Czytaj książkę: «Zucker im Tank»
Vom gleichen Autor sind erhältlich:
Buch 014 Wespennest
Buch 018 Böser Clown
E-book 057 Zucker im Tank
Erste Auflage 01.04.2020
© Saphir im Stahl
Verlag Erik Schreiber
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.saphir-im-stahl.de
Titelbild: Jessica Mohring
Lektorat: Anke Brandt
eISBN: 978-3-96286-022-6
Andreas Zwengel
Zucker im Tank

Inhalt
SAMSTAG
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
SONNTAG
Kapitel Dreizehn
Kapitel Vierzehn
Kapitel Fünfzehn
Kapitel Sechzehn
Kapitel Siebzehn
Kapitel Achtzehn
Kapitel Neunzehn
Kapitel Zwanzig
SONNTAGABEND
Kapitel Einundzwanzig
Kapitel Zweiundzwanzig
Kapitel Dreiundzwanzig
Kapitel Vierundzwanzig
Kapitel Fünfundzwanzig
Kapitel Sechsundzwanzig
Kapitel Siebenundzwanzig
Kapitel Achtundzwanzig
Leseprobe
SAMSTAG
Kapitel Eins
Der Vormittag, an dem Hellmuth Ziegler zuerst seine Jungs, dann seinen Stolz und schließlich fast den Verstand verlor, begann mit einem Feueralarm. Er war im Grunde genommen nichts Ungewöhnliches nach dem heißen und trockenen Sommer, den die ganze Gegend durchlebt hatte. Ein winziger Funke hätte ausgereicht, um die ausgedörrten Felder und Wiesen der Umgebung in ein Flammenmeer zu verwandeln. Die Bauern patrouillierten unruhig um ihre Felder, warteten darauf, die Ernte einholen zu können, und verprügelten Jugendliche, die sie beim Grillen erwischten. Forstaufseher waren ständig im Einsatz und ermahnten Wanderer, die achtlos ihre Kippen wegwarfen. Die ganze Gegend war in Alarmbereitschaft gewesen, und die Gemüter der Menschen ebenso erhitzt wie das Getreide, das sich langsam zur Erde neigte.
Ziegler hatte die ganze Zeit über einen kühlen Kopf bewahrt und sich nicht von der allgemeinen Hysterie anstecken lassen. Er blieb wachsam, aber besonnen. Der Juli wechselte zum August und erst, als sich auch dieser dem Ende näherte, erlaubte er es sich, etwas zu entspannen.
Der Feueralarm an diesem Tag ließ alle Bewohner des Ortes zusammenzucken. Alle, außer Ziegler. Die Jahre bei der Betriebsfeuerwehr eines Chemiekonzerns und zwei gescheiterte Ehen hatten sein Blut gekühlt. Noch bevor die Sirene verhallt war, öffnete er das Garagentor der Feuerwache und traf erste Vorbereitungen. Kurz darauf rollten die Autos und Fahrräder auf den Hof. Unter seinen Anfeuerungsrufen stürzten die jungen Männer zum Einsatzwagen und legten ihre Ausrüstungen an. Ziegler konnte sich ein gewisses Hochgefühl nicht verkneifen, denn das waren seine Jungs. Er hatte sie zu dem gemacht, was sie heute waren: die Freiwillige Feuerwehr Ginsberg. Er kannte jeden einzelnen seiner Schützlinge von Geburt an und hatte ihnen alles beigebracht: von der Lösch-Theorie über Sicherheits-, Rettungs- und Schadensbegrenzungsmaßnahmen bis hin zu Erster Hilfe und Funkverkehr. Alles, was sie wissen mussten, um erstklassige Arbeit zu erledigen. Sie hantierten mit den Spritzen, Schläuchen und Ventilen, als hätten sie ihr ganzes Leben lang nichts anderes getan. Innerhalb kürzester Zeit war der Einsatzwagen abfahrbereit und Ziegler gab das Kommando zum Ausrücken.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren einige Leute stehen geblieben und sahen interessiert zu. Der Löschwagen rollte mit Blaulicht aus der Garage. Ziegler wartete, bis er sich auf seiner Höhe befand, dann sprang er auf das Trittbrett und schwang sich lässig auf den Beifahrersitz. Trotz seiner zweiundfünfzig Jahre befand er sich in bester körperlicher Verfassung und achtete peinlichst genau darauf, immer noch mit seinen Schützlingen mithalten zu können. So lange, bis der Beste unter ihnen bereit war, seinen Posten zu übernehmen.
Der Wagen bog auf die Hauptstraße und ließ seine Sirene heulen. Ältere Menschen nickten ihnen vertrauensvoll zu, die Kinder sahen mit großen Augen und offenen Mündern zu. Vertrauen und Ehrfurcht waren für Ziegler der größte Lohn für seine Arbeit. Die Einwohner von Ginsberg verließen sich darauf, dass er seine Arbeit schnell, zuverlässig und gründlich erledigte, und Ziegler war nicht gewillt, sie zu enttäuschen.
In knappen Worten gab er seinen Jungs erste Instruktionen und informierte sie über den Einsatz: Ein alter Schuppen außerhalb des Dorfes war in Flammen aufgegangen. Der klapprige Holzbau war seit Jahrzehnten ungenutzt, die Besitzer längst verstorben. Es wäre kein Verlust, ihn einfach abbrennen zu lassen. Schon seit Langem hatte sich Ziegler bemüht, ihn zu Übungszwecken benutzen zu dürfen. Bisher war sein Wunsch immer abgelehnt worden, weil die Eigentumsverhältnisse noch ungeklärt seien. Was für ein Quatsch! Trotzdem hatte sich Bürgermeister Garth hartnäckig geweigert, ihm die Erlaubnis zu geben. Ziegler besaß vollstes Verständnis für das Einhalten von Vorschriften, denn alles andere musste unweigerlich ins Chaos führen, aber er war auch der Ansicht, dass man nicht jede Angelegenheit über den gleichen Kamm scheren konnte. Wie auch immer, jetzt bekam Ziegler seinen Übungsplatz, wenn auch auf andere Weise.
Sobald der Löschwagen den Ortsausgang passiert hatte, sahen sie die Feuerstelle. Der Schuppen stand einsam auf der weiten, ebenen Fläche zwischen der Lahn auf der einen Seite und der einzigen Straße nach Ginsberg auf der anderen. Bisher hatten die Flammen nur die Wände erfasst und noch nicht auf das Dach übergegriffen, aber das alte Holz brannte wie Papier. Der Fahrer lenkte den Löschzug auf den Feldweg, der bis an den Schuppen heranführte. Kaum war ihr Fahrzeug zum Stehen gekommen, sprangen Zieglers Jungs heraus und taten das, was sie über viele Jahre hinweg gelernt und trainiert hatten. Das hieß, den Brandherd lokalisieren, die Lage einschätzen und das Ausmaß des bisherigen Schadens feststellen. Selbst wenn es sich nur um eine Lappalie wie diese Bruchbude handelte, wollte er nicht, dass einer seiner Jungs ein Risiko einging. Ziegler hasste Draufgänger, die sich und andere in Gefahr brachten, und jeder in seiner Mannschaft wusste das.
Die Schläuche waren im Handumdrehen verlegt, der Tank des Löschwagens würde für diesen Brand vollkommen ausreichen. Ziegler sah zu, wie seine Jungs die Schläuche schwenkten, um das Wasser gleichmäßig über die ganze Fläche der jeweiligen Wand zu verteilen. Er gab Anweisung, den Druck zu verringern, damit sie den Schuppen nicht umbliesen. Die ganze Aktion lief ab wie ein perfekt choreografiertes Ballett.
Schnell befand sich das Feuer unter Kontrolle. Da das Dach noch eine Weile halten würde, wies Ziegler zwei seiner Jungs an, dichter heranzugehen und sich umzusehen. Das Feuer war an allen vier Wänden gleichzeitig ausgebrochen, was auf Brandstiftung schließen ließ. Es wäre nicht das erste Mal, dass man einen Benzinkanister direkt neben dem Brandherd fand. Ziegler hatte für diese Erkundung Jan Kernstein und Finn Schneider ausgewählt. Beides ausgezeichnete Fußballer und Sprinter, die im Ernstfall schnell die Beine in die Hand nehmen konnten. Sie näherten sich von der Seite, stießen die Tür mit einer Axt auf und verschwanden im Innern des Schuppens. Ziegler war keine Sekunde beunruhigt. Erstens gehörten die beiden zu den Erfahrensten seiner Truppe und zweitens war das Betreten des Schuppens ein kalkulierbares Risiko. Jedenfalls dachte er das so lange, bis plötzlich ein lautes Krachen aus dem Schuppen drang und eine dichte Rauchwolke durch die Tür schoss.
“Was ist da los?“, brüllte Ziegler zu Jens Amsel, der dem Geschehen am nächsten stand.
“Der Boden ist eingekracht!“
“Was für ein Boden? Seit wann hat so ein Schuppen einen Keller?“
“Der hier hat einen.“
Ziegler gab dem Löschkommando ein Zeichen. Sie ließen ihre Schläuche fallen, um ihren Freunden zur Hilfe zu eilen. Andere rückten nach und besetzten die Schläuche neu, obwohl das Feuer so gut wie gelöscht war. Die Rauchentwicklung wurde währenddessen immer stärker und Ziegler verlor seine Jungs zeitweise völlig aus den Augen. Was zum Teufel brannte da bloß noch? Das Ding sollte eigentlich leer sein, sonst hätte er sie niemals ohne Atemschutzgeräte hineingeschickt. Er machte sich keine Vorwürfe, denn hier geschah etwas völlig Unvorhersehbares, für das ihn niemand der Nachlässigkeit beschuldigen konnte. Der einzige Gedanke, der ihn wirklich beschäftigte, war die Sorge um seine Jungs.
Er gab dem Rest der Mannschaft Anweisung, die Schutzmasken anzulegen, und verließ seinen Platz am Wagen, von wo aus er gewöhnlich die ganze Löschaktion dirigierte. Er stieß gegen Noah Bergmann, der wie angewurzelt dastand. Ziegler mochte ihn nicht besonders, da der Junge gerne den Anführer spielte, aber keine der dafür nützlichen Eigenschaften vorweisen konnte. Als Ziegler sich mit schnellen Schritten der Hütte näherte, sah er eine Gestalt durch die Tür taumeln. Es war Finn, der Kapitän der Fußballmannschaft. Er ging ein paar Schritte, dann sank er auf die Knie und kotzte sich die Seele aus dem Leib.
Ziegler war irritiert. Der Rauch war zwar dicht, aber nicht so dicht, um Finns heftige Reaktion zu erklären. Für einen Moment durchzuckte ihn die Befürchtung, dass sich irgendwelche Giftstoffe in der Hütte befanden. Vielleicht hatte jemand den leer stehenden Schuppen genutzt, um billig seinen Sondermüll zu lagern und so die Entsorgungsgebühren zu sparen. Ziegler kniete vor seinem Schützling nieder, als dieser aus dem Stand auf den Hintern fiel. So blieb er sitzen. Sein Oberkörper schwankte leicht hin und her und er präsentierte ein breites Grinsen.
“Was ist passiert?“
“Alles okay“, sagte Finn träge und fixierte einen Punkt etliche Kilometer hinter Ziegler. Der war längst jenseits seiner üblichen Gelassenheit. Er wollte seinen Schützling an den Schultern packen und schütteln, bis er eine vernünftige Antwort bekam, da trat Jan Kernstein aus der Hütte. Er war aus einem völlig anderen Holz geschnitzt als sein Vater, der Geschäftsführer des Autohauses. Nicht gerade übermäßig intelligent, aber zuverlässig und verantwortungsbewusst. Ziegler hielt große Stücke auf ihn und erwartete eine professionelle Einschätzung der Lage. Doch Jan reagierte anders als erwartet. Er ging geradewegs an Ziegler vorüber auf den Einsatzwagen zu, am Einsatzwagen vorbei und zur Straße nach Ginsberg.
“Sind denn hier auf einmal alle verrückt geworden?“, brüllte Ziegler und sprang auf. Das dreiköpfige Rettungsteam kam ihm kichernd aus dem Schuppen entgegen. Der Erste ließ sich direkt vor Ziegler auf den Boden fallen, rekelte sich einen Moment lang und fing an zu schnarchen. Der zweite setzte sich auf ihn und begann, alle Blumen in seiner Umgebung auszureißen. Bevor sich Ziegler von diesem Anblick erholen konnte, baute sich das letzte Mitglied des Rettungsteams direkt vor ihm auf, schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und erzählte Blödsinn in seiner reinsten Form.
Zieglers restliche Mannschaft näherte sich mit Atemschutzmasken. Sie hatten den Irrläufer von der Straße geholt, bevor er überfahren werden konnte, und führten ihn an der Hand zurück. Ihr Instinkt riet ihnen, dem Schuppen nicht zu nahe zu kommen. Ziegler war mit seiner Weisheit am Ende. Fassungslos zuckte sein Blick zwischen den fünf Verrückten umher. Da bemerkte er die Wolke, die über die Schulter des Jungen vor ihm kroch, der immer noch munter drauflos quasselte. Was immer in dem Schuppen brannte, es mussten Unmengen davon vorhanden sein. Ziegler war so perplex, dass er vergaß, seine eigene Maske aufzusetzen. Er atmete den süßlichen Duft ein, ohne etwas dagegen tun zu können. Er brannte in seiner Kehle. Ziegler hustete und bewegte seine Arme, als taste er sich durch dichten Nebel. Er wollte weglaufen, aber seine Beine gehorchten ihm nicht. Sie fühlten sich genauso taub an wie sein Kopf.
“Ich habe Hunger“, maulte Finn Schneider vom Boden aus. Ziegler sah seine Jungs an, seinen ganzen Stolz. Dann nahm er seinen Helm ab, ließ ihn fallen und ging nach Hause.
Kapitel Zwei
Chloe Garth näherte sich der Gemeindeverwaltung auf dem Beifahrersitz von Villeroys Porsche. Der Sportwagen war wie ein ungezähmtes Wildpferd und hätte sicher noch mehr Eindruck gemacht, wenn am Steuer kein schlaffer Kerl mittleren Alters sitzen würde, der damit seiner Midlife-Crisis davonfahren wollte. Der Anwalt hatte sie nach dem Anruf ihres Vaters abgeholt. In der Eile war ihr keine Zeit geblieben, sich zu schminken, und sie musste das cremefarbene Kostüm vom Vortag anziehen. Vergeblich versuchte sie, den Rocksaum weiter in Richtung Knie zu ziehen, doch das war in den tiefen Sitzen kaum möglich.
Villeroy trommelte mit zwei Fingern vergnügt auf dem Lenkrad herum, während er in die Menschenmenge hineinlenkte. Widerwillig machten die Leute Platz und ließen den Porsche passieren. Villeroy hielt auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude, was ihnen einen kleinen Vorsprung gewährte. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er ganz Ginsberg mit Straßensperren und Stacheldraht abriegeln lassen und anschließend die Jagd eröffnet. Leider hatte sein Einfluss im Ort erheblich gelitten und ohne Garths ausdrückliche Genehmigung durfte er kaum etwas unternehmen. Deshalb konnte er nur noch auf seinen Ruf setzen, ein unerbittlicher Mistkerl zu sein. Die Ereignisse im vergangenen Sommer hatten ihnen allen geschadet.
“Was ist mit der Polizei?“, fragte Chloe, während sie zur Hintertür der Gemeindeverwaltung eilten.
