Czytaj książkę: «Die Hoffnungsvollen»

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ANNA SPERK

DIE HOFFNUNGSVOLLEN

ROMAN

mitteldeutscher verlag

Gefördert vom Land Sachsen-Anhalt


Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Die Personen, wie sie geschildert werden, leben in der Vorstellung und haben mit tatsächlich existierenden Menschen so viel gemein wie Kupferplatten und Radiernadeln mit einer Druckgrafik.

2017

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagabbildung: © khalaziy – Fotolia.com

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-95462-831-5

Den Hoffnungsvollen

und ihren Kindern

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

Erstes Buch - Auf dem Weg

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Zweites Buch - Erfüllung

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Drittes Buch - Akademia

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Dank

Die Autorin

Prolog

Strahlender Sonnenschein und purpurblauer Himmel begleiteten den 1. Mai, zu dem sich die 6a der POS „Hans Beimler“ versammelte. Die Leute munkelten, dass die ‚Freunde‘ oder Sowjets, wie sie offiziell hießen, mit ihren Flugzeugen Kondensationsmittel in die Luft sprühten, um vor der Stadt den Regen auszulösen, der dann den „Internationalen Kampf- und Feiertag“ nicht mehr stören konnte. Obwohl nicht anzunehmen war, dass diese teure Prozedur auch in der Industrie- und Arbeiterstadt durchgeführt wurde, in der Alex lebte, hielt sich das Gerücht. Die Demonstranten freute der Sonnenschein. Der Marsch vorbei an der Tribüne kostete nur den Vormittag.

Der Treffpunkt lag gegenüber dem Centrum-Warenhaus in der Otto-Grotewohl-Straße und die Schüler standen in losen Gruppen herum. Auf dem Boden lagen rote, zusammengerollte Fahnen, blaue Tücher in Tüten und im Werkunterricht aus Holzleisten und Krepppapier gebastelte Nelken, für die sich die Schüler viel zu erwachsen fühlten, und die ihre Lehrerin zum Spaß aller Wink-Elemente nannte. Nach und nach strömten weitere Klassen zum Sammelpunkt und vor der Runden Ecke wurde es enger.

Alexandra Sanger war gerade zwölf Jahre alt. Ihre Pionierbluse hatte sie unter ihrem schönsten Pullover mit Fledermausärmeln versteckt, sodass nur der weiße Kragen heraussah. Gut sichtbar musste das rote Halstuch der Thälmannpioniere mit einem Pionierknoten gebunden sein. Ihre Jacke hatte sie lässig über die Schultern gehängt. Sie fühlte sich gut, wenn nur die Karottenjeans nicht wären, die sie inbrünstig hasste. Im Gegensatz zu einigen Mädchen in der Klasse, die auch zur Mai-Demonstration in Westjeans erschienen, hatte sie drüben keine Verwandten. Ihre Sachen waren aus der „Jugendmode“.

Alex stand mit zwei Freundinnen, die auch blaue Karottenjeans trugen, abseits der Klasse. Zu dritt verhandelten sie den Austausch neuer Bücher, die Anjas Vater besorgt hatte und die man, wenn überhaupt, nur unter dem Ladentisch bekam. Er war Parteisekretär bei der Wismut und Offizier der Staatssicherheit, weshalb er regelmäßig in speziellen Läden einkaufte, die für die Normalbevölkerung nicht zugänglich waren. Und hin und wieder bedachte er seine Tochter mit Geschenken, auf die nicht nur Anja, sondern auch Andrea und vor allem Alex spitz waren.

Die aktuellsten Bände von Erich Wustmann und Miloslav Stingl standen in ihren Regalen, Bücher, die es noch nicht einmal in der Stadtbibliothek auszuleihen gab. Wenn sie darin blätterte, fesselten sie die exotischen Bilder. Farbexplosionen, die Kontraste setzten zum schlichten Grau-Braun, in das die DDR gekleidet war, als würde der ‚real existierende Sozialismus‘ das Bunt aus der Landschaft saugen. Selbst das Grün der Bäume wirkte vor den Plattenbauten ihres Wohngebietes fade. Die Kleider einer Afrikanerin vor ihrer Lehmhütte oder die nackte, rot bemalte Haut eines Amazonasindianers im Urwald leuchteten dagegen so intensiv, als wäre die Sonne nur dafür geschaffen, um von ihnen reflektiert zu werden. Sie träumte davon, einmal in die Farben der Welt einzutauchen, und wenn sie es schaffte, dann wollte sie sie beschreiben und zu Menschen tragen, die zu wenig davon hatten. Wie sie selbst.

Ihr blieben nur die Abbilder dieser Welt, das Leuchten der Fotos, und wenn sie nach der Schule nicht las und sich Notizen machte, zeichnete sie die Motive der Abbildungen nach. Erst letzte Woche hatte sie die melancholischen Gesichter eines Mannes und einer jungen Frau vom Amazonas übertragen. Beide hielten die Blicke gesenkt, als würden sie stumm über die Abholzung des Regenwaldes klagen. Und dabei waren sie von einer verletzlichen Schönheit, dass Alex sich nicht mehr von ihnen lösen konnte. Wollten die beiden nicht einfach nur leben? Aber die Welt, in der sie wohnten, wurde gerodet. Und sie begann über das Leben nachzudenken, über ihr eigenes und über das anderer. Es schien in einen steinernen Tunnel gegossen, in dem Abzweigungen und die Wahl eines eigenen Weges nicht vorgesehen waren. Sie mussten in der steinernen Röhre entlanglaufen. Wer stehen blieb, wurde von der Masse geschoben.

Die farbenfrohen Bücher dagegen brachten Licht in ihr Leben. Ihr schillerndes Bunt, wie gern würde sie es einfangen und vervielfältigen. Doch es blieb in den Büchern, die sie irgendwann zuklappen musste, um sie zurückzugeben.

„Mein Gott, tun mir die Beine weh. Wann geht es endlich los?“ Andrea, die Christin im Bunde, riss sie aus ihren Gedanken. Das Warten zerrte an den Nerven, und genau dies stand den Schülern ins Gesicht geschrieben. Die Straße hatte sich dicht gefüllt. Neben der Klasse 6a umstand eine jüngere Gruppe mit den blauen Halstüchern der Jungpioniere ihre Lehrerin, die streng, aber mit freundlicher Stimme Anweisungen gab und dabei immer wieder ordnend ihre Hand auf die Schulter des einen oder anderen Schülers legte. Einige Arme reckten sich in die Luft. Die Jüngeren strahlten die freudige Pflichterfüllung aus, die auch Alex noch aus der Zeit kannte, als die Teilnahme an der Demonstration ein Zeichen dafür war, dass sie zu den Großen gehörte.

Endlich unterbrach Frau Rudolf ihr Gespräch und blickte über die Runde der sechsten Klasse. „Kinder“, gab sie das Kommando und wartete ab, bis die Pioniere sie ansahen. „Es geht los!“

Dann rief sie einige Jungen zur Ordnung und traf Anweisungen, sich zu einem Block zu formieren. Sie verteilte die ‚Wink-Elemente‘ nach einem geometrischen Plan an die Schüler. Der Marsch begann. Im Reißverschlusssystem verband sich nun ihre Klasse mit weiteren Schülerblöcken, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite arrangiert hatten. In einem geschlossenen Marsch bogen sie in die Karl-Marx-Allee ein. Die Marschmusik wurde immer lauter und der Schritt der Marschierenden fester, bis sie den 13 Meter hohen und 40 Tonnen schweren Karl-Marx-Kopf vor der „Parteisäge“ erreichten, der dieser Stadt ihren Namen gegeben hatte. Vor dem „Nischel“ war eine schlichte, circa 20 Meter breite Tribüne gezimmert worden, deren Stufen aus Stegen und Bänken bestanden. Blumengirlanden an den Seiten verdeckten nur teilweise die helle Farbe frisch gesägten Fichtenholzes. Die Männer darauf waren wohl die wichtigsten Leute der Stadt. Bedeutungsvoll winkten sie in die Menge. Laute Marschmusik aus Dutzenden Lautsprechern schwappte über Alexandras Formation, und vor der Tribüne durchströmte sie ein angenehm euphorisches Glücksgefühl. Willig ließ sie sich davon treiben. Sie waren einzelne Sandkörner in einer wogenden Menge, in der jedem sein Platz zugeordnet war, mit dem einzigen Ziel, diese Menge zu bewegen.

Der Vorbeimarsch an der Tribüne dauerte nur wenige Sekunden. Alex sah, wie sich die Teilnehmer am Ende der Prozession schüttelten, als wären sie aus einem Traum erwacht. Einige Transparente flogen auf die Bürgersteige, wo sie Haufen mit roten Fahnen, Mainelken und Tüchern sah. Dann zückten die Leute ihre Teilnehmermarken und stellten sich an einer der Schlangen an, um sich eine kostenlose Bratwurst abzuholen. Wer seine hatte, lief mit hastigen Schritten davon. Der Spuk löste sich so schnell auf, dass am Ende der Karl-Marx-Allee gähnende Leere herrschte.

Alex beschloss, noch eine Weile zu bleiben. Mit ihrer Bratwurst in der Hand mischte sie sich unter die Leute und lief die Treppe zum Interhotel hinauf. Das Kongreß war mit seinen 29 Etagen und 97 Metern das höchste Haus der Stadt. Direkt gegenüber der Tribüne fand sie einen Platz auf einer von Zuschauern eng besetzten Mauer am Fuß des Hotelbaus. Von dort hatte sie einen guten Blick über das ganze Spektakel. Im Rhythmus der Musik wippte sie mit den Beinen und aß die Wurst, dabei beobachtend, wie die laute Marschmusik die vorbeiziehenden Massen für kurze Zeit in Verzückung versetzte.

‚Was für ein komischer Zauber ist das, der die Leute da derart in Stimmung bringt?‘, fragte sie sich. ‚Für die meisten‘, das wusste sie, ‚ist die Teilnahme eine lästige Pflicht. Dennoch scheinen sie begeistert.‘

Menschen, die aus Überzeugung für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft kämpften, hatte sie kaum erlebt. Die, die sie kannte, meckerten und klagten über Mangel und die Sprüche ihrer Vorgesetzten. Die Bevölkerung rebellierte hinter vorgehaltener Hand, aber so umfassend, dass Alex über ihr sozialistisches Vaterland kaum ein gutes Wort hörte, außer in der Schule, wo die Zufriedenheit im Lehrbuch stand. Aber selbst Anjas Vater, der Stasioffizier, hielt ihr keine Vorträge. Nie machte er Stimmung für das System. Er begrüßte sie hemdsärmelig an der Tür, ließ sie ein und verschwand im Wohnzimmer vor dem Fernseher.

Alex amüsierte sich gerade über die deutlichen Erschöpfungserscheinungen der Parteioberen auf der Tribüne, als sie plötzlich einen Schrei hörte. Sie sah nach rechts, in die Richtung, von der sie den Lärm gehört hatte. Einige Meter von ihr entfernt beugten sich Leute über eine liegende Gestalt.

„Da ist jemand die Mauer runtergestürzt!“, hörte sie die Stimme einer Frau. Tumult entstand am Fuß der Mauer, und um den Gestürzten bildete sich ein Kreis von Neugierigen. „Ist er gesprungen?“, fragte jemand. „Es springt doch niemand von einer fünf Meter hohen Mauer“, erwiderte ein Mann. „Dann hätte er schon vom Kongreß springen müssen!“ – „Das hat er sich vielleicht nicht getraut.“ Ein anderer Mann lachte. Und noch ein anderer erklärte: „Da oben lassen sich die Fenster nicht öffnen. Das hat schon seinen Sinn.“

Alex wollte etwas sehen und beugte sich weit nach vorn. Die Diskussion der Leute irritierte sie.

Erstes Buch

Auf dem Weg

1

Der Zug fuhr ihrer Zukunft entgegen, wäre da nicht die Angst vor dem Unbekannten, wie immer, wenn durch eine Zäsur ein Lebensabschnitt von einem neuen abgelöst wurde.

Mit ihrer Reisetasche in der Hand und einem kleinen Rucksack auf dem Rücken hatte sie 16 Uhr den Zug aus ihrer Heimatstadt nach Linden bestiegen und eine halbe Stunde vorher hatte sich die Tür der elterlichen Wohnung hinter ihr geschlossen. Noch nie war ihr so bewusst gewesen, dass sie nun erwachsen war, endgültig, unwiderruflich.

In Linden fuhr der Zug in eine riesige Halle ein, wohl um das Doppelte größer als der provinzielle Bahnhof, den sie gewohnt war. Beim Aussteigen zögerte sie auf der Treppe. Ihr neugieriger Blick überflog den Bahnsteig von links nach rechts. Dann erst wagte sie den Schritt in die Freiheit.

Ein erfrischender Luftzug durchwehte die Halle und streifte ihr Gesicht. Tief atmete sie ein. Der Duft eines der letzten regnerischen Septembertage. Einige Schritte weiter blieb sie stehen und spürte, wie sie mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand. Kurz schloss sie die Augen und genoss ihre Unabhängigkeit. Fast hätte sie die Arme ausgebreitet und ihren Kopf in den Nacken gelegt, um zu fliegen wie die Tauben in den riesigen Eisenbögen des Kopfbahnhofs.

Der Bahnsteig leerte sich unter den eiligen Schritten der Menschen. Jetzt musste sie selbst den Entschluss fassen, vorwärtszugehen. Ihr war plötzlich bewusst, dass sie bislang niemanden kannte, der ihr Leben fortan prägen würde. Sie musste sich mit Menschen umgeben. Dann würde sich vielleicht das Gefühl einstellen, auch an diesem Ort angekommen zu sein.

Doch erst einmal stand sie hier, sie hatte ein Ziel, sie war zum Studium nach Linden gekommen. Und sie wollte sich nicht entscheiden. Ihre Eltern, Ingenieur und Informatikerin, hatten ihr ein technisches Studium nahe gelegt. Informatik war ein zukunftsfähiges Fach, ein sicherer Arbeitsplatz, Einkommen, Familie. An Begabung mangelte es auch nicht, Mathematik und Physik waren ihre Lieblingsfächer gewesen. Aber eigentlich wollte sie doch etwas anderes, mehr als nur Beruf und Familie, den vorbestimmten und sicheren Weg.

Alex blickte auf ihre Reisetasche, in der sich die Mappe mit den völkerkundlichen Abschriften befand, ihre Sammlung von Texten und Zeichnungen aus Büchern, die sie sich jahrelang über viele Umwege organisiert hatte. Heute, im Jahr 1992, könnte sie sich die Bücher einfach kaufen. Auf allen Märkten standen Antiquariatstische und boten all die Werke feil, die zu DDR-Zeiten nicht zu bekommen gewesen waren. Und die handgeschriebene Mappe war eine eigenwillige Form eines Tagebuches, ein Zeugnis ihrer Träume davon, die Welt zu bereisen. All die Bücher, aus denen sie abgeschrieben hatte, die Fenster in die Ferne, die ihr enges Kinderzimmer in der Platte eines Neubaugebietes aus den Siebzigerjahren unerreichbar umgaben.

Die Wende vor drei Jahren hatte alles geändert. Jetzt stand ihr die ganze Welt offen. Wer sollte sie jetzt noch daran hindern, sie zu bereisen – wie in den Sechziger- und Siebzigerjahren Erich Wustmann? Sie könnte nun Völker studieren, wo immer sie lebten, eigenes Material sammeln und Bücher veröffentlichen, wenn sie am Institut für Ethnologie studieren würde, an demselben Institut, an dem die „Völkerkunde für Jedermann“ entstanden war, die sie als Kind im Schrank ihrer Großmutter gefunden hatte.

In ihrem achtzehnten Lebensjahr war Deutschland seit zwei Jahren wiedervereinigt, und sie fühlte, dass ihr Leben mit allen Chancen vor ihr lag. Noch nichts war unumgänglich. Sie konnte ihre Zukunft wählen. Nur der innere Streit, zwischen Traum und Vernunft, Hoffnung und Angst, blockierte sie. Zur Sicherheit hatte sie sich deshalb für zwei Studienfächer entschieden, und diese konnten gegensätzlicher nicht sein – Informatik und Ethnologie.

Sie nahm energisch ihren Rucksack auf den Rücken und ihre Reisetasche in die rechte Hand, um ihren Weg zum Wohnheim zu finden, für das sie bereits im Juli einen Platz ergattert hatte. Damals hatte sich das Gerücht verbreitet, dass jährlich zu Semesterbeginn die Plätze ausgingen und Studenten, die zu lange zögerten, in Turnhallen untergebracht werden mussten.

Sie verließ den Bahnhof durch einen der zwei Hauptausgänge. Stadtlärm schlug ihr entgegen und sie stand direkt vor den Haltestellen der Straßenbahnen.

Fröstelnd wartete sie. Ihr Blick hing an dem imposanten Bahnhofsgebäude mit seiner symmetrischen Fassade, die von zwei riesigen Bögen dominiert war. Die Straße vor dem Bahnhof war mehrspurig und die Autos fuhren zügig, für ihren Geschmack viel zu schnell vorbei. Die Gebäude rund um die Haltestelle waren um mehrere Etagen höher als sie es kannte und verrieten mit ihren üppig verzierten Fassaden den bürgerlichen Reichtum der einstigen Handelsmetropole. Kein Vergleich mit der Arbeiterstadt, aus der Alex kam.

Die abendliche Kühle ließ die Menschen zittern. In ihren hochgeschlossenen Jacken und Mänteln traten sie von einem Fuß auf den anderen. Neben ihr standen zwei Frauen, die sich laut unterhielten. Mehr und mehr zog ihr breiter Dialekt ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die Mundart, eine Variante des Sächsischen, sprach auch sie seit ihrer Kindheit. Doch die Tönung in ihrer Aussprache nahm sie wahr, obwohl man doch kein Ohr für seinen eigenen Dialekt hatte? Warum harmonierte der sächsische Klang nicht mit ihrem eigenen, gewohnten Klang, sodass er in ihr unterging, für sie unhörbar wurde?

Naja, das Sächsische war farbenfroh, auch wenn es sich nur in den dunklen Tönungen bewegte. Und weil sie sich langweilte, gab sie dem Städtedreieck ihrer Heimat spontan neue Namen und ergänzte die verräterische Floskel „Nicht wahr?“. Als Kind hatte sie „nor“ gesagt, in der Handelsmetropole, die sie nun Linden nannte, sagten die Menschen „newor“ und in der Kulturstadt hörte man allenthalben das kleine Wörtchen „nu“. Aber in einem waren alle Dialektvariationen gleich, in der Verdunkelung fast aller Vokale hin zum „O“. Nicht umsonst war die Mundart sprichwörtlich in der DDR gewesen. Alexandras Heimatstadt hieß kurz die Stadt mit den drei „Os“, Korl-Morx-Stodt, worüber sich die ganze Republik lustig gemacht hatte.

Diese Republik und den Namen ihrer Heimatstadt gab es nicht mehr. Ihr Dialekt dagegen hatte nichts von seinem dümmlichen Klang verloren. Peinlich hatte sie die überschwänglichen Sachsen im Westfernsehen gefunden, die sich lauthals freuten, endlich Tempotaschentücher benutzen zu dürfen. Warum nur hatte sie nicht die klingende, melodische Sprache ihrer Großeltern gelernt, die im tiefen Vogtland lebten? Stattdessen hatte sie sich in der Schule blamiert, damals, als sie in Deutsch ein Gedicht aufsagen sollte, und ihre Lehrerin dies mit den Worten kommentierte: „Für das Erlernen gebe ich dir eine Eins, aber für die Deklamation kann ich dir nur eine Drei geben.“ Danach hatte sie von ihr verlangt, vor der versammelten Klasse einen Satz mit einer Ansammlung von Zischlauten aufzusagen, die Sachsen regelmäßig zu einem breiten „sch“ verzerrten. Mit hochrotem Kopf hatte sie sich bei jedem auszusprechenden Wort angestrengt dessen Schreibweise in Erinnerung gerufen: „In der Küche auf dem Tisch, steht ein Schälchen Milch.“ Bei dem Wort „Milch“ waren ihr die Nerven durchgegangen und sie hatte ihre Deklamation mit einem wütenden „Mülsch“ abgebrochen, um puterrot zu ihrem Platz zu laufen und unter dem Gekicher ihrer Mitschüler hinter ihrem „Tisch“ zu verschwinden.

Doch nun fuhr sie in der Straßenbahn durch ihr unbekannte, enge Straßen nach Süden und da sie alle paar Minuten anhielten, schien die Fahrt endlos zu sein. Erst als sich die Straßenbahn nach und nach geleert hatte, die Straßen weiter und das Grün der Anlagen üppiger wurden, signalisierte ihr ein Schild die richtige Haltestelle. Sie stieg aus und während das metallische Quietschen der weiterfahrenden Bahn verklang, realisierte sie, dass sie sich am südlichen Stadtrand befinden musste, dort wo eine zehngeschossige Platte den Abschluss der städtischen Bebauung vor einer flachen, öden Wiese bildete, die nur von verwildertem Strauchwerk durchbrochen war. Die heimischen sanften grünen Hügel eines Ausläufers des nördlichen Erzgebirges vor ihrem inneren Auge, erschien ihr die Gegend trostlos.

Alex ging über die Straße auf die Platte zu und musste einige Zeit suchen, bis sie das Schild „Studentenwerk“ fand. Die Tür stand offen und eine ältere Frau, die im Flur das abgescheuerte Linoleum wischte, nannte ihr die Zimmernummer des Hausmeisterbüros im Erdgeschoss.

∞

Das Institut für Informatik befand sich im Hauptgebäude der Universität, einem rechteckigen Kasten mit Blechverblendungen unter großen Fenstern. Über dem Portal prangte ein riesiges Relief, auf dem das Konterfei desjenigen kommunistischen Vordenkers dominierte, der der Universität zu DDR-Zeiten seinen Namen gegeben hatte. Überlebensgroß überragte er eine Gruppe enthusiastisch kämpfender Arbeiter. Das Gebäude sah direkt auf einen der zentralen Plätze der Stadt herab. Neben dem Hauptgebäude ragte ein riesiger Turm in die Höhe, der einem aufgeschlagenen Buch nachempfunden sein sollte und den die Studenten kurz den „Weisheitszahn“ nannten. Auch das Hochhaus gehörte zur Universität.

Alex betrat die Alma Mater und fragte den Portier nach dem Institut für Informatik.

„Dritte Etage, links“, sagte der, nachdem er in einem Buch nachgeschlagen hatte, und Alex stieg in den Paternoster. Der Versuch, den richtigen Moment für den Sprung in die oder aus der Kabine zu finden, ließ ihr Herz auch mit achtzehn Jahren noch klopfen.

Auf den ersten Blick war das Institut für Informatik ein langer grauer Flur. Alexandra studierte die Namensschilder an den verschlossenen Türen. Die Ansammlung von akademischen Graden schüchterte sie ein. Sie klopfte an einem Sekretariat und fragte, ob sie hier richtig sei.

„Was wünschen Sie denn?“, fragte eine freundliche Sekretärin mit blond gefärbten Haaren, die wegen Alex ihre Unterhaltung mit einem älteren Herrn unterbrach.

„Ich möchte Informatik studieren und suche die Stundenpläne.“

„Stundenpläne?“, lachte der graumelierte Herr. „Die gibt’s nur in der Schule. Sehen Sie in den Vorlesungsplan. Dort finden Sie alle Vorlesungen, Seminare und Übungen.“

Sein Blick wanderte Alex’ Gestalt auf- und abwärts. Er verstörte sie. Scheinbar schien er zu überlegen, ob ihre Erscheinung im Sekretariat mit richtigen Dingen zugehe. Doch ehe sie ihrem Antrieb folgen konnte, vor seinen Blicken zurückzuweichen, fragte er schon: „Sie wollen wirklich Informatik studieren? Schaffen Sie das denn?“

Wie eine Sprungfeder richtete sich Alex auf. Ihr Vater hatte es ihr beigebracht, Rücken gerade, Brust raus, und sie antwortete etwas zu heftig: „Ich war in den Naturwissenschaften sehr gut.“

Doch der Graumelierte zwinkerte nur belustigt der Sekretärin zu. Alex’ Bekenntnis schien ihn wenig zu beeindrucken. „Das hat überhaupt nichts zu sagen. Studieren Sie doch lieber Geisteswissenschaften oder Pädagogik, wie alle Frauen.“

„Na!“, wies ihn die Sekretärin zurecht.

„Na gut, ich habe nichts gesagt. Wenn Sie es unbedingt wollen, dann tun Sie es eben.“ Er wendete sich ab und legte seiner Mitarbeiterin ein paar Blätter auf den Tisch: „Wenn Sie damit fertig sind, unterschreibe ich noch.“ Dann sah er sich nochmals zu Alex um: „Man sollte endlich wieder Aufnahmeprüfungen einführen“, und verschwand in dem Raum, der an das Sekretariat angrenzte.

Alex sah auf das Schild neben der Tür und las „Prof. Dr. Hinrich, Direktor“. Die Sekretärin suchte den Semesterplan heraus und sagte sanft: „Machen Sie sich nichts draus. Das Studium haben schon ganz andere geschafft. Wenn Sie fleißig sind, dann schaffen Sie es auch.“

Als Alex wieder unter dem Bronzerelief des Hauptgebäudes hindurchlief, atmete sie auf. Nun musste sie noch das Institut für Ethnologie suchen. Neben einer Litfaßsäule fand sie einen schattigen Platz und studierte ihren Stadtplan. Das Institut musste ganz in der Nähe sein. Nach einigem Suchen sah sie schließlich das grüne Schild mit der Aufschrift „Institut für Ethnologie“ an einem spätklassizistischen Bau. Sie drehte sich um und lief auf die andere Straßenseite, um die Fassade zu betrachten. Das Gebäude schien einem florentinischen Palazzo nachempfunden. Es zeigte selbstbewusst den Stolz einer reichen und mächtigen Bürgerschaft. Und während Alex das Haus betrachtete, musste sie an die schmucklosen Fassaden ihrer Heimatstadt denken. Selbst die Vorkriegsgebäude waren reine Zweckbauten, Unterkünfte für Arbeiter, die in den Fabriken der Stadt geschuftet hatten. Bei der Sanierung zu DDR-Zeiten hatte man den Häusern etwas Farbe gegeben, aber mit den imposanten Stuckarbeiten an den Gebäuden in Linden’s Zentrum waren sie bei Weitem nicht zu vergleichen. Noch viel deprimierender hatten auf Alex die Plattenbauten gewirkt, mit denen die Stadtarchitekten zu DDR-Zeiten den Zerfall der Innenstädte auszugleichen versuchten. Die „Arbeiterschließfächer“, wie sie genannt wurden, hatten für Alex den Charme von aufeinandergetürmten Karnickelbuchten.

Ein hupendes Auto riss sie aus ihren Gedanken, und sie gab den Weg frei. Dann tastete ihr Blick wieder nach dem grünen Schild. „Dritte Etage“ stand neben dem Institutsnamen. Sie öffnete die schwere hölzerne Tür, die mit Schnitzereien bedeckt war, stieg das Treppenhaus aus Holz hinauf und bewunderte die gedrechselten Geländerstäbe. Auf jeder Etage standen die Flügeltüren zu den Fluren der Institute weit offen. In der dritten Etage endete die Holztreppe in einem weiten Raum, von dem eine kleine Steintreppe weiter nach oben führte. Unter der Treppe sah sie eine Sitzgruppe, in der einige Studenten saßen, rauchten und sich unterhielten. Links und rechts von diesem Raum gingen die Türen zum Institut für Ethnologie ab.

„Wo finde ich das Sekretariat?“, fragte sie, von den offenen Flügeltüren mutig geworden, und bekam prompt Antwort: „Diesen Flur entlang und die letzte Tür links.“ Freundlich wies eine Studentin in die angegebene Richtung und Alex betrat einen langen Flur, von dem mehrere Räume abgingen. Die letzte Tür links stand weit offen.

Aus dem Sekretariat klang geschäftiges Stimmengewirr, das sie verlegen machte. Verwirrt blieb sie auf der Schwelle stehen und klopfte an den Türrahmen. Vor der Sekretärin stand eine Studentin und redete. Daneben diskutierte eine ältere Frau mit zwei weiteren Studenten. Eine vierte Studentin heftete gerade Blätter in einem Ordner ab. Niemand schien sie wahrzunehmen. Sie wartete und betrachtete die Frau hinter dem Schreibtisch. Sie war vielleicht Ende fünfzig und trug ihre grauen Haare mit einer Föhnwelle, die typisch für Frauen ihres Alters war. Ihr Gesicht und ihre Sprache wirkten gutmütig. Geduldig schien sie der Studentin ihr Anliegen zu erklären. Als diese sich endlich verabschiedete, blickte sie zu Alex. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich hätte gern den Vorlesungsplan.“ Alex trat an den breiten altertümlichen Schreibtisch heran.

Die ältere Frau beendete das Gespräch mit den beiden Studenten und gab ihnen die Hand, als Zeichen, dass sie nun gehen sollten. Dann öffnete sie einen Schrank und begann etwas zu suchen. „Wir haben keine Karteikarten mehr“, lenkte sie die Sekretärin von Alex ab. Die zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich kann erst nächsten Monat wieder welche bestellen, Frau Dr. Heller, das Geld ist schon wieder alle.“

„Wie soll man denn so arbeiten? Ich muss doch meine Vorlesung vorbereiten“, regte sich die Dame auf. „Es hat sich doch wirklich gar nichts verändert!“ Alex sah ihr nach, als sie empört den Raum verließ.

„Ich kann doch auch nichts dafür!“, rief ihr die freundliche Sekretärin bedrückt hinterher und schüttelte den Kopf. Dann wendete sie sich wieder Alex zu: „Ach so!“ Beflissen stand sie auf und nahm einen Stapel Hefte von einem Tisch an der Wand. „Sind Sie neu hier?“ Doch sie wartete Alex’ Antwort nicht ab. „Wir haben ein Vorlesungsheft“, erklärte sie und drückte ihr eines der Hefte in die Hand. „Das kostet eine Mark.“

Alex zahlte, nahm das Heft und verließ das Institut.

Erleichtert schlenderte sie über das Universitätsgelände, sah sich die Gebäude an und beobachtete die Studenten, die in Grüppchen plappernd oder zielstrebig an ihr vorbeiliefen. Dann stand sie vor unverputzten Fundamentresten, von denen Treppen abwärts führten. Der Name eines Studentencafés stand in rostigen großen Lettern an einer Mauer und Studenten liefen in den Keller der – wie sie nun bemerkte – ausgebaut war.

Alex folgte ihnen und kam durch die Tür in ein warmes, nach Zigaretten und Kaffee duftendes, weitläufig verzweigtes Tonnengewölbe. Überall saßen sie, an kleinen Tischen und in bequemen Stühlen. An den ziegelroten Wänden hingen Comic-Zeichnungen und die Fronten der Gewölbe waren mit einer großen gläsernen, halbrunden Fläche aus Türen und Fenstern verschlossen, die viel Licht in die Räume ließen.

Wohlig warm war es hier, vielleicht einen Kaffee? Sie stützte ihren Kopf auf die rechte Hand und betrachtete ihren Stundenplan. Ihre Gedanken wanderten zurück in das Neubaugebiet ihrer Kindheit. Sie hätte erwartet, dass sie Wehmut fühlen würde. Doch von solcher Nostalgie war sie weit entfernt. Selbst als sie an Jörg dachte, an seine stahlblauen Augen, seine weiße Gesichtsfarbe und seine lockige Mähne, die ihn in ihren Augen stets einem Engel gleichen ließen, blieb sie kalt. Wie lange hatte sie nicht an ihn gedacht? Dabei hatten sie sich doch erst vor einigen Tagen am Bahnhof verabschiedet, und sie hatte versprochen, bald zu schreiben. Und nun schien er weit weg, so weit, dass ihr alle Lust abhandenkam, Kontakt zu ihm aufzunehmen.

Ihm jetzt zu schreiben, das hieße, wieder in der Vergangenheit zu versinken, und dagegen sträubte sich alles in ihr. Ja, es kam sogar so eine Art Widerwillen in ihr auf, als sie an ihn dachte. Hier in Linden sah sie ihn, ihren Freund, plötzlich mit nüchternem Abstand. Kühl betrachtete sie seine schlanke, sportliche Gestalt vor ihrem inneren Auge. Er war engelsgleich in seinem Aussehen, das stimmte, aber er war es nicht in seinem Wesen. Denn konnte ein Engel stolz auf sich sein? Und Jörg war nicht nur stolz auf seine Erscheinung, er war geradezu eingenommen von ihr. Manchmal hatte Alex das Gefühl, er gefiele sich selbst besser, als sie, Alex, ihm jemals gefallen konnte. Dieser Gedanke hatte sie seit ihrer ersten Begegnung gereizt, ihn zu beeindrucken, sein Gefallen zu erkämpfen, und sie hatte sich die verrücktesten Ideen einfallen lassen, um ihm zu zeigen, was sie für ihn sein konnte.

Doch jetzt, hier in Linden schien dieser Reiz taub. Ihr stand deutlich vor Augen, dass Jörg, ihr Abenteuer, sie aus der Bedrückung ihres Alltags hatte befreien sollen. Er war die Lichtgestalt in der Tristesse der Neubaueinöde gewesen. Doch Jörgs Licht verblasste am Horizont.

