Czytaj książkę: «Die dritte Hälfte des Lebens»

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Anna Herzig

DIE DRITTE HÄLFTE EINES LEBENS

Roman

OTTO MÜLLER VERLAG

Die Drucklegung dieses Buches wurde gefördert durch die Kulturabteilungen des Landes Niederösterreich, der Stadt Wien sowie Stadt und Land Salzburg.


www.omvs.at

ISBN 978-3-7013-1293-1

eISBN 978-3-7013-6293-6

© 2022 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG-WIEN

Alle Rechte vorbehalten

Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT

Druck und Bindung: Finidr s.r.o., Český Těšín

Umschlaggestaltung: Leopold Fellinger

Inhalt

Was man gehört hat

Was die Leute sagen

In zärtlicher Erinnerung an das Lucky Pub in Waidhofen/Ybbs.

Der Ort Krimmwing sowie das Grausame Weib sind fiktiv. Ebenso die dortigen Begebenheiten, Geschehnisse und seine BewohnerInnen.

„Die Quechua haben ein Rätsel: El que me nombra, me rompe. Wer mich benennt, derbricht mich. Die Lösung ist natürlich Schweigen.Aber in Wirklichkeit kann jeder, der deinenNamen kennt, dich brechen.“ Carmen Maria Machado, „Das Archiv der Träume“ (Tropen Verlag, 2021)

„Einsam macht die Krankheit.

Im Kopf und außerhalb.“

Andreas Moster,

„Kleine Paläste“ (Arche, 2021)

Alles könnte ich

Alles könnte ich erzählen. Über Krimmwing und die Menschen. Die Schmerzen, die sie einem zufügen. Dass es keinen Unterschied macht, was man gehört hat, was die Leute sagen oder wie sehr man sich bemüht.

Die Übung besteht darin, sich nicht in Nebensätzen zu verirren.

Was man gehört hat
Es sind die kleinen Verbrechen

Es sind die kleinen Verbrechen an der Seele, die die inneren Blutungen ausmachen.

Welche Linie muss er-funden, ver-messen und an-erkannt werden, die klar definiert: Wegen diesem, jenem und weil die Planetenkonstellation äußerst un-günstig war, hat sich der Steinlachner Sepp, einziger Sohn der ledigen Rosa Steinlachner, vor über zwanzig Jahren am Krimmwinger Kirschkernhügel aufgehängt. Seither hat es ein Dorf mehr in Österreich gegeben, das bewohnt war mit den freundlichen Geistern jener, die gern geholfen hätten, wenn sie nur gewusst hätten wie.

Es ist schwer, Vermutungen darüber anzustellen, weshalb sich der Sepp damals zu einer derart verzweifelten Tat genötigt sah. Vielleicht ist es möglich, sich anhand einer Rekonstruktion den wahrscheinlichsten Ereignissen anzunähern, ähnlich der Annäherung an eine zerrüttete Beziehung: mit intensiv-melancholischer Zerklüftung der Anfänge.

Der Hängende, der Unerwünschte und der Vertriebene. In gewissen österreichischen Gemeinden ist das oft ein und dieselbe Person.

Lorenz Karl Ignatius Rathbauer

Lorenz Karl Ignatius Rathbauer ist wenige Tage vor seinem zwölften Geburtstag eine Frau aus der Seele gewachsen.

Ein Glücksfall, eigentlich. Weil Frauen ihn seit jeher und alles zart-glühende im Besonderen honigtopfartig angezogen haben. Wenn er über Feminines in seinem Inneren stolpert, dann sieht er sich am ehesten als Braunbärchen mit einem regenbogenfarbenen Propellerhut. Mit der Pranke in die Süße, das Unbekannte, das Magische tauchen, um darin vollends zu verschwinden. Und dann, lange Zeit später – wenn sich die ersten Tauchgänge als erfolgreich erwiesen haben – als etwas anderes Magisches und Unbekanntes wieder emporsteigen.

Der Spiegel in seinem Zimmer zeigt ihm eine formbare Alternative, wenn er und der Spiegel gleichzeitig die Augen schließen. Langes, volles kastanienbraunes Haar, das man sich lachend über die Schulter werfen kann, so wie die Frauen in der Werbung. Der Spiegel zeigt ihm, wie er mit dem gestohlenen Make-up-Köfferchen aus dem Einkaufszentrum seine Lippen noch stärker zur Geltung bringen kann. Mit dem Körper außerhalb dieses Spiegels kann er nichts anfangen. Weder angezogen noch nackt. Die Worte, die er braucht, um zu beschreiben was er fühlt, lassen sich ohne Wanderlust nicht finden. Und dieser Junge hat bereits alles in seiner Reich- und Griffweite mit penibler Geduld und Konsequenz untersucht. Gefunden hat er nichts. Nicht unter Felsen und auf keinen noch so grünen Wiesen. An keinem Feldweg und erst recht nicht bei den Eltern. Er ist auf der Suche nach Geschwärztem.