“Die kannst du mir überlassen. Deine Aufgabe ist die Öffentlichkeit.“
Als Chloe das Großraumbüro im Erdgeschoss betrat, ging ein Seufzer der Erleichterung durch die Reihen der Angestellten, ohne dass einer von ihnen seine Arbeit unterbrach. Überall klingelten Telefone, Ginsberger drängten gegen die Empfangstheke und stellten unentwegt Fragen. Hinter ihnen waren weitere Bürger zu sehen, die versuchten, von draußen nachzurücken.
Chloe gab Villeroy einen Wink, und der nickte verstehend. Mit ausgebreiteten Armen ging er auf die Leute zu, die vor ihm zurückwichen. Sie wollten ihrem Ärger Luft machen, aber nicht vor einem Anwalt. Noch dazu einem äußerst klagefreudigen Vertreter dieser Zunft. Sie mussten fürchten, bei ihrem Gepolter etwas zu sagen, wofür er sie im Nachhinein belangen konnte. Als der letzte von ihnen rückwärts über die Türschwelle nach draußen getreten war, schloss Villeroy den Leuten die Tür vor der Nase.
Die vier Angestellten schauten dankbar auf. Silke Beck knallte einen Hörer auf die Gabel, schnaufte kurz und griff nach dem nächsten klingelnden Apparat. Paul Bergmann saß ihr gegenüber und sprach in zwei Hörer gleichzeitig. Alex Tiller zog dreimal schnell an einer Zigarette, ohne die Hand zwischen den Zügen sinken zu lassen, dann sprach er weiter beruhigend in das Telefon.
Chloe stieß einen durchdringenden Pfiff aus und beendete damit alle Gespräche. Erleichtert aufstöhnend legten die drei ihre Hörer auf. “Okay, welche Informationen habt ihr bisher rausgegeben?“
Paul fasste die häufigsten Phrasen zusammen und Chloe nickte zufrieden. Die Tür ging auf und Christine Rüger, die vierte Bürokraft, schlüpfte herein.
“Wer ist draußen?“, fragte Chloe.
“Tageblatt, Kurier, Thea Richler natürlich, jemand von der Neuen Post, den ich nicht kenne, und sogar zwei Mädchen von einer Schülerzeitung. Aber bisher keine überregionale Presse.“
“Was ist mit dem Fernsehen? Haben wir deren Interesse?“
“Keine Ahnung. Nichts zu sehen bis jetzt.“
Chloe zog ihr Handy, scrollte mit dem Daumen über die Adressliste und sprach ein paar Minuten freundlich plaudernd hinein. Ihr Gesicht verfinsterte sich, als sie die Verbindung unterbrach. “Ein Team ist aus Mainz unterwegs, sie sind vor zwanzig Minuten losgefahren. Uns bleibt höchstens noch eine Stunde. Die Öffentlich-Rechtlichen scheinen sich nicht für uns zu interessieren, um die müssen wir uns also keine Sorgen machen.“ Chloe sah aus dem Fenster auf die wachsende Menschenmenge. “Alex, du und Christine, ihr macht den Laden dicht. Sucht den Hausmeister und alle, die nichts zu tun haben. Niemand darf hier rein.“
“Wenn die Leute fragen?“
“Keine Erklärungen, keine Diskussionen, schließt die Eingangstür ab.“ Chloe wandte sich an ihre übrigen Mitarbeiter. “Die nächste Stunde entscheidet, wie wir die Angelegenheit verkaufen können. Wir warten nicht ab, bis sich die Leute da draußen selbst Informationen beschaffen oder auf irgendwelche Gerüchte angewiesen sind. Ruft alle an, die uns gewogen sind oder uns etwas schulden. Letztere zuerst.“
Sie schlüpfte aus der Jacke ihres Kostüms. “Wir brauchen Gegenstimmen. Wen können wir Seriöses aufbieten?“
Paul zuckte mit den Schultern: “Krabbe?“
“Nein, der kann nicht lügen, ohne rot zu werden.“
“Ziegler?“
“Der würde nicht lügen und nach allem, was ich gehört habe, ist er im Moment auch nicht ansprechbar. Wir brauchen außerdem jemanden von der Polizei, der die Sache runterspielt. Er soll die ganze Angelegenheit so weit verharmlosen, wie er es vertreten kann, ohne Ärger zu bekommen. Oder nur so viel Ärger, wie wir uns aus der Portokasse leisten können. Lass dir von Villeroy einen Namen geben.“ Sie wandte sich an Christine. “Ich brauche eine Presseerklärung, die wir draußen verteilen können. Irgendwas Kurzes über unbestätigte Gerüchte und rückhaltlose Aufklärung blablabla, und ich brauche es in fünf Minuten. Wir haben Ruhe, solange die Gemeindevertretung tagt, aber wir müssen etwas in der Hand haben, wenn mein Vater den Leuten gegenübertritt.“
“Wird gemacht“, erklärte Christine stellvertretend für alle Anwesenden. Mit dem Fuß zog sie sich einen Schreibtischstuhl heran, öffnete im Setzen eine neue Datei des Schreibprogramms, und kaum hatte ihr Gewicht die Federn des Stuhls zusammengedrückt, flogen ihre Finger über die Tastatur.
Chloe sah zufrieden, wie ihre Mitarbeiter an der Bewältigung der Krise arbeiteten. Zuvor hatten sie nur auf Aktionen von außen reagiert, aber nun hatte Chloe sie in die richtige Richtung gedreht und losgeschickt.
Viele Leute dort draußen würden ihr genau das zum Vorwurf machen. Dass nichts richtig lief, bevor sie es in die Hand nahm. Chloe wurde seit der Schulzeit hinter ihrem Rücken “Prinzessin“ genannt, galt als hochnäsig und eingebildet. Allerdings nur bei denjenigen, die sich ihr unterlegen und deshalb eingeschüchtert fühlten. Chloe fiel es schwer, dagegen anzukämpfen, denn obwohl sie die erwähnten Attribute nicht für sich in Anspruch nahm, war doch jedem klar, dass sie mit ihren unbestreitbaren Qualitäten nicht richtig in ein kleines beschauliches Dörfchen gehörte. Sie stand am Fenster, hatte den linken Arm quer über ihren Bauchnabel gelegt und stützte den rechten Ellenbogen darauf, während sie telefonierte. Inzwischen war das, was ohnehin alle wussten, bestätigt worden: Der Schuppen hatte als Versteck für eine bisher unbekannte Menge Hanf gedient. So viel war bekannt, über alles andere konnten sie nur Vermutungen anstellen. Wem gehörte das Zeug? Wer hatte es dort versteckt? Und vor allem, wer hatte es angezündet? Das waren die Fragen, die momentan alle in Ginsberg beschäftigten. Chloe konnte sich natürlich denken, wen die konservative Gemeindevertretung verdächtigen würde. Sie war sicher, dass die Schreihälse im oberen Besprechungsraum noch keinen Schritt weitergekommen waren. Christine hielt ihr einen ersten Entwurf der Presseerklärung entgegen. Sie las ihn durch, kritzelte einige Verbesserungen dazu und gab ihn zurück.
Als sie die Treppe nach oben ging, sah sie vom Absatz aus Dieter Mücke vor der Tür stehen und machte kehrt. Chloe interessierte sich nicht für seine neuesten Sorgen, da er ständig einen Vorwand fand, um sich in ihrer Nähe aufzuhalten. Sie musste sich die meisten Männer in Ginsberg vom Leib halten, darunter auch die Angestellten ihres Vaters. Einige versuchten es auf die schmeichlerische, vorgeblich weltgewandte Tour, andere auf die archaisch-rohe. Sie ließ alle abblitzen. Alle Frauen der Familie Garth kannten diese permanente Umwerbung, aber ihre Stiefmutter und ihre Schwester hatten ihren eigenen Umgang damit gefunden. Erika Garth stieß ihre Verehrer vor den Kopf, vernichtete deren Selbstbewusstsein mit maximal drei Sätzen und ließ sie als zuckende Wracks links und rechts am Wegesrand zurück. Melanie dagegen schlief mit ihren Verehrern, was aber irgendwie dasselbe Ergebnis erzielte. Nur Chloe feilte noch an der adäquaten Methode, aufdringliche Kerle loszuwerden, ohne sie dabei bis in die Grundfesten ihrer Männlichkeit zu erschüttern. Sie machte kehrt und ging wieder nach unten.
Auf dem Treppenabsatz sah sie aus dem Fenster, um die Ursache des plötzlich ansteigenden Lärmpegels auszumachen. Früher als erwartet hatten sich die Vertreter überregionaler Zeitungen und mehrerer Privatsender zu der lokalen Presse gesellt. Sie witterten hinter der ganzen Sache die Sensationsstory, die sie zugegebenermaßen auch war. Dazwischen konnte Chloe die Gesichter besorgter Bürger ausmachen, wobei letztere von ersteren interviewt wurden.
Die Presseerklärung würde keine Wirkung zeigen. Wie auch, sie enthielt nicht die geringsten Informationen und diente lediglich als Beleg dafür, dass sich der Bürgermeister mit der Angelegenheit beschäftigte. Auf eine ausgewachsene Krise war niemand vorbereitet gewesen. Die Medieninvasion konnte einen Tag vor der Bürgermeisterwahl katastrophalen Schaden anrichten. Im Gedächtnis der Leser, Hörer und Zuschauer würde man Ginsberg mit Drogen gleichsetzen und es gab kaum einen schlechteren Zeitpunkt dafür als dieses Wochenende. Das ganze Haus würde voller Wähler sein, die keine Gelegenheit mehr haben würden, diesen Skandal vor der Wahl wieder zu vergessen. So kurz ein Wählergedächtnis auch sein mochte, dafür reichte die Zeit nicht aus.
Christine legte die Presseerklärung auf den Kopierer und tippte eine dreistellige Zahl ein.
“Gib die Kopien Villeroy, sobald er kommt“, sagte Chloe im Vorübergehen, “und wenn etwas Wichtiges passiert, will ich sofort darüber informiert werden.“ Sie nahm einen Telefonhörer, den Alex ihr heftig gestikulierend entgegenstreckte.
Kapitel Drei
Der Volvo erwies sich als wesentlich rüstiger, als er von außen gewirkt hatte, und Tibor Hendricks war es gewohnt, Fahrzeuge bis an ihre Grenzen zu treiben. Er hatte einen unauffälligen Wagen verlangt, um nicht wie ein Angeber zu wirken, der eine pompöse Rückkehr inszenieren wollte. Wenn er allerdings auf ein gutes Verhältnis mit seinen ehemaligen Mitschülern und Nachbarn aus gewesen wäre, hätte er am besten ganz auf diese Reise verzichtet. Tibor bereitete sich innerlich auf die Ankunft in seinem Heimatort vor. Er hatte Ginsberg vor acht Jahren verlassen. Ohne Ziel, aber mit dem festen Vorsatz, nie wieder zurückzukehren. Seine Eltern hatten ihn ziehen lassen und als einzige Bedingung gestellt, dass er sich regelmäßig bei ihnen meldete. Es war ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit gewesen, als er damals mit dem vollgeladenen Golf das Ortsschild passiert hatte. Er konnte überall hin und alles tun. Selbst unter ungünstigsten Bedingungen sollte sein finanzielles Polster für mindestens ein Jahr Sorglosigkeit ausreichen.
Den ersten Tag war er durchgefahren, um Distanz zu schaffen. Während seine Altersgenossen mit Lehre oder Studium beschäftigt waren, brauste er Richtung Süden mit der Absicht, ein tolles und erfolgreiches Leben zu führen. Was hatte er für unglaubliche Pläne gehabt, als er Ginsberg verließ. Er wollte die Welt bereisen, ein Jahr lang in einem Campingwagen am Strand leben oder auf einem Berg. Er wollte zur See fahren, mit dem Zug durch den Orient bummeln, den Amazonas entlang schippern, durch Europa trampen, Afrika durchqueren, zum Mond fliegen. Das Übliche eben.
Seinen Eltern schickte er stapelweise Ansichtskarten, aber bei seinen wöchentlichen Anrufen merkte er eine leichte Ungeduld, die sich durch immer weniger subtile Erkundigungen nach seinen weiteren Plänen äußerte. Tibor hatte für sich selbst ausgeschlossen, seine Ersparnisse zu verprassen und anschließend reumütig in den Schoß der Familie zurückzukehren. Das wollte er ausdrücklich als persönliche Bankrotterklärung verstanden wissen. Also brauchte er einen Erfolg. Möglichst schnell und möglichst groß. Inwieweit ihm das mit seiner jetzigen Tätigkeit gelungen war, mochten andere entscheiden. Sein Therapeut hätte Tibors Rückkehr nach Ginsberg wohl eine Chance genannt, sein Innenleben genauer zu erforschen. Eine Leistung, die ihnen beiden bisher versagt geblieben war.
Blaue Autobahnschilder wischten vorüber. Dahinter sah er die ICE-Strecke, die sich durch Hügel bohrte und auf Brücken die Täler überquerte. Bei Bad Camberg bog er von der A3 und nahm die Bundesstraße 8 bis Oberbrechen. Von dort aus ging es über kleine Landstraßen weiter, auf denen er sich prompt verirrte. Kein Wunder, denn kaum hatte er Auto fahren gelernt, war sein einziges Ziel gewesen, aus Ginsberg herauszukommen. Der Rückweg hatte ihn nie interessiert. Er wollte nicht anhalten, um sein Handy zu Hilfe zu nehmen, also fuhr er grob in die Richtung, in der er seinen Geburtsort vermutete. Bis auf den Hinweisschildern die ersten Ortsnamen auftauchten, die in seinem damaligen Mofaradius gelegen hatten. Allmählich wirkte die Umgebung vertrauter.
Der Abzweig nach Ginsberg lag immer noch so versteckt wie damals. Besucher waren wohl immer noch nicht erwünscht. Aber heute fuhren Fahrer mit Routenplaner und fanden deshalb ihr Ziel. Er bog auf die kurvenreiche Straße ein, die parallel zum Fluss in den Ort führte. Die Schönheit des Tals berührte ihn. Er war sicher mehrere tausendmal diese Strecke gefahren, aber als Kind hatte er sie nicht wahrgenommen oder sie für selbstverständlich genommen und geglaubt, es würde überall so aussehen. Inzwischen wusste er es besser, und obwohl er erst siebenundzwanzig war, konnte er sich für Naturschönheit begeistern und wusste zu schätzen, in welcher Idylle er aufgewachsen war.
Tibor fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel und zuckte zusammen, als er die beiden Stellen berührte, an denen er sich am Morgen beim Rasieren geschnitten hatte. Ein Zeichen der Nervosität, die er sich nicht eingestehen wollte.
Entgegen seiner Gewohnheit hatte er das Radio eingeschaltet: sehr viel Grauenvolles, wenig Erträgliches und nichts wirklich Gutes dabei. Dasselbe galt für die Musik. Entweder aktueller Schrott oder bewährte Klassiker, die jeder schon hunderttausendfach gehört hatte. Aber wenn man die ganzen Jingles der Eigenwerbung nicht dazurechnete, blieb ohnehin nicht viel Musik übrig. Obwohl kurz vor dem Ziel, musste er wieder einmal den Sender wechseln, weshalb ihn der Krankenwagen, der mit Blaulicht und Sirene auf seiner Straßenseite durch die Kurve schoss, kalt erwischte. Fluchend verriss Tibor das Steuer des Volvos und hätte um ein Haar das Ortsschild von Ginsberg gerammt. Im buchstäblich letzten Augenblick kam er auf dem Schotterstreifen am Straßenrand zum Stehen und würgte vor lauter Erleichterung den Motor ab. Mit bebenden Händen zündete er eine Zigarette an, lehnte sich in seinen Sitz zurück und betrachtete nachdenklich das gelbe Schild vor seiner Motorhaube. Tibor wollte nicht an böse Vorzeichen glauben.