∞

Am ersten Studientag saß sie in einem holzgetäfelten Hörsaal, in dem jeder Schritt der Hereinkommenden hallte. Lange, halbrund geschwungene Stuhlreihen durchzogen das treppenförmige Auditorium, in dessen tiefer gelegenem Zentrum das Pult des Professors vor zwei Tafeln stand. Die Studenten zwängten sich in die engen Gänge zwischen den Stühlen. Mit knarrenden Geräuschen setzten sie sich und klappten ihre Tische hoch. Alexandra suchte ihr Schreibheft heraus, legte es auf ihren Tisch und platzierte einen Kugelschreiber akkurat darüber. Dann sah sie sich um.

Es saßen nur wenige Studenten im Saal. Zwischen ihnen blieben ganze Reihen leer. Alle Studenten schienen männlich zu sein. Mit den Augen suchte sie den Raum ab und entdeckte nur ein weiteres Mädchen. Ihr wurde mulmig. Hatte Professor Hinrich recht? War dieses Fach wirklich nichts für Frauen?

‚Quatsch!‘, dachte sie. ‚Im Kopf unterscheiden sich Männer und Frauen jedenfalls nicht.‘

Dann wurde es still im Raum. Durch eine Seitentür neben der Tafel trat Professor Hinrich ein.

„Guten Morgen, meine Damen und Herren.“ Seine Stimme klang hart und unfreundlich. Hatten die Studenten vorher noch gelacht, herrschte jetzt betretenes Schweigen.

„Ich sehe hier circa zwanzig Erstsemester im Fach Informatik. Sie haben sich einiges vorgenommen und nur ein kleiner Teil von Ihnen wird in zwei Jahren mit dem Vordiplom in der Tasche hier noch sitzen. Wie viele von Ihnen tatsächlich zu einem Diplom kommen, das wage ich nicht zu schätzen. Aber die meisten werden das Studium nicht schaffen. Über diese Prognose können Sie nun nachdenken.“

Alex schluckte. Sie hätte lieber gehört, dass er sich über seine neuen Studenten freute und sie herzlich willkommen hieß. Aber Hinrich schien die Neuen nicht in sein Fach einladen zu wollen. Mit unnachgiebigem Tonfall, als müsste er sie zu einer Strafarbeit verpflichten, dozierte er die nächste halbe Stunde über die Literatur, die für das Studium verwendet werden sollte. Viel zu schnell handelte er die Organisation des Semesterplanes ab und listete die zu besuchenden Vorlesungen und Übungen auf. Wenn er unvermittelt immer wieder auf die Anforderungen des Informatikstudiums zu sprechen kam, wurde sein Ton noch abweisender, als er so schon war. Alex sackte in sich zusammen. Sie sah in die erstarrten Gesichter ihrer neuen Kommilitonen. Angespannte Ruhe herrschte im Saal. Und als sich Hinrich verabschiedete, spürte sie deutlich ein Aufatmen durch alle Stuhlreihen gehen. Schnell packten die Studenten ihre Aufzeichnungen ein und verschwanden durch die Tür. Draußen bemerkte sie eine kleine Gruppe, die sich leise unterhielt. „Das kann ja was werden“, hörte sie einen Studenten, und die anderen nickten stumm. Dann nahm sie ihre Tasche unter den Arm und ging zur Ethnologie.

Der Hörsaal lag in den Räumen des Instituts und hatte eine familiäre Ausstrahlung. Kein treppenförmiges Auditorium trennte die Würde eines dozierenden Professors von der unterwürfigen Unbeholfenheit zahlreicher Studenten. Der Saal war ein schlichter großer Raum, in dem verschlissene Tische und Stühle standen. Dass er nicht renoviert war, verstärkte das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Wärme unter den Anwesenden, die sich unverkrampft miteinander unterhielten. Niemand schien zu bemerken, dass der Professor eintrat. Erst als er versuchte, sich Ruhe zu verschaffen, wendeten ihm nach und nach die Studenten ihre Aufmerksamkeit zu. Der grauhaarige Herr am Rednerpult stellte sich als Hans Ulrich vor, und er begann seine Vorlesung ähnlich wie Professor Hinrich: „Bislang (Er meinte wohl, zu DDR-Zeiten.) haben wir hier in der Ethnologie nur nach Bedarf ausgebildet. Immatrikuliert wurde nur jedes zweite Jahr und dann nur zwischen sechs und acht Studenten. Wer bei uns studierte, konnte persönlich in seinem Werdegang betreut werden und bekam später auch einen Arbeitsplatz angeboten, zum Beispiel an einem Museum, an einem Universitätsinstitut, in Verlagen oder Bibliotheken.“

Die eingemauerte DDR hatte wohl nicht mehr gebraucht, dachte Alex, schließlich war das Reisen ins kapitalistische Ausland für die Mehrheit der Bevölkerung untersagt gewesen. Ob das nun anders war? Eines jedenfalls war klar, einen dieser heiß begehrten Studienplätze in der Ethnologie hätte sie vor der Wende nicht bekommen. Ihr, beziehungsweise ihrer Familie, fehlte es eklatant an „Vitamin B“ und nicht zu vergessen, ihre Eltern waren dem DDR-System nicht nützlich gewesen. Es war ein Grund, sich zu freuen. Sie lebte in einer Zeit, in der jeder frei war, sich für einen Beruf zu entscheiden und sich für diesen Beruf auch ausbilden zu lassen. Mit dem Abitur in der Tasche konnte sie alles studieren. Und das fühlte sich richtig an.

Doch Professor Ulrich schien anderer Meinung. „Heute kann jeder hier studieren, der will. Sie sind dreißig Studenten in einem Jahrgang, das heißt zehnmal mehr, als es Bedarf an ausgebildeten Ethnologen in den neuen Bundesländern gibt. Ich kann Ihnen also ankündigen, dass es – optimistisch gesehen! – höchstens ein bis zwei von Ihnen bis zur Promotion schaffen, und Hoffnung auf einen Arbeitsplatz oder sogar auf eine Professur will ich niemandem hier machen. Mit Ihnen konkurrieren Tausende Studenten aus den alten Bundesländern, wo Hunderte jedes Jahr durch das Ethnologie-Studium gezogen werden. Ich lege Ihnen also ans Herz, sich gründlich zu überlegen, ob Sie tatsächlich dieses Fach studieren wollen oder ob Sie nicht doch lieber ein Fach mit Jobaussichten absolvieren, zum Beispiel in den Naturwissenschaften, die zu wenig Studenten haben und die deshalb eine wesentlich bessere Studentenbetreuung leisten können als wir.“ Und wie zum Überfluss folgten Alex’ Augen seinem aufsteigendem Zeigefinger. „Und wer meint, Ethnologie studieren zu müssen, weil er sich dafür interessiert, weil er einfach nur gern reist oder weil es ein Studium ohne große Mühe sei, der ist hier völlig falsch. Auch das Ethnologie-Studium ist harte Arbeit.“

Ulrich verlieh seiner Rede mit einer nachfolgenden Schweigesequenz zusätzlich Bedeutung. Doch die Stimmung im Hörsaal schien von seiner dramatischen Ansprache völlig unberührt. Gleichgültig und ohne den fröhlichen Optimismus in ihren Augen zu verlieren, verfolgten die Studenten seine Ansprache. Sie saßen auf ihren Plätzen, zum Sprung ins Studentenleben bereit. Was kümmerten sie Zukunftssorgen?

„Hier wird man erst einmal überall demotiviert“, sagte beim Verlassen des Hörsaals eine brünette Studentin und blinzelte Alex an. „In der Soziologie haben sie uns dasselbe gesagt.“ Alex nickte. „Die Argumente dafür scheinen nur überall andere zu sein. Ulrich schickt uns in die Naturwissenschaften, aber in der Informatik hieß es, wir würden das Studium sowieso nicht schaffen.“

„Du studierst Informatik?“, fragte die Studentin.

„Wenn ich es bis zur Zwischenprüfung schaffe“, antwortete Alex und grinste verlegen. „Unser Professor scheint davon auszugehen, dass Frauen da eher weniger Chancen haben.“

„Ach, lass dich nicht entmutigen. Versuch es einfach!“ Die Studentin blieb neben Alex stehen und schenkte ihr ein Lächeln. „Jedenfalls scheint man nirgendwo auf uns gewartet zu haben.“ Alex stimmte ihr zu und stellte fest, dass ihr das Mädchen sympathisch war. Kurz überlegte sie, dann stellte sie sich vor. „Sabine“, erwiderte die, und beide besiegelten ihre neue Bekanntschaft mit einem Handschlag. „Schön, dass es noch andere gibt, die sich hier nicht willkommen fühlen.“ Langsam schlenderten sie durch den Flur entlang zur Sitzgruppe.

„Warum willst du eigentlich Ethnologie studieren?“, stellte Sabine die unvermeidliche Frage, die hier alle umtrieb. „Was soll man anderes studieren, wenn man aus der DDR kommt und ein Leben lang die Welt vermisst hat?“ Als Antwort grinste Sabine. „Ich komme aus München und will eigentlich Fotografie studieren. Aber ich hab’s nicht beim ersten Anlauf geschafft, muss Wartesemester leisten. Da hab ich mir gedacht, ich könnte die Zeit nutzen, um den Osten kennenzulernen. Also habe ich mich in Linden eingeschrieben.“ Nach diesem Bekenntnis strahlte sie Alex an. „Die Welt habe ich nicht vermisst!“, erklärte sie. „Nach dem Abitur bin ich für ein Jahr allein um den ganzen Globus gereist.“

Alex spürte ihre unverhohlene Verblüffung im Gesicht, riss die Augen weit auf und registrierte mit großer Verwunderung, die Normalität, mit der Sabine diese Sätze einfach so dahingesagt hatte. „Das ist ja mutig!“, setzte sie ihr Erstaunen in Worte. „Haben dir das deine Eltern erlaubt?“

„Meine Eltern? Die haben nur gesagt, ich soll meine eigenen Erfahrungen machen.“

War das möglich? Eine Achtzehnjährige, so alt wie sie selbst, reist allein um die Welt? Reist ein Jahr allein, egal wohin, ohne Geld, ohne Führer, ohne schützende Hand, ohne fremde Hilfe und Absicherung? Das war unerklärlich, und sie bewunderte uneingeschränkt Sabines Mut. Doch zugeben wollte sie das nicht, wenigstens nicht sofort. Deshalb leitete sie ihre Frage in eine ganz andere Richtung: „Und wie hast du das bezahlt?“

„Ach“, winkte Sabine ab, „das war kein Problem. Wenn mir das Geld ausging, bin ich eine Weile sesshaft geworden und habe gearbeitet. Meistens habe ich auf der Straße gesessen und den Leuten farbige Zöpfchen verkauft, die ich ihnen aus bunter Schnur in die Haare geflochten habe. Die gingen gut.“ Und Alex hörte ihr zu, als sie von Plätzen in Indien und in England erzählte, die Unterschiede zwischen ihren Kundinnen, der Witterung und ihren Problemen, das farbige Garn zu besorgen. Sabine schien vor unbekümmerter Lebenslust überzulaufen. Mit strahlendem Glanz in ihren braunen Augen schilderte sie ihre Reise. Was für Unterschiede zwischen dem kleinen provinziellen Leben in der Ex-DDR und der westdeutschen Freiheit, in der alles möglich war! Hatte Alex schon genügend vom Leben eingefordert, energisch genug nach dem Glück gegriffen? Woher nahm Sabine ihre Selbstverständlichkeit, mit der sie einfach tat, was ihr gerade in den Sinn kam? Warum zögerte sie nie und warum sagte sie nicht „aber“, wie Alex es stets von ihren Eltern gehört hatte?

2

Jeden Morgen, wenn er sein Wohnheimzimmer verließ, atmete Tilo an der frischen Luft auf. Die drei Mediziner, mit denen er das kleine Zimmer teilte, hatten ihm früh gezeigt, dass die Flucht aus dem Raum in die Vorlesungen oder in die Bibliothek die einzige Möglichkeit war, der Enge zu entrinnen. Er war froh, wenn das erste Seminar am Morgen begann, und gehörte immer zu den ersten Studenten im Raum. Und auf dem Weg zur Uni machte er stets einen kleinen Umweg, um sich an der frischen Luft noch die Zeit zu vertreiben und hing dabei seinen Gedanken nach.

Auf eine bedrückende Weise war die Enge seines Wohnheimzimmers ein Teil seines Lebens, das schnurgerade verlief. An diesem Morgen wunderte er sich über diese Parallelität und darüber, dass es ihn immer wieder in dieselben Situationen zurückwarf. Warum hatte er bereits in der Schule ein Nischendasein geführt, weit entfernt von der Gruppe der beliebtesten Mitschüler, denen er sich doch so gern angeschlossen hätte? Warum packten ihn andere immer wieder in die Schublade der Bedeutungslosigkeit, genauso wie er sich jeden Abend freiwillig in die untere Hälfte des Doppelstockbettes legte?

In der Schule war er Klassenbester, besonders in den Naturwissenschaften. Die Mathematik hatte er mit Leichtigkeit durchschaut. Die anderen kamen zu ihm, wenn sie Hilfe brauchten. Doch wenn sie Spaß haben wollten, dann ließen sie ihn in der Ecke stehen, und er hatte sich stets gefügt. Er war hilfsbereit, in der Freizeit drückte er sich die Wände entlang. Und nun absolvierte er genauso diszipliniert – wie früher die Schule – sein Studium. Es würde ihn keine große Mühe kosten, ein guter Informatiker zu werden, und wenn er erst einen Job hatte, dann würde er so viel verdienen, dass sich ein gutes Leben ganz von selbst ergab und vielleicht eine Frau, eine Familie und zwei Kinder, für die er dann die wichtigste Person im Leben wäre.

Doch an diesem Morgen überkamen ihn Zweifel. Wo blieb auf dieser vorbestimmten Linie die Lebenslust, das Abenteuer und das Unwägbare, das den Tag zu einem spannenden, flirrenden Ereignis machte? Sollte es einfach immer so weitergehen bis zur Rente? Und was kam danach? Missmutig stieß er eine Weile einen Kiesel auf den Gehwegplatten vor sich her und beobachtete, wie viele Felder er schaffte, ohne nach links oder rechts abzudriften.

Als er den Kopf wieder hob, sah er plötzlich das blonde, locker nach hinten gebundene Haar einer Studentin vor sich. Die schlanke Mädchengestalt trug Jeans und einen blauen langen Jeans-Parker darüber. Lässig schlenkerte an ihrer Seite eine typische Studententasche, in die Hefter und Bücher passten.

‚Alex!‘, dachte er und betrachtete aufmerksam den burschikosen Gang, mit dem sie auf die Ampel vor der Universität zusteuerte. Die zeigte Rot, und Tilo blieb einige Meter hinter seiner Kommilitonin stehen.

Sie war ihm gleich am ersten Tag aufgefallen, eine für das Fach viel zu hübsche Studentin, die selbstbewusst erzählte, dass sie eigentlich Ethnologie studieren wolle, und dass sie ihr Informatikstudium nur ihren Eltern zuliebe begonnen hatte. Wie zu erwarten, hatte sie Probleme im Studium. Zwar brachte sie in den Mathematikseminaren die Leistungen wie die besten Mitschülerinnen seiner ehemaligen Klasse, aber sie schien überhaupt keinen Zugang zur Informatik selbst zu haben.

Tilo musste über die Naivität, mit der sie das Studium anging, lachen. Er selbst besaß seit mehreren Jahren einen Computer und hatte einige seiner Anwendungen selbst programmiert. Ja, er hatte sogar kleine Programme verkauft. Sein Zimmer zu Hause bei seinen Eltern war ganz auf Computertechnik ausgerichtet. Dort standen aufgeschraubte Gehäuse, es lagen Bauteile und Werkzeuge herum, und jeder sah dem Zimmer an, dass hier jemand wohnte, der seine ganze Freizeit damit verbrachte, an seinem Computer zu basteln und alte mit neuer Technik aufzurüsten. In Alex’ Kinderzimmer stand bestimmt nur Belletristik, und er hatte ihr vor einigen Wochen erklären müssen, wie sie den Computer im Pool hochzufahren hatte. Sie hatte bislang kaum mit Computern zu tun gehabt, außer in der Schule, wo sie einfache Additionsprogramme mit Basic geschrieben hatte. ‚Lächerlich!‘, dachte er.

Doch dann betrachtete er ihr wildes Haar, und ihm wurde klar, dass sie in den Händen trug, was er so schmerzlich vermisste. Sie war Leben! Die Leidenschaft, mit der sie von ihren Plänen in der Ethnologie berichtete und die Vorstellung, sie würde einst wirklich in einem Dorf irgendwo auf der Welt und weit weg von hier mit den Einheimischen reden und die Geschichten aufschreiben, die sie zu erzählen hatten, reizte ihn plötzlich, dass es ihn wie ein Blitz durchfuhr. In diesem Augenblick schaltete die Ampel auf Grün, eilig folgte er Alex in wenigen Metern Abstand, bis sie plötzlich an der Litfaßsäule stehen blieb und begann, ein Plakat mit einer Konzertankündigung zu studieren. Auch Tilo blieb stehen, dann entschloss er sich.

„Alex!“, rief er und ärgerte sich über die Unsicherheit in seiner Stimme. Sie drehte sich um und sah ihn erst verblüfft und dann über das ganze Gesicht strahlend an.

Sie hatte sein Zittern wohl nicht bemerkt. Kurz entschlossen gab er sich einen Ruck und reichte ihr die Hand: „Na, auf dem Weg zum Pascal-Seminar?“

„Ja, aber wir haben noch Zeit!“

Tilo nickte und betrachtete neben ihr das Plakat. Er selbst war stets an der Litfaßsäule vorbeigeeilt, ohne sich nach den Ankündigungen umzusehen. War das ein Fehler? Und während er mit Befremden das Foto der Band musterte, schien Alex plötzlich das Interesse an dem angekündigten Konzert verloren zu haben.

„Ich kriege schon wieder Bauschmerzen, wenn ich an das Seminar denke. Im Prinzip müsste ich schon programmieren können. Es wird einfach vorausgesetzt.“

Tilo nickte. Er wusste, dass Alex’ Chancen, das Studium zu bestehen, schlecht waren. Doch offen wollte er das nicht aussprechen, deshalb hörte er ihr weiter zu.

„Leider habe ich überhaupt keine Ahnung von den Programmiersprachen, die wir können sollten. Ich habe ja nicht mal einen Computer, um mir selbst etwas beizubringen.“

„Du solltest einfach einen Einführungskurs besuchen“, erwiderte er, obwohl er zweifelte, ob das in ihrem Falle helfen könnte. Ein Mädchen wie sie gehörte nicht in die Informatik. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Alex – mit ihrer Lebenslust – Stunden vor dem Computer sitzen würde, um Programme zu schreiben, die dann auch noch die Qualität hatten, um damit Geld zu verdienen.

„Ich habe Rowold schon gefragt. Er hat nur geantwortet, ich solle mich selbst einarbeiten. Einen Anfängerkurs könne er nicht anbieten, weil die meisten Studenten schon programmieren könnten. Er müsse sich nach der Mehrheit richten.“

„Das ist ja eine Frechheit!“ Tilo staunte über Rowolds Ignoranz. Doch dann sah er eine unwiederbringliche Gelegenheit gekommen. Das war seine Chance, Alex kennenzulernen.

„Besuch mich doch mal. Dann können wir die Hausaufgaben durchsprechen. Vielleicht kann ich dir auch irgendwann mal eine kleine Einführung in Pascal geben, die Sprache kenne ich gut. Aber erhoffe dir nicht zu viel. Man muss lange arbeiten, um Programmieren zu lernen, und dazu brauchst du einen Computer.“

Glücklich nahm er ihr Lächeln entgegen, und um seinen Plan zu besiegeln, fügte er hinzu: „Komm doch nächsten Freitag bei mir vorbei. Ich fahre übers Wochenende nicht nach Hause. Ich habe Zeit.“

3

Zwei Wochen hatte die Entscheidung des BAföG-Amtes gedauert und nun erfuhr sie, dass ihr Antrag auf Bundesausbildungsförderung abgelehnt wurde, da der Betrag, der ihr nach der Verrechnung der Einkommen ihrer Eltern zustehe, fünfzig D-Mark nicht überschreite.

Alex hatte als Kind der DDR nie über Geld nachdenken müssen. Geld war einfach da gewesen, wenn man auch manches dafür nicht kaufen konnte. Wovon sollte sie nun leben? Ihre Eltern hatten ihr zugesagt, ihr monatlich dreihundert Mark zu überweisen und sich darüber hinaus abhängig zu machen, das kam für Alex nicht infrage, sie war zu stolz, um mehr Geld zu bitten.

Nur allzu gut erinnerte sie sich daran, wie sie im Sommer ihre Zukunftspläne gestanden hatte.

„Ich werde in Linden studieren“, hatte sie knapp erklärt und mehr eine Information gemeint als eine Absprache in der Familie.

Mit versteinerten Mienen hatten sich ihre Eltern angesehen, eine Weile geschwiegen, dann hatte der Vater gesagt: „Es ist besser, wenn du hier Informatik studierst und bei uns wohnen bleibst.“

Dieser Satz hatte ihr die Kehle zugeschnürt. Mit achtzehn Jahren wollte sie ihr Elternhaus verlassen.

„Nein, ich werde nach Linden gehen. Ich möchte als Nebenfach Ethnologie studieren!“ Trotzig war ihre Antwort gewesen.

„Ethnologie?“ Wie erwartet, hatte sich ihre Mutter entsetzt gezeigt. „Das Studium ist kein Spaß! Du sollst einen Beruf für deine Zukunft lernen!“

„Wo ich studiere, das ist meine Entscheidung!“

„Mit deinen Träumereien kannst du dich später nicht ernähren!“

Und zu Alex’ Überdruss erklärte sie, wie stets in solchen Diskussionen: „Ich habe Jahre daran gearbeitet, dass ich jetzt einen guten Verdienst habe! Und sicher ist meine Arbeit noch lange nicht. Nichts ist mehr sicher!“

„Ja, Mama, ich weiß, du hast dich selbst weitergebildet und wurdest deswegen genommen. Ich weiß! Du hast mir das schon zwanzig Mal erzählt. Aber ich möchte nun mal Ethnologie studieren, wenigstens als Nebenfach.“

Ihre Mutter, das mathematische Talent der Familie, hatte sich nach einem Pädagogikstudium autodidaktisch das Programmieren beigebracht. Doch Alex hatte ihr Talent nur zum Teil geerbt.

„Du hast doch selbst gesagt, heute ist nichts mehr sicher. Selbst wenn ich Informatik als Diplom studiere, muss ich nicht unbedingt einen Job bekommen. Du hattest doch auch nur Glück! Zwei Drittel deiner Abteilung wurden abgewickelt.“

„Gerade deshalb musst du studieren, was auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist!“, dozierte ihre Mutter hartnäckig, und wie erwartet, kam ihr der Vater zu Hilfe.

„Was willst du denn mit – Ethnologie?“ In seiner Stimme lag ein abfälliger Ton. „Du studierst etwas Ordentliches, damit du später Arbeit findest. Wir können dich nicht ewig ernähren.“

Müde hatte er mit seinem Finger gewedelt und den Kopf geschüttelt, eine hilflose Geste, wie Alex erstaunt festgestellt hatte.

„Deshalb studiere ich Informatik als Hauptfach.“ Dann war sie vom Abendbrottisch aufgestanden und demonstrativ in ihr Zimmer gegangen.

Kurz darauf hatte ihr der Vater einen Zeitungsausschnitt unter die Nase gehalten. „Wenn du dich nicht belehren lässt, dann will ich dich darauf hinweisen, dass wir von Gesetzes wegen nicht verpflichtet sind, dir Unterhalt zu zahlen, wenn du in Linden ein Studium beginnst, das du auch in deiner Heimatstadt absolvieren kannst.“

Und nun war ihr BAföG-Antrag abgelehnt. Alex grübelte. Ihr Vater sparte auf einen Neuwagen, und da war ja auch noch ihre kleine Schwester. Erst seit zwei Monaten hatte er wieder einen Job. Den Schock hatte sie nicht vergessen, als er 1990 völlig deprimiert nach Hause gekommen war und seiner Familie mitgeteilt hatte, dass sein Betrieb abgewickelt und er entlassen worden sei. Doch das war noch nicht der härteste Schlag. Wenige Wochen später erzählte er, dass im Gebäude seiner ehemaligen Firma jetzt das Arbeitsamt untergebracht sei. In derselben Etage, in der sein Büro gelegen hatte, saß nun seine Arbeitsvermittlerin, nur ein paar Türen weiter.

Und Alex dachte an die groteskeste Ironie, die die Arbeiterstadt Sachsens mit der Ansiedlung ihres Arbeitsamtes ausgebrütet hatte. War das die Absicht einiger ehemaliger Parteigenossen gewesen, oder war es doch nur Zufall? Jedenfalls wurden einige Jahre die Büros der Arbeitsvermittler im Gebäude der ehemaligen SED-Bezirksleitung, hinter dem überdimensionalen Karl-Marx-Kopf untergebracht. Blickte man damals auf die Fassade hinter dem „Nischel“, dann sah man in großen roten Lettern Logo und Schriftzug des Arbeitsamtes und rechts daneben das riesige Relief, das in deutscher, englischer, französischer und russischer Sprache einen Satz aus dem Kommunistischen Manifest zitierte: „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ ‚Das habt ihr nun davon!‘, hieß das Bild für Alex ins Alltagsdeutsch übersetzt, und sie musste jedes Mal grinsen, wenn sie daran vorbeilief.

Als Alex früher ihren Vater im Betrieb besucht hatte, hatte sie immer über die großen Reißbretter der Konstrukteure mit den feinen, detaillierten Bleistiftzeichnungen gestaunt. Er selbst hatte während der Arbeit aufrecht an einem der tafelgroßen Bretter mit beweglichen Winkellinealen gestanden und akkurat und sauber Teile von Drehmaschinen gezeichnet, die er dabei quasi erfand.

Eigentlich war er in Alex’ kindlicher Fantasie ein Erfinder gewesen, und sie war stolz auf ihn, wenn er ihr von seinen Patenten erzählte. Doch diese Reißbretter und das Zeichnen an ihnen waren längst überflüssig geworden. Seit zwei Jahren arbeitete er mit Konstruktionsprogrammen am Computer.

Kurz überschlug sie ihre Ausgaben. Das Doppelzimmer im Wohnheim kostete hundert Mark im Monat. Das hieß, sie hatte zweihundert Mark für andere Ausgaben zur Verfügung, fünfzig Mark pro Woche. Das war eindeutig zu wenig. Der einzige Ausweg war ein Job.

4

„Studentenjobs auf einer archäologischen Ausgrabung“, stand in großen schwarzen Lettern am Aushang des Seminargebäudes. Darunter das Kleingedruckte, eine archäologische Notbergung im Tagebau Seese-Ost. Wie der Student neben ihr, schrieb sie sich sofort die Adresse auf.

„Was sind denn Notbergungen?“, fragte sie ihn.

Der Student sah sie von der Seite an. „Studierst du nicht Ur- und Frühgeschichte?“

Alex schüttelte verlegen den Kopf, und ihr Blick blieb an seinem verschlissenen blaugestreiften Shirt hängen, das sie an einen Matrosen erinnerte.

„Notbergungen sind Rettungsgrabungen im Vorfeld von Bauvorhaben“, klärte er sie auf. Und als Alex ihn immer noch fragend ansah, sprach er weiter: „Da greift das neue Denkmalschutzgesetz. Seit der Wiedervereinigung schreibt es für die neuen Bundesländer vor, dass jede Fläche, auf der gebaut werden soll, zuvor archäologisch prospektiert, also untersucht werden muss. Und falls archäologische Funde bei der Sondierung entdeckt werden, dann sind die Bauherren verpflichtet, sie ausgraben zu lassen, auf eigene Kosten natürlich. Überall, wo Gewerbegebiete und Einkaufszentren auf der grünen Wiese entstehen, wird jetzt im Vorfeld gegraben.“

„Und der Tagebau?“, fragte Alex weiter.

„Ja, gerade ein Tagebau zerstört den Boden. Dort wird heute großflächig gegraben.“

Eine Woche später hatte sie Grund zum Feiern. Sie war eingestellt und niemand hatte nach ihrem Studienfach gefragt. Aktiver Urlaub, dachte sie, keine Arbeit, die sie ausschließlich tat, um Geld zu verdienen. Sie reiste zum Braunkohletagebau Seese-Ost in die Lausitz.

Am späten Abend erreichte sie den Bahnhof Vetschau. Sie stieg als Einzige aus und stand mit ihrem Gepäck in der Dunkelheit auf einem menschenleeren Bahnsteig. Als der Zug wieder anfuhr, flogen drei Tauben auf, und als seine Geräusche in der Dunkelheit verklangen, zirpten die Grillen. Alexandra sah sich um. Die Türen des Bahnhofs waren mit Brettern vernagelt. Sie ging um das Gebäude herum und sah einen neu geteerten Parkplatz mit frischen leuchtend weißen Linien, auf dem ein einziger Kleinbus stand. In der Kabine brannte Licht und jemand schien darin zu lesen. Alex ging auf den Kleinbus zu. Der Fahrer blickte auf, legte sein Buch weg und öffnete die Tür. Zögernd stieg er aus und wartete, bis Alex herangetreten war. Er war jung und kräftig gebaut, fast etwas dick.

„Hallo, ich bin Alex. Sollst du mich zum Tagebau Seese-Ost abholen?“

Er lächelte sie an. „Ja, wenn du die Archäologen meinst?“

„Dann bin ich richtig.“ Erleichtert atmete sie auf und lachte verlegen. Kurz hatte sie gedacht, sie sei am falschen Bahnhof und stecke jetzt hier mitten im Niemandsland fest. Umso fröhlicher hob sie nun ihr Gepäck hinter den Sitz und stieg auf den Beifahrersitz. „Wie heißt du“, fragte sie den Fahrer.

„Dieter. Freut mich, dich kennenzulernen.“

Geübt lenkte er den Wagen vom Parkplatz hinunter und Alex ließ sich in den Sitz sinken, froh an diesem verlassenen Ort mitten in der ostdeutschen Provinz nicht darauf warten zu müssen, irgendwann abgeholt zu werden.

„Ist das deine erste Grabung?“, fragte Dieter und sah sie von der Seite an. Sein Gesicht hatte die rosig zarte Haut eines pausbäckigen Kindes vor der Pubertät.

„Ja!“ Ein völlig verwilderter Wald zog am Beifahrersitz vorbei, und Alex betrachtete die dunkelgrüne, durchbrochene Silhouette aus Bäumen und Unterholz.

„Hier sagen sich ja Fuchs und Hase ‚Gute Nacht‘“, lachte sie. „Gibt es noch mehr als nur Wildnis?“

„Ja, uns!“ Dieter zwinkerte sie an. „Hier wird bald alles weggebaggert. Deshalb sieht es so verwildert aus. Der Tagebau frisst sich ohne Gnade durch die Landschaft. Was studierst du?“

Und Alex begann, von ihrem Studium zu erzählen, von ihren Geldsorgen und von ihrer Freude, diesen Job auf der Grabung gefunden zu haben, während Dieter sie immer wieder betrachtete. Alexandra meinte, ein gewisses Interesse in seinem Blick zu erkennen, ein Interesse, das sie erst seit wenigen Jahren kannte und auf sich selbst bezog. Sie lächelte in sich hinein, während Dieter ihr von seiner Ausbildung zum Koch erzählte und dabei nicht vergaß, ihr anzudeuten, welches Glück die Frauen hätten, die er mit einem Drei-Sterne-Menü beehrte.

Nach etwa dreißig Minuten bog der Wagen in einen Sandweg ein, holperte durch ausgefahrene Löcher und beleuchtete mit seinem heftig auf- und abwärtsschwankenden Lichtkegel hüfthohes trockenes Gras. Dann erfasste das Licht eine alte, weiß gestrichene Baracke, ähnlich, aber um einiges größer, als das Schreberhäuschen ihrer Eltern. Die Bremsen quietschten und der Transporter hielt ruckartig an. Alex öffnete die Tür, kletterte vom Beifahrersitz, zog ihren Rucksack hinter dem Sitz hervor, hob ihren Kopf und atmete die süßlich-schwere sommerliche Nachtluft ein. Die Grillen zirpten auch hier, kein Bus, keine Bahn hätten sie hierher gebracht, dachte sie, das Stadtkind, und wunderte sich, wie sie so unversehens ans Ende der Welt geraten konnte. Doch als Dieter ihr in der Dunkelheit die Barackentür öffnete, schlugen ihr Wärme, Licht und fröhliche Stimmen entgegen. Glück stieg in ihr auf und sie wusste, sie wollte ein Teil davon sein.

„Ich bring dich in mein Zimmer.“ Dieter lief an ihr vorbei, den langen hell erleuchteten Gang entlang auf eine Tür zu. Er öffnete sie, und Alex sah in einen schmalen Raum, in dem von der Tür bis zum Fenster zwei Betten hintereinander Platz fanden. Direkt an der Tür lag eine schlanke Gestalt mit langen Haaren und schlief. Dieter wies auf das Bett am Fenster. „Dort schlafe ich.“

„Übernachtest du hier mit einer Studentin?“, fragte sie verwundert. „Dann habe ich wohl keinen Platz bei euch.“

„Keine Sorge“, sagte Dieter. „Das ist Sven. Den kriegen wir hier schon raus. Ich stelle dir erst mal eine Liege mit rein.“ Dann verschwand er und kam mit einer aufklappbaren Liege zurück, die er neben die schlafende Gestalt an die gegenüberliegende Wand stellte. Zwischen Bett und Liege blieb ein etwa fünfzig Zentimeter schmaler Gang. Alex setzte ihren Rucksack ab. „Lass uns erst die anderen begrüßen“, bat sie Dieter und sie gingen gemeinsam in die Richtung, woher sie das Gelächter hörte.