Der Vater sagt:

 – Leg die Bücher in die Ecke. Die bringen kein Essen auf den Tisch. Mach dich nützlich und hilf am Hof.

Die Mutter sagt:

 – Such dir eine Frau und mach ein paar Kinder. Kochen soll sie können, hörst du. Bring mir keine Unfähige nach Hause.

Einen Verdacht, dass der El-Kah-Ih – wie er von seinen Mitschülern der Einfachheit halber genannt wird – anders ist als alles bekannt Andere, haben die Eltern nicht. Wie alle Verwundeten versteht er es, sich zu verstecken. Nachts liegt er wach, versucht, sich ein Leben außerhalb dieser Ortschaft vorzustellen und wünscht sich große Gefühle.

Seine erste, große Liebe: Claudia Cardinale. Die schönste aller Schönen. Das wundersamste Wunderwesen, das jemals auf dieser Erde gewandelt ist, dazu bestimmt, die Welt des Lorenz Rathbauer aus Krimmwing für immer zu erhellen.

 – Bitte nach Italien. Zu meiner Claudia, hat er zum Schulbusfahrer gesagt.

 – Dummer Bub, hat der Busfahrer geantwortet, steig ein und setz dich gefälligst hin, sonst kannst du zu Fuß in die Schule gehen.

 – Claudia, hat der Junge beharrt.

 – Muss ich aufstehen?, fragt der Busfahrer und hebt drohend einen Finger.

 – Frei sein. Das müssen Sie, antwortet der Junge.

Der Weninger hat seelenruhig den Motor abgestellt und sich umgesehen. Dabei hat er sich Zeit gelassen, als würde er den Geruch des Busses – ein Potpourri aus Schulranzen, zerdrückten Pausenbroten, Sommer und Winterschuhen, nasser Kleidung – zum Abschied noch ein letztes Mal in sich aufnehmen.

Er hat den El-Kah-Ih sanft beiseitegeschoben, ist aus dem Bus gestiegen und davongegangen. Vom Weninger Eduard hat man nie wieder etwas gehört. Zumindest nicht in Krimmwing. Wochenlang wurde etwas von abstrakten Dingen wie Selbstverwirklichung und in Wien und völlig übergeschnappt und es würde Zeit, dass er sich wieder zusammenreißt und zurückkommt et cetera geflüstert.

Die an diesem zweiundzwanzigsten Juni im Bus zurückgebliebenen Mitschüler haben gedacht: Der El-Kah-Ih, schon jetzt ein echter Mann.

 – Ooooh, hat der El-Kah-Ih geantwortet, als man ihn Tage danach über seinen wegen der Bus-Sache erworbenen Ruhm unter den Schülern aufgeklärt hat.

 – Ooooh, hat er geflüstert und die Gesichtszüge im richtigen Ausmaß angeordnet, wenn Schulfreunde in den Besitz eines expliziten Hochglanzheftes gekommen sind.

 – Ooooh, hat er zugestimmt, wenn ebendiese Freunde lange, laut und ausgiebig darüber fabuliert haben, was sie mit jenen Damen in jenen Heften alles anstellen würden.

Und – Ooooh, hat er gesagt und betont selbstsicher gelacht, als man ihn gefragt hat, ob und wie viele Mädchen er schon gefingert habe.

Die Jungen haben sich untereinander erzählt: Der El-Kah-Ih, das ist ein wilder Hund. Dem sind Bart- und Beinhaare früher gewachsen als uns. Die Stimme mit vierzehn schon so tief, dass die Mädels reihenweise umfallen, wenn er nur in deren Richtung blinzelt.