Er schnippte die Zigarette im Aschenbecher ab und stieg aus. Der milde Wind kühlte seinen Rücken, wo das Hemd auf der Haut klebte. Er betrachtete die Ansammlung von Menschen und Fahrzeugen. Feuerwehr, Rotes Kreuz, Polizei und unzählige Privatfahrzeuge standen dicht gedrängt auf dem schmalen Feldweg zwischen Straße und Fluss. Tibor konnte das Gerippe eines Schuppens erkennen, von dem noch eine dünne Rauchsäule aufstieg. Ein stetiger Strom von Dorfbewohnern pilgerte die Hauptstraße entlang, um sich das Ereignis anzusehen. Einige musterten ihn neugierig und gingen weiter, die Brandstelle erschien ihnen momentan interessanter. Tibor sah viele Bekannte von früher, aber er hatte sich wohl zu sehr verändert, um von ihnen erkannt zu werden. Tatsächlich bestand nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem Foto in seinem Führerschein, denn Haarausfall und eine teure Garderobe konnten das Erscheinungsbild eines Menschen nachhaltig verändern. Außer seinen Haaren fehlten auch etwa ein halber Zentner Gewicht und eine bereits damals unmodische Brille.
Ein weiterer Krankenwagen kämpfte sich mit heulender Sirene zur Straße hinunter und trieb die Schaulustigen auseinander. Obwohl Tibor Katastrophentourismus verabscheute, ging er auf die Brandstelle zu. Die Polizei hatte die Reste des Schuppens abgesperrt. Die Umstehenden reckten die Hälse, um nicht die kleinste Kleinigkeit zu verpassen. Die Gesichter wirkten verstört, was Tibor bestätigte, dass hier mehr geschehen war als ein simpler Brand. Seine Versuche, ebenfalls einen Blick auf den Schuppen zu werfen, scheiterten an seiner recht bescheidenen Körpergröße. Auf der Suche nach einer Lücke wanderte er hinter den Zuschauerreihen entlang, doch jeder freie Platz war besetzt. Tibor schob sich eine neue Zigarette zwischen die Lippen und wollte gerade sein Feuerzeug an deren Ende halten, als er bemerkte, wie ein Feuerwehrmann wortlos den Trichter eines Feuerlöschers auf ihn richtete. Mit einer entschuldigenden Geste steckte er die Zigarette wieder ein.
“Hallo Tibor“, sagte eine vertraute Stimme hinter ihm. Er wandte sich überrascht um. Felix Gernhardt lehnte lässig an einem Geländewagen, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und grinste von Ohr zu Ohr.
“Felix, du meine Güte.“ Tibor war überrascht und erfreut zugleich. Er nahm die Sonnenbrille ab, als würde dies seinen Blick schärfen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, nach so vielen Jahren den besten Freund aus seiner Jugend wiederzusehen. In der ersten Zeit nach seiner Abreise hatten sie sich zwar ein paar Mal geschrieben und gelegentlich telefoniert, aber nach einer Weile war der Kontakt eingeschlafen.
Felix sah wüst aus: Sein strähniges Haar ließ das Gesicht nur erahnen, aber was an Haut sichtbar war, ließ darauf schließen, dass er viel Zeit unter freiem Himmel verbrachte. Er trug ein Batikhemd, abgeschnittene Cordhosen und klobige Arbeitsschuhe. Die Sachen schienen billig gekauft und lange getragen. An manchen Menschen gingen Trends spurlos vorüber, bis sie manchmal das Glück hatten, dass die eigene Kleidung wieder in Mode kam. Aber der Felix, den er gekannt hatte, war an der Welt vor seiner Tür ohnehin nie sonderlich interessiert gewesen, solange die Welt ihm das gleiche Desinteresse entgegenbrachte.
“Scheiße, Tibor, wie siehst du denn aus“, kam ihm Felix zuvor und wischte sich eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn, “bist du unter die Banker gegangen?“
“So ähnlich.“
“Und warum hast du deine Haare nicht mitgebracht?“
Grinsend fuhr sich Tibor mit der Hand über den extrem breiten Scheitel und ließ sie im Nacken auf dem Rasierschatten seines verbliebenen Haarkranzes ruhen.
“Die Zeit vergeht.“
“Das kannst du laut sagen“, sagte Felix und breitete die Arme aus. Tibor, der ein ganzes Stück kleiner als sein Freund war, verschwand in dessen Umarmung. Es dauerte lange, bis er sich daraus befreien konnte.
“Warum hast du dich nie gemeldet, Mann? Oder auf meine Briefe geantwortet?“, fragte Felix streng.
“Also ich o äh“, begann Tibor, zögerte und zuckte schließlich grinsend mit den Schultern.
“Schon gut, vergiss es. Hauptsache, du bist wieder da.“
Sie grinsten beide. So sollte es zwischen Freunden sein, dachte Tibor. Wenn man sich nach langer Zeit wieder begegnete, mussten beide das Gefühl haben, den anderen am Vortag zuletzt gesehen zu haben. Keine Erklärungen, keine Vorwürfe und keine Rechtfertigungen. Ein dicker Kloß der Ergriffenheit stieg in seinem Hals auf und zur Ablenkung wies er mit dem Daumen hinter sich: “Hast du eine Ahnung, was hier passiert ist?“
“Ich bin selbst erst gekommen, aber ich sehe gerade jemanden, der es mit Sicherheit weiß“, sagte Felix und hob einen Arm, um zu winken. Der Kopf einer großen und sehr kräftigen Frau Ende vierzig ruckte herum. Sie begann zu lächeln und drängte sich durch die Menge, die ihr widerwillig Platz machte. Sie schob ihre Sonnenbrille in die Stirn und steckte den Notizblock in eine der Taschen ihres Jeansrocks, bevor sie Felix scherzhaft gegen seine Brust boxte. Er legte einen Arm um ihre Schultern und drehte sie in Tibors Richtung.
“Tibor, darf ich dir Thea Richler vorstellen, das letzte lebende Mitglied der freien Presse und seit Wochen die Starreporterin der hiesigen Tageszeitung. Thea, das ist Tibor Hendricks, ein Freund aus besseren Tagen und ehemaliger Ginsberger.“
Sie schüttelten sich die Hände. Sie sah aus wie Kathy Bates. Nicht in der Rolle der psychopathischen Krankenschwester in Misery, sondern als die robuste und engagierte Schnüfflerin in dem Travolta-Film.
“Tibor hat mich gerade gefragt, was hier vor sich geht. Vielleicht kannst du uns eine Antwort darauf geben.“
“Es scheint so, als wäre die Feuerwehr bei ihrem Einsatz auf ein Drogenversteck gestoßen. Die Hälfte der Jungs schwebt noch über den Wolken, während sich alle anderen in die Hose machen.“
Die Antwort verblüffte sogar Felix. “Was sagt Garth dazu?“
“Die Kollegen belagern ihn vor dem Rathaus. Sie haben sich hier ihre Bilder und ein paar Statements von Einheimischen abgeholt und warten nun auf eine offizielle Stellungnahme.“
Felix grinste. “Wo er doch schlechte Presse über den Ort so gut leiden kann.“
“Ich bin selbst gespannt, wie Villeroy es schaffen will, diesen Schlamassel schön zu reden“, sagte die Journalistin.
“Thea ist die ungekrönte Meisterin, wenn es darum geht, Garth unüberlegte Äußerungen zu entlocken“, erklärte Felix seinem Freund. Die Reporterin lächelte geschmeichelt. Sie wollte bescheiden abwinken, als in der Nähe der Absperrung ein kleiner Tumult losbrach.
“Jetzt scheint etwas Bewegung in die Sache zu kommen, ich muss los, wir sehen uns!“, sagte sie und hatte bereits ihren Notizblock gezückt. Sie winkte den beiden zu und warf sich wie ein Schneepflug in die Menge.
“Drogen in Ginsberg?“, fragte Tibor aufrichtig überrascht.
“Dope is in the air“, sang Felix und lachte. “Tja, mein Freund, das Landleben hat seine Unschuld verloren, willkommen zu Hause!“ Er warf sich mit einer Kopfbewegung das schwarze Haar aus der Stirn, ohne seine Hände aus den Taschen nehmen zu müssen. “Du hast dir den perfekten Tag für deine Heimkehr ausgesucht.“
“Timing war schon immer meine Stärke“, sagte Tibor. “Das wird einen ganz schönen Wirbel erzeugen.“
“Darauf kannst du Gift nehmen. Wenn man im Rathaus nachfragt, bekommt man bestimmt die Auskunft, es gäbe keinen Grund zur Besorgnis. Also genau die Antwort, die man erwartet, wenn es einen Grund zur Besorgnis gibt.“
“Ich kann mir nicht vorstellen, dass in Ginsberg Drogen angebaut werden.“
“Na frag mich mal“, sagte Felix. “Und ich lebe sogar hier. Noch heute Morgen hätte ich über diese Vorstellung gelacht.“
“Dann hast du keine Idee, wer dahinterstecken könnte?“
“Überhaupt keine. Ich kann mir das nur so vorstellen, dass jemand den verlassenen Schuppen genutzt hat, um seine Drogen darin zu verstecken.“
“Jemand von außerhalb?“
“Also mir fällt kein Ginsberger ein, der infrage käme. Nicht dafür.“ Er grinste. “Die könnten es auch gar nicht voreinander geheim halten.“
“Willst du gar nicht wissen, wer hinter den Drogen steckt? Immerhin lebst du ja hier, wie du selbst gesagt hast.“
“Vielleicht hat Garth ein kleines Nebengeschäft am Laufen? Wundern würde mich das nicht.“
Tibor zwinkerte ihm zu. “Sie könnten ihn dafür drankriegen. Würde dich das nicht reizen?“
“Meinen Onkel auf jeden Fall, mich eher weniger. Garth wird bald hier auftauchen, dann möchte ich nicht mehr da sein. Lass uns was unternehmen. Du hast doch Zeit, oder?“
“Für dich immer.“
“Wo steht dein Wagen?“
Tibor wies zur Straße.
Felix hob eine Augenbraue. “Soll ja ein sehr sicheres Auto sein.“
“Ich bin eben ein vorsichtiger Mensch.“
Felix stieg in seinen Touareg und öffnete die Beifahrertür. “Steig ein, ich nehme dich das Stück mit.“
Tibor waren die unzähligen Dellen, Schrammen und Kratzer in der Karosserie des Wagens aufgefallen. Sein Freund schien das Fahrzeug nicht besonders pfleglich zu besitzen. Oder es gab Leute im Ort, die an dem Wagen ihren Unmut über den Besitzer ausließen. Er schwang sich auf den Beifahrersitz und zog die Tür zu. Sicher vor einer plötzlichen Ladung Löschschaum zündete er sich seine Zigarette an und hielt Felix die Schachtel hin. Der schüttelte den Kopf und ließ den Motor an. Felix hatte längst mit den meisten lieb gewonnenen Trostspendern seiner Jugend gebrochen. Vorsichtig lenkte er seinen Wagen langsam zwischen den nachströmenden Schaulustigen hindurch zur Straße.
Tibor sah sich nach allen Seiten um und war überrascht, wie herausgeputzt Ginsberg wirkte. Er hatte sich vor seiner Heimreise über Ginsberg informiert. Da er zu niemandem Kontakt gehalten hatte, besaß er keine Informationen aus erster Hand. Er hatte den Ort schon vor langer Zeit im Rückspiegel gelassen, und die Gefühle, die die Fahrt durch Ginsberg in seiner Magengegend auslösten, waren mehr als gemischt. Sie weckten Erinnerungen in ihm, die er längst verschüttet geglaubt hatte. Tibor besaß genügend Vorurteile über das Landleben, viele davon gewiss zu Recht, aber er beabsichtigte, sie für sich zu behalten, und wollte den Einheimischen nicht beweisen, dass sie stimmten. Entweder wussten sie es bereits oder wollten es nicht hören. Umso mehr staunte er, wie gut ihm die Örtlichkeiten im Gedächtnis geblieben waren. Der Brunnen, an dem sich seinerzeit die Dorfjugend getroffen hatte. Dort, wo jetzt fünf Parkplätze für die Sparkasse angelegt waren, hatte früher das Haus der Witwe Droste gestanden, die von ihrem Wohnzimmerfenster aus Bier an Jugendliche verkauft hatte. Auf dem Spielplatz hinter der Kirche hatte Tibor sich mit neun Jahren den Arm gebrochen, weil ihn ein Konkurrent in der Gunst von Silke Beck von der Rutsche stieß. Wie viele Abende hatte er am Fluss verbracht und mit anderen Ahnungslosen vermeintlich tiefgründige Gespräche geführt? Und erst die dämlichen Mutproben. Einmal musste Tibor sich die Haare abrasieren, weil er es nicht schaffte, mit seinem Mofa auf einer selbst gebauten Rampe über die Lahn zu springen. Neben dem Verlust der Haare hatte ihn damals am meisten der Anblick des versinkenden Mofas geschmerzt, und er äußerte in den folgenden Jahren mehr als einmal den Wunsch, Felix hätte lieber das Mofa retten sollen, anstatt ihn aus dem Wasser zu ziehen.
“Sollen wir kurz hier halten?“, fragte Felix.
“Wieso?“
“Das ist euer ehemaliges Haus. Garths Anwalt hat inzwischen seine Kanzlei darin.“
“Gott ja, und? Das ist ein Haus, in dem ich mal gewohnt habe. Seitdem habe ich in sehr vielen Häusern gewohnt, das heißt aber nicht, dass ich sie regelmäßig besuche.“
Tibors Ablehnung war so schroff, dass Felix ihn erstaunt ansah. “Du willst es nicht mal sehen?“
“Wozu?“
“Was weiß ich? Vielleicht um Erinnerungen aufzufrischen.“
“Nicht nötig“, sagte Tibor bestimmt. “Meine Eltern haben es verkauft, also hingen sie wohl auch nicht allzu sehr daran.“
Heimat. Er ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen und schmeckte den Kitsch, der darin mitschwang. Doch ganz kalt ließ es ihn nicht. Neunzehn Jahre in diesem Ort waren mehr als die nüchterne Zahl. Jahrelang hatte er Ginsberg aus der Ferne verdammt, den steigenden Blutdruck bei der leisesten Erwähnung ländlicher Lebensart gespürt. Er hatte danach nie mehr in einem Ort mit weniger als hunderttausend Einwohnern gelebt. Er brauchte die Anonymität. Und wenn Geschäfte über Mittag schlossen, kam er sich wie in einer Geisterstadt vor.
“Ich habe noch nicht gefrühstückt. Wie steht es mit dir?“, schlug Felix vor. “Ich hoffe, du magst mexikanische Küche.“
“Gerne sogar.“
“Du hast wahrscheinlich schon überall auf der Welt gegessen, aber Antonios Küche stellt eine Herausforderung für jeden Gaumen dar.“
“Das klingt wie eine Warnung.“
Kapitel Vier
Die Wahl zum Bürgermeister hatte Garth zu Beginn als eine reine Formsache betrachtet. Sein Vorgänger war berühmt gewesen für seinen vollständigen Mangel an Führungsqualitäten und Geschäftssinn. Der Mann hatte seine politische Ausrichtung am jeweiligen Gesprächspartner orientiert, um möglichst wenig Aufregung in seinem Amt zu haben. Garths erste Amtshandlung als Bürgermeister hatte darin bestanden, die Gemeindevertretung nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Er spielte die einzelnen Parteien gegeneinander aus, bis sich die meisten schmollend zurückzogen. Jeden potenziellen Gegenkandidaten drangsalierte er lange genug, bis er sich ein anderes Hobby suchte. Die Gemeindevertretung wurde rasch zum Scheinkabinett. Die wenigsten Mitglieder waren glühende Bewunderer von Garth, aber keiner von ihnen stellte einen ernst zu nehmenden Gegner dar, der sich seinen Wünschen widersetzen würde.