Die Küche war ein etwa dreißig Quadratmeter großer Raum, in dem um einen langen Tisch sieben Studenten mit glühend roten Wangen saßen und Bier aus Flaschen tranken. Als Dieter und Alex den Raum betraten und sie vorgestellt wurde, prosteten sie ihnen zu.

„Setzt euch. Wir haben noch Bier da!“, rief ein schlaksiger blonder Student.

Alex reichte jedem die Hand und setzte sich. Der Schlaksige öffnete ein Bier und hielt es ihr entgegen.

„Danke“, sagte Alex und sah sich um.

Dem Tisch gegenüber standen eine Kochgelegenheit und eine Spüle. Das Durcheinander von Töpfen und rot gefärbten Tellern verriet ihr, dass es am Abend Spaghetti mit Tomatensoße gegeben hatte. Dann stimmte sie in das schallende Gelächter der jobbenden Studenten ein, blödeln konnte auch sie, und noch bevor sie zu Bett ging, war alle Unsicherheit verflogen und sie fühlte sich angekommen.

Die körperliche Arbeit auf der Notbergung im Vorfeld des Tagebaus Seese-Ost tat ihr gut. Jeden Morgen wurden sie von einem Gong geweckt, schlichen verschlafen zu den Duschräumen, zogen sich an, frühstückten gemeinsam und fuhren dann mit einem uralten Barkas auf die Grabungsfläche. Morgens sangen sie den erzgebirgischen Volkslied-Oldie von Anton Günther „’S is Feieromd“ und am Abend sangen sie das Arbeiterlied „Wacht auf, wacht auf, der Kampf beginnt“. Torsten, der immer vorne saß, hielt sich beim Singen das klobige Telefon des Kleinbusses vor den Mund und dirigierte das Konzert. Sie hatten Spaß und kitzelten aus allem, was sie taten, den Reiz des Besonderen heraus, und diese Art, mit dem Leben umzugehen, weckte in Alex eine bisher ungekannte Lebensfreude.

Der Tagebau war ein riesiger, 50 Meter tiefer Krater, mit einer Ausdehnung, die Alex von der Grabungsfläche aus nicht vollständig überblicken konnte. Die Kante der Grube zeigte den geologischen Schnitt der Bodenaufschichtung bis ins Tertiär. Aus der Schule wusste sie, dass Braunkohle, der wichtigste Energielieferant der DDR, durch Druck und Luftabschluss aus dem organischen Material Millionen Jahre alter Vegetation entstanden war. Die obersten 30 Meter bestanden vor allem aus verschieden getönten, sandigen Erdschichten, darunter lag die bräunlich-schwarze Kohle, ein Flöz von circa sieben bis acht Metern. Der abgelagerte Boden und die Kohle wurden getrennt abgetragen. Tief unten im Tagebaukrater schürfte ein kleiner Kohlebagger, und in die obere Schicht aus Erde und Sand fraß sich ein Eimerkettenbagger, so groß wie ein fünfgeschossiger Häuserblock. Die an einer Kette angebrachten beweglichen Schaufeln gruben sich tief in das Erdreich und schütteten es auf das Fließband eines Transportarms. Der reichte in Form einer riesigen Brücke von der einen Seite des Tagebaus bis zur gegenüberliegenden Seite. Dorthin transportierte das Fließband das abgegrabene Erdreich und ließ es auf die riesigen Abraumhalden fallen, die wie ein zerklüftetes Gebirge aus Sand und Erde am anderen Ende des Tagebaus emporragten. Die Schaufeln fraßen sich die Längsseite der Tagebaukante entlang und die Ausgräber wussten, dass sie einmal die Woche einen gehörigen Teil ihrer Grabungsfläche verschlangen. Sie gruben hastig auf der Fläche, die der Eimerkettenbagger bei seiner nächsten Durchfahrt wegschaufeln würde.

Einmal die Woche stieg der Arbeitsdruck ins Unerträgliche, bis einer der Studenten rief: „Der Bagger kommt!“ Die riesigen Schaufeln fraßen sich immer näher an die Grabungsfläche heran. Dann rief die Grabungsleiterin: „Runter von der Fläche!“

Alex sprang auf, las ihre Werkzeuge und Fundtüten zusammen, packte sie in ihren Eimer und verließ wie die anderen ihre Fläche, um aus sicherer Entfernung zuzusehen, wie sich die Zähne der Schaufeln in das Erdreich bohrten, um große Stücke herauszureißen. Die akkurat zu Plana gekratzte Fläche löste sich in rieselnden Sand auf und verschwand mit jeder Schaufel in der Höhe, wo sie irgendwann auf dem Förderband landen würde.

„Sven ist noch dort“, rief Daniela, eine Archäologiestudentin.

Alexandra sah, wie Sven wenige Meter von den Schaufeln entfernt, große Scherben aus dem Boden zog und sorgsam in seinen Eimer legte.

„Ist der wahnsinnig?“, brüllte die Grabungsleiterin und begann ihn zu rufen.

Olaf, der Fotograf, zückte seinen Fotoapparat und schoss einige Bilder von Sven unter den riesigen Schaufeln.

„Sven“, brüllte Stephanie nochmals. Das Dröhnen und Quietschen des Baggers verschlang ihre Stimme. Sven sah kurz zu den Schaufeln, die nur noch sieben Meter von ihm entfernt gruben. Dann durchwühlte er nochmals hastig den Sand mit seinen Händen, las eilig letzte kleinere Scherben heraus, legte sie in seinen Eimer, packte ihn und rannte zu den anderen, wo Stephanie ihm sofort einen Vortrag hielt und damit drohte, ihn zu entlassen, wenn er noch einmal die Sicherheitsauflagen der Grabung unterlaufen würde. Doch schließlich umstanden alle seinen Eimer und betrachteten das zerscherbte, aber vollständige slawische Gefäß, das Sven in letzter Sekunde aus dem Sand gerettet hatte.

„Das war aber nicht gerade saubere Grabungstechnik“, grinste Torsten und spielte darauf an, dass Sven die Scherben mit den Händen aus dem Sand gewühlt hatte.

„Was man hat, hat man“, erwiderte Sven darauf und Olaf hielt triumphierend seinen Fotoapparat in die Höhe und sagte: „Zwar nicht gezeichnet und vermessen, aber in situ fotografiert. Sogar die Schaufeln des Baggers sind mit drauf. Das gibt ein gutes Foto für die Ausstellung.“

Der Puls der Grabung hatte sich wieder beruhigt, der Bagger war mit lautem Getöse durchgefahren und die Archäologen steckten ihre neuen Grabungsflächen ab. Erneut schaufelten sie das erste Planum und karrten die Erde von der Fläche, die sie zu kleinen Abraumhalden aufhäuften. Dann kratzten sie eine saubere Ebene, die vermessen, gezeichnet und fotografiert werden konnte. Im gelben Sand hoben sich dunkle Verfärbungen von Gruben ab. In diesen legten sie Schnitte an und kratzten sich in Intervallen von zehn Zentimetern tiefer und tiefer in den Boden, bis der anstehende Boden, der gelbe Sand, erreicht war. Sorgsam maßen sie jede Scherbe ein, die sie dabei fanden, und verpackten sie mit Fundzetteln in kleinen Tüten. Zum Schluss wurden die stehen gebliebenen Profile der Gruben gemessen, gezeichnet, fotografiert und abgebaut. So untersuchten und dokumentierten sie die Umrisse und den Inhalt germanischer und slawischer Abfallgruben und Grundrisse von Grubenhäusern, die zu Beginn der Zeitrechnung in den Sand gegraben worden waren, sich mit dunklem Humus verfüllt hatten und so als braune Schatten im sandigen Boden erhalten geblieben waren.

Alexandra hatte das Handwerk eines Grabungsarbeiters schnell begriffen. Die Arbeit machte Spaß und die Studenten hatten ihn auch. Sie lachten und blödelten, ein Scherz jagte den anderen.

„Kommt mal her“, rief Olaf, der eine Fläche fotografieren musste. Die Studenten stellten sich nebeneinander auf, breiteten ihre Jacken aus und versuchten, die Fläche mit Schatten zu bedecken. Sie krümmten und beugten sich, um auch den kleinsten Lichtfleck auf der Fläche zu tilgen. Dann nahm Olaf seinen Fotoapparat und hielt ihn auf die Gruppe, die in bizarren Posen erstarrt dastand, wie die in Bronze gegossenen Figuren der kommunistischen Arbeiterbewegung mit Fahnen und zum Himmel gereckten Fäusten.

„Mir reichen die ewigen braunen Flecken in der Erde“, sagte Olaf oft. „Ich muss Menschen fotografieren.“ Er ordnete die Studenten zu Hockerbestattungen an, legte Grabbeigaben und die Fototafel dazu und schoss seine Fotos.

Am Freitag beschloss Alex, in der Baracke zu bleiben. Niemand hatte das Bedürfnis, während der freien Tage nach Hause zu fahren. Doch Alex hatte noch einen weiteren Grund. Sie fühlte sich leicht und wohl wie noch nie. Oft wanderten ihre Gedanken zu Sven und sie suchte ihn mit ihren Blicken. Seine schmale Gestalt, in lässige Hemden und verwaschene, löchrige Jeans gekleidet, und sein welliges Haar, locker zu einem Zopf gebunden, verliehen ihm das Aussehen eines großen Jungen. Sven war Archäologiestudent und Schnittleiter. Seine langen Haare hatten dafür gesorgt, dass Alex ihn in der ersten Nacht für ein Mädchen gehalten hatte. Seit dieser Nacht schlief sie auf der Liege neben ihm. Manchmal betrachtete sie vor dem Einschlafen lange sein Gesicht. Sven war wortgewandt, erzählte gern und hatte einen mitreißenden Witz. Sie konnte neben ihm lachen, und es wurde ihr in seiner Nähe nie langweilig. Dann wurde er wieder wortkarg und abweisend. Doch zur Archäologie konnte sie ihm jede Frage stellen. Er erklärte ihr anhand der Brennqualität der Scherben und anhand ihrer Verzierungen, wie sie historisch einzuordnen waren, und er war es, der sie in die Grabung eingeführt hatte. Er hatte ihr das Zeichnen und Vermessen beigebracht. So hatte sie fortan vielfältigere Aufgaben und war nicht mehr darauf beschränkt, den ganzen Tag nur Plana zu kratzen.

An einem Morgen hatte Alex eine vergessene Waschtasche gefunden. Um herauszufinden, wem sie gehörte, sah sie hinein und fand neben Zahnbürste und Einwegrasierer eine Packung Tabletten. Sie las die Aufschrift unter dem Medikamentennamen, „Antidepressivum“. Dann packte sie die Tabletten zurück und ging in die Küche.

„Ich habe eine Waschtasche gefunden, seht mal nach, ob ihr eure vermisst.“ Kurz erklärte sie, wo sie der Besitzer finden könne. Am nächsten Morgen erkannte sie die Waschtasche wieder, in der Hand von Sven. Schnell wich sie seinem Blick aus, als könne er ihre Entdeckung in den Augen lesen.

„Wollen wir am Wochenende grillen?“ Torsten stand in der Küchentür. Die Studenten blickten kaum auf. Müde hingen sie an diesem Freitagnachmittag auf ihren Stühlen und ließen ihre Arme hängen. Auf dem Tisch standen halb leere Wasserflaschen, Kaffeetassen mit braunen Rändern und schmutzige Teller.

„Dann müssen wir heute noch einkaufen. Am Samstag hat der Supermarkt nur bis um elf auf. Oder will jemand morgen früh aufstehen?“, grinste er in die Runde.

„Ich habe gestern bis um zehn Scherben gewaschen“, sagte Daniela und nahm einen Schluck Wasser, „und vorgestern habe ich gekocht“, ergänzte sie.

„Scherben haben wir gestern alle gewaschen“, sagte Sven.

„Außer Olaf, der hat wieder am Kopierer gespielt.“ Daniela kicherte.

Olaf richtete sich auf und erklärte: „Schließlich habe ich ein Kunstwerk geschaffen. Zu irgendwas muss ja der Fortschritt nützlich sein.“

„Du hast dein Gesicht kopiert“, sagte Alex.

„Ich habe einen Schattenriss kreiert, besser als jeder Scherenschnitt“, verteidigte sich Olaf.

„Wer kauft nun ein?“

„Wenn ihr Geld sammelt, dann mache ich das.“ Alex erklärte sich mit einem Seitenblick auf Sven bereit: „Kommst du mit? Ich kann nicht Auto fahren.“

Sven sah sie kurz an.

„Ich kann dich fahren“, rief Dieter schnell, der Alex seit Tagen nicht von der Seite wich.

Aber Sven war schon aufgestanden.

„Ich mach das schon“, grinste er zu Dieter und ging zur Tür. Dann drehte er sich noch einmal zu ihr um. „Lass uns lieber die Fahrräder nehmen. Dann können wir auf dem Rückweg übers Feld fahren und noch in der Molkerei vorbei.“

Alex’s Augen leuchteten auf. Sie liebte die frisch entrahmte Milch der Molkerei. Außerdem hatte sie nichts dagegen, wenn der Einkauf mit Sven etwas länger dauern würde. Sie merkte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss und wendete sich ab.

Auf dem Weg zum Supermarkt mussten sie ein verlassenes und völlig verwildertes Dorf durchfahren. Es stand seit zwei Jahren leer und war völlig von Kraut und Strauchwerk überwuchert. Nur eine Gruppe Archäologen hatte bis vor Kurzem noch in einem der Häuser gewohnt. Sie hatten den Friedhof neben der Kirche ausgegraben. Jetzt war das Dorf völlig verwaist. Sie fuhren auf der Dorfstraße entlang, aus deren löchrigem Pflaster grünes Gras wucherte. Um die bröselnden Mauern sah Alex eine graue Katze streifen. Einige Vögel zwitscherten in den mit unreifen Äpfeln überladenen Bäumen.

Als Sven zu ihr aufschloss, wendete sie ihr Gesicht von der wilden Pracht ab. Sie hatten bislang nicht viel geredet, und Alex spürte, wie sie sich überwinden musste, um ein unbefangenes Lächeln in ihr Gesicht zu legen.

„Schade, dass die Kirschernte schon vorbei ist“, sagte sie. „Es gibt nichts Leckereres als Süßkirschen.“

„Ja, dann hättest du im Juni vorbeikommen müssen“, lachte Sven und holperte auf den Pflastersteinen schweigend an ihr vorbei. Kurz betrachtete sie seinen Rücken, das wehende gestreifte Hemd, seine im Luftzug flatternden Haare, die knabenhafte Haltung auf dem Rad.

„Wann der Bagger das Dorf wohl holen wird?“

„Das dauert kein Jahr mehr.“

Eine Weile fuhr Alexandra schweigend neben ihm. Von der Seite betrachtete sie sein fein geschnittenes Gesicht, die schlanke Nase unter den blauen Augen, die sich hell von der braunen Haut abhoben. Sein Haar war von leuchtend hellbrauner Farbe und von dunkelblonden Strähnen durchzogen. Es sträubte sich gegen den Haargummi, der es zusammenhalten sollte. Einzelne Strähnen hatten sich aus dem Zopf gelöst. Sie flatterten im Fahrtwind.

„Wie lange studierst du schon?“

Sven sah sie an, dann sagte er: „Ich bin seit meiner Kindheit in der Archäologie. In der vierten Klasse war ich schon in der AG ‚Junge Archäologen‘.“ Diese Erinnerung schien ihn fröhlich zu machen, denn er lächelte über das ganze Gesicht, und Alex fühlte sich ermutigt weiterzufragen: „Dann hast du schon zu DDR-Zeiten begonnen, Archäologie zu studieren?“

„Nach dem Abitur habe ich erst lange als einfacher Grabungsarbeiter gearbeitet, weil ich keine Zulassung zum Studium bekommen habe. Die wollten mich nicht nehmen, weil ich mich geweigert habe, drei Jahre zur Armee zu gehen. Außerdem gab es politische Probleme in der Schule. Ich habe eine hundsmiserable Beurteilung bekommen“, erzählte er. „Dann bin ich auf einer Grabung in Brandenburg, das heißt, damals im Bezirk Potsdam, Schnittleiter geworden, und der Grabungsleiter dort war gleichzeitig der Museumsdirektor von Potsdam Babelsberg, dem Museum für Ur- und Frühgeschichte. Er hatte Einfluss, war ein Parteikader. Und er hat mich dann mit Nachdruck zum Studium empfohlen.“

Nachdenklich blickte Alex auf: „Und die politischen Probleme? Warst du für ihn plötzlich politisch unproblematisch oder sogar“, sie lachte, „ein wertvolles Mitglied unserer sozialistischen Gesellschaft?“

Wieder grinste Sven und schüttelte den Kopf: „Nein, Benno war zwar Kommunist, aber auf der Grabung war er nur Archäologe. Da hat ihn nur interessiert, was ich als Schnittleiter konnte. Er hat an die sozialistische Idee geglaubt, aber das hat er uns gegenüber nicht raushängen lassen. Am Abend, wenn wir am Lagerfeuer saßen, hat er genauso gemeckert wie wir. Vieles in den Entwicklungen der Achtzigerjahre hat er kritisch gesehen und wir haben ja nicht nur gejammert, wir haben diskutiert. Er war weder ein Ideologe noch ein Dogmatiker, was unsere Einstellung zum Sozialismus anging, und für mein Studium hat er sich ganz schön ins Zeug gelegt. Er musste damals lange Gutachten über meine Leistungen und Fähigkeiten schreiben und natürlich auch die notwendigen Passagen über mein politisches Verantwortungsbewusstsein. Er wusste ja genau, wie man so was formulieren musste. Mit den Parteileuten hatte er zur Genüge zu tun.“

„Und dann?“, fragte sie.

„Dann haben sie mich sofort genommen. Vorher bin ich zweimal abgelehnt worden, und eigentlich wollte ich mich gar nicht mehr bewerben und einfach als Grabungstechniker und Schnittleiter weitermachen. Aber dank Benno habe ich doch noch einen Studienplatz bekommen. Ohne ihn wäre ich jetzt nicht hier.“

„Und was ist aus ihm geworden?“

„Nach der Wende haben sie ihn wegen Parteinähe rausgeworfen. Aber er hatte Glück. Er war sowieso so gut wie in Rente. Die Leitung des Museums hat dann ein Westdeutscher übernommen, wie überall in den öffentlichen Einrichtungen.“

Von Ferne sahen sie das Dorf, in dem sich der nächste Supermarkt befand. Eilig traten sie in die Pedalen, um noch rechtzeitig anzukommen, denn es war schon spät.

Voll bepackt mit Einkaufstüten fuhren sie eine halbe Stunde später auf den Feldern zur Molkerei. Alex hatten Svens Erzählungen nicht losgelassen. Sie wollte mehr hören und seine Art zu erzählen, gefiel ihr. Deshalb fragte sie ihn auf dem Rückweg wieder nach seinem ehemaligen Chef: „Was war das eigentlich für ein Typ, dieser Benno?“

„Benno?“ Sven hob die Augen zum Himmel, als könne er seinen ehemaligen Gönner dort wiederfinden. Dann sah er zu Alex herüber.

„Stell dir einen athletischen Mann vor, mit einer aschenbecherdicken Hornbrille auf einer bläulich-rot verfärbten Knollennase, der man ansah, dass er viel zu viel trank. Durch die Brille sahen seine Augen winzig klein aus, trotzdem war er fast blind. Ihr Plastikrahmen schnitt tief in seine Nase, und er konnte dich mit seinen Blicken durchbohren. Wenn er zornig wurde, dann zog sich sein vierkantiges Gesicht zusammen, er schob sein Kinn nach vorn und dann entlud sich sein Zorn wie ein Gewitter über dir. Auf der Grabung im Sommer war er völlig überreizt, zappelig von morgens bis abends und im Winter ist er dann in eine lähmende Lethargie verfallen und war nicht ansprechbar. Seine Kollegen haben gesagt, er sei manisch-depressiv und würde ständig Lithium schlucken. So hat er sich auch verhalten.“

„Ein komischer Kauz“, sagte sie und hoffte Sven würde weitererzählen.

„Ja, ein Choleriker, aber auch ein herzensguter Mensch. Ich will nicht wissen, für wie viele Leute er die Eisen aus dem Feuer geholt hat, wenn die Partei sie auf dem Kicker hatte.“

„Und als Archäologe?“

„Er war hochintelligent“, sagte Sven und grinste schelmisch. „Er hatte einen brillanten analytischen Verstand, wenn er über Befunde diskutierte, und auf der Grabung lief alles wie am Schnürchen. Er war ständig in Bewegung und hatte alles, selbst die Entwässerung der Grabungsfläche im Moor und die Pumpen, die er ständig reparieren musste, unter seiner Kontrolle. Er hat die Grabungsarbeiter angeleitet, besonders empfindliche Funde frei präpariert, eingemessen, fotografiert und gezeichnet. Er hat auch die Grabungsdokumentation selbst gemacht. Er hat gearbeitet wie ein Krake mit acht Armen gleichzeitig an acht Baustellen. Kein Wunder, dass er nach so einem Sommer zusammengebrochen ist. Im Frühling war er dann wieder fit für die nächste Saison. Seine Grabungen hat er sich nicht nehmen lassen, obwohl er nebenbei auch noch das Museum leiten musste.“

Sie stellte sich diesen Mann vor, der nur in der Archäologie lebte, so intensiv, dass er regelmäßig ein halbes Jahr ausfiel, um sich von einer tiefen Erschöpfung zu erholen. War Sven auch so? Und sie dachte an die Tabletten in seiner Waschtasche.

„Du hast ihn bewundert?“

„Und gefürchtet. Seine cholerischen Anfälle waren berüchtigt. Ich habe einmal erlebt, wie er einen Kollegen zur Sau gemacht hat, weil der denselben Vortrag nach zwei Jahren noch einmal gehalten hat. Er hat ihn vor versammelter Mannschaft zusammengedonnert, dass es zum Fürchten war. Ihm war egal, was die Leute denken, aber wenn sie nicht richtig gearbeitet haben, dann hat er sie fertiggemacht. Wegen politischer Probleme hat er dagegen nie jemanden angezeigt. Sein Museum war ein Sammelbecken für die absurdesten Gestalten und Weltanschauungen. Er schien solche Leute anzuziehen und er hat sie geschützt.“

Eine Weile schwiegen sie. Was für ein Kauz, den Sven ihr da beschrieb. Gab es in der Wissenschaft eine Zukunft für solche Originale? Im Stillen hatte sie intellektuelle Charismatiker immer bewundert und doch blieb sie in ihrem gesunden Respekt vor solchen Personen stecken. Sie hatte Angst vor ihnen, obwohl sie Alex auf geheimnisvolle Weise anzogen. Aber die Welt wäre öde ohne sie.

„Charismatiker wie ihn gibt es kaum noch in der Wissenschaft“, sagte sie deshalb. „Heute muss man eloquent sein, sich selbst darstellen können und man darf keine offensichtlichen Schwächen zeigen, erst recht keine psychischen.“ Aus den Augenwinkeln sah Alex, wie Sven zusammenzuckte und ihre Worte taten ihr sofort leid.

Doch Sven nickte bestätigend: „Weltgewandtheit passte Jahrhunderte nicht zu der verschrobenen Eigenbrötelei eines Wissenschaftlers. Heute ist ein anderer Akademikertyp dran. Wissenschaft ist Business geworden.“

Sie hatten die Molkerei erreicht und stellten die Fahrräder mit ihren Einkäufen an den Zaun. Dann gingen sie in ein flaches Zweckgebäude und rochen die frische Milch. Von der Tür aus sahen sie einen riesigen Kessel, in dem ein breiter verchromter Arm die Milch ständig in Bewegung hielt. Sie mussten einige Male rufen, bis sich ein Mann in weißer Arbeitskleidung zeigte.

„Wir hätten gerne Milch“, sagte sie und hielt ihm die Blechkanne hin. Der Mann muffelte nur, nahm ihr die Kanne aus der Hand und hielt sie unter einen Hahn an der Seite des Kessels. Dort zapfte er die frische Milch ab. Setzte den Deckel wieder auf und sagte: „Das macht eine Mark.“

„Lass uns mal probieren“, sagte Alex, als sie wieder draußen waren, und strich sich den Schweiß von der Stirn. Sie tranken beide ein paar Schlucke von der kühlen Milch direkt aus der Kanne.

„Lecker, ich könnte glatt die ganze Kanne austrinken.“

Von der Molkerei zur Grabungsbaracke mussten sie laufen, um die kostbare Milch nicht zu verschütten. Dort angekommen empfing sie der Lärm der Studenten, die sich inzwischen von der Grabung erholt hatten und sich auf das Abendbrot vorbereiteten. Sie setzten sich dazu und ließen sich von dem fröhlichen Geplänkel aufnehmen. Am Abend gab sie Sven ihre Anschrift, und als sie eine Woche später im Zug saß, fiel ihr ein, dass Sven ihr seine Adresse nicht gegeben hatte. Was wird, soll sein, dachte sie.

5

Gelangweilt sah Alex aus dem Fenster ihres Wohnheimzimmers in den hellen Sommertag. Ihre erste Ethnologieprüfung zwang sie zwischen ihre Aufzeichnungen. Beate, ihre Mitbewohnerin, war nach Hause gefahren. Doch selbst das war kein Trost. Sie wünschte sich zurück in das leichte Leben der Grabung. Der immer gleiche Anblick des wilden Gestrüpps auf der endlosen flachen Fläche hinter ihrem Haus verstärkte ihre trübe Stimmung. Der Silbersee lag grau dazwischen. Lustlos blätterte sie in den Aufzeichnungen und versuchte sich die Grundzüge der Wirtschaftsethnologie anzueignen. Das Wohnheim bot ihr kein fröhliches Lebensgefühl. Es war ein pragmatischer Ort, gedacht zum Schlafen zwischen den Vorlesungen, kein Ort, an dem man leben konnte. Sie musste sich verändern. Dann beschloss sie, kurz rauszugehen.

Auf dem Rückweg vom Silbersee, fand sie einen Brief von Sven im Briefkasten. Er fragte, ob er sie besuchen dürfe. Jubelnd antwortete sie ihm. Sie konnte sich nichts vorstellen, was sie sich in diesem Moment mehr gewünscht hätte, und am nächsten Wochenende stand er vor ihrer Tür.

∞

Ein fieberhaftes Gefühl hatte ihn seit seiner letzten Begegnung mit ihr hierher getrieben. Es war ihm erst nach ihrer Abreise bewusst geworden, dass er Alex gern näherkommen wollte, viel näher. Hatte er es nicht deutlich in ihren Augen gesehen, als sie seine Blicke suchte und seine Nähe, um ihm immer wieder Fragen zu stellen? Er wagte es nicht, daran zu glauben, und doch ahnte er, dass Alex Interesse an ihm hatte, mehr zumindest als für die Archäologie, nach der sie ihn ständig ausfragte.

„Komm rein“, sagte Alex und er fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. „Ich muss eigentlich lernen. Entschuldige bitte das Papierchaos.“

Getroffen prallte er zurück, war er zum falschen Zeitpunkt gekommen? Aber jetzt war er einmal da, über 40 Kilometer mit dem Zug angereist. Er konnte doch jetzt nicht einfach wieder gehen?

„Macht nichts“, sagte er deshalb und versuchte seinen Schrecken nicht zu zeigen. Auch Alex schien verlegen zu sein und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, als wäre sie wie er das erste Mal hier.

„Willst du einen Tee?“

„Gern!“

Alex ging zum Tisch und räumte ihre Hefter zur Seite. Dann holte sie noch ein Teeglas und prüfte die volle Kanne. Sie schien mit der Temperatur des Tees zufrieden zu sein, denn sie schenkte ihm ein.

„Ich habe eigentlich gar keine Zeit, das Lernen ödet mich an und gleichzeitig platze ich vor Lebensdurst“, erklärte sie dabei, und Sven wunderte sich über das Durcheinander in ihren Worten und Gedanken. Er musste lächeln. Diese zerstreute Art hatte ihm sofort an ihr gefallen, und ihre stets ein wenig verträumten Augen, die in eine andere Welt zu blicken schienen, eine Welt, die er nicht sehen konnte. Für einen Moment versank er in diesen Augen. Sie waren blaugrau und leuchteten aus ihrem schmalen Gesicht. Nur die flache und etwas zu breit geratene Nase irritierte in ihren Zügen.

„Was rede ich da!“, sagte sie und hob entschuldigend ihre Schultern. Kurz senkte er den Blick. Dann ging er zum Fenster.

„Ganz schön trist hier“, bemerkte er, als er sich wieder zu ihr umwandte.

„Kaum auszuhalten, besonders, wenn man von einer Grabung kommt“, sie streifte ihr Haar zurück und lächelte ihn an. „Wie gern würde ich jetzt was mit dir unternehmen. – Jedenfalls freue ich mich, dass du hier bist.“

Er war erleichtert. Ihre Freude schien ehrlich zu sein, obwohl er die Anspannung wegen ihrer Prüfungen förmlich in der Luft spürte. Wenn er jetzt hierbleiben wollte, dann musste er ihr helfen.

„Mach dir nichts draus“, sagte er deshalb und versuchte ein aufmunterndes Lächeln in seine Züge zu legen, das Ruhe und Sicherheit versprechen sollte. Dann machte er ihr ein Angebot: „Wenn du lernen musst, dann frage ich dich eben ab.“

Entschlossen setzte er sich auf den zweiten Stuhl am Tisch und zeigte auf ihre Aufzeichnungen.

„Wovon willst du mir denn heute erzählen?“

Unwillkürlich musste sie lachen. „Heute behandeln wir die frühen Wirtschaftsformen, vom Paläolithikum über das Mesolithikum bis in das Neolithikum hinein.“

„Na, dafür bin ich doch Fachmann, Paläolithikum und Mesolithikum sind meine Spezialstrecke!“, rief er überrascht. „Einen besseren Prüfer kannst du dir nicht vorstellen.“

„Ob du das wirklich bist?“, konterte sie. „Es geht um Altamerika.“

Na gut, Amerika war nicht gerade sein Spezialgebiet. Doch davon wollte er sich nicht abhalten lassen, Zweifel ließ er nicht zu. Stattdessen sagte er: „Dort wird es wohl nicht viel anders gewesen sein, als in der Alten Welt. Dann leg mal los.“

Alexandra schien eine disziplinierte Studentin zu sein. Sie betete ihr Wissen zu den Sammlern und Wildbeutern Amerikas aus dem Effeff herunter, kannte die wichtigsten steinzeitlichen Fundstätten in dieser Region und diskutierte ihre Mitschriften zum Übergang von der Okkupationswirtschaft zur produzierenden Wirtschaft. Er konnte im Hefter fast mitlesen. Doch das reichte ihm nicht. Alex musste lernen, selbst zu denken und Mitschriften zu ergänzen. Er wusste, mit einer DDR-Schulbildung, die sie beide hatten, war das schwierig. Aber die neue Zeit verlangte von ihnen, dass sie frei reden lernten und ihre eigene Meinung debattierten. Daran war er ihr, am Ende seines Studiums, weit voraus und vielleicht konnte er ihr ein Stück weiterhelfen. Er schlug einige Seiten im Hefter zurück. Dort hatte er die Höhle von Guitarrero in den Anden entdeckt, die er selbst aus seinem Studium kannte und nun stellte er ihr unverhofft die Frage nach den Funden.

„In der Höhle fand man Spuren menschlicher Besiedlung. Sie wurden auf ein Alter von bis zu 12 600 Jahren geschätzt“, antwortete Alex prompt und ergänzte: „Darunter Textilien, Körbe, Holz- und Lederwerkzeuge, aber auch Anbaupflanzen, wie Bohnen und Mais.“

„Und Werkzeuge?“, fragte er weiter.

Alexandra sah in verlegen an. „Von Werkzeugen stand nichts in meinen Aufzeichnungen. Darüber musst schon du mich aufklären.“

„Na, versuch es mal. Was gehört in eine paläolithische Siedlung?“

Sie überlegte, dann leuchteten ihre Augen kurz auf und sie antwortete: „Klingen, Kratzer, Schaber und Pfeilspitzen?“

„Fast richtig“, nickte er. „Pfeilspitzen gab es aber erst im Spätpaläolithikum und im Mesolithikum. Denk weiter nach!“

„Vielleicht Faustkeile? – Und dort, wo sie hergestellt wurden, Abschläge und einen Kernstein!“

„Richtig! Faustkeile gab es im Alt- und im Mittelpaläolithikum. Und den Kernstein kann man auch Nukleus nennen. Damit kannst du vor den Prüfern richtig prahlen.“

„Gut, ein Kernstein, auch Nukleus genannt“, scherzte nun Alex und lachte wieder.

Der Hefter, den er zusammengerollt in seiner Hand schwenkte, tat Sven gut. Er gab der Situation Neutralität, Natürlichkeit und Ausgelassenheit. Sie waren doch nur zwei Studenten, die zusammen lernten. Der Stoff lieferte die Gesprächsthemen, jeder nächste Satz konnte einen Scherz verstecken, und er kannte sein Talent, Humor so in Worte zu verpacken, dass er sein Gegenüber unerwartet traf. Alex schien gern zu lachen und das inspirierte ihn zu immer neuen Wortkapriolen.

