, sie kön­nen die Fe­rien­häu­ser kna­cken. Aber sonst? Zeit­wei­se fehlt mir et­was Ac­tion, wo­von ich frü­her in der Groß­stadt mehr als ge­nug ge­habt ha­be. Doch dann den­ke ich an das Meer vor der Tür und die Sehn­sucht nach dem Ner­ven­kit­zel wird et­was klei­ner. Es ist auch nicht un­be­dingt ver­kehrt, in kei­ne Schie­ße­rei zu ge­ra­ten, und ei­nen ent­span­nen Ar­beits­tag zu ha­ben. Frü­her, auf dem Fest­land, hat es ei­ni­ge brenz­li­ge Si­tua­tio­nen ge­ge­ben, die da­zu ge­führt ha­ben, dass ich das The­ma Fa­mi­lie und Freun­din erst mal ab­ge­hakt ha­be. Der Ge­dan­ke, je­man­den zurück­zu­las­sen, ist mir zu­wi­der und nach dem er­sten Streif­schuss, der mich er­wischt hat, so­wie­so. Sie Nar­be da­von tra­ge ich als Mah­nung an mich selbst.

»Jungs, ab mit euch!« Der Chief nickt uns zu und alle schwir­ren lang­sam aus, um für Recht und Ord­nung zu sor­gen … Oder auf der Pro­me­na­de Kaffee trin­ken, Kat­zen von Bäu­men ho­len – was auch immer der Tag so brin­gen mag.

»Ich fahr ei­ne Run­de Strei­fe.« Ich neh­me ei­nen Schluck vom Kaffee, der zu ei­ner kal­ten Brü­he ge­wor­den ist, an­gle mir noch schnell das Kuchen­stück, wel­ches un­se­re Schreib­kraft mir je­den Tag mit­bringt. Sie lä­chelt mich schüch­tern an, wo­rauf­hin Brad die Augen gen Himmel ver­dreht. Ein wei­te­rer Schluck des kal­ten Kaffees lässt mich die Na­se rümp­fen. »Igitt!« Ich wer­fe den Be­cher in den näch­sten Müll­ei­mer, wäh­rend ich zum Strei­fen­wagen schlen­de­re, da­bei den Kuchen es­se. Ver­mut­lich ist es un­fair von mir, Car­las Kuchen an­zu­neh­men, da es ein of­fe­nes Ge­heim­nis ist, dass sie für mich schwärmt, aber was soll ich ma­chen: Ich lie­be Kuchen und tue ihr da­mit ja nicht weh. Da­vor hat sie für Brad ge­schwärmt und da­vor … Ach, was weiß ich. Es gibt nicht so viele Sing­les auf der In­sel. Sie ist ein lie­bes Mäd­chen und ich ge­nie­ße den Kuchen, so­lan­ge die Schwär­me­rei an­hält.

Mein Freund stöhnt auf. »Du willst zum Haus der al­ten Frie­da, oder? Mann, Nick, lass das Mäd­chen doch, wenn sie so schlau ist, dir aus dem Weg zu ge­hen. Stell dir vor, was Sal­ly mit ihr macht, soll­te sie ihr in die Que­re kommt.«

»Sal­ly?« Ich la­che auf. »Sal­ly ist unin­te­res­sant. Du weißt, dass da nichts läuft. We­der heu­te noch ir­gend­wann. Wir pas­sen so gut zu­sam­men wie Hund und Katz, wir wür­den uns die Augen aus­krat­zen. Ich will mir ja nur mal das Haus an­schau­en und gu­cken, ob alles okay ist. Ist es nicht wich­tig, dass die neu­en Bür­ger sich si­cher füh­len? Dass wir sie will­kom­men hei­ßen? Wo sind dei­ne gu­ten Ma­nie­ren ge­blie­ben?« Ich grin­se, set­ze mei­ne Son­nen­bril­le auf, sa­lu­tie­re vor mei­nem Freund. Da­mit se­he ich aus wie die Poli­zis­ten aus den schlech­ten Fil­men im Fern­se­hen, aber das ist mir egal.

»Si­cher? Du bist wie der bö­se Wolf, wenn du so grinst. Es macht so­gar mir ein we­nig Angst. Das Mäd­chen kann sich warm an­zie­hen und ei­nem leid­tun. Du bist doch sonst nicht so pe­ne­trant.« Brad schüt­telt den Kopf über mei­ne Hart­nä­ckig­keit.