Die Gemeindevertretung hatte sich um den großen Tisch im Konferenzraum versammelt. Gewöhnlich tagten sie am letzten Donnerstag jeden Monats und nur mit dreitägiger Voranmeldung, doch an diesem Tag hatten sich die acht Mitglieder vor Garths Bürotür versammelt, bevor er zum Telefonhörer greifen konnte. Bürgermeister Garth blickte in die Runde. Links von ihm saß Max Krabbe, der Arzt des Dorfes, der wegen seiner Freigiebigkeit bei Krankheitsbescheinigungen den Spitznamen Doc Holiday führte. Er war ein Fachidiot und außerhalb seiner Praxis nur begrenzt lebensfähig, aber auch nützlich, da er die ärztliche Schweigepflicht großzügig auslegte und jede Information an Garth weitergab, nach der dieser verlangte. Krabbe wollte sein Kumpel sein und biederte sich aufs Schamloseste bei Garth an.
Neben dem Arzt saß Lehrer Bach, der seine Redebeiträge gerne durch beispielhafte Verhaltensweisen Achtjähriger belegte und gewohnheitsmäßig auf die Bundespolitik abschweifte. Besonders seit Pisa nicht mehr nur eine Stadt in Italien war, die einige glücklose Turmbauer angezogen hatte. Ansonsten war er froh, wenn man ihn in Ruhe angeln ließ. Wer ihn dabei störte, stellte schnell fest, dass er nicht halb so freundlich war, wie er wirkte. Denn Bach lächelte nur deshalb so viel, weil seine Zähne zu groß für seinen Mund waren und er die Lippen kaum über den Zahnreihen schließen konnte.
Rudolf Kernstein war Autohändler. Genau genommen verkaufte er die Autos in Garths Autohaus und war in jeder Hinsicht abhängig von seinem Chef, bei dem er immense Schulden hatte. Mindestens genauso abhängig war er vom Alkohol, der seine Hilflosigkeit noch verstärkte. Ein trauriger Fall. An der Ecke des Tisches saß Hellmuth Ziegler, der sich vom ersten Marihuanatrip seines Lebens erholte. Für gewöhnlich ein kompetenter, verlässlicher Mann, der politisch völlig unbelastet war und in ihrer Runde gerne die Stimme des kleinen Mannes vertrat. Genauso wie Dörr, der Garth am anderen Ende des Tisches gegenübersaß. Im realen wie im übertragenen Sinne. Dabei setzte er sich nur für die Themen ein, die ihn unmittelbar betrafen. Alle anderen interessierten ihn nicht. Günther Dörr war cholerisch, streitsüchtig und nahm immer eine Gegenposition ein. Er sammelte Feindschaften wie andere Leute Münzen, Briefmarken oder gebrauchte Damenunterwäsche.
Kurt Amsel, der Bäcker, war harmlos, naiv und gutmütig. Er übernahm in seiner Freizeit die ehrenamtliche Aufgabe, das Wohlbefinden der Ginsberger zu gewährleisten. Er organisierte Ferienangebote für Kinder, Jugendfreizeiten, Seniorennachmittage und Feste mit den verschiedenen, meist verfeindeten Ortsvereinen. Darüber hinaus Konzerte, Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen, die nach dem Urteil von Garths Frau allesamt lächerlich und provinziell waren. Amsel half auch bei Nachbarschaftsstreitigkeiten und Problemen in der Familie und hatte für jeden ein offenes Ohr. Auf der anderen Seite schien er keinen Ehrgeiz zu besitzen, in dieser Runde respektiert oder auch nur gehört zu werden. Außer bei lautstarken Auseinandersetzungen, die seinem extremen Harmoniebedürfnis zuwiderliefen, sagte er während der Sitzungen kein einziges Wort. Er schien mit allem zufrieden, solange es ruhig und friedlich abgewickelt wurde.
Ganz im Gegensatz zu Rolf Berger, der nie zufrieden war, selbst wenn er etwas durchsetzen konnte. Berger war unsachlich, uneinsichtig und unbelehrbar. Er hatte zu jedem Thema eine Meinung und berief sich auf Fakten, die stets völlig falsch waren. Wie bei so vielen anderen war es Unkenntnis gepaart mit Überheblichkeit, die ihn gegen vernünftige Argumente immun machte. Sein Gegenstück in Östrogen war Judith Kemmer. Sie war die beste Freundin von Garths Frau, neben ihr die berühmteste Person Ginsbergs und ¡ aus für Garths unerfindlichen Gründen ¡ Mitglied der Gemeindevertretung. Unwissend, uninteressiert und arrogant zog sie jede Sitzung dadurch in die Länge, dass sie am Ende einer Diskussion entsetzlich dumme Fragen stellte oder noch einmal alles wiederholte. Ihre Popularität im Ort verdankte sie ihrem Stellenwert als Schriftstellerin. Was eine tolle Sache war, wenn man keines ihrer Werke gelesen hatte.
Garth senkte den Blick auf den Tisch vor sich, dann schwenkte er erneut über die Gesichter. Diesmal sehr viel schneller. Idiot. Opportunist. Schwächling. Langweiler. Arschloch. Noch ein Idiot. Quertreiber. Superzicke. Die Vertreter von Ginsberg. Sie redeten sich die Köpfe heiß und Garth sah ihnen dabei zu. Er hatte bei jedem einzelnen von ihnen Gründe gehabt, ihnen einen Platz an seiner Tafel zu verschaffen. Profilierungssüchtige Figuren wie Berger und Dorn waren im Ort durch ihre Vereinstätigkeit bekannt genug, um ausreichend Anhänger hinter sich zu scharen. Garth hatte Amsel berufen, um seine Popularität im Ort zu nutzen, und Krabbe, um der Gemeindevertretung einen seriösen Anstrich zu verschaffen. Ebenso Lehrer Bach, der nie sonderlich auffiel und wohl auch in Gedanken lieber fischen ging. Judith Kemmer war für ihn persönlich eine Fehlentscheidung, weil sie ihm furchtbar auf die Nerven ging, aber sie wirkte wohltuend auf das Ego von Berger und Dorn, die sich ihr gegenüber überlegen fühlen konnten. Solange die beiden mit frauenfeindlichen Gedanken beschäftigt waren, konnten sie nicht auf andere Weise Schaden anrichten.
Garth betrachtete die sich heiser quasselnde Versammlung mit ausdrucksloser Miene und verriet durch keinen Aspekt seiner Körpersprache, wie er das Schauspiel bewertete. Und das war auch gut so. Die Stimmungspalette im Raum reichte von verzweifelt bis aggressiv. Der Hauptpunkt war die Auswirkung des Drogenskandals auf den Ruf des Ortes und die Wirtschaft. Garth konnte die Aufregung verstehen. Jahrzehntelang hatte Ginsberg vor sich hingedümpelt. Längst hatte man sich damit abgefunden, dass der Ort niemanden durch seine attraktive Infrastruktur anzog und auch für Pendler völlig uninteressant war, da Autobahnen in jede Richtung mindestens dreißig Kilometer entfernt lagen. Doch dank Garths Wirken als Bürgermeister gab es heute in Ginsberg alles, was man für das alltägliche Leben brauchte. Der Ort besaß einen Supermarkt, einen Bäcker, eine Metzgerei, eine Tankstelle mit Postfiliale (genauer gesagt, ein Schalter, der nicht größer war als eine Kinderpost), einen Friseur, ein Autohaus mit Werkstatt, zwei Gastwirtschaften und eine Bank. Es gab einen Fußballplatz und einen Tennisplatz. Für so ziemlich jede Beschäftigung hatte man einen Verein gegründet. Diese Perle ländlicher Lebensart sollte das Traumziel jedes großstadtgeschädigten, nach Ruhe und Geborgenheit suchenden Menschen sein, der fernab von Hektik, Lärm und Verbrechen neues Lebensglück suchte. Und nun diese Katastrophe.
Die Tür des Konferenzraums öffnete sich und Villeroy kam herein. Mit seinem üblichen unverbindlichen Lächeln auf den Lippen nahm er auf einem Stuhl neben der Tür Platz. Garth hätte am liebsten die komplette Gemeindevertretung vor die Tür gesetzt und stattdessen den sicherlich wichtigen Informationen seines Anwalts gelauscht. Er merkte, dass Stephan Bach mit ihm redete, entschuldigte sich und bat ihn, das Gesagte noch einmal zu wiederholen. Bach trug noch seine Angelklamotten und sah überhaupt nicht ein, weshalb er seine schlechte Laune verbergen sollte, immerhin hatte man ihm den Vormittag verdorben. “Ich sagte, jetzt werden mir die Kollegen von der Opposition wieder unter die Nase reiben, dass sich gerade meine Partei in der Vergangenheit für die Freigabe weicher Drogen starkgemacht hat.“
“Stimmt das etwa nicht?“, warf Günther Dörr, der Pächter der Tankstelle, ein.
“Alkoholiker haben ja genug Bezugsquellen“, entgegnete Bach kühl und sah zu, wie Dörrs ohnehin dunkles Gesicht noch röter wurde. Die inoffizielle Kneipe in seiner Tankstelle, wo sich einige Dorfbewohner schon am frühen Morgen zum ersten Bier einfanden, war ein offenes Geheimnis. Das hieß aber noch lange nicht, dass Dörr sich diese Tatsache von jedem unter die Nase reiben ließ. Er sprang auf und beugte sich über den Tisch. “Was soll das denn heißen? Ich glaube, dem Herrn Lehrer ist die viele Freizeit aufs Gehirn geschlagen.“
“Immerhin habe ich mehr als ein trockenes Brötchen im Kopf.“
“Keine Scherze über Backwaren“, versuchte Bäcker Amsel einen ebensolchen. Aber niemandem war zum Lachen zumute.
Garth bedachte die Streithähne mit einem Blick, der so viel besagte wie: Wird das heute noch was? Die Gemeindevertretung entglitt ihm. Noch vor einem Jahr wäre ein solches Verhalten undenkbar gewesen. Schon allein wegen Viktors Anwesenheit. Das Höchstmaß an Widerspruch stellte damals die freundliche Bitte an Garth dar, seine Position noch einmal zu überdenken. Heute musste er Drohungen und sogar Kompromisse einsetzen, um die Meute ruhig zu halten. Sie lauerten wie hungrige Raubtiere, um sich bei der geringsten Schwäche auf ihn zu stürzen. Mit der flachen Hand schlug er auf den Tisch. “Setz dich hin, Günther, alter Sülzkopf.“
Dörr setzte sich tatsächlich und brummelte dabei Unverständliches.
Berger erhob sich und allen Anwesenden war klar, was jetzt kommen würde. “Als Trainer der Fußballmannschaft darf ich daran erinnern, dass unsere Jungs heute gegen die Deppen aus Weinsee antreten sollen. Aber unsere Besten liegen flach, das wird eine böse Schlappe. Die werden uns vom Platz fegen.“
“Wir haben doch Ersatzspieler“, sagte Krabbe und wurde dafür von Berger mit einem Blick bedacht, der ihn mit gesenktem Blick verstummen ließ.
“Finn Schneider, um nur ein Beispiel zu nennen“, fuhr Berger fort. “Reaktionsschnell und trickreich. Er rennt neunzig Minuten, ohne die Puste zu verlieren, und springt über gegnerische Spieler einfach drüber. Der Junge hat mal einen Lederball quer durch die Turnhalle getreten und damit noch im Flur bei den Umkleidekabinen ein Sicherheitsglas eingedrückt. Und das Beste ist, er hat dabei nur Socken getragen. Für so jemanden gibt es keinen Ersatz.“
“Wie kann man in einer solchen Situation über eine so unwichtige Sache wie Fußball reden“, mischte sich Bach ein.
“Unwichtig? Ich hör wohl schlecht. Nach dem Debakel vom letzten Jahr hängt eine ganze Menge von diesem Spiel ab. Aber warum erzähl ich das eigentlich? Was weißt du schon von Fußball?“
“Wir teilen eben nicht alle Ihre Interessen“, sagte Bach überheblich. Er hatte Berger schon vor Jahren das Du entzogen, wovon dieser sich allerdings nicht beeindrucken ließ. Und daran halten würde er sich schon gar nicht.
“Deine Interessen kennen wir alle zur Genüge, der Fischgeruch lässt einen ja rückwärts die Wände hochgehen.“
“Und wieder eine gewohnt unqualifizierte Bemerkung von Herrn Berger“, erwiderte Bach beleidigt. Er hatte sich in seinem Keller eine kleine Räucherkammer eingerichtet und entwickelte dort neue Fischrezepte. Viele Nachbarn und Kollegen ließen sich von ihm beliefern, der Besitzer des La Cucaracha hatte sogar zwei seiner Rezepte in die Speisekarte aufgenommen. Aber das zählt ja bei diesen Ballproleten nicht, dachte er schmollend.
“Meine Güte, wenn es doch nun mal ein Entscheidungsspiel ist“, spottete Judith Kemmer. Erstens, weil sie auch einmal etwas sagen wollte, und zweitens, weil sie sich über jede Form von Mannschaftssport erhaben fühlte.
“Nichtfußballer: Klappe zu“, zischte Berger und setzte sich wütend wieder hin.
Garth fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht und ließ sie in den Schoß sinken. Seine bullige Statur sorgte dafür, dass die Menschen auf Abstand blieben. Er wirkte nicht dick, sondern nur aus der Form geraten. Allerdings überschätzten die meisten Leute die körperliche Bedrohung, die von ihm ausging. Ein Fehler, den er nicht zu korrigieren gedachte. “Ich darf mal zusammenfassen. Wir hocken jetzt schon seit einer halben Stunde in diesem stickigen Raum. Das Einzige, was wir bisher erreicht haben, ist, dass ein paar alte Feindschaften wieder aufgebrochen sind. Aber von einem konstruktiven Beitrag weit und breit keine Spur.“
“DieWir-wissen-nicht-um-welchen-Stoff-es-sich-handelt,-aber-er-ist-auf-jeden-Fall-ungefährlich-Masche wird nicht funktionieren und den Titel als Luftkurort können wir auch vergessen“, scherzte Max Krabbe.
“Deine Beiträge waren auch nicht gerade erhellend, Herr Bürgermeister“, murmelte Dörr.
Garth ignorierte die Bemerkung, doch Villeroys Kopf wandte sich mit einem süffisanten Lächeln dem Tankstellenpächter zu. Der Anwalt besaß ein verweichlichtes Aussehen, aber er konnte einen ansehen wie ein Giftmörder, dessen angebotenen Drink man gerade heruntergekippt hatte. Villeroy war stets bei den Sitzungen präsent, saß schweigend hinter Garth und beobachtete die Gemeindevertreter, die seinem Blick auswichen. Villeroy hatte in seinem Leben wenig getan, das ihm irgendwelche Sympathien zuspielen könnte. Auch die Anwesenden hielten nichts von ihm, aber sie würden sich hüten, eine abfällige Bemerkung zu machen, solange sie fürchten mussten, dass Garth es hörte oder einer der Anwesenden es ihm erzählen konnte. Selbst Garth wusste nicht alles über Villeroy. Der Anwalt wich zwar nur selten von seiner Seite, doch dies führte nicht zum Austausch privater Gedanken. Geld war für Villeroy wichtig, soviel wusste Garth. Er aß gerne gut und lernte Sprachen. Jedes Jahr eine andere. Dieses Jahr war es Finnisch. Warum auch immer.
“Wir müssen endlich zu einer Einigung kommen, wie unsere nächsten Schritte aussehen sollen“, fasste Bach zusammen.