Doch manchmal ertappte er sich, wie seine Augen immer wieder ihr Gesicht nach einem verräterischen Zeichen absuchten. Er wartete auf ein Signal in ihren Zügen, das ihm sagen könnte, ihr gehe es genau wie ihm. Die Fröhlichkeit, die ihre innere Anspannung erträglicher machte, entlud sich in ständigen Lachsalven. Doch so sehr er auch lachte, gestikulierte, erzählte, er spürte, wie er ihre Nähe suchte.

Dann stand Alex auf und schenkte Sven ein Glas Tee nach. Ihr rechtes Bein streifte wie zufällig sein linkes Knie. Er griff nach dem Glas, das sie ihm reichte, und berührte dabei leicht ihre Finger. Kurz spürte er einen Hitzschlag durch seinen Körper strudeln, der ihm unwillkürlich den Atem nahm. Und auch Alex’ Knie schienen plötzlich zu zittern. Wie von selbst senkte sie sich auf seine blauen Jeans und in einer unvermeidlichen Geste fiel ihr Gesicht auf seinen Mund. Ihr linker Arm berührte leicht seine Schulter und er konnte nicht anders, als ihren Kuss zu erwidern. Einige Sekunden verharrten sie in dieser unbequemen Haltung. Dann trennten sich ihre Münder wieder, und er sah, wie ihre rechte Hand versuchte, das Teeglas so zu halten, dass sie von der bräunlichen Flüssigkeit nichts über beider Kleidung goss.

Mit roten Wangen sprang Alex von seinem Schoß auf und reichte Sven erneut sein Teeglas, als sei sie von ihm in dieser Handlung unterbrochen worden. Sven spürte einen kalten Luftzug an seinem Bauch, dort, wo Alex sich eben noch an ihn geschmiegt hatte. Dann überkam ihm Panik. Scheu wich er ihrem Blick aus. Worüber sollte er jetzt reden?

Doch Alex redete schon, viel zu schnell und viel zu unzusammenhängend sprudelten die Worte aus ihr heraus: „Wenn ich über Sammler und Wildbeuter lernen muss, denke ich immer an unsere Wälder in Adelsberg.“

‚Wälder?‘, dachte er und blickte erschrocken in ihr glühendes Gesicht.

„Ich bin zwar in einem Neubaugebiet groß geworden. Aber das liegt am Stadtrand und direkt neben uns wehrt sich bis heute das kleine Dorf Adelsberg standhaft gegen die Eingemeindung. Du glaubst nicht, wie krass der Gegensatz zwischen unseren Wohnblocks und dieser Erzgebirgskulturlandschaft ist, und ich brauchte immer nur zehn Minuten mit dem Fahrrad, um aufs Land und in die Berge zu kommen. Wenn ich dagegen hier aus dem Fenster sehe.“

Sie zeigte auf das Gestrüpp vor dem Fenster, und Svens Blick folgte ihrer Geste. Dankbar griff er ihre Sätze auf: „Ich bin in Brandenburg groß geworden. Dort hieß es, man sehe die Gäste schon zwei Tage vor ihrer Ankunft, so flach war es. Berge kenne ich erst, seitdem wir in meiner Jugend nach Thüringen gezogen sind.“

„Ohne Berge kann ich mir meine Kindheit nicht vorstellen. Wir sind mit den Rädern durch die Wälder gefahren, haben Hütten gebaut, uns versteckt, alte Bunker entdeckt und Wasserräder gebastelt. Im Winter sind wir mit den Schlitten den Katzenbuckel runtergerast und im Frühjahr habe ich Brunnenkresse in den Bächen gefunden.“

Und plötzlich reichte ihm Alex die rechte Hand: „Hast du Lust, mal mit mir hinzufahren? Wollen wir zusammen nach Adelsberg?“

Er spürte ein tiefes warmes Strahlen in seinem Inneren, als er antwortete: „Warum nicht?“ Und in diesem Augenblick war er sich endlich sicher, sie würden eine Chance haben.

6

An dem Tag, an dem Alexandra ihre Prüfung bestanden hatte, stand ihr Entschluss fest. Sie wollte nicht im Wohnheim bleiben, sondern ihr eigenes Zimmer, und sie wollte wenig dafür zahlen. Sie hatte von besetzten Häusern gehört. In einem solchen Haus zu leben, würde ihr mehreres bringen, nicht nur preiswertes Wohnen, sondern auch ein unsagbares Lebensgefühl, ein Abenteuer mitten im Alltag. Und genau das suchte sie. Noch vor der Wende hatten sie in den Westnachrichten die Berichte zu den Hausbesetzungen in der Hamburger Hafenstraße fasziniert. Während ihre Eltern den Kopf schüttelten über das, was da im Westen möglich war, hatte Alex sich gewünscht, ein Teil dieser Szene zu sein und am freien und provokanten Leben der Hausbesetzer teilzuhaben. Aber damals saß sie auf einem Sofa in der DDR und war minderjährig. Jetzt endlich sah sie ihre Chance gekommen. Alex hörte sich um und bekam eine Adresse in der Sternwartenstraße, ganz in der Nähe der Innenstadt. An einem Wochenende fuhr sie hin.

Das Erste, was sie sah, war ein zur Hälfte abgerissenes Haus, vor dem, auf einem schlammigen Parkplatz, eine große üppig-grüne Kastanie emporragte. Der Abriss schien mitten in der Arbeit unterbrochen worden zu sein. Die ausgesplitterten Enden der Trägerbalken ragten ihr entgegen und das aufgerissene Gemäuer zeigte seine ziegelroten Sägezähne. Die Zimmerwände mit ihren alten Tapeten lagen frei. An einer Wand sah sie einen Schrank stehen, dessen linke Tür leicht geöffnet war. Schweres Gerät, das an dieser Ruine arbeiten könnte, erblickte sie nirgends.

Neben dem aufgeschlitzten Haus stand eine weitere Ruine, die ihren Putz vollständig verloren hatte. Schwarze Höhlen starrten sie anstatt von Fenstern an. Alex ging zwischen beiden Ruinen hindurch und erblickte zwei weitere Häuser mit abgeblättertem Putz und Graffiti. Sie hatten ihre Fenster noch. Das mussten sie sein.

Vor den Häusern lag sorgsam geordneter Sperrmüll, als warte er darauf, dass die Bewohner ihn wiederverwenden würden. Alex ging weiter und sah eine Sitzgruppe aus verrottenden Polstermöbeln um einen Tisch, auf dem eine leere Bierflasche stand. Daneben sah sie drei klapprige Fahrräder und Ersatzteile. Der Hof war aufgeräumt und gekehrt. Irgendeine sorgsame Hand kümmerte sich um ihn.

Die bunt bemalte Haustür hing dagegen schief in ihren Angeln und war zerbrochen. Die Kellertür stand weit offen. Es roch nach Moder. Schemenhaft verrieten die dunkel gewordenen, grünlich braunen Treppenhauswände die Konturen einer einst sehr schönen Bemalung. Flecken fehlenden Putzes musterten nun die Wände und offenbarten die roten Ziegel der Mauern. Alexandra stieg eine laut knarrende Holztreppe hinauf. Das Geländer wackelte, da einige gedrechselte Geländerstäbe fehlten. Das Hausfenster, an dem sie vorbeikam, war zersplittert. Im düsteren und muffigen Treppenflur stiegen in Alex Bedenken auf. Dann dachte sie an ihr Leben und daran, dass sie sich anderes nicht leisten könne. Mit Widerwillen sah sie das Wohnheim mit seiner fettigen Küche vor ihrem inneren Auge und das Doppelstockbett, das sie mit einer Fremden teilte. Dann atmete sie tief durch und klingelte in der ersten Etage. Niemand öffnete. Sie stieg eine Etage höher und sah eine überdimensionale, mit Stahl gepanzerte Tür, die mit einer durchsichtigen dunkelvioletten Platte, wie sie zur Verschalung auf Baustellen verwendet wurde, verkleidet war und der man ansah, dass sie der Stolz eines heimwerkelnden Bewohners war. Hier hatte sie Erfolg. Ein blonder, groß gewachsener lässiger Typ öffnete die Tür.

Alexandra sah in sein ebenmäßig glattes und helles Gesicht: „Hallo. Ich bin Alex.“

Sie reichte ihm die Hand, die er erst ergriff, nachdem er sie eine Weile gemustert hatte. Das Händereichen ist wohl nicht der richtige Gruß, durchfuhr es sie, und sie nahm sich sofort vor, etwas cooler zu sein.

„Ich bin auf der Suche nach einem Zimmer“, erklärte sie viel zu hastig. „Ich habe gehört, hier im Haus ist eines frei.“

„Komm rein“, antwortete der Blonde und trat zur Seite.

Alex betrat die Wohnung. Verwundert sah sie, dass der riesige Flur hell und eigenwillig renoviert war. Die beigen Wände waren mit farbigen Ornamenten bemalt, die Alex irgendwie gefielen. Sie folgte dem Blonden in die Küche, einem hellen quadratischen Raum mit großem Fenster und einem runden, weiß gestrichenen Tisch im Zentrum. Um den Tisch standen vier altertümliche, bequeme Holzstühle mit verschlissenen Ledersitzflächen und Armlehnen. Auch die Küche schien frisch gemalert zu sein. An der Wand neben der Tür standen zwei abgebeizte Küchenschränke mit geschliffenen Glastüren. Daneben sah Alex eine selbst gebaute Spüle, eine Arbeitsfläche und einen Herd, die mit schmutzigem Geschirr überladen waren. Doch der Tisch war sauber. In der Mitte stand ein gut gefüllter Aschenbecher.

Der Blonde fragte, ob sie Kaffee haben wolle. Sie bejahte. Er füllte Wasser in den Kocher, holte zwei Tassen aus dem Schrank und füllte Kaffeepulver hinein. Alex zog ihre Jacke aus, hängte sie über eine Stuhllehne und setzte sich hin. Dann kramte der Blonde in seiner Hosentasche und holte eine Schachtel blaue Gauloises hervor. Er klopfte die Schachtel gegen seine linke Hand, bis sich eine Zigarette zeigte. Die nahm er und zündete sie an. Und während Alex ihn beobachtete, spürte sie, wie sie nach Worten suchte. Aber der Blonde kam ihr zuvor.

„Ich bin übrigens Manne.“

„Schön, dich kennenzulernen“, stotterte sie. „Ich suche nach einem Zimmer und habe kein Geld, viel zu bezahlen.“ Manne sah sie misstrauisch an, und Alex wusste, wenn sie jetzt nicht losplapperte, müsste sie unversehens in ihr verhasstes Wohnheim zurückkehren. Deshalb richtete sie sich auf und atmete tief durch, um gleich darauf zu erklären: „Ihr habt ja schön renoviert. Wenn man das Haus von außen sieht, dann glaubt man gar nicht, wie schön es hier drinnen ist.“

„Geht so“, sagte Manne und betrachtete sie weiter.

„Ist das Haus besetzt?“, fragte sie dann, um irgendetwas zu sagen.

„Wir haben einen Nutzungsvertrag mit den Eigentümern und zahlen eine kleine Gebühr.“

„Das heißt keine Miete und keinen Mietvertrag?“

„Stört dich das?“

„Nö, es interessiert mich nur, ob ihr legal seid.“

„Und wenn nicht?“

„Mir würde es nichts ausmachen, hier zu wohnen.“

Er lachte kurz auf und brummte: „Das glaub ich.“

„Habt ihr die Stahltür draußen selbst zusammengebaut?“

„Wer sonst.“

Alex sah ihn neugierig an.

„Wir bekommen manchmal Besuch von Rechten. Da ist es besser, eine sichere Tür zu haben.“

Sie nickte bedeutungsvoll und Manne musste grinsen.

Dann fragte sie: „Habt ihr vielleicht ein Zimmer für mich frei?“

„Ein Zimmer ist gerade frei geworden. Aber der Ofen funktioniert nicht. Hier wird es eiskalt im Winter. Ich weiß nicht, ob ich dir das empfehlen kann.“

„Das macht nichts“, sagte sie gerade heraus. „Ich würde das Zimmer gern nehmen. Wie viel kostet es?“

„57 Mark pro Monat.“

„Und Strom und Wasser?“

„Ist alles mit drin.“

„Und wann kann ich einziehen?“

Kurz wand sich der Blonde. Alex hielt einige Sekunden den Atem an. Dann sah er nochmals in ihr Gesicht. „Sofort, wenn du willst.“

Sie hatte es geschafft. Ihr Traum von der Hafenstraße würde wahr werden und kostete weniger als das Doppelzimmer im Wohnheim. Nun bekam sie gute Laune und endlich konnte sie auch plappern. Manne goss den Kaffee auf und gab Alex die erste Zigarette ihres Lebens. Er erzählte ihr von der Gegend, und sie erfuhr, dass die vier Häuser, die sie gesehen hatte, die letzten Häuser eines Rotlichtviertels vor dem Krieg waren und Seeburgpiepe hießen. Weil sie 1990 unter Denkmalschutz gestellt worden waren, war ihr Abriss gestoppt worden. Aber die heutigen Besitzer hatten kein Geld für eine Sanierung, weshalb die Gebäude vor sich hin moderten. Manne erklärte stolz, dass die Häuser ohne ihre Bewohner schon längst in sich zusammengefallen wären. Sie waren nicht nur Hausbesetzer, sie sorgten auch für deren Erhalt.

Nach einer Stunde verließ Alex zufrieden die Wohnung, und Manne warnte sie noch, sich nicht am Geländer festzuhalten, das könne abbrechen. Als sie ihn daraufhin fragend ansah, meinte er trotzig: „Die unter uns haben die Geländerstäbe verheizt.“

Dann sprang sie vor Freude die Treppen hinunter. Das war ihre Zukunft, und sie wollte sie unbedingt.

7

Ihren ersten Umzug konnte sie noch mit einem Rucksack bewältigen. Zweimal packte sie ihn und fuhr mit der Bahn vom Wohnheim Ößen ins Stadtzentrum zur Stewa, wie die besetzten Häuser hießen. Ihr Zimmer war 25 Quadratmeter groß. An der Wand neben der Tür stand noch ein alter Kleiderschrank und sie begann sich einzurichten. Die knallroten Wände überstrich sie mit weißer Farbe. Dann besorgte sie sich bei der Messe mit Hilfe von Tilos Trabbi gebrauchten Fußbodenbelag. Von den Bewohnern eine Etage tiefer bekam sie eine Matratze und einen quadratischen dunklen Holztisch, dessen Beine sie mit der Säge kürzte. Auf dem Sperrmüll fand sie zwei blaue Polsterstühle mit schlanken Füßen, wie sie in den Fünfzigerjahren typisch waren. Auch deren Beine kürzte sie und stellte Tisch und Polsterstühle zu einer Sitzgruppe zusammen. Dann strich sie Tür- und Fensterrahmen beige, sodass ein Kontrast zur blauen Sitzgruppe entstand. Später organisierte sie sich noch einen Schreibtisch und fand auf dem Parkplatz vor dem Haus einen verschlissenen Bürostuhl. Im Baumarkt kaufte sie sich die billigsten Kellerregale, dorthin sollte ihre Bibliothek kommen. Und so konnte sie erst einmal leben.

Die ersten Nächte in ihrem neuen Zimmer waren unheimlich. Auf ihrer Matratze liegend, hörte Alex den Wind durch die leeren Fenster des gegenüberliegenden Abbruchhauses pfeifen. Ab und an fielen Steine aus der Mauer und zerplatzten auf dem Boden. Dazwischen rieselte der Putz, dann pfiff wieder der Wind durch die undichten Fenster. Aber sie hatte einmal beschlossen, hier zu wohnen und wollte sich daran gewöhnen. Sie hoffte, sich bald wohler zu fühlen, doch auch das WG-Leben zeigte seine unbequemen Seiten. In der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr. Brauchte Alex einen Teller oder eine Tasse, dann musste sie sich diese über der vollen Spüle erst abwaschen. In den ersten Wochen spülte sie das gesamte Geschirr, dann ließ sie es bleiben.

Alex rauchte nun, erst an den Abenden, dann bereits nachmittags und bald schon am Morgen. Bereits als Kind hatte sie eine Schwäche für den Duft von Zigaretten entwickelt. Wenn ihre Eltern bei einer Wanderung mittags nach einer Gaststätte suchten, dann konnte es vorkommen, dass sie eine Kneipe wegen des dichten Rauches wieder verließen und sich weigerten, dort zu essen, was dann im Allgemeinen hieß, dass überhaupt nicht zu Mittag gegessen wurde. Gaststätten waren in der DDR rar gesät gewesen. Betrat jedoch Alex einen verrauchten Kneipenraum, dann atmete sie tief ein. Ihr gefiel der Geruch. Er erinnerte sie an ihren charmanten, kettenrauchenden Großonkel, von dem es hieß, er habe in seiner Jugend Schifferklavier gespielt. In ihrer Fantasie sah sie ihn oft als jungen Mann in einer rauchvernebelten Kneipe, wie er mit einer Zigarette im rechten Mundwinkel und einer in die Stirn fallenden schwarzen Locke, seine Finger über die Tasten eines Akkordeons fliegen ließ. Sie sah, wie er das Instrument mit ausholender Bewegung aufzog, um es dann – sich schwungvoll nach vorne beugend – wieder zusammenzudrücken. In ihrer Vorstellung spielte er Hans Albers „Die große Freiheit Nr. 7“ und zwinkerte dabei den weiblichen Schönheiten im Raum zu. Wenn sie wie jemand in ihrer Familie sein wollte, dann wie er oder wie sie ihn sich in seiner Jugend vorstellte.

Dann waren da noch ihre Mitbewohner. Manne war Steinmetz und hatte mit seinen 23 Jahren bereits eine Staublunge. „Ich lebe sowieso nicht lange“, sagte er, rauchte, kiffte und hustete sich die Lunge aus, ganz nach dem Motto ‚Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen‘. Härtere Drogen als Bier und Hasch sah Alex dagegen nicht und war froh darüber.

Ihr zweiter Mitbewohner war ein Künstler, den alle Zappe nannten. Er hatte wie Manne zwei Zimmer, in einem schlief er, in dem anderen, einem leeren weißen Saal, schuf er riesige Gebilde aus Draht, Holz, Stoff und Pergamentpapier. Wenn Zappe da war, arbeitete er meist in seinen Räumen und beteiligte sich nur selten an den abendlichen Runden. Er war wortkarg. Falls sie doch einmal an seiner Tür klopfte und ihm eine Frage stellte, schob er sie nach zwei Minuten schon wieder aus seinem Atelier. Er hätte zu tun, sagte er dann.

An den Abenden trafen sich die Leute, um zu klönen. Meist saßen sie bei Manne, denn der war der Einzige der einen Fernseher hatte. Sie saßen auf dem altertümlichen grünen Sofa und den dazugehörigen Sesseln mit Löwentatzen als Füße, die Manne – wie er gern erzählte – von einem Adelssprössling geschenkt bekommen hatte, oder einfach auf dem Boden und lehnten sich an die Wand. In den Händen hielten sie Bierflaschen. Volle Aschenbecher standen überall herum und man rauchte um die Wette. Alex saß meist abseits und lauschte den Gesprächen. Witze flogen hin und her. Sie wusste dazu nichts zu sagen. Die Welt, aus der sie kamen, war nicht ihre. Und sie machte sich darüber Gedanken, wie weit sie sich auf die Hausbewohner einlassen sollte. Ihr Studium gehörte zur angepassten Außenwelt, nicht in den Kreis des gelebten, alltäglichen Exzesses. Nach durchzechten Nächten verpasste sie am Morgen die Vorlesungen. Und sie hatte nicht das Gefühl zu gewinnen. Einigen der Hausbewohner sah sie an, dass sie über den sich täglich wiederholenden, nächtlichen Rausch alt geworden waren. Ob sie ein Ziel hatten, um das sie kämpften, wie sie ihr Geld verdienten und ob sich jemals etwas in ihrem Leben erfüllen würde, das blieb fraglich. Auch schien ihr die Gesellschaft kompromisslos. Die Ausgeschlossenen schlossen die Außenwelt aus. Sie verhielten sich wie ein elitärer Zirkel mit einer extravaganten Lebensführung, deren Zutritt streng limitiert war. Alexandra zögerte ihren Entschluss hinaus, obwohl sie wusste, was sie von diesen Leuten unterschied. Sie lebte nicht nur, vor ihr stand ein klares Bild ihrer eigenen Zukunft.

8

Im Oktober hatte das Semester begonnen. Ihr Weg zur Uni war nun ein Fußweg. In zehn Minuten lief sie durch die Ringbebauung und stand vor den Universitätsgebäuden. Doch heute ging sie nicht zur Uni. Sie hatte einen Beschluss gefasst. Tilo sollte sie beim Kauf eines Computers beraten, und deshalb hatte sie ihn im Seminar gebeten, sie zu besuchen.

Doch vorher wollte sie den Ofen in ihrem Zimmer anheizen. Aus dem Keller hatte sie Kohlen geholt, dann schaufelte sie die Asche ihres Vorgängers aus dem unteren Schacht, schichtete sorgsam Holz auf, legte Kohlen darauf und zündete das Holz mit Kohleanzünder an. Als das Holz brannte, schloss sie die Tür der Brennkammer und ließ die untere Tür weit offen stehen. So hatte sie es bei ihren Großeltern gesehen. Ihre Eltern dagegen waren aus ihrer letzten ofenbeheizten Wohnung ausgezogen, als sie sechs Jahre alt gewesen war. Sie konnte sich an ihre Art zu heizen nicht mehr erinnern. Sie lauschte dem Knistern des Holzes, nahm sich ein Buch und setzte sich in ihre blaue Sitzgruppe, um auf Tilo zu warten.

Nach einer halben Stunde sah sie nach, ob die Kohlen durchgeglüht waren, dann wieder nach zwanzig Minuten. Jetzt schien es so weit zu sein, sie schloss die untere Ofentür, als es klingelte. Eilig sprang sie durch den weiten Flur zur Wohnungstür. Davor stand Tilo und lachte sie an.

„Hallo!“, freute sich Alex, ihn zu sehen. „Ich habe schon geheizt“, fügte sie stolz hinzu. „Leg deine Sachen ab.“

„Bei euch ist’s aber kalt.“

„Na, dann lass die Jacke erst mal an, bis es bei mir im Zimmer warm ist. Willst du Tee oder Kaffee?“

„Schwarzer Tee wäre schön.“

Alex schob Tilo in die Küche, bot ihm einen Platz am Tisch an und setzte Teewasser auf. Dann nahm sie zwei Teegläser aus dem Geschirrberg und wusch sie ab. Als das Teewasser kochte, suchte sie zwei Teebeutel und goss den schwarzen Tee auf.

„Ich freue mich auf meinen Computer“, plapperte sie dabei. „Dann kann ich endlich jederzeit zu Hause arbeiten und muss nicht mehr in diesen lichtlosen Computerpool.“

„Dort ist es doch gleißend hell“, erwiderte Tilo.

„Ja, eiskaltes, weißes Neonlicht! Aber nicht ein einziges Fenster. Das ist doch keine Arbeitsatmosphäre.“

„Wohlgefühlt habe ich mich dort auch nie.“

Sie sah sich durch Tilos Nicken bestätigt und redete einfach weiter. „Was meinst du, was er kostet? Natürlich brauche ich auch einen Drucker. Ich will Referate schreiben und sauber ausdrucken können. Ich bin so gespannt auf meinen ersten Ausdruck, und wenn ich mich erst einmal an die Arbeit mit einem Computer gewöhnt habe, was meinst du, wie dann mein Studium flutscht.“

Ihre Leidenschaft ließ Tilo schmunzeln, und er erwiderte: „Na, erwarte nicht zu viel von so einem Computer. Für dein Ethnologiestudium ist er nicht mehr als eine Schreibhilfe. Und programmieren kann er auch nicht von selbst.“

„Trotzdem, es wird ein ganz anderes Arbeiten sein. Ich werde in meinem Zimmer, bei meinen Büchern jederzeit am Computer sitzen können. Ich kann mir endlich Arbeit mit nach Hause nehmen, weniger Zeit in Bibliotheken verbringen; und auf die Krankenhausatmosphäre im Computerpool kann ich ganz verzichten. Wer hat sich überhaupt einfallen lassen, einen Arbeitsraum für Dutzende Studenten in einem fensterlosen Kellerraum einzurichten? Und das Ganze mit Neonröhren zu beleuchten? Da fehlen nur noch die weißen Fliesen.“

Tilo musste lachen, doch plötzlich verzog er das Gesicht. „Du, was riecht hier eigentlich so angebrannt?“

„Angebrannt?“ Alex blickte verstört um sich, sofort fiel ihr der Ofen ein. Sie stürzte zu ihrem Zimmer, öffnete die Tür, und eine Wolke dichten Qualms kam ihr entgegen. Hustend und mit den Händen wedelnd rannte sie zu den Fenstern und riss sie weit auf. Dann sah sie sich in dem dicht vernebelten Raum um.

Tilo stand in der Tür und lachte: „So, du hast geheizt?“

„Keine Ahnung, was hier los ist. Die Kohlen waren doch durchgebrannt. Wieso qualmt es so?“

Plötzlich stand auch Manne in der Tür. „Was für ein Gestank“, bemerkte er. „Was hast du denn gemacht?“

„Na, geheizt, was sonst!“

Manne trat zum Ofen, und nun sah auch Alex, dass der Qualm aus dessen Fugen herausdrang.

„Der Ofen ist völlig hin“, erklärte Manne und klopfte mit der Faust gegen eine hellbraune Kachel. „Der muss wahrscheinlich neu aufgebaut werden.“

„Aufgebaut?“ Alex rang um Fassung.

„Dein Vorgänger hat mit Holz geheizt. Das hat den Ofen ruiniert. Die Schamotte ist völlig ausgeglüht.“

Sie begriff immer noch nicht. Verstört betrachtete sie erst den Ofen und dann Manne.

„Na, das Innenleben des Ofens ist völlig hin. Verstehst du nicht?“, fragte er mit ungeduldiger Miene. „Im Ofen drinnen ist aus Schamottsteinen ein Kanal gebaut, in dem sich die Wärme halten und gleichzeitig der Rauch abgeführt werden kann. Die Kacheln sind nur die Verkleidung, die die Wärme ans Zimmer abgeben.“

Alex stöhnte: „Bloß das nicht!“

Manne nickte nur. Sein helles Gesicht wirkte gleichgültig. „Das wird dich eine schöne Stange Geld kosten. Im Prinzip muss hier ein neuer Ofen rein.“

Irritiert sah sie zu ihrem leeren Schreibtisch, auf den sie sich einen Computer wünschte, der ihr gesamtes Erspartes kosten würde. Dann blickte sie zum Ofen und wieder zum Schreibtisch.

„Jedenfalls solltest du den nicht mehr anheizen“, sagte Manne und klopfte wie zur Bestätigung noch einmal gegen eine der hellbraunen Kacheln, zwischen denen immer noch Rauch hervorquoll. Dann öffnete er die untere Ofenklappe.

„Jetzt ist Durchzug, und der Qualm kann abziehen. Heizen wird er so natürlich nicht mehr.“ Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und verschwand zu Alex’ Ärger in seinen warmen Räumen.

„Und was jetzt?“, fragte Tilo.

„Was schon, ich kaufe mir einen Computer und verbringe den Winter eben ohne Ofen.“ Alex war wütend. Der Ofen konnte nichts dafür. Aber sie verfluchte ihren Vormieter.

„Wahrscheinlich irgend so ein ignoranter Typ, der dachte, alles besser machen zu müssen als die anderen. Und als der Ofen ruiniert war, ist er ausgezogen“, schimpfte sie in Tilos Richtung.

Aber eins war klar, ihren Plan, einen Computer anzuschaffen, würde sie jetzt nicht mehr umwerfen. Es würde schon gehen, es musste gehen, auch wenn der Winter vor der Tür stand.

9

Als Alex den neuen Computer auspackte, betrachtete Tilo sie von der Seite. Der Stolz, mit dem sie Teil für Teil aus den Kartons hob, rührte ihn. Wenn sie nicht so hübsch wäre, hätte er es längst aufgegeben, ihr zu helfen und säße stattdessen lieber im Rechnerpool, um an seinem neuen Datenbankprogramm zu arbeiten, dem Auftrag eines Kollegen seiner Mutter, der ein Wörterbuch erstellen wollte und ihm eine kleine Summe dafür versprochen hatte. Ob sie einen Freund hatte?

„Das ist der Bildschirm“, sagte er, als Alex sich am größten Karton zu schaffen machte. „Vorsicht, der ist schwer.“ Schnell eilte er ihr zu Hilfe und klappte den eben aufgeschnittenen Deckel auf. Dann packte er mit an, um ihn herauszuheben. Sie stellten ihn gemeinsam auf den Tisch, und Alex rückte ihn sorgfältig in die rechte Ecke, um seinen neuen Platz zu betrachten.

„Aber wo ist der Drucker?“ Tilo bemerkte verwundert die Ungeduld in ihrer Stimme.

„Der Drucker? Den können wir erst mal lassen. Lass mich erst den Computer anschließen.“

Nervös betrachtete Alex die restlichen Kartons, öffnete sie und beruhigte sich erst, als sie den Drucker gefunden hatte. Tilo schüttelte den Kopf und machte sich daran, die Kabel zwischen Computer, Tastatur, Maus und Bildschirm zu ziehen. Dann steckte er den Stecker in die Steckdose und zeigte Alex lächelnd den Powerknopf. Man kann ja nie wissen, ob sie es allein schaffte, ihn zu finden. Doch Alex winkte ab und erklärte süffisant: „Wie man den einschaltet, das weiß ich inzwischen.“

Das Gerät lief tadellos, im Geschäft hatte man bereits das Betriebssystem aufgespielt. Es fehlten die Office-Programme, die Alex gemeinsam mit dem Rechner gekauft hatte. Er suchte die Disketten heraus, setzte sich an Alex’ Schreibtisch und steckte sie in den Tower. Das Installationsprogramm lief, und er genoss Alex’ unverhohlene Bewunderung, mit der sie jeden seiner Klicks verfolgte. Als sie schließlich ihre Hände auf seine Schultern legte und sich über ihn beugte, um die Vorgänge auf dem Bildschirm genauer verfolgen zu können, sprudelte er beinahe über vor Glück.

Dann war die Installation beendet. Er zog die wichtigsten Office-Programme auf den Desktop, damit sie für Alex leichter zu finden waren, und um ihr eine Freude zu machen, öffnete er ein leeres Blatt in Microsoft Word. Lächelnd sah er ihr ins Gesicht. Ihre Augen strahlten verzückt, wie die Augen eines Kindes, das gerade ein lang ersehntes Geschenk erhalten hatte. Doch anstatt sich sofort vor das leere Blatt zu setzen, eilte sie plötzlich zu ihrer Kommode, zog ein Schubfach auf und holte nach einigem Suchen eine Diskette hervor.

„Kannst du mal mein letztes Referat aufmachen?“, bat sie ihn, und Tilo war ihr auch dabei gern behilflich.

„Und jetzt der Drucker“, sagte sie ungeduldig, öffnete den letzten Karton und holte den Tintenstrahldrucker heraus, den Tilo viel zu teuer fand. Ihm reichte ein Nadeldrucker, der wesentlich billiger auf Endlospapier druckte. Auch brauchte man für ihn keine Tinte, sondern bekam preiswert Bänder, die wesentlich länger hielten als jede Patrone.

Nachdem er ihn angeschlossen und installiert hatte, war Alex kaum noch zu bremsen. Sie hatte Kopierpapier gekauft, legte es ein und drängte ihn nun, sie vor den Bildschirm zu lassen. Dann schickte sie ihr Referat an den Drucker ab, und Tilo beobachtete, wie ihre Augen wieder zu leuchten begannen, als sie die ersten Seiten zärtlich in die Hände nahm.

„Wie Buchseiten sieht das aus“, sagte sie mit träumenden Augen. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sie nun auch noch das Papier geküsst hätte.

‚Nein, sie gehörte nicht in die Informatik‘, dachte er und wurde immer besessener von dem Gedanken, dass sie zu ihm gehören könnte. Mit ihr würde er endlich am Leben teilhaben, auf Konzerte gehen, das Studium genießen, und sie war eine Frau, die er stolz vorzeigen konnte. Seine Kommilitonen würden staunen, wenn er Hand in Hand mit ihr zur Vorlesung käme.

Dann überwältigte es ihn. Er trat einen Schritt auf sie zu und legte seine Hände an ihre Taille. Dann neigte er seinen Kopf zu ihrem Mund und spitzte die Lippen zu einem Kuss. Doch sie erschrak, erstarrte, und so abrupt, wie er nach ihrer Taille gefasst hatte, entwand sie sich ihm. Mit hochrotem Gesicht sah sie ihm erschrocken in die Augen, und er spürte, wie auch ihm unvermittelt die Hitze in die Wangen schoss. Ihre kurze, heftige Befreiung aus seiner Umarmung hatte ihm einen tiefen Schlag versetzt. Wie ein verletztes Reh wand er sich in seiner Schmach, wich ihren Augen aus, und plötzlich fiel ein zentnerschweres Gewicht in seine Seele, das ihm den Atem raubte. Sie wollte ihn nicht!