Sein Penis, ein Kuriosum, das ihm nichts bedeutet. Sachte dagegengeschnippt, gezogen, beobachtet, abgewartet. Vielleicht würde sich das unliebsame Stück Fleisch lockern, wenn ihm nur die richtige Technik aus Ziehen und Schnippen gelänge. Während der gesamten Pubertät und der einhergehenden Renitenz hat er sich im Schnippen, Ziehen und Taxieren geübt. Das unliebsame Stück Fleisch ist trotz aller Verwünschungen gewachsen und hat besonders aufgeregt auf Schnippen reagiert. Nicht einmal zum Verrichten für die Notdurft wollte er ihm Verwendung zukommen lassen, hat ihn lediglich mit rauem Klopapier berührt, um sich zu erleichtern. Die Folge waren Harnwegsinfekte, Bauchkrämpfe und Bettnässen. Zum fünfzehnten Geburtstag hat er sich Brüste und eine Vagina gewünscht. Diese Bitte in langsamen, klaren Worten an die Eltern herangetragen. Bekommen hat er einen Bluterguss auf der linken Wange und geprellte Rippen auf der rechten Seite, weil der Rathbauer Senior – überfordert mit dem Leben im Allgemeinen und den Veränderungen der Nachkriegszeit im Besonderen – mit der Empathie eines Traktors ausgerüstet war.

Die alte Rathbauerin, eine gänzlich in sich hineingefallene, fromme Frau mit Kopftuch, begleitet von einem ständig benutzten Stofftaschentuch in der einen oder anderen Hand, hat den Sohn mehrmals täglich sehr gebückt und sehr wimmernd vor den Sünden der Welt gewarnt. Drei Jahre später ist der Rathbauer Senior einundsiebzigjährig mitten auf dem Feld umgefallen und nicht mehr aufgestanden. Es war der vorhergegangene Geburtstagswunsch des spät ins Leben geholten Sohnes, der ihn bis in die Knochen erschüttert, letztendlich das Leben gekostet hat, so wird es erzählt.

An jenem Geburtstag, der seine Volljährigkeit eingeläutet hat, hat sich herausgestellt, dass sich diesem Dorf, seinen Mechanismen und der immer wiederkehrenden Monotonie zu ergeben, die einzige Gefahr für den jungen Bäuerinnen-Sohn darstellt.

 – Wo willst denn hingehen, hat ihn die Mutter nach dem Abschluss einer wenig Möglichkeiten bietenden Ausbildung gefragt und mit zittrigen Fingern das Stofftaschentuch aus der Schürze gezogen.

Es hat dem El-Kah-Ih jahrelange, eiserne Selbstbeherrschung abverlangt, sie nachts nicht mit eben diesem Stofftaschentuch auf den Nasenlöchern und einer Hand über dem Mund zu ersticken.

 – Nach Italien, hat er geantwortet, eine gepackte Tasche in jeder Hand.

Ein Rucksack im Vorzimmer, der mit jedem weiteren Wort der Mutter schwerer, belastender und schließlich untragbar geworden ist. Ein paar Jahre bleib ich noch, hat er gedacht und die Mutter war wieder froh. In Krimmwing gibt es viele von ihnen, jene, die ihre Kinder weder gern haben noch gehen lassen können. Und wer soll sich dann bitte noch auskennen bei all dem Hin und Her. Eines Tages wird vom El-Kah-Ih samt seinen Träumen nur mehr „der Rathbauer“ übrig bleiben und er, die Mutter bereits lange verstorben, noch immer in Krimmwing sein. Aber da ist noch lange hin. Für jetzt begnügt er sich damit, vor dem Spiegel zu stehen, langsam und mit unsicherer Hand zuerst beim rechten, dann beim linken Auge einen tiefschwarzen Lidstrich zu ziehen, den Mund zu einem O geformt. Die alte Rathbauerin hinter ihm stehend, sich im Spiegelbild offenbarend und bekreuzigend, ihr Stofftaschentuch faltend, faltend, immer weiter faltend.

Die einem zugeteilte Lebenszeit hat nur eine Aufgabe: zu rinnen, unaufhörlich. Die Störgeräusche um einen herum lassen unempfindlich werden für das, was wirklich wichtig ist. Und bis man das merkt, steht man bereits knietief im eigenen Lebenssand.

Durch das Fenster in seinem Zimmer

Durch das Fenster in seinem Zimmer beobachtet der El-Kah-Ih die Rosa. Nicht bei allem und nur bei vertretbaren Sachen. Die Art, wie sie sich an- und auskleidet hält sein Interesse nicht. Eher, wie sie seitlich vor dem Spiegel steht, um sich die Haut einzucremen, die Haare lange und gewissenhaft zu bürsten und Kosmetika aufzutragen. Manchmal streichen ihre Finger behutsam über ein Frühlings- oder Sommerkleid, Blusen mit gestickten Blumen, eine Schürze, ihre Haarbürste.