»Ich weiß nicht, sie reizt mich«, ge­be ich zu, wo­rauf­hin er mich wis­send be­äugt.

»Oho, lo­ve is in the air …« Er wa­ckelt mit den Augen­brau­en, doch ich ig­no­rie­re sei­ne blö­den Sprü­che. Da­mit kriegt er mich nicht, ich bin kei­ne zwölf mehr, wo das funk­tio­niert hät­te.

Ich set­ze mich in den Dienst­wagen, Brad schwingt sich ne­ben mich, was mir gar nicht passt. »Was wird das denn?«, knur­re ich ihn an. Er wird de­fi­ni­tiv nicht mit­kom­men, das kann er sich ab­schmin­ken. Es wür­de mei­ne gan­zen Plä­ne zu Nich­te ma­chen, um in Ru­he mit ihr re­den zu kön­nen.

»Ich will die­ses be­son­de­re Mäd­chen se­hen. An­schei­nend hat sie dir den Kopf ver­dreht. Brad schnallt sich an, fährt sich durch das ra­spel­kur­ze blon­de Haar und schenkt mir das brei­tes­te Lä­cheln, wel­ches ich je ge­se­hen ha­be.

»Ver­giss es, steig aus! Außer­dem ver­dreht mir nie­mand den Kopf.« Ich win­ke ihn weg, doch er ist stur. Er dreht sich, immer noch grin­send wie ein Trot­tel, nach vor­ne und trom­melt aufs Ar­ma­tu­ren­brett. Ich has­se ihn ge­ra­de ein ganz klein we­nig, wie man gu­te Kum­pel in sol­chen Mo­men­ten eben hasst.

»Los, los! Wir ha­ben ein Da­te. Ich kann es kaum er­war­ten.«

Ich um­klam­me­re das Lenk­rad, schaue ihn ab­wer­tend von der Sei­te an. Gott, wie er ner­ven kann, wenn er es drauf an­legt. Er ist so neu­gie­rig wie die al­ten Fisch­weiber. »Ernst­haft? Du gehst mir auf den Sack, Brad. Steig aus!« Be­feh­le ich, doch er lacht nur.

»Ich wer­de mit­fah­ren. Stell dir vor, sie ver­klagt dich hin­ter­her, weil du ihr ih­re Rech­te nicht vor­ge­le­sen hast? Da­für sind Kol­le­gen da. Nichts zu dan­ken, mein Lie­ber. Oder du ge­rätst in ei­ne Schie­ße­rei? Da brauchst du dei­nen Part­ner, da­für bin ich da. Das ist mein Job.« Ich ver­dre­he die Augen. Schie­ße­rei? Hier? Schon klar!

»Ich will sie nicht ver­haf­ten, nur ein Hal­lo da­las­sen.«

Brad grinst noch brei­ter, wenn das über­haupt mög­lich ist. »Aha, al­so doch zu ihr. Von we­gen nur mal Strei­fe fah­ren, das kannst du dem Chief so ver­kau­fen, aber nicht dei­nem be­sten Freund.« Mei­ne Mund­win­kel wan­dern nach oben. Er­tappt. »Oder hast du Angst, dass sie auf mich ab­fährt? Hm? Ist es das? Kann ich ver­ste­hen, Kum­pel.« Er klopft mir auf den Arm, schaut mich ge­spielt mit­lei­dig an. »Das bist du ja ge­wohnt.«

Wir dis­ku­tie­ren noch ei­ni­ge Mi­nu­ten hin und her, ehe ich das Auto star­te, Brad na­tür­lich weiter­hin im Ge­päck. Mein be­ster Freund kann sehr hart­nä­ckig sein, so­fern er will, und wir wür­den ver­mut­lich noch in vier Stun­den hier sit­zen, wenn ich ihn nicht mit­neh­me. Viel­leicht soll­te ich ihn un­ter­wegs ein­fach raus­wer­fen. Ver­dient hät­te er es ja, ei­ne Über­le­gung ist es de­fi­ni­tiv wert.