Alex räusperte sich betreten, und er sah sofort den Anflug des ihm so verhassten Mitleids in ihren Augen. „Ich habe einen Freund“, sagte sie mit sanfter Stimme, und tiefer Hass machte sich in ihm breit. Wieso warf man ihn immer zurück, nutzte seine Hilfe aus und wies ihn dann ab? Dachte sie etwa, dass er ihr jetzt noch beim Programmieren helfen würde? Laut und böse platzte es aus ihm heraus: „Das war mir klar, dass du mich nur ausnutzt!“

„Aber entschuldige, ich dachte wir wären Freunde?“, versuchte ihn Alex sofort zu besänftigen. Aber darauf wollte er sich nicht einlassen. Er ertrug es nicht mehr, von allem Reizvollen ausgeschlossen zu sein, erst recht nicht, an den Frauen zu scheitern. Wütend wendete er sich von ihr ab, kein Wort von Freundschaft wollte er hören. Er schnappte seine Jacke, und verließ, so schnell er konnte, die Wohnung und diese Frau, die er nicht haben konnte.

∞

Tilo war seit diesem unglückseligen Kussversuch ausgeblieben, und Alex machte sich keine Illusionen, von ihm noch weitere Hilfe zu bekommen. Doch ihr Computer erinnerte sie Tag für Tag an diesen Informatikstudenten, der sich – unbemerkt von ihr – auf sie Hoffnung gemacht hatte. Doch sie liebte Sven.

Vor Weihnachten schneite es. Es wurde so kalt, dass Alex mit Jacke, Schal, Mütze und halben Fingerhandschuhen arbeitete. Nachts zog sie einen Pullover über ihren Schlafanzug und kroch mit Mütze unter drei Decken. Ihr Atem gefror an den Wänden ihres Zimmers. Am Morgen glitzerten dichte Eisblumen an den Fenstern.

Im Januar funktionierte ihr Computer nicht mehr. Der Bildschirm zeigte rosa-violette Rechtecke. Erschrocken brachte sie ihn in den Laden zurück, wo er nach einer Aufwärmphase tadellos lief. Die Kälte in ihrem Zimmer hatte ihr eine Zwangspause verordnet.

In den folgenden Wochen verbrachte Alex ihre Nachmittage in den warmen Bibliotheken, und an den Abenden und Wochenenden zog sie mit Freunden durch die Kneipen. In ihrem Zimmer war sie nur noch zum Schlafen. Falls sie früher nach Hause kam, dann heizte sie den Badeofen mit Kohlen an, um sich in einer heißen Badewanne aufzuwärmen. Nach dem Bad hielt sie es zwei Stunden in ihrem klirrenden Zimmer aus, ohne zu frieren.

Jedes zweite Wochenende besuchte sie Sven. Dann befeuerten sie seinen Ofen, bis er glühte, und wärmten sich aneinander. Im Februar schlief sie noch mit Mütze im Bett und erst Ende März wurden die Temperaturen wieder erträglich. Dann kam der Frühling und der Kastanienbaum glänzte mit seinen weißen Kerzen über dem matschigen Parkplatz vor ihrem Haus. Und eines Tages dachte Alex, der Winter sei überstanden.

10

Mit geschlossenen Augen und traumwandlerischer Sicherheit lief Professor Hans Ulrich vor der Tafel hin und her und erzählte monoton über die Verwandtschaftssysteme in Afrika. Ulrich war ein mittelgroßer, schlank gebauter und grau melierter Herr mit der würdigen Ausstrahlung eines Menschen, der es seit Jahrzehnten gewohnt war, vor Jüngeren zu dozieren. Seine flüssigen Bewegungen passten sich in den Raum zwischen Tafel und Rednerpult, Tür und Fensterfront ein, wie die schlurfenden zwanzig Schritte eines Tigers in der gesamten Breite seines Geheges. Ulrich blieb vor der Tafel stehen und konstruierte in Symbolen eine patrilineare und eine matrilineare Abstammungsgruppe um ein Ego. Dann nahm er seine Wanderung wieder auf und gab Beispiele für die Schemata.

Wenn er an der Tafel vorbeilief, blieb er stehen und wies auf die Symbole. Die Studenten hingen mit halb geschlossenen Augen auf ihren Stühlen oder beugten sich über die Tische. Einige bemühten sich sichtlich, nicht einzuschlafen, andere schrieben energisch mit, was Ulrich referierte.

Plötzlich hob er die Stimme. Ulrich stand mit weit aufgerissenen Augen vor der Tafel. Erstaunt starrten einige Studenten in sein Gesicht. Er drehte sich zur Tafel und kreiste mehrere Symbole ein. Ein Stein in der Kreide quietschte auf dem grünen Metall, dass es Alex fror. „Die Ehe zwischen einer Frau und mehreren Männern heißt Polyandrie. Bei der non-fraternalen Polyandrie besteht zwischen den einzelnen Ehemännern keinerlei Verwandtschaftsbeziehung“, deklamierte er. „Sind die Ehemänner Brüder, dann sprechen wir von der fraternalen Polyandrie.“ Ulrich schloss die Augen und begab sich erneut auf Wanderschaft. Die Studenten sanken wieder auf ihre Plätze zurück.

Ulrichs Vorlesungen waren nicht besonders spannend. Er dozierte denselben Vortrag, minimal ergänzt, wie bereits vor über zehn Jahren in der DDR. Dazu brauchte er keine Karteikarten wie einige seiner Kollegen, sondern kannte die Abfolge seiner Worte auswendig. Trotzdem war er bei den Studenten beliebt. Sie versammelten sich um ihn nach seinen Vorlesungen und ließen den Unterricht im Studentencafé ausklingen. Alexandra ging oft zum Stammtisch mit. Die Studenten setzten sich um einen Tisch, an dessen Stirnseite stets Ulrich saß und aus der Vergangenheit erzählte. Wie in der DDR üblich, hatte Ulrich sein gesamtes berufliches Leben an diesem Institut verbracht. Seit Mitte der Achtzigerjahre war er dessen ordentlicher Professor und Direktor.

„Die Ethnographie wurde in der DDR als dekadente Wissenschaft betrachtet“, zitierte er sich oft. „Man sagte, sie sei ein Fach im Dienste des Kolonialismus, rückwärtsgewandt und fortschrittsfeindlich. Wir dokumentierten ja präkapitalistische Gesellschaften und fokussierten auf traditionelle Konzepte. Das passte nicht zu einer Ideologie, die das, was sie für überkommen hielt, überwinden wollte.“ Wenn er das DDR-Deutsch zitierte, dann schoss Ironie in seine Stimme, wie es allen ging, die über ihre Vergangenheit in dem untergegangenen Staat reflektierten. „Man sagte, die Ethnologie sei eine Wissenschaft, die nichts mit den ‚um ihre nationale Befreiung ringenden Völkern‘ oder mit dem ‚Aufbau einer neuen sozialistischen Ordnung‘ zu tun haben wolle. Mit solchen Argumenten hat man uns ins Abseits gedrängt und langsam ausgehungert.“

„Und wie sind Sie dem begegnet?“, fragten ihn die Studenten.

„Als in den Sechzigern keine Studenten mehr immatrikuliert werden durften, haben wir begonnen ein Zusatzstudium für Geografen, Historiker, Lehrer, Bibliothekare und Absolventen von Nachbardisziplinen zu organisieren. Auf diese Weise hatten wir wieder Studenten und waren nicht mehr zu übergehen. Solange es Interesse an unserem Fach gab, konnte man uns nicht schließen. Das gab uns Sicherheit!“, erklärte er. „Aber auf der anderen Seite war unsere gesamte berufliche Laufbahn von höherer Stelle geplant und jeder Karriereschritt wurde von anderer Seite zugewiesen. Ob man fachlich reif für eine Beförderung war und ausreichend Einsatz für die ‚zukunftsweisende Entwicklung unserer sozialistischen Gesellschaft‘ gezeigt hatte, um die nächste Stufe auf der Karriereleiter erklimmen zu dürfen, das bestimmten nicht wir, sondern andere. Parteikader und -gremien haben dabei genauso mitgesprochen wie Wissenschaftler. Wir selbst hatten den geringsten Einfluss darauf, wie sich unser Berufsleben entwickelte. Freiheit, Unabhängigkeit und individuelle Entwicklung, alles, was ihr heute schätzt, waren damals verpönt. Hatten wir Sonderwünsche, mussten wir uns durch Behörden und Parteigremien kämpfen und Empfehlungen von Parteikadern sammeln. Dann kam man uns mit dem Argument, ‚Warum sucht ihr einen Sonderweg und entzieht euch der sozialistischen Gemeinschaft?‘ Dieser Vorwurf war nicht zu unterschätzen. Er traf jeden, der eigene Ideen verwirklichen wollte. Die DDR funktionierte nach dem Rasenmäherprinzip, wer seinen Kopf über die Rasenkante herausstreckte, der konnte ihn leicht verlieren. Wer sich aber fügte und dem vorgegebenen Plan folgte, dessen Arbeitsleben verlief reibungslos und ferngesteuert, ohne größere Brüche und Wendungen.“

„Aber erst musste man einen Studienplatz bekommen“, sagte eine Studentin.

„Sicher, und wir haben nicht jeden aufgenommen. Die Studienplätze in der Ethnologie waren strengstens limitiert. Es gab Auflagen, wann und wie viel Studenten wir immatrikulieren durften. Es ging ja nicht nur darum, den Bedarf an wissenschaftlichen Nachwuchs zu decken und jedem Absolventen einen Arbeitsplatz zu verschaffen. Sondern es durften nicht mehr Kandidaten ausgebildet werden, als für die Deckung des Bedarfs nötig und vorgesehen waren. Ein paar Studienabbrecher mit eingerechnet“, erzählte er und die Studenten sahen ihn fragend an.

„Dann hatte man großes Glück, wenn man einen Studienplatz in der Ethnologie bekam?“

„Ja, der größte Erfolg im Arbeitsleben eines Akademikers der Geisteswissenschaften war vermutlich, überhaupt zum Studium zugelassen zu werden“, gab er zur Verwunderung der Studenten zu.

„Brauchte man Beziehungen, um angenommen zu werden?“

„Uns wurde vorgegeben, wen wir zu nehmen hatten. Sicher spielten dabei auch die Interessen der Partei eine Rolle.“

„Das heißt also, wer die Fürsprache von Parteikadern hatte, zum Beispiel aus dem direkten Umfeld der eigenen Familie, der hatte auch Chancen auf ein Ethnologiestudium?“

Die Studenten waren hellhörig geworden: „Spielten schulische Leistungen und Begabung denn überhaupt keine Rolle?“

„Gute Noten musste man schon mitbringen. Aber gute Noten hatten viele. Wir konnten jedoch nur wenige Studenten aufnehmen. Unsere Kandidaten wurden handverlesen.“

Ein älterer Student mischte sich ein: „Wer keine Beziehungen hatte, musste automatisch aus weniger beliebten Berufen wählen, oder ihm wurde ein Ausbildungsplatz zugewiesen“, erklärte er augenscheinlich stolz darüber, dass er mitreden konnte. „Dann wurde ihm zum Beispiel gesagt, dass er nur in dem Fall studieren könne, wenn er sich für einen der vorgegebenen Berufe entscheidet. Eine andere Wahl hatte er nicht. Männer hatten die Möglichkeit, drei Jahre zur Armee zu gehen. Wer Unteroffizier war, der konnte eher noch seinen Berufswunsch äußern.“

Alexandra erinnerte sich an ihre Mutter, der es ähnlich ergangen war. In den Sechzigerjahren hatte sie nur deshalb einen Abiturplatz bekommen, weil sie sich bereits mit vierzehn Jahren dazu verpflichtet hatte, Pädagogik zu studieren, einer Kampagne zur Bekämpfung des chronischen Lehrermangels in der frühen DDR folgend.

„Und die wissenschaftliche Arbeit?“

Ulrich räusperte sich. Das Thema schien ihm unangenehm. Er nahm einen Schluck Kaffee. Dann sah er bedachtsam in die Runde.

„Forschungsreisen konnten kaum finanziert werden. Dazu brauchte man ja Devisen, die kaum zugänglich waren. Dazu kam, dass auch eine Genehmigung für eine Reise ins nichtsozialistische Ausland nur schwer zu bekommen war“, erzählte er. „Natürlich konnten wir unter den damaligen Bedingungen kaum Auslandserfahrung sammeln. Wie auch? Unsere westdeutschen Kollegen haben uns da einiges voraus. Unsere Forschungsquellen waren Bibliotheken, in denen es chronisch an aktueller westlicher Literatur mangelte, und Archive.

Von Entwicklungen des Faches erfuhren wir vor allem über Vorträge und Mund-zu-Mund-Propaganda. Entsprechend waren Vorträge sehr beliebt. Zu unseren Vortragsreihen kamen nicht nur Fachleute, sondern auch viele Laien. In den Sechzigerjahren haben wir einmal die Woche einen Vortrag am Institut für Ethnologie angeboten. Damals sprengten öffentliche Vorträge die Hörsäle. Unsere wenigen Studenten haben sich im Andrang der Öffentlichkeit völlig verloren. Gelehrige Unterhaltung, das war eine der wenigen Abwechslungen, die man in der DDR hatte. Bildung gehörte zum Lebensstil, nicht nur zu dem der Akademiker.“

„Es ist doch erstaunlich, wie interessiert die Leute damals waren. Man hat vielmehr gelesen als heute. Auch die einfachen Leute, Arbeiter, Handwerker haben sich gebildet“, warf eine Studentin ein.

„Nicht nur die Akademiker, auch die Arbeiter haben sich damals über ihre eigene Belesenheit und über das Selbststudium von Fachliteratur definiert. Sie haben Bücher abgeschrieben und als handschriftliche Manuskripte weitergereicht“, nickte ihr Ulrich zu, und Alex sah ihren bunt beklebten Ordner mit Exzerpten und Zeichnungen vor sich, den sie in den Jahren ihrer Kindheit aus der populärwissenschaftlichen Bibliothek ihres Stadtbezirks zusammengestellt hatte und der sie bis heute begleitete.

„Diese Leute kamen auch regelmäßig zu unseren wissenschaftlichen Veranstaltungen“, fuhr Ulrich fort. „Ich habe sie beobachtet, wie sie sorgsam mitgeschrieben und Fragen gestellt haben. Mit Wissen hat man sich in der DDR seine eigene Identität geschaffen. Daran lag es wahrscheinlich. Wissensdurst und Leselust gehörten zu unseren Grundbedürfnissen. Sie müssen sehen, alles in der DDR war reglementiert, und äußerlich zur Schau getragene Individualität hatte negative Folgen für jeden. Aber was die Menschen wussten, das konnte ihnen niemand mehr nehmen. Deshalb war es Breitensport, sich Wissen anzueignen, das über die berufliche Bildung hinausging. Man konnte, äußerlich angepasst, mit Bildung sein Selbst formen und sich von der Allgemeinheit abgrenzen. Wissen hatte immer den Vorteil, dass man es nicht wie Westkleidung öffentlich zur Schau tragen musste. Es war nur so öffentlich, wie man es selbst öffentlich machte.“

Bewundernd blickten die Studenten zu ihm auf. Seine Erzählungen waren fesselnd und standen im völligen Widerspruch zu seinem Schweigen in der Wissenschaft. Wie viele ostdeutsche Mitarbeiter des Instituts hatte Ulrich kaum Veröffentlichungen vorzuweisen. Aus einem schwer zu verstehenden Grund hatten sie sich dem Publikationszwang vieler westdeutscher Kollegen nach der Wiedervereinigung völlig verweigert. War es mangelndes Selbstbewusstsein? Die ostdeutschen Mitarbeiter beschränkten ihre wissenschaftliche Existenz auf die Lehre derjenigen Werke, die ihrer kritischen Lektüre Stand hielten, ohne dabei eigene Gedanken und Einsichten mit einzubringen. Die DDR-Ethnologen, das wusste Alex, hatten bis zur Wende in einem wissenschaftlichen Mangel gearbeitet und sie fragte sich nun, ob sie das Verpasste nachholen konnten oder überhaupt wollten? Waren sie resigniert, frustriert oder demotiviert? Was hatte ihre kreative Kraft verlöschen lassen?

11

Als die Straßenbahn endlich kam, atmete Alex erleichtert auf. Der fette Stadtdreck und der fliegende Müll auf dem grauen Asphalt stark befahrener Straßen waren unerträglich. Es ist ein Rätsel, wie man an einer solchen Durchgangsstraße freiwillig wohnen konnte. Beim Warten hatte sie die schmutzigen Fassaden in der Innenstadt betrachtet und sich vorgestellt, wie eine dicke Wolke aus Staub und Abgasen in die Wohnung kroch und sich dann langsam auf das Mobiliar senkte, sobald man nur ein Fenster öffnete. Selbst die Kronen der wenigen Bäume wirkten, als sei ihr Chlorophyll von silbergrauer Farbe.

Bei dem Gedanken, hier wohnen zu müssen, hätte sie am liebsten den Atem angehalten, denn sie schmeckte den Staub auf der Zunge, sooft sie diese zu einer Schluckbewegung an ihren Gaumen presste. Und als sie sich in einen Park mit ausgedehnten Wiesen, alten Bäumen und frischer Luft wünschte, fiel ihr ein, dass die einstigen Salzsieder dieser Stadt, die eine der trockensten Deutschlands war, wohl deshalb den Wasserdampf über ihren Salzpfannen so geschätzt hatten. Er wusch ihnen den gelben Staub aus den Gesichtern, der Solau einhüllte, wie eine wabernde Wolke.

Auch Alex wischte sich den Schweiß von der Stirn. Um zu Svens Wohnung zu kommen, musste sie hier warten, bis die Linie 7 sie endlich mitnehmen würde.

Sven stand mit wehendem Haar und braun gebranntem Gesicht an der Straßenbahnhaltestelle, als sie ausstieg. Er wusste genau, mit welcher Bahn sie kommen würde, wenn sie ihn vierzehntägig in Solau besuchte. Er nahm sie in die Arme und Alex durchströmte ein tiefes Glücksgefühl. Sie hatte, bereits als ihre Bahn einfuhr, erkannt, dass er ungeduldig auf sie wartete. Ansonsten würde er ihr ja nicht bis zur Straßenbahnhaltestelle entgegenlaufen.

Diese Freude hatte sie vor Sven bei keinem anderen gespürt. Vorher war jede Beziehung etwas altersgemäß Notwendiges gewesen. Das Glück hatte sie stets dazuholen müssen, mit abgefahrenen Ideen für die Freizeit. Die Berührungen und die Küsse hatten zum Tête-à-Tête gehört. Man küsste sich eben, wenn man beschlossen hatte, ein Paar zu sein.

Sven hingegen löste in ihr ein bislang unbekanntes Bedürfnis nach Nähe aus. Wenn sie auf der Straße liefen, umschlangen sie sich, als könnte sie ein Luftzug zwischen ihren Körpern erkälten. Jeder Moment, den sie sich nicht berührten, rief einen unstillbaren Schmerz hervor, der sofort mit dem Tasten nach des anderen Hand gestillt werden musste. Und diesem Bedürfnis unterlagen sie, so oft und solange sie zusammen waren. Es fiel Alex schwer, sich aus Svens Umarmung zu lösen. Doch Sven kündigte ihr an, dass er vorhabe, mit ihr auf ein Konzert zu gehen und sie hätten nur wenig Zeit, sich darauf vorzubereiten.

∞

In der dicht verrauchten Studentenkneipe war das Konzert beendet, sie tranken Bier und plauderten. Sven war nur für sein Treffen mit Alex aus Bilzingsleben zurückgekehrt, wo er täglich an seiner Diplomarbeit saß. Deshalb kam Alex’ Frage erwartet: „Na, wie kommst du voran?“

Bereits als Jugendlicher hatte er an der Ausgrabung dieses altsteinzeitlichen Siedlungsplatzes teilgenommen. Unter den jahrtausendealten Kalkablagerungen einer Quelle hatten sich die Hinterlassenschaften des Homo erectus erhalten, seine Steinwerkzeuge, Knochen seiner Beutetiere und sogar menschliche Überreste, die zu den ältesten in Europa gehörten. Die Fundstelle in der ehemaligen DDR war weltberühmt, und selbst Alex hatte sich an das prachtvoll illustrierte Buch seines Grabungsleiters erinnert, als sie es in seinem Bücherregal wiederentdeckte: „Begegnungen mit dem Urmenschen“ von Dietrich Mania. Sie hatte durch die farbenfrohen Gemälde der Urzeitmenschen geblättert, und er hatte ihr erklärt, dass diese Bilder von Adelbert Dietzel stammten. Das Buch war einer der Gründe gewesen, warum er Ur- und Frühgeschichte studiert hatte.

Jetzt sah ihn Alex aus ihren im Kneipenlicht grau schimmernden Augen an und wartete auf eine Antwort, zu der er viel zu müde war. Doch er wusste, Alex nahm auch noch Anteil, nachdem sie ein Paar geworden waren. Das war bei Katharina nicht so gewesen. Schon nach dem ersten Kuss war Katharinas Interesse an seinem Studium versiegt, und sie hatten sich nur noch über Freunde und Vergnügungen unterhalten.

„Es sind Hunderte Geräte und Abschläge, die ich bearbeite“, erklärte er genervt, fast etwas schroff. Doch dann sah er, wie Alex leicht zusammenzuckte und dachte an die sanfte Neugier, die eben noch in ihren Augen geschimmert hatte und die mit seiner Antwort zersplittert war, wie eine Scheibe Glas. Ihre Anteilnahme hatte ihn immer gerührt, und er beschloss, sich zu beherrschen: „Ich kann dir nur jede Woche dasselbe erzählen“, sagte er mit sanfter Stimme. „Täglich sitze ich im Gutshaus, wo die unzähligen Kisten mit Fundmaterial lagern, und zeichne ein Artefakt nach dem anderen, suche nach Bearbeitungs- und Gebrauchsspuren, zeichne sie ein und vermesse schließlich den Stein. – Stein für Stein, das ist pure Puzzelei – diese vermaledeite Arbeit kann noch Monate dauern. Und draußen auf dem Feld strahlt die Sonne und hängen die reifen Süßkirschen an den Bäumen. Ich würde am liebsten den ganzen Tag spazieren gehen, aber dazu habe ich keine Zeit.“

Alex’ Augen strahlten wieder, und sie schaute auf seinen Mund, als könne er jetzt noch Bände über diese Steine erzählen. Dass sie ihn immer so bewundern musste. Statt Stolz auf seine Tätigkeit, fühlte er Zweifel, Zweifel an allem, was er tat. Und diese Zweifel machten ihm Lust, auf etwas zu schimpfen und er verdüsterte seine Miene und schlug missmutig mit der Hand auf den Tisch: „Wenn ich dagegen an dieses Drecknest hier denke. Jedes Mal, wenn ich aus Bilzingsleben komme, würgt es mich. Ich kann die staubigen Straßen, die immer gleichen Kneipen und die Dutzende Male besuchten Museen nicht mehr ertragen. Ich ersticke in dieser provinziellen Enge, und der dümmliche Dialekt der Leute greift mir in die Seele.“

Endlich hatte er die Beklemmung ausgesprochen, die ihn immer überfiel, wenn er, um Alex zu treffen, nach Solau reiste. Wenn er doch endlich diese Stadt hinter sich lassen könnte, diese öde dumme Stadt. Und Alex, die ihn nicht zu verstehen schien, sah ihn nur weiter an.

„Hast du schon mal was von der Marktplatzverwerfung gehört?“, fuhr er deshalb fort. „Eine tektonische Störzone, die durch die Heraushebung des Harzes verursacht wird. Du wirst es nicht glauben, aber der Harz wächst immer noch! Nur hier wächst nichts.“ Der ganze angestaute Hass sprudelte aus ihm heraus, und er spürte, wie er die Beherrschung verlor: „Ich hoffe, dass sich einst diese Spalte klaftertief öffnet, dieses Nest mit Mann und Maus verschluckt und sich dann wieder schließt, als ob nichts gewesen wäre. Und weißt du, was das Schönste daran sein wird?“, breit musste er grinsen, „Niemand wird dieses Kaff wirklich vermissen!“

Sein Zynismus brachte Alex zum Lachen. Doch dann schüttelte sie den Kopf: „Ich weiß nicht, was du hast? Die Stadt, in der man lebt, ist doch egal, wenn nur das Leben stimmt.“

Doch Sven hatte sich in Rage geredet. Er musste Alex erklären, was er so hasste, an dieser Umgebung: „Dieser Bruch läuft durch das Zentrum der Stadt, eben über den Marktplatz, und das scheint sich auf das Gemüt der Menschen auszuwirken. Die Störzone geht mitten durch die Seelen der Leute. Nirgends habe ich so kaputte Menschen erlebt, so verbitterte stumpfe Gesichter gesehen, wie in dieser sinnlosen Zusammenballung von Häusern. Ganze Straßenzüge vollkommen verfallen, schwarze, leere Fensterhöhlen, wo man hinsieht. Der schwarze Dreck von Kohleruß an allen Fassaden. Und dieselbe Trostlosigkeit spiegelt sich in den dunklen Augenhöhlen der Arbeitslosen, die hier dahinvegetieren.“

„Ist deine Sicht auf Solau nicht etwas übertrieben? Du sagst das so total und kompromisslos. Wirst du nicht ungerecht gegenüber den Menschen, die hier leben?“

‚Sie hat recht‘, dachte Sven und ihre Berührung tat ihm gut. Doch in ihm brodelte die Wut. Ja, er war ungerecht, aber er fühlte sich gefangen in diesen mickrigen Häuserzeilen, und er wollte hier nicht mehr gefangen sein. Und wann immer er sich in seinem Leben gewehrt hatte, hatte er dies mit Worten getan, und schon in der Schule hatten die Stärkeren und Älteren geschätzt, was er in seine Worte zu legen vermochte. Mit seiner Rhetorik hatte er bereits als Kind andere an sich gebunden, die ihn – den schmalen Jungen – dann schützend gegen Stärkere verteidigt hatten.

„Übertrieben? Ganz und gar nicht“, wehrte er sich gegen ihren Einspruch. „Die Chemie hat die Stadt gründlich verätzt. Noch vor zehn Jahren stiegen jeden Herbst die Nebel aus der Saale auf, sodass man nicht mal zehn Meter weit schauen konnte. Und ständig hatte man das Gefühl, stinkendes Wasser atmen zu müssen, wie ein Ertrinkender, ich werde das nie vergessen.“

Sven senkte seinen Kopf und wischte sich mit der rechten Hand über die Stirn, als litte er gerade unter den giftigen Nebeln, die er Alex beschrieben hatte. Die giftigen Nebel über der Saale.

„Sehr beeindruckend“, sagte Alex. „Waren sie grün oder blau oder vielleicht auch violett?“

Dann schüttelte sie über die Vorstellung den Kopf. „In der Kneipe hier steht nur Zigarettenrauch, den wir freiwillig atmen“, und lachte. „Das war vor zehn Jahren. Aber jetzt …“

„Jetzt? – Die Chemiepelzer sind immer noch dieselben. Nur dass sie jetzt arbeitslos sind. Da kann man sich über die bessere Wasserqualität freuen, aber die Trostlosigkeit liegt wie ein wabernder Brei über der Stadt, wie früher die giftigen Dämpfe von Leuna und Buna. … Die Stadt ist ein Orkus der Melancholie!“

Und weil er sich über Alex’ Gleichgültigkeit ärgerte, fügte er hinzu: „Sobald ich meinen Abschluss habe, ziehe ich weg.“

Verstört erwiderte sie seinen Blick: „Wegziehen?“ Sie sah ihn lange an. In Sven stiegen Bilder seiner Traumstadt auf, Straßenzüge voller Szenelokale, die abendlich im Kerzenlicht schwammen, inspiriert gekleidete junge Menschen, die die Straßen entlangflanierten, Plakate mit Konzertankündigungen, Kunst in den Kellern der Stadt … Dann brach es aus ihm heraus: „Nach Berlin!“ Und während er fühlte, wie die Begeisterung von ihm Besitz ergriff, bemerkte er aus den Augenwinkeln, wie Alex zusammensank. Er griff fast flehend nach ihrer Hand auf dem Tisch, als hätte sie die Macht, ihn am Schopf aus dieser Stadt zu ziehen. ‚Nach Berlin wollte er ziehen‘, wiederholte er seinen Wunsch in Gedanken und begann Alex von seinem Traum zu erzählen: „Berlin brennt, man kann sich verlieren und verlaufen in Angeboten. Jeden Tag etwas Neues, jeden Tag etwas anderes. Raus aus der Bedrückung und Reinstürzen ins Leben!“

Er spürte wie ein Strahlen in seine Augen stieg: „Jahre hat diese Stadt gebraucht, um zusammenzuwachsen, und überall sind Nischen entstanden, die von den Leuten mit Kultur und Leben gefüllt werden. In Mitte und in Prenzelberg öffnen ständig neue Szenekneipen. Und wenn eine verschwindet, öffnet an der nächsten Ecke eine andere. Die Leute brennen vor Tatendrang. Jede Lücke, die sich auftut, wird sofort mit kreativen Ideen gefüllt, die aus dem Boden sprießen und wieder versinken, um Platz für Neues zu schaffen. Dort bleibt kein Fenster schwarz und hohl. Du kannst dir die ganze Nacht um die Ohren schlagen. Überall Konzerte, von irgendwelchen Bands, von denen man noch nie etwas gehört hat. Ausstellungen, Lesungen, Theateraufführungen, und was da an den Theatern läuft, ist einfach geil! Frank Castorf, Heiner Müller, Christoph Schlingsief und wie sie alle heißen.“

Die Metropole stand vor seinen Augen wie das glänzende Ziel seines Lebens, und er wollte Alex so gern von ihr überzeugen, doch stattdessen nahm er wahr, wie er ihr mit seiner Schwärmerei den Atem genommen hatte. Unwillig schüttelte sie den Kopf. Und als müsse sie sich vor dem Aufprall einer Sinnesflut schützen, baute sie sofort eine Mauer auf: „Du suchst das pralle Leben, aber zu viel davon würde mich auffressen!“ Bei diesen Worten sah sie ihn so erschöpft an, als hätte sie sich in Berlin bereits abgestrampelt: „Die Stadt ist pure Zerstreuung. Wenn man nur auf die Straße tritt, wird man von Sinneseindrücken überflutet. Wo bleibe ich da selbst? Und wo bleibt mein Zentrum, mein Ziel? Ich will arbeiten und dazu brauche ich Konzentration und kein Chaos. Berlin ist aber das pure Chaos. Und von den Sonnenuntergängen und den Kirschbäumen in Bilzingsleben bist du dort weit entfernt. In allen Richtungen wirst du nur Steinwände mit staubigen Fenstern sehen, und als ob das nicht reicht, sind sie auch noch mit Graffiti besprüht.“

„Die Sonnenuntergänge und Kirschbäume bleiben mir ja, wenn ich auf Grabung fahre.“ Sven fühlte, wie sie ihm den Wind aus den Segeln genommen hatte. „Aber die Wochenenden kann man doch dort verbringen, wo das Leben pulsiert!“

„Aber ich müsste die ganze Woche dort verbringen und dort arbeiten, leben und schlafen.“

Bittere Enttäuschung über Alex’ Abwehr machte sich in Sven breit. Sie hatte nicht mal überlegt, ob sie mit ihm nach Berlin gehen würde. Von vornherein hatte sie diese Möglichkeit für sich ausgeschlossen. Ernüchtert trank er sein Bier aus und sagte: „Lass uns bezahlen.“

Dann verließen sie die Kneipe. Mit einer versöhnlichen Geste legte Alex ihren Arm um seine Hüfte und sein Ärger verflog augenblicklich. Sie wanderten eng umschlungen durch die grauen engen Gassen dieser einstigen Metropole der Aufklärung und heutigen Arbeiterstadt, von der die Trostlosigkeit der Armut Besitz ergriffen hatte. ‚Natürlich kann man jeder Stadt etwas abgewinnen‘, dachte er, doch seine Wahlheimat sollte man sich schon etwas bewusster aussuchen. Aber konnte man das heute überhaupt noch? Gab es nicht schon zu viele Zwänge, die einem den Wohnort diktierten? Sven war dieser Gedanken müde und am Ende der Straße zeigte sich bereits sein dreigeschossiges, unsaniertes Wohnhaus. Ein kleiner Vorteil, sah er ein, man musste nicht stundenlang U-Bahn fahren, um von der Kultur ins Heim zu kommen.

Schließlich bogen sie in den Hof ein, und Sven suchte den Schlüssel in seiner Tasche.

In dem Moment, in dem er den Schlüssel ins Schloss steckte, drehte sich Alex plötzlich erschrocken um. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich aus dem Schatten der unverputzten Wand, die den Hof vom Nachbarhof trennte, eine dunkle Gestalt löste. Verblüfft hörte er Alex’ Namen rufen.

„Jörg!“, sagte sie und blickte fassungslos die Gestalt an.

