Czytaj książkę: «Geschichte der USA»

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Christof Mauch / Jürgen Heideking / Anke Ortlepp

Geschichte der USA

Narr Francke Attempto Verlag · Tübingen

Coverabbildung: Freiheitsstatue. New York Wahrzeichen und Symbol der Freiheit und derDemokratie. (© Robert Voigt, shutterstock.com, 2016)

Prof. Dr. Christof Mauch leitet die Abteilung für Amerikanische Kulturgeschichte und ist Direktor des Rachel Carson Center for Environment and Society an der LMU München.

Prof. Dr. Anke Ortlepp ist Professorin für Nordamerikanische Geschichte an der Universitätzu Köln.

Prof. Dr. Jürgen Heideking war Professor für Angloamerikanische Geschichte an der Universität zu Köln.

7., aktualisierte und ergänzte Auflage 2020

6., überarbeitete und erweiterte Auflage 2008

1. Auflage 1996

Mit umfangreichem Zusatzmaterial unter https://www.utb-shop.de/geschichte-der-usa-11176.html

© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.narr.de • info@narr.de

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

Print-ISBN 978-3-8252-5399-8

ePub-ISBN 978-3-8463-5399-8

Inhalt

  Vorwort

 Kapitel 1: Kolonien und Empire1 Der Zusammenprall dreier Kulturen am Rande der atlantischen Welt2 Regionale, ethnische und religiöse VielfaltDer SüdenDie Neuengland-KolonienDie Mittelatlantik-KolonienKüste und Hinterland3 Die Kolonien im Empire-VerbandSalutary neglect und imperiale KontrolleGemeinsame englische Institutionen und KulturDie Kolonien im englischen MerkantilsystemKriege für das Empire

 Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763–18141 Die imperiale Debatte, 1763–1774Die Stamp Act-KriseTownshend-Zölle, „Boston Massacre“ und Bostoner „Tea Party“Der Erste KontinentalkongressDie ideologischen Ursprünge der Revolution2 Unabhängigkeitserklärung und konstitutionelle NeuordnungDer Kontinentalkongress erklärt die UnabhängigkeitStaatenverfassungen, Grundrechteerklärungen und Articles of Confederation3 Unabhängigkeitskrieg, Bündnisdiplomatie und Pariser Friedensschluss, 1775–17834 Die „kritische Periode“, 1783–1787/88Egalitäre Tendenzen und Krise der AutoritätDie Schwäche des KonföderationskongressesDer Verfassungskonvent von PhiladelphiaDie Ratifizierungsdebatte5 Die Federalists an der Macht, 1789–1800Hamiltons Finanz- und WirtschaftsprogrammDie Rückwirkungen der Französischen RevolutionDer Jay Treaty mit EnglandWashingtons Farewell AddressJohn Adams und der Quasi-Krieg mit FrankreichDie „Revolution von 1800“6 Jeffersons Republikanismus als Alternative zum nationalen Machtstaat, 1801–1814Der Niedergang der Federalists und das Ideal der agrarischen RepublikDer Louisiana PurchaseDer „zweite Unabhängigkeitskrieg“ gegen EnglandDie USA am Ende der Revolutionsepoche

 Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815–18541 Die Era of Good FeelingGrenzregelungen und Monroe-DoktrinDer Missouri-KompromissLandpolitik, Finanzkrise und Fraktionsbildungen2 Die „Marktrevolution“Bevölkerungswachstum und BinnenwanderungAusbau der Infrastruktur und Anpassung des RechtssystemsLandwirtschaft und frühe IndustrialisierungSozialer Wandel und Reformbewegungen im NordenDie Sonderkultur des Südens3 Der Übergang zur ParteiendemokratieDas Parteienverständnis im WandelDie Anfänge der Jacksonian DemocracyJacksons IndianerpolitikNullifikationskrise und „Bankkrieg“Die Whigs als neue OppositionsparteiDas zweite nationale Parteiensystem4 Territoriale Expansion und SklavereiproblematikManifest DestinyTexas und OregonDer Mexikanisch-Amerikanische KriegDie USA und die Revolutionen in Europa, 1848/49Der Sklaverei-Kompromiss von 1850Das Kansas-Nebraska-Gesetz von 1854

 Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855–18961 Die Eskalation des Nord-Süd-Konflikts und der Weg in den BürgerkriegDie Umgestaltung der ParteienlandschaftDas „blutende Kansas“ und das Dred Scott-UrteilDie Lincoln-Douglas-DebattenLincolns Wahl und der Weg in den Krieg2 Der Amerikanische Bürgerkrieg, 1861–1865Das militärische Patt, 1861–1863Seekrieg und AußenpolitikLincolns EmanzipationserklärungGettysburg und VicksburgDie Niederlage der Konföderation und die Ermordung Lincolns3 Die Wiedereingliederung des Südens und die Rechte der befreiten AfroamerikanerDie „präsidentielle Rekonstruktion“, 1865–1867Die Phase der radikalen Rekonstruktion, 1867–1872Die weiße Gegenoffensive im SüdenDas Ende der Rekonstruktion4 Die Erschließung und Transformation des amerikanischen WestensFrederick J. Turners Frontier-TheseDer transkontinentale EisenbahnbauDer aride Westen und die Ausbeutung der natürlichen RessourcenDie Verdrängung der Indianer5 Der Aufstieg der USA zur führenden IndustriemachtBesonderheiten der amerikanischen IndustrialisierungDie Bedingungsfaktoren der wirtschaftlichen ExpansionKonzentration und Konsolidierung der Wirtschaft6 Parteipolitik und soziale Konflikte im Gilded AgeParteimaschinen und „congressional government“Soziale Ausgrenzung und rechtliche Diskriminierung der Afroamerikaner in den SüdstaatenFrauen im öffentlichen LebenGewerkschaften und ArbeiterbewegungDie Rebellion der Populisten und die Wahlen von 1896

 Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897–19201 Der Eintritt der USA in die WeltpolitikGrundlagen und Motive einer amerikanischen GroßmachtpolitikDer spanisch-amerikanische Krieg von 1898Schwerpunkte der amerikanischen Außenpolitik bis zum Ersten Weltkrieg2 Das Bemühen um eine innere Erneuerung der Vereinigten StaatenTriebkräfte und Charakter der „progressiven Bewegung“Reformanliegen und ReformerfolgeNationale Politik in der ReformäraGrenzen und Widersprüche der Reformbewegung3 Die Vereinigten Staaten im Ersten WeltkriegDer Weg in den Krieg, 1914–1917Die Vereinigten Staaten als Krieg führende Macht, 1917/18Der Versailler Friede und seine Rückwirkungen in den USADie Konsequenzen des Ersten Weltkrieges

 Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921–19451 Die „Goldenen Zwanziger Jahre“Prosperität, Konsumkultur und gesellschaftliche FreiräumeAntimodernismus, kulturelle Konflikte und sozialer ProtestDer selektive Unilateralismus der amerikanischen Außenpolitik in den 1920er Jahren2 Die Vereinigten Staaten in der Krise des demokratisch-kapitalistischen SystemsUrsachen und Verlauf der Großen DepressionDie Wahlen von 1932Der „erste“ New DealOpposition gegen den New DealDer „zweite“ New DealDer Streit um den Supreme Court und die Bewertung des New Deal3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven MächtenIsolationismus und Neutralität, 1933–1938Der Weg in den Krieg, 1938–1941Der Krieg an der „Heimatfront“Politik und Kriegführung, 1942–1945Die Ergebnisse des Krieges aus amerikanischer Sicht

 Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946–19681 Die Anfänge des Kalten Krieges und die Grundlegung der nationalen Sicherheit, 1946–1953Erklärungsmodelle für die Entstehung des Ost-West-KonfliktsBesatzung und Rekonstruktion in Deutschland und JapanDie Neuordnung der Exekutive und der Aufbau des amerikanischen BündnissystemsNSC 68 und der Korea-Krieg2 Politik und Gesellschaft in der Eisenhower-Ära, 1953–1960Der McCarthyismus und das Problem der BürgerrechteLeistungen und Widersprüche der WohlstandsgesellschaftPolitische Kontinuität und Immobilismus in den 1950er JahrenDie Außenpolitik der Eisenhower-AdministrationErste Antworten auf die Revolutionierung der „Dritten Welt“Eisenhowers Deutschland – und Europapolitik3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961–1968John F. Kennedys Aufbruch zur New FrontierKrisen um Kuba und BerlinDie Widersprüche der Dekolonisierung und der VietnamkonfliktRealität und Mythos der „Ära Kennedy“Lyndon B. Johnsons Projekt der „Great Society“Die Ausweitung des Vietnamkrieges und die inneramerikanische ProtestbewegungDas Epochenjahr 1968

 Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969–19921 Die krisenhaften siebziger JahreZerfall der Anti-Kriegs-Front und Auffächerung der BürgerrechtsbewegungDas „Disengagement“ in Vietnam und die Suche nach einem globalen MächtegleichgewichtDer Watergate-Skandal und der erzwungene Rücktritt Präsident NixonsPolitik im Schatten von Vietnam und Watergate2 Soziale und kulturelle EntwicklungenDie Wiederbelebung des amerikanischen PatriotismusNachlassendes Wirtschaftswachstum und soziale HärtenWirtschaftsliberalismus, religiöser Fundamentalismus und Neokonservatismus3 Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten KriegesPräsident Reagan : Der „große Kommunikator“ im Weißen HausReaganomics : Amerikanische Wirtschafts – und Finanzpolitik ab 1981Amerikanische Außenpolitik von der atomaren Nachrüstung der NATO zur Wiedervereinigung Deutschlands, 1981–1990Sowjetisch-amerikanische Annäherung, Überwindung der deutschen Teilung und Ende des Kalten KriegesVom Golfkrieg zur Abwahl von Präsident Bush

 Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg1 Im Kampf gegen die konservative Revolution: Die erste Clinton-Administration2 Prosperität, Skandale und Impeachment: Die zweite Clinton-Administration3 Die „postmoderne Präsidentschaft“ und das Erbe der Ära Clinton

 Kapitel 10: Manipulationen und Krisen – Die USA im neuen Jahrtausend1 George W. Bush – Umstrittene Wahl und konservativer Wandel2 Die Terrorattacken vom 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“AfghanistanDer Weg in den Irak-KriegDer Krieg im IrakInnenpolitische Reaktionen auf den 11. September 2001Präsidentschaftswahl 2004Innenpolitische Entwicklungen3 George W. Bushs Erbe und der Kampf um seine Nachfolge4 Barack Obama – Politischer Aufbruch in einem polarisierten LandHerausforderungen und erste InitiativenDie Reform des GesundheitssystemsWirtschafts – und FinanzkriseDie USA in der WeltObamas KriegeTerrorbekämpfung und ÜberwachungAtomare Rüstungskontrolle – Obamas IranpolitikPräsidentschaftswahl 2012Neue Herausforderungen – Obamas zweite AmtszeitEinwanderungspolitik und Kampf gegen den KlimawandelDer coole Präsident5 Donald Trump – Parteilichkeit und erneute SpaltungDer Präsidentschaftswahlkampf 2016Erste InitiativenRussia Investigation und Mueller ReportKongress und Zwischenwahlen von 2018Supreme Court und BundesgerichteUkraine-Affäre und ImpeachmentDie USA und die WeltDer Präsidentschaftswahlkampf 2020 und die Coronakrise6 Gesellschaftliche TrendsDemographie, Ethnizität, MigrationBevölkerungsverschiebungen und Strukturwandel der WirtschaftWeltmacht im Wandel

 Anhang1 Ausgewählte weiterführende Literatur2 Aufnahme der 50 Einzelstaaten in die Union3 Zeittafel4 Die Präsidenten und Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten5 Personenregister6 Sachregister7 Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Vor 25 Jahren von Jürgen Heideking begründet, ist die Geschichte der USA nach dessen völlig unerwartetem Tod von dem Münchner Historiker Christof Mauch betreut worden. Während der letzten 20 Jahre hat Christof Mauch den Band im Rahmen von Neuauflagen kritisch durchgesehen, aktualisiert, ergänzt, mit Illustrationen und Tabellen versehen, mehrfach aber auch gekürzt, um den Umfang in Grenzen zu halten. Mit der neuen Auflage, ab der Präsidentschaft von Donald Trump, übernimmt die Historikerin Anke Ortlepp die Geschichte der USA. Damit wird die Betreuung des Bandes in einer Art Stafettenlauf von einer HistorikerInnen-Generation zur nächsten weitergegeben: Christof Mauch hatte bei Jürgen Heideking in Köln habilitiert, Anke Ortlepp bei Christof Mauch in München, und seit einigen Jahren hat Anke Ortlepp den ehemaligen Lehrstuhl von Jürgen Heideking in Köln inne.

Die Durchsicht des Textes haben Christof Mauch und Anke Ortlepp gemeinsam vorgenommen. Das Kapitel zum ersten afroamerikanischen Präsidenten Barack Obama und dessen historischer Bewertung stammt von Christof Mauch, das neue Kapitel zur Präsidentschaft von Donald Trump und die kommentierte Bibliographie, die neben aktueller Literatur auch Klassiker enthält, von Anke Ortlepp. Wie in früheren Auflagen wurden auch einige Kürzungen vorgenommen, vor allem in den Kapiteln zum ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert.

Im 21. Jahrhundert, in der Ära von #MeToo und #BlackLivesMatter, sind Leserinnen und Leser für individuelle Befindlichkeiten, für kulturelle Minderheiten und für rassistische und sexistische Diskriminierungen in einer Weise sensibilisiert wie dies bei der ersten Niederschrift der Geschichte der USA noch nicht der Fall war. Vor diesem Hintergrund wurden einzelne politisch konnotierte Ausdrücke ausgetauscht und diverse kulturelle Bewertungen abgeschwächt. Bei all dem haben die AutorInnen allerdings Sorge getragen, dass der Tonfall und der sprachliche Duktus des Texts sowie besonders der Inhaltskern der ursprünglichen Darstellung erhalten blieben.

Bei der Aktualisierung des Anhangs, vor allem der kommentierten Bibliographie, haben uns die Kölner Doktorandin Dorothee Schwieters und die wissenschaftlichen Hilfskräfte Maria Wiegel und Stefan Draskic engagiert unterstützt. Die Endredaktion des Textes hat die Münchner Doktorandin Stefanie Schuster mitübernommen. Die Aktualisierung des umfangreichen Registers wurde von Charlotte Huber an der LMU München besorgt. Ihnen allen danken wir herzlich. Unser Dank geht weiterhin an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Narr Francke Attempto Verlags unter Leitung von Herrn Gunter Narr, die dem Projekt großes Interesse entgegengebracht haben, allen voran an Dr. Valeska Lembke und Corina Popp, die die Überarbeitung durchgängig kompetent und zügig begleitet haben.

Das Vorwort zu diesem Band schreiben wir im August 2020, während der Parteitag der Demokratischen Partei Joseph Biden als Präsidentschaftskandidaten und Kamala Harris als erste schwarze Vizepräsidentschaftskandidatin für die Wahlen im November nominiert. Der Ausgang der Wahlen wird darüber entscheiden, wie die Regierung in Washington sich den vier historischen Krisen der Gegenwart stellt: der Corona-Pandemie, der größten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression, dem Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und dem drohenden Klimawandel.

München und Köln, im August 2020 Christof Mauch und Anke Ortlepp

Kapitel 1: Kolonien und Empire

Die Autoren der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung und US-amerikanischen VerfassungVerfassung werden häufig als „Gründungsväter“ bezeichnet. Mit ihnen beginnt im strengen Sinne die Geschichte der Vereinigten Staaten. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts gaben sie den politischen Rahmen für die Entwicklung der USA vor, der bis heute Gültigkeit hat. Im Vergleich zur langen Geschichte des nordamerikanischen Kontinents erscheinen die Ereignisse der 1780er Jahre allerdings sehr gegenwartsnah.

Schon vor etwa 20.000 Jahren gab es Amerikaner, die über die Beringstraße eingewandert waren. Die Ureinwohner des Kontinents lebten anfangs von der Jagd, vom Beerensammeln und vom Fischen. Etwa 1000 Jahre vor unserer Zeitrechnung betrieben sie bereits Landwirtschaft. Als sich die ersten europäischen Entdecker – 500 Jahre vor KolumbusKolumbus, Christoph waren dies die Wikinger – für ein paar Jahre in Siedlungen an der Küste NeufundlandsNeufundland niederließen, hatten die Native AmericansNative AmericansKolonialzeit bereits weite Teile des nordamerikanischen Kontinents besiedelt und vielfältige Wirtschaftsformen entwickelt.

Nach verschiedenen vergeblichen Anläufen unternahmen die Engländer im frühen 17. Jahrhundert den Versuch, permanente Kolonien in der „Neuen Welt“ einzurichten. Die vermeintlich großen Schätze des Kontinents, die weiten Räume, die Aussicht auf freie Ausübung der ReligionReligion und auf einen persönlichen Neubeginn wirkten wie ein Magnet. Im Gegensatz zu den Siedlungen der Spanier und Franzosen, die sich enger mit den Ureinwohnern verbanden, suchten die Siedler aus EnglandGroßbritannien die gesellschaftlichen Einrichtungen und die ökonomische Praxis von der alten in die neue Welt zu „transplantieren“. Dies gelang ihnen nur bedingt. Da sie mit der britischenGroßbritannien KroneGroßbritannien nur indirekt verbunden waren, entwickelten sie – in ihrer neuen Umgebung und im ständigen transatlantischen Austausch – neue politische und soziale Institutionen. Der Zusammenprall der Kulturen auf dem nordamerikanischen Kontinent, die regionale, ethnische und religiöse Vielfalt der Siedlerkolonien und die Stellung der Kolonien im Herrschafts- und Wirtschaftsverband des englischenGroßbritannien Weltreiches bildeten so eine Art Präludium zur amerikanischen Nationalgeschichte.

1 Der Zusammenprall dreier Kulturen am Rande der atlantischen Welt

Die Kolonialgeschichte gehört zweifellos zu den Epochen, deren wertende Darstellung von Historikern und Publizisten am gründlichsten überprüft und – begleitet von heftigen Debatten – am stärksten revidiert worden ist. Anfangs wurde sie fast ausschließlich aus europäischer Perspektive und mehr oder weniger in der Form eines Heldenepos erzählt, das die Entdeckung und Erschließung eines „jungfräulichen“ Kontinents durch tapfere Seefahrer und Siedler verherrlicht. Die Kritik an diesem „Eurozentrismus“ hat eine Verlagerung des Interesses und der Sympathien hin zu den Leidtragenden des epochalen Geschehens bewirkt, den indianischen Ureinwohnern und den versklavten African Americans, die bis in die 1980er Jahre meist nur am Rande der historischen Betrachtung auftauchten. Es bleibt zwar unbestritten, dass sich die „weiße“ Kultur durchsetzte, aber man fragt heute doch viel bohrender als früher nach den Schattenseiten und Kosten dieses Erfolges, und man versucht zugleich, auch die langfristigen Wirkungen zu ergründen, die der Zusammenprall und die Interaktion von indianischer, europäischer und afrikanischer Kultur in Nordamerika zeitigten.

Am härtesten traf es die Ureinwohner, die den aus Europa und AfrikaAfrika eingeschleppten Krankheitserregern hilflos ausgeliefert waren und deren Ethnien oft schon nach den ersten Kontakten durch Seuchen dezimiert und später durch Kriege, Vertreibungen, Hungersnöte und Alkoholismus immer mehr geschwächt und nicht selten ganz vernichtet wurden. Die Beziehungen zu den vordringenden Siedlern waren uneinheitlich und wechselhaft: Sie reichten von friedlichem Handel und temporären Bündnissen gegen gemeinsame Feinde bis zu gegenseitigen Terror- und Ausrottungskampagnen, die von den Weißen häufig grausamer, vor allem aber „effizienter“ durchgeführt wurden. An der englischenGroßbritannien Siedlungsgrenze (FrontierFrontier), wo der „Landhunger“ am größten war, hatten gelegentliche Missionierungs- und Zivilisierungsversuche noch weniger Erfolg als im französischenFrankreichKolonien oder spanischenSpanien Einflussbereich. Hier nahm während der Kolonialzeit ein Teil der demographischen Katastrophe ihren Lauf, zu der sich die „Entdeckung“ Amerikas für die Ureinwohner des Kontinents entwickelte. Die BevölkerungszahlenBevölkerungsentwicklung können nur geschätzt werden, aber sie sind in den letzten dreißig Jahren von der Forschung deutlich nach oben revidiert worden. 1965 ging man noch davon aus, dass zur Zeit des KolumbusKolumbus, Christoph auf dem Gebiet der heutigen USA und KanadasKanada zwischen 900.000 und 1,5 Millionen Ureinwohner lebten. Inzwischen variieren die Schätzungen zwischen 5 und 12,5 Millionen, wobei die Mehrheit der Wissenschaftler 6 bis 7 Millionen als realistisch betrachtet. Ähnlich verhält es sich mit Untersuchungen zur indianischen Gesamtbevölkerung Nord- und Südamerikas um 1490, die neuerdings auf 45 bis 60 Millionen beziffert wird. Als die englische Kolonisation im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts begann, waren die großen Indianerreiche Südamerikas bereits zerstört und die Bewohner der KaribikinselnKaribik weitgehend ausgerottet. Die indianischen Kulturen im MississippiMississippi (Fluss)-Tal hatten ihren Höhepunkt offenbar schon um 1350 überschritten, aber der rapide demographische Niedergang setzte auch hier erst mit der europäischen Kolonisierung ein. Als „Faustregel“ gilt, dass sich die Zahl der Native AmericansNative AmericansKolonialzeit innerhalb von hundert Jahren nach dem ersten Kontakt mit Europäern um etwa 90 Prozent verringerte. Lebten beispielsweise um 1570, zur Zeit der frühesten englischenGroßbritannien Siedlungsversuche an der Festlandsküste, östlich des MississippiMississippi (Fluss) 3 Millionen IndianerIndianer, so waren es 1670 gerade noch 300.000. Im südlichen NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) schrumpfte die Zahl der Ureinwohner im selben Zeitraum von ca. 120.000 auf 12.000. Hier trafen die PuritanerPuritaner auf eine indianische BevölkerungBevölkerungsentwicklung, die durch von Entdeckungsreisenden und Abenteurern eingeschleppte Krankheitserreger so sehr geschwächt war, dass sie kaum noch Widerstand leisten konnte. Als sich der Stamm der PequotsPequots im ConnecticutConnecticut-Tal 1637 dennoch gegen die weiße Landnahme zur Wehr setzte, töteten puritanische Milizen und verbündete IndianerNative AmericansKolonialzeit etwa 500 Männer, Frauen und Kinder und verkauften viele Überlebende als Sklaven auf die KaribikinselnKaribik. Dieses brutale Vorgehen wurde mit dem Hinweis auf die „Sündhaftigkeit“ der „Wilden“ und einem aus der Bibel abgeleiteten Anspruch auf „ungenutztes“ Land gerechtfertigt. Die Geistlichen deuteten die militärischen Erfolge ebenso wie das Massensterben der IndianerNative AmericansKolonialzeit an Pocken oder anderen Epidemien als Fingerzeig Gottes, dass die Wildnis für das „auserwählte Volk“ der Puritaner vorbestimmt sei.


Abb. 1: Das Dorf Pomeiock, ca. 1590

Ähnliche Folgen zeitigte das Zusammentreffen von Europäern und Native AmericansNative AmericansKolonialzeit in der südlicher gelegenen ChesapeakeChesapeake-Region, obwohl es den Siedlern der VirginiaVirginia Company ohne die anfängliche Unterstützung durch den Häuptling PowhatanPowhatan und dessen Tochter PocahontasPocahontas kaum gelungen wäre, dauerhaft Fuß zu fassen. Ein indianischer Aufstand im Jahr 1622 diente dazu, die systematische Bekämpfung und Dezimierung der einheimischen Stämme zu rechtfertigen. Das Bild des „edlen Wilden“, das in Europa von den Befürwortern der Kolonisierung propagiert wurde und das viele Engländer mit nach Amerika brachten, schlug innerhalb weniger Jahre in ein aggressives Feindbild um. Dabei schrieben die Siedler den IndianernNative AmericansKolonialzeit häufig negative Eigenschaften wie Grausamkeit, Heimtücke und Habgier zu, die sie selbst in ihrem Verhalten gegen die Ureinwohner an den Tag legten. Die Zerstörung der indianischen Stammeskulturen konnte nicht ohne negative moralische Rückwirkungen auf die kolonialen Gemeinschaften selbst bleiben, die doch in vieler Hinsicht – etwa durch die Übernahme der NutzpflanzenLandwirtschaftKolonialzeit u. Revolutionsepoche Mais und Tabak – von den Native Americans profitiert hatten.


Karte 1: Die Indianerkulturen Nordamerikas

Als mindestens ebenso schwere und anhaltende, bis in die Gegenwart fortdauernde Belastung sollte sich die Versklavung von AfrikanernAfroamerikanerAfrika erweisen, die auf dem nordamerikanischen Kontinent in nennenswertem Ausmaß erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts begann. Die Schwarzen, die ab 1619 nach VirginiaVirginia gebracht wurden, waren rechtlich zunächst nicht wesentlich schlechter gestellt als die weißen Knechte (indentured servantsindentured servants), die über eine bestimmte Zahl von Jahren die Kosten ihrer Schiffspassage abdienen mussten. Einige AfrikanerAfroamerikanerAfrika erlangten sogar, zumeist wohl als Belohnung für ihren Übertritt zum Christentum, die völlige Freiheit. Sexuelle Kontakte von Schwarzen und Weißen und sogar Mischehen waren keine Seltenheit, obwohl für solches Verhalten Kirchenstrafen und (im Fall der AfrikanerAfroamerikaner) Peitschenhiebe drohten. Seit den 1660er Jahren wurde der Status der Schwarzen jedoch durch Gerichtsurteile und auf gesetzlichem Wege immer mehr verschlechtert, bis sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts das Konzept der chattel slavery fest etablierte, das die AfrikanerAfroamerikanerKolonialzeitAfrika zu „beweglichem Besitz“ (personal property) und zur Ware degradierte. Hierbei handelte es sich um die einzige gravierende Abweichung vom englischenGroßbritannien common lawCommon Law, denn die Institution der chattel slavery existierte nicht im Mutterland, sondern wurde von den KaribikinselnKaribik übernommen.

Die schrittweise Einführung der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) auf dem nordamerikanischen Festland muss im größeren Zusammenhang eines Systems der Zwangsarbeit gesehen werden, mit dem die europäischen Mächte (SpanienSpanien, PortugalPortugal, NiederlandeNiederlande, Frankreich, EnglandGroßbritannienSklavenhandel) seit dem 16. Jahrhundert die gesamte „Neue Welt“ überzogen. Von der Mitte des 17. Jahrhunderts an setzten sich die EngländerGroßbritannienKolonialreich immer erfolgreicher gegen ihre Konkurrenten durch und legten mit dem Kolonial- und Sklavenhandel den Grundstein für den wirtschaftlichen Aufschwung GroßbritanniensGroßbritannienKolonialreich. Im Vergleich zu den Zuckerinseln in der KaribikKaribik wie etwa BarbadosBarbados und JamaicaJamaica, auf denen eine regelrechte „Vernichtung durch Arbeit“ praktiziert wurde, mutet das Schicksal der SklavenAfroamerikanerKolonialzeit in den Festlandskolonien noch einigermaßen erträglich an. Während die hohe Todesrate auf den Inseln nur durch ständige Neuzufuhr aus AfrikaAfrika ausgeglichen werden konnte, nahm die Sklavenbevölkerung in der ChesapeakeChesapeake-Region ab 1720 auf natürliche Weise zu. Weiter südlich, in den malariaverseuchten Reisanbaugebieten South CarolinasSouth Carolina, herrschten härtere Bedingungen, und die Lebenserwartung war entsprechend geringer. Dabei wäre den Weißen die Kultivierung von Reis (und später auch Indigo) ohne die Erfahrung und die Hilfe der AfrikanerAfroamerikanerKolonialzeit gar nicht gelungen. South CarolinaSouth Carolina entsprach auch insofern am ehesten den Zuckerkolonien, als hier schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Zahl der Sklaven diejenige der weißen Pflanzer und Farmer überstieg. Immer mehr Plantagenbesitzer zogen sich nach Art der spanischenSpanien und englischenGroßbritannien absentee landowners in Städte wie CharlestonCharleston, South Carolina und SavannahSavannah, Georgia zurück und überließen die unmittelbare Kontrolle ihren Verwaltern und Sklavenaufsehern.

Obgleich Nordamerika nur etwa 5 Prozent der fast 11 Millionen in die westliche Hemisphäre verschleppten AfrikanerAfroamerikanerBevölkerungsentwicklungAfroamerikanerKolonialzeit aufnahm, handelte es sich doch um weit mehr als nur ein Rinnsal im großen EinwandererstromEinwanderungKolonialzeit. Bis zum UnabhängigkeitskriegUnabhängigkeitskrieg gelangten ca. 300.000 Sklaven als unfreiwillige Immigranten auf das nordamerikanische Festland, gegenüber ca. 500.000 Europäern, die als freie Einwanderer, indentured servantsindentured servants oder Sträflinge (convicts) kamen. Um 1770 lebten (bei einer Gesamteinwohnerzahl von 3 Millionen) etwa 500.000 SklavenBevölkerungsentwicklung in den dreizehn Kolonien, die sich zu den Vereinigten Staaten von Amerika zusammenschlossen. Sie machten ein gutes Drittel der Bevölkerung der südlichen Kolonien aus, deren WirtschaftssystemWirtschaft zu dieser Zeit bereits ganz auf der Ausbeutung von Sklavenarbeit beruhte.

Die ökonomischen Vorteile, die dieses extreme Herr-Knecht-Verhältnis den Weißen einbrachte, mussten mit moralischen und psychologischen Schäden erkauft werden. Niemand erkannte besser als Thomas JeffersonJefferson, Thomas, selbst ein Sklavenhalter, wie tief sich dieses Übel bereits in das Bewusstsein der Menschen eingefressen hatte: In seinen Notes on the State of VirginiaNotes on the State of Virginia (1786) beklagte er 1786, die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) gebe weißen Herren und schwarzen Knechten täglichen Anschauungsunterricht „in den ungezügeltsten Leidenschaften, im schlimmsten Despotismus auf der einen und in herabwürdigender Unterwerfung auf der anderen Seite“. Andererseits konnte sich der liberale Aufklärer JeffersonJefferson, Thomas aber ebenso wenig wie die meisten seiner weißen Landsleute vom Vorurteil einer „natürlichen Minderwertigkeit“ der schwarzen Rasse befreien. Die Sklavengesetze (slave codes) der Kolonien sahen bereits für geringe Übertretungen grausame Strafen vor, um Fluchtversuche zu unterbinden und individuellen oder kollektiven Widerstand im Keim zu ersticken. Im Unterschied zu den amerikanischen Ureinwohnern war die schwarze Bevölkerung nicht in ihrer physischen Existenz bedroht, sondern „nur“ zu extremer Anpassung gezwungen. In den nördlichen Kolonien, wo – mit Ausnahme von New YorkNew York – die Zahl der Schwarzen relativ gering blieb, vollzog sich diese erzwungene Abkehr von den afrikanischenAfrika Wurzeln schneller als in den Gebieten südlich von PennsylvaniaPennsylvania. Dort entwickelten sich im Laufe des 18. Jahrhunderts eigenständige Kommunikationsformen und Lebensweisen sowie Ansätze einer afroamerikanischenAfroamerikanerKultur Kultur. In South CarolinaSouth Carolina und GeorgiaGeorgia schufen Schwarze aus verschiedenen Teilen AfrikasAfrika die Sklavensprache GullahAfroamerikanerKulturGullah, und auf den Reispflanzungen konnten sich die in großen Gruppen zusammenlebenden Sklaven eine gewisse Autonomie bewahren. Dagegen verschmolzen in VirginiaVirginia, MarylandMaryland und DelawareDelaware, wo Weiße und Schwarze auf Tabakplantagen oder Familienfarmen in engen Kontakt kamen, europäische und afrikanischeAfrika Bräuche, Techniken und Denk- und Verhaltensweisen am ehesten zu neuen Lebensformen. Trotz der gesetzlichen Verbote fand auch – meist als Folge sexueller Ausbeutung von Sklavinnen durch ihre weißen Herren – eine Rassenvermischung statt. Von einer gegenseitigen kulturellen Bereicherung konnte im Zeichen der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) aber kaum die Rede sein. Der großen Mehrzahl der weißen Siedler war der Preis für das Überleben und die Entwicklung der Kolonien – die Verdrängung der Ureinwohner und die Unterdrückung der AfrikanerAfroamerikanerKolonialzeitAfrika – nicht zu hoch. Die positiven Möglichkeiten, die das Zusammentreffen dreier Kulturen in sich barg, blieben damit weitgehend ungenutzt.

2 Regionale, ethnische und religiöse Vielfalt

Nicht Einheitlichkeit und Homogenität, sondern mosaikartige Vielfalt war das hervorstechende Merkmal der englischenGroßbritannienKolonialreich Festlandskolonien. Ihren Ausgang nahm die Besiedlung – nach einigen gescheiterten Experimenten – von JamestownJamestown im Süden (1607) und PlymouthPlymouth im Norden (1620), und beide Regionen, das nach Elisabeth I., der „jungfräulichen Königin“, VirginiaVirginia genannte Gebiet um die ChesapeakeChesapeake Bay und das „Neue EnglandGroßbritannien“ (New EnglandGroßbritannien) der PuritanerPuritaner, trugen von Beginn an einen ganz unterschiedlichen Charakter.

Der SüdenSüden

Die Gründung JamestownsJamestown war das Werk von Kaufleuten und adligen Investoren, die, in der Londoner Virginia Company zusammengeschlossen, 1606 eine königliche Charter erwirkt hatten. Bei der Planung des Unternehmens spielten Hoffnungen auf Goldfunde, rasche Profite und die Errichtung einer idealen Feudalgesellschaft eine wichtige Rolle. Stattdessen entstand in den feucht-warmen, fruchtbaren Küstenstrichen von Virginia und MarylandMaryland – einem Teil des Charter-Gebiets, das nach dem Rückzug der Virginia CompanyVirginia Company 1632 von der KroneGroßbritannien als Lehen an den katholischen Lord BaltimoreBaltimore, George Calvert Earl of vergeben wurde – eine profitable, auf den Export von Tabak spezialisierte Plantagenwirtschaft. Die meisten Landbesitzer lebten auf ihren Pflanzungen (plantations), die im Schnitt 500 acres (200 Hektar) groß waren. Den Mangel an Arbeitskräften behoben sie durch den Import von indentured servantsindentured servants aus Europa und dann, als diese Quelle gegen Ende des 17. Jahrhunderts wegen der günstigen Wirtschaftsentwicklung in England zu versiegen begann, zunehmend durch den Kauf von Sklaven aus AfrikaAfrika und der KaribikKaribik. Für die Vermarktung ihres Hauptprodukts Tabak blieben die Pflanzer der ChesapeakeChesapeake-Region weitgehend auf englische und schottische Kaufleute angewiesen.

Einige Jahrzehnte später als an der ChesapeakeChesapeake Bay begann die Kolonialentwicklung in den südlich anschließenden Gebieten, für die acht englische Handelspartner 1663 von Charles II.Charles II. eine Charter erwarben. Diese zu Ehren des Königs „Carolina“ genannte Kolonie wurde 1691 (formell 1712) in North CarolinaNorth Carolina und South CarolinaSouth Carolina aufgeteilt. Während in North Carolina kleine und mittlere Farmen und Pflanzungen überwogen, dominierten in South Carolina die von Sklaven bewirtschafteten großen Reisplantagen, und das günstig gelegene CharlestonCharleston, South Carolina stieg zum wichtigsten Ausfuhrhafen auf. Noch später, erst 1732, kam die Kolonie GeorgiaGeorgia (nach König George II.George II. benannt) hinzu, die als militärischer Puffer gegen das spanische FloridaFlorida gedacht war, deren Einwohner aber rasch auch in anhaltende Feindseligkeiten mit den CherokeeCherokee- und CreekCreek-IndianernNative AmericansKolonialzeit verwickelt wurden.

Politisch und gesellschaftlich gaben im SüdenSüden die Plantagenbesitzer den Ton an. Auf Grund der relativ geringen Lebenserwartung in dem ungesunden Klima verloren die Kinder häufig schon früh einen Elternteil oder sogar beide Eltern. Da sich in solchen Fällen in der Regel die weitere Familie ihrer annahm, erlangten Verwandtschaftsbeziehungen und Sippenloyalitäten eine immer wichtigere Bedeutung. Aus ihnen erwuchs die so genannte VirginiaVirginia AristocracyVirginia Aristocracy, eine durch Blutsbande und wirtschaftlicheWirtschaft Interessen eng verknüpfte Eliteschicht, die sich auch mittels guter Bildung, kultivierter Lebensart und Sinn für elegante Vergnügungen wie Pferderennen, Jagdgesellschaften und Bälle von der übrigen weißen Bevölkerung abhob. Trotz erheblicher Besitzunterschiede hielten sich die sozialen Spannungen aber in Grenzen, weil die Farmer, Handwerker und Händler ganz im Sinne einer traditionellen StändegesellschaftGesellschaftStändegesellschaft die Pflanzer als sozial Höhergestellte anerkannten und ihnen mit Respekt und ehrerbietiger Fügsamkeit (deference) begegneten. Die Pflanzerelite wiederum nahm ihre Verantwortung für das Gesamtwohl ernst (abgesehen von der im gesamten Süden unterentwickelten SchulbildungBildungswesen) und bemühte sich, die Führungs- und Leitbildfunktion zu erfüllen, die ihr im Rahmen dieser patriarchalischen deferential society zukam. Außerdem wirkte die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) der Entstehung einer potenziell gefährlichen Schicht besitzloser weißer EinwandererEinwanderungKolonialzeit entgegen.

WirtschaftlichWirtschaft geriet die Virginia AristocracyVirginia Aristocracy im Verlauf des 18. Jahrhunderts allerdings unter Druck, denn die Notwendigkeit, alle größeren Investitionen (und teilweise auch den anspruchsvollen Lebensstil) mit Hilfe von Krediten aus EnglandGroßbritannien zu finanzieren, trieb viele Familien in chronische Verschuldung. Die Auslaugung der Böden durch den Tabakanbau zwang zur ständigen Erweiterung der Anbaufläche oder zum Kauf neuer Plantagen, und sie verführte gelegentlich auch zu riskanten Landspekulationen in den westlichen Gebieten. In MarylandMaryland und Teilen VirginiasVirginia fanden viele Farmer und Pflanzer im Getreideanbau eine günstige Alternative, was allmählich den gesamten Charakter der ChesapeakeChesapeake-Region mit ihrer aufstrebenden Hafenstadt BaltimoreBaltimore veränderte. Gegen Ende der Kolonialzeit unterschied man deshalb schon einen Upper SouthUpper South (Maryland, Virginia, DelawareDelaware), in dem die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) relativ an Bedeutung verlor, von dem Lower SouthLower South (s.a. Süden) (die Carolinas und GeorgiaGeorgia), der strukturell eher den karibischen Sklavenkolonien ähnelte. In ethnischer Hinsicht stellten die Engländer den größten Bevölkerungsanteil, gefolgt von den AfrikanernAfroamerikanerKolonialzeit, die nicht nur in den Küstenebenen, sondern – in geringerer Zahl – auch auf Farmen des Hinterlands arbeiteten. Dort siedelten vor allem SchottenEinwanderungEthnienSchotten, deren Vorfahren das nördliche Irland kolonisiert hatten (und die deshalb Scots-Irish genannt wurden), sowie DeutscheEinwanderungEthnienDeutsche, die, zumeist aus PennsylvaniaPennsylvania kommend, durch das ShenandoahShenandoah River-Tal nach Süden vordrangen. Das religiöse Leben wurde eindeutig von der Anglikanischen KircheAnglikanische Kirche bestimmt, der englischenGroßbritannien Staatskirche (Church of EnglandGroßbritannien), die in den südlichen Kolonien als einzige offizielle Kirche anerkannt war. Die meisten Iro-SchottenIro-Schotten waren PresbyterianerPresbyterianer, die Deutschen entweder LutheranerLutheraner oder ReformierteReformierte (wie die Mährischen BrüderMährische Brüder, die sich unter anderem in Salem, North CarolinaNorth Carolina, niederließen), doch dies blieben – zusammen mit den KatholikenKatholiken in Maryland – eher Einsprengsel in einer gemäßigt konservativen anglikanischen Kultur. Das Monopol und die Steuerprivilegien der Anglikanischen KircheAnglikanische Kirche gerieten erst im 18. Jahrhundert ins Wanken, als sich mit den MethodistenMethodisten und BaptistenBaptisten neue, dynamische Glaubensgemeinschaften bildeten, die vor allem im einfachen Volk Anhänger fanden und an einigen Orten sogar Sklaven aufnahmen. Gemeinsam wehrten sich die Siedler gegen die Einsetzung eines anglikanischen Bischofs, die ihre religiöse und politische Autonomie von EnglandGroßbritannien gefährdet hätte. Diese Frage blieb bis in die Revolution hinein ein offener Streitpunkt.

Am Vorabend der Revolution lebten einschließlich der Sklaven gut 50 Prozent der BevölkerungBevölkerungsentwicklung der Festlandskolonien im SüdenSüden. Städte und selbst größere Ortschaften blieben in der Plantagen- und Farmwirtschaft eine Seltenheit. Aufs Ganze gesehen bot die Region eine erstaunliche Mischung aus patriarchalischer Gentry-Kultur und profitorientierter Sklavenhaltergesellschaft. Die wirtschaftliche Monokultur, der Anbau der staple crops Tabak, Reis und Indigo, band die Kolonien fest an das Mutterland und die europäischen Märkte. Trotz dieser Abhängigkeit wuchs aber das Selbstbewusstsein der Pflanzerelite, die sich im Laufe der Zeit eher noch fester zusammenschloss und gegen ehrgeizige Aufsteiger abzuschirmen suchte.

Die NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen)-Kolonien

Bei der Besiedelung der Region, die der Seefahrer und Abenteurer John SmithSmith, John 1614 New EnglandGroßbritannien nannte, stand das religiöse Moment im Vordergrund. Die ersten Siedler waren strenggläubige CalvinistenCalvinisten, PilgrimsPilgrims, die nicht nur in Opposition zur anglikanischen StaatskircheAnglikanische Kirche standen, sondern auch Abstand zu ihren gemäßigten Glaubensbrüdern, den PuritanernPuritaner, hielten. Nachdem ihr Versuch gescheitert war, im niederländischen Exil eine dauerhafte Existenz zu gründen, kehrten sie nach EnglandGroßbritannien zurück und suchten die Unterstützung puritanischer Kaufleute für ein neues Auswanderungsprojekt. Im Besitz eines Patents der Virginia CompanyVirginia Company brachen dann im September 1620 18 Familien mit insgesamt 102 Personen – nicht alle von ihnen Pilgrims – an Bord der „MayflowerEinwanderungKolonialzeitMayflower“ von PlymouthPlymouth in die „Neue Welt“ auf. Sie erreichten aber nicht Virginia, sondern kamen – möglicherweise absichtlich – weiter nördlich in der MassachusettsMassachusetts Bay an. Da sie sich nun außerhalb der Jurisdiktion der Virginia CompanyVirginia Company befanden, konnten sie nach ihren eigenen Regeln leben. Noch vor der Landung bei Cape CodCape Cod unterzeichneten die 41 erwachsenen männlichen Passagiere am 11. November 1620 den Mayflower CompactMayflower Compact, der später zu dem amerikanischen Gründungsdokument schlechthin verklärt wurde. Den Vorstellungen der Pilgrims vom biblischen Bund (covenant) entsprechend, etablierte er einen civil body politic, der die Mitglieder der Gemeinschaft verpflichtete, sich gegenseitig Beistand zu leisten und den Anweisungen der Amtsinhaber zu gehorchen. Damit gaben sie ihrem Verlangen nach Selbstbestimmung und religiöser Autonomie eine politische Form und schufen – unter der Souveränität des englischenGroßbritannien Königs James I.James I. – ein RegierungssystemRegierungssystem für die neue Kolonie Plymouth PlantationPlymouth Plantation. Wohl nur durch die Zusammenarbeit mit den IndianernNative AmericansKolonialzeit, die in dieser Gegend durch Epidemien sehr geschwächt waren, überstand die Plymouth-Kolonie die harten Anfangsjahre und konnte sich stabilisieren. Ihrer Ausdehnung waren aber enge Grenzen gesetzt, denn die Siedler, die in Bruderschaften (brotherhoods) nach strikten religiösen Regeln lebten, lehnten das Streben nach Wohlstand und weltlicher Macht bewusst ab. Im Gefolge der Glorious RevolutionGroßbritannienGlorious Revolution, die auch in NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) politische Veränderungen bewirkte, ging die Kolonie der Pilgrims mit ihren 7500 Einwohnern schließlich 1691 in Massachusetts auf. Die zweite, letztlich stärkere Wurzel Neuenglands war die 1629 von der KroneGroßbritannien mit einer Charter ausgestattete Massachusetts Bay CompanyMassachusetts Bay Company. Sie förderte die Auswanderung von PuritanernPuritaner, einer gemäßigten calvinistischenCalvinisten Glaubensrichtung, die in EnglandGroßbritannien vergeblich versucht hatte, die Staatskirche von katholischen „Überresten“ zu reinigen. Unter dem Eindruck der krisenhaften Entwicklung in EnglandGroßbritannien und der blutigen Religionskriege in Europa fasste einer ihrer Führer, John WinthropWinthrop, John, den Entschluss, möglichst viele Gläubige und vielleicht sogar das Christentum selbst durch einen Exodus nach Amerika zu retten. In der Wildnis sollte eine „City upon a Hill“, ein dem wahren Glauben geweihtes und dem Rest der Welt zum leuchtenden Vorbild dienendes Gemeinwesen errichtet werden. Nachdem der gebildete und besitzende WinthropWinthrop, John von König Charles I. eine koloniale Charter erlangt hatte, verließen 1.630.900 PuritanerPuritaner auf elf Schiffen EnglandGroßbritannien in Richtung Massachusetts Bay. Bis 1640 strömten in einer ersten „EinwanderungswelleEinwanderungKolonialzeit“ über 20.000 englische Puritaner, zumeist im Familienverband, in die neue Kolonie. Ihr Zentrum war BostonBoston, aber das Siedlungsgebiet dehnte sich bald bis zum ConnecticutConnecticut River nach MaineMaine und New HampshireNew Hampshire aus. Zum ersten Gouverneur wurde John WinthropWinthrop, John gewählt, dessen religiös-orthodoxer und elitärer Führungsstil die Kolonie auf lange Zeit hinaus prägte. Das von WinthropWinthrop, John formulierte Sendungsbewusstsein überdauerte die Kolonialzeit und bildet bis heute – in religiöser und in säkularisierter Form – eines der wichtigsten Elemente des amerikanischen Selbstverständnisses und der nationalen Identität. Anders als die Pilgrims waren die Puritaner machtbewusst und strebten nach wirtschaftlichem Erfolg, den sie als Zeichen der göttlichen Gnade und Auserwähltheit werteten. Nicht wenige von ihnen wurden Kaufleute, Reeder und Schiffseigner, die am Küstenhandel und Fischfang, vor allem aber am Überseehandel mit den KaribikinselnKaribik und dem Mutterland gut verdienten. Massachusetts Bay war keine TheokratieTheokratie, denn die Geistlichen übten zwar moralische Autorität, aber normalerweise keine Regierungsämter aus. Andererseits bildeten Kirche und Staat eine feste Einheit, und das WahlrechtWahlrecht blieb bis 1691 für männliche puritanische Kirchenmitglieder reserviert. Die politische Führung lag in den Händen weniger Familien, die früh eingewandert waren und die besten Besitztitel erworben hatten. Auf der anderen Seite wurde das Prinzip der gemeindlichen Selbstverwaltung (local self-government) großgeschrieben, so dass sich oligarchische mit demokratischen Zügen mischten. Das kirchliche Leben war ebenfalls dezentralisiert und vollzog sich in weitgehend selbstständigen Gemeindebezirken, den Kongregationen (congregations), die der gesamten Glaubensrichtung den Namen KongregationalismusKongregationalisten verliehen.

Im Sinne des biblischen covenant forderten die PuritanerPuritaner die Unterordnung des Einzelnen unter die Gemeinschaft. Die Tugenden, die ihre Geistlichen predigten – Gottesfurcht, Fleiß, Rechtschaffenheit, Bescheidenheit, Selbstbeherrschung –, sollten nicht so sehr dem individuellen Fortkommen als vielmehr dem Wohl der Gemeinden dienen. Um diese Ideale zu verwirklichen, führten sie ein rigides System der geistigen und sozialen Kontrollen ein, das sich bald als Quelle innerer Spannungen erwies. Im Extremfall konnte diese Unduldsamkeit zu HexenverfolgungenHexenverfolgung, Prozessen und Hinrichtungen führen, wie sie noch in den 1690er Jahren in SalemSalem, Massachusetts stattfanden. Der gewöhnliche Ausweg war aber die Flucht Andersdenkender, die im Laufe des 17. Jahrhunderts die Abspaltung dreier Kolonien von MassachusettsMassachusetts zur Folge hatte. 1636 gründete Roger WilliamsWilliams, Roger mit einigen Anhängern Providence PlantationProvidence Plantation auf Rhode IslandRhode Island, wo, wie er versprach, niemand seines Gewissens wegen belästigt werden würde. In der Tat wurde die Kolonie bald für ihre Toleranz und ihren demokratischen Geist bekannt, aber auch für die tiefe Verstrickung ihrer Kaufleute in den transatlantischen Sklavenhandel: Hier liegt einer der Widersprüche, an denen die Geschichte NeuenglandsNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) und Nordamerikas insgesamt so reich ist.

Auf ähnliche Weise wie Rhode IslandRhode Island entstand ConnecticutConnecticut, nachdem Thomas HookerHooker, Thomas in Ungnade gefallen war und mit seiner Kongregation CambridgeCambridge, Massachusetts hatte verlassen müssen. Unter Hookers Führung schlossen sich 1638/39 die Gemeinden am Connecticut River zusammen und vertrieben in blutigen Kämpfen die dort lebenden PequotPequots-IndianerNative AmericansKolonialzeit. 1662 erhielt die Kolonie eine eigene königliche Charter und schloss sich mit der PuritanerPuritaner-Siedlung in New Haven zusammen. Unablässige Grenzstreitigkeiten mit allen benachbarten Kolonien taten der wirtschaftlichenWirtschaft Entwicklung kaum Abbruch: Um 1775 hatte Connecticut etwa 200.000 Einwohner und besaß ein gut ausgewogenes Verhältnis zwischen LandwirtschaftLandwirtschaftKolonialzeit u. Revolutionsepoche und Handel. Im Norden gehörte das Gebiet zwischen dem Pisquataqua und dem Connecticut River, das die Siedler New HampshireNew Hampshire nannten, bis 1679 zu MassachusettsMassachusetts.

Dann wurde es durch Gewährung einer königlichen Charter ebenfalls eine separate Kolonie, die mit ConnecticutConnecticut das Schicksal der unsicheren Grenzen teilte. Im Landesinnern leisteten die IndianerNative AmericansKriege, oft mit französischerFrankreichKolonien Unterstützung, Widerstand gegen das Vordringen englischer Kolonisten. Ungelöst blieb bis zur Revolution der Konflikt mit New YorkNew York um das bergige Vermont-Territorium westlich des Connecticut River. Vermont gehörte deshalb nicht zu den dreizehn „Ursprungskolonien“, sondern blieb unabhängig, bis es 1791 den Vereinigten Staaten beitrat.

Trotz der Verselbstständigung von Rhode IslandRhode Island, ConnecticutConnecticut und New HampshireNew Hampshire blieb MassachusettsMassachusetts – mit PlymouthPlymouth Plantation und dem MaineMaine-Distrikt, die es 1691 von der KroneGroßbritannien zugesprochen bekam – die bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen)-Kolonie. Die Hafenstadt BostonBoston hatte 1775 16.000 EinwohnerBevölkerungsentwicklung – nicht viel im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung von ca. 300.000. Das Erscheinungsbild der Kolonie und von Neuengland insgesamt prägten nach wie vor Familienfarmen, auf deren eher kargen Böden wie in der Heimat Ackerbau und Viehzucht betrieben wurden, sowie Dörfer und kleine Städtchen mit ihren religiösen meeting houses und den town halls zur lokalen Selbstverwaltung. Ethnisch waren die NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen)-Kolonien so homogen, dass sie „englischer als EnglandGroßbritannien“ wirkten, und im religiösen Bereich herrschte – ungeachtet der theologischen Meinungsverschiedenheiten – weitgehende puritanische Konformität. Im 18. Jahrhundert lockerten sich die sozialen Kontrollen allmählich, und die Autorität des orthodoxen Klerus wurde seit den 1740er Jahren durch eine religiöse Erweckungsbewegung, das Great AwakeningGreat Awakening, geschwächt. Mit Ausnahme von Rhode Island blieben die Privilegien der kongregationalistischen Kirche dennoch erhalten: AnglikanerAnglikanische Kirche, QuäkerQuäker und BaptistenBaptisten durften ihren Glauben zwar praktizieren, wurden aber nur toleriert. Sie mussten sich von den Behörden registrieren lassen und Steuern entrichten, die nur der puritanischen Obrigkeit und deren KirchenKirchen zugutekamen.

Die religiöse Liberalisierung des 18. Jahrhunderts erzeugte auch eine wirtschaftliche Aufbruchstimmung. Unter den gewandelten Umständen konnten die alten puritanischen Tugenden mehr und mehr zu Triebfedern einer an individueller Leistung und Wachstum orientierten WirtschaftWirtschaft werden. Trotz des Aufschwungs, den der Handel in den Küstenstädten nahm, und trotz des steigenden Wohlstands der Kaufleute und einiger Anwälte zeichnete sich NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) aber auch am Ende der Kolonialzeit durch relativ geringe Besitzunterschiede und eine egalitäre Sozialstruktur aus. Allerdings erzeugten das starke BevölkerungswachstumBevölkerungsentwicklung (auf Grund des gesunden Klimas war die Lebenserwartung wesentlich höher als im SüdenSüden) und die Neuzuwanderung einen zunehmenden inneren Druck, der sich nur durch die Erschließung weiteren Siedlungslandes im WestenWestenErschließung ausgleichen ließ.

Nach dem Willen der puritanischen Gründer sollte möglichst jedes Gemeindemitglied die Bibel lesen können, um mit offenem Geist auf die göttliche Gnade und Erlösung vorbereitet zu sein. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts bauten die KolonialparlamenteRegierungssystemKolonialparlamente deshalb mit Steuergeldern ein System von Grundschulen und höheren Lateinschulen auf, das NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) zur Region mit der höchsten Alphabetisierungsrate und der besten AllgemeinbildungBildungswesen in ganz Amerika machte. Schon 1636 war HarvardUniversitätenHarvard University College in CambridgeCambridge, Massachusetts gegründet worden, vor allem um Nachwuchs an Geistlichen heranzuziehen, aber auch, um die Gentlemen, die Söhne der führenden Familien, in den Schönen Künsten zu unterweisen. YaleUniversitätenYale University College in New Haven, ConnecticutConnecticut, geht auf das Jahr 1701 zurück und zählt damit ebenfalls zu den ersten nordamerikanischen UniversitätenUniversitäten. Gemessen an den anderen Kolonien trat NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) also mit einem erstaunlich hohen BildungsniveauBildungswesen in die Revolutionsepoche ein. Ungeachtet aller Verweltlichungstendenzen lebte das puritanische Erbe in dem Auserwähltheitsglauben fort, der Neuengland eine hervorgehobene Rolle im göttlichen Heilsplan zuwies. Diese Überzeugung von einer „besonderen Mission“, die ursprünglich oft mit Versagensängsten und Selbstanklagen, etwa in der typisch puritanischen Predigtform der Jeremiade, einherging, strahlte bald auf alle Kolonien aus, verband sich in der Revolution mit der Ideologie des RepublikanismusRepublikanismus und wurde im 19. Jahrhundert Teil des amerikanischen Nationalbewusstseins.

Die Mittelatlantik-KolonienMittelatlantik-Kolonien

Im Vergleich mit NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) und dem SüdenSüden boten die Mittelatlantik-KolonienMittelatlantik-Kolonien sowohl ethnisch als auch kulturell und wirtschaftlich ein abwechslungsreiches Bild. Das hing damit zusammen, dass dieser Raum ursprünglich von Niederländern und SkandinaviernEinwanderungEthnienSkandinavier besiedelt worden war und erst nach der Mitte des 17. Jahrhunderts an EnglandGroßbritannien fiel. Die Mündungsgebiete und Flussläufe des HudsonHudson und DelawareDelaware wurden z.B. von der niederländischen Westindien-Gesellschaft erschlossen, die sich hauptsächlich für den PelzhandelPelzhandel mit IndianernNative AmericansKolonialzeit interessierte. Die Kolonie, die daraus hervorging, hieß zunächst Neu-NiederlandeNeu-Niederlande mit dem Hafen Neu-AmsterdamNeu-Amsterdam, gelegen auf einer Insel – dem heutigen ManhattanManhattan –, die man den ManhatasManhatas-Indianern für Schmuck im Wert von 50 Gulden abgekauft hatte. Die niederländischen Generaldirektoren wirtschafteten allerdings hauptsächlich in die eigene Tasche und sorgten dafür, dass einige auserwählte Familien riesige Landgüter im Hudson-Tal erhielten, die sie mit Pächtern besetzten. In den 1660er Jahren ging die Kolonie als Folge der englisch-niederländischen Seekriege in den Besitz der englischenGroßbritannien KroneGroßbritannien über, und Charles II.Charles II. vergab sie als Lehen an seinen Bruder James, den Herzog von York und AlbanyAlbany, New York. Aus Neu-NiederlandeNeu-Niederlande und Neu-AmsterdamNeu-Amsterdam wurden deshalb die Kolonie New YorkNew York und New York CityNew York City, und Fort OrangeFort Orange im Hudson-Tal hieß fortan AlbanyAlbany, New York.

Die Kolonie New JerseyNew Jersey war ebenfalls Teil der niederländisch-skandinavischen Einflusszone gewesen. Der Herzog von York löste sie 1664 aus seinem Lehensbesitz heraus und übergab sie an zwei seiner Gefolgsleute. Von EnglandGroßbritannien aus versuchten die Besitzer, neue Siedler zu gewinnen, indem sie Land unter günstigen Bedingungen anboten, eine gesetzgebende Versammlung in Aussicht stellten und Gewissensfreiheit versprachen. East Jersey (der Norden) nahm einen neuenglischen Charakter an und orientierte sich zu New York CityNew York City hin, während West Jersey (der SüdenSüden) zur ersten Heimstätte der QuäkerQuäker wurde, unter ihnen William PennPenn, William, der spätere Gründer von PennsylvaniaPennsylvania. PennPenn, William entstammte einer wohlhabenden und einflussreichen englischenGroßbritannien Familie, war aber als junger Mann der Society of Friends beigetreten, deren Mitglieder – die Quäker genannt wurden – wegen ihrer Kriegsdienst- und Steuerverweigerung in Konflikt mit den staatlichen und kirchlichen Autoritäten gerieten. Um seinen Glaubensbrüdern und -schwestern die freie Religionsausübung zu ermöglichen, bemühte sich PennPenn, William um Landerwerb für Quäkergemeinden in Nordamerika. Seine Handschrift ist bereits in den bemerkenswert liberalen Laws, Concessions, and Agreements of West Jersey von 1677 zu erkennen, einem Dokument, das völlige Gewissensfreiheit, eine großzügige Landvergabe und die Kontrolle des kolonialen Steuerwesens durch eine repräsentative Versammlung garantierte.

Im Spektrum der DissenterDissenter, der Abweichler von der anglikanischen StaatskircheAnglikanische Kirche, gehörten die QuäkerQuäker zu den radikalsten Sekten des 17. Jahrhunderts. Sie praktizierten eine ganz auf das Individuum und seine „innere Erleuchtung“ ausgerichtete ReligionReligion, die weder kirchliche Institutionen noch einen Klerus und feste Rituale benötigte. Als PazifistenPazifisten und Gegner weltlicher Autorität verweigerten sie jeglichen Loyalitätseid, bestanden auf der absoluten Gewissensfreiheit und forderten soziale Reformen zu Gunsten der Unterschichten. In Amerika machten sich Quäkergemeinden – neben MennonitenMennoniten aus Deutschland – zu ersten Fürsprechern der Sklavenbefreiung, auch wenn einige Quäker selbst Sklaven besaßen. Auf Fürsprache von Penns Vater, der König Charles II.Charles II. eine erhebliche Geldsumme geliehen hatte, und auf Grund seiner guten Beziehungen zum englischenGroßbritannien Parlament wurde William PennPenn, William 1681 mit dem gesamten noch nicht zugewiesenen Gebiet zwischen New YorkNew York und MarylandMaryland belehnt. Es umfasste 20 Millionen acres und war damit fast so groß wie das Mutterland. Im Jahr darauf gab PennPenn, William der Kolonie seinen Namen und gründete am Zusammenfluss von DelawareDelaware River und Schuylkill River die „Stadt der brüderlichen Liebe“, PhiladelphiaPhiladelphia. Sein erster Verfassungsplan für das „heilige Experiment“ zeigt, dass PennPenn, William nach Temperament und Erziehung Aristokrat war: Er verband hehre moralische Grundsätze mit einem Regierungs- und Verwaltungssystem, das die politische Macht bei ihm selbst als dem proprietor und bei den von ihm ernannten Beamten konzentrierte. Die Vertreter des Volkes, die von den Landbesitzern gewählt wurden, mussten sich darauf beschränken, die von der Regierung eingebrachten Gesetze entweder anzunehmen oder abzulehnen. Auf diese Weise glaubte PennPenn, William, das Fundament für ein harmonisches und stabiles Gemeinwesen gelegt zu haben. Die Wirklichkeit entsprach, wie fast überall in den Kolonien, nicht den Erwartungen und Utopien des Gründers. PennPenn, William hatte keine glückliche Hand bei der Auswahl seiner Stellvertreter und geriet in Streit mit den Siedlern, die ihm 1701 eine neue, demokratischere Charter of Liberties abrangen. Die Quäker-Elite lenkte aber weiterhin die Geschicke der Kolonie, was umso bemerkenswerter ist, als die Quäker zahlenmäßig gegenüber anderen Religionsgemeinschaften wie LutheranernLutheraner, PresbyterianernPresbyterianer und ReformiertenReformierte bald in die Minderheit gerieten. 1704 musste PennPenn, William den Siedlern der drei Lower Counties am Unterlauf des Delaware River ein eigenes Parlament zugestehen, beharrte jedoch darauf, dass sie unter der Oberhoheit des Gouverneurs von PennsylvaniaPennsylvania blieben. Ungeachtet dieser formalen Verbindung entwickelte sich Delaware, wie die drei Kreise von nun an hießen, zu einer selbstständigen, wenngleich wirtschaftlich eng an Pennsylvania angelehnten Kolonie.


Abb. 2: Vertragsschluss zwischen William Penn und einer Gruppe Delaware-Indianer, 1681

ÖkonomischWirtschaft waren die Mittelatlantik-KolonienMittelatlantik-Kolonien geprägt durch mittleren bis größeren Farmbesitz, der auf fruchtbaren Böden die Erwirtschaftung von Getreide- und Fleischüberschüssen für den Export, hauptsächlich in die KaribikKaribik, aber auch in die südlichen Festlandskolonien und sogar nach Europa ermöglichte. Die Ausnahme von diesem System der Familienfarmen bildeten die feudalen Landgüter (manors) im HudsonHudson-Tal, auf denen auch nach dem Abzug der niederländischen Verwaltung vorwiegend Holländer als Pächter (tenants) saßen. Ihre Besitzer verfügten weiterhin über enormen politischen Einfluss in New YorkNew York, sofern sie es nicht vorzogen, nach dem Beispiel vieler karibischer Pflanzer als absentee landowners in Europa von den Pachtzinsen zu leben. New York CityNew York City erlangte wegen seines exzellenten Hafens überregionale Bedeutung als Handels- und Finanzzentrum. Die Stadt wuchs schneller als BostonBoston und brachte eine koloniale Kaufmannselite hervor, die sich erfolgreich im Überseehandel engagierte. Noch mehr Dynamik legte PennsylvaniaPennsylvania an den Tag, das unternehmungslustige EinwandererEinwanderungKolonialzeit aus ganz Europa anzog, nicht zuletzt DeutscheEinwanderungEthnienDeutsche, die – zum Teil als indentured servantsindentured servants – religiöser Verfolgung und wirtschaftlicher Not zu entkommen suchten. Den Anfang hatten 13 KrefelderKrefeld Mennoniten-Familien unter der Leitung des Theologen und Juristen Franz Daniel PastoriusPastorius, Franz Daniel gemacht, die 1683 nach 75-tägiger Schiffsreise auf der „Concord“ im Hafen von PhiladelphiaPhiladelphia landeten. Pastorius, ein Freund Penns, wurde zum ersten Bürgermeister von Germantown ernannt, das rasch zur Stadt heranwuchs und lange Zeit Zentrum der deutschen EinwanderungEinwanderungEthnienDeutsche blieb. Zahlenmäßig überwogen bald PietistenPietisten, LutheranerLutheraner und ReformierteReformierte, die in der Quäkerkolonie „ein ruhiges, ehrliches und gottgefälliges Leben“ führen wollten.

