Czytaj książkę: «Staatsjugendorganisationen – Ein Traum der Herrschenden»
Anne Neunzig
Staatsjugendorganisationen – Ein Traum der Herrschenden
Hitlerjugend/Bund Deutscher Mädchen
und Freie Deutsche Jugend im Vergleich
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
ISBN 9783954885916
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Abkürzungsverzeichnis
1. Herausbildung der Jugendverbände vor 1933
1.1 Jugendverbände im Kaiserreich
1.2 Jugendverbände in der Weimarer Republik
2. Abriss über die historische Entwicklung der Gesamt-Hitlerjugend - im Zeitstrahl
3. Die Staatsparteidoktrin des 'Dritten Reiches'
3.1 Die Ideologie des Staatssystems
3.2 Die Grundsätze der Anthropologie
3.3 Bild der Frauen im Nationalsozialismus
3.4 Bild der Männer im Nationalsozialismus
3.5 Bild der Mädchen im Nationalsozialismus
3.6 Bild der Jungen im Nationalsozialismus
4. Struktureller Aufbau der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädchen
4.1 Aufbau und Gliederung
4.2 Die Hierarchie, Struktur und das Führungsprinzip der Gesamt-Hitlerjugend als zentralistisches Prinzip des Machtsystems
5. Erziehung in der Staatsjugendorganisation
5.1 Erziehungsziele im 'Dritten Reich'
5.2 Erziehungsziele im Bund Deutscher Mädchen
5.3 Erziehungsziele in der Hitlerjugend
5.4 Weltanschauliche Schulung und Heimabende
5.5 Kulturarbeit
Kurzer Exkurs: Kunst im Nationalsozialismus
5.6 Feste und Feierlichkeiten
5.7 Fahrten und Lager
5.8 Körperliche Ertüchtigung/Sport
5.9 Die Funktion der Medien
5.10 Sonder- und kriegsunterstützende Dienste in der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädchen
5.11 Bundestracht/Uniformierung und Symbolik
5.12 Die Leitung der Jugendgruppen durch die HJ- und BDM-Führer/innen
5.13 Totalitätsanspruch
6. Reichsarbeitsdienst und Landjahr
6.1 Der Reichsarbeitsdienst
6.2 Das Landjahr, Pflichtjahr und der Landdienst
7. Widerstand und oppositionelle Jugendgruppen im National sozialismus
7.1 Gesellschaftliche Tendenzen bezüglich der Entwicklung und Entstehung des Jugendwiderstands
7.2 Arten des Widerstandes
7.3 Staatliche Reaktionen auf die Jugendopposition
7.4 Sozialistische und kommunistische Arbeiterjugendverbände
7.5 Konfessionell gebundene Jugendgruppen
7.6 Bündische Jugend
7.7 Wilde Jugendgruppen
7.8 Edelweißpiraten
7.9 Swing-Jugend
7.10 Weiße Rose
8. Das Ende der Hitlerjugend gemeinsam mit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft
9. Abriss der historischen Entwicklung der Freien Deutschen Jugend - im Zeitstrahl
10. Die Staatsparteidoktrin der DDR
10.1 Die Ideologie des Staatssystems
10.2 Die Anthropologie des Marxismus-Leninismus
10.3 Frauen- und Männerbild in Sozialismus
10.4 Bild des Kindes im Marxismus- Leninismus in der DDR
11. Struktureller Aufbau der Freien Deutschen Jugend
11.1 Aufbau und Gliederung
11.2 Die Hierarchie und Struktur der Freien Deutschen Jugend
12. Erziehung in der Freien Deutschen Jugend
12.1 Die Erziehungsziele der DDR und ihre Umsetzung in der Staatsjugendorganisation
12.2 Die FDJ in Schulen, Universitäten und Betrieben
12.3 Jugendbrigaden und Jugendobjekte
12.4 Die FDJ im Freizeitbereich
12.5 Sportbereich
12.6 Feriengestaltung und Touristik
12.7 Die Jugendweihe als Akt ritueller Bindung
12.8 Kultureller Bereich
Kurzer Exkurs zum 11. Plenum des ZK der SED
12.9 Feste und Feierlichkeiten
12.10 Die Funktion der Medien
12.11 Uniformierung und Symbolik
12.12 Militarisierung in der FDJ
12.13 Die Leitung der Jugendgruppen der FDJ durch Funktionäre
12.14 Der Totalitätsanspruch
13. DDR-Jugend auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben
13.1 Einführende Betrachtung
13.2 Der Werwolf
13.3 Der Demokratie Verpflichtete
13.4 Junge Gemeinden
13.5 Jazz
13.6 Rock’n’Roll und Beat
13.7 Die Tramper und Blueser
13.8 Disco und Punk
13.9 Punk et cetera
13.10 Proteste gegen die Niederschlagung des 'Prager Frühlings' 1968
13.11 Boheme & Diktatur
13.12 Von Hausbesetzern zu Landkommunarden
13.13 Die Krishnas als Beispiel religiösen Suchens außerhalb der europäischen Kulturen – und andere Gruppen
13.14 Wehrdienstverweigerer
13.15 Die staatlich unabhängige Friedensbewegung
14. Das Ende der staatlichen Illusionen, der Weg zu einem Anfang
15. Gegenüberstellung der Staatsjugendorganisationen beider Regime
15.1 Die Schwierigkeiten einer Gegenüberstellung
15.2 Die Bedeutung der Staatsjugendorganisation in den jeweiligen Systemen
15.3 Staatsparteidoktrin (Ideologie und Anthropologie)
15.4 Organisationsstruktur
15.5 Erziehungsziele
15.6 Erziehungsarbeit
15.7 Leitung der Jugendorganisationen
15.8 Totalitätsanspruch
15.9 Jugendlicher Widerstand und/oder die Suche nach einem jugendlichen Eigenleben
Nachwort
Quellenverzeichnis
Literatur
Internetquellen
Personenregister
Über die Autorin
Danksagung
Anmerkungen
Vorwort
Gegenstand vorliegender Arbeit ist die vergleichende Darstellung der Erziehungsmodelle in den Staatsjugendorganisationen des 'Dritten Reiches' und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR)1. Dabei wird dem Aspekt der Vermittlung der jeweiligen Staatsideologie an die heranwachsenden Generationen besonderer Raum zugestanden, bildeten doch die politischen Doktrinen der staatsführenden Parteien die Grundlagen für Erziehungsprogramme und Statuten beider Jugendorganisationen. Eine Erziehung im humanistischen Sinne, mit dem Ziel einer freien individuellen Persönlichkeitsentfaltung eines jeden Menschen, war in beiden Systemen nicht erwünscht. Ohne Rücksicht auf Individualität wurden die Kinder und Jugendlichen durch eine staatlich gelenkte Fremdbestimmung weitgehend zu Objekten ihres eigenen Entwicklungsverlaufs degradiert. Durch diese Indoktrination der Heranwachsenden sollte langfristig der totalitäre Herrschaftsanspruch beider Systeme und ihrer führenden Parteien gesichert werden. Im Folgenden wird darum der Frage nachgegangen, ob es trotz stark differierender Ideologien im Nationalsozialismus und Sozialismus Übereinstimmungen in den Strukturen und Programmen beider Jugendorganisationen gab und ob es einem von beiden Systemen effektiver gelang, ihre Jugend zur Staatskonformität zu erziehen.
Aufgrund der recht umfangreichen Thematik erfolgt in vorliegender Untersuchung eine Eingrenzung auf bestimmte Altersgruppen. Für die Hitlerjugend2 und den Bund Deutscher Mädchen liegt der Schwerpunkt auf den 14 bis 18 -Jährigen. Da die Mitgliedschaft der FDJ im Allgemeinen erst im Alter von 25 Jahren endete, wird in jenem Bereich die untersuchte Altersgruppe weiter gefasst. Allerdings muss erwähnt werden, dass ohnehin ein Großteil der jungen Erwachsenen bereits früher aus dieser Organisation austrat.
Des Weiteren beschränkt sich die Abhandlung zur HJ und zum BDM im Großteil auf die Zeit zwischen 1933 und 1941, da sich die Praxisarbeit innerhalb der Verbände während des II. Weltkriegs gravierend änderte und eine gesonderte Darstellung benötigte.
Bestimmte Themenbereiche, wie die der oppositionellen Jugendgruppen, die sich in beiden Systemen illegal als Gegenpositionen zur Staatsjugendorganisation formierten und eigene Interessen vertraten, wie auch die Suche vieler Jugendlicher nach einem selbstbestimmten Leben, werden in dieser Arbeit in einem gesonderten Kapitel betrachtet, können jedoch in diesem Rahmen nur angerissen, nicht aber in ihrer ganzen Dimension abgehandelt werden.
Abschließend noch ein paar Bemerkungen zum Forschungsstand. Sowohl in der älteren, als auch der jüngeren Literatur sind die jeweiligen Jugendorganisationen unter dem Anspruch der Objektivität oft verallgemeinernd und idealisiert dargestellt. Die Wirklichkeit aber, die strukturellen und regionalen Unterschieden unterworfen war, im zeitlichen Wandel starke Veränderungen erfuhr und subjektiv von den einzelnen Betroffenen wahrgenommen wurde, wich in vielerlei Hinsicht davon ab. Es werden darum in einzelnen Fällen Berichte von Zeitzeugen und Auszüge aus Interviews eingeflochten, um die Vielschichtigkeit der Thematik andeuten zu können.
Das vorliegende Buch entstand auf der Grundlage der im Jahr 2011 gefertigten Diplomarbeit „'Jugend für den Staat erzogen' - Erziehung in den Staatsjugendorganisationen des 'Dritten Reiches' und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) im Hinblick auf die Umsetzung der jeweiligen Staatsparteidoktrin“ an der Universität zu Köln, unter der Betreuung von Prof. Dr. Hans-Joachim Roth.
Abkürzungsverzeichnis
| AO | - | Abteilungsorganisation |
| AWA | - | Anstalt zur Wahrung der Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte auf dem Gebiet der Musik (DDR) |
| BDM | - | Bund Deutscher Mädchen |
| BSG | - | Betriebssportgemeinschaft/en |
| BStU | - | Die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik |
| DFD | - | Demokratischer Frauenbund Deutschlands |
| DDR | - | Deutsche Demokratische Republik |
| DT 64 | - | Deutschlandradio 64 |
| DTSB | - | Deutscher Turn- und Sportbund |
| EOS | - | Erweiterte Oberschule, (mit Abiturabschluss), vgl. POS |
| FDGB | - | Freier Deutscher Gewerkschaftsbund |
| FDJ | - | Freie Deutsche Jugend |
| GEMA | - | Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (BRD) |
| GO | - | Grundorganisation |
| GST | - | Gesellschaft für Sport und Technik |
| HJ | - | Hitlerjugend 1. Gesamtverband aller weiblichen und männlichen Mitglieder 2. Organisation der 14 – 18jährigen männlichen Jugend |
| ISKON | - | International Society For Krishna Consciousness |
| JM | - | Jungmädel |
| JV | - | Jungvolk |
| KHD | - | Kriegshilfsdienst |
| KJVD | - | Kommunistischer Jugendverband (Deutschlands) |
| KSZE | - | Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa |
| KvU | - | Kirche von Unten |
| LDPD | - | Liberal-Demokratische Partei Deutschlands |
| MfS | - | Ministerium für Staatssicherheit |
| MMM | - | Messe der Meister von Morgen |
| ML | - | Marxismus-Leninismus |
| ND | - | Neues Deutschland (Tageszeitung der SED) |
| N.P.E.A. | - | National-Politische-Erziehungs-Anstalt (volkstümlich auch NAPOLA) |
| NS | - | Nationalsozialismus/nationalsozialistisch/e |
| NSDAP | - | Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei |
| NSV | - | Nationalsozialistische Volkswohlfahrt |
| NVA | - | Nationale Volksarme (der DDR) |
| POS | - | Polytechnische Oberschule (der DDR), zehnklassig |
| RAD | - | Reichsarbeitsdienst |
| RADmJ | - | Reichsarbeitsdienst der männlichen Jugend |
| RADwJ | - | Reichsarbeitsdienst der weiblichen Jugend |
| RIAS | - | Rundfunk im amerikanischen Sektor (Radiosender) |
| RJF | - | Reichsjugendführung, Reichsjugendführer |
| SA | - | Sturmabteilung |
| SAJ | - | Sozialistische Arbeiterjugend (Deutschlands) |
| SBZ | - | Sowjetische Besatzungszone |
| SED | - | Sozialistische Einheitspartei Deutschlands |
| SFB | - | Sender Freies Berlin (Radiosender) |
| SFP | - | Sender Freies Paunsdorf (Radiosender) |
| SMAD | - | Sowjetische Militäradministration (in der SBZ) |
| SPU | - | Schallplattenunterhalter |
| SS | - | Schutzstaffel |
| Stasi | - | Staatssicherheitsdienst, Staatssicherheit |
| SU | - | Sowjetunion |
| WHW | - | Winterhilfswerk |
| ZK | - | Zentralkomitee |
| ZR | - | Zentralrat |
1. Herausbildung der Jugendverbände vor 1933
1.1 Jugendverbände im Kaiserreich
Die historische Entwicklung der Jugendverbände und Jugendbewegung reicht weit in die Geschichte des 19. Jahrhunderts zurück und damit in eine Zeit, als auf Grund veränderter Arbeits- und Lebensbedingungen erstmals überhaupt die Lebensphasen von 'Kindheit' und 'Jugend' ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt waren. 1839 wurde per Gesetz in Preußen die Arbeitszeit für Jugendliche unter 16 Jahren auf 10 Stunden begrenzt, Kinderarbeit unter 9 Jahren gänzlich verboten. Damit erhielten Kinder und Jugendliche erstmals einen gewissen Freiraum, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur verstärkten pädagogischen Wahrnehmung dieser entscheidenden Lebensphase führte und „[…] entsprechende Institutionalisierungsformen nach sich zog.“3
Neben der amtlichen 'Jugendpflege', deren Anliegen darin bestand, die Jugend zu „einer frohen, körperlich leistungsfähigen, sittlich tüchtigen, von Gemeinsinn und Gottesfurcht, Heimat- und Vaterlandsliebe erfüllten“4 Generation zu erziehen, entwickelten sich in kurzer Zeit im Wilhelminischen Kaiserreich eine Vielzahl an Jugendverbänden, die sich in drei Bereiche unterscheiden lassen: christlich geprägte Vereinigungen, bürgerlich-nationale Jugendgruppen und Arbeiterjugendvereine.5 Daneben entwickelte sich als Antwort auf die zunehmende Industrialisierung des beginnenden 20. Jahrhunderts, die einherging mit einer rasanten Verstädterung und „Modernisierung des Lebens“6, eine eigenständige Jugendbewegung. Besonders in bürgerlichen Kreisen lehnten sich die Jugendlichen vermehrt gegen Gehorsam und Drill und somit gegen verkrusteten autoritäre Strukturen in Elternhaus und Schule auf und nutzen die Chancen der Umbruchszeit für das Aufbrechen überkommener Erziehungsmethoden. Studenten und Gymnasiasten fanden in Gruppen zusammen und wanderten gemeinsam an den Wochenenden in die Natur hinaus. Das romantisierende Naturerlebnis, die Rückkehr zum einfachen, asketischen Leben unterwegs auf dem Lande, orientiert an den Wanderungen zunftständiger Handwerksburschen, stand dabei bewusst einer zunehmenden Einbindung des Menschen in das Räderwerk einer die Umwelt dominierenden Industrialisierung entgegen.
Aus dieser anfänglich sporadischen Wanderbewegung gründete sich 1901 in Berlin – Steglitz der erste Wandervogelverein, der sich vor dem ersten Weltkrieg in ganz Deutschland ausbreitete und in viele verschiedene Gruppierungen aufsplitterte.7 Ab 1907 etablierten sich neben dem Wandervogel weitere, meist studentische Gruppierungen wie die Studentischen Akademischen Freischaren und die Akademische Freideutsche Jugend.8
Ein Novum dieser studentischen Jugendbewegungen war ihr struktureller Aufbau aus eigenen Reihen. Die einzelnen Gruppierungen kamen meistens ohne erwachsene Leitungspersonen aus und blieben weitgehend unpolitisch. Auf dem 'Ersten Freideutschen Jugendtag' – einem Treffen verschiedener Bünde am Hohen Meißner bei Kassel im Oktober 1913 - wollten die verschiedenen Gruppierungen eine gemeinsame „Plattform und organisatorische Formen der Zusammenarbeit“9 schaffen. Doch diese Pläne gelangten durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges nicht mehr zur Umsetzung.
Unter den offiziellen Verbänden stellten in der Vorkriegszeit die christlichen Vereinigungen, schon auf Grund ihrer hohen Mitgliederzahlen, die gewichtigsten Bündnisse dar. 1912 existierten „katholische Jünglingsvereine, Gesellenvereine, Burschenvereine und Jungfrauen-Kongregationen“10, daneben Evangelische Jünglingsvereine sowie Christliche Vereine junger Männer. In den folgenden Jahren entstanden auch christliche Vereinigungen, die unabhängiger von kirchlichen Institutionen arbeiteten als die erwähnten.
Im bürgerlich-nationalen Spektrum lag ein deutlicher Schwerpunkt auf der körperlichen Ertüchtigung der jungen, wehrfähigen männlichen Jugend, so dass sich hier zahlreiche wehrsportliche Gruppierungen zusammenfanden, die ab 1899 durch den „Ausschuss zur Förderung der Wehrkraft durch Erziehung“11 vertreten wurden. Zu den vom „wilhelminischen Militarismus“12 geprägten Verbänden gehörten die Deutsche Turnerschaft, die Berliner Jugendwehr und das Deutsche Späherkorps. Auch die in Deutschland nach Baden Powells Vorbild 1911 gegründeten Pfadfinderbünde wurden oft von Offizieren geleitet.
Neben diesen wehrsportlichen Gruppierungen zählten aber auch autonome, sogenannte 'wilde' Jugendvereine zu den bürgerlichen Jugendgruppen, ebenso Vereine mit nationaler und patriotischer oder sozialer Gesinnung, wie beispielsweise der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband und der Deutsche Verband der Jugendgruppen und Gruppen für soziale Hilfsarbeit.13
Ab 1903 etablierten sich in Deutschland erstmals Arbeiterjugendvereine. 1906 gründete sich der Verband junger Arbeiter Deutschlands.14 Weitere proletarische Jugendvereine entstanden mit dem Vorsatz des „Arbeitsschutz[es] und [der] Weiterbildung“15 ihrer Mitglieder. Anfangs distanziert, begannen die Sozialdemokraten um 1908 ihr Interesse an den proletarischen Jugendorganisationen zu bekunden, die sich infolge dessen größtenteils auflösten und mit den Parteien kooperierten. Während die bürgerlichen Jugendorganisationen vom Staat finanziell unterstützt wurden, erhielten die proletarischen Vereine keine diesbezüglichen Subventionen.
1.2 Jugendverbände in der Weimarer Republik
In der Weimarer Republik hielt der Jugendmythos Einzug in die Gesellschaft. Durch ihren neuen sozialen Status nach dem Krieg erhielt die junge Generation die „rechtlichen und materiellen Möglichkeiten, ihre Interessen und Bedürfnisse öffentlich zu definieren und Organisationsformen dafür zu suchen“16. Der Jugendpflege-Erlass des Jahres 1919 anerkannte alle Jugendverbände gleichwertig und rief sie zur Zusammenarbeit auf.17 „Niemals zuvor (und auch später nie wieder, wenn man von der Zwangsmitgliedschaft der Hitler-Jugend absieht) konnten Jugendverbände einen so hohen Organisationsgrad der Jugendlichen verbuchen wie in der Weimarer Zeit: Fast die Hälfte aller Jugendlichen (ca. 40 %) waren Mitglieder einer Jugendorganisation.“18
Zeitgleich prägte aber gerade in jenen Jahren zunehmend eine große Unsicherheit und Aussichtslosigkeit die heranwachsende Generation, was auf eine rapide Zunahme der Arbeitslosigkeit zurückzuführen war.19
Infolge der politischen Polarisierung dieser Zeit zerbrach um 1923 der Freideutsche Bund. Er hatte sich vor dem ersten Weltkrieg gegründet und bestand aus ehemaligen Mitgliedern der Wandervogelbewegung und anderer Jugendbünde.20 Auch der Wandervogel hatte in seiner ursprünglichen Form keinen weiteren Bestand. Es etablierten sich in der Folgezeit vermehrt bündische Jugendgruppen, die sich an bestimmten völkischen Werten und Normen orientierten. Wie schon zu Beginn der Jugendbewegung waren ihre Mitglieder größtenteils Gymnasiasten und Studenten. Die Mitgliederzahlen schwankten zwischen 12 bis 60.000 Jugendlichen.21 Bünde, die schon vor dem ersten Weltkrieg bestanden, hatten meistens jugendliche Führer oder kamen ohne Führungsposition aus. Die in der Weimarer Republik neu etablierten Bünde standen hingegen oftmals unter der Führung ehemaliger Wandervogelmitglieder, wodurch sich schnell ein Führer-Gefolgschafts-Gefälle ergab. Viele hatten eine antidemokratische Grundhaltung, basierend auf dem Wunsch nach einer „ständig organisierten Volksgemeinschaft“22. Auch eine als rechtsradikal zuzuordnende Einstellung war bei vielen der Bünde zu finden, so bei den 1924 gegründeten Artamanen, „[…] eine Bewegung junger Männer und Frauen, die sich entschlossen, eine vaterländische Pflicht zu erfüllen […] nach den Grundsätzen von 'Blut und Boden'.“23 Ihnen war später das Interesse der Nationalsozialisten sicher.
Neben den vielen bestehenden Jugendverbänden, die bereits seit dem Kaiserreich existierten, entstanden in der Weimarer Republik erstmals auch innerhalb der Parteien Jugendgruppen. Dabei ging es vorrangig um eine Rekrutierung des Nachwuchses, zugleich aber auch um den frühestmöglichen Aufbau einer festen Wählerschaft. Zu den neu gegründeten Gruppierungen zählten unter anderem „die Hindenburgjugend der BVP […], Bismarckbund der DNVP […], kommunistischer Jugendverband […], Hitlerjugend […], Windhorstbünde des Zentrums […]“24 sowie die Jungsozialisten. Gerade gegen Ende der Weimarer Republik kam es zu einer „massenhaften Politisierung“25 der Jugend, mit einer starken Polarisierung nach 'rechts' oder 'links'. Viele der Jugendvereine der Weimarer Republik befanden sich im 'Reichsausschuss der deutschen Jugendverbände', der 1926 ins Leben gerufen wurde.
Die Etablierung einer neuen nationalistisch geprägten Ideologie im 'Dritten Reich', gekoppelt an totalitäre staatliche Strukturen, bereitete der pluralistischen Entwicklung der Jugendverbände ein abruptes Ende. Das Menschenbild der Nationalsozialisten samt deren Bildungsideologie und ihr absoluter Herrschaftsanspruch ließen sich nicht mit den vielfältigen Anschauungen innerhalb der Jugendbewegung vereinbaren. Fortan wurde Konformität propagiert und die bloße Erfüllung ideologischer Vorgaben eingefordert.
2. Abriss über die historische Entwicklung der Gesamt-Hitlerjugend - im Zeitstrahl
1922/1923
Ein erster Vorläufer der Gesamt-Hitlerjugend wird 1922 in München unter dem Namen Jugendbund der NSDAP ins Leben gerufen. Bereits im folgenden Jahr steigt die Zahl der Ortsgruppen stark an, sodass Adolf Hitler (1889 - 1945), Adolf Lenk (1903 - 1987) mit dem Aufbau einer Reichsorganisation beauftragt.26 Der missglückte Hitler-Ludendorff-Putsch vom 08./09. November des Jahres 1923 und die nachfolgende Auflösung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) beenden zunächst diesen Prozess. Der Vorläufer der Gesamt-Hitlerjugend kommt in seiner Entwicklung nicht über das Anfangsstadium hinaus.27
1925
Nach der erneuten Gründung der NSDAP, infolge der Entlassung Hitlers aus der Festungshaft am 27. Februar, formieren sich die Jugendgruppen neu. Die Initiative dazu geht von einzelnen Parteimitgliedern wie Kurt Gruber (1904 - 1943) aus. Gruber führte nach dem Verbot eine kleine Ortsgruppe des Jugendbunds illegal in Plauen/Vogtland weiter,28 Gerhard Roßbach (1893 - 1967) leitet den Wehrjugendverband Schill. Es folgen interne Machtkämpfe.
1926
Gruber setzt sich durch und vereinigt einige Gruppen zur Großdeutschen Jugendbewegung.29 Auf dem Parteitag der NSDAP im Juni in Weimar erfolgt deren offizielle Anerkennung als Jugendgruppe der NSDAP und die offizielle Umbenennung in Hitlerjugend, Bund deutscher Arbeiterjugend (HJ). Das parteiamtliche Gründungsdatum wird auf den 04. Juli festgelegt. Gruber wird zum Reichsführer der Organisation ernannt und als Referent für Jugendfragen in die Reichsleitung der Partei berufen.30
Offiziell wird die HJ der obersten SA-Führung unterstellt. Die Mitgliedschaft der männlichen Jugend in der HJ erstreckt sich vom 14. - 18. Lebensjahr. Der daran anschließende Übertritt in die NSDAP, ab 1927 in die SA, wird obligatorisch.
Die Mitgliederzahl der HJ bleibt in diesem wie auch in den kommenden Jahren noch relativ gering gegenüber den ca. 3,6 Millionen Jugendlichen in den politischen, religiösen, bündischen und anderen, im Reichsauschuss der deutschen Jugendverbände zusammengefassten Jugendgruppen.31
1927
Beginn des innerorganisatorischen Aufbaus der HJ, Gründung erster Schülergruppen der NSDAP.
1928/1929
Neben bereits existierenden Jungmädelgruppen des Deutschen Frauenordens entstehen erste Schwesternschaften der HJ als Organisationsform für Mädchen.32
1929
Zusammenfassung der Schülergruppen zum NS-Schülerbund unter der Reichsleitung von Theodor Adrian von Renteln (1897 - 1946).33 4. Reichsparteitag vom 01. - 04. August 1929 in Nürnberg. Vorbeimarsch zahlreicher Hitlerjungen an Adolf Hitler.
1930
Im Juni 1930 gründet sich der Bund Deutscher Mädchen (BDM), gefolgt vom Deutschen Jungvolk (JV) im August.
1931
Im März wird das Jungvolk als Unterorganisation in die Gesamt-HJ eingegliedert.34
Kurt Gruber tritt, wohl gezwungenermaßen, von seinem Posten als Reichsführer der Gesamt-HJ zurück. Er wird in den Jugendausschuss der Reichsleitung der NSDAP berufen. Für kurze Zeit übernimmt Theodor Adrian von Renteln die Position des Reichsführers der Gesamt-HJ.35
Am 30. Oktober wird Baldur von Schirach (1907 - 1974) auf den neu geschaffenen Posten des Reichsjugendführers der NDSAP berufen.36 In seinen Zuständigkeitsbereich fallen fortan die Gesamt-Hitlerjugend, der NS-Schülerbund sowie der NS-Studentenbund.
Der Sitz der Gesamt-HJ wird von Plauen nach München verlegt.37 Neue Richtlinien unterstellen den BDM auf der Ebene der Gaugliederung der HJ, gewähren jedoch auf den Gliederungsebenen der Bezirks- und Ortsgruppen relative Selbstständigkeit.38
1932
Elisabeth Greiff-Walden wird am 15. März 1932 Referentin für Mädelfragen in der Reichsleitung der HJ.39
Verbot der SA, SS und der Gesamt-Hitlerjugend am 13. April. Trotzdem arbeiten alle Organisationsformen illegal weiter und es entsteht die „Nationalsozialistische Jugendbewegung, die NAJB. Ohne Uniform, ohne Abzeichen“40.
Laut Schirach steigt in der Verbotszeit die Mitgliederzahl auf 35.000 an. Mit Aufhebung des Verbotes der SA im Juni 1932 wird Baldur von Schirach durch Hitler zum Reichsleiter der NSDAP ernannt und erhält nach dem Rücktritt von Rentelns die Gesamtleitung der NS-Jugendarbeit übertragen.41 Im Juli wird der BDM zur offiziellen Mädchenorganisation der NSDAP erklärt, infolge dessen deren andere Mädchenorganisationen aufgelöst oder vom BDM übernommen werden. Referentin für Mädelfragen in der NS-Jugendbewegung in München wird Lydia Gottschewski (1906 - 1989).42 Es kommt zur Gründung von NS-Jugendbetriebszellen unter der Leitung von Artur Axmann (1913 - 1996).
Das Jahr prägen intensive Zentralisierungsarbeiten und politische Propagandaaktionen der Gesamt-HJ. Es gibt „zahllose Kundgebungen, Märsche, […] Straßendemonstrationen, Versammlungskampagnen usw.“43
1933
Als Adolf Hitler am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt wird und die NSDAP die Macht übernimmt, hat die Gesamt-Hitlerjugend ca. eine Million Mitglieder.
Am 28. Februar erlässt Paul von Hindenburg (1847 - 1934) die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat. Damit ist u. a. die juristische Grundlage für eine zentralisierte Gleichschaltung sowie Auflösung aller politischen, kirchlichen und bündischen Jugendorganisationen gelegt.44 Die Gesamt-Hitlerjugend ist zu jenem Zeitpunkt noch nicht die größte und einflussreichste Jugendorganisation, gewinnt aber durch die neuen innerstaatlichen Machtstrukturen an enormen Einfluss.45 „Wie die NSDAP nunmehr die einzige Partei ist, so muß die HJ die einzige Jugendorganisation sein.“46 Im April des Jahres 1933 okkupiert Schirach die Geschäftsstelle des Reichsausschusses der deutschen Jugendverbände47 und übernimmt deren Vorsitz. Kurz nach der Übernahme beginnt er, die jüdischen und die parteigebundenen Jugendorganisationen aus dem Verband auszuschließen bzw. wie im Falle der rechtsorientierten Jugendorganisationen in die Gesamt-Hitlerjugend zu integrieren. Die NS-Jugendbetriebszellen und der Reichsverband der deutschen Jugendherbergen werden der HJ eingegliedert.48
Am 8. April Zusammenschluss der bündischen Jugendorganisationen zum Großdeutschen Jugendbund, zwecks Abwehr der zunehmenden Macht der Gesamt-HJ. Nach der Ernennung Schirachs am 17. Juni zum Jugendführer des Deutschen Reiches, beginnt er sofort mit der Zerschlagung des Großdeutschen Jugendbunds. Viele der Bünde lösen sich in den folgenden Tagen und Wochen selbst auf, integrieren sich in die Gesamt-HJ oder werden durch die Gesamt-HJ verboten.49
Die Eingliederungskampagne in die HJ betrifft auch die konfessionellen Jugendgruppen. Trotz des Reichskonkordats vom 20. Juli mit dem Vatikan, das den katholischen Verbänden eine eingeschränkte Jugendarbeit zugesteht, wird noch im gleichen Monat die parallele Mitgliedschaft in der Gesamt-HJ und in einer kirchlichen Jugendorganisation verboten.50
Die evangelischen Jugendorganisationen werden durch ein Abkommen zwischen Schirach und dem Reichsbischof Ludwig Müller (1883 - 1945) Ende 1933 in die Gesamt-HJ eingegliedert.
Es folgt die Ausgliederung von HJ und BDM aus dem Verantwortungsbereich der SA.
Die gesamte Jugendorganisation wird Mitte des Jahres, veranlasst auch durch die vielen neuen Mitglieder, neu strukturiert. Ab jetzt sind innerhalb der Gesamt-Hitlerjugend die 10- bis 14-jährigen Jungen dem Deutschen Jungvolk, die 14- bis 18-jährigen Jungen der Hitlerjugend, die 10- bis 14-jährigen Mädchen dem Jungmädelbund (JM) und die 14- bis 18-jährigen Mädchen dem Bund deutscher Mädel zugeordnet.51
Der BDM wird in seiner Arbeit unabhängiger, richtet sich nicht mehr alleinig an den Bedürfnissen der HJ aus. Er wird nun als „Kampf-, Arbeits- und Lebensgemeinschaft“52 beschrieben, die ihren Beitrag innerhalb der Gesellschaft zu leisten hat.
Im Sommer übernimmt Lydia Gottschewski als Bundesführerin die Leitung des BDM. Durch das Verbot der anderen Organisationen steigen die Mitgliedszahlen deutlich an.
1934 ('Jahr der Schulung und inneren Ausrichtung'53)
Am 15. Juni Ernennung der Gauverbandsführerin Trude Mohr (Bürkner) (1902 - 1989) zur Reichsreferentin des BDM.54 Sie untersteht direkt der Reichsjugendführung (RJF).
Im selben Monat wird der Sonnabend als 'Staatsjugendtag' ausgerufen. Er ist ausschließlich dem HJ- und BDM-Dienst vorbehalten und stellt die Mitglieder der Jugendorganisation von der Schule frei.
Im Juli beginnt der HJ-Streifendienst seine Arbeit. Er übernimmt Polizeiaufgaben innerhalb der HJ und versucht oppositionelle Jugendgruppen auszumachen.55
Durch die Übernahme der 'Artamanen' wird auch der landwirtschaftliche Bereich in die Gesamt-HJ integriert und es entsteht der 'Landdienst'. Einführung eines 'Hauswirtschaftlichen Jahres' für BDM-Mädchen als Beitrag zum Aufbau des 'Dritten Reiches'.56
Artur Axmann ruft den Reichsberufswettkampf ins Leben, der zu einer bestehenden, faktisch verpflichtenden Instanz für Jungen und Mädchen wird.57 Die letzte bedeutende Maßnahme der HJ im Jahr 1934 ist ihre Abkopplung und Distanzierung von der SA, der sie laut Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat vom 1. Dezember 1933 noch immer unterstellt ist. Fortan werden die 18-jährigen Jungen nach ihrer Entlassung aus der HJ nicht mehr in die SA, sondern direkt in die NSDAP übernommen.58
1935 ('Jahr der Ertüchtigung')
Der Reichssportwettkampf findet zum ersten Mal statt. Seine Teilnehmerzahl steigt in den kommenden Jahren stark an.
Wiedereinführung der allgemeine Wehrpflicht und der Arbeitsdienstpflicht im Juni. Die vormilitärische Ausbildung in der HJ rückt in den Vordergrund.59 Es entstehen verschiedene Sondereinheiten der Hitlerjugend, wie beispielsweise die Marine-HJ, die Motor-HJ, die Fliegereinheiten und die Nachrichten-HJ.
1936 ('Jahr des deutschen Jungvolkes')
Ab diesem Jahr erfolgt die Aufnahme der Jungen und Mädchen in das Jungvolk und den Jungmädelbund mit wenigen Ausnahmen in geschlossenen Jahrgängen jeweils zum 20. April eines Jahres, dem Datum des Führergeburtstages.60
Im April Vereidigung von 190.000 Führern und Führerinnen der HJ und des BDM.

Abb. 1: Das Gesetz über die Hitlerjugend
Es folgt eine Neugliederung der Gesamt-HJ „nach Jahrgängen und Wohnbezirken“61. Zu dieser Zeit waren bereits sechs Millionen Jungen und Mädchen Mitglied der Hitlerjugend.62
Baldur von Schirach wird zum Staatssekretär berufen.
Ende des Jahres erlässt Adolf Hitler das Gesetz über die Hitler-Jugend. Die darin enthaltene 1. und 2. Durchführungsverordnung schreibt die Mitgliedschaft alle Kinder und Jugendlichen in der Gesamt-Hitlerjugend als Dienstpflicht fest. Mit diesem Gesetz endet die Entwicklung der Gesamt-Hitlerjugend, die „von einer 'Kampfjugend' über die 'Volksjugend' zu einer 'Staatsjugend' geworden war.“63
1937 ('Jahr der Heimbeschaffung')
Das Jahr 1937 ist gekennzeichnet durch den Aufbau von HJ- und BDM-Heimen und Adolf-Hitler-Schulen, die als Vorschulen der NS-Ordensburgen dienen. Der Aufbau der Reichsführerschule in Potsdam und der Akademie der Jugendführung dienen dazu, die Ausbildung und Karriere zukünftiger Führer und Vorsitzenden der Hitlerjugend zu verbessern.64
In diesem und im folgenden Jahr werden die letzten, oft illegal bestehenden Jugendverbände ausgeschaltet.
Dr. Jutta Rüdiger (1910 - 2001) übernimmt im November das Amt von Trude Mohr. Sie trägt fortan die Bezeichnung Reichsreferentin für den BDM beim Reichsjugendführer.65
Verstärkte hauswirtschaftliche und kulturelle Tätigkeiten sollen den Vermännlichungstendenzen im BDM entgegenwirken.
1938 ('Jahr der Verständigung')
Die Organisation Glaube und Schönheit für die 17- bis 21-jährigen Mädchen sowie BDM-Haushaltsschulen werden gegründet. Für die jungen Frauen wird ein 'Pflichtjahr' eingeführt.
Im April wird das Gesetz über Kinderarbeit und die Arbeitszeit der Jugendlichen verabschiedet, welches die Situation der Kinder und Jugendlichen stark verbessert.66
Bedeutendes Ereignis dieses Jahres ist das Zusammentreffen aller HJ- und BDM-Führer/innen am 24. Mai zum Reichsführerlager. Im Hinblick auf einen möglichen Krieg finden folgende Bereiche Einzug in die HJ- und BDM-Arbeit: „steigende Gesundheitsvorsorge, die Anstrengung um den Erhalt der jugendlichen Leistungsfähigkeit sowie die Luftschutzausbildung – und natürlich die seit 1938 forcierte militärische Ertüchtigung der Jugend“67.
Der HJ-Streifendienst wird eine Sonderformation für den SS- und Polizeinachwuchs.68
Nach der Besetzung des Sudetenlandes und dem Anschluss Österreichs an das 'Dritte Reich' werden deren Jugendorganisationen in die Hitlerjugend integriert.69
1939 ('Jahr der Gesundheitspflicht')
Die körperliche Gesundheit wird propagiertes Ziel dieses Jahres. Um in der Zukunft gesunde Nachkommen zu zeugen, wird besonders die Jugend angehalten, durch Sport, Körperpflege und Lebenshaltung den eigenen Körper gesund und kräftig zu halten.70
Im September Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen. Beginn des 2. Weltkriegs.
Im November Erlass der 3. Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Hitlerjugend vom 01. 12. 1936, der die praktische Umsetzung regelt. Fortan werden alle Kinder und Jugendlichen per Gesetz automatisch in die HJ integriert. Der Jugendführer darf fortan die Staatsorgane für die Durchsetzung seiner Ziele zu Hilfe nehmen.71
Die Hitlerjugend wird in diesem Jahr in eine 'Stamm-HJ' und in eine 'Allgemeine HJ' aufgeteilt. Mitglieder der 'Stamm-HJ' sind alle vor 1939 aufgenommenen Mitglieder der Jugendorganisation oder ehemalige Mitglieder der 'Allgemeinen HJ', die sich nach einem Jahr bewährt hatten.72

Abb. 2: Erste Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Hitler-Jugend
Mit Kriegsbeginn erhält die Staatsjugendorganisation neue Aufgaben. Die HJ übernimmt fortan „Partei-Einsätze (Kurier-, Wach-, Propaganda-Dienst); Einsatz für Staat und Kommunen (Meldedienst, Luftschutz, Feuerwehrdienst; sogenannte Technische Nothilfe; Hilfsdienst bei der Post, der Bahn, Einsatz bei der Wehrmacht (Kurier- und Verladedienst, Verpflegungsausgabe, Telefondienst u. a.m.); Einsatz in Wirtschaftsbetrieben und Arbeitskommandos; Sammlungen von Altmaterial, Kleidungsstücken u. ä.; Land- und Ernteeinsätze, NSV-Dienst und 'kulturelle Betreuung'“73
Der BDM übernimmt fortan auch Aufgabenbereiche, in denen die Männer aufgrund des Krieges fehlen. Ihm obliegt auch die Versorgung Verwundeter und Kranker.
Ab 1940 ('Jahr der Bewährung')
1940 tritt Baldur von Schirach als Reichsjugendführer und Jugendführer des deutschen Reiches74 zurück und übergibt seine Position an Artur Axmann. Neben seiner Tätigkeit als Reichsleiter für die Jugendführung der NSDAP erfolgt seine Ernennung zum Reichsstatthalter und Gauleiter von Wien.75
Um die Dienstpflichtverordnung nicht zu gefährden, wird die „Disziplinarordnung der HJ in eine Dienststrafordnung umgewandelt, die ein Verfahren bei Nichterfüllung der Dienstpflicht […][vorsah] und Verstöße gegen die HJ-Disziplin, 'Gefährdung des öffentlichen Ansehens der HJ' und ähnliches mehr verfolgt[…].“76
Im März Einberufung des vollständigen Jahrgangs 1923 zur Jugenddienstpflicht.
Beginn der 'Kinderlandverschickung' mit der Evakuierung von Schulkindern aus kriegsgefährdeten Regionen.77
1941 ('Unser Leben, ein Weg zum Führer')
Die Mitgliedszahlen der Gesamt-HJ steigen während des Krieges weiter an, da die Jugendorganisationen der eroberten Gebiete häufig in die Gesamt-Hitlerjugend integriert werden.78

Abb. 3: Dienststrafordnung der HJ.
1942 ('Osteinsatz und Landdienst')
Schirach und Axmann gründen den Europäischen Jugendverband. Er schließt sich aus faschistischen Jugendorganisationen Österreichs, Italiens und einiger anderer Länder, die mit dem Deutschen Reich sympathisieren, zusammen.79
1943 ('Kriegseinsatz der deutschen Jugend')
Die Kriegseinsätze der HJ werden intensiviert, ab Januar werden selbst Schüler als HJ-Luftwaffenhelfer eingezogen.
Der Widerstand vieler Jugendlicher gegen die Gesamt-HJ, vor allem gegen die HJ-Dienstpflicht, wächst. Dem begegnet die Staatsjugendorganisation mit „stärkeren Disziplinarmitteln, Ausweitung des Jugend-Arrests, Verschärfung der Kontrollen des Streifendienstes, Forcierung des militärähnlichen Drills und Zuhilfenahme der Staatsorgane und ihrer Mittel“80.
Die gesamte Hitlerjugend entwickelte sich während des Krieges zu einer „Kriegshilfsdienstorganisation“81. Kriegsbedingte Themen bestimmen in zunehmenden Maß den Inhalt der Arbeit. Der BDM beteiligt sich z. B. an der Gesundheitsversorgung in den Lazaretten, bereitetet Essen für Bedürftige zu, fertigt und flickt Soldatenkleidung, stellt Spielzeug für die Kinder her, hilft in Betrieben, Fabriken und Bauernhöfen.
Im Sommer 1943 zeigen sich erste Zerfallserscheinungen der Gesamt-HJ.
1944 („Jahr der Kriegsfreiwilligen“)
Die Jugend wird zu einem „sinnlosen Widerstand“82 aufgerufen. Der männliche Jahrgang 1929 wird zum Wehrdienst einberufen und auch Mädchen werden jetzt in den Wehrdienst integriert.
1945
Die gesamte Hitlerjugend zerfällt bei Kriegsende gemeinsam mit dem 'Dritten Reich'.83

Abb. 4: Mitgliederbewegung
3. Die Staatsparteidoktrin des 'Dritten Reiches'
3.1 Die Ideologie des Staatssystems
Als einzige Partei im totalitären nationalsozialistischen Staat zugelassen, erhielt die NSDAP die Monopolstellung als Staatspartei. Ihre programmatischen Grundsätze wurden als Doktrin erklärt und erhielten absolute Gültigkeit für alle Bürger des Staates.84 Systemkritische Einstellungen und Meinungen wurden verboten und durften somit in keiner Form bekundet werden. Zuwiderhandlungen wurden mit Strafverfolgung geahndet.
Im Gegensatz zu anderen Ideologien besaß die nationalsozialistische Weltanschauung nie ein stringentes System. Sie bestand aus einem „Ideenkonglomerat“, „das Vorstellungen, Leitbilder und Ressentiments des deutschen nationalen Bürgertums vereinigte.“85 Hitlers Weltanschauung, erörtert in seinem Buch 'Mein Kampf', kreiste im Kern um die aus der Ariosophie aufgenommene und verschärfte Anthropologie der „Erkenntnis von der Ungleichheit der Menschen“86. Rassismus und Antisemitismus, die Hervorhebung der 'arischen' Rasse über die nicht-arischen Völker und das damit verbundene Elitedenken wurden somit grundlegend für alle weiteren ideologischen Vorstellungen der Nationalsozialisten.87 Der Standpunkt des einzelnen Menschen wurde „durch sein Blut und durch seine Rasse“ definiert.88
Innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie war das Führerprinzip von wesentlicher Bedeutung. Es griff das vermutete germanische Prinzip von 'Führer und Gefolgschaft' auf, in dem der Führer allen Menschen des Volkes hierarchisch übergeordnet war und seitens der Untertanen bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Staatsoberhaupt verlangt wurde.89 Damit erfolgte zugleich die Negierung des Einzelnen zugunsten der Volksgemeinschaft im Sinne der Parole: 'Du bist nichts – Dein Volk ist alles'90 als integrativer Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie. Sie entlehnte dafür Gedankengut aus der Zeit des 1. Weltkriegs, als sich der einzelne Soldat angeblich für die Gemeinschaft opferte. Aus nationalsozialistischer Sicht versprach „das mystische Erlebnis der Volksgemeinschaft […] dem Einzelnen Geborgenheit und Selbstgewissheit, erlöste ihn von der Kontingenz seines Daseins, indem er sich als Teil eines übergeordneten Ganzen, als organischer Bestandteil der Volksgemeinschaft, als treuen und ergebenen Gefolgsmann Hitlers interpretieren konnte.“91 Damit einher ging die Ablehnung aller geistigen und intellektuellen Fähigkeiten der Menschen zugunsten einer starken Betonung des Körperkultes. Das Heranzüchten gesunder und starker Körper war vielfach gepriesenes Ziel. Hingegen war die geistige Entwicklung der Menschen für die Nationalsozialisten nur im Hinblick auf die Ausbildung von Charakter- und Willensstärke von Bedeutung.92 Damit kam der Militarisierung der Gesellschaft, die zunehmend in alle Lebensbereiche hineinspielte, eine wichtige Rolle zu. Durch das Tragen der Uniform und durch das Befolgen der Regeln sollte eine Gleichheit und Einheitlichkeit in allen organisierten Bereichen erwirkt werden.
Das Fernziel nationalsozialistischer Ideologie basierte auf Hitlers imperialistischen Eroberungsbestrebungen. Nach denen sollte der Lebensraum Richtung Osten hin erweitert werden, entsprechend der „Bevölkerungszahl und dem 'Machtwillen' des 'deutschen Volkes'“93. Dieser angestrebte Großstaat sollte wiederum von den herangezüchteten 'Herrenmenschen' geführt und gelenkt werden.
3.2 Die Grundsätze der Anthropologie
Grundlage für die Herausbildung dieser 'neuen Menschen' war Hitlers Rassenideologie, die rein wissenschaftlich betrachtet keine eigene neue Ideologie war. Hitler griff bereits in 'Mein Kampf' nur rudimentäres Gedankengut aus der Ariosophie und der britischen Rassenlehre des Kolonialismus auf - vernommen in seiner Wiener Jugendzeit - und mischte jene Aspekte mit der 'Eugenik' von Dr. Eugen Fischer (1874 - 1967). Er unterschied zwischen „Kulturbegründer, Kulturträger und Kulturzerstörer“94, wodurch sich eine „Rangordnung der Rassen“95 mit den 'arischen' Rassen an der Spitze ergab. Mithilfe des Sozialdarwinismus definierte er die 'arische' Rasse in ihrer Beschaffenheit und ihren Eigenschaften als höherwertig. Er leitete aus dieser angenommenen Überlegenheit das natürliche Recht ab, andere, niedere Rassen, u. a. die Juden, zu beherrschen.96 Da nach seinem Geschichtsverständnis die Herrschaft der 'Arier' in der Vergangenheit durch das Judentum bedroht war, sagte er „dem rassischen Gegner den Kampf auf Leben und Tod“97 an.
Die Dominanz der 'Arier' fand er in den menschlichen Eigenschaften ihrer Rasse begründet. So hob er ihre „Willens- und Charakterstärke, sowie körperliche Robustheit“98 hervor, negierte aber, wie bereits oben angeführt, intellektuelle und geistige Fähigkeiten der Menschen. Wert erzielte in seinen Augen der einzelne Mensch allein durch sein Machtstreben. Je mehr Macht der Mensch besitzt, desto höher solle er aufsteigen. Hitler unterteilte die arischen Menschen in die breite Masse und in die Elite, den sogenannten „nordischen Rassekern“99. Letzterer Gruppe sprach er die besten Eigenschaften und die höchstentwickeltsten Fähigkeiten zu, was sie dazu berechtigte, die „beherrschende Stellung in Volk und Staat“100 einzunehmen.
Für seinen angestrebten neuen Staat wollte Hitler einen „neuen Menschen“101, rassisch homogen, entstehen lassen. Das Ziel bestand darin, den „nordischen Helden“102 zu züchten, mit den Eigenschaften der „rassische[n] Gesundheit als Basis für Willen, Härte, Disziplin und Kampfgeist, für Leistung und Opferbereitschaft, aber auch für große Kulturschöpfungen aus 'arischem' Geist“.103 Im 'Klugen Alphabet' von 1935 wurde unter dem Begriff Rasse definiert, dass durch „Rückkreuzungen und weiteren Standardkreuzungen durch Ausmendeln, Entmischungen, also Ausmerzung bestimmter Rasseelemente“104 Menschen entstehen können, die alle diese Eigenschaften verkörperten. Dieses Verfahren sollte in ihrer Vollendung zum 'Herrenvolk' führen, welches den anderen Völkern in oben genannten Aspekten weit überlegen sei.
Pädagogische Aspekte der humanistischen Bildungstradition fanden keinen Eingang in diese Anthropologie, denn es ging nicht mehr darum, durch Erziehung den individuellen Menschen in seiner Selbstverwirklichung zu fördern. Vielmehr sollten, mit Hilfe von biologischer sowie seelisch-geistiger 'Zucht' und 'Dressur', Menschen gestaltet werden, die sich selbst im Sinne des Nationalsozialismus (NS) für die Allgemeinheit aufgaben.105
3.3 Bild der Frauen im Nationalsozialismus
Der Nationalsozialismus wurde als eine Bewegung der Männer gesehen, in der Frauen nur eine untergeordnete Rolle in der Familie, Gesellschaft und im Berufsleben einnahmen.
Äußerungen Hitlers dazu auf dem Nürnberger Parteitag im Jahr 1934 vermitteln anschaulich diese propagierten Rollenbilder: „Wenn man sagt, die Welt des Mannes ist der Staat, die Welt des Mannes ist sein Ringen, die Einsatzbereitschaft für die Gemeinschaft, so könnte man vielleicht sagen, dass die Welt der Frau eine kleine sei. Denn ihre Welt ist der Mann, ihre Familie, ihre Kinder und ihr Haus. Wo aber wäre die größere Welt, wenn niemand die kleine Welt betreuen möchte?“106
Gemäß dieser Rollenzuordnung wurden die Arbeitsbereiche von Mann und Frau im Nationalsozialismus der Vorkriegszeit zumeist getrennt. Während der Mann in der patriarchalisch orientierten Gesellschaft einem Beruf nachging und damit für den finanziellen Familienerhalt sorgte, übernahm die Frau den Haushalt und die Kinderbetreuung.
Die Ehe selbst wurde laut Hitler nicht als Selbstzweck aufgefasst, ihre vornehmliche Aufgabe lag in der Reproduktion des Nachwuchses. Dabei wurde die 'Mutterschaft' als eine Art Beruf(ung) angesehen, idealisiert und „parteipolitisch definiert und staatlich durchgesetzt“107. Es galt, eine möglichst große Anzahl rassischer und erbgesunder Kinder zu gebären, wobei Jungen besonders erwünscht waren. Der Begriff der Mutterschaft bezog sich dabei nicht nur auf den Bereich innerhalb der eigenen Familie. Durch die Reproduktion des Nachwuchses galten die Frauen als Bewahrerinnen der Volksgemeinschaft, denn durch ihre Nachkommen trugen sie zur Sicherung der deutschen Rasse bei. Aus dieser Bestimmung leitet Hitler die Wertschätzung, ja sogar eine Gleichberechtigung der Frau ab: „Auch die Frau hat ihr Schlachtfeld: Mit jedem Kind, das sie der Nation zur Welt bringt, kämpft sie ihren Kampf für die Nation.“108 Er verlangte „dass sie in den ihr von der Natur bestimmten Lebensgebieten jede Hochschätzung erfährt, die ihr zukommt“.109 Diese starke Idealisierung und Mythologisierung der Mutter ist ablesbar an vielen Veranstaltungen, die ihr zu Ehren zelebriert wurden wie beispielsweise der Muttertag, der zum festen Bestandteil im Jahreszyklus nationalsozialistischer Feiern avancierte. Zudem wurde Müttern ab einer bestimmten Kinderanzahl das Mutterkreuz verschiedener Stufen verliehen.110
Doch statt Gleichberechtigung im heutigen Sinne ergab sich für die Frau aus ihrer vorgegebenen Rolle als Mutter, Haus- und Ehefrau eine mehrfache Abhängigkeit. Neben dem Gebären und Kindergroßziehen gehörte es zu ihren Pflichten, ihren Mann im täglichen Leben unterstützend beizustehen. Darüber hinaus sollte sie ihr Leben der völkischen Gemeinschaft anbieten und unterordnen. So war es in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus durchaus erwünscht, dass Frauen, in späteren Jahren auch unverheiratete junge Mädchen, einen Beruf ausübten, allerdings hauptsächlich in Bereichen mit sozialen Komponenten. Trude Bürkner-Mohr, damalige Reichsreferentin des Bundes Deutscher Mädel, propagierte dementsprechend die Aufnahme eines Berufes aus dem Sektor „Helfen, Heilen, Erziehen“111. Aus anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, so auch der Politik, hatten sich Frauen vollständig herauszuhalten. Auf der ersten Generalversammlung der NSDAP wurden sie aus allen führenden Parteigremien ausgeschlossen. Fortan blieb Ihnen nur innerhalb des BDM die Möglichkeit, höhere Positionen einzunehmen, wobei auch hier die letztendliche Entscheidungsgewalt bei den Männern lag.
Auch wenn Hitler von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sprach, ergab sich für Letztere nach heutiger Sicht eine deutlich niedrigere Stellung innerhalb der Gesellschaft. Anstatt als Subjekt ihr Leben selbstständig, durch Eigenbestimmung und Eigeninitiative zu gestalten, verfiel die Frau in die Rolle des Objektes.
Wie sah nun das Verhältnis zwischen propagierten Rollenbild und tatsächlich gelebter Realität aus? Bezüglich des Zieles, möglichst viele Kinder zu gebären, bestand eine Übereinstimmung zwischen Ideologie und Wirklichkeit. Die Geburtenrate stieg in der Zeit des Nationalsozialismus an. Es ist anzunehmen, dass diese Entwicklung auf fördernde Kriterien, aber auch auf Zwangsmaßnahmen zurückzuführen ist. Zu Ersteren gehörte beispielsweise die Ermäßigung der Steuer für kinderreiche Familien, wie auch die Auszeichnung mit dem Mutterkreuz. Als Zwangsmaßnahme wurde gesetzlich ein Verbot über die Nutzung von Verhütungsmitteln erlassen, wie auch ein Verbot über die freiwillige Sterilisation.112
Hinsichtlich der Berufstätigkeit der Frauen stimmten Ideologie und Realität nicht überein. Zwar nahm in der Anfangszeit bis zum Jahr 1935 der Prozentsatz arbeitender Frauen kontinuierlich ab, doch ist diese Entwicklung mit Vorsicht zu betrachten, da zu gleicher Zeit fast ausschließlich Männer in die vorhandenen Berufe eingestellt wurden. Dadurch verringerte sich der Prozentsatz der Frauenarbeitsquote auf eine natürliche Art, ohne das weibliche Angestellte aus ihren Berufen entlassen wurden. Ab dem Jahr 1936 wich die Realität dann vollends von der postulierten Ideologie ab. Dies ist auf die florierende Wirtschaft und die forcierten Kriegsvorbereitungen zurückzuführen. Der Aufschwung und die damit dringend benötigte Arbeitskraft ließ nicht mehr zu, dass auf Frauen in vielen Bereichen des Arbeitslebens verzichtet wurde.113 Als mit Kriegsbeginn immer mehr Männer aus den Betrieben ausschieden, um an der Front zu kämpfen, nahm die Anzahl arbeitender Frauen noch einmal erheblich zu. Dieser Trend stieg durch den kriegsbedingten Verlust der männlichen Arbeitskräfte weiter an. Die in früheren Jahren propagierten spezifischen Frauenarbeitsstellen spielten zu dieser Zeit längst keine Rolle mehr.
3.4 Bild der Männer im Nationalsozialismus
In einer Rede am 13. September 1935 sprach Hitler folgende Worte: „Frau und Mann repräsentieren zwei ganz verschiedene Wesenseigenschaften. Im Manne sei vorherrschend der Verstand. Stabiler sei aber das bei der Frau hervortretende Gefühl.“114
Während somit in der nationalsozialistischen Ideologie die Frau und ihre Welt als emotional, seelisch und sorgend klassifiziert wurde, galt der Mann als rational denkend und handelnd sowie kraftvoller physischer Mensch. Er wurde charakterlich als stark und rational definiert. Ihm gebührte es, die Rolle des politisch aktiven und herrschenden Menschen einzunehmen. Seinen Fähigkeiten entsprechend, sollte der Mann als Ernährer der Familie einer beruflichen Tätigkeit nachgehen und so das Familieneinkommen sichern, seine Familie versorgen, ernähren und mit der Waffe in der Hand beschützen.
Die beiden Welten von Mann und Frau sollten sowohl in der Ehe, als auch im gesellschaftlichen Leben und Arbeitsleben getrennt bleiben. Der Mann war dazu bestimmt, den Frauen ihre Rolle zuzuweisen.
3.5 Bild der Mädchen im Nationalsozialismus
Das idealtypische Mädchen musste zu Zeiten des Nationalsozialismus einige grundlegende Voraussetzungen mitbringen. Es musste 'deutsch', 'arisch' und damit 'erbgesund' sein. Darüber hinaus sollte es ihr Leben zugunsten der Volksgemeinschaft einsetzen sowie die nationalsozialistischen Werte und Normen widerstandslos annehmen und nicht hinterfragen. Laut BDM-Leitung sollten folgende Eigenschaften das deutsche Mädchen ausmachen: Es „war sportlich, pflegte seinen Körper, achtete auf seine Gesundheit und war äußerlich sauber und ordentlich gekleidet; es war tüchtig und selbstständig in beruflicher, insbesondere in hauswirtschaftlicher Hinsicht.“115 Es sollte sich kulturell und musisch bilden und darüber hinaus auf ihre spätere Rolle als Mutter und den damit verbundenen Aufgaben vorbereiten. Wichtige damit verbundene Tugenden waren „Treue, Gradheit, Reinheit, Sauberkeit und Ehre“116.
Im BDM sollten sich die Mädchen nicht als Einzelpersönlichkeiten darstellen und entwickeln, bestimmend war das Wir-Gefühl, die Gemeinschaft. Die Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen wurde im Selbstverständnis des BDM von „internen, erblichen, biologisch-rassischen Bedingungen“117 bestimmt und nur bedingt durch Erziehung beeinflusst. Damit wurden die Mädchen durch ihre Erbanlagen zu Objekten degradiert. Ihnen wurde nicht die Möglichkeit gegeben, eigene Interessen zu entwickeln, ihren individuellen Weg zu finden und zu eigenständigen Persönlichkeiten heranzureifen.
Nicht alle Mädchen ließen sich in dieses sehr enge und einschränkende Muster einfügen und es entstanden Gegenbilder zu diesem Typ Mädel, wie beispielsweise die „intellektuellen Blaustrümpfe“118 und die „politisierenden Dämchen“119.
3.6 Bild der Jungen im Nationalsozialismus
Das wohl einprägsamste Bild des Jungen im Nationalsozialismus formulierte Hitler auf seiner Rede zum jährlichen Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg 1935. Er wollte eine männliche Jugend, die „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“120 sei. Aus diesem Zitat wird ersichtlich, dass vor allem die körperliche Ertüchtigung und Aktivität den HJ-Jungen ausmachen sollte. In dem von der Reichsjugendführung veröffentlichten Buch „HJ. im Dienst“, wurde schon in der Einleitung formuliert: „Der Führer verlang von Dir, daß du Deine körperlichen Anlagen und Fähigkeiten bis zur äußersten Möglichkeit entwickelst.“121
Die intellektuelle Bildung fand keinen Eingang in das nationalsozialistische Jungenbild. Vielmehr ging es darum, sich an die Organisation zu binden und die Ideologie, die Normen und Werte unreflektiert zu übernehmen. Eigeninitiative der Jungen wurde zwar gewünscht, jedoch nur im Rahmen der bestehenden Normen. Befehle von Vorgesetzten sollten sie schnell und unhinterfragt ausführen, immer im Sinne der Gemeinschaft.122
Laut Hitler sollten die Jungen „friedfertig sein und mutig zugleich“123. Darüber hinaus sollten sie stark und hart sein und lernen, „Entbehrungen auf […] [sich] zu nehmen, ohne jemals zusammenzubrechen“124 Auch der Begriff der Ehre und des Stolzes wurde in diesem Zusammenhang angesprochen.
Deutlich abzugrenzen hatten sich die Jungen von den „'romantischen' oder 'intellektualisiert-problematisch[en]' Jugendlichen früherer Jugendbünde[…]“125 und auch vom „'sozialrevolutionären' und politisch-aktiven Typ verschiedener Jugendorganisationen“126.
4. Struktureller Aufbau der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädchen
4.1 Aufbau und Gliederung
Bereits von Beginn an war die Staatsjugendorganisation von der NSDAP vollständig politisch abhängig und galt als deren Nachwuchsorganisation. Wie auch die NSDAP war die Gesamt-Hitlerjugend hierarchisch und zentralistisch aufgebaut und zeigte in ihren einzelnen Sektionen eine analoge Struktur zur Partei.127 Obwohl formal freiwillig, wurden die 18-jährigen Männer oft nach Abschluss der HJ zunächst in die SA, später in die NSDAP übernommen. Die Frauen wurden aufgefordert, nach Abschluss des BDM oder ihrem Abschluss in der Organisation Glaube und Schönheit in die NS-Frauenschaft einzutreten. So wurde der Parteinachwuchs gesichert, der sich zudem bereits in den Strukturen und Funktionen der Organisation auskannte
Die Gesamt-HJ unterteilte sich in fünf Obergebiete: Ost, Nord, Mitte, Süd und West, die sich wiederum in jeweils vier bis fünf Gebiete und Obergaue aufgegliedert. Ab dort waren sie hierarchisch abgestuft in Bann, Stamm, Gefolgschaft, Schar und Kameradschaft, analog beim BDM untergliedert in Obergau, Untergau, Mädelring, -gruppe, -schar und -schaft.128 Der BDM, als Teil der Gesamt-HJ, war in seinem Aufbau der HJ angeglichen, es gab keine „eigens gestaltete weibliche oder mädchenspezifische Organisationsform.“129 Aus der getrennten Rollenverteilung von Mann und Frau im Nationalsozialismus ergaben sich allerdings bereits innerhalb der Staatsjugendorganisation zwei unterschiedliche Erziehungsschwerpunkte, so dass ab 1933 die Gesamt-HJ die Jungen und Mädchen nach Alter und Geschlecht in folgenden Organisationsformen zusammenfasste: Die Jungen von 10 bis 14 wurden zunächst im Jungvolk, gegründet 1931, organisiert. Anschließend wechselten sie für die nächsten vier Jahre in die HJ. Jene, bereits 1926 gegründet, war bis 1932 der Sturmabteilung (SA) unterstellt.130 Neben den Ortsgruppen gab es innerhalb der HJ Sondereinheiten, beispielsweise die „Nachrichten-, Marine-, Flieger- und Motor-HJ“131. In diesen Formationen erhielten die Jungen eine spezifische Ausbildung, welche ausschließlich ihnen vorbehalten war. Vergleichbare Einheiten für die Mädchen im BDM gab es nicht, jedoch konnten sie an Sonderausbildungen teilnehmen, wie beispielsweise am Gesundheitsdienst.132
Die weibliche Jugend wurde in die Jungmädel zwischen 10 und 14 Jahren und in den BDM für die 14- bis 18-jährigen untergliedert. Neben dem bereits 1930 gegründeten BDM wurde 1938 die Organisation Glaube und Schönheit für die 17- bis 21-jährigen jungen Frauen ins Leben gerufen. Die Teilnahme darin war freiwillig.133
Jährlich am 20. April, dem Tag von Hitlers Geburtstag, wurden die Jungen und Mädchen in das JV bzw. die JM aufgenommen. Anfangs wurden die Mitglieder des Jungvolks, in Anlehnung an die Jungmitglieder diverser Bünde vor 1933, Pimpfe genannt. Ab Ende 1938 durfte der Begriff nicht mehr verwendet werden, da er als abwertend galt.134 Vermutlich entdeckte die Reichsjugendführung den etymologischen Ursprung des Wortes Pimpfe, der „(kleiner) Furz“135 bedeutete. Der Übertritt in HJ und BDM erfolgte ebenfalls an besagtem Tag.136
Obwohl lange Zeit das „Prinzip der Freiwilligkeit der Zugehörigkeit“137 zur Staatsjugendorganisation propagiert wurde, änderte sich das 1936 grundlegend durch das HJ-Gesetz. Ab diesem Zeitpunkt blieb jeder Junge und jedes Mädchen für eine Dauer von 8 Jahren Mitglied der Staatsjugendorganisation. Mittels der 1939 eingeführten Durchführungsverordnung wurde die Teilnahme sogar zur Pflicht erklärt. Fernbleiben wurde nur in Ausnahmen gewährt, beispielsweise bei nachgewiesener Krankheit. Verweigerung wurde mit Strafverfolgung geahndet.
Während der 8 Jahre wurden den Jungen und Mädchen aufeinander aufbauende nationalsozialistische Inhalte und Verfahrensweisen vermittelt, die jährlich mit einem bestimmten Ausbildungsziel abschlossen.138

Abb. 5: Motor-HJ

Abb. 6: Nachrichten-HJ

Abb. 7: Flieger-HJ

Abb. 8: Segelpilot Joachim Gittelbauer

Abb. 9: Der Aufbau der Hitlerjugend nach Jahrgängen
4.2 Die Hierarchie, Struktur und das Führungsprinzip der Gesamt-Hitlerjugend als zentralistisches Prinzip des Machtsystems
Der Aufbau der Gesamt-HJ war einfach und klar nach zentralistischen Machtstrukturen gegliedert. Nur die „oberste Spitze“139 traf die wichtigen Entscheidungen über Aufgaben und Inhalte der HJ und des BDM. Die Führer an der Basis, die der Jugend sehr nahe standen, hatten für deren Umsetzung zu sorgen.
An der Spitze der gesamten HJ stand die Reichsjugendführung in Berlin. Alle Ämter innerhalb dieser obersten Reichsbehörde, bei der sämtliche Befugnisse zusammenliefen, wurden ausschließlich von Männern bekleidet. Auch die Reichsreferentin des BDM war der Reichsjugendführung direkt unterstellt, sie hatte jedoch „weitgehende Vollmachten [,][…] die Führung des BDM zu bestimmen.“140 Innerhalb der Behörde waren alle Bereiche der nunmehr staatlich gelenkten Jugendpolitik, u. a. auch die Ämter für die Leibeserziehung und die HJ-Gerichtsbarkeit, zusammengeführt. Die Leitung über die verschiedenen Ämter lag beim Stabsführer der Reichsjugendführung.141
Dem Aufbau der NSDAP entsprechend, hatte jede der sieben Einheiten (HJ => Reichsjugendführung - Gebiet - Bann - Stamm - Gefolgschaft - Schar -Kameradschaft/BDM => Reichsjugendführung - Obergau - Untergau -Mädelring - Mädelgruppe - Mädelschar - Mädelschaft) verschiedene Hauptabteilungen oder -stellen. So bestand z. B. ein Bann aus einer „Personalsstelle, Sozialstelle, Stelle für weltanschauliche Schulung, Presse- und Propagandastelle, Verwaltungsstelle“142. Diese Stellen gab es in ähnlicher Form auch auf den nächsthöheren und –tieferen Ebenen.
In jeder HJ- und BDM-Gruppe stand an der Spitze ein Junge oder ein Mädchen als Führer, die den Namen der Gruppe und der Klassifikation trugen, z. B. Bannführer oder Mädelgruppenführerin.143 Sie allein hatten die Verantwortung für ihre Gruppe und mussten sich vor der jeweils höheren Instanz verantworten. Ein Führer, anders als ein Vorgesetzter, verübte nach Schirach eine natürliche Autorität und war seiner „Gefolgschaft Vorbildlichkeit schuldig“144. Gemäß der nationalsozialistischen Idee des Führerprinzips waren die untergeordneten Jugendlichen ihrem Führer zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Sie hatten die von ihm erteilten Regeln und Anweisungen uneingeschränkt und unhinterfragt auszuführen.
Die einzelnen Stellen und Positionen wurden von den „Personalsstellen bzw.
-abteilungen und dem Personalamt der RJF“145 zugeteilt. Neben dieser Berufung gab es keine Möglichkeit, sich auf eine Position wählen zu lassen. Die Stellungen der Bannführer/innen und darüber liegende Positionen waren in der Regel hauptamtlich und damit besoldet.
Während die Männer für die einheitliche Ausrichtung der gesamten Arbeit verantwortlich waren, stand ihnen für die mädchenspezifischen Belange jeweils eine BDM-Amtsreferentin zur Seite.146
Generell war jedoch im Geschlechtervergleich das weibliche Geschlecht innerhalb der RJF „vollkommen unterrepräsentiert“147 und selbst in Mädchenangelegenheiten besaßen die Männer das Recht, die endgültigen Entscheidungen zu treffen.

Abb. 10: Aufbau der Stäbe

Abb. 11: Gliederung und Aufbau der Hitler-Jugend
5. Erziehung in der Staatsjugendorganisation
5.1 Erziehungsziele im 'Dritten Reich'
Die Erziehungsziele im 'Dritten Reich' waren darauf ausgerichtet, die nationalsozialistische Ideologie und Anthropologie umzusetzen. Anstatt einer pädagogischen Ausrichtung fokussierten und unterstützten sie allein die Herrschafts- und Eroberungsbedürfnisse ihrer politischen Machtträger.
Die bereits erwähnte Abkehr von der Individualität zugunsten der Volksgemeinschaft, der Negierung von Pluralität und der intellektuellen Fähigkeiten einzelner Menschen innerhalb einer Gesellschaft, fand Ausdruck in der von Schirach 1933 deklarierten 'Revolution der Erziehung'. Um deren Ziel zu erreichen, die gesamte deutsche Jugend „körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zu erziehen“148, fand in der Schule wie auch in der Staatsjugendorganisation ein maßloser, totalitärer und entindividualisierender Zugriff auf die Jugend statt. Die Erziehung in der Gruppe, in der sich der Einzelne zugunsten der Volksgemeinschaft aufgibt, wurde zur vorrangigen Aufgabe und zum Ziel erklärt, wobei die jungen Menschen „durch Erkenntnis, Erlebnis und Willen an die Gemeinschaft gebunden“149 werden sollten. Aufklärung und intellektuelle Bildung waren nicht gefragt. Um Menschen zu erziehen, denen das Allgemeinwohl wichtiger war als die Bildung der eigenen, individuellen Persönlichkeit, sollten die Kinder so früh wie möglich der HJ und dem BDM beitreten.
Nach Hitlers Bildungsideal war ein „zwar wissenschaftlich wenig gebildeter, aber körperlich gesunder Mensch mit gutem, festem Charakter, erfüllt von Entschlussfreudigkeit und Willenskraft […] für die Volksgemeinschaft wertvoller als ein geistiger Schwächling.“150 An Bedeutung gewann in diesem Zusammenhang die Propagierung eines religionsähnlichen Patriotismus, basierend auf Adolf Hitlers 'Mein Kampf' als deutsch-völkische Bibel. Die jungen Menschen sollten nicht zum kritischen Nachdenken angeregt werden, sondern zum blinden Glauben an die Richtigkeit der völkisch propagierten Ideen und Ziele. Geistige Fähigkeiten sollten nur in Bezug auf die Formung des Charakters eine Rolle spielen, in dem sie verhalfen, Tugenden wie „Treue, Opferwilligkeit und Verschwiegenheit“151 sowie Aufrichtigkeit, Entschluss- und Verantwortungsfreude zu entwickeln.
Letztendlich war die körperliche Ertüchtigung höchstes Erziehungsziel, Basis und Voraussetzung für die weitere ideologische Schulung im sozialdarwinistischen Sinne, das besagte, dass sich der Stärkere auf Kosten des Schwächeren durchsetzt. Hitlers vielzitierter Satz des „Heranzüchten kerngesunder Körper“152 kann in diesem Zusammenhang gesehen werden. Der Körperkult innerhalb des NS-Regimes wurde noch verstärkt durch propagandistische Parolen der Gesamt-HJ, wie beispielsweise 'Dein Körper gehört der Nation' oder auch 'Du hast die Pflicht, gesund zu sein'.153
Im Verhältnis zur körperlichen Ertüchtigung wurde der weltanschaulichen Schulung weniger Zeit und Raum bei der Erziehung der Jugend beigemessen. Ihr Schwerpunkt lag auf der „Behandlung der Rassefrage“154 und der Vermittlung eines 'Rassegefühls' als Grundlage für eine spätere anwend- und umsetzbare Rassenpolitik. Einher ging damit die Förderung eines „unerschütterlichen Nationalgefühls und eines fanatischen Nationalstolzes“155. Hierbei spielten vor allem die Schlüsselwörter „Rasse, Blut, Boden, Geist, Führertum, Ehre, Wehr, bewusste Selbstbejahung der Nation“156 eine große Rolle.
Die Erlangung der 'Ehre' wurde als Erziehungsziel besonders hervorgehoben, dass sie das „natürliche Recht auf die Achtung [darstellte], die jeder Volksgenosse als Glied und Träger der Gemeinschaft für sich beanspruchen kann.“157 Die größte Ehre erlangte der Einzelne durch den harten Kampf für das Vaterland, sei es an der Kriegsfront oder in der Heimat.
Zusammengefasst sei betont, dass es sich bei den formulierten Erziehungszielen im Nationalsozialismus fast ausschließlich um Prinzipien der Menschenformung handelte, orientiert an den Bedürfnissen des Staates. Pädagogische Normen und Ziele verloren an Bedeutung und verschwanden im Laufe der Zeit fast vollends.158
Einmal in der Staatsjugendorganisation angelangt und mit den Werten und Normen des Nationalsozialismus bekannt gemacht, sollten die Kinder nie wieder Gelegenheit erhalten, andere Ideologien kennenzulernen, um zu verhindern, dass sie eigene Vorstellungen einer individuellen Lebensgestaltung entwickeln. Hitler formulierte es in seiner Rede in Reichenberg vom 2. Dezember 1938 folgendermaßen: „Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch zu denken, deutsch handeln. Und wenn nun dieser Knabe und dieses Mädchen mit ihren zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen und dort nun so oft zum ersten Mal überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei oder in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter. Und wenn sie dort zwei Jahre oder anderthalb Jahre sind und noch nicht ganz Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs und sieben Monate geschliffen, alle mit einem Symbol, dem deutschen Spaten. Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewusstsein oder Standesdünkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das übernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre. Und wenn sie dann nach zwei oder drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter. Und sie werden nicht mehr frei, ihr ganzes Leben.“159
5.2 Erziehungsziele im Bund Deutscher Mädchen
Die propagierte Trennung zwischen der Mädchen- und Jungenerziehung wurde folgendermaßen erklärt: „Die Natur hat zweierlei Menschen geschaffen, sie sollen auch verschieden bleiben; einer Vermännlichung der Frauen können wir aus einem gesunden, naturgemäßen Empfinden heraus nicht das Wort reden, weder im körperlichen noch im geistigen Kampfe.“160
Hitler blieb in seinen Angaben bezüglich der Mädchenerziehung ambivalent. Einerseits erwähnte er: „Analog der Erziehung der Knaben kann der völkische Staat auch die Erziehung des Mädchens von den gleichen Gesichtspunkten aus leiten. Auch dort ist das Hauptgewicht vor allem auf die körperliche Ausbildung zu legen, erst dann auf die Förderung der seelischen und zuletzt der geistigen Werte.“161 In 'Mein Kampf' wiederum beschrieb er: „Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein.“162
Schirach erwähnte eine weitere wichtige Rolle der Mädchen. Sie sollten im BDM „zu Trägerinnen der nationalsozialistischen Weltanschauung erzogen werden.“163 Diese Aussage definierte die Mutterschaft mit den Begriffen Hausfrau, Mutter und 'Kulturträgerinnen'. Das Elternhaus sollte den Kindern Werte vermitteln, die als Fundament der ideologisch-politischen Vorstellungen des Nationalsozialismus dienten. Um dies zu gewährleisten wurden die Mädchen im BDM, bevorzugt an den Heimabenden, in den ideologischen Vorstellungen geschult, wobei die Punkte „Rasse – Gemeinschaft – Führer“164 einen großen Stellenwert einnahmen. In Anlehnung daran sind auch die Charaktereigenschaften zu verstehen, nach denen die Mädchen im BDM erzogen wurden: „Rassebewußtsein, Aufopferungsbereitschaft, Treue und Verantwortungsbereitschaft innerhalb der Gemeinschaft, sowie bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Führer.“165
Der Begriff der 'zukünftigen Mutter' wurde im BDM dagegen nur selten gebraucht. Der Erziehung der Jungen gleich, erhielt die körperliche Ertüchtigung den größten Stellenwert. So „müsse eine gesunde Körperschulung […] Voraussetzung sein; allzu großer Anhäufung von Wissensstoffen müsse Einhalt geboten werden“166. Der Schwerpunkt der körperlichen Ertüchtigung der Mädchen lag in der „harmonischen Durchbildung des Körpers und im edlen Dreiklang von Körper, Seele und Geist“167.
Neben der Gesundheit, dem Pflichtbewusstsein und der sozialen Einsatzbereitschaft als weitere wichtige Aspekte der Erziehung wurde auch auf ein jugendliches Eigenleben der Mädchen geachtet. Der hohe Stellenwert ergab sich aus der Tatsache, dass der weiblichen Jugend erstmals in der Geschichte eine eigene Jugendzeit zugestanden wurde.168
Die RJF propagierte darüber hinaus die Wichtigkeit einer Berufsausbildung der Mädchen, welche vornehmlich die sozialen Berufe betraf, analog des Grundsatzes „Heilen, Helfen, Erziehen“. Nach Möglichkeit sollte die Erwerbstätigkeit der jungen Frauen jedoch mit dem Eintritt in die Ehe aufgegeben werden.169
In Anlehnung an die politischen Ereignisse orientierten sich einige Erziehungsziele der Mädchen an denen der Jungen. Diese sollten sie dazu befähigen, im Falle eines Krieges ihren „Mann“ zu stehen.
5.3 Erziehungsziele in der Hitlerjugend
Als höchstes Erziehungsziel der Jungen kann wohl die „kraftvollkämpferische[…] Männlichkeit“170 genannt werden, die ihre Heimat im Krieg gegen die anderen Länder verteidigt. Hitler wollte den volkgebundenen deutschen Menschen, der im Angesicht der Geschichte seines Volkes um dessen Zukunft kämpft und schon die Jungen sollten durch die körperliche Ertüchtigung auf diese spätere Aufgabe vorbereitet werden.171 Ihre Zielsetzungen lagen in der Entwicklung eines gesunden Körpers, im Aktivismus, Kämpferischen und dem Ansporn zur Leistung. Des Weiteren sollten „Charakterwerte wie Tapferkeit, Ordnung, Pünktlichkeit, Ausdauer, Entschlussfähigkeit, Verantwortungsfreudigkeit, Verschwiegenheit usw.“172 geschult werden. Die sportlichen Wettkämpfe dienten der Auslese der Tüchtigsten bzw. der Besten, wobei halbmilitärische Übungen hierbei einen großen Stellenwert einnahmen. So wurden regelmäßig militärische Ordnungsübungen, Marschdienste von Einheiten, „'Antreten', Exerzierübungen, Appelle und ähnliches“173 durchgeführt. Damit einhergehend wurden Verhaltensweisen wie das Ein- aber auch Unterordnen, eine gewisse Selbstdisziplin und der Gehorsam gegenüber Vorgesetzten geübt.
Kameradschaftlichkeit, Gemeinsamkeit und die Erziehung zum Truppengeist waren Erziehungsziele, die vor allem beim Gelände- und Wehrsport sowie bei Fahrten und Lagern gefördert und unterstützt werden sollten.174
Ein weiteres Erziehungsziel lag in der „Erziehung zur Einfachheit“175. Vor allem die Jungen sollten zu einem „harten und bedürfnislosen Geschlecht“176 erzogen werden, welches eine „maßvolle Haltung in allen Dingen“177 erreichte und in der Schlichtheit die Schönheit der Welt erkannte.
Durch die verschiedenen Rollen, die den Jungen in der HJ übertragen wurden, sollte der Geltungsdrang der Jugendlichen befriedigt sowie das Selbst- und Ehrbewusstsein ausgebildet werden.178
5.4 Weltanschauliche Schulung und Heimabende
Die Praxisarbeit im BDM und in der HJ sollte die bereits beschriebenen Ziele umsetzen. Dies implizierte, dass möglichst viele Bereiche des jugendlichen Lebens in diesen Prozess integriert wurden. Dafür boten sich die Heimabende an, welche ein- bis zweimal wöchentlich stattfanden. Auf ihnen sollte durch Gespräche, gemeinsames Singen, Lesen, Basteln etc. die Bindung der Jugendlichen untereinander gefestigt werden.179
Seit 1937 existierte ein spezifischer Jahrgangsschulungsplan, der die Vermittlung der anstehenden Themen einheitlich im gesamten 'Dritten Reich' koordinierte. In speziellen einheitlichen Schulungsmappen, die vierzehntägig erschienen, wurden die Themen der einzelnen Stunden vorgegeben. Die Schulungsmappe der Hitlerjungen nannte sich 'Die Kameradschaft', die der Mädchen im BDM 'Die Mädelschaft'. Neben dem Leben und dem Werk Adolf Hitlers beschränkten sich die Themen im Wesentlichen auf die „Rasse-, Grenz- und Volkskunde und Bevölkerungspolitik“180.
Jedes der vier in der Hitlerjugend verbrachten Jahre stand unter einer bestimmten, aufeinander aufbauenden Thematik. Im ersten Jahr begannen die Jungen wie auch die Mädchen mit dem Thema „Der Kampf um das Reich“. Während die Jungen im zweiten Schulungsjahr das Thema „Das Volk und sein Blutserbe“ abhandelten, wurde dies im BDM erst im dritten Jahr behandelt. Die Mädchen wurden im zweiten Schulungsjahr zum Thema „Die nationalsozialistische Bewegung im Kampf um Volk und Reich“ unterwiesen. Im dritten und vierten Jahr wurden aktuellen politischen Ereignisse, sowie das Verhältnis des 'Dritten Reiches' zu anderen Ländern besprochen.181
Den Mädchen sollte durch diese Schulungsarbeit nicht nur die NS-Weltanschauung nahe gebracht werden, sie sollten auch befähigt werden, diese ihren zukünftigen Kindern zu vermitteln.182
Die Betonung der nationalen, heldenhaften Werte und Taten der eigenen Nation nahm während der weltanschaulichen Schulung mitunter fast religiöse Züge an, wobei allerdings der Glaube an den Nationalsozialismus die Religion ersetzte.
Innerhalb der vier Jahreszyklen waren die einzelnen Heimabende wiederum wie in nachfolgender Tabelle183 untergliedert:
| Januar | Deutsche Einheit, Überwindung der Gegensätze von Stämmen, Klassen, Bekenntnissen |
| Februar | Brauchtum und Geselligkeit im Jahreslauf, u. a. Fastnacht |
| März | Du hast die Pflicht gesund zu sein, gesunde Lebensführung, Erbgesundheit u. a.m. |
| April | Osterbrauchtum, Leben und Werk Adolf Hitlers, Geschichte der NSDAP |
| Mai | Tag der Arbeit, Erziehung zu sozialem Verständnis und zu Mitverantwortung |
| Juni | Familie und Dorfgemeinschaft |
| Juli | Naturbetrachtungen, Anleitungen zur Naturbeobachtungen; Kennenlernen von Pflanzen, Heilkräutern etc. |
| August | Heimat und Staatskunde |
| September | Die Arbeitswelt, Berufsberatung, Reichsberufswettkampf, Jugendschutz |
| Oktober | Erntedank und Erntebrauch, Anleitungen zu Erntedankfeiern etc. |
| November | Das Winterhilfswerk. Was können wir dazu beitragen?, Totengedenken |
| Dezember | Weihnachten und Jahreswende |

Abb. 12: Heimabend
Formal war der jeweilige Heimabend nach einem speziellen Plan, der sich nur selten änderte, strukturiert. Nach einem kurzen politisch-gesellschaftlichen Wochenbericht, der die Jugendlichen mit den aktuellen politischen Geschehnissen bekannt machte, folgte die Vermittlung und Besprechung des anstehenden Themas aus der Schulungsmappe durch den jeweiligen Führer. Es kam auch vor, dass die Mitglieder von HJ und BDM ihrerseits Themen aufarbeiteten und sie ihren Gefährten vorstellten. Zu bestimmten Gelegenheiten wurde die dreißigminütige Radiosendung 'Die Stunde der jungen Nation', die neben Musik auch aktuelle politische Themen sowie ideologische Standpunkte thematisierte, in den Heimabend integriert.184
Obwohl die weltanschauliche Schulung etwa „ein Drittel der gesamten Schulungsarbeit“185 umfassen sollte, fiel die Umsetzung der geforderten Standards in vielen Regionen, beispielsweise in ländlichen Gebieten, schwer. Gerade in strukturschwachen Gebieten mangelte es an ausgebildeten Führern, wie auch an technischen Geräten oder Materialien.
5.5 Kulturarbeit
Der kulturelle Zweig war, wie auch die anderen Bereiche des Lebens, vollständig von der nationalsozialistischen Ideologie beeinflusst und durchdrungen. So wurde nur sehr einseitig und wenig differenziert über die unterschiedlichen Bereiche der Kultur gelehrt und gelernt; mit der Folge, dass sich die jungen Menschen keinesfalls kritisch und umfassend mit ihr beschäftigen konnten, da ihr Wahrnehmungsspektrum stark eingeschränkt war. Es wurde ihnen damit nicht nur verwehrt, eigene Standpunkte, Geschmäcker und Vorlieben zu entwickeln, sondern auch die Wahrnehmung vorenthalten, die große Bandbreite der kulturellen Güter und die mit ihr einhergehende unendliche Phantasie und Kreativität des menschlichen Geistes wahrzunehmen. Dieser wählerische Umgang mit dem kulturellen Bereich ging auf die Aussage Hitlers zurück, nur arische Menschen seien in der Lage, kulturelle Güter zu erschaffen, da sie „die ursprünglichen Träger der menschlichen Kultur waren und damit die wirklichen Begründer dessen, was wir mit dem Wort Menschheit alles umfassen.“186
Die praktische Kulturarbeit war ebenfalls Bestandteil der Heimabende von HJ und BDM. Besonders im Bund Deutscher Mädchen spielte sie aufgrund der Rolle der Mädchen, als zukünftige 'Kulturträgerinnen', eine wichtige Rolle. Nach nationalsozialistischer Auffassung hatten die Mädchen naturgemäß „eine engere Beziehung zu Volkstum, Heimat und Musik [aufzuweisen] als die Jungen“187. Kaufmann sah die Aufgabe der Kulturarbeit darin, „von der Seele her zum Erlebnis der nationalsozialistischen Weltanschauung zu führen.“188
Als wichtiges kulturelles Gut galten die deutsche Sagen- und Märchenwelt, die nationale Dichtung und Musik sowie die Philosophie und bildende Kunst189.
Für die Vermittlung wurde dem Medium Theater besondere Bedeutung beigemessen, bot doch gerade die theatralische Inszenierung die Möglichkeit einer unmittelbaren emotionalen Beeinflussung der jugendlichen Zuhörer. „Das Theater des nationalsozialistischen Reiches ist für die Jugend eine Stätte innerer Erhebung und Begeisterung.“190 Die Inhalte der Theaterstücke sollten zu großen Teilen „kriegerisches Heldentum und heroischen Opfergang“191 idealisieren. Neben Festspielen und Reichstheatertagen standen auch örtliche Veranstaltungsringe für Jugendliche auf der Tagesordnung.192 Die frühe Heranführung der Jugend an das Medium Theater ist durchaus positiv zu werten, allerdings lag die Zielsetzung nicht im persönlichen Erlebnis, vielmehr diente auch der Theaterbesuch der alleinigen Vertiefung nationalsozialistischer Kulturwerte. Häufig wurde auch auf die nordisch-germanische Mythenwelt zurückgegriffen, da sie in anschaulicher Weise die von den Nationalsozialisten favorisierten Tugenden der Treue, Ehre, Tapferkeit, Kraft, Mut und Stärke heroisierten, wie folgendes Zitat aus der Sage des Nibelungenliedes, einem deutschen Epos aus Mittelalterzeiten, zeigt:
„'Verhüt' es Gott vom Himmel!', so sprach da Gerenot,
'Wenn unser tausend wären, wir lägen alle tot,
Die Sippschaft deiner Mage, eh’ wir dir einen Mann
Zur Geisel übergäben! Nein, das wird nimmermehr getan'„193
„'Wir müssen doch ersterben', so sprach da Giselher,
'Drum soll uns niemand scheiden von ritterlicher Wehr!
Wer gerne mit uns stritte, wir sind noch immer hie!
Was Treue anbelangt, verließ ich meine Freunde nie!'„194
Der Begriff der Nibelungentreue, ein durch Reichskanzler Bernhard von Bülow (1849 - 1929) in einer Rede vom 29. 03. 1909 bereits geprägter Ausdruck, spielte im gesamten politischen Geschehen des 'Dritten Reiches' eine wichtige Rolle.195 So galt beispielsweise der Wahlspruch der Schutzstaffel (SS) 'Meine Ehre heißt Treue'.
Zudem erwartete Hitler von jedem Bürger, von den politisch Verantwortlichen über die Soldaten bis hin zu den gewöhnlichen Bürgern, die Treue und den Glauben zum politischen System des 'Dritten Reiches' zur Erzeugung einer großen Einheit gleich denkender und handelnder Personen. Während des zweiten Weltkriegs gewann der Begriff der 'Nibelungentreue' als propagierter Kampfbegriff zunehmend an Bedeutung. Bewusst opfert Hitler eine unzählbare Menge an Menschenleben, in der Hoffnung, sein Ziel des riesigen 'Dritten Reiches' unter arischer Führung erfüllen zu können, riskierte jedoch gleichzeitig den Untergang seines ganzen Volkes. Gemäß einer germanischen Gefolgstreue sollten die Soldaten, ihren eigenen Tod in Kauf nehmend, für dieses Ziel kämpfen und sterben.
Mythen aus Zeiten der freien Jugendbewegung wurden von der Gesamt-Hitlerjugend als 'fremdvölkisch' deklariert und durch völkisch orientierte Mythen ersetzt.196
Neben der Aneignung des von den Nationalsozialisten anerkannten Kulturguts, sollten die Mädchen und Jungen ihre eigenen kreativen, schöpferischen Kräfte durch „Singen, Erzählen, Lesen, Spielen, Werkarbeit und Spielschararbeit“197 freisetzen. Aus diesem Grund wurde der handwerklichen Arbeit, welche Geschick und Kreativität förderte, eine wesentliche Rolle beigemessen. Durch eigene aktive Arbeit wurden beispielsweise die HJ- und BDM-Heime verschönert, Spielzeuge für Kinder armer Eltern sowie Gegenstände, die in der Gesellschaft oder im Kriegsgebiet benötigt wurden, angefertigt.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass weder durch die weltanschauliche Schulung, noch im Bereich der kulturellen Arbeit ständig kriegsverherrlichende oder rassenverachtende Themen besprochen wurden. Dennoch wurden diese Aspekte permanent indirekt thematisiert durch eine konsequente Hervorhebung der deutschen Tugenden, Tätigkeiten und Lebensformen, die in einer starken Selbstverherrlichung endeten. Des Weiteren wurde bei der Vermittlung der ideologischen Weltanschauung ganz bewusst auf eine kritische Auseinandersetzung mit anderen politisch-gesellschaftlichen Einstellungen verzichtet, so dass ein differenzierter Umgang mit der Ideologie, wenn überhaupt, erst in späteren Jugendjahren erfolgen konnte. Die konstante Indoktrinierung der Jugend führte fast automatisch zu einer Ablehnung anderer Völker und Rassen und dem Gedanken, ausgelöst durch die maßlose Selbstüberschätzung, einer Übernahme deutscher Lebensweise und Kultur in anderen Ländern, notfalls auch erzwungenermaßen.
Kurzer Exkurs: Kunst im Nationalsozialismus
Stellvertretend für die verschiedenen kulturellen Bereiche, welche im Nationalsozialismus durch den Staat reglementiert und kontrolliert wurden, soll hier die Kunst genannt werden. Unterschieden wurde von der 'Reichskammer der Bildenden Künste der Reichskulturkammer', mit Adolf Ziegler (1892 - 1959) als Präsidenten, zwischen der 'entarteten Kunst', d. h. Kunst, die nicht der nationalsozialistischen Kunstauffassung entsprach und der deutschen nationalsozialistischen Kunst. Zu der erstgenannten und damit verbotenen Kunst gehörten unter anderem Künstler des Impressionismus, Expressionismus, Dadaismus und des Surrealismus. Hitler erklärte seine Abscheu gegenüber diesen Kunstrichtungen damit, dass sie nichts „mit unserem deutschen Volke […] zu tun [haben]. Alle diese Schlagworte wie: „'inneres Erleben', 'eine starke Gesinnung', 'kraftvolles Wollen', 'zukunftsträchtige Empfindung', 'heroische Haltung', 'bedeutsames Einfühlen', 'erlebte Zeitordnung', 'ursprüngliche Primitivität' usw., alle diese dummen, verlogenen Ausreden, Phrasen und Schwätzerein werden keine Entschuldigung oder gar Empfehlung für an sich wertlose, weil einfach ungekonnte Erzeugnisse mehr abgeben […], die heutige neue Zeit arbeitet an einem neuen Menschentyp […] ein leuchtend schöner Menschentyp […]“198. Wie in diesem Zitat erkennbar wird, sieht Hitler die Werke aus genannten Epochen nicht als Kunstobjekte, sondern als wertlos, ja 'abartig' an. Hinzukommend kritisierte er die schaffenden Künstler, da sie in seinen Augen nicht den „leuchtend schönen Menschentyp“ repräsentierten, diesen darüber hinaus nicht in ihren Kunstwerken darstellten. Nur Kunstwerke, welche die deutsche Lebensform in all ihren Facetten darstellte und portraitierte, waren erlaubt und erwünscht. Ausgehend davon wurde jegliche abweichende Form abgelehnt, wie der Abteilungsleiter in der Reichsjugendführung und Propagandist Helmut Stellrecht in einem Zitat folgendermaßen darlegte: „Sie [gemeint ist die Kunst] ist Einkehr in sich selbst, Bekenntnis zur Welt des eigenen Volkes. Sie muss eine fremde Welt ablehnen, und wenn sie einen noch so hohen künstlerischen Ausdruck gefunden hätte.“199
Darüber hinaus verband Hitler die 'entartete Kunst', wie auch ihre Künstler, mit den Begriffen des 'Judentums', sowie des 'Bolschewismus' aber auch der 'Anarchie' und grenzte sie dadurch nicht nur von den deutschen, arischen Menschen ab, er machte sie darüber hinaus offiziell zu Feinden der deutschen Ideologie und dadurch zu Feinden des 'Dritten Reiches'.
Hitlers Strategie, um sich von der 'entarteten Kunst' abzugrenzen, sah wie folgt aus: „Wir werden von jetzt ab einen unerbittlichen Säuberungskrieg führen gegen die letzten Elemente der Kulturzersetzung […]. […] Diese vorgeschichtlichen prähistorischen Kunststeinzeitler mögen unseretwegen in ihre Höhlen ihrer Ahnen zurückkehren, um dort ihre primitiven internationalen Kritzeleien anzubringen […].“200 Aus seinen Worten spricht eine Antipathie, die einem Hass gleichkommt, der bewusst oder auch unbewusst daher rühren könnte, dass Hitler in seiner Jugend dreimal an der Kunstakademie von Wien abgelehnt wurde.
Die erwähnten Punkte führten dazu, dass viele Künstler, darunter Paul Klee (1879 - 1940) sowie Emil Nolde (1867 - 1956) durch Adolf Ziegler ein Berufsverbot erhielten. Einige Künstler versuchten daraufhin zu emigrieren oder malten im Verborgenen weiter.
Um auch die Bevölkerung hinsichtlich der 'entarteten Kunst' zu indoktrinieren und zu beeinflussen, wurde in München im Juli 1937 eine Ausstellung unter gleichem Namen eröffnet. In den folgenden drei Monaten wanderte die Ausstellung, welche insgesamt mehr als 2.000.000 Besucher verzeichnete, durch deutsche wie auch österreichische Städte, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Die Beweggründe zum Besuch waren sicherlich unterschiedlicher Art. Viele der Besucher mochten sich der nationalsozialistischen Meinung und Propaganda angeschlossen haben, es gab jedoch sicherlich auch eine nicht minder große Zahl von Menschen, die sich als Kunstinteressierte die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, viele bekannte Werke noch einmal gemeinsam in einer Ausstellung zu sehen.
Die Ausstellung versuchte nicht nur die betreffenden Kunstwerke, sondern auch verschiedene kunsthistorische Epochen als 'entartet' darzustellen und zu präsentieren. Auch die schaffenden Künstler wurden herabgewürdigt und diffamiert. Dabei ging Hitler so weit, als dass er in seiner Eröffnungsrede sogar indirekt den Vorschlag zu Sterilisation und Euthanasie der betreffenden Künstler publik machte, indem er sagte: „Entweder diese sogenannten 'Künstler' sehen die Dinge wirklich so und glauben daher an das, was sie darstellen, dann wäre nur zu untersuchen, ob ihre Augenfehler nur auf mechanische Weise oder durch Vererbung zustande gekommen sind. In einem Fall bedauerlich für diese Unglücklichen, im zweiten wichtig für das Reichsinnenministerium, das sich dann mit der Frage zu beschäftigen hätte, wenigstens eine weitere Vererbung derartiger grauenhafter Sehstörungen zu unterbinden.“201
Die Art der Präsentation diverser Kunstwerke sollte erneut die These einer 'entarteten Kunst' unterstützen, indem die Kunstwerke mit verurteilenden Begleittexten dargestellt wurden, schief aufgehängt oder auf dem Boden präsentiert.
5.6 Feste und Feierlichkeiten
Feste und Feierlichkeiten waren fester Bestandteil im kulturellen Jahresablauf von HJ und BDM. Auch sie standen unter dem Leitbild der NS-Ideologie.202 Laut Kinz konnten durch sie „Verpflichtungen, Bekenntnisse, politisches und völkisches Erlebnis, aber auch Geselligkeit und Frohsinn im Leben der Gemeinschaft verankert werden.“203 Die meisten Feiern sollten die Menschen emotional erfassen und ihnen die Wichtigkeit des Aufbaus und Erhalts des Vaterlandes sowie die Rolle des Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft vor Augen führen. So gab es beispielsweise den Tag der Machtergreifung (30.1), den Geburtstag des Führers (20.4.), den Muttertag (am 2. Mai-Sonntag, ab 1934 am 3. Maisonntag), den Feiertag der Deutschen Arbeit (1.5), das Fest der Jugend zur Sommersonnenwende und den Heldengedenktag. Hinzu kamen das Erntedankfest im Herbst sowie das Fest zum Gedenken an die Gefallenen der NS-Bewegung am 9.11.204
In der Vermittlung kultureller Identitäten spielte der musikalische Bereich eine wesentliche Rolle, eigneten sich doch Lieder und Musikstücke hervorragend dazu, auf emotionale Weise nationalsozialistisches Gesinnungsgut zu vermitteln. Die Wichtigkeit des Liedes sowie des Singens und die damit verbundene propagandistische Möglichkeit der Indoktrination kleiner, aber auch größter Gruppen, kann an folgendem Zitat nachempfunden werden: „Im Lied, im Singen findet der junge Mensch Einkehr in das Empfinden der Gemeinschaft. In dem Gefühl, das ihn dabei trägt, verliert er das außerhalb der Gemeinschaft liegende Individuelle, schwingt er ein in ihr Denken und verliert sich in eine herrliche Einheit.“205
In der Staatsjugendorganisation wurde das Lied als Mittel der Beeinflussung bei fast jeder Gelegenheit eingesetzt, so bei Festen und Feierlichkeiten, beim Sport und zu den wöchentlichen Heimabenden.

Abb. 13: Feste und Feierlichkeiten

Abb. 14: HJ-Zug in Wintersdorf 1938
Die gesungenen Lieder können in drei unterschiedliche Genres eingeteilt werden: das politische Lied, das Kampflied sowie das alte und neue Volkslied. Besonders den glorifizierenden Kampf- und Marschliedern als „Erbe der Kampfzeit“206 wurde eine hohe Bedeutung beigemessen, sollten sie doch den Hitlerjungen auf den Krieg einstimmen. Besonders stimulierend wirkten hierbei Rhythmus und Melodie dieser Lieder, die zum Mitsingen und Marschieren anregten und damit die Gemeinschaft der Singenden stärkte. Der Inhalt der Lieder war geprägt von Themen wie Tod, Sieg und Untergang.207 Als Beispiele können das von Baldur von Schirach verfasste und in der Staatsjugendorganisation häufig gesungene Lied 'Vorwärts, vorwärts' angeführt werden, wie auch das Lied 'Es zittern die morschen Knochen'208 des wohl bekanntesten Lieddichters der HJ Hans Baumann. Letzteres enthielt die berüchtigten Liedzeile: „Heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt“. Obgleich Baumann um 1936 das 'gehört' in 'hört' umänderte, gilt das Stück bis heute als Paradebeispiel chauvinistisch-hegemonistischen Liedguts der NS-Zeit.


Abb. 15: Lied: Vorwärts, Vorwärts

Abb. 16: Lied: Es zittern die morschen Knochen
Eng verwandt mit dem Kampflied war das politische Lied, durch welches den jungen Menschen eine einheitlich politische Haltung vermittelt wurde. Besonders häufig beinhalteten diese Lieder Wörter, welche die ideologische Weltanschauung und den Krieg heroisierten, so unter anderem Volk, Vaterland, Führer, Glaube, Fahne. Das Wort Fahne spielte eine gewichtige Rolle und wurde, fast wie ein Religionsersatz, über das eigene Leben gestellt, ablesbar etwa im Refrain des Liedes 'Vorwärts, vorwärts' in dem es heißt: „Ja die Fahne ist mehr als der Tod!“. Wichtige Beispiele dieses Liedgenres sind weiterhin die Lieder von Horst Wessel 'Die Fahne hoch', oder 'Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit'.209
Auch alte und neue Volkslieder, darunter Gemeinschafts- und Hausmusik sowie deutsche Meisterwerke wurden an die Jugend herangetragen, in denen sich erneut häufig die Begriffe „Vaterland, Volk, Führer“ wiederfanden. Sie hatten die Aufgabe, die Jugend „zur Ehrfurcht vor dem schöpferischen Genius unseres Volkes zu erziehen.“210, so unter anderem in dem Lied 'Die Morgenfrüh ist unsere Zeit'. Hinzu kamen neue Volkslieder, welche während des Nationalsozialismus geschrieben wurden. Sie thematisierten meist das propagierte Jugendleben dieser Zeit.
Auch Liedgut aus der Zeit der Jugendbewegung wurde übernommen, jedoch nur Lieder, die sich im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie nutzen ließen. Ansonsten wurden bündische Lieder verboten, beispielsweise im 'Verordnungsblatt der Reichsjugendführung II/25 – HJ. Stabschef' vom 01. 12. 1934, dass neben sowjetrussischen Stücken wie 'Eisbrechermannschaft' auch solche wie 'Heijo, der Fahrtwind weht' vom Nerother Wandervogel aufführte. Gleichzeitig wurde den HJ-Dienststellen der Bezug von Liederbüchern aus dem noch bestehenden bündischen Verlag Günther Wolff in Plauen untersagt. Nach einer Durchsuchung des Verlags im Jahr 1938 durch die Gestapo wurde der Verlag zwangsgeschlossen, da weiterhin im Geheimen aus dessen Lagerbeständen bezogen wurde.211
Jazzmusik spielte, obwohl offiziell als entartet verboten, auch in der Zeit des Nationalsozialismus für viele Jugendliche eine wesentliche Rolle. Ihre swingende Rhythmik, die sich leicht in die allgemeinen Hörgewohnheiten der Menschen einlagerte, fand vor allem durch US-amerikanische Filme Verbreitung, deren amerikanische Titel in unverfängliche deutsche übersetzt wurden.

Abb. 17: Lied: Es dröhnen Trommeln durch das Land
So fanden sie ihren Weg auch ins Radio oder wurden auf Tanzveranstaltungen gespielt, wie bei der Swing-Jugend212 erkennbar wird.
Zu den wichtigsten und einflussreichsten Liedkomponenten gehörte, unter anderem der bereits erwähnte Hans Baumann. Erst 1933 trat er, vom katholischen Schülerbund kommend, der HJ bei und wurde schnell zum berühmtesten HJ-Lieddichter. Er fertigte für alle Bereiche Gebrauchsmusik an, darunter Tageszeitenlieder, Marschlieder, Weihnachtslieder, Vaterlands-, Ostlands- und Soldatenlieder.
An dieser Stelle können noch Werner Altdorf als Verfasser kämpferischer Lieder, Heinrich Spitta für feierliche Gesänge und Georg Blumensatt, verantwortlich für Marschstücke, aufgeführt werden.
5.7 Fahrten und Lager
Eine weitere freizeitpolitische Aktivität von HJ und BDM waren die Fahrten und Sommerlager für die Jungen und Mädchen. Sie existierten als ein zentrales Element der NS-Erziehung, denn „nirgendwo sonst ließen sich die Lebensbedingungen so konsequent arrangieren und kontrollieren, wie es dem Ideal der HJ-Erziehung entsprach.“213 Fernab von Elternhaus und Schule war es den Nationalsozialisten möglich, für ein bis zwei Wochen den gesamten Tagesablauf der Jungen und Mädchen zu gestalten, um durch Spiele und Übungen zu festigen und zu verinnerlichen, was in der weltanschaulichen Schulung der wöchentlichen Heimabende gelernt wurde. Neben der weltanschaulichen Schulung und der kulturellen Arbeit spielte die Naturerfahrung in den Lagern eine große Rolle, denn „erst der naturverbundene Mensch besitzt eine sichere, unserer Weltanschauung entsprechende Haltung, erst er kann als Soldat in der Wehrmacht alle Vorteile, die das Gelände ihm bietet, sich zu eigen machen […].“214
Das Lagerleben mit seinen Ritualen, der Musik und den Gesängen, den Feier- und Weihestunden war prädestiniert, die Jugend weltanschaulich zu schulen. Es wurde beispielsweise bewusst die Lagerfeuerromantik genutzt, um ideologisch auf die Kinder einzuwirken. Diese Inszenierungen ließen ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl entstehen, welches im Nationalsozialismus von großer Bedeutung war.215
Obergebietsführer Karl Cerff hat im Vorwort des Buches 'Zucht Freude Glaube – Handbuch für die kulturelle Arbeit im Lager' geschrieben: „Immer mehr hat sich das Lager zu einer Erziehungsstätte unserer Gemeinschaft entwickelt, die wie selten sonst in unserem alltäglichen Leben uns von allen Seiten her anpackt und formt.“216
Der Tagesablauf in den Lagern war vollständig strukturiert und durchgeplant und ließ den Kindern selten Raum zu Entfaltung ihrer individuellen Ideen, Bedürfnisse und Fähigkeiten. So begann jeder Tag mit dem Frühsport, gefolgt von einem Fahnenappell und weiterer Aktivitäten wie beispielsweise Liederstunden, Spielrunden und Sportübungen. Beendet wurde der Tag mit dem Flaggeneinzug.

Abb. 18: Sommerlager der HJ

Abb. 19: Sommerlager der Jugend
5.8 Körperliche Ertüchtigung/Sport
Die Wichtigkeit der körperlichen Ertüchtigung im Nationalsozialismus wurde bereits dargestellt. Hitlers Äußerung über das „Heranzüchten kerngesunder Körper“217 kann in diesem Zusammenhang gesehen werden. Auch sie galt als eines der wichtigsten Erziehungsmittel, da in ihr erneut die Erziehungsziele umgesetzt wurden. „Die Tat, die Handlung, das Erlebnis waren verlangt, nicht Diskussion und geistige Gespräche.“218
Generell wurde zwischen dem Sport der Jungen und Mädchen unterschieden. Die körperliche Ertüchtigung der Jungen umfasste „Übungen ohne und mit Gerät, wie Leichtathletik […], Spiele, Kampfspiele, Bodenturnen, Freiübungen, Boxen, Schwimmen, Ski- und Eislauf; bei den Mädeln: Gymnastik, Mädeltänze, Spiele […], Kampfspiele, Hindernisturnen, Bodenturnen, Leichtathletik, Schwimmen, Ski- und Eislauf.“219

Abb. 20: Leichtathletik der HJ
Während die Zielsetzung der männlichen Jugend in der „Gesundheit, Kraft und körperlichen Leistungsfähigkeit“220 lag, auch um die Voraussetzungen für eine zukünftige Wehrtüchtigkeit zu schaffen, so war es bei den Mädchen die „Gesundheit, Anmut und Schönheit“221 sowie die Förderung der Persönlichkeit und der Charakterstärke. Gerade bei den Mädchen stellte der Sport eine Attraktivität des BDM dar, durften sie doch erstmals an Sport in der Natur teilnehmen und erhielten dazu die Möglichkeit, exklusivere Sportarten auszuprobieren.222
Die Jungen sollten sich im Sport mit ihren Kameraden messen und dadurch „stärker und vollkommener“223 werden. Der „kämpferische Gedanke“224 war stets vorhanden und zeigte sich auch in der Menge der vielfältigen Wettkämpfe, wie beispielsweise „Bann- und Gebietssportwettkämpfe, Winterkampfspiele, Frühjahrsgeländelauf, Führerzehnkampf“225. Auch paramilitärische Elemente fanden Eingang in den Sportbereich der Jungen.
Belohnt wurde der sportliche Erfolg mit Leistungsabzeichen, die einen großen Anreiz darstellten, aber auch Leistungsdruck aufbauten. Ab 1934 mussten alle Mitglieder eines Sportvereines in die HJ oder den BDM eintreten. Als am 1. Dezember 1936 das 'Gesetz über die Hitlerjugend' verabschiedet wurde und die RJF die Verantwortung für alle Bereiche des Jugendlebens erhielt, fielen auch die Sportvereine in den Wirkungsbereich der Gesamt-HJ. Außerhalb der Jugendorganisation gab es von nun an keine eigenständigen Sportorganisationen mehr.226
Innerhalb des 'Dritten Reiches' beauftragte die Reichsjugendführung zwei unterschiedliche Ämter mit der Verantwortung für den Sportbereich. So war das Amt für Leibesübungen für die „gesamten freiwilligen und pflichtmäßigen Leibesübungen außerhalb der Schule“227 zuständig, das Amt für körperliche Ertüchtigung übernahm den Bereich der Wehrerziehung und alle Aufgaben, die auf den „späteren Dienst in der Wehrmacht“228 vorbereiteten. Darunter fiel die Grundschulung, sowie Leibesübungen und die „gesamte sportliche Mobilmachung der Jugend“229 mit ihrer geistigen, körperlichen und charakterlichen Vorbereitung.

Abb. 21: Lauf der HJ

Abb. 22: Boxen
5.9 Die Funktion der Medien
Die Propagandaarbeit innerhalb der Gesamt-HJ war ein unentbehrliches Mittel zur Aufklärung. Das Presse- und Propagandaamt, welches für diese Zwecke eingerichtet wurde, hatte neben besagter Aufklärung das Ziel, die weltanschauliche Schulung zu unterstützen sowie die „Werbung der Hitler-Jugend auf allen Gebieten durchzuführen.“230
Zeitschriften und Veröffentlichungen
Ab 1933 entwickelte die Gesamt-HJ eine Monopolstellung für Zeitschriften und Bücher aus dem Kinder- und Jugendbereich, da außerhalb dieser Verlage keine Publikationen mehr veröffentlich werden durften. Es entstand ein umfangreiches Zeitungs- und Zeitschriftenwesen, das monatlich Zeitschriften für die einzelnen Sektionen herausgab. Die Jungen erhielten die Zeitschrift 'Hitlerjugend', später umbenannt in 'Junge Welt', die Zeitschrift 'Das Deutsche Mädel' richtete sich an die Mädchen aus dem BDM. Darüber hinaus gab es Monatsschriften für das Jungvolk ('Der Pimpf') und die Jungmädel ('Jungmädel').231 Bei der Zeitschrift 'Wille und Macht' handelte es sich um das „Monatsheft für die Führerschaft, zugleich das geistig anspruchsvollste Organ der HJ.“232 Hinzu kamen weitere sachgebundene Magazine, u. a. für die Landjugend und die Sozialarbeit der Gesamt-HJ.
Das Presse- und Propagandaamt veröffentlichte dazu periodisch „Kalender[…], Schulungsmaterialien, erzählende[s] Schrifttum, Ausbildungsschriften u. ä.; die Schülerzeitschriften und die Jugendbeilagen und Jugendbeiträge der Tageszeitungen“233.
Film
Wie die Zeitschriften und Bücher unterstand die Filmarbeit dem Presse- und Propagandaamt, wenn es sich dabei um Werbefilme, oder auch „Dokumentationen über den HJ-Dienst“ handelte. Der Film, vorwiegend in Kinos gezeigt, spielte aus propagandistischer Sicht eine große Rolle, „denn er kann den jungen Menschen packen und begeistern, er ist ein hervorragendes Aufklärungs- und Schulungsmittel, er kann Vorbild und erhebende Schau bedeuten.“234
Bekannte Propagandafilme dieser Zeit waren der BDM-Film 'Glaube und Schönheit' sowie die Reportage 'Der Marsch zum Führer'. Darüber hinaus gab es weitere Filme, die den Dienstbetrieb, oder auch die Sondereinheiten der HJ dokumentierten. Gelegentlich inszenierte die Gesamt-HJ auch politisch motivierte Spielfilme, welche „zeitnah Themen darstellen“235 sollten, ohne sich auf Motive aus der Vergangenheit zu konzentrieren. Zu den stark ideologisierten Filmen gehörte beispielsweise der Film 'Hitlerjunge Quex', welcher die Kampfzeit der HJ verherrlichte.236 Die Staatsjugendorganisation selbst entwickelte ein eigenes Prädikat, um die Filme zu beurteilen. Das Prädikat 'Jugendwert' stand für einen ideologisch wertvollen Film.
Doch wurde die Produktion von speziellen Jugendfilmen aus vermutlichen machtpolitischen Kontroversen zwischen Joseph Goebbels (1897 - 1945) und Baldur von Schirach recht niedrig gehalten. In einer Sonderausgabe von 'Junges Deutschland', 1944, von der NSDAP unter 'Jugend und Film' veröffentlicht, steht: „In 15 Jahren kamen in Deutschland nur 12 Spielfilme für die Jugend heraus!“237:
'Reifende Jugend', 1933,
'Hitlerjunge Quex', 1933,
'General Stift und seine Bande', zweiteilig, 1937,
'Drops wird Flieger', 1938,
'Kopf hoch, Johannes', 1941,
'Jakko“, 1941,
„Kadetten', 1939, (aufgeführt 1941),
'Himmelhunde', 1942,
'Hände hoch', 1942,
'Junge Adler', 1944.238
Gegebenenfalls kann der immer noch im TV zu sehende gekonnt aufbereitete Film mit Heinz Rühmann 'Quax, der Bruchpilot', 1941 als Film für die Jugend gewertet werden.
Darüber hinaus wurden in den meisten Einheiten der HJ und des BDM Bildgeräte eingeführt, um mit Hilfe von Bildern, Vorträge zu veranschaulichen.239

Abb. 23: Filmplakat Hitlerjunge Quex
Rundfunk
Der Rundfunk stellte ebenfalls ein wirkungsvolles Medium zur Massenbeeinflussung dar. Bisher war ein Radio nahezu unerschwinglich. Im August 1933 wurde auf der 10. Funkausstellung in Berlin der Volksempfänger VE 301 vorgestellt, wobei die Typennummer auf den 30. Januar, dem Tag der Machtergreifung hinwies. Statt bisher 300 und mehr Reichsmark, kostete dieses Radio nur 76 Reichsmark, die auch in Monatsraten abbezahlt werden konnten.240 Besondere Bedeutung fand das Radio für die „einheitliche[…] Ausrichtung der Jugenderziehung und Jugendarbeit“241. Es gab eine Reihe an HJ- und BDM-Sendungen die wöchentlich ausgestrahlt und darüber hinaus von Mitgliedern der Staatsjugendorganisation mit gestaltet wurden. Dazu zählte beispielsweise die 'Stunde der jungen Nation' oder auch 'Rundfunk-Morgenfeiern der HJ'. Erstere Sendung bestand einerseits aus vielen musikalischen Beiträgen, andererseits aus politischen Diskussionen. Die Sendung sollte ein wichtiges Mittel zur Massenindoktrination während der wöchentlichen Heimabende werden. Das Konzept der Massenbeeinflussung ging jedoch nicht wie geplant auf, da nicht jedes HJ- und BDM-Heim über ein Radiogerät verfügte, darüber hinaus der Empfang besonders in ländlichen Gegenden schlecht war.
Neben diesen Programmen wurden auch Hörspiele, Instrumentalmusik und dichterische Lesungen gesendet sowie Vorträge und Reportagen im Dienste der HJ-Propaganda.242
Für die Mädchen gab es spezielle 'Mädelstunden'. Diese umfassten beispielsweise „Bücher- und Werkstunden, die Sport- und Landmädelsendungen, […] [und] die monatliche Singstunde“243.
Hinter der Ausstrahlung dieses breit gefächerten Repertoires stand letztendlich auch der Versuch, Jugendliche zu erreichen, die noch nicht in die HJ oder den BDM eingetreten waren. Letzteres zählte auch zu den Zielsetzungen jener Sendungen, die über die Grenzen des 'Dritten Reiches' ausgestrahlt wurden, wie beispielsweise die Weltringsendung 'Jugend singt über die Grenzen'.244 Die Radiosendungen wurden zugleich genutzt, um bei Massenveranstaltungen möglichst viele Jungen und Mädchen gleichzeitig mit einem Thema vertraut werden zu lassen.
Neben den oben genannten Programmen unterstand auch der Schulfunk der Reichsjugendführung.245
Der Redner im Dienste der Aufklärung
Damit die Ideen und Vorstellungen der NSDAP enthusiastisch an das Volk vermittelt werden konnten, wurden rhetorisch versierte Redner gebraucht. Zu diesem Zweck wählte man die talentiertesten Nachwuchsredner aus den Reihen der HJ aus und gewährte ihnen eine umfassende Ausbildung. Jene verlangte „ein gründliches politisches Allgemeinwissen, eine umfassende Kenntnis des nationalen Schrifttums, eine stetige Unterrichtung durch Presse und Rundfunk und die strengste Arbeit an sich selbst.“246 Die Jugendlichen sollten in die Lage versetzt werden, eine Rede nach rhetorischen Grundsätzen zu halten, wozu gestische und mimische Fertigkeiten eintrainiert wurden. Ihre Stimmen sollten, orientiert an Hitler und Goebbels, einen suggestiven Charakter annehmen, um die Zuhörer damit emotional zu ergreifen. Speziell das 'rollende R' aus dem Sprachduktus ihrer Vorbilder wurde geübt und prägnanter Bestandteil einer jeden Rede. Der überhöhte Ton jener Stimmen wirkte bis in den Rundfunk und den Alltag nach dem 'Dritten Reich' hinein. Die derart geschulten Jugendlichen fanden ihre Aufgabenbereiche als „Bannredner, Gebietsredner und Reichsfachredner“247.
„Zu jedem wichtigen politischen Ereignis gab das Propagandaministerium 'Sprachregelungen' für die Berichterstattung heraus.“248
5.10 Sonder- und kriegsunterstützende Dienste in der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädchen
Zumeist volkswirtschaftlich und politisch begründet, nahmen die Mitglieder von HJ und BDM regelmäßig an Sonderdiensten teil. So sammelten sie Spenden für das Winterhilfswerk (WHW) und die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), jeweils orientiert an dem momentanen Bedarf, d. h. den aktuellen, politischen und wirtschaftlichen Bedürfnissen des Reiches. Hierbei handelte es sich vorwiegend um Materialien wie Flaschen, Altpapier, Altmetallen, Knochen, aber auch um Geld. Die gesammelten Materialien, sogenannte Sekundärrohstoffe, sollten den Mangel an fehlenden Primärrohstoffen ausgleichen.
Darüber hinaus wurde nach 1939 versucht, die durch den Krieg bedingten Ernährungsengpässe auszugleichen.249 Um die Nahrungsknappheit zu kompensieren, sammelten die Mädchen und Jungen Beeren, Pilze, Obst, Bucheckern, Eicheln, Lindenblüten und Kräuter.
Selbst die finanzielle Situation der Staatsjugendorganisation wurde durch derartige Sammelaktionen verbessert und in einigen Teilen des 'Dritten Reiches' konnte der regelmäßige Organisationsbetrieb nur so aufrechterhalten werden.
Halb spöttisch-ironisch, doch auch zur Selbstaufmunterung, sangen damals die Jugendlichen folgendes Lied: 'Lumpen, Flaschen, Eisen und Papier – ausgehaune Zähne sammeln wir', welches forsch und im Stakkato vorgetragen wurde.250
Die Arbeits- und Ernteeinsätze, anfangs oft auf freiwilliger Basis der HJ- und BDM-Mitglieder durchgeführt, wurden während der Kriegsjahre zur Pflichtveranstaltung, auch bedingt durch den Verlust an männlichen Arbeitskräften.
Diese Entwicklung kennzeichnete die gesamte Jugendarbeit der Gesamt-HJ, deren geregelter Dienst nun nicht mehr aus Heimabend und Sportveranstaltungen, sondern oft nur noch aus kriegsbedingten Hilfsaktionen bestand. Die zuvor propagierte geschlechtsspezifische Erziehung in der Staatsjugendorganisation, mit getrennten Erziehungszielen und –methoden wurde während des Krieges aufgehoben. Gebraucht wurde jede Arbeitskraft, unabhängig vom Geschlecht.
Der BDM beteiligte sich während der Kriegsjahre verstärkt in der „Soldatenbetreuung (z. B. Lazarettbesuche, Feldpostbriefe schreiben, Strümpfe stopfen) und [in der] […] BDM-Nachbarschaftshilfe […] für Kinderreiche, Alte und Soldatenfrauen.“251 Hier sammelten die Mädchen Kleider für bedürftige Personen, bastelten Spielzeug für Kinder mittelloser Familien, halfen bei der Betreuung von Kleinkindern oder der Versorgung verletzter Personen.
In späteren Jahren, als der Verlust vieler Männer bereits deutlich spürbar wurde, nahmen die Mädchen auch gezielt und aktiv am Kriegsgeschehen teil. Sie wurden an Flakgeschützen eingesetzt und zu „Luftwaffenhelferinnen im Nachrichtendienst, Flugmeldedienst, im Luftwarndienst, im Wetter-, Büro- und Sanitätsdienst“252 ausgebildet.
Die sogenannten BDM-Gesundheitsmädel, welche im Krieg durch das 'Deutsche Rote Kreuz' ausgebildet wurden, erhielten Aufgaben in Krankenhäusern, Flüchtlingslagern und Lazaretten, darunter auch solche in Frontnähe. Insgesamt wurden während des Krieges ca. 35.000 BDM-Mädchen in diesen Bereichen ausgebildet und eingesetzt.253
Zudem wurden die BDM-Mädchen auch am 'Osteinsatz' beteiligt und übernahmen im Rahmen dieses Einsatzes sogar Posten und Hilfsaufgaben bei der Polizei oder der Post.254
Ein weiteres Aufgabengebiet von HJ und BDM in Kriegszeiten lag in der Kinderlandverschickung (KLV). Im Rahmen dieser Aktion wurden Kinder aus besonders kriegsbedrohten und -zerstörten Gebieten im gesamten Klassenverband in weniger gefährdete Regionen umgesiedelt. Da die gesamte Organisation und Durchführung bei der Staatsjugendorganisation lag, besaß sie zudem die vollständige Entscheidungsgewalt und Kontrolle hinsichtlich politisch-ideologischer Ausrichtung der Lager.
Die Jungen der HJ fanden ihren Einsatz in Bereichen der „Polizei, Feuerwehr- und Streudienste“255, so unter anderen als „Melder nach Bombenangriffen“256.
Darüber hinaus übernahmen sie „Urlaubsvertretungen bei den Kommunen, Post- und Bahndienst sowie Verpflegungsausgabe und Austragen von Gestellungsbefehlen für die Wehrmacht“257.
Die Sonderdienste der HJ weiteten sich vorwiegend in den letzten Kriegsjahren bis hin zum Frontdienst aus. Ca. 16.000 Hitlerjungen wurden im Jahr 1943 davon überzeugt oder überredet, sich der '12. Panzerdivision Hitler-Jugend' zur Verfügung zu stellen, welche 1944 größtenteils an der Küste der Normandie gegen die eintreffenden Alliierten kämpfte. Viele bezahlten diesen erfolglosen, erbarmungslosen Kampf mit dem Leben.258
5.11 Bundestracht/Uniformierung und Symbolik
Die Bundestracht, als äußerliches Erkennungszeichen der Zugehörigkeit zur Staatsjugendorganisation, war für Jungen und Mädchen Pflicht. Die Uniform der Mädchen bestand aus einer „kurzärmeligen weißen Bluse, blauem Rock, Halstuch und Lederknoten, im Winter ergänzt durch die braune BDM-Weste“259. Die Jungen trugen eine Hemdbluse, Halstuch mit Lederring, Kniestrümpfe und eine Cordhose. Im Sommer wurde darüber hinaus eine Sommermütze getragen.260 Die Uniform spiegelte die Gleichschaltung der Jugend wider und nahm ihnen weitgehend ihre äußerliche Individualität. „Durch eine gleiche und einheitliche Kleidung entwickelt sich eben ein Gruppenbild, und aus diesem äußeren Gruppenbild könnten wir dann schon schließen auf den Gehalt und das Wesen dieser Gruppe.“261 Die Uniform hob zugleich sichtbare Klassenunterschiede auf und förderte dadurch das Selbstwertgefühl und die Disziplin. Die sozialen Unterschiede wurden durch eine innerorganisatorische Hierarchisierung ausgetauscht, welche durch Fleiß und vorbildliches Benehmen im Sinne des Nationalsozialismus von jedem Mitglied erreicht werden konnte. So formulierte Schirach folgendermaßen: „Die Uniform der HJ. ist der Ausdruck einer Haltung, die nicht nach Klasse und Besitz fragt, sondern nur nach Einsatz und Leistung.“262
Neben der Kleidung hatten die Mädchen und Jungen eine festgelegte Frisur zu tragen, und es war ihnen nicht erlaubt, Schmuck anzulegen. „Kein winziges Zeichen einer eigenständigen Ausdrucksform“263 war erlaubt. Auch hier wird wieder erkennbar, dass die Gemeinschaft im Vordergrund stand und sich keiner von ihr absetzen durfte.
Während im BDM die verschiedenen Dienstgrade anhand von Schulterriemen sichtbar gemacht wurden, zeigte sich dies in der HJ durch unterschiedliche Abzeichen.

Abb. 24: Hitlerjunge

Abb. 25: BDM-Mädchen
Die Fahnen
Die Fahnen der HJ und des BDM spielten eine wichtige symbolische Rolle. Zu fast jeder Gelegenheit kamen sie im HJ- und BDM-Dienst zum Einsatz, sei es beim morgendlichen Fahnenappell, bei Feiern und Festivitäten oder bei großen Aufmärschen. Stets wurden die Fahnen voran getragen, wie es im Refrain des Liedes 'Vorwärts, vorwärts'264 besungen wird: „Unsere Fahne flattert uns voran“. Beim Eintritt in die Organisation der Gesamt-Hitlerjugend mussten die jungen Mädchen und Jungen einen Eid auf die Fahne schwören. Dies lässt darauf schließen, dass der Fahnenkult im Nationalsozialismus durchaus eine religionsähnliche Funktion besaß, für den auch in den Tod gegangen werden sollte, so erneut erkennbar in der letzten Zeile des Refrains des bereits erwähnten Liedes, in der es heißt: „ja die Fahne ist mehr als der Tod“.
Die Flagge der HJ, ähnlich der der NSDAP, war rot-weiß-rot gestreift und zeigte im Zentrum ein schwarzes Hakenkreuz in einem weißen Kreis. Die Fahne des BDM zeigte einen roten sowie einen weißen Längsstreifen. Auch hier befand sich das schwarze Hakenkreuz mittig auf einem weißen Kreis.

Abb. 26: Fahnenappell

Abb. 27: Propagandafoto zum „Adolf-Hitler-Marsch“ mit Fahnen

Abb. 28: Lied: Feindwärts knattert die Fahne
Hitler selbst beschrieb in seinem Buch 'Mein Kampf' die Beziehung der Menschen zu ihrer Fahne folgendermaßen: „Im Rot sehen wir den sozialen Gedanken der Bewegung, im Weiß den nationalsozialistischen, im Hakenkreuz die Mission des Kampfes für den Sieg des arischen Menschen und zugleich mit ihm auch den Sieg des Gedankens der schaffenden Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antisemitisch sein wird“265.
Das Fahnensymbol fand sich auch auf den Armbinden, den Wimpeln und auf den Instrumenten der Hitlerjungen und BDM-Mädchen wieder. Das allseits vorhandene Hakenkreuz symbolisierte die nationalsozialistische Weltanschauung. Nach Alfred Rosenberg (1893 - 1946) geht das Hakenkreuz auf das germanische Symbol des Kampfes zurück, Werte und Bräuche der eigenen Kultur reflektierend. Mit dem Hakenkreuz sollten die Menschen „Lebensraum, nationale Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Rassereinheit und lebenserneuernde Fruchtbarkeit assoziieren“266.
Dass das Hakenkreuz, die Swastika, auf vorgermanische Quellen zurückzuführen ist, jüngste Ausgrabungen sogar auf den semitischen Raum hinweisen, wurde im Nationalsozialismus teils verschwiegen, um sich ein schlüssiges NS-Gedankengebilde errichten zu können bzw. war das den NS-Ideologen womöglich nicht bekannt.
Begrüßungsritual der Gesamt-HJ
Wie im gesamten 'Dritten Reich' üblich und verpflichtend, grüßten sich die Jugendlichen in der HJ und im BDM mit dem Hitlergruß. Dabei wurde der rechte Arm leicht nach oben ausgestreckt und nach vorn gerichtet, die Finger dabei nebeneinander geschlossen. Dazu wurden die Worte 'Heil Hitler' rezitiert. Die Bedeutung der Geste wurde wohl von Benito Mussolini (1883 - 1945) übernommen, der sich wiederum an dem römischen Gruß 'Ave Caesar' aus der Zeit des römischen Reiches orientierte.
Dem Wort 'Heil' können verschiedene Bedeutungen zugesprochen werden. So galt zum einen in Österreich, Hitlers Geburtsland, das Wort 'Heil' als Begrüßungsformel.
Zum anderen jedoch kann es auch auf religiösen biblischen Charakter zurückgeführt werden, bei dem Hitler mit dem Heiland Jesus Christus gleichgesetzt werden sollte. Das 'Heil' symbolisierte so den Wunsch, Hitler möge Kraft und Glück beschert werden und solches als Heilsbringer senden. Der eschatologische Charakter der NS-Symbolik ist bei näherer Untersuchung immens aufschlussreich.
Bei Verweigerung des Grußes konnte es zu schweren Sanktionen und Bestrafungen kommen.
Trotzdem kursierten Berichte, dass beim obligaten Hitlergruß die Finger der linken Hand hinter dem Rücken verknotet wurden, ein altbekannter Abwehrzauber, der den Eid ungültig werden ließ bzw. dass statt 'Heil Hitler' ähnlich klingender Nonsens wie 'Drei Liter' gebrummt wurde.267
5.12 Die Leitung der Jugendgruppen durch die HJ- und BDM-Führer/innen
Die Reichsjugendführung versuchte auf vielfältige Art und Weise, die Jugend für sich zu gewinnen, um mit ihr die angestrebte neue Gesellschaftsform und einen neuen Typus Mensch zu erschaffen. Ausschlaggebend war dabei der Gedanke, dass einerseits insbesondere die Jugend als Generation im Verlauf der Geschichte oft „Raum für eine Hoffnung auf gesellschaftliche Erneuerung“268 bot, andererseits sich gerade die Jugendphase durch einen kritischen Umgang mit der Gesellschaft auszeichnete. Infolge dessen werteten die Machthaber des NS die Generation der Jugend stark auf. Die Leitung der einzelnen HJ- und BDM-Jugendgruppen wurde durch das Prinzip „Jugend muss von Jugend geführt werden“269 gestaltet. die Führung sollte nicht Vertretern der älteren Generation überlassen werden, die noch in einer früheren Zeit mit einem anderen Gesellschaftssystem aufgewachsen waren und deren Denken und Verhalten anderweitige Prägung erfahren hatte. Auch gingen sie davon aus, dass sich die Jugendlichen eher der Kritik gleichaltriger Vorgesetzter als der Kritik Erwachsener beugen würden.270 Somit vermittelte die RJF den jugendlichen Führern Vertrauen in deren Vorstellungs- und Handlungskompetenzen. Dabei ging es jedoch nicht um die Erlangung einer unabhängigen Individualität der Jugendführer. Jene erhielten in ihrer Funktion nur Freiraum und Anerkennung, wenn sie ihr Tun gänzlich den Bedürfnissen und Anforderungen des nationalsozialistischen Staates unterordneten.271 Ihre Aufgabe lag wiederum darin, durch unbegrenztes Vertrauen und Suggestion272 in den ihnen anvertrauten Jungen und Mädchen Fähigkeiten wie Ehrgeiz, Verantwortungsbewusstsein und Selbstvertrauen hervorzurufen und zu fördern. Dabei stellte die „Bindung der Gefolgschaft an die Führerin“273 oder den Führer ein wesentliches Element dar, bei dem es nicht um ein inniges Freundschaftsverhältnis ging. Vielmehr sollten diese Bindungen gezielt dazu genutzt werden, ein bestimmtes Ziel zu erreichen bzw. „Kontrolle und Macht über die Jugend“274 zu erlangen.
Das Alter der Jugendführer spielte dabei eine nebensächliche Rolle, da Alter nach der geistigen Befähigung und nicht nach den Jahren bemessen wurde.275 Die Führer waren oft nicht wesentlich älter als ihre Kameraden. Gerade in den jüngeren Jahrgängen lagen nur zwei oder drei Jahre zwischen Führer und Gefolgschaft. In einer Gruppe von Jugendlichen offenbarte sich nach Schirachs Ansicht von allein, wer die Qualitäten zur Führung besitzt. Die anderen Mitglieder der Gruppe würden dem Auserwählten „von selbst die nötige Achtung zollen und seine Autorität anerkennen.“276 Diese jugendlichen Führer hatten sich bereits durch bestimmte Charaktereigenschaften gegenüber den Gleichaltrigen ausgezeichnet: „Autoritätsgläubigkeit nach oben, fähig, Autorität nach unten zu vermitteln, jung, durch moralisch und politisch vorbildhaftes Verhalten ihre Gruppe im NS-Sinne zu formen.“277 Darüber hinaus sollten sie eine „körperliche Gesundheit und Leistungsfähigkeit, charakterliche Veranlagung, geistige und seelische Frische und entwicklungsfähige Anlagen“278 besitzen. Ein Ahnennachweis über die arische Herkunft, der mindestens bis ins Jahr 1799 zurückverfolgt werden konnte, musste ebenfalls vorgelegt werden.
Hitler und Schirach gingen beide von einem „angeborene[…][n] Führertum“279 aus, welches durch effizientes Fördern stärker herausgebildet werden konnte. „Zum Führertum gehört nicht nur Wille, sondern auch Fähigkeit. […] Am wertvollsten ist eine Verbindung von Fähigkeit, Entschlusskraft und Beharrlichkeit“280. Um dem genannten Prinzip gerecht zu werden, benötigten die HJ und der BDM eine große Anzahl an Jugendführern. Die Hitlerjugend konnte in der Anfangszeit ihren Bedarf auch aus den Reihen der ehemaligen bündischen Jugendgruppen decken. Der Nachwuchs an Führerinnen für den Bund Deutscher Mädchen musste erst aufgebaut werden.281 Um alle Kinder und Jugendlichen, speziell die ehemaligen Mitglieder anderer Jugendorganisationen, mit den ideologischen Zielen und Inhalten der Staatsjugendorganisation vertraut zu machen, wurde das Jahr 1934 als 'Jahr der Schulung' ausgerufen. Im Verlauf dessen sollten alle Mitglieder der HJ einen einheitlichen Wissensstand und die Führer/innen den gleichen Ausbildungsstand erlangen. Aufgrund regionaler und struktureller Unterschiede verlief die Umsetzung jedoch nicht in allen Teilen des 'Dritten Reiches' gleichermaßen wie geplant. Um den Führernachweis innerhalb der Organisation zu sichern und die aktiven Führer von Zeit zu Zeit in neuen „historischen politischen und rassebiologischen Kenntnissen“282 zu unterrichten, wurden sie regelmäßig in entsprechenden Kursen, strickt nach Jungen und Mädchen getrennt, an sogenannten Führerschulen zusammengezogen. So dauerte beispielsweise eine Ausbildung für eine 'Schaft', d. h. der kleinsten Einheit innerhalb der HJ und dem BDM ein halbes Jahr. Neben der theoretischen Vermittlung nahm dabei auch das Körpertraining einen großen Stellenwert ein.
Abgesehen von den extra geschaffenen Ausbildungsschulen, gab es mehrwöchige Lager, in denen die angehenden Führer/-innen für ihre praktischen Tätigkeiten unterrichtet wurden. Zu ihren Hauptaufgaben gehörte neben der Leitung und Durchführung der Heimabende, das Einüben von Liedern und die Organisation und Durchführung von Feiern und Veranstaltungen. In ihren Verantwortungsbereich fielen zudem „Organisationsarbeit und Kontrollaufgaben.“283
Für die Vermittlung von Wissen, sowie auch für die Ausrichtung und Gestaltung der Zusammenkünfte, gab es genaue Richtlinien und Anweisungen, wie beispielsweise die Schulungsmappen für den Heimatabend.284 Die Jugendführer empfingen hierarchisch abgestuft auf den jeweiligen Ebenen von den höheren Diensträngen ihre Anweisungen und waren jenen zur Rechenschaft verpflichtet. Lediglich auf den untersten Ebenen, an der Basis, blieb ein wenig Platz und Raum für eigenständiges Handeln.285 Dabei muss beachtet und gegebenenfalls gesondert untersucht werden, wie sich jene Führer verhielten, die nicht aus vollständig indoktrinierten nationalsozialistischen Bereichen kamen, sondern durch Intellekt und Persönlichkeit in die neue Führerrolle gelangt waren.
Um den männlichen „Führernachwuchs von Partei und Staat“286 zu sichern, wurden verschiedene Eliteschulen gegründet. Da Frauen nicht auf den höheren Ebenen eingesetzt wurden, erhielten sie keinen Zugang zu diesen speziellen Schulen. Die bekanntesten Erziehungsanstalten waren die 'Adolf-Hitler-Schulen', die 'Ordensburgen', die 'NS-Deutsche-Oberschule Starnberger-See' (später umbenannt in 'Reichsschule der NSDAP') und die 'Hohen Schulen', welche jedoch mehr Planung als Realität blieben.
Auch die 'National-Politischen-Erziehungs-Anstalten' ('N.P.E.A.’S'), volkstümlich auch 'Napola' genannt, waren fast ausschließlich für Jungen gedacht, nur zwei nahmen Mädchen auf. Die 'N.P.E.A.’S' waren staatliche Internatsschulen und hatten dementsprechend nichts mit der HJ oder dem BDM zu tun.287 Die Erziehung der zukünftigen Elite des Landes lag hier ausschließlich in den Händen des Staates bzw. der politischen Machthaber.
5.13 Totalitätsanspruch
Der Totalitätsanspruch der Gesamt-HJ vollzog sich auf unterschiedlichen Ebenen. So formulierte Schirach in seinem 1934 erschienen Buch zur Staatsjugendorganisation folgendermaßen: „Die HJ will sowohl die Gesamtheit der Jugend, wie auch den gesamten Lebensbereich des jungen Deutschen erfassen.“288 Dieser Forderung kam Schirach durch die Gleichschaltung und Auflösung konkurrierender Jugendorganisationen nach. Kurz nach seiner Ernennung zum Reichsjugendführer des Deutschen Reiches am 17. Juni 1933 (seit 30. Oktober 1931 Reichsjugendführer der NSDAP) begannen die Nationalsozialisten, jüdische und sozialistische Jugendverbände aus dem Reichsausschuss auszuschließen, gefolgt von den politischen und kirchlichen Verbänden.289 Die durch Zwangsmaßnahmen abgeschaffte Konkurrenz ermöglichte einen schnellen Anstieg der Mitgliedszahlen in HJ und BDM in der Folgezeit.
Als weitere Maßnahme galt die Gleichstellung der Erziehungsinstitutionen Gesamt-HJ, Elternhaus und Schule als „Träger der völkischen Erziehungsgedanken“290. Um einen Konflikt zwischen den einzelnen Institutionen zu vermeiden, erhielt jede Einheit ihre eigenen Aufgaben und Bereiche zugeteilt. So sollte ein „sinnvolles Zusammenwirken“, gegründet auf gegenseitige „gute Beziehungen“ und „Einblicke in die Arbeit“291 der jeweiligen anderen Institutionen entstehen.
Die Einteilung sah folgendermaßen aus: das Elternhaus war für die grundlegenden Erziehungsfragen zuständig, die Schule sollte auf Basis des nationalsozialistischen Gedankenguts unterrichten und die Hitlerjugend Werte wie kameradschaftliche Haltung, Gemeinschaftsgedanken und Führungsfähigkeit entwickeln.292
Den Eltern wurde gleichsam nahe gelegt, ihre Kinder im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu erziehen. Hitler definierte in einer Rede die „Familie als Keimzelle unseres Volks- und Staatskörpers“293 und ein Großteil der Eltern folgte bereitwillig seinen Vorstellungen, da das politischideologische Gedankengut der Nationalsozialisten fast alle Bereiche des Lebens durchdrungen hatte.
Es gab aber auch Eltern die versuchten, ihre Kinder vor den Einflüssen des Nationalsozialismus zu schützen.
Das Elternhaus blieb in damaliger Zeit die letzte Institution, in der es möglich war, individuelle Vorstellungen bezüglich Weltanschauung und Erziehung zu leben. Da jene jedoch im Widerspruch zu der nationalsozialistischen Gesinnung stehen konnten, versuchten die Führer/innen aus HJ und BDM, die Kinder in zunehmendem Maß dem Einfluss ihrer Elternhäuser zu entziehen. Sie sollten sich mehr der Staatsjugendorganisation verbunden und zugehörig fühlen, als dem eigenen Elternhaus. Des Weiteren wurden Kinder dahingehend beeinflusst, ihre eigenen Eltern bei Verstößen oder Äußerungen gegen das nationalsozialistische Regime anzuzeigen, wodurch ein psychologisch problematisches System des Denunziantentums erzeugt wurde.
Zwar fanden die Erziehungsgedanken der Nationalsozialisten Eingang in die schulischen Lehrpläne, doch wurde eine scharfe Trennung zwischen der Staatsjugendorganisation und der Lehrerschaft gezogen, da laut nationalsozialistischer Meinung „Lehren und Führen“294 grundsätzlich unterschiedliche Kategorien seien. Hinzu kam, dass kognitive Fertigkeiten im Nationalsozialismus nur gering geschätzt wurden, d. h. der Institution Schule ohnehin ein niederer Stellenwert eingeräumt wurde. Schwierigkeiten erhielten vor allem die Lehrer, die sich nicht dem NS-Gedankengut verschrieben hatten bzw. sich entsprechend opportun verhielten. Sie wurden oft mit einem Berufsverbot aus dem Schuldienst entlassen.295
Zu komplizierten Verhältnissen kam es bisweilen auch, wenn in einer Schulklasse Jugendführer/innen der HJ oder des BDM innerhalb der nationalsozialistischen Dienstgrade höher gestuft waren als die Lehrkraft, infolgedessen befugt waren, diese zu maßregeln. Um es nicht zu Kompetenzstreitigkeiten kommen zu lassen, wurden die Lehrer angewiesen, in einem derartigen Fall dem jeweiligen Jugendführer das nötige Taktgefühl entgegenzubringen und nicht dessen Autorität vor seinen Kameraden in Frage zu stellen.296
Entsprechend der vielfältigen Vorgaben wurde die Woche für die Kinder und Jugendlichen genau strukturiert in fünf Schul- bzw. Arbeitstage, einen Tag für HJ/BDM und staatspolitischer Bildung und den siebten Tag für die Familie.297 Das Leben der Jugendlichen wurde durch diese Einbindung und die permanente Bevormundung seitens ihrer Führer/innen in derart festgelegte Bahnen gelenkt, dass eine eigenständige, individuelle Entwicklung kaum möglich war. 298

Abb. 29: Schüler mit Lehrer in Winterdorf 1937, 13 von 37 Schülern sind in HJ-Kleidung

Abb. 30: Schülerinnen mit Lehrer in Wintersdorf 1937, 19 von 37 Schülerinnen in BDM-Kleidung
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