Sven fixierte den Fremden, der plötzlich vor ihm stand, und registrierte, wie der zwischen Alex und ihm hin und her sah. Er erblickte die blonden wehenden Locken, die das bleiche Gesicht umrahmten, und die so gar nicht zu der unbeherrschten Wut in seinen Zügen passten. Der andere schien zu rasen und je männlicher dieses Rasen wurde, umso mehr ekelte es ihn an. Die Knie des Blonden schlotterten im Zorn, sein Oberkörper und seine Arme zitterten. Und Sven begriff, dass sich an diesem Fremden die ganze Hilflosigkeit eines gerade eben Verlassenen zeigte, während er ihn immer noch erschrocken anstarrte, als wäre er eine Erscheinung. Alex und der Fremde kannten sich, so viel war klar, oder besser, der Fremde kannte Alex näher, als es Sven in diesem Augenblick lieb war. Sie hatte ihm gegenüber doch nie einen Freund erwähnt …

„Was machst du hier?“, fragte Alex plötzlich und Sven war froh, dass sie mit ihrer Frage das bohrende Schweigen beendete und etwas Ruhe in diese obskure Situation brachte.

„Das sollte ich eher dich fragen“, rief der Blonde zurück. „Wer ist das?“ Er durchbohrte mit dem Zeigefinger die Luft. „Und warum höre ich seit Monaten nichts von dir? Geht man so miteinander um?“ Dann japste er nach Luft. „Habt ihr was miteinander?“

Alex stand da und brachte sichtlich kein Wort heraus. Ihre Augen wanderten suchend durch den schwarzen Nachthimmel. Sie hob hilflos ihre Arme, und Sven begriff, mit dieser Geste gestand sie alles.

Plötzlich stürmte der Fremde auf ihn los. „Nimmt man einfach einem anderen die Freundin weg?“ Sven fühlte sich am Kragen gepackt und obwohl der Lockige nicht größer als er sein konnte, nämlich eher zierlich, schien er gegenüber Sven zur Übergröße anzuwachsen und ihn am Kragen in die Höhe stemmen zu wollen. Sven stieß unter seiner Gewalt heftig mit dem Rücken gegen die Tür, dann wurde er wieder fallen gelassen. Der Blonde holte mit dem rechten Arm aus und schlug ihm mit der Faust direkt ins Gesicht. Ein heller Schmerz stach in sein Kiefergelenk, und vor seinen Augen tanzten plötzlich weiße Punkte. Unwillkürlich rieb seine Hand über die schmerzende Stelle. Er öffnete seinen Mund, um den Kiefer wieder einzurenken und erst nach drei Sekunden, als sein Blick wieder klar geworden war, sah er den Blonden wieder vor sich. Er war zwei Schritte zurückgetreten und starrte Alex mit brennenden Augen an.

Zornig und ohne ein Wort wendete sich Sven zur Tür, drehte den Schlüssel um, den er bereits ins Schloss gesteckt hatte, und verschwand in seinem Haus. Die Tür fiel krachend hinter ihm zu, und er hörte, wie der Fremde laut lachte: „Dieser Feigling!“ Wütend rieb er sich das schmerzende Kinn: ‚Die sollen verschwinden! Beide! Alle beide!!‘

∞

Alex war Sven nicht gefolgt. Sie hatte auch nicht nach der Tür gegriffen, um sie offen zu halten. Entsetzt stand sie da und versuchte das Toben ihrer Gedanken in den Griff zu bekommen. ‚Was war los?‘ Es dauerte einige Sekunden, bis sie zur Besinnung kam und zu verstehen begann, was hier gerade geschehen war.

Jörg war für sie Geschichte, nur hatte sie ihm das nie gesagt. Sie hatte sich einfach nicht mehr bei ihm gemeldet und über der Fülle ihres neuen Lebens keinen weiteren Gedanken an ihn verschwendet. Aber wo kam Jörg jetzt her? Wieso stand er hier auf Svens Innenhof, wo er doch seit ihrem Auszug aus dem Wohnheim nicht einmal wissen konnte, wo sie wohnte?

„Lass uns zu dir nach Hause fahren“, sagte plötzlich Jörg mit sanfter Stimme und griff nach ihrem Arm, als hätte er sie gerade aus der Uni abgeholt.

„Sag mal, spinnst du?“, schrie Alex. „Was tust du hier und wie kommst du überhaupt dazu?“

Jörg war plötzlich ruhig geworden, als wäre mit seinem Schlag in Svens Gesicht und dessen Flucht ins Haus die Entscheidung über Alexandra gefallen. Sie dachte an die Brunftkämpfe der Hirsche. Der Stärkere vertrieb mit Gewalt den Schwächeren und hatte dann das Recht, das Weibchen zu begatten. Entsetzt schüttelte sie den Kopf und entwand ihm ruckartig ihren Arm. Keine Berührung von ihm wollte sie ertragen, ja seine bloße Nähe war ihr widerlich.

Doch Jörg ließ nicht ab. Er trat einen Schritt zur Seite und wiederholte seine Bitte: „Ich erzähle dir dann alles auf dem Weg zum Bahnhof.“

„Bahnhof?“, fragte Alex und sah ihn entgeistert an. „Ich brauche jetzt eine Wanderung, um mich zu beruhigen.“

„Wohin willst du denn?“

Doch Alex antwortete nicht und setzte sich erst einmal auf einen Mauervorsprung, um sich eine Zigarette anzuzünden.

„Rauchst du jetzt?“

„Das siehst du doch!“

Langsam sog sie den grauen Nebel in ihre Lunge ein und starrte vor sich hin. Kurz überlegte sie, Jörg einfach in diesem Augenblick zu sagen, dass Schluss sei, dann bei Sven zu klingeln und mit ihm den Abend fortzusetzen, als sei nichts geschehen. Doch irgendetwas in ihrem Inneren sagte ihr, dass das nicht ging. Es wäre so verlogen, und Sven, was dachte der jetzt von ihr? Glaubte er, sie hätte die ganze Zeit noch einen Freund neben ihm gehabt? Und wieso war er einfach im Haus verschwunden, ohne sich nach ihr umzusehen oder sie aufzufordern, ihm zu folgen. Wollte er sie nicht vor Jörg beschützen? Oder gab er ihr die Schuld an diesem abendlichen Überfall?

Jörg stand immer noch vor ihr. Sich neben sie zu setzen, wagte er wohl nicht. Schweigend sah er sie an, und Alex spürte, er würde nicht zu bewegen sein, jetzt einfach zu gehen. Wenn sie jetzt nach Linden fuhren, würde er bei ihr übernachten müssen und dieser Gedanke war unerträglich. Genauso unerträglich wie die Gewissheit, dass es unmöglich war, ihn heute noch abzuschütteln. In den Zug nach Hause konnte sie ihn erst am nächsten Tag setzen.

„Lass uns eine Weile laufen. Dann reden wir“, sagte sie deshalb und stand auf. Schweigend liefen sie ein halbe Stunde durch die Straßen.

„Wohin willst du?“

‚Lass mich in Ruhe‘, dachte Alex, doch es gab einiges zu sagen und es war schwer einen Anfang zu finden.

„Am besten, wir laufen nach Linden“, sagte sie plötzlich ohne nachzudenken.

„Laufen?“ Erstaunt sah er sie von der Seite an: „Das sind 45 Kilometer, da brauchen wir ja die ganze Nacht!“

„Warum nicht?“, fragte sie nun fröhlicher. Sie hatte die Lösung gefunden. Wenn sie schon die Nacht mit ihm verbringen musste, dann doch bitte auf der Straße und nicht im Zug oder gar in ihrem Zimmer. Und sie ergänzte: „Das ist ein reichlicher Marathon, den werden wir wohl schaffen. – Traust du dir keinen Marathon zu?“, lachte sie ihn aus. „Ich schaffe das, und ich laufe jetzt!“

Jörg stoppte und nahm seinen Rucksack vom Rücken, den Alex erst jetzt bemerkte.

„Da ich die Wohnung deines … dieses Kerls ja finden musste, habe ich mir einen Stadtplan gekauft.“

Das passte, zum ersten Mal an diesem Abend machte ihr Jörg eine Freude. Sie studierten den Plan und suchten den Weg aus der Stadt zu einer Landstraße nach Linden. Neben der Autobahn zu laufen, hatten sie sofort verworfen. Zu hässlich, zu viele Autos und zu gefährlich. Und Alex wunderte sich über die Normalität ihres gemeinsamen Suchens nach dem richtigen Weg. Sie verhielten sich in diesem Moment wie ein altes Ehepaar, das sich mit wenigen Worten verstand. Dann gingen sie los.

Erst als sie nach anderthalb Stunden aus der Stadt herausgefunden hatten und nun auf der Landstraße liefen, beruhigte sich Alex langsam. Sie genoss die laue Luft der warmen Sommernacht. Nur sehr selten hörten sie ein Auto, das später an ihnen vorbeifuhr. Meist war es still und in den Häusern, die sie passierten, waren die Fenster dunkel. Die Seiten der Landstraße waren mit Obstbäumen bepflanzt, die krumm und alt, dem Asphalt eine Ahnung von einer Allee verliehen. Die Äpfel an ihnen waren noch nicht reif. Dann kamen Süßkirschen. Alex blieb unwillkürlich stehen und ein Lächeln durchflog ihr Inneres. Sie musste an die blühenden Wiesen und an die übervollen Süßkirschenbäume denken, von denen Sven erzählt hatte. Sie zupfte eine Frucht und steckte sie sich in den Mund. Doch als sie zwischen ihren Zähnen zerknackte, durchmischte Straßenstaub den süßen Saft.

Plötzlich erreichte sie ein weiterer Lichtkegel. Und dann bremste neben ihnen ein Auto. Jörg blieb stehen, während Alex keine Lust verspürte, sich nach dem Wagen umzudrehen.

„Warte mal“, fasste Jörg sie am Arm. Alexandra drehte ihren Arm aus seiner Hand, stöhnte und drehte sich widerwillig um. Der Autofahrer war ausgestiegen und winkte ihnen zu. „Wollt ihr mitfahren?“

„Nein!“, rief sie sofort. Erstaunt hörte sie ihre eigene abweisende Stimme.

„Wirklich nicht? Wohin wollt ihr denn?“

„Nach Linden!“, rief nun Jörg.

„Dann fahrt mit, ich bringe euch 15 Kilometer weiter.“

„Nein danke!“, erklärte nun Alex etwas freundlicher, legte aber Bestimmtheit in ihre Worte. „Wir wollen laufen!“

„Wollen wir nicht doch mitfahren?“ Jörg sah sie bittend an.

Erneut spürte sie den Widerwillen bei seinem Anblick und Ungeduld machte sich in ihr breit.

„Fahr doch, wenn du willst. Ich laufe.“

„Ihr braucht Stunden nach Linden“, versuchte der Autofahrer sie noch einmal zu überzeugen.

Doch nun schüttelte auch Jörg den Kopf. Er bedankte sich höflich und der Autofahrer stieg wieder ein. Langsam fuhr er an ihnen vorbei, als wolle er ihnen Zeit geben, es sich noch einmal zu überlegen. Aber Alex wendete ihren Blick ab. Sie würde heute in kein fremdes Auto steigen. Ihr lag alles andere im Sinn, als zügig ans Ziel zu kommen. Sie wollte einfach nur gehen, in der Sommernacht, bis sie ihre Beine und ihr Herz nicht mehr spürte, und dann wollte sie völlig erschöpft, aber allein in ihrem Zimmer, den nächsten Tag verschlafen.

Schweigend liefen sie weiter, Stunde um Stunde verging, ohne dass sie ein Wort miteinander sprachen. Alex bemerkte, dass auch Jörg begann, die Monotonie ihrer Schritte zu genießen. Weder sie hatte ein Bedürfnis mit ihm zu reden, noch schien er Bedarf an einer Unterhaltung zu haben. Oder fürchtete er sich davor? Alex war es gleichgültig.

Dann dämmerte es, und als sie Jörg auf das Licht am Horizont aufmerksam machen wollte, zeigte er plötzlich begeistert auf ein gelbes Schild, das er vor einem völlig verfallenen und von hohem Gebüsch umwucherten Industriegebäude entdeckt hatte.

Begeistert rief er den Namen von Alex’ neuer Heimatstadt: „Wir haben es geschafft!“

Er tanzte auf der Straße und wollte fröhlich nach ihren Händen greifen. Doch sie wendete sich ab.

„Dann lass uns jetzt endlich reden“, sagte sie stattdessen in trockenem Ton.

„Reden? Jetzt? Das wird höchste Zeit! Ich dachte schon, du willst heute gar nichts mehr sagen.“

‚Der Tag hat ja gerade erst angefangen‘, kam es ihr in den Sinn, aber das zu sagen, hätte ihren Gefühlen völlig widersprochen. Das Laufen hatte Alex in eine Art wohlig-meditative Stimmung versetzt. Alles schien ihr jetzt machbar. Auch die Diskussion, die ihr bevorstand und sie hoffte, die Monotonie in ihr würde die Gefühle auch bei Jörg klären. Sie fürchtete die Heftigkeit seines Ausbruches. Ihre Stimme war weder freundlich, noch kühl, sie war einfach nur müde, als sie Jörg fragte: „Wie hast du Svens Wohnung gefunden?“

„Tja, das hättest du nicht erwartet, oder?“, sagte Jörg sichtlich stolz auf seine Leistung und lebte auf.

„Nachdem du dich nicht mehr bei mir gemeldet hast, wollte ich dich suchen und zur Rede stellen. Deine Eltern haben mir deine Adresse gegeben.“

Alex ärgerte sich, aber was konnten schon ihre Eltern wissen, bei denen sie sich auch seit Wochen nicht gemeldet hatte?

„Und dann?“

„Bei dir hat ein blonder Bursche die Tür aufgemacht. Manne hieß der, und er hat mir dann erzählt, dass du in Solau bist und das dein Freund Sven heißt und Ur- und Frühgeschichte studiert. Wir haben in eurer Küche gesessen und uns gut unterhalten. Aber wo Sven wohnt, konnte er mir auch nicht sagen.“

Wieder ärgerte sich Alex. Er hatte in ihrer Küche gesessen und womöglich in ihr Zimmer geschaut, ohne ihre Einladung. Einfach nur mit der Erwähnung ihres Namens hatte sich ihm die Tür aufgetan. Gern hätte sie nachträglich diesen Zugang zu ihrer Privatsphäre vor ihm verschlossen, aber das ging natürlich nicht. Unwillig wendete sie ihr Gesicht ab. Und Jörg erzählte weiter, ohne an Begeisterung zu verlieren.

„Ich bin dann zur Telefonzelle gegangen, habe mir von der Auskunft die Telefonnummer des Instituts für Ur- und Frühgeschichte geben lassen und habe dort angerufen.“

Was wagte der sich eigentlich? Ihre Schultern wanderten nach hinten und sie richtete ihren Kopf auf. Doch dann biss sie sich auf die Lippen. Sie wollte nichts sagen und schwieg.

„Am Institut war es einfacher, als ich gedacht hatte. Ich sagte der Sekretärin, dass ich Journalist sei und mit Sven dringend über eine Grabung sprechen müsse, um noch einige notwendige Informationen für einen Artikel zu bekommen, und sie gab mir dann Svens Adresse. Ich fuhr also nach Solau und habe im Hof von Svens Haus auf euch gewartet. Alles Weitere weißt du ja.“

Zornig kaute sie auf ihren Lippen. Keine Regung wollte sie ihm schenken, keine wütende und erst recht keine bewundernde. Die Fragen, die sich ihr aufdrängten, verkniff sie sich. ‚Woher kannte Jörg so gut die Gepflogenheiten in der Ur- und Frühgeschichte? Wie konnte er so einfach die Sekretärin überzeugen, Svens Adresse herauszugeben?‘

Aber dann fiel ihr ein, dass er ja früher Philosophie studiert hatte, bevor er das Studium geschmissen hatte und einer Frau hinterher gezogen war, um bei Diamant als Fahrradmechaniker zu arbeiten. Er und sein rechthaberischer Ökotick, dachte sie. Ein abgebrochenes Studium hatte er vorzuweisen und die Cleverness, sich über Ahnungslose ungefragt in ihr Leben einzuschleichen. Wie leicht es ihm gefallen war, in ihre Wohnung zu gelangen und sie dann in einer anderen Stadt bei Sven, den er noch nie gesehen hatte, aufzuspüren. Das machte ihr Angst. Aber dann fragte sie sich, ob sie nicht selbst schuld daran war. Warum war sie so leichtfertig mit seinen Gefühlen umgegangen und hatte ihm nicht geschrieben, dass sie die Beziehung beenden wollte? Er hatte schon recht, sauer auf sie zu sein.

Aber hätte nicht auch er den ersten Schritt tun können und ihr schreiben? Dann hätte sie ihm sicherlich geantwortet und sich von ihm getrennt, wie es sich gehörte. Sie kannte Jörg nicht gut, aber sie ahnte, dass sein Stolz ihn daran gehindert hatte. Immer war sie seiner Gunst hinterhergelaufen, und vielleicht hatte er seine eigene Gunst ihr gegenüber erst entdeckt, als sie im Nichts verschwand. Und sie wusste, die Eigenliebe Jörgs musste ihn dazu bringen, nicht einfach flehende Briefe zu schreiben, sondern mit einem lauten Knall vor ihr aufzutauchen. Und das war ihm gelungen. Sie wollte sein Engelshaar nicht ansehen, sie wollte, dass er endlich geht, also musste sie es jetzt sagen.

„Du hast mich beeindruckt“, fing sie an, ohne auch nur den Kopf zu ihm zu wenden. Still lief sie weiter. Dann atmete sie noch einmal tief ein, sah aus den Augenwinkeln das grüne Gestrüpp, das jetzt in weißem Morgenlicht glänzte, und entdeckte den Wendepunkt einer Straßenbahn.

„Dort ist eine Haltestelle. Ich steige jetzt in die Straßenbahn und du gehst weiter und fährst noch heute zurück. Ich betrachte unsere Beziehung als beendet.“

Jörg blieb mitten auf der leeren Straße stehen und starrte sie an. Alex konnte nicht umhin, sich zu ihm umzuwenden und ihm nun direkt ins Gesicht zu schauen. Seine schlanke Gestalt schlotterte wieder, aber nun bei vollem Tageslicht. Er tat ihr plötzlich unsagbar leid. Dann verzog er sein Gesicht zu einem verächtlichen Grinsen: „Wir werden uns nicht mehr wiedersehen“, sagte er hart und ging davon.

Am Abend schrieb Alex an Sven und versuchte ihm alles zu erklären. Mehrfach begann sie ihr Schreiben. Jörg war ungefragt in ihr Leben eingedrungen und hatte ihn verletzt, Sven hatte sich zurückgezogen und sie mit dieser Situation allein gelassen. Wieder einmal musste sie begreifen, dass niemand für sie ihr Leben ordnen würde. Nur sie selbst konnte das tun. In den schwierigsten Momenten war sie auf sich allein gestellt. Und da war noch die Frage, was und wie viel diese Nacht zerstört hatte? Natürlich war sie selbst mit Schuld an dieser Situation. Aber die Frage war doch nicht, wer wie viel Schuld trug? Die Frage war, wie man einen Weg fand, glücklich zu sein. Und sie stellte sich erstmals eine weitere Frage. Brauchte sie Sven für ihr Glück? Die Antwort war eindeutig ‚Ja!‘ Sven war ein Mensch, mit dem sie sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen konnte. Und spontan konnte sie sich erklären, woran das lag. Sie liebte seine kreative Kraft, seinen Ideenreichtum, seinen sensiblen Geist und seinen Humor. Sie sah zu ihm auf und wusste, sie würde von seiner Gegenwart profitieren, sozial und emotional. Seine Sensibilität und Verletzlichkeit waren es, die ihn zu seinem Rückzug getrieben hatten. Und es hätte sie ganz sicher abgestoßen, wenn er Jörgs Faustschlag mit Gewalt erwidert hätte. Sein Rückzug war zwar schmerzlich für sie, aber er passte zu seinem Wesen und wenn sie darüber nachdachte, war er die einzige Möglichkeit gewesen, die Situation zu entschärfen. Auch wenn das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein, in Alex nagte, begriff sie doch, dass Svens Reaktion die richtige war. Und schließlich hatte sie allein die Situation gemeistert.

12

An diesem Nachmittag war Alex spät dran. Zehn Minuten nach Arbeitsbeginn stieg sie die Treppen zum Institut hinauf. Während sie das Institut betrat, sah sie, wie Dr. Liebert in seinem Zimmer verschwand; und als sie ihre Jacke auszog, erschien er wieder in seiner Tür. Er ging den Flur entlang zur Bibliothek, und nachdem er kurz durch die Tür geschaut hatte, machte er wieder kehrt und lief zurück zu seinem Zimmer. Alex ging zu ihrem Arbeitsplatz und fragte: „Hab’ ich was verpasst?“

Liebert erschien erneut in der Bibliothek. Er blickte durch den Raum und kehrte wieder um. Eine Studentin beugte sich über den Tisch und flüsterte ihr zu: „Heute hat er noch nichts erzählt.“

Fünf Minuten später stand Liebert wieder an der Tür.

„Wir haben in diesem Semester hundertfünfzig Studenten, und keiner von ihnen liest“, kommentierte er ärgerlich den leeren Raum, in dem nur die studentischen Hilfskräfte Bücher katalogisierten.

„Noch vor fünf Jahren haben wir um jeden einzelnen Studenten gekämpft, gegen Immatrikulationssperren und gegen das Abwerben durch größere Fächer. Früher studierten nicht mehr als fünfundzwanzig Studenten aller Jahrgänge bei uns. Wir konnten jeden Studenten individuell betreuen. Heute erkennen wir unsere eigenen Studenten auf der Straße nicht mehr.“ Drohend erhob er den Zeigefinger. „Sie ruinieren sich Ihr ganzes Leben mit diesem Studium. Keiner von Ihnen hat eine Chance, jemals eine Stelle zu bekommen.“ Entschlossen ging er zur Tür, dann drehte er sich noch einmal um. „Wir bilden hier nur für das Sozialamt aus.“ Er machte kehrt und sich auf den Weg zu seinem Zimmer.

Liebert war vielleicht fünfundfünfzig Jahre alt und Junggeselle. Er hatte weder Frau noch Kinder und lebte nur für das Institut. Seit seiner frühen Jugend war er an die Ethnologie gebunden, zunächst als Student in den Fünfzigerjahren, dann als Assistent und schließlich als unbefristeter wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Täglich sah man seine kleine, gedrungene und gebeugte Gestalt durch die Flure des Instituts wandeln. Sein oft müdes Gesicht mit den bläulich verfärbten Augenringen stand in einem auffälligen Gegensatz zu seinen lebendigen Pupillen, die er – wenn er einmal aufblickte – gern strafend in die Gesichter der Studenten blitzen ließ. Seinen Kopf mit dem schütteren braunen Haar hielt er stets leicht gesenkt, als müsse er sich vor dem lebhaften Tumult der Studenten schützen. Selten sah man ihn auf dem Flur in eine Unterhaltung vertieft. Immer war er in Bewegung, aber nicht zielstrebig oder beschäftigt, sondern monoton und gleichförmig, als sei der Gang über den Flur das Ziel seines Lebens.

Liebert hatte seine eigene Inventarnummer. An welcher Stelle seiner Gestalt sie zu finden sei, darüber wurde viel spekuliert. Und noch etwas machte ihn unverwechselbar. Die Studenten kannten ihn ausschließlich im immer gleichen Anzug aus ‚Präsent 20‘, einem Rundstrick aus Polyester. Sie hatten herausgefunden, dass dieser Stoff nur bis Mitte der Siebzigerjahre in der DDR hergestellt und verkauft worden war. Es war also bemerkenswert, dass Liebert diesen bügelfreien Rundstrickstoff in den Neunzigerjahren immer noch trug. Der Anzug schien in all den Jahren an keiner einzigen Stelle fadenscheinig geworden zu sein oder sich verformt zu haben.

„Liebert, in seinem Anzug, ist ein Sinnbild ostdeutscher Qualitätskonfektion“, witzelten die Studenten in der Raucherecke. „Der Anzug wird selbst im Grab noch seine Form behalten.“ Und Sven, der Archäologe, hatte dazu bemerkt: „Wenn unsere alten SED-Kader mit ihrem ‚Präsent 20‘ in tausend Jahren ausgegraben werden, dann können die Archäologen den Anzug sofort anziehen und auf Vortragsreise gehen.“ Die Studenten kicherten, und einer ergänzte: „Nur mit der Zigarette sollte man ihm nicht zu nahe kommen. Das Zeug brennt wie Zunder. Liebert könnte als Fackel enden.“

Doch Liebert war für die Studenten nicht nur der störrische alte Kauz. Er war auch der stets Mahnende, das Gewissen des Instituts. Seine desillusionierenden Zukunftsprognosen waren unter den Studenten gefürchtet. Unvermittelt tauchte er wie ein Schatten aus dem Nichts auf und fragte zornig: „Welche Fächer studieren Sie noch?“

Wenn die Studenten dann höflich ihre Fächer aufzählten, winkte er nur ab. „Bürgerliches Herumstudieren hat man das in den Fünfzigern genannt. Sie studieren mal dies und mal jenes, ohne Ziel und Verstand. Wo wollen Sie denn später arbeiten?“

Hilflos wirkte da die Selbstverteidigung der Studenten. „Wir wollen uns fachübergreifendes Wissen aneignen.“

Liebert lachte nur darüber. „Als ob hier jemand fachübergreifendes Wissen hätte. Wir produzieren hier Magister und Doktor phil., die nicht wissen, wer Platon, Sokrates, Leibniz, Kant und Hegel waren.“

Dann drehte Liebert den Studenten unvermittelt seinen Rücken zu und sie konnten hören, wie er noch beim Weggehen vor sich hin brummte: „Unverantwortlich!“

Liebert war ein klassischer Enzyklopädiker. In seiner jahrzehntelangen Lehrpraxis hatte er sich ein wahres Kompendium an Wissen angeeignet, das er in seinen Unterricht einbezog und in den Prüfungen abfragte. Er rezitierte die Namen, Daten, Gedanken und Kritiker wichtiger Denker von der Antike bis zur Gegenwart, und jedes Wirtschaftssystem hatte in seinen Ausführungen seine eigene Prägnanz. Seine Studenten mussten Ethnien vom äußersten Westen Amerikas bis Australien und deren Wirtschaftsformen im Detail herunterbeten.

Doch im Unterricht wurde seine Erscheinung immer hoffnungsloser und seine Witze immer zynischer. Wenn er auch ab und an die Referenten von Seminararbeiten mit auf die Brust herabgesunkenem Kopf und leisem, aber rhythmischen Schnarchen begleitete, kommentierte er doch gern auch die Auswüchse der zum Massenfach mutierten Ethnologie auf eine Weise, die den betroffenen Studenten die Röte ins Gesicht schießen ließ: „Das war ein durchschnittliches Referat. Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen.“ Oder er thematisierte die umfassende Unwissenheit der heutigen Abiturienten: „Wenn Sie wenigstens Gedanken hätten, dann hätte auch die Sprache für Sie einen Sinn“, und wenn es keine Publikumsmeldungen auf seine Fragen gab, dann rächte er sich mit dem Satz: „Da steh’ ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.“

Er kämpfte auch gegen das mangelnde Verantwortungsgefühl vieler Studenten, die nicht nur Seminare versäumten, sondern auch zu ihren eigenen Referaten nicht erschienen, sodass das Seminar ausfallen musste. Doch sein Kampf war ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Er führte als einzige Lehrkraft Anwesenheitslisten. Am Ende des Semesters musste jeder Student, der einen Schein für die Teilnahme an einem Seminar haben wollte, bei ihm vorsprechen, mit ihm die Listen durchgehen und auf jeder Seite des Anwesenheitsheftes auf seinen Namen tippen. Wer auf mehr als drei Seiten nicht tippen konnte, dem verweigerte Liebert den Schein. Doch die Studenten fanden auch hier einen Weg, der Kontrolle zu entgehen. Wer selbst nicht anwesend sein wollte, ließ einen Freund für sich unterschreiben, was Liebert bemerkte, aber seufzend ignorierte.

Als Liebert wieder in der Bibliothekstür erschien, versuchte ihn Alex abzulenken: „Erzählen Sie uns doch von Ihrem Studium.“

„Erzählen?“, konterte Liebert und zitierte Talleyrand: „Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen.“

Liebert verschwand und schnaufte den Flur entlang, um nach zwei Minuten wieder in der Tür der Bibliothek aufzutauchen.

„Na gut, Sie können ja auch nichts dafür“, lenkte er milde ein. Er trat in den Raum und lehnte sich auf den Bibliothekskatalog.

„Heute verdienen sie sich alle was dazu. Das war bei uns eher unüblich, aber arbeiten mussten wir trotzdem, gemeinnützige Arbeitseinsätze hieß das, freiwillige Pflicht für jeden Studenten, in der Brikettfabrik zum Beispiel. Mitten im Winter haben wir den Kohlendreck aufgeschippt, der von den Förderbändern gefallen ist, und dann in Eisenbahnwaggons verladen. Oder wir waren beim Ernteeinsatz, haben Zucker- und Futterrüben gezogen, die dann entblättert und auf Lkws abtransportiert.“

Dann grinste er. „Kennen Sie das Gespräch zwischen dem Westhasen und dem Osthasen?“

Sie schüttelten den Kopf, und Lieberts Augen leuchteten auf, während sich die Furchen seiner Falten noch tiefer in sein Gesicht einkerbten. Ein breites Schmunzeln machte seine sonst eher verkniffenen schmalen Lippen voll und weich. Seine Brust dehnte sich, und er erhob seine Arme, als wolle er eine Arie anstimmen.

„Nein? Dann hören Sie mal zu. – Der Westhase und der Osthase treffen sich an der Grenze und kuscheln in einer Mulde, wo der Grenzposten sie nicht sieht. Da sagt der Westhase zum Osthasen: ‚Osthase, bald wird es kalt, komm zu uns. Manchmal gibt es Wildfütterung, und wir Tiere haben’s gut!‘ Doch der Osthase grinst nur und schüttelt den Kopf: ‚Nein, nein, Westhase, bei uns hast du’s besser. Hier sind noch so viele Kartoffeln und Rüben im Boden, dass es für den ganzen Winter reicht!‘“

Liebert nickte lächelnd vor sich hin. „Darüber haben wir damals gelacht … über das völlige Versagen des Systems. Heute, wo ich Hunderte Studenten in den Ruin führe, kann ich nicht mehr lachen.“

Schweigend sahen ihn die drei Hilfskräfte an, und Liebert fuhr fort: „Wir haben auch in Schweineställen in Vorpommern gearbeitet. Die Schweine waren so dünn, dass Klaus, mein Kommilitone, auf die Idee kam, ihnen Knoten in die Schwänze zu machen, damit sie nicht durch die Gitter entkommen.

Und nachts mussten wir natürlich Wache halten, um die LPGs vor westlichen Saboteuren und Agenten, oder Sabogenten, wie wir sie nannten, zu schützen. Im Nachbarort wurde dann ein Agent verhaftet. Der hätte sich besonders geschickt als Instrukteur einer FDJ-Leitung getarnt – und später hatte sich herausgestellt, dass seine Tarnung echt war.“

„Das klingt ja spaßig“, nickte Sandra. „Aber wenn man heute in den Medien was über die DDR hört, dann könnte man denken, das Land war so schwarz, wie der Kohlendreck, den sie geschaufelt haben.“

„Ja, ja,“ winkte Liebert ab, „man konnte als Akademiker auch unfreiwillig in die Produktion kommen, zur Bewährung zum Beispiel, wenn man verbotene Revisionistenliteratur gelesen hatte, wie Karl Kautsky oder Georg Lukács. Das könnte den heutigen Studenten nicht passieren, die lesen nämlich überhaupt nichts mehr.“ Ruckartig wandte sich Liebert wieder von ihnen ab und verließ die Bibliothek.

∞

In den nächsten Wochen suchte Alex in der Bibliothek nach neuen Aufgaben. Die Katalogisierung von Neuzugängen war ihr bald über geworden. Doch sie hatte eine Idee. Liebert war nicht auf dem Flur, sie lief zu seinem Zimmer, klopfte und bat ihn um ein Gespräch.

„Wir sollten einen Sachkatalog einführen“, erläuterte sie ihren Plan. „In unserem alphabetischen Katalog kann man nur nach Autorennamen recherchieren.“

„Das ist völlig ausreichend“, wiegelte Liebert ab und sah nur kurz von seinem Schreibtisch auf.

Doch Alex ließ nicht locker: „Die meisten Studenten kennen aber die Autorennamen nicht. Besonders neue Studenten und Nebenfächler finden sich nicht zurecht. Sie haben keinen Zugang zu den Büchern, die sie hier lesen könnten.“

„Diese Kenntnisse kann man im Studium erwerben, falls man zu den Vorlesungen kommt.“ Liebert spielte auf die von ihm viel zitierte Faulheit der Studenten an, die die Vorlesungen und Seminare seiner Meinung nach methodisch schwänzten und sich lieber außeruniversitären Vergnügungen hingaben.

„Wir bekommen aber immer mehr Bücher von unbekannten Autoren. Es gibt ja nicht nur die Klassiker, die jeder kennen sollte. Man muss in der jüngsten Literatur auch querlesen können. Das geht nur, wenn man seine Lektüre nach thematischen Kriterien zusammenstellen kann.“

„Meinen Sie wirklich, dieser Aufwand lohnt sich, wenn Sie in die leere Bibliothek sehen?“ Inzwischen hatte er seine Papiere zur Seite geschoben und sah sie durchdringend an.

„Wer studieren will, der sollte auch den besten Zugang zur Bibliothek haben“, erwiderte Alex. „Die jüngsten Anschaffungen verlieren sich in der Bibliothek. Wenn wir sie nicht zugänglich machen, dann brauchen wir sie auch nicht zu kaufen.“

„Und wie wollen Sie den Katalog aufbauen?“

Alex atmete auf, sie hatte ihn fast überzeugt. Schnell holte sie ihre Skizze hervor und begann ihr Vorhaben ausführlich zu erläutern.