Er weiß, dass sie weiß, dass er sie beobachtet. Einmal nämlich ist der El-Kah-Ih einer fast fünfminütigen Schockstarre erlegen, als er sich weg-, dann wieder hingedreht hat und ihn zwei große, blaue Augen vom gegenüberliegenden Bauernhaus an- und nicht mehr weggeschaut haben.

 – Mir ist das egal. Aber wenn mein Papa dich erwischt, dann war es das mit dir, sagt sie und lächelt.

 – Du sagst Dinge anders, sagt der Rathbauer.

 – Was meinst?

 – Als wär das, was du sagst, nicht gefährlich.

 – Ich red immer so.

 – Du bist schön.

 – Ich hab einen Freund.

 – Den Jackson.

 – Woher weißt du das?

 – Alle wissen alles, antwortet der El-Kah-Ih und blickt zu Boden.

 – Also willst du nichts von mir?

 – Nur schauen.

 – Das ist komisch.

 – Aber gut, richtig?

 – Ich weiß nicht. Aber ich schätze schon. Vielleicht können wir Freunde sein. Wenn …

 – Wenn?

 – Du mich nicht angreifen willst.

 – Will ich nicht.

 – Wie kannst du da sicher sein?

 – Ich will niemanden angreifen. In der Küche steht ein frischer Kaiserschmarrn von der Mama. Du schaust aus, als ob du Hunger hättest. Und dein Bauch auch.

 – Okay.

 – Okay?

 – Okay, antwortet die Rosa und hakt sich in den Arm und das Leben des Lorenz Karl Ignatius Rathbauer ein.

Im darauffolgenden Herbst war

Im darauffolgenden Herbst war es so weit. Der Bauch von der Rosa ist gewachsen und gewachsen und dann sogar noch ein Stück weiter gewachsen. Der Watschelgang hat eingesetzt, der – kombiniert mit der nach außen gewölbten, prallen Kugel – ganz klar Auskunft gibt über eine baldige Niederkunft. Krimmwing, vor fünf Jahren prämiert als lebenswerteste Gemeinde Österreichs – wegen der guten Luft und der guten Berge und der exzellenten Wasserqualität –, hat sich trotz Unübersehbarem eine offizielle Verlautbarung von der Familie Steinlachner erwartet. Im Rahmen von Zusammenkünften der Gemeindemitglieder zum Beispiel. Eine Hofeinladung mit Most, Sturm und Speckbroten hätte niemand ausgeschlagen. Man hat versucht, näheres herauszufinden, über die Um- und Zustände von der Rosa. Also hat man den jungen Rathbauer traktiert, der sich gelegentlich auf ein Kartenspiel zu den anderen gesetzt hat:

 – Jetzt erzähl, sagt einer.

 – Wenn du der Kindsvater bist, kannst es ruhig zugeben, sagt ein anderer.

 – Fesches Mädl, die Rosa. Wir würden’s alle verstehen, pflichtet ein weiterer bei.

 – Seid’s mir nicht böse, aber das geht euch nichts an.

 – Und wenn doch?

 – Aber wenn nicht?

 – Stehst leicht nicht auf Weiber?, mischt sich der Schuster Anton ein.

Wenn der Rathbauer den Anton anschaut, was er meist vermeidet, weil an dessen Mund viele, gemeinsame Erinnerungsfunken kleben, durchströmt ihn ein buntes Gefühl. Eines, das zu seinem Braunbärchen-Propellerhut-Dasein gut passen würde. Wenn sich die Nacht über Krimmwing legt, wird der Anton zärtlich und zahm. Sanft und großzügig, leidenschaftlich und ein Krug voller Versprechen, der sich dreimal wöchentlich in seinen Körper ergießt.

Egal in welcher Zeit man lebt, es gibt immer ein gewisses Grundgespür dafür, was von der Gesellschaft toleriert wird und was nicht. Das diverseste, was Krimmwing je zu Gesicht bekommen hat, war die aneinandergereihte Platzierung von verschiedenem Obst und Gemüse am Krimmwinger Wochenmarkt. Und der Rathbauer hat gewusst, dass er den Anton früher oder später an eine Frau aus dem Dorf verlieren wird.

 – Lass gut sein, Anton, antwortet der Rathbauer ohne ihn anzuschauen, und dann tut der – zum großen Erstaunen seiner Freunde – genau das.