Die Fahrt zum Haus ist kurz, nicht mal drei­ßig Mi­nu­ten spä­ter bie­gen wir vom Haupt­weg auf den Kies­weg ein, der nach oben zum Grund­stück führt. Sie wohnt na­he den Klip­pen, weit weg von den Tou­ris­ten­rum­mel, in dem leicht vom Wind und Ge­zeiten ge­präg­tem Häus­chen, de­ren gel­be Far­be lang­sam ab­blät­tert. Aber ge­ra­de die­ses Aus­se­hen ver­leiht die­sem win­zi­gen Haus ei­nen ge­wis­sen Char­me, der sich nicht be­strei­ten lässt. Mit et­was Zu­wen­dung könn­te da­raus et­was Ex­klu­si­ves wer­den, vor al­lem weil ih­re Aus­sicht gi­gan­tisch sein muss, so dicht, wie sie am Ab­hang wohnt. Ein di­rek­ter Blick auf das Meer – es muss ein Ge­fühl der völ­li­gen Frei­heit sein, hin­aus zu schau­en, wenn man dort mor­gens mit sei­nem Kaffee steht. Ei­nen kur­zen Mo­ment fra­ge ich mich, wie­so ich nie auf die Idee ge­kom­men bin, das klei­ne Haus zu kau­fen. Es wä­re für mich eben­falls per­fekt ge­we­sen.

Kapitel 6 - Hazel

Sum­mend rei­be ich mir die Bei­ne mit Sonn­en­cre­me ein, ge­nie­ße die war­men Strah­len auf mei­ner nack­ten Haut. Ne­ben mir rau­schen wü­ten­de Meeres­wel­len, die in der Tie­fe un­ru­hig ge­gen den Stein peit­schen, wäh­rend die Mö­wen über mir kreis­chend ih­re Run­den zie­hen. Ich ha­be es mir im Gar­ten ge­müt­lich ge­macht, ei­nen Smoot­hie auf der ei­nen, mein neu­es Buch auf der an­de­ren Sei­te. Ja, so ge­fällt mir mein neu­es Le­ben. Ich stöps­le mei­nen MP3-Play­er in die Oh­ren, stel­le ihn an, wäh­le dann ei­nen mei­ner Lie­blings­songs aus. Mit den Fü­ßen wie­ge ich im Takt der Musik, sin­ge lei­se ei­ni­ge Zeilen mit, ehe ich mich zurück­le­ge und die Augen schlie­ße. Mü­dig­keit hin­dert mich da­ran, mich rich­tig auf das Buch vor mir zu kon­zen­trie­ren.

Ge­stern hat mich der Tag und die Er­eig­nis­se auf­ge­wühlt, ich ha­be ver­dammt schlecht ge­schla­fen, noch fie­ser als sonst. In mei­nen Träu­men bin ich durch ein La­by­rinth aus Flu­ren ge­rannt, das na­men­lo­se Grau­en hin­ter mir, nur hat es dies­mal kein Fens­ter ge­ge­ben, kein Aus­weg für mich. Ich bin ge­rannt und ge­rannt, bis ich schweiß­ge­ba­det mit­ten in der Nacht hoch­ge­schreckt bin. Da­nach ist es mit dem Schla­fen vor­bei ge­we­sen, mein Herz hat ewig wie wild ge­gen mei­ne Rip­pen ge­schla­gen. Wie ich die­se Alb­träu­me has­se. Ich ha­be mich in ei­nem al­ten Fach­buch ver­gra­ben, bis zum Mor­gen da­rin ge­le­sen, nur um mich ab­zu­len­ken. Ich hof­fe, dass die­se Träu­me ir­gend­wann ver­blas­sen, mich wie­der schla­fen las­sen. Das wä­re ein Luxus, der mir viel Lebens­qua­li­tät wie­der­ge­ben wür­de. Doch jetzt for­dert mein Körper das zurück, was man ihm heu­te Nacht ver­wehrt hat. Am Tag fällt es mir leich­ter, zu schla­fen, wenn die Son­ne alle dunk­len Schat­ten ver­treibt. Am Tag wirkt alles freund­li­cher, we­ni­ger angst­ein­flö­ßend.