Der Einfluss der QuäkerQuäker machte sich in einem offeneren, weniger patriarchalisch-autoritären geistigen Klima und Familienethos als in NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) und im SüdenSüden bemerkbar. Penns Wunschbild eines schlichten, von der Zivilisation unverdorbenen Volkes wurde aber sehr schnell durch das Eindringen des Wettbewerbsprinzips korrigiert. Die günstige geographische Lage, eine Regierung, die den Bürgern nur wenig Steuern auferlegte, und eine gesunde Mischung aus Farmern, Handwerkern, Kaufleuten, Kleinunternehmern und Arbeitern machte PennsylvaniaPennsylvania zum Mittelpunkt des kolonialen Wirtschaftslebens. Diese Struktur und die im Exportgeschäft erzielten Gewinne boten auch die beste Voraussetzung für künftige industrielle Unternehmungen. PhiladelphiaPhiladelphia, zur Zeit der Revolution mit 40.000 Einwohnern die größte Stadt in Nordamerika, entwickelte sich überdies zum geistigen Zentrum der Neuen Welt. Ihr prominentester Bürger, der Drucker, Schriftsteller und Naturwissenschaftler Benjamin FranklinFranklin, Benjamin, personifizierte im Europa der AufklärungAufklärung geradezu das freiheitliche, prosperierende „Wunder im WestenWesten“, das eine Alternative zu Absolutismus und religiöser Intoleranz aufscheinen ließ.

Vielfalt herrschte vor allem in ethnischer und religiöser Hinsicht. Während in MassachusettsMassachusetts (nach dem ersten Zensus von 1790) 81 Prozent der BevölkerungBevölkerungsentwicklung englischer Herkunft waren, traf das in New YorkNew York nur auf 52 Prozent, in PennsylvaniaPennsylvania sogar nur auf 35 Prozent zu. In New York und New JerseyNew Jersey machten die Niederländer 17,5 bzw. 16,6 Prozent aus, und hier lebten auch noch SkandinavEinwanderungEthnienSkandinavierier, insbesondere SchwedenSchweden. In Pennsylvania stieg der Anteil deutschstämmiger Bürger bis zur Revolution auf knapp ein Drittel, in allen dreizehn Kolonien zusammen auf fast 10 Prozent an. Diese Zahlen bereiteten selbst dem ansonsten aufgeschlossenen und toleranten Benjamin FranklinFranklin, Benjamin Sorgen vor einer „Überfremdung“ Pennsylvanias durch DeutscheEinwanderungEthnienDeutsche. Im Hinterland von New York und Pennsylvania siedelten zudem IrenEinwanderungEthnienIren, SchottenEinwanderungEthnienSchottenSchottland, Iro-SchottenIro-Schotten und französische HugenottenHugenotten, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 ihre Heimat hatten verlassen müssen. Die nördlichste Kolonie mit einer beachtlichen SklavenbevölkerungAfroamerikanerBevölkerungsentwicklung war New York (16.000), und auch in New Jersey, Pennsylvania und DelawareDelaware lebten jeweils einige tausend unfreie und wenige freie AfrikanerAfroamerikanerKolonialzeit. Von der religiösen Zusammensetzung her hielt New York die Spitze, wo die AnglikanerAnglikanische Kirche zwar das offizielle Kirchenregiment stellten, wo aber nicht weniger als zehn größere christliche Glaubensgemeinschaften (denominations) vertreten waren: Niederländisch-ReformierteNiederländisch-Reformierte, die anfangs die Staatskirche gebildet hatten; PresbyterianerPresbyterianer, LutheranerLutheraner, Anglikaner, QuäkerQuäker, BaptistenBaptisten, KongregationalistenKongregationalisten, Französisch-ReformierteReformierte (Hugenotten), DeutschEinwanderungEthnienDeutsche-Reformierte, PietistenPietisten und KatholikenKatholiken; hinzu kam noch eine jüdischeJuden Gemeinde in New York CityNew York City. Weder in New York noch in Pennsylvania oder anderswo kam es zur völligen „Verschmelzung“ dieser unterschiedlichen ethnisch-religiösen Kulturen, wie es der französische Einwanderer St. John de CrèvecoeurCrèvecoeur, St. John de um 1770 in seinen später berühmten Letters from an American Farmer behauptete: „What, then, is the American, this new man? He is neither an European, nor the descendant of an European … Here individuals of all nations are melted in a new race of men, whose labors and posterity will one day cause great changes in the world …“. Diese Aussage hatte eher die Qualität eines Glaubensbekenntnisses und einer Prophezeiung als den Wert einer empirischen Beobachtung; aber schon die Pluralität und das friedliche Nebeneinander so vieler ethnischer Gruppen und religiöser Richtungen waren zu der Zeit einmalig in der atlantischen Welt. Diese Vielfalt machte auch einen bedeutenden Teil des gesellschaftlichen Reichtums aus, denn WirtschaftWirtschaft und Geistesleben konnten sich nirgends so ungehindert entfalten wie in den Mittelatlantik-KolonienMittelatlantik-Kolonien.

Küste und Hinterland

Die regionale Differenzierung in NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen), Mittelatlantik-KolonienMittelatlantik-Kolonien und (oberen und unteren) SüdenSüden wurde ergänzt durch eine Ost-West-Gliederung, die in den weit nach WestenWesten reichenden Kolonien am ausgeprägtesten war. Im Zuge der Erschließung und Besiedlung bildeten sich drei Zonen mit unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten heraus. In den Küstengebieten und größeren Flusstälern herrschte wegen der guten Böden und günstigen Transportmöglichkeiten die kommerzielle LandwirtschaftLandwirtschaftKolonialzeit u. Revolutionsepoche vor, d.h. die Herstellung von Agrarprodukten für die städtischen Märkte oder den Export. Davon profitierten Pflanzer und Familienfarmer gleichermaßen, die ihren Wohlstand von Generation zu Generation mehren konnten. In dieser Zone entstanden auch die bedeutenden Städte von BostonBoston über New YorkNew York City, PhiladelphiaPhiladelphia und BaltimoreBaltimore bis CharlestonCharleston, South Carolina, die Handel und Gewerbe an sich zogen. Unternehmerische Naturen fanden hier die besten Aufstiegschancen, denn Geldvermögen ersetzte schon bald (zumindest in NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) und den Mittelkolonien) die traditionellen Status- und Rangmerkmale. In dem Maße, wie sich die Sozialstruktur ausdifferenzierte, begann sie sich aber auch zu verfestigen, und nahm die Besitzkonzentration zu. In Boston verfügten z.B. die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung 1690 über 27 Prozent des zu versteuernden Vermögens, 1770 dagegen schon über 44 Prozent. Die Zeitgenossen nahmen die Schichtung der Gesellschaft deutlich wahr und unterschieden zwischen der „better sort of people“, der „middling sort“ und den „lower people“. Zur Oberschicht zählten die Pflanzer und Großgrundbesitzer, die reichen Kaufleute und Schiffseigner sowie die prominentesten Angehörigen der freien Berufe wie Anwälte, Ärzte und Gelehrte. Die relativ breite Mittelschicht wurde gebildet von Lehrern und Pfarrern, Handwerkern, Händlern, Ladenbesitzern, Wirten und Gesellen. Am unteren Ende der städtischen Sozialpyramide befanden sich besitzlose ArbeiterArbeiter, Seeleute und Dienstboten, deren Zahl in Boston von 1690 bis 1770 um das Vierfache anstieg, sowie indentured servantsindentured servants, die ihre Schiffspassage abarbeiten mussten, freie Afroamerikaner und Sklaven.

Große Teile NeuenglandsNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) sowie weniger fruchtbare Gebiete im Hinterland der Mittel- und Südkolonien lassen sich einer zweiten Zone zuordnen, in der die Farmfamilien nur so viel (oder wenig mehr) produzierten, als sie selbst verbrauchten. Die Sozialstruktur war in dieser Zone der Subsistenzwirtschaft entsprechend einfach, denn außer Farmern – die selten Sklaven besaßen – gab es hier nur wenige Handwerker und Händler. Allerdings nahm infolge der hohen Geburtenrate die Gruppe derjenigen zu, die kein Land erben konnten und daher ihr Glück in den Städten oder weiter im WestenWestenErschließung an der Siedlungsgrenze suchen mussten. Unter den primitiven Bedingungen dieser FrontierFrontier-Region, die ständig in Bewegung war, lebten Trapper, die jagten und mit IndianernNative AmericansKolonialzeit PelzhandelPelzhandel trieben, sowie Farmer allein oder mit ihren Familien. Sie gerieten auch immer wieder, meist gegen den Willen der Regierungen, in blutige Konflikte mit IndianernNative AmericansKolonialzeit, die sich von ihrem Vordringen besonders bedroht fühlten.

Auf Grund dieses allmählichen Voranschiebens der FrontierFrontier, das mit dem Übergang von der Subsistenzwirtschaft zur kommerziellen LandwirtschaftLandwirtschaftKolonialzeit u. Revolutionsepoche verbunden war, erreichte die koloniale Gesellschaft einen hohen Grad der Mobilität – sowohl horizontal (geographisch), als auch vertikal (als sozialer Aufstieg). Die WirtschaftsstrukturWirtschaft blieb vorwiegend agrarisch: Ca. 80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung lebte auf Farmen und Plantagen, 10–15 Prozent waren Handwerker, und die Gruppe der Kaufleute und freien Berufe machte etwa 5 Prozent aus. Die „Feudalisierungstendenzen“ an der Küste und in den Städten wurden im 18. Jahrhundert aufgewogen durch die Westwanderung, die dafür sorgte, dass die Gesellschaft „im Fluss“ blieb. Man schätzt, dass 15 Prozent der ländlichen BevölkerungBevölkerungsentwicklung innerhalb von 10 Jahren mindestens einmal umzogen, und diese Zahl erhöht sich unter Einschluss der NeueinwandererEinwanderungKolonialzeit auf 40 Prozent. Die Hälfte bis drei Viertel aller landlosen weißen Männer erwarben im Laufe ihres Lebens Landbesitz, und nur einer von zwanzig blieb dauerhaft besitzlos. Durch diese Mobilität und DynamikWirtschaft hoben sich die dreizehn Siedlungskolonien auf markante Weise von den übrigen englischenGroßbritannien Besitzungen in der KaribikKaribik und an der kanadischenKanada Küste ab. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass gerade sie als Erste den Schritt in die Unabhängigkeit wagten. An der Schwelle zur Revolutionsepoche wies die koloniale Gesellschaft, speziell im Bereich der Werte, Normen und Mentalitäten, zwar noch deutliche aristokratisch-monarchische Merkmale auf, doch gleichzeitig verfügte sie bereits über ein beträchtliches liberales und demokratisches Potenzial.


Abb. 3: Die Herkunft der nicht-indianischen Bevölkerung in den britischen Festlandskolonien (1700–1775)

3 Die Kolonien im Empire-Verband

Regionalisierung und Differenzierung hätten dazu führen können, dass sich die einzelnen Kolonien oder doch zumindest Norden, Mitte und SüdenSüden immer weiter auseinanderentwickelten. Dieser durchaus spürbaren Tendenz zur „Fragmentierung“ wirkte die Einbindung in das entstehende „erste“ englische Weltreich entgegen. Zunächst waren die königlichen Charters weit weniger Teil eines Herrschaftsplanes gewesen als Ausfluss des Bemühens, verdiente Untertanen zu belohnen sowie religiöse und soziale Konflikte durch Auswanderung zu entschärfen. Nach dem Ende des Bürgerkriegs und der RestaurationGroßbritannienRestauration der Monarchie wusste die KroneGroßbritannienenglischer Bürgerkrieg ab den 1660er Jahren den Wert, den die Festlandskolonien innerhalb des mit Hilfe der Navigation ActsNavigation Acts ausgebauten englischen MerkantilsystemsGroßbritannienMerkantilsystem besaßen, noch besser zu schätzen. Sie trugen zur Versorgung der KaribikinselnKaribik und des Mutterlandes mit wichtigen Rohstoffen bei (die von England aus auch profitabel in andere europäische Länder weiterverkauft werden konnten), und sie stellten einen wachsenden Markt für in EnglandGroßbritannien hergestellte Fertigprodukte dar. Parlament und Krone bemühten sich von nun an verstärkt um administrative Kontrolle der Siedler, aber ein erster Zentralisierungsschub, der 1688 zur Zusammenfassung aller Kolonien von MassachusettsMassachusetts bis New JerseyNew Jersey im Dominion of New EnglandDominion of New England führte, scheiterte kurz darauf im Zuge der Glorious RevolutionGroßbritannienGlorious Revolution. Dennoch wuchsen die Festlandskolonien auch weiterhin politisch, wirtschaftlich, militärisch und kulturell enger in das Empire hinein.

Salutary neglectGroßbritanniensalutary neglectSalutary neglect und imperiale Kontrolle

Nach der Revolution von 1688/89 bildete sich über mehrere Jahrzehnte ein lockeres Beziehungsmuster zwischen Mutterland und Kolonien heraus, das der englische Staatsmann und Philosoph Edmund BurkeBurke, Edmund gegen Ende des 18. Jahrhunderts treffend als „heilsame Vernachlässigung“ (salutary neglectGroßbritanniensalutary neglect) charakterisierte. Allerdings ging das Verlangen nach imperialer Kontrolle nicht ganz verloren, wie sich 1696 in der Einrichtung eines Board of Trade and PlantationsBoard of Trade and Plantations in LondonLondon zeigte. Im selben Jahr verabschiedete das Parlament einen neuen Navigation Act, der u.a. Vizeadmiralsgerichte (Vice Admiralty Courts) in den Kolonien vorsah, die ohne Geschworene über Fälle von Schmuggel und Piraterie entscheiden konnten. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Kolonien allmählich vom Empire „absorbiert“ wurden, ist im Übergang zu dem System der royal colonies nach dem Vorbild der KaribikKaribik-Inseln zu sehen. Die meisten Festlandskolonien waren als charter colonies von Handelsgesellschaften oder als proprietory colonies von adligen Lehnsmännern gegründet worden. Diese Rechtsform, die in der Regel weitreichende Selbstverwaltungsbefugnisse beinhaltete, wurde bis 1720 mehrheitlich durch das Institut der royal colony ersetzt. Der König selbst ernannte die Gouverneure dieser „königlichen Kolonien“, und die Gouverneure wiederum umgaben sich mit Beratern, Beamten und Richtern ihrer eigenen Wahl. Außerdem war die Gesetzgebung der royal colonies einer strengeren Kontrolle durch den Board of Trade und den Privy Council in London unterworfen. Nur vier Kolonien – PennsylvaniaPennsylvania, MarylandMaryland, Rhode IslandRhode Island und ConnecticutConnecticut – behielten ihren alten Rechtsstatus bis zur Revolution bei.

Gemeinsame englische Institutionen und KulturKulturKolonialzeit

Neben verstärkter zentraler Kontrolle wirkten aber noch andere, möglicherweise wichtigere Elemente dem Auseinanderdriften der Kolonien entgegen. Zum einen bildete sich im politischen Leben eine gewisse institutionelle Gleichförmigkeit heraus, die auf das Vorbild des englischenGroßbritannien Parlaments zurückzuführen ist. So gaben sich im Laufe der Zeit fast alle Kolonien ein legislatives Zweikammer-System, in dem ein vom Volk (d.h. von den Grundbesitzern und Steuerzahlern) gewähltes Unterhaus (Assembly oder House of Representatives) das Gegengewicht zum Gouverneur, zum Gouverneursrat (dem Oberhaus oder Senat) und zur königlichen BürokratieRegierungssystemBürokratie bildete. Im Vergleich zu EnglandGroßbritannien war die Basis der Repräsentation sehr breit, denn trotz der Zensusbestimmungen konnten im 18. Jahrhundert 50–80 Prozent der erwachsenen weißen Männer aktiv am politischen Leben teilnehmen. In NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) hatte jede Gemeinde (Town) das Recht, einen oder zwei Abgeordnete ins Kolonialparlament zu schicken; in der Mitte und im SüdenSüden erfolgte die Wahl auf der Ebene der Kreise (Counties) oder Kirchengemeinden (Parishes). Parallel zum Machtgewinn des Westminster-Parlaments trotzten die kolonialen Assemblies den Gouverneuren immer mehr Befugnisse ab, insbesondere im Steuerwesen. Sie bestanden auch, wie das englische Parlament, auf der schriftlichen Fixierung von Rechten und Privilegien, die zum Ausgangspunkt für spätere Grundrechtserklärungen (Bills of Rights) werden konnten. Von New HampshireNew Hampshire bis GeorgiaGeorgia machte das Tauziehen zwischen den Parlamenten und den Gouverneuren einen wesentlichen Teil der kolonialen Politik im 18. Jahrhundert aus. Sowohl die Strukturen als auch die Praktiken und Konflikte des englischenGroßbritannien RegierungssystemsRegierungssystem waren also den meisten Siedlern gut vertraut und bildeten sich bis zu einem gewissen Grade in Nordamerika wieder ab.

Als weitere Bindemittel kamen das englische Gewohnheitsrecht (common lawCommon Law) und die englische Sprache hinzu. Da das gesamte Gerichtswesen auf dem common lawCommon Law beruhte, wurden seine Regeln auch für diejenigen Siedler verbindlich, die aus anderen, kontinentaleuropäischen Rechtskulturen kamen. Die englische SpracheKulturKolonialzeit mussten sie lernen, wenn sie am politischen Leben der Kolonien teilnehmen wollten. KulturellKulturKolonialzeit bewahrten sich beispielsweise die DeutschenEinwanderungEthnienDeutsche in PennsylvaniaPennsylvania und die Niederländer in New YorkNew York ein großes Maß an Autonomie, doch die Abgeordneten, die sie in die Parlamente schickten, um ihre Interessen zu vertreten, waren allesamt zweisprachig. Das ebenso hartnäckige wie falsche Gerücht, Deutsch wäre beinahe die offizielle Sprache der Vereinigten Staaten geworden, geht auf historische Missverständnisse, z.T. auch auf bewusste nationalistische Propaganda im Kaiserreich und in der NS-Zeit zurück. In Pennsylvania und MarylandMaryland erschienen ab Mitte des 18. Jahrhunderts deutschsprachige Zeitungen, und die Gesetze beider Kolonien wurden sowohl in deutscherEinwanderungEthnienDeutsche als auch in englischer Sprache veröffentlicht. Alle Parlamentsdebatten fanden aber auf Englisch statt, und wer über das Geschehen in den Kolonien und Europa informiert sein wollte, der tat gut daran, eine der bedeutenden englischsprachigen Zeitungen zu abonnieren. Solche „Gazetten“ wurden kostenlos vom Postdienst befördert, den die englische Kolonialverwaltung seit 1710 aufbaute und den Benjamin FranklinFranklin, Benjamin als königlicher Postmaster General in den 1750er Jahren wesentlich erweiterte. In einer Zeit, als die Kutschfahrt von New York nach PhiladelphiaPhiladelphia drei Tage oder länger dauerte, waren solche Verbindungen für das Zusammengehörigkeitsgefühl besonders wichtig.

Die gebildeten Kolonisten verstanden sich als Angehörige einer transatlantischen KulturgemeinschaftKulturKolonialzeit und nahmen durchaus aktiv an den geistigen Bewegungen und Auseinandersetzungen der Europäer teil. Das betraf die AufklärungAufklärung, die in PhiladelphiaPhiladelphia besonders starke Resonanz fand, ebenso wie den Pietismus, der das Great AwakeningGreat Awakening beeinflusste. Viele Söhne wohlhabender Familien absolvierten ihr Studium in EnglandGroßbritannien, und die neueste englische und französische LiteraturKulturKolonialzeit erreichte in relativ kurzer Zeit amerikanische Leser. Besondere Aufmerksamkeit fanden – neben den Werken von BlackstoneBlackstone, Sir William, HumeHume, David und MontesquieuMontesquieu, Charles de Secondat, Baron de – englische politische Schriftsteller, die das Zeitgeschehen kritisch kommentierten. Bezeichnenderweise wurde in NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) und den Mittelkolonien die radikale Form dieser Kritik (vorgetragen von den Real WhigsWhig-Partei und Commonwealthmen) stärker rezipiert als ihre gemäßigte Variante in Form der Country-IdeologieCountry-Ideologie eines Lord BolingbrokeBolingbroke, Henry St. John, Viscount, die dafür im SüdenSüden besser ankam. Ob diese intellektuellenKulturKolonialzeit Einflüsse allerdings schon ein amerikanisches Sonderbewusstsein entstehen ließen oder ob sie das gemeinsame englische Erbe festigten, ist schwer zu ermessen.

In PhiladelphiaPhiladelphia, das sich nach 1720 zur kulturellen Hauptstadt der Festlandskolonien entwickelte, wurden aufklärerische Ideen am entschiedensten in praktische Neuerungen umgesetzt. Diese Vorrangstellung der QuäkerQuäker-Kolonie ist eng mit der Person Benjamin FranklinsFranklin, Benjamin verbunden, der nach der Jahrhundertmitte, als er sich lange Zeit in diplomatischer Mission in LondonLondon und ParisParis aufhielt, zur Leitfigur einer praktisch-gemäßigten amerikanischen AufklärungKulturKolonialzeitAufklärung avancierte. FranklinFranklin, Benjamin neigte seit seiner ersten Englandreise 1724/25 dem Deismus zu, verzichtete aber auf religiöse Spekulation und konzentrierte sich auf sein berufliches Fortkommen. Im Poor Richard’s Almanack säkularisierte er ab 1732 calvinistischeCalvinisten Tugenden und übermittelte den Zeitgenossen Verhaltensregeln und Lebensweisheiten, die zu einem Leitfaden für den amerikanischen self-made man wurden. Nach dem Aufstieg zum angesehensten Buchdrucker und Zeitungsverleger Nordamerikas konnte er sich 1748 aus dem Geschäftsleben zurückziehen und seinen wissenschaftlichen und politischen Interessen widmen. Große Bedeutung für die Verbreitung aufklärerischen Gedankenguts erlangten die von ihm 1743 organisierte American Philosophical Society, die Library CompanyLibrary Company als erste öffentliche Bibliothek in den Kolonien sowie das College of PhiladelphiaKulturKolonialzeit. Um FranklinFranklin, Benjamin bildete sich ein Kreis von Aufklärern, aus dem der Astronom David RittenhouseRittenhouse, David, der Arzt Benjamin RushRush, Benjamin, der Literat Francis HopkinsonHopkinson, Francis und die Künstler Benjamin WestWest, Benjamin und Charles Willson PealePeale, Charles Willson herausragten. Sie hielten Verbindung mit gleich gesinnten Persönlichkeiten und Gruppen in den anderen Kolonien und korrespondierten mit aufklärerischen Organisationen und wissenschaftlichen Akademien in Europa. In der ebenso vitalen wie toleranten und weltlich geprägten Atmosphäre Philadelphias vollzog sich die Gleichsetzung von Amerika, naturwissenschaftlicher Erkenntnis und sozialem Fortschritt, die das öffentliche Bewusstsein der Revolutionsepoche prägen sollte. Das puritanische NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) konnte auf diesem Gebiet trotz des relativ hohen BildungsniveausBildungswesenKulturKolonialzeit nicht ganz mithalten: Erst 1780 gründete der Rechtsanwalt und Politiker John AdamsAdams, John in BostonBoston die American Academy of Arts and SciencesAmerican Academy of Arts and Sciences als Gegenstück zur American Philosophical SocietyAmerican Philosophical Society.

Die Kolonien im englischen MerkantilsystemGroßbritannienMerkantilsystem

Die Auswirkungen der wirtschaftlichenWirtschaft Beziehungen zwischen Kolonien und Mutterland auf das Bewusstsein der Siedler lassen sich kaum eindeutig bestimmen. Ihre zunehmende Dichte und Intensität besagen noch nicht, dass sie den Zusammenhalt der Kolonisten förderten. Die Zahlen sind allerdings eindrucksvoll: 1760 engagierte sich die Hälfte der englischen Flotte im Amerikahandel, und die Festlandskolonien, deren BevölkerungBevölkerungsentwicklung seit 1700 von 250.000 auf über 2 Millionen angestiegen war, nahmen 25 Prozent der englischen Exporte auf. Hatte die gemeinsame Wirtschaftsleistung der Kolonien um 1700 noch 5 Prozent derjenigen des Mutterlandes betragen, so stieg dieser Prozentsatz bis zur UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung auf ca. 40 Prozent an. Andererseits blieben die einzelnen Kolonien in dem monopolartigen System der Navigation ActsNavigation Acts vorrangig auf das Mutterland hin ausgerichtet: Besonders wertvolle enumerated goods wie Tabak, Reis, Indigo, Wolle und Pelze durften nur an das Mutterland verkauft werden; alle Güter, die aus Europa eingeführt wurden, mussten via EnglandGroßbritannien transportiert werden; und den Kolonien war gesetzlich verboten, bestimmte Produkte wie Kleidung, Hüte und Eisen herzustellen und zu exportieren, die mit englischenGroßbritannien Waren konkurrierten. Eine wirkliche regionale Arbeitsteilung und wechselseitige Ergänzungen konnten unter solchen Umständen nicht zustande kommen. Der Austausch zwischen den dreizehn Kolonien lag um die Mitte des 18. Jahrhunderts zwar immerhin bei 25 Prozent des Gesamtvolumens, aber der Außenhandel mit der KaribikKaribik und EnglandGroßbritannien war nach wie vor Motor des Wachstums, denn nur hier konnte man das für zusätzliche Investitionen benötigte Hartgeld verdienen. Daraus erwuchsen Rivalitäten zwischen benachbarten Kolonien, die um einen möglichst großen Anteil am Handelsaufkommen konkurrierten.

Kriege für das Empire

Ambivalenter Natur scheinen auch die Folgen gewesen zu sein, die sich aus der Beteiligung der Siedler an militärischen Unternehmungen der englischenGroßbritannien KroneGroßbritannien ergaben. Diese Praxis begann bereits im Pfälzischen Krieg von 1689–1697, mit dem das englisch-französische Ringen um die Vorherrschaft eröffnet wurde und der in Nordamerika als King William’s WarPfälzischer Erbfolgekrieg (King William’s War) seinen Widerhall fand. Sie setzte sich im Spanischen Erbfolgekrieg von 1701 bis 1713 (Queen Anne’s WarSpanienSpanischer Erbfolgekrieg (Queen Anne’s War)) fort und erreichte einen ersten Höhepunkt während des Österreichischen Erbfolgekrieges von 1740 bis 1748 (King George’s War). Stets unterstützten koloniale Milizen die regulären britischenGroßbritannien Truppen im Kampf gegen Franzosen, Spanier und Indianer, und in der KaribikKaribik beteiligten sich amerikanische Freibeuter (privateers) am Kaperkrieg der Seemächte. Wenig deutet aber darauf hin, dass sich aus diesen Aktivitäten ein eigenständiges amerikanisches Bewusstsein, eine vom Mutterland separate Identität ergeben hätte. Zunächst scheinen sie eher das emotionale Band zur KroneGroßbritannien und zum jeweiligen englischenGroßbritannien König als dem „obersten Kriegsherrn“ noch gefestigt zu haben. Als 1752 bewaffnete Zusammenstöße im OhioOhio-Tal eine neue Runde des Hegemonialkampfes ankündigten, versuchte FranklinFranklin, Benjamin vergeblich, die Kolonien mit seinem Albany Plan of UnionAlbany Plan of Union (1754) von 1754 auf eine gemeinsame Sicherheitspolitik zu verpflichten. In dem Krieg, der wenig später ausbrach, war die Loyalität der einzelnen Kolonien und ihrer Milizen zur KroneGroßbritannien niemals gefährdet, und 1760 feierten die Siedler fast überschwänglich die Thronbesteigung ihres neuen, jugendlichen Königs George III. Dennoch wurde dieser Siebenjährige KriegFrankreichSiebenjähriger KriegSiebenjähriger Krieg (French and Indian War), der in den Kolonien wieder einen eigenen Namen erhielt (French and Indian War), in vieler Hinsicht zum Auslöser der amerikanischen Unabhängigkeit.

Im Juli 1754 erlebte der 22-jährige Major George WashingtonWashington, George an der Spitze der virginischen Miliz bei Fort DuquesneFort Duquesne, im Gebiet des heutigen PittsburghPittsburgh, seine Feuertaufe. Ein Jahr später erlitt er an der Seite eines englischenGroßbritannien Generals in derselben Gegend eine schwere Niederlage gegen die Franzosen, die den Krieg letztlich auslöste. In Europa begannen die Feindseligkeiten 1756 mit dem renversement des alliances, bei dem Engländer und FranzosenFrankreichKolonien ihre traditionellen Verbündeten „austauschten“. Frankreich wandte sich von PreußenPreußen ab und sagte ÖsterreichÖsterreich seine Unterstützung bei der Rückeroberung Schlesiens zu, während EnglandGroßbritannien Habsburg fallen ließ und sich hinter den ehemaligen Gegner Preußen stellte, um eine französische Hegemonie auf dem Kontinent zu verhindern. Das Hauptinteresse des führenden englischenGroßbritannien Ministers William PittPitt, William galt aber nicht Preußen, sondern es ging ihm in erster Linie darum, französische Kräfte in Europa zu binden, um die alte Rivalität in Übersee zu Gunsten des eigenen Landes zu entscheiden. Alle Gebiete, in denen die Einflusssphären der beiden Mächte zusammenstießen, wurden deshalb zu Kriegsschauplätzen: Nordamerika, die KaribikKaribik, WestafrikaAfrika, IndienIndien und – als SpanienSpanienKolonien unklugerweise 1761 noch an der Seite Frankreichs in den Krieg eintrat – auch die PhilippinenPhilippinen. Nach französischen Anfangserfolgen konnten die Engländer dank besserer Planung und Logistik überall zum Gegenangriff übergehen und entscheidende Siege erringen. Nirgends war das deutlicher zu erkennen als in Nordamerika, wo die Franzosen im 17. Jahrhundert ein KolonialreichKanadaFranzösische Besiedlung (La Nouvelle France und LouisianaLouisiana) geschaffen hatten, das sich – zumindest was die Rechtsansprüche betraf – von KanadaKanada bis zur Mündung des MississippiMississippi (Fluss) erstreckte.

Entscheidend für den Kriegsausgang war im September 1759 die Eroberung der stark befestigten Stadt QuebecQuebec durch den englischenGroßbritannien General James WolfeWolfe, James, der eine 10.000 Mann starke Armee von NeuschottlandNeuschottland herangeführt hatte (und der in dem Kampf ebenso fiel wie sein französischer Gegner Marquis de MontcalmMontcalm, Louis Joseph, Marquis de). Im nächsten Frühjahr marschierten BritenGroßbritannien und amerikanische Kolonisten von Norden und SüdenSüden auf MontrealMontreal und zwangen den französischen Gouverneur zur Übergabe Neu-Frankreichs. Im Frieden von ParisFrieden von Paris (1763) 1763 erhielt EnglandGroßbritannien ganz KanadaKanada sowie sämtliche Gebiete östlich des MississippiMississippi (Fluss) mit Ausnahme der Stadt New OrleansNew Orleans. Im Süden musste SpanienSpanienKolonien FloridaFlorida im Austausch für KubaKuba abtreten, das die Engländer 1762 erobert hatten. Als Entschädigung überließen die Franzosen den Spaniern New Orleans und das Land westlich des MississippiMississippi (Fluss), das sie ihnen als Preis für den Kriegseintritt versprochen hatten. Fortan verwalteten die SpanierSpanienKolonien das gesamte Gebiet unter dem Namen LouisianaLouisiana von New Orleans aus. Damit war die Existenz des französischen Kolonialreiches in Nordamerika beendet.

Die Engländer feierten einen der größten Triumphe ihrer Geschichte, doch gerade der Kriegsausgang in Nordamerika sollte sich rasch als eine Art Pyrrhus-Sieg erweisen. Zum einen brachte er latente Animositäten und emotionale Gegensätze an die Oberfläche, die sich zwischen den Menschen im Mutterland und in den Kolonien aufgebaut hatten. Während die englischenGroßbritannien Offiziere und Beamten klagten, dass ihnen die Siedler nicht den gebührenden Respekt entgegenbrächten und dass es ihnen an Bildung und Manieren mangele, fühlten sich die Amerikaner herablassend und als Menschen zweiter Klasse behandelt. Das traf sie umso härter, als sie in den vergangenen Jahrzehnten – unter dem Einfluss der europäischen AufklärungsliteraturAufklärung – das positive „Selbstimage“ eines einfachen, rustikalen, unverdorbenen Volkes entwickelt hatten. Sie rechneten sich die „typischen“ kolonialen Tugenden zu: kraftvoll, energisch und unverbildet; streitbar, aber freiheitsliebend; wohlhabend, aber unberührt von Luxussucht. Gleichzeitig stärkte die Beteiligung an den erfolgreichen Feldzügen ihr Selbstbewusstsein und ihre Überzeugung, nach der Beseitigung der „französischenFrankreichKolonien Gefahr“ für die eigene Sicherheit sorgen und ein American Empire im WestenWesten aufbauen zu können.


Karte 2: Die 13 Kolonien bis 1763

Das Gefühl der Entfremdung wurde durch den Versuch William PittsPitt, William, seine Vision eines rational organisierten und zentral gelenkten Empire zu verwirklichen, noch gesteigert. Seine straffe Empire-Politik war darauf ausgerichtet, alten, nur noch halbherzig befolgten merkantilistischen Regulierungen wieder die gebührende Geltung zu verschaffen. Insbesondere sein Bemühen, den schwungvollen Handel der Kolonien mit den französischenFrankreichKolonien KaribikinselnKaribik als Schmuggel und „Verrat“ zu unterbinden, gefährdete die wirtschaftliche Existenz so manches amerikanischen Kaufmannes. Der Premierminister wurde zwar 1761, noch vor dem Friedensschluss, vom König entlassen, weil er die Staatsverschuldung durch seine Kriegsausgaben fast verdoppelt und auf die unerhörte Höhe von 133 Millionen Pfund Sterling getrieben hatte. Mit dieser Schuldenlast hinterließ er allerdings ein Erbe, das, wie sich bald zeigen sollte, die größte Sprengkraft für die Empire-Beziehungen barg. Um nämlich die finanzielle Belastung der unruhigen englischenGroßbritannien Bevölkerung in Grenzen zu halten – allein für Zinsen mussten jährlich 5 Millionen Pfund aufgebracht werden, für die Truppen auf den KaribikinselnKaribik und in den Festlandskolonien 200.000 Pfund –, suchten George III.George III. und seine Berater nach neuen Einnahmequellen. Amerika bot sich an, denn man hatte, so wurde am Hof und im Parlament argumentiert, den Krieg doch nicht zuletzt zum Schutz der Siedler geführt, die ohnehin viel weniger Steuern zahlten als die Bürger im Mutterland. Von diesem Entschluss nahm die „imperiale Debatte“ über Besteuerung, Repräsentation und Souveränität ihren Ausgang, die innerhalb weniger Jahre die Bindungen löste, die über mehr als ein Jahrhundert entstanden waren.

Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763–1814
1 Die imperiale Debatte, 1763–1774

Am Ende des Siebenjährigen KriegesFrankreichSiebenjähriger KriegSiebenjähriger Krieg (French and Indian War) verstanden sich die meisten Siedler durchaus noch als treue Untertanen der KroneGroßbritannien und betrachteten ihre Kolonien als feste Bestandteile des britischenGroßbritannien Empire. Allerdings hatte die Erkenntnis zugenommen, dass „Amerika“ in diesem Weltreich einen besonderen, hervorgehobenen Platz einnahm und dass die „Amerikaner“ eine Reihe von Belangen und Überzeugungen teilten, die von denen der Engländer abwichen. Handfeste Interessen gerieten zuerst im WestenWesten in Gefahr, wo sich die IndianerNative AmericansKolonialzeit als die eigentlichen Leidtragenden der französischen Niederlage – sie machte die Fortsetzung ihrer bisherigen Neutralitäts- und „Schaukelpolitik“ zwischen den Kolonialmächten unmöglich – nun dem weiteren Vordringen weißer Siedler gewaltsam widersetzten. 1763 schlossen sich im OhioOhio-Tal und im Gebiet der Großen Seen mehrere Stämme unter dem OttawaOttawa Indianer-Häuptling PontiacPontiac zusammen und begannen einen Aufstand, der bis 1766 andauerte. Um den Konflikt einzudämmen, entschloss sich die KroneGroßbritannien, der weiteren Ausdehnung des Siedlungsgebiets und der Landspekulation einen Riegel vorzuschieben. Durch königliche Proklamation wurde im Oktober 1763 die Wasserscheide des AppalachenAppalachen-Gebirges als temporäre Grenze festgesetzt und den weißen Untertanen Seiner Majestät verboten, westlich dieser Linie zu siedeln. Die permanente Stationierung von ca. 10.000 britischenGroßbritannien Soldaten in Nordamerika konnte unter diesen Umständen ohne weiteres auch als eine Vorsichtsmaßnahme gegen koloniale Expansions- und Unabhängigkeitsbestrebungen verstanden werden.

Die Reformen, mit denen die Regierung Grenville die Politik des salutary neglect beendete, um die Empire-Verwaltung zu straffen und die StaatsfinanzenFinanzwesen zu verbessern, fielen ungünstigerweise in eine Rezessionsphase, die den Kriegsboom in den Kolonien abgelöst hatte. Als erste Maßnahme im Rahmen der neuen Strategie traten 1764 der Sugar ActSugar Act (1764) und der Currency ActCurrency Act (1764) in Kraft, die dazu gedacht waren, wenigstens 50 Prozent des schon seit langem offiziell erhobenen Importzolls für Zucker von den französischenFrankreichKolonien KaribikinselnKaribik auch tatsächlich einzutreiben und die unkontrollierte, inflationsfördernde Papiergeldausgabe einzelner Kolonialparlamente zu unterbinden. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich aber ab, dass in den Kolonien nicht so sehr die zusätzliche finanzielle Belastung als die den Gesetzen innewohnende generelle Tendenz zur verstärkten imperialen Kontrolle den Stein des Anstoßes bildete. So behaupteten die Kritiker, das englische Parlament dürfe zwar im Sinne der Navigation ActsNavigation Acts den kolonialen Handel regulieren, nicht jedoch, wie mit dem Sugar ActSugar Act (1764) geschehen, Zollgesetze zur Steigerung der Staatseinkünfte verabschieden. Der Bostoner Anwalt James OtisOtis, James vertrat in einer Flugschrift sogar die Auffassung, das Parlament sei überhaupt nicht befugt, die Kolonien ohne deren Zustimmung zu besteuern. Damit wandte er sich gegen Grenvilles Theorie der „virtuellen Repräsentationvirtuelle Repräsentation“, derzufolge das Parlament (verstanden als Gesamtheit von King, Lords und Commons) sämtliche englischenGroßbritannien Untertanen, also auch die Kolonisten, vertrat und deren Zustimmung zu Parlamentsbeschlüssen einfach voraussetzen konnte. Hier offenbarte sich eine folgenreiche Auseinanderentwicklung der englischenGroßbritannien und der kolonialen Repräsentationspraxis: Während man in EnglandGroßbritannien inzwischen davon ausging, dass der Parlamentsabgeordnete nicht seinen Wählern, sondern der Gesamtheit gegenüber verantwortlich war, also ein „freies Mandat“ besaß, tendierten die Kolonien zum „imperativen Mandat“: Die Abgeordneten in den Assemblies vertraten unmittelbar ihre Wähler bzw. die Gemeinden, von denen sie entsandt und gelegentlich sogar mit bindenden Instruktionen ausgestattet wurden. Die Siedler wollten sich deshalb weder mit einer virtuellen Repräsentation noch mit einer Scheinrepräsentation in Form einiger Alibi-Delegierter abfinden, die – wie Benjamin FranklinFranklin, Benjamin – das Westminster-Parlament in kolonialen Angelegenheiten berieten. Da sie kaum Hoffnung hatten, jemals „tatsächlich“ und gerecht in LondonLondon vertreten sein zu können, lief ihr Argument „no taxation without representation“ nicht auf eine Reform des Parlaments, sondern auf die Rückkehr zum Status quo der Vorkriegszeit hinaus.

Die Stamp Act-KriseStamp Act-Krise

Vor diesem Hintergrund traf das 1765 verabschiedete Steuermarken-Gesetz (Stamp Act) den Nerv der Beziehungen zwischen Kolonien und Mutterland und trieb den Konflikt auf einen ersten Höhepunkt. Von dieser Steuer, die nicht nur für alle Schriftstücke mit rechtlicher Bedeutung, sondern auch für Kalender, Zeitungen, Druckschriften und sogar für Karten- und Würfelspiele erhoben wurde, erhoffte sich die englische Regierung Einkünfte in Höhe von 60.000 Pfund Sterling (umgerechnet auf heutige Preise 5 Millionen Dollar). Es handelte sich um die erste direkte Steuer, die LondonLondon den Kolonien auferlegte, und sie diente noch dazu explizit der Verbesserung der Haushaltslage. Ominös aus amerikanischer Sicht war auch der Umstand, dass zur Eintreibung der Steuer in den Kolonien eine eigene königliche BürokratieRegierungssystemBürokratie aufgebaut werden sollte, dass die Vizeadmirals-Gerichte, die ohne Geschworene urteilten, Verstöße gegen das Gesetz ahnden sollten und dass – gewissermaßen als „flankierende Maßnahme“ – ein Quartering ActQuartering Act (1765) erlassen wurde, der die Assemblies verpflichtete, für die Unterbringung der britischenGroßbritannien Truppen Sorge zu tragen. Die Regierung Grenville suchte also bewusst die Kraftprobe mit den Kolonien, um sie zur Anerkennung der Autorität und Souveränität des Parlaments zu zwingen.

Nach kurzem Zögern nahmen die Siedler den hingeworfenen Fehdehandschuh auf, wobei ihre Führer – die sich WhigsWhig-Partei oder patriots nannten – aber eine Kompromissformel suchten, die es den Kolonien erlaubte, ihre inneren Angelegenheiten selbst zu regeln, ohne aus dem Verbund des Empire ausscheiden zu müssen. Die Opposition manifestierte sich in dreifacher Weise: Auf der politischen Ebene erhoben die Assemblies, allen voran das Unterhaus von VirginiaVirginia, Protest gegen das „verfassungswidrige“ Steuermarkengesetz und betonten den Grundsatz, dass nur sie selbst befugt seien, in den Kolonien Steuern zu erheben. Das MassachusettsMassachusetts-Parlament ergriff überdies die Initiative zu einem interkolonialen Stamp Act CongressStamp Act Congress (1765), an dem im Oktober 1765 in New York CityNew York City 28 Delegierte aus neun Kolonien teilnahmen. Sie verabschiedeten Resolutionen, die den kolonialen Rechtsstandpunkt bekräftigten und Angriffe auf ihre „Rechte und Freiheiten“ zurückwiesen, und sie baten das Westminster-Parlament in einer ausgesucht höflichen Petition um die Annullierung des Stamp Act. Im Unterschied zu diesem maßvollen Vorgehen machte sich der Unmut der Bevölkerung in einer Welle von Protesten Luft, die teils auf symbolische Weise Widerstand ankündigten, etwa durch die Errichtung von Freiheitsbäumen (liberty poles) und die Verbrennung von Puppen, die Steuerbeamte oder englische Politiker darstellten (burning in effigy), teils aber auch schon gewaltsame Formen annahmen und von handgreiflichen Attacken gegen Steuerbeamte bis hin zur Zerstörung ihrer Häuser und zur Praxis des „Teerens und Federns“ reichten. Zumeist wurden diese Massendemonstrationen gut vorbereitet und gelenkt von „patriotischen“ Organisationen, insbesondere den Sons of Liberty, die sich aus Kreisen der Handwerkerschaft in allen bedeutenden Orten entlang der Küste bildeten. Es kam aber auch vor, dass ihnen die Kontrolle der „mobs“ entglitt, die dann zu einer Gefahr für die gesamte öffentliche Ordnung werden konnten. Angeheizt und begleitet wurden alle diese Aktionen von einer heftigen Pressekampagne, für die hauptsächlich die Drucker der etwa 30 kolonialen Zeitungen verantwortlich zeichneten, die sich von der Stempelsteuer besonders hart betroffen fühlten. In wirtschaftlicher Hinsicht schließlich erwiesen sich die hauptsächlich von Kaufleuten initiierten Boykotte englischer Waren als äußerst wirksam. Sie steigerten nicht nur die Solidarität der Bevölkerung, die ihren „Patriotismus“ durch demonstrativen Verzicht auf Einfuhrgüter und das Bemühen um Selbstversorgung, speziell bei Tuchen, beweisen konnte; sie übte auch spürbaren Druck auf die englischenGroßbritannien Kaufleute und indirekt – durch deren Klagen und Proteste – auf die englische Öffentlichkeit und Regierung aus. Die Stamp Act-KriseStamp Act-Krise brachte also schon fast alle wesentlichen Widerstandsformen hervor, die koloniale Elite und Volk, Küste und Hinterland miteinander verbanden und die in ihrer Kombination die Aufstandsbewegung gegen das Mutterland kennzeichneten.

Die Reaktionen in EnglandGroßbritannien offenbarten ebenfalls ein Muster, das sich bis 1774 mehrfach wiederholen sollte. Aus den wachsenden inneren Spannungen, die sich gegen Ende der 1760er Jahre in den Unruhen um den radikalen Parlamentsabgeordneten John WilkesWilkes, John entluden, resultierte eine politische Instabilität, die häufige Regierungswechsel zur Folge hatte und zum Schwanken zwischen Konzessionen und Härte verleitete. Sowohl in der Bevölkerung als auch im Parlament gab es Kräfte, die Mäßigung und Ausgleich mit den Kolonien befürworteten; die Vertreter einer harten Linie, zu denen mehr und mehr auch der König selbst gehörte, kamen ihnen aus taktischen Gründen zeitweise entgegen, behielten in entscheidenden Momenten aber doch stets die Oberhand. So setzte das Parlament zwar 1766 – mit Rücksicht auf die englischenGroßbritannien Kaufleute und angesichts der Tatsache, dass die Steuerbeamten in den Kolonien längst resigniert hatten – den Stamp Act offiziell außer Kraft; gleichzeitig bekräftigten die Abgeordneten aber auf Veranlassung des neuen Premierministers Lord RockinghamRockingham, Charles Watson-Wentworth, Marquis de in einem Declaratory ActDeclaratory Act (1766) das Recht des Parlaments, „to make laws binding the colonies in all cases whatsoever“. Durch dieses Beharren auf der Doktrin der unteilbaren Souveränität wurde aus dem Steuerkonflikt endgültig ein Prinzipienstreit, bei dem die Autorität der englischenGroßbritannien Regierung und des Parlaments auf dem Spiel stand. Wenn die Empire-Reformer auch in einem konkreten Punkt nachgegeben hatten, so hielten sie doch an ihrer prinzipiellen Absicht fest, die Kolonien untrennbar in ein besser organisiertes, machtvolles englisches Staatswesen einzubinden.

Townshend-ZölleTownshend-Zölle (1767), „Boston MassacreBoston Massacre (1770)“ und Bostoner „Tea Party“Boston Tea Party

Bereits ein Jahr später, 1767, unternahm das Parlament einen neuen Vorstoß, indem es eine ganze Reihe von Gütern, die englische Kaufleute nach Amerika einführten, darunter Tee, mit Zöllen belegte. Diese nach dem verantwortlichen Schatzkanzler Townshend duties genannten Abgaben waren wiederum nur Teil der geplanten umfassenden Verwaltungsreform in den Kolonien, die auf eine Stärkung der königlichen Gouverneure und deren Beamtenschaft zu Lasten der schwer kontrollierbaren Assemblies abzielte. Als Antwort darauf ließen die PatriotenPatrioten die Unterscheidung zwischen internal taxes (Steuern) und external taxes (Zöllen) fallen, die es bislang ermöglicht hatte, dem Parlament noch gewisse Befugnisse in der Handelsregulierung zuzugestehen. Dies war die Botschaft der populären Essay-Serie, die John DickinsonDickinson, John ab November 1767 als Letters from a Farmer in PennsylvaniaLetters from a Farmer in Pennsylvania (1767–1768) veröffentlichte und die in der Warnung vor einer „Tragödie der amerikanischen Freiheit“ gipfelte. Obwohl die Proteste und Boykotte wieder weite Teile des Landes erfassten, verlagerte sich der Brennpunkt des Geschehens nun zunehmend nach MassachusettsMassachusetts, dessen Parlament 1768 nach einem besonders heftigen Einspruch gegen die „Verletzung der natürlichen und verfassungsmäßigen Rechte der Kolonisten“ auf Geheiß Londons von Gouverneur Francis BernardBernard, Francis aufgelöst wurde. In BostonBoston kam im Kreis um den radikalen Agitator Samuel AdamsAdams, Samuel, einen ehemaligen Steuereinzieher, auch erstmals die Forderung nach Unabhängigkeit von EnglandGroßbritannien auf, vor der gemäßigte Patrioten zu dieser Zeit noch zurückschreckten und die konservative Anhänger von Recht und Ordnung erschauern ließ. Verschärft wurde die Lage in Boston noch durch die Stationierung britischer Soldaten, die immer wieder mit Zivilisten aneinander gerieten. Eine dieser Konfrontationen endete im März 1770 im so genannten Boston MassacreBoston Massacre (1770), dem fünf Demonstranten zum Opfer fielen. Obwohl die Soldaten eher aus Verwirrung und nicht, wie die Patrioten umgehend behaupteten, vorsätzlich und auf Befehl ihrer Offiziere geschossen hatten, gab der Vorfall Anlass zu einem Märtyrerkult, der den Hass auf die Engländer schürte. Vor Gericht wurden die britischenGroßbritannien Offiziere und Todesschützen allerdings erfolgreich von Samuel AdamsAdams, Samuel’ Cousin John AdamsAdams, John verteidigt, der in dieser Phase noch zu den moderaten Patrioten zählte.

Einen Monat nach dem „Massaker“ traf allerdings die Nachricht ein, der neue Premierminister Lord NorthNorth, Frederick Lord habe unter dem Eindruck der erfolgreichen amerikanischen Boykottbewegung die Rücknahme der Townshend-ZölleTownshend-Zölle (1767) durchgesetzt. Bestehen blieb einzig der Teezoll, als Wink an die Kolonisten, dass sich der britischeGroßbritannien Rechtsstandpunkt nicht geändert hatte. Der Boykott bröckelte daraufhin ab, und die Abgabe auf Tee wurde durch illegale Einfuhr niederländischen Tees weitgehend umgangen. In der Phase der relativen Ruhe, die nun eintrat, beauftragte das Bostoner Town Meeting Ende 1772 ein Korrespondenzkomitee unter Vorsitz von Samuel AdamsAdams, Samuel, Verbindung mit den Gemeinden im Hinterland von MassachusettsMassachusetts aufzunehmen. Das Unterhaus von VirginiaVirginia folgte dieser Praxis und dehnte sie auf die interkoloniale Ebene aus, so dass rasch ein alle Kolonien übergreifendes Kommunikationsnetz entstand. Davon profitierten die PatriotenPatrioten, als die englische Regierung im Mai 1773 mit dem Tea ActTea Act (1773) erneut Öl in die schon fast erloschenen Flammen goss. Das Gesetz war in erster Linie dazu gedacht, die East India Company vor dem Bankrott zu bewahren, indem es ihr verbilligte Teeimporte nach Amerika gestattete. Aus Sicht der Patrioten stand zu befürchten, dass die Gesellschaft selbst bei Berücksichtigung des Einfuhrzolls den Preis für niederländischen Tee unterbieten und ein Monopol erlangen würde. Als Ende 1773 drei Teeschiffe in den Bostoner Hafen einliefen, verweigerte das Town Meeting die Zollabgabe und die Entladung. In der Nacht zum 17. Dezember enterten etwa 60 als Indianer verkleidete Sons of Liberty die Schiffe und warfen die Teeballen im Wert von 10.000 Pfund Sterling in das Hafenwasser. Diese Provokation konnte die Londoner Regierung nicht hinnehmen, ohne vollends das Gesicht zu verlieren. Der König hielt denn auch die Zeit für gekommen, Härte zu demonstrieren, und das Parlament beschloss im Frühjahr 1774 ein ganzes Bündel von Zwangsmaßnahmen, die Massachusetts praktisch unter ökonomische Quarantäne stellten und politisch entmündigten. Hinzu kam im Juni noch der Quebec Act, der ursprünglich nicht als Strafe gedacht war, der aber wegen der Gewährung religiöser Freiheiten an die katholischen Siedler in KanadaKanadaFranzösische Besiedlung und vor allem wegen der Gebietserweiterung der Kolonie Quebec bis in das OhioOhio-Gebiet hinein als zusätzlicher Schlag gegen Massachusetts und die Amerikaner insgesamt verstanden wurde. Die Korrespondenzkomitees trugen sehr dazu bei, dass diese von den Patrioten als Intolerable ActsIntolerable Acts (1774) gebrandmarkten Gesetze überall in den Kolonien eine Welle von Solidarität mit Massachusetts auslösten. Anstatt das vom Bostoner Komitee vorgeschlagene umfassende Handelsembargo gegen EnglandGroßbritannien zu verhängen, beriefen die Kolonien aber zunächst nur einen allgemeinen Kongress für September 1774 nach PhiladelphiaPhiladelphia ein. Mit Blick auf die inzwischen wieder günstige Wirtschaftslage konnten sich die Kaufleute in den Mittelkolonien nicht recht für Boykottmaßnahmen erwärmen, und die gemäßigten Patrioten wollten die Hoffnung auf Ausgleich noch nicht fahren lassen. Die unvereinbaren Rechtsstandpunkte und die in der Bevölkerung geweckten Emotionen drängten aber in Richtung einer weiteren Eskalation des Konflikts.

Der Erste Kontinentalkongress

Am Kontinentalkongress, der im September/Oktober 1774 in PhiladelphiaPhiladelphia tagte, nahmen 55 Delegierte aus zwölf Festlandskolonien teil, darunter 30 Anwälte und Richter sowie neun Kaufleute, immerhin aber auch vier Handwerker. Nicht vertreten waren GeorgiaGeorgia, die kanadischen Besitzungen NeuschottlandNeuschottland, NeufundlandNeufundland und QuebecQuebec und das seit 1763 englische FloridaFlorida. Da die königlichen Gouverneure bereits mehrere Parlamente aufgelöst hatten, waren die meisten Delegierten von extra-legalen und illegalen Komitees und Konventen gewählt worden, die in weiten Teilen des Landes die faktische Regierungsgewalt übernommen hatten (und nicht selten Gesinnungsterror gegen Andersdenkende ausübten). Im Kongress setzte sich die radikale Fraktion, vertreten durch die Neuengländer Samuel AdamsAdams, Samuel und John AdamsAdams, John und die Virginier Patrick HenryHenry, Patrick und Richard Henry LeeLee, Richard Henry, gegen die gemäßigten Kräfte aus den Mittelkolonien um John DickinsonDickinson, John und Joseph GallowayGalloway, Joseph durch, die politischen Umsturz und „Mobherrschaft“, wirtschaftliches Chaos und eine Niederlage gegen die BritenGroßbritannien vorhersagten. Die Radikalen vermieden das Wort „independence“, machten sich aber den Druck der öffentlichen Meinung geschickt zu Nutze, um die Kongressmehrheit auf einen kämpferischen Kurs festzulegen. In einer Grundsatzerklärung (Declaration of Colonial Rights and Grievances) beschwor der Kongress an vorderster Stelle die „unveränderlichen Gesetze der Natur“ und danach erst die englischenGroßbritannien Verfassungsgarantien und die Charter-Rechte der Kolonien. Abgelehnt wurde der Vorschlag Joseph GallowaysGalloway, Joseph, als Alternative zum Wirtschaftskrieg Gespräche mit den BritenGroßbritannien über eine grundlegende Verfassungsreform zu suchen, die den Kolonien Gleichberechtigung im Empire garantierte. Stattdessen beschlossen die Delegierten, den bedrängten Neuengländern mit einer Continental Association zur Hilfe zu kommen, die alle Kolonien zur schrittweisen Verschärfung der Boykottmaßnahmen gegen EnglandGroßbritannien bis hin zum völligen Abbruch des Handels (einschließlich des Sklavenimports) verpflichtete. Bevor sich der Kongress auf Mai 1775 vertagte, richtete er noch eine eindringliche Petition an den König und ermahnte die Bevölkerung von Großbritannien, Amerika und Quebec zu Wachsamkeit und zur Besinnung auf die Bürgertugenden.

Die ideologischen Ursprünge der Revolution

Der Gesinnungswandel, der aus treuen Untertanen der KroneGroßbritannien PatriotenPatrioten und Rebellen machte, hatte sich erstaunlich rasch vollzogen. John AdamsAdams, John bezeichnete diesen intellektuellen Prozess rückblickend als den eigentlichen Kern des Geschehens. Die Revolution, so schrieb er 1815 an Thomas JeffersonJefferson, Thomas, habe in den Köpfen der Menschen stattgefunden, und sie sei schon abgeschlossen gewesen, bevor 1775 bei Lexington und ConcordLexington und Concord (Schlacht bei) Blut vergossen wurde. Diese Beobachtung trifft insofern zu, als die Ursprünge des britisch-amerikanischen Disputs, wie der Historiker Bernard BailynBailyn, Bernard nachgewiesen hat, in erster Linie geistig-ideologischer Natur waren. Das beharrliche Pochen auf die „alten englischenGroßbritannien Rechte“ diente nicht der Verschleierung materieller Interessen, wenngleich diese sicher auch eine Rolle spielten. Den unerlässlichen Nährboden für die Widerstandshaltung bildete vielmehr ein Geflecht von Denkgewohnheiten, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen, das in tiefere Bewusstseinsebenen hineinreichte und breite soziale Schichten beeinflusste. Die gebildeten Kolonisten schöpften ihre Argumente und Konzepte aus vielen Quellen: aus den Werken englischer Juristen wie Sir Edward CokeCoke, Sir Edward und William BlackstoneBlackstone, Sir William; aus der liberalen Natur- und Vertragsrechtslehre John LockesLocke, John; aus der Literatur der AufklärungAufklärung, speziell in der Variante des schottischen Utilitarismus. Ganz besonders empfänglich waren sie selbst und ihr Publikum aber für die Maximen der englischenGroßbritannien Oppositionsliteratur, deren beide Elemente – das radikale aus John TrenchardsTrenchard, John und Thomas GordonsGordon, Thomas Cato’s LettersCato’s Letters und das konservativ-nostalgische des Patriot King von Lord BolingbrokeBolingbroke, Henry St. John, Viscount – in ihrem Bewusstsein zu einer verhältnismäßig geschlossenen Weltanschauung, zu einer spezifisch amerikanischen Country-IdeologieCountry-Ideologie verschmolzen. Sie diente als Rahmen, in den sich alle anderen, oft widersprüchlichen Denkmuster und geistigen Strömungen einfügen ließen, und der die Orientierung erleichterte, wenn nicht erst ermöglichte. Im Lichte dieser Ideologie mit ihrem extremen Machtmisstrauen, ihrer Hochschätzung der klassisch-römischen Bürgertugend (virtuevirtue) und ihren Warnungen vor einem unmerklichen, schleichenden Verlust der Freiheit reimten sich die Ereignisse seit 1763 zu einem logischen Ganzen, zu einer von langer Hand geplanten, weit verzweigten und systematisch vorangetriebenen Verschwörung gegen die Kolonien zusammen. Die neuen Steuern, das Insistieren der BritenGroßbritannien auf der absoluten ParlamentssouveränitätParlamentssouveränität, der Ausbau der Kolonialverwaltung, die Verlegung von Truppen in die Städte und schließlich die harte Bestrafung von MassachusettsMassachusetts – all das waren keine Reformen, sondern Anhaltspunkte für einen generellen Anschlag auf das Selbstbestimmungsrecht der Kolonisten, auf einen „deliberate, systematic plan of reducing us to slavery“, wie es der junge virginische Pflanzer Thomas JeffersonJefferson, Thomas 1774 in seinem Pamphlet A Summary View of the Rights of British AmericaA Summary View of the Rights of British America (1774) ausdrückte. Solche Vorstellungen trugen irrationale Züge, aber sie besaßen einen wahren Kern, weil die englische Regierung in der Tat eine fundamentale Veränderung der imperialen Beziehungen anstrebte. Die calvinistischenCalvinisten Geistlichen der NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen)-Kolonien steigerten die Verschwörungsängste noch durch ihre eigene manichäisch-apokalyptische Sicht der Dinge: Waren ihnen während des Siebenjährigen KriegesFrankreichSiebenjähriger KriegSiebenjähriger Krieg (French and Indian War) noch die Franzosen als Werkzeuge des Antichrist erschienen, so deuteten sie nun die „Privilegierung“ der katholischen Siedler in QuebecQuebec und die Bestrafung von Massachusetts durch LondonLondon als ein neues Kapitel im eschatologischen Kampf zwischen Gut und Böse, der gemäß der Offenbarung des Johannes die Wiederkehr Christi und den Beginn des Millenniums, des tausendjährigen Friedensreiches, einleitete. Damit ging auch die religiöse Klammer verloren, die englische und amerikanische Protestanten über den Atlantik hinweg zusammengehalten hatte.

In den Kolonien wirkten die Ängste nicht lähmend, sondern setzten zusätzliche Energien frei. Die „Aufdeckung“ der englischenGroßbritannien Machenschaften steigerte offenkundig das Selbstbewusstsein und das Machtgefühl der PatriotenPatrioten. Hatten sie zunächst nur die Befugnis des Parlaments angezweifelt, „interne“, die Selbstverwaltung der Kolonien berührende Abgaben zu erheben, so stellten sie wenig später die Geltungskraft des imperialen Steuerrechts insgesamt in Frage, um dann schließlich dem King in Parliament jegliche Gesetzgebungskompetenz abzusprechen. Die Berufung auf die Ancient Constitution und die historischen Rechte der Engländer wurde im Laufe der Debatte durch die Konzepte des Gesellschaftsvertrags und der „natürlichen Rechte“ aller Menschen ergänzt und überwölbt. Auf diese Weise gelang es, die städtischen Mittel- und Unterschichten zu mobilisieren und die Autorität von englischer Regierung und Westminster-Parlament sowie mehr und mehr auch die Zuneigung zur KroneGroßbritannien zu untergraben. Die Propaganda der Patrioten und die inkonsequente Haltung der verantwortlichen Politiker in LondonLondon entzogen überdies den Gegnern der Unabhängigkeit, den Loyalists oder – im Sprachgebrauch der Patrioten – ToriesTories, die das monarchische System und die gesellschaftliche Hierarchie als gottgegeben verteidigten, allmählich den Boden und stempelten sie zu Feinden des Volkes. Eine wachsende Zahl von Amerikanern, die den patriotischen Führern folgten, empfanden sich demgegenüber nicht mehr als Untertanen, sondern als freie Bürger, die ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen.

2 UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung und konstitutionelle Neuordnung

Die Hoffnungen, die gemäßigte PatriotenPatrioten und LoyalistenLoyalisten immer noch auf den König setzten, erwiesen sich als illusorisch, denn George III.George III. war noch weniger kompromissbereit als sein Premierminister Lord NorthNorth, Frederick Lord. Schon 1774 meinte er, die „Würfel seien gefallen“ und die Kolonien müssten nun entweder gewaltsam unterworfen werden, oder sie wären für EnglandGroßbritannien auf immer verloren. Nach den Parlamentswahlen im November 1774 wurden Truppenverstärkungen und erfahrene Generäle nach Amerika geschickt, und Kompromissvorschläge, wie sie u.a. William PittPitt, William (nun Earl of Chatham) unterbreitete, fanden kein Gehör mehr. In einer Botschaft an den König stellte das Parlament im Februar 1775 fest, die Kolonien befänden sich in offener Rebellion gegen das Mutterland. Ungeachtet der Kritik des prominenten Parlamentsabgeordneten Edmund BurkeBurke, Edmund, die Regierung versuche, ihre Autorität zu wahren, indem sie das Empire zerstöre, erhielt General Thomas GageGage, Thomas in BostonBoston die Weisung, aggressiver vorzugehen und die „Rädelsführer“ des Aufstands zu verhaften.

Auf amerikanischer Seite entfachte das Zusammenwirken einer Basis, die sich immer mehr radikalisierte, mit der patriotischen Elite, die den Lauf der Dinge durch interkoloniale Kooperation zu steuern versuchte, eine Dynamik, die den Bruch mit EnglandGroßbritannien unvermeidlich werden ließ. Als britischeGroßbritannien Truppen ein Waffendepot der Miliz von MassachusettsMassachusetts ausheben wollten, kam es am 18. April 1775 bei Lexington und Concord zu ersten Gefechten, bei denen die Amerikaner 95, die Engländer 273 Mann verloren. Unter dem Eindruck dieser Schüsse, deren Echo angeblich „rund um die Welt“ gehört wurde, trat am 10. Mai 1775 in PhiladelphiaPhiladelphia der Zweite Kontinentalkongress mit nunmehr 65 Mitgliedern aus dreizehn Kolonien zusammen. Obwohl die Gemäßigten immer noch eine Verzögerungsstrategie betrieben, handelten die Delegierten doch schon wie Vertreter souveräner Staaten. Sie versetzten die Kolonien in den Verteidigungszustand, betrauten George WashingtonWashington, George am 15. Juni mit dem militärischen Oberbefehl und bewilligten die Ausgabe von 2 Millionen Dollar Papiergeld für Rüstungszwecke. Am 2. Juli 1775, zwei Wochen nachdem britischeGroßbritannien Truppen die Bostoner Miliz unter schweren Verlusten vom Bunker HillBunker Hill (Schlacht von) vertrieben hatten, übernahm WashingtonWashington, George in CambridgeCambridge, Massachusetts das Kommando über 15.000 Mann aus NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen), PennsylvaniaPennsylvania, MarylandMaryland und VirginiaVirginia, die der Kongress als „Truppen der Vereinigten Provinzen von Nordamerika“ bezeichnete. Etwa gleichzeitig instruierten die Delegierten den New Yorker General Philip SchuylerSchuyler, Philip, die kanadischen KolonienKanadaUnabhängigkeitskrieg, die sich nicht freiwillig anschließen wollten, mit Gewalt zu erobern. Das Scheitern dieses Unternehmens stand schon im Dezember fest, aber es trug dazu bei, die englische Haltung weiter zu verhärten. Unter den gegebenen Umständen konnte ein letzter, halbherziger Vermittlungsvorstoß des Kongresses, in Form der „Olivenzweig-PetitionOlivenzweig-Petition“ an den „Most Gracious Sovereign“, nicht mehr fruchten. Aus der Sicht des Königs befanden sich die Amerikaner nun „in offener und erklärter Rebellion“, und das Parlament dehnte im November 1775 per Gesetz die Blockade von Massachusetts auf alle dreizehn Kolonien aus. Damit war den gemäßigten Kräften im Kongress wie im Westminster-Parlament die Argumentationsgrundlage entzogen.