Die Rosa hat einige Tage

Die Rosa hat einige Tage zuvor versucht, sich in Kreativität zu üben, damit

 – Wir, also der Jackson und ich, uns ein bisschen Zeit erkaufen können. Lorenz, bitte.

 – Glaubst du, alle sind deppert? Der Jackson folgt dir rund um die Uhr. Und du ihm.

 – Aber vielleicht, es könnte ja sein.

 – Was?

 – Dass ich mich heimlich für dich entschieden hab und jetzt von dir ein Kind krieg und es dem Jackson nur noch nicht gesagt hab.

 – Rosa, ich mach alles für dich. Aber dieses Kind hat ein Recht auf seine Wahrheit.

 – Ich weiß.

 – Was tun wir, wenn er ausschaut wie der Jackson.

 – Muss nicht sein.

 – Stimmt. Aber was, wenn doch?

 – Kannst du mich jetzt einfach nur halten?

 – Okay.

 – Eigentlich ist es schade, dass nur einmal im Jahr Sommer ist. Die Menschen sind netter im Sommer, sagt die Rosa nach einer Weile.

Darauf weiß der El-Kah-Ih nichts zu erwidern. Er denkt an seine Claudia, dann an die Rosa und überlegt, wie er aussehen würde als Frau. Ob er frei wäre und was die Leute dann sagen würden.

Nicht die erste, aber die eindringlichste

Nicht die erste, aber die eindringlichste Ohrfeige, die die Tochter vom Vater in Empfang genommen hat, hat ein Echo durch ganz Krimmwing gestreut und wieder zurück.

Die Eltern von der Rosa haben sich lange beraten.

Wie man vorgehen müsse, um der Schmach zu entgehen. Oder diese wenigstens zu mildern. Der Rosa war klar, wenn der Vater ruft, mit der Vaterstimme, dann gibt es keinen Spielraum. Nur mehr: das Ertragen, das Sich-Verschließen vor den Messerstichen.

Eine stumme Mutter mit lila-gelblichen Flecken unter dem Hauskleid. Ein Ehemann nach dem Vorbild ihres eigenen Vaters. Und dessen Vater und dem davor.

 – Ihr kommt’s jetzt beide her, hat der Josef Steinlachner an einem Freitagabend Anfang Dezember gesagt, gerade als die Rosa und der Jackson bei der Türe hinauswollten.

 – Du hast versprochen, dass du ihm eine Anstellung auf unserem Hof gibst, hat die Tochter den Herrn Vater adressiert und ihre Finger in denen ihres Freundes verhakt.

 – Ihr könnt nicht einfach so davonlaufen, sagt die Mutter, was soll denn aus euch werden?

 – Mama. Wehr dich. Nur ein Mal.

 – Pass auf, wie du mit der Mutti sprichst, geht der Vater dazwischen, so alt kannst du nämlich gar nicht werden, dass ich dir keine runterhau.

 – Ich hab dich fünf Monate lang angebettelt, uns zu helfen, und du bist direkt zu ihm gegangen, hast alles erzählt.

 – Ihr könnt das nicht, erwidert die Mutter schniefend, sich stützend auf einen Holzstuhl.

 – Mein Leben geht niemanden etwas an und dieses scheiß Dorf schon gar nicht.

 – Still bist, Rotzdirndl. Wegen dir und – er funkelt den Jackson an – dem sind wir überhaupt erst in dieser Lage. Hätt euch nicht umgebracht, mit dem katzerln zu warten, bis ihr verheiratet seid. Und jetzt stehen wir da mit der Schande. Hoffnungen haben wir an dich gehabt, Kind. Alles hättest du haben können.

Rosa sieht zu Jackson. Wie er Wort für Wort aufnimmt und dabei keine Miene verzieht. Er versteht das meiste, kann auf Deutsch allerdings kaum etwas erwidern.

 – Family is the most important thing, you know.

 – Ich weiß das. Du weißt das und meine Eltern wissen das. Genau das ist das Problem.

 – They are racist.

 – Nein. They are afraid.

 – Of what?

 – The villagers.

 – You will have to make a choice, Rosa. For you and our baby.

 – In meinem Haus wird Deutsch geredet, fuchsteufelnocheinmal!

 – Beruhig dich, Josef. Ich bitt dich, sagt die Mutter und legt ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter.

 – Du bist sechzehn. Weißt du, was das heißt?

 – Ja, Papa.