Ich dö­se leicht weg, mein Körper über­nimmt das Ru­der. Er zeigt mir, was er be­nö­tigt, und das ist nun mal Ru­he. Et­was, was die­se Ge­gend aus­strahlt. Hier bin ich vor­erst si­cher, pre­di­ge ich stets. Wenn ich es oft ge­nug sa­ge, glau­be ich es ge­wiss. Die­se In­sel ist klein. Wie soll er mich aus­ge­rech­net hier fin­den? Ich kann mir ei­ne Aus­zeit neh­men, ei­ni­ge Mona­te zur Ru­he kom­men und weiter­schau­en, so weit weg von mei­ner Heimat. Ei­nen neu­en Na­men, ein an­de­res Le­ben, er­in­ne­re ich mich. Der ge­fäl­schte Aus­weis ist schwer zu be­kom­men ge­we­sen, ver­dammt teu­er, doch auch das ha­be ich ge­schafft. Ich bin mir da­bei schon et­was ver­we­gen vor­ge­kom­men, wie ein Ma­fio­so. Er ist aber ei­ne not­wen­di­ge In­ves­ti­tion ge­we­sen, ich ha­be ihn ge­braucht, um die­ses Grund­stück zu mie­ten, Fahr­kar­ten zu er­hal­ten – und, und, und.

Das Lied wech­selt ge­ra­de, als ein Schat­ten über mich fällt. Mein Herz scheint kurz aus­zu­set­zen, ehe es im Ga­lopp zu rasen be­ginnt. Er hat mich ge­fun­den. Ich rei­ße augen­bli­cklich die Augen auf, se­he nur die Um­ris­se ei­nes Man­nes, der sich ge­ra­de zu mir beugt, die Son­ne in sei­nem Rü­cken. Sei­ne gro­ße Hand wan­dert dro­hend auf mei­ne Keh­le zu, was mich völ­lig in Pa­nik ge­ra­ten lässt – ich ha­be To­des­angst. Oh mein Gott, er bringt mich um, schießt es mir immer wie­der durch den Kopf. Ich schreie wie am Spieß, Storm kläfft vom an­de­ren En­de des Grund­stücks. Er wird nicht recht­zei­tig hier sein, um mich zu be­schüt­zen. Aber ich bin nicht mehr so hil­flos wie frü­her. Kampf­los wer­de ich nicht ster­ben. Nie­mals. Mit vol­ler Wucht tre­te ich zu, tref­fe mei­nen Geg­ner mit­ten in den Bauch und hö­re ein er­stick­tes Uff, ehe ich mich auf­rap­pe­le, dann ver­dutzt stop­pe, als ich in schmerz­ver­zerr­te grü­ne Augen bli­cke. Wald­grü­ne Augen, um ge­nau zu sein, die mir be­kannt vor­kom­men und mir den gan­zen Tag im Kopf her­um­ge­geis­tert sind. Jetzt wo die Pa­nik nach­lässt, das Blut nicht mehr in mei­nen Oh­ren rauscht, er­ken­ne ich ihn. Vor mir steht nicht mein Alb­traum, son­dern Nick – in Uni­form, die ihm wie an den Leib ge­mei­ßelt ist und sei­ne brei­ten Schul­tern be­tont. »Sag mal, hast du ei­nen Knall? Du kannst dich nicht so an­schlei­chen«, brül­le ich ihn mehr als wü­tend an. Ich rei­ße mir die Kopf­hörer aus den Oh­ren, wer­fe sie hef­tig zu Boden. Was denkt er sich da­bei? Mein Herz schlägt noch immer viel zu schnell, ich ha­be mir fast in die ver­damm­te Ho­se ge­macht. Zit­ternd ent­weicht Luft aus mei­nem Mund. Du bist si­cher, flüs­te­re ich mir zu. Ver­su­che, wie­der run­ter zu kom­men. Fal­scher Alarm.

»Ob ich ei­nen Knall ha­be? Was bist du, ei­ne Nin­ja­el­fe? Du hast mir mit vol­ler Wucht ei­nen Kick in den Ma­gen ver­passt. Ver­dammt!« Er reibt sich den Bauch, mein Mit­leid hält sich aller­dings in Gren­zen, zu sehr ha­be ich mich er­schro­cken. Dies ist mein Grund und Boden. Er hat nicht ein­fach herz­ukom­men.