Wer immer noch zögerte, wurde im Januar 1776 durch Thomas PainesPaine, Thomas Pamphlet Common SenseCommon Sense mitgerissen, das innerhalb weniger Monate zwölf Auflagen erlebte und von dem bald über 150.000 Exemplare in den Kolonien kursierten. Der Autor, der erst zwei Jahre zuvor aus EnglandGroßbritannien eingewandert war, griff den bis dahin weitgehend verschonten George III.George III. in beispielloser Weise als unfähigen und tyrannischen „Pharao“ an und sprach aus, was viele Siedler inzwischen dachten: Nur die Unabhängigkeit könne verhindern, dass die Amerikaner von der politischen Korruption und dem moralischen Verfall EnglandsGroßbritannienRevolutionsepoche angesteckt würden. Die Ziele der Revolution lagen laut Paine nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft: Der eigentliche Kampf müsse gegen das System der Monarchie und für den Aufbau einer gerechten republikanischen Ordnung geführt werden: „Wir haben es in unserer Hand, die Welt von neuem zu beginnen.“ Der phänomenale Erfolg dieser Flugschrift spiegelte das Entstehen einer kraftvollen politischen Öffentlichkeit wider, die den Kontinentalkongress im Frühjahr und Sommer 1776 über eine Welle von Gemeinde- und Provinzversammlungen zur UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung vorantrieb. Aus der Protestbewegung wurde nun vollends eine Revolution.

Der Kontinentalkongress erklärt die Unabhängigkeit

Die entscheidende Initiative ging von einem als de facto-Parlament tagenden Provinzialkongress in VirginiaVirginia aus, der im Mai 1776 die eigene Delegation im Kontinentalkongress aufforderte, sich für die Unabhängigkeit einzusetzen. Am 7. Juni stellte daraufhin Richard Henry LeeLee, Richard Henry in PhiladelphiaPhiladelphia den Antrag, der Kongress möge die Kolonien zu „freien und unabhängigen Staaten“ erklären, ausländische Mächte um Hilfe gegen EnglandGroßbritannien bitten und eine Konföderation vorbereiten. Es dauerte aber noch knapp einen Monat, bis die Mittelkolonien sowie MarylandMaryland und South CarolinaSouth Carolina auf diese Linie gebracht werden konnten. Am 2. Juli wurde LeesLee, Richard Henry Resolution mit zwölf Stimmen bei Enthaltung New YorksNew York angenommen. Zwei Tage später blieben die New Yorker Delegierten, die immer noch keine positiven Instruktionen erhalten hatten, einer erneuten Abstimmung fern und ermöglichten so die einstimmige Annahme der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung.

Der Entwurf zu diesem Dokument stammte aus der Feder von Thomas JeffersonJefferson, Thomas, der mit 33 Jahren zu den jüngsten Delegierten des Zweiten Kontinentalkongresses zählte. Als Sohn eines Landvermessers und Kartographen und einer Angehörigen der prominenten Randolph-Familie hatte JeffersonJefferson, Thomas das William and Mary CollegeWilliam and Mary College in WilliamsburgWilliamsburg absolviert und war im Alter von 24 Jahren zum Anwaltsberuf zugelassen worden. Seine Herkunft und sein Besitz von 2000 Hektar Land und über 100 Sklaven machten ihn zum Angehörigen der Virginia AristocracyVirginia Aristocracy, die er seit 1769 auch im Unterhaus von Virginia vertrat. Hier schloss er sich der radikalen Fraktion um Patrick HenryHenry, Patrick an und fiel durch den eleganten Stil auf, mit dem er Resolutionen, Petitionen und andere Stellungnahmen des Parlaments verfasste. Politik war aber nicht seine einzige Leidenschaft: Nachdem er 1772 eine 23-jährige Witwe, Martha Wayles SkeltonSkelton, Martha Wayles, geheiratet hatte, baute er den Landsitz MonticelloMonticello nach klassisch-italienischem Vorbild um und betätigte sich als Schriftsteller, Erfinder und Naturwissenschaftler.


Abb. 4: Die Unabhängigkeitserklärung, 4. Juli 1776 (Gemälde von J. Trumbull)

JeffersonsJefferson, Thomas Text, den der Kongress nur in wenigen Punkten änderte – eine der Streichungen betraf seine Kritik an der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) –, verband das Gedankengut der AufklärungAufklärung mit angelsächsischen Rechtstraditionen und den Prinzipien der Country-IdeologieCountry-Ideologie. Die Präambel leitete das Recht auf Loslösung vom Mutterland aus dem NaturrechtNaturrecht ab und betonte, dass es der Respekt vor der öffentlichen Meinung der Welt verlange, einen solch schwer wiegenden Schritt ausführlich zu begründen. Der erste Teil, der langfristig die stärkste Wirkung entfaltete, enthielt die politische Philosophie der amerikanischen Revolution. Den Ausgangspunkt bildete das Naturrecht als objektiver Maßstab, an dem alles von Menschen gesetzte Recht zu messen ist. Das Gleichheitspostulat („all men are created equal“) besagt, dass alle Menschen insofern gleich sind, als sie natürliche, unveräußerliche Rechte besitzen; die wichtigsten dieser „selbstverständlichen“ Rechte sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glück („pursuit of happiness“, das im Sinne der schottischen Moralphilosophie an die Stelle von John LockesLocke, John Recht auf Eigentum trat).

Aufgabe der Regierung ist es, diese Rechte zu schützen und den Bürgern Sicherheit und Glücksstreben zu ermöglichen. Regierung (government) beruht auf der Zustimmung (consent) der Regierten, und sie kann beseitigt und durch eine neue Regierung ersetzt werden, wenn sie ihren Aufgaben nicht gerecht wird. Als zweiter Teil folgte dann ein langes, nicht in allen Einzelheiten korrektes Register der Amtsverstöße Georges IIIGroßbritannienRevolutionsepocheGeorge III.., das den König eines Bruchs des Herrschaftsvertrags überführen sollte. Der Schlussabschnitt besiegelte unter feierlicher Anrufung der göttlichen Vorsehung (Divine Providence) die Loslösung von GroßbritannienGroßbritannien und die Souveränität der amerikanischen Staaten. In praktischer Hinsicht war die UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung einerseits dazu gedacht, die Amerikaner durch die Verkündung fundamentaler Prinzipien und Grundwerte, für die es sich lohnte zu kämpfen, dauerhaft an die revolutionäre Sache zu binden; andererseits sollte sie mit Blick auf Europa die ehemaligen Kolonien als ein handlungsfähiges Völkerrechtssubjekt etablieren, das Bündnisse eingehen konnte. JeffersonJefferson, Thomas hatte keine Originalität angestrebt, und er nannte sein Werk später bescheiden „einen Ausdruck des amerikanischen Geistes“, wie er sich zur Zeit der Revolution dargestellt habe. Von anderen zeitgenössischen Äußerungen hob sich der Text aber durch seinen dynamischen Rhythmus und die gemessene Würde der (aus der Bibel entlehnten) Sprache ab, die den Eindruck der logischen Folgerichtigkeit der Argumentation und der Unvermeidbarkeit der Trennung vom Mutterland verstärkten. Durch die Fähigkeit JeffersonsJefferson, Thomas, komplexe Sachverhalte und Ideen in wenige, mitreißende Sätze zu verdichten, gewann die Unabhängigkeitserklärung über ihre praktische Bedeutung hinaus den Charakter eines politisch-philosophischen Epochendokuments.

Staatenverfassungen, Grundrechteerklärungen und Articles of ConfederationArticles of Confederation

Parallel zur Entstehung der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung vollzog sich in den einzelnen Kolonien die Neuordnung des politischen und konstitutionellen Lebens. Angesichts der leidenschaftlichen Auseinandersetzungen, bei denen schon sozial egalitäre, „gleichmacherische“ Forderungen aufkamen, fürchteten viele Gemäßigte und Besitzende um den inneren Frieden und wollten ein Weitertreiben der Revolution verhindern. Aber auch radikale Befürworter der Unabhängigkeit hielten es für dringend geboten, nach dem Zusammenbruch der britischenGroßbritannien Regierungsautorität zu stabilen Verhältnissen zurückzukehren und die gefährliche Phase des Nebeneinanders von alten und neuen Institutionen so rasch wie möglich zu beenden. In diesem Prozess der Loslösung von Monarchie und Empire nahm die aufklärerische Idee, das Volk sei der Souverän und könne sich selbst regieren, erstmals konkrete Gestalt an. Die VolkssouveränitätVolkssouveränität wurde schon deshalb zur neuen Legitimationsgrundlage, weil es in der amerikanischen Wirklichkeit des Jahres 1776 gar keine Alternative zur republikanischen Staatsform gab. Zentrale Bedeutung erlangten die geschriebenen Verfassungen: Eine constitution legte nicht mehr nur die Staatsform und die Kompetenzverteilung der Regierungsorgane fest, sondern errichtete überdies, wie das Town Meeting von Concord in MassachusettsMassachusetts schon im Oktober 1776 feststellte, „ein System von Prinzipien, das die Rechte und Freiheiten der Regierten gegen alle Übergriffe der Regierenden schützt“.

Auf Anfrage aus mehreren Hauptstädten hin hatte der Kongress Mitte Mai 1776 empfohlen, jede Kolonie solle „solch ein RegierungssystemRegierungssystem einrichten, das nach Meinung der Volksvertreter am besten geeignet ist, das Glück und die Sicherheit ihrer Wählerschaft im Besonderen und Amerikas im Allgemeinen zu gewährleisten“. New HampshireNew Hampshire und South CarolinaSouth Carolina waren dieser Empfehlung bereits zuvorgekommen und hatten im Januar bzw. März 1776 Verfassungen schriftlich niedergelegt, die ursprünglich als provisorisch angesehen wurden und nur bis zum Ende des Konflikts mit EnglandGroßbritannien in Kraft bleiben sollten. Zwischen Juni 1776 (VirginiaVirginia) und Oktober 1780 (MassachusettsMassachusetts) gaben sich neun weitere Kolonien bzw. Staaten Verfassungen, wobei einige zwei oder sogar drei Anläufe benötigten, bevor die Dokumente in Kraft treten konnten. ConnecticutConnecticut und Rhode IslandRhode Island beschränkten sich darauf, ihre Charter-Urkunden aus dem 17. Jahrhundert von Erwähnungen des Königs und der Monarchie zu „reinigen“. Einen anderen Sonderfall stellte Vermont dar, dessen Bürger sich weder New YorkNew York noch New Hampshire angliedern lassen wollten und die deshalb im Juli 1777 eine eigene, dem radikal-republikanischen Beispiel Pennsylvanias folgende VerfassungVerfassung annahmen. Ihren Antrag, als 14. Staat der Union beizutreten, lehnte der Kongress jedoch vorerst ab.

Obwohl den Siedlern die Unterscheidung zwischen Verfassungs- und Gesetzesrecht keineswegs fremd war, wichen die Prozeduren der Verfassungsgebung noch beträchtlich voneinander ab. Einige revolutionäre Körperschaften schrieben ohne speziellen Wählerauftrag Verfassungen und setzten sie ebenso eigenmächtig in Kraft. Diese Praxis wurde aber in der Öffentlichkeit bald als unvereinbar mit dem Prinzip der VolkssouveränitätVolkssouveränität kritisiert. PennsylvaniaPennsylvania berief deshalb einen speziellen Konvent ein, der sich auf die Ausarbeitung und Verabschiedung von VerfassungVerfassung und Grundrechteerklärung beschränkte. In MassachusettsMassachusetts einigte man sich schließlich auf ein Verfahren, das in seinen Grundzügen zum Vorbild für die ganze spätere konstitutionelle Entwicklung wurde: Ein nur zu diesem Zweck gewählter Konvent arbeitete die Verfassung aus und legte sie den Bürgern zur Stellungnahme vor; rechtskräftig wurde sie erst nach der Ratifizierung durch das Volk in den Town Meetings. Auf diese Weise erhielt die Verfassung eine „höhere Weihe“ als das Gesetzesrecht und konnte nicht mehr eigenmächtig vom Parlament, sondern nur unter Mitwirkung des souveränen Volkes geändert werden.

Inhaltlich stellten die neuen Verfassungen Kompromisse zwischen den beiden Flügeln der patriotischen Bewegung dar: dem radikal-republikanischen, der besonderen Wert auf die Bürgerbeteiligung und die Kontrolle der Regierenden legte, und dem konservativ-aufklärerischen, der im Sinne von MontesquieusMontesquieu, Charles de Secondat, Baron de De l’esprit des loisDe l’esprit des lois die Regierungsgewalten und sozialen Kräfte sorgsam ausbalancieren wollte. Das radikale Konzept setzte sich am reinsten in PennsylvaniaPennsylvania durch, das konservative in New YorkNew York und – unter dem Einfluss von John AdamsAdams, John – in MassachusettsMassachusetts. In der Vielfalt der Formen und Verfahrensweisen, die diese ersten revolutionären VerfassungenGewaltenteilungStaaten kennzeichnet, überwogen aufs Ganze gesehen die innovativen gegenüber den traditionellen Elementen. Zensusbestimmungen bestanden zwar weitgehend fort, wurden aber doch so sehr gelockert, dass sich die Repräsentation verbesserte, und zwar für die Bevölkerung im Allgemeinen wie für die Farmer des Hinterlands im Besonderen, deren Interessen bislang häufig von den Küstenbewohnern missachtet worden waren. Dieser Einflussgewinn der back country hatte u.a. zur Folge, dass viele Staaten innerhalb kurzer Zeit ihre Hauptstädte von der Küste ins Landesinnere verlegten. Im Schnitt waren jetzt 70–90 Prozent der erwachsenen weißen Männer wahlberechtigt, in New JerseyNew Jersey sogar auch unverheiratete und verwitwete FrauenFrauenWahlrecht, die über eigenen Besitz verfügten – eine Klausel, die 1807 zunächst wieder gestrichen wurde. Am untergeordneten rechtlichen Status der Frauen änderten die Verfassungen so gut wie nichts, obwohl sich viele Frauen aktiv an den revolutionären Demonstrationen und Boykotten beteiligt hatten. Abigail AdamsAdams, Abigail’ Appell an ihren Mann JohnAdams, John, bei der Verfassungsgebung „die Ladies nicht zu vergessen“, blieb ohne Echo. Reformer wie der Arzt Benjamin RushRush, Benjamin in PhiladelphiaPhiladelphia schrieben den Frauen als „republikanischen Müttern“ eine wichtige Funktion bei der politischen und moralischen Erziehung der Jugend zu. RushsRush, Benjamin Pläne für ein verbessertes staatliches Schulwesen, das auch Mädchen BildungschancenBildungswesen eröffnet hätte, fielen aber der Sparsamkeit oder dem Unverständnis der Verfassungs- und Gesetzgeber zum Opfer.

Abgesehen von PennsylvaniaPennsylvania und GeorgiaGeorgia, die nach dem Prinzip des simple government das Einkammer-SystemGewaltenteilungStaaten einführten, behielten die Staaten Senate bei, die im konservativen Verständnis das Eigentum repräsentieren und dem Schutz der besitzenden Schichten dienen sollten. In der Praxis büßten diese Oberhäuser aber bald viel von ihrer Exklusivität ein, weil sich die meisten Senatoren – ungeachtet höherer Besitzqualifikationen und längerer Amtszeiten im Vergleich zu den Unterhausabgeordneten – weniger als Sprecher von Klasseninteressen denn als Vertreter der territorialen Einheiten verstanden, in denen sie gewählt wurden. Von Funktion und Arbeitsweise her näherten sich Senate und Unterhäuser deshalb recht schnell einander an.

Aus der noch frischen Erinnerung an die Konflikte mit den königlichen Gouverneuren und Richtern heraus wurden die Befugnisse von Exekutive und JudikativeGewaltenteilungOberste GerichteGewaltenteilungStaaten in der Regel stark eingeschränkt. Ins Zentrum des RegierungssystemsRegierungssystem (frame of government) rückte die Legislative, das Parlament, das häufig sowohl die Gouverneure als auch die Richter wählen konnte. Meist ordnete man den Gouverneuren noch einen Exekutivrat bei, der sie kontrollieren und Machtmissbrauch verhindern sollte. Nur New YorkNew York und MassachusettsMassachusetts ließen die Gouverneure direkt vom Volk wählen und gaben ihnen das Recht, mit einem suspensiven Veto in die Gesetzgebung einzugreifen. Die Parlamentarier selbst unterlagen einer strengen Kontrolle durch ihre Wähler: Dafür sorgten der Grundsatz der jährlichen Wahlen (annual elections), die vielfach noch geübte Praxis des imperativen Mandats, die Ämterrotation sowie die Möglichkeit des Rückrufs von Abgeordneten während der Legislaturperiode. Die Judikative schließlich galt zwar noch nicht als „dritter Regierungszweig“, aber in einigen Staaten besaßen die Obersten Gerichte doch schon genügend Autorität, um in Form der judicial reviewJudicial Review über die Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen zu entscheiden.

Die Diskussion über GrundrechteGewaltenteilungStaaten, natural and fundamental rights, war ein wesentlicher Teil dieser konstitutionellen Neuordnung. In einigen Staaten gingen die Verfassungsgeber von der Fortgeltung der alten Rechtsgarantien aus; in anderen formulierten sie separate Grundrechtskataloge und stellten sie als bills of rights oder declarations of rights neben das Organisationsstatut der Regierung, den frame of government; in MassachusettsMassachusetts schließlich fand John AdamsAdams, John 1780 eine wegweisende Lösung, indem er die Grundrechtsartikel als eigenständigen ersten Teil in die VerfassungVerfassung integrierte. Obgleich die Rechteerklärungen an koloniale Traditionen anknüpften, brachten sie in zweierlei Hinsicht Neues: Zum einen galten die fundamentalen Rechte und Freiheiten nicht mehr länger als „rights of Englishmen“, sondern als von Gott verliehene „natürliche Rechte“; zum anderen diente ihre schriftliche Fixierung über den konkreten Schutz vor staatlicher Willkür hinaus zur Begründung und Sinngebung des republikanischen RegierungssystemsRegierungssystem. Am deutlichsten kam dies in der Virginia Declaration of RightsVirginia Declaration of Rights (1776) zum Ausdruck, die der juristisch versierte Pflanzer George MasonMason, George formuliert hatte und die am 28. Juni 1776 vom Provinzialkongress angenommen worden war. Ihre 16 Artikel füllten schon vor der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung die Begriffe „limited government“ und „inalienable rights“ mit Inhalt. Zu der LockeLocke, John’schen Trias von Leben, Freiheit und Eigentum traten der Schutz vor Durchsuchung oder Verhaftung ohne richterlichen Befehl, das Verbot von Folter und grausamen Strafen sowie der Anspruch des Angeklagten auf einen raschen Prozess und ein Geschworenengericht aus seiner Nachbarschaft; als spezielle republikanische Freiheiten wurden aufgeführt das WahlrechtWahlrecht und das Widerstandsrecht, die Pressefreiheit und die unbehinderte Religionsausübung gemäß der Gewissensentscheidung des einzelnen Bürgers. Hinzu kam die Garantie des MilizsystemsMilizsystems, das die Revolutionäre – ganz im Sinne der Country-Parole „No standing army!“ – der europäisch-monarchischen Militärtradition entgegenstellten. Diese RechteGewaltenteilungStaaten und Freiheiten fanden eine wichtige Ergänzung in der Verpflichtung der Bürger zu Gerechtigkeit, Mäßigung, Sparsamkeit, Fleiß und christlicher Nächstenliebe. Hinter den einzelnen Bestimmungen wurde eine republikanische Utopie sichtbar: das Bild des sittenstrengen, sich selbst regierenden Volkes; eines StaatswesensGewaltenteilungStaaten, das ganz auf die Zustimmung seiner Bürger gründet, von denen Tugend (virtuevirtue) im klassischen Sinne erwartet wird, d. h. Tatkraft, Rechtschaffenheit und aufopfernde Hingabe an das Gemeinwohl. Aus dieser Perspektive galten die Regierenden nicht länger als Herrscher (rulers), sondern waren auf Zeit berufene Treuhänder (trustees) des Volkes. Alle gemeinsam unterstanden dem Recht, das in der Verfassung seine erhabenste Gestalt annahm. Mit dieser Sammlung von Fundamentalsätzen leitete die Virginia Declaration of RightsVirginia Declaration of Rights (1776) eine neue Epoche der Verfassungsentwicklung ein, die über die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und die konstitutionellen Kämpfe des 19. Jahrhunderts bis zur Charta der Vereinten NationenVereinte Nationen und den verschiedenen Menschenrechtskonventionen des vergangenen und unseres Jahrhunderts reicht. Die amerikanischen Einzelstaaten verwirklichten damit erstmals – auf der Grundlage des englischenGroßbritannien Erbes und der kolonialen Erfahrungen – das Modell einer Zivilgesellschaft (civil society), das keine Trennung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft kennt, sondern Politik als Konsequenz des Mehrheitswillens und der öffentlichen Meinung (public opinion) definiert.

Der eklatante Widerspruch, der sich zwischen dem in den meisten VerfassungenGewaltenteilungStaaten verankerten Gleichheitspostulat und der Fortdauer des Sklavereisystems auftat, blieb den Zeitgenossen keineswegs verborgen, sondern wurde – zumindest von MaineMaine bis VirginiaVirginia – Teil der Revolutionsdebatte. Aus mehreren Richtungen geriet die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) während dieser Zeit unter starken Druck: Die QuäkerQuäker rangen sich endlich zu einer dezidiert sklavereifeindlichen Haltung durch, und sie erhielten zunehmend Unterstützung von anderen Religionsgemeinschaften, insbesondere den BaptistenBaptisten und MethodistenMethodisten, die im Verlauf des Great AwakeningGreat Awakening sowohl im Norden als auch im SüdenSüden viele Anhänger gewonnen hatten; das Gedankengut der AufklärungAufklärung, das die Kolonien von Europa aus erfasste, wirkte zunächst auf eine „Humanisierung“ der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner), dann aber immer stärker auf ihre Überwindung hin; die republikanische Ideologie, die das Denken und Handeln der radikalen PatriotenPatrioten bestimmte, war nur schwer mit der permanenten Entrechtung eines Bevölkerungsteils zu vereinbaren, und sie mobilisierte auch viele freie Schwarze und sogar Sklaven, die sich mit Petitionen an die Kolonial- und Staatenparlamente wandten; und schließlich kritisierte auch der liberale Ökonom Adam SmithSmith, Adams in seinem 1776 veröffentlichten Werk The Wealth of NationsThe Wealth of Nations (1776) das Sklavereisystem als Verstoß gegen die ehernen Gesetze der WirtschaftWirtschaft und als ineffizient im Vergleich zu „freier“ Arbeit. 1774 bezog der Kontinentalkongress Sklaven in den Boykott englischer Importe ein, und der Krieg unterbrach vollends die Sklaveneinfuhr aus AfrikaAfrika und der KaribikKaribik. Nach der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung entstanden in den meisten Staaten nördlich der ChesapeakeChesapeake Bay Antisklaverei-Gesellschaften, die häufig von QuäkernQuäker geführt oder beeinflusst wurden und die noch während des Krieges Kontakt zu der beginnenden AbolitionismusAbolitionisten-BewegungAbolitionisten in EnglandGroßbritannien aufnahmen. Im Krieg selbst stellten die Engländer ebenso wie die Patrioten (mit Ausnahme der Plantagenbesitzer in den Carolinas und GeorgiaGeorgia) denjenigen Afroamerikanern die Freiheit in Aussicht, die sich ihnen anschlossen und Militärdienst leisteten.

Dieser starke Antisklaverei-Impuls leitete das Ende der peculiar institutionpeculiar institution im Norden ein, aber er erschütterte sie auch in VirginiaVirginia und MarylandMaryland, deren Pflanzer ohnehin seit geraumer Zeit nach Alternativen zur Tabak-Monokultur suchten. Einige NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen)-Staaten wie MassachusettsMassachusetts, ConnecticutConnecticut und Vermont (das der Union offiziell erst 1791 beitrat) hoben die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) per VerfassungVerfassung, durch Gesetze oder auf dem Weg über Gerichtsurteile umgehend auf. Das Oberste Gericht von Massachusetts stützte sich in einer entsprechenden Entscheidung von 1783 (Quock Walker CaseQuock Walker Case) explizit auf die Grundrechteerklärung in der Staatsverfassung, die den Satz „all men are created equal“ enthielt. Die weiterhin ambivalente Haltung der weißen Bevölkerung kam darin zum Ausdruck, dass den freien Schwarzen einerseits zwar gleiche Rechte einschließlich des WahlrechtsWahlrechtAfroamerikanerAfroamerikanerWahlrecht gewährt wurden, dass das Parlament von Massachusetts andererseits aber Ehen von Weißen mit Schwarzen, Mischlingen und IndianernNative AmericansRevolution verbot. Die meisten Nord- und Mittelstaaten folgten dagegen dem Beispiel Pennsylvanias, dessen Parlament 1780 die „graduelle“ Sklavenbefreiung beschloss. Die entsprechenden Gesetze legten fest, dass alle Kinder von Sklaven, die nach einem bestimmten Datum geboren wurden, ihre Freiheit erhielten, den Besitzern aber noch bis zur Volljährigkeit unentgeltlich dienen mussten. Gekoppelt mit einem Einfuhrverbot von Sklaven bedeutete dies das allmähliche „Absterben“ der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) im Norden der USA, auch wenn 1810 immer noch 30.000 Sklaven nördlich der Mason and Dixon LineMason-Dixon-Linie lebten, die seit den 1760er Jahren die Grenze zwischen PennsylvaniaPennsylvania und Maryland und damit zwischen Norden und SüdenSüden markierte. In Maryland, DelawareDelaware und Virginia, wo die Mehrzahl der Afroamerikaner lebte, ließ sich selbst eine graduelle EmanzipationAfroamerikanerEmanzipation nicht durchsetzen, aber die Kritik an der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) und ökonomische Überlegungen führten doch immerhin dazu, dass die Freilassung von Sklaven erleichtert wurde. Die Folge war ein rasches AnwachsenAfroamerikanerBevölkerungsentwicklung der freien schwarzen BevölkerungBevölkerungsentwicklung im Upper SouthUpper South, etwa in Virginia von 1800 im Jahr 1782 auf über 30.000 im Jahr 1810. Weiter südlich leisteten die Plantagenbesitzer jedoch nicht nur erbitterten Widerstand gegen jeden Versuch, die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) in Frage zu stellen, sondern nahmen sofort nach dem Friedensschluss von 1783 im großen Stil die Sklaveneinfuhr wieder auf, um die während des Krieges durch Flucht und Tod erlittenen Verluste auszugleichen.

Wie schon die Petitionen von freien Schwarzen und Sklaven an die Parlamente der Einzelstaaten zeigten, ließen die AfroamerikanerAfroamerikanerEmanzipation die Revolution keineswegs passiv über sich ergehen, sondern versuchten, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. In dieser Phase erwuchs der schwarzen Bevölkerung eine erste Generation von Führungspersönlichkeiten, Männer und FrauenAfroamerikanerFrauen, die meist schon seit längerer Zeit in Freiheit lebten und durch die religiöse Aufbruchstimmung des Great AwakeningGreat Awakening beeinflusst worden waren. Zu ihnen gehörten gebildete Afroamerikaner wie Phillis WheatleyWheatley, Phillis, die sich in BostonBoston als Schriftstellerin betätigte, oder Benjamin BannekerBanneker, Benjamin, ein Mathematiker und Astronom aus MarylandMaryland, der in die wissenschaftliche Elite Philadelphias aufgenommen worden war; aber auch einfache Leute wie Prince HallHall, Prince, der die Schwarzen in Boston mit Reden, Pamphleten und Petitionskampagnen mobilisierte, und Richard AllenAllen, Richard, der seit 1780 als methodistischer Wanderprediger durchs Land zog und wenig später in PhiladelphiaPhiladelphia die erste autonome schwarze BaptistenBaptisten-Kirche gründete. Solche Initiativen wurden von vielen AfroamerikanernAfroamerikanerEmanzipation nicht nur als Zeichen einer „geistigen Wiedergeburt“ verstanden, sondern bildeten auch den Auftakt zur Entstehung zahlreicher schwarzer Selbsthilfeorganisationen, die BildungsBildungswesen- und Sozialaufgaben übernahmen. Von nun an fungierten die Sprecher der freien Schwarzen in den Nord- und Mittelstaaten als „Gewissen der Nation“, weil sie sich in ihrem Kampf gegen die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) stets auf die Prinzipien der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung berufen konnten.

Den vorläufigen Abschluss der revolutionären Umwälzung in Amerika bildete die erste Unionsverfassung, die Articles of ConfederationGewaltenteilungKonföderationArticles of Confederation, die der nun in Permanenz tagende Kontinentalkongress am 15. November 1777 mitten im Krieg verabschiedete. Sie atmeten ganz den Geist der republikanischen Country-IdeologieCountry-Ideologie mit ihrem Machtmisstrauen und ihrer Vorliebe für „einfache“, dezentrale Regierungsstrukturen. In den Kongressdebatten wurde auch häufig auf MontesquieuMontesquieu, Charles de Secondat, Baron de Bezug genommen, der in De l’esprit des loisDe l’esprit des lois gewarnt hatte, dass Republiken ihren freiheitlich-egalitären Charakter einbüßen würden, wenn sie sich einer starken ZentralgewaltRegierungssystemZentralgewalt unterordneten. Ideal sei dagegen der Zusammenschluss mehrerer kleiner Republiken zu einer lockeren KonföderationGewaltenteilungKonföderationKonföderation, die nach Art der Schweizer Eidgenossenschaft für eine Vertretung der gemeinsamen Interessen nach außen sorge. Dementsprechend schlossen die dreizehn amerikanischen Staaten unter dem Namen „The United States of America“ einen „festen Freundschaftsbund“, in dem jedes einzelne Mitglied souverän blieb und das kollektive Organ, der KonföderationskongressKonföderationskongress, nur die ihm ausdrücklich übertragenen Befugnisse ausüben durfte. Im Kongress, der aus jährlich von den Staatenparlamenten gewählten Vertretern gebildet wurde, besaß jeder Staat – unabhängig von seiner Größe und Einwohnerzahl – nur eine Stimme. Die Delegierten durften gemäß der republikanischen rotation in office-Maxime in einem Zeitraum von sechs Jahren maximal drei Jahre Dienst tun. Aus ihrer Mitte wählten sie einen Präsidenten, der aber lediglich repräsentative Funktionen zu erfüllen hatte und dessen Amtsperiode auf ein Jahr beschränkt war. Die Arbeit wurde vorwiegend in Komitees geleistet, von denen sich einige in Richtung von Exekutivbehörden wie Außen- und Kriegsdepartment entwickelten.

Die Articles of ConfederationGewaltenteilungKonföderationArticles of Confederation gaben dem Kongress das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden, ein Heer und eine Flotte aufzustellen und einen Oberbefehlshaber für die Streitkräfte zu ernennen; ferner durfte der Kongress Verträge mit auswärtigen Mächten schließen, Gesandte entsenden und empfangen, Kredite und Anleihen aufnehmen sowie Münzen prägen und Papiergeld emittieren. Schließlich sollte er Grenzstreitigkeiten der Staaten schlichten, für Seerechtsfragen zuständige Gerichte etablieren und den Postdienst der Union regeln. Andererseits hatte der Kongress keine Gesetzgebungsbefugnis, sondern konnte nur Resolutionen (Ordinances) verabschieden, und durfte weder Steuern noch Zölle erheben. Der Finanzbedarf der Union sollte durch ein Umlage- oder Matrikularverfahren gedeckt werden, bei dem der Kongress die jährlich benötigte Gesamtsumme festsetzte und die Staaten ihren jeweiligen Anteil, der sich nach dem geschätzten Wert des kultivierten Landes bemaß, in die gemeinsame Kasse einzahlten. Wichtige Entscheidungen mussten mit ZweidrittelmehrheitGewaltenteilungKonföderation getroffen werden, und Änderungen der Articles bedurften der Zustimmung sämtlicher Einzelstaatenlegislativen. Offiziell trat diese KonföderationsverfassungKonföderation erst am 1. März 1781 in Kraft, nachdem die „landreichen“ Staaten, deren koloniale Charterrechte bis weit nach WestenWesten reichten, die hauptsächlich von MarylandMaryland verfochtene Forderung erfüllt hatten, die Gebiete zwischen AppalachenAppalachen und MississippiMississippi (Fluss) in den Gemeinschaftsbesitz der Union zu überführen.

3 UnabhängigkeitskriegUnabhängigkeitskrieg, Bündnisdiplomatie und Pariser Friedensschluss, 1775–1783

Mit den Staatenverfassungen und den Articles of ConfederationArticles of Confederation schufen sich die Amerikaner ein konstitutionelles Gerüst, das in mancher Hinsicht experimentell und provisorisch war, das aber dennoch den schweren Belastungen des Krieges gegen EnglandGroßbritannien standhielt. Nach dem amerikanischen Fiasko im Feldzug gegen KanadaKanadaUnabhängigkeitskrieg Ende 1775 war die Initiative an die BritenGroßbritannienRevolutionsepoche übergegangen. In LondonLondon glaubte man zunächst, der Lage in den Kolonien mit einer Seeblockade und begrenzten Polizeiaktionen Herr werden zu können. Das änderte sich, als die britischenGroßbritannien Truppen im März 1776 unter dem Druck der amerikanischen Belagerer BostonBoston räumen und nach NeuschottlandNeuschottland zurückweichen mussten. Nun bereitete sich die stärkste Militärmacht der Welt auf einen regulären Krieg vor, u.a. durch die Anwerbung von Söldnern in deutschen Staaten, was die Amerikaner als besonders üblen Affront empfanden. Mangelnde Konsequenz und Weitsicht, die schon die Politik von Regierung und Parlament hatten unwirksam werden lassen, behinderten aber von Anfang an auch die britischeGroßbritannienRevolutionsepocheGroßbritannien Kriegführung. Nacheinander verfolgten die BritenGroßbritannien drei unterschiedliche strategische Konzepte, die jeweils nach Anfangserfolgen in Fehlschlägen endeten.

In der ersten Phase zielten die englischenGroßbritannienRevolutionsepoche Befehlshaber General William HoweHowe, William und sein Bruder, Admiral Richard HoweHowe, Richard, darauf ab, NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) vom Rest der Kolonien zu isolieren und Washingtons „Rebellenarmee“ zu zerschlagen. Bis Ende August 1776 landeten sie ca. 32.000 Mann auf dem New YorkNew York vorgelagerten Staten Island, darunter 8000 Deutsche (die von den Amerikanern „Hessians“ genannt wurden, obwohl keineswegs alle aus den hessischen Territorien kamen). Bei den Kämpfen auf Long IslandLong Island und ManhattanManhattan erwiesen sich die professionellen britischenGroßbritannien Soldaten den Milizionären und schlecht ausgebildeten Kontinentaltruppen, die ihnen den Weg versperren wollten, als eindeutig überlegen. Während des Vormarsches nach PhiladelphiaPhiladelphia versäumte General HoweHowe, William jedoch, Washingtons Armee, die auf 3000 Mann zusammengeschmolzen war, zur Entscheidungsschlacht zu stellen. Ganz im Gegenteil gelang es WashingtonWashington, George Ende Dezember nach der riskanten Überquerung des Delaware River durch Teilerfolge bei TrentonTrenton, New Jersey und PrincetonPrinceton, New Jersey in New JerseyNew Jersey, die Moral seiner Truppen wieder zu heben. Die Lage blieb aber prekär, und die Unfähigkeit der meisten Staaten, ihre vorgesehene Quote an Soldaten zu erfüllen, nötigte WashingtonWashington, George und den Kongress ab 1777, freie Schwarze und dann auch Sklaven (mit dem Versprechen der Freilassung) für die KontinentalarmeeKontinentalarmee zu rekrutieren. Zum Teil handelte es sich dabei um eine Antwort auf den erfolgreichen Versuch britischerGroßbritannienRevolutionsepoche Gouverneure und Befehlshaber, Sklaven zur Flucht und zum bewaffneten Widerstand gegen ihre Herren aufzuwiegeln. Insgesamt kämpften etwa 5000 AfroamerikanerAfroamerikanerUnabhängigkeitskrieg auf Seiten der PatriotenPatrioten, teilweise in eigenen Einheiten unter der Führung weißer Offiziere (dafür entschieden sich Rhode IslandRhode Island und ConnecticutConnecticut), teilweise in gemischten Verbänden. Im SüdenSüden rang sich allerdings nur MarylandMaryland zur Rekrutierung von Schwarzen durch, während VirginiaVirginia lediglich Ausnahmen zuließ und das Parlament von South CarolinaSouth Carolina die vorgeschlagene Bewaffnung von 3000 bis 5000 Sklaven entschieden ablehnte.

Der zweite britischeGroßbritannienRevolutionsepoche Kriegsplan sah vor, die Kolonien durch einen Zangenangriff von der ChesapeakeChesapeake-Bucht und aus KanadaKanadaUnabhängigkeitskrieg durch das HudsonHudson-Tal zu teilen. General HoweHowe, William konnte zwar im August 1777 PhiladelphiaPhiladelphia erobern, aber die Koordinierung der militärischen Aktionen misslang, und die von General John BurgoyneBurgoyne, John entlang des Hudson nach Süden geführte Streitmacht wurde bei SaratogaSaratoga (Schlachten von) von den Amerikanern unter General Horatio GatesGates, Horatio aufgehalten und in zwei Schlachten dezimiert. Am 16. Oktober musste BurgoyneBurgoyne, John kapitulieren, und 6000 Mann, darunter viele Deutsche und IndianerNative AmericansRevolution, gerieten in Gefangenschaft. Diese Schlacht markierte einen Wendepunkt des Krieges, denn die französische Regierung, die den Amerikanern bereits seit Frühjahr 1776 insgeheim materielle Unterstützung gewährt hatte, hielt es nun für geboten, offen an die Seite der Vereinigten Staaten zu treten. Im Februar 1778 erkannte sie die USA diplomatisch an und schloss in ParisParis mit Benjamin FranklinFranklin, Benjamin ein Militärbündnis sowie einen Freundschafts- und Handelsvertrag ab. In der Hoffnung, Revanche für die Niederlage im SiebenjährigenFrankreichSiebenjähriger Krieg KriegSiebenjähriger Krieg (French and Indian War) nehmen zu können, weiteten Außenminister VergennesGravier, Charles, Comte de Vergennes und König Ludwig XVI.Ludwig XVI. den britischGroßbritannienRevolutionsepoche-amerikanischen Streit zu einer neuen Kraftprobe der Großmächte aus. Ab Juni 1778 befand sich FrankreichFrankreichUnabhängigkeitskrieg im Kriegszustand mit EnglandGroßbritannien, und im folgenden Jahr schlossen sich auch Spanier und Niederländer der anti-britischenGroßbritannienRevolutionsepoche Koalition an. Mit französischer und niederländischer Finanz- und Waffenhilfe konnten die Amerikaner den Tiefpunkt des Krieges überwinden und ihre Lage erst einmal stabilisieren.

Im Sommer 1778 gaben die BritenGroßbritannienRevolutionsepocheGroßbritannien PhiladelphiaPhiladelphia auf und gingen im Norden, gestützt auf ihre Bastion New York CityNew York City, zur Defensive über. In der nun beginnenden dritten Phase verlagerten sie den Schwerpunkt ihrer Aktionen auf den SüdenSüden, wo General Sir Henry ClintonClinton, Sir Henry nach der Landung in GeorgiaGeorgia über CharlestonCharleston, South Carolina nach VirginiaVirginia vorstieß. Sein Nachfolger Lord CornwallisCornwallis, Charles Lord konnte das Ziel dieser Strategie, die militärisch schwächeren und durch die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) zusätzlich verwundbaren Südstaaten aus der Union herauszubrechen, jedoch nicht erreichen. Vielmehr versteifte sich der amerikanische Widerstand, weil der neue Befehlshaber im Süden, General Nathaniel GreeneGreene, Nathaniel, zu einer flexibleren Taktik überging und weil die Franzosen im Sommer 1780 eine 5500 Mann starke Armee nach NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) schickten, wodurch das Kräfteverhältnis generell verschoben wurde. Im Sommer 1781 konzentrierte CornwallisCornwallis, Charles Lord seine Truppen in Virginia und befestigte den Ort YorktownYorktown, Virginia am Ausgang der ChesapeakeChesapeake-Bucht. Damit tappte er allerdings in eine Falle, die bis Ende September durch virginische Milizen, durch die französische und die amerikanische Armee – von Graf RochambeauRochambeau, Jean Baptiste Donatien de Vimeur, Comte und WashingtonWashington, George aus dem Norden herbeigeführt – und durch eine starke französische Flotte unter Admiral GrasseGrasse, François Comte de geschlossen wurde. Ohne Aussicht auf rechtzeitigen Entsatz musste CornwallisCornwallis, Charles Lord am 19. Oktober 1781 mit den verbliebenen fast 10.000 Soldaten und Offizieren kapitulieren. Diese demütigende Niederlage brach – sehr zur Enttäuschung des Königs – den Willen von Regierung und Parlament, den Krieg, der im eigenen Volk zunehmend unpopulär geworden war und das Land diplomatisch isoliert hatte, weiter zu verfolgen.


Abb. 5: Die Kapitulation von Lord Cornwallis am 19. Oktober 1781 in Yorktown, Virginia

In Amerika war der Kampf um die UnabhängigkeitGroßbritannienRevolutionsepoche von Beginn an gleichzeitig als konventioneller und als revolutionärer Krieg geführt worden. Ein wichtiger Grund für den Erfolg der PatriotenPatrioten ist sicher darin zu suchen, dass sie es lernten, beide Kampfesarten zu beherrschen und miteinander zu verbinden. Die KontinentalarmeeKontinentalarmee, umsichtig geführt von George WashingtonWashington, George und nach preußischer Manier gedrillt vom Baron Friedrich Wilhelm von SteubenSteuben, Friedrich Wilhelm, Baron v., blieb unverzichtbar als Symbol der Einheit und Sammelpunkt der patriotischen Kräfte. WashingtonWashington, George, zur Zeit der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung 44 Jahre alt, war kein militärisches Genie, aber er verstand es, sich mit fähigen Beratern wie SteubenSteuben, Friedrich Wilhelm, Baron v., Alexander HamiltonHamilton, Alexander und dem auf eigene Faust aus Frankreich gekommenen Marquis de LafayetteLafayette, Marie-Joseph Motier, Marquis de zu umgeben. Noch tiefer als die meisten anderen Repräsentanten der virginischen Pflanzerelite von dem Country-Ideal des patriotischen Volksführers durchdrungen, strahlte WashingtonWashington, George natürliche Autorität aus und übertrug seine Willensstärke und sein Pflichtbewusstsein auf die Menschen in seiner Umgebung. Er glaubte fest daran, dass er von der „Vorsehung“ berufen sei, die amerikanische Freiheit zu verteidigen, und er verknüpfte sein eigenes Schicksal untrennbar mit der „glorious cause“ der Revolution. Die Stärke von WashingtonsWashington, George Armee überstieg selten 18.000 Mann, und sie sank in den harten Winterlagern von Valley ForgeValley Forge nördlich von PhiladelphiaPhiladelphia (1777/78) und Morristown, New JerseyMorristown, New Jersey (Winterlager) (1779/80) unter 5000 ab. Angesichts der zahlenmäßigen und materiellen Unterlegenheit hatte WashingtonWashington, George kaum eine andere Wahl, als die „Fabius“-Strategie zu verfolgen, mit der er Entscheidungsschlachten auswich und nur gelegentliche Vorstöße wagte.

Die BritenGroßbritannien hatten nicht ohne Grund auf die Unterstützung ihrer Truppen durch LoyalistenLoyalisten, Sklaven und IndianerNative AmericansRevolution gehofft. Schätzungsweise ein Drittel der Bevölkerung war loyalistisch gesinnt, und ein weiteres Drittel verhielt sich ängstlich abwartend bzw. bezog aus religiösen Gründen keine Stellung (hierzu zählten viele QuäkerQuäker und deutsche PietistenPietisten). Als die HoweHowe, RichardHowe, William-Brüder 1776 in New JerseyNew Jersey eine „Befriedungspolitik“ versuchten und den Bürgern anboten, durch einen Treueid auf die KroneGroßbritannienRevolutionsepoche der Bestrafung zu entgehen, meldeten sich innerhalb kurzer Zeit nicht weniger als 5000 reumütige Untertanen. Während des gesamten Krieges kämpften über 20.000 Loyalisten als reguläre Soldaten und viele andere, speziell in dem von Iro-SchottenIro-Schotten besiedelten Hinterland der Südstaaten, in loyalistischen Milizen. Obwohl sich die Militärs hüteten, die Indianerstämme an der FrontierFrontier zu einem allgemeinen Aufstand gegen die Siedler anzustacheln, waren doch an allen britischenGroßbritannienRevolutionsepoche Offensiven indianische Hilfstruppen beteiligt. Im SüdenSüden gingen zudem Tausende von Sklaven zu den BritenGroßbritannienRevolutionsepoche über, die sie durch das Versprechen der Freiheit zur Flucht ermunterten. Als die englischenGroßbritannien Truppen bei Kriegsende SavannahSavannah, Georgia, CharlestonCharleston, South Carolina und New York CityNew York City räumten, folgten ihnen zwischen 15.000 und 20.000 AfroamerikanerAfroamerikanerUnabhängigkeitskrieg. Einige dieser Flüchtlinge wurden nach FloridaFlorida oder JamaicaJamaica gebracht (wo sie in Gefahr waren, wieder versklavt zu werden), andere gelangten nach NeuschottlandNeuschottland vor der Küste von Britisch-KanadaKanadaUnabhängigkeitskrieg. Von dort transportierten die BritenGroßbritannienRevolutionsepoche in den 1790er Jahren 1100 Schwarze auf eigenen Wunsch nach AfrikaAfrika in das Gebiet des heutigen Sierra LeoneSierra Leone zurück, wo sie die Stadt FreetownFreetown, Sierra Leone gründeten.

Während die amerikanischen, französischen und britischenGroßbritannienRevolutionsepoche Armeen den Kampf nach den klassischen Regeln von Bewegung, Belagerung und Feldschlacht führten, versanken weite Teile des Landes im Bürgerkrieg oder erlebten zumindest bürgerkriegsähnliche Zustände. BritenGroßbritannienRevolutionsepoche und PatriotenPatrioten kämpften nicht nur gegeneinander, sondern stets auch um die Gunst und Kontrolle der lokalen Bevölkerung. Je länger der Krieg dauerte, desto weniger konnten die BritenGroßbritannienRevolutionsepoche die ihnen treu ergebenen Amerikaner schützen, und desto mehr ging ihr Einfluss auf die öffentliche MeinungÖffentliche Meinung verloren. Die Ausweitung der kolonialen Revolte zu einer breiten, aggressiven Volksbewegung kündigte bereits vor Yorktown die englische Niederlage an und ließ nach 1781 weitere militärische Anstrengungen vollends aussichtslos erscheinen. Zu dieser Einsicht gelangte auch George III.George III., obwohl er lange Zeit eine Art DDomino-Theorieomino-TheorieAußenpolitikDomino-Theorie verfochten hatte, derzufolge die amerikanische Unabhängigkeit zwangsläufig den Verlust KanadasKanadaUnabhängigkeitskrieg, der karibischen Besitzungen und sogar Irlands nach sich ziehen würde. In vieler Hinsicht nahmen die BritenGroßbritannienRevolutionsepoche also bittere Erfahrungen vorweg, die Kolonialmächte im Kampf gegen nationale Befreiungsbewegungen später immer wieder sammeln sollten. Aber auch die Amerikaner zahlten mit ca. 25.000 Toten einen hohen Preis für die Trennung vom Mutterland. Von allen Kriegen, an denen die USA bis heute beteiligt waren, forderte nur der Bürgerkrieg, gemessen an der Gesamtbevölkerung, mehr Opfer als der UnabhängigkeitskriegUnabhängigkeitskrieg.

Im April 1782 begannen in ParisParis Friedensverhandlungen, an denen für die Vereinigten Staaten Benjamin FranklinFranklin, Benjamin, John AdamsAdams, John und John JayJay, John teilnahmen. Hinter den Kulissen ergab sich bald Einvernehmen zwischen den Amerikanern, die ihre Unabhängigkeit so schnell wie möglich völkerrechtlich bestätigt sehen wollten, und den BritenGroßbritannienRevolutionsepoche, die fürchteten, Franzosen und Spanier könnten lange Verzögerungen zu weiteren Gebietsgewinnen auf Kosten Englands nutzen. Im Frieden von ParisFrieden von Paris (1783), der schließlich am 3. September 1783 unterzeichnet wurde, erreichten FranklinFranklin, Benjamin und seine Kollegen durch geschicktes Taktieren nahezu ihre Maximalziele: EnglandGroßbritannienRevolutionsepoche erkannte die amerikanische Unabhängigkeit formell an, trat das gesamte Territorium zwischen den AppalachenAppalachen und dem MississippiMississippi (Fluss) an die Vereinigten Staaten ab und räumte den Amerikanern Fischfangrechte vor NeufundlandNeufundland und NeuschottlandNeuschottland ein. KanadaKanadaUnabhängigkeitskrieg nördlich der Großen Seen blieb britisch, wobei die Grenzen allerdings noch nicht unzweideutig definiert wurden. Der gleichzeitige Friedensschluss zwischen den europäischen Mächten brachte keine wesentlichen Veränderungen, abgesehen von der Tatsache, dass EnglandGroßbritannienRevolutionsepoche FloridaFlorida an SpanienSpanienKolonien zurückgeben musste. Die Amerikaner begrüßten dies mit Blick auf die Zukunft, weil sie davon ausgingen, dass Spanien die schwächere der beiden Kolonialmächte sei. Das aus amerikanischer Sicht wichtigste Ergebnis war natürlich – abgesehen von der Unabhängigkeit selbst – die Öffnung der riesigen Westgebiete, die bislang noch von zahlreichen Indianerstämmen bewohnt waren, in die nun aber bereits Siedler zu strömen begannen.

4 Die „kritische Periode“, 1783–1787/88

Aus der Sicht vieler PatriotenPatrioten stellten Revolution und Unabhängigkeit die Fortsetzung der Selbstbefreiung des Menschen aus politischer und religiöser Unmündigkeit dar, die mit der Reformation begonnen hatte. Die Begeisterung, die der militärische Triumph und der günstige Friedensschluss in Amerika auslösten, konnte die Fülle und Tragweite der anstehenden Probleme aber nur kurzfristig überdecken. Das Grundbefinden der 1780er Jahre, die der Historiker John FiskeFiske, John hundert Jahre später als die „kritische Periode“ der amerikanischen Geschichte bezeichnete, war zwiespältig: Einerseits beflügelten republikanisches Selbstbewusstsein, puritanischer Auserwähltheitsglaube und die Vision eines künftigen American Empire den Tatendrang; andererseits wirkte die Furcht vor dem Abgleiten der Revolution in Anarchie eher lähmend, und die wirtschaftlichenWirtschaft Schwierigkeiten, die das Ausscheiden aus dem Empire-Verband und die Kriegsschäden mit sich brachten, schränkten den Handlungsspielraum ein. Die Aufgabe, das Erreichte zu sichern und Stabilität und Wohlstand unter den neuen Bedingungen dauerhaft zu gewährleisten, erwies sich als fast ebenso schwierig wie der Kampf um die Unabhängigkeit. Niemand sah das klarer voraus als George WashingtonWashington, George, den einige Offiziere in der Endphase des Krieges, als der Kongress seine Soldversprechungen nicht einlösen konnte, wohl gern als Diktator auf den Schild gehoben hätten. WashingtonWashington, George ließ sich jedoch nicht anfechten und gab den Oberbefehl im Dezember 1783 in AnnapolisAnnapolis, Maryland, MarylandMaryland ordnungsgemäß an den Kongress zurück. Zuvor richtete er allerdings ein Rundschreiben an die Staatenregierungen, in dem er seine Landsleute aufforderte, ihre gegenseitigen Vorurteile zu überwinden und die Union zu einem unauflöslichen Staatswesen mit einheitlicher Führung auszubauen. Als Privatmann warb er von seinem Landsitz Mount VernonMount Vernon weiter im Sinne dieses politischen Vermächtnisses dafür, die Zusammenarbeit zu vertiefen und die nationale Integration voranzubringen. Das generelle Meinungsklima war solchen Gedanken zunächst aber alles andere als günstig.

Egalitäre Tendenzen und Krise der Autorität

Die amerikanischen Revolutionäre brauchten keine fest gefügte ständische Gesellschaftsordnung mit erblichen Vorrechten und Adelstiteln umzustürzen. Dennoch hatte der UnabhängigkeitskriegUnabhängigkeitskrieg über die bloße AbtrennungGroßbritannienRevolutionsepoche vom Mutterland hinaus auch eine auf innere Veränderungen gerichtete soziale Dynamik erzeugt. Der Zwang zur Entscheidung für oder gegen bewaffneten Widerstand sprengte die koloniale Oberschicht, deren Repräsentanten bis in die 1770er Jahre hinein fast überall das politische Geschick der Kolonien bestimmt hatten, und katapultierte „Emporkömmlinge“ in eine sich neu konstituierende republikanische Elite. Zusammen mit den königlichen Gouverneuren, Offizieren und Beamten wurden im Verlauf des Krieges nicht weniger als 80–100.000 LoyalistenLoyalisten aus den dreizehn Staaten vertrieben bzw. verließen Amerika freiwillig in Richtung EnglandGroßbritannienRevolutionsepoche oder KanadaKanadaUnabhängigkeitskrieg. Gemessen an der Gesamtbevölkerung bedeutete das einen größeren Aderlass, als ihn Frankreich im darauf folgenden Jahrzehnt mit der Hinrichtung und Flucht von „Konterrevolutionären“ erlebte. Die Loyalisten rekrutierten sich zwar aus allen Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen, aber Besitzende und Gebildete waren proportional am stärksten vertreten. Wer das Land verließ, musste damit rechnen, dass sein Eigentum konfisziert und zu Gunsten der Staatskasse versteigert wurde. Obgleich solche Zwangsenteignungen die Ausnahme blieben und nach Kriegsende z.T. rückgängig gemacht wurden, verhalfen sie doch etlichen PatriotenPatrioten zu raschem Reichtum und einer steilen Karriere. Insgesamt ist davon auszugehen, dass in dem Jahrzehnt von 1774 bis 1783 über 70 Prozent der kolonialen Amtsinhaber ihre Stellung verloren und etwa die Hälfte der Oberschicht ausgetauscht wurde. Dass dies nicht ohne Folgen für die gesellschaftliche Stabilität der jungen amerikanischen Staaten bleiben konnte, liegt auf der Hand.

Die Veränderungen beschränkten sich aber nicht auf die Umschichtung von Besitzverhältnissen innerhalb der Elite. Bewusstseins- und mentalitätsmäßig zertrümmerte die Revolution das auch in Amerika noch durchaus wirksame monarchisch-ständische Weltbild und stellte die Hierarchien und Statuszuweisungen der deferential society in Frage. Die massenhafte Teilnahme am politischen Prozess, die Entstehung einer „öffentlichen Meinung“ und der Abbau sozialer Schranken durch das Kriegserlebnis lösten eine generelle Autoritätskrise aus, die sich in der Politik der 1780er Jahre erst richtig bemerkbar machte und die bis in die Familienbeziehungen hineinwirkte. Die radikal-republikanische Komponente der Country-IdeologieCountry-Ideologie unterstützte den Anspruch des common man, in allen wichtigen Dingen mitreden und mitentscheiden zu dürfen. Vermögen und Bildung galten nicht mehr als unerlässliche Voraussetzung für ein politisches Amt, sondern die Fähigkeit zum Regieren wurde jedermann zugebilligt, der sich für das „größte Glück der größten Zahl von Menschen“ einsetzte – eine Formel, die von den schottischen Aufklärern um Adam Ferguson und Francis Hutcheson als Maßstab für „good government“ proklamiert worden war. „Einfache Leute“ erschienen sogar als bessere Repräsentanten des Volkes, weil sie am ehesten mit den Sorgen und Wünschen der Bürger vertraut waren. Dass solche Einstellungen praktische Folgen zeitigten, erkennt man sehr gut an der Zusammensetzung der Staatenparlamente, in denen nun – mit regionalen Unterschieden – doppelt bis dreimal so viele einfache Farmer und Handwerker vertreten waren wie in den vorrevolutionären Assemblies. Hier trugen nun erstmals parteiähnliche Fraktionen ganz offen Interessenkonflikte aus, die zur Kolonialzeit in exklusiven Zirkeln geregelt worden wären und die man im Krieg der Solidarität der PatriotenPatrioten untergeordnet hatte. So entbrannte in den Legislativen nach der Tilgung der letzten Reste des feudalen Erbrechts der Streit um eine ausgewogene Verteilung der Steuerlasten, um die Vor- oder Nachteile von Papiergeld sowie um die Beseitigung wirtschaftlicherWirtschaft Monopole und religiöser Privilegien. Diese egalitäre Tendenz wurde in Wahlreden, Zeitungen und Pamphleten von heftigen rhetorischen Attacken auf noch bestehende oder vermeintliche Vorrechte begleitet. Viele Argumente, die gegen britischeGroßbritannien „Tyrannei“ und „Versklavung“ vorgebracht worden waren, dienten nun dazu, die soziale Kontrolle der einheimischen Elite weiter zu schwächen. Die revolutionäre Dynamik begann also die gesamte politische Kultur zu transformieren, was die einen als demokratische Verheißung, andere hingegen als Auflösung der gesellschaftlichen Bande interpretierten.

Thomas PainesPaine, Thomas Aufruf, die „Welt neu zu beginnen“, konnte den Amtsinhabern und Parlamentariern nicht als praktische Handlungsanleitung dienen. Auch historisch gab es keinen brauchbaren Präzedenzfall, denn seit Oliver CromwellsCromwell, Oliver gescheitertem Commonwealth im 17. Jahrhundert hatte niemand bewusst ein neues RegierungssystemRegierungssystem konstruiert. Nach 1784 breitete sich in der revolutionären Führungsschicht allmählich die Überzeugung aus, dass die idealistisch-nostalgischen Vorstellungen, mit denen man den Kampf gegen das Mutterland geführt hatte, den Anforderungen der Unabhängigkeit nicht oder nur teilweise entsprachen. Der starre Antizentralismus der republikanischen Country-IdeologieCountry-Ideologie, der schon im Krieg Koordinierungsprobleme geschaffen hatte, ihr extremes Machtmisstrauen, das eher zur Opposition als zum konstruktiven Regieren befähigte, und die von ihr erzeugte moralische Aversion gegen Handel und Kommerz erschwerten die notwendige Anpassung an die neuen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen. Die radikalen PatriotenPatrioten und ihre aufklärerischen Freunde und Bewunderer in Europa hofften, die amerikanischen Staaten würden den Beweis erbringen, dass es eine freiheitliche Alternative zur absoluten Monarchie und zum britischenGroßbritannien Empire-Modell gab. In gemäßigteren Kreisen war man jedoch skeptisch, denn konföderative Republiken wie die SchweizSchweiz oder die Vereinigten NiederlandeNiederlande galten – im Vergleich zu den „modernen“ zentralisierten Nationalstaaten EnglandGroßbritannienVerfassung und Frankreich – als antiquiert und kaum entwicklungsfähig. Noch weniger schien eine Rückkehr zu den Verhältnissen der römischen Republik oder gar zur strengen Genügsamkeit Spartas möglich. Konservative Beobachter hielten es schlichtweg für illusorisch, ein Gemeinwesen auf die freiwillige Zustimmung und die moralischen Tugenden seiner Bürger zu gründen anstatt auf patriarchalische Autorität, Zwang und klare Herrschaftsverhältnisse. Das Geschehen in den ersten Jahren der Unabhängigkeit schien diese Skeptiker und Gegner zu bestätigen, die den Vereinigten Staaten keine lange Überlebensdauer vorhersagten. Im Innern geriet das „amerikanische Experiment“ von zwei Seiten unter Druck: Zum einen erwies sich der Konföderationskongress als unfähig, die ihm gestellten Regierungsaufgaben zu erfüllen; zum anderen gelang es den souveränen Einzelstaaten nicht, aus eigener Kraft die desillusionierende Nachkriegsmisere zu überwinden.

Die Schwäche des KonföderationskongressesKonföderationskongress

Der „vagabundierende“ KonföderationskongressKonföderationskongress symbolisierte in den 1780er Jahren den Zustand einer unvollkommenen Union, der die lenkende Hand und ein lebendiges Kraftzentrum fehlte. Nachdem die Delegierten 1783 aus Furcht vor Soldaten, die ihre Soldzahlungen einforderten, PhiladelphiaPhiladelphia verlassen hatten, konnten sie sich auf keinen festen Sitz mehr einigen, sondern tagten an wechselnden Orten. Die Wahlbestimmungen für Kongressdelegierte verhinderten eine personelle Kontinuität und bewirkten, dass viele der fähigsten Politiker Mitte der 1780er Jahre ausscheiden mussten. Unter diesen Umständen verlor die Öffentlichkeit, die sich ohnehin stärker auf das Geschehen in den jeweiligen Staaten konzentrierte, mehr und mehr das Interesse am Kongress. Dennoch war die Bilanz des KonföderationskongressesKonföderationskongress nicht völlig negativ. Einen außenpolitischen Erfolg bedeutete der Abschluss des HandelsvertragsAußenpolitikHandelsvertrag mit Preußen (1785) mit PreußenPreußen 1785. Seine größte Leistung vollbrachte der KongressKonföderationskongress kurz vor der Auflösung 1787 mit der Verabschiedung der von JeffersonJefferson, Thomas konzipierten Northwest OrdinanceNorthwest Ordinance (1787). Sie legte Richtlinien für die weitere territoriale AusdehnungTerritoriale Expansion der Vereinigten Staaten fest, indem sie die Gründung von mehreren neuen Staaten im Gebiet zwischen OhioOhio und den Großen Seen (Northwest Territory) vorsah. Diese Staaten sollten in die Union aufgenommen werden, sobald sie eine Einwohnerzahl von 60.000 erreicht und sich eine republikanische VerfassungVerfassung gegeben hatten. Damit war sichergestellt, dass der WestenWestenErschließung nicht permanent als Kolonialgebiet verwaltet, sondern nach und nach gleichberechtigt in die Union integriert werden würde. Überdies schloss die Northwest OrdinanceNorthwest Ordinance (1787) jegliche Form von SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) im Ohio-Territorium aus. Ursprünglich hatte JeffersonJefferson, Thomas dieses Verbot auf den gesamten Westen bis hinunter zum Golf von MexikoGolf v.Mexiko ausdehnen wollen, doch sein Vorschlag war am Widerstand der Südstaaten-Delegierten gescheitert.

Besonders nachteilig machte sich die Schwäche des KongressesKonföderationskongress im Bereich der AußenwirtschaftWirtschaft, des zwischenstaatlichen Handels und der FinanzenFinanzwesenRevolutionsepoche bemerkbar. Die Londoner Regierung behinderte auch nach dem Friedensschluss die amerikanischen Exporte in die KaribikKaribik und nach EnglandGroßbritannien, während englische Kaufleute rasch ihre Vorkriegsrolle als Hauptlieferanten von Fertigwaren und Kreditgeber zurückeroberten. Nur sie waren nämlich im Stande, den enormen Konsum- und Investitionsbedarf der Amerikaner zu befriedigen, der sich in acht Kriegsjahren angestaut hatte. Daraus folgten aber hohe Handelsdefizite, ein Abfluss des Hartgeldes nach EnglandGroßbritannien und eine steigende Verschuldung amerikanischer Pflanzer und Farmer, die sich Geld liehen oder auf Kredit kauften. Dieser „Konsumrausch“ ging schon 1784 in eine DeflationskriseFinanzwesenRevolutionsepoche mit sinkenden Preisen, Geldverknappung und ArbeitslosigkeitArbeiterArbeitslosigkeit über. Der Kongress musste hilflos zuschauen, da er keine Vergeltungsmaßnahmen gegen die britischenGroßbritannien Handelsbeschränkungen ergreifen durfte und folglich weder in der Lage war, die Importe zu drosseln noch die Exporte zu steigern. Weil ihm zudem die Befugnis fehlte, den Handel zwischen den Staaten zu regulieren, konnte er nicht einmal verhindern, dass sich die Engländer Vorteile verschafften, indem sie einen Staat gegen den anderen ausspielten. Auf diese Weise drohte die Gefahr, dass interne Handels- und Zollschranken die Union unterminieren würden.

Noch verhängnisvoller wirkte sich die fehlende Zoll- und SteuergewaltFinanzwesenRevolutionsepoche des KongressesKonföderationskongress aus, die ihn ganz vom finanziellen Wohlwollen der Staatenparlamente abhängig machte. In dem Maße, wie sich die WirtschaftskriseWirtschaft verschärfte, nahm nämlich die Bereitschaft der Staaten ab, die Forderungen des KongressesKonföderationskongress zu erfüllen, und einige Parlamente stellten ihre Zahlungen ganz ein. Ohne ein sicheres Einkommen war es dem Kongress aber unmöglich, die noch lange nicht bewältigten finanziellen Folgelasten des Krieges zu tragen. Sie resultierten daraus, dass man Steuererhöhungen zur Kriegsfinanzierung so weit wie möglich vermieden und sich stattdessen mit Papiergeldemissionen und Anleihen beholfen hatte. Der größte Teil des Papiergeldes, das der Kongress – parallel zu den einzelnen Staaten – gedruckt hatte, war um diese Zeit bereits aus dem Umlauf gezogen worden. Anders sah es dagegen mit SchuldverschreibungenFinanzwesenRevolutionsepoche und Anleihescheinen aus, für die Zinsen gezahlt werden mussten. Eine hohe Priorität besaßen natürlich auch die Auslandsanleihen, die man in FrankreichFrankreichUnabhängigkeitskrieg und den NiederlandenNiederlande aufgenommen hatte. Die Kreditwürdigkeit des Kongresses im Innern wie nach außen hing davon ab, dass er zumindest seinen Zinsverpflichtungen gegenüber den Gläubigern nachkam. Auf Grund der finanziellen Schwierigkeiten und der schlechten Zahlungsmoral der Einzelstaaten war dies jedoch ab 1785 nicht mehr gewährleistet. Deshalb verfiel der Wert der kontinentalen Schuldverschreibungen, und auch das Vertrauen der europäischen Gläubiger, das für weitere Kredite unabdingbar war, drohte vollends verloren zu gehen. Ende 1786 stand fest, dass der Staatsbankrott nur noch durch grundlegende Änderungen auf dem FinanzsektorFinanzwesen vermieden werden konnte.

Die Kritik am handlungsunfähigen KongressKonföderationskongress verband sich mit wachsender Unzufriedenheit über die Politik der Einzelstaaten, die selbst nach Meinung etlicher radikaler Revolutionsführer „die Demokratie zu weit trieben“. Dieser Vorwurf zielte vor allem auf die Staatenlegislativen, die ihr Übergewicht in den neuen Verfassungssystemen zu einer veritablen ParlamentssouveränitätParlamentssouveränität ausbauten. Andererseits trat die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer deutlicher zu Tage. Das Prinzip der jährlichen Wahlen bewirkte häufig wechselnde Mehrheiten, die eine stetige Regierungs- und Verwaltungsarbeit nahezu unmöglich machten. Unter diesen Umständen nimmt es fast wunder, dass doch eine Reihe konstruktiver Leistungen erzielt wurde. Das betraf z.B. die bereits erwähnten Maßnahmen gegen die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) in den nördlichen Staaten, aber auch die von JeffersonJefferson, Thomas formulierte Bill for Establishing Religious Freedom, die das virginische Parlament 1786 annahm. Durch die rechtliche Gleichstellung aller christlichen Glaubensgemeinschaften und das Verbot, sie mit staatlichen Mitteln zu alimentieren, verwirklichte dieses Gesetz erstmals die strikte Trennung von Kirche und Staat.

Generell wurde die politische Auseinandersetzung in den Parlamenten immer härter, und die Mehrheiten nahmen wenig Rücksicht auf die Rechte der Minderheiten oder die Bestimmungen der Verfassungen. Am heftigsten wurde über die Methode gestritten, mit der die WirtschaftskriseWirtschaft bekämpft werden sollte. Einige Parlamente beschlossen wieder PapiergeldemissionenFinanzwesenRevolutionsepoche, um den Mangel an Hartgeld auszugleichen und den Druck der öffentlichen und privaten Schulden zu lindern. Dabei nahmen sie einen inflationären Wertverlust des Papiergeldes in Kauf, der die Gläubiger schädigte und vehemente Beschwerden über die Verletzung des Rechts auf Eigentum auslöste. Andere Parlamente, in denen die Gläubiger mehr Einfluss hatten, setzten eine harte Sparpolitik durch, mit der die Lasten der Krise auf die kleinen SteuerzahlerFinanzwesenRevolutionsepoche abgewälzt wurden. Ein solcher Kurs barg aber die Gefahr sozialer Unruhen, die dann auch nicht lange auf sich warten ließen. Die gefährlichste Situation entstand im westlichen MassachusettsMassachusetts, wo sich die Farmer, deren Besitz von Zwangsversteigerung bedroht war, weil sie ihre Steuern nicht zahlen konnten, im Herbst 1786 zusammenschlossen, die Kreisgerichte lahmlegten und ein staatliches Waffenlager zu erobern versuchten. Diese Protestbewegung, die nach einem ihrer Anführer, dem ehemaligen Hauptmann der KontinentalarmeeKontinentalarmee Daniel ShaysShays, Daniel, Shays’ RebellionShays’ Rebellion genannt wurde, konnte im folgenden Frühjahr durch den Einsatz von Milizen aus der Küstenregion niedergeschlagen werden. In der gespannten Atmosphäre betrachteten aber viele der führenden Politiker, die bislang noch auf Appelle an die Bürgertugend gesetzt hatten, die agrarischen Unruhen in Massachusetts und in einigen anderen Staaten als Anzeichen einer beginnenden Auflösung des gesellschaftlichen Gefüges der Union. Selbst George WashingtonWashington, George, der übertriebenen Berichten aus dem Aufstandsgebiet bereitwillig Glauben schenkte, zweifelte nun daran, ob die Amerikaner wirklich reif seien, sich selbst zu regieren.

Unterdessen waren auch die Bemühungen, die finanzielleFinanzwesenRevolutionsepoche Lage des Kongresses durch eine Änderung der KonföderationsverfassungKonföderation zu verbessern, an dem Zwang zur Einstimmigkeit gescheitert. Als letzten Rettungsanker griff man nun die Idee eines allgemeinen Reformkonvents auf, die eine Gruppe von Politikern um den New Yorker Anwalt Alexander HamiltonHamilton, Alexander und den virginischen Pflanzer James MadisonMadison, James – beides enge Vertraute George WashingtonsWashington, George – schon seit Beginn der 1780er Jahre verfolgt hatte. Diese nationalistsNationalists, wie sie von den radikalen Republikanern abschätzig genannt wurden, diagnostizierten einen inneren Zusammenhang zwischen den Unzulänglichkeiten der KonföderationsverfassungKonföderation und der Instabilität der Einzelstaaten. Aus den Erfahrungen, die sie seit dem Krieg auf beiden Ebenen gesammelt hatten, schlossen sie, dass weder Bürgertugend noch ReligionReligion die negativen menschlichen Eigenschaften, vor allem Ehrgeiz und Habgier, wirksam kontrollieren konnten; virtuevirtue und religion mussten, wie MadisonMadison, James sich ausdrückte, ergänzt werden durch institutionelle Heilmittel gegen die Gebrechen, die der republikanischen Staatsform naturnotwendig innewohnten.

Im Unterschied zu den meisten ihrer Landsleute, deren erste Loyalität dem eigenen Staat oder der Region gehörte, verfügten HamiltonHamilton, Alexander und MadisonMadison, James wie auch WashingtonWashington, George über eine „kontinentale Vision“, mit der sie die ungeheuren Entwicklungsmöglichkeiten der Vereinigten Staaten vorausahnten. HamiltonHamilton, Alexander hatte hauptsächlich die wirtschaftlichenWirtschaft und militärischen Vorteile einer starken ZentralregierungRegierungssystemZentralregierung im Auge. Seine Ziele waren der einheitliche amerikanische Binnenmarkt, eine stabile WährungFinanzwesenRevolutionsepoche und eine Militärmacht, mit der jeder potenzielle Gegner in Schach gehalten werden konnte. Das setzte voraus, dass der Kongress finanziell von den Staaten unabhängigFinanzwesenRevolutionsepoche wurde und eine wirkliche nationale Führungsrolle erhielt. MadisonMadison, James, der viel historische und staatsrechtliche Literatur heranzog, sorgte sich mehr um die innere Stabilität der Union. Abweichend von MontesquieuMontesquieu, Charles de Secondat, Baron de behauptete er schon im Frühjahr 1787, eine lockere KonföderationKonföderation republikanischer Staaten, wie sie die Articles of ConfederationArticles of Confederation geschaffen hatten, könne den sozialen Frieden und die politische Freiheit nicht dauerhaft gewährleisten. Dies sei nur möglich durch die enge Einbindung der Staaten in eine föderativ-nationale Ordnung neuen Stils, die auch Raum lasse für die Ausdehnung nach WestenWestenErschließung. Mit Hilfe einer starken ZentralregierungRegierungssystemZentralregierung könne die Führungselite die nötige Kontrolle über die Staatenparlamente ausüben, ohne dass dadurch der RepublikanismusRepublikanismus und das Prinzip der VolkssouveränitätVolkssouveränität gefährdet würden.

MadisonsMadison, James und HamiltonsHamilton, Alexander Gedanken standen lange Zeit zu sehr im Widerspruch zur vorherrschenden Meinung, als dass sie Aussicht auf Realisierung gehabt hätten. Noch im September 1786 hielten es nur fünf Staaten für opportun, sich an einer von HamiltonHamilton, Alexander initiierten Konferenz in der Hauptstadt von MarylandMaryland, AnnapolisAnnapolis, Maryland, zu beteiligen. Die Versammlung begnügte sich deshalb mit einer Einladung an alle Staatenparlamente, im Mai 1787 Delegierte zu einem Konvent nach PhiladelphiaPhiladelphia zu entsenden. Um die Jahreswende 1786/87 schufen dann die Sorge vor dem finanziellenFinanzwesenRevolutionsepoche Zusammenbruch der Union und das Erschrecken vor Shays’ RebellionShays’ Rebellion die stimmungsmäßigen Voraussetzungen für tiefgreifende Reformen. Als der Philadelphia-Konvent seine Arbeit aufnahm, waren alle Staaten außer Rhode IslandRhode Island vertreten, dessen radikale Parlamentsmehrheit die Verfassungsmäßigkeit des Unterfangens anzweifelte.

Der VerfassungskonventRegierungssystemVerfassungGewaltenteilungVerfassung von PhiladelphiaPhiladelphia

Nach der sozialen Herkunft der Delegierten stellte der PhiladelphiaPhiladelphia-Konvent einen Querschnitt durch die revolutionäre Elite der Pflanzer, Kaufleute und Anwälte dar. Ideologisch überwog aber das zentralistisch-nationale Element, nicht zuletzt deshalb, weil einige der radikalen Volksführer wie Samuel AdamsAdams, Samuel und Patrick HenryHenry, Patrick freiwillig auf die Teilnahme verzichtet hatten. Von den 74 ursprünglich gewählten Abgeordneten fanden sich 55 in Philadelphia ein, wo der Konvent vom 25. Mai bis 17. September 1787 unter dem Vorsitz George WashingtonsWashington, George hinter verschlossenen Türen tagte. Bereits Ende Mai trafen die Delegierten auf Vorschlag des Virginiers Edmund RandolphRandolph, Edmund die grundsätzliche Entscheidung, eine völlig neue Verfassung zu erarbeiten, um die Union zu „konsolidieren“ und im nationalen Sinne umzugestalten. Damit wichen sie bewusst von den Instruktionen des Konföderationskongresses und der meisten Parlamente ab, die Articles of ConfederationArticles of Confederation zu „revidieren und zu verbessern“. Ausgangspunkt der Beratungen war also der Konsens darüber, dass die UnionGewaltenteilungVerfassung eine handlungsfähige ZentralregierungRegierungssystemVerfassung benötigte, deren Kompetenzen und Machtmittel ausreichen mussten, um den anstehenden wie auch allen erdenklichen zukünftigen Aufgaben gerecht zu werden. Im Einzelnen blieben aber genügend Probleme und Streitpunkte übrig, die zäh diskutiert wurden und den Konvent mehr als einmal an den Rand des Scheiterns brachten. Letztlich erzeugte aber die Furcht, dass ein Misserfolg den Zerfall der Union nach sich ziehen würde, immer wieder genügend Kompromissbereitschaft, um diese Krisen zu überwinden.

Vier Problemkreise verwoben sich in der Debatte zu einem komplizierten Geflecht: das VerhältnisVerfassungGewaltenteilungVerfassung zwischen den Einzelstaaten und der Zentralregierung (die in den Entwürfen stets „national government“ und erst am Ende mit Rücksicht auf die öffentliche MeinungÖffentliche Meinung „federal government“, Bundesregierung, genannt wurde); die Machtverteilung innerhalb dieser Zentralregierung; die Repräsentation von großen und kleinen Staaten im zukünftigen Parlament; und der Interessengegensatz zwischen Nord- und Südstaaten, der hauptsächlich in der Sklavereifrage wurzelte. Was den ersten Komplex betraf, so schränkten die Delegierten die Staatensouveränität ein und wiesen der Zentralregierung eine übergeordnete Stellung zu. Von größter praktischer Bedeutung war die Neuordnung der Kompetenzen im wirtschaftlichenWirtschaft Bereich: Die BundesregierungRegierungssystem erhielt nun das Recht, Einfuhrzölle und Steuern zu Zwecken der Verteidigung und allgemeinen Wohlfahrt (common defence and general welfare) zu erheben sowie den Handel zwischen den Staaten und mit dem Ausland zu regulieren. Durch diese Neuformulierung der Steuer- und HandelsbefugnisseFinanzwesenRevolutionsepoche (taxing power und commerce power) war die Bundesregierung finanziell weitgehend unabhängig von den Staaten und konnte sich direkt an jeden einzelnen Bürger wenden. Zugleich wurde den Staaten untersagt, Papiergeld auszugeben und Münzen zu prägen. Damit waren die Voraussetzungen für den einheitlichen Binnenmarkt und eine gemeinsame WirtschaftsWirtschaft-, Währungs- und Handelspolitik geschaffen. Die VerfassungGewaltenteilungVerfassung garantierte den Staaten eine republikanische RegierungsformRegierungssystem und Schutz vor äußeren Angriffen wie vor innerem Umsturz. Zu diesem Zweck durfte die Bundesregierung nicht nur Heer und Flotte unterhalten, sondern auch die Staatenmilizen beaufsichtigen und nötigenfalls gegen Unruhen (domestic violence) einsetzen. Vollendet wurde der Übergang von der konföderativen zur bundesstaatlichen Ordnung durch zwei dehnbare Generalklauseln: Artikel I, Abschnitt 8 ermächtigte den neuen KongressRegierungssystemKongress, alle Gesetze zu beschließen, die er für „notwendig und angemessen“ (necessary and proper) hielt, um die ihm von der Verfassung gestellten Aufgaben zu erfüllen; und Artikel VI erklärte die Verfassung und die Gesetze und Verträge der Union zum höchsten geltenden Recht (supreme law of the land), an das jeder Richter ungeachtet der Verfassungen und Gesetze der Einzelstaaten gebunden war. Trotz der Beschneidung ihrer Selbstständigkeit blieben die Staaten aber die Grundeinheiten des RegierungssystemsRegierungssystem. Das zeigte sich z.B. bei dem in Artikel V festgelegten Verfahren zur VerfassungsänderungGewaltenteilungVerfassungVerfassung: Vorgeschlagen werden konnten Änderungen und Ergänzungen (amendmentsVerfassungZusätze) entweder von beiden Häusern des KongressesRegierungssystemKongress mit Zweidrittelmehrheit oder von einem Verfassungskonvent, der auf Antrag von zwei Drittel der Staaten zustande kam. Damit ein solcher Vorschlag Geltung erlangte, mussten ihm aber drei Viertel der Staaten – durch Parlamentsbeschluss oder per Ratifizierungskonvent – zustimmen.

Bei der Konstruktion der Bundesorgane ließ sich die Mehrheit der Delegierten von der Absicht leiten, ein Übergewicht der Legislative, eine Art ParlamentssouveränitätGewaltenteilungVerfassungVerfassungParlamentssouveränität, wie sie sich in den Staaten herausgebildet hatte, zu verhindern. Gewiss stand der KongressRegierungssystemKongress als Verkörperung des Gesamtwillens der Union im Zentrum des RegierungssystemsRegierungssystem; es musste aber Vorsorge getroffen werden, dass die Rechte von Minderheiten sowie der Geist und Buchstabe der VerfassungVerfassung selbst gewahrt blieben. Eine möglichst unabhängige Exekutive und Judikative waren dazu gedacht, der legislativen Gewalt Grenzen zu setzen, um das System als Ganzes im Gleichgewicht zu halten. Überragenden Stellenwert gewann dabei die Frage, wie die Exekutive beschaffen sein und welche BefugnisseGewaltenteilungVerfassungVerfassung sie ausüben sollte. Ihre Beantwortung war deshalb so prekär, weil sich hier am deutlichsten die Abwendung von den radikalen Maximen der Revolution zu Gunsten gemäßigter Vorstellungen von einer balance of power im Sinne der englischenGroßbritannienVerfassung konstitutionellen Tradition offenbarte. Ein Ersatz für den König, der dem Parlament Paroli bieten konnte, war nicht leicht zu finden, zumal die ausführende Gewalt im Bewusstsein der Zeitgenossen immer noch mit der erblichen Monarchie identifiziert wurde. Der Konvent erwog eine ganze Reihe von Modellen, die sich zwischen den Extremen eines auf Lebenszeit gewählten PräsidentenRegierungssystemPräsident (ein Vorschlag HamiltonsHamilton, Alexander, der aber angesichts der öffentlichen Meinung keine Realisierungschance hatte) und einem kollegialen Führungsgremium bewegten, das am ehesten den republikanischen Prinzipien entsprochen hätte. Am Ende setzte sich der Vorschlag des pennsylvanischen Anwalts James WilsonWilson, James durch, dass „die Exekutive aus einer einzigen Person bestehen“ sollte, obwohl einige Delegierte darin den „Fötus der Monarchie“ zu erkennen glaubten. Nach Meinung der Mehrheit war so am besten gewährleistet, dass die Exekutive über einen einheitlichen WillenRegierungssystem und über genügend Energie und Effektivität verfügen würde, um das Wohl der Nation zu verfolgen, und dass gleichzeitig klare Verantwortlichkeiten gegeben seien. Unterschwellig spielte dabei sicher eine Rolle, dass viele Delegierte mit dem Konventsvorsitzenden George WashingtonWashington, George bereits den Wunschkandidaten für das neue Amt im Auge hatten. Die Debatte über die AmtszeitRegierungssystemPräsident spitzte sich auf zwei konkurrierende Vorschläge zu: sieben Jahre ohne Wiederwahl oder vier Jahre mit der Möglichkeit, sich danach erneut zur Wahl zu stellen. Den Ausschlag für das zweite Modell gab schließlich die Überlegung, dass der vierjährige Turnus einerseits eine relativ gute Sicherheit gegen Machtmissbrauch bot, das Verbot einer Wiederwahl andererseits die Energie des Amtsinhabers eher lähmen und die Optionen der Bürger zu sehr einschränken würde. Als zuständiges Wahlgremium war lange Zeit der Kongress vorgesehen gewesen, nachdem die Delegierten den Gedanken der direkten Volkswahl als zu radikal, vor allem aber als nachteilig für die kleinen Staaten und die Sklavenstaaten (in denen ja nur verhältnismäßig wenige weiße Wähler lebten) verworfen hatten. Die Entscheidung für eine indirekte Volkswahl stellte also in erster Linie ein Zugeständnis an die kleinen Staaten und das föderativeGewaltenteilungVerfassung Prinzip dar. Im Wahlmännerkollegium, dessen Mitglieder zunächst von den Staatenparlamenten, nicht von den Bürgern selbst gewählt wurden, verfügte jeder Staat über die gleiche Anzahl Stimmen wie er Abgeordnete und Senatoren in den KongressRegierungssystemKongress entsenden durfte. Durch die Vorschrift, dass die Elektoren je zwei Stimmen hatten, von denen sie eine für einen Kandidaten abgeben mussten, der nicht aus ihrem eigenen Staat stammte, wurde das Gewicht der kleinen Staaten erhöht. Noch deutlicher kam das föderale Element darin zum Ausdruck, dass für die Wahl zum PräsidentenRegierungssystemPräsident die absolute Mehrheit der Wahlmännerstimmen erforderlich war. Die meisten Delegierten gingen davon aus, dass ein solches Ergebnis nur in Ausnahmefällen eintreten und die letzte Entscheidung deshalb in der Regel doch beim RepräsentantenhausRegierungssystemRepräsentantenhaus liegen würde. Hier sah die VerfassungGewaltenteilungVerfassungVerfassung vor, dass bei den Stichwahlen im Repräsentantenhaus nach Staaten abzustimmen sei, wobei jeder Staat, ob groß oder klein, eine Stimme hatte. Ein „Nebenprodukt“ dieser komplizierten Regelung war das Amt des VizepräsidentenVizepräsidentenamt, das an denjenigen Kandidaten fiel, der die zweithöchste Zahl von Wahlmännerstimmen erreichte.

In der Summe der Kompetenzen, die der Konvent dem PräsidentenRegierungssystemPräsident zubilligte, machte er ihn gleichzeitig zum Regierungschef, zum Staatsoberhaupt und zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Diese unerhörte Machtfülle wurde allerdings dadurch eingegrenzt, dass der Präsident eine ganze Reihe von BefugnissenGewaltenteilungVerfassung mit dem Kongress teilen musste. So sah man vor, dass er zur Ernennung der Minister – wie auch der Richter und anderen hohen Regierungsbeamten – die Zustimmung des SenatsRegierungssystemSenat benötigte. Seine Befugnis, völkerrechtliche Verträge abzuschließen, musste er ebenfalls mit dem Senat teilen, dessen ZweidrittelmehrheitRegierungssystem für die Ratifizierung erforderlich war. Außenpolitischen Alleingängen und militärischen Abenteuern des PräsidentenRegierungssystemPräsident glaubten die Delegierten dadurch vorbeugen zu können, dass sie die Entscheidung über Krieg und Frieden, die Aufstellung von Heer und Flotte und die Mobilisierung der Milizen dem Kongress überließen. Gestärkt wiederum wurde der Präsident gegenüber der Legislative durch ein Vetorecht, mit dem er Kongressgesetze aufhalten konnte, sofern ihn RepräsentantenhausRegierungssystemRepräsentantenhaus und SenatRegierungssystemSenat nicht mit Zweidrittelmehrheit überstimmten. Dabei ging es den Delegierten weniger um die Blockierung von GesetzesvorhabenGewaltenteilungVerfassungVerfassung als vielmehr, wie MadisonMadison, James erklärte, um die Verhinderung von „überhastet formulierten, ungerechten und verfassungswidrigen“ Gesetzen. Auf diese Weise war der Präsident aktiv und in konstruktiver Weise am Gesetzgebungsprozess beteiligt. Diese Regelungen sind charakteristisch für das Bemühen des Konvents, ein komplexes System der Gewaltenverschränkung und wechselseitigen Kontrolle zu schaffen, das eher MontesquieusMontesquieu, Charles de Secondat, Baron de Idealvorstellungen von der englischenGroßbritannien VerfassungVerfassung als dem tatsächlichen System des King in Parliament folgte, wie es im 18. Jahrhundert Gestalt angenommen hatte. Die Präsidentschaft wurde Teil eines mixed and limited government, dessen verfassungsmäßige Begrenzung in erster Linie dem Schutz der individuellen Freiheit vor staatlicher Willkür und Unterdrückung dienen sollte.

Das Prinzip der funktionalen GewaltenteilungRegierungssystem und GewaltenverschränkungVerfassungGewaltenteilungVerfassung wird auch beim Blick auf die Judikative deutlich: Der Konvent etablierte das Oberste Gericht (Supreme CourtSupreme CourtVerfassung) zwar erstmals als eigenständigen dritten Regierungszweig, ermächtigte aber den Präsidenten, die Bundesrichter mit Zustimmung des SenatsRegierungssystemSenat auf Lebenszeit (during good behavior) zu ernennen. Der Vorsitzende des Gerichts wiederum wurde ermächtigt, das Verfahren der Amtsanklage (ImpeachmentImpeachment (Amtsenthebung)) gegen den Präsidenten zu leiten, das der Konvent als letzte Schranke gegen exekutive Willkür errichtete. An einem solchen Impeachment sind laut VerfassungVerfassung aber auch die beiden Kammern des Kongresses beteiligt: Das RepräsentantenhausRegierungssystemRepräsentantenhaus hat das alleinige Recht, die Anklage zu erheben, und der SenatRegierungssystemSenat kann den Präsidenten mit Zweidrittelmehrheit verurteilen. Der Supreme Court, dessen exakte Befugnisse der Kongress erst 1789 im Judiciary ActJudiciary Act (1789) festlegte, sollte für eine einheitliche Rechtsprechung und die Beachtung der konstitutionellen Grenzen in der ganzen Union sorgen. Welche Autorität er sich später wirklich verschaffen würde, war zum Zeitpunkt der Verfassungsgebung ebenso wenig vorauszusehen wie Erfolg und Dauerhaftigkeit des Systems insgesamt. Nach dem Willen der Verfassungsväter sollten sich die drei Gewalten aber auf keinen Fall gegenseitig lähmen, sondern vielmehr durch Konkurrenz und Ehrgeiz zu höheren Leistungen anspornen. Im 51. Federalist-EssayFederalist papers fasste MadisonMadison, James diese Überzeugung in dem Satz „ambition must be made to counteract ambition“ zusammen.

Bei der Frage nach Struktur und Zusammensetzung des neuen KongressesRegierungssystemKongressGewaltenteilungVerfassungVerfassung gingen die Auffassungen der großen und der kleinen Staaten zunächst weit auseinander. Man einigte sich aber schließlich darauf, bei der Sitzverteilung im Unterhaus (House of Representatives) die Einwohnerzahl zugrunde zu legen, im Oberhaus (SenateRegierungssystemSenat) hingegen jedem Staat zwei Sitze zu gewähren. Die Abgeordneten sollten in den Staaten für zwei Jahre direkt gewählt werden (wobei das WahlrechtWahlrecht Sache der Staaten blieb), die Senatoren von den Staatenparlamenten auf sechs Jahre bestimmt werden. Dieser von ConnecticutConnecticut vorgeschlagene Kompromiss (Connecticut CompromiseConnecticut Compromise) entschädigte die kleinen Staaten bis zu einem gewissen Grade für den erlittenen Macht- und Statusverlust, den der Proporz im RepräsentatenhausRegierungssystemRepräsentantenhaus erzeugte, denn über den SenatRegierungssystemSenat konnten sie nun gleichberechtigt Einfluss auf die Gesetzgebung und die Ernennung von Beamten und Richtern nehmen.

Der Nord-Süd-Konflikt hatte seinen Ursprung darin, dass die Südstaaten fürchten mussten, im Kongress wegen ihrer geringeren weißen Bevölkerungszahl vom Norden majorisiert zu werden. Ihre Delegierten im Konvent wollten sicherstellen, dass die künftige WirtschaftspolitikWirtschaft die Interessen der auf den Export von Agrarprodukten angewiesenen südlichen Pflanzer und Farmer berücksichtigte und dass sich der Rest der Union nicht zusammentun konnte, um die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) zu verbieten. In einem frühen Stadium der Beratungen gestanden die Delegierten der Nord- und Mittelstaaten dem SüdenSüden zu, als Grundlage für die Repräsentation im Unterhaus nicht allein die weiße Bevölkerung zu nehmen, sondern drei Fünftel „aller anderen Personen, mit Ausnahme von IndianernNative AmericansAntebellum“ hinzuzuzählen (eine Umschreibung für das Wort „Sklaven“, das man in der VerfassungGewaltenteilungVerfassungVerfassung vermeiden wollte). Als die Südstaatler jedoch später für die Verabschiedung von Handelsgesetzen ZweidrittelmehrheitenRegierungssystem in beiden Häusern des Kongresses verlangten, zogen die anderen Delegationen ihr Zugeständnis wieder zurück, weil sie eine Vormachtstellung des Südens befürchteten. Nur mit großer Mühe gelang es einem speziellen Komitee, die unvereinbar scheinenden Standpunkte im so genannten Great Compromise zusammenzuführen: Der Norden willigte ein, dass die Drei-Fünftel-Klausel bei der Berechnung der Repräsentation angewendet wurde und der Kongress den Sklavenimport bis 1808 nicht unterbinden durfte. Im Gegenzug erklärte sich der Süden bereit, entsprechend der verbesserten Repräsentation mehr direkte Steuern zu zahlen und auf qualifizierte Mehrheiten für Handelsgesetze zu verzichten.

In der Schlussphase lehnte der Konvent George MasonsMason, George Vorschlag ab, einen GrundrechtekatalogGewaltenteilungVerfassungVerfassung zu formulieren. Die Mehrheit hielt dies entweder für unnötig, weil eine solche Bill of RightsBill of Rights die in den Staaten bereits geltenden Bestimmungen duplizieren würde, oder sogar für schädlich, weil sie den Handlungsspielraum der Bundesregierung zu sehr einengen könnte. Am 17. September 1787 nahm der Konvent den VerfassungsentwurfVerfassungRatifizierungRegierungssystem mit den Stimmen der noch vertretenen elf Staaten an und stellte ihn dem Konföderationskongress zu. Außer Rhode IslandRhode Island fehlte jetzt auch New YorkNew York, weil zwei der drei Delegierten aus Protest gegen den Trend zum Zentralismus vorzeitig abgereist waren und HamiltonHamilton, Alexander allein kein Votum mehr abgeben durfte. Von den 41 Delegierten, die bis zum Schluss im schwül-heißen PhiladelphiaPhiladelphia ausgeharrt hatten, verweigerten drei – George MasonMason, George und Edmund RandolphRandolph, Edmund aus VirginiaVirginia sowie Elbridge GerryGerry, Elbridge aus MassachusettsMassachusetts – ihre Unterschrift unter das Dokument. Wieder daheim veröffentlichten sie kritische Stellungnahmen zum Werk des Konvents, die erste Kristallisationspunkte für eine allgemeine Oppositionsbewegung bildeten.

Die Mehrheit des Konvents hatte mit politischem Widerstand gerechnet und Vorsorge getroffen, dass die RatifizierungVerfassung keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bereiten würde. Eingedenk der schlechten Erfahrungen mit der Einstimmigkeitsklausel der Articles of ConfederationArticles of Confederation schrieben sie in Artikel VII fest, dass die Zustimmung von neun Staaten genügte, um die VerfassungGewaltenteilungVerfassungVerfassung in Kraft zu setzen. Entscheiden sollten außerdem nicht die Staatenparlamente oder Volksabstimmungen, sondern speziell gewählte Ratifizierungskonvente, von denen man am ehesten Unvoreingenommenheit und Objektivität erwarten durfte. Als der KonföderationskongressKonföderationskongress Ende September 1787 den Verfassungsentwurf mit dieser Empfehlung kommentarlos an die Staaten weiterleitete, setzte er eine monatelange öffentliche Debatte in Gang, die in ihrer Leidenschaftlichkeit an die Revolution erinnerte, deren Form und Inhalt aber auch schon auf die parteipolitischen Auseinandersetzungen im neuen Bundesstaat vorauswiesen.

Die RatifizierungsdebatteGewaltenteilungFederalist

Noch im Herbst 1787 bildeten sich zwei politische Lager, die mit großem publizistischem Aufwand um die Gunst einer überraschten und anfangs weitgehend unentschiedenen Wählerschaft kämpften. Die Befürworter des Verfassungsentwurfs nannten sich FederalistsFederalists und stempelten ihre Widersacher als AntifederalistsAntifederalists ab. Dieses negative Etikett blieb an den Kritikern des Verfassungsentwurfs hängen, obwohl sie beteuerten, den „wahren“ staatenbündisch-republikanischen FöderalismusFöderalismus zu verteidigen. Die Fronten verliefen in den verschiedenen Staaten recht unterschiedlich und waren zudem stets in Bewegung. Die Federalists hatten ihre Hochburgen in den Städten und Küstenregionen, während die Antifederalists die stärkste Unterstützung von Farmern im agrarischen Hinterland erhielten. Im Wesentlichen handelte es sich aber um eine geistig-ideologische Konfrontation: Was die beiden Lager und ihre prominenten Sprecher trennte, waren mentalitätsmäßig bedingte Unterschiede in der Deutung von RepublikanismusRepublikanismus und Föderalismus. Die Antifederalists verstanden sich als Hüter der „Ideen von 1776“ gegen elitäres Gedankengut und staatlichen Zentralismus. Sie warfen dem Konvent vor, er habe seine Befugnisse überschritten und ein „konsolidiertes Reich“, ein American Empire, geschaffen, das über kurz oder lang die Staaten völlig entmachten und aufsaugen werde. Unter Berufung auf MontesquieuMontesquieu, Charles de Secondat, Baron de bestritten sie energisch, dass ein Gebiet von der Größe und Interessenvielfalt der amerikanischen Union von einem Zentrum aus nach republikanischen Grundsätzen regiert werden könne. Die Gefahr, dass dieses System in eine Aristokratie oder Monarchie abgleite, sei umso größer, als die VerfassungVerfassung keine Grundrechtsgarantien enthalte.

Diesem Country-Ideal der überschaubaren, möglichst homogenen Republiken in einem lockeren StaatenbundGewaltenteilungFederalist stellten die FederalistsFederalists ihr neuartiges Modell eines, so MadisonMadison, James, „teils nationalen, teils föderalen“ RegierungssystemsRegierungssystem entgegen. Die theoretische Rechtfertigung der „Verfassungsrevolution“ lieferten Alexander HamiltonHamilton, Alexander, James MadisonMadison, James und John JayJay, John in einer Serie von 85 EssaysFederalist papers, die zuerst unter dem Pseudonym PubliusPublius in New Yorker Zeitungen veröffentlicht wurden und im Frühjahr 1788 als The Federalist in Buchform erschienen. HamiltonHamilton, Alexander und sein New Yorker Parteifreund JayJay, John versuchten, dem Begriff „Empire“ den negativen Klang zu nehmen, indem sie ihren Landsleuten ein Friedens- und Handelsreich vor Augen stellten, das mit den europäischen Mächten konkurrieren konnte, ohne sie fürchten zu müssen. MadisonMadison, James ergänzte diese Argumente durch seine originelle Theorie der „ausgedehnten Republik“: Die große, vorerst noch kaum bestimmbare geographische Ausdehnung und die Interessenvielfalt der Union stünden einer festen politischen Integration nicht nur nicht entgegen, sondern erleichterten sie sogar. Da die Zahl der ParteienParteien und Interessengruppen mit der Größe des Staatsgebiets zunehme, würde es einer Bewegung, die gegen das Gesamtwohl gerichtet sei, unmöglich gelingen können, einen geschlossenen Block zu bilden und die Herrschaft an sich zu reißen. Zu der GewaltenteilungGewaltenteilungFederalist innerhalb der Bundesregierung und zum Wettbewerb zwischen Bund und Einzelstaaten trete also eine gesellschaftliche Balance hinzu, die das System noch komplexer und damit noch stabiler mache.

Allen intellektuellen und propagandistischen Anstrengungen ihrer Befürworter zum Trotz wäre die VerfassungVerfassung dennoch abgelehnt worden, wenn die FederalistsFederalists nicht versprochen hätten, nach ihrem Inkrafttreten Änderungen und Ergänzungen, speziell eine Absicherung der Grundrechte vorzunehmen. Mit dieser Strategie gelang es, in den Ratifizierungskonventen genügend Delegierte auf die eigene Seite zu ziehen und die Zustimmung so wichtiger Staaten wie MassachusettsMassachusetts, VirginiaVirginia und New YorkNew York zu erreichen. Erst New Yorks positives Votum am 26. Juli 1788 machte die Verfassung, die theoretisch nach der Annahme durch den neunten Staat, New HampshireNew Hampshire, am 21. Juni 1788 gültig geworden war, zu einer politischen Realität. Die Ratifizierungsdebatte wurde begleitet von einer Welle von Feierlichkeiten, die ihre Höhepunkte in den großen Bundesparaden (Federal ProcessionsFederal Processions) der Küstenstädte fand. Die starke Beteiligung der Handwerker und Kaufleute an diesen neuartigen Festumzügen unterstrich noch einmal, dass die in Handel und Gewerbe engagierten Bevölkerungskreise die treibende Kraft hinter der konstitutionellen Neuordnung bildeten. Ihre Reaktion war umso enthusiastischer, als sich in den meisten Staaten ein wirtschaftlicherWirtschaft Aufschwung bereits vor der endgültigen Annahme der Verfassung abzeichnete. Die Paraden brachten aber auch das Selbstbewusstsein von Bürgern zum Ausdruck, die ihr Schicksal selbst bestimmten und optimistisch in die Zukunft voranschritten. Das Bemühen um Konsens entsprang der teils intellektuellen, teils gefühlsmäßigen Einsicht, dass es zur Begründung einer Nation verbindender Werte und des Glaubens an eine Mission bedurfte, die von Generation zu Generation weitervermittelt wird. Als identitätsstiftende Symbole eigneten sich besonders gut die Gründungsdokumente UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung und Verfassung, die an hervorgehobener Stelle in den Zügen mitgeführt wurden. Das Bekenntnis zu den Prinzipien der Revolution nahm hier einen quasi-religiösen Charakter an, so dass man die Prozessionen als erste Erscheinungsformen der amerikanischen civil religioncivil religion bezeichnen kann, einer konfessionsübergreifenden bürgerlichen ReligionReligion im Dienste der nationalen Einheit. Gefeiert wurde auch George WashingtonWashington, George, dessen Abbildung als Steuermann des neuen Staatsschiffes einer öffentlichen Akklamation zum Präsidenten gleichkam.

In der Tat votierten bei den ersten Bundeswahlen im Winter 1788/89 sämtliche 69 Wahlmänner für WashingtonWashington, George, während sich John AdamsAdams, John mit einem wesentlich bescheideneren Ergebnis und dem undankbaren Amt des Vizepräsidenten zufriedengeben musste. Im Wahlkampf für das RepräsentantenhausRegierungssystemRepräsentantenhaus spielten die versprochenen Verfassungsänderungen eine wichtige Rolle: Um erfolgreich zu sein, hielten es viele FederalistsFederalists für geboten, ihre Amendment-Zusage zu erneuern. Nach dem Zusammentritt des Kongresses und der feierlichen Amtseinführung WashingtonsWashington, George am 30. April 1789 in New York CityNew York City formulierten die Abgeordneten und Senatoren einen GrundrechtekatalogGewaltenteilungUnion, der viele der von den Ratifizierungskonventen vorgeschlagenen Änderungen berücksichtigte. Seine zehn Artikel wurden im Dezember 1791 als Amendments an die VerfassungVerfassung angehängt.

Gemessen an der fast gleichzeitig – unter Mitwirkung JeffersonsJefferson, Thomas – in ParisParis ausgearbeiteten französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte wirkte die amerikanische Bill of RightsBill of Rights, wie die ersten zehn Amendments bald genannt wurden, eher bescheiden. Ihr Vorzug bestand aber darin, dass alle ihre Bestimmungen, an erster Stelle die Presse-, Meinungsund Gewissensfreiheit, als Teil des geltenden Rechts vor Gericht einklagbar waren. Allerdings verpflichteten die Garantien nur den Kongress, nicht auch die Einzelstaaten, wie es MadisonMadison, James beabsichtigt hatte. Da die Bill of Rights den Wünschen der gemäßigten AntifederalistsAntifederalists entsprach, trug sie dazu bei, die große Mehrheit der Opposition politisch einzubinden. Die Ratifizierung der VerfassungVerfassung und der Bill of Rights in öffentlicher Debatte sanktionierte darüber hinaus das Werk des PhiladelphiaPhiladelphia-Konvents und verlieh der neuen Ordnung unangreifbare Legitimität. Diese Ordnung färbte nun sogar auf die Staatenverfassungen ab, die – beginnend 1790 in PennsylvaniaPennsylvania – an das Modell der United States Constitution angepasst wurden. Überall setzten sich das legislative Zweikammer-Modell und der Grundsatz der GewaltenteilungGewaltenteilungFederalist durch. Erstaunlich rasch identifizierten sich die Amerikaner mit der Bundesverfassung und bekannten sich zu ihren fundamentalen Prinzipien. Das schloss aber keineswegs aus, dass sie auf dem Boden der Verfassung heftig darüber stritten, wie diese Werte und Prinzipien am besten zu verwirklichen seien. In dieser Hinsicht wirkte die Verfassungsdebatte wie ein Katalysator, der die Entstehung von bundesweiten Parteien und den Aufschwung des Zeitungswesens beschleunigte. Um 1800 erschienen in den USA über 200 Zeitungen – mehr als selbst in EnglandGroßbritannien –, die sich fast alle vehement am politischen Tageskampf beteiligten. Konstitutionell und politisch bedeutete das eine wichtige Stufe im Übergang von der partikularen zur nationalen Form der Willensbildung und Entscheidungsfindung.

Wenn sich ein großer Teil des mentalen Wandels auch bereits vor der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung vollzogen hatte, wie John AdamsAdams, John später behauptete, so war die Transformation des gesellschaftlichen Bewusstseins doch noch längst nicht abgeschlossen. In diesem Sinne hatte Benjamin RushRush, Benjamin Recht, der 1787 feststellte, der Krieg sei wohl vorüber, nicht aber die amerikanische Revolution: „Ganz im Gegenteil, nur der erste Akt des großen Dramas ist beendet.“ Die VerfassungVerfassung institutionalisierte gewissermaßen die Revolution, indem sie für einen offenen politischen Prozess sorgte, durch den das amerikanische politische System und die amerikanische Gesellschaft kontinuierlich weiterentwickelt werden konnten. Zugleich schrieb sie jedoch – zumindest für die absehbare Zukunft – die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) fest, um den Bestand der Union nicht zu gefährden. Die Frage, ob es bereits eine „amerikanische Nation“ gab und wer ihr als Staatsbürger angehörte, war auch nach Inkrafttreten der Verfassung noch offen.

5 Die FederalistsFederalists an der Macht, 1789–1800
HamiltonsHamilton, Alexander Finanz- und WirtschaftsprogrammFinanzwesenRevolutionsepocheWirtschaft

Das Ergebnis der ersten Bundeswahlen versetzte die FederalistsFederalists in die Lage, ein gutes Jahrzehnt lang die VerfassungVerfassung nach ihren Vorstellungen auszudeuten und mit Leben zu erfüllen. Den ruhenden Pol in dieser Zeit, die von den Revolutionen und Kriegen in Europa überschattet war, bildete George WashingtonWashington, George, der wie sein römisches Vorbild CincinnatusCincinnatus noch einmal Mount VernonMount Vernon verlassen hatte, um zur Festigung der amerikanischen Union beizutragen. Am meisten Tatkraft und Kreativität bewies Alexander HamiltonHamilton, Alexander, einer der homines novi der Revolution, der sich stets eng an WashingtonWashington, George gehalten hatte und nun als Finanzminister (Secretary of the Treasury) die rechte Hand des Präsidenten im Kabinett wurde. Kernstück seines am englischenGroßbritannienJunge RepublikGroßbritannien Beispiel orientierten Programms, das er in den Kongress einbrachte, war die sichere Fundierung der StaatsschuldenFinanzwesenJunge Republik, die aus dem Krieg resultierten und in den 1780er Jahren noch angewachsen waren. Zusätzlich zur auswärtigen und inneren Schuld der Union (11,7 Millionen bzw. 42 Millionen Dollar) übernahm die Bundesregierung bis 1792 auch die Schulden der Einzelstaaten von insgesamt 18,2 Millionen Dollar. Dabei garantierte sie den Gläubigern (unter ihnen etliche Spekulanten, die Schuldverschreibungen zu niedrigen Marktpreisen aufgekauft hatten) die Annahme sämtlicher Zertifikate zum Nennwert und die Zinszahlung in Hartgeld. Das unabhängige Einkommen, das der Bund hierfür benötigte, verschaffte er sich durch nationale Einfuhrzölle, mit denen auch wirtschaftlicherWirtschaft Druck auf EnglandGroßbritannienJunge Republik ausgeübt werden konnte. Wegen der hohen Zolleinnahmen brauchten vorerst keine direkten Steuern erhoben zu werden. Um die finanziellen Transaktionen zu koordinieren und die Währung zu vereinheitlichen, schuf der Kongress auf Vorschlag HamiltonsHamilton, Alexander 1791 die Bank of the United StatesFinanzwesenJunge RepublikBank of the United States in PhiladelphiaPhiladelphia (seit 1790 vorläufiger Sitz des Kongresses und der Regierung) in Form einer teils privaten, teils staatlichen Aktiengesellschaft. Der wirtschaftlicheWirtschaft Aufschwung trug das Seine dazu bei, dass die Union binnen kurzem über ein solides Finanz- und Währungssystem verfügte, das ihre Kreditwürdigkeit wiederherstellte und genügend Investitionskapital im Land freisetzte bzw. aus Europa anzog. Politisch wirkte die konsolidierte Staatsschuld, wie HamiltonHamilton, Alexander es beabsichtigt hatte, als „Zement der UnionFinanzwesenJunge Republik“, weil sie die Interessen der einflussreichen Gläubiger fest mit dem Schicksal der Bundesregierung verband.

An inneren Widerständen gegen HamiltonsHamilton, Alexander Kurs fehlte es allerdings nicht, zumal im SüdenSüden, wo die Pflanzer und Farmer das Gefühl hatten, ihre Belange würden zu Gunsten der Handels- und Kapitalinteressen des Nordens vernachlässigt. Dieser Stimmung fiel HamiltonsHamilton, Alexander letzter großer Plan, das Manufakturwesen der Union systematisch zu fördern, bereits zum Opfer. Auch das FinanzprogrammFinanzwesenJunge Republik konnte nur durch Zugeständnisse an die Südstaaten-Abgeordneten im Kongress vollendet werden. Das wichtigste dieser Zugeständnisse war das Versprechen, die in der VerfassungVerfassung vorgesehene neue permanente Hauptstadt weiter nach Süden an den PotomacPotomac zu verlegen. Auf die Planung dieses District of ColumbiaDistrict of Columbia nahm George WashingtonWashington, George, der im Grenzgebiet von VirginiaVirginia und MarylandMaryland Land besaß, persönlich großen Einfluss. Erste Entwürfe für die Stadt, die noch zu Lebzeiten des ersten Präsidenten „WashingtonWashington, D.C.“ genannt wurde, lieferte der französische Architekt Pierre L’EnfantL’Enfant, Pierre. Die praktische Umsetzung dieser Vision einer nationalen Hauptstadt, die sich mit LondonLondon und ParisParis messen konnte, fiel wesentlich bescheidener aus, aber sie erlaubte im November 1800, ein Jahr nach WashingtonsWashington, George Tod, den Umzug der Bundesregierung von PhiladelphiaPhiladelphia an den PotomacPotomac.

Thomas JeffersonJefferson, Thomas war 1789 aus ParisParis zurückgekehrt, wo er als Gesandter der Vereinigten Staaten die Anfänge der Französischen Revolution miterlebt hatte. In WashingtonsWashington, George Kabinett bekleidete er das Amt des Außenministers (Secretary of State) und gehörte damit zum engsten Beraterkreis des Präsidenten. Im Streit um den Hauptstadtsitz unterstützte er den von HamiltonHamilton, Alexander und MadisonMadison, James ausgehandelten Kompromiss, doch in der BankfrageFinanzwesenJunge Republik, die den Kern des Verfassungsverständnisses berührte, bezog er eindeutig Stellung gegen HamiltonHamilton, Alexander. Wenn der Kongress unter Berufung auf die Generalklauseln der VerfassungVerfassung eine im Text nicht vorgesehene Zentralbank einrichten dürfe, so argumentierte er, dann kenne die Macht der Bundesregierung praktisch keine Grenzen mehr. Mit seinem Rat, der Kongress solle sich auf die Ausübung der explizit in der Verfassung genannten Befugnisse beschränken, drang er allerdings bei WashingtonWashington, George nicht durch. Mehr Verständnis für diesen Grundsatz der strikten, buchstabengetreuen Auslegung der Verfassung fand er dagegen bei MadisonMadison, James, dessen Vorbehalte gegen das „HamiltonHamilton, Alexander’sche System“, das eine permanente Staatsschuld voraussetzte und angeblich Spekulation und Korruption begünstigte, kontinuierlich wuchsen. Trotz ihrer Verehrung für den Präsidenten fiel es JeffersonJefferson, Thomas und MadisonMadison, James auch immer schwerer, den – gemessen an europäischen Verhältnissen bescheidenen – zeremoniellen Glanz zu akzeptieren, den WashingtonWashington, George und die FederalistsFederalists entfalteten, um das Präsidentenamt für die nationale Integration zu nutzen. Im Ideal eines bescheidenen RepublikanismusRepublikanismus, der die Bedürfnisse des einfachen Mannes und die Rechte der Einzelstaaten stärker berücksichtigte, fanden JeffersonJefferson, ThomasFrankreichFranzösische Revolution und MadisonMadison, James den gemeinsamen Grund, von dem aus sie Front gegen HamiltonHamilton, Alexander und damit letzten Endes auch gegen WashingtonWashington, George zu machen begannen. Sie traten damit an die Spitze einer noch diffusen Oppositionsbewegung von Republicans, zu der sich unversöhnliche AntifederalistsAntifederalists und enttäuschte südstaatliche Pflanzer und Farmer zusammenfanden. In den 1790er Jahren erhielten sie vermehrt Zulauf von Angehörigen der städtischen Mittel- und Unterschichten, die sich für die Ideen der Französischen Revolution begeisterten. Auf die Stellung WashingtonsWashington, George, der Anfang 1793 einstimmig im Präsidentenamt bestätigt wurde, hatte das noch kaum Auswirkungen. Im weiteren Verlauf des Jahrzehnts polarisierte das dramatische Geschehen in Europa jedoch die Innenpolitik der Vereinigten Staaten und stellte Regierung und Kongress auch außenpolitisch vor schwierige Entscheidungen.FrankreichFranzösische Revolution

Die Rückwirkungen der Französischen RevolutionFrankreichFranzösische Revolution

In den Vereinigten Staaten wurde die Erhebung des französischen Volkes zunächst fast einhellig begrüßt, denn mit ihr schien die Selbstbefreiung der Menschheit aus politischer und religiöser Unmündigkeit, der sich die Amerikaner verpflichtet fühlten, ihre Fortsetzung zu finden. Auch auf französischer Seite betonte man im kosmopolitischen Geist der AufklärungAufklärung die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Revolutionen: Die amerikanischen Verfassungen und Grundrechteerklärungen erschienen in französischen Übersetzungen, und LafayetteLafayette, Marie-Joseph Motier, Marquis de, der die Nationalgarde befehligte, verehrte seinem Freund WashingtonWashington, George in einer symbolischen Geste den Schlüssel der Bastille. Warnende Stimmen wie diejenigen von Vizepräsident John AdamsAdams, John und dessen Sohn John Quincy AdamsAdams, John Quincy, die den Revolutionären 1790/91 in anonymen Schriften vorwarfen, sie verwechselten Freiheit mit Zügellosigkeit und opferten organisch gewachsene Ordnungen einer abstrakten politischen Doktrin, blieben vereinzelt und fanden zunächst kaum Widerhall. Als 1792 die Republik erklärt wurde und der Krieg gegen die Interventionsmächte begann, schwoll die Sympathie für die französischen PatriotenPatrioten in den USA zu einer Welle der Begeisterung an. Jeder Sieg der Revolutionsarmeen wurde in den größeren Städten, insbesondere in PhiladelphiaPhiladelphia, mit Massenkundgebungen, Paraden, Festbanketten und Feuerwerken gefeiert. Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI.Ludwig XVI. im Januar 1793 und der französischen Kriegserklärung an EnglandGroßbritannienJunge Republik und SpanienSpanien begannen sich die Geister jedoch zu scheiden. Nun heizte die Debatte über das Wesen der Französischen Revolution den Streit zwischen FederalistsFederalists und Republicans gefährlich an und verlieh ihm einen unerbittlich ideologischen Charakter. Wenn diese „Parteien“ auch noch keine feste Organisation besaßen, so knüpften ihre Führer doch schon unionsweite Kontakte und bemühten sich mit Hilfe von extrem einseitigen, kämpferischen Presseorganen um die Mobilisierung einer Massenbasis. Beide Seiten argwöhnten, dass diejenigen Kräfte, die um das Schicksal Frankreichs rangen, auch in den Vereinigten Staaten am Werke seien. Die Republicans deuteten jede Maßnahme und Äußerung HamiltonsHamilton, Alexander als Anzeichen für eine geheime Absicht, die republikanische VerfassungVerfassung umzustürzen und eine Aristokratie oder Monarchie einzuführen. WashingtonsWashington, George Person wurde zumeist von diesen scharfen Attacken ausgenommen, aber der Präsident galt bald als naives Werkzeug in den Händen eine Clique von volksfeindlichen „Monokraten“. Die Democratic-Republican Societies, die sich ab 1792 in den Städten nach dem Vorbild der Jakobinerklubs bildeten, erklärten Kritik an der Französischen Revolution schlicht für unvereinbar mit freiheitlicher Gesinnung.FrankreichFranzösische Revolution

Die FederalistsFederalists hingegen prangerten die Befürworter der Revolution als „Jakobiner“ und „Sansculotten“ an und bezichtigten sie, sich von „gleichmacherischen“ Prinzipien leiten zu lassen, die „im höchsten Maße subversiv für jede Gesellschaftsordnung“ seien. Das Wirken dieses anarchischen, gottlosen Geistes, der in Frankreich zum blutigen Terror führte, glaubten sie u.a. in einer Protestbewegung zu erkennen, mit der sich Farmer in den Westgebieten 1794 gegen die erste direkte Bundessteuer wehrten, die der Kongress auf Whiskey erhoben hatte. Nach einigen ergebnislosen Vermittlungsversuchen schlug die Bundesregierung diese Whiskey RebellionWhiskey Rebellion unter demonstrativem Einsatz militärischer Macht nieder. Als eigentliche Urheber des Aufstands prangerte WashingtonWashington, George Ende 1794 öffentlich die Democratic-Republican Societies an, die er für subversiv und illegal erachtete.FrankreichFranzösische Revolution

Diese oft maßlosen gegenseitigen Anklagen und Polemiken waren Ausfluss eines „paranoiden“ politischen Stils, der schon die Auseinandersetzung mit den BritenGroßbritannienJunge Republik und LoyalistenLoyalisten gekennzeichnet hatte. Mit ihrem Grundgedanken, dass die Freiheit der Bürger stets gefährdet sei und eifersüchtig verteidigt werden müsse, erwies sich die Country-IdeologieCountry-Ideologie als günstiger Nährboden für Korruptionsängste und Verschwörungstheorien. Aus der Sicht der FederalistsFederalists drohte die größte Gefahr für die VerfassungVerfassung von „Demagogen“, die das Volk gegen die Regierung und die „natürliche Elite“ aufhetzten. Die Republicans dagegen misstrauten gerade „den wenigen“, vor allem den Bankiers und Spekulanten, die sich auf Kosten des Volkes bereicherten und ungebührlichen politischen Einfluss ausübten. Dieser Streit, der in mancher Hinsicht an die Verfassungsdebatte anknüpfte, brachte zwei unterschiedliche RepublikanismusRepublikanismus-Versionen hervor: die sozial konservative, aber ökonomisch progressive der Federalists, die hauptsächlich in NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) Anklang fand; und die egalitär-agrarische, mit der die Republicans den SüdenSüden, zunehmend aber auch die Mittelstaaten eroberten.

Der europäische Krieg heizte diese Konfrontation noch an, weil die Republicans ohne Zögern für die französische „Schwesterrepublik“ Partei ergriffen, während die FederalistsFederalists unbedingt eine militärische Konfrontation mit der beherrschenden Seemacht EnglandGroßbritannienJunge Republik vermeiden wollten. WashingtonWashington, George empfing zwar gegen HamiltonsHamilton, Alexander Rat den französischen Gesandten Edmond Charles GenêtGenêt, Edmond Charles und erkannte damit die Revolutionsregierung implizit an. Er verschloss sich aber den Wünschen der Franzosen und dem Drängen vieler seiner Landsleute, das Bündnis von 1778 durch einen Kriegseintritt an der Seite Frankreichs zu honorieren. Vielmehr veröffentlichte er im April 1793 eine Neutralitätserklärung, die „freundliches und unparteiisches“ Verhalten gegenüber allen Krieg führenden Staaten in Aussicht stellte und den amerikanischen Bürgern verbot, sich in die Feindseligkeiten einzumischen. Obwohl dieser Kurs die Vereinigten Staaten wirtschaftlichWirtschaft begünstigte – die Exporte nach Europa und in die KaribikKaribik stiegen rasch an und beschleunigten den allgemeinen Aufschwung –, löste er innenpolitische Turbulenzen aus. JeffersonJefferson, Thomas befürwortete zwar ebenfalls die Neutralität, hielt das Streben nach „Unparteilichkeit“ zwischen den revolutionären und den gegenrevolutionären Kräften in Europa aber für verhängnisvoll. Nach seinem Ausscheiden aus dem Kabinett Ende 1793 kritisierte er offen die pro-britischeGroßbritannienJunge Republik Tendenz der amerikanischen Politik, während er den Terror in Frankreich als notwendiges Übel auf dem Weg zu einer gerechten Gesellschaftsordnung verteidigte.FrankreichFranzösische Revolution

Der JayJay, John Treaty mit EnglandGroßbritannienJunge Republik

Die innenpolitischen Spannungen kulminierten in der Debatte über den Vertrag mit EnglandGroßbritannienJunge Republik, den John JayJay, John als Sonderbotschafter WashingtonsWashington, George Ende 1794 in LondonLondon aushandelte und der im Juni 1795 im Senat nur ganz knapp die notwendige Zweidrittelmehrheit fand. Es war JayJay, John gelungen, einige seit dem Friedensschluss von 1783 ungelöste Fragen zu klären und die Gefahr einer militärischen Konfrontation abzuwenden, die das Vorgehen der Royal Navy gegen den amerikanischen Handel mit Frankreich heraufbeschworen hatte. Dafür musste JayJay, John aber, etwa bei der Definition von Konterbande und in der Frage einer Entschädigung für die während des Krieges von den BritenGroßbritannienJunge Republik „entwendeten“ Sklaven, schmerzliche Zugeständnisse an den englischenGroßbritannienJunge Republik Rechtsstandpunkt machen. Die Republicans klagten die Regierung daraufhin an, sich der Londoner Regierung unterworfen und die befreundeten Franzosen verraten zu haben. Selbst WashingtonWashington, George begann zu schwanken, rang sich aber schließlich zur Unterzeichnung des Vertrags durch. Gerechtfertigt fühlte er sich nicht zuletzt durch das provozierende Verhalten GenêtsGenêt, Edmond Charles, der auf amerikanischem Boden eine Kampagne entfesselte, um die Öffentlichkeit für militärische Unternehmungen gegen KanadaKanadaJunge Republik und Spanisch-LouisianaLouisiana zu gewinnen. Die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus weigerte sich noch bis Sommer 1796, die erforderlichen Gelder zur Implementierung des Vertrags zu bewilligen. Als der Jay TreatyJay Treaty endgültig in Kraft trat, bekundete das Pariser Direktorium sein Missfallen, indem es die Allianz von 1778 offiziell kündigte. Dieser negative Schritt wurde vorerst dadurch aufgewogen, dass ein weiterer Sonderbotschafter Washingtons, Thomas PinckneyPinckney, Thomas, im Oktober 1795 einen günstigen Vertrag mit der spanischenSpanien Regierung ausgehandelt hatte, der den Amerikanern freie Schifffahrt auf dem MississippiMississippi (Fluss) und zollfreie Ausfuhr ihrer Waren über New OrleansNew Orleans zusicherte.

Die äußere Bedrohung und die Feindbilder, die FederalistsFederalists und Republicans in ihrer Propaganda jeweils von EnglandGroßbritannienJunge Republik und Frankreich malten, trugen zur Ausbildung einer amerikanischen Identität und nationalistischer Gefühle bei. In dieser Zeit wurden die Vereinigten Staaten auch erstmals zu einem Hort politischer Flüchtlinge, unter denen sich so illustre Persönlichkeiten wie der spätere französische Außenminister TalleyrandTalleyrand, Charles Maurice de und der Herzog von Orléans, der künftige König Louis PhilippeLouis Philippe, sowie der englische Naturwissenschaftler, Geistliche und Philosoph Joseph PriestleyPriestley, Joseph befanden. Gleichzeitig begann eine erste Generation von amerikanischen Historikern, Schriftstellern und Künstlern, das „kulturelle Gedächtnis“ der Gesellschaft im nationalen Sinne zu prägen. In den Geschichtswerken von David RamsayRamsay, David, Jeremy BelknapBelknap, Jeremy und Mercy Otis WarrenWarren, Mercy Otis, in den Dichtungen Francis HopkinsonsHopkinson, Francis und der ConnecticutConnecticut Wits Joel BarlowBarlow, Joel, Timothy DwightDwight, Timothy und David HumphreysHumphrey, David sowie in den Historienbildern und Porträts von Charles Willson PealePeale, Charles Willson, Gilbert StuartStuart, Gilbert und John TrumbullTrumbull, John erschienen die amerikanische Revolution und Nationalstaatsgründung als logische Folge eines Freiheitskampfes, der mit der Entdeckung Amerikas durch KolumbusKolumbus, Christoph begonnen hatte. Andererseits wirkten die ideologischen Gegensätze und die nach wie vor starken regionalen Identitäten einer Übersteigerung und Homogenisierung des amerikanischen Nationalbewusstseins entgegen.

WashingtonsWashington, George Farewell Address

Am Ende von WashingtonsWashington, George zweiter Amtsperiode schien sich eine unüberbrückbare Kluft zwischen Republicans und FederalistsFederalists aufzutun, die noch dazu NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) immer mehr dem Rest der Union entfremdete. Ungeachtet aller Bitten lehnte der PräsidentWashington, George, der des Dauerstreits müde war und dessen Kräfte nachließen, eine erneute Kandidatur ab. In seiner Abschiedsbotschaft vom September 1796 warnte er die Landsleute eindringlich vor dem „Parteiengeist“, der, geschürt durch ausländische Mächte, das Überleben der Nation gefährde. Bei dieser Verurteilung des Parteienwesens kam eine intellektuelle Begrenzung zum Vorschein, die der Präsident mit den meisten Zeitgenossen teilte: Er nahm für sich und seine Freunde in Anspruch, nur dem Gemeinwohl zu dienen, und reservierte das Etikett „Partei“ für den politischen Gegner. In der Praxis hatte sich während seiner Administration schon das erste amerikanische Zweiparteiensystem herausgebildet. Dennoch verhallte die Farewell Address nicht ungehört: WashingtonsWashington, George Ratschlag, mit Europa so viel Handel wie möglich zu treiben, sich aber nicht in europäische Streitigkeiten hineinziehen zu lassen und Bündnisse nur im Notfall, keineswegs aber auf Dauer zu schließen, blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein außenpolitische Richtschnur aller amerikanischen Regierungen.

George WashingtonWashington, George hatte es in seiner achtjährigen Präsidentschaft verstanden, Maßstäbe zu setzen und Präzedenzfälle zu schaffen, die das Amt dauerhaft prägten. Alle seine Schritte – die Zusammenstellung eines Kabinetts, der Gebrauch der „PatronagePatronage“ bei der Postenvergabe, das Verhalten gegenüber dem Kongress und dem Supreme CourtSupreme Court, die Anwendung des Vetos, die Reisen durch alle Staaten der Union, die Empfänge und Teekränzchen, die er und seine Frau Martha in PhiladelphiaPhiladelphia gaben, und vieles mehr – wurden mit höchstem Interesse verfolgt und kommentiert. Besondere Prärogativen beanspruchte WashingtonWashington, George für die Planung und Durchführung der Außenpolitik sowie in militärischen Angelegenheiten. Das zeigte sich etwa bei der Neutralitätserklärung 1793, beim Vorgehen gegen die Whiskey RebellionWhiskey Rebellion und bei der Entsendung von Sonderbotschaftern nach LondonLondon und MadridMadrid. Auch die Beziehungen zu den IndianernNative AmericansKriege regelte er nahezu in eigener Regie, teils auf diplomatischem Wege, teils durch militärischen Druck. Einige Stämme erkannten WashingtonWashington, George als „Großen Vater“ an und schickten Abgesandte zu Verhandlungen in die Hauptstadt; andere widersetzten sich dem Vordringen weißer Siedler und suchten Rückhalt bei den BritenGroßbritannienJunge Republik in KanadaKanadaJunge Republik. Nach einigen demütigenden Niederlagen amerikanischer Truppen befahl Washington 1794 General „Mad Anthony“ WayneWayne, Anthony, mit einer besser gerüsteten Armee den Souveränitätsanspruch der Union im Nordwest-TerritoriumNordwest-Territorium durchzusetzen. In der Schlacht von Fallen Timbers errang WayneWayne, Anthony einen entscheidenden Sieg über die Stämme des OhioOhio-Tals und zwang sie 1795 im Frieden von GreenvilleFrieden von Greenville (1795), weiteres Territorium zur Siedlung freizugeben. Als Gegenleistung sagten die Vereinigten Staaten jährliche Geldzahlungen zu und verzichteten auf den Anspruch, Land durch Eroberung erwerben zu können. Das Problem der AfroamerikanerAfroamerikaner sprach WashingtonWashington, George als Präsident nie öffentlich an; nur sehr vorsichtig ließ er privat durchblicken, dass er sich auch für den SüdenSüden eine von den Einzelstaaten per Gesetz beschlossene graduelle Emanzipation der Sklaven erhoffe. Im Testament, das er kurz vor seinem Tode 1799 niederschrieb, verfügte er die Freilassung aller auf Mount VernonMount Vernon lebenden Sklaven beim Tod seiner Frau Martha. So konnte er wenigstens das eigene Gewissen von einer moralischen Last befreien, die er selbst wie die meisten seiner Landsleute nach der Revolution aus dem politischen Bewusstsein verdrängt hatte.

Für die weißen Amerikaner und ihren noch ungefestigten Staat war es von größtem Wert, dass WashingtonsWashington, George persönliche Integrität und seine Verfassungstreue außer Frage standen und dass er den Bürgern die Möglichkeit bot, sich nicht nur interesse-, sondern auch gefühlsmäßig mit der Bundesregierung zu identifizieren. Die Verehrung als pater patriae und der beginnende WashingtonWashington, George-Kult, der bald Realität und Fiktion vermischte, waren ihm eher lästig, aber er nahm sie in Kauf, um die Präsidentschaft zu einem Symbol der nationalen Einheit zu machen. Wie sehr ihm das gelungen war, wurde bei seinem Tod 1799 offenbar, der die Menschen überall im Land ungeachtet ihrer parteipolitischen Orientierung zu Trauerfeiern vereinte. Dauerhaft eingeprägt hat sich Henry LeesLee, Henry Nachruf, WashingtonWashington, George sei „der Erste im Krieg, der Erste im Frieden und der Erste im Herzen seiner Landsleute“ gewesen.

John AdamsAdams, John und der Quasi-Krieg mit Frankreich

Die Nachfolge Washingtons wurde in der Wahl von 1796 exakt entlang der Linien entschieden, die FederalistsFederalists von Republicans trennten. Im Wahlmännerkollegium erhielt John AdamsAdams, John nur drei Stimmen mehr als JeffersonJefferson, Thomas, dem damit laut VerfassungVerfassung die Vizepräsidentschaft zufiel. Er nahm jedoch keinen Anteil an der Administration, sondern führte von MonticelloMonticello aus den Kampf gegen „Antirepublikaner“ und „Monokraten“, wie er die regierenden Federalists zu nennen pflegte. Inzwischen war das innenpolitische Klima aber zu Ungunsten des französischen Direktoriums umgeschlagen, das 1797 von sich aus die diplomatischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten abbrach. Schon zuvor hatte sich die ursprünglich pro-französische amerikanische Geistlichkeit von der RevolutionFrankreichFranzösische Revolution distanziert. Durch Deisten und andere Verfechter einer „natürlichen ReligionReligion“ im eigenen Land herausgefordert, gewannen die meisten Pfarrer den Eindruck, der Atheismus greife von Europa auf Amerika über und bedrohe die Fundamente der Gesellschaft. Um die Jahrhundertwende löste diese Reaktion in weiten Teilen der Vereinigten Staaten eine religiöse Erweckungsbewegung aus, die in ihrer emotionalen Intensität dem Great AwakeningGreat Awakening nahekam. Die neuen revivals waren keineswegs nur rückwärts gewandt: Besonders an der Siedlungsgrenze, wo die MethodistenMethodisten jetzt die größten Bekehrungserfolge erzielten, atmete die wiederbelebte Volksfrömmigkeit einen dezidiert demokratisch-egalitären Geist.

Trotz der wachsenden antifranzösischen Stimmung entsandte Präsident AdamsAdams, John eine Verhandlungsdelegation nach ParisParis, die den Konflikt über Neutralität und Bündnisverpflichtungen beilegen sollte. Der aus dem Asyl in den USA zurückgekehrte und zum französischen Außenminister aufgestiegene TalleyrandTalleyrand, Charles Maurice de verlangte allerdings über Agenten (die in den amerikanischen Dokumenten als X, Y und Z auftauchten) die Zahlung einer stattlichen Summe, bevor er überhaupt in Verhandlungen eintreten wollte. Als diese Demütigung in Amerika bekannt wurde, breitete sich eine regelrechte Kriegshysterie aus, zu der John AdamsAdams, John durch provokative Äußerungen nicht unwesentlich beitrug. Der Kongress traf militärische Vorbereitungen, die ersten leistungsfähigen Kriegsschiffe der Union wurden in Dienst gestellt, und George WashingtonWashington, George erklärte sich noch einmal bereit, den Posten des Oberbefehlshabers zu übernehmen. AdamsAdams, John war aber klug genug, eine Kriegserklärung an Frankreich wegen dieser „XYZ-AffäreXYZ-Affäre“ zu vermeiden, obwohl die Flotten beider Länder seit Frühjahr 1798 einen „Quasi-Krieg“ in Form von Kaperungen und kleineren Seegefechten führten. Der Präsident nahm heftige Proteste aus den Reihen der FederalistsFederalists und den offenen Bruch mit Alexander HamiltonHamilton, Alexander in Kauf, als er 1799 eine neue Delegation nach Paris schickte. Den Abgesandten gelang es bis Oktober 1800, das umstrittene Bündnis im gegenseitigen Einvernehmen zu lösen und das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu FrankreichFrankreichFranzösische Revolution, das nun von Napoleon regiert wurde, fürs Erste zu bereinigen.

Die FederalistsFederalists, die als Sieger aus den Wahlen von 1796 hervorgegangen waren, versäumten innenpolitisch durch Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Opposition und personelle Querelen die Gunst der Stunde. Erbittert über die Pressepolemiken der Republicans, verabschiedete die Kongressmehrheit im Sommer 1798 vier Gesetze, mit denen der Widerstand in einigen Südstaaten gegen die Aufrüstung gebrochen werden sollte. Diese Alien and Sedition ActsAlien and Sedition Acts (1798) verbanden die Beschneidung der Rechte von NeueinwanderernEinwanderungJunge Republik – das betraf vor allem Flüchtlinge aus Frankreich, die sich auf Seiten der Republicans als Journalisten engagierten – mit verschärften Beleidigungs- und Verleumdungsbestimmungen für die Presse. Geld- und sogar Haftstrafen drohten einem jeden, der „falsche, skandalöse oder böswillige“ Nachrichten über die Regierung in Umlauf brachte. Auf Initiative JeffersonsJefferson, Thomas und MadisonsMadison, James formulierten die mehrheitlich republikanischen Parlamente von VirginiaVirginia und KentuckyKentucky Ende 1798 Protestresolutionen, die das Vorgehen des Kongresses für verfassungswidrig erklärten und den Einzelstaaten das „natürliche Recht“ zusprachen, sich der Durchführung der Gesetze in den Weg zu stellen. Obwohl die Resolutionen in den anderen Parlamenten wenig Resonanz fanden, kündigte diese doctrine of interposition ein Wiedererstarken der Staaten an, die radikale Republikaner stets für die einzig wirksamen Bollwerke gegen die Allmacht der Bundesregierung gehalten hatten. Verfassungsrechtlich waren die Virginia and Kentucky Resolutions kaum weniger problematisch als die Gesetzgebung der Federalists, weil sie zur Rechtfertigung einer SezessionSezession (s.a. Bürgerkrieg) dienen konnten; sie entsprangen aber der verständlichen Sorge, mit der Presse- und Meinungsfreiheit solle einer der Grundpfeiler der republikanischen Ordnung beseitigt werden.

Die „Revolution von 1800“

Die Erregung über die Einschränkung der Grundrechte allein hätte nicht ausgereicht, um die Machtposition der FederalistsFederalists zu erschüttern. Hinzu kam die selbstzerstörerische Wirkung des Konflikts zwischen Präsident John AdamsAdams, John und Alexander HamiltonHamilton, Alexander, der seit seinem Ausscheiden aus der Regierung 1795 hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen suchte. Durch seine öffentliche Kritik an der „schwächlichen“ Politik des Präsidenten gegenüber Frankreich und den „Feinden im Innern“ spaltete er die Anhängerschaft der Federalists. Adams wehrte sich mit dem Hinauswurf zweier Kabinettsmitglieder, die nicht ihm, sondern HamiltonHamilton, Alexander die Treue hielten. Im Unterschied zu diesen Auflösungserscheinungen gelang es den Republicans durch geschicktes Taktieren, eine Achse zwischen den Südstaaten und New YorkNew York zu schmieden, die den Erfolg bei den Kongress- und Präsidentschaftswahlen von 1800 verbürgte. JeffersonJefferson, Thomas setzte sich gegen Adams durch, erhielt aber im Wahlmännerkolleg genauso viele Stimmen wie sein New Yorker Vizepräsidentschaftskandidat Aaron BurrBurr, Aaron. Laut VerfassungVerfassung lag die Entscheidung nun beim RepräsentantenhausRegierungssystemRepräsentantenhaus, das nach Staaten abzustimmen hatte. Da BurrBurr, Aaron nicht freiwillig verzichtete, konnte JeffersonJefferson, Thomas erst im 36. Wahlgang die notwendigen zehn Staaten hinter sich vereinen. In letzter Instanz verdankte er diesen Ausgang HamiltonHamilton, Alexander, dessen Abneigung gegen den Virginier nicht ganz so intensiv war wie die Rivalität mit seinem New Yorker Landsmann BurrBurr, Aaron. Sie steigerte sich nun zur offenen Feindschaft, die 1804 im Duell der beiden Politiker endete, bei dem HamiltonHamilton, Alexander ums Leben kam.

Am 4. März 1801 wurde Thomas JeffersonJefferson, Thomas als erster Präsident in der neuen Hauptstadt WashingtonWashington, D.C. in sein Amt eingeführt. Entgegen allen Befürchtungen, die der harte Wahlkampf mit den gegenseitigen Verdächtigungen und Verleumdungen geweckt hatte, vollzog sich die Übertragung der Macht von der Regierungspartei auf die Opposition in geordneten Bahnen. JeffersonJefferson, Thomas setzte die von WashingtonWashington, George begonnene Tradition fort, in der Inaugurationsrede die gemeinsamen Überzeugungen und Prinzipien zu betonen: „We are all Republicans, we are all FederalistsFederalists.“ Mit diesem friedlichen Machtwechsel hatte die republikanische Verfassungsordnung eine weitere wichtige Bewährungsprobe bestanden.

6 JeffersonsJefferson, Thomas RepublikanismusRepublikanismus als Alternative zum nationalen Machtstaat, 1801–1814
Der Niedergang der FederalistsFederalists und das Ideal der agrarischen Republik

Der antirevolutionäre Impuls, den die französischen Geschehnisse in EnglandGroßbritannienJunge Republik und auf dem europäischen Kontinent hervorriefen, wirkte sich auch in den USA aus. Allerdings war er hier nicht stark genug, um den RepublikanismusRepublikanismus und das Prinzip der VolkssouveränitätVolkssouveränität selbst in Misskredit zu bringen. Die Wahl JeffersonsJefferson, Thomas und der Aufstieg der Republicans gewährleistete die Fortsetzung politischer Reformen auf Staatenebene, von denen die schrittweise Beseitigung der Besitzqualifikationen und die Ausweitung des Wahlrechts die wichtigste war. Als nationale Partei konnten sich die FederalistsFederalists von der Niederlage bei den Wahlen von 1800 nicht mehr erholen. Das aufwühlende Erlebnis der FranzösischenFrankreichFranzösische Revolution Revolution hatte ihre Führer, die sich als Angehörige der „natürlichen Aristokratie“ verstanden, immer konservativer und ängstlicher werden lassen. Ideologisch und organisatorisch hielten sie an veralteten, patriarchalischen Strukturen fest, und geographisch ließen sie sich in ihre neuenglischen Hochburgen zurückdrängen. Auf Bundesebene fiel ihre Stimme nur noch im Supreme CourtSupreme CourtVerfassung ins Gewicht, dessen Vorsitzender John MarshallMarshall, John von AdamsAdams, John ernannt worden war. Der überzeugte Federalist MarshallMarshall, John scheute sich nicht, Kongress und Präsident die Grenzen ihrer Macht aufzuzeigen. 1803 nahm er die Klage eines von AdamsAdams, John kurz vor dem Machtwechsel berufenen, von JeffersonJefferson, Thomas aber nicht mehr bestätigten Friedensrichters zum Anlass, einen Teil des Judiciary ActJudiciary Act (1789) von 1789 für verfassungswidrig zu erklären. Mit diesem Urteilsspruch im Fall Marbury v.MadisonMarbury v.Madison (1803) wendete Marshall das richterliche Überprüfungsrecht (judicial reviewJudicial Review), das in den Einzelstaaten bereits hin und wieder praktiziert worden war, erstmals auf die Gesetzgebung des Kongresses an. Dadurch verschaffte er einem Prinzip Anerkennung, das fortan den Lauf der amerikanischen Geschichte erheblich beeinflussen sollte. Unter Chief Justice MarshallMarshall, John fungierte das Oberste Gericht bis 1835 als Regulativ gegen einen zuweilen übermäßigen Partikularismus, der die Rechte der Staaten (states’ rights) ohne Rücksicht auf den Bundesstaat stärken wollte.

Ansonsten war der Weg frei für die Republicans, die nützlichere Lehren aus den revolutionären Umwälzungen in Amerika und Europa gezogen hatten. JeffersonJefferson, Thomas und MadisonMadison, James verleugneten keineswegs ihre Herkunft aus VirginiasVirginia Pflanzerelite, aber sie propagierten einen egalitären RepublikanismusRepublikanismus, der die städtische Bevölkerung ebenso ansprach wie die Farmer und die religiösen Enthusiasten an der FrontierFrontier. Sie betonten zentrale Werte der Revolution, die unter WashingtonWashington, George und AdamsAdams, John aus Sorge um den Bestand und die Sicherheit des Bundesstaates vernachlässigt worden waren: das Mitspracherecht des einfachen Bürgers; die Fähigkeit der Einzelstaaten, Verantwortung für die eigenen Belange zu übernehmen; das Misstrauen gegen konzentrierte Regierungsmacht, BürokratieRegierungssystemBürokratie und wirtschaftlicheWirtschaft Monopole; die Garantie der Grundrechte; und die Hochschätzung von öffentlicher Moral und Gemeinsinn als Lebenselixier von Republiken. Die Republicans bauten auf den konstitutionellen und wirtschaftlichen Grundlagen auf, die von den FederalistsFederalists geschaffen worden waren. Sie sorgten nun dafür, dass der Weg des amerikanischen Bundesstaates in das 19. Jahrhundert freiheitlicher und weniger zentralistisch verlief als fast überall sonst auf der Welt. Thomas JeffersonsJefferson, Thomas Leben und Werk waren nicht frei von Widersprüchen. Der Autor der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung, der sich als Gegner der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) ausgab, hielt bis zu seinem Tode Sklaven – mit seiner Haussklavin Sally HemmingsHemmings, Sally zeugte er sogar, wie eine DNA-Analyse inzwischen mit Sicherheit feststellen konnte, vier Kinder. Der Politiker, der in der Opposition so energisch auf einer strikten Interpretation der VerfassungVerfassung bestanden hatte, legte seine Befugnisse als Präsident gelegentlich recht weit aus. Er war allerdings weder der doktrinäre Aufklärer, als den ihn manche seiner Schriften auszuweisen scheinen, noch war er – was HamiltonHamilton, Alexander als Erster behauptete – ein prinzipienloser, scheinheiliger Pragmatiker.

JeffersonsJefferson, Thomas achtjährige Amtsführung bewirkte keine grundlegende Umgestaltung der amerikanischen Gesellschaft, aber doch eine spürbare Akzentverschiebung und Neuorientierung. Das betraf allerdings eher die Innen- und Finanzpolitik als die Außenpolitik. Hier knüpfte der Präsident an WashingtonsWashington, George Neutralitätskurs an und profitierte zudem von AdamsAdams, John’ diplomatischem Arrangement mit Frankreich. Aus JeffersonsJefferson, Thomas erster Inaugurationsrede stammt die häufig WashingtonWashington, George zugeschriebene Warnung vor „entangling alliancesAußenpolitikEntangling AlliancesEntangling Alliances“, in Streitigkeiten der Europäer hineinziehenden Bündnissen. Andererseits wünschte sich JeffersonJefferson, Thomas „Friede, Handel und ehrliche Freundschaft mit allen Nationen“, was durchaus den materiellen Interessen der USA entgegenkam. Auf Grund des großen Bedarfs an amerikanischen Agrarprodukten, den die napoleonischen Kriege erzeugten, stieg der Wert der jährlichen Ausfuhren nach Europa und in die KaribikKaribik zwischen 1793 und 1807 von 26 Millionen auf 108 Millionen Dollar. Exportüberschüsse und Zolleinnahmen ließen die amerikanische WirtschaftWirtschaft prosperieren und erhöhten das Pro-Kopf-Einkommen trotz des raschen BevölkerungswachstumsBevölkerungsentwicklung (1800 hatten die USA 5,3 Millionen, 1815 schon 8,4 Millionen Einwohner). Die JeffersonJefferson, Thomas-Administration nutzte die reichlichen Zolleinkünfte jedoch nicht zur gezielten Förderung des Manufakturwesens, wie HamiltonHamilton, Alexander dies wohl mit Blick auf die beginnende „industrielle Revolution“ in EnglandGroßbritannienJunge Republik getan hätte. Stattdessen bemühte sich der aus der SchweizSchweiz stammende FinanzministerFinanzwesenJunge Republik Albert GallatinGallatin, Albert, durch Sparmaßnahmen und Landverkäufe im WestenWesten (von denen große Gesellschaften und Spekulanten am meisten profitierten) den Bundeshaushalt auszugleichen und die StaatsverschuldungFinanzwesenJunge Republik zu reduzieren. Tatsächlich gelang es GallatinGallatin, Albert, Überschüsse zu erzielen und die federal debt bis 1808 um annähernd die Hälfte auf 45 Millionen Dollar abzubauen. JeffersonJefferson, Thomas und GallatinGallatin, Albert fanden sich zwar mit der Existenz der Bank of the United StatesBank of the United States ab, deren Gründung sie 1791 als verfassungswidrig bezeichnet hatten. Im Einklang mit der republikanischen Ideologie schaffte der Kongress jedoch sämtliche internen Steuern ab, darunter die kontroverse Whiskeysteuer. Um zu sparen und der Maxime „No standing army!“ Genüge zu tun, wurde außerdem die Friedensstärke der ohnehin schon kleinen Armee auf ca. 3300 Offiziere und Mannschaften verringert. In West PointWest Point am HudsonHudson River entstand eine Militärakademie, die den künftigen Offizieren republikanischen Geist einflößen sollte. Die meisten Kriegsschiffe ließ JeffersonJefferson, Thomas außer Dienst stellen.

Am deutlichsten unterschied sich JeffersonJefferson, Thomas von seinen Vorgängern WashingtonWashington, George und AdamsAdams, John durch den Wunsch, die Autonomie der Einzelstaaten zu stärken und die demokratische Basis des RegierungssystemsRegierungssystem zu verbreitern. Als die Alien and Sedition ActsEinwanderungsgesetzeAlien and Sedition Acts (1798) 1801 ausliefen, lehnte der Kongress eine Verlängerung ab und erleichterte gleichzeitig die Einbürgerung von ImmigrantenEinwanderungJunge Republik, die nun nach fünf Jahren Aufenthalt in den USA die Staatsbürgerschaft erwerben konnten. In den Staatenparlamenten drängten die Republicans darauf, die Wahlbestimmungen in Richtung auf das allgemeine WahlrechtWahlrecht für weiße Männer auszudehnen. Dieser demokratisch-republikanische Geist kehrte den Trend zum Zentralismus um, der von HamiltonsHamilton, Alexander Finanzprogramm ausgegangen war. Handel und Gewerbe entwickelten sich in den Mittelstaaten und NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) zwar günstig, aber der generelle Charakter der amerikanischen Gesellschaft blieb doch agrarisch. Das war ganz im Sinne JeffersonsJefferson, Thomas, der den Vereinigten Staaten das Schicksal Europas mit seinen eng zusammengepressten städtischen Massen und dem demoralisierenden Nebeneinander von Luxus und Elend so lange wie möglich ersparen wollte. Die Realität der nationalen Hauptstadt WashingtonWashington, D.C. mit ihren wenigen fertig gestellten Regierungsgebäuden, den weit verstreuten, oft noch primitiven Tavernen und Wohnhäusern und den bei schlechtem Wetter kaum passierbaren Straßen war weit entfernt von den kühnen Träumen Pierre L’EnfantsL’Enfant, Pierre und selbst von den bescheidenen Hoffnungen WashingtonsWashington, George. Der neue Präsident hing dem Ideal des Empire of Liberty an, eines Amerika der unabhängigen, freiheitsliebenden Pflanzer, Farmer und Handwerker. Der Verwirklichung dieser Vision dienten vor allem die Erschließung und Besiedlung des WestensWestenErschließung, die nun – gewissermaßen als Gegengewicht zur Kommerzialisierung – zügig vorangetrieben wurden. KentuckyKentucky und TennesseeTennessee, denen der Kongress 1792 bzw. 1796 den Status gleichberechtigter Einzelstaaten verliehen hatte, erlebten einen Zustrom von Siedlern, der ihre BevölkerungBevölkerungsentwicklung bis 1820 zusammen auf etwa eine Million anwachsen ließ. Aus dem Norden und der Mitte wanderten viele Familien nach OhioOhio ab, das 1803 als erster Staat aus dem Nordwest-TerritoriumNordwest-Territorium in die Union aufgenommen wurde.

Der Louisiana PurchaseFrankreichKolonienFrankreichLouisiana PurchaseLouisiana Purchase

Kurz nach JeffersonsJefferson, Thomas Amtsantritt zeichnete sich die beunruhigende Möglichkeit ab, dass SpanienSpanienKolonien die Kolonie LouisianaLouisiana an FrankreichFrankreichKolonien zurückgab und dass Napoleon, in dem JeffersonJefferson, Thomas mittlerweile den „Verräter der Revolution“ sah, von der KaribikKaribik aus ein neues Empire auf dem amerikanischen Kontinent errichtete. Um einer solchen Entwicklung zuvorzukommen, die den amerikanischen Drang nach WestenWesten hemmen musste, fasste JeffersonJefferson, Thomas einen Handstreich auf New OrleansNew Orleans und sogar ein Bündnis mit dem ideologischen Widersacher EnglandGroßbritannien ins Auge. Nach der Dezimierung einer französischenFrankreichKolonien Armee auf der Zuckerinsel Santo DomingoSanto DomingoHaiti durch aufständische Schwarze und vor dem Hintergrund des wiederaufflammenden Krieges in Europa bot Napoleon aber im April 1803 den überraschten amerikanischen Unterhändlern James MonroeMonroe, James und Robert R. LivingstonLivingston, Robert R. nicht nur New Orleans, sondern ganz Louisiana, das bis zu den Rocky MountainsRocky Mountains und an die kanadischeKanadaJunge Republik Grenze reichte, zum Kauf an. Napoleon benötigte das Geld für seine Rüstungen, und er kalkulierte wohl zu Recht, FrankreichFrankreichKolonien werde Louisiana im Ernstfall doch nicht gegen die Vereinigten Staaten und EnglandGroßbritannien halten können. JeffersonJefferson, Thomas griff sofort zu, obwohl er an seiner verfassungsmäßigen Befugnis zweifelte, eigenmächtig zusätzliche Gebiete mit fremder Bevölkerung in die Union zu inkorporieren. Da eine Verfassungsänderung zu lange gedauert hätte, entschied der Präsident, die Verantwortung für den Kauf zu übernehmen und sich anschließend dem Urteil des Kongresses und des Volkes zu stellen. So wechselte Louisiana noch 1803 für 15 Millionen Dollar (nach heutigem Wert etwa 180 Millionen Dollar) den Besitzer, und der Senat hieß den Kauf, der das Staatsgebiet der USA auf einen Schlag verdoppelte, nachträglich mit großer Mehrheit gut. Bestätigt wurde JeffersonsJefferson, Thomas Vorgehen auch durch die unangefochtene Wiederwahl zum Präsidenten im November 1804. Nur die FederalistsFederalists in NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen), die ihren Einfluss weiter schwinden sahen, übten heftige Kritik bis hin zu Drohungen, sie würden ihre Staaten aus der Union herauslösen. Für die Südstaatler war die Integration von New Orleans und Umgebung nicht zuletzt deshalb so bedeutsam, weil auf diese Weise das System der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) gefestigt und ausgebaut werden konnte. Das MississippideltaMississippi (Fluss), in dem schon seit der französischen Kolonisation im 17. Jahrhundert viele Schwarze und andere people of color lebten, eignete sich besonders gut für den Baumwollanbau, und der Export der Baumwolle nach Europa erfolgte hauptsächlich über den Hafen von New Orleans. Bald stand die Stadt auch in dem zweifelhaften Ruf, über den größten Sklavenmarkt der USA zu verfügen. Viele Neuengländer glaubten deshalb im Erwerb zusätzlichen Sklaventerritoriums das eigentliche Motiv des Louisiana PurchaseFrankreichLouisiana PurchaseLouisiana Purchase zu erkennen. Die von den Republicans betriebene und von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragene Politik der Westexpansion gab also den sektionalen SpannungenSektionale Konflikte und dem Parteienkonflikt neue Nahrung.


Karte 3: Die 13 Gründerstaaten und die territoriale Expansion bis 1803

Als Staatsmann und Wissenschaftler hatte JeffersonJefferson, Thomas großes Interesse an den Westgebieten, aber er selbst war nie über die AppalachenAppalachen hinausgelangt. Dafür veranlasste er den Kongress, seinen Sekretär Meriwether LewisLewis, Meriwether und den Offizier William ClarkLewis u. Clark-ExpeditionClark, William 1804 auf Erkundungsreise in die neu erworbenen Gebiete zu schicken. Mit Hilfe indianischer Scouts drang die ExpeditionLewis u. Clark-Expedition von St. LouisSt. Louis, Missouri entlang des MissouriMissouri (Fluss) und dann – auf der vergeblichen Suche nach einer schiffbaren Route – über die Rocky MountainsRocky Mountains bis nach OregonOregon und an den Pazifik vor. LewisLewis, Meriwether und ClarkClark, William sammelten Informationen, aber auch kuriose Gerüchte über die Ureinwohner, die Geographie, die Bodenschätze und die Pflanzen des WestensWesten. Nach ihrer Rückkehr 1806 konnten sie die ersten verlässlichen Karten für den Raum zwischen MississippiMississippi (Fluss) und Pazifischem Ozean vorlegen. Das war der Auftakt zu einer Vielzahl amerikanischer Forschungsaktivitäten und Handelsunternehmungen, die von den Spaniern in Neu-MexikoMexiko und KalifornienKalifornien misstrauisch beobachtet und gelegentlich auch behindert wurden.

Der „zweite UnabhängigkeitskriegUnabhängigkeitskrieg“ gegen EnglandGroßbritannien

Obwohl Präsident JeffersonJefferson, Thomas peinlich genau auf die Wahrung der Neutralität bedacht war, gerieten die Vereinigten Staaten in seiner zweiten Amtszeit zwischen die Mühlsteine des englisch-französischen Krieges. Sowohl Napoleons KontinentalsperreKontinentalsperre als auch die britischeGroßbritannienKrieg von 1812 Gegenblockade beeinträchtigten den Handel der Neutralen. Schwerer ins Gewicht fiel aus amerikanischer Sicht die restriktive Haltung Englands, dessen Flotte nach der Schlacht von TrafalgarTrafalgar (Schlacht von) 1805 den Atlantik beherrschte. Als schlimmste Demütigung wurde das „Matrosenpressen“ der BritenGroßbritannienKrieg von 1812 empfunden, die Entführung mehrerer tausend angeblicher englischer Deserteure von gekaperten amerikanischen Handels- und sogar Kriegsschiffen. JeffersonJefferson, Thomas und Außenminister MadisonMadison, James glaubten, die Vereinigten Staaten verfügten über eine scharfe wirtschaftlicheWirtschaft Waffe, mit der sie sich zur Wehr setzen konnten, ohne Krieg führen zu müssen. Auf ihre Empfehlung beschloss der Kongress Ende 1807 einen Stopp sämtlicher Exporte aus den USA, der die europäischen Kontrahenten zur Beachtung der Neutralitätsrechte zwingen sollte. Anstatt jedoch Engländer oder Franzosen ernsthaft zu beeindrucken, verleitete dieses Embargo-Gesetz viele neuenglische Kaufleute, die ohnehin mit den Engländern sympathisierten, zum Schmuggel und zu anderen illegalen Aktivitäten. Den Schaden hatten in erster Linie Pflanzer und Farmer, die auf ihren Produkten sitzen blieben. Während der Einfluss des Embargos auf das Geschehen in Europa verschwindend gering blieb, untergrub es daheim die Autorität der Bundesregierung und säte zusätzliches Misstrauen zwischen den Regionen. Innenpolitisch behielten die Republicans trotz dieses Debakels das Heft in der Hand, wie der reibungslose Übergang der Präsidentschaft von JeffersonJefferson, Thomas, der nach zwei Amtsperioden aus Prinzip nicht mehr kandidierte, auf James MadisonMadison, James Anfang 1809 veranschaulichte. MadisonMadison, James gestand schließlich die Wirkungslosigkeit des Embargos ein, und noch im Jahr 1809 hob der Kongress das Gesetz wieder auf.

Als klar wurde, dass auch andere Formen diplomatischen und wirtschaftlichenWirtschaft Drucks LondonLondon nicht zum Einlenken bewegen konnten (während Napoleon zumindest nach außen hin Entgegenkommen signalisierte), erschien einer wachsenden Zahl von Amerikanern der erneute Griff zu den Waffen als einziger Ausweg aus dem Dilemma. Vorbehalte gab es in NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) und entlang der Küste, wo man die Gefahr, die von der englischenGroßbritannienKrieg von 1812 Flotte ausging, besser einzuschätzen vermochte. Umso energischer schürten die republikanischen Südstaatler, die ein Auge auf das spanische FloridaFlorida geworfen hatten, und westliche Abgeordnete, die über die Zusammenarbeit der Anglo-KanadierKanadaJunge Republik mit den IndianernNative AmericansKriege an der FrontierFrontier erbost waren, die Kriegsstimmung. Den entscheidenden Anstoß gab 1811 die Erhebung einer Konföderation von Stämmen unter dem ShawneeShawnee-Häuptling TecumsehTecumseh im OhioOhio- und MississippiMississippi (Staat)-Gebiet. Tecumseh hatte mit Hilfe der BritenGroßbritannienKrieg von 1812 die Indianerkonföderation des NordwestensNordwesten aus den 1790er Jahren wiederbelebt und auch die weiter südlich lebenden Stämme einbezogen. Sein Bruder TenskwatawaTenskwatawa, der als Prophet galt, verlieh dem Widerstand durch die Beschwörung einer gemeinsamen indianischen Vergangenheit und durch Weissagungen den Charakter einer religiösen Erweckungsbewegung. Zwar gelang es dem Gouverneur des IndianaIndiana-Territoriums, William Henry HarrisonHarrison, William Henry, die Indianer in der Schlacht von TippecanoeTippecanoe (Schlacht von) zu besiegen und ihre heilige Stadt niederzubrennen, doch die Nachricht von dem Aufstand stärkte die Kriegspartei in Washington. Der eher zögerliche MadisonMadison, James beugte sich jetzt dem Druck der War Hawks um Henry ClayClay, Henry aus KentuckyKentucky und John C. CalhounCalhoun, John C. aus South CarolinaSouth Carolina und forderte die britischeGroßbritannien Regierung ultimativ auf, die amerikanische Souveränität in den Westgebieten und die Rechte der Neutralen im Atlantik zu respektieren. Ohne lange auf Antwort zu warten, verfasste der Präsident eine KriegsbotschaftGroßbritannienKrieg von 1812 und leitete sie im Juni 1812Krieg von 1812 an den Kongress weiter. Mit relativ knappen Mehrheiten, in denen sich die sektionalen DifferenzenSektionale Konflikte widerspiegelten, erklärten daraufhin der Senat und wenig später auch das Repräsentantenhaus Großbritannien den Krieg. Offiziell war viel vom Schutz der „nationalen Ehre“ und des Völkerrechts die Rede, doch die eigentliche Triebfeder bildete der territoriale ExpansionsdrangTerritoriale Expansion der Republicans im SüdenSüden und WestenWesten der Union.

Die militärischen Auseinandersetzungen nahmen allerdings einen wesentlich ungünstigeren Verlauf, als die Kriegstreiber vorhergesagt hatten. In der amerikanischen Planung und Rüstung wurden eklatante Mängel und Versäumnisse offenbar, die nicht zuletzt von den ideologischen Vorbehalten der Republicans gegen ein professionelles Militärwesen und von ihrem naiven Vertrauen auf Bürgermilizen herrührten. Weder gelang die Eroberung KanadasKanadaJunge Republik oder FloridasFlorida, noch konnte die britischeGroßbritannienKrieg von 1812 Küstenblockade gebrochen werden. An der kanadischen Grenze lieferten sich die Amerikaner wechselhafte Gefechte mit den BritenGroßbritannienKrieg von 1812 und den sie unterstützenden IndianerstämmenNative AmericansKriege, und auf den Großen Seen errang US-Commodore Oliver PerryPerry, Oliver einige Achtungserfolge über britisch-kanadische Verbände. Im Sommer 1814 mussten die Amerikaner aber erleben, dass ein feindliches Flottengeschwader durch die ChesapeakeChesapeake Bay bis nach WashingtonWashington, D.C. vordrang und – offiziell als Vergeltung für amerikanische Attacken in Kanada – die Regierungsgebäude einschließlich der Kongressbibliothek in Brand steckte. Ende 1814 drohte sogar eine groß angelegte britischeGroßbritannienKrieg von 1812 Zangenoperation von Kanada und New OrleansNew Orleans aus die Union in zwei Teile zu spalten.

Die amerikanische Schwäche hatte auch innenpolitische Gründe, denn die FederalistsFederalists, geführt von einem jungen Kongressabgeordneten aus New HampshireNew Hampshire, Daniel WebsterWebster, Daniel, behinderten ganz offen die Kriegsanstrengungen der MadisonMadison, James-Administration. Einige Gouverneure gingen so weit, ihren Staatenmilizen die Beteiligung an einer Invasion KanadasKanadaJunge Republik zu verbieten. Bostoner Kaufleute und Bankiers weigerten sich, den Krieg durch Anleihen zu finanzieren, und investierten stattdessen in britischeGroßbritannienKrieg von 1812 Wertpapiere. Auf Einladung des Parlaments von MassachusettsMassachusetts versammelten sich im Dezember 1814 Federalists aus allen Neuenglandstaaten zu einem Konvent in Hartford, ConnecticutHartford, ConnecticutConnecticut. Eine Minderheit der Delegierten forderte die SezessionSezession (s.a. Bürgerkrieg), während sich die Mehrheit mit Verfassungsreformen begnügen wollte, die auf eine Beseitigung der republikanischen Vorherrschaft in Washington zielten. Inzwischen hatten amerikanische Truppen aber den Vormarsch der BritenGroßbritannienKrieg von 1812 aus Kanada bei AlbanyAlbany, New York aufgehalten, und der indianische Widerstand begann zu versiegen, als sich die Nachricht verbreitete, dass TecumsehTecumseh im Oktober 1813 an der kanadischen Grenze gefallen war. Auch weltpolitisch ergab sich eine völlig neue Lage: Nach dem Sieg über Napoleon in Europa war die englische Regierung nun daran interessiert, ihre Handelsbeziehungen mit Amerika wieder zu normalisieren. Aus der Einsicht heraus, dass keine Seite mehr in der Lage war, einen eindeutigen militärischen Sieg zu erringen, nahmen Unterhändler beider Seiten (für die USA John Quincy AdamsAdams, John Quincy, Albert GallatinGallatin, Albert und Henry ClayClay, Henry) im flämischen GentFrieden von Gent (1814) Gespräche auf. Sie führten Weihnachten 1814 zu einem KompromissfriedenGroßbritannienKrieg von 1812, der im Wesentlichen den Status quo vor Kriegsausbruch wiederherstellte.

Die Amerikaner hatten keines ihrer Kriegsziele erreicht, aber die Massen feierten den Friedensschluss dennoch als Sieg im „zweiten UnabhängigkeitskriegUnabhängigkeitskrieg“. Dem patriotischen Stolz genügten Episoden wie die Verteidigung BaltimoresBaltimore, die einen Augenzeugen, den Rechtsanwalt Francis Scott KeyKey, Francis Scott, zum Verfassen der martialischen Verse des „Star-Spangled Banner“„Star-Spangled Banner“ inspiriert hatte; oder General Andrew JacksonsJackson, Andrew glänzender Sieg über britischeGroßbritannienKrieg von 1812 Landungstruppen bei New OrleansNew Orleans im Januar 1815 – zu einem Zeitpunkt, als die Feindseligkeiten offiziell bereits beendet waren. Das wichtigste praktische Ergebnis aus amerikanischer Sicht war zweifellos die Bestätigung der territorialen Souveränität und Integrität der Vereinigten Staaten. Ferner entfielen nach der Wiederherstellung des Friedens in Europa auch die meisten Handelsbeschränkungen, unter denen die amerikanische Republik seit ihrem Ausscheiden aus dem britischenGroßbritannien Empire gelitten hatte. Eher gegen die Intentionen der Republicans hatten das Embargo und der Krieg dem amerikanischen Manufakturwesen einen ersten wichtigen Wachstumsschub versetzt. Innenpolitisch schließlich verscheuchte der Vertrag von Gent das Gespenst der SezessionSezession (s.a. Bürgerkrieg), das durch die Konfrontation zwischen republikanischen War Hawks und neuenglischen FederalistsFederalists heraufbeschworen worden war. Zu den Hauptleidtragenden zählten ein weiteres Mal die IndianerNative AmericansKriege, deren Bündnis mit den Engländern nur zu Niederlagen und Landabtretungen geführt hatte.

Die USA am Ende der Revolutionsepoche

Nach einem halben Jahrhundert voller Kämpfe und Kriege, raschen sozialen Wandels und tiefgreifender konstitutioneller Neuordnungen ging die Revolutionsepoche in Amerika und Europa zu Ende. Im Schatten des Wiener KongressesWiener Kongress vollzogen die Vereinigten Staaten – immer noch als eine Art „Juniorpartner“ – den Eintritt in den Welthandel und in die Politik der großen Mächte. Auf ihrer Seite des Atlantiks setzten die Prinzipien der VolkssouveränitätVolkssouveränität, des FöderalismusFöderalismus und der unantastbaren Grundrechte der staatlichen Macht Grenzen und sicherten die Freiheit des Individuums einschließlich seines Strebens nach Glück, Erfolg und Gewinn. Trotz der großen regionalen Unterschiede und politischen Differenzen war es gelungen, mit Hilfe wirksamer Symbole – die Gründungsdokumente, das Sternenbanner, die (noch inoffizielle) Hymne – zumindest in Ansätzen eine nationale Identität zu konstruieren. Bei bestimmten regelmäßigen Anlässen – dem Unabhängigkeitstag am 4. Juli, WashingtonsWashington, George Geburtstag, der Inauguration eines Präsidenten – verband die civil religioncivil religion alle diese Elemente mit ihren ebenso schlichten wie populären Ritualen. Darüber hinaus hatten sich die Amerikaner in der Gestalt des Uncle SamUncle Sam, bei der ein Armeelieferant aus dem Krieg von 1812 Pate stand, eine volkstümliche Figur geschaffen, auf die sie ihre tatsächlichen und vermeintlichen „nationalen Charaktereigenschaften“ projizieren konnten. Vor allem war aber die Geschichte selbst, das gemeinsame Erlebnis von Revolution, UnabhängigkeitskriegUnabhängigkeitskrieg und Verfassungsgebung, zu einem einigenden Band geworden.

Jedoch waren auch in Amerika längst nicht alle Verheißungen von Revolution und Unabhängigkeit in Erfüllung gegangen. Die Vorstellung einiger intellektueller Nationalisten, die Vereinigten Staaten könnten sich wirtschaftlichWirtschaft und kulturell ganz von Europa „abnabeln“, erwies sich rasch als illusorisch. Die USA waren nach wie vor ein peripherer Teil des atlantischen Handelssystems, dessen Zentrum in LondonLondon lag, und die amerikanische Elite übernahm weiterhin künstlerische Stile und geistige Strömungen wie KlassizismusKlassizismus und RomantikRomantik aus Europa. Gemessen an dem Ausbruch kultureller Kreativität im Europa des frühen 19. Jahrhunderts, verbunden mit Namen wie GoetheGoethe, Johann Wolfgang von, ShelleyShelley, Percy Bysshe, BeethovenBeethoven, Ludwig van, TurnerTurner, J.M. William und GoyaGoya, Francisco de, sanken die Vereinigten Staaten eher noch weiter in die Mittelmäßigkeit ab. Der frühe Reformeifer, der eine allgemeine Anhebung des Niveaus im BildungsBildungswesen- und GesundheitswesenGesundheitswesen erstrebt hatte, machte allzu schnell kleinlichen Sparsamkeitserwägungen Platz oder fiel dem Staatenpartikularismus zum Opfer. Die FrauenFrauen waren wegen ihrer erzieherischen Funktion als „republican mothers“ zwar ideologisch aufgewertet worden, aber an ihrer untergeordneten rechtlichen Stellung hatte sich kaum etwas geändert, und politisch blieben sie trotz der Mahnungen von Abigail AdamsAdams, Abigail und der Popularität von Mercy Otis WarrenWarren, Mercy Otis weiterhin unmündig. Anstatt das Geschlechterverhältnis nach naturrechtlichen Prinzipien neu zu ordnen, hielten Politiker und Juristen an common lawCommon Law-Grundsätzen fest, denen zufolge verheiratete Frauen weder autonome Rechtssubjekte noch mündige Staatsbürgerinnen waren. Im Verhältnis zu den indianischen Ureinwohnern geriet die ursprünglich für möglich erachtete Integration durch Assimilierung und Christianisierung allmählich aus dem Blick; vielmehr zeichnete sich als „Lösung“ des IndianerproblemsNative AmericansUmsiedlung nach 1820 spätestens nach dem Krieg von 1812/14 eine brutale Verdrängungspolitik ab.

Den sichtbarsten Widerspruch zu den „Ideen von 1776“ bildete aber das Fortbestehen der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) über das 1808 vom Kongress verhängte Verbot des Sklavenhandels hinaus. Südstaaten-Pflanzer hatten die 20-Jahres-Frist seit Annahme der VerfassungVerfassung genutzt, um 250.000 neue AfrikanerAfroamerikanerBevölkerungsentwicklung zu importieren, etwa ebenso viele wie während der gesamten Kolonialzeit. Schon die Beratungen des Verfassungskonvents von PhiladelphiaPhiladelphia und die Ratifizierungsdebatten in den Staaten hatten erkennen lassen, dass der Antisklaverei-Impuls der ersten Revolutionsphase an Kraft verlor. Als Sklavereigegner den neuen Kongress 1790 mit Petitionen bestürmten, stellte sich die Mehrheit unter Führung von James MadisonMadison, James auf den Standpunkt, dass die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) – anders als der Sklavenhandel – allein Angelegenheit der Einzelstaaten sei. Ab den 1790er Jahren verschlechterte sich die Lage der AfroamerikanerAfroamerikanerRevolution vor allem aus zwei Gründen weiter: Zum einen führte der blutige Sklavenaufstand in der französischen KolonieFrankreichKolonien Santo Domingo (HaitiHaiti) den amerikanischen Pflanzern die Gefahren des SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner)-Systems vor Augen und veranlasste sie zu schärferen Kontrollmaßnahmen. Diese Schutzvorkehrungen wurden weiter perfektioniert, als sich in den Südstaaten selbst Anzeichen von Sklavenunruhen – etwa die von Gabriel ProsserProsser, Gabriel organisierte Verschwörung in VirginiaVirginia im Jahr 1800 – bemerkbar machten. Noch wichtiger war aber ein zweiter Faktor: die steigende Nachfrage nach BaumwolleBaumwolle in Europa, die vor allem die IndustrialisierungIndustrialisierung Englands erzeugte. Bis zur Jahrhundertwende hatten die meisten Sklaven noch auf Tabak-, Zuckerrohr- oder Reisplantagen gearbeitet. Danach ließen technische Innovationen wie Eli WhitneysWhitney, Eli Entkernungsmaschine sowie die Erschließung fruchtbaren Landes im SüdwestenSüdwesten den Baumwollanbau immer lukrativer und die Sklaven als Arbeitskräfte und „Kapital“ entsprechend wertvoller werden. Auch nach 1808 gelangten weiterhin Sklaven in die USA, weil die Bundesregierung über keine geeigneten Mittel verfügte, das Einfuhrverbot durchzusetzen, und weil die weiße Bevölkerung im SüdenSüden mit den Schmugglern sympathisierte. Außerdem setzte nun ein schwunghafter interner Handel zwischen den Staaten an der Atlantikküste und dem MississippitalMississippi (Fluss) ein, der es den Pflanzern in RichmondRichmond, Virginia, CharlestonCharleston, South Carolina und SavannahSavannah, Georgia ermöglichte, ihre Sklaven profitabel abzusetzen. Legale und illegale Einfuhren aus AfrikaAfrika und der KaribikKaribik, vor allem aber die natürliche Vermehrung ließen die Zahl der Sklaven im amerikanischen Süden zwischen 1790 und 1820 von 700.000 auf über 1,5 Millionen (= 40 Prozent der BevölkerungBevölkerungsentwicklung) ansteigen. Das entlarvte die Erwartung vieler Revolutionäre, zu denen auch JeffersonJefferson, Thomas und MadisonMadison, James gehörten, die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) werde sich nach der Einfuhrsperre von 1808 „auf natürlichem Wege“ erledigen, als Wunschdenken. Die Freilassungen, die während der Revolution im Norden und im Oberen Süden erfolgt waren, fielen dagegen zahlenmäßig kaum ins Gewicht. 1810 waren ca. 190.000 AfroamerikanerAfroamerikanerRevolution rechtlich frei (= 13,5 Prozent der gesamten schwarzen Bevölkerung der USA), und knapp 110.000 von ihnen lebten in den Südstaaten. Danach ging der prozentuale Anteil der freien Schwarzen jedoch kontinuierlich zurück, weil die Südstaatenparlamente (mit Ausnahme von DelawareDelaware und MarylandMaryland) die EmanzipationAfroamerikanerEmanzipation immer mehr erschwerten oder ganz verboten. Pläne, durch den Verkauf von Land im WestenWesten Finanzmittel zu beschaffen, mit denen die Sklavenbesitzer entschädigt werden könnten, ließen sich nicht realisieren. Auch die Bemühungen um eine RücksiedlungAfroamerikaner„Rekolonisierung“ von Schwarzen nach AfrikaAfrika, die seit dem Frieden von 1814 zunahmen und 1816 zur Gründung der American Colonization SocietyAmerican Colonization Society führten, konnten an Wachstum und Ausbreitung der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) nichts ändern.

UnabhängigkeitskriegUnabhängigkeitskrieg und Revolution hatten dazu beigetragen, die demographischen und ideologischen Unterschiede zu verschärfen, die hinsichtlich der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) von jeher zwischen Norden und SüdenSüden bestanden. Der Gründergeneration war es nicht gelungen, den von vielen schmerzlich verspürten Widerspruch zwischen Recht und Moral auf der einen und wirtschaftlichen Interessen und rassischen Vorurteilen auf der anderen Seite zu lösen. Privat standen politische Führer wie WashingtonWashington, George, JeffersonJefferson, Thomas und MadisonMadison, James dem System der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) durchaus kritisch gegenüber, aber sie fanden nicht den Mut, an die Spitze einer Bewegung zur Überwindung dieses gesellschaftlichen Übels zu treten. Da es ihnen nie ganz gelang, sich von der Annahme einer „natürlichen Minderwertigkeit“Rassismus der Schwarzen frei zu machen, sahen sie auch keine echte Möglichkeit für ein dauerhaftes friedliches Zusammenleben von weißen und schwarzen Bürgern in der neuen Republik. Nach 1820 blieb den Gegnern der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) wenig mehr übrig, als das weitere Vordringen dieser „eigentümlichen Institution“ (peculiar institutionpeculiar institution) in die Westgebiete zu verhindern. Die Probleme, die sich aus dem Zusammenhang von territorialer Expansion und SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) für den Bestand der Union ergaben, traten nun immer deutlicher zu Tage.

Kapitel 3: Demokratisierung, MarktwirtschaftWirtschaft und territoriale ExpansionTerritoriale Expansion, 1815–1854

Nach 1815 unterschieden sich die Vereinigten Staaten fundamental vom kolonialen Amerika der 1760er Jahre, aber sie entsprachen keineswegs den Wunschbildern, die Revolutionären wie John AdamsAdams, John oder Thomas JeffersonJefferson, Thomas vorgeschwebt hatten. Um diese Zeit existierte in den USA, wie der Historiker Gordon S. WoodWood, Gordon S. schreibt, „die am meisten egalitäre, individualistische und erwerbsorientierte Gesellschaft der Welt“. Im Verlauf der Revolution und der beiden Kriege gegen EnglandGroßbritannien waren die materiellen wie die geistigen Fesseln gesprengt worden, die Nordamerika noch mit der ständisch-hierarchischen Welt der frühen Neuzeit verbunden hatten. Die common people, die einfachen Leute, traten handelnd in die Geschichte ein, und wer politisch reüssieren wollte, konnte ihre Wünsche und Ängste nicht mehr außer Acht lassen, geschweige denn sie verächtlich behandeln. Diesem Transformationsprozess fielen die idealistischen Vorstellungen von den überschaubaren Gemeinschaften tugendhafter, selbstloser Bürger oder von der wohlmeinenden Herrschaft einer „natürlichen Aristokratie“ zum Opfer. Dafür bot das neue Amerika jedem Einzelnen seiner weißen männlichen Bürger unvergleichlich gute Chancen, das eigene Los ohne Rücksicht auf traditionelle Rangordnungen und gesellschaftliche Konventionen zu verbessern. Jetzt begann CrèvecoeursCrèvecoeur, St. John de Aussage Sinn zu machen, dass in Amerika ein „neuer Mensch“ geboren werde, der seine europäischen Vorurteile und Gewohnheiten gegen neue Lebensformen austauscht, der neuen Regierungen gehorcht und nach neuen Prinzipien handelt. Das bedeutete zwar keineswegs den Abbau aller sozialen Schranken und Hierarchien oder gar eine Annäherung der Besitzverhältnisse zwischen Arm und Reich. Es traf natürlich auch nicht auf die Sklaven, die meisten freien AfroamerikanerAfroamerikaner und die Masse der Frauen zu, die materiell und rechtlich von ihren Vätern und Ehemännern abhängig blieben. Die neue GesellschaftsordnungGesellschaftAntebellum war aber doch bemerkenswert offen, durchlässig und mobil, und ihre Struktur formte sich immer stärker aus den wandelbaren Gegebenheiten von persönlichem Verdienst, beruflichem Erfolg und politischem Ansehen. In den Südstaaten spielte Land- und Sklavenbesitz nach wie vor die beherrschende Rolle, aber überall sonst bemaß sich der soziale Status eher nach der Fähigkeit, Kapital zu akkumulieren und es in Handel und Industrie Gewinn bringend anzulegen. Equality, verstanden als soziale Ebenbürtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz, wurde zum zentralen Wert und wirksamen Schlagwort, obwohl die Besitzunterschiede eher zu- als abnahmen.

Die „Gründerväter“ John AdamsAdams, John und Thomas JeffersonJefferson, Thomas, die ihre politischen Gegensätze in einer 1812 wieder aufgenommenen Korrespondenz allmählich überwanden, fühlten sich von dem rastlosen Streben der Amerikaner nach materiellen Gütern eher befremdet. Die große Mehrheit ihrer Landsleute machte aber resolut-optimistisch von den sich bietenden Gelegenheiten Gebrauch und setzte damit eine wirtschaftlicheWirtschaft und gesellschaftliche Dynamik in Gang, die nicht mehr zum Stillstand kommen sollte. Der auf das private Interesse ausgerichtete IndividualismusIndividualismus und der durch ihn entfesselte Wettbewerb wurden zum Kern einer neuen, „liberalen“ amerikanischen Identität. Starke Gegengewichte bildeten jedoch weiterhin der egalitäre, gemeinschaftsorientierte RepublikanismusRepublikanismus, der die Werte der Revolution hochhielt, und die evangelikale Volksfrömmigkeit, die immer wieder soziale Reformimpulse freisetzte. Die Entstehung eines nationalen Marktes und der Übergang vom Agrar- und Handelskapitalismus zur IndustrialisierungIndustrialisierung erzeugten Spannungen zwischen den sich neuformierenden GesellschaftsschichtenGesellschaftAntebellum sowie zwischen privatem Egoismus und der Notwendigkeit des sozialen Zusammenhalts. Aus diesen Spannungen ging bis zur Jahrhundertmitte eine eigentümliche, regional unterschiedlich geprägte Kultur hervor, in der sich frühindustrieller Kapitalismus, demokratischer Republikanismus und evangelikaler ProtestantismusProtestantismus gegenseitig durchdrangen.

Die Risiken und Gefahren des hemmungslosen Besitzindividualismus veranschaulichte schlaglichtartig die FinanzpanikFinanzwesenAntebellum von 1819, die aus übersteigerter Landspekulation im WestenWesten resultierte und eine mehrjährige Rezession nach sich zog. Dieser Krise sollten bis 1860 noch zwei weitere schwere wirtschaftliche Einbrüche folgen, doch keiner von ihnen konnte für längere Zeit den säkularen Wachstumstrend aufhalten, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingesetzt hatte. In dreifacher Hinsicht standen die Zeichen im postrevolutionären Amerika auf Expansion: Politisch verlangten immer mehr Menschen nach Mitsprache und wurden immer breitere Bevölkerungsschichten durch die Parteien in den politischen Prozess einbezogen; ökonomisch wuchsen die Vereinigten Staaten zu einem großen Binnenmarkt zusammen und weiteten gleichzeitig ihre Handelsbeziehungen zum Rest der Welt aus; und territorial gelang ihnen im Krieg gegen MexikoMexikoMexikanisch-Amerikanischer Krieg 1846–1848 der endgültige Durchbruch zum Pazifik. Gerade diese rasche Expansion, ab den 1840er Jahren verbunden mit einer Masseneinwanderung aus Europa, verschärfte aber auch die regionalen Gegensätze und heizte den Streit um die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) an, der 1861 in die Zerreißprobe des BürgerkriegsBürgerkrieg führte.

1 Die Era of Good FeelingEra of Good Feeling
Grenzregelungen und Monroe-DoktrinAußenpolitikMonroe-DoktrinMonroe-Doktrin

Nach dem zweiten Krieg gegen EnglandGroßbritannien innerhalb einer Generation schienen die Amerikaner endlich zu sich selbst gefunden zu haben. Die Hoffnungen auf gesellschaftliche Harmonie und wirtschaftlichen Fortschritt bündelten sich in dem Begriff der Era of Good FeelingEra of Good Feeling, den ein Bostoner Journalist prägte und der bald mit der Präsidentschaft von James MonroeMonroe, James (1817–1825), dem vierten Virginier nach WashingtonWashington, George, JeffersonJefferson, Thomas und MadisonMadison, James, verbunden wurde. Es schien, als könne der Parteienstreit nun endgültig beigelegt werden, denn auch die verbliebenen FederalistsFederalists unterstützten MonroeMonroe, James, und John AdamsAdams, John’ Sohn John Quincy AdamsAdams, John Quincy, ein typischer Repräsentant der gebildeten neuenglischen Elite, trat in Monroes Kabinett ein. Das gestiegene nationale Selbstbewusstsein der Amerikaner spiegelte sich am deutlichsten in der AußenpolitikAußenpolitikAntebellum, die John Quincy AdamsAdams, John Quincy über mehr als ein Jahrzehnt, zuerst als Secretary of State und dann als Präsident (1825–1829), maßgeblich mitbestimmte. Adams, der in Europa diplomatische Erfahrungen gesammelt hatte, stellte das nationale Interesse der Vereinigten Staaten über alle parteipolitischen und sektionalen ErwägungenSektionale Konflikte. Er ging von der Prämisse aus, dass Distanz zu Europa und territoriale ExpansionTerritoriale Expansion auf dem nordamerikanischen Kontinent die Voraussetzungen für das Überleben des „republikanischen Experiments“ seien. Da EnglandGroßbritannien weiterhin als gefährlicher Gegner galt, und da auch die innere Stabilität der Union zu berücksichtigen war, sollte diese Expansion behutsam und unter Vermeidung von Kriegen erfolgen. Flankiert werden musste sie durch eine AusweitungAußenpolitikAntebellum und Diversifizierung des amerikanischen Handels, der immer noch stark auf die Nordatlantikroute konzentriert war.

Die Schwächung der Kolonialmacht SpanienSpanienKolonien durch Revolten und Unabhängigkeitsbewegungen in LateinamerikaLateinamerika nutzte John Quincy AdamsAdams, John Quincy, um mit dem Erwerb von FloridaFlorida einen Präzedenzfall zu schaffen. Das seit dem Louisiana PurchaseFrankreichLouisiana PurchaseLouisiana Purchase zwischen Spanien und den USA umstrittene West-Florida war schon 1810 von Präsident MadisonMadison, James annektiert worden. Der Druck auf Ost-Florida wuchs durch das Vordringen amerikanischer Siedler und durch militärische Strafexpeditionen, die General Andrew JacksonJackson, Andrew 1818 ohne Rücksicht auf die spanische Souveränität gegen SeminolenSeminolen-Indianer und geflohene Sklaven unternahm. Bei den Grenzverhandlungen, die AdamsAdams, John Quincy seit 1817 mit dem spanischenSpanien Gesandten Luis de OnísOnís, Luis de führte, nutzte er diese Konstellation geschickt aus. 1819 erreichte er einen Vertragsabschluss, der den USA gegen die Übernahme von 5 Millionen Dollar spanischer Schuldverpflichtungen endgültig ganz Florida sicherte. Dieser Adams-Onís-VertragAußenpolitikAdams-Onís-Vertrag (1918)Adams-Onís-Vertrag (1819) (oder Transcontinental Treaty) reichte aber noch weiter, denn erstmals wurde die gesamte spanischSpanienKolonien-amerikanische Grenze vom Golf von MexikoGolf v.Mexiko bis zum Pazifik fixiert. Während die USA ihren Anspruch auf TexasMexikoTexasTexas fallen ließen, verzichtete SpanienSpanienKolonien auf alle Gebiete jenseits der Rocky MountainsRocky Mountains, die nördlich des 42. Breitengrades, d. h. nördlich von KalifornienKalifornien lagen. Diesen Erfolg sicherte Adams durch Verhandlungen mit EnglandGroßbritannienOregon-Gebiet ab, die er schon als Gesandter in LondonLondon begonnen hatte. Nachdem 1817 die beiderseitigen Flottenstärken auf den Großen Seen begrenzt worden waren, einigte man sich in der KonventionAußenpolitikKonvention von 1818AußenpolitikAntebellum von 1818 darauf, dass von den Seen zu den Rocky Mountains der 49. Breitengrad die amerikanisch-kanadischeKanadaGrenzvereinbarungen Grenze bilden sollte. Im riesigen OregonOregon-Gebiet jenseits der Rocky Mountains überschnitten sich die Souveränitätsansprüche von Spanien, RusslandRussland, GroßbritannienGroßbritannien und den USA. Während die Präsenz der kanadischen Northwest Company für London sprach, berief sich Washington auf die Expedition von Lewis und ClarkLewis u. Clark-Expedition sowie auf die Gründung der PelzhandelsstationPelzhandel AstoriaAstoria, die allerdings 1813 an die BritenGroßbritannienOregon-Gebiet gefallen war. 1818 vereinbarte man nun, das gesamte Territorium für zehn Jahre unter gemeinsame englisch-amerikanische Verwaltung zu stellen – eine Regelung, die 1827 auf unbegrenzte Zeit verlängert wurde.

Von diesen Abmachungen und dem Adams-Onís-VertragAdams-Onís-Vertrag (1819) führte eine gerade Linie zu der außenpolitischen Botschaft, die Präsident James MonroeMonroe, James am 2. Dezember 1823 an den Kongress richtete und die später als Monroe-DoktrinAußenpolitikMonroe-DoktrinMonroe-Doktrin bekannt wurde. Den Hintergrund bildete AdamsAdams, John Quincy’ Sorge vor einer Intervention der Heiligen AllianzHeilige Allianz gegen die südamerikanischen Staaten, insbesondere MexikoMexiko, deren Unabhängigkeit die USA gerade anerkannt hatten. Darüber hinaus galt es, ein russisches Vordringen im pazifischen WestenPazifischer Westen zu verhindern, nachdem ZarRusslandZarenreich Alexander I.Alexander I. von Russland exklusive Handelsrechte für die Russian American Company von AlaskaAlaska bis KalifornienKalifornien reklamiert hatte. Im Kern enthielt MonroesMonroe, James Botschaft eine Warnung an die Adresse der europäischen Mächte und RusslandsRussland, dass die Vereinigten Staaten jegliche Rekolonisierung oder den Erwerb neuer Kolonien in Amerika als Gefahr für ihre eigene Sicherheit betrachten würden. Im Gegenzug sagten die USA zu, sich aus den europäischen Angelegenheiten einschließlich der existierenden Kolonien in KanadaKanada, der KaribikKaribik und SüdamerikaLateinamerika herauszuhalten. Den europäischen Regierungen blieb natürlich die Diskrepanz zwischen dem rhetorischen Anspruch und dem tatsächlichen politisch-militärischen Durchsetzungsvermögen der Amerikaner nicht verborgen. Konservative Staatsmänner wie MetternichMetternich, Klemens, Fürst v. verstanden MonroesMonroe, James Konzept der „westlichen Hemisphäre“, in der die europäischen Gesetze der balance of power nicht gelten sollten, dennoch als unerhörte Herausforderung und bestritten die völkerrechtliche Grundlage des Kolonisierungsverbots. In der Praxis wurde die Freiheit der südamerikanischen Staaten vorerst weniger durch die Vereinigten Staaten als durch EnglandGroßbritannienLateinamerika garantiert, das den Kontinent als seine vorrangige wirtschaftliche Interessensphäre betrachtete. Die Rivalitäten und ideologischen Gegensätze der europäischen Mächte, die John Quincy AdamsAdams, John Quincy in sein Kalkül einbezog, minderten die Kriegsgefahr und verschafften den USA eine für die innere Konsolidierung dringend benötigte, mehr als zwanzigjährige außenpolitischeAußenpolitikAntebellum Ruhephase. Sie ließ sich auch zur Steigerung des Handels und zur Suche nach neuen Märkten nutzen, was die Bundesregierung nach Kräften durch Handelsverträge, den Ausbau des Konsulardienstes und die Verstärkung der Kriegsflotte förderte.

Der Missouri-KompromissMissouri-Kompromiss

Vom Beginn des Jahrhunderts bis 1819 waren drei Sklavenstaaten (LouisianaLouisiana, MississippiMississippi (Staat), AlabamaAlabama) und drei „freie“ Staaten (OhioOhio, IndianaIndiana, IllinoisIllinois) neu in die Union aufgenommen worden, die nun 22 Mitglieder zählte. 1819 beantragten auch die Siedler von MissouriMissouri (Staat) beim Kongress die Aufnahme, da die Bevölkerung des Territoriums die erforderliche Zahl von 60.000 erreicht hatte, 10.000 von ihnen Sklaven. Während die früheren Beitritte eher routinemäßig abgewickelt worden waren, entbrannte im Kongress über diesen Antrag erstmals ein heftiger Streit, der die politische Sprengkraft der Sklavereifrage schlaglichtartig deutlich machte. Die Vertreter der Nordstaaten, die im Repräsentantenhaus auf Grund ihrer Bevölkerungsstärke die Mehrheit hatten, wollten eine Klausel in die von MissouriMissouri (Staat) vorgelegte VerfassungVerfassung einfügen, die den Staat auf eine graduelle Emanzipation der Sklaven verpflichtet hätte. Der Senat, in dem sich Sklavenstaaten und freie Staaten genau die Waage hielten, lehnte jedoch eine solche Bedingung ab. Daraufhin verweigerte das Repräsentantenhaus dem Aufnahmeantrag von MissouriMissouri (Staat) die Zustimmung, und im Gegenzug blockierte der Senat den Beitritt von MaineMaine, das bislang zu MassachusettsMassachusetts gehört hatte, nun aber ein eigener Staat werden wollte. In monatelangen, äußerst mühsamen Beratungen, die dem Sprecher des Repräsentantenhauses, Henry ClayClay, Henry, den Beinamen des Great Pacificator eintrugen, fand der Kongress aber doch noch einen Ausweg aus dem Dilemma: Maine wurde 1820 als freier Staat aufgenommen, und MissouriMissouri (Staat) durfte im folgenden Jahr ohne Bedingungen, d. h. als Sklavenstaat beitreten, wodurch das Nord-Süd-Gleichgewicht im Senat erhalten blieb; dafür akzeptierten die Südstaatler das permanente Verbot der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) im Rest des 1803 erworbenen Louisiana-Territoriums oberhalb einer Linie (36 Grad 30 Minuten nördlicher Breite), die von der Südwestecke MissourisMissouri (Staat) bis zu den Rocky MountainsRocky Mountains gezogen wurde. Wie schon im Verfassungskonvent von PhiladelphiaPhiladelphia, so hatte auch diesmal wieder die Furcht vor dem Auseinanderfallen der Union einen Kompromiss erzwungen, der die Sklavereifrage eine weitere Generation lang politisch neutralisierte. Allen Beteiligten war aber schmerzhaft bewusstgeworden, dass das Schicksal der Westgebiete, der schwarzen Bevölkerung und der Union auch in Zukunft untrennbar miteinander verbunden sein würde.

Manche Hoffnung knüpfte sich in dieser Zeit noch an das Konzept der „Rekolonisierung“Afroamerikaner„Rekolonisierung“ von AfroamerikanernAfroamerikaner„Rekolonisierung“ in der KaribikKaribik, KanadaKanadaUS Sklaverei oder AfrikaAfrika. Der 1816 gegründeten American Colonization SocietyAmerican Colonization Society (ACS) gehörten Mitglieder aus dem Norden und dem Oberen SüdenSüden an, denen es weniger um die Beseitigung der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) als um die Entfernung der freien Schwarzen ging. Man verwies auf das Beispiel der Engländer, die schon 1787 viele der im amerikanischen UnabhängigkeitskriegUnabhängigkeitskrieg nach Kanada geflohenen Schwarzen in ihre westafrikanischeAfrika Kolonie Sierra LeoneSierra Leone gebracht hatten. Mit Unterstützung der Bundesregierung und mit finanzieller Hilfe von Staatenregierungen, KirchenKirchen und Privatpersonen gelang es der ACS zu Beginn der 1820er Jahre, Land an der afrikanischenAfrika Küste südlich von Sierra Leone zu kaufen und schwarze Emigranten anzusiedeln. Seit 1824 hieß diese Kolonie offiziell „LiberiaLiberia“, und der erste Hauptort, dessen Name Christopolis auf die Missionierungsabsichten der ACS hinwies, wurde zu Ehren von Präsident MonroeMonroe, James in „MonroviaMonrovia, Liberia“ umbenannt. Da der Kongress aber bald das Interesse an dem Projekt verlor, blieben die praktischen Möglichkeiten der ACS eng begrenzt. Bis 1830 transportierte die Gesellschaft lediglich 1400 AfroamerikanerAfroamerikaner„Rekolonisierung“ – die meisten von ihnen waren schon seit längerem frei gewesen – nach AfrikaAfrika und gab ihnen dort Starthilfe für Ackerbau und Handwerk. Nicht wenige der Neuankömmlinge litten unter dem tropischen Klima und starben an Fieberkrankheiten. Die überlebenden Einwanderer gerieten rasch mit der einheimischen Bevölkerung in Konflikt und etablierten sich als Führungsschicht, die politische und soziale Vorrechte beanspruchte. 1847 erklärten die Siedler Liberia zur unabhängigen Republik und nahmen eine VerfassungVerfassung nach dem Vorbild der US Constitution an. Die Hoffnungen auf einen breiten Strom von Kolonisten aus den Vereinigten Staaten, deren Regierung den neuen Staat übrigens erst 1862 diplomatisch anerkannte, erfüllten sich jedoch nicht. Zwar war der Wunsch, nach AfrikaAfrika emigrieren zu dürfen, seit der Revolution auch gelegentlich von Sprechern der schwarzen Bevölkerung geäußert worden, entweder aus Resignation angesichts der fortgesetzten Diskriminierung oder als Ausdruck eines erwachenden schwarzen Nationalismus. Die große Mehrheit der freien AfroamerikanerAfroamerikaner, die AfrikaAfrika nur noch vom Hörensagen kannte, lehnte solche Konzepte aber ab und zog es vor, gemeinsam mit den weißen AbolitionistenAbolitionisten in den USA für die Überwindung der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) und die rechtliche und soziale Gleichstellung der Schwarzen zu kämpfen. Bei Ausbruch des BürgerkriegsBürgerkrieg, der dieses Ziel in greifbare Nähe rückte, lebten ca. 12.000 Afroamerikaner in Liberia. Anderen Siedlungsexperimenten, etwa auf HaitiHaiti oder in Kanada, war noch weniger Erfolg beschieden. Obwohl die „Rekolonisierung“Afroamerikaner„Rekolonisierung“ also keinen wirklichen Beitrag zur Lösung des Rassenproblems in den USA leistete, ging die utopische Hoffnung auf eine Rückkehr in die afrikanischeAfrika „Heimat“ aber nie ganz verloren und konnte auch nach dem BürgerkriegBürgerkrieg gelegentlich wiederbelebt werden.

Landpolitik, FinanzkriseFinanzwesenAntebellum und Fraktionsbildungen

Die Spannungen und Widersprüche, die sich unter der ruhigen Oberfläche der Era of Good FeelingEra of Good Feeling angesammelt hatten, kamen durch die FinanzpanikWirtschaftAspekteRezession von 1819 von 1819 und die darauf folgende vierjährige Rezession zum Vorschein. Wie schon die Krise von 1783 bis 1787 resultierte auch dieser Einbruch im Wesentlichen aus einem überhitzten Nachkriegsboom, der durch steigende Importe aus EnglandGroßbritannienWirtschaftsbeziehungen, in die Höhe schnellende Preise für neues Land im WestenWesten und eine unkontrollierte Ausweitung des Kredits durch die Banken gekennzeichnet war. Die Second Bank of the United StatesFinanzwesenAntebellumBank of the United StatesSecond Bank of the United States, die der Kongress nach dem Auslaufen der ersten Bank-Charter 1816 eingerichtet hatte, und die in den Einzelstaaten gegründeten privaten State Banks vermehrten den Banknotenumlauf zwischen 1812 und 1817 von 45 auf 100 Millionen Dollar. Dieses Kapital wurde überwiegend in Land angelegt, das die Bundesregierung nach dem Krieg im Westen zu relativ niedrigen Preisen verkaufte. Das Farmland gelangte jedoch in den meisten Fällen nicht direkt an die Siedler, sondern auf dem Umweg über Landgesellschaften, die große Spekulationsgewinne machten und sich noch größere erhofften. Die Bundesregierung hatte den Mindestpreis für Verkäufe aus der public domain auf 2 Dollar pro acre festgesetzt. Bei den öffentlichen Versteigerungen boten die Agenten der Landgesellschaften wesentlich höher, weil sie wussten, dass sie das Land, aufgeteilt in lots von 40 bis 160 acres, für über 50 Dollar pro acre an landhungrige Farmer weiterverkaufen konnten. Die Farmer wiederum waren bereit, sich bei den Banken zu verschulden, weil die Preise für Agrarprodukte, nicht zuletzt wegen einer starken Nachfrage aus dem kriegsverwüsteten Europa, stetig nach oben kletterten. Die Orgie der LandspekulationFinanzwesenAntebellum erreichte 1819 ihren Höhepunkt, als zehnmal so viel Bundesland verkauft wurde wie im Schnitt der Vorkriegsjahre. Um diese Zeit ließen jedoch Rekordernten in Europa die Nachfrage nach amerikanischem Getreide sinken, und gleichzeitig gerieten die während des Krieges aufgebauten Manufakturbetriebe in NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) durch billige englische Importe in Schwierigkeiten. Als die Banken daraufhin die Kreditvergabe einschränkten, platzte der spekulative Luftballon, und die Preise für Land und Agrarprodukte stürzten ab. Es dauerte bis 1823, bevor sich die Lage stabilisierte und die Wachstumskräfte wieder die Oberhand gewannen.

Die KriseFinanzwesenAntebellum hatte weitreichende Folgen, denn sie intensivierte das Nachdenken über eine zeitgerechte WirtschaftspolitikWirtschaft und beschleunigte damit die Umformung der amerikanischen Parteienlandschaft. In der ökonomischen Diskussion kristallisierten sich zwei unterschiedliche Ansätze heraus: Auf der einen Seite gewann das von Henry ClayClay, Henry propagierte American SystemFinanzwesenAntebellumAmerican System (Henry Clay) an Attraktivität, das ein aktives Eingreifen der Bundesregierung mit dem Ziel vorsah, die Vereinigten Staaten durch hohe Zölle zum Schutz der heimischen Industrie und durch eine Verbesserung der Infrastruktur so weit wie möglich selbstgenügsam und unabhängig von Europa zu machen. Dieses nationale Programm stieß auf den Widerstand derjenigen, die wirtschaftspolitische Entscheidungsbefugnisse am besten bei den Staatenparlamenten aufgehoben sahen und eine eher noch stärkere Dezentralisierung befürworteten. Der Zorn vieler Farmer und Landspekulanten richtete sich vor allem gegen die Second Bank of the United StatesFinanzwesenAntebellumBank of the United StatesSecond Bank of the United States, die mit ihren Rückzahlungsforderungen an die Staatenbanken das Signal zu der allgemeinen Kreditkontraktion gegeben hatte. Zu diesen beiden PolenPolen hin begannen nun die politischen Kräfte zu gravitieren, die bei Beginn von Monroes Amtszeit noch einträchtig das Ende der Parteienherrschaft verkündet hatten.

Die Illusion eines „parteilosen“ Zustandes ergab sich daraus, dass die FederalistsFederalists nach 1815 praktisch von der nationalen Bühne verschwunden waren. Nun zerfiel auch das Lager der Republicans in Fraktionen, aus denen dann in einem längeren Prozess ein neues Zweiparteien-System hervorging. Bei den Wahlen von 1824 konkurrierten nicht weniger als fünf Kandidaten, die sich alle als Republicans bezeichneten. Da keiner von ihnen die absolute Mehrheit der Wahlmännerstimmen erreichte, fiel die Entscheidung im Repräsentantenhaus, das den führenden Bewerber, General Andrew JacksonJackson, Andrew, überging und den Zweitplatzierten, John Quincy AdamsAdams, John Quincy, zum Präsidenten kürte. Adams verdankte den Sieg vor allem Henry ClayClay, Henry, der nach der Enttäuschung über sein eigenes schlechtes Abschneiden alles darangesetzt hatte, JacksonsJackson, Andrew Einzug ins Weiße Haus zu verhindern. AdamsAdams, John Quincy ernannte ClayClay, Henry zum Außenminister und nahm damit den Vorwurf der JacksonJackson, Andrew-Anhänger in Kauf, die Wahl durch eine geheime Absprache (corrupt bargain) manipuliert zu haben. Wichtiger als taktische Schachzüge war aber die programmatische Übereinstimmung zwischen ClayClay, Henry und AdamsAdams, John Quincy, die alle national gesinnten Republikaner sammeln und das American SystemFinanzwesenAntebellumAmerican System (Henry Clay) auf der Grundlage eines Bündnisses zwischen den Neuenglandstaaten und dem WestenWesten in die Tat umsetzen wollten. Der strenge und moralisch integre, nach außen oft mürrisch und steif wirkende AdamsAdams, John Quincy ging dabei noch über ClaysClay, Henry Vorstellungen hinaus, indem er neben Zollschutz und Verbesserungen der Verkehrswege auch Gesetze zur Förderung von Künsten und Wissenschaften einschließlich des Baus einer nationalen UniversitätUniversitäten und eines Observatoriums vorschlug. Gegen diesen Kurs der nationalen Republikaner formierte sich aber sowohl im Kongress als auch in den Einzelstaaten, hauptsächlich im SüdenSüden und SüdwestenSüdwesten, wachsender Widerstand unter dem Banner von Demokratie und Staatensouveränität (states’ rights). Zur Integrationsfigur dieser Bewegung, die sich zunächst „the Democracy“ und später dann Demokratische ParteiDemokratische ParteiEntstehung (Democratic Party) nannte, stieg bis 1828 der populäre Sieger von New OrleansNew Orleans, Andrew JacksonJackson, Andrew, auf.

Bevor der neue Parteiengegensatz seine volle Schärfe erreichte, nahmen die Amerikaner auf symbolträchtige Weise endgültig Abschied von der Revolutionsepoche. In einer erstaunlichen Koinzidenz starben am 4. Juli 1826, auf den Tag genau fünfzig Jahre nach der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung, sowohl John AdamsAdams, John als auch Thomas JeffersonJefferson, Thomas. Viele Zeitgenossen schrieben dieses Ereignis der göttlichen Vorsehung zu und verstanden es als Bestätigung dafür, dass dem „amerikanischen Experiment“ ein tieferer, transzendenter Sinn innewohnte.

2 Die „MarktrevolutionWirtschaftMarktrevolution“

Der komplexe Vorgang, der in der neueren Forschung als „market revolutionMarktrevolution“ bezeichnet wird, ergab sich aus dem Ineinandergreifen von vier Faktoren: dem raschen BevölkerungswachstumBevölkerungsentwicklung, dem Ausbau des VerkehrswesensEisenbahnAntebellum, der Kommerzialisierung der LandwirtschaftLandwirtschaftKommerzialisierung (1. Hälfte 19.Jh.) und dem Beginn der IndustrialisierungIndustrialisierung. Dabei bedingten sich der Ausbau marktwirtschaftlicher Strukturen und das Voranschieben der FrontierFrontier nach WestenWesten gegenseitig und erzeugten eine immer stärkere Eigendynamik. Ökonomisches Wachstum und technische Neuerungen gingen mit tiefgreifenden Änderungen im Denken und in den sozialen Beziehungen einher, und sie vergrößerten zudem die wirtschaftlichen und kulturellen Unterschiede zwischen den Nord- und Südstaaten. Die paradoxe Folge war, dass die Einbindung immer weiterer Bevölkerungskreise in eine nationale MarktwirtschaftWirtschaft die sozialen und regionalen Gegensätze verschärfte und damit die Gefahr des Zerfalls der Union heraufbeschwor.

BevölkerungswachstumBevölkerungsentwicklung und BinnenwanderungBinnenwanderung

Zwischen 1790 und 1820 war die Bevölkerung der Vereinigten Staaten von 4 auf 10 Millionen gestiegen, 1840 betrug sie 17 Millionen, und 1860 lebten mit 31,5 Millionen (davon 3,9 Millionen Sklaven und ca. 500.000 freie Schwarze) bereits mehr Menschen in den USA als in EnglandGroßbritannien und fast ebenso viele wie in Frankreich oder in den deutschen Staaten. Dieses Wachstum resultierte zunächst ganz überwiegend aus der „natürlichen“ Vermehrung, d. h. einer hohen Geburten- und einer relativ niedrigen Sterberate. Im 19. Jahrhundert begann allerdings ein säkularer Trend zu niedrigeren Geburtenraten: Während eine amerikanische Frau 1810 im Durchschnitt noch sieben Kinder zur Welt brachte, waren es um die Jahrhundertmitte nur noch fünf. Bis 1860 wurde das Sinken der Geburtenrate jedoch durch verstärkte EinwanderungEinwanderung wettgemacht, so dass sich die BevölkerungBevölkerungsentwicklung auch weiterhin, wie schon zur Kolonialzeit, etwa alle 23 Jahre verdoppelte. Da das Durchschnittsalter der Einwanderer recht niedrig war, blieben die Amerikaner im internationalen Vergleich ein „junges“ Volk, was sicher zu ihrer Beweglichkeit und ihrem robusten Tatendrang beitrug.

Wegen der napoleonischen Kriege waren von 1790 bis 1820 nur 250.000 Europäer in die USA eingewandert. Auch im Zeitraum von 1820 bis 1840 hielt sich der Zustrom mit 750.000 in Grenzen. Ab 1820 übernahm die Bundesregierung die „Buchführung“ und ließ sich die Zahlen aus den wichtigsten Einwanderungshäfen BostonBoston, New YorkNew York City, PhiladelphiaPhiladelphia, BaltimoreBaltimore und New OrleansNew Orleans melden. Die gesetzlichen Bestimmungen waren sehr günstig, denn der Naturalization ActEinwanderungsgesetzeNaturalization Act (1802) von 1802 sah lediglich eine Residenzpflicht von fünf Jahren vor, nach deren Ablauf NeuankömmlingeEinwanderungJunge Republik eingebürgert werden konnten. Sie mussten sich dann zur VerfassungVerfassung bekennen und, falls sie adlig waren, ihre Adelstitel aufgeben. Zu einem echten Massenphänomen wurde die EinwanderungEinwanderungJahrhundertmitte (19.Jh.) in den beiden letzten Jahrzehnten vor dem BürgerkriegBürgerkrieg, als über vier Millionen Menschen nach Amerika strömten. In den Spitzenjahren 1847–1854 kamen auf 10.000 Einwohner jeweils über 100 Immigranten, was die höchste Einwanderungsrate proportional zur BevölkerungBevölkerungsentwicklung in der gesamten Geschichte der Vereinigten Staaten bedeutete. Die Ursachen lagen in einer Kombination von „Druck-“ und „Zugkräften“ (push and pull factors), die den Menschen das Leben in Europa verleideten und die USA als einzige hoffnungsvolle Alternative erscheinen ließen. In IrlandEinwanderungEthnienIren bewirkte eine Kartoffelkrankheit langanhaltende Hungersnot, in den deutschenEinwanderungEthnienDeutsche Staaten, den SchweizerSchweiz Kantonen und SkandinavienEinwanderungEthnienSkandinavierSkandinavien stieg der Druck durch starkes BevölkerungswachstumBevölkerungsentwicklung und Landknappheit, und in EnglandGroßbritannien machte die IndustrialisierungIndustrialisierung viele Handwerker arbeitslos. Zahlenmäßig weniger bedeutsam, aber politisch und kulturell durchaus folgenreich war die Flucht oder erzwungene Auswanderung von Liberalen und DemokratenDemokratische Partei, die, wie die deutschen „Achtundvierziger“, aktiv an den gescheiterten europäischen RevolutionenAußenpolitikRevolutionen in Europa (1848/49) der Jahre 1848/49Revolutionen von 1848/49 in Europa teilgenommen hatten. Auf der anderen Seite des Atlantiks lockten billiges Siedlungsland, höhere Löhne und die Aussicht auf soziale Gleichheit und religiöse wie politische Freiheit. Ermöglicht wurde die massenhafte Wanderungsbewegung durch das steigende transatlantische Handels- und Verkehrsaufkommen, denn ab den 1840er Jahren machten die Reedereien die Auswanderung zum profitablen Geschäft, weil sie ihre Frachtschiffe auf dem Weg nach Amerika mit Menschen beladen konnten. Hinzu kamen Transportverbesserungen in den USA selbst, die das Vordringen der Siedler ins Landesinnere erleichterten und beschleunigten.

Den Hauptanteil der EinwandererEinwanderungJahrhundertmitte (19.Jh.) in den beiden Jahrzehnten vor dem BürgerkriegBürgerkrieg (mit ca. 3 Millionen gut 70 Prozent) stellten die IrenEinwanderungEthnienIren und die DeutschenEinwanderungEthnienDeutsche, die sich in ihrer neuen Heimat aber recht unterschiedlich orientierten. Die Iren blieben zumeist als industrielle Arbeitskräfte in den Städten der Ostküste, vor allem in BostonBoston und in New YorkNew York City, dessen Einwohnerzahl zusammen mit Brooklyn bis 1860 die Millionengrenze überschritt. Häufig füllten sie Lücken aus, die durch die starke BinnenwanderungBinnenwanderung nach WestenWesten entstanden. Die meisten DeutschenEinwanderungEthnienDeutsche strebten dagegen, ebenso wie die SchweizerSchweiz und SkandinavierEinwanderungEthnienSkandinavier, in das OhioOhio-Tal und das Gebiet der Großen Seen, wo sie Farmland erwerben wollten. Häufig führte sie ihr Weg schließlich aber doch in Städte wie CincinnatiCincinnati, Cleveland, ChicagoChicago, MilwaukeeMilwaukee, Wisconsin und St. LouisSt. Louis, Missouri, die nun in dieser Region rasch zu wachsen begannen. Die Zentren der Immigration lagen also ganz überwiegend im NordostenNordosten und NordwestenNordwesten (dem heutigen Mittleren WestenMittlerer Westen) der USA, wohingegen der SüdenSüden mit Ausnahme von TexasTexas nur wenige NeueinwandererEinwanderungJahrhundertmitte (19.Jh.) aufnahm. Hatten 1820 noch gut drei Viertel aller Amerikaner in den Ostküsten-Staaten gelebt und nur ein Viertel westlich der AppalachenAppalachen, so war dieses Verhältnis 1860 schon ausgeglichen. Den stärksten BevölkerungszuwachsBevölkerungsentwicklung verzeichnete der Mittlere Westen, der seinen Anteil an der Gesamtbevölkerung in diesem Zeitraum von 9 auf 29 Prozent mehr als verdreifachen konnte, während derjenige des Südwestens (einschließlich Texas) nur von 14 auf 19 Prozent stieg. Der pazifische Westen, der 1848 an die USA fiel, beherbergte 1860 erst minimale 2 Prozent der insgesamt 31,5 Millionen Amerikaner.

Da etwa zwei Drittel der irischenEinwanderungEthnienIren und ein Drittel der deutschenEinwanderungEthnienDeutsche EinwandererEinwanderungJahrhundertmitte (19.Jh.) KatholikenKatholiken waren, veränderte sich nicht nur die ethnische, sondern auch die religiöse Zusammensetzung der USA. Bis 1840 überwog trotz aller Diversität und regionalen Besonderheiten das britisch-protestantische Element. Die Einheit von Sprache, politischen Institutionen, Recht, Geschichtsbewusstsein und freiheitlicher Ideologie, die sich als „amerikanische Kultur“ herausgebildet hatte, war eindeutig angelsächsisch und protestantisch geprägt. Das begann sich nun zu ändern, sehr zum Leidwesen eines Teils der ansässigen und bereits in diesen mainstream assimilierten Bevölkerung, die ab Mitte der 1840er Jahre mit fremdenfeindlichen Protesten reagierte. Im darauf folgenden Jahrzehnt trug dieser „NativismusNativismus“, der vor allem die Städte an der Ostküste und im NordwestenNordwesten erfasste, mit zur Destabilisierung der politischen Lage bei.

Ausbau der InfrastrukturEisenbahnAntebellum und Anpassung des Rechtssystems

BevölkerungswachstumBevölkerungsentwicklung und Vordringen der FrontierFrontier standen in einem engen Zusammenhang. Der Druck auf die „alten“ Siedlungsgebiete an der Ostküste konnte nur durch die Westwanderung gemildert werden, und der unermesslich scheinende Landreichtum des Westens wirkte zugleich als Magnet, der Immigranten aus Europa anzog. Innerhalb weniger Jahrzehnte verfünffachte sich das erschlossene Territorium, und die Siedlungsgrenze erreichte im NordwestenNordwesten den MissouriMissouri (Staat), im SüdwestenSüdwesten die Mitte von TexasTexas. Die freizügige Landpolitik der Bundesregierung ging auf Kosten der IndianerNative AmericansUmsiedlung nach 1820, von denen 1820 noch ca. 120.000 östlich des MississippiMississippi (Fluss) lebten. Sie wurden nun rücksichtslos verdrängt und in Gebiete westlich des MississippiMississippi (Fluss) umgesiedelt.

Die „Eroberung“ des Westens durch BinnenwanderungBinnenwanderung und Immigration hatte zur Voraussetzung, dass das Verkehrswesen der Union grundlegend verbessert wurde, ja dass eine ganz neue InfrastrukturEisenbahnAntebellum entstand. Diese „Transportrevolution“ begann schon Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Ausbau der Überlandstraßen (turnpikes), insbesondere der National Road von MarylandMaryland nach Columbus, OhioColumbus, Ohio. Nicht die Straßen, sondern Wasserwege – KanäleKanäle und Flüsse – bildeten aber das erste nationale Verkehrsnetz der Vereinigten Staaten. Als Robert FultonsFulton, Robert Dampfschiff „Clermont“ 1807 die Fahrt auf dem HudsonHudson River von New YorkNew York City nach AlbanyAlbany, New York in 32 Stunden bewältigte, rückte das Problem einer Verbindung mit den Großen Seen und den Flussläufen von MississippiMississippi (Fluss) und OhioOhio in den Blickpunkt. Nach dem Krieg von 1812/14 begann die Ära des KanalbausKanäle, zu dessen Prunkstück sich der Erie-KanalErie-Kanal entwickelte. Den ersten Spatenstich tat der Gouverneur des Staates New York, DeWitt ClintonClinton, DeWitt, am Unabhängigkeitstag des Jahres 1817, womit er nicht nur die nationale Bedeutung des Projekts, sondern vor allem die Initiative und das finanzielle Engagement seiner Regierung dokumentieren wollte. Als acht Jahre später, im Oktober 1825, das letzte Teilstück des über 500 km langen Kanals eröffnet wurde, konnte man von New York aus über den Hudson und den Erie-See die Siedlungsgebiete des NordwestensNordwesten erreichen. Frachtgüter und Menschen wurden nun wesentlich schneller und billiger als bisher per Kanalboot, Segel- und Dampfschiff nach WestenWesten befördert, und auf dem umgekehrten Wege gelangten Agrarprodukte und Fleisch aus dem Westen an die Ostküste.

Der BauWirtschaft des Erie-KanalsKanäleErie-Kanal kostete 7 Millionen Dollar, die hauptsächlich durch AnleihenFinanzwesenAntebellum des Staates New YorkNew York aufgebracht wurden. Bis 1833 hatte sich diese Investition amortisiert, und die Kanalgesellschaft und der Staat machten Gewinne. Der Erfolg löste ein regelrechtes „Kanalfieber“ aus, das die interessierten Staaten und Gemeinden in den 1820er und 1830er Jahren zur Ausgabe von insgesamt 140 Millionen Dollar veranlasste. Erstmals stellten auch europäische Investoren in größerem Maßstab Kapital für amerikanische Vorhaben zur Verfügung. Bis 1840 erreichte das KanalnetzKanäle eine Ausdehnung von fast 5000 km, und in den 1850er Jahren verkehrten über 700 Dampfschiffe im WestenWesten zwischen den Großen Seen und dem Golf von MexikoGolf v.Mexiko, wo New OrleansNew Orleans nun zum größten Umschlaghafen der USA aufstieg.

Die KanäleKanäle blieben ein wichtiger WirtschaftsfaktorFinanzwesenAntebellumWirtschaft, aber schon ab Mitte der 1830er Jahre wurde die EisenbahnEisenbahnAntebellum zum bevorzugten Transportmittel. Den Anfang machte 1827 die BaltimoreBaltimore and OhioOhio Railroad Company, die im folgenden Jahrzehnt die Chesapeake and Ohio-KanalgesellschaftKanäle aus dem Geschäft drängte. 1852 überquerten bereits vier BahnlinienEisenbahnAntebellum die AppalachenAppalachen und stellten Verbindungen zu den Städten des NordwestensNordwesten her. Zunächst wurden viele Einzelstrecken mit unterschiedlichen Spurbreiten gebaut, doch dann erfolgte eine allmähliche Anpassung und „Konsolidierung“ der Hauptverkehrswege. ChicagoChicago entwickelte sich zum westlichen Knotenpunkt eines nationalen EisenbahnnetzesEisenbahnAntebellum, das bis 1860 auf über 30.000 Meilen anwuchs und damit etwa so lang war wie alle in der Welt verlegten Schienenstränge zusammen. Die Reise von BostonBoston nach St. LouisSt. Louis, Missouri, die 1830 noch gut zwei Wochen gedauert hatte, konnte man nun mit einigem Glück in drei Tagen absolvieren. Um diese Zeit war auch schon eine transkontinentale EisenbahnlinieEisenbahnAntebellum geplant, die aber erst nach Ende des Bürgerkrieges vollendet werden konnte. Kennzeichnenderweise wurden allerdings zwei Drittel aller BahnstreckenEisenbahnAntebellum im Norden gebaut und verliefen in Ost-West-Richtung. Die Tatsache, dass es 1860 nur drei Nord-Süd-Verbindungen gab, weist auf die zunehmende wirtschaftlicheWirtschaft Sonderentwicklung des Südens hin. Parallel zum Eisenbahn-BoomEisenbahnAntebellum revolutionierte der TelegraphTelegraph, mit dem Samuel MorseMorse, Samuel 1844 erste Experimente zwischen Baltimore und WashingtonWashington, D.C. unternommen hatte, das Kommunikationswesen. 1860 waren bereits 50.000 Meilen Kabel verlegt, denn man erkannte schnell, welch enorme Bedeutung diese Neuerung für Verkehr, WirtschaftWirtschaft und FinanzenFinanzwesenAntebellum – und nicht zuletzt auch für die Kriegführung – haben würde.

Die Initiativen zur Verbesserung der Infrastruktur gingen ganz überwiegend von den Einzelstaaten und nicht von der Bundesregierung aus. In der Regel erteilten die Parlamente privaten Aktiengesellschaften (corporations) per Gesetz Charters, die als Rechtsgrundlage zum Bau von Straßen, KanälenKanäle und EisenbahnlinienEisenbahnAntebellum dienten. Häufig erwarben die Staaten dann mit Steuergeldern Aktien der von ihnen zugelassenen Gesellschaften. Dieses System des „StaatenmerkantilismusMerkantilismus“ stand im Einklang mit der restriktiven Auslegung der Bundesverfassung, wie sie die RepublicansRepublicans (Jefferson) seit JeffersonsJefferson, Thomas Präsidentschaft praktiziert hatten. Es wurde gefördert durch die Bereitschaft der Gerichte, den Einzelstaaten in wirtschaftlichen Angelegenheiten einen großen Ermessensspielraum zuzubilligen und Privatinteressen, etwa in Fragen der Landenteignung für den Bau von Verkehrswegen, hinter das Wohl der Gemeinschaft zurückzustellen. Das common lawCommon Law-Konzept des unantastbaren Eigentumsrechts wurde dabei unter Verweis auf die „soziale Nützlichkeit“ und die Souveränität des Volkes umgeformt und mit der Notwendigkeit wirtschaftlicherWirtschaft Entwicklung in Einklang gebracht. Während sich also die Bundesregierung – teils absichtlich, teils notgedrungen – passiv verhielt, griffen die Einzelstaaten durchaus aktiv lenkend und ordnend in das WirtschaftsgeschehenWirtschaft ein. Dieses Commonwealth System genannte dezentrale Entwicklungsmodell war in den 1820er Jahren schon so sehr im Bewusstsein der Menschen verankert, dass sich John Quincy AdamsAdams, John Quincy’ und Henry ClaysClay, Henry nationales American SystemAmerican System (Henry Clay) nicht mehr durchsetzen konnte.

Aus der Präferenz für das Commonwealth SystemCommonwealth System erwuchsen nicht unwesentliche Gefahren für die Autorität und den Zusammenhalt des Bundesstaates, die der von John MarshallMarshall, John geleitete Supreme CourtSupreme CourtVerfassung abzuwehren bemüht war. Im Fall McCulloch v.MarylandMcCulloch v.Maryland (1908)Maryland bestätigte das Gericht 1819 die von Maryland angefochtene Verfassungsmäßigkeit der Zweiten NationalbankFinanzwesenAntebellum mit dem Hinweis, die Gründerväter hätten nicht beabsichtigt, die Bundesregierung von den Einzelstaaten abhängig zu machen. In Gibbons v.Ogden (1824)Gibbons v.Ogden (1824) hob MarshallMarshall, John ein vom Staat New YorkNew York verliehenes Schifffahrtsmonopol auf dem HudsonHudson River auf, weil es im Widerspruch zum Recht des Kongresses stand, den Handel zwischen den Staaten (interstate commerce) zu regulieren. Auf diese Weise wirkte der SupremeSupreme CourtWirtschaftspolitik Court der Errichtung von internen Handels- und Verkehrsschranken entgegen und unterstrich demonstrativ den Vorrang der Bundesverfassung vor einzelstaatlichen Gesetzen und Maßnahmen. Mit seiner Strategie, der Bundesregierung einen möglichst weiten Handlungsspielraum zu erhalten und gleichzeitig die Eigentumsrechte von Individuen und inkorporierten Gesellschaften gegen Eingriffe der Staaten zu schützen, geriet MarshallMarshall, John jedoch immer mehr in die Defensive. Als er 1835 starb, stand eindeutig die Doktrin der states’ rights im Vordergrund, deren zentrifugale Dynamik die Unionsbande erheblich lockerte.

LandwirtschaftLandwirtschaft und frühe IndustrialisierungIndustrialisierung

Das wirtschaftlicheWirtschaft Wachstum nahm seinen Ausgang von der Erweiterung der Anbaufläche und der Kommerzialisierung der LandwirtschaftLandwirtschaftKommerzialisierung (1. Hälfte 19.Jh.). Dieser Vorgang erfasste die gesamte Union, trug jedoch regionalspezifische Züge und hatte unterschiedliche Konsequenzen. Enorme agrarische Steigerungsraten erzielte der NordwestenNordwesten, wo die neu entstehenden Familienfarmen Getreide, vor allem Mais, anbauten sowie Fleisch und Milchprodukte erzeugten. Technische Neuerungen wie die von John DeereDeere, John verbesserten Pflugscharen und Mäh- und Dreschmaschinen, die sich schon in den 1840er Jahren durchsetzten, trugen wesentlich zu diesem Boom bei. Die Farmer mussten über den Eigenbedarf hinaus für den Markt produzieren, weil sie nur so die Schuldverpflichtungen erfüllen konnten, die sie für den Aufbau ihrer Existenz notgedrungen eingegangen waren. Dadurch wurden sie allerdings auch von dem oft schwer durchschaubaren Marktgeschehen abhängig, insbesondere von der Zinsentwicklung und den schwankenden Getreidepreisen, die in den Krisen von 1819–1823 und 1839–1843 viele Familien zur Aufgabe und zum Abwandern in die Städte zwangen. Hier suchten sie Arbeit in den Industrien, die inzwischen im Zusammenhang mit der LandwirtschaftLandwirtschaftKommerzialisierung (1. Hälfte 19.Jh.) entstanden waren: in den Schlachthöfen und bei der Fleischverpackung; beim Landmaschinenbau, in der Holzverarbeitung und in Brauereien. Während St. LouisSt. Louis, Missouri weiterhin das „Tor zum WestenWesten“ bildete, stieg ChicagoChicago zum wirtschaftlichenWirtschaft Kraftzentrum des Mittleren WestensMittlerer Westen auf. Hier vollzog sich am anschaulichsten der Übergang vom konkreten geographischen Ort „Markt“, auf dem die Farmer ihre Erzeugnisse verkauften, zum komplexen und abstrakten ökonomischenWirtschaft System „Markt“, das Vieh, Getreide und andere Produkte in standardisierte, industrialisierte Waren verwandelte und in Geldwerte umsetzte.

Entscheidende Bedeutung für die gesamte Region erlangte jedoch der Austausch mit den Ostküstenstaaten, der durch die neuen Verkehrswege ermöglicht wurde. Nachdem man gelernt hatte, Eis zur Kühlung von Eisenbahnwaggons zu nutzen, lieferte der Mittlere WestenWesten nahezu jahreszeitunabhängig Lebensmittel an die Küste. Auf diese Weise wurden die Voraussetzungen für das Entstehen einer MassenkonsumgesellschaftGesellschaftAntebellum geschaffen. Der NordostenNordosten konnte sich nun zunehmend auf Handel, Bankwesen und Industrie spezialisieren, wobei die großen Städte BostonBoston, New YorkNew York City und PhiladelphiaPhiladelphia als Motoren des Wachstums fungierten. Die LandwirtschaftLandwirtschaftKommerzialisierung (1. Hälfte 19.Jh.) hatte in den Neuenglandstaaten stets mit ungünstigen Voraussetzungen zu kämpfen gehabt und kam nun gegen die billige Konkurrenz aus dem Westen nicht mehr an. Da auch der Nordatlantikhandel wegen des starken britischenGroßbritannien Wettbewerbs an Lukrativität einbüßte, erkundeten die Kaufleute neue Möglichkeiten in LateinamerikaLateinamerika, im pazifischen Raum und in AfrikaAfrika. In immer stärkerem Maße floss Handels- und Bankkapital nun aber in Manufakturen und Industriebetriebe. Hierfür wählten die Händler-Unternehmer seltener die Form der inkorporierten Aktiengesellschaft als Partnerschaften oder die alleinige Firmenführung, um möglichst frei von staatlicher Regulierung zu bleiben. Ausgehend von NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen), wurde das traditionelle Handwerkswesen – oft über die „protoindustrielle“ Zwischenstufe der Verlags- oder Heimarbeit – allmählich durch das neue System der FabrikarbeitArbeiter ersetzt. Arbeitsteilung und Mechanisierung zur Senkung der Kosten und zur Steigerung der Produktion ließen in den 1820er Jahren eine Textilindustrie, im Jahrzehnt darauf auch eine Schuhindustrie entstehen. Die ersten Fabrikbelegschaften rekrutierten sich aus FarmerstöchternFrauenArbeitArbeiterFrauen, die in den großen Textilbetrieben von LowellLowell und WalthamWaltham in MassachusettsMassachusetts zu Tausenden unter strenger Disziplin nahezu kaserniert lebten. Viele dieser mill girls empfanden die bescheiden entlohnte Tätigkeit (die sie in der Regel nur bis zur Heirat ausübten) dennoch als Befreiung aus der völligen Abhängigkeit von ihren Familien. Ab 1840 bildeten dann die europäischen EinwandererEinwanderungJahrhundertmitte (19.Jh.) ein größeres und billigeres Reservoir an industriellen ArbeitskräftenArbeiter.

Zwischen 1840 und 1860 nahm die unternehmerische Initiative fast explosionsartig zu. Besonders spektakulär wuchs die IndustrieWirtschaft im NordostenNordosten, wo über die Hälfte der bis dahin 140.000 amerikanischen Fabriken entstand. Hier wurden nun gut zwei Drittel aller heimischen Industriegüter erzeugt, und der Wert der Produktion stieg in den beiden Jahrzehnten von 500 Millionen auf 2 Milliarden Dollar. Die Ausbreitung des FabriksystemsArbeiter signalisierte den Übergang vom „Händler-Kapitalismus“ des frühen 19. Jahrhunderts zum Industriekapitalismus, der in EnglandGroßbritannien bereits weiter fortgeschritten war. Der amerikanische Erfolg ergab sich aus einer Kombination von arbeitskräftesparenden Innovationen und Ausbeutung der im Übermaß vorhandenen natürlichen Ressourcen. Die Dampfkraft, durch Kohle erzeugt, ersetzte allmählich die traditionelle Wasserkraft; beim Kanal- und EisenbahnbauEisenbahnAntebellum lernten die Amerikaner, Werkzeuge und Maschinen zu verbessern und Ersatzteile zu standardisieren. Einen Rückstand gegenüber EnglandGroßbritannien gab es vor allem noch auf dem Gebiet der Eisenproduktion, wo weiterhin Importe aus Europa nötig waren.

Bis zur Jahrhundertmitte verband eine zunehmend komplexe und diversifizierte WirtschaftWirtschaft den NordostenNordosten und den Mittleren WestenMittlerer Westen, zwei Regionen, die sich gut ergänzten und wechselseitig zu erhöhter Aktivität anspornten. Zwar war der Norden insgesamt noch überwiegend agrarisch geprägt, aber der Strukturwandel zur industriellen Gesellschaft zeichnete sich schon deutlich ab: Der Anteil der in der LandwirtschaftLandwirtschaftKommerzialisierung (1. Hälfte 19.Jh.) beschäftigten Amerikaner, der 1820 noch bei 80 Prozent gelegen hatte, ging bis 1850 auf 55 Prozent zurück. Um diese Zeit verdienten immerhin schon 14 Prozent der arbeitenden Bevölkerung ihren Lebensunterhalt in Fabriken, und die Zahl der Menschen, die in Städten mit über 10.000 Einwohnern lebten, näherte sich der 5-Millionen-Grenze. Das Wachstum des inneren Marktes ging einher mit der Expansion des Außenhandels, den Neuengländer und New Yorker YankeesYankee nun bereits weltumspannend betrieben. Große Hoffnungen richteten sich auf den asiatischen Markt, den die amerikanische Regierung durch Verträge mit ChinaChina (1844) und JapanJapanHandelsvertrag von 1855 (1855) zu „öffnen“ hoffte. Das religiöse Moment spielte dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle, denn die Kaufleute folgten häufig den protestantischen Missionaren, die erste Kontakte mit fremden Völkern knüpften.

Expansion und Kommerzialisierung bestimmten auch das Bild des Südens, allerdings auf eine ganz eigene Weise. In den Küstenstaaten des oberen Südens – VirginiaVirginia, MarylandMaryland, DelawareDelaware –, wo die ausgelaugten Böden eine Umstellung von Tabak- auf Weizenanbau erforderlich machten, war wenig Dynamik zu verspüren. Durch den steigenden Bedarf der Textilindustrien in EnglandGroßbritannienWirtschaftsbeziehungen und im amerikanischen NordostenNordosten gewann nun die plantagenmäßige Baumwollproduktion überragende Bedeutung. Das Anbaugebiet und damit auch das System der Sklavenarbeit dehnte sich rasch von South CarolinaSouth Carolina und GeorgiaGeorgia über das Mississippi-DeltaMississippi (Fluss) bis nach TexasTexas aus, und der SüdwestenSüdwesten wurde zur eigentlichen Wachstumszone. Tabak, Reis und Zuckerrohr verschwanden nicht völlig aus der Landschaft, aber King Cotton herrschte unumschränkt als das mit weitem Abstand wichtigste Ausfuhrprodukt. Zwischen 1820 und 1860 verzehnfachte sich der Export von 500.000 auf 5 Millionen Ballen. Bis dahin brachte der Verkauf von BaumwolleBaumwolle rund zwei Drittel des Gesamterlöses ein, den die USA im Außenhandel erzielten. Wichtigste Abnehmer blieben die EngländerGroßbritannienWirtschaftsbeziehungen, die auch ihre traditionelle Funktion als Kreditgeber für die Plantagenbesitzer beibehielten. Die Baumwollpflanzer handelten durchaus als Unternehmer, die gewöhnt waren, in den Marktkategorien von Wettbewerb, Investition, Gewinn, Angebot und Nachfrage zu denken. Sklaven betrachteten sie zugleich als Arbeitskräfte und Kapital, d. h. als eine „Ressource“, die im Zuge des Baumwollbooms knapp und teuer wurde. Rein ökonomisch gesehen, hatte sich die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) keineswegs „überlebt“, sondern versprach weiterhin hohe Profite. Entsprechend wuchs der Druck der Pflanzer auf die Staatenregierungen und den Kongress, die 1808 verbotene Sklaveneinfuhr wieder zu legalisieren. Da sich die Baumwollerzeugung nur durch Vergrößerung der Anbaufläche steigern ließ, werteten die Pflanzer alle Versuche, die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) territorial einzugrenzen, als Beeinträchtigung ihrer Zukunftschancen. Insgesamt herrschte noch der Eindruck ungebrochener Prosperität vor, und selbst die Mehrzahl der Farmer, die wenige oder keine Sklaven besaßen, wurde in den Prozess der Kommerzialisierung einbezogen. Andererseits blieb der Aufbau von Industrien im SüdenSüden gerade wegen des monokulturellen Charakters der Baumwolle in den Anfängen stecken. Aus heutiger Sicht erkennt man, was den meisten Zeitgenossen verborgen blieb: dass die WirtschaftWirtschaft des Südens zwar wuchs, sich aber nicht – im Sinne einer Modernisierung – entwickelte. Dadurch geriet die Region in Abhängigkeit vom Weltmarkt (auf dem Baumwolle vorerst noch gute Preise erzielte) wie von den Bankiers und Kaufleuten aus dem Norden, die Binnenhandel und Küstenschifffahrt kontrollierten.

Sozialer Wandel und ReformbewegungenReformbewegungen im Norden

Das Vordringen marktwirtschaftlicherWirtschaft Strukturen bis an die FrontierFrontier und die beginnende IndustrialisierungIndustrialisierung und UrbanisierungUrbanisierung erzeugten Spannungen, die sich in den Wachstumszonen des Nordens besonders deutlich bemerkbar machten. Schrankenloser Egoismus drohte den Respekt für Ordnung und Stabilität zu zerstören, der Geist des Wettbewerbs nahm wenig Rücksicht auf die Schwachen und Außenseiter, und das Streben nach Glück und Besitz prallte mit dem republikanischen Ideal einer gerechten GesellschaftGesellschaftAntebellum zusammen. In dieser Situation erwuchsen vornehmlich aus der Mittelschicht eine Reihe von Reforminitiativen, die dem wirtschaftlichenWirtschaft und sozialen Wandel moralische Richtung zu geben versuchten.

Trotz der zyklischen Rezessionen, die vielfältige Ursachen hatten und von dem unzulänglichen amerikanischen Kreditsystem regelmäßig noch verschärft wurden, verzeichneten die USA ab 1800 ein durchschnittliches WirtschaftswachstumWirtschaft von einem Prozent pro Jahr. Hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens und des allgemeinen Lebensstandards lagen die Amerikaner damit bereits 1860 vor den Bürgern der westeuropäischen Staaten. Der Zuwachs an Wohlstand kam jedoch den einzelnen Bevölkerungsgruppen – selbst wenn man IndianerNative AmericansAntebellum, Sklaven und freie Afroamerikaner unberücksichtigt lässt – keineswegs gleichmäßig zugute. Auf der einen Seite setzte sich, speziell in den Städten, die Konzentration des Reichtums fort (1860 verfügten 10 Prozent der Bevölkerung über zwei Drittel des nationalen Vermögens), während am entgegengesetzten Ende der sozialen Leiter die Zahl der besitzlosen Tagelöhner und ArbeiterArbeiter zunahm. Zwischen diesen Extremen formierte sich aber eine breite Mittelschicht aus erfolgreichen Farmern und städtischem Bürgertum, deren Wertmaßstäbe, Ideologien und Weltsicht in hohem Maße den „amerikanischen Charakter“ prägten.

Auf die Erfahrung des sozialen Wandels reagierte die Bevölkerung ambivalent: Fasziniert von den Möglichkeiten, die das Neue bot, litten viele Menschen doch unter dem Verlust der traditionellen Werte und sorgten sich um eine ungewisse Zukunft. Das traf vor allem auf die Handwerkerschaft zu, deren Status und Selbstbewusstsein durch das Aufkommen von Maschinen und FabrikarbeitArbeiter gefährdet waren. Gegen das vordringende marktwirtschaftliche System hielten Handwerker und Gesellen am beharrlichsten das Ideal des RepublikanismusRepublikanismus hoch, den Glauben, dass jeder Bürger Anspruch auf politische Mitsprache und wirtschaftlicheWirtschaft Unabhängigkeit habe und dass er entsprechend seinen individuellen Leistungen bezahlt werden müsse. Aus den Handwerkervereinigungen gingen die ersten GewerkschaftenGewerkschaften hervor, die sich 1834 zur National Trades’ UnionNational Trades’ Union zusammenschlossen. Die republikanische Ideologie verschwand also keineswegs aus dem öffentlichen Bewusstsein, sondern lieferte eine zumindest rhetorisch wirksame Waffe gegen die Kräfte der Marktwirtschaft und des Kapitalismus. Republikanisches Gedankengut erwies sich dabei als recht anpassungsfähig und wurde – von der Kritik staatlicher und privater Monopole über die Denunzierung „aristokratischer“ Politiker und Bankiers bis zur Verteidigung des Streikrechts – vielen Bedürfnissen gerecht.

Aufs Ganze gesehen überwogen Optimismus und eine teils nüchternpragmatische, teils emotional-erwartungsvolle Haltung. Als Teilnehmer am Marktgeschehen lernten die Menschen zu kalkulieren und auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, ohne dabei – von Einzelfällen abgesehen – die Bedürfnisse der Umgebung und das Gesamtwohl völlig aus den Augen zu verlieren. Die tägliche Erfahrung der – geographischen und sozialen – Mobilität, die Pioniersituation an der Siedlungsgrenze und eine Arbeitsethik, die jedem Erfolg versprach, wenn er sich nur genügend anstrengte, sparsam wirtschaftete und einen moralisch einwandfreien Lebenswandel führte, wirkten der Ausbildung von Klassenbewusstsein entgegen. Die Amerikaner fühlten sich jedoch hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung auf Befreiung, Verbesserung und „Zivilisierung“ des Individuums und dem Verlangen nach sozialer Ordnung, Stabilität und Disziplin. Auf der einen Seite nahm das traditionelle, von Vorstellungen der Erbsünde beeinflusste Menschenbild im Zuge der religiösen Erweckungsbewegungen und durch die Vermittlung europäischen Gedankenguts positivere Züge an: Die Natur des Menschen galt nun im Prinzip als gut, und der GesellschaftGesellschaftAntebellum wurde die Aufgabe gestellt, dem Einzelnen die freie Entfaltung seiner Anlagen und Fähigkeiten zu ermöglichen. Die Erwartung des Millenniums ging allmählich über in die Hoffnung, die Menschen ließen sich schon im Diesseits „perfektionieren“. Andererseits empfanden gerade wohlsituierte Angehörige der Mittelschicht die Entstehung eines ungebildeten, „unmoralischen“ Proletariats aus IndustriearbeiternArbeiter und Neueinwanderern als beängstigend. Dem Bemühen, diese Widersprüche zu lösen, entsprangen die vielfältigen Reformbestrebungen, die zu den auffallendsten kulturellen Erscheinungen der Epoche zählen. Den religiösen Hintergrund des Reformeifers erkannte schon Alexis de TocquevilleTocqueville, Alexis de, der die USA Anfang der 1830er Jahre bereiste und in seinem Buch De la Démocratie en AmériqueDe la Démocratie en Amérique (1835) schrieb, in der Neuen Welt gehe der Geist der Religiosität mit dem Geist der Freiheit Hand in Hand, und das gesellschaftlicheGesellschaftAntebellum Gefüge der Vereinigten Staaten ruhe auf den moralischen Grundsätzen der christlichen ReligionReligion.

Die ReformbewegungReformbewegungen1. Hälfte 19.Jh. hatte ihren Ursprung in dem so genannten burned-over district im westlichen New YorkNew York um die Stadt RochesterRochester, New York, wo der presbyterianischePresbyterianer Prediger Charles G. FinneyFinney, Charles G. zur Zeit des Kanalbaufiebers in den 1820er Jahren ein revival auslöste, das bald alle protestantischen Bekenntnisse erfasste. Die Wirkungen reichten weit über die religiöse Sphäre und über den Staat New York hinaus. Von Anfang an kennzeichnend war die starke Beteiligung von FrauenReformbewegungen1. Hälfte 19.Jh.FrauenReformbewegungen aus der Mittelschicht. Sie ergriffen die Gelegenheit, der Passivität und Isolierung zu entrinnen, die durch die strikte Rollenverteilung in der bürgerlichen Familie gefördert wurden. Der Strom der religiös-reformerischen Aktivitäten teilte sich im Wesentlichen in zwei Richtungen auf: Einerseits war ein Hang zum Separatismus und zum Entwurf utopischer Gegenwelten zu beobachten, andererseits eine weltoffene Verbindung von Religiosität, IndividualismusIndividualismus und sozialem Engagement. Zur ersten Kategorie gehörten die ShakerShaker, deren Name von einem rituellen Tanz herrührt und die in den 1840er Jahren im NordostenNordosten und NordwestenNordwesten ca. 20 Gemeinden mit 6000 Mitgliedern bildeten. Sie führten ein eheloses, zölibatäres Leben, bekannten sich zur Gleichheit der Geschlechter und betrauten häufig FrauenFrauenReformbewegungen mit Führungsaufgaben. Stärker weltliche, teilweise schon frühsozialistischeSozialismus Züge trugen die Gemeinschaftsexperimente von New HarmonyNew Harmony, Indiana in IndianaIndiana, von Brook FarmBrook Farm, Massachusetts in MassachusettsMassachusetts und von OneidaOneida, New York im westlichen New York. New HarmonyNew Harmony, Indiana wurde 1825 von dem schottischen Industriellen und Philanthropen Robert OwenOwen, Robert als Village of Cooperation gegründet, in dem alle Mitglieder völlig gleichberechtigtReformbewegungen1. Hälfte 19.Jh. zusammenleben und -arbeiten sollten. Obwohl das Projekt keine lange Lebensdauer hatte, entstanden immer wieder neue Gemeinden von OwenitesOwenites. In Brook FarmBrook Farm, Massachusetts suchte ab 1841 eine Gruppe Bostoner Bürger, darunter die Schriftsteller Ralph Waldo EmersonEmerson, Ralph Waldo und Nathaniel HawthorneHawthorne, Nathaniel, die ideale GesellschaftGesellschaftAntebellum und die Synthese von Geist und Natur zu verwirklichen. Die Oneida Perfectionists lehnten jede Form von Privatbesitz ab, stellten eigene Regeln für die sexuellen Beziehungen untereinander auf und erzogen ihre Kinder gemeinsam. Während die meisten dieser utopischen Gemeinschaften nach relativ kurzer Zeit an wirtschaftlichen oder psychologischen Schwierigkeiten scheiterten, hielt sich Oneida mit ca. 300 Personen bis in die 1880er Jahre, sorgte allerdings auch durch den Versuch, ideale Menschen zu „züchten“, für negatives Aufsehen.

Eine Mittelposition zwischen Weltflucht und WeltverbesserungReformbewegungen1. Hälfte 19.Jh. nahmen die MormonenMormonen ein, die mit großen Anfangsschwierigkeiten kämpfen mussten, dafür aber umso erstaunlichere langfristige Erfolge erzielten. Joseph SmithSmith, Joseph hatte die Religionsgemeinschaft nach Bekehrungserlebnissen während der 1820er Jahre im westlichen New YorkNew York ins Leben gerufen, um die „Heiligen der letzten Tage“ zu sammeln und das „neue Jerusalem“ zu bauen. 1830 fasste er seine Offenbarungen in dem Book of MormonBook of Mormon zusammen, dessen Botschaft hauptsächlich bei einfachen Leuten Gehör fand, die wenig Anteil am Wirtschaftsboom entlang des Erie-Kanals hatten. Durch eine strikte soziale Organisation, die den Kirchenältesten uneingeschränkte Macht gab, weckten die Mormonen viel Misstrauen. Mit seiner rasch auf 30.000 Menschen wachsenden Anhängerschar zog Smith Anfang der 1840er Jahre über MissouriMissouri (Staat) und OhioOhio bis IllinoisIllinois, wo er die Stadt Nauvoo gründete. Interner Streit über die Praxis der Polygamie, die Smith nach einer neuen Erleuchtung befürwortete, und Anfeindungen von außen endeten 1844 mit der Verhaftung und Ermordung des Religionsstifters und seines Bruders. Aus diesem Ereignis zogen die Führer der Pro-Polygamie-Fraktion den Schluss, dass sie ihre religiöse Freiheit nur jenseits der Grenzen der USA wahren konnten. Smiths Nachfolger Brigham YoungYoung, Brigham führte daraufhin fast 12.000 Gläubige mehrere tausend Kilometer durch die Prärie und über Gebirgspässe nach WestenWesten. Auf spanischem Territorium, am Great Salt LakeGreat Salt Lake, ließen sie sich nieder und begannen unter einer theokratischenTheokratie Regierungsform mit dem Bau von Bewässerungssystemen und der planvollen Anlage agrarischer Gemeinden. Als in den 1850er Jahren nicht-mormonische Siedler in das von MexikoMexiko abgetretene Gebiet vordrangen und die Bundesregierung ihre Aufmerksamkeit dem neuen UtahUtah-Territorium zuwandte, leisteten die Mormonen Widerstand, der sogar gewaltsame Formen annahm. Auch nach dem Bürgerkrieg wehrten sie sich noch lange gegen die Forderung Washingtons, die Vielehe abzuschaffen. Als die transkontinentale EisenbahnEisenbahn2. Hälfte 19.Jh.EisenbahnAntebellum gebaut war und die USA wirtschaftlich immer enger zusammenwuchsen, kam aber eine radikal-separatistische Politik nicht mehr in Frage. 1896 beugte sich Utah dem Druck von Kongress und Supreme CourtSupreme Court, erklärte die Polygamie für illegal und wurde als Staat in die Union aufgenommen.

Die organisierten ReformbewegungenGesellschaftAntebellumReformbewegungen1. Hälfte 19.Jh. ähnelten einander darin, dass sie gesellschaftlicheGesellschaftAntebellum Missstände auf moralische Verfehlungen zurückführten, die sich durch kollektive Buße und Umkehr überwinden ließen. Sie schöpften ihre Kraft aus dem evangelikalen ProtestantismusProtestantismus und dem Selbstbewusstsein des Bürgertums, und ihre wichtigsten Instrumente waren die Reform SocietiesReform Societies, private Vereinigungen von Gleichgesinnten, deren Allgegenwart TocquevilleTocqueville, Alexis de beeindruckte: Seiner Meinung nach fand das „Prinzip des bürgerlichen Zusammenschlusses“ nirgends so erfolgreich für die unterschiedlichsten Zwecke Verwendung wie in den USA, wo man davon ausgehe, dass sich jede Aufgabe mittels einer gemeinsamen Willensanstrengung lösen lasse. Das Bemühen der Reformer galt hauptsächlich denen, die unter den sozialen Veränderungen litten, die benachteiligt waren oder ganz von der GesellschaftGesellschaftAntebellum ausgegrenzt wurden. Ihre Aktivitäten blieben weitgehend unkoordiniert, wenngleich sie im Laufe der Zeit durchaus lernten, Einfluss auf Parlamente und Regierungen auszuüben, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Erst im Nachhinein hat man die gesamte Bewegung wegen des kompromisslosen Strebens nach moralischer Reinheit und des Vertrauens auf private Wohltätigkeit unter dem Begriff Benevolent EmpireBenevolent Empire zusammengefasst.

Im starken Alkoholkonsum glaubten viele Reformer die Quelle zu erkennen, aus der die schlimmsten Übel wie Verbrechen, Armut, Misshandlung von Frauen und Prostitution flossen. Die Initiative ergriff der presbyterianischePresbyterianer Pfarrer Lyman BeecherBeecher, Lyman aus BostonBoston, der seit Mitte der 1820er Jahre in NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) die totale Abstinenz predigte. In der Folgezeit traten mehr als eine Million Menschen, die meisten von ihnen ArbeiterArbeiter, lokalen oder regionalen TemperanceTemperenzbewegung Societies bei und legten das Gelübde ab, keinen Alkohol oder zumindest keinen „hard liquor“ mehr zu trinken. Der Kampf für Prohibitionsgesetze führte aber nur in wenigen Staaten zum Erfolg, weil sich irischeEinwanderungEthnienIren und deutscheEinwanderungEthnienDeutsche EinwandererEinwanderungJahrhundertmitte (19.Jh.) vielerorts heftig gegen den Zwang zur Nüchternheit wehrten.

Ein anderer ReformschwerpunktReformbewegungen1. Hälfte 19.Jh. war seit den 1830er Jahren das öffentliche BildungswesenBildungswesen. Dessen Verbesserung sollte nicht nur der Entfaltung der Persönlichkeit und dem Fortschritt der Nation dienen, sondern schien auch besonders geeignet, sozialeGesellschaftAntebellum Spannungen abzubauen und die Eingliederung der Immigranten zu erleichtern. Die Vorreiterrolle spielte, wie stets auf diesem Gebiet, der Staat MassachusettsMassachusetts, der 1837 einen Board of Education unter dem Reformer Horace MannMann, Horace einsetzte. Mann sorgte dafür, dass neue Schulen gebaut, die LehrerausbildungBildungswesen verbessert und feste Lehrpläne aufgestellt wurden. Bis 1850 errichteten die Neuenglandstaaten ein aus Steuergeldern finanziertes System von Elementarschulen, an denen zehn Monate im Jahr unterrichtet wurde und die auch Jungen und Mädchen aus der Unterschicht offenstanden. Massachusetts führte 1852 als erster Staat die Schulpflicht ein; auch freie AfroamerikanerAfroamerikanerBildung erhielten Unterricht, allerdings zumeist in rassengetrennten Schulen. Gemessen daran blieben die BildungschancenGesellschaftAntebellum im WestenWesten auf Grund der geringen Bevölkerungsdichte und der Geldknappheit (oder wegen des mangelnden Verständnisses der Farmbevölkerung) eingeschränkt. Immerhin besuchten 1860 im Norden bereits über 70 Prozent der Kinder eine Grundschule, und die AlphabetisierungsrateBildungswesen von 94 Prozent war auf der ganzen Welt unübertroffen.

Auf die unhaltbaren Zustände in den Gefängnissen wiesen Reformer wie die Lehrerin Dorothea DixDix, Dorothea aus MassachusettsMassachusetts hin. Hinter ihren Mauern vegetierten, auf engstem Raum zusammengepfercht, Kriminelle, Geisteskranke, Obdachlose und Schuldner, die das geliehene Geld nicht zurückzahlen konnten. Die Female Moral Reform SocietyFemale Moral Reform Society (1963) machte es sich zur Aufgabe, die Schuldhaft und öffentliche Hinrichtungen abzuschaffen, Heime für die geistig und psychisch Kranken einzurichten und die Armen und unversorgten Alten in almshouses unterzubringen. Die neuen Gefängnisse glichen Manufakturbetrieben, in denen die Häftlinge durch strenge Disziplin und Zwangsarbeit auf sinnvolle Tätigkeiten in der Freiheit vorbereitet werden sollten. Armut wurde nicht mehr als gottgegeben hingenommen, sondern galt als Folge charakterlicher Mängel, die sich durch Erziehung beheben ließen. Gegen Mitte des Jahrhunderts ließ der Reformimpuls allerdings schon wieder nach, so dass überfüllte Gefängnisse und Heime die Regel blieben.

Das religiös-reformerische Ferment, das die Kultur des Nordens in Bewegung hielt, fand in der südstaatlichen SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) einen weiteren wichtigen Angriffspunkt. Beflügelt durch das Verbot der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) im britischenGroßbritannien Empire 1833 und in Opposition zu den Siedlungsplänen der American Colonization SocietyAmerican Colonization Society, die nur einer kleinen Zahl freier Schwarzer zugutekamen, entstand in den 1830er Jahren eine Antisklavereibewegung unter radikalem Vorzeichen. Hauptinitiator war William Lloyd GarrisonGarrison, William Lloyd aus MassachusettsMassachusetts, ein Journalist, der in seiner Bostoner Wochenzeitung LiberatorLiberator gegen graduelle Reformen und für die sofortige und vollständige EmanzipationAfroamerikanerEmanzipation der Sklaven eintrat. Aus einem Konvent in PhiladelphiaPhiladelphia ging 1833 die American Anti-Slavery SocietyAmerican Anti-Slavery Society hervor, die fünf Jahre später schon 1350 lokale Gesellschaften mit 250.000 Mitgliedern zählte. Die Bewegung sprach auch die fast 400.000 freien Afroamerikaner an, die in Frederick DouglassDouglass, Frederick, einem aus MarylandMaryland nach BostonBoston geflohenen ehemaligen Sklaven, ihren Sprecher fanden. Die Zeitung North StarNorth Star, die DouglassDouglass, Frederick seit seiner Übersiedlung in den Staat New YorkNew York in RochesterRochester, New York herausgab, propagierte nicht nur die Befreiung der Sklaven, sondern ihre rechtliche und soziale Gleichstellung mit den Weißen. Die „Abolitionisten“Abolitionisten, wie sich die Sklavereigegner nannten, waren allerdings nicht nur bei den Weißen des Südens verhasst, sondern erschienen auch vielen Nordstaatlern als FanatikerGesellschaftAntebellum, die den inneren Frieden der Nation bedrohten. Attacken weißer Mobs auf abolitionistischeAbolitionisten Redner und Drucker steigerten jedoch nur die Entschlossenheit und Kreuzzugsmentalität ihrer Anhänger. In den 1840er Jahren fächerte sich die Bewegung weiter auf: Während gemäßigte Kräfte ihre Aktivitäten zunehmend in Parteien und Parlamente verlegten, organisierten entschiedenere AbolitionistenAbolitionisten ein System von Fluchtwegen (underground railroad) für Sklaven in den Norden bis nach KanadaKanadaUS Sklaverei, und einige schwarze und weiße Extremisten befürworteten sogar gewaltsame Lösungen. GarrisonGarrison, William Lloyd selbst lehnte die Anstachelung zu Sklavenaufständen ab, wandte sich dafür aber gegen die VerfassungVerfassung, die er wegen der Sklavereiartikel für hoffnungslos kompromittiert hielt, und erhob die radikale Forderung, man solle notfalls die Sklavenstaaten aus der Union ausschließen. Im Kongress fand die abolitionistischeAbolitionisten Agitation wenig Widerhall, weil die Südstaatler 1836 durch die so genannte gag ruleGag Rule (1836) erreicht hatten, dass Anti-SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner)-Petitionen routinemäßig ohne Diskussion zu den Akten gelegt werden mussten. Umso gewaltiger war das öffentliche Echo, das Harriet Beecher StoweBeecher Stowe, Harriet, die Tochter Lyman BeechersBeecher, Lyman und Ehefrau eines Pfarrers in MaineMaine, Anfang der 1850er Jahre mit ihrem Roman Uncle Tom’s CabinUncle Tom’s Cabin erzielte. Der Bestseller-Erfolg dieses Werkes, das die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) auf einfühlsame, teils sentimentale Weise als unmoralische, Individuen, Familien und das Gemeinwesen zerstörende Einrichtung attackierte, zeigte an, dass der Anti-SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner)-Protest in ein neues Stadium getreten war.

Im Zusammenhang mit dem AbolitionismusAbolitionisten formierte sich schließlich auch die erste amerikanische FrauenbewegungGesellschaftAntebellumFrauenFrauenbewegung. FrauenAbolitionistenFrauen waren in den abolitionistischen Organisationen stark vertreten und unterhielten sogar eigene lokale Gruppen. An der Frage, ob sie Führungspositionen auf nationaler Ebene übernehmen sollten, schieden sich jedoch die Geister: GarrisonGarrison, William Lloyd, der eng mit den Schwestern SarahGrimké, Sarah und Angelina GrimkéGrimké, Angelina zusammenarbeitete, bejahte sie; aber eine gegnerische Fraktion – die auch an Garrisons Eigensinnigkeit und seiner kritischen Sicht der VerfassungVerfassung als eines „covenant with death“ Anstoß nahm, lehnte sie strikt ab und verließ die American Anti-Slavery SocietyAmerican Anti-Slavery Society. Schmerzlich empfanden engagierte FrauenFrauen auch die Zurücksetzung, die weiblichen Delegierten aus den USA 1840 auf dem internationalen Anti-SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner)-Kongress in LondonLondon von den Organisatoren zuteilwurde. Die reformerischen FrauenFrauenFrauenbewegung wehrten sich außerdem gegen den aufkommenden bürgerlichen „Kult der Häuslichkeit“ (cult of domesticityCult of Domesticity), der immer höhere Barrieren zwischen der Sphäre des Familienlebens und der (männlichen) Arbeitswelt errichtete. 1848 beriefen Lucretia MottMott, Lucretia, eine QuäkerinQuäker aus PhiladelphiaPhiladelphia, und Elizabeth Cady StantonStanton, Elizabeth Cady, die Tochter eines New Yorker Richters, die sich in London begegnet waren, einen Frauenrechts-Konvent nach Seneca FallsSeneca Falls im Norden New Yorks ein. An dem Treffen nahmen auch einige männliche AbolitionistenAbolitionisten wie Frederick DouglassDouglass, Frederick teil. Der Konvent verabschiedete eine von der Ideologie des RepublikanismusRepublikanismus durchdrungene Declaration of SentimentsDeclaration of Sentiments, die mit Bezug auf die UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung feststellte, dass „alle Männer und Frauen gleich geboren sind“. Die FrauenbewegungFrauenFrauenbewegungAbolitionistenFrauen proklamierte bereits das WahlrechtFrauenWahlrechtWahlrechtFrauen als „Grundstein des Unternehmens“, aber in der Praxis gaben sich die Reformerinnen vorerst mit bescheidenen Verbesserungen im BildungswesenBildungswesen und beim Eigentumsrecht verheirateter Frauen zufrieden. Als sich die sektionale KriseSektionale Konflikte in den 1850er Jahren verschärfte, ordneten sie ihre eigenen Wünsche vorerst dem großen Ziel der Beseitigung der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) unter. Dennoch galten die USA aus europäischer Sicht schon vor dem Bürgerkrieg als das „Land des Matriarchats“, in dem die Männer angeblich ihre Ehefrauen verwöhnten und im Schaukelstuhl wiegten. Dieses Stereotyp traf nur insofern zu, als Frauen in den Vereinigten Staaten wohl auf Grund des Männerüberschusses seit der Kolonialzeit einen höheren gesellschaftlichen Status genossen als in der „Alten Welt“. Das brachte auch günstigere BildungsmöglichkeitenBildungswesen für Mädchen und ein relativ freiheitliches, affektives Eltern-Kind-VerhältnisGesellschaftAntebellum mit sich, das zu den kennzeichnenden Merkmalen der amerikanischen Familienstruktur gerechnet wird.

Die Sonderkultur des Südens

Die Südstaaten nahmen durchaus am Prozess der Kommerzialisierung und marktwirtschaftlichen Integration teil, blieben aber kulturell doch viel stärker der Vergangenheit zugewandt. Im SüdenSüden bildeten sich eigene Sitten, Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und Rechtsverhältnisse heraus. Es entstand eine eigentümliche Mischung aus paternalistischen und demokratischen, traditionellen und modernen Elementen, eine Gesellschaft, die kapitalistisches Gewinnstreben und das Ideal der Ritterlichkeit ohne weiteres miteinander vereinbaren konnte. Das Sklavereisystem, auf dem die WirtschaftWirtschaft fußte und das man euphemistisch als peculiar institutionpeculiar institution umschrieb, wirkte in alle Daseinsbereiche hinein. Es grenzte den Süden nicht nur sozial und kulturell vom Norden ab, sondern teilte die Region selbst in eine dominante weiße und eine eher im Verborgenen existierende afroamerikanischeAfroamerikaner Lebens- und Kulturgemeinschaft. Dabei war schon der weiße Süden alles andere als homogen und monolithisch. Ein Viertel aller Familien besaß Sklaven, aber die Hälfte von ihnen weniger als fünf, und nur etwa 3000 Pflanzerfamilien (= ein Prozent) konnten über mehr als 100 Sklaven verfügen. Die größte Bevölkerungsgruppe machten nicht die wohlhabenden oder weniger wohlhabenden Sklavenhalter und die mit ihnen eng verbundenen Berufe wie Händler und Anwälte aus, sondern die Familienfarmer (yeomen), die über den Eigenbedarf hinaus für den Markt produzierten. Weitere 10 Prozent der insgesamt 8,8 Millionen weißen Südstaatler lebten 1860 in ärmlichen Verhältnissen in den unfruchtbaren pine barrens des Hinterlandes und betrieben Subsistenzwirtschaft. Diese sozialen Unterschiede wurden durch den Stadt-Land-Gegensatz und eine regionale Differenzierung ergänzt, denn die Lebensverhältnisse in den Küstenregionen und im MississippideltaMississippi (Fluss) wichen erheblich von denen im dünn besiedelten Landesinnern und an der südwestlichen FrontierFrontier ab.

Es gab also durchaus Interessengegensätze, insbesondere zwischen den Pflanzern und Händlern auf der einen und den Farmern und Pionieren auf der anderen Seite, die ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit bedroht sahen. Dennoch verband die weiße Bevölkerung eine Solidarität, die sich zum BürgerkriegBürgerkrieg hin in einen regelrechten Südstaaten-Nationalismus steigerte. Diese Solidarität erwuchs zum einen aus rassischen SuperioritätsgefühlenAfroamerikanerRassismus gegenüber den Schwarzen, zum anderen aus dem geistigen Bann, in den Konzepte und Bilder der Pflanzerideologie wie „Ritterlichkeit“, „Stolz“, „Ehre“, der „Kavalier“ oder die „Southern Lady“ auch die einfachen Weißen schlugen. In der Öffentlichkeit und in den Parlamenten, wo die Pflanzerelite zwar noch überrepräsentiert war, aber keineswegs mehr allein das Sagen hatte, herrschte Einmütigkeit über die besonderen Tugenden und moralischen Vorzüge des southern way of life. Nahezu ohne Widerspruch vollzog sich seit der Jahrhundertwende der Übergang von einer defensiven zu einer offensiv-kämpferischen Rechtfertigung der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) als eines positiven Guts. Dieses neuartige pro-slavery argument, das bis zu einem gewissen Grade eine Reaktion auf den AbolitionismusAbolitionisten darstellte, hatte viele Facetten: Aus der Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart leitete man ab, dass Ungleichheit eine natürliche menschliche Bedingung sei; der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) wurde eine Schutzfunktion für die sozial Schwachen zugeschrieben, die den „Lohnsklaven“ in den Fabriken des Nordens versagt blieb; die Bibel ließ sich so auslegen, dass die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) als ständige Herausforderung an die Weißen erschien, Nächstenliebe zu üben. Eine solche Position bezogen die KirchenKirchen im SüdenSüden ganz offiziell, was in den 1840er Jahren zur Spaltung der MethodistenMethodisten und BaptistenBaptisten in je einen nördlichen und südlichen Flügel führte. Insgesamt schloss sich der weiße Süden immer enger zusammen, um seine Interessen und seine überlieferten Werte und Ideale gegen die Bedrohung zu verteidigen, als die er die individualistische und egalitäre Gesellschaft des Nordens wahrnahm.

Es spricht für die Belastbarkeit und den Durchhaltewillen der AfroamerikanerAfroamerikaner, dass sie unter dem extremen Druck eines rassischen Ausbeutungssystems zumindest ein gewisses Maß an kultureller Autonomie und Identität wahren oder entwickeln konnten. Trotz der in vieler Hinsicht offenkundigen Brutalität und Unmenschlichkeit der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) ließ die nordamerikanische Variante dieses globalen Phänomens ihren Opfern Spielräume, die sie zu nutzen verstanden. Um 1840 war bereits die Mehrheit der 2,5 Millionen SklavenAfroamerikanerBevölkerungsentwicklung in Amerika geboren, und es gab – anders als in der KaribikKaribik und Südamerika, wo die Männer überwogen – etwa gleich viele schwarze Männer und FrauenAfroamerikanerFrauen. Im Laufe der folgenden 20 Jahre stieg die Zahl der Sklaven fast ausschließlich durch natürliche Vermehrung noch einmal um ca. 1,4 Millionen an, und der Schwerpunkt der afroamerikanischen Bevölkerung verlagerte sich durch eine erzwungene BinnenwanderungAfroamerikanerBinnenwanderung von der Ostküste zum MississippideltaMississippi (Fluss). Zwar arbeiteten die meisten Sklaven und Sklavinnen nach wie vor auf den Baumwollplantagen (1860 ca. 60 Prozent), aber eine wachsende Zahl war in Handwerksbetrieben tätig bzw. wurde von den Besitzern als ArbeiterArbeiter an Manufakturen und Industriebetriebe „ausgeliehen“ oder „vermietet“. Die ca. 250.000 freien Schwarzen des Südens fanden vor allem als Handwerker, Kleinhändler und Dienstleistende (z.B. Friseure) in den größeren Gemeinden ein Auskommen. Einige Städte wie New OrleansNew Orleans wiesen einen relativ hohen Anteil von mixed-race Personen und freien Schwarzen (gens de couleur libre) auf, die als Elite in der Spannung zwischen Rassensolidarität und Anpassung an weiße Normen standen. Nach der Sklavenemanzipation auf den britischenGroßbritannien KaribikinselnKaribik und in MexikoMexiko engten allerdings viele Südstaaten aus Angst vor Rebellionen den Bewegungsspielraum der freien AfroamerikanerAfroamerikaner durch Zusätze zu ihren slave codes wieder erheblich ein.

Diese Aufstandsfurcht, die den weißen SüdenSüden seit der haitianischen Revolution und der 1800 in VirginiaVirginia aufgedeckten, durch das Geschehen in der KaribikKaribik inspirierten Verschwörung des Gabriel ProsserProsser, Gabriel plagte, war nicht völlig unbegründet. 1822 wurde eine von dem freien Schwarzen Denmark VeseyVesey, Denmark geplante Erhebung mehrerer tausend Sklaven in South CarolinaSouth Carolina kurz vor ihrem Beginn vereitelt, und 1831 fielen 59 Menschen dem Mordzug des visionären schwarzen Predigers Nat TurnerTurner, Nat durch Southampton County, VirginiaSouthampton County, Virginia, zum Opfer. Angesichts der militärischen Überlegenheit der Sklavenbesitzer konnte das System als solches jedoch auf gewaltsame Weise – sei es durch kollektive Aktionen oder durch einzelne Mordanschläge – nicht erschüttert werden. Widerstandsbereiten Sklaven boten sich Alternativen wie Sabotage (z.B. Zerstörung von Werkzeugen und Maschinen bis hin zur Brandstiftung), Arbeitsverweigerung (etwa durch Vortäuschen von Krankheit) oder Flucht (in den Norden, nach Mexiko oder in die Anonymität freier schwarzer Gemeinden). Sehr häufig kam es auch zu spontanen Konfrontationen zwischen individuellen Sklaven und ihren Aufsehern oder Besitzern, die häufig mit der Flucht des Sklaven endeten. Die Schätzungen, wie viele Schwarze nach 1830 auf eigene Faust oder über die underground railroad in den Norden und in das „gelobte Land“ KanadaKanadaUS Sklaverei gelangten, variieren zwischen 30.000 und 100.000. Besondere Verdienste als Fluchthelferin erwarb sich die ehemalige Sklavin Harriet TubmanTubman, Harriet, die selbst von einer Plantage in MarylandMaryland floh und später über 70 Verwandten und Nachbarn zur Flucht verhalf. Von einer weitgehenden „Zufriedenheit“ der AfroamerikanerAfroamerikaner, wie lange Zeit in der Literatur behauptet wurde, kann jedenfalls keine Rede sein. Am häufigsten war aber wohl das schlichte Bemühen, sich so gut wie möglich einzurichten und das Leben in der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) erträglich zu gestalten. Hier liegen die Wurzeln für eine distinkte afroamerikanische Kultur.


Abb. 6: Harriet Tubman Anfang der 1870er Jahre

Da die Kleinfamilie jederzeit auseinandergerissen werden konnte, und da junge Sklavinnen häufig Opfer sexueller Ausbeutung durch ihre Besitzer wurden, kam dem größeren Familienverband zentrale Bedeutung zu. Unter seinem Dach entwickelte sich eine spezifische schwarze Familienmoral, die enge Bindungen an die Verwandten (kinship ties) betonte und Nachbarn verpflichtete, notfalls Verwandtschaftsrollen zu übernehmen. Einen weiteren wesentlichen Bezugspunkt im Leben der Sklaven bildete die ReligionReligion, zum Teil noch in Form von afrikanischenAfrika Kulten, hauptsächlich aber als protestantisches Christentum, zu dem sich seit Ende des 18. Jahrhunderts immer mehr Schwarze bekannten. Auf ganz charakteristische Weise hatten sie teil an den Erweckungsbewegungen des frühen 19. Jahrhunderts: Schwarze Prediger, zumeist MethodistenMethodisten oder BaptistenBaptisten, übertrugen in ihrer Bibelauslegung die Vorstellung vom „auserwählten Volk“ auf die versklavten Brüder und Schwestern und gaben ihnen Hoffnung, dass Gott sie aus der „ägyptischen Gefangenschaft“ erlösen und die ungerechten weißen Herren bestrafen werde. Dagegen begannen Unterschiede, die aus der Zeit vor der Versklavung herrührten, zu verblassen. So wurden zwar noch heimatliche Dialekte gesprochen, aber die meisten Schwarzen verständigten sich untereinander und mit den Weißen in einer selbstgeschaffenen Sprache (GullahGullah), die englische Vokabeln mit grammatischen Formen aus AfrikaAfrika verband und in den Carolinas gesprochen wurde, oder in Mundarten des Englisch (pidgin oder Black English). Das kulturelle Erbe AfrikasAfrika lebte vor allem im Tanz, in der expressiven Musik und den Gesängen (spirituals) fort, die Gottesdienste und Familienfeste belebten und eine Art seelische Therapie gegen die eintönige Arbeit boten. Aus allen diesen Elementen – Familie, Sprache, Religion, Kunst – formte sich ein Bewusstsein der Andersartigkeit und der Verbundenheit, die sich im Untergrund formierte. Was den schwarzen Sklaven – im Unterschied etwa zu den russischen leibeigenen Bauern – jedoch fehlte, waren Ansätze einer politischen Organisation und Selbstverwaltung. Es blieb bei einer afroamerikanischenAfroamerikanerKultur Subkultur, die dazu beitrug, den Unterschied zwischen Norden und SüdenSüden noch mehr zu betonen. Als wirtschaftliches System „funktionierte“ die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) bis in den Bürgerkrieg, aber der Preis, den der Süden dafür entrichten musste, war eine tief gespaltene, auf Gewalt gegründete und deshalb letztlich instabile Gesellschaft.

3 Der Übergang zur Parteiendemokratie
Das Parteienverständnis im Wandel

Eine der wichtigsten mentalen Veränderungen, die mit der „MarktrevolutionMarktrevolution“ einhergingen, betraf die Einstellung zu den Parteien. Obwohl parties schon seit längerem zum politischen Alltag gehörten, galten sie bis in die 1820er Jahre hinein als Fremdkörper in einem wohlgeordneten republikanischen Staatswesen. John Quincy AdamsAdams, John Quincy stand noch ganz in der Tradition der „Präsidenten über den Parteien“, ja er trieb sie sogar auf die Spitz e, indem er sich ausdrücklich weigerte, im Kongress und in der Öffentlichkeit für seine Vorhaben zu werben. Das Emporkommen neuer politischer Eliten in den Einzelstaaten und der Druck von der Wählerbasis, den grassroots, wirkten nun aber zusammen, um eine solche Haltung zunehmend obsolet zu machen. Am deutlichsten manifestierte sich das Verlangen nach politischer Demokratie in den Wahlrechtsänderungen, die fast überall vorgenommen wurden. Einige Staaten weiteten das WahlrechtWahlrecht auf alle Steuer zahlenden Männer aus, andere gaben die traditionelle Verbindung zwischen Besitz und Bürgerrechten ganz auf. Da die neuen Staaten im WestenWesten zumeist von Anfang an das allgemeine Wahlrecht für weiße Männer einführten, gab es 1830 in 20 der 26 Staaten überhaupt keine Zensusbestimmungen mehr. Immer mehr Staaten gingen auch dazu über, ihre Gouverneure, Präsidenten-Wahlmänner und Richter durch Volkswahl bestimmen zu lassen. Entsprechend nahmen das Interesse und die Beteiligung der Bürger zu; die Presse erhöhte den Unterhaltungswert der Wahlkämpfe, und Politik wurde endgültig zu einem Massenphänomen.

Vor diesem Hintergrund verlor der Begriff „Demokratie“, der zu Beginn des Jahrhunderts noch mit schrankenloser Mehrheitsherrschaft gleichgesetzt worden war, seinen negativen Beiklang. Gleichzeitig änderte sich das Bild der Parteien, die nun mehr und mehr als legitime, für die Willensbildung in einer Demokratie unerlässliche Einrichtungen erschienen. Die theoretische Begründung lieferte eine Gruppe von New Yorker Politikern, die in der Hauptstadt AlbanyAlbany, New York unter der Führung des „kleinen Magiers“ Martin Van BurenVan Buren, Martin die Republikanische Partei auf Staatsebene reorganisierte und modernisierte. Aus der Sicht der Albany Regency, wie man diese erste lokale „Parteimaschine“ der USA nannte, war es ganz natürlich, dass sich die Amerikaner der Parteien bedienten, um ihre Interessen zu artikulieren und durchzusetzen. Im Unterschied zu Europa, wo die Höfe und der Adel die Politik manipulierten, so lautete die Begründung, beruhe das Verhältnis von Wählern und Regierenden in den USA auf enger Abhängigkeit und gegenseitigem Vertrauen. Parteienkampf und Parteidisziplin seien deshalb nichts Anstößiges, sondern moralisch vertretbar und praktisch notwendig. Auf diese Weise wurde der Geist des Wettbewerbs und der Konkurrenz, der sich im Wirtschaftsleben ausbreitete, in die politische Arena übertragen.

Die Anfänge der Jacksonian DemocracyJacksonian Democracy

Bei den Wahlen von 1828 setzte sich dieses neue Bewusstsein unionsweit durch und ebnete den Weg für das Zweiparteien-System der Democrats und WhigsWhig-Partei, das die amerikanische Politik bis in die 1850er Jahre bestimmen sollte. Van BurenVan Buren, Martin gelang es, ein schlagkräftiges Anti-Adams-Bündnis aus all den bis dahin zersplitterten Gruppen und Fraktionen zu schmieden, die bundesstaatliche Interventionen in der Form von ClaysClay, Henry American SystemAmerican System (Henry Clay) ablehnten. Diese Koalition reichte von der virginischen Pflanzerelite und den states’ rights-Ideologen um John C. CalhounCalhoun, John C. über die Befürworter einer aggressiven Westexpansion bis zu Geschäftsleuten, Handwerkern und ArbeiternArbeiter im NordostenNordosten, die sich von der IndustrialisierungIndustrialisierung bedroht fühlten. Mit General Andrew JacksonJackson, Andrew präsentierte die Democratic Party einen Kriegshelden und charismatischen Volksführer, der das genaue Gegenbild zu dem intellektuellen, steifen und unnahbaren AdamsAdams, John Quincy darstellte. JacksonJackson, Andrew war in TennesseeTennessee durch Heirat in die lokale Elite aufgestiegen, hatte sich erfolgreich als Anwalt und Landspekulant betätigt und ließ seine Plantagen von Sklaven bearbeiten. Die meisten Amerikaner identifizierten ihn aber nicht mit der Pflanzeraristokratie, sondern sahen in ihm den self-made man aus dem WestenWesten, der unabhängig von mächtigen Interessengruppen und Fraktionen den Willen des Volkes in die Tat umsetzen würde. Dieses Image, das von der demokratischen Propaganda geschickt verstärkt und mit romantischen Zügen versehen wurde, sowie Van BurensVan Buren, Martin kluger Schachzug, alle Wahlkampfanstrengungen auf die besonders umstrittenen Staaten zu konzentrieren, trugen JacksonJackson, Andrew den Sieg über AdamsAdams, John Quincy ein. Anders als sein Vorgänger zögerte der neue Präsident nicht, verdiente Parteifreunde mit Staatsämtern zu belohnen und dadurch das in den Einzelstaaten schon erprobte „Beutesystem“ (spoils systemSpoils System) zu einer nationalen Einrichtung zu machen. Die Inaugurationsfeier, zu der „das Volk“ eingeladen wurde, verlief so tumultuarisch, dass JacksonJackson, Andrew sich vor dem Andrang der Gäste aus einem Fenster des Weißen Hauses retten musste. Das war der Auftakt für die Ära der Jacksonian DemocracyJacksonian Democracy, die über JacksonsJackson, Andrew achtjährige Präsidentschaft hinaus bis weit in die 1840er Jahre reichte.

Anders als AdamsAdams, John Quincy und ClayClay, Henry wollte JacksonJackson, Andrew kein konstruktives Regierungsprogramm verwirklichen, sondern den „einfachen Mann“ von den Klammern befreien, mit denen der Bundesstaat und mächtige Wirtschaftsinteressen angeblich seine Entfaltung behinderten. Ideologisch gab es viele Berührungspunkte zum Jefferson’schen RepublikanismusRepublicans (Jefferson), dessen Sprache sich der Präsident und seine Anhänger geschickt zu bedienen wussten. Mit größtem Misstrauen begegneten sie der Zusammenballung wirtschaftlicher Macht und allem, was auf Privilegien und Monopole hindeutete. Eingriffe des Bundesstaates, selbst in Form von sozialen und kulturellen Reformen, schienen nur den Unternehmern und Bankiers des Nordostens zugutezukommen, nicht aber der Masse der Farmer, Handwerker und ArbeiterArbeiter. Deren Anliegen ließen sich nach Meinung der Jacksonians am ehesten auf lokaler Ebene, an den grassroots artikulieren, und sie konnten besser von den Regierungen und Parlamenten der Einzelstaaten als von der Bundesregierung verwirklicht werden. Die Idole der Jacksonian DemocracyJacksonian Democracy waren Männer wie David CrockettCrockett, David, ein Indianerkämpfer an der Siedlungsgrenze, Humorist und Politiker, der 1821 in das Parlament von TennesseeTennessee gewählt wurde. Mit seiner „natürlichen Klugheit“ (bei der es sich oft eher um Gerissenheit handelte) und seiner Respektlosigkeit gegenüber der sozialen Elite verkörperte er den Wandel der politischen Kultur.

Die Vorstellungen, die JacksonJackson, Andrew selbst von der Rolle der Bundesregierung und der Präsidentschaft hatte, waren im Wesentlichen negativ; er scheute sich nicht, seine Philosophie mit dem Instrument des Vetos durchzusetzen, das er häufiger gegen Gesetzesinitiativen des Kongresses einlegte als alle seine Vorgänger im Weißen Haus zusammen. Von einer reinen „Verhinderungspolitik“ zu sprechen, wie es zuweilen geschieht, wird aber weder JacksonsJackson, Andrew Persönlichkeit noch den komplexen politischen Zusammenhängen gerecht. Schon zu Beginn seiner Amtszeit bewies der Präsident in der Indianerfrage, dass er sehr wohl aktiv handeln konnte, wenn die Interessen der Union, wie er sie verstand, dies erforderten.

JacksonsJackson, Andrew IndianerpolitikNative AmericansAntebellum

Aus seinen Feldzügen gegen Stämme an der südlichen FrontierFrontier zu Beginn des Jahrhunderts hatte JacksonJackson, Andrew die Lehre gezogen, dass der Versuch, die Indianer zu „zivilisieren“, aussichtslos war und nur eine strikte Trennung von den Weißen helfen würde. Wie viele seiner Landsleute hielt er die Ureinwohner für „Wilde“ (savages), deren Lebensformen man nicht zu respektieren brauchte und die weichen mussten, damit die republikanische Vision des Empire of Liberty im WestenWesten in Erfüllung gehen konnte. In seiner ersten Botschaft an den Kongress kündigte er 1830 an, er werde dafür sorgen, dass alle Indianer, die sich noch im Osten der USA aufhielten, in Gebiete jenseits des MississippiMississippi (Fluss) verbracht würden. Das betraf in erster Linie die so genannten „fünf zivilisierten Stämme“ der CherokeeCherokee, CreekCreek, ChickasawChickasaw, ChoctawChoctaw und SeminolenSeminolen, die in South CarolinaSouth Carolina, GeorgiaGeorgia und FloridaFlorida – z.T. unter dem Schutz von Bundestruppen – Ackerbau und Handel betrieben. Ihre Assimilation ging so weit, dass sie eine Schrift einführten, Verfassungen entwarfen und sogar Sklaven hielten. Den Präsidenten ließ das kalt: Als Sofortmaßnahme zog er das Militär ab, wodurch die Stämme unter stärkeren Druck der Einzelstaaten und der weißen Siedler gerieten, die ein Auge auf das für den Baumwollanbau geeignete fruchtbare Land geworfen hatten. Wenig später verabschiedete der Kongress mit knapper Mehrheit den Indian Removal ActNative AmericansIndian Removal Act (1830), der Land westlich des MississippiMississippi (Fluss) als Entschädigung bereitstellte und auf dessen Grundlage Agenten der Bundesregierung – häufig unter mehr als zweifelhaften Begleitumständen – fast 100 UmsiedlungsverträgeNative AmericansUmsiedlung nach 1820 mit IndianerstämmenNative AmericansAntebellum abschlossen. Juristischen Widerstand gegen den Indian Removal leisteten vor allem die Cherokees, die den Staat Georgia vor dem Supreme CourtSupreme CourtNative Americansverklagten, weil er ihre 1827 verabschiedete VerfassungVerfassung nicht anerkannte und ihr Land unter fünf Counties aufteilen wollte. Das Oberste GerichtNative AmericansSupreme Court erklärte sich 1831 zwar mit der Begründung für unzuständig, die Cherokees seien keine „foreign nation“ im Sinne der US Constitution und hätten deshalb kein Klagerecht. Chief Justice John MarshallMarshall, John nutzte aber die Gelegenheit, in seiner schriftlichen Stellungnahme zum Fall Cherokee Nation v.GeorgiaGeorgiaCherokee Nation v.Georgia (1831) die nordamerikanischen Indianerstämme als „einheimische abhängige Nationen“ (domestic dependent nations) zu definieren, die in einem ganz speziellen Abhängigkeits- und Treuhandschaftsverhältnis zur Bundesregierung stünden. Diese Betonung der bundesstaatlichen Autorität in allen Indianerangelegenheiten entsprach ganz der Linie, die MarshallMarshall, John bereits 1823 im Fall Johnson v.McIntoshJohnson v.McIntosh (1823) vorgezeichnet hatte, als er den IndianernNative AmericansSupreme Court einen Rechtsanspruch auf ihr Stammesland zubilligte, den nur die Bundesregierung durch vertraglich vereinbarten Kauf oder militärische Eroberung ablösen könne.

Die Klage zweier weißer Missionare, die ohne Erlaubnis des Staates GeorgiaGeorgia bei den Cherokees lebten und deshalb von einem Staatsgericht zu Zwangsarbeit verurteilt worden waren, lieferte MarshallMarshall, John 1832 eine Handhabe, die rechtliche Stellung der IndianerNative AmericansAntebellumNative AmericansUmsiedlung nach 1820 im amerikanischen Verfassungssystem noch präziser zu fassen. Unter seinem Vorsitz entschied der SupremeSupreme CourtNative Americans Court im Fall Worcester v.GeorgiaWorcester v.Georgia (1832)Georgia, dass die Missionare zu Unrecht verurteilt worden seien und das entsprechende Gesetz GeorgiasGeorgia gegen die Gesetze und die VerfassungGewaltenteilungUnion der Union verstoße. Über seine Darlegungen in CherokeeCherokee Nation v.Georgia hinaus bescheinigte MarshallMarshall, John nun den Indianerstämmen, sie hätten sich von jeher mit eigenen Institutionen und Gesetzen selbst regiert und besäßen deshalb als „a distinct people“ einen ähnlichen Status wie die Einzelstaaten. Die Stämme seien von der Bundesregierung stets als „Nationen“ behandelt worden, und sie blieben auch nach dem Abschluss von Verträgen separate politische Gemeinschaften, die innerhalb ihrer territorialen Grenzen uneingeschränkte Hoheit (exclusive authority) ausübten. Ihr Recht auf das von diesen Grenzen umschlossene Land werde von den Vereinigten Staaten nicht nur anerkannt, sondern sogar garantiert. Offensichtlich wollte der Federalist John MarshallMarshall, John – auf dem Höhepunkt des „NullifikationsNullifikations-Streit“-Streits zwischen Präsident JacksonJackson, Andrew und der Regierung von South CarolinaSouth Carolina – mit diesem Urteil einerseits die Kompetenzen der Bundesregierung gegen Übergriffe von Einzelstaaten stärken, andererseits aber auch die von Präsident und Kongress verfolgte Indianerpolitik in Frage stellen. Angesichts der Popularität des Removal-Konzepts dachte JacksonJackson, Andrew aber gar nicht daran, sich in dieser Hinsicht vom SupremeNative AmericansSupreme Court CourtSupreme CourtNative Americans Vorschriften machen zu lassen. MarshallMarshall, John habe sein Urteil gefällt, so soll er gesagt haben, und nun müsse der Chief Justice auch selbst zusehen, dass es befolgt werde.

In der Praxis setzten sich sowohl die Einzelstaaten als auch der KongressGewaltenteilungUnion und die Administration über den Spruch des OberstenSupreme CourtNative Americans GerichtsNative AmericansSupreme Court hinweg und trieben die UmsiedlungNative AmericansUmsiedlung nach 1820 der Indianer, die häufig einer Deportation gleichkam, entschlossen weiter voran. 1832 verübten Bundestruppen und Milizen im westlichen IllinoisIllinois ein Massaker an den FoxFox Indianer und SaukSauk Indianer, dem mehr als 800 Krieger zum Opfer fielen, und vertrieben die Reste der Stämme über den MississippiMississippi (Fluss). Als der Kongress 1837 ein IndianerterritoriumNative AmericansReservate zwischen MissouriMissouri (Staat) und Red RiverRed River im heutigen Oklahoma einrichtete, war die Verdrängung der „fünf zivilisierten Stämme“ bereits in vollem Gange. Den traurigen Höhepunkt bildete der fast 2000 km lange „Zug der Tränen“ (trail of tears), den die verbliebenen Cherokees 1838 unter Bewachung von Bundestruppen antraten und auf dem über 4000 der 17.000 Stammesmitglieder umkamen. Jenseits des MississippiMississippi (Fluss) mussten sich die Indianer mit einem Drittel des ursprünglichen Landes und weniger fruchtbaren Böden begnügen, aber selbst das erwies sich nur als vorübergehender Schutz vor dem Landhunger der weißen Siedler. Obwohl Teile des SeminolenstammesSeminolen gemeinsam mit geflohenen Sklaven in FloridaFlorida noch jahrelang einen Guerrillakrieg gegen das weiße Militär führten, war die organisierte Präsenz von IndianernNative AmericansAntebellumNative AmericansReservate östlich des MississippiMississippi (Fluss) um 1840 beendet. JacksonJackson, Andrew hatte unmissverständlich deutlich gemacht, dass die Ureinwohner ebenso außerhalb der republikanisch-demokratischen Ordnung standen wie die Sklaven der Südstaaten. Durch diese harte, von der großen Mehrheit der Bevölkerung jedoch gebilligte Haltung war es ihm gelungen, die politische Basis seiner Partei im WestenWesten und SüdwestenSüdwesten der USA zu festigen. Aus historischer Perspektive behielt aber nicht Andrew JacksonJackson, Andrew, sondern John MarshallMarshall, John das letzte Wort. Im 20. Jahrhundert besannen sich die Amerikaner wieder darauf, dass die UrteileGewaltenteilungUnion des SupremeNative AmericansSupreme Court CourtSupreme CourtNative Americans aus den Jahren 1823, 1831 und 1832 nicht nur den Vorrang der Bundesgewalt in IndianerangelegenheitenNative AmericansAntebellum bestätigten, sondern auch Prinzipien und Richtlinien enthielten, die indianische Besitzansprüche rechtfertigten und ein weitgehendes Selbstbestimmungsrecht der Native AmericansNative AmericansUmsiedlung nach 1820 anerkannten. Seither gehören die Begriffe der „domestic dependent nations“ und der „distinct political communities“, die aus Marshalls Urteils-“Trilogie“ stammen, zu den verfassungsrechtlichen Grundlagen, auf denen der politische Kampf um die Autorität, Ressourcen und Finanzen der IndianerreservateNative AmericansReservate geführt wird.

Nullifikationskrise und „BankkriegBankkrieg“

Präsident JacksonJackson, Andrew hatte die wichtigen Regierungsämter nach rein parteipolitischen Gesichtspunkten vergeben und stützte sich vor allem auf einen engen Beraterzirkel, das so genannte „Küchenkabinett“, in dem neben Außenminister Martin Van BurenVan Buren, Martin demokratische Zeitungsverleger den größten Einfluss ausübten. Es entsprach dem generellen Klima der Zeit, dass Wirtschafts- und Finanzthemen die Diskussionen von Regierung und Kongress beherrschten. Eine Quelle ständiger Reibungen waren die Zölle, aus denen der Bundesetat in der Hauptsache finanziert wurde. Durch Zölle verteuerte der Kongress aber auch gezielt Einfuhren aus Europa, um heimische Industrien zu schützen. Das ging wiederum häufig zu Lasten der agrarischen Südstaaten, die stärker als andere Regionen auf den Import europäischer Fertigwaren angewiesen waren. Hinter dieser Benachteiligung argwöhnten manche Südstaatler Absichten des Nordens, die peculiar institutionpeculiar institution zu schwächen. Ende 1832 kam es zur Krise, als ein Konvent des Staates South CarolinaSouth Carolina die Zollgesetze von 1828 und 1832 für null und nichtig erklärte, die Eintreibung von Bundeszöllen in South Carolina verbot und für den Fall bundesstaatlicher Gewaltanwendung mit Austritt aus der Union drohte. Die juristische Begründung für diesen „NullifikationsNullifikations-Streit“-Beschluss hatte JacksonsJackson, Andrew Vizepräsident John C. CalhounCalhoun, John C. schon 1828 in einem anonymen Pamphlet unter Bezugnahme auf die KentuckyKentucky- und VirginiaVirginia-Resolutionen von 1798 geliefert. Ab 1831 bekannte er sich offen zu der Ansicht, im föderalen System der USA habe die Souveränität der Staaten Vorrang vor Mehrheitsentscheidungen des Kongresses. Dieses Argument sollte zum Kern der states’ rights-Philosophie der Südstaaten bis ins 20. Jahrhundert hinein werden. Im Wahlkampf des Jahres 1832 kam es zum offenen Bruch zwischen JacksonJackson, Andrew und CalhounCalhoun, John C., der vom Amt des Vizepräsidenten zurücktrat und als Senator für seine staatsrechtlichen Theorien weiterstritt. JacksonJackson, Andrew brandmarkte die SezessionsdrohungSezession (s.a. Bürgerkrieg) South CarolinasSouth Carolina als Verrat an der Union, auf dem die TodesstrafeTodesstrafe stehe, und ließ sich vom Kongress ermächtigen, die Missachtung der VerfassungVerfassung und der Gesetze der USA gewaltsam zu beenden. Jetzt trat der Präsident in der Pose eines Sprechers des amerikanischen Volkes auf, das von der Bundesregierung den Ausbau der Demokratie und eine weitere Westexpansion erwartete. Der Kongress entschärfte jedoch den Konflikt, indem er eine stufenweise Senkung des Zolltarifs auf den Stand von 1816 beschloss. CalhounCalhoun, John C. fand sich mit dieser Regelung ab, zumal South Carolina keine aktive Unterstützung von anderen Staaten erhielt. Die Ressentiments gegen den Norden wirkten aber weiter fort, und die Frage nach der „wahren“ Natur des föderativen Systems blieb in der Schwebe.


Abb. 7: Andrew Jackson bekämpft zusammen mit Martin Van Buren die Bank of the United States, dargestellt als vielköpfiges Monster (Satire von 1836)

Im Wahlkampf von 1832 war neben dem Streit mit South CarolinaSouth Carolina JacksonsJackson, Andrew Absicht, die auf 20 Jahre befristete Charter der Second Bank of the United StatesBank of the United StatesSecond Bank of the United States nicht zu verlängern, zum zentralen Thema geworden. Die Gegner hatten diese Frage hochgespielt, um den Präsidenten in Verlegenheit zu bringen, da sie annahmen, er könne sich eine Zerstörung der Bank aus Gründen der wirtschaftlichen Vernunft nicht leisten. Die DemokratenDemokratische Partei nahmen die Herausforderung jedoch an und machten die Bank zum Symbol ihres Kampfes gegen die Privilegien und Monopole der Ostküstenelite. In der Begründung des Vetos, mit dem JacksonJackson, Andrew eine Verlängerung der Charter über 1836 hinaus verhinderte, griff er die Bank in demagogischer Weise als eine Institution an, die „gefährlich für die Freiheiten des Volkes“ sei und zum Ziel habe, „die Reichen reicher und die Mächtigen mächtiger“ zu machen. Auf diese Weise brachte er alle diejenigen hinter sich, die interessens- oder gefühlsmäßig gegen die IndustrialisierungIndustrialisierung eingestellt waren. Durch die Favorisierung von Staatenbanken gegenüber der Bundesbank gewann er allerdings auch die Unterstützung von Unternehmern, die dem wirtschaftlichen Wandel positiv gegenüberstanden, ihn jedoch ungestört von bundesstaatlicher Einmischung und „Wall StreetWall Street“-Kontrolle auf lokaler Ebene vorantreiben wollten.

Nach der ungefährdeten Wiederwahl gegen Henry ClayClay, Henry stand JacksonsJackson, Andrew zweite Amtszeit von 1833 bis 1837 ganz im Zeichen des „BankkriegesBankkrieg“ (bank war), in dem sich die politischen und ideologischen Gegensätze der Zeit dramatisch verdichteten. JacksonsJackson, Andrew Finanzminister Roger B. TaneyTaney, Roger B. verfügte gegen den Widerstand des Kongresses, dass die Gelder der Regierung aus der Second Bank of the United StatesBank of the United StatesSecond Bank of the United States abgezogen und in Einzelstaats-Banken deponiert wurden. Die Direktoren der Second BankBank of the United StatesSecond Bank of the United States wiederum versuchten, mit einer Verknappung des Kredits Druck auf JacksonJackson, Andrew auszuüben. Der Präsident blieb jedoch unerbittlich: Obwohl der Senat warnte, dass der republikanische Charakter des Gemeinwesens durch „die Konzentration aller Macht in den Händen eines Mannes“ auf dem Spiel stehe, erlosch die Charter 1836, und die Second BankBank of the United StatesSecond Bank of the United States, zur Privatbank reduziert, musste 1841 Konkurs anmelden. Schon 1837 brach jedoch der Spekulationsboom zusammen, der den BankkriegBankkrieg begleitet hatte, und die USA glitten in eine fünfjährige Depressionsphase ab. JacksonsJackson, Andrew Kreuzzug gegen die Reichen und Mächtigen war daran nicht schuldlos, denn er schirmte im Grunde nur die Kräfte der Marktwirtschaft von bundesstaatlicher Regulierung ab. Der Supreme CourtSupreme Court unter Marshalls Nachfolger Roger B. TaneyTaney, Roger B. (1836–1864) setzte JacksonsJackson, Andrew dezentrale, antimonopolistische Wirtschaftspolitik in verfassungsrechtliche Doktrin um und behielt diesen Kurs bis in die Zeit des BürgerkriegsBürgerkrieg bei. Als JacksonJackson, Andrew 1837 das Weiße Haus verließ, war er sicherlich der populärste Amerikaner seiner Zeit. Auch von heutiger Warte aus sind – ungeachtet aller Schattenseiten – die Tatkraft und Entschlossenheit bemerkenswert, mit der er die Demokratisierung der USA vorangetrieben, die Einheit der Union verteidigt und die konstitutionellen Befugnisse des Präsidenten voll ausgeschöpft hat. In der Verbindung von Zielstrebigkeit, Machtbewusstsein, moralischer Selbstgerechtigkeit und materiellem Erfolgsstreben verkörperte er einen neuen Typus des Amerikaners, der sich anschickte, die Autonomie des Individuums zu einer umfassenden politischen und wirtschaftlichen Kraftentfaltung zu nutzen.

Die WhigsWhig-Partei als neue Oppositionspartei

Die Bank-Kontroverse förderte die Neuformierung der politischen Kräfte und das Wiedererstehen eines nationalen Zweiparteien-Systems. Nach dem Scheitern der elitär-altmodischen National Republicans bauten die Gegner JacksonsJackson, Andrew ab 1832 eine neue unionsweite Koalition auf, die den Bedingungen der Parteiendemokratie besser Rechnung trug. An die Spitze traten der unverwüstliche Henry ClayClay, Henry, Senator Daniel WebsterWebster, Daniel aus MassachusettsMassachusetts als Sprecher der neuenglischen Wirtschaftsinteressen und für einige Jahre auch John C. CalhounCalhoun, John C., den die erbitterte persönliche Feindschaft mit JacksonJackson, Andrew von den DemokratenDemokratische ParteiAntebellum trennte. Auf lokaler und regionaler Ebene fanden die Oppositionsgruppen unter dem Parteinamen WhigsWhig-Partei zusammen, der Erinnerungen an die Glorious RevolutionGroßbritannienGlorious Revolution von 1688 und den amerikanischen Unabhängigkeitskampf weckte. Das wichtigste verbindende Element war in mancher Hinsicht die Abneigung gegen JacksonJackson, Andrew, den die oppositionelle Propaganda als King Andrew fortwährend mit dem absolutistischen Gebaren europäischer Monarchen assoziierte. Ideologisch schufen die WhigsWhig-Partei aus der Mischung traditioneller und fortschrittlich-reformerischer Ideen eine moderne Variante des KonservatismusKonservatismus. Einerseits hielten sie Gemeinschaftswerte und Bürgerpflichten gegen hemmungslosen IndividualismusIndividualismus und Demagogie hoch; andererseits gaben sie sich noch technikbesessener und fortschrittsgläubiger als die zuversichtlichsten DemokratenDemokratische ParteiAntebellum. Zur Begeisterung über den wirtschaftlichen Aufstieg der USA gesellte sich ein religiös und moralisch motivierter Reformwille, dem es um die Beseitigung der Missstände in Fabriken, Gefängnissen und Krankenhäusern, generell um die „Zivilisierung“ der Gesellschaft ging. Was die WhigsWhig-Partei am meisten von den DemokratenDemokratische ParteiAntebellum unterschied, war ihre Überzeugung, dass die Bundesregierung die Pflicht habe, auf die „progressive Verbesserung der Lebensbedingungen der Regierten“ hinzuwirken.

Ähnlich den DemokratenDemokratische ParteiAntebellum fand die neue Partei Anhänger in allen Regionen und erhielt Zulauf aus allen Gesellschaftsschichten. Charakteristisch war die Allianz zwischen den Wirtschaftseliten des Nordens, unternehmerisch eingestellten Südstaatlern, den protestantischen ReformbewegungenReformbewegungen der Mittelschicht und benachteiligten Gruppen, die sich von ökonomischem Wachstum eine Verbesserung ihrer Lage versprachen: im Norden die Arbeiterschaft und die freien Schwarzen, im SüdenSüden Teile der Farmbevölkerung, die unter der Bevormundung durch die Pflanzeraristokratie litten. Die Masse der amerikanischen Farmer und Pflanzer blieb allerdings der Demokratischen Partei treu, die nach der Wahl Van BurensVan Buren, Martin zum Präsidenten 1836 auch verstärkt die städtische Arbeiterschaft umwarb und dabei vor allem bei den katholischen Neueinwanderern Erfolge erzielte. Hinsichtlich der Parteipräferenzen und individuellen Wahlentscheidungen verwoben sich also auf komplexe Weise Klassenzugehörigkeit mit ethnischen und religiösen Faktoren. Beide großen Parteien erwuchsen aus der Konfrontation mit der Marktwirtschaft, die althergebrachte republikanische Werte und Überzeugungen in Frage stellte. Die DemokratenDemokratische ParteiAntebellum betonten die Autonomie, Freiheit und Rechtsgleichheit des Einzelnen, und sie glaubten zunehmend in der territorialen Expansion einen Ausweg aus den Schwierigkeiten der Zeit zu erkennen. Die WhigsWhig-Partei stellten wirtschaftliches Wachstum und moralische Vervollkommnung über Gebietserweiterungen im WestenWesten und fanden damit Rückhalt bei den aufstrebenden Mittelschichten. Beide Parteien vermieden es bewusst, die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) zu thematisieren, weil dies nicht nur die Union, sondern ihren eigenen inneren Zusammenhalt gefährdet hätte. Bis in die 1850er Jahre hinein wirkte das Zweiparteien-System deshalb als Klammer, die ein weiteres Auseinanderdriften der Regionen verhinderte.

Das zweite nationale Parteiensystem

Die Konkurrenz von DemokratenDemokratische ParteiAntebellum und WhigsWhig-Partei politisierte das öffentliche Leben der USA in einem bis dahin kaum vorstellbaren Ausmaß. Wahlkämpfe wurden zu Massenspektakeln, die das Volk durch Paraden, Debatten der Kandidaten, Pressekampagnen, griffige Slogans und anschauliche Symbole in ihren Bann zogen. 1836 lag die WahlbeteiligungWahlbeteiligung bei 55 Prozent, 1840 gaben schon 80 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab, und danach sank die Beteiligung nur einmal (1852) unter 70 Prozent, um 1860 mit 81,2 Prozent einen neuen Höhepunkt zu erreichen. Seit den 1830er Jahren erfolgte die Nominierung der Präsidentschaftskandidaten nicht mehr hinter verschlossenen Türen durch den caucus der Kongressfraktionen, was nun als elitär und undemokratisch galt, sondern auf einem nationalen Parteikonvent, wie es erstmals die kurzlebige Anti-FreimaurerparteiAnti-Freimaurerpartei in New YorkNew York praktiziert hatte. Obwohl die Parteiführungen meist geschickt Regie führten, verstärkte diese Innovation das Gefühl, jeder Bürger könne auf die Kandidatenkür und das Parteiprogramm, die platform, unmittelbar Einfluss nehmen. Für die weißen amerikanischen Männer, zum Teil auch für die freien Schwarzen des Nordens, war damit – anders als für die Europäer – das Verlangen nach politischer Demokratie in Erfüllung gegangen, noch bevor die Industrielle Revolution ihren Höhepunkt erreichte.

Die Parteiloyalitäten erwiesen sich als erstaunlich stabil, und das Kräfteverhältnis war so ausgeglichen, dass für Kongress- und Staatenwahlen kaum sichere Prognosen gestellt werden konnten. Auf der höchsten Ebene, der Präsidentschaft, waren die WhigsWhig-Partei jedoch vom Pech verfolgt. Zweimal gelang es ihnen, in diese Domäne der DemokratenDemokratische ParteiAntebellum einzubrechen: Bei den Wahlen von 1840, die ganz im Zeichen der wirtschaftlichen Depression standen, siegte ihr Kandidat William Henry HarrisonHarrison, William Henry aus OhioOhio über JacksonsJackson, Andrew Nachfolger Van BurenVan Buren, Martin. Kennzeichnenderweise verhalf ihm das JacksonJackson, Andrew-Image zu diesem Erfolg, denn seine Anhänger porträtierten ihn als Kriegshelden und abgehärteten Mann von der FrontierFrontier, der in einer Blockhütte aufgewachsen sei und sich als einzigen Luxus hin und wieder ein Glas Cider gönne. HarrisonHarrison, William Henry starb aber schon einen Monat nach seiner Amtseinführung, und Vizepräsident John TylerTyler, John, der an seine Stelle trat, schwenkte auf die politische Linie der DemokratenDemokratische ParteiAntebellum um. 1848 nominierten die WhigsWhig-Partei General Zachary TaylorTaylor, Zachary, der sich im Krieg gegen Mexiko Verdienste erworben hatte. Auch er starb jedoch im Amt, und sein Nachfolger Millard FillmoreFillmore, Millard konnte die Partei in der Krise der 1850er Jahre nicht mehr zusammenhalten. Er beendete seine Karriere 1856 als Präsidentschaftskandidat der populistischen, fremdenfeindlichen American PartyAmerican Party.

Die Integrationskraft des Parteiensystems wurde insbesondere durch den starken Zustrom an EinwanderernEinwanderungJahrhundertmitte (19.Jh.) und die wachsenden wirtschaftlichen und mentalitätsmäßigen Unterschiede zwischen dem Norden und dem SüdenSüden auf die Probe gestellt. Ein Symptom dieser Unruhe war das Aufkommen neuer Parteien, die gelegentlich spektakuläre Wahlerfolge erzielten. Dazu gehörte die Anti-Masonic Party, deren Anhänger in New YorkNew York gegen Van BurensVan Buren, Martin Albany Regency kämpften, hinter der sie eine freimaurerische Verschwörung vermuteten. 1840 unterstützten die Anti-FreimaurerAnti-Freimaurerpartei die Kandidaten der WhigsWhig-Partei, was wesentlich dazu beitrug, dass Harrison über Van BurenVan Buren, Martin siegte. Vier Jahre später trat erstmals eine abolitionistischeAbolitionisten Gruppierung an, die Liberty Party unter James G. BirneyBirney, James G. aus KentuckyKentucky, für die allerdings lediglich 3 Prozent der Wähler votierten. Ihre Stimmengewinne in einigen Staaten gingen zu Lasten von Henry ClayClay, Henry und ebneten dem expansionistischen DemokratenDemokratische ParteiAntebellum James K. PolkPolk, James K. den Weg ins Weiße Haus. Nach dem Krieg gegen MexikoMexikoMexikanisch-Amerikanischer Krieg sammelten sich die Anti-SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner)-Kräfte 1848 in der Free Soil PartyFree Soil Party und stellten Van BurenVan Buren, Martin als Präsidentschaftskandidaten auf. Mit ihrem Wahlslogan „Free soil, free speech, free labor, and free men“ nahmen sie den DemokratenDemokratische ParteiAntebellum im Norden verhältnismäßig viele Stimmen ab, so dass sich überraschend der Whig-Bewerber General Zachary TaylorTaylor, Zachary durchsetzte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war unübersehbar, dass die territoriale Ausdehnung bis zum Pazifik und eine neue Welle der Westwanderung es immer schwieriger machen würden, die Sklavereifrage aus der nationalen Politik herauszuhalten. Sobald dieses Tabu brach, stand aber nicht nur das Parteiensystem, sondern die Union selbst auf dem Spiel.


Abb. 8: Die Entwicklung der großen Parteien (1792–1854)

4 Territoriale ExpansionTerritoriale Expansion und Sklavereiproblematik
Manifest Destiny Manifest Destiny

In den 1840er Jahren erlebten die USA, deren Territorium sich erst 1803 durch den Louisiana PurchaseFrankreichLouisiana PurchaseLouisiana Purchase verdoppelt hatte, einen neuen Expansionsschub, der einen Zuwachs von 1,5 Millionen Quadratkilometern brachte und den Aufstieg zur kontinentalen Macht vollendete. Die wirtschaftlichen Erfolge, das rasche BevölkerungswachstumBevölkerungsentwicklung und die religiösen Erweckungsbewegungen schufen eine Stimmung, die ihren besten Ausdruck in dem Schlagwort von der Manifest DestinyManifest Destiny fand. Der Begriff stammt aus der Feder des New Yorker Publizisten John L. O’SullivanO’Sullivan, John L., der 1845 in der Democratic Review schrieb, es sei die „schicksalhafte Bestimmung“ der Amerikaner, sich über den Kontinent auszubreiten, „den uns die Vorsehung für die freie Entwicklung unserer Jahr für Jahr sich vermehrenden Millionen zugewiesen hat“. Wie ein Baum den Boden und die Luft beanspruchen könne, die er zur vollen Entfaltung brauche, so hätten die USA das Recht, ihr „großes Experiment der Freiheit und föderativen Selbstregierung“ voranzutreiben. O’Sullivan fasste damit eine Vision in Worte, die sich der Phantasie der Amerikaner bereits bemächtigt hatte und die aus einer Mischung von anglo-protestantischem Nationalismus und Fortschrittsgläubigkeit erwuchs. Nur wenige, wie Henry ClayClay, Henry und sein jugendlicher Bewunderer Abraham LincolnLincoln, Abraham, lehnten solche Ideen grundsätzlich ab, und sie waren machtlos gegen die Popularisierer und Romantiker, die den Geist der Manifest Destiny im politischen Diskurs, der Literatur und der bildenden Kunst verbreiteten. Als säkularisierte Form der puritanischen Heilserwartung durchtränkte Manifest Destiny die gesamte Kultur der Epoche, verlieh den Erfahrungen von Demokratisierung, Westwanderung und Aneignung der Natur einen tieferen Sinn und prägte sich dauerhaft in das kollektive Geschichtsbewusstsein ein. Die Vorstellung einer zivilisatorischen Mission war untrennbar mit materiellen Interessen verbunden, die vom Wunsch nach Siedlungsland und zusätzlicher Anbaufläche für BaumwolleBaumwolle über die Ausbeutung von Bodenschätzen im Westen bis zur Öffnung neuer Märkte im pazifischen Raum reichten. Dabei blieben die geographischen Grenzen der „offenbaren Bestimmung“ und die Methoden ihrer Realisierung vorerst recht vage: Bezog sie sich nur auf Texas und Oregon, oder gehörten auch Kanada, Mexiko und die Karibikinseln dazu? Würde die Expansion friedlich vonstatten gehen, oder durfte bzw. musste auch Waffengewalt angewendet werden?

Die Westausdehnung, wie sie dann tatsächlich erfolgte, war in doppelter Hinsicht ein paradoxer Vorgang. Zum einen bedeutete die Expansion des Empire of Liberty in der Praxis auch eine Expansion der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) und lief damit dem Prozess der Emanzipation entgegen, der 1793/94 in HaitiHaiti begonnen und in den 1820er Jahren LateinamerikaLateinamerika, im Jahrzehnt darauf die britischenGroßbritannien KaribikinselnKaribik erreicht hatte. Zum Zweiten war es gerade der Zugewinn an neuen Gebieten im WestenWesten, mit dem das „amerikanische Experiment“ nach außen abgesichert werden sollte, der die Vereinigten Staaten in die innere Krise und schließlich in den BürgerkriegBürgerkrieg trieb.

TexasAußenpolitikTexasfrageTexas und OregonOregon

Nach der Unabhängigkeit von SpanienSpanienKolonien hatte MexikoMexikoTexas Siedler aus Europa und den Vereinigten Staaten in die Nordprovinz TexasTexas eingeladen, deren Zahl bis Mitte der 1830er Jahre ca. 35.000 erreichte. Seit dem Verbot der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) 1829 schwelte aber ein Konflikt zwischen der mexikanischenMexikoTexas Regierung und den Siedlern, der 1836 offen ausbrach, als unter Präsident Antonio López de Santa AnaSanta Ana, Antonio López de eine neue, zentralistische VerfassungVerfassung in Kraft trat. Noch im selben Jahr erklärten die texanischen Siedler ihre Unabhängigkeit und verabschiedeten eine eigene Verfassung, die den Besitz von Sklaven legitimierte. In dem KriegMexikoMexikanisch-Amerikanischer Krieg, der daraufhin zwischen Mexiko und der abtrünnigen Provinz ausbrach, blieben die USA offiziell neutral, unterstützten die Siedler aber auf privater Basis mit Freiwilligen, Waffen und Geld. Der Kampf um die Alamo-Garnison in der Nähe von San AntonioSan Antonio, Texas, bei dem 200 Unabhängigkeitskämpfer, unter ihnen David CrockettCrockett, David, von 3000 Mexikanern aufgerieben wurden, weckte patriotische Gefühle und verklärte sich in der Erinnerung („Remember the Alamo!“) zum Gründungsmythos. Als die Texaner durch den Sieg in der Schlacht von San Jacinto im April 1836 de facto die Unabhängigkeit errangen, baten sie die USA um Anerkennung und Aufnahme in die Union. Präsident JacksonJackson, Andrew, der sich zuvor vergeblich bemüht hatte, den Mexikanern Texas und KalifornienKalifornien abzukaufen, zögerte nun aber aus Sorge vor internationalen Verwicklungen und nicht zuletzt auch deshalb, weil im Norden während des Wahlkampfes Opposition gegen die Eingliederung eines riesigen Sklavengebiets laut wurde. Kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt erkannte JacksonJackson, Andrew 1837 die Republik Texas an, aber im folgenden Jahr scheiterte ein texanischer Aufnahmeantrag im Kongress, wo John Quincy AdamsAdams, John Quincy das Gespenst einer Verschwörung der Sklavenstaaten (slave power conspiracy) gegen den Norden an die Wand malte.

Diesem Vorwurf setzten die Südstaatler in der Folgezeit eine eigene Verschwörungstheorie entgegen, die besagte, dass Großbritannien die USA von KanadaKanadaUS Sklaverei über KalifornienKalifornien bis TexasTexas „einkreisen“ und die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) zerstören wolle, um seine Vormachtstellung auf dem Kontinent zu festigen. Das war nicht völlig aus der Luft gegriffen, weil die englische Regierung in der Tat Gefallen an einem unabhängigen Texas als Bollwerk gegen die weitere Expansion der USA nach Süden und Westen fand. Mit Rücksicht auf die öffentliche MeinungÖffentliche Meinung in Großbritannien drängte LondonLondon die Texaner, wenn schon nicht die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner), so doch wenigstens den Sklavenhandel zu unterbinden. Gleichzeitig rückten Kalifornien und Neu-MexikoMexiko stärker ins Blickfeld, die immer mehr Händler, Siedler und Abenteurer aus den USA anzogen. Da abzusehen war, dass MexikoMexikoTexas diese Gebiete nicht würde halten können, traute man in WashingtonWashington, D.C. und im SüdenSüden der britischenGroßbritannien Regierung zu, sie wolle den Vereinigten Staaten bei der Besitzergreifung zuvorkommen. Auf diese Weise zeichnete sich die Gefahr ab, dass der englisch-amerikanische Interessenkonflikt in der Texas-FrageAußenpolitikTexasfrage auf die gesamte Pazifikregion von Kalifornien bis OregonOregon übergriff. Alarmiert durch die britischeGroßbritannienOregon-Gebiet Einflussnahme in Texas, drängten die Südstaatler die Tyler-Administration zur Eile und legten sie auf einen Anschluss der Republik an die USA fest. Nach Geheimverhandlungen mit der texanischen Regierung konnte John C. CalhounCalhoun, John C., nun Außenminister unter Tyler, dem Senat im April 1844 einen Eingliederungsvertrag (Annexation Treaty) zuleiten. Mit seiner vorbehaltlosen Verteidigung der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) provozierte CalhounCalhoun, John C. jedoch so viel Widerstand, dass die zur Annahme des Vertrags erforderliche Zweidrittelmehrheit nicht zustande kam.

Der Wahlkampf von 1844 stand daraufhin ganz im Zeichen der Außenpolitik, die wie selten zuvor die Gemüter erregte und nationale Leidenschaften weckte. CalhounCalhoun, John C. und der von ihm unterstützte Präsidentschaftskandidat der DemokratenDemokratische ParteiAntebellum, James K. PolkPolk, James K., verfolgten die Strategie, die Themen TexasTexas und OregonOregon miteinander zu verknüpfen, um den Anti-Annexionisten im Norden den Wind aus den Segeln zu nehmen. Im Norden herrschte nämlich seit Anfang der 1840er Jahre das „Oregon-Fieber“, das durch Berichte von Reisenden und Missionaren über fruchtbares Siedlungsland, reiche Fischgründe und gute Möglichkeiten des Pelzhandels mit den IndianernNative AmericansAntebellum ausgelöst worden war. Interessierte Kreise an der Ostküste und im Mittleren WestenMittlerer Westen schürten diesen „Drang nach WestenWesten“, und 1843 erreichte ein erster großer Siedlerzug mit Planwagen auf dem Oregon Trail das Gebiet südlich des Columbia RiverColumbia River. Das Wahlprogramm der DemokratenDemokratische Partei forderte nun nicht nur die Aufnahme von Texas als Staat in die USA, sondern auch die Einverleibung des gesamten Oregon-Territoriums, das bislang unter britischGroßbritannienOregon-Gebiet-amerikanischerKanadaGrenzvereinbarungen joint occupation stand, bis zur Grenze Alaskas. Durch den Wahlsieg von James K. PolkPolk, James K. über Henry ClayClay, Henry, der in der Texas-Frage schwankte, ging das Kalkül der Annexionisten voll auf. Noch vor dem offiziellen Amtswechsel im Weißen Haus sprachen sich Senat und Repräsentantenhaus im Februar 1845 in Form einer gemeinsamen Resolution (für die, anders als bei Verträgen, nur die einfache Mehrheit benötigt wurde) zu Gunsten einer Angliederung von Texas aus. Die endgültige Aufnahme in die Union erfolgte im Dezember 1845 unter dem Druck der Öffentlichkeit und mit Nachhilfe wirtschaftlicher Interessenten, obwohl die Grenzen des neuen Staates zu MexikoMexiko umstritten waren.

Gleichzeitig verschärfte Präsident PolkPolk, James K. den OregonOregon-Konflikt mit GroßbritannienGroßbritannienOregon-Gebiet bis an die Schwelle des Krieges, indem er das 1827 verlängerte Abkommen über die gemeinsame Verwaltung des Territoriums aufkündigte und den Anspruch der USA auf das gesamte Gebiet bis nördlich des 54. Breitengrades anmeldete. Die Londoner Regierung wollte eine militärische Konfrontation vermeiden und offerierte die Teilung Oregons entlang dem 49. Breitengrad – eine Kompromisslösung, die PolkPolk, James K. selbst ungeachtet der aggressiven Wahlkampfparole „Fifty-four fourty or fight!“ insgeheim anvisiert hatte. Der GrenzvertragAußenpolitikOregon-Grenzvertrag mit Großbritannien (1846) vom Juni 1846, der die Teilung völkerrechtlich festschrieb und den BritenGroßbritannienOregon-Gebiet Vancouver IslandVancouver Island beließ, enttäuschte nur die radikalen Expansionisten im Norden. Immerhin waren die USA nun offiziell eine pazifische Macht geworden, und das, obwohl in Oregon erst wenig mehr als 5000 Amerikaner lebten.

Der Mexikanisch-Amerikanische KriegMexikoMexikanisch-Amerikanischer Krieg

Die Einigung über OregonOregon kam gerade zur rechten Zeit, um den USA den Rücken für den erwarteten Zusammenstoß mit MexikoMexiko freizuhalten. Das Hauptinteresse der PolkPolk, James K.-Administration galt seit Anfang 1846 bereits Neu-Mexiko und vor allem KalifornienKalifornien mit seinem fruchtbaren Siedlungsland und seinen ausgezeichneten Häfen und reichen Bodenschätzen. Nach dem Beitritt von TexasTexas ermunterte Außenminister James BuchananBuchanan, James „Unabhängigkeits“-Bestrebungen kalifornischer Siedler (den ca. 7000 Mexikanern standen hier nur 700 Amerikaner gegenüber) und bereitete die Flotte auf eine Intervention vor. Zur gleichen Zeit bot ein Abgesandter Präsident PolksPolk, James K., John SlidellSlidell, John, der mexikanischenMexiko Regierung in geheimer Mission ca. 30 Millionen Dollar als Kaufpreis für den gesamten SüdwestenSüdwesten an. Die innenpolitische Situation in Mexiko ließ ein solches Geschäft jedoch nicht zu, denn die Nationalisten weigerten sich, den Rio GrandeRio Grande als Grenze anzuerkennen, und verlangten die gewaltsame Rückeroberung der „gestohlenen Provinz“ Texas. Als das Scheitern der Slidell-Mission feststand, provozierte PolkPolk, James K. den KriegMexikoMexikanisch-Amerikanischer Krieg, indem er amerikanische Truppen in das umstrittene Gebiet am Rio Grande beorderte. Ein Scharmützel mit mexikanischen Soldaten nahm er zum Anlass, seine schon vorbereitete „Kriegsbotschaft“ an den Kongress zu richten, der am 13. Mai 1846 Mexiko offiziell den Krieg erklärte. Proteste europäischer Staaten hatten den Präsidenten nur noch in seiner Entschlossenheit bestärkt, eine rasche militärische Entscheidung zu suchen. Die große Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung unterstützte den Krieg in einer Aufwallung patriotischer Gefühle, zumal sich schnell Erfolge einstellten. Kritik gab es hauptsächlich in NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen), wo das Parlament von MassachusettsMassachusetts die Aktionen des Kongresses als „verfassungswidrig“ verurteilte und viele Menschen von den finsteren Machenschaften der Slave Power überzeugt waren. Zu den Opponenten im Kongress zählte der Whig-Abgeordnete Abraham LincolnLincoln, Abraham aus IllinoisIllinois, der den Einmarsch nach Mexiko für eine verfassungswidrige Aggression hielt.


Karte 4: Die territoriale Expansion bis 1853

Auf den Kriegsschauplätzen leisteten die Mexikaner tapferen Widerstand, hatten aber der überlegenen Strategie und Logistik der Amerikaner wenig entgegenzusetzen. Bis Anfang 1847 waren KalifornienKalifornien und Neu-Mexiko durch das Zusammenwirken eines „Expeditionskorps“, das Captain John C. FrémontFrémont, John C. schon 1845 nach WestenWesten geführt hatte, mit aufständischen Siedlern sowie Flotten- und Armeeinheiten fast vollständig unter amerikanischer Kontrolle. Im SüdenSüden drangen die Truppen General Zachary TaylorsTaylor, Zachary weit über den Rio GrandeRio Grande vor und schlugen im Februar 1847 bei Buena VistaBuena Vista (Schlacht bei) einen von Santa AnaSanta Ana, Antonio López de geführten Gegenangriff zurück. Da die Mexikaner Verhandlungen ablehnten, fiel die Entscheidung erst durch einen Vorstoß über See nach VeracruzVeracruz und die Eroberung von Mexiko City durch die Armee General Winfield ScottsScott, Winfield im September 1847. Nach dieser Operation, die der Manchester GuardianManchester Guardian mit den Feldzügen Alexanders des Großen, Hannibals und Napoleons verglich, zeigte sich eine neue mexikanische Regierung zum Friedensschluss bereit. Bis Februar 1848 handelte PolksPolk, James K. Sondergesandter Nicholas TristTrist, Nicholas in GuadalupeAußenpolitikVertrag v.Guadalupe Hidalgo (1848) HidalgoGuadalupe Hidalgo, Vertrag v., einem Vorort Mexiko Citys, einen Vertrag aus, in dem MexikoMexikoMexikanisch-Amerikanischer Krieg auf Kalifornien und Neu-Mexiko verzichtete und die Rio Grande-Grenze anerkannte. Dafür zahlten die USA 15 Millionen Dollar an Mexiko und übernahmen mexikanische Schuldverpflichtungen in Höhe von weiteren 3,25 Millionen Dollar. Diese Ausgaben und die hohen Kriegskosten von 97,7 Millionen Dollar wurden rasch durch die Entdeckung relativiert, dass der kalifornische Boden Gold im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar barg.

PolkPolk, James K. und seine engsten Berater waren eine Zeit lang unsicher, ob sie sich mit diesem Resultat von militärischem Zwang und finanzieller Bestechung zufriedengeben oder das Ziel noch höherstecken und möglicherweise ganz MexikoMexikoMexikanisch-Amerikanischer Krieg annektieren sollten. Wachsende Kritik der WhigsWhig-Partei und Spannungen in der eigenen Partei deuteten aber die Schwierigkeiten an, die sich allein schon aus der Eingliederung von Neu-Mexiko und KalifornienKalifornien ergeben würden. Unter diesen Umständen siegte die Vernunft, und PolkPolk, James K. leitete den Friedensvertrag an den Senat weiter, der ihn im März 1848 zügig ratifizierte. Ungeachtet der beträchtlichen Verluste – 13.000 der knapp 100.000 eingesetzten Amerikaner fielen oder starben an Krankheiten – bestärkte der Ausgang des KriegesMexikoMexikanisch-Amerikanischer Krieg die politischen, religiösen und rassischen Überlegenheitsgefühle, die auf amerikanischer Seite seit langem virulent waren. Beim Unterlegenen blieben Ressentiments zurück, die das gegenseitige Verhältnis dauerhaft belasteten. So sehr der Nationalstolz der Mexikaner aber verletzt war, so wenig gelang es ihnen, eine starke gemeinsame Front gegen den vitalen Nachbarn im Norden zu errichten. Politische Instabilität und chronische Finanznot engten den Handlungsspielraum der Regierungen ein und machten sie anfällig für Versuchungen: Schon 1853 sah sich der gerade aus dem Exil zurückgekehrte Santa AnaSanta Ana, Antonio López de gezwungen, den USA im so genannten Gadsden PurchaseAußenpolitikGadsden Purchase (1853) für 10 Millionen Dollar ein weiteres Stück mexikanischenMexiko Territoriums zu verkaufen, über das Südstaatler eine Bahnlinie zum Pazifik bauen wollten.

Die USA und die RevolutionenRevolutionen von 1848/49 in Europa in Europa, 1848/49

Obgleich die Aufmerksamkeit der amerikanischen Regierung und Bevölkerung vom Krieg gegen Mexiko stark beansprucht wurde, blieben die revolutionären Erschütterungen in Europa keineswegs unbeachtet. Als erstes Land nahmen die USA nach dem Sturz der Monarchie und der Proklamation der Republik im Frühjahr 1848 diplomatische Beziehungen mit der neuen französischen Regierung auf. Präsident PolkPolk, James K. würdigte in einer Grußadresse vom 3. April die „friedliche Erhebung des französischen Volkes“, die bewiesen habe, „dass der Mensch in diesem aufgeklärten Zeitalter fähig ist, sich selbst zu regieren“. Auf diplomatischer Ebene betonte die Administration zwar das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes, ließ aber keinen Zweifel daran, dass die Amerikaner moralisch Partei für die Sache der Republik und des Fortschritts ergriffen. Die Revolution in DeutschlandDeutschlandBeziehungen zu Deutschland vor 1949Revolution von 1848 löste ebenfalls begeisterte Zustimmung in der amerikanischen Öffentlichkeit aus, vor allem natürlich unter den Deutsch-AmerikanernDeutsch-Amerikaner an der Ostküste und im Mittleren WestenMittlerer Westen. Einige von ihnen, so etwa der in South CarolinaSouth Carolina als Professor lehrende Franz LieberLieber, Franz, machten sich auf den Weg nach Europa, um Demokratie und RepublikanismusRepublikanismus zum endgültigen Sieg zu verhelfen. Aus Deutschland kamen im Gegenzug Emissäre in die USA, als erster Friedrich HeckerHecker, Friedrich im Oktober 1848, die auf Vortragsreisen um moralische und materielle Unterstützung warben.

Wie im Falle Frankreichs beeilte sich die Washingtoner Regierung, die provisorische deutsche Zentralgewalt anzuerkennen und diplomatische Beziehungen mit ihr aufzunehmen. Der Gesandte in BerlinBerlin, Andrew Jackson DonelsonDonelson, Andrew Jackson, überreichte dem Reichsverweser Erzherzog JohannJohann von Österreich im September 1848 sein Beglaubigungsschreiben, und Friedrich Ludwig von RönneRönne, Friedrich Ludwig v. wurde einen Monat später als Vertreter der Reichsregierung in Washington akkreditiert. Die amerikanischen Diplomaten in Deutschland beschränkten sich nicht darauf, Rat in Verfassungsfragen zu erteilen, sondern sie erkundeten auch die Möglichkeiten einer stärkeren wirtschaftlichen Kooperation. Darüber hinaus leiteten sie sogar konkrete Schritte zur militärischen Zusammenarbeit, speziell im Flottenwesen ein. Mit den meisten ihrer Landsleute teilten sie die Hoffnung, dass die Übertragung amerikanischer Verfassungsprinzipien auf Europa eine neue Ära des politisch-gesellschaftlichen und ökonomischen Fortschritts einleiten werde. Im Wahlkampf von 1848 bekundeten DemokratenDemokratische ParteiAntebellum und Anhänger der Free Soil PartyFree Soil Party offen ihre Sympathien für die europäischen RevolutionäreRevolutionen von 1848/49 in Europa, während die WhigsWhig-Partei größere Zurückhaltung gegenüber radikalprogressiven und sozialistischenSozialismus Bestrebungen an den Tag legten und vor einer Interventionspolitik warnten. Südstaatlern wie CalhounCalhoun, John C. missfiel der Zentralismus, den sie nicht nur in Frankreich, sondern auch in der Paulskirchenverfassung entdeckten, und noch weniger behagte ihnen die Emanzipation der Sklaven auf den französischen KaribikinselnFrankreichKolonienKaribik. Im Unterschied zur PolkPolk, James K.-Administration, die von einem militanten Fortschrittsgeist beherrscht war und die Ausbreitung der Demokratie in Europa gewissermaßen als transkontinentale Erscheinungsform der Manifest DestinyManifest Destiny verstand, zog sich der Whig-Präsident Zachary TaylorTaylor, Zachary ab März 1849 wieder auf die völkerrechtlichen Grundsätze der Nichteinmischung und Neutralität zurück. Um diese Zeit war das Scheitern der mitteleuropäischen Volkserhebungen bereits abzusehen, und in der amerikanischen Öffentlichkeit begann der Revolutionsenthusiasmus der Ernüchterung und Enttäuschung zu weichen. Die leidenschaftliche Anteilnahme am liberalen Aufbruch in Europa konnte unter diesen Umständen keine größeren praktischen Wirkungen entfalten. Angesichts des moralischen Engagements der Bevölkerung und der vielfältigen Aktivitäten der US-Diplomaten auf dem Kontinent wäre es jedoch verfehlt, von einem generellen „IsolationismusAußenpolitikIsolationismusIsolationismus“ der amerikanischen Politik in dieser Phase zu sprechen. Die Solidarität mit den europäischen Revolutionären lebte in der Hilfe weiter, die man den Flüchtlingen und VertriebenenEinwanderungJahrhundertmitte (19.Jh.) gewährte, darunter einigen tausend deutschenEinwanderungEthnienDeutsche „Achtundvierzigern“ oder Forty-eighters mit Männern wie Friedrich HeckerHecker, Friedrich, Franz SigelSigel, Franz und Carl SchurzSchurz, Carl an der Spitze. Auch einige FrauenFrauen, etwa Mathilde Franziska AnnekeAnneke, Mathilde Franziska, die sich in WisconsinWisconsin dem frühen Women’s Movement anschloss, sollten in der amerikanischen Politik und Kultur noch eine bedeutende Rolle spielen. Interventionsideen zu Gunsten einer universalen Verbreitung des RepublikanismusRepublikanismus blieben im Kreis des Young AmericaYoung America virulent, einer jugendlichen, militant-progressiven Minderheitsgruppe innerhalb der Demokratischen Partei. Ihr politischer Führer war Stephen A. DouglasDouglas, Stephan A., Senator von IllinoisIllinois, ihr eifrigster Propagandist George N. SandersSanders, George N., der 1848 sogar Waffen nach Europa liefern wollte und wenig später dem ungarischenUngarn Revolutionär Louis KossuthKossuth, Louis die Ausrüstung von Freiwilligen für den Freiheitskampf in seiner Heimat versprach. Einige Repräsentanten des Jungen Amerika, unter ihnen auch SandersSanders, George N., wurden später von Präsident Franklin PiercePierce, Franklin (1853–1857) auf Diplomatenposten nach Europa entsandt, wo sie mit Exilrevolutionären wie GaribaldiGaribaldi, Giuseppe, MazziniMazzini, Giuseppe, KossuthKossuth, Louis und HerzenHerzen, Alexander Iwanowitsch Pläne für neue Erhebungen schmiedeten. Die Interventions- und Expansionsideen dieser Bewegung, die zugleich kosmopolitisch und nationalistisch war, gingen dann aber in der immer schärfer werdenden inneren Auseinandersetzung über die Sklavereifrage unter.

Der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner)-Kompromiss von 1850Kompromiss von 1850

Mit dem Sieg über Mexiko und dem Frieden von GuadalupeAußenpolitikVertrag v.Guadalupe Hidalgo (1848) HidalgoGuadalupe Hidalgo, Vertrag v. trat der Nord-Süd-Konflikt 1848 in ein neues Stadium ein. Die gegensätzlichen Positionen waren schon im Streit um einen Antrag markiert worden, den der demokratische Abgeordnete David WilmotWilmot, David aus PennsylvaniaPennsylvania kurz nach Kriegsausbruch erstmals im Kongress eingebracht hatte. Dieses Wilmot ProvisoWilmot Proviso sah ein Verbot der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) in allen Gebieten vor, die Mexiko an die USA abtreten würde. Im Repräsentantenhaus fand der Vorschlag wiederholt breite Unterstützung bei WhigsWhig-Partei und DemokratenDemokratische ParteiAntebellum aus dem Norden, und auch vierzehn nördliche Staatenparlamente machten sich für ihn stark. Der Senat, in dem die Befürworter der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) mehr Einfluss hatten, stimmte das Proviso dagegen ebenso regelmäßig nieder. Das relativ gute Abschneiden der sklavereifeindlichen Free Soil PartyFree Soil Party bei den Wahlen von 1848 (ihr Präsidentschaftskandidat Van BurenVan Buren, Martin errang 14 Prozent der im Norden abgegebenen Stimmen) beunruhigte die Südstaatler zusätzlich. Einen neuen Höhepunkt erreichte die Debatte im Kongress, als KalifornienKalifornien 1850 den Antrag stellte, in die Union aufgenommen zu werden.

1848 war im Tal des Sacramento Gold gefunden worden, und der anschließende gold rush, der allein im Jahr darauf ca. 80.000 Fourty-niners ins Land brachte, hatte die BevölkerungBevölkerungsentwicklung auf über 100.000 anschwellen lassen. Die 1849 ausgearbeitete VerfassungVerfassung, mit der sich KalifornienKalifornien um Aufnahme bewarb, enthielt ein SklavereiverbotSklaverei (s.a. Afroamerikaner), das nicht zuletzt deshalb zustande gekommen war, weil die Weißen keine Konkurrenz durch AfroamerikanerAfroamerikaner wünschten – weder in Form von Sklaven noch von freien Schwarzen. KaliforniensKalifornien Antrag gefährdete nicht nur die zahlenmäßige Balance zwischen Sklavenstaaten und „freien“ Staaten, die inzwischen bei 15:15 stand. Er warf darüber hinaus die Frage nach der Zukunft sämtlicher neu erworbener Gebiete auf, bei deren Beantwortung der geographisch begrenzte MissouriMissouri (Staat)-Kompromiss von 1820 nicht mehr als alleinige Richtschnur dienen konnte. Es dauerte sieben Monate, bis der Kongress nach zähem Ringen eine Lösung fand, die den drohenden Bruch der Union noch einmal abwendete. Wieder war Henry ClayClay, Henry beteiligt, aber das Hauptverdienst gebührte dem demokratischen Senator von IllinoisIllinois, Stephen A. DouglasDouglas, Stephan A., der prinzipielle Erwägungen hinter eine pragmatische Interessenpolitik zurückstellte. Auf dieser Basis sammelte er Nordstaaten-DemokratenDemokratische ParteiAntebellum und Südstaaten-WhigsWhig-Partei, um eine Reihe von Maßnahmen durchzubringen, die zusammen ein Kompromisspaket bildeten. Der Norden konnte als Erfolge verbuchen, dass Kalifornien als „freier“ Staat aufgenommen wurde, das OregonOregon-Territorium sklavenfrei blieb und der Sklavenhandel im District of ColumbiaDistrict of Columbia, d. h. der Hauptstadt WashingtonWashington, D.C., nicht mehr erlaubt war. Dafür erreichte der SüdenSüden, dass den beiden neuen Territorien UtahUtah und New MexicoNew Mexico in Aussicht gestellt wurde, ihre Einwohner dürften vor der Staatswerdung selbst über Zulassung oder Verbot der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) entscheiden. Damit erkannte der Kongress implizit eine Zuständigkeit der Territorien für die Sklavenfrage an, die der 1848 unterlegene demokratische Präsidentschaftskandidat Lewis CassCass, Lewis als Erster unter dem Schlagwort popular sovereigntypopular sovereignty in die Diskussion gebracht hatte. Wie diese Souveränität praktisch ausgeübt werden sollte, ließ DouglasDouglas, Stephan A. allerdings bewusst offen. Ein weiteres Zugeständnis an den Süden war die Verabschiedung des Fugitive Slave ActFugitive Slave Act (1850), der die Rückgabe von geflohenen Sklaven an ihre Besitzer erleichtern sollte, indem er die Strafen für Fluchthilfe verschärfte und die Prozessrechte verdächtiger Schwarzer noch mehr einengte. Dieses Gesetz war allerdings im Norden sehr unpopulär, und jeder Versuch, seine Bestimmungen konkret anzuwenden, lieferte den AbolitionistenAbolitionisten neue Propagandamunition. Insgesamt gesehen stellte der „Kompromiss von 1850Kompromiss von 1850“ einen Sieg der Interessenpolitik dar, der die fundamentalen Probleme ausklammerte. Gleichzeitig breitete sich im Norden wie im Süden das Gefühl aus, dass die Grenzen der Kompromissbereitschaft erreicht seien.

Das KansasKansas-NebraskaNebraska-Gesetz von 1854

Nach dem Wahlsieg von 1852 versuchten die DemokratenDemokratische Partei auf gewohnte Weise, die inneren Spannungen durch außenpolitische Expansion abzubauen. Eines der begehrtesten Ziele, das bereits PolkPolk, James K. ins Auge gefasst hatte, war die spanische Karibikinsel KubaKuba. Alle Bemühungen der Administration von Präsident Franklin PiercePierce, Franklin (1853–1857), Kuba zu kaufen oder Vorwände für eine militärische Intervention zu schaffen, scheiterten aber am Widerstand SpaniensSpanien und an der Abneigung des Nordens, einen zusätzlichen Sklavenstaat in die Union zu integrieren. Die amerikanischen Diplomaten in Europa bestärkten PiercePierce, Franklin in seiner Überzeugung, die USA hätten das Recht, den Spaniern Kuba notfalls gewaltsam abzunehmen. Als ihr „Ostende-Manifest“ 1855 in die amerikanische Presse gelangte, löste es aber nur einen neuen Proteststurm gegen die Slave Power des Südens aus. Letztlich erfolglos verlief auch eine von Pierce gedeckte Expedition amerikanischer Abenteurer nach MittelamerikaMittelamerika, die den gesamten Isthmus, zumindest aber NicaraguaNicaragua in die Union bringen sollte. Der Anführer William WalkerWalker, William schwang sich zum Diktator von Nicaragua auf und führte die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) wieder ein. Präsident PiercePierce, Franklin erkannte sein Regime diplomatisch an, konnte aber nicht verhindern, dass WalkerWalker, William 1857 vertrieben und 1860 in HondurasHonduras hingerichtet wurde.

Die Anstrengungen, die gemäßigte Kräfte in beiden großen Parteien unternahmen, um die Sklavereifrage aus der Innenpolitik herauszuhalten, wurden 1854 von Senator DouglasDouglas, Stephan A. unterlaufen. Sein Plan einer transkontinentalen EisenbahnlinieEisenbahnAntebellum erforderte eine Regelung für das so genannte unorganized territory zwischen MississippiMississippi (Fluss) und Rocky MountainsRocky Mountains. Der MissouriMissouri (Staat)-Kompromiss von 1820 hatte bestimmt, dass dieses Gebiet des Louisiana PurchaseFrankreichLouisiana PurchaseLouisiana Purchase oberhalb der Linie 36 Grad 30 Minuten nördlicher Breite sklavenfrei bleiben sollte. DouglasDouglas, Stephan A. schlug dem Kongress vor, nach Ablösung der indianischen Landrechte zwei neue Territorien einzurichten, NebraskaNebraska im Norden und KansasKansas im Süden, deren Bewohner dann selbst über die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) entscheiden würden. Mit diesem Teilungsplan und mit seiner Bereitschaft, das Prinzip der popular sovereigntypopular sovereignty über den Missouri-KompromissMissouri-Kompromiss zu stellen, gewann DouglasDouglas, Stephan A. die Zustimmung der Südstaatler, die nun eine Chance sahen, zumindest im Kansas-Territorium die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) durchzusetzen. Viele Menschen im Norden, DemokratenDemokratische Partei ebenso wie WhigsWhig-Partei, empfanden das im Mai 1854 verabschiedete Gesetz jedoch als endgültigen Beweis für die Absicht der Slave Power, das Sklavereisystem auf die gesamten Vereinigten Staaten auszudehnen. Im Streit um Kansas und Nebraska, der jetzt mit aller Heftigkeit losbrach, sollte offenbar werden, dass es keine einheitliche Vision für die Zukunft mehr gab und dass das Parteiensystem seine Kraft eingebüßt hatte, die sektionalen InteressengegensätzeSektionale Konflikte zu überbrücken und auszugleichen.

Kapitel 4: BürgerkriegBürgerkrieg, IndustrialisierungIndustrialisierungGilded AgeIndustrialisierung und soziale Konflikte im Gilded AgeGilded Age, 1855–1896

Die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) mit all ihren Begleiterscheinungen und Konsequenzen war zweifellos die zentrale Ursache des BürgerkriegesBürgerkriegVorgeschichteBürgerkriegUrsachenBürgerkrieg, der das „amerikanische Experiment“ von 1861 bis 1865 auf eine schicksalhafte Probe stellte. Die zunehmende Nervosität der Menschen und ihre wachsende Anfälligkeit für Verschwörungstheorien waren Anzeichen dafür, dass sich die Grundwidersprüche dieses 1776 begonnenen Projekts nur noch mühsam verschleiern ließen und auf eine gewaltsame Lösung hindrängten. Das betraf zum einen den Gegensatz zwischen dem Gleichheitsgebot in der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung und der Unfreiheit von Millionen schwarzer AmerikanerAfroamerikanerGilded Age, der durch die inzwischen in weiten Teilen der Welt erfolgte Sklavenbefreiung zusätzlich akut wurde. Das betraf aber auch die konstitutionelle Ungewissheit über die wahre Natur der Union, die von der Mehrheit für permanent und unauflöslich erachtet wurde, während eine beträchtliche Minderheit, vor allem im SüdenSüden, dem am entschiedensten von John C. CalhounCalhoun, John C. verfochtenen Konzept einer lockeren, gegebenenfalls kündbaren KonföderationKonföderationVorgeschichteBürgerkriegUrsachen souveräner Staaten anhing. Konflikt verschärfend wirkten die rasche Westexpansion der 1840er Jahre, die das Sklavereiproblem in die neuen Territorien trug, sowie die zunehmende wirtschaftliche und soziale Diskrepanz zwischen Norden und Süden im Gefolge der market revolutionMarktrevolution, die in beiden Teilen der Union ein kulturelles Sonderbewusstsein entstehen ließ. Je größer der demokratisch-reformerische Elan im Norden wurde, desto aggressiver verteidigte die Südstaatenelite ihren aristokratischen Lebensstil und desto schwieriger wurde das Bemühen um Kompromiss und Konsens. Das Parteiensystem von WhigsWhig-Partei und DemokratenDemokratische ParteiAntebellum, das lange Zeit den Rahmen für den regionalen Interessenausgleich gebildet hatte, büßte seine Integrationskraft ab 1850 mehr und mehr ein und löste sich schließlich ganz auf. Unter diesen Umständen ließen die Anlässe, die den Nord-Süd-Konflikt zur unversöhnlichen Konfrontation steigerten, nicht lange auf sich warten. Aus der Rückschau erscheint es folgerichtig, dass der Sieg des Nordens im BürgerkriegBürgerkriegVorgeschichteBürgerkriegUrsachen das national-föderale Verfassungsprinzip bestätigte und die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) aus dem demokratischen Staatswesen verbannte. Zu Beginn der 1860er Jahre war die Situation aber vollkommen offen, und die Geschichte hätte ohne die überragende Führungsleistung Abraham LincolnsLincoln, Abraham durchaus eine andere Wendung nehmen können.

1 Die Eskalation des Nord-Süd-Konflikts und der Weg in den BürgerkriegBürgerkriegVorgeschichteBürgerkrieg
Die Umgestaltung der Parteienlandschaft

Die allgemeine Unruhe und das Gefühl des Umbruchs wurden in den frühen 1850er Jahren durch spektakuläre politische Erfolge einer nativistischen, militant fremdenfeindlichen Bewegung genährt, die als Reaktion auf die MasseneinwanderungEinwanderungJahrhundertmitte (19.Jh.) entstanden war und die ihrerseits dazu beitrug, das alte Parteiensystem aus den Angeln zu heben. Ursprünglich ein geheimbundartiger Zusammenschluss von lokalen Anti-Immigrationsklubs, nahm diese Know-Nothing-BewegungKnow-Nothing-Bewegung bald unionsweit als American PartyAmerican Party an Wahlen teil, wobei sie in einigen Staaten des Nordostens und Mittleren WestensMittlerer Westen sogar Gouverneursposten und Parlamentsmehrheiten erobern konnte. Die ideologische Triebfeder war der Anti-Katholizismus, der sich vor allem gegen die Neueinwanderer aus Irland und DeutschlandDeutschland richtete, gegen die man den protestantischen Charakter der USA, die Moral und die Demokratie verteidigen zu müssen glaubte. Seinen Höhepunkt erreichte der nativistische „Kreuzzug“ 1854/55, als die American Party Zulauf von ehemaligen WhigsWhig-Partei und konservativen DemokratenDemokratische ParteiAntebellum erhielt und damit zur Erschütterung des herkömmlichen Parteiengefüges beitrug. Danach ging es durch die Inkompetenz vieler Abgeordneter, die abschreckende Gewalttätigkeit radikaler Anhänger und die UneinigkeitBürgerkriegVorgeschichte in der Sklavereifrage allerdings rasch bergab. Nach 1856 wurden die meisten Wähler der American Party, die erstmals das Gefahrenpotenzial des Fremdenhasses im Einwanderungsland USA hatte sichtbar werden lassen, von einer anderen Neugründung, der Republican Party, aufgesogen.

Der Aufstieg der RepublikanischenRepublikanische ParteiEntstehung Partei korrespondierte jedoch vor allem mit dem Niedergang der WhigsWhig-Partei, deren Zusammenhalt nach dem Tod ihrer beiden prominentesten Politiker Henry ClayClay, Henry und Daniel WebsterWebster, Daniel 1852 und endgültig nach dem Kansas NebraskaNebraska ActKansas Nebraska Act (1854) von 1854 an der Sklavereifrage zerbrach. Während sich die nördlichen Reformer (Conscience WhigsWhig-Partei) enttäuscht von der Partei abwendeten, reagierten die Anhänger im SüdenSüden (cotton whigs) allergisch auf die wachsende KritikBürgerkriegVorgeschichte an der Sklaverei und machten sich selbstständig oder gingen – teilweise auf dem Umweg über die American PartyAmerican Party – zu den DemokratenDemokratische ParteiAntebellum über. Im Norden verband die Empörung über das Kansas-Nebraska-Gesetz alle diejenigen ehemaligen WhigsWhig-Partei, DemokratenDemokratische ParteiAntebellum und Free-Soilers, die eine Ausdehnung der SklavereiBürgerkriegVorgeschichteSklaverei (s.a. Afroamerikaner) in die westlichen Territorien unter allen Umständen verhindern wollten. Ihre zunächst örtliche Zusammenarbeit führte 1854 zur Gründung der RepublicanRepublicans (Jefferson) Party, deren Name bewusst an das freiheitlich-egalitäre Erbe Jeffersons anknüpfte. 1856 schloss sich auch Abraham LincolnLincoln, Abraham an, bis dahin ein loyaler Whig, der nun die lokale Parteiorganisation in IllinoisIllinois aufbaute. Obwohl die Republicans nur im Norden aktiv waren, rechneten sie sich gute Chancen für die Eroberung der Macht in Washington aus: Die Nordstaaten-DemokratenDemokratische ParteiAntebellum waren durch den Abfall der sklavereifeindlichen Douglas-Gegner geschwächt, und der Süden stellte inzwischen nur noch ein Drittel der amerikanischen Wähler. Bei den Präsidentschaftswahlen von 1856 hätte sich der Bewerber der RepublikanischenRepublikanische ParteiEntstehung Partei, John C. FrémontFrémont, John C., beinahe gegen den DemokratenDemokratische ParteiAntebellum James BuchananBuchanan, James durchgesetzt. Im Norden konnte er viele ehemalige Anhänger der Demokratischen Partei sowie nativistische Wähler auf seine Seite ziehen, die den Kandidaten der American Party, Millard FillmoreFillmore, Millard, wegen seiner Sympathien für die Südstaaten ablehnten. FrémontFrémont, John C. fehlten nur wenige Stimmen in den Schlüsselstaaten PennsylvaniaPennsylvania und Illinois, um ins Weiße Haus einzuziehen.

Durch die schon während der Wahl beginnende Auflösung der American PartyAmerican Party wurden die RepublikanerRepublikanische ParteiEntstehung im Norden immer stärker. Sie profitierten außerdem von der Wirtschaftskrise, die 1857 kurz nach BuchanansBuchanan, James Amtsantritt einsetzte und für die sie die DemokratenDemokratische ParteiAntebellum verantwortlich machten. Mit taktischem Geschick, das teilweise an Opportunismus grenzte, warben sie nun auch um Wählergruppen, denen die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) mehr oder weniger gleichgültig war. Künftigen Siedlern im WestenWesten stellten sie billiges Farmland durch ein homestead-GesetzHomestead Gesetz (1862) in Aussicht, den ArbeiternArbeiter und Industriellen an der Ostküste versprachen sie hohe Schutzzölle, den Zusammenhalt der Regionen wollten sie durch ein großes Infrastrukturprogramm im Sinne von ClaysClay, Henry American SystemAmerican System (Henry Clay) verbessern, und mit Blick auf die Nativisten befürworteten sie längere Wartefristen bei der EinbürgerungEinwanderungsgesetze von Immigranten. Auf diese Weise entstand eine werbewirksame Mischung aus Elementen der free labor-Ideologie, der wirtschaftlichen Modernisierung und der moralischen Reform. Bis 1858 hatte sich die politische Landschaft der USA grundlegend geändert: Die WhigsWhig-Partei waren verschwunden, und den im Norden erheblich geschwächten, im SüdenSüden dagegen gestärkten DemokratenDemokratische ParteiAntebellum stand nun eine RepublikanischeRepublikanische Partei Partei gegenüber, die sich ganz auf die Nordstaaten konzentrierte. Nach dem Gegensatz von FederalistsFederalists und Republicans, der die Zeit von 1790 bis 1820 bestimmt hatte, und der Konkurrenz von DemokratenDemokratische ParteiAntebellum und WhigsWhig-Partei seit Ende der 1820er Jahre handelte es sich hierbei um das dritte Zweiparteiensystem der USA. Anders als seine beiden Vorgänger trug es jedoch nicht mehr zur Stabilisierung der Union bei, sondern erhöhte durch seine regionale Ausrichtung die SpannungenBürgerkriegVorgeschichte zwischen Norden und Süden.

Das „blutende KansasKansas“ und das Dred ScottDred Scott v.SanfordScott, Dred-Urteil

Die zunehmende Neigung, Konflikte gewaltsam auszutragen, offenbarte sich im StreitBürgerkriegVorgeschichte um KansasKansas, wo AbolitionistenAbolitionisten und Free-Soilers aus NeuenglandNeuengland (s.a. Nordosten, Regionen) und Sklavereibefürworter aus MissouriMissouri (Staat) seit 1854 eine Art Stellvertreterkrieg zwischen Norden und SüdenSüden führten. Beide Seiten versuchten, ihre moralischen Grundsätze, ihr Gesellschaftsmodell und ihre Verfassungsvorstellungen im Kansas-Territorium zu verwirklichen, das dadurch die Blicke aller Amerikaner auf sich zog. Einen traurigen Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen 1856, als Guerrillatrupps aus dem Süden die Hauptstadt der Free-Soilers niederbrannten und Sklavereigegner unter Führung des religiösen Fanatikers John BrownBrown, John aus Rache ein Massaker an unbeteiligten Siedlern verübten. Im Jahr darauf goss der Supreme CourtSupreme CourtAfroamerikaner mit seiner Entscheidung im Fall Dred ScottDred Scott v.SanfordScott, Dred v.Sanford noch Öl ins Feuer. Das Gericht nahm die Frage, ob der Sklave Dred ScottDred Scott v.Sanford durch den zeitweiligen Aufenthalt in WisconsinWisconsin und im sklavenfreien MinnesotaMinnesota-Territorium seine Freiheit erlangt hatte oder nicht, zum Anlass, ein Grundsatzurteil zu fällen, das in den Südstaaten bejubelt wurde, im Norden dagegen Protest und EmpörungBürgerkriegVorgeschichte hervorrief. Chief Justice Roger TaneyTaney, Roger B. verwarf die Klage Dred ScottsDred Scott v.SanfordScott, Dred gegen seinen Besitzer mit der Begründung, Schwarze – Sklaven gleichermaßen wie freie Afroamerikaner – seien keine amerikanischen Staatsbürger und dürften daher nicht den Supreme Court anrufen. In seiner ausführlichen Begründung, die nach dieser formalen Entscheidung eigentlich nicht mehr nötig gewesen wäre, bezeichnete er Schwarze als „beings of an inferior order“, die keine Rechte hätten, die ein weißer Mann respektieren müsse. Mit dem Hinweis, dass das Besitzrecht an Sklaven laut dem 5. Amendment auch in den Territorien uneingeschränkt gelte, erklärte er darüber hinaus implizit den Missouri-KompromissMissouri-Kompromiss von 1820 und alle nachfolgenden Sklavereikompromisse für verfassungswidrig. Präsident BuchananBuchanan, James hatte die – mehrheitlich aus dem Süden stammenden – Richter hinter den Kulissen zu diesem radikalen Schritt ermutigt, weil er sich in der illusionären Hoffnung wiegte, der Spruch des Supreme Court werde allgemein akzeptiert werden und für Beruhigung sorgen. Tatsächlich bewirkte das UrteilBürgerkriegVorgeschichte das genaue Gegenteil, denn die Sklavereigegner im Norden zeigten sich weniger denn je bereit, die Bestimmungen des Fugitive Slave ActFugitive Slave Act (1850) von 1850 zu respektieren und das Oberste Gericht als letzte Instanz der Verfassungsinterpretation anzuerkennen. Noch dazu verschärfte BuchanansBuchanan, James Taktik die Spannungen in der eigenen Partei, weil eine derart dezidierte pro-SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner)-Haltung die popular sovereigntypopular sovereignty-Position von Senator DouglasDouglas, Stephan A. im Norden untergrub. Die Parteinahme für die Sklavereianhänger in Kansas, mit der BuchananBuchanan, James seine Südstaaten-Sympathien offen demonstrierte (obgleich er aus PennsylvaniaPennsylvania stammte), vertiefte die Kluft zwischen ihm und Douglas weiter und beschwor die Gefahr einer Spaltung der DemokratenDemokratische ParteiAntebellum herauf. Das starrsinnige Festhalten des Präsidenten an den wenig aussichtsreichen Plänen seines Vorgängers Franklin PiercePierce, Franklin, neue Sklavenstaaten in der KaribikKaribik und in MittelamerikaMittelamerika für die Union zu erwerben, war ein weiterer Beleg dafür, dass die Administration einseitig die Interessen des Südens vertrat. Der Gedanke, durch Expansion nach außen die Explosion im Innern zu verhindern, spielte aber bis zum Schluss auf beiden Seiten – bei DemokratenDemokratische ParteiAntebellum wie Republikanern – eine gewisse Rolle.

Die LincolnLincoln, Abraham-DouglasDouglas, Stephan A.-DebattenBürgerkriegVorgeschichte

Die Sklavereifrage und der Nord-Süd-Konflikt bestimmten die Zwischenwahlen von 1858, bei denen es in IllinoisIllinois zu dem denkwürdigen, bis heute faszinierenden Aufeinandertreffen von Stephen DouglasDouglas, Stephan A. und Abraham LincolnLincoln, Abraham kam. Konkret ging es um die Bestätigung von Douglas’ Senatssitz in Washington, die das neu zu wählende Parlament von Illinois vollziehen musste. Unionsweites Interesse erweckte diese Angelegenheit, weil Lincoln, den die RepublikanerRepublikanische ParteiEntstehung als Gegenkandidaten nominiert hatten, Douglas zu einer Serie von sieben öffentlichen Debatten an verschiedenen Orten in Illinois herausforderte. Als Sohn einfacher Farmer, der an der FrontierFrontier in KentuckyKentucky aufgewachsen war und der es dann als Autodidakt zum erfolgreichen Anwalt in Springfield, Illinois, gebracht hatte, entsprach LincolnLincoln, Abraham ganz dem egalitär-fortschrittlichen Image, das sich die Republikanische Partei geben wollte. Auffallend war seine lange, schlaksige Figur, mit der er die meisten Landsleute und speziell den 1,60 m großen „Little Giant“ DouglasDouglas, Stephan A. überragte; charakterlich galt LincolnLincoln, Abraham („honest Abe“) als absolut integer und zuverlässig, und seit der Zeit im Parlament von Illinois und im US-Repräsentantenhaus genoss er den Ruf eines ausgezeichneten Redners mit Humor und einer bildhaft-praktischen, an die Bibel angelehnten Sprache.

LincolnLincoln, Abraham hatte schon mit seiner NominierungsredeBürgerkriegVorgeschichte großes Aufsehen erregt, als er unter dem Bibelzitat „a house divided against itself cannot stand“ vorhersagte, die Union werde nicht auf Dauer „half slave and half free“ bleiben können. Der Massenzulauf zu den Debatten und das überregionale Interesse, das von den großen Zeitungen befriedigt wurde, spiegelten den Stand des allgemeinen Demokratisierungsprozesses in den USA wider, dokumentierten aber auch das gespannte politische Klima angesichts des drohenden Zerfalls der Union. Die Redeschlachten vor Tausenden von Menschen, deren Format exakt vereinbart worden war, ließen lokale Fragen fast unberührt und kreisten ganz um die Sklavereiproblematik. DouglasDouglas, Stephan A. modifizierte seinen bekannten Standpunkt der popular sovereigntypopular sovereignty, indem er behauptete, die Siedler in den Territorien könnten auch nach dem Dred ScottScott, Dred-Urteil durch lokale Maßnahmen das Vordringen der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) verhindern. Demgegenüber wertete LincolnLincoln, Abraham den Spruch des Supreme CourtSupreme Court als weiteres Indiz für eine Verschwörung, die auf die Ausbreitung der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) über ganz Amerika abziele. Im Unterschied zu seinem Kontrahenten setzte sich Lincoln auch mit der moralischen Dimension des Konflikts auseinander. Er wies zwar DouglasDouglas, Stephan A.’ Vorwurf zurück, er wolle die politische und soziale Gleichheit von Schwarzen und Weißen herstellen, und gestand zu, dass die verfassungsmäßigen Rechte der Südstaatler berücksichtigt werden müssten. Andererseits ließ er keinen Zweifel daran, dass er die Sklaverei als ein moralisches Übel verurteilte, weil sie die Schwarzen um die Früchte ihrer Arbeit betrog und das undemokratische Herr-Knecht-Verhältnis zementierte. Wenn man diesem Krebsschaden am Körper der Union beikommen wolle, dann gelte es zunächst einmal, das weitere Vordringen der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) in die Territorien zu verhindern. Das Dred ScottScott, Dred-Urteil dürfe nicht das letzte Wort darstellen, sondern müsse auf politischem Wege überwunden werden. Wiederholt mahnte LincolnLincoln, Abraham zur Rückbesinnung auf die Prinzipien der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung, wenn die Nation nicht ihre Bestimmung verfehlen sollte.

Obwohl die RepublikanerRepublikanische ParteiEntstehung im November 1858 in IllinoisIllinois Stimmengewinne verzeichneten, konnte DouglasDouglas, Stephan A. bei der Senatorenwahl im Parlament sein Mandat verteidigen. Als weit bedeutsamer erwies sich jedoch, dass LincolnLincoln, Abraham durch die Debatten an Statur gewonnen hatte und ins Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit gerückt war. Insofern verschafften ihm die Streitgespräche eine günstige Ausgangsbasis für das kommende Duell mit DouglasDouglas, Stephan A. um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten.

LincolnsLincoln, Abraham Wahl und der Weg in den KriegBürgerkriegVorgeschichte

Der Wahlkampf von 1860 wurde durch eine neue Aktion John BrownsBrown, John überschattet, der – insgeheim ermuntert und unterstützt von prominenten nordstaatlichen AbolitionistenAbolitionisten – das Signal für einen allgemeinen Sklavenaufstand im SüdenSüden geben wollte. Der Handstreich, den er im Oktober 1859 mit seinen Söhnen und einigen Anhängern gegen das bundesstaatliche Waffenarsenal in Harpers Ferry, VirginiaHarpers Ferry, Virginia, am Zusammenfluss von PotomacPotomac und ShenandoahShenandoah River unternahm, verfehlte diesen Zweck jedoch völlig und führte stattdessen zum Tod mehrerer Angreifer und zur Gefangennahme und Hinrichtung BrownsBrown, John. In den Augen vieler Nordstaatler machte ihn dies zum Märtyrer und zur Symbolfigur des Widerstands gegen die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner); im Süden wiederum schürte die abolitionistischeAbolitionisten Propaganda die Ängste vor einem Wahlsieg der Republikaner, denen man die Absicht zuschrieb, die peculiar institutionpeculiar institution und damit die Grundlage der südlichen WirtschaftWirtschaft zerstören zu wollen.

Auf dem nationalen Nominierungskonvent der RepublikanerRepublikanische ParteiEntstehung setzte sich LincolnLincoln, Abraham durch, weil seine maßvolle Haltung in der SklavereifrageBürgerkriegVorgeschichte am ehesten mehrheitsfähig erschien und weil sein Heimatstaat IllinoisIllinois zu den wichtigen swing states zählte, deren Wahlmännerstimmen den Ausschlag geben konnten. LincolnsLincoln, Abraham Chancen stiegen auf Grund des Zwists im Lager der DemokratenDemokratische ParteiBürgerkrieg, denen es nicht gelang, sich auf einen einzigen Kandidaten zu einigen, und die stattdessen mit zwei Bewerbern – Stephen DouglasDouglas, Stephan A. und John C. BreckinridgeBreckinridge, John C. aus KentuckyKentucky – ins Rennen gingen. Zur weiteren Zersplitterung trug eine Restfraktion der WhigsWhig-Partei um den ehemaligen Senator von TennesseeTennessee, John BellBell, John, bei, die unter dem Namen Constitutional Union PartyConstitutional Union Party in den Grenzstaaten zwischen Norden und SüdenSüden Erfolge erzielte. Douglas brach mit der Tradition und führte erstmals einen persönlichen, intensiven Wahlkampf, erhielt aber trotz seines Stimmenanteils von 21 Prozent nur 12 Wahlmännerstimmen. Die große Mehrheit der Südstaatler scharte sich hinter BreckinridgeBreckinridge, John C., der es – trotz einer geringeren Gesamtstimmenzahl als DouglasDouglas, Stephan A. – auf 72 Wahlmänner brachte. LincolnLincoln, Abraham war in zehn der Südstaaten von der Wahl ausgeschlossen worden, gewann dafür aber im Norden alle Staaten außer New JerseyNew Jersey unangefochten, dazu im WestenWesten KalifornienKalifornien und OregonOregon. Insgesamt erhielt er etwa 40 Prozent der Wählerstimmen, doch das Wahlsystem bescherte ihm eine absolute MehrheitDemokratische ParteiBürgerkrieg von 180 Stimmen im Elektorenkolleg. Auch in beiden Häusern des Kongresses dominierten nun die Republikaner.

Unmittelbar nach der Wahl schritten die radikalen südstaatlichen Fire Eaters zur Tat, die LincolnLincoln, Abraham als AbolitionistenAbolitionisten und „black Republican“ attackiert hatten. Der Prozess der SezessionBürgerkriegVorgeschichteBürgerkriegSezessionSezession (s.a. Bürgerkrieg) begann in South CarolinaSouth Carolina, wo die states’ rights-Philosophie schon immer fest verwurzelt gewesen war und wo der Sklavenanteil an der Bevölkerung 58 Prozent ausmachte. Analog zur Verfassunggebung von 1787/88 wurde ein Konvent gewählt, der South Carolina am 20. Dezember 1860 einstimmig zum souveränen Staat erklärte. Diesem Beispiel folgten bis zum Februar 1861 mit MississippiMississippi (Staat), FloridaFlorida, AlabamaAlabama, GeorgiaGeorgia, LouisianaLouisiana und TexasTexas sechs weitere Staaten. Vertreter dieser sieben SezessionsstaatenBürgerkriegSezessionSezession (s.a. Bürgerkrieg) bildeten dann in Montgomery, AlabamaMontgomery, Alabama, die Confederate States of AmericaConfederate States of America (s.a. Bürgerkrieg) und gaben sich eine eigene VerfassungVerfassung. Als Präsident auf sechs Jahre wurde Jefferson DavisDavis, Jefferson gewählt, ein wohlhabender Baumwollpflanzer aus MississippiMississippi (Staat), der eine Offizierslaufbahn absolviert und unter Präsident PiercePierce, Franklin als Kriegsminister amtiert hatte.

Während der noch amtierende Präsident BuchananBuchanan, James diese Entwicklung passiv hinnahm, ließ LincolnsLincoln, Abraham Verfassungsverständnis einen einseitigen Austritt aus der Union nicht zu; für ihn handelte es sich um eine interne RebellionBürgerkriegVorgeschichte, die er als Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte beenden musste. Bei seinem Amtsantritt im März 1861 hegte er kaum noch Hoffnung, die radikalen SezessionistenBürgerkriegSezessionSezession (s.a. Bürgerkrieg) beeinflussen zu können, gab sich dafür aber umso größere Mühe, die sklavenhaltenden border states von DelawareDelaware, MarylandMaryland und VirginiaVirginia im Osten bis MissouriMissouri (Staat) und ArkansasArkansas im WestenWesten durch eine moderate Taktik auf seine Seite zu ziehen. Er sicherte ihnen zu, dass er die SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) dort, wo sie existiere, nicht antasten werde; dagegen lehnte er einen Kompromiss, der die freien Territorien auch nur teilweise für die Sklaverei öffnen würde, kategorisch ab. Ebenso bestand er darauf, weiterhin über das Eigentum der Union in den abgefallenen Staaten verfügen zu können. Dieser letzte Streitpunkt spitzte sich im April auf die Frage nach dem Schicksal von Fort SumterFort Sumter im Hafen von CharlestonCharleston, South Carolina, der Hauptstadt South CarolinasSouth Carolina, zu. Als sich LincolnLincoln, Abraham entschied, die abgeschnittene Besatzung auf dem Seeweg versorgen zu lassen, zwangen die Südstaatler den Kommandanten nach zweitägigem Beschuss am 14. April zur Kapitulation. Damit war die Grenzlinie zwischen Frieden und Krieg überschritten: Am nächsten Tag forderte LincolnLincoln, Abraham die Staaten auf, 75.000 Milizionäre zu stellen, um „die RebellionBürgerkriegVorgeschichteBürgerkriegSezession niederzuschlagen“, und am 19. April verhängte er eine Seeblockade über die Häfen des Südens.

Die Bevölkerung in den von beiden Seiten umworbenen Staaten der Grenzzone zwischen Norden und SüdenSüden sah sich nun gezwungen, Farbe zu bekennen. Vier border states (VirginiaVirginia, ArkansasArkansas, TennesseeTennessee und North CarolinaNorth Carolina) schlossen sich der KonföderationBürgerkriegVorgeschichteBürgerkriegSezession an, die nun elf Staaten umfasste. Am schwersten wog dabei die Entscheidung VirginiasVirginia, das RichmondRichmond, Virginia als Hauptstadt zur Verfügung stellte und die Konföderation mit fähigen Militärs, allen voran dem Kommandeur der Akademie West PointWest Point, General Robert E. LeeLee, Robert E., versorgte. Allerdings leisteten virginische Unionsanhänger internen Widerstand, der zur Abtrennung der westlichen Counties und 1863 zur Gründung des Staates West VirginiaWest Virginia führte. Durch entschlossenes Handeln sicherte LincolnLincoln, Abraham der Union die Loyalität der übrigen vier border states MissouriMissouri (Staat), KentuckyKentucky, MarylandMaryland und DelawareDelaware. In MissouriMissouri (Staat) taten sich dabei die Deutsch-AmerikanerDeutsch-Amerikaner unter ihren Führern Carl SchurzSchurz, Carl und Franz SigelSigel, Franz hervor, die Lincoln später zu Generälen beförderte. In Maryland, das wegen seiner geographischen Lage, des Hafens von BaltimoreBaltimore und der Flottenakademie in AnnapolisAnnapolis, Maryland überragende Bedeutung besaß, machte LincolnLincoln, Abraham deutlich, dass er seine verfassungsmäßigen Kompetenzen im Interesse des Überlebens der Union sehr weit auszulegen gedachte. Unter Hinweis auf die nationale Krise und die war powers des Präsidenten setzte er die Habeas corpus-Garantien gegen willkürliche Verhaftung außer Kraft, damit Administration und Militär härter gegen SezessionistenBürgerkriegVorgeschichteBürgerkriegSezessionSezession (s.a. Bürgerkrieg) vorgehen konnten. Diese Einschränkung der Grundrechte wurde schon von Zeitgenossen heftig kritisiert und ist bis heute in der Geschichtsforschung umstritten. Nur so ließ sich aber der Abfall Marylands verhindern, der die militärische Sicherung der Hauptstadt Washington und die strategische Lage des Nordens insgesamt außerordentlich erschwert hätte. LincolnLincoln, Abraham stellte in diesem Fall den Erhalt der Union, zu dem er sich durch seinen Amtseid verpflichtet fühlte, über rein rechtliche Erwägungen. Andererseits barg die Teilnahme von Sklavenstaaten wie Maryland, MissouriMissouri (Staat) und Kentucky auf Seiten der Union durchaus auch Probleme und zwang LincolnLincoln, Abraham entgegen seiner inneren Überzeugungen zur politischen RücksichtnahmeBürgerkriegVorgeschichte. Er betonte deshalb immer wieder, dass der Krieg nicht zur Befreiung der Sklaven, sondern allein zur Wiederherstellung der Union geführt werde; noch Mitte 1862 – ein Jahr nachdem die Leibeigenschaft im RussischenRusslandZarenreich Reich aufgehoben worden war – befürwortete er eine graduelle Sklavenemanzipation mit Entschädigung der Eigentümer und die „Kolonisierung“, d. h. die eigentlich längst überholte Rückführung der Schwarzen nach AfrikaAfrika oder in die KaribikKaribik.


Karte 5: Die USA im Bürgerkrieg (1861–1865)

2 Der Amerikanische BürgerkriegBürgerkrieg, 1861–1865
Das militärische Patt, 1861–1863

Der BürgerkriegBürgerkriegVerlauf ist zweifellos das einschneidendste Ereignis in der bisherigen Geschichte der Vereinigten Staaten, und er nimmt deshalb in der kollektiven Erinnerung der Amerikaner, im Norden wie im SüdenSüden, den Rang eines nationalen Epos ein. Zu Beginn rechneten beide Seiten mit einem raschen Sieg: Die Nordstaatler planten den Durchmarsch nach RichmondRichmond, Virginia, der aber schon im Juli 1861 in der ersten Schlacht von ManassasManassas (Schlacht bei) (oder Bull RunBull Run (Schlacht bei)) gründlich misslang; die Südstaatler setzten auf die Uneinigkeit und mangelnde Opferbereitschaft der Bevölkerung im Norden, und sie erhofften sich außerdem UnterstützungBürgerkriegAußenpolitik von GroßbritannienGroßbritannienWirtschaftsbeziehungenGroßbritannien, da sie annahmen, dass die englische Textilindustrie nicht auf die amerikanische BaumwolleBaumwolle verzichten konnte. Auch diese Rechnung ging jedoch nicht auf, und aus dem „kurzen Krieg“ wurde ein langjähriges, blutiges Ringen, in mancher Hinsicht sogar der erste „totale Krieg“ der modernen Geschichte.

Die Ausgangslage sprach eindeutig für den Norden: Den 11 SezessionsstaatenSezession (s.a. Bürgerkrieg) mit 9 Millionen weißer Bevölkerung standen 23 Unionsstaaten mit 22 Millionen Einwohnern gegenüber. In ökonomischerWirtschaft Hinsicht war das Verhältnis noch unausgewogener: Unter dem Druck des KriegesBürgerkriegVerlauf steigerte die Konföderation zwar die Modernisierungsanstrengungen, vor allem in der Schwerindustrie und im Verkehrswesen, aber sowohl in Bezug auf landwirtschaftliche und industrielle Produktion als auch auf das Schienen- und Kanalnetz lag sie weit hinter der Union zurück. Der Norden brauchte zunächst nur seine Reserven auszuschöpfen, die durch den wirtschaftlichen Einbruch der späten 1850er Jahre brachlagen. Die ökonomische Erholung wurde dann durch die Einlösung der republikanischen Wahlversprechen – Reform des Bankensystems, Zollerhöhungen, Siedlungsförderung im WestenWesten, EisenbahnbauEisenbahn2. Hälfte 19.Jh. – noch verstärkt. Während die Südstaaten unter der Seeblockade litten und durch ungehemmte Papiergeldausgabe die InflationWirtschaft anheizten, gelang dem Norden durch effiziente Steuererhebung und erfolgreiche Werbung für Staatsanleihen eine relativ problemlose Kriegsfinanzierung.

Auf den Schlachtfeldern ließen sich die Vorteile der Union jedoch lange Zeit nicht in durchschlagende Erfolge ummünzen. Die Konföderation konnte aus der DefensiveBürgerkriegVerlauf herausoperieren, und die Weißen im SüdenSüden standen zunächst geschlossener hinter ihrer Führung als die Nordstaatler hinter LincolnLincoln, Abraham. Der Präsident musste nicht nur zwischen den verschiedenen Fraktionen der RepublikanerRepublikanische ParteiBürgerkrieg im Washingtoner Kongress lavieren, sondern hatte auch gegen eine lautstarke Opposition von „FriedensdemokratenDemokratische ParteiBürgerkrieg“ auf der Ebene der Einzelstaaten anzukämpfen. In erster Linie wurden die überlegenen personellen und materiellen Ressourcen des Nordens aber durch das größere militärische Talent von Generälen wie Robert E. LeeLee, Robert E. und Thomas H. „Stonewall“ JacksonJackson, Thomas H. „Stonewall“ ausgeglichen. Die wichtigsten Kriegsschauplätze lagen weit voneinander entfernt an der Ostküste und im MississippiMississippi (Staat)-Gebiet. Im Osten, wo sich die Massenheere zwischen WashingtonWashington, D.C. und RichmondRichmond, Virginia schwere SchlachtenBürgerkriegVerlauf lieferten, nahm die Auseinandersetzung den Charakter eines Abnutzungskrieges an. Die Blutopfer waren enorm hoch, weil noch in traditionell geschlossener Formation gekämpft wurde, obwohl die Feuerkraft der Artillerie und die Zielgenauigkeit der Gewehre wesentlich zugenommen hatten. So fielen im September 1862 bei AntietamAntietam (Schlacht bei) in MarylandMaryland an einem einzigen Tag 6000 Soldaten, mehr als im UnabhängigkeitskriegUnabhängigkeitskrieg und im Krieg von 1812/14 zusammen. Schwerverwundete hatten angesichts der mangelhaften medizinischen Versorgung wenig Überlebenschancen, und ansteckende Krankheiten rafften zusätzlich viele Menschen hinweg. Diese Verluste zwangen beide Seiten – erstmals in der Geschichte der USA – zur Einführung der WehrpflichtWehrpflicht, gegen die es im Norden erhebliche WiderständeBürgerkriegVerlauf bis hin zu lokalen Aufständen gab. Beim folgenschwersten dieser draft riots musste im Sommer 1863 in New York CityNew York City Militär gegen eine Menschenmenge eingesetzt werden, die AfroamerikanerAfroamerikanerUnabhängigkeitskrieg als „Schuldige“ an Krieg und WehrpflichtWehrpflicht angriff und lynchteAfroamerikanerLynchjustiz. Die Bilanz der Unruhen war erschreckend: etwa ein Dutzend ermordete Schwarze und mehr als hundert getötete Aufrührer. LincolnsLincoln, Abraham unnachgiebige Haltung trug aber auch in diesem Fall zur Stabilisierung der Lage bei.

Im Unterschied zum militärischen Patt im Osten, das der vorsichtige und zögerliche Nordstaaten-Befehlshaber General George B. McClellanMcClellan, George B. nicht zu brechen vermochte, konnte die Union im WestenWesten durch eine bessere Koordinierung der Kräfte und eine bewegliche Fluss- und Landoffensive strategische Vorteile erzielen. Hier gelang unter Führung von Commodore (später Admiral) David G. FarragutFarragut, David G. und General Ulysses S. GrantGrant, Ulysses S. bis zum Sommer 1862 die EroberungBürgerkriegVerlauf von New OrleansNew Orleans und Baton RougeBaton Rouge, Louisiana sowie die Einnahme wichtiger Forts im Grenzgebiet von KentuckyKentucky und TennesseeTennessee. Das Ziel einer Kontrolle des gesamten Mississippi-TalesMississippi (Fluss) und der Spaltung der Konföderation in zwei Teile wurde 1862 jedoch nicht mehr erreicht.

Seekrieg und AußenpolitikBürgerkriegAußenpolitikAußenpolitikBürgerkrieg

Im Laufe des Jahres 1862 steigerte sich die Effektivität der SeeblockadeBürgerkriegVerlaufBürgerkriegSeekrieg durch Erfolge der US Navy. Die Hoffnung der Konföderierten, den Ring um ihre Häfen mit Hilfe einer zukunftsträchtigen technischen Innovation zu brechen, musste im März 1862 begraben werden: Das erste gepanzerte Kriegsschiff der Welt, die „Merrimac“, fügte der Blockadeflotte bei Hampton RoadsHampton Road (Schlacht bei) vor der Küste VirginiasVirginia zwar große Verluste zu, die in Washington kurzfristig Panik auslösten; der Norden konterte jedoch umgehend mit einer eigenen Version dieser neuen Waffe, dem Panzerschiff „Monitor“, das die „Merrimac“ zum Rückzug nach NorfolkNorfolk, Virginia zwang. Die BlockadeBürgerkriegSeekrieg war auch danach keineswegs undurchlässig, aber sie behinderte doch die Versorgung und den BaumwollexportBaumwolle der Südstaaten erheblich und trug zum rapiden Wertverlust des Konföderations-Dollars bei.

Die BlockadefrageBürgerkriegVerlaufBürgerkriegSeekrieg spielte auch eine wichtige Rolle in dem Kampf, den sich Norden und SüdenSüden an der diplomatischen Front lieferten. LincolnLincoln, Abraham und Außenminister William SewardSeward, William setzten alles daran, die europäischen Mächte, insbesondere EnglandBürgerkriegAußenpolitikGroßbritannienBürgerkrieg, von einer Intervention zu Gunsten des Südens abzuhalten. Sie konnten jedoch nicht verhindern, dass die Londoner Regierung unter Verweis auf die BlockadeBürgerkriegVerlaufBürgerkriegSeekrieg und das Völkerrecht der KonföderationBürgerkriegAußenpolitik den Status einer Krieg führenden Macht zuerkannte. Napoleon III.Napoleon III., dem eine Schwächung der USA mit Blick auf die französische InterventionMexikoFranzösische Intervention in MexikoMexiko gelegen gekommen wäre, und andere europäische RegierungenBürgerkriegAußenpolitik schlossen sich an. Die Südstaatler sahen darin einen ersten Schritt zur vollen diplomatischen AnerkennungBürgerkriegVerlaufAußenpolitikBürgerkrieg und militärischen Unterstützung durch die Europäer. Es stellte sich allerdings bald heraus, dass sie dabei die politische Vorsicht der BritenGroßbritannienBürgerkrieg unter und deren wirtschaftlicheWirtschaft Abhängigkeit von der amerikanischen BaumwolleBaumwolle bei weitem überschätzt hatten. Premierminister Lord RussellRussell, John Lord wollte eine Verwicklung in den KriegBürgerkriegVerlauf nicht zuletzt mit Rücksicht auf KanadaKanada vermeiden, und die Nöte der englischenGroßbritannienBürgerkrieg Textilindustrie wurden rasch durch gesteigerte BaumwolleinfuhrenBaumwolle aus ÄgyptenÄgypten und IndienIndien gemildert. Außerdem erlebte der Handel mit der Union, die GroßbritanniensBürgerkriegAußenpolitikGroßbritannienBürgerkrieg wichtigster Getreidelieferant war, während des Krieges einen Aufschwung. Schwerer wog aber wohl noch, dass die englische Öffentlichkeit, insbesondere auch die Arbeiterschaft in den Industriegebieten, ihre sklavereifeindliche Haltung beibehielt und trotz wirtschaftlicher Einbußen mit den Nordstaaten sympathisierte. Die gefährlichste KriseAußenpolitikBürgerkrieg konnte im Dezember 1861 entschärft werden, als Washington zwei konföderierte Diplomaten, die von der US Navy auf einem englischenGroßbritannienBürgerkrieg SchiffBürgerkriegSeekrieg verhaftet worden waren, wieder freiließ. Solange EnglandGroßbritannienBürgerkrieg neutral blieb, wagte sich auch kein anderer europäischer Staat offen einzumischen. Indirekt gewährte die britischeBürgerkriegVerlaufGroßbritannienBürgerkrieg Regierung Jefferson DavisDavis, Jefferson ab Frühjahr 1862 eine gewisse Unterstützung, indem sie privaten Schiffswerften erlaubte, Blockadebrecher und KaperschiffeBürgerkriegSeekrieg für den Süden zu bauen. Eine echte Chance zur AnerkennungBürgerkriegAußenpolitik der Konföderation hätte nur bestanden, wenn den Südstaaten-Armeen entscheidende SiegeBürgerkriegVerlauf gelungen wären. Diese Aussicht schwand aber nach den Schlachten von GettysburgGettysburg (Schlacht von) und VicksburgVicksburg, Missouri im Sommer 1863 vollends dahinBürgerkriegAußenpolitik.

LincolnsLincoln, Abraham EmanzipationserklärungAfroamerikanerEmanzipation

Seit Beginn des KriegesBürgerkriegVerlauf versuchten SchwarzeAfroamerikanerBürgerkrieg aus dem SüdenSüden, der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) zu entkommen und in Gebiete zu gelangen, die von den Unionsarmeen gehalten wurden. Auf diese Weise brachten sie von sich aus das Thema der Sklavenbefreiung auf die Tagesordnung, das bis dahin nur die AbolitionistenAbolitionisten und radikalen RepublikanerRepublikanische ParteiBürgerkrieg bewegt hatte. Die Praxis einiger Generäle, die SklavenAfroamerikanerBürgerkrieg in ihrem Befehlsbereich an die Eigentümer im Süden auszuliefern, erregte im Norden große Empörung. Lokale Emanzipationsentscheidungen, wie sie von anderen Kommandeuren getroffen wurden, hob LincolnLincoln, Abraham aus verfassungsrechtlichen Gründen wieder auf. Danach behalfen sich die meisten Befehlshaber damit, übergelaufene Sklaven gemäß dem Kriegsrecht zur „Konterbande“ zu erklären, um sie nicht an ihre Besitzer zurückgeben zu müssen. Auf eigene Faust zogen sie Schwarze auch schon zu Schanzarbeiten und einfachen Hilfsdiensten heran. Diese PraxisBürgerkriegVerlauf, der LincolnLincoln, Abraham zunächst skeptisch gegenübergestanden hatte, wurde später vom Kongress durch die Confiscation Acts legalisiert. 1862 nahm die Antisklaverei-Stimmung im Norden zu, und LincolnLincoln, Abraham gelangte zu der Einsicht, dass der Krieg nur unter dem Banner der EmanzipationAfroamerikanerEmanzipation gewonnen werden konnte. Nach Rücksprache mit dem Kabinett wartete er aber noch einen militärischen Erfolg ab – den er mit AntietamAntietam (Schlacht bei) gekommen sah –, bevor er am 22. September 1862 seine „provisorische Emanzipationserklärung“ veröffentlichte. Bis zum 1. Januar 1863 sollten danach alle Sklaven frei sein, die sich in den von „Rebellen“ kontrollierten Gebieten aufhielten. Das schloss vorerst noch die Sklaven in den border states aus, die auf Seiten der Union kämpften. Gegner LincolnsLincoln, Abraham prangerten das als eine inkonsequente und scheinheilige Entscheidung an, doch der Präsident ging davon aus, dass seine NotstandsbefugnisseBürgerkriegVerlauf als Oberbefehlshaber nicht weiter reichten und die Sklaverei in den Unionsstaaten nur durch eine Verfassungsänderung aufgehoben werden konnte. Ihm war aber bewusst, dass die Proklamation eine Dynamik entwickeln würde, die zwangsläufig zur vollständigen Beseitigung des Sklavereisystems führen würde.


Abb. 9: Besuch Präsident Lincolns bei Unionstruppen in Antietam, Maryland, 1862

Abgesehen davon, dass LincolnLincoln, Abraham nun endlich seine moralische Aversion gegen die Sklaverei mit der offiziellen Regierungspolitik in Einklang bringen konnte, verfolgte er mehrere politische und militärische Ziele. Zum einen signalisierte er den Nordstaatlern, die mit dem bisherigen VerlaufBürgerkriegVerlauf des Krieges unzufrieden waren, dass der Kampf unter Aufbietung aller Kräfte bis zum vollständigen Sieg weitergeführt werden würde; nur das große Ziel der SklavenbefreiungAfroamerikanerEmanzipationAfroamerikanerBürgerkrieg konnte die Opfer rechtfertigen, die bisher erbracht worden waren und noch erbracht werden mussten. Zum Zweiten bestand nun die Möglichkeit, ehemalige Sklaven als Soldaten zu rekrutieren, was ab Anfang 1863 auch in immer größerem Maßstab geschah. In eigenen Verbänden kämpften freie Schwarze und befreite Sklaven von nun an unter weißen Offizieren mit der Waffe in der Hand für die Abschaffung der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner). Einige dieser Einheiten, wie das 54. MassachusettsMassachusetts-Infanterieregiment, erwarben sich durch besondere Tapferkeit hohe Achtung und einen – in Denkmälern, Gedichten und Filmen verewigten – legendären Namen. Bis zum Kriegsende dienten etwa 200.000 Schwarze in den Armeen und der Flotte des Nordens und trugen dazu bei, dass sich das militärische Kräfteverhältnis zu Gunsten der Union verschob. Drittens erschwerte die EmanzipationserklärungAfroamerikanerEmanzipation außenpolitisch die Intervention fremder Mächte, weil die europäischen Regierungen kaum den Vorwurf riskieren konnten, sie griffen zum Erhalt der SklavereiSklaverei (s.a. Afroamerikaner) in den BürgerkriegBürgerkrieg ein. Viertens schließlich bedeutete die Ankündigung der EmanzipationAfroamerikanerEmanzipation einen psychologischen Schlag gegen den SüdenSüden, weil sie die Gefahr einer sozialen Revolution heraufbeschwor und einen Keil zwischen die Sklavenbesitzer und ihre weniger wohlhabenden weißen Landsleute trieb. In der Tat veränderte die Emanzipationserklärung, die am 1. Januar 1863 in Kraft trat, die Natur des KriegesBürgerkriegVerlauf und leitete eine neue, radikalere Phase ein: Aus dem Kampf der Armeen wurde eine Konfrontation zweier Gesellschaftsordnungen, die zusätzliche Energien und Leidenschaften freisetzte und nur mit der Zerstörung des unterlegenen Systems enden konnte.

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1842 str. 37 ilustracji
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9783846353998
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Bookwire
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