 – Reiz mich nicht mit deinem Ja, Papa. Wir werden es so sagen: Er hat dich geschwängert und dann sitzen gelassen. Oder du gehst mit ihm. Dann kannst du dir was wünschen, minderjährig, arm und mit einem arbeitslosen Kindsvater, irgendwo im Busch. Und eins schwör ich dir: Wenn dich die Polizei zurückbringt, nehm ich dich nicht mehr. Das ganze Dorf wird dich nicht mehr zurücknehmen. Was die Leut jetzt schon hinter unserem Rücken reden. Was wir Tag für Tag ertragen. Wegen dir.

 – Du bringst mein Glück um, hat die Rosa gesagt und ab diesem Zeitpunkt nur mehr ihre gefalteten Hände auf dem Tisch angeschaut.

 – Promise me, if it’s a boy, you will name him Peter, like my grandfather.

 – Heißen wird er Josef, wie ich, da kannst dir sicher sein. So viel Englisch versteh ich grad noch, und jetzt schleich dich. Meine Tochter hat nichts zu entscheiden.

 – Please, Jack. Please. Can you stay?

Ein Wimmern, keine eigentlichen Worte mehr.

 – Take me with you, please?

 – Baby, I can’t. They will send the police after me. Us.

 – Du solltest gehen, Jackson. Das ist das Beste für alle, sagt die Mutter, den Blick auf ihre Hausschuhe und die krummen Zehen darin geheftet.

Der Jackson ist aufgestanden, hat dem alten Steinlachner in die Augen geschaut und gesagt:

 – Aufwiedersehen, Sir. I love your daughter, but I cannot take this shit anymore.

Die Eltern haben sich hinter die sitzende Tochter gestellt. Zu dritt haben sie dem Jackson durch das Küchenfenster nachgesehen, als er vom Hof gegangen ist, bis seine Umrisse weniger geworden und schließlich gänzlich von der Schnee-Landschaft verschluckt worden sind.

Zum damaligen Zeitpunkt hätte nicht mit Sicherheit gesagt werden können, ob der Jackson nicht einfach von Krimmwing gefressen wurde und nie in Südafrika angekommen ist. Manchmal passiert genau das, wenn man versucht, sich diesem Dorf zu entziehen.

Wie oft der alte Steinlachner

Wie oft der alte Steinlachner seine Tochter mit Bauch, Koffer und aus den verschiedenen im Haus stehenden Rumtöpfen der Eltern gestohlenen Tausend-Schilling-Scheinen noch rechtzeitig am Bahnhof abgefangen hat, daran kann sich keiner mehr erinnern.

Immer derselbe Dialog auf dem Bahnhofsparkplatz. Die Rosa hält sich den Bauch, der klobig-braune Koffer rechts neben ihr. Die Augen verquollen und die Wangen gerötet.

Der Vater bietet an:

 – Steig ein.

 – Nein.

 – Steig ein.

 – Nein.

 – Willst deinem Kind nicht was Besseres bieten als eine wackelige Zukunft?

Es hat sich etwas verschoben bei ihr. Irgendwo zwischen Herz und Seele. Dann hat sie beschlossen: Gefühle tausche ich ein gegen Stärke. Und als die schwangere Tochter so stark war, wie sie nur sein konnte, ist das Kind auf die Welt gekommen. Die Stärke hat nicht mehr viel erlaubt. Im Gegensatz zum Jackson, hat die Stärke sie wenigstens nie verlassen oder gar verraten.

Und dann. War er plötzlich da.

Der Vorgang der Geburt selbst eine Abfolge von gezischten Worten des weiblichen Krankenhauspersonals: Stell-dich-nicht-so-an, Zum-vögeln-alt-genug-aber-bei-den-Schmerzen-hört-der-Spaß-auf-stimmt’s, So-schlimm-kann’s-schon-nicht-sein, Augen-zu-und-durch und Hausverstand-zum-Stillen-benutzen-würd-nicht-schaden.

Jedes Mal, wenn man ihr den Säugling in die Arme geben und an die Brust legen wollte, ist die Rosa in ein konsequentes Kopfschütteln verfallen, das erst wieder aufgehört hat, wenn man sie von dem Gewicht in ihren Armen befreit hat. Und das Baby: Es hat geschrien, geschrien und noch ein Stück mehr geschrien. Als könne es nicht glauben, dass man ihm das natürlichste verwehrt. Der Rathbauer ist sie jeden Tag besuchen gekommen. Die Steinlachner-Tochter hat den Rathbauer machen lassen, stumm und mit abwesendem Blick. Er hat sich um das Kind gekümmert, das zusammen mit ihrem eigenen Kind im Kinderzimmer der Eltern gewohnt hat.