»Selbst schuld. Ehr­lich. Sei froh, dass ich kei­ne Zeit zum Zie­len hat­te und nicht tie­fer ab­ge­rutscht bin. Das ist Pri­vat­be­sitz.« Ich bin echt auf hun­dert­acht­zig. Mein Puls be­ru­higt sich gar nicht mehr. Ich ha­be ge­dacht, er hat mich hier ge­fun­den. Ge­ra­de, wo ich mich lang­sam ein­le­be. Mit dem Ge­fühl des Frie­dens ist es schlag­ar­tig vor­bei. Ich füh­le mich augen­bli­cklich ver­folgt und möch­te mich so­fort ver­krie­chen. Jetzt er­reicht uns auch Storm, aber der al­te Ver­rä­ter tän­zelt schwanz­we­delnd vor Nick auf und ab. »Storm«, brum­me ich vor­wurfs­voll, wo­rauf­hin mich sei­ne brau­nen Augen fra­gend an­schau­en. Plötz­lich be­mer­ke ich ei­nen an­de­ren Poli­zis­ten, der vor La­chen Trä­nen in den Augen hat, wäh­rend Nick noch immer an­ge­pisst aus der Wä­sche schaut und sich den Bauch reibt.

»Oje, ich hät­te das so gern ge­filmt. Das ist wirk­lich ein Nin­ja­kick ge­we­sen. Film­reif. Lasst mich Hol­ly­wood an­ru­fen.« Ich mus­te­re den blon­den Kerl stirn­run­zelnd, denn ich fin­de das ab­so­lut nicht wit­zig. Miss­trau­isch be­äu­ge ich bei­de – zwei Poli­zis­ten sind schlim­mer als ei­ner.

»Ha­be ich et­was ver­bro­chen oder was wollt ihr?« Ich rei­be mir über die Ar­me. Die Angst sitzt mir in den Kno­chen, lässt mich frös­teln. Ha­ben sie her­aus­ge­fun­den, dass mein Aus­weis ge­fälscht ist? Ich su­che mit den Augen un­auf­fäl­lig nach ei­nem Flucht­weg, was völ­lig al­bern ist. Ich bin mit­ten in mei­nem Gar­ten. Wo­hin soll ich flüch­ten? Über die Klip­pen?

»Ja, wir müs­sen dei­ne Per­so­na­li­en auf­neh­men.« Nick schaut mich ernst an.

»Wa­rum?« Ich zie­he die Augen­brau­en zu­sam­men und ver­su­che, cool zu wir­ken, auch wenn ich in­ner­lich vor Pa­nik zit­te­re. Ich ha­be ih­nen kei­nen Grund zu die­ser Hand­lung ge­ge­ben. Das stinkt doch zum Himmel. Schlag­ar­tig ver­ste­he ich es. Er sagt das nur, um mich aus der Re­ser­ve zu lo­cken. Er will mich är­gern, ge­nießt es ganz of­fen­sicht­lich, wenn man sei­ne zu­cken­den Mund­win­kel be­trach­tet. Sie kön­nen nicht wis­sen, wer ich tat­säch­lich bin. Nie­mals. Da­für bin ich zu vor­sich­tig ge­we­sen und das be­ru­higt mich et­was. Al­so rich­te ich mich ge­ra­de auf, schaue Nick in sei­ne verg­nügt fun­keln­den Augen. Er er­wi­dert mei­nen Blick be­wusst un­schul­dig. Die­ses blö­de Arsch­loch. Ich muss ihm zu­ge­ste­hen, dass er nichts über mei­ne Ver­gan­gen­heit weiß, trotz­dem kann ich nichts ge­gen die Wut, dass sie mir sol­che Angst ge­macht ha­ben, tun.

»Wir sind hier, weil Nick sonst durch­dreht … Weil er dei­nen Na­men nicht weiß«, er­tönt es vom blon­den Poli­zis­ten, der Storm den Bauch krault. Die­ser Ver­rä­ter seufzt ver­zückt, sein Bein zuckt da­bei. Er hat augen­schein­lich kein Scham­ge­fühl. Er kann doch nicht vor je­dem frem­den We­sen sei­nen Bauch ent­blö­ßen.

