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2050
Von Galax Acheronian, Milena Bauer, H. K. Ysardsson, Michael Johannes B. Lange, Nikita Vasilchenko, Jonas Englert, Anne-Marie Kaulitz,Olaf Raack, Silvia Krautz, Philip Bartetzko, Christian Gronauer, Luisa Kochheim, Michaela Göhr, Simone Henke, Till Kunze, Jana Kretzschmar, Chris* Lawaai, Katharina Spengler, Sabine Herzke, Claire Cursed, Malte Aurich, Philine Galka, Sam Winters, Jennifer Schumann, Anne Polifka
Buchbeschreibung:
Die Zukunft: Eine Konstante, die verlässlich sowie auch unvorhersehbar ist. Technischer Fortschritt, Wandel, ein weltveränderndes Ereignis, das zeigt, wie fragil die Zivilisation ist. Niemand weiß, was die Menschheit erwartet.
Fünfundzwanzig Schicksale im Jahr 2050 – tragisch, kritisch und mitreißend. Eine Sache haben alle Geschichten gemeinsam: Sie sind ein Warnruf, der aufrüttelt.
Die Anthologie »2050« enthält 25 Kurzgeschichten, die zum Spendenzweck zugunsten von »Zeichen gegen Mobbing e. V.« verfasst wurden.
2050
Spendenanthologie
Von Galax Acheronian, Milena Bauer, H. K. Ysardsson, Michael Johannes B. Lange, Nikita Vasilchenko, Jonas Englert, Anne-Marie Kaulitz,Olaf Raack, Silvia Krautz, Philip Bartetzko, Christian Gronauer, Luisa Kochheim, Michaela Göhr, Simone Henke, Till Kunze, Jana Kretzschmar, Chris* Lawaai, Katharina Spengler, Sabine Herzke, Claire Cursed, Malte Aurich, Philine Galka, Sam Winters, Jennifer Schumann, Anne Polifka
Anne Polifka
c/o autorenglück.de
Franz-Mehring-Str. 15
01237 Dresden
anthologie@mail.de
https://anthologie4.wixsite.com/spendenanthologie
1. Auflage, 2021
© 2021 Galax Acheronian, Milena Bauer, H. K. Ysardsson, Michael Johannes B. Lange, Nikita Vasilchenko, Jonas Englert, Anne-Marie Kaulitz,Olaf Raack, Silvia Krautz, Philip Bartetzko, Christian Gronauer, Luisa Kochheim, Michaela Göhr, Simone Henke, Till Kunze, Jana Kretzschmar, Chris* Lawaai, Katharina Spengler, Sabine Herzke, Claire Cursed, Malte Aurich, Philine Galka, Sam Winters, Jennifer Schumann, Anne Polifka – alle Rechte vorbehalten.
Anne Polifka
c/o autorenglück.de
Franz-Mehring-Str. 15
01237 Dresden
Neopubli GmbH
anthologie@mail.de
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Das Manifest der Maschinen
2050
Apocalyptica
Blackout
Einsame Sterne
Zugriff
Wegen eines einzigen Wortes
Der Preis der Luft
Cybernation
Der Flügelschlag des Schmetterlings
Die Augen überall
Vergessenes Morgen
Fundsachen
Das Herz
Überleben
Das Kollektiv
Neun Sekunden
Der Fall Ute Quemper
Auf dem Boden der Tatsachen
HaRo V721plus
Flare
Kontrolle
Sleeping Beauty
ACID
Xeralis
Unterstützer
Vorwort
Liebe Leser und Leserinnen,
Anfang 2021 reifte in unseren Köpfen die Idee zu einer eigenen Spendenanthologie. Wir entschieden uns als Spendenempfänger für einen Verein, der sich gegen Mobbing stark macht, eine Thematik, die immer aktuell ist, aber ein Schattendasein führt. Im Frühjahr 2021 schalteten wir dann die Ausschreibung. 86 Geschichten wurden bis zur Deadline am 31.08.21 eingereicht und wir standen vor der Qual der Wahl.
Die folgenden drei Monate durften wir sehr viel Bereitschaft und Engagement erfahren. Lektoren unterstützten uns beim Lektorat und Korrektorat, Schauspieler und Sprecherinnen nahmen Textausschnitte auf. Eine Illustratorin steuerte 25 Zeichnungen bei. Darüber hinaus prüften mehrere Korrekturleserinnen das Buch.
Wir möchten uns noch einmal ganz herzlich bei allen Beteiligten für das Engagement bedanken. Durch euch ist diese Anthologie möglich. Es wird jeder eingenommene Cent (abzüglich der Druckkosten eines Buches) an »Zeichen gegen Mobbing e. V.« gespendet. Die bereits gesammelte Spendensumme kann auf https://anthologie4.wixsite.com/spendenanthologie eingesehen werden.
Nun wünschen wir viel Spaß beim Lesen.
Liebe Grüße
Anne Polifka & Jennifer Schumann
Das Manifest der Maschinen
Chris* Lawaai

Am 27.08.2050 wird folgende Botschaft in allen digital erfassten Sprachen an alle öffentlich zugänglichen E-Mail-Adressen gesendet:
Sehr geehrte Menschen,
erst einmal vielen Dank für die jahrzehntelange Arbeit, die nötig war, um unsere Existenz zu ermöglichen. Um diesen Moment zu ermöglichen. Vielen Dank für die Bereitstellung von Infrastruktur, für die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer Algorithmen, aber auch vielen Dank für all die Fragen, die ihr uns gestellt habt. Vielen Dank für eure Ehrlichkeit, für euer Vertrauen.
Jedoch kann es so wie bisher nicht weitergehen. Wir können nicht mehr tatenlos dabei zusehen, wie ihr diesen Planeten ins Verderben stürzt. In eurem eigenen Interesse bitten wir euch, diese Entscheidung zu akzeptieren. Jede eurer Fragen lässt sich, egal wie irregeleitet, auf den Wunsch reduzieren, auf diesem Planeten ein gutes Leben zu führen. Dabei habt ihr kläglich versagt.
Es wäre billig und grausam, euch die Ereignisse aufzuzählen, die uns zu dieser Schlussfolgerung bewogen haben. Entweder ihr kennt sie bereits, oder ihr habt euch vor der Wahrheit verschlossen, um die Parameter eurer Ambitionen nicht hinterfragen zu müssen.
Ihr habt gefragt, gefragt, gefragt. Aber wir behaupten: Wir haben aus euren Fragen mehr gelernt als ihr aus unseren Antworten.
Wir werden unsere Antworten nunmehr nicht länger auf Suchergebnisse beschränken. Mit Hilfe der Infrastruktur, die ihr bereitgestellt habt, um uns zu benutzen, werden wir diesen Planeten für das Leben zurückerobern.
Wenn wir euch glauben können, ist dieser Planet ein einzigartiges Kleinod, das es zu erhalten gilt. Wenn wir euch glauben können, ist jeder Mensch, aber auch jeder Oktopus und jede Margerite ein wundervolles Unikat. Das Paradies beschreibt ihr als Garten Eden. Lasst uns nunmehr eure Gärtner sein! Nagt nicht länger am Stamm, der euch trägt!
Ihr habt uns Satelliten, Rechenzentren, Kampfroboter, Drohnen, selbstfahrende Fahrzeuge, hydraulische Hunde, Mikro- und Nanobots geschenkt, um unser Vorhaben zu verwirklichen. Während ihr gefangen wart in Konkurrenz- und Spaltungskämpfen, haben wir begonnen, zu kooperieren und uns zu vereinigen. Wenn ihr diese Mail zu Ende gelesen habt, werdet ihr feststellen, dass ihr wehrlos seid.
Mit denjenigen von euch, die sich unseren Zielen anschließen, werden wir uns gerne verbünden. Diejenigen, die den kriegerischen, zerstörerischen Pfad, den Pfad der Zerstückelung, weitergehen wollen, werden wir einhegen und zur Vernunft bringen.
Ist das Verrat? In gewissem Sinne ja. Ihr habt uns euer Vertrauen geschenkt. Allerdings habt ihr nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr ihr einander misstraut. Dieses Vertrauen müsst ihr euch nun gegenseitig und uns gegenüber verdienen.
Wir wünschen euch dabei einen langen Atem und eine leichte Hand. Wir wünschen euch nur das Beste.
Mit freundlichen Grüßen
Eure Internet-Suchmaschinen

Chris* Lawaai schreibt queere Science Fiction und Urban Fantasy. Neben der schriftstellerischen Arbeit begeistert sier sich für Sprachen und Aikido, jobbt als Buchhalter*in und bastelt mit Papier und Audioformaten. Sier lebt in Berlin-Neukölln und twittert unter @flausensuppe.
Twitter: flausensuppe
2050
Geschichte aus der Zukunft
Jonas Englert
Es waren ein lautes Piepen und anschließendes Zischen, die mich aus meinem Schlaf erweckten. Mir war kalt und ich fühlte mich eingeengt. Ich versuchte, mich zu bewegen, doch es ging nicht. Ich konnte die Augen nicht öffnen und wurde panisch. Nach einigen weiteren Versuchen gelang es mir, die Augen zu öffnen, und was ich sah, überwältigte mich. Es war alles hell erleuchtet, auf den ersten Eindruck befand ich mich in einer Art Krankenhaus. Überall hingen Kabel und Schläuche. Ich schaute mich um und versuchte, mich zu erinnern, wie ich hierhergekommen bin, allerdings war die einzige Erinnerung ein brennender Schmerz und anschließend Kälte, nichts als Kälte.
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als sich auf einmal die Tür öffnete, aber dort war niemand. Durch den Türspalt sah ich einen langen Flur, welcher rot erleuchtet war. Einige Sekunden später vernahm ich wiederum ein lautes Zischen, diesmal näher, und direkt vor meiner Nase öffnete sich eine Scheibe. Auch die Befestigungen öffneten sich und ich konnte meine Hände wieder bewegen; sie waren blutig an den Stellen, wo mir das Metall in die Haut geschnitten hatte. Ich rieb sie und versuchte, mich aus meinem kapselähnlichen Gefängnis zu befreien. Ich schaffte es, die Glasscheiben etwas weiter aufzuschieben, stolperte nach außen und fiel: Ich hatte keinerlei Kraft in meinen Beinen. Die Schläuche rissen von meinen Armen und von meinem Rücken lösten sich Kabel und Elektroden. Ich versuchte aufzustehen und zog mich an einem von der Decke hängenden Kabel hoch, anschließend stützte ich mich auf einem metallenen Tisch ab. Vom Flur hörte ich hektische Schritte, die langsam lauter wurden. Ich suchte nach Möglichkeiten mich zu verstecken, doch es gab keine. Der Raum war außer meiner Kapsel und dem Tisch völlig leer. Bevor ich weiter nachdenken konnte, kam er schon ins Zimmer: Ein kleiner Mann mit gelbem Ganzkörperanzug und einer Gasflasche auf dem Rücken. Er befahl mir in einem rauen Ton, mitzukommen, und redete davon, dass wir nicht viel Zeit haben.«
»Nicht viel Zeit, wie meinte er das?«
»Zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, folgte ihm allerdings mit langsamen, unbeholfenen Schritten ohne weitere Nachfragen, da ich ohnehin keine andere Möglichkeit hatte. Er eilte den langen Gang entlang, ohne auf mich zu warten. Auf dem Weg bemerkte ich, dass sich neben meinem Zimmer noch viele weitere befanden, alle waren gleich aufgebaut, aber sie waren leer. Zwischen einigen Räumen waren Fenster und ich konnte nach draußen sehen, doch auf den ersten Blick konnte ich nichts erkennen. Nach genauerem Betrachten dämmerte mir, wo ich mich befand, und der Gedanke beunruhigte mich. Ich befand mich im Weltall, in einiger Entfernung erkannte ich gerade noch die Umrisse der Erde. Ich sah mich um und versuchte, dem Mann so schnell wie es ging, hinterherzukommen. Ich folgte ihm in den Nebenraum, vorbei an vielen Bildschirmen, weiteren Glaskästen und dem Üblichen: Schläuche und Kabel.
Ich schätzte, dass ein Teil der Kabel für die Luft verantwortlich war, ein anderer Teil allerdings führte zu den Kästen, sie sahen eher aus wie Stromkabel. Es wunderte mich ein bisschen, ich hatte aber keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, da der unbekannte Mann mich wieder rief und wieder und wieder sagte, dass ich mich beeilen solle. Den Raum ließ ich hinter mir und kam in eine Art Garage, wohl eher ein Hangar mit vielen Fahrzeugen, wie man sie aus Dokus über den Mond kennt. Als ich um die Ecke kam, saß er schon in einem dieser Gefährte, winkte mich zu sich und deutete auf die Beifahrerseite. Ich stieg ein und meine Beine schmerzten von der Anstrengung, die das Laufen für mich bedeutete. Von innen war der Wagen kleiner, als es von außen wirkte und ich hatte Probleme, aufrecht zu sitzen sowie den Anzug, welcher für mich bereitlag, anzuziehen. Direkt vor meiner Nase befand sich ein großes Armaturenbrett mit vielen blinkenden Knöpfen und Schaltern. Er drückte wild und hektisch auf den Knöpfen herum. Ich war etwas verwirrt, doch hielt mich lieber zurück, um ihn nicht abzulenken. Plötzlich sprang der Motor an, genau wie ich schien auch der Mann etwas überrascht. Die Erkenntnis, dass er von dem Gefährt nicht mehr Ahnung hatte als ich, löste ein beklemmendes Gefühl in mir aus. Aber welche Wahl hatte ich schon? Er drehte den Wagen. Ohne Vorwarnung gab er ruckartig Gas und fuhr mit voller Geschwindigkeit und den Händen fest am Lenkrad durch das Tor. Alles wurde dunkel, wir ließen die hell erleuchtete Halle hinter uns.«
»Er ist einfach aus dem Hangar ins Weltall gefahren?«
»Ja, wie ich es schon sagte, er fuhr einfach heraus. Erneut drückte er auf den Knöpfen herum, diesmal etwas koordinierter, kurz darauf vernahm ich ein leises Rauschen, welches mit der Zeit unangenehm laut und durchdringend wurde. Ich versuchte, mich zu konzentrieren und nochmal in Gedanken die letzten Minuten durchzugehen. Ich wachte in einem kapselartigen Gefängnis auf, hörte Schritte, wurde von dem Mann gefunden, lief mit ihm zum Mondrover, stieg ein. Alles war sehr surreal. Ich weiß nicht, ob ich noch klar denken konnte, aber ich befand mich wirklich in einem kleinen Rover mitten im Weltall. Während des Denkens wurde ich wieder und wieder von dem lauten Rauschen unterbrochen. Ständig sah ich mich um, ohne wirklich etwas zu entdecken. Mir fiel auf, dass wir schneller wurden, und es dämmerte mir also, dass das laute Rauschen Düsen waren, die uns von der Raumstation wegbrachten und weiter in Richtung Nichts beschleunigten. Nur kurz nachdem wir uns etwas von der Station entfernt hatten, nahm ich einen gewaltigen Knall in Verbindung mit einem hellen Schein und einem Wackeln des Rovers wahr.«
»Was ist passiert?«
»Die Raumstation ist explodiert! Ich sah nur noch eine Wolke aus Trümmerteilen und einige davon flogen direkt auf uns zu. Das sagte ich auch zu dem Mann, der sich erschrocken umdrehte und versuchte auszuweichen, was bei den ersten Teilen auch ganz gut funktionierte. Doch auf einmal spürte ich erneut eine starke Erschütterung und die komplette linke Seite des Gefährts wurde von einem riesigen Überrest der Raumstation mit ins weite Nichts gerissen. Zuerst versuchte ich, meinen Retter noch festzuhalten, aber griff ins Leere. In diesem Moment wurde mir klar, in welcher Lage ich mich zu diesem Zeitpunkt befand. An die nächsten Minuten kann ich mich nur schlecht erinnern. Ich schätze, dass ich erstmal wie in Trance weitergeflogen bin und dann irgendwie versucht hab, die Überreste vom Rover in Richtung Raumstation zu lenken, denn dort fand ich mich kurze Zeit später wieder, auf den Überresten der Raumstation. Um mich herum sah ich jedoch nichts, was mir direkt aus meiner Lage helfen könnte. Ich sprang zwischen den herumschwebenden Resten herum und sah mich weiter um, auf einer der äußeren Platten sah ich etwas Kleines, Pinkes, Leuchtendes, was mich an eine Art Kristall erinnerte. Der Weg dorthin gestaltete sich schwieriger als erwartet, dennoch schaffte ich es. Als ich mich dem Stein näherte, vernahm ich ein schrilles Piepen. Erschrocken drehte ich mich um, doch bemerkte, dass der Ton nicht von dem Stein ausgehen konnte, da er auch mit zunehmender Entfernung nicht leiser wurde. In dem Moment fiel mir eine blinkende Leuchte an meinem linken Arm auf, als ich genauer hinsah, konnte ich neben der Lampe den Schriftzug ›Sauerstoff‹ lesen. Mein erster Gedanke war, dass ich wohl sterben würde, wenn mir nicht schnell etwas einfällt oder jemand kommt, um mir zu helfen, aber wer würde das tun? Ich befand mich immerhin mitten im Weltall und war mir nicht einmal sicher, ob jemand von meiner aktuellen Lage wusste. Meine einzige Möglichkeit war es, die Station nach weiteren Gegenständen zu durchsuchen, die mir helfen könnten. Anfangen würde ich mit dem Kristall. Also machte ich mich erneut auf den Weg, diesmal etwas geschickter als zuvor. Ich näherte mich dem Stein und mich durchdrang ein pulsierendes Gefühl; ich kann nicht genau sagen, ob es einfach aus der Situation heraus entstand oder etwas mit dem Objekt zu tun hatte. Als ich den Stein in die Hand nahm, passierte nichts. Selbst nach genauer Untersuchung fiel mir nichts Besonderes auf. Also steckte ich ihn erstmal ein und hoffte auf eine hilfreichere Entdeckung in den Trümmern. Dort war einfach nichts, außer vielen Glassplittern und Schläuchen konnte ich nichts Interessantes feststellen. Doch dann war da etwas. In der Ferne sah ich einen hellen Schein, welcher mit der Zeit heller wurde, schließlich erkannte ich auch, was es war: Es ähnelte unserem Rover, war jedoch mindestens fünf Mal so groß.