 – Rosa, ich will dir helfen, hat der Rathbauer gesagt.

 – Ich brauch keine Hilfe.

 – Lass uns heiraten.

 – Nein.

 – Aber es wäre ein Weg hinaus aus all dem.

 – Ich lieb dich nicht.

 – Ich dich auch nicht. Aber: Wir können einander helfen.

 – Wie?

 – Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?

 – Ja.

 – Sicher?

 – Ja.

 – Es darf niemand erfahren.

 – Sag schon.

 – Nimm den Seppi und komm mit.

Das war der Tag, an dem der Rathbauer die Rosa in sein buntes Braunbärchenleben eingeweiht hat und sie, die junge Mutter, plötzlich erfüllt war von Neid, der sich wie ein Dämon an ihrer Wirbelsäule entlanggekrallt und tief in ihrem Kopf vergraben hat.

Die Steinlachner-Eltern, die Wastinger-Großeltern und das gesamte Dorf haben wohlwollend dabei zugesehen, wie die Rosa und der Lorenz mehr, immer mehr Zeit miteinander verbracht haben. Und für eine Weile schien alles darauf hinzudeuten, dass Krimmwing bereit war, zu vergessen.

Der kleine Seppi soll nicht

Der kleine Seppi soll nicht stehlen. Aber er stiehlt alles.

Hauptsächlich Sachen, die verpackt sind. In Einkaufshäusern zur Weihnachtszeit zum Beispiel. Da gibt es künstliche Weihnachtsbäume, bedeckt mit noch künstlicherem Sprühschnee, an denen kleine, quadratische Styroporwürfel hängen, verpackt in wunderschön glänzendem Geschenkpapier. Damit macht sich der kleine Seppi die dunkelblauen Latzhosentaschen voll. Die Kunst des Stehlens ist an einen delikaten, schrittweise stattfindenden Lernfortschritt gebunden. Es können Objekte sein, die ihn faszinieren, aber ebenso Geld. Farben und Formen der Münzen und Scheine ziehen ihn an wie funkelnde Diamanten. Im Sommer hat der Seppi einen Fünfhundert-Schilling-Schein aus der Geldbörse der Mutter genommen, in die Brusttasche seiner blauen Latzhose gesteckt und ist barfuß quer durch die Wiese, über die Straße bis zur Tankstelle marschiert und hat:

 – Grüß Gott.

 – Grüß Gott, ich kaufe Sachen, gesagt.

Man muss sich wie ein Erwachsener verhalten, wenn man etwas kaufen will, damit niemand merkt, dass man ein Kind ist. Der Tankstellenwart hat ihn beobachtet. Das geschäftige Persönchen hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Nach einiger Zeit hat der Tankstellenwart hinten vom Büro aus seine Mutter angerufen, mit der er jeden Freitagabend im Wirtshaus Zum Grausamen Weib Dart spielt.

 – Du schaust jetzt auf der Stelle, dass du nach Hause zur Mama kommst und das Geld zurückbringst, du kleiner Dreck.

Der Seppi, zuerst erschrocken durch die laute Stimme des Tankwartes, der plötzlich aus dem Büro geschossen ist, lässt alle Süßigkeiten auf den Boden fallen, stemmt die Hände in die Hüften und schreit:

 – Und du, du sagst mir gar nix. Du bist nicht meine Mama!

Der Tankstellenwart erwischt ihn am Ohrläppchen und zieht ihn mit Daumen und Zeigefinger bis vor den Eingang. Eine Prozedur, die der kleine Seppi von den Nonnen kennt. Die dürfen alles. Und die Eltern, die schauen in die andere Richtung, als würden von dort ganz laute Geräusche kommen. Geräusche, die so laut sind, dass sie ihre eigenen Kinder nicht mehr weinen hören können.

Fünfzigmal hat das siebenjährige Kind vor versammelter Gemeinde zu Beginn der Ostermesse in der Kirche laut

 – Ich bin ein schlechtes Kind, ich habe gestohlen!

aufsagen müssen.

Noch Monate danach ist er von Krimmwing, seinen Henkern und Richtern mit herabwürdigenden Blicken bedacht worden. Ein Dorf wie jedes andere, das nichts und niemanden vergisst.