»Dann muss er wohl da­mit le­ben oder durch­dre­hen. Mir ist das ziem­lich egal.« Ich ver­schrän­ke mit Nach­druck die Ar­me vor der Brust. »Das ist Be­läs­ti­gung. Wenn ihr oh­ne Grund hier seid, wie es mir scheint, be­läs­tigt ihr mich. Das ist straf­bar. Soll­tet ihr bei­de auch wis­sen, so­fern ihr gut in eu­rem Job seid. Al­so bit­te ich euch hier­mit of­fi­ziell, mein Grund und Boden zu ver­las­sen.«

»Es ist Tra­di­tion, die neu­en In­sel­be­woh­ner zu be­grü­ßen. Wir sind ei­ne Ge­mein­schaft und ge­wis­se Din­ge musst du eben ak­zep­tie­ren. Ich wer­de nicht der ein­zi­ge sein, der Hal­lo sagt. War­te ab.« Nick grinst noch brei­ter, mir wird ganz ban­ge. Er lässt sich nicht von mei­ner kal­ten Mi­ne ein­schüch­tern. Meint er es ernst, dass hier mehr von den Be­wohn­ern auf­tau­chen wer­den? Oh, bit­te nicht. Das passt so gar nicht in mei­nen Plan.

»Er hat recht, du Nin­ja­el­fe, hier er­war­tet man, dass du zu je­dem Stadt­fest kommst und ak­tiv am In­sel­le­ben teil­nimmst«, stimmt sein Kol­le­ge ein. Bei­de ni­cken sich be­stä­ti­gend zu. Oh mein Gott, das ist ja furcht­bar. So viel zum The­ma Ru­he und Frie­den. »Wir sind ei­ne klei­ne Ge­mein­schaft, so ner­vig das sein kann, hier hält man zu­sam­men. Je­der kennt je­den, je­der hilft je­dem. Ein rie­si­ger Hau­fen Mus­ke­tie­re, wenn man so will.«

»Das ist ein Witz, oder?« Ich stöh­ne in­ner­lich, will mei­ne Ru­he und kei­ne … In­sel­sek­te. Wo bin ich hier nur ge­lan­det? Frü­her hät­te mir das viel­leicht ge­fal­len, aber jetzt? Wa­rum ha­be ich über so et­was nicht nach­ge­dacht? Groß­stadt bie­tet An­ony­mi­tät, die ich hier eigent­lich auch su­che, was an­de­res ha­be ich nicht mal in Be­tracht ge­zo­gen.

»Al­soooo, wie darf ich dich nen­nen?« Nick an­gelt sich mei­nen MP3-Play­er und wi­ckelt sich das Ka­bel um den Zei­ge­fin­ger. Ich rei­ße ihm das Teil augen­bli­cklich aus der Hand, schnau­be ent­rüs­tet. Er ist so ver­dammt frech. Ich schwö­re, mein Herz klopft nur so wild, weil ich sau­er bin, nicht, weil er mir im­po­niert.

»Ich möch­te, dass ihr um­ge­hend mein Grund­stück ver­lasst, aber za­ckig!« Ich ma­che win­ken­de Hand­be­we­gun­gen in Rich­tung Stra­ße, spre­che da­bei mit be­son­ders viel Nach­druck. Das müss­te jetzt selbst der letz­te Trot­tel ver­ste­hen.

»Nick, ich weiß jetzt, was für ei­nen Nar­ren du an ihr ge­fres­sen hast. Sie ist ent­zü­ckend. So wi­der­spens­tig, da­bei so nied­lich ver­packt. Sie macht es dir we­nigs­ten mal schwer, das ge­fällt mir. Al­so, wenn du sie nicht da­test, wür­de ich sie glatt da­rum bit­ten.« Der blon­de Po­li­zist zwin­kert mir zu, ich he­be ei­ne Augen­braue. Sind hier alle so ar­ro­gant? Was ist das, die In­sel der Play­boy-Poli­zei?

»Ich wer­de nie­man­den daten.«

»Sie ziert sich nur«, ant­wor­tet Nick gut ge­launt, wo­bei ich nicht leug­ne, dass mir sei­ne schlan­ke Sta­tur mit den de­fi­nier­ten Ar­men sehr zu­sagt – sein Dienst­hemd be­tont je­de da­run­ter­lie­gen­de Er­he­bung. Ob ich will oder nicht fällt mir ein­fach auf, dass er ver­dammt se­xy ist und mein Körper da­rauf rea­giert, was aber ei­ne ganz na­tür­li­che Re­ak­tion ist, be­ru­hi­ge ich mich. Mei­ne letz­te Ver­ab­re­dung ist ewig her, das sind ein­fach Sehn­süch­te, die frei­ge­setzt wer­den. Punkt. Ich mei­ne, je­de Frau hat Be­dürf­nis­se, oder?