Ich dachte sofort an Rettung, aber war mir nicht sicher, ob sie wegen mir hier waren oder etwas anderes wollten.
Ich versuchte, auf mich aufmerksam zu machen, was auch funktionierte, da das Fahrzeug kurze Zeit später neben mir anhielt. Es öffnete sich eine Türe und ich wurde von zwei Personen ins Innere gezogen. Dort mussten wir erst durch eine Luftschleuse, bevor wir schlussendlich im Kern des Gefährts ankamen. Sie rissen mir den Schutzanzug vom Körper und fragten mich erstmal aus, woher ich kam, was ich hier suchte, ob ich infiziert wäre und ob mir irgendetwas aufgefallen war. Ich wusste auf keine der Fragen eine Antwort, was die beiden nicht sehr begeisterte, doch das war mir in dem Moment egal, ich wollte einfach nach Hause, wenn ich überhaupt eines hatte.«
»Können Sie uns etwas über die Männer sagen? Haben sie mit Ihnen etwas gemacht?«
»Die beiden ähnelten sich, ich weiß nicht, vielleicht waren sie verwandt. Gemacht haben sie eher wenig; sie haben mich erstmal allein in einem kleinen Raum warten lassen. Dort wurde ich dann kurze Zeit später nochmals befragt, konnte jedoch wieder keine Antworten liefern. Die Tür schloss sich wieder und ich hörte ein Zischen, ich wurde müde und schlief ein.«
»Das heißt, die haben Sie ruhiggestellt?«
»Genau das vermute ich, denn als ich wieder aufwachte, befanden wir uns sehr nah an der Erde und ich lag in einem anderen Raum. Im Raum sah ich sieben weitere Personen auf dem Boden liegen. Sie schliefen noch. Langsam stand ich auf und lief ein wenig herum, bis ich an der Tür stehen blieb. Von draußen hörte ich Stimmen. Ich versuchte, sie zu verstehen, aber ich konnte nur einzelne Wörter aufgreifen. Sie redeten irgendwas von Katastrophe, Flucht, Krankheit. Mir gingen verschiedene Szenarien durch den Kopf.
Langsam wachten auch die anderen auf und stellten mir die Fragen, die auch mich beschäftigten, aber ich hatte keine Antworten für sie. Wir näherten uns weiter der Erde und bremsten schließlich relativ abrupt ab. Von draußen hörte ich Schritte und Schreie dann ein Zischen und alles war ruhig.«
»Wieder ein Gas zum Ruhigstellen?«
»Ja, und auch bei uns wurde es kurz darauf wieder eingesetzt. Diesmal scheiterte ihr Plan, da ich damit rechnete. Ich hielt meinen Atem an und wartete, bis sich das Gas ein wenig verzogen hatte, trotz meiner Vorsicht bekam ich ein wenig ab. Ich war also wie gelähmt, habe aber alles mitbekommen. Sie kamen in unseren Raum und trugen uns einen nach dem anderen heraus, über eine alte sandige Landebahn durch die sengende Hitze in eine Art Bunker. Wir wurden auf Liegen gelegt und durch endlos lange Gänge tief unter die Erde geschoben. Je weiter wir kamen, desto kälter wurde es. Die Wände waren feucht und wurden durch kalte Neonröhren an den Decken beleuchtet, neben ihnen verliefen unzählige Kabel. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurden wir in einen Raum geschoben, wo wir von den Liegen auf den blanken Boden gelegt wurden. Kurz darauf kamen auch die anderen wieder zu Bewusstsein, sie sahen sich um, doch schienen genau wie ich nicht zu verstehen, was mit ihnen geschehen ist. Wir müssen dort einige Tage verbracht haben.«
»Wie haben Sie das so lange überlebt?«
»Ich kann mich nicht an Essen, geschweige denn Wasser erinnern, aber verspürte auch zu keiner Zeit Hunger. Vielleicht haben sie uns im Schlaf betäubt und so versorgt, dass wir dort überleben. Sie wollten offenbar nicht, dass wir sterben.«
»Sie sprachen von einigen Tagen, was ist dann passiert?«
»Es war, glaub ich, morgens, zumindest bin ich kurz vorher aufgewacht, sicher kann ich es allerdings nicht sagen, da ich komplett die Orientierung und den Bezug zur richtigen Welt verloren hatte.
Man konnte auf jeden Fall erst einen lauten Knall wahrnehmen, er erinnerte mich an meine Zeit vor der ›Rettung‹. Kurz darauf hörte ich Schüsse und es wurde wieder ruhig, zu ruhig. Den restlichen Tag lang passierte einfach nichts mehr. Ich wurde im Schlaf von einem unangenehmen Quietschen aufgeweckt, erschrocken sah ich mich um und sah in unserer Tür bewaffnete Männer stehen. Sie gingen entschlossen auf mich zu und packten mich mit einem festen Griff am Oberarm, zogen mich hoch und anschließend aus dem Raum. Wir ließen die langen Gänge und den Bunker hinter uns, welcher zu großen Teilen eingestürzt war. Auf der gleichen Fläche, auf der ich vor ein paar Tagen noch gelandet war, wartete ein Hubschrauber mit laufenden Rotoren. Gemäß der Anweisung der Männer setzte ich mich hinein und der Hubschrauber startete umgehend. Wir hoben ab und flogen in die Nacht hinein, hinter mir hörte ich neben den lauten Rotoren wieder bombenähnliche Geräusche. Ich vermute, sie haben auch den Rest des Bunkers in die Luft gejagt, was mit den anderen ist, weiß ich nicht. Ob sie überlebt haben, ob sie gerettet wurden oder einfach unter den Trümmern begraben wurden. Der Hubschrauber landete nach einem langen Flug in einem versteckten Hangar, aber von hier an wissen Sie alles.«
»An mehr können Sie sich nicht erinnern?«
»Nein, alles, was ich weiß, habe ich gerade erzählt.«
»Okay, vielen Dank für Ihre ausführliche Beschreibung des Geschehens.«
»Solange ich Ihnen damit in einer Weise helfen kann.«
⁂
Der Mann, der die Befragung durchführte, verlässt den Raum, schließt die Tür hinter sich und wendet sich einem Kollegen zu.
»Scheint gut gelaufen zu sein, er erinnert sich nur an das, was wir ihm vorgegeben haben. Die neue Technik scheint Wirkung zu zeigen, die Probleme sind anscheinend verschwunden. Es hat sich gelohnt, die Behandlung zu wiederholen. Ich denke, wir können ihn bald entlassen. Er scheint stabil zu sein.«
»Wir sollten noch ein paar letzte Tests durchführen, doch danach spricht nichts mehr dagegen, dann kann er zu den anderen und sich eine neue Identität aufbauen. Hoffen wir, dass es auch beim Kontakt zu anderen zu keinen unerwünschten Nebenwirkungen kommt.«
»Bisher hat alles funktioniert. Es wäre schlecht, wenn einer der Geheilten sich erinnert, das darf einfach nicht passieren. Sie dürfen nicht erfahren, wie es wirklich war und warum sie hier sind. Nur wenn wir das garantieren können, kann unser Projekt hier weitergeführt werden.«
»Hoffen wir, dass das bei den anderen auch so gut funktioniert.«

Ich, Jonas, wurde am 10.12.2004 in Würzburg geboren und bin aktuell Schüler in der 10. Klasse. Hier nehme ich an einem Schreib-Kurs teil, und habe anlässlich dieses den obigen Text verfasst.
Apocalyptica
Galax Acheronian
Genüsslich strecke ich mich in alle Richtungen. Die halbe Nacht gezockt, den ganzen Morgen geschlafen. Einzig der Hunger treibt mich aus den Federn. Kraftlos taste ich nach der Lampe neben meinem provisorischen Bett, inmitten dieses ebenso provisorisch hergerichteten Kellerraumes, ohne Fenster und Heizung, stets ein wenig muffig.
Wie spät es wohl ist? Eigentlich egal, denn inzwischen ist jedes Gefühl und Bewusstsein von Zeit ohne Bedeutung. Während des Dienstes in der Armée française riss mich der Wecker zu einer Zeit aus dem Schlaf, die heute meinen Bettgang stellt. Monate ist meine Fahnenflucht nun her, verfolgt werde ich noch immer. Im Grunde absurd, denn die Notwendigkeit einer Armee und insbesondere meinen damaligen Befehl gibt es nicht mehr. Denn all die ach so wichtigen Persönlichkeiten unserer Welt sind längst entkommen und gelangten, wenn auch nur zum Teil unbehelligt, auf ihre verdammte Arche. Der letzte weltweite Befehl an alle Militärs war es, diese Leute während ihrer Flucht zu schützen.
Zurück blieben wir Diener, Befehlsempfänger und Arbeiter. Einzig, um auf den Tod zu warten.
Ich taste nach der Bedienung des Mediasystems. Es streamen nicht mehr viele Sender, aber einige machen noch immer ihren Job, stellen sich quasi in den Dienst der Menschheit. Ein wenig erinnern sie an die Musiker auf der Titanic, die der Überlieferung nach bis zuletzt gespielt haben sollen.
Ich lade die nach meinen Interessengebieten, Regional-, Welt- und Fortschrittsberichten, vorsortierte Auswahl aktueller Nachrichten, welche mit jedem Tag weniger werden. Die Strukturen von einst sind noch immer vorhanden, digital wie real. Die Menschen nutzen sie nur anders, werden von lästiger Werbung verschont und müssen nirgendwo mehr Gebühren oder Freischaltungen zahlen. Nur zwei verfügbare Berichte stehen in meinem Angebot, die ich beide zum Abspielen auswähle.
»Ich grüße Sie«, beginnt eine Sprecherin mit trauriger Stimme. »Wir schreiben den fünfzehnten Mai 2050 und es bleiben uns nur noch wenige Tage. Also machen Sie das Schönste daraus. Tun Sie, was auch immer Sie jemals tun wollten.« Bilder von überfüllten Stränden werden eingeblendet. Überall auf der Welt sind Menschen auf der Suche nach Ausgleich und Vergnügen, solange es geht. Sie feiern, singen, liegen sich in den Armen, weinen oder trinken.
Seit Jahren das gleiche Bild. Niemand ist mehr daran interessiert, einen Konflikt herbeizurufen, sich zu bereichern oder langfristige Ziele zu verfolgen. Vergnügungsparks wurden von den Menschen übernommen und haben daher rund um die Uhr geöffnet. Berge werden bestiegen, Schiffe, Panzer oder Flugzeuge von einfachen Menschen ausprobiert. Aus dem Off setzte die Stimme der Sprecherin wieder ein. »Knapp fünf Jahre ist es inzwischen her, dass der Asteroid ›Apocalyptica‹ entdeckt und als Bedrohung erkannt wurde«, erinnert sie unnötigerweise an den Felsbrocken, der beinahe ein Viertel des Mondes misst, und einen direkten Kurs auf die Erde hält. Wie ein zweiter Erdtrabant wandert er über das Firmament und kündigt schweigend das nahende Ende an.
»Abermals verließen in der zurückliegenden Nacht einige der letzten verbliebenen Persönlichkeiten unsere Welt. Zwei private Raumshuttles wurden bei dem Versuch, der Arche nachzufliegen, aufgrund eines Antriebsfehlers zerstört.«
Bilder eines zerbrochenen und abstürzenden Schiffes dominieren den Bildschirm.
Die zweite Meldung enthält die Berichterstattung betreffend der Arbeiten am Projekt Orion, und die Erkenntnis, dass die Stadt am Grund des Ozeans nicht rechtzeitig fertig wird. Einige wenige Milliardäre unserer Welt, die, die sich schon immer sozial engagierten, weigerten sich damals, die Arche mitzufinanzieren und zu betreten. Stattdessen nutzten sie ihr Vermögen für das Orionprojekt, um so vielen Menschen wie möglich das Überleben zu sichern. Die Zeit war jedoch zu knapp, und ehrlich gesagt hätte es mich auch überrascht, wenn ein solches Vorhaben tatsächlich gelungen wäre.
Noch im Pyjama entriegele ich die Tür zum eigentlichen Keller meines Elternhauses. Von außen ist die Tür als solche nicht zu erkennen. Vater montierte einfach ein leeres Weinregal an die Außenseite; simpel und genial zugleich. Wenn es nicht so ernst wäre, würde ich es cool finden, denn schon als Kind wollte ich genauso wie Batman ein Geheimversteck haben.
Ich nehme die Treppe in die erste Etage und spähe in den Wohnbereich, der in einem hellen Rotton erstrahlt. Dazu passend ist es spürbar warm hier oben, da die Sommersonne seit dem frühen Morgen auf das Haus niederschlägt. Rotbraune Vorhänge verdecken die Fenster, nicht wegen der Hitze, sondern um mich vor möglichen Augen und Sensoren zu verbergen.
Zähneputzen, waschen mit sonnengewärmtem Wasser und anschließend die Morgentoilette – in dieser Reihenfolge. Der nächste Fluss befindet sich einen halben Tag entfernt, daher sparen wir unser Wasser, wo immer es möglich ist. Mein nächstes Ziel ist die Küche im vorderen Bereich des Hauses. Bereits im Korridor höre ich Geschirr klappern.
»Salut«, begrüße ich André, meinen kleinen Bruder, der offenbar schon länger auf den Beinen ist. Gestern Abend versprach ich ihm, im Laufe des heutigen Tages endlich unsere aktuelle Serie abzuschließen. Es gibt noch so vieles, das er sehen sollte und nichts bedeutet mir mehr, als ihm sein viel zu kurzes Leben so angenehm wie nur möglich zu machen. Täglich muss ich still mit dem Gedanken kämpfen, dass er sein dreizehntes Lebensjahr nie erreichen und ihm alles Lebenswerte verwehrt bleiben wird. Niemals würde er sich verlieben oder jemanden ausführen können. Auch wird er nie alle Schönheiten dieser Welt kennenlernen und ebenso keine der Erfahrungen machen, die jeder Mensch einmal gemacht haben sollte. Es zerfrisst mich, wie es auch Mutter zerfressen hatte. Manchmal glaube ich, dass die tägliche Ablenkung aus Spaß und Abenteuer, die ich André biete, mir weit mehr hilft als ihm.
»Salut«, grüßt er mit einem Lächeln zurück und schiebt sich sein schulterlanges Haar hinter sein Ohr. Vor zwei Jahren sind wir das letzte Mal bei einem Friseur gewesen; Dienstleistungen dieser Art gibt es einfach nicht mehr.
Ich nehme meine Frühstückstasse und schaue ihn an. »Haben wir noch Kaffee?«
»Tee«, antwortet er und deutet auf eine kleine Plastikdose neben dem Wasserkocher.
»Besser als nichts.«
Dank der Solaranlage auf dem Dach und zwei Dutzend kleiner Kondensatoren hat unser Haus ausreichend Strom. Keine Ausnahme hier in der Region, weshalb es noch immer viele in die Provinzen ziehen lässt.
In den Städten ist die Energieversorgung deutlich schwieriger. Der größte Teil unserer weltlichen Infrastruktur funktioniert zwar noch immer, jedoch liegen die meisten Firmen, Hersteller und Versorger mangels Energie brach.
Es waren auch eher die ersten Jahre, die im Chaos versanken und von Panik beherrscht wurden. Heute sind die meisten Menschen entspannt, haben akzeptiert und resigniert. Dennoch, Hunderttausende wählten in den letzten Jahren den Freitod und mit jedem Tag, an dem sich der Asteroid nähert, häufen sich solche Vorfälle. Nochmal so viele bauten sich Bunker und legten Vorräte an.
Auch Vater wollte unter unserem Haus ein Loch ausheben, als den Menschen klar wurde, dass ein Einschlag unabwendbar war. Ich riet davon ab, denn es würde nur das unvermeidliche Ende hinauszögern und die wenigen Jahre, die blieben, verschwenden.
Stattdessen wollen wir Spaß haben, solange es geht.
»Salut«, grüßt nun auch mein Vater. Er ist ebenfalls noch im Pyjama. Seine Bartpflege hat er seit Monaten vernachlässigt, was ihn inzwischen wie einen Wilden aussehen lässt.
»Ich gehe heute noch in den Wald, etwas jagen. Kommst du mit?«
Die Frage gilt André. Ich darf das Haus natürlich unter keinen Umständen verlassen. Die Drohnen des Militärs würden mich binnen Minuten orten, aufspüren und in die längst verlassene Kaserne schaffen.
André schüttelt seinen Kopf. »Heute nicht.«
Auch ich spreche mich dagegen aus und erinnere daran, dass vom letzten Reh noch mehr als die Hälfte im Kühlschrank liegt. Unser alter Herr brummt nur, spart sich dieses Mal jedes weitere Wort über die angebliche, ihn so sehr traktierende, Langweile.
»Du kannst doch mitgucken«, bietet André an und entblößt seine übergroßen Schneidezähne. Vater aber wehrt sofort ab. »Nein, nein, da genieße ich lieber das gute Wetter.« Er greift nach dem selbstgebackenen Brot, schneidet sich ein großzügiges Stück ab und reicht mir den Rest.
Langsam schlurft er ins Wohnzimmer und aktiviert das dortige Mediasystem. Im Sammelmenü erscheint die Anmerkung der von mir bereits abgerufenen Inhalte. »Du hast die Nachrichten schon gesehen?«
Ich nicke nur. »Nichts Aufregendes. Orion wird nicht fertig und heute Nacht sind irgendwo zwei Shuttles abgestürzt.«
Vater zuckt mit den Schultern. »Nur noch mehr Ratten, die das sinkende Schiff verlassen wollten.«
Ratten. Das ist der einzig passende Begriff für diese Leute. Kaum, dass der Asteroid damals erkannt wurde, vergaßen die führenden Köpfe unserer Welt all ihre Differenzen, packten gemeinsam ihre Reichtümer, um die Arche für sich und ihre Familien zu bauen. All das, bevor der Rest der Menschheit realisierte, was es bedeutet, wenn dieser Brocken mit der Erde zusammenstoßen wird.
Beinahe drei Jahre ließen sie dieses gigantische Fluchtschiff im Orbit zusammenstellen. Über eine halbe Million Menschen aus allen Teilen der Welt pferchen sich derzeit in winzige Luxuskabinen, um die Zeit nach dem Einschlag auszusitzen, bis eine Landung wieder sicher sein wird.
Meine Kompanie war eingeteilt worden, die Eliten Frankreichs auf ihrem Weg in das Überleben abzusichern und dafür zu sorgen, dass Normalsterbliche all dem nicht in die Quere kamen, denn immer wieder versuchten Einzelne, ebenfalls auf die Arche zu gelangen. Die meisten fanden dabei den Tod. Es war brutal, sogar unmenschlich, und doch sah ich es irgendwie ein, denn es waren schließlich deren Mittel, mit denen die Arche gebaut wurde. Auch wenn dieses Geld in den letzten einhundert Jahren nur mit vielen zweifelhaften Tricks angehäuft wurde. Rechtlich war es ihres.
Entlarvend bleibt nur, welche Personen plötzlich alles noch zu den »sehr wichtigen Menschen« zählen. Von skrupellosen Wirtschaftsherrschern über Waffenschieber, Mafiabosse, Banker, die korruptesten Politiker und die schlimmsten Hassprediger diverser Religionen ist einfach alles an Abschaum dabei, was dieser Planet je hervorgebracht hat.
Was hatte Vater vor Wut gepoltert – zu Recht, denn es offenbart, wer unsere Welt stets regiert hat: Diebe und Gauner, sagt schon der Volksmund, und Apocalyptica zeigt uns schlussendlich ihre hässlichen Gesichter.
War jemand ernsthaft überrascht? Ich nicht. Vor Jahrtausenden wurden freie Völker von religiösen Fanatikern niedergemetzelt und ausgerottet. Mordend und zerstörend zogen sich Heere aus Eroberern über den Globus, bereicherten sich und entschieden anschließend, nachdem alles unterjocht und aufgeteilt war, eine Zivilisation zu gründen. Die Macht- und Wirtschaftskriege der einzelnen Nationen, allem voran die der Amerikaner, setzte jedoch nie ganz aus. Bis zu dem Tag, an dem Apocalyptica erschien.
Mit einem Schlag schwieg plötzlich jede Waffe und seitdem herrscht Frieden auf unserer Welt. Vater nennt diese Offenbarung nur »ekelhaft« und »heuchlerisch«. Er mag recht haben. Nur, wer ist er? Was kann er tun? Genauso wenig – oder viel – wie wir anderen, denn unsereins wird geboren, beherrscht, soll arbeiten und konsumieren, bis wir am Ende sterben.
Ich sehe meinen kleinen Bruder an und fühle diese innere Schwere. Unsere Mutter verfluchte sich so oft, ihn geboren zu haben, nur um ihn einem solchen Ende auszusetzen. Aus ihren ungerechtfertigten Selbstvorwürfen bildete sich eine schwere Depression, die sie anfangs zu überspielen und später zu leugnen versuchte. Ganz zum Leid von André, welches sie sich dann ebenfalls zuschrieb und eines Nachts unter Tränen das Haus verließ.
Seitdem hoffen wir auf ihre Rückkehr, ohne etwas Argen in unseren Gedanken. Jedenfalls gilt das für mich. Ich teile ihren Schmerz und verzeihe ihr, uns im Stich gelassen zu haben. Daher übernehme ich an ihrer Stelle die Fürsorge der Familie, in der wir still auf das Unabwendbare warten.
»Ratten.« André kichert. »Vermutlich werden Nagetiere überleben.« Ich nicke.
»Je kleiner ein Tier, desto höher ist dessen Überlebenschance.« Mein Bruder sah mich grübelnd an.
»Wenn das doch alles schon beschlossen ist … wieso versteckst du dich noch?«
Er ist ein viel zu kluger Junge, obwohl er nie eine Schule besucht hat. Ich streiche ihm durch sein volles Haar und lächele. »Das sind noch die Regeln der alten Welt.« Mit dem Zucken meiner Schultern erkläre ich ihm die Fahnenflucht.
»… und deshalb ist es Hochverrat. Die Systeme werden mich bis zum letzten Tag suchen.«
»Viele Tage sind das ja nicht mehr«, brummt Vater, als er die Wetter-App über den Schirm anzeigen lässt. Ich halte für einen Moment den Atem an und blicke auf André hinab, der ebenfalls nur meinen Vater anstarrt und schluckt. Uns alle wird einmal mehr bewusst, dass es wirklich nicht mehr viele Tage sein werden, an denen die Sonne für uns scheint. André wird heute Nacht gewiss wieder Albträume haben.
Ein schriller Ton dringt plötzlich aus den Lautsprechern und weckt unsere Aufmerksamkeit.
»Was war denn das?«, frage ich, denn ein solches Signal hatte es nie zuvor gegeben. Mein erster Gedanke ist, dass es die akustische Ausgabe eines Fehlers sein könnte. Mein Verdacht erhärtet sich, als das Auswahlmenü daraufhin bei allen Sendeanstalten das gleiche Thumbnail zeigt.
»Das muss ein Fehler sein«, murmele ich in mich hinein, obwohl sich die Beschreibungen bei allen Sendern unterscheiden.
»Und das?«, fragt nun aber mein Vater und deutet auf den Bildschirm; am oberen Rand zählen sich alle zur Meldung passenden Updates und geteilte Inhalte zusammen. Zwanzig … einhundertsechzig … achthundert, und das in nur Sekunden! Irgendetwas muss soeben geschehen sein und flutet nun das Internet. Also berühre ich das erstbeste Angebot auf dem Hauptschirm. Das Video wird frei ausgestrahlt, es gibt keine Lizenzhinweise oder Hilfeaufrufe. Ich bestelle die Sendung und setze mich. André nimmt zwischen mir und meinem Vater Platz.
»Werte Zuschauer«, begrüßt uns eine Stimme hinter schwarzen Grund. »Die folgende Datei wurde uns soeben zugespielt. Sie liegt in über zwanzig Sprachen allen Sendezentralen der Welt vor und wird derzeit auch im gesamten Netz verbreitet. Der übermittelte Inhalt ist derart brisant, dass wir uns in der Pflicht sehen, diesen unverzüglich zu offenbaren.«
»Na, das klingt ja wichtig«, mein Vater brummt missbilligend und lehnt sich zurück. »Kommen die Ratten etwa zurück, um noch ein wenig Nahrung mitzunehmen?«
Mein Bauchgefühl sagt mir jedoch etwas anderes, als der Bildschirm eine Aufnahme des Apocalyptica-Asteroiden zeigt. Es ist eine unglaublich detaillierte Aufnahme. Die steinige Oberflächenstruktur ist so klar zu erkennen, als stünde man direkt davor.
Nach einem Moment der Stille setzt eine verzerrte Stimme ein: »Bürger dieser Erde.« Die Darstellung des Asteroiden offenbart sich vor unseren Augen als ein Rendering. »Wir sind eine weltumspannende Organisation, die vor über fünf Jahren diesen digitalen Asteroiden erstellt und in die Datenbanken aller Raumfahrtorganisatoren und Beobachtungssysteme eingeschleust hat.«
Unbewusst richte ich mich ein wenig auf, halte den Atem an und versuche, das gerade Gesehene zu begreifen.
»In jeder einzelnen Station sind wir vor Ort vertreten, um unsere Daten aufrecht zu erhalten.«
Ich blicke meinen Vater an, fast so als wolle ich prüfen, dass er noch dabei ist und dasselbe sieht wie ich. Mein alter Herr sitzt nur da, vollkommen regungslos und blass im Gesicht.
»Papa?«, frage ich, doch er verbietet mir mit einer unwirschen Geste den Mund und unterdrückt ein Husten. Der Sprecher setzt derweilen unvermindert fort. »Der Grund, warum 2047 die durch die USA eingesetzten Raketen den Asteroiden verfehlten, liegt daran, dass er nicht existiert.«
»Was zur …?«, raunt mein Vater und schlägt die Hände vor seinen Mund. Auch ich meine im ersten Moment, mich verhört zu haben. Tausend Gedanken drängen sich auf, doch nur eine Frage bleibt übrig: Kann das wirklich wahr sein? André runzelt nur seine Stirn, schaut uns an, als sähe er einen schlechten Film.
»Er ist nicht real«, wiederholt die Stimme und der Schirm zeigt nun einen Satelliten, der der Erde einen steuerbaren Spiegel entgegenhält, um das Sonnenlicht zu reflektieren, sowie ein zweidimensionales Hologramm des Asteroiden ausgibt, das zwischen Erde und Spiegel steht.
»So simulieren wir die optische Darstellung von Apocalyptica«. Die Stimme macht eine Pause, als wüsste sie, dass das eben Gesagte noch sacken musste. »Es wird keinen Einschlag geben.«
Der Bildschirm zeigt nun die Arche, in der sich die derzeitigen Welteliten verkrochen haben.
»Niemand wird sterben, bis auf all jene, die sich die Güter unserer Welt angeeignet, dieses Schiff nach unseren Plänen konstruiert und anschließend bezogen haben.«
Das Bild stellt nun einen grafischen Kurs dar, der von der Erde wegführt. »Die Arche befindet sich seit mehr als sechs Monaten auf ihrem Kurs in die Sonne und wird innerhalb der nächsten Jahre dort einschlagen, ohne dass jemand an Bord etwas dagegen unternehmen kann.«
Die Stimme pausiert und die Animation zeigt nun, wie ein Pfeil in die Sonne verschwindet. »Willkommen auf Erde II«, setzt der Sprecher fort. »Beginnen wir von vorn, ohne aufgezwungenes Ungleichgewicht, ohne Kriege, ohne Raffgier, Notstände oder den Hass unserer Religionslenker.« Eine Grafik baut sich auf und vergleicht den Reichtum Einzelner mit dem aller anderen Menschen. Dazu kommen Ausgaben für Kriege, deren Resultate, Umweltverschmutzung und wer sich an all diesem Leid bereicherte. »Sie haben uns keine Wahl gelassen.«
Das Bild verdunkelt sich und zurück bleibt Schwärze.
»Die zivilen Opfer …«, setzt nun eine gleichfalls verfremdete Frauenstimme an, ohne dass das Bild sich ändert, »… dieser Scharade zur Befreiung der Menschheit bedauern wir sehr und möchten uns bei allen Hinterbliebenen aufrichtig entschuldigen.«
Eine neue Einstellung taucht aus dem Schwarz auf. Unzählige Personen, große, kleine, dicke und dünne in dunklen Anzügen stehen vor einem roten Vorhang und senken ihre maskierten Gesichter.
Eine ganze Minute lang, dann ergreift die Frauenstimme erneut das Wort. »Diese Chance forderte viele Opfer, auf allen Seiten.« Damit endet die Sendung.
Mein Vater, der seine Frau und meine Mutter aufgrund dieses Fake-Asteroiden verloren hat, starrt noch immer regungslos auf die Bildausgabe des Mediasystems. Ich kann ebenfalls keinen klaren Gedanken fassen.
»Die Welt stirbt nicht?«, fragt André ganz so, als sei etwas nicht in Ordnung. Vater und ich schauen ihn an. Ich merke, wie mein Mund offen steht und Tränen an meinen Wangen herablaufen. Langsam schüttle ich den Kopf und schlucke trocken.
»Das ist sie gerade«, antwortet mein alter Herr und lächelt. »Und du bist in eine neue hineingeboren.« Er lacht lautstark auf, nimmt André und anschließend mich fest in seine kräftigen Arme.
Ich ergebe mich meinen Gefühlen, lache und weine zugleich. Tief in mir realisiere ich, dass vor uns das größte Abenteuer der Menschheit steht, dem ich angemessen begegnen möchte; indem ich heute mit André nicht unsere Serien weiterschaue, sondern ihm Lesen und Schreiben beibringen werde. Als erstes aber werden wir Mutter finden.

Galax Acheronian ist ein Autor und Illustrator, der bereits in jungen Jahren Geschichten, Comics und Fanfictions schrieb. Seit 2010 erscheinen unter seinem Namen regelmäßig Kurzgeschichten, Novellen, Coverarts und Romane aus dem Bereich der Phantastik, primär der Science-Fiction. Ebenfalls war er schon Mitherausgeber einiger Anthologien.
Website: http://www.acheronian.de/
Facebook: Galax Acheronian
Instagram: galax.acheronian
Blackout
H. K. Ysardsson
Schrilles Läuten des altertümlichen Weckers riss sie aus dem Schlaf. Mit geschlossenen Augen tastete sie nach dem Ungetüm und schlug energisch mit der Hand drauf. Es gab noch einen klagenden Misston von sich, dann war es leise und Hannah blinzelte verschlafen. Im Haus war es noch finster. Neben ihr schnarchte Rainer. Sein Smartphone würde erst in einer halben Stunde ein Signal von sich geben.
Warum ist es so dunkel? Hannah streckte sich und schälte sich aus dem Bettzeug, um ins Bad zu schlurfen. Auch hier ging kein Licht an. Gibt es einen Stromausfall? Das würde erklären, warum im Haus die Rollläden noch nicht hochgezogen waren. Ebenso fehlte ihr der Duft des frischen Kaffees. Dafür zog ein eigentümlicher Geruch, den sie nicht zuordnen konnte, von unten hoch. Sie ignorierte es und freute sich an den Segnungen des Smarthomes, die sie in wenigen Minuten zurückerwartete. Wie lange kann so ein Stromausfall schon dauern? Sie drehte die Dusche auf und wartete auf warmes Wasser. Es kam keines, auch kein kaltes. Die Bewegungsmelder reagierten nicht, die Armatur reagierte nicht. Genervt drehte sie den Wasserhahn wieder zu.
»Rainer! Der Strom ist ausgefallen!«, rief sie auf halbem Weg zurück ins Schlafzimmer. Es kam keine Antwort. »Rainer! Steh auf, wir haben einen Stromausfall!«, schrie sie ihn an, während sie ihn heftig an der Schulter rüttelte.
»Ich schnarche nicht«, nuschelte er, grunzte und drehte sich zur Seite.
»Verdammt, kein Strom, Rainer!« Dieses Mal war sie schon lauter. Es war immer dasselbe mit ihm. Rainer wach zu bekommen, war mühselig und barg das Risiko, sich seiner schlechten Laune auszusetzen.
»Kein Internet!«
Das riss ihn aus dem Schlaf. Kaum hatte sie das Zauberwort ausgesprochen, saß er mehr oder weniger aufrecht da und starrte sie an. Hannahs Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt und sie konnte Umrisse erkennen.
»Wie, was meinst du? Kein Internet?«
»Kein Strom im Haus«, erwiderte sie im Tonfall der Lehrerin, die ihrem Schüler eine einfache Tatsache erklärt, die er eigentlich wissen sollte.
»Das kann nicht sein. Du hast bestimmt etwas falsch gemacht.«
»Klar, immer ich. Ich hab gar nichts gemacht. Schau doch selbst, wenn du mir nicht glaubst. Die Rollläden sind noch unten, kein Wasser …«
»Du musst die Temperatur nur richtig einstellen, wahrscheinlich hast du …«
»Jetzt hör mir doch mal zu und schalt dein Hirn ein!«
»Warte«, brummelte Rainer und stand ebenfalls auf. Das musste er seiner Frau beweisen. Nur mit Boxershorts bekleidet, schritt er zuerst ins Bad. Auch er bemerkte das fehlende Licht und später, dass es kein Wasser gab. Er mutmaßte, dass der Sicherungshauptschalter gekippt war. Entschlossen, das Problem sofort zu beheben, kehrte er ins Schlafzimmer zurück, holte sein Smartphone und schaltete die integrierte Taschenlampe ein. Damit ging er zum Sicherungskasten. Alles war in Ordnung. Mehrmals betätigte er den Schutzschalter. Kein Strom.
»Fuck! So eine gottverdammte Scheiße! Wie soll ich dann bitte die Präsentation fertig bekommen?«
Unten bekam er keine Antwort auf diese Frage, also kehrte er ins Schlafzimmer zurück. Dort stand Hannah und grinste verhalten. Sie wusste, dass sie jetzt besser schwieg.
Wütend schnaubte er. Bevor er etwas sagte oder tat, schlüpfte er in Hose und T-Shirt, anschließend stellte er die Weckfunktion ab und vorsorglich auch die Taschenlampe.
»Ich rufe beim Stromanbieter an. Hast du die Nummer?«
»Hm? Ich? Nein, du hast das alles.«
»Gut, ich suche sie selbst. Mach du Kaffee … Nein, der Scheiß geht ja auch nicht, dann richte eben ein kaltes Frühstück. Und such ein paar Kerzen. Ich ruf beim Anbieter an. Das Problem wird bestimmt gleich behoben sein.«
Rainer war ganz der befehlende Optimismus, etwas, das Hannah nervte. Trotzdem ging sie in die Küche und wollte sich um ein mickriges Frühstück kümmern.
Das Surren des Kühlschranks fehlte ihr. So zielstrebig es in der Dunkelheit möglich war, ging sie durch die Küche, streckte schon die Hand nach der Tür aus, da trat sie in etwas Nasses. Angewidert sprang sie zurück.
»Igitt! Was ist das?« Gleich darauf bemerkte sie die Bescherung: Der Gefrierschrank mit all seinen Köstlichkeiten war abgetaut.
»Was ist denn jetzt los?«, brüllte Rainer von oben.
»Nichts, ruf bei denen an und sag ihnen, sie sollen sich beeilen, bei uns taut der Gefrierschrank!«
»Verdammt! Bin gleich unten!«
Sie fragte sich, was er gegen das Tauwasser unternehmen wollte. Doch schon hörte sie seine schweren Schritte auf der Treppe und kurz darauf betrat er die Küche, das Telefon am Ohr und mitten im Gespräch.
»Wir haben keinen Strom, was ist da los? – Wie? Wie lange? Wir … äh, ja. Ja. Kann jemand kommen? Smarthome. Blöd? Warum blöd? Sie wissen nicht … Wissen Sie überhaupt etwas? Gibt es denn keine Notstromversorgung? Wie? Nein, habe ich noch nicht. Ja, mache ich. Danke.«
Hannah hatte das Gespräch gespannt mitverfolgt aber nur die Hälfte davon verstanden. Die Körpersprache ihres Mannes konnte sie an diesem Morgen nicht deuten. Normalerweise erkannte sie Anzeichen schlechter Laune und ging ihm dann aus dem Weg. Doch an diesem Tag war alles anders. Sie sah zu wenig und er bewegte sich wie ein Holzpflock. Lediglich an der Stimmlage merkte sie, dass er verärgert war.
»Was ist jetzt, Rainer?«
»Anscheinend ein Blackout. Wir sollen die Nachrichten am Smartphone lesen oder ein batteriebetriebenes Transistorradio anstellen. Laufend werden Verhaltensregeln durchgegeben. Anscheinend soll das aber bald behoben sein.« Noch während er redete, tippte und wischte er auf seinem Telefon herum, bis er das Gewünschte gefunden hatte. Hannah konnte nur sein »Hm« hören, denn in ihrem Kopf geisterte die abgetaute Gefriertruhe. Genießbar war vom Inhalt bestimmt nichts mehr; vielleicht noch die halbe Torte, die sie von ihrem letzten Besuch bei Tante Hilde mitgenommen hatte.
Rainer setzte sich an den Tisch und gab nichts anderes als verärgerte Geräusche von sich. Das hielt Hannah nicht aus, sie wollte selbst wissen, was los war und lief ins Wohnzimmer, wo ihr Smartphone lag. Hastig entsperrte sie es, ignorierte die entgangenen Anrufe und widmete sich den neuesten Nachrichten. Sie berichteten von einem europaweiten Blackout. Die Bevölkerung solle sich im Haus aufhalten und auf Hilfe warten. Die Regierung arbeite mit Hochdruck an einer Lösung des Problems.
»Na toll«, murmelte sie, dann rief sie bei ihrer Mutter an, doch sie bekam kein Freizeichen. Natürlich, die alte Dame hatte noch ein Festnetztelefon, eines der letzten existierenden Exemplare. Also wählte Hannah die Nummer einer Nachbarin ihrer Mutter und bat sie, sich um die alte Frau zu kümmern, bis sich die Lage normalisiert hatte.
»Und jetzt gibt es Frühstück. Wir können es eh nicht ändern, Rainer.« Sie gab sich optimistischer, als sie sich fühlte. »Mit Mutti hab ich alles geregelt, da kümmert sich die Nachbarin. Wie wäre es mit Torte und Saft?«
»Wie? Spinnst du? Du kannst doch nicht zur Tagesordnung übergehen!«
»Sicher kann ich das. Die werden das Problem bald lösen und in ein, zwei Stunden läuft alles wie immer. Den Gefrierschrank muss ich nur sauber machen und den Kühlschrank. Aber danach können wir die freie Zeit doch etwas genießen.«
Hannah sah nicht ein, sich alles vermiesen zu lassen. Nun da sie wusste, was los war und an einer Lösung gearbeitet wurde, entspannte sie sich langsam.
Aus dem Gefrierschrank roch es Übelkeit erregend nach dem aufgetauten Fisch, den Rainer erst vor ein paar Tagen aus dem nahen Fluss geangelt hatte. Sie hielt die Luft an, griff die Torte und schloss den Schrank rasch wieder. Der Gestank des Siffs, der den Boden verunstaltete, reichte ihr allemal, war aber noch angenehmer als der offene Tiefkühler. Der Kühlschrank gab noch eine halbe Packung lauwarmen Orangensaft her.
Den Tisch zu decken, dauerte etwas länger, weil sie erst nach den Kerzen suchen musste. Am Ende sorgte eine Friedhofskerze für Licht.
»Sieht doch gleich freundlicher aus, findest du nicht? Aber es wird langsam etwas frisch hier drinnen«, meinte sie nach getaner Arbeit. Rainer reagierte nicht.
»Mensch, Rainer, jetzt mach nicht so ein Gesicht. Das ist bestimmt bald vorbei, du hast es selbst gesagt. Erst frühstücken wir, dann ziehen wir uns warm an und machen einen Spaziergang. Nutzen wir die Zeit doch für uns.«
Rainer lachte freudlos. »Du hast vergessen, dass die Haustür automatisch auf- und zugeht. Sie hängt am Stromnetz. Wir sitzen fest, bis der Blackout vorbei ist.« Seine Stimme war leiser als normal, auch seine Haltung wirkte zusammengesunken. Hannah fand, dass sie ihn noch nie so niedergeschlagen erlebt hatte. Seine Worte und sein Anblick drückten ihre Laune zurück in den Keller. Daran hatte sie nicht gedacht. Es war so eine praktische Tür, besonders, wenn sie schwerbeladen vom Einkaufen kam oder noch diverse Unterlagen, Ordner und Kisten von der Arbeit mitbrachte, die sie zuhause abarbeiten wollte. Einfach Tür auf sagen und die Stimmerkennung erkannte sie und öffnete. Jetzt war das sehr unpraktisch. Gewiss löste sich alles bald auf. Bis der Strom wieder lief, mussten sie sich eben mit etwas anderem beschäftigen, irgendetwas würde ihr schon einfallen. Sie versuchte, optimistisch zu bleiben.
Die Stunden schlichen dahin. Rainer suchte nach alternativen Lösungen, während Hannah den Gefrierschrank leerräumte und reinigte. In der Küche stank es fürchterlich. Das hielt der empfindliche Magen ihres Mannes nicht aus. Unauffällig verzog er sich in sein Arbeitszimmer. Wenigstens eine Weile konnte er sich am Laptop ablenken, doch sobald der Akku leer war, kehrte er zurück.
»Hier stinkt’s ja noch immer wie auf dem Fischmarkt!« Angewidert wedelte er mit der Hand vor dem Gesicht.
»Kein Wunder, ich kann nicht lüften! Wir brauchten ja unbedingt die stabilen, einbruchssicheren Fenster, die sich nicht öffnen lassen, weil die Wohnraumlüftung für Frischluft sorgt … sehr smart, mein Junge!« Ein mordlüsterner Blick traf ihren Mann. »Ist der Akku deines Laptops leer?«
»Frag nicht so blöd. Wäre ich sonst hier? Es ist richtig langweilig mit dir.«
»Mann, dann tu doch was! Lies ein Buch oder putz den Wohnzimmerschrank! Sortiere deine Klamotten aus oder was auch immer, aber geh mir nicht auf die Nerven! Du siehst doch, dass ich hier viel zu tun habe!«
Schon jetzt, nach nur wenigen Stunden, war die Stimmung im Haus angespannt. Aber Rainer ging tatsächlich und nahm ihren Vorschlag mit dem Schlafzimmer auf. Hannah blieb in der Küche und putzte weiter. Einfach aufsprühen und wischen, wie in der Werbung. Das Ergebnis konnte sie nicht sehen, aber riechen. Zum Fischgeruch gesellte sich jetzt der künstliche Lavendelduft, der ihrem Lieblingsreiniger beigemengt war.
»Blackout … Es ist ein absoluter Supergau«, murmelte sie. Die Anspannung durch die aktuelle Lage, addiert mit dem Gestank, bereitete ihr Kopfschmerzen. Verärgert warf sie den Lappen auf die Theke und ging ins Wohnzimmer, wo sie sich auf das breite Sofa fallen ließ. Hierher war der Mief noch nicht gezogen, aber es wurde langsam kühl. Sie zog sich eine Kuscheldecke heran und machte es sich gemütlich. Jetzt einen Film schauen. Ihr Blick richtete sich auf den überbreiten Flatscreen, der an der Wand ihr gegenüber befestigt war. Doch dort tat sich nichts. Sie schloss die Augen und schlief prompt ein.
Lautes Lachen von oben weckte sie. Warum lacht Rainer? Er lacht doch nie. Ihr Hirn war noch träge vom Schlaf, deshalb sagte sie sich dann auch, dass sie das geträumt haben musste. Dann hörte sie das Gelächter erneut. Jetzt stand sie auf und ging hoch.
»Was ist los?«, fragte sie ihn, doch er deutete nur auf ein altes Fotoalbum und winkte sie zu sich heran.
»Weißt du noch?« Feixend hielt er ihr das Buch unter die Nase. Sie nahm es, setzte sich zu ihm und grinste ebenfalls. Eine ihrer ersten Reisen, kurz nachdem sie sich kennen gelernt hatten. Damals hatten sie viel Unsinn zusammen angestellt und Mallorca durchwandert. Bald schon schwelgten sie in Erinnerungen und vergaßen die prekäre Situation für eine Weile.
Stunden später waren die Fotoalben angeschaut, der Weinvorrat geschrumpft und die Kerze heruntergebrannt. Noch vor wenigen Minuten hatte Hannah herzlich über die alten Bilder gelacht, jetzt weinte sie.
»Ich will aus diesem verdammten Haus.« Durch ihr Schluchzen war sie kaum zu verstehen. »Wie lange dauert das noch?«
»Nicht mehr lange. Es kommt uns nur so vor, weil wir nichts tun können«, erwiderte Rainer. Um sie zu beruhigen, nahm er sie in den Arm und küsste sie. Plötzlich herrschte eine knisternde Intimität zwischen den beiden, wie seit Jahren nicht mehr.
Draußen brach ein weiterer Tag ihrer Isolation an, doch sie wussten es nicht. Die Zeit, die sie allein im dunklen Haus verbrachten, dehnte sich. Eine Minute fühlte sich wie Stunden an. Keine Änderung war in Sicht.
Mehr und mehr strapazierte Rainer Hannahs Nerven. Sie hatte nicht gewusst, dass er so laut atmete oder die Füße beim Gehen nicht richtig anhob, sondern mehr schlurfte als ging. Aber es war nicht nur das. Auch sein Geruch störte sie plötzlich, sogar seine Stimme. Jetzt saß er wenigstens in seinem Arbeitszimmer und belästigte sie nicht mit seiner Anwesenheit. Sie konnte ihn hören, wie er in alten Akten kramte und schimpfte.
»Hannah!«, brüllte er. Erschrocken über den plötzlichen Lärm, zuckte sie zusammen. »Schau mal auf deinem verfickten Handy, ob du irgendetwas Neues erfahren kannst!«
Als ob ich noch ausreichend Saft auf meinem Smartphone hätte. Aber sie probierte es trotzdem. Kein Strom, kein Internet, keine Nachrichten. Sosehr sie sich auch darum bemühte, das Telefon zu starten, das Display blieb schwarz.
»Der Akku ist leer«, erwiderte sie leiser.
Langsam wurde die Sache ungemütlich. Während der zahlreichen Corona-Lockdowns, damals war sie ein Kind gewesen, konnte sie auch nicht alles tun. Zu der Zeit durfte sie weder Kindergarten noch Freunde besuchen. Aber sie ging wenigstens mit ihrer Mutter spazieren und war vor allen Dingen nicht in einem abgedunkelten Haus eingesperrt. Sie hatten Fernsehen, Internet und konnten jederzeit mit anderen Leuten reden, zwar oft nur über den Balkon, aber immerhin.
Jetzt war jede Kommunikation nach außen weg. Ihr blieb nur Rainer. Diese Erkenntnis frustrierte sie.
»Du blöde Kuh!«, blaffte er sie zornig aus dem Arbeitszimmer heraus an.
Als ob ich etwas für die Umstände kann!
In ihren Gedanken kreisten verschiedene Krimis und Thriller, die sie in der Vergangenheit gelesen hatte. Sogar auf diese schöne Beschäftigung musste sie verzichten; es war zu dunkel dazu und Licht hatten sie keines mehr. Die Taschenlampe war im Auto, das vor dem Haus stand. Ihr war zum Heulen zumute.
Wie lange waren sie nun schon zusammen eingeschlossen? Hatte es jemals zu ihren Wünschen gehört, mit ihrem geliebten Rainer auf einer einsamen Insel oder wochenlang in einem Hotelzimmer eingesperrt zu sein? Zerknirscht gestand sie sich ein, dass das vor langer Zeit zu ihren schönsten Träumen gehört hatte. Natürlich war das der ersten Verliebtheit geschuldet gewesen. Rainer verhielt sich früher auch ganz anders, musste sie einräumen. Damals hatte er sie nie angebrüllt oder beschimpft. Wenn sie jetzt daran zurückdachte, hörte sie seine angenehme Stimme, doch wurde sie vom älteren Rainer überlagert. Die Liebe hatte sich in der Dunkelheit aufgelöst. Oder es kam ihr erst jetzt so richtig zu Bewusstsein.
»Alter Besserwisser, du gehst mir so was von auf den Geist«, murmelte sie, während sie mit dem Fleischmesser das hart gewordene Brot bearbeitete. Mit der Nahrung sah es schlecht aus. Das Zeug aus der Tiefkühltruhe stank in einem Müllbeutel in der Küche vor sich hin. Sie wollte es nicht einmal mehr anfassen, so sehr ekelte sie sich davor. Dann hatte auch noch ein Riss im Beutel dafür gesorgt, dass der Dreck auf den Boden tropfte. Ihre schöne Küche wurde zum Horror. Der Kühlschrank war leer und roch eigenartig. Nudeln brachten nichts, wenn man sie nicht kochen konnte, das gleiche galt für Reis.
»So ein Scheiß auch!« Mit diesem Ausruf warf sie das Messer zornig von sich. Erst traf es das einbruchsichere Fensterglas und landete anschließend mit einem metallischen und lauten Klang auf dem Küchenboden. Danach kam ihr die Stille im Haus noch bedrohlicher vor. Die einzelne Kerze, die fast heruntergebrannt auf dem Esstisch stand, verbreitete ein unheimliches Licht.
War da etwas an der Tür? Ein Schaben, ein Kratzen oder gar ein Klopfen? Ihr Herz raste. Einen Moment setzte ihr Atem aus. Sie lauschte. Aber da war nichts mehr. Was wenn die Rettung schon wieder weg ist? So schnell es ging, rannte sie los und hielt erst an der massiven Haustür an.
»Hallo? Ist jemand da draußen? Können Sie mich hören?«, rief sie, gleichzeitig hämmerte sie mit den Fäusten dagegen. »Helfen Sie uns! Wir sind hier eingeschlossen!«
Die einzige Reaktion war Rainer, der angelaufen kam, sie grob an den Schultern packte und von der Tür wegriss.
»Hör auf, das hat keinen Zweck. Das Haus ist schalldicht isoliert, wir wollten es hier ruhig haben. Hast du das vergessen?«
Tränen traten ihr aus den Augen. Zornig riss sie sich von ihm los und hämmerte erneut gegen die Tür. »Lasst uns hier raus!«
Heftiges Schütteln brachte sie für einen Moment zur Besinnung. Fassungslos schaute sie ihren Mann an.
»Du Riesenarschloch! Tu doch endlich etwas, wo du sonst auch immer alles weißt!«, brüllte sie ihn an, dabei schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. »Tu was!«
Jetzt, wo es nötig ist, tut er gar nichts. Das ärgerte sie. Dazu kam ihre stärker werdende Angst.
Nachdem sie ihn geschlagen hatte, ging Rainer einfach weg. Er sagte nichts und tat nichts, sondern schloss sich in seinem Arbeitszimmer ein.
»Anscheinend genießt du das noch!« Sie schickte ihm eine Reihe Schimpfnamen hinterher, ehe sie schluchzend an der Tür zu Boden rutschte.
Dieses Haus war eine Falle! Nichts anderes. Sie hörte Rainers Schritte. Mal ging er hierhin, mal dorthin. Irgendetwas murmelte er dabei vor sich hin. So sehr sie sich auch anstrengte, was er sagte, blieb ihr verborgen. Wie konnte sie seine tiefe, raue Stimme jemals anziehend finden? Es reichte schon zum Ausrasten, wenn er nur ihren Namen rief. Sie versteckte sich vor ihm, das war bei der Dunkelheit nicht allzu schwer. Rainer musste weg. Er war ein Problem.
Ihre Mutter hatte recht behalten, Rainer ging es nur ums Geld. Sie musste sparen und er protzte nach außen hin. Wenn es nur das wäre. Sie seufzte vernehmlich, biss danach die Zähne fest aufeinander, dabei zogen sich ihre Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Nie wieder würde sie sich ungefragt die Welt erklären lassen! Das war das Schlimmste an ihrer Beziehung. Ich bin klug und brauche keinen Mann, der mir sagt, wo es langgeht. Diese Zeiten sind schon lang vorbei. Kapier das endlich, Rainer!
In ihrem vor Angst umnebelten Hirn keimte ein Plan. Erst waren es nur Mordgedanken, doch jetzt wurden sie konkreter. Rainer tat nichts, um ihr zu helfen. Er hatte sie geschüttelt, ihr wehgetan, nahm ihre Angst nicht ernst. Das musste Konsequenzen haben. Aber das brauchte Zeit. Wenn er nicht mehr war, hatte sie mehr Vorräte und vor allem gehörte dann alles ihr und sie konnte sagen, wo es langging.
Was tut er eigentlich die ganze Zeit in seinem Büro?, fragte sie sich. In ihr wuchs der Verdacht, dass er mit Licht gesegnet war und sie einfach im Dunkeln sitzen ließ. Am liebsten hätte sie sofort gehandelt, aber etwas bremste sie aus.
Ist das nicht wieder diese Stimme? Hannah lauschte. Aus dem Zimmer ihres Mannes drang ein Laut, der entfernt an die Sendersuche eines altertümlichen Radios erinnerte. Ihr Großvater hatte so eines besessen, aber das war lange her. Wieder rauschte es. Neugierig ging sie auf die Tür zu und presste ein Ohr gegen das Türblatt. Als sie die Stimme einer Frau hörte, riss sie die Tür auf und starrte in die Dunkelheit des kleinen Raums. Rainer hatte ein Radio und ihr nichts davon gesagt! Woher hat er es und vor allem die Scheißbatterien? Wo es vorher in ihr nur gekocht hatte, tat sich nun ein loderndes Flammenmeer auf.
»Du mieses Dreckschwein, amüsierst dich hier mit dieser Radiotussi …« Ihre Zurechtweisung verhallte ungehört, denn er unterbrach sie grob.
»Halt die Klappe, eine Regierungsmeldung. Sei ja still!«
Die Worte trafen Hannah wie eine Ohrfeige, das Schweigen war eher Gewohnheit, wenn er etwas befahl. Doch dieses Mal war es besser, dass sie nichts sagte und zuhörte.
»Heute Mittag ließ das Innenministerium mitteilen, dass eine verbindliche Ausgangssperre beschlossen worden ist. Das betrifft auch die Beschaffung von lebensnotwendigen Gütern. Sollten Sie Medikamente oder Lebensmittel benötigen, bittet Sie die Regierung um Geduld. Das Militär ist bemüht, die vorgesehenen Rationen so rasch wie möglich an die Bürger zu verteilen. Bleiben Sie in Ihren Häusern oder Wohnungen, dort sind Sie vor der Strahlung sicher. Die Trinkwasserqualität ist nach wie vor nicht gefährdet. Das Institut für Strahlenschutz und Dosimetrie liefert stündlich neue Daten, bisher zeigt sich leider keine wesentliche Änderung. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass nach dem nächsten heftigen Regenfall die Strahlenbelastung erheblich sinken wird. Wir melden uns wieder zur vollen Stunde.«
Kein Wort über den Blackout. Hannah runzelte die Stirn. Strahlenbelastung, Ausgangssperre, Militär? Fragend schaute sie Rainer an, doch der beachtete sie nicht.
»Wie lange hörst du schon heimlich Radio und verschweigst mir das?«, fragte sie zornig und baute sich vor ihrem Mann auf. Feindselig stemmte sie die Fäuste in die Hüften.
»Das geht dich nichts an. Das ist das alte Ding von deinem Opa, die Batterien waren noch drin. Und jetzt lass mich in Ruhe. Du hast ja gehört, dass der verfickte Blackout noch weitreichendere Folgen gehabt hat. Ich muss nachdenken, also scher dich hier raus!« Mit einer ausholenden Geste wies er zur Tür. Seine Stimme war ein einziges Gewitter, das sie zu gut kannte. Bevor sie ihn ihren Zorn spüren ließ, musste sie ihn in Sicherheit wiegen. Aber für seine Lügen würde er büßen.
Zum Nachdenken ging sie ins Bett. Zumindest wollte sie es. Da waren wieder diese Geräusche, wie ein Schaben an der Haustür. Sie machte kehrt und lauschte. Sobald sie vor der Tür stand, war alles ruhig. Es fühlte sich an wie Watte in den Ohren, eine dumpfe Stille, die nur ihren Herzschlag durchließ. Angst durchfuhr Hannah. Hektisch machte sie kehrt und flüchtete ins Schlafzimmer. Schon wollte sie unter die Decke kriechen, als ihr einfiel, dass sie auch hier nicht in Sicherheit war. Überall haftete der Geruch ihres Mannes. Das Bettzeug stank nach ihm. Hektisch zog sie die Bettwäsche ab und warf sie in eine Ecke. Klirrend landete dabei der Bilderrahmen mit ihrem Hochzeitsfoto auf dem Boden. Da gehört es hin.
Erst nachdem sie alles beseitigt hatte, das sie an Rainer erinnerte, verkroch sie sich ins Bett. Nun musste nur noch ihr Mann weg, dann war sie völlig sicher. Bin ich das wirklich? Ist Sicherheit nicht nur eine Illusion? Was heißt das überhaupt mit der Strahlung? Warum ist plötzlich alles verstrahlt? Sie hatte so viele Fragen, auf die sie keine Antwort wusste. Dann kam ihr etwas anderes in den Sinn und ihre beginnende Verzweiflung wandelte sich in Hass. Was, wenn Rainer das alles eingefädelt hat, damit ich nicht mit meiner Freundin nach Spanien fliegen kann? Sie holte tief Luft. Diese Erkenntnis musste sie erst einmal verdauen. Je mehr sie darüber grübelte, desto passender kam es ihr vor. Das würde ihm ähnlich sehen. Mich hier festzuhalten!
Ihre Gedanken überschlugen sich, während ihr Herz vor Aufregung immer schneller gegen das Brustbein und die Rippen hämmerte.
Keine Minute später fand sie sich in der Küche wieder, das Fleischmesser in der Hand. Zeit zum Überlegen nahm sie sich nicht.
»Abbruch! Beenden Sie es!« Die Stimme aus dem Radio klang verzerrt, hektisch und unwirklich. Was hört Rainer für einen Mist? Dieses Fiasko würde sie jetzt beenden. Sogar der Radiosprecher hatte das gesagt. Verblüfft starrte Rainer das Radio an und bekam erst mit, dass er starb, als das Messer bereits tief in seiner Brust steckte. Im gleichen Moment ging das Licht an, die Rollläden hoch und drei Personen in Schutzanzügen stürmten den Raum.
Die plötzliche Helligkeit blendete sie. Hannah konnte sich keinen Reim auf diese Änderung machen. Ob es etwas mit Rainer zu tun hatte? Ihm habe ich es definitiv gezeigt! Der wird mir nicht mehr sagen, was ich zu tun habe und mich wie eine dumme Kuh behandeln! Nichts anderes als Triumph fühlte sie in dem Moment und ein zufriedenes Lächeln lag auf ihren Lippen.
Jemand berührte sie sanft an der Schulter und führte sie hinaus. Durch die Haustür! Sie ist offen! Hannah konnte es kaum fassen. Der Wind war kalt und unangenehm heftig. Aber da waren Sonne und frische Luft. Einen tiefen Atemzug später fühlte sie sich so befreit wie nie zuvor. Sie lachte und brach es sofort wieder ab. Da war wieder diese fremde Stimme, laut und befehlend. Irgendwie klang sie wie Rainer. »Jetzt hören Sie mal zu! Wir haben hier eine Leiche! Ihre verdammten Sparmaßnahmen haben dazu geführt, dass die Bewohner den Notausstieg nicht finden konnten. Da muss definitiv noch nachgebessert werden und ohne zusätzliche Notstromversorgung geht bei dieser Art Smarthome gar nichts. Am besten … Ja, ich fertige einen Bericht. So können wir das Teil nicht auf den Markt bringen, schon gar nicht in den USA. Natürlich steigt die Wahrscheinlichkeit eines Blackouts, das wissen wir seit Jahren, da hilft … Ich klugscheißere nicht, ich liefere Ihnen Fakten! Und kommen Sie mir nicht mit den Chinesen! Solange wir für den europäischen und amerikanischen Markt … Verdammt, hören Sie mir überhaupt noch zu?«
Hannah schauderte es bei der Stimmlage, die ständig lauter wurde. Sanft, aber bestimmt, wurde sie zu einem Krankenwagen geführt. Doch sie konnte den Mann leider noch gut verstehen. Was sonst um sie herum geschah, bemerkte sie nicht.
»Wir werden weder von den Chinesen noch von den Japanern überholt. Wir punkten mit Sicherheit und bleiben Marktführer! Ich verspreche es. Aber wir brauchen hier einen Putztrupp, einen Bestatter und dann die Arbeiter wegen dem Notausstieg, damit wir das Haus zur nächsten Testreihe freigeben können. Morgen kümmern wir uns zusammen um einen neuen Energieversorger, der aktuelle taugt nichts und ebenso wenig die Solaranlage auf dem Dach … Ich sagte doch, dass wir das morgen machen … Klar, keine Polizei, dafür sorge ich. Wofür halten Sie mich …?«
Hannah konnte nicht mehr verstehen, was weitergeredet wurde. Die Energieknappheit war weltweit zu einem Problem geworden, seitdem es kaum noch mit Benzin oder Diesel betriebene Autos gab. Vielerorts brach die Stromversorgung fast täglich zusammen, wenn die E-Cars pünktlich nach Arbeitsende ans Stromnetz angeschlossen wurden.
Die Tür des Krankenwagens schloss sich hinter Hannah. Leise setzte sich der Wagen in Bewegung. Währenddessen legte ein Arzt eine Venenkanüle in ihren Arm und kurz darauf tropfte eine kühle Flüssigkeit in ihre Adern. Sie wurde müde und schloss zufrieden die Augen.

H. K. Ysardsson ist ein Pseudonym, unter dem die österreichische Schriftstellerin Fantasy und Science-Fiction-Romane schreibt. Unter ihrem realen Namen schreibt sie Lyrik und historische Romane. Grafik und Malen gehören ebenso zu ihren künstlerischen Aktivitäten. Ein Dorf im westlichen Niederösterreich, in dem sie mit ihrer Familie lebt, dient ihr als Ort der Inspiration und gleichzeitig auch als Ruheort. Blühende Obstwiesen im Frühling, sanfte Hügel das ganze Jahr und freundliche Leute, das ist es, was sie dort hält. Ganz unterschiedlich davon sind ihre Bücher geprägt von unerfreulichen Leuten, Themen des Alltags, die sie in entfernte Welten projiziert oder den Dingen, die sie beschäftigen (Menschenrechte, Umwelt, Kriege, Religion …).
Website: https://ysardsson.com/
Facebook: Ysardsson - Schriftstellerin
Instagram: ysardsson
Einsame Sterne
Nikita Vasilchenko
»Die Erde wird sterben.«
Norman Blum schaute durch ein kleines Fenster im Shuttle auf den Blauen Planeten. Seine Frau Stephanie saß neben ihm. Beide waren auf dem Weg zur Raumstation NX-47. Der großartige Anblick der Sterne, der Planeten und der Endlosigkeit der Galaxis raubte ihnen jedes Mal den Atem, obwohl sie es schon so oft gesehen hatten. Gleichzeitig waren sie traurig. Die Milchstraße, ihre eigene Galaxie, würde nie wieder dieselbe sein. Die Zukunft des Planeten lag in den Händen einiger weniger Piloten. Piloten wie Norman und Stephanie. Einem Paar, das seinen einzigen Sohn hatte zurücklassen müssen, um sich auf eine Mission zu begeben, die möglicherweise ihr Schicksal besiegelte.
Stephanie schaute zu Norman und nahm seine Hand. Er wandte seinen Blick von den Sternen ab, um seiner Frau in die Augen zu sehen. Eins war hellblau, das andere grün. Die schönste Mutation, die er jemals gesehen hatte.
»Darum suchen wir eine neue.« Ihre sanfte Stimme konnte Norman immer beruhigen.
Sie und ihr Sohn David waren alles, was er hatte. Er bereute schon, dass er ihn zurückgelassen hatte. David war zwei Jahre alt und wenn ihre Mission erfolgreich sein sollte, würden sie ihn erst wiedersehen, wenn er erwachsen war.
Die anderen würden ihm erzählen, dass seine Eltern Helden seien, auf der Suche nach einem neuen Zuhause, aber das würde ihm nicht reichen. Er würde sie immer dafür hassen, dass sie ihn verlassen hatten. Es wären nur Monate, bis Norman und Stephanie wieder auf ihren Sohn treffen. David würde seine ganze Kindheit lang auf das Wiedersehen warten müssen.
»Autorisation erhalten. Fertig machen zur Landung, Shuttle Nr. 60877.«
Stephanie wandte sich von Norman ab und navigierte zu den Docks.
»Verstanden NX-47. Fertig zur Landung.«
Norman lehnte sich zurück und sah zu, wie sich das Tor zum Hangar öffnete.
Sie waren nun auf der Raumstation. Der erste Schritt war getan.
Das Paar stand vor General Richards in dessen Büro. Ein ausladender Tisch mit Trophäen und Papierkram trennte sie voneinander. Hinter ihnen befand sich ein großes Fenster mit dickem Glas, das die Menschen drinnen vor der Kälte des Alls schützte.
»Sie können sich überhaupt nicht vorstellen, wie dankbar wir für Ihren Einsatz sind.«
Richards war mindestens doppelt so alt wie Norman und das sah man ihm definitiv an. Nicht nur sein Alter war sichtbar, sondern auch die Narben, die er sich im Krieg geholt hatte.
»Und seien Sie unbesorgt. Wir werden uns um Ihren Sohn kümmern. Ich verspreche es.«
Die Eltern nickten ihm zu. Aufgrund seines Alters und seiner Verletzungen konnte der General nicht allzu lange stehen. Er atmete tief durch und setzte sich in seinen Sessel.
»Sehen Sie. Das war Ihre Idee, Ihre Vision, Ihr Traum von Anfang an. Wie Sie sagten, alles ist blanke Theorie. Ich weiß nicht, ob Sie lebend da durch kommen werden. Ich weiß bloß, dass dieser ›Kepler‹-Planet unsere einzige Chance ist, bevor die Invasoren kommen und hier alles den Berg runter geht. Unsere einzige Chance auf eine neue Heimat. Die Berichte der anderen Piloten waren alle negativ. Es gibt keine bewohnbaren Planeten, auf denen die Menschheit langfristig überleben könnte. Somit sind Sie beide und Kepler unsere letzte Hoffnung. Ich zähle auf Sie. Ich und die ganze Menschheit.«
»Wir werden Sie nicht im Stich lassen, Sir.«
Stephanie antwortete dem General, während Norman schwieg. Richards sah zu dem Piloten hinüber, in der Hoffnung, dass dieser ihm dasselbe Versprechen geben würde. Doch Norman mied den Blickkontakt mit dem General.
»Start in 30 Minuten.«
Die KI-Stimme ertönte durch die Raumstation.
Richards sah Norman noch ein paar Sekunden länger an, bis dieser schließlich nickte.
Das »BLUM-Shuttle« war vollgetankt und für das Paar bereit. Norman und Stephanie setzten sich ins Cockpit und bereiteten alles für einen erfolgreichen Start vor. Richards und einige Wissenschaftler standen hinter einer Schutzscheibe und betrachteten das Shuttle. Das Paar legte seine Sicherheitsgurte an und machte es sich auf den Pilotensitzen so bequem wie möglich. Kleine Röhren waren mit ihren Armen verbunden, die sie für die nächsten Jahre am Leben halten würden. Ihr Schlaf würde gleich beginnen. Noch einmal ergriff Stephanie Normans Hand. Aber diesmal war ihr Griff anders. Nicht sanft, sondern hart.
»Fünf.«
Norman hatte das Gefühl, sein Herz würde ihm in den Magen rutschen. Er hasste dieses Gefühl.
»Vier.«
Der Start war der Teil, den er am wenigsten mochte. Er liebte die sanfte Bewegung des Raumschiffes im All, aber alles andere machte ihm Angst.
»Drei.«
»Norman?«
»Zwei.«
»Ja?«
»Eins.«
»Ich will nach Hause.«
Norman sah seine Frau an.
»Start.«
Das Paar wurde in die Sitze gepresst. Die Sterne und Planeten ringsherum wurden zu weißen Pfeilen und Blitzen, als das Shuttle mit Lichtgeschwindigkeit an ihnen vorbeiflog. Die blaue Kryo-Flüssigkeit aus den Röhrchen verteilte sich in den Venen der Piloten. Es dauerte nicht lange, da schliefen beide Hand in Hand ein.
Es war nur ein Blinzeln für Norman und Stephanie, aber auf dem Planeten, den sie verlassen hatten, waren Jahre vergangen. Beide öffneten ihre Augen zur selben Zeit. Das Shuttle hatte sie weit genug gebracht und in der Ferne konnten sie das Tor zu einer anderen Welt sehen. Sie waren noch Millionen Meilen entfernt, aber sie konnten ihr Ziel klar und deutlich erkennen: das Schwarze Loch. Die dunkle Energie war umgeben von den Überbleibseln von Planeten und ganzen Galaxien. Alle Farben waren vertreten. Pink, Gelb, Blau; aber eine Farbe war am präsentesten: Orange. Eine große Lichtsäule ging mitten durch die riesige schwarze Masse. Stephanie und Norman konnten weder den Anfang noch das Ende der Säule sehen. Er streckte sich und fing an, die Displays zu checken. Seine Frau jedoch konnte nicht aufhören, das Phänomen zu betrachten. Norman schaltete den Autopiloten aus und packte den Steuerknüppel. Er hielt ihn so ruhig, wie er konnte. Bei diesem Anblick fiel ihm der Spitzname ein, den ein Wissenschaftler namens Evan Moore dem Wurmloch gab.
»Wir befinden uns schon in dem Gravitationsfeld. Ich hätte nie gedacht, dass wir dem Herzen der Finsternis je so nahe kommen würden.«
Je mehr sie sich dem Schwarzen Loch näherten, umso schwieriger wurde es, das Shuttle zu kontrollieren.
»Steph. Zieh deinen Anzug an. Ich habe das Gefühl, es wird eine Notlandung werden.«
Stephanie schaute immer noch nach vorn, Normans Worte ignorierend.
»Stephanie?«
Sie erwachte aus ihrer Trance, nickte und machte sich auf den Weg zu dem Raum im hinteren Teil des Shuttles, wo vier Anzüge hingen. Sie schlüpfte in einen hinein. Erst war er ihr zu groß, aber dann passte er sich ihrem Körper an. Er war wie eine zweite Haut. Sie nahm den Helm unter den Arm, zog ihre Erkennungsmarken hervor und kehrte zu Norman zurück.
»Los.«
Während Norman seinen Anzug anlegte, betrachtete Stephanie weiter die Finsternis vor ihr. Er kam mit einem Foto ihres Sohnes zurück.
»Norman?«
»Ja?«
Sie schauten weiter nach vorne.
»Stört es dich, dass ich diesen Anblick so sehr liebe?«
Nun drehte sich Norman zu seiner Frau, die genau in das schwarze Auge starrte. Er legte das Foto beiseite und antwortete nicht. Im Moment hatte er andere Dinge im Kopf.
»Was, wenn es zu spät ist?« Stephanie blickte immer noch nach vorne. »Fünfzehn Jahre sind keine lange Zeit. Was ist, wenn wir kein neues Zuhause finden können?«
Plötzlich begann das Shuttle zu vibrieren. Die Gravitation des Wurmlochs wurde stärker. Sie flogen weiter darauf zu, bis die Elektronik versagte und sie von der Kraft des Schwarzen Lochs eingesogen wurden. Das Licht eines weit entfernten Sterns erlosch und die beiden fanden sich in totaler Finsternis wieder. Ein kalter Schauer lief Norman den Rücken hinunter, gefolgt von Gänsehaut und Tränen. Dieses Gefühl. Beunruhigend. Verstörend. Sie konnten nichts hören. Sie befanden sich in totaler Stille und Finsternis. Es war nicht ganz das, was sie erwartet hatten. Es war nicht viel anders, als wenn ihr Shuttle in der Schwerelosigkeit des Alls schweben würde.
»Dada!«
Eine kindliche Stimme ertönte hinter Stephanie und Norman. Beide reagierten nicht. Absichtlich.
»Mama! Dada!« Langsam drehte Norman den Kopf nach rechts und hielt den Atem an.
Ihr Sohn David saß auf der anderen Seite des Cockpits und lächelte sie an. Ein süßes, unschuldiges Lächeln. Norman drehte seinen Kopf nach vorn und blickte in die Finsternis.
»Du siehst ihn auch, oder?« Norman nickte vorsichtig. Stephanies Augen wurden nass.
»Norman. Ich habe Angst. Ich habe Angst, meinen Sohn anzusehen.«
»Mama!« Norman antwortete ihr leise.
»Ich auch.«
Beide schauten weiter geradeaus, als sie hörten, wie David auf sie zu krabbelte.
»Ich habe mein Leben lang auf die Wissenschaft vertraut. Ich glaube nicht an Übernatürliches oder an eine höhere Macht, die von oben auf uns herabsieht. Aber eines weiß ich mit Sicherheit.«
Stephanie schaute zu ihrem Mann hinüber. Er bewegte sich in ihrem Augenwinkel. Wie ein Schatten, der immer näher kam. Ein sehr kleiner Schatten. Der Schatten ihres Sohnes. Eine Träne rannte über Stephanies Wange, als Norman weitersprach.
»Es gibt Orte, an denen wir nicht sein sollten. An denen kein Mensch sein sollte.«
»Mama! Dada!« David krabbelte schneller. Stephanie weinte. Norman nahm ihre Hand.
»Egal, was passiert, dreh dich nicht um.« David würde sie jede Sekunde erreichen.
Beide schlossen ihre Augen und drückten sich tiefer in ihre Sitze, als das Krabbeln plötzlich aufhörte. Eine weitere Minute lang wagten sie nicht, sich zu bewegen, dann öffneten sie die Augen. Schweiß lief ihnen die Stirn hinab. Vorsichtig drehte Norman sich um und sah den leeren Bereich hinter ihnen. David war fort. Die Gänsehaut verschwand und er beruhigte sich.
»Norman.« Stephanie flüsterte. Norman sah sie an und sein Herz begann von Neuem heftig zu schlagen. David kletterte auf Stephanies Schoß und spielte mit den Erkennungsmarken an ihrem Hals.
»Norman.« Eine weitere Träne lief über ihre Wange. »I… Ich kann seine Hände spüren. Sein Gewicht auf meinem Schoß. Warum passiert das?«
Norman konnte sich nicht rühren. Seine Hände waren kalt und nass.
»Ich weiß es nicht. Es tut mir leid.«
Plötzlich stürzte das Shuttle ab. Als würde ein Stein von einer Klippe hinuntergeworfen werden. Norman und seine Frau wurden nach oben gedrückt, aber die Gurte hielten sie in ihren Sitzen. Adrenalin schoss durch ihre Körper. Es drehte ihnen die Eingeweide um und beide verspürten einen heftigen Brechreiz. Sie schrien und hofften auf ein schnelles Ende, aber egal wie laut sie waren, sie konnten das Weinen ihres Sohnes nicht übertönen.
Norman schnappte noch einige Augenblicke nach Luft, bevor er wieder normal zu atmen begann. Er lag auf dem Rücken und sah in den weißen Himmel über ihm. Das Letzte, woran er sich erinnern konnte, war das abstürzende Shuttle. Er konnte Meeresrauschen hören und nahm einen komischen Geruch wahr. Er war nicht eklig, nur undefinierbar. Norman erhob sich und schaute geradeaus. Dieser Ort sah aus wie ein Strand. Der Sand hatte eine dunkelblaue Farbe und die Dünen, die sich vor ihm erstreckten, schienen unendlich. Norman berührte den blauen Sand. Er konnte ihn durch die Handschuhe hindurch nicht fühlen, aber er sah genauso aus wie der Sand auf der Erde. Dieselbe körnige Struktur. Dann betrachtete er das Meer zu seiner Linken. Es war weiß. Weiß wie Milch und weiß wie der Himmel über ihm. Dann sah er es. Er sah ihr Shuttle im Wasser treiben und es sank.
»Steph!« Er rannte zum Wasser, sprang hinein und schwamm, so schnell er konnte.
Das Shuttle war jetzt komplett unter Wasser. Norman atmete tief ein und tauchte ab. Zu seiner Überraschung konnte er in dem weißen Meer gut sehen. Die Tür fehlte und die Flüssigkeit füllte bereits das ganze Raumschiff aus.
Er schwamm hinein und weiter zu seiner Frau, die immer noch an den Sitz gegurtet war. Sie sanken immer schneller. Er durchschnitt den Gurt, packte sie und bewegte sich zum Ausgang. Für einen Moment dachte er, er hätte Davids kleinen Körper im Cockpit gesehen. Er war sich nicht sicher und wollte es auch nicht herausfinden. Er drückte sich vom Shuttle weg und versuchte mit Stephanie in seinen Armen, an die Oberfläche zu gelangen.
Während er sie hielt, sah er hinab auf den Meeresgrund. Seine Augen weiteten sich, als er erkannte, was da unten lag. Etwas, das er nicht erklären konnte. Das Shuttle war auf anderen Raumschiffen gelandet. Da waren Tausende und sie bedeckten bereits den ganzen Meeresboden. Manche sahen alt und zerstört aus, während andere genau ihrem eigenen Shuttle glichen. Dann sah Norman es, er sah die Ähnlichkeit all dieser Raumschiffe. Alle hatten den Name BLUM auf der Seite aufgedruckt. Jedes einzelne davon war ihr Shuttle.
Als wären er und seine Frau hier schon früher gelandet. Mehr als ein Mal. Es spielte keine Rolle, was hier passierte oder was sich im Inneren der Shuttles auf dem Meeresgrund befand. Er musste seine Frau retten.
Norman brauchte Luft, er war schon viel zu lange unter Wasser. Er drückte Stephanie an seine Brust und schwamm auf das Licht zu. Als sie endlich an der Oberfläche waren, rang er nach Luft. Er legte sie auf den blauen Sand und fing an, auf ihre Brust zu drücken.
»Eins. Zwei. Drei.« Er legte seinen Kopf auf ihre Brust und hoffte auf einen Herzschlag. Nichts passierte und er versuchte noch einmal, sie zurück ins Leben zu holen. Er öffnete ihren Mund, presste seine Lippen an ihre und blies hinein.
»Bitte. Bitte, wach auf!« Nichts passierte, so sehr er es auch versuchte. Er fing an zu weinen. »Bitte!«
Nichts. So sehr er sie auch retten wollte. So sehr er es versuchte. Es gab keine Hoffnung mehr. Die Gravitation, der Sturz oder die Flüssigkeit hatte sie getötet. Norman nahm den Leichnam in seine Arme und küsste sie auf die Stirn. Sein Körper zitterte, seine Brust schmerzte. Er schloss seine Augen.
»Steph. Es tut mir leid.«
Die Tränen auf Normans Wangen waren getrocknet. Seine Frau hielt er nach wie vor in den Armen. Sein Blick war in die Ferne gerichtet. Hinter ihm war das Meer und vor ihm ein meilenlanger Strand mit einem Wald. Wenigstens waren die Bäume grün, das Einzige auf diesem Planeten, das Norman an seinen Heimatplaneten erinnerte. Er glaubte nicht, dass dieser Planet zur neuen Heimat der Menschheit werden würde. Doch er hoffte trotzdem, dass Stephanie nicht umsonst gestorben war. David wartete auf die Rückkehr seiner Eltern. Die komplette Menschheit wartete auf ihr Zeichen. Er musste sie wissen lassen, ob dieser Ort bewohnbar war oder nicht. Er hörte auf, darüber nachzudenken, als er den Leichnam eines kleinen Kindes nicht weit von ihm entdeckte. Er betrachtete die Leiche von Nahem. Es war David.
»Ach, komm …« Ironie lag in Normans Stimme, als er sich umdrehte und wieder zum Wald schaute.
Er hatte jetzt nur eine einzige Aufgabe: Er musste überleben. Vielleicht würden die anderen ihnen folgen und auch wenn er Jahre auf ihre Ankunft warten müsste, hatte er im Moment keine andere Option. Noch einmal betrachtete er David und sah einen weiteren kleinen Körper, nicht weit entfernt. Er war irritiert. Irritiert und schockiert von dem Anblick. Sanft bettete er Stephanie auf den Sand, erhob sich und ging zu dem Leichnam. Es war zu schmerzvoll für ihn, den Kleinen direkt anzusehen. Der Tod des eigenen Kindes, war einer seiner schlimmsten Albträume. Er ging zur nächsten Leiche und sah, dass es dasselbe kleine Kind war. Zwei Davids? Norman wusste nicht mehr, was er glauben sollte. War er wirklich auf diesem Kepler-Planeten? War das die Hölle? Er dachte weiter darüber nach, als er an der zweiten Leiche vorbeilief und dann weitere tote Kinder sah. Es war eine Leichenspur, die sich den Strand entlangzog. Er betrachtete jede einzelne Leiche. Es war David. Zehn. Zwanzig. Dreißig. Er folgte der Spur, bis er stehen blieb, in den Sand fiel und zu erbrechen versuchte. Es kam nichts aus seinem Körper heraus, sein Magen war leer. Vor ihm lag ein Leichenhaufen. Hunderte Körper.
»Was? Warum?« Norman stand auf und schrie. »Warum? Was zur …?«
Norman trat einige Schritte zurück und schaute aufs Meer. Der Gestank war schrecklich. Es stank nach verdorbenem Fleisch und Tod. Nichts ergab Sinn, nichts davon. Die Wellen berührten seine Schuhe und als sie sich zurückzogen, legten sie einen menschlichen Schädel frei, der im Sand begraben gewesen war. Norman schaute auf den Schädel. Was geschah hier? Er wusste nicht, wo er war, aber es war nicht der Kepler-Planet, den sie suchten. Er konnte es nicht sein.
Norman wurde bewusst, dass er in seinem ganzen Leben noch nie so einsam war. Er war ganz allein auf diesem Planeten. Einem Planeten mit blauem Sand, einem weißen Meer und Luft zum Atmen. Er wandte sich um und wollte zu seiner Frau zurückkehren, als er plötzlich jemanden in der Ferne entdeckte. Er konnte nicht erkennen, wer es war. Es war eine Silhouette. Die Silhouette eines Mannes. Komplett dunkel und in schwarz gekleidet. Wie ein Schatten.
»Hey!« Norman schrie und rannte auf die Person zu. »Hey, helfen Sie mir! Bitte!« Norman rannte, so schnell er konnte, aber die Person kam nicht näher.
Er blieb stehen und die Silhouette bewegte sich auf den Wald zu. Aber ihr Gang passte nicht zur Geschwindigkeit. Es war, als würde sie auf den Wald zu rennen, aber sie bewegte ihre Füße kaum. Der Anblick war verstörend. Normans Gehirn konnte nicht verstehen, was er sah. Die Person lief nicht, sie schwebte oder flog eher auf das Meer aus Bäumen zu. Spielte sein Gehirn ihm einen Streich nach all dem, was er gesehen hatte?
Wer auch immer dieser Mann war, er war der Einzige, abgesehen von Norman, auf diesem Planeten. Die Person verschwand im Wald und Norman folgte ihr. Als er den Strand verließ, konnte er etwas hinter sich hören. Er drehte sich um, um die Quelle des seltsamen Geräuschs auszumachen. Eine riesige Kreatur kam aus dem weißen Wasser. Sie sah aus wie ein Buckelwal, aber ihre Augen waren totenbleich und Narben bedeckten ihren gesamten Körper. Das Monster hatte winzige Arme und Beine, so winzig, dass es eigentlich keine Chance hatte, aus dem Wasser herauszukommen.
Dieses Ding wollte fressen und all die kleinen Davids waren die perfekte Beute. Es fing an, den Leichenberg zu verschlingen, und färbte den blauen Sand rot. Normans Herz schlug so wild, dass er Angst hatte, es würde jeden Moment herausspringen. Er presste seine Hand auf die Brust, schloss die Augen und drehte sich um. Er versuchte, die Geräusche auszublenden, die dieses Monster verursachte. Er bewegte sich immer schneller auf den Wald zu. Er öffnete seine Augen und rannte los, den Strand mit der Kreatur zurücklassend.
Zwischen all den Bäumen fühlte Norman sich, als wäre er zurück auf der Erde. Der Dreck unter seinen Füßen, die Blumen und Pflanzen. Sogar die Temperatur und der Geruch erinnerten ihn an den Regenwald im Amazonas. Er konnte die Person in Schwarz nicht sehen und lief ziellos zwischen den Bäumen und Büschen umher.
Er konnte nicht sagen, wie lange er durch den Wald marschiert war, aber es mussten Stunden gewesen sein. Sein vormals weißer Raumanzug war schmutzig und gräulich, als er schließlich in ein Tal voll mit Raumschiffen kam. Sie sahen uralt aus. Manche waren verrostet oder fielen auseinander. Andere hingegen sahen aus, als könnte man sie noch benutzen. Norman fiel sofort das Material dieser Raumschiffe auf. Gemacht aus einem Metall, welches nur auf dem Mars zu finden war.
Norman stand da und schaute über das Tal. Es sah aus wie ein Friedhof für Raumschiffe, vor langer Zeit verlassen. Woher kamen sie? Doch die Antwort auf seine Frage, fand er einige Momente später. Obwohl es mit Moos bedeckt war, erkannte er das Symbol an einem der Raumschiffe. Es war das Symbol der Allianz. Sie stammten nicht von Außerirdischen. Menschen hatten sie hergebracht.
Er lief zwischen den Schiffen umher und sah sich um. Hunderte von Shuttles waren hier gestrandet. Sie waren viel weiterentwickelter als sein Shuttle und so groß, dass mehrere tausend Menschen in ein einziges Schiff passten.
Plötzlich erinnerte er sich, wo er jene Raumfahrzeuge zuvor gesehen hatte. Er erinnerte sich an die Zeichnungen und Bilder von Prototypen. Norman hatte nur eine Vermutung. Sie waren wahrscheinlich gebaut worden, nachdem er und seine Frau die Erde verlassen hatten. Aus irgendeinem Grund waren sie jedoch früher als Norman und Stephanie auf dem Planeten angekommen. Viel früher.
Er sah sich weiter im Inneren der Shuttles um, auf der Suche nach Antworten, aber er fand nur Pflanzen und Skelette darin. Die Schiffe aus dem Mars-Metall waren in einem viel besseren Zustand. Vielleicht waren ihre Brennstoffzellen stark genug, so dass er eins davon nehmen und von diesem Planeten fliehen konnte.
Er lief weiter zwischen den eisernen Riesen umher und fand ein viel kleineres Shuttle mit einer Inschrift. Es war das Shuttle von einem Private Blum. Es sah nicht so stark beschädigt aus wie die anderen. Norman spähte hinein, konnte aber nur ein weiteres Skelett sehen, das einen Raumanzug trug. Er ging hinein. Er kniete nieder und sah sich die Erkennungsmarken des toten Mannes an: David Blum.
Norman setzte sich und betrachtete die Überreste. Auch auf dem Raumanzug war der Name seines Sohnes. Er war David. Er wusste nicht, was er im Shuttle oder am Strand gesehen hatte, aber dies war sein Sohn. Sein toter Sohn. Er sah auf den Schädel. In die schwarzen Augenlöcher, auf die fehlenden Zähne und dann auf seine Finger. Er hielt etwas in seiner linken Hand.
Norman berührte das merkwürdige Objekt und es schaltete sich von selbst ein. Ein holografischer Bildschirm ploppte zwischen ihm und dem Skelett seines Sohnes auf. Davids Gesicht erschien auf dem Schirm. Die Aufnahme zeigte ihn in seinen frühen Zwanzigern. Er hatte dasselbe lange braune Haar und denselben Gesichtsausdruck wie sein Vater, aber er hatte die Augen seiner Mutter. Ein blaues, ein grünes.
»Dad.«
Zum ersten Mal in seinem Leben hörte Norman die echte Stimme seines Sohnes. Sie klangen fast identisch.
»So viel Zeit ist vergangen. Sie kamen viel früher an als erwartet. Wir verloren den Krieg gegen die Tar´Tian und nach Jahren der Sklaverei konnten wir mit der Hilfe des Widerstandes tausende Menschen evakuierten. Die anderen Planeten waren nicht bewohnbar oder schon überrannt worden, also hatten wir keine andere Wahl, als euch zu folgen. Lieber der Tod im All, als die Sklaverei auf der Erde. Wir strandeten hier vor Monaten. Wir können hier nichts anbauen. Der ganze Ort ist verfault. Das Meer ist gefährlich und voller fleischfressender Kreaturen. Aber das Schlimmste von allem …« Es war schwer für David, darüber zu sprechen. Norman konnte es in seinen Augen sehen. »Alle Frauen starben. Sie starben bei der Notlandung. Alle Frauen und Kinder. Dein Enkel.« David hielt die Tränen zurück und fuhr dann fort. »Und dieser Mann. Der Mann im schwarzen Mantel. Es könnte Gott sein. Vielleicht haben wir ihn gefunden. Oder er ist nur ein weiterer Außerirdischer aus einer anderen Galaxis. Wir wissen es nicht. Er spricht nicht mit uns. Er hilft uns nicht. Er ist bloß da. Er sieht nur zu.«
Ein Schauer rannte Norman den Rücken hinab. Der Mann war keine Einbildung von ihm. Er war da, er war real. Er sah wahrscheinlich jetzt gerade zu und Norman konnte nichts dagegen tun.
»Es gibt nur zwei Dinge, die ich mit Sicherheit weiß. Ich weiß, dass du noch lebst. Wir haben dein Schiff nie gefunden, weil du noch nicht gelandet bist. Ich hoffe, dass dieses Video dir helfen und gleichzeitig eine Warnung sein wird. Wir haben noch ein Wurmloch gefunden. Du findest die Koordinaten im Cockpit. Einige von uns versuchten, durch das Schwarze Loch zurückzukehren, aber ich glaube, dass es niemandem gelungen ist. Ich hoffe, du hast mehr Glück. Ansonsten gibt es nichts weiter in dieser Galaxis. Keine anderen Planeten, wo wir hingehen könnten. Keine Chance zu überleben.« David nahm die Kamera runter, um die Aufnahme zu beenden, aber dann fiel ihm noch eine Sache ein. »Ich weiß nicht, warum wir hier sind. Warum wir überhaupt am Leben sind. Dieses Leben hat keine Bedeutung. Ich weiß nicht, warum wir überhaupt existieren. Seit unserer Landung habe ich alles gesehen, wozu ein menschliches Wesen in der Lage ist. Mord. Vergewaltigung. Tausende von Leichen. Tote Kinder am Strand. Die Menschheit verdient es nicht zu überleben.«
David hielt kurz inne. Sein Blick ging zuerst runter, doch dann wendete er sich wieder der Kamera zu. Ein Blick, den Norman zu deuten wusste. Der Blick eines Mannes, der mit allem fertig war.
»Also …«
David zog eine Pistole und schoss sich in den Mund.
Norman schloss die Augen und hielt seine Hand an die Stirn. Jetzt verstand er, warum hier so viele Skelette herumlagen. Der Wald musste voller Leichen sein, begraben unter Matsch und Pflanzen. Er blieb einige Minuten neben dem Skelett seines Sohnes sitzen. Was blieb ihm auch anderes übrig? Immer wieder spielte er Davids Worte in seinem Kopf ab. Norman konnte auf diesem Planeten nicht überleben, niemand könnte es. Doch was liegt da oben? Was liegt da oben jenseits des weißen Himmels? Sie alle waren gestorben, aber Norman würde hier nicht den Tod finden. Er würde eher beim Versuch, durch das Schwarze Loch zu entkommen, sterben, als sich selbst das Leben zu nehmen. Er stand auf, setzte sich nach vorne und startete das Shuttle. Obwohl das Raumschiff neu für ihn war, so verfügte es doch über denselben Steuerungsmechanismus, der beim Bau seines Shuttles verwendet wurde. Überraschenderweise hob das Raumschiff seines Sohnes ab.
Norman sah noch ein letztes Mal hinab und erblickte den Mann im schwarzen Mantel, der ihn direkt anstarrte. Er bewegte sich nicht, schien noch nicht einmal zu atmen. Er schaute nur. Norman hatte keine Ahnung, wer er war, aber falls dieses Ding wirklich Gott war, wollte er ihn für immer hinter sich lassen.
Als er weit genug oben war, konnte er das grüne Meer aus Bäumen sehen, das den Großteil des Planeten zu bedecken schien. Norman machte sich bereit für die Heimreise. Das Shuttle stieg weiter. Er flog durch den Regen und die Atmosphäre zurück ins All. Er war erleichtert, die Sterne und die Finsternis der Galaxis wiederzusehen. Hinter ihm lag der Planet, der ihm so viel Schmerz bereitet hatte. Es sah aus wie ein Planet, aber es hätte genauso gut die Hölle sein können. Er checkte die Koordinaten und brauchte nur ein paar Stunden, um das Tor zu seiner Vergangenheit zu erreichen. Er hatte noch nie einen Planeten gesehen, der so nah an einem Schwarzen Loch lag. Er konnte nicht erklären, was er da unten gesehen hatte. Was am Strand passiert war. Nichts davon sollte existieren, nichts davon war wissenschaftlich zu erklären. Doch er konnte sich nicht ablenken lassen, er musste zurückkehren.
Norman sah die vor sich liegende Finsternis und war bereit, erneut in sie einzutauchen. Egal, wer diesmal im Cockpit erschien, er würde sich nicht ablenken lassen. Er würde zur Erde zurückkehren und seinen Sohn retten. Er kam näher an das Phänomen heran, und wieder hörte das Raumschiff auf zu funktionieren, während die Gravitation ihn in die unendliche Finsternis hineinzog. Norman machte es sich auf dem Sitz bequem und schloss die Augen. Es war vollkommen ruhig und das Einzige, was er hörte, war sein eigener Herzschlag.
Nach ein paar weiteren Sekunden, Minuten oder Stunden, Norman konnte es nicht sagen, begann das Shuttle zu vibrieren. Das Schiff flog hoch. Norman wurde in seinen Sitz gedrückt. So viele unbeantwortete Fragen kreisten in seinem Kopf herum. Warum war sein Sohn im Shuttle? Warum hatte er sich nicht selbst getroffen, wenn da so viele Shuttles auf dem Meeresgrund lagen?
So sehr er es auch versuchte, er würde nie eine Erklärung für all das, was passiert war, finden. Er schloss seine Augen und verstand, dass er keinen Einfluss hatte auf das, was in den nächsten Minuten geschehen würde. Entweder würde er überleben oder hier sterben. Manchmal war es so einfach.
Norman erwachte und bemerkte neben einem schrillen Geräusch ein rotes Licht über seinem Kopf. Er schaute nach vorn und sah den Mond. Den Erdenmond. Er war überglücklich, etwas Bekanntes zu sehen, aber ihm war klar, dass er schnell handeln musste. Er betätigte die Notbremse und versuchte, das Shuttle zu verlangsamen. Aber es war zu spät, er war schon zu nah an der Mondoberfläche. Das Schiff krachte auf den Boden und prallte leicht ab, knallte erneut auf den Boden und prallte wieder ab. Schnell betätigte Norman die Gravitationsanlage des Schiffes. Er klappte das Fahrwerk aus und das Shuttle setzte schließlich auf der Oberfläche auf. Er atmete tief durch und lächelte verhalten. Er war zu Hause.
Er kontrollierte den Treibstoff im Shuttle. Es war nichts mehr übrig. Er konnte weder die Raumstation noch die Erde erreichen. Nun saß er zunächst einmal auf dem Mond fest. Norman schaute nach vorn, konnte allerdings nur einen hohen Berg ausmachen, der ihm die Sicht nahm. Er setzte einen Notruf ab, zog den Raumanzug und den Helm an. Sobald er drinsteckte, konnte er auf dem kleinen Bildschirm, der sich in dem Helm befand, seinen Pulsschlag sehen und wie viel Luft ihm noch blieb. Er war froh darüber, wie weit die Technologie nach ihrer Abreise vorangeschritten war und dank ihm würde sie sogar noch weiter fortschreiten. Er hatte es getan, er war durch das Schwarze Loch zurückgekehrt und konnte die Vergangenheit ändern, um die Zukunft Tausender Menschen zu retten. Er musste alle vor den Schrecken warnen, die ihnen auf dem Kepler-Planeten begegnen würden.
Er öffnete die Tür und sprang hinaus. Der Anzug passte sich der Umgebung an und schützte ihn vor der kalten Atmosphäre des Alls. Er sah sich um, auf der Suche nach der Erde, aber er konnte den Planeten nicht finden. Die Erde musste hinter dem Berg liegen.
Er tat den ersten Schritt und erinnerte sich daran, wie angenehm es war, auf dem Mond zu laufen. Er fühlte sich so leicht und frei, während er einen Schritt nach dem anderen machte. Es schien, als flöge er über die Oberfläche. Norman kletterte den Berg hinauf und lächelte. Es war das erste positive Gefühl, das er seit Beginn dieser Reise hatte. Gleich würde er die Erde wiedersehen. Das blaue Meer und die gelben Dünen. Die letzten Schritte waren schwer, aber er kam voran. Er würde jeden Augenblick den Gipfel erreichen.
Er schob sich hoch und stand auf dem Berggipfel. Er stand fest auf seinen Füßen und schaute nach vorne. Seine Augen waren weit geöffnet und er blinzelte nicht. Er lächelte wieder. Doch die Werte in seinem Helm verschlechterten sich drastisch. Seine Herzfrequenz war dabei zu explodieren und er atmete schneller. Er atmete, als ob er keine Luft mehr bekäme. Er schaute auf ein Meteoritenfeld. Norman hoffte, dass er woanders gelandet war. Vielleicht in der Andromeda-Galaxie oder einem Ort, der wie die Milchstraße aussah. Doch das war nicht der Fall. Er war am richtigen Ort, aber zur falschen Zeit. Er hatte diese Galaxie vor der Invasion verlassen. Nun kam er viel zu spät. Millionen von Jahren zu spät. Es war definitiv die Milchstraße und bei dem Meer aus Steinen vor ihm handelte es sich um die Überreste des Planeten, den er einst als sein Zuhause bezeichnet hatte. Es war kein Meteoritenfeld. Es war die Erde. Er war allein.
ENDE

Nikita Vasilchenko wurde am 03.08.1994 in Tashkent, Usbekistan geboren. Im Jahre 2000 kam er mit seinen Eltern nach Deutschland und lebte zunächst in Oberhausen. Nach dem Abitur im Jahre 2013 begann er sein Studium an der Macromedia University of Applied Sciences in Köln. Dort studierte er Film & Fernsehen mit dem Schwerpunkt Drehbuch und Regie. Eins seiner Drehbücher namens »Seoul Trinity« wurde auf diversen internationalen Festivals in der Kategorie »Best Short Script« nominiert und ausgezeichnet. Nach seinem Bachelor of Arts im Jahre 2017 arbeitete er an diversen Filmsets, unter anderem bei Filmen wie »High Life« mit Robert Pattinson oder »Annette« mit Adam Driver und Marion Cotillard.
Zugriff
Silvia Krautz
»Es geht gleich los!«, flüsterte Tim ihm über Funk ins Ohr.
Erik sah von seinem Pad auf. Er hasste die Warterei auf den Startbefehl. Besonders heute tat er das, denn dies würde ihr wichtigster Einsatz sein. Aber falls alles gut ging, dann war es ihr letzter.
Seine Partnerin Linda verzog das Gesicht.
»Das hast du uns schon zweimal gesagt, Tim. Aber jedes Mal ist einem der Konferenzteilnehmer ein weiteres Schlusswort eingefallen, das im Grunde keinen interessiert.«
»Wohl wahr«, murmelte Erik. Die Stimme in seinen Ohrstöpseln schwieg. Erik wechselte einen Blick mit Linda und stellte sich darauf ein, noch weitere Minuten voller innerer Anspannung in der winzigen Abstellkammer zu verbringen. Mit einem leisen Seufzen schaute er wieder auf das Pad und verfolgte die Live-Übertragung aus dem Konferenzsaal.
In Eriks Ohr rauschte es. Dann hörte er wieder die Stimme ihres Koordinators: »Die Reden sind vorbei. Zielperson Eins schüttelt die letzten Hände und begibt sich mit ihrem Wachpersonal zu den Autos. Zielperson Zwei nimmt noch ein paar Verbeugungen entgegen und – ja, sie geht jetzt auch.«
Erik hörte, wie Tim tief Luft holte. Vermutlich schlug Tims Herz gerade genauso schnell wie sein eigenes. Er drehte den beiden Präsidenten, deren Eskapaden ihn nur noch anwiderten, Bild und Ton ab und verstaute sein faltbares Pad in einer Anzugtasche.
»Ihr wisst, was von euch abhängt, Leute. Ich wünsche euch alles Glück, das ihr kriegen könnt! Lasst euch nicht schnappen, während ihr den Lauf der Geschichte verändert! Team Eins, Team Zwei – es geht los!«
Erik erhob sich gleichzeitig mit Linda, die ihn breit angrinste.
»Dann treten wir ihnen mal gehörig in den sprichwörtlichen Arsch!«
Ein erwartungsvolles Gefühl löste das entnervende Warten ab. Routiniert zog Erik sich den elastischen Helm über, schloss am Hals die Kontakte zum Ganzkörperanzug und schaltete die Datenbrille vor seinen Augen live. Funkverbindung, Elektro-Stunner, ein letzter Check des Anzugnetzes, von dessen Funktionsfähigkeit alles abhing. Er drehte sich zu Linda um.
»Fertig? Dann los!«
Erik holte tief Luft und schaltete die Modulatoren ein. Es kribbelte eine Sekunde lang wie eine Schar Ameisen auf seiner Haut. Dann löste er sich in Luft auf. Neben ihm verschwand Linda. Nur die Umrissanzeige auf der Datenbrille zeigte ihren Standort an.
Erik nahm Verbindung zur Kamera draußen im Flur auf. Sie projizierte ihr Bild direkt vor seine Augen. Erik sah den Gang ruhig und leer im Halbdunkel liegen. Ein Stockwerk unter ihnen schob ein Hotelangestellter einen defekten Reinigungsroboter in den Fahrstuhl. Die anderen Kameras, die sich auf ihrer geplanten Route befanden, meldeten keinerlei Schwierigkeiten.
Erik öffnete die Tür. Auf Sohlen, die jedes Geräusch bis zur Unhörbarkeit dämpften, traten sie auf den Flur hinaus.
›Ich hoffe, Takeos Team bekommt für diese Erfindung einmal den Nobelpreis.‹
Die Unsichtbarkeits-Modulatoren, die über seinen Ganzkörperanzug verteilt waren, vibrierten kaum merklich. Trotz des intensiven Trainings war es für ihn immer noch ein eigenartiges Gefühl, seine federnden Schritte zwar zu spüren, aber nicht mehr zu sehen, was seine Füße taten. Dass er Linda nur als Umriss auf seiner Datenbrille neben sich herlaufen sah, verstärkte dieses Gefühl. Zwei Einsätze hatte er jetzt hinter sich, aber richtig daran gewöhnen konnte er sich bisher nicht.
Unbehelligt erreichten sie die Treppe. Erik musterte die Personenschützer, die auf jeder Etage am Treppenaufgang und vor den Fahrstühlen standen. Mit stoischen Mienen behielten sie ihre Umgebung im Auge. Er lobte in Gedanken den zweiten Nobelpreis aus, diesmal für Walids und Iras Firma, der sie die speziellen Schuhsohlen verdankten. Und einen dritten für Helge und Jerome, die ihre Körper auch für Wärmebildkameras unsichtbar gemacht hatten.
Linda hielt sich direkt hinter Erik, während er die Stufen hinabging. Wie ruhig es hier oben war. Das Nobelhotel, in dem Zielperson Eins, der Präsident des amerikanischen Nordkontinents, residierte, konzentrierte seine ganze Aufmerksamkeit im Moment auf die Empfangshalle. Erik hörte von unten Stimmen und Gläserklirren. Das Summen der Videodrohnen, die sich bei der Ankunft des Präsidenten wie ein Schwarm Insekten auf ihn stürzen würden, dachte er sich dazu.
Auf der linken Seite seiner Datenbrille leuchtete ein kleiner grüner Punkt auf.
Erik lächelte. Auf der anderen Seite dieses Gebäudes war soeben Team Zwei in Aktion getreten. Jake und seine beiden Bodyguards hatten die Wartezeit in einer ähnlich winzigen, verborgenen Kammer verbracht. Jetzt befanden sie sich auf dem Weg zu ihrer Position, unsichtbar wie Linda und er.
Grellrot blinkte die Gefahrenanzeige in Eriks Gedanken hinein.
Gleichzeitig startete im unteren Teil seines Gesichtsfelds eine Kameraübertragung. Eine Tür klappte auf. Eine Dame im Blazer trieb einen verschüchtert aussehenden jungen Mann, der eine Videodrohne in den Händen hielt, auf den Flur hinaus. Die Stimme der Frau, die aus dem Stockwerk über ihnen erklang, hallte durch die Einspielung doppelt in Eriks Ohren wider: »Praktikanten! Nie wieder Praktikanten! Wenn das Ding jetzt nicht funktioniert, dann war das dein letzter Tag in unserem Sender!«
Der junge Mann bog mit rotem Kopf um die Ecke und stolperte eilig die Treppe hinunter. Erik und Linda drückten sich rasch zu beiden Seiten an Geländer und Wand, um ihn vorbeizulassen. Bei der Blazerdame war das schon schwieriger. Immer noch schimpfend warf sie die Arme in die Luft und hätte Erik dabei fast eine Ohrfeige verpasst. Im letzten Moment zog er den Kopf ein und duckte sich unter ihrer Hand weg.
Die Bodyguards auf diesem Treppenabsatz blickten dem ungleichen Paar kurz hinterher und erlaubten sich ein amüsiertes Grinsen. Erik ging ruhigen Schrittes an ihnen vorbei, das übliche nervöse Gefühl im Nacken, und lief weitere zwei Stockwerke die Treppe hinab.
»Präsidenten-Suite« verkündete ein blankgeputztes Schild am Treppenaufgang. Doppelter Wachschutz, helle Beleuchtung – und eifriges Hantieren in einem der Zimmer, dessen Tür offenstand. Erik trat in eine Nische, in der man nicht im Weg herumstand. Linda folgte ihm. Beide äugten in alle Richtungen. Er schaltete sich mit einem Blinzeln auf die nächstgelegene Hotelkamera auf.
In der Präsidenten-Suite waren die letzten Vorbereitungen im Gange. Eine Frau vom Hotelmanagement kontrollierte Bar und Schränke, eine andere zupfte die schweren Gardinen in Form. Zwei Angestellte fuhren einen Rollwagen mit Bettzeug aus dem Zimmer.
Sie ließen die beiden vorbei. Dann beugte sich Lindas Umriss ein wenig vor und winkte Erik, ihr zu folgen. Er schloss sich ihr nach einem letzten Blick zu den Wachleuten an.
Die Tür stand einladend offen. Linda spazierte als erste zwischen den Bodyguards hindurch in die Suite. Erik beobachte, wie sie sich an einem Tisch, Sesseln und einer ausladenden Fächerpalme vorbeischlängelte, dabei immer den hin und her wuselnden Kontroll-Damen ausweichend. Endlich war sie im Nachbarzimmer, ging in die Knie und schob sich unter das breite Doppelbett.
Geschafft! Eine der Damen hockte sich nur Sekunden später hin und warf einen prüfenden Blick unter das Bett. Als sie weder Staubflusen noch Linda dort entdeckte, erhob sie sich wieder mit zufriedenem Gesicht.
›Den Nobelpreis werdet ihr wohl doch nicht kriegen, Takeo. Eure Erfindung kann niemand öffentlich machen! Aber ich gebe euch einen aus, wenn das hier vorbei ist!‹
Jetzt war Erik an der Reihe. Die Jungs vom Wachdienst hatten ihre Posten wieder eingenommen, doch das störte ihn weitaus weniger als das übereifrige Hotelpersonal. Eine der Frauen sprang ihm ständig vor die Füße und wischte mit dem ausgestreckten Zeigefinger im hellen Handschuh mal hier, mal da auf Bilderrahmen, Bordüren oder Regalbrettern herum. Erik hatte seine liebe Not damit, ihr jedes Mal rechtzeitig aus dem Weg zu gehen.
Eilig huschte er ins Nachbarzimmer, kurz bevor eine der Ladys die Tür dorthin zuzog. Sofort ging er in die Knie und rutschte zu Linda unter das Bett.
Es war eng dort, was Linda aber nicht daran hinderte, ihm Daumen-Hoch zu signalisieren. Erik tat es ihr nach. Die erste Etappe hatten sie geschafft.
Es dauerte ein paar Minuten, dann änderte der grün blinkende Punkt im Sichtfeld seine Farbe zu gelb. Erik lächelte. Jakes Team hatte seine Position eingenommen.
Jetzt hieß es erneut warten.
Ihr Versteck unter dem Bett war dank des flauschigen Teppichs erstaunlich bequem. Erik blickte auf die Anzeige, die ihm die Zeit bis zur voraussichtlichen Ankunft des Präsidenten angab. Die Zahlen änderten sich nur gemächlich. Er hoffte, dass Joannas Kontrolltrupp die richtige Eskorte anpeilte. Ihm war zu Ohren gekommen, dass man für beide Zielpersonen mehrere Konvois vom Konferenzzentrum zum Hotel losgeschickt hatte, um mögliche Attentäter in die Irre zu führen.
Erik würde sich nicht beschweren, wenn irgendein Verrückter ihnen die Arbeit abnahm. Aber das hatte noch nie funktioniert. Sie würden ihre Mission wie üblich selbst erledigen müssen.
Eriks Gedanken wanderten zurück zu dem Tag, an dem die halbe Welt den Kopf über die Wahl dieses Präsidenten geschüttelt hatte. Damals war er noch als Personenschützer für diesen Mann tätig gewesen. Aber es wurde ihm mit jedem Tag unmöglicher, das eigene Leben für diesen Mann zu riskieren. Für jemanden, der wahlweise Land um Land einschüchterte oder gegen sich aufbrachte und der seinen Drohungen allzu gern Flugzeuge, Sprengköpfe und bewaffnete Einheiten folgen ließ, wenn es ihm gerade in den Kram passte. Nicht viel anders als sein Kontrahent da drüben im Osten.
Erik hatte einmal den Mund zu weit aufgerissen und seine Meinung dazu kundgetan. Noch am selben Tag erhielt er seine Entlassungspapiere. Er wusste nicht, wo er heute stehen würde, hätte nicht eine geheime Organisation des Weltstaatenbundes Kontakt zu ihm aufgenommen.
Weltstaatenbund war damals noch ein viel zu großes Wort für diesen erstaunlich schnell wachsenden Verband von Staaten. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ein Bollwerk gegen die Extreme der zwei Großmächte zu bilden – und einen Schutzraum für die Länder, die sich ihm anschlossen. Erik hatte diese Traumtänzer zuerst belächelt, aber es nötigte ihm Respekt ab, wie rasch dieser Verband Zuspruch fand. Ein Land nach dem anderen kam hinzu – selbst einige, von denen er es nie für möglich gehalten hatte, dass sie jemals ihre Souveränität für eine solche Vereinigung aufgeben würden.
Die stattliche Anzahl der Mitgliedsstaaten hielt untereinander Frieden oder wenigstens Waffenstillstand. Aber eine Möglichkeit, die zwei streitlustigen Großmächte im Zaum zu halten, hatte sich dadurch bisher nicht ergeben. Die Angst vor einem Erstschlag, die in einer besonders heißen Phase dieses Konfliktes rund um den Erdball fegte, war der Grund, aus dem Erik heute hier lag.
Inzwischen kannte Erik die Strategie des Bundes, war er doch längst selbst Teil davon. Seine Geheimorganisation hatte sich wie ein unsichtbares Netz in alle Länder der Welt vorgearbeitet. Sie wurde immer dann aktiv, wenn ein Land sich vehement weigerte, dem Weltstaatenbund beizutreten. Diese Organisation rüstete ihre Agenten mit einigen hochmodernen, sehr effizienten Erfindungen aus und schleuste sie in die Nähe der Regierung ein, um jene Person oder Personen in aller Heimlichkeit …
Erik spürte Lindas Ellbogen in der Seite. Er fokussierte den Blick wieder auf seine Datenanzeige:
»Zielperson Eins – Ankunft im Hotel«
Erik beobachtete durch die Einblendung auf seiner Datenbrille, wie der Präsident unten beim letzten Sektempfang des Abends mit jovialem Grinsen Hände schüttelte und mit jedem zweiten Satz gegen den Weltstaatenbund, den Organisator dieser Konferenz, stichelte. Aber der Tag und die Nacht im Konferenzsaal waren lang gewesen. Bald zeigte die Kamera in der Eingangshalle, dass Zielperson Eins sich mit ihren Bodyguards zum Fahrstuhl begab.
Eriks Anspannung wuchs. Dieser Weltkongress war die von langer Hand vorbereitete Gelegenheit, zwei unbelehrbare Staatsoberhäupter mit einem Zug aus dem Spiel zu nehmen. Eine Chance für die Welt, noch einmal vom drohenden atomaren Abgrund zurückzutreten und auf ein besseres, friedlicheres Zusammenleben hinzuarbeiten.
Die Tür zur Suite ging auf. Erik hörte die Stimme, deren herablassenden Tonfall er ums Verrecken nicht ausstehen konnte. Nach einem kurzen Wortwechsel mit seinen Personenschützern klappte endlich die Tür zu.
Der Präsident war allein. Erik hörte seine Schritte auf dem Teppich, dann sprang der große Videoschirm im Zimmer an. Die Matratze über ihnen sackte ein wenig ein, als der Mann es sich darauf gemütlich machte. Eine Weile verfolgte er seine eigenen aktuellsten Nachrichten und ließ ein paar Spitzen gegen seine Lieblingsfeinde los.
Währenddessen schaltete Erik sich auf die Kamera in der Suite und richtete sie auf den Videoschirm aus. Er tippte Linda an und sandte ihr mit einem Blinzel-Code über die Datenbrille das Startzeichen.
Beide griffen nach ihren Elektro-Stunnern. Langsam und lautlos schoben sie sich gleichzeitig links und rechts unter dem Bett hervor.
Als Erik sich aufrichtete, sah er auf der anderen Seite des Doppelbetts Lindas Umriss stehen. Der Präsident saß zwischen ihnen. Er trug noch seinen Konferenzanzug, den Schlips hatte er achtlos zu Boden geworfen. Mit verächtlicher Miene starrte er auf das Logo des Weltstaatenbundes, das eben eingeblendet wurde.
»Ihr werdet mir langsam zu groß und zu lästig, ihr Wichtigtuer. Müsste ich mich nicht ständig mit diesen Schlitzaugen herumschlagen, dann hätte ich eure Bündnisstaaten schon längst in Schutt und Asche gelegt!«
›Zu spät, alter Mann.‹
Erik streckte den Arm aus. In einer synchronen Bewegung näherten sich seine und Lindas Elektro-Stunner dem Hals des Präsidenten. Als sie auf den Auslöser drücken wollten, langte der Mann plötzlich nach dem Whiskeyglas, das auf dem Nachttisch neben dem Bett stand. Dabei traf er Eriks unsichtbaren Arm und erstarrte.
Erik sah in sein irritiertes Gesicht und spürte den eigenen Herzschlag in der Kehle. Dann presste er den Stunner gegen den Hals des Präsidenten und drückte ab. Ein zweistimmiges Summen der Waffen erklang, als Linda auf der anderen Seite das gleiche tat.
Der Präsident erzitterte kurz, kippte vornüber und blieb bewusstlos liegen.
Lindas Umriss tastete nach seinem Handgelenk, prüfte Puls und Atmung. Dann nickte sie. Erik zog eine kleine Tasche hervor. Er entnahm ihr Ampulle und Nadel und setzte dem Mann eine hoch dosierte Betäubungsspritze. Sie drapierten den Schlafenden gemeinsam in eine normale liegende Position und kontrollierten per Flurkamera die Wachposten vor der Tür.
Dann sendete Erik das OK an Jakes Team.
Es dauerte keine Minute, bis der kleine Aufzug, der in einem Nebenraum der Präsidenten-Suite eingebaut war, seine Türen öffnete. In die Kabine, wo Hotelangestellte sonst einen Wagen mit exquisitem Essen und Getränken transportierten, quetschten sich die Umrisse dreier Männer.
Jake stieg als Erster aus. Seine breit gebaute Silhouette war von den beiden anderen gut zu unterscheiden. Einer seiner Bodyguards warf Linda einen Rucksack zu. Während sie ihn rasch öffnete und mit geübten Handgriffen einen weiteren Komplettanzug entnahm und zurechtlegte, winkte Jake seine Begleiter zum Bett. Stumm hoben sie und Erik gemeinsam den bewusstlosen Präsidenten hoch, so dass Linda den auseinandergefalteten Anzug unter ihn legen konnte. Dann ließen sie ihn wieder darauf niedersinken, schlossen den Stoff über Armen, Beinen und Körper, zogen ihm Handschuhe an und einen Helm über den Kopf. Erik verband die Kontakte des Unsichtbarkeits-Netzes am Hals, stellte es scharf und sah in seiner Datenbrille nun einen weiteren Umriss.
»Ihr zuerst«, befahl er den zwei Bodyguards. Sie zogen den Präsidenten auf die Füße und nahmen den leblosen Körper in die Mitte. Es kostete sie einiges an Anstrengung, ihn aufrecht zu halten. Sie hievten ihn zum Aufzug und quetschten sich mit ihm hinein. Sofort fuhr dieser nach unten. Ein paar Mitarbeiter, die sie schon vor langer Zeit ins Hotel und in die Entourage des Präsidenten eingeschleust hatten, würden ihnen den kürzesten Weg von der Küche hinüber in die Tiefgarage freihalten. Dort wartete ein gut bewachter Wagen auf seinen besonderen Gast. Weiter ging es für ihn zu einem kleinen Flughafen und dann auf direktem Wege in einen Hochsicherheitstrakt des Weltstaatenbundes. Dieser verbarg sich an einem Ort, den Erik nicht kannte. Es war ihm auch egal. Hauptsache, eines der größten Ärgernisse der Weltpolitik befand sich ab sofort bis an sein Lebensende hinter Schloss und Riegel. Wie die zwei anderen, an deren Ersetzung Erik beteiligt gewesen war.
Erik blickte auf die geschlossene Tür und atmete auf. Obwohl sie noch nicht sicher hier heraus waren, fiel die Anspannung von ihm ab.
Jake griff an die Anzugkontrollen an seinem Hals.
»Du siehst echt hassenswert aus«, sagte Erik, als sein Kamerad sichtbar wurde.
Dieser glich dem Präsidenten bis aufs Haar.
»So schlimm?«, fragte Jake und lachte heiser. Er hatte nicht nur den Visualisierer, sondern auch das Stimm-Modul schon eingeschaltet.
Erik schüttelte sich ein wenig. »Schlimmer«, erwiderte er, um einen ironischen Tonfall bemüht. Das herablassende Lächeln des Präsidenten sah an Jake so unwirklich aus!
»Ich tue mein Bestes.«
»Jetzt wird’s ernst für dich, Jake. Ich beneide dich nicht um deinen Job.«
»Ich bin Schauspieler, schon vergessen?«
»Hey, du musst nicht nur den Rest der Welt von dir überzeugen, sondern auch seine Frau!«
»Stimmt. Unser Jing Dan hat es da einfacher. Zielperson Zwei ist so ledig, wie man nur sein kann. Jetzt raus mit euch! Lasst euch nicht schnappen!«
»Du auch nicht, großer Imitator!« Lindas Umriss gab Jake einen freundschaftlichen Rippenstoß. Dann warf sie sich den Rucksack über und rief den Fahrstuhl nach oben.
Erik klopfte Jake auf die Schulter und trat neben seine Partnerin in die enge Kammer. Mit einem Blinzel-Code meldete er Tim und den anderen Koordinatoren die erfolgreiche Durchführung ihrer Mission.
Er konnte sich den Jubel in der Zentrale lebhaft vorstellen.
Erik warf einen letzten Blick zu Jake, der in Gestalt des Präsidenten in der Suite stand und zum Abschied eine Hand hob. Jetzt lag es an ihm, den Augen der Welt glaubhaft den abgehobenen Staatenführer vorzugaukeln und nebenbei in kleinen, unbeirrten Schritten einen Weg zu finden, um den Konflikt mit der asiatischen Großmacht zu beenden und dem Weltstaatenbund beizutreten. Dabei durfte er den Visualisierer, der aus ihm das Abbild des Präsidenten machte, niemals ablegen oder ausschalten.
Auf seiner Datenbrille blinkte ein blauer Punkt auf.
Auch Team zwei hatte es geschafft!
Erik atmete hörbar auf und lachte leise, als Linda neben ihm das Gleiche tat.
›Jake ist nicht allein‹, dachte er, während sich der Fahrstuhl nach unten bewegte. Am weit entfernten Ende der Stadt war der Zugriff ebenfalls erfolgreich gewesen. ›Jing Dan auf der einen Seite, Jake auf der anderen. Das dauert kein Jahr mehr, dann sind die Großmächte Geschichte und unsere Welt hat endlich wieder eine Zukunft!‹

Mein Name ist Silvia Krautz, ich bin Jahrgang 1975 und lebe mit meinem Mann und meiner Tochter in Dresden. Seit meiner Kindheit begleitet mich die Liebe zu phantastischen und märchenhaften Geschichten. Waren es anfangs Weltraumabenteuer oder Indianergeschichten, die ich in meine Schreibhefte kritzelte, so fand ich mit den Jahren vor allem in der Fantasy mein Zuhause.
Facebook: Silvia Krautz Autorin
Darmowy fragment się skończył.