Zum Geburtstag hat der Seppi seine Lieblingstorte von der Mutter bekommen – der Rathbauer hat die tiefgekühlte Leckerei sogar persönlich vorbeigebracht – und wirklich sehr fest gepustet. Er hofft, dass er wegen des gestohlenen Geldes nicht in die Hölle kommt, sicher ist er sich nicht. In der katholischen Privatschule muss er beten. Morgens, mittags und zu Hause abends. Manchmal tun ihm die Knie weh. Die Hüfte. Und die Mittelknochen der Finger.

 – Zu dick, sagt die Mutter beim Mittagessen, fortwährend derselbe Sermon aus ihrem Mund, während der Seppi genüsslich an seinem Sonntags-Schnitzel kaut.

Er denkt sich zu der halbgegessenen Torte unter seinem Bett. Wenn der kleine Sepp erwachsen ist, wird er die Erfinderin der Krimmwinger Festtagstorte finden und sie zwingen, ihn zu heiraten. Wenn sie sich widersetzt oder unwillig ist, die genötigte Ehefrau, wird er sie zwicken und beißen. Er rutscht von der Eckbank und huscht ins Zimmer.

 – Es wird erst vom Tisch aufgestanden, JOSEF, schreit sie ihm nach, es wird erst vom Tisch aufgestanden, wenn alle mit dem Essen fertig sind!

Alle, das sind er und die Mutter. Die selten isst und dafür die meisten Mahlzeiten durch Zigaretten ersetzt, während das Kind eingenebelt von Rauch sein Essen zu sich nimmt.

Er hat die Torte hervorgeholt – ein wenig Staub hat sich über die Sahnehäubchen gelegt – und hält sie mit beiden Händen fest umklammert wie einen Preis vom Kirchtag.

 – Du legst das sofort auf den Boden, sagt die Mutter, und unausgesprochen fügt sie hinzu: Sonst hau ich dir den Hintern aus.

Er hält den Augenkontakt. Breitbeinig steht er da, wie ein Cowboy bei einem Duell. Mit seiner kleinen, pummeligen Hand schiebt er sein T-Shirt – das an den Oberarmen und dem Bauch sichtbar spannt – bis zum Kinn hoch.

 – Wag es nicht, sagt die Mutter.

Mit einem Mal hat er das große, weiche Tortenstück auf seinen nackten Bauch geklatscht und genüsslich verrieben. Es fällt in kleinen und größeren Stücken auf das Parkett. Nachdem die Mutter aus dem Zimmer marschiert ist, die Türe zugeknallt und abgesperrt hat, widmet er sich in aller Ruhe den Resten auf dem Boden. Das Kind steigt mit den Füßen hinein, isst Sahne und Dessertkirschen von den kleinen Zehen, die abwechselnd in gelb, blau und grün lackiert sind.

Nachdem ihm schlecht und er sicher ist, nie wieder, das heißt, nie und nimmer in seinem ganzen, weiten Leben Süßes essen zu können, sieht er zu dem großen Teddybären neben seinem Bett, dem bereits ein Auge fehlt, und sagt:

 – Und du, du sagst mir gar nix. Blöde Sau.

Freundschaften sollten im

Freundschaften sollten im Besonderen dann von beruhigender Dauer sein, wenn sie damit beginnen, dass man sich auf die nackten Kleinkind-Baucherl klopft, Indianerschreie ausstößt und einander über die Felder jagt, die Münder rot und klebrig von Kirschsaft. Suchen nach Ostereiern und Schokolade, die Eltern anbetteln um Brathähnchen und Langos mit Knoblauch am Kirchtag, Zuckerwatte danach, weil immer unbedingt Zuckerwatte danach, übergeben auf dem Karussell eine Unausweichlichkeit. Dazwischen: endlose, nach Wiesen, Freibad, Wassermelone und Brotjause duftende Kindersommer. Rauf und runter mit glänzend neuen Fahrrädern auf den Krimmwinger Kirschkernhügel zum Apfelbaum. Im Winter: Abhänge runterrodeln durch knisternden, halbmeterhohen Pulverschnee, am Ofen aufgekochte, schaumige Milch mit Honig und Zimt von den Großmüttern. Kekse, Kekse, Kekse. Gehen mit der Laterne. Warten auf das Christkind. Bleigießen und daraus deuten. Fischschwänzchen abbeißen. Warten auf die Feuerwerke um Mitternacht, und alles verschlafen. Dann, im neuen Jahr, wieder alles von vorne.

Darmowy fragment się skończył.

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Objętość:
81 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783701362936
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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