»Re­det nicht über mich, als wä­re ich nicht da. Wenn es nicht so lä­cher­lich wä­re, wür­de ich euch dro­hen, die Poli­zei zu ru­fen, soll­tet ihr euch nicht vom Acker ma­chen.« Ich fah­re mir ge­nervt durch die Haa­re. Ge­nau das ist es, was mir ein Angst­ge­fühl be­schert. Die Poli­zei macht, was sie will. Auch wenn die bei­den hier an­schei­nend nur Spaß wol­len, fühlt ein Teil von mir sich in die En­ge ge­trie­ben und be­droht. Sie wol­len mich ne­cken, ich bin ja nicht blöd, doch mein kran­kes Hirn sieht das an­ders.

»Okay, lass uns ein De­al ein­ge­hen. Ein Da­te und ich bin weg.« Nick fährt sich mit der Zun­ge über die Lip­pen, mei­ne Augen fol­gen ihm ge­nau. Wie sei­ne Küs­se wohl schme­cken? Mo­ment, was den­ke ich denn da? Bin ich denn ver­rückt ge­wor­den! Er soll ver­schwin­den und kei­ne Fan­ta­sien in mir her­auf­be­schwö­ren. Ich bin de­fi­ni­tiv zu lan­ge allei­ne. Das ist kal­ter Ent­zug! Ich la­che auf, spü­re, dass ich rot wer­de und er mich ge­nau be­ob­ach­tet. Ver­mut­lich ha­be ich ei­nen Son­nen­stich – ja, das ist mög­lich. Da­bei ra­te ich mei­nen Pa­tien­ten stets da­zu, im Som­mer ei­nen Hut zu tra­gen. Sei­ne Küs­se. Ha, was für Ideen ich doch ha­be. Das wür­de in ei­ne völ­lig ver­kehr­te Rich­tung lau­fen. Vor al­lem da sein Blick mir Blit­ze durch den Körper jagt und ein war­mes Krib­beln in mei­nem Bauch aus­löst. Ganz falsch.

»Ich bin Ha­zel. So, mehr gibt es nicht für dei­nen Seelen­frie­den. Und ja, es exis­tie­ren Frau­en, de­ren Hös­chen nicht direkt feucht wer­den, nur weil ein schnu­cke­li­ger Po­li­zist vor ih­rer Tür steht. Für das Pro­to­koll, da­mit kennst du dich ja aus: Ich ha­be kein In­te­res­se an ei­nem Da­te mit dir, dei­nem Freund oder sonst wem auf die­ser In­sel. Klar so­weit? Ich möch­te mei­ne Ru­he und dass ihr ver­schwin­det. Hau ab. Va' al dia­vo­lo. Piérda­se. Get lost oder auf wel­cher Spra­che soll ich es dir noch sa­gen? Chi­ne­sisch? Zou Kai.« Ich bin schon immer gut in Spra­chen ge­we­sen. Nick ent­gleist kurz das Ge­sicht, wäh­rend sein Freund schal­lend lacht. Ich has­se es, vul­gär zu wer­den, aber das ist mir ein­fach her­aus­ge­rutscht. Ich möch­te so un­sym­pa­thisch wie mög­lich wir­ken, so­dass er das In­te­res­se an mir ver­liert.

»Hat sie das ge­ra­de wirk­lich ge­sagt?« Nick schaut sei­nen Freund an, die­ser stützt sich vor La­chen auf sei­ne Ober­schen­kel. Ich wer­de immer rö­ter. Ver­mut­lich raucht mein Kopf be­reits oder ich ge­he gleich in Flam­men auf.

»Ja, hat sie. Oh man, ich hät­te euch auf­neh­men sol­len. Die gan­ze Zeit. Herr­lich, das ist so gut, bes­ser als Ki­no. Ich mag dich, La­dy. Du bist ver­dammt lus­tig. Ich bin Brad.« Seuf­zend er­grei­fe ich sei­ne Hand.

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Objętość:
315 str. 9 ilustracji
ISBN:
9783947115204
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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