Berger erhob sich theatralisch. “Zunächst einmal müssen wir herausfinden, wer hinter diesem Schlamassel steckt. Das sagte ich bereits.“
Garth seufzte. “Und ich antwortete bereits, es ist Aufgabe der Polizei, den oder die Täter zu fassen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, Schadensbegrenzung zu betreiben. Das heißt, wir müssen das Ansehen unseres Dorfes bewahren und dafür sorgen, dass wir in der Presse nicht allzu schlecht dastehen.“ Für ihn war die ganze Veranstaltung ein einziges Déjà-vu, er hatte alles sinngemäß schon dreimal gehört. Und er wusste, was Rolf Berger, der Metzger, als Nächstes sagen würde.
“Wir wissen doch alle, wer hinter dieser Sache steckt“, erklärte Berger so energisch, als wäre es das erste Mal an diesem Tag.
“Ihre Theorie in allen Ehren“, sagte Bach, “aber in den letzten zwölf Monaten wollten Sie wirklich alles, was in dieser Gegend schiefgelaufen ist, diesem Mitbürger anhängen.“
“Dass du ihn verteidigst, wundert mich nun gar nicht. Du gehörst doch zu diesen studierten Liberalen, die jeden Täter in Watte packen wollen.“
“Genau“, bestätigte Dörr, der die Bemerkung über den Alkoholausschank noch nicht vergessen hatte.
“Ich habe ebenfalls studiert“, sagte Krabbe und wurde etwas größer in seinem Sessel.
“Nichts gegen dich, Doc, immerhin bist du wichtig.“
“Und ich wohl nicht“, entrüstete sich Bach.
“Was er meinte, war o “, versuchte Amsel zu schlichten.
“Dass jeder, der ein Studium absolviert hat, ein linksliberaler Spinner ist und kein Interesse an Regeln und Gesetzen hat. Das habe ich sehr wohl verstanden.“
“Dir kann das ja wohl keiner unterstellen, Herr Bach“, sagte Berger mit bedeutungsschwangerer Stimme.
Der Kopf des Lehrers fuhr zu ihm herum. “Was wollen Sie damit sagen?“
“Nichts von Bedeutung.“
“Das dachte ich mir.“
Garth schüttelte nur den gesenkten Kopf.
“Das hat ja wohl alles keinen Zweck“, begann Bach beschwichtigend. “Wie jeder im Raum weiß, vertritt Herr Berger nicht nur die üblichen Vorurteile gegen Personen, die nicht dem gängigen Erscheinungsbild entsprechen. Der erwähnte Mitbürger ist ihm darüber hinaus persönlich ein Dorn im Auge.“
“Das ist Verleumdung“, brüllte Berger. “Ich habe keine Vorurteile. Der Kerl kurvt den lieben langen Tag durch die Gegend und keiner weiß so genau, was er eigentlich macht. Ich habe meinen Verdacht auch schon der Polizei gegenüber geäußert. Die hat meinen Hinweis jedenfalls ernst genommen.“
“Hatte der kleine Gernhardt nicht mal was mit Bergers Tochter?“, tuschelte Rudolf Kernstein, der Geschäftsführer von Garths Autohaus, mit seinem Sitznachbarn Hellmuth Ziegler, der immer noch einen leicht glasigen Blick hatte.
“Tja“, sagte Ziegler endlos gedehnt, “kurz nach seiner Scheidung, ging aber nur ein paar Wochen. Berger hat wirklich genug Gründe, Felix nicht zu mögen.“
Beide kicherten leise.
“Seht ihn euch doch nur mal an“, wetterte Berger weiter. “Und dann seine Kumpel aus dem Viertel, die inzwischen glücklicherweise verschwunden sind. Ich bitte euch! Dass solche Leute mit Drogen handeln, ist für mich alles andere als weit hergeholt.“
Bach legte bedeutungsvoll die Handflächen auf den Tisch und beugte sich vor. “Aber dafür gibt es doch nicht den geringsten Beweis. Das Ganze erweckt in mir den Anschein, als wollten wir so schnell wie möglich einen Schuldigen finden, den wir der Polizei präsentieren können, damit die Angelegenheit unter den Teppich gekehrt werden kann.“
“Na prima, jetzt hat auch der Herr Lehrer verstanden, weshalb wir hier sind“, spottete Dörr. “Wissen Sie, was ich glaube?“
“Dass die Erde eine Scheibe ist?“
Sofort war der Raum wieder von wildem Gebrüll erfüllt.
Krabbe lehnte sich zu Garth hinüber und senkte unnötigerweise seine Stimme. “Was machen wir mit Chloe?“ Dabei benetzte er ihn mit seiner feuchten Aussprache. Garth hatte bei der Sitzplatzverteilung nicht aufgepasst und zu spät gemerkt, dass der Platz neben ihm frei gewesen war. Krabbe, der jede Gelegenheit nutzte, in Garths Nähe zu kommen, hatte die Gelegenheit genutzt, sich an ein paar Platzsuchenden vorbeigedrängt und sich schneller, als es höflich oder schicklich gewesen wäre, auf den freien Stuhl gesetzt.
“Sie war ja immerhin mal mit Felix verheiratet?“, fuhr er sprühend fort. Garth deckte seine Kaffeetasse mit der flachen Hand ab und gab sich keine Mühe, es unauffällig zu tun.
“Ich regele das schon“, versicherte er und erhob sich. Eine Weile lang nahm keiner von ihm Notiz, aber langsam kehrte Ruhe ein. Garth wartete geduldig ab, bis er die Aufmerksamkeit von allen besaß. Es überraschte ihn nicht, dass bei dieser Sitzung nicht der geringste Fortschritt erzielt worden war. Er sah in die erwartungsvollen Gesichter und wusste genau, was sie wollten. Er sollte ihnen sagen, sie könnten beruhigt nach Hause gehen und ihren Freunden und Familien erzählen, dass alles gut werden würde. Ihr Bürgermeister würde das Kind schon schaukeln, sie selbst seien von jeder Sorge oder Verantwortung entbunden. Aber das konnte er ihnen nicht sagen, weil es nicht stimmte und sie es auch nicht glauben würden. Dann gingen sie stattdessen nach Hause und riefen: Packt die Koffer, der Bürgermeister hat auch keine Ahnung, wie es weitergehen soll!
“Herrschaften, nachdem wir jetzt die verschiedenen Meinungen gehört haben, will ich Folgendes sagen: Wir werden uns nicht in die Ermittlungsarbeit der Polizei einmischen und schon gar nicht werden wir ihnen einen möglichen Täter liefern. Leider können wir nicht mehr ungeschehen machen, dass Rolf gegenüber der Polizei etwas zu laut gedacht hat, damit müssen wir leben. Wenn er sich nämlich irrt und herauskommt, dass die Gemeindevertretung von Ginsberg zur Hexenjagd aufgerufen hat, wird die Presse erst recht über uns herfallen. Wir werden vorerst abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln, aber bis dahin will ich keinen von euch auch nur in der Nähe einer Fernsehkamera oder eines Mikrofons sehen. Villeroy wird den Kontakt zur Presse übernehmen. Und jetzt raus hier!“
Der Gemeindevertretung erhob sich geschlossen und strebte zur Tür. Garth fing Berger ab und führte ihn lächelnd zur Seite. “Eine Kleinigkeit noch, Rolf. Wenn du das nächste Mal das Bedürfnis hast, mir gegenüber so das Maul aufzureißen, kommst du in die Wurst. Verstanden?“
Villeroy wartete, bis die eiligen Schritte des Metzgers verklungen waren, dann räusperte er sich dezent.
“Wie sieht es aus?“, fragte Garth.
“Die Polizei hat alles abgesperrt, aber natürlich ist da draußen die Hölle los. Wer nicht an der Brandstelle ist, steht vor dem Rathaus. Ich habe mit einem Kripobeamten gesprochen und er wird uns auf dem Laufenden halten. Aber bevor nicht die Spurensicherung eingetroffen ist, sagen sie gar nichts.“
“Das ist natürlich ein Fest für meine Konkurrenten“, murmelte Garth düster. “Hat sich schon einer von ihnen zu Wort gemeldet?“
Villeroy schüttelte den Kopf. “Gernhardt würde eher auf die Presse schießen, als mit ihnen zu reden, und Stark hat noch kein Statement abgegeben, aber da kommt sicher noch was. Der ist zu sehr Profi, um sich die Gelegenheit entgehen zu lassen.“
“Dieser Schönling hat das Zeug dazu, Bundeskanzler zu werden. Warum verschwendet der sich an Ginsberg?“
Villeroy sah sich eilig um, ob jemand die Frage gehört hatte. “Du meine Güte, achte auf deine Worte! Mit so einer Frage könntest du deine Kandidatur beenden.“
“Ja, ja, schon gut“, wiegelte Garth ab.
“Nein, nichts ist gut. Du hast immer noch das Image des neureichen Geldsacks, der sich ein Dorf gekauft hat und sich für etwas Besseres hält. Daran werden wir nichts mehr ändern, selbst wenn du hundert Jahre im Ort lebst und in einer Einzimmerwohnung zur Untermiete wohnst. Dein Ferienvillenpark hat dich sehr unbeliebt gemacht, und seitdem das Projekt gescheitert ist, wird das alles auch oft und gerne ausgesprochen.“
“Das ist allein Maiwalds Schuld. Als er sich zurückgezogen hat, sind auch alle anderen abgesprungen.“
“Noch so ein Satz, der dich die Wahl kosten könnte. Wenn du anderen die Schuld an deiner Niederlage gibst, werden das höchstens die Verschwörungstheoretiker unter deinen Anhängern lieben.“
“Aber es stimmt“, protestierte Garth.
“Spielt doch keine Rolle. Du wirkst dadurch schwach und machtlos. Wenn es keine Ausrede, sondern die Wahrheit ist, dann wurdest du besiegt. Die Leute wollen niemanden, der eine Niederlage gut wegstecken kann, sondern einen Gewinner, der seine Gegner zum Frühstück verspeist. Sei dieser Gewinner!“
“Ich will, dass du da rausgehst und mit der Presse redest. Sag ihnen irgendwas Nettes.“
“Ist mir ein Vergnügen.“ Villeroy verließ den Konferenzraum und marschierte hinunter zur Eingangstür, die Max nur widerwillig öffnete. Sobald Villeroy ins Freie trat, reckten sich ihm Mikrofone entgegen und Fragen prasselten auf ihn ein.
“Wusste der Bürgermeister von den Drogen?“
“War es jemand aus dem Ort?“
“Gibt es noch mehr Verstecke?“
Villeroy hatte die Hände entspannt vor dem Schritt verschränkt und zwinkerte nicht einmal im Blitzlichtgewitter. Es war offensichtlich, dass er auf Ruhe wartete, aber die Reporter waren zu wild auf eine gute Geschichte.
“Wird durch das Feuer etwas vertuscht?“
“Wer sind die Hintermänner?“
“Ist die Feuerwehr von Ginsberg drogensüchtig?“
Schließlich zuckte er bedauernd mit den Schultern, wandte sich um und trat zurück durch die Tür, die Max hinter ihm schloss. Ein Aufschrei der Empörung drang durch das Holz. Villeroy überprüfte den Sitz seiner Krawatte, schaute gelangweilt auf seine Uhr und nach zwei Minuten ging er wieder nach draußen, um dieselbe Position wie zuvor einzunehmen. Ungerührt ließ er eine weitere Batterie Fragen an sich abprallen.
“Deckt das Rathaus die Drogenhändler?“
“Wer ist noch in den Fall verwickelt?“
“Nehmen Sie Drogen?“
Nach und nach wurde allen klar, dass Villeroy auf provozierende Fragen nicht antworten würde, und schließlich kehrte Ruhe ein. Erst als der letzte Reporter verstummte, räusperte sich der Anwalt. “Besten Dank. Nun meine Herrschaften, ich nehme an, dass Sie alle ähnliche Fragen haben, also lassen Sie uns doch auf zivilisierte Art und Weise an die Sache herangehen.“
Garth beobachtete vom Fenster des Konferenzraumes aus, wie sich die Menge um den Anwalt scharte und artig ihre Fragen stellte.
Kapitel Fünf
Das La Cucaracha befand sich in der ehemaligen Dorfmühle. Nur wenige der klobigen Holztische waren besetzt. Auf großen Tafeln wurde Werbung für einen hessischen Abend gemacht: Rippchen mit Handkäse gefüllt und in Apfelwein gekocht. Dazu Sauerkraut, ebenfalls in Apfelwein gekocht, und ein Bembel zum Nachspülen. Felix würgte trocken. Ein Mann kam hinter der Theke hervor und grinste. “Hey, Felix, wie geht es dir?“
“Antonio, ich möchte dir einen alten Freund von mir vorstellen, Tibor Hendricks. Er ist gerade zu Besuch. Tibor, das ist Antonio, es ist sein Laden.“
Sie tauschten einen freundlichen Händedruck und Antonio führte sie zu seinem, wie er sagte, besten Tisch. “Was kann ich euch bringen? Der Koch hat gute Laune, ich glaube, seine Burritos sind heute durchaus genießbar.“
“Wir wagen es.“
Antonio verschwand kurz in der Küche und tauchte kurz darauf mit zwei Bechern Kaffee auf.
“Der geht aufs Haus, für unseren neuen Gast.“
Tibor nahm einen großen Schluck von dem heißen Getränk und seufzte zufrieden. “Hier gefällt s mir.“
“Ja, ein gemütlicher Laden“, stimmte Felix zu. “Antonio war der erste Mensch, der mich nach meiner Scheidung zum Lachen gebracht hat.“
Tibor verschluckte sich an seinem Kaffee und sah hustend zu Felix, der nicht anders konnte, als über den überraschten Gesichtsausdruck zu lachen.
“Du warst verheiratet?“
“Ja, das einzig Abenteuerliche, was man hier unternehmen kann. Und was hast du in der großen weiten Welt getrieben?“
“Ich bin so eine Art Unternehmensberater geworden und werde immer gerufen, wenn irgendwo die Kacke am Dampfen ist. Das Büro ist in Berlin, aber die meiste Zeit bin ich unterwegs.“
“Verheiratet?“
“Nur lockere Beziehungen.“
“Kinder?“
“Nein, erwachsene Frauen.“
“Ich meine o“
“Ich weiß, was du meinst“, sagte Tibor und grinste. Sein letzter Versuch, mit jemandem zusammenzuleben, war am Gesundheitsbewusstsein seiner Partnerin gescheitert. Sie gestand ihm lediglich eine Zigarette nach den Mahlzeiten und die “Zigarette danach“ zu, mit dem Ergebnis, dass er zwanzig Kilo zulegte und sie so viel Sex hatten wie nie zuvor während ihrer Beziehung.
“Mein Job lässt mir leider keine Zeit für eine Familie. Ich reise von Stadt zu Stadt und lebe in Hotels.“
“Klingt abwechslungsreich.“
“Ist aber ziemlich langweilig. Obwohl man recht gut damit verdient. In ein paar Jahren lasse ich mich in den Innendienst versetzen, heirate und baue ein Haus für meine Frau und die Kinder.“ Tibor sagte das in einem Tonfall, als beschreibe er etwas, das auf keinen Fall für ihn infrage komme. “Und was treibst du so?“
“Ich bin selbstständiger Unternehmer, die erste Ich-AG in Ginsberg.“
Tibor wartete einen Moment, ob Felix dies noch genauer ausführte, dann hob er seinen Becher. “Ich glaube, das war vage genug.“
Sie prosteten sich zu und begannen das vergangene Jahrzehnt aufzuarbeiten. Die Bekannten von früher und was in der Zwischenzeit aus ihnen geworden war. Wer machte was, wer war mit wem verheiratet, geschieden, liiert. Wer hatte Affären, Kinder, Probleme. Wer war weggezogen und wohin. Zwei Mädchen aus ihrem Jahrgang waren vor Jahren bei einem Autounfall gestorben. Ein Junge, mit dem sie die Grundschule besucht hatten, war inzwischen ein hohes Tier in der Politik und der Klassenclown der vierten Klasse arbeitete als Dauerlaberer für einen Sender, der vierundzwanzig Stunden am Tag Ratespiele veranstaltete. Tibor kommentierte die Fakten mit Lachen, ungläubigem Kopfschütteln oder schadenfrohem Grinsen. Die wenigen Krankheits-, Schicksals- und Todesfälle wurden mit betroffenem Schweigen und anteiligem Anstoßen quittiert. Felix redete mit einer Offenheit, die er den meisten anderen Menschen nicht in den höchsten Sphären alkoholisierter Vertrauensseligkeit entgegenbringen würde. Tibor konnte er alles erzählen, ohne fürchten zu müssen, Tage später beim Einkaufen oder an der Tankstelle darauf angesprochen zu werden. Er würde es sich anhören, weiterziehen und es vergessen ¡ oder auch nicht. Der springende Punkt war, dass er es für sich behalten würde.
Das Essen kam. Als Vorspeise brachte Antonio Rühreier mit Schnittlauch und Scheiben scharfer Wurst. Er wartete, bis sie gekostet und ausgiebig gelobt hatten, dann verschwand er in der Küche, um sofort wieder voll beladen zu erscheinen. In der einen Hand hielt er eine Kanne Kaffee und auf dem Arm balancierte er eine Platte mit frischen Burritos und eine Schale mit klein geschnittenen Maiskolben, die in einer Chili-Koriander-Tomaten-Soße gewendet waren.
“Versucht Garth dich eigentlich immer noch aus der Mühle zu werfen?“, erkundigte sich Felix.
“Es kommt immer mal wieder ein Schreiben, aber ich glaube, er betreibt das nur noch ziemlich halbherzig.“ Antonio grinste stolz. “Mein Kampf um jeden einzelnen Kunden wurde belohnt.“
Dieser Kampf um Kundschaft nahm oft verstörende Züge an. Die Anschaffung einer Karaoke-Maschine hatte ihn mehr Gäste gekostet als jede andere seiner geschäftsfördernden Ideen zuvor. Viele im Ort versuchten wie er oder Gernhardt auf die Schnelle reich zu werden, doch Garth ließ nur ein bestimmtes Maß an Erfolg zu. Darüber hinaus gab es nur zwei Möglichkeiten: aufhören oder woanders weitermachen. Wer sich nicht daran gehalten hatte, hatte es immer bereut.
Antonio schnaufte kurz und klatschte dann aufmunternd in die Hände. “Aber ihr solltet euch davon nicht den Appetit verderben lassen, ein leerer Magen ändert nichts. Außerdem habe ich als Dessert Früchte mit Nelkensirup vorbereitet und es wäre ein Verbrechen, diese Leckerei verkommen zu lassen.“
Als Felix nach dem Essen zahlen wollte, übernahm Tibor die Rechnung. “Das setzte ich als Spesen ab, kein Problem.“
Sie traten in die Mittagssonne und setzen synchron ihre Sonnenbrillen auf.
“Wie geht es deinem Onkel?“, erkundigte sich Tibor.
“Das kannst du selbst feststellen. Sollen wir vorbeifahren?“
Tibor zögerte einen Moment. Auf der einen Seite interessierte er sich sehr für die Casa Gernhardt, wo er einen beträchtlichen Teil seiner Jugend verbracht hatte. Mit dem Gebäude verband er intensivere Gefühle als mit seinem Elternhaus. Auf der anderen Seite war eine Begegnung mit Onkel Leo selten ein angenehmes Erlebnis. Dazu musste man sich nur Felix anschauen. Der schlaksige Bursche mit der windzerzausten Frisur besaß meist einen ernsten Gesichtsausdruck. Wer Leo kannte, wusste, weshalb sein Neffe so dreinblickte.
“Wenn ich an früher denke“, sagte Tibor, “warst du nie ein sorgloses und fröhliches Kind, sondern immer wachsam oder besorgt.“
“Die Umstände haben mich so gemacht.“
“Die Umstände?“
“Onkel Leo“, erklärte Felix das Offensichtliche. “In seiner Gesellschaft sollte man immer mindestens ein Auge auf ihn haben.“
Das Haus der Gernhardts stach allerdings zwischen den anderen hervor. Die letzte Renovierung lag lange zurück. Der Putz wies viele feine Risse auf. Eine öffentliche Grünfläche mit dichtem Buschwerk war direkt vor dem Gebäude angelegt worden. Es machte den Eindruck, als wollte man dadurch das Haus verstecken und dieser Eindruck täuschte nicht.
“Hat sich kaum verändert“, sagte Tibor, als der Touareg auf den Innenhof rollte.
“Tja, diesen Sinn für Nostalgie wissen nicht alle zu schätzen.“
Zwischen den Pflastersteinen im Hof wucherte es ungebremst, auch wenn die gnadenlose Sonne jegliche Vegetation längst ins Bräunliche verfärbt hatte. Am Fuß der Treppe versetzte Felix dem baumelnden Punchingball gewohnheitsmäßig einen Haken, der ihn an der Hauswand entlangtanzen ließ. Sein Onkel hatte irgendwann die grandiose Idee gehabt, den angesammelten Krempel nicht mehr in Kisten im Keller zu verwahren, sondern an die zahlreichen Außenwände zu nageln. Entlang der Hauswand hingen in unregelmäßigen Abständen geflochtene Körbe, Kerzenhalter mit Spiegeln, ein geschnitzter Wurzelsepp aus einem längst vergessenen Urlaub, Blumenkübel mit verendeten Pflanzen, allerlei altertümliches Werkzeug, eine Sammlung von Laternen, kitschige Schattenrisse aus Metall, Nummernschilder lange verschrotteter Motorräder, verlassene Vogelhäuser, eine Schiffsglocke, Zinkeimer mit und ohne Füllung, ein Aschenbecher aus einem Zugwaggon, eine Dartscheibe und ein Nachttopf. In der Scheune hing sogar noch eine Leine mit ausgebleichter Babykleidung und ebensolchem Kinderspielzeug, von dem Felix annahm, dass sie aus Anlass seiner Geburt befestigt worden war. Weggeschmissen wurde nichts mehr. Die Trödelsendungen im Fernsehen hatten auch in Gernhardt die Idee verankert, dass sein ganzer Ramsch noch etwas wert sei. Jeder Schrott bedeutete mit einem Mal einen unentdeckten Schatz von bisher unerkanntem Wert.
Trotzdem befand sich das Grundstück für einen reinen Männerhaushalt in einem beinahe erträglichen Zustand. Was den Reiz ausmachte, stammte allerdings noch aus der Ära davor. Felix Mutter hatte sich in Ermangelung einer anderen Tätigkeit in der Gestaltung des Außengeländes verwirklicht. Ein stillgelegter Bauernhof bot dem geübten Auge ausreichend Material. So mussten Felix und sein Onkel schwitzend die steinernen Schweinetröge in den Hof schaffen, damit sie zum neuen Heim für Blumen und Kräuter werden konnten. Für Gernhardt waren die farbenprächtigen Gewächse nur Variationen von Unkraut. Aber er stellte schnell fest, dass es weniger zeit- und nervenaufreibend war, den Wünschen seiner Schwester zu entsprechen, als über Sinn und Nutzen der jeweiligen Tätigkeit zu diskutieren, um sie anschließend trotzdem auszuführen.
Tibor hatte nie verstanden, weshalb sein Freund es vorgezogen hatte, bei dem alten Querkopf zu leben. Zugegeben, eine richtige Familie hatte Felix nie besessen, aber ausgerechnet Gernhardt? Onkel Leo war ein harter Knochen. Tibor hatte nicht lange gebraucht, um das festzustellen. Genau genommen war es einer der ersten Eindrücke gewesen, als er ihn kennenlernte. Felix verhielt sich damals in Gegenwart seines Onkels zurückhaltend, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, denn Gernhardt konnte ihn mit einer einzigen ätzenden Bemerkung auf das Mindestmaß zurechtstutzen. Und dass er es gerne tat, sprach nicht unbedingt für ihn.
“Da drüben vor der Scheune liegt ein toter Hund“, sagte Tibor leicht erschrocken.
“Das ist Groucho, der schläft immer so.“
Aus dem Wohnzimmer dröhnte der Fernseher in ohrenbetäubender Lautstärke. Leo Gernhardt saß in seinem alten, damals schon hässlichen Fernsehsessel und betrachtete mit ausdruckslosem Gesicht die Bilder eines Zugunglücks.
“Leo, erinnerst du dich noch an Tibor Hendricks? Er ist hier, um seine alte Heimat zu besuchen.“
Gernhardt drehte den Kopf und musterte Tibor. Sogar wenn er saß, wirkte er kernig und fit. Die Unterarme, die aus den hochgekrempelten Ärmeln seines karierten Arbeitshemdes hervorlugten, waren hart und sehnig. Doch das war nichts, verglichen mit seinem Gesicht. Eine steinerne, tief gefurchte Gebirgslandschaft mit zwei stechenden Augen. Das Auffälligste an ihm, damals wie heute, war jedoch der altmodische Backenbart. Diese endlos wuchernden Koteletten, die in grauen Büscheln bis in die Kinnpartie reichten und ihm etwas Wildes und Animalisches verliehen.
“Lange nicht gesehen, wo hast du deine Haare gelassen?“, knurrte Gernhardt.
Tibor klopfte hektisch die Taschen seines Anzugs ab. “Nanu, irgendwo müssen sie doch sein“, flüsterte er mit gespielter Panik.
“Prima, noch so ein Spaßvogel“, murmelte Gernhardt und wandte sich wieder dem Fernseher zu. Für ihn war das Gespräch beendet. Er konnte sich nicht an Tibor erinnern. Die alten Schulfreunde seines Neffen existierten nur als diffuser, lärmender Schleier in seiner Erinnerung. Der Spruch mit den Haaren war ein Schuss ins Blaue gewesen, da die wenigsten Männer bereits in ihren Zwanzigern eine Glatze hatten. Jedenfalls nicht freiwillig. Aber war Tibor nun der trockene Alkoholiker, der um das Sorgerecht für seine Tochter kämpfte, oder der Trottel, der seit Jahren vergeblich versuchte, eine richtige Fernsehshow zu bekommen? Die Geschichten kreisten in seinem Kopf unsortiert durcheinander. Felix hielt ihn immer auf dem Laufenden und er nickte nur dazu, als würden ihm die Namen wirklich etwas sagen.
“Er hat sich überhaupt nicht verändert“, bemerkte Tibor, als sie nach oben gingen.
“Er ist älter geworden.“
Felix Zimmer war eingerichtet wie eine Studentenbude. Die beneidenswerte Unbekümmertheit, mit der alle Gegenstände wie durch Zentrifugalkraft im Raum verteilt waren, zauberte ein Lächeln auf Tibors Gesicht. Sie waren im Begriff, sich zu setzen, als o
“FELIX!“ Für gewöhnlich sprach Leo Gernhardt mit einer leisen, heiseren Stimme, die seltsam abgehackt klang, so als würde ihm gegen Ende jedes Satzes der Atem zum Weitersprechen fehlen. Doch diesmal schien er über ausreichend Luft zu verfügen.
“Das ist mein Onkel“, erklärte Felix überflüssigerweise. “Ich sehe mal besser nach, was er wieder hat.“
Tibor folgte ihm nach unten ins Wohnzimmer, wo Gernhardt mit hochrotem Gesicht saß und schimpfte. “Ich habe immer gesagt, dass es nicht gut geht, ich hab es von Anfang an gesagt, aber auf mich hört ja keiner.“
“Was ist denn?“
“oman kriegt die Natur einfach nicht aus den Viechern raus, aber das interessiert ja keinen, bis er eines Tages jemanden zerfleischt. Verfluchter Köter.“
“Was ist denn los? Haben wir wieder zu viel Jod im Trinkwasser?“, fragte Felix und blickte zu Groucho, der träge in der Ecke lag.
“Red nicht solchen Mist!“
“Was ist passiert?“
“Was passiert ist? Der verdammte Köter hat meine Blutdruckpillen gefressen.“
“Sie werden ihm schon nicht schaden.“
“Wen interessiert der Hund? Mir wird es schaden. Ich brauche diese Pille, sonst schießen meine Werte in die Wolken.“
“Ich glaube, er steigt schon“, bemerkte Felix.
“Dann besorge mir eine Pille.“
“Woher?“
“Aus meinem Nachtisch, woher sonst? Muss man dir denn jeden Handgriff erklären? Bring gleich zwei mit, ich glaube, die werde ich brauchen“, rief Gernhardt seinem Neffen hinterher, dann erst merkte er, dass er sich allein mit Tibor im Wohnzimmer befand. Er hatte keine Lust auf Small Talk. Momentan nicht und auch sonst nie.
“Ginsberg hat sich inzwischen ganz schön herausgemacht“, bemerkte Tibor, um nicht weiter peinlich berührt im Raum stehen zu müssen. Er betrachtete einen gerahmten Zeitungsausschnitt an der Wand mit einem Bild von Garth und Gernhardt bei der Bürgermeisterwahl. Garth hatte damals mit überwältigender Mehrheit gewonnen und Gernhardt konnte nach Hause gehen. Ginsberg hat den Fortschritt gewählt, protzte die Überschrift.
Gernhardt gab einen missmutigen Ton von sich. “Lass dich von der friedlichen Oberfläche nicht täuschen. Hier geht es zu wie im Wilden Westen.“
Felix kam zurück und drückte seinem Onkel zwei Pillen in die Hand, die dieser trocken herunterschluckte.
“Ich habe damals nicht viel von Garth mitbekommen“, sagte Tibor. War zu sehr mit meinen Fluchtplänen beschäftigt, dachte er.
Gernhardt schenkte ihm nun doch seine Aufmerksamkeit. “Man muss schon den Hut vor Garth ziehen. Er hat sich den Ort so schnell unter den Nagel gerissen, dass es kaum einer mitbekommen hat. Und die Speichellecker im Dorf haben sich ihm sofort an den Hals geschmissen. Er wusste, wie er die Menschen zu nehmen hat. Alle waren zufrieden und keiner kam auf die Idee, nach dem Preis zu fragen. Sie haben einfach vergessen, was sie ihren Kindern bei jeder Gelegenheit predigten, dass man nämlich im Leben nichts umsonst bekommt. ¡ Setzt euch doch“, bot Gernhardt überraschend an, und sie waren zu perplex, um schnell genug eine akzeptable Ausrede zu erfinden. Felix hätte es Tibor gerne erspart, doch der schien sich für Gernhardts Gerede tatsächlich zu interessieren.
“Er stellt sich als einer von ihnen dar“, erklärte Gernhardt, “obwohl er in einem millionenschweren Palast wohnt, und sie glauben es. Sie fressen ihm aus der Hand und lassen ihm alles durchgehen. Nur ein Beispiel: Er betrog seine erste Frau pausenlos. Als sie endgültig genug hatte und die Scheidung wollte, erstritt Villeroy seinem Chef vor Gericht das Sorgerecht für die Kinder mit den geschmacklosesten Verleumdungen, für die seine kranke Fantasie ausreichte. So ein Verhalten hätten die Leute hier keinem ihrer Nachbarn durchgehen lassen. Und kaum war die Scheidung durch, heiratete er diesen Filmstar. Ein ziemlicher Feger. Aber kein blondes Dummchen. Sie hat mächtig was auf dem Kasten und ist ziemlich gerissen. Jeden anderen hätten sie dafür an den Pranger gestellt, aber nicht Garth. Nein, ihn nicht. Sie könnte fast seine Tochter sein, aber wozu verdient man denn so viel Kohle? Natürlich, um sich das Beste vom Besten leisten zu können, und Garth ist Gourmet. Leider hat er versäumt, die Dame besser kennenzulernen, bevor er sie ehelichte. Er ist auf ihre oberflächlichen Reize abgefahren, ohne das Kleingedruckte zu lesen.“
Gernhardt kicherte und kramte seinen Tabak hervor. Tibor bot ihm seine Schachtel an und Gernhardt bediente sich mit einem dankbaren Nicken.
“Du scheinst das Garth zu gönnen“, sagte Tibor und stieß eine Rauchsäule aus dem Mundwinkel.
“Worauf du wetten kannst. Dieses Wochenende ist Bürgermeisterwahl und bei Garth findet eine Siegesparty statt, die erste anscheinend schon heute Abend. Da gehen irgendwelche Schnarchnasen ein und aus und lassen die Sau raus. Kommt ihm bestimmt ziemlich ungelegen, der Brand in dem Schuppen.“
Für einen Moment war Tibor überrascht, dass Gernhardt Bescheid wusste, aber er erinnerte sich, mit welcher Geschwindigkeit Neuigkeiten in Ginsberg die Runde machten. Damals schon und heute offensichtlich noch genauso. Er lächelte. “Vielleicht schau ich mal auf der Party vorbei.“
Gernhardt lachte dröhnend. “Das kannst du vergessen, da sind nur ausgewählte Gäste zugelassen. Aber ich habe einen älteren Fernsehauftritt von Garth aufgenommen, willst du mal sehen?“
Bevor Tibor antworten konnte, schob Gernhardt bereits eine Kassette in einen Videorekorder ein. Tibor faszinierte allein schon die Tatsache, dass jemand noch ein solches Gerät besaß und anscheinend auch noch aktiv nutzte. Die Qualität der Aufnahme ließ Rückschlüsse darauf zu, wie oft das Band schon überspielt worden war. Sie stammte aus der Hessenschau und zeigte das Rathaus von Ginsberg. Garth und Villeroy stiegen hinten aus einem dunklen BMW und waren sofort von Presseleuten umringt.
“Der Typ neben Garth ist Villeroy, sein Anwalt“, erläuterte Gernhardt. Garth knipste gerade sein gewinnendstes Lächeln an und stellte sich bereitwillig den Mikrofonen. Er spulte eine vorbereitete Presseerklärung herunter, von der alle Anwesenden vorher wussten, dass sie völlig uninteressant und nichtssagend werden würde.
“Wer ist der Fahrer?“
“Das ist Viktor. Er war sein Bodyguard und hat sich um die zwielichtigen Aktionen gekümmert.“
“Sieht ziemlich finster aus.“
“Viktor war nützlich, als es darum ging, Gangstermethoden anzuwenden. Aber er hat auch in die eigene Tasche gewirtschaftet. Es kam zu einem ziemlich heftigen Zerwürfnis, als Viktor versuchte, auf eigene Faust im Ort aufzuräumen. Er hat ein Gebäude in Brand gesteckt, in dem sich drei Leute befanden. Einer davon war Felix. Und mich hat er an einen Baum gebunden. Der Kerl war ein richtiger Psychopath. Wir können alle froh sein, dass er weg ist.“
Gernhardt spulte die Kassette weiter vor zu einer weiteren Sendung der Hessenschau. “Nach dem katastrophalen Wochenende im letzten Juni wehte Garth ein heftiger Wind entgegen. Die Leute gingen nicht mehr so ehrfürchtig mit ihm um. Jetzt pass auf“, sagte er und stieß Tibor leicht an.
“Herr Garth, was sagen Sie zu den Behauptungen, Sie würden für Ihre Bauprojekte alte Menschen aus ihren Geburtshäusern vertreiben?“
“Ich kenne sie“, sagte Tibor. “Ihr Name ist Thea, Felix hat uns vorhin bekannt gemacht.“
“Sie kam damals nach Ginsberg, um über die Ausschreitungen zu berichten, und ist danach einfach geblieben. Die Lady ist eine richtige Walküre.“
Gernhardt kicherte, als sich Garths Gesicht auf dem Bildschirm dunkelrot färbte. Villeroy hatte seinen Arbeitgeber von der Seite beobachtet und erkannte den Moment, um die Zügel zu übernehmen.
“Was bilden o “, brauste Garth auf, doch die letzte Silbe blies er bereits gegen Villeroys Hinterkopf. Tibor registrierte anerkennend die Professionalität des Anwalts. Für den durchschnittlich interessierten Zuschauer sah es keine Sekunde so aus, als wäre Villeroy in die Bresche gesprungen, um seinen Klienten vor einer Dummheit zu bewahren. Seine Bewegung war unauffällig und elegant, seine Stimme klang ruhig und kontrolliert. Man musste einfach den Eindruck haben, Garth habe das Wort weitergegeben und die Kamera sei auf Villeroy geschwenkt.
“Nun, es wird immer Menschen geben, die sich Veränderungen in den Weg stellen, weil sie sie nicht kennen und deshalb fürchten“, begann der Anwalt mit samtweicher Stimme und Tibor konnte seine Medienwirksamkeit nur bewundern. “Unsere Projekte dienen in erster Linie dazu, die gesamte Umgebung als wirtschaftlichen Standort zu stabilisieren und damit für zukünftige Investoren interessant zu machen. Wie Sie wissen, sind die Ginsberger Cremeteilchen inzwischen weit über die Ortsgrenzen hinaus berühmt. Dasselbe erhoffen wir uns auch für andere Branchen. Was die Vorwürfe angeht, wir würden Menschen aus den Häusern vertreiben, in denen sie ihr ganzes Leben verbracht haben, so kann ich dies nur empört zurückweisen. Es macht mich wirklich wütend, wenn ich sehen muss, mit welchen Methoden die Gegner des Fortschritts hier arbeiten. Sie verbreiten völlig gewissenlos böswillige Gerüchte, die rechtschaffene Bürger in Angst und Schrecken versetzen. Nicht nur verhindern sie damit die Schaffung neuer Arbeitsplätze, sondern nehmen auch den Verlust von Einnahmen für den Ort bereitwillig in Kauf. Ich nenne ein solches Verhalten rücksichtslos und in hohem Maße unsozial.“
“Aber Sie können doch nicht leugnen, dass es Pläne gibt, zwei Häuser, die an das Grundstück grenzen, komplett einzustampfen. Oder sind diese Kopien, die uns zugespielt wurden, etwa Fälschungen?“, setzte Thea Richler sofort nach.
“Nein, die Pläne, auf die sie anspielen, sind echt. Aber sie stammen noch aus der Vorbereitungsphase, wenn ich das mal so sagen darf. Sehen Sie, zu Beginn eines Projektes werden Dutzende von Konzepten entwickelt, das heißt aber nicht, dass man tatsächlich in Erwägung zieht, diese zu verwirklichen. Man spielt eben alle Möglichkeiten durch, die sich eröffnen.“
“Aber dieses Konzept wäre für Herrn Garth natürlich das kostengünstigste.“
Villeroy lächelte Thea Richler an. “Ich muss zugeben, dass dieser Entwurf, dermaßen aus dem Konzept gerissen, wirklich sehr bedrohlich wirken muss. Aber es ist das Werk gewissenloser Populisten, die sich den Entwurf auf kriminellem Wege angeeignet und veröffentlicht haben. Durch sie wurden die Bürger derart verunsichert und verängstigt. Ich sage das aus vollster Überzeugung ¡ und da dürfen Sie mich ruhig zitieren ¡ Herrn Garths Pläne werden niemandem in dieser Region schaden. Wenn Sie uns jetzt bitte entschuldigen.“
Villeroy drehte sich zu Garth und gemeinsam gingen sie zum Eingang des Rathauses. Gernhardt schaltete den Apparat ab. “Aus seinen Plänen wurde nichts, weil er ein paar sehr mächtige Männer verärgert hat. Das habe ich ihm von Herzen gegönnt, aber es reicht nicht aus.“
“Weiß man inzwischen, wer die Pläne der Presse zugespielt hat?“, wollte Tibor wissen.
“Ja, es war einer von Garths eigenen Leuten. Ich glaube, er hieß Moorhaus. Er hat eine Weile die Keksfirma geleitet, zumindest, bis es rauskam. Garth hat dafür gesorgt, dass er innerhalb weniger Stunden arbeitslos, obdachlos und mittellos war.“
“Ich glaube, Tibor hat jetzt genug Horrorgeschichten über den Ort gehört“, sagte Felix.
“Klar, du hast dich ja entschlossen, die Augen zu schließen und den Kopf unten zu halten. Aber ich beabsichtige zu kämpfen.“
Felix verdrehte die Augen und machte Tibor ein Zeichen mit dem Kopf, ihm nach draußen zu folgen. Tibor verabschiedete sich von Gernhardt, der ihn mit einer knappen Geste entließ.
“Was meint Leo damit, dass er kämpfen will?“
Felix seufzte und führte seinen Freund in das sogenannte Arbeitszimmer seines Onkels. Schweigend standen sie nebeneinander und betrachteten das handgemalte Plakat, auf dem nur zwei Worte standen: WÄHLT GERNHARDT!
“Oh Mann“, seufzte Tibor nach einer Weile.
“Das kannst du laut sagen“, pflichtete Felix ihm bei, seufzte ebenfalls und wechselte dann das Thema. “Wie geht es eigentlich deinen Eltern?“
“Sie treiben sich in der Weltgeschichte rum und genießen ihre Pensionen. Vom Erlös des Hausverkaufs haben sie sich ein Wohnmobil zugelegt und damit sind sie das ganze Jahr über unterwegs.“
“Es gibt schlimmere Schicksale.“
Gemeinsam spazierten sie über den Hof. Dahinter führte eine Wiese an den Fluss. Dort hatten sie eine nicht unbeträchtliche Zeit ihres Heranwachsens verbracht, Bier getrunken und über Dinge geredet, die Jungs ihres Alters beschäftigten.
Tibor genoss den Anblick. “In solchen Augenblicken hat man das Gefühl, nie weg gewesen zu sein.“
“Kann ich dir nicht sagen ¡ ich war nie weg.“
Felix hatte den Ort nie verlassen, aber das schien für ihn in Ordnung zu sein. Er wäre auch an keinem anderen Ort glücklicher, solange er dort mit seinem Onkel lebte. Bei dem Gedanken an Leo Gernhardt musste er innerlich grinsen. Ein gerechter Gott, mit Sinn für Humor, würde die Ginsberger genau auf diese Weise strafen.
Tibor kickte einen Stein in die Lahn. “Früher haben wir oft hier gesessen.“
“Damals haben wir Bier bei Oma Droste gekauft und es ihr anschließend in die Hecke gepinkelt. Selten war mir meine Rolle in der Gesellschaft so klar wie in diesem Kreislauf.“
“Würde mir gefallen, aber leider kann ich nicht bleiben“, sagte Tibor. “Ein andermal gerne.“
Felix verzichtete darauf, zu erwähnen, dass es Oma Droste längst nicht mehr gab, genauso wenig wie ihr Haus.
“Versteh mich nicht falsch, Felix, ich finde es wirklich nett, die alten Zeiten aufleben zu lassen, aber ich habe den Eindruck, so richtig gut geht es dir nicht?“
Felix zuckte nur mit den Achseln.
Tibors Blick wurde noch eine Spur besorgter. “Das hat aber nichts mit dem kleinen Drogenlager zu tun, das in Flammen aufgegangen ist, oder?“
“Quatsch, wo denkst du hin. Damit habe ich nichts am Hut. Niemand, den ich kenne, macht so einen Mist.“
“Das beruhigt mich. Ich glaube dir, aber wer noch? Wenn ich dir irgendwie helfen kann o “
Felix winkte ab. “Das ist nicht dein Problem.“
“Ich würde dir wirklich gerne helfen, egal wie.“
“Danke, aber ich hoffe, das wird nicht nötig sein. Ich werde genau das tun, was Leo mir immer vorwirft: die Augen schließen und meinen Kopf unten halten.“
“Ich lass dir auf jeden Fall meine Handynummer da. Wenn ich dir schon nicht helfen soll, willst du trotzdem vielleicht mal darüber reden. Okay?“
Felix nahm die Visitenkarte entgegen und steckte sie in seine Hemdtasche.
Tibor legte einen neuen Kontakt auf seinem Smartphone an und ließ sich von Felix seine Nummer diktieren. Dabei sah er auch die Uhrzeit. “Ich muss los.“
“Ich bringe dich noch zu deinem Wagen.“
“Die paar Meter kann ich laufen, kein Problem“, wehrte Tibor ab.
“Quatsch, wer weiß, wann ich wieder Gelegenheit habe, etwas für dich zu tun.“
Gernhardt schlurfte an ihnen vorüber und murmelte: “In Marokko kannst du sehen, wie ein Tuareg ein Kamel lenkt. Hier ist es umgekehrt.“
Felix hatte aufgehört zu zählen, wie oft sein Onkel diesen Spruch nun schon gebracht hatte. Er schob Tibor nach draußen und fuhr ihn zurück zur Brandstelle, wo der Volvo parkte.
Tibor schüttelte ihm zum Abschied die Hand. “Es war wirklich schön, dich mal wiederzusehen. Ich wünschte, es wäre unter anderen Umständen geschehen.“
“Das nächste Mal bringst du eben mehr Zeit mit“, beruhigte Felix ihn, doch nachdem Tibor losgefahren war, wurde er das Gefühl nicht los, dass sein Freund mit der Bemerkung etwas anderes gemeint haben könnte. Er wunderte sich nicht darüber, dass Tibor so schnell wieder verschwand. Auch früher hatte er die Gesellschaft anderer Menschen gemieden und alle auf Distanz gehalten. Dieses eigenbrötlerische Wesen hatte er offensichtlich bewahrt und noch ausgebaut. Felix wusste, dass seinem Freund Nähe unangenehm war, und niemand hatte Tibor damals nähergestanden als er. Aber ihre Beziehung war durch die lange Trennung abgekühlt. Eines Tages sind eben alle Geschichten erzählt, die meisten viele Male.
Kapitel Sechs
Die Straße ließ in einer lang gezogenen Kurve die letzten Häuser hinter sich und endete vor der Einfahrt zu Garths Anwesen. Tibor hielt vor dem schmiedeeisernen Tor und betrachtete einen Moment lang die kitschigen Metallrosen, die zwischen den Gitterstäben eingesetzt waren, dann schüttelte er grinsend den Kopf und drückte den Klingelknopf an der Sprechanlage auf der linken Seite. Ein Knacken signalisierte ihm, dass die Anlage auf Empfang war, also sagte er seinen Namen. Die Flügel des Tores setzten sich in Bewegung und schwangen nach innen. Tibor fuhr durch das Eingangsportal. Auf beiden Seiten des Weges erstreckten sich weite Rasenflächen, die den Lebensunterhalt mehrerer Gärtner sichern konnten. Auf der rechten Seite schloss eine dichte Tannenreihe das Gelände zum Dorf hin ab, gegenüber bildete der Waldrand eine natürliche Grenze. Im Halbdunkel der Bäume konnte Tibor einen hohen Drahtzaun ausmachen. Sein Blick folgte dem Weg, der weit vor ihm einen Bogen machte und in einem Ring dicht gewachsener Bäume verschwand. Er versuchte das Wohnhaus auszumachen, sah aber nur penibel zurückgestutzte Natur. Je näher er der Baumgruppe kam, die sich wie eine Insel aus dem kurz geschnittenen, grünen Meer erhob, desto mehr wuchsen seine Zweifel, dort überhaupt ein Haus zu finden. Als er jedoch dem Bogen des Kieswegs folgte, tat sich vor ihm eine Lücke in der Vegetation auf.
“Was für eine himmelschreiende Scheiße“, murmelte Tibor ungläubig. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, eine mondäne Villa, reich und geschmacklos verziert, irgendetwas in der Art. Aber dieses Haus erinnerte eher an ein fehlgeschlagenes architektonisches Experiment. Obwohl er sich nicht mit Baustilen auskannte oder sie hätte benennen können, machte er doch mindestens drei verschiedene allein auf der Vorderseite des Hauses aus. Ein Architekt, der etwas auf sich hielt, verband Funktion, Schönheit und Rhythmus harmonisch miteinander und sorgte dafür, das Gebäude in Einklang mit der Umgebung zu bringen. Garth schien von all dem noch nichts gehört zu haben. Er hatte sich das Schlimmste aus jeder Epoche herausgesucht und einen Idioten gefunden, der es ihm zusammensetzte.
Tibor parkte seinen Volvo zwischen den neuesten Modellen von BMW und Mercedes und stieg aus. Von drinnen hörte er gefällige Musik. Er stieg die wenigen Stufen zur Haustür hinauf und bemerkte, dass die Tür nur angelehnt war. Die Sicherheitsstandards ließen doch einiges zu wünschen übrig, dachte er beim Eintreten. Die hohen Räume waren groß und hell, die Wände weiß oder eierschalenfarben. Die prägnanten Farben kamen von den Möbeln und dezent platzierten Gemälden. So geschmacklos das Haus von außen wirkte, so stilsicher war es im Inneren eingerichtet. Er schob sich zwischen teuer gekleideten Menschen aller Altersschichten hindurch in den großen Eingangsbereich, der als Sammelbecken für ankommende Gäste diente. Rechts von ihm schwang sich eine breite Treppe in eleganter Kurve in den ersten Stock hinauf und einige Gäste waren bereits auf die unteren Stufen ausgewichen, um dem Andrang zu entgehen. Tibor schob sich weiter, bis er zu einem kleinen Saal kam, der etwas tiefer lag. Treppenstufen führten auf drei Seiten herab, sodass er die Menschenmenge vor sich bequem überblicken konnte. Massive Säulen an allen vier Ecken rahmten eine Fläche ein, die manchem mittelständischen Betrieb als Fabrikhalle genügt hätte. Die Decke war so weit entfernt, dass man sie nur erahnen konnte und mit bunten Tüchern abgehängt. Der Raum erweckte den Eindruck, des Öfteren für derartige Veranstaltungen verwendet zu werden. Das Büffet bestand aus raffiniert gebastelten Houres d´ouvre, Wassermelonen an einem Berg aus gestoßenem Eis, Krabbencocktails, Obstfiguren, Steaktoasts und vielfarbigen Dips. Auf der gegenüberliegenden Seite ging es ebenerdig zur Terrasse hinaus.
Neben den Flügeltüren machte Tibor die Bar aus. Er durchquerte die Menge und drängte sich gegen die Theke. Ein junger Mann, der augenscheinlich zum dienenden Volk gehörte, grüßte ihn freundlich und fragte ihn nach seinen Wünschen. “Ein Bier und den Gastgeber.“
“Bier gehört nicht zu den geduldeten Getränken und der Gastgeber hat sich bisher nicht blicken lassen. Wie wäre es mit einer Weißweinschorle und der Gastgeberin?“
Tibor empfand sofort tiefe Sympathie. “Ich nehme an, die wollen alle.“
“Dann ist das jetzt Ihre Chance. Sie steht direkt neben Ihnen.“ Der Barkeeper grinste breit. Zumindest er schien seinen Spaß zu haben.
So lässig, wie es noch möglich war, drehte Tibor sich zur Seite.
“Sie sind Tibor Hendricks“, stellte Erika Garth fest, und Tibor fühlte sich ziemlich überrumpelt. Sie war tatsächlich so atemberaubend, wie Fotos es vermuten ließen. Allerdings sah sie ihn gerade missbilligend an.
“Mein Mann hat mir von Ihnen erzählt. Ich persönlich halte ja wenig von Menschen wie Ihnen, aber was soll s. Möchten Sie vielleicht etwas Stärkeres trinken? Sie sehen blass aus.
“Das wird wohl besser sein.“
Sie wandte sich an den Barkeeper. “Mixen Sie ihm einen Martini.“
“Wo finde ich Ihren Mann?“
“Versuchen Sie es in seinem Arbeitszimmer, dort verbarrikadiert er sich gerne mit seinem Gefolge.“
“Äh, dann werde ich mich ihm mal vorstellen“, sagte Tibor und nahm sein Glas entgegen. “Wo ist das Arbeitszimmer?“
Sie wies mit einer gelangweilten Geste auf eine große, hölzerne Tür neben dem Eingang.
“Irgendwelche Tipps, bevor ich ihm gegenübertrete?“, fragte Tibor und lächelte.
“Ja, widersprechen Sie ihm nicht.“
Bevor sich Tibor bedanken konnte, hatte sie ihm bereits den Rücken zugekehrt. Er durchquerte den Saal ein weiteres Mal und stellte unterwegs den unberührten Drink auf das Tablett einer Serviererin. Vor der Tür des Arbeitszimmers rückte er seinen Anzug zurecht und klopfte an, doch seine schmerzenden Knöchel ließen vermuten, dass kein Geräusch die Dicke des Holzes durchdrang. Also trat er einfach ein. Garth stockte mitten im Satz und sah ihn einen Augenblick lang ziemlich unfreundlich an. Dann kniff er die Augen kurz zusammen und seine Gesichtszüge hellten sich merklich auf. “Ah, kommen Sie nur herein“, sagte er mit der Nonchalance, die Spinnen den Besuchern ihrer Netze entgegenbrachten.
Tibor hatte zahlreiche Fotos von ihm gesehen. Promobilder, auf denen er in milder, väterlich-nachsichtiger Weise lächelte oder mit einem verschmitzt-charmanten Grinsen mit der Kamera kokettierte. Als er nun vor Tibor trat, wirkte er wie ein Mann, der ungeduldig und gereizt war und dies zu überspielen versuchte, indem er sich weltmännisch gab. Er machte eine einladende Geste, die auch die Anwesenden im Raum einschloss.
“Ich darf kurz vorstellen: Max Krabbe, unser örtlicher Mediziner und Volker Villeroy, mein Anwalt.“
Tibor nickte ihnen grüßend zu.
“Und dieser junge Mann, meine Herren, ist Tibor Hendricks“, stellte Garth ihn vor. “Herr Hendricks arbeitet seit Kurzem für mich.“
Kapitel Sieben
Felix parkte den Touareg in der Parallelstraße oberhalb des Rathauses und nahm die Treppe zwischen den Schrebergärten nach unten. Er entdeckte eine bekannte Person an der Spitze der Reportertraube.
Hauptkommissar Martin Besher gab gerade sein erstes Statement zum aktuellen Fall ab. Er befand sich nur selten in offizieller Funktion in Ginsberg. Felix ging davon aus, dass er in der Dienststelle in Weilburg das kürzeste Streichholz gezogen hatte und deshalb diesen Fall übernehmen musste. Vor einem Jahr noch hätte es sich ein Polizist, der Wert auf seine Karriere legte, zweimal überlegt, ob er sich in die Belange von Ginsberg mischte. Oder ganz konkret: Ob er Bürgermeister Garth in die Quere kommen wollte. Doch inzwischen hatten sich die Verhältnisse geändert. Garth hatte viele einflussreiche Freunde verloren, die zwischen ihm und Maiwald wählen mussten. Keinem von ihnen war die Wahl schwergefallen.
Charles Maiwald hatte dafür gesorgt, dass Garth wieder ein Normalsterblicher geworden war.
Felix war froh darüber, Besher zu treffen, denn sie kannten sich schon länger dank der zahlreichen dummen Aktionen von Onkel Leo.
Der Hauptkommissar war ziemlich groß. Mit Hut erreichte er sicher die zwei Meter. Aufgrund seiner Größe und seines souveränen Auftretens war er eine eindrucksvolle Erscheinung. Aber wenn man ihn schon einmal bei einem Auftritt mit seiner Country-und-Western-Band erlebt hatte, fiel es einem schwer, den knallharten Ermittler in ihm zu sehen. Felix jedenfalls sah immer den großen Kerl im schweißnassen Unterhemd, der seinen Bass spielte oder einen Cowboyhut schwenkte und dabei Laute ausstieß, als würde er eine Viehherde vor sich hertreiben.
“Howdy, Partner“, sagte Felix und erntete einen bösen Blick. Besher mochte es nicht, auf seine andere Identität angesprochen zu werden, wenn er sich im Dienst befand. Er glaubte, dass er dadurch an Autorität einbüßte, was natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen war. Aber wenn man unter dem Bandnamen Happy Trail tourte, durfte man nicht empfindlich sein. Zuvor waren sie einige Male als Die sixtinische Kapelle aufgetreten, aber der gut gemeinte Rat eines befreundeten Anwaltes veranlasste sie zu einer Umbenennung.
In letzter Zeit waren Felix und er seltener aufeinandergetroffen, was aber nicht daran lag, dass Gernhardt altersmilde geworden wäre oder weniger Unsinn trieb. Die Ursache bestand vielmehr in der mangelnden Aktivität von Garth. Seine Veranstaltungen waren die einzigen Ereignisse, die Leo Gernhardt noch veranlassen konnten, seine selbstgerechte Entrüstung zu mobilisieren.
Beshers Aufenthalt im Ort gab Felix die Gelegenheit, den Polizisten einmal in einem anderen Umfeld zu begegnen und zu erleben, wie Besher zur Abwechslung einmal Garth auf die Füße trat. Also für das Gute kämpfte.
“Wo ist Leo?“, erkundigte sich Besher. “Ich hatte angenommen, ihn mit Megafon und Flagge auf einem Autodach anzutreffen.“
“Erstaunlich, nicht wahr? Ich würde ja behaupten, sein Wahlkampf nimmt ihn zu sehr in Anspruch, aber das wäre eine Übertreibung.“
Gernhardts Wahlkampf war mit sehr bescheidenen Mitteln geführt worden. Er hatte recht günstige Plakate herstellen lassen, die zwei Worte in schwarzer Schrift auf weißem Grund zeigten. Sein einziger Slogan war ein Imperativ: WÄHLT GERNHARDT!
Sein Onkel hatte sich zuvor zwar ein paar weitere Werbeslogans überlegt, doch Felix musste Tränen über sie lachen und war deshalb die einzige Person geblieben, die sie jemals zu hören bekommen hatte. Gewohnt beleidigt hatte Gernhardt ihn daraufhin nicht mehr mit einbezogen, was Felix nur recht gewesen war. Die übrigen Kandidaten hatten eine Feier zum Wahlausgang geplant. Der Neue von außerhalb hatte das La Cucaracha gebucht und Garth plante in seinem Haus zu feiern. Nur Gernhardt hatte darauf verzichtet, obwohl ihm der Rote Ochse sogar angeboten worden war. Doch er würde zu Hause bleiben und alle Gratulanten von seinem Grundstück verjagen. Da Felix seinem Onkel keine Chancen einräumte, war er gelassen geblieben und hatte sich auch in diesem Punkt aus der Planung herausgehalten. Er hatte seine Zweifel an dieser Kandidatur in jeder erdenklichen Form ausgedrückt und sogar eine Liste der peinlichen Auftritte seines Onkels verfasst, um sie als Argumentationshilfe zu verwenden. Allerdings schien ihn die Erinnerung mehr zu belasteten als Leo.
Einen positiven Effekt hatte die Kandidatur allerdings tatsächlich: Leo riss sich zusammen und hatte es tatsächlich geschafft, seit nunmehr zehn Wochen nicht mehr in Konflikt mit der Polizei gekommen zu sein. In einigen Fällen lag das zwar nur daran, dass man ihn nicht erwischt hatte, aber immerhin. Er verhielt sich weitgehend so, wie er es für einen Anwärter auf das Bürgermeisteramt für angemessen hielt. Dass dies noch sehr weit von allgemein akzeptiertem und vorbildlichem Verhalten entfernt war, schien ihn nicht zu stören.
“Alle auf der Wache haben Leos Kandidatur für einen Scherz gehalten“, sagte Besher.
“Ging mir genauso. Schließlich hat er schon einmal gegen Garth verloren und damals hat Leo sich sogar Mühe gegeben.“
“Ehrlich?“, fragte Besher erstaunt. “Noch mehr dieser kindischen Sabotageakte? Kaum vorstellbar, wie er das zeitlich geschafft haben soll.“
Felix schüttelte grinsend den Kopf. “Nein, richtiger Wahlkampf, mit öffentlichen Auftritten und einem Stand in der Ortsmitte. Auf seine Guerillaaktionen hat er sich erst später verlegt.“
“Was bis heute eine bescheuerte Idee ist.“
Felix zuckte mit den Schultern. “Leider kam er bei seinen ganzen Aktionen immer mit Verwarnungen davon. Eine ordentliche Vorstrafe hätte vielleicht dafür gesorgt, dass er die Finger davon lässt.“
“Leo soll eine Lehre aus etwas ziehen? Wenn überhaupt, wäre es ihm höchstens ein Ansporn.“
“Das klingt aber nicht nach viel Vertrauen in unser Rechtssystem.“
“Dein Onkel ist die Ausnahme jeder Regel“, antwortete Besher. “Außerdem halten Vorstrafen oder eine kriminelle Vergangenheit nicht alle Leute davon ab, in die Politik zu gehen.“
“Womit wir wieder beim amtierenden Bürgermeister wären.“
“Kein Kommentar“, sagte Besher. Es waren zu viele Reporter in der Nähe, die seine Äußerungen aufschnappen könnten. “Aber ich habe gleich eine Pressekonferenz mit ihm.“
“Dann ist es wohl besser, wenn Garth uns nicht zusammen sieht. Ich bin Persona non grata in unserem Rathaus.“
“Nicht nur wegen Garth nehme ich an“, sagte Besher.
Wie auf Stichwort trat Chloe Garth aus dem Gebäude und durch eine Folge unglücklicher Richtungsentscheidungen und die blockierende Menge standen sie sich urplötzlich gegenüber. Seine Ex-Frau sah in ihrer Aufmachung zum Anbeißen aus, aber das tat sie immer. Niemand konnte sich Chloe Garth in Leggins vorstellen, solche Kleidungsstücke passten nicht zu ihr. Nicht einmal Felix gelang das und er hatte mit ihr zusammengelebt. Im Vergleich zu ihr wirkte Felix, als käme er gerade von einer Hangover-Party. Sie waren das beste Beispiel dafür, wie sich Gegensätze anzogen.
Wie immer, wenn sie sich zufällig im Ort begegneten, wurden sie von den Umstehenden mehr oder weniger verstohlen beobachtet. Meist fehlte nicht viel, dass sich ein Kreis um sie bildete, als erwarte man einen Ringkampf zwischen ihnen oder eine heftige Versöhnung.
“Chloe“, sagte Felix.
“Felix“, sagte Chloe.
Dann waren sie aneinander vorbei und die Ginsberger wurden wieder schneller und bewegten sich wieder auf ihr jeweiliges Ziel zu. Allerdings mit einer Spur von Enttäuschung. Die beiden waren als Paar das Interessanteste gewesen, was Ginsberg an Prominenz zu bieten hatte. Die Prinzessin und der o tja, es hatte Bezeichnungen für Felix gegeben. Allesamt nicht besonders schmeichelhaft, aber es galt eben, den Kontrast zwischen ihnen zu betonen.
Felix kam es seltsam vor, mit dreiundzwanzig schon eine Ex-Frau zu haben. Er war noch viel zu jung für eine Ex-Frau. Eine Verlobte fand