„Ich denke, wir gliedern den Katalog sowohl nach den regionalen als auch nach den thematischen Schwerpunkten des Studiums. Wir orientieren uns an den Hauptvorlesungen. Dazu müsste man für jedes neue Buch fünf Karteikarten anfertigen, eine für den Autorenkatalog, eine für die regionale Einordnung und drei für die Themen, die das Buch bearbeitet.“

„Gut, schreiben Sie mir eine Liste mit den Schlagworten. Ich prüfe sie dann mit Ihnen.“ Er wendete sich wieder seinen Papieren zu: „Ich habe jetzt zu tun, bitte gehen Sie.“

Alex machte sich an die Arbeit. Sie entwarf alle Themengruppen des Katalogs. Dann schrieb sie erste Karteikarten mit einer elektrischen Schreibmaschine, die immerhin erlaubte, einen Text mehrfach auszudrucken, und sortierte sie ein. Liebert war schließlich einverstanden mit dem Ergebnis und der Katalog blieb.

13

Endlich hielt sie Svens Antwort in den Händen. Den Brief hatte sie bereits auf der Treppe aufgerissen und nun las sie belustigt, dass er nach Jörgs Faustschlag auf sein Kinn fast eine Woche seinen Kiefer nicht mehr richtig hatte bewegen können.

„Der coup de poing hat mich so aus der Umlaufbahn geworfen, dass an eine Rettung meiner Geliebten nicht zu denken war. Die schweren seelischen und körperlichen Verletzungen mussten mit einer Überdosis schöngeistiger Literatur und gelehrsamen Graudrucks geheilt werden. Ich würde mich überaus freuen, wenn du meinen Rückzug verzeihen und mich nächsten Freitag wieder gnädig in deinen Armen aufnehmen könntest. Wir könnten für zwei Tage nach Berlin fahren.“

Sven trug ihr also die Geschichte mit Jörg nicht nach. Sie würden sich wiedersehen, schon bald, und mit dieser Gewissheit eilte sie zur Vorlesung ans Ethnologische Institut.

Dort drängten sich die Studenten im Hörsaal. Sie strömten in einem Gewirr fröhlicher Stimmen durch die Türen, schoben sich und scharrten unaufhaltsam redend mit den Stühlen, hängten – immer noch redend – ihre Jacken schief auf die Lehnen, hoben sie lässig wieder auf, wenn sie herunterfielen, setzten sich und plauderten mit ihren Nachbarn über Partys, Konzerte und andere abendfüllende Unternehmungen.

Alex nahm das Stimmengewirr wahr und sie fühlte sich passend unter den Studenten, die eine alle Alltagssorgen entbehrende Ausgelassenheit zeigten, wie sie eben nur Studenten eigen ist. Keine Existenz- oder Zukunftssorgen belasteten hier die Stimmung. Hörte man ihnen zu, dann war es, als wäre von jedem von ihnen die Last einer jahrelangen Bedrückung abgefallen. Als wären sie plötzlich befreit worden, um sich endlich in das Abenteuer Jugend zu stürzen. Die nie abreißenden Gespräche kreisten darum, was man erlebt hatte, plante zu erleben und was zu erleben man unbedingt weiterempfahl. Wenn sie dann und wann stöhnten, dann nur, weil ein schriftliches Referat kurz vor der Abgabe stand oder Prüfungen absolviert werden mussten. Die Studenten des Instituts für Ethnologie erlebten, als hätten sie nur diese fünf Jahre Zeit, die Welt, wie sie ist, zu umarmen und alles zu probieren, was sie zu bieten hatte. Das hatte eindeutigen Vorrang vor allen studentischen Pflichten, die als lästige Begleiterscheinungen ihres Studiums nebenbei erledigt wurden. Die Abende wurden angefüllt mit dem, was der urbane Kontext der Universität zu bieten hatte. Ein Abend allein im eigenen Zimmer oder gebeugt über den Schreibtisch war Grund für tröstendes Mitleid. Der Unternehmungsdurst hatte sie fest im Griff und von Alltagssorgen hatten sie noch nichts gehört, geschweige denn gefühlt. Selbst die Zukunft zu sein, das war das Elixier, aus dem sie ihre innere Freiheit schöpften, alles zu tun, was ihnen gerade in den Sinn kam und alles zu lassen, was Arbeit auch nur im Entferntesten ähnelte.

Dort saß Sabine und Alex sah, dass neben ihr und einer weiteren Kommilitonin noch ein Platz frei war. Sabine nickte auf ihre Frage, ob sie sich dazusetzen dürfe, und konzentrierte sich gleich wieder auf die Unterhaltung, die sie mit ihrer Nachbarin führte.

„Ich habe einen süßen Typen kennengelernt“, bekannte diese. Sie hieß Manja und studierte im selben Semester wie Alexandra.

„Er studiert Kommunikations- und Medienwissenschaften. Wir haben uns verabredet zum Inchtabokatables-Konzert, nächste Woche.“ Fröhlich lachte sie: „Was für ein Name.“

Alexandra mischte sich sofort ein. „Dann übt schon mal den Namen. Wer ihn am Einlass richtig ausspricht, bekommt freien Eintritt. Ich habe sie übrigens auch schon gehört, zu Silvester. Wir haben Freunde besucht, Archäologen, und waren beim Konzert. Herrlicher Folk-Rock. Das lohnt sich.“

„Und habt ihr den Namen richtig ausgesprochen?“

„Nein, aber einige nach uns haben das geschafft. Zu Silvester sind wir übrigens weiter an die Ostsee gefahren, wo wir in einer alten Burgruine im Freien geschlafen haben.“

„Letztes Silvester war ich nur auf einer Party, aber letztes Wochenende waren wir in Berlin.“

„Berlin?“, vergewisserte sich Alex. Das war doch ihr Ziel für das nächste Wochenende. Sie musste lächeln, während der Hörsaal stiller wurde, weil Dr. Liebert dreimal versucht hatte, sich Gehör zu verschaffen.

14

Am Mittwoch gegen acht erwachte Alex vom Klingeln an der Wohnungstür. Noch halb im Schlaf trottete sie durch den Flur, öffnete und stand vor einem fremden Mann, seriös gekleidet, mit schwarzem kurzem Haar, Mitte vierzig.

„Sind Sie Alexandra Sanger?“, fragte er ohne Umschweife.

Alex nickte und sah fragend zu dem Fremden auf, der sie amüsiert anlächelte.

„Ich bin ein Kollege Ihrer Mutter“, erklärte er seinen plötzlichen Besuch. „Sie wird nachher bei Ihnen nach dem Rechten sehen, wenn wir unseren Termin hinter uns haben. Ich wollte Sie nur warnen, räumen Sie Ihr Zimmer auf.“

Immer noch lachend drehte er sich um und winkte ihr beim Gehen zu. Alex blieb verdutzt an der Tür zurück. Ihr Auftritt im gestreiften Schlafhemd, mit nackten Beinen musste den Fremden erheitert haben. Sie strich sich über das wirre Haar und dachte an ihr ungewaschenes Gesicht. So stand sie noch eine Weile an der Tür, bis sie endlich registrierte, dass es an der Zeit war, sie zu schließen. Sie trottete in ihr Zimmer zurück und sah sich um.

Der Fußboden und die Tische lagen voller Papiere und Bücher, dazwischen standen schmutzige Gläser und Teller, lagen Taschentücher und Knüllpapier. Ihre Kleidung war im ganzen Raum verteilt, und auf dem Tisch stand ein überquellender Aschenbecher. Kurzum, ihr Zimmer war der Albtraum jeder Mutter.

‚Muss das heute sein?‘, dachte sie. Immer dieses Misstrauen, dieses ewige Misstrauen. Ihre Eltern hassten den Gedanken, dass sie in einem Abrisshaus wohnte. Sie kannte deren Angst vor Alkohol und Drogen, und eine solche Wohnsituation musste sich für sie mit diesen Gefahren verbinden.

Doch als Alex ihre Eltern Monate nach ihrem Umzug über ihre neuen Wohnverhältnisse aufgeklärt hatte, hatte sie auch darauf hingewiesen, dass sie die nächste Zeit für ihre erste Forschungsreise sparte und jeden Pfennig, den sie nicht in die Miete stecken musste, zurücklegen wollte. Sie leistete sich nichts und arbeitete sowohl während des Semesters als auch der Semesterferien. Das war für Alex der Inbegriff vorbildlichen Verhaltens, was wollten ihre Eltern mehr?

Die sahen das anders. Ihr Vater hatte die Forschungsreise für ein absurdes Hirngespinst gehalten, und ihre Mutter hatte nur den Kopf geschüttelt. Beide machten ihr keine langen Vorhaltungen, das hatten sie nie getan. Doch sie spürte deutlich ihren Widerwillen. Mit ihrem Schweigen gaben sie ihr zu verstehen, dass sie nichts von ihrer Wohnungswahl hielten. Das Leben in einem quasi besetzten Haus gehörte sich nicht. Es passte nicht in ihre Welt von Anstand und bürgerlicher Moral.

‚Muss ich jetzt mit Schrankwand, Fernseher und Schrebergarten leben, um euch angepasst genug zu sein?‘, hatte sie gedacht, und die Erinnerung an das Leben ihrer Eltern, die immer darauf bedacht gewesen waren, niemals aufzufallen, hatte Abscheu in ihr ausgelöst.

Natürlich, sie hatten sich in der DDR niemals einspannen lassen. Politischen Eifer hatte es bei ihnen nie gegeben: ‚Welch ein Glück‘, dachte Alex. Aber die Freiheit der Kleinen, die in der Masse schwimmen und sich in der Bedeutungslosigkeit verlieren, nur um frei zu sein, reichte ihr nicht.

Sie wollte sich ein Netzwerk aufbauen, von dem sie profitieren konnte. Dazu gehörte es, unter Menschen zu leben. Das einsame Leben ihrer Kindheit, ohne Freunde und Gäste im Haus, nur im engsten Familienkreis, erschien ihr sinnlos. Wie hatte sie als Kind ihre Freundinnen beneidet, wenn sie das vergnügte Miteinander, die Lebendigkeit des Zusammenseins in deren Familien beobachtet hatte. Sie hatte väterliche und mütterliche Freunde vermisst. Denn von ihnen hätte sie lernen können, wie der Umgang mit Menschen funktioniert.

Ihre neuen Kompetenzen bereicherten sie. Sie wusste, sie waren der Schlüssel zu Erfolg und Karriere. Nur, wer im Gespräch stand, wurde beachtet und nur wer beachtet wurde, wurde auch gefördert. Das galt besonders für ein Massenfach wie die Ethnologie. Soziale Kompetenz war diejenige Fähigkeit des Menschen, die am häufigsten mit Intelligenz verwechselt wurde und das besonders von denjenigen Lehrkräften, die kaum Zeit hatten, von ihrer Arbeit aufzublicken, um ihre Studenten persönlich kennenzulernen. Wer sozial aktiv war, gewann die Sympathie und die Anerkennung seiner Mitmenschen ganz nebenbei, ohne sich anstrengen zu müssen.

Alex hatte lange an sich arbeiten müssen. Sie hatte die Leichtigkeit der Unterhaltungen ihrer Kommilitonen stets bewundert, besonders der westdeutschen, die mit den Lehrern in lockerem Austausch standen, spaßten und scherzten. Deren Körpersprache strahlte Selbstverständlichkeit aus. Sie flogen in der Unterhaltung, die Gestik ihrer Arme und die Mimik ihrer Gesichter harmonierten mit ihrer Sprache, und ihre Fröhlichkeit wirkte so selbstverständlich, als wären sie nicht der Schwerkraft ausgesetzt. Sie wollte selbst fliegen lernen, die Leichtigkeit der Kommunikation erwerben, lernen, sich unter Menschen wohlzufühlen. Und gerade der Einzug in diese Hausgemeinschaft war ein bewusster Schritt aus ihrer Isolation gewesen. Das aber würden ihre Eltern nie verstehen.

Alex beschloss, sich umzukleiden. Dann begann sie, ihre Unterlagen zu sortieren und das Zimmer aufzuräumen. Zum Schluss wischte sie Staub und saugte den Teppich, den sie mit Tilo bei der Messe besorgt hatte. Zufrieden sah sie sich im Zimmer um. In den anderthalb Jahren, die sie hier wohnte, war es um einige Einrichtungsgegenstände reicher geworden. Zwischen den Fenstern hatte sie zwei dunkelgebeizte Kellerregale aufgestellt, in denen sie nun ihre Bücher versammelte. Sie erfreute sich daran, dass die Regale immer voller wurden. Mitten im Raum stand die blaue Sitzgruppe, deren Beine sie so gekürzt hatte, dass die gepolsterten Stühle schräg nach hinten geneigt standen. An dem ebenfalls tiefergelegten Tisch zeugte ein kleines Messingplättchen davon, dass es sich einst um einen Bibliothekstisch gehandelt hatte. An der linken Zimmerseite lag eine Matratze, auf der sie schlief, und über ihr hatte sie die Wand mit Schnüren und Stoffen in Knüpftechnik gestaltet, sodass ein spinnenwebenartiges Gebilde entstanden war. Aber die wichtigsten Einrichtungsgegenstände waren ihr Schreibtisch vor dem Fenster, mit ihrem Computer und einem alten Drehstuhl, von dem sie sich einbildete, dass er in den Achtzigerjahren bereits einem Akademiker gehört hatte. Alex setzte sich an den Schreibtisch und wollte gerade ein Buch aufschlagen, als es klingelte.

15

Sie stand vor der Tür ihrer Tochter. Nirgendwo Klingelschilder, an denen Namen hätten stehen können. Alles, was zu einem normalen Haus gehörte, fehlte hier, sogar die Geländerstäbe an der Treppe. Überhaupt, das Ensemble von teilweise abgerissenen Häusern hatte einen Schock in ihr ausgelöst. Einige Sekunden hatte sie vor dem Nachbarhaus gestanden oder dem, was davon übrig war, und in dessen halbierte Zimmer gesehen, und sie hatte sofort gewusst, dass die Tapeten aus den Siebzigerjahren stammen mussten. Sogar einen Schrank sah sie noch in einer Zimmerecke, und eine seiner Türen stand, wie das Haus selbst, offen.

Sie konnte sich ja vorstellen, dass Jugendliche gern unter außergewöhnlichen Umständen leben, auch ihre Tochter hatte diesen unsäglichen Hang zur Unangepasstheit. Aber wo hatte sie das bloß her? Niemand in ihrer Familie, weder mütterlicherseits noch väterlicherseits, hatte diesen Freiheitstrieb wie ihre Älteste. Alle hatten sich angepasst und Verantwortung für sich und andere übernommen. Nur ihre Tochter schien durch das Leben zu trudeln, als fehle ihr der Halt. Und dazu passte auch, dass sie ihren Träumen hinterherlief, als gäbe es kein Morgen. Sie meinte wohl, sie wäre ewig jung. Aber mit dem Studium war das Leben nicht vorbei, dann ging es darum, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, eine Familie zu gründen und Kinder aufzuziehen. Wie wollte sie das mit diesem unglückseligen Studienfach tun? Mit Ethnologie konnte man doch keine Familie ernähren!

Sollte sie klingeln? Ein tiefes Gefühl von Ohnmacht machte sich in ihr breit. Als sie vor wenigen Minuten noch vor dem halb abgerissenen Haus gestanden hatte, da hatte sie Alex’ Lebensübermut sogar verstanden. Dass sie mit ihr fühlte, das würde Alex wohl nie begreifen, denn sie kannte ihre Mutter erst, seit sie Mutter war, und das war sie früh, zu früh, bereits mit zwanzig Jahren, geworden. Sie selbst hatte nach der Geburt ihrer Ältesten die innere Sehnsucht nach Freiheit stets in die dicken Mauern ihres Alltags, zwischen Studium, Beruf, Kind und Haushalt gezwängt und ihren Sehnsüchten nie erlaubt, aus den Routinen des Alltags auszubrechen. Ihre eigene Abenteuerlust hatte sie mit Büchern gestillt, in denen sie las, was sie gern selbst erlebt hätte. Das musste reichen, und sie wusste auch, daran war ihre Älteste nicht schuld. Sie gönnte Alex den Lebenshunger, mit dem sie die Welt entdeckte, als wäre sie ein Abenteuerroman. Und doch hatte sie die unbestimmte Angst, dass sie auf eine Katastrophe zusteuerte, indem sie ihre Chance auf eine sinnvolle Ausbildung wegwarf und stattdessen ihren Eingebungen folgte, bis sie ohne Einkommen und ohne Zukunft dastehen würde, gealtert vom ausschweifenden Leben und perspektivlos.

Warum begriffen Kinder nie, wie sehr sich ihre Eltern um ihr Wohl sorgten und selbst mitlitten, wenn es ihnen nicht gut ging, oder wenn sie auf eine Zukunft zusteuerten, in der es ihnen nicht gut gehen würde? Warum betrachteten Kinder die Sorgen ihrer Eltern als ungerechtfertigte Einengung ihrer eigenen Freiheit? Ja, da war der Spruch, seine Erfahrungen muss jeder selber sammeln. Und Alex machte vehement ihre eigenen Erfahrungen, als gäbe es ihre Familie nicht, die ihr jahrelang die Erfahrungen vorgelebt hatte, die man machte, wenn man seinen Alltag meistert. Alex war aus dem Familienleben ausgebrochen. Vielleicht hatte sie als Mutter ihre Älteste zu stark in ihren Ambitionen gebremst, und der heftige Befreiungsschlag, der darauf folgte, war nun total und völlig kompromisslos.

Und plötzlich fühlte sie sich unangenehm davon berührt, dass Kinder jede Etappe der Entwicklung eines Menschen in einer Totalität wiederholten, als wäre es unmöglich, auf den Erfahrungen anderer aufzubauen. Jeder wiederholte und wiederholte. Man konnte es schon im frühen Kindesalter beobachten, wie die Etappen der Persönlichkeitsentwicklung sich unwiderruflich einstellten, wie das Kind, und später der Jugendliche, in seiner eigenen Welt aufging, völlig untangiert von den vielen Generationen vor ihm, bis hin zum Befreiungsschlag aus der Familie und der völligen Unbeeinflussbarkeit des Jugendlichen, der von seinen Eltern nichts mehr wissen wollte. Es war wie eine Naturgewalt im Leben der Menschen.

Doch dass ihre Älteste nun in dieses Abrisshaus gezogen war, brachte das Fass zum Überlaufen. Was dachte Alex sich dabei, sich dieser saufenden und Drogen nehmenden Chaotenszene anzuschließen? Sah sie nicht die Gefahr, sich das Leben völlig zu ruinieren? Wollte sie als Junkie enden?

Sie musste sich Gewissheit verschaffen, deshalb war sie hergekommen. Sie wollte mit eigenen Augen sehen, wie ihre Tochter hier lebte, und die ganze Fahrt über hatte sie mit ihrem Kollegen über nichts anderes gesprochen als über ihre Tochter, die ihr völlig entglitten war.

Entschlossen und wütend drückte sie auf die namenlose Klingel. Schon diese selbst gebaute Tür flößte ihr Unbehagen ein, als müssten sich die Bewohner hier vor der Realität verbarrikadieren. Sie wollte Alex herausreißen aus diesem Haus, um sie in einem vernünftigen Leben wieder abzusetzen, wo sie hingehörte, vernünftig und mit genügend Respekt vor der Zukunft, die sie doch endlich gestalten sollte. Sie konnte so frei sein, wie sie wollte, aber mit Verantwortungsbewusstsein für ihr eigenes Leben.

Dann hörte sie Geräusche hinter der Tür. Wer auch immer sie einlassen würde, er musste an mehreren Schlössern drehen, bis sich die Tür knarrend öffnete. Vor ihr stand ein blonder junger Mann mit verschlafenen Augen.

‚Um diese Uhrzeit‘, dachte sie. Es war doch schon um elf! Der Fremde widerte sie an, sie wollte ihn nicht einmal ansehen, sondern sofort in das Zimmer ihrer Tochter. Schroff erklärte sie, wer sie war.

„Ich möchte sofort Alex sehen!“, sie hörte die Härte in ihrem eigenen Ton widerhallen, trat – ohne eine Reaktion des verschlafenen Blonden abzuwarten – in den Flur und sah sich um. Der riesige Vorsaal wirkte aufgeräumt, aber wahrscheinlich hatten die Leute hier nichts, um es in den Flur zu stellen. Wenigstens war er in hellen Farben gestrichen. Er sah sogar gut aus, aber darüber konnte sie sich jetzt keine Gedanken machen.

Vom Vorsaal aus gingen mehrere Türen ab. Wo lag das Zimmer ihrer Tochter? Ob sie wollte oder nicht, sie musste sich noch einmal zu dem Blonden umdrehen. Der stand immer noch völlig verblüfft an der Tür und starrte sie an. Doch dann räusperte er sich. „Hinten rechts“, erklärte er mit einer Geste seiner Hand, ohne dass sie ihn fragen musste, und sie stürmte voran, lief zum hinteren Ende des Flurs, und ohne zu klopfen riss sie die Tür auf. Dann stand sie mitten im Zimmer und sah in das erschrockene Gesicht ihrer Ältesten, die mit einem Buch in der Hand an einem alten Schreibtisch saß und sie nicht erwartet hatte.

Nun erstarrte auch sie, Zorn und Verblüffung stritten in ihrem Inneren und nahmen ihr die Luft. Das Zimmer sah aus, als wäre es gerade aufgeräumt worden, und ihre Tochter saß an dem Schreibtisch, auf dem ein neuer Computer thronte, wie ein Engel von Disziplin und Fleiß.

Sprachlos sah sie sich um. Ein Ambiente, in dem sie selbst nicht hausen wollte. Ihre Tochter schlief auf alten Matratzen, deren Bettzeug locker, aber gerade darüber geworfen war, sodass man das Bett mit viel gutem Willen als gemacht betrachten könnte. Mitten im Raum stand eine Sitzgruppe um einen niedrigen Tisch, und die Beine der blau gepolsterten Stühle aus den Fünfzigerjahren waren so schräg und niedrig abgesägt, dass man in den Stühlen hocken musste wie in einem Kosmonautensessel.

Auch Bücherregale gab es, schiefe Kellerregale, dunkelbraun gebeizt und reichlich mit Büchern gefüllt, so bunt wie das Leben, von dem ihre Älteste in ihrer ganzen Weltfremdheit träumte.

„Hallo, Mutti!“, sagte Alex plötzlich. „Was machst du denn hier?“

Sie registrierte, dass sie ihre Tochter noch nicht einmal begrüßt hatte, zu heftig waren die Gefühle gewesen, mit denen sie in dieses Zimmer gestürmt war. Und noch immer wusste sie nicht, was sie nun von ihrer Tochter halten sollte. Sie hatte Chaos erwartet, dasselbe Chaos, das sie aus dem Kinderzimmer kannte, das sie so oft aufgeräumt hatte. Aber dieser Raum bot ihr keinen Grund für Kritik. Der Anschein war ordentlich, aber es war nur der äußere Schein, er konnte trügen. Wovor sie eigentlich Angst hatte, das war ja das Leben ihrer Tochter. Trank sie? Rauchte sie? Nahm sie Drogen? Ließ sie sich von den Leuten hier verführen, ihre Zukunft wegzuwerfen, bevor ihr Leben richtig begonnen hatte? Doch sie musste irgendetwas sagen, und weil ihr nicht einfiel, wie sie all die Fragen formulieren sollte, die ihr ihre Tochter sowieso nicht ehrlich beantworten würde, sagte sie einfach: „Ich wollte sehen, wie du hier lebst.“

„Willst du einen Tee?“, fragte nun Alex mit Unschuldsmiene und wies auf einen der blauen Kosmonautenstühle. „Setz dich doch!“

Immer noch stand sie stumm da und blickte sich im Zimmer um, als könne sie doch noch ein rumliegendes Buch oder eine mit Staub verkleisterte Ablagefläche finden. Der Versuch, in irgendeiner Weise das Leben ihrer Tochter mitzugestalten, sie vor den Gefahren in diesem Haus zu bewahren und ihr die Zukunft, die sie sich für sie wünschte, zu Füßen zu legen, war sinnlos. Das hatte sie jetzt begriffen. All ihre Sorgen und ihre Hilfsbereitschaft, mit ihrer Ältesten an deren Leben zu arbeiten, prallten von ihr ab wie von einer gläsernen Wand. Ihre Tochter war durch und durch ein Individuum geworden, das sein Leben selbstbewusst in die Hand nahm und Einmischungen nicht mehr duldete. So fremd sie ihr in diesem Zimmer auch erschien, so sehr verstand sie sie. Ihr Kind war kein Satellit mehr, der um die Mutter wie um die Erde kreiste, sie hatte die Umlaufbahn verlassen. Und dass die Erde um den Satelliten kreiste, das war nur eine lächerliche Vorstellung. Das Einzige, was sie tun konnte, war abzuwarten, bis sich die nächste Entwicklungsphase im Leben ihrer Tochter einstellte, sie in einen Beruf ging und eine Familie gründete. Dann würde sie wieder näher zu ihren Eltern rücken, so war das Naturgesetz.

„Oder soll ich dir den Rest der Wohnung zeigen?“, fragte nun Alex etwas provokanter.

Endlich konnte sie reagieren: „Nein, ich muss wieder los. Mein Kollege wartet draußen im Auto.“

„Was hast du denn? Gefällt dir mein Zimmer nicht?“ Ihre Tochter sah sie herausfordernd an, und immer noch wusste sie nichts zu sagen. Die Erkenntnis um die Unbeeinflussbarkeit des Lebensweges ihrer Tochter hatte sie völlig überrumpelt. Sie schüttelte sich und schließlich gab sie Antwort: „Aufgeräumt ist es ja, aber“, und sie musste tief Luft holen, „ich mache mir Sorgen darüber, wie ihr hier haust.“

„Mutti, mach dir keine Sorgen. Ich passe schon auf mich auf, und ich verspreche dir, Drogen sind für mich tabu. Ich will doch nur in einem eigenen Zimmer leben und muss auf meine Reise sparen.“ Alex begann mit sanfter Stimme für ihr Zimmer zu werben, und das beruhigte sie. Am liebsten hätte sie sich von ihrer Tochter für immer einlullen lassen. Um irgendetwas zu tun, trat sie an den Tisch und entdeckte eine kleine Messingplakette, die daran befestigt war. Sie wischte darüber und las die Aufschrift. „Universitätsbibliothek der medizinischen Fakultät.“ Konnte es sein …?

„Sag mal, Alex, die Plakette – das ist doch ein Bibliothekstisch. Hast du etwa …?“

„Mutti“, stöhnte Alex auf, „denkst du, ich bin in die Bibliothek gegangen, habe den Tisch auf den Rücken genommen und bin damit abgezogen?“ Dann lachte sie. „Die Uni sortiert alte Möbel aus und den Tisch habe ich einfach geschenkt bekommen.“

‚Ja klar‘, dachte sie, ‚meine Sorgen werden schon paranoid. Vielleicht sollte ich Alex einfach mehr vertrauen, dann könnte ich ruhiger schlafen, und Alex wäre frei.‘

Sie nickte: „Na gut“, und ihre Stimme wurde sanfter. „Mein Kollege wartet. Ich muss gehen.“

Alex stand auf und umarmte sie.

Leicht strich die Mutter ihrer Tochter über den Rücken. „Ich wünsche dir viel Erfolg beim Studium. Mach was aus deinem Leben, und wenn du Hilfe brauchst, dann melde dich bei uns.“ Über ihre Wangen zog sich ein feuchter Streifen. Verstohlen wischte sie sich mit dem Handrücken die Erleichterung aus dem Gesicht. Sie würde – sicher – in die Familie zurückkehren. Und irgendwann würde sie selbst Enkel auf dem Schoß sitzen haben, und Alex würde ihr Kind und ihre Mutter glücklich ansehen. Dieses Naturgesetz würde sich genauso einstellen wie ihr jetziger Freiheitstrieb.

Sie wandte sich zur Tür, und Alex rief ihr hinterher: „Das nächste Mal kündige dich aber bitte an und bring etwas Zeit mit!“ Dieser Satz verletzte sie schon nicht mehr.

16

Ende 1993 diskutierte die Fakultät öffentlich über die Zukunft der Ethnologie und damit auch über Ulrichs Stelle. „Evaluierung“ war das Wort, das in den Jahren 1991 bis 1993 alle an der Universität umtrieb. Die Studenten bekamen davon kaum etwas mit. Dennoch wusste Alex, wie alle Studenten, dass in den neuen Bundesländern und damit auch an der Universität Linden alle wissenschaftlichen Einrichtungen und die in ihnen angestellten Personen überprüft wurden. Es sprach sich herum, dass neben der politischen Unbedenklichkeit auch die wissenschaftliche Qualifikation evaluiert wurde. Die Zukunft eines Angestellten hing nun davon ab, ob er für die Staatssicherheit gearbeitet hatte, ob durch ihn Schaden für Kollegen oder Studenten entstanden war und inwieweit sein administratives Wirken und seine wissenschaftliche Arbeit systemstützend gewesen waren. Politisch belastete Lehrkräfte sollten endgültig aus den Universitäten verbannt werden und mit ihnen die sozialistische Ideologie. Wer dem politischen System der DDR zu nahe stand, wem man zu große Staatsnähe vorwarf oder wer nachweislich in irgendeiner Form mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet hatte, erhielt die Kündigung.

Die Studenten begrüßten die politische Seite der Evaluierung. Dagegen wurden immer mehr kritische Stimmen gegen die wissenschaftlichen Eignungsprüfungen laut. Sie sahen, dass mangelnde Eignung leicht gegenüber Kollegen herbeizureden war, besonders wenn man die ungünstigen Bedingungen des Wissenschaftssystems der DDR als Argument gegen die Universitätsmitarbeiter ausspielte. Die Lehrenden selbst mieden das Thema, bis die Ergebnisse feststanden. Sprach man sie darauf an, winkten sie ab und verschwanden in ihren Zimmern. Doch Druck und Angst vibrierten in den Räumen der Alma Mater.

Der Hörsaal war schon nach wenigen Minuten überfüllt. Studenten, Doktoranden und Lehrkräfte, Fakultätsratsmitglieder und Museumsethnologen sowie Mitglieder der Berufungskommissionen saßen im überheizten Raum. Einige Zuschauer hockten auf den Tischen, die an den Wänden aufgestellt waren, und andere standen mit ihren Jacken unter dem Arm im Eingangsbereich bei der Tür. Alex hatte Glück gehabt, denn Sabine hatte ihr einen Platz frei gehalten. Sie setzte sich in eine der hintersten Reihen unter die älteren Studenten.

An den Stuhllehnen im Hörsaal knirschte die abgelegte Winterkleidung bei jeder Bewegung der Sitzenden. Die Stiefel scharrten unter den Stühlen über das uralte Parkett und die Leute redeten mit gedämpften Stimmen.

Endlich kam Ruhe in den Saal. Der Dekan leitete die Veranstaltung ein. Doch seine Rede verlief anders, als es Alex erwartet hatte. Mit keinem Wort erwähnte er in seiner Ansprache die personellen Veränderungen, die bereits vollzogen worden waren. Vor einigen Wochen mussten zwei Mitarbeiter gehen, von denen sich nach und nach herumgesprochen hatte, dass sie für die Stasi gearbeitet hatten. Sie gingen leise und ohne Abschied. Danach hatte Alex auch von Entlassungen am Museum gehört. Für sie schien das Problem damit erledigt, zumal Ulrich und die verbleibenden Mitarbeiter eine Unbedenklichkeitserklärung vom Ministerium ausgestellt bekommen hatten, die ihnen offiziell bestätigte, dass sie die politische Prüfung bestanden hatten und auch an ihrer wissenschaftlichen Qualifikation nicht gezweifelt wurde.

Doch nun erfuhr sie, dass die Reformen mit der Evaluierung und der positiven Begutachtung des verbleibenden Personals am Institut nicht abgeschlossen waren.

Der Dekan sprach von personeller Erneuerung, die es zu beschleunigen gelte. Es schien, als ob die politisch bedingten Entlassungen dem Ministerium für den strukturellen Umbau der Universitäten nicht ausreichten. Und Alex fragte Sabine, was das bedeute. Doch die leitete die Frage an ihren Nebenmann weiter, einen älteren Kommilitonen, den sie gut kannten und der selbstgewiss die Rede des Dekans verfolgte.

„Wisst ihr das nicht?“, fragte der und beugte sich dann zu ihnen hinüber. „Nahezu allen Professoren der Universität ist gekündigt worden“, erklärte er dann.

„Was? Auch denen, die positiv evaluiert worden sind?“, flüsterte sie an Sabine vorbei. „Deren Weiterbeschäftigung galt doch als gesichert?“

„Auch denen! Dafür hat man sogar für drei Monate den gesetzlichen Kündigungsschutz außer Kraft gesetzt.“

„Und Ulrich?“, fragte nun Sabine.

„Ulrich hat eine Kündigung aus ‚Mangel an Bedarf‘ bekommen. Aber jetzt wollen sie die Stelle, für die es an Bedarf mangelt, neu besetzen.“ Der Student lachte leise.

„Das ist ja eine Schweinerei!“ Alex hatte erwartet, dass Ulrich an der Universität bleiben würde. Außerdem wurde doch Ulrich nun auch gesamtdeutsch gewürdigt. Und die deutschsprachige Ethnologie feierte seit einigen Monaten die Wiedervereinigung Deutschlands mit der Wahl des Ostdeutschen Ulrich zum Vorsitzenden der Bundesdeutschen Vereinigung für Ethnologen. Wie konnte das sein?

„Das wäre ja der reinste Kahlschlag!“, mischte sich nun auch Sabine ein. „Da muss man sich nicht wundern, wenn überall von Siegermentalität gesprochen wird.“

Der Student nickte. „Die wollen Platz schaffen für westdeutsche Mitarbeiter. Die Ossis sollen raus aus den Universitäten. Es ist der völlige Hohn, dass Ulrich nun auch noch eine Aufforderung bekommen hat, sich auf seine eigene Stelle zu bewerben. Jetzt steht er natürlich in Konkurrenz mit weiteren Bewerbern, die aus dem Westen kommen. Es gibt in dem Bewerbungsverfahren zwar eine Klausel, dass die ehemaligen Stelleninhaber bevorzugt werden sollen. Aber wozu feuert man sie erst, wenn man sie dann wirklich wieder einstellen will? Das ist die reinste Augenwischerei. Jedenfalls gibt es deutschlandweit Ethnologen, die dazu aufrufen, sich nicht auf diese Stelle zu bewerben. Trotzdem soll es schon Bewerber geben.“

Der Dekan hatte seine Rede beendet. Die Anwesenden klatschten verhalten. Dann meldete sich der Versammlungsleiter zu Wort und in wenigen Minuten entbrannte eine hitzige Debatte, in der die Institutsfrage zur Causa Ulrich wurde.

Ein Kritiker hielt Ulrich vor, er sei nicht in der Lage, eine zukunftsweisende Studentenausbildung zu leisten. „Die Studenten müssen jetzt für den gesamtdeutschen Arbeitsmarkt fit gemacht werden“, erklärte er. „Mit einer personellen Erneuerung des Instituts müssen wir dafür Sorge tragen, dass sie internationale Standards erreichen!“

Im Saal raunte es unwillig, das Scharren der Schuhe wurde lauter und eine Frauenstimme beschwerte sich: „Sie können doch nicht ostdeutsche gegen westdeutsche Kollegen ausspielen. Die Arbeitsbedingungen in der BRD waren ungleich besser als in der DDR.“

Doch die kritische Stimme ließ nicht locker: „Ulrich fehlt jede Forschungserfahrung im Ausland. Wie also soll er seine Studenten auf die Forschung vorbereiten?“

Wieder ging ein Raunen durch den Saal, und die Frau machte ihrem Unwillen Luft: „Bei den Reiseeinschränkungen in der DDR ist es zynisch, so zu argumentieren.“

Leises Murmeln bestätigte sie, und eine weitere Frauenstimme warf ein: „Sie können doch nicht erwarten, dass ein Kollege aus der DDR die gleichen Forschungserfahrungen wie seine westdeutschen Kollegen hat.“ Sie bekam Unterstützung: „Wir hätten auch gern im Ausland gearbeitet!“ – „Jeder in der DDR wäre gern gereist!“ – „Ja, genau!“ – „Stimmt!“, rief es im Publikum. „Können wir etwas dafür, dass wir nicht reisen durften?“

Eine kurze Pause entstand, die der Kritiker sofort nutzte: „Trotzdem brauchen wir jetzt einen Kollegen mit Erfahrung!“

„Sollen wir als Ostdeutsche generalbestraft werden?“, konterte es aus dem Publikum und: „Ist eine DDR-Vita ein Entlassungsgrund?“

Einige Personen im Publikum kämpften: „Wir wollen dieselben Rechte, wie unsere westdeutschen Kollegen! Professorenstellen sind unkündbar und es ist das Mindeste, dass man Rücksicht auf unsere Vergangenheit nimmt und diese uns nicht zum Nachteil auslegt. Wir wollen nicht zwei Mal Opfer werden.“

Plötzlich sprang eine Frau von ihrem Sitz auf und beendete abrupt die Diskussion: „Das kann man doch nicht mit anhören!“, rief sie aufgebracht: „Ulrich war Sekretär der SED. Es ist unverantwortlich, ihn weiter lehren zu lassen. Er hat sich seine Professur mit Systemnähe erschlichen!“

Nun brach der Damm endgültig. Die laute Empörung der Verteidiger entlud sich gegen die kritischen Stimmen: „Wir mussten uns alle anpassen!“ – „Wer sich nicht angepasst hat, hat sich ruiniert!“ Und eine dritte Stimme rief: „Sich öffentlich gegen das System zu stellen, wäre das eigene Karriereende gewesen! Als Professor war er verpflichtet, eine Funktion in der SED zu bekleiden.“

„Trotzdem konnte man sich widersetzen“, erwiderte die Frau und legte Bedacht in ihre Stimme. „Dann hätte man berufliche Probleme eben hinnehmen müssen!“

Doch eine Verteidigerin fand sich mit diesem Argument nicht ab: „Das ist völlig naiv! Wie können Sie es wagen, so zu reden. Mit einer westdeutschen Vita hat man überhaupt kein Recht, hier Moral zu predigen. Sie haben weder unter den Bedingungen der DDR gelebt, noch haben Sie bewiesen, dass Sie sich lieber ruiniert hätten, als Systemnähe zu zeigen. Was hätten Sie denn alles für Ihre Karriere getan?“

Ein Professor stand auf und versuchte zu schlichten. Mit einer Ruhe stiftenden Geste seiner Hand und mit eindringlicher Stimme erklärte er: „Ulrich wurde wie alle anderen Universitätsmitarbeiter politisch evaluiert. Seine Vita ist offiziell unbedenklich. Daran sollten wir uns orientieren.“

Und jemand ergänzte: „Außerdem hat er unter den Bedingungen der DDR die Ethnologie in Linden gerettet. Sollten wir ihm jetzt nicht die Möglichkeit geben, zusammen mit unseren westdeutschen Kollegen das Institut zukunftsfähig zu machen?“

Alex betrachtete die beschlagenen Fensterscheiben, an denen einzelne Wassertropfen breite senkrechte Streifen zeichneten. Sie begriff, Ulrich hatte Feinde. Er wurde massiv aus den eigenen Reihen angegriffen. Die Argumente pro und kontra einer personellen Anpassung an den Westen flogen hin und her, und es schien, als seien die Argumente der Gegner Ulrichs in irgendeiner Weise die rhetorisch stärkeren. Sie argumentierten mit kalten Notwendigkeiten, übersahen bewusst die besondere historische Situation der Ostwissenschaftler und wurden dabei ungerecht gegenüber denjenigen, die Jahrzehnte für die Weiterexistenz des Instituts gekämpft hatten. Das Ausblenden der Bedingungen des Wissenschaftssystems in der DDR wirkte auf Alex rücksichtslos. Doch die Argumente der Befürworter Ulrichs, die genau darauf hinwiesen, kamen aus der Defensive. Mit dem Rücken an der Wand reduzierten sie sich auf die Forderung von Rücksichtnahmen gegenüber ihrer Sondersituation, was ihnen wiederum von den prowestlich Argumentierenden als Schaden für die Studenten ausgelegt wurde. Rücksicht müsse man nicht auf die Lehrenden nehmen, sondern allein auf die Studenten, die ab sofort die bestmögliche Ausbildung erhalten sollten.

‚Fanden sie denn keine Argumente, was ein Ostdeutscher zu der gesamtdeutschen Ethnologie beitragen konnte?‘, fragte Alex sich.

Doch die Ossis waren zu sehr in Verteidigungsreden und Diskussionen um Benachteiligungen vertieft, als dass sie argumentativ in die Offensive gegangen wären. Die Nerven lagen blank. Und plötzlich stand eine Frau mitten im Hörsaal, wies mit ihrem Finger auf eine Kollegin, die eben gesprochen hatte, und rief mit schriller Stimme in den Saal: „Das werden wir uns merken!“

Erst war es still, dann begann der Raum zu kochen und eine weitere Frauenstimme konterte: „Wir wissen, wie viel Sie sich merken können“, und Alex kapierte. Sie spielte auf IM-Aktivitäten an.

Die Berufungskommission tagte nicht öffentlich. Sie bestand vorwiegend aus westdeutschen Professoren und sie fällten eine Entscheidung. Ulrich kam nicht auf die Liste der geeigneten und dem Ministerium vorzuschlagenden Kandidaten. Das Institut bekam einen Leiter aus den alten Bundesländern. Da Ulrich nach seiner Evaluierung nichts vorzuwerfen war, klagte er gegen seine Kündigung und gewann. Die Universität musste ihn wieder einstellen, doch Ulrich wechselte das Institut. Anstatt in der Ethnologie lehrte er nun in den Kulturwissenschaften.

Von den ehemals sieben Mitarbeitern hatte das Institut 1994 noch zwei, die bereits vor der Wende am Institut beschäftigt gewesen waren. Einer von ihnen bewarb sich erfolgreich auf seine eigene Stelle, die allerdings vor der Wiederausschreibung auf drei Jahre befristet worden war. Nach Ablauf dieser Zeit wurde er aus dem Universitätsdienst entlassen. Als einziger Mitarbeiter, der die Evaluierung und die Entlassungen beruflich überlebt hatte, blieb am Institut nur Liebert. Die Studenten nannten ihn von nun an den „Quotenossi“. Dass er an der Universität weiterbeschäftigt wurde, lag auch daran, dass er unter den ehemaligen Mitarbeitern der Älteste war und seine Pensionierung und damit seine Entfernung aus der Universität zeitnah in Aussicht stand.

„Kennst du den?“, fragten sich die Studenten in der Raucherecke gegenseitig: „Zwei Professoren treffen sich auf dem Flur zum Rektorat. Sagt der eine zum anderen leise, ‚Noch der Liebert, dann sind wir ostrein.‘“

17

Als sich an diesem Dienstagnachmittag der Hörsaal füllte, lag Anspannung im Raum. Sie dämpfte die sonst überschwänglichen Stimmen der Studenten, die sich heute leiser über ihre abendlichen Unternehmungen unterhielten. Der neue Professor wurde erwartet. Er sollte seinen Antrittsvortrag halten.

Lehrkräfte und Universitätsangehörige betraten gewichtig den Raum, besetzten die vordersten Reihen des Hörsaals und begannen, sich mit selbstbewusster Miene auszutauschen. Alexandra drängte sich mit den Studenten wie immer in den hinteren zwei Dritteln des Saales. Gewohnheitsmäßig ließen sie drei Reihen Platz zwischen sich und dem Dozenten, als sei Weisheit ansteckend.

Plötzlich wurde es still im Hörsaal. Alle Augen richteten sich zur Tür. Zuerst betrat der Prorektor den Raum. Er drehte sich noch einmal zur Tür und sprach mit gelassener und nun deutlich hörbarer Stimme zu seinem noch unsichtbaren Begleiter. Der Raum knisterte. Dann erschien eine hohe gebeugte Gestalt. Das musste er sein, Prof. Dr. Bodo Lange. Er schien das ihn erwartungsvoll anstarrende Publikum kaum wahrzunehmen. Professionell und sichtlich vertieft in das Gespräch mit dem Prorektor, trat er fast beiläufig durch die Tür, als gehörte er selbst nur zum Auditorium. Die Universitätsangehörigen nahmen ihre Gespräche wieder auf. Doch der Raum war stiller geworden. Fünfzig Studentenaugenpaare beobachteten unter leisem Raunen neugierig den neuen Prof. Im Gespräch mit dem wesentlich kleineren und kräftigeren Prorektor wirkte er wie viele lange Menschen, die sich, ihrer Größe bewusst, tief zu ihren Gesprächspartnern herabneigen.

Professor Lange trug ein beige kariertes Sakko über einem hellen Hemd mit dunklem Schlips in der Farbe seiner dunkelbraunen Hosen. In der linken Hand hielt er ein zusammengerolltes Skript. Herzlich, aber bestimmt schüttelten sich nun der Dekan und Lange die Hand. Während Lange mit dem Rücken zur Tür stehen blieb, trat der Prorektor an das Rednerpult. Der Hörsaal wurde still. Alle Augen richteten sich nach vorn.

„Meine Damen und Herren, werte Kollegen, liebe Studenten. Wir haben uns heute hier versammelt, um Herrn Professor Lange die Gelegenheit zu geben, sich an unserer Fakultät als neuer Institutsleiter des Instituts für Ethnologie vorzustellen. Die Ethnologie in Linden, die inzwischen auf ein ehrwürdiges Alter von immerhin achtzig Jahren zurückblicken kann, ist eines der bedeutendsten Institute unserer Fakultät und sie ist – wohlgemerkt – das älteste Institut für Ethnologie im deutschsprachigen Raum. Ein solches Institut ist genau der richtige Wirkungsort für einen Kollegen, der in der Wissenschaftsgeschichte ebenso zu Hause ist wie in seinen Forschungsfeldern in Afrika. Wir freuen uns auf eine enge und intensive Zusammenarbeit mit dem neuen Institutsleiter und Vertreter der Ethnologie, Professor Dr. Bodo Lange.“ Der Prorektor hob einladend seine Hand in Langes Richtung: „So, und nun möchte ich Ihnen Herrn Professor Lange nicht länger vorenthalten. Bitte, Herr Lange, treten Sie an das Rednerpult und beginnen Sie mit Ihrer Antrittsvorlesung.“

Der Saal klatschte begeistert, während der Prorektor Lange noch einmal die Hand schüttelte, bevor dieser zum Rednerpult schritt. Er legte seine Papiere auf das Pult, sortierte sie und begann seine Rede.

„Ethnologie baut auf Bildung auf, die sie abzubauen hat. An diese entscheidende Erkenntnis Johann Gottfried Herders hat uns Hans-Georg Gadamer erinnert. Aus der Spannung zwischen dem wissenschaftlichen Ansatz, der die Welt rational zu begreifen vorschreibt, und den Welten, die der Ratio nur einen unter vielen Werten zumessen, speist sich eine weitere Aufgabe der Ethnologie. Im Gegensatz zu allen anderen Wissenschaften möchte sie die westliche Sicht von Gott und der Welt nicht absolut setzen oder zum vorläufigen Höhepunkt normieren, sondern relativieren aus der Sicht von anderen Denktraditionen, die sie gleichbehandelt wissen möchte.“

Alexandra erstarrte, ‚Was wollte Lange Ihnen sagen?‘ Hilflos sah sie sich um. Ihre Kommilitonen hockten stumm auf ihren Stühlen. Niemand wagte, auch nur mit den Füßen zu scharren. Vor den Studenten lagen leere Blätter. Sie drehten ihre Stifte in beiden Händen.

„Das Wissen der Ethnologie ist die Frucht solcher Anstrengung, Horizontgrenzen zu überschreiten, Horizonte nebeneinander zu sehen, ja Horizonte zu wechseln. Nicht das gelungene Ergebnis, sondern der gewagte Versuch verdient hier Beachtung“, fuhr Lange fort.

Und Alexandra schüttelte unwillig den Kopf. Sie, die bislang gelernt hatte, in welchen Weltgegenden welche Wirtschaftsformen praktiziert wurden, wo wir Altersklassensysteme vorfinden und was diese von Generationsklassensystemen unterschied, welche Verwandtschaftssysteme existieren und worin sich Schriftreligionen von nichtschriftlichen Religionen abheben, verstand ihr eigenes Fach nicht mehr. Was immer auch der neue Professor sagen wollte, seine Worte erschienen ihr wie kunstvolle ätherische Gebilde, deren Sinn sie nicht greifen konnte. Und genau das war das Problem. Während Lange dozierte, fand Alexandra in seiner Rede keinen Angriffspunkt, an dem sie sich hätte festhalten können, um zu einem vertrauten Bild oder Gedanken zu kommen. Seiner Rede fehlte das Konkrete, das Anschauliche, das die Ethnologie für sie bis dahin immer greifbar gemacht hatte. Mit der Überzeugung einer Lernenden war sie gewohnt, nach Antworten auf die immer gleiche Frage zu suchen: „Worin unterscheiden und worin gleichen sich weltweit die Ethnien, in deren Gesellschaft, Wirtschaft und Religion sie im Unterricht eingeführt wurde?“

Das Publikum klatschte und riss sie aus ihren Gedanken. Lange hatte seinen Vortrag beendet. Dann wurde es wieder still. Der Dekan forderte zu Wortmeldungen auf. doch kein Student wagte es, die Hand zu heben. Darauf beendete er die Sitzung. Nach seinen ausführenden Worten steckten die Studenten betreten ihre leeren Blätter in die Taschen, nahmen ihre Jacken von den Stühlen und verließen schweigend und mit scheuen Blicken für ihren neuen Professor den Raum. Sie setzten sich in die Raucherecke und zündeten sich Zigaretten an. Die Studenten kannten sich inzwischen seit über zwei Jahren. Sie hatten zusammen bei Ulrich studiert und ihre Zwischenprüfungen in der Tasche. Doch die Ethnologie, wie sie sie kannten, gehörte nun der Vergangenheit an. Das war allen deutlich geworden.

„Habt ihr das verstanden?“, fragte Manja in die Stille. Sie hatte wie auch Alexandra vor wenigen Wochen ihre Zwischenprüfung abgelegt.

Einige zuckten mit den Schultern. Die anderen sogen an ihren Zigaretten. In der Ecke unterhielten sich jüngere Studentinnen über ein Konzert.

„Dem kann man erst richtig folgen, wenn man ihn liest“, sagte Kathrin entmutigt.

Stephan versuchte ihr Mut zu machen: „Vielleicht gewöhnen wir uns ja noch an seinen Stil. Jedenfalls haben wir mit ihm eine Chance, nicht den Anschluss an die westdeutsche Ethnologie zu verpassen.“

Doch Manja widersprach ihm: „Wie soll man denn bei dem eine Prüfung vorbereiten. Ich konnte nicht einmal mitschreiben.“

„Seine Vorlesungen sind vielleicht anschaulicher. Das war ja nur ein Antrittsvortrag“, wiegelte Stephan ab. „Wartet erst mal. Gebt ihm eine Chance.“

„Eine Chance?“, fragte Manja aufgebracht. „Er soll uns eine Chance geben!“

Die jüngeren Studentinnen kicherten und wendeten sich dann wieder ihrem Gespräch zu.

Michael, der etwas abseits saß, hatte bisher nichts gesagt. Seine Zwischenprüfung lag schon länger zurück, und er war einer der Lieblingsschüler Ulrichs gewesen. Ihn traf dessen Entlassung besonders hart. Jetzt mischte er sich in die Diskussion ein: „Es ist gar nicht sicher, dass gerade Lange ein Segen für uns ist. Wer kommt denn schon in den Osten? Doch nur diejenigen, die drüben keinen Job finden. Unsere Leute werden entlassen und die arbeitslosen Akademiker aus dem Westen strömen auf die frei werdenden Stellen. Die ostdeutschen Universitäten sind doch nur ein Arbeitsmarkt für sie, nichts weiter.“

„Trotzdem ist es gut, einen Westdeutschen hier zu haben“, mischte sich nun auch Alexandra ein. „Mit einer weitergeführten DDR-Ethnographie wären unsere Aussichten mau.“

„Wer wirklich eine Chance haben will, muss selbst in den Westen gehen. Dort lehren die guten Leute. Wer hierbleibt, ist selber schuld“, widersprach ihr Michael.

„Wir sollten Lange jetzt nicht als einen Wissenschaftler zweiter Klasse abstempeln, nur weil er eine Stelle im Osten angetreten hat“, sagte Stephan darauf. „Warten wir erst mal ab, was er uns zu bieten hat.“

„Jedenfalls können wir mit unserem Studium ganz von vorn anfangen. Ulrichs Ethnographie ist nicht mal mehr ein Auslaufmodell“, sagte Kathrin und zündete sich eine zweite Zigarette an.

Stephan schüttelte den Kopf: „Ich weiß nicht, was euch eigentlich stört. Ihr könnt euch doch glücklich schätzen, dass ihr noch das gesamte Hauptstudium dafür habt, einen zeitgemäßen Ansatz zu finden. Ihr müsst es nur tun. Wir sind die erste ostdeutsche Generation, die diese Chance bekommt.“

„Na, ob das nicht zu viel Optimismus ist“, winkte Manja lakonisch ab. „Bei den Massen an Ethnologen, die schon im Westen ausgebildet werden, hat man auf uns gerade gewartet. Und warum nicht mit ostdeutscher Ethnographie punkten? Könnten wir uns nicht lieber ergänzen, als den Westen in allem zu kopieren?“

Kurz hatte Alex gezweifelt. Das tat sie sowieso viel zu oft, dachte sie. Aber nun begriff sie die Chance, die in diesem Personalwechsel lag. Sie sollte, sie musste sie nutzen und sich ein neues Verständnis ihres Faches erarbeiten. Sie konnte von Lange nur profitieren, und sie nahm sich vor, all das Gelernte zur Seite zu legen und einen Neuanfang zu wagen.

18

Vier Stühle standen vor dem Direktorenzimmer des Instituts für Informatik. Alexandra saß auf einem davon und blätterte nervös in ihren Aufzeichnungen. Zwei ganze Wochen hatte sie den Stoff zu Hinrichs Vorlesungen „Mathematische und Logische Grundlagen der Informatik“ gelernt, hatte Theorie gebüffelt, Beweise nachvollzogen und Beispiele in zahlreichen Wiederholungen trainiert. Mit der Zwischenprüfung sollte ihr Informatikstudium enden. Endlich wollte sie sich ausschließlich der Ethnologie widmen. Sie hatte alles versucht, aber es schien ihr unmöglich, ihre Aufmerksamkeit zwischen beiden Fächern zu teilen. Zunehmend war ihr deutlich geworden, wie unmöglich es war, sich auf der einen Seite dem Literaturstudium der Ethnologie und gleichzeitig dem Programmieren zu widmen. Sie brauchte für beide Fächer die Zeit eines vollen Studiums. Beide Fächer verlangten hundert Prozent von ihr. Zu unterschiedlich waren sie, ergänzten sich nicht, profitierten nicht voneinander und – Alex fühlte sich zerrissen zwischen zwei Lebensstilen. Aber sie wollte nicht einfach so aufgeben. Die Zwischenprüfung sollte der Beweis sein, dass sie das Informatikstudium nicht deshalb abbrach, weil sie es nicht schaffte. Sie wollte selbstbewusst aus dem Fach gehen und dafür brauchte sie eine gute Note.

Alex spürte, wie ihr Atem immer schneller wurde, während sie wartete und auf die Seiten des Hefters in ihrer Hand starrte. Ihre blaue Schreibschrift verschwamm vor ihren Augen. Jetzt bloß nicht aus der Ruhe bringen lassen, dachte sie, lehnte ihren Kopf gegen die Wand hinter ihrem Stuhl, schloss die Augen und atmete drei Mal tief durch. Dann klappte sie den Hefter schnell zu, denn sie hatte das Gefühl, dass jeder weitere Blick auf die Aufzeichnungen, das Chaos in ihrem Kopf vergrößern würde. Stattdessen versuchte sie nun, mit geschlossenen Augen und zurückgelegtem Kopf noch einmal die Themen ihrer Prüfung zu memorieren und stellte sich die Hefterseiten bildlich vor. Als sie Schwerpunkt für Schwerpunkt ihrer Prüfung erfasst hatte, wurde ihr Atem ruhiger und sie spürte, wie ihr Selbstbewusstsein zurückkehrte. Da öffnete sich die Tür zum Direktorenzimmer und Hinrich bat sie herein. Sie trat in sein Büro, einen hellen, großen Raum, der gegenüber der Tür von einem klobigen Schreibtisch aus dunkler Eiche dominiert wurde. Raum und Schreibtisch schienen einander abzustoßen, denn sie gehörten unterschiedlichen historischen Epochen an. Immerhin lag der Raum in dem vorwendezeitlichen Universitätsgebäude, geprägt von ästhetisch sparsamer sozialistischer Architektur, und der Schreibtisch gehörte mit seinen üppigen Schnitzereien in die Vorkriegszeit.

Hinrich setzte sich auf einen breiten schwarzen Drehstuhl mit bequemen Armlehnen, der eindeutig eine nachwendezeitliche Anschaffung war. Von seinem Platz aus überblickte er den gesamten Raum, während Alex auf die Wand hinter ihm sah und die Tür im Rücken hatte, was wiederum in ihr das Gefühl auslöste, der Fluchtweg sei abgeschnitten. Neben Hinrich, auf einem niedrigeren schlichten Stuhl, saß oder hockte vielmehr sein Beisitzer, Dr. Stephan, ein Mann im mittleren Alter mit freundlicher Miene. Er stützte sich auf einen hellen, viel zu klein wirkenden Beistelltisch, dem man ansah, dass er eigens für die Prüfung in den Raum gestellt worden war. Das Durcheinander des Mobiliars zeugte für Alex von demselben mangelnden ästhetischen Bewusstsein, das sie schon bei vielen Informatikern beobachtet hatte. Sie spürte ob dieser Anhäufung von Stilbrüchen ein Lächeln ihren Mund umspielen und die Aufregung legte sich etwas. Konzentriert und fest entschlossen sah sie Hinrich an, der sich nun gelassen in seinem Stuhl drehte. Nachdem er sie eingehend betrachtet hatte, zeigte Hinrich auf eine kleine weiße Tafel, an die zu treten er sie bat. Dann befragte er sie routiniert, ob sie gesund und im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sei, nahm einen Stapel Karteikarten und begann von ihnen Fragen abzulesen, die Alex mit immer sicherer werdender Stimme beantwortete.

Die Prüfung lief gut, bis Hinrich sie bat, ihm das Induktionsprinzip für rekursiv definierte Mengen darzustellen. Sie erschrak, denn die erwartete Herleitung hatte ihr Kopfzerbrechen bereitet. In ihrem Hefter hatte sich ein Fehler eingeschlichen und sie war sich nicht sicher, ob sie ihn auf die richtige Weise korrigiert hatte. Unschlüssig schrieb sie die fehlerhafte Version aus ihren Aufzeichnungen an die kleine Tafel.

„Mit dieser Induktion hatte ich Probleme“, erklärte sie Hinrich und dem freundlich nickenden Beisitzer. „Vermutlich ist sie fehlerhaft.“

„Wieso sollte sie fehlerhaft sein?“, fragte Hinrich und begann erst jetzt die Formeln an der Tafel zu studieren.

„Es scheint ein Teil zu fehlen“, erklärte Alex. „Vielleicht habe ich sie unvollständig in meine Aufzeichnungen übertragen.“

„Ich habe Ihnen die Induktion mit Sicherheit richtig exemplifiziert“, unterbrach sie Hinrich und seine Stimme wurde ungeduldig, sodass Alex erschrocken zum Beisitzer blickte. Der wiederum schien sie immer noch kopfnickend aufzufordern weiterzureden. Als sie betreten schwieg und Hinrich zornig begann, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln, forderte Dr. Stephan sie freundlich auf, die Formeln zu berichtigen.

„Ich kann es versuchen“, sagte Alex und ergänzte über ihrem Schriftzug den fehlenden Auszug, wie sie ihn vor einigen Tagen rekonstruiert hatte.

„So ist es richtig“, nickte bestätigend der freundliche Beisitzer und Alex atmete erleichtert auf. Doch Hinrich schien nicht zufrieden.

„Wieso schreiben Sie die Induktion erst falsch an die Tafel? Sie kennen doch die richtige Systematik“, fuhr er sie scharf an. Zornig wandte er sich an seinen Beisitzer: „Lässt einen Teil weg, um dann vorzutäuschen, dass sie den Fehler selbst gefunden und berichtigt hätte.“ Seine Stimme klang aufgebracht.

Erschrocken sah Alex ihn an. Damit hatte sie nicht gerechnet, ja, die Formeln hatte sie falsch in ihren Aufzeichnungen notiert und sicher, das könnte auf ihre eigene Unkonzentriertheit während der Vorlesung zurückzuführen sein. Aber dass ihr mit ihrem Versuch, den Fehler selbst zu finden und richtigzustellen, Betrug unterstellt werden würde, das ging nun doch zu weit. Unsicher blickte sie zur Tafel, als der Beisitzer sie fragte: „Haben Sie die Induktion selbst korrigiert?“

„Ja!“, beteuerte sie. „Der Fehler war genauso in meinen Unterlagen. Ich habe versucht, die Systematik zu verstehen und bin dabei auf Ungereimtheiten gestoßen.“

Doch Hinrichs Stimme blieb eisig. „Selbst wenn Sie den Fehler eigenständig gefunden haben. Sie hätten die Induktion sofort richtig an die Tafel schreiben sollen“, wandte er ein. „Das erwarte ich von meinen Studenten.“

Betreten suchte sie nach Worten. Sie wollte erklären, wie sie tagelang an ihren Aufzeichnungen gearbeitet hatte, jede Formel nachvollziehend, wie sie dabei auf den Fehler gestoßen sei, wie sie vergeblich in den Büchern gesucht hatte und ihren Kommilitonen nicht erreichen konnte, um die Aufzeichnungen zu vergleichen, und wie sie letztendlich selbst versucht hatte, das Problem zu lösen. Doch sie brachte kein einziges Wort heraus. Ihr Gesicht schien zu glühen und in ihrem Hals würgte es.

„Das glauben Sie doch selbst nicht“, ließ Hinrich keinen Zweifel daran, wie wenig er von ihren Leistungen hielt, und zu seinem Beisitzer gewandt fuhr er fort: „Vergessen Sie es, das war ein sehr unseriöser Versuch, hier Eindruck zu schinden! Die Studenten lassen sich immer absurdere Methoden einfallen, um zu täuschen.“

Der Beisitzer nickte mechanisch. „Das können wir jetzt nicht mehr klären“, versuchte er zu vermitteln. „Vielleicht sollten wir mit der Prüfung fortfahren.“

Um sie auf ihren Verhaltensfehler hinzuweisen, fragte Hinrich sie nun mit kalter Stimme nach der Russellschen Antinomie und ließ in den nächsten zehn Minuten von logischen Fehlervermeidungsstrategien nicht mehr ab, um weiter fortzufahren mit rekursiven Definitionen, Notationen, Wahrheitsbelegungen und der Semantik der Logik. Die Zeit dehnte sich endlos und Alex blieb nichts weiter übrig, als Frage um Frage zu beantworten und zu versuchen, sich vor den Prüfern zu beweisen. Doch Hinrichs Stimme blieb undurchdringlich. Ihr war, als rede sie gegen eine Wand der Ablehnung. Immer stockender gab sie ihre Antworten, bis ihr Hinrich mit einer Handbewegung das Signal gab, dass er keine weiteren Fragen mehr hatte.

Erschöpft trat sie auf den Flur. Auf einem der vier Stühle wartete bereits der nächste Prüfling und blätterte ebenso nervös wie Alex zuvor in seinen Aufzeichnungen. Es dauerte nicht lange und sie wurde zurück ins Büro gerufen. Trotzig stellte sich Alex mitten in den Raum und Hinrich begann mit seiner Einschätzung ihrer Leistung.

„Dr. Stephan hat sich sehr für Sie eingesetzt, was nach Ihrem Betrugsversuch nicht selbstverständlich ist. Dennoch waren Ihre Leistungen akzeptabel. Sie hatten uns gegenüber angedeutet, dass sie die Informatik mit der Zwischenprüfung verlassen möchten?“

Er schien ihre Antwort nicht abwarten zu wollen. „Das kann ich Ihnen nur empfehlen. Studentinnen wie Sie sind in den Geistes- oder Sozialwissenschaften besser aufgehoben. Deshalb mache ich Ihnen folgenden Vorschlag. Wenn Sie die Informatik verlassen, dann vergesse ich Ihre Täuschung und Sie bekommen von mir die Note Zwei. Falls Sie aber in der Informatik bleiben möchten, dann muss ich Sie ernsthaft verwarnen und Sie müssen die Prüfung in einem halben Jahr wiederholen.“

Alex schluckte und sah Dr. Stefan an. Der hatte aufgehört zu nicken und blickte stattdessen betreten zur Seite. In diesem Moment hoffte sie, dass diese Geste darauf hindeute, er sei mit Hinrichs Entscheidung nicht einverstanden. Sie war sich bewusst, ein solches Ende ihres Informatikstudiums widerspiegelte nicht ihre Leistungen. Etwas lehnte sich in ihr auf. Sie wollte etwas sagen, um sich zu verteidigen. Aber Hinrichs kalter Blick hielt sie davon ab. Brachte es wirklich etwas, sich jetzt gegen Hinrichs Entscheidung aufzulehnen? Und wenn sie nichts sagte, war das dann nicht ein Schuldeingeständnis? Stumm sah sie die beiden Prüfer an, die ihr nun beide direkt in die Augen blickten.

„Ich werde mein Informatikstudium beenden“, sagte sie dann und sah, wie ein deutliches Lächeln über Hinrichs Gesicht flog, während Dr. Stephan den Kopf neigte, als müsse er sich in die Situation ergeben.

„Aber es tut mir leid, dass Sie sich derart in mir irren“, fügte sie mit Nachdruck hinzu. „Das habe ich nicht verdient.“

Doch Hinrich notierte die Note und sortierte sofort seine Papiere zusammen, als wäre ihr Fall nach langer Arbeit endlich erledigt.

„Sie können gehen“, sagte er dann und drei Minuten später verließ sie entmutigt das Hauptgebäude. Sie hasste das Gefühl, gescheitert zu sein.

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
25 maja 2021
Objętość:
621 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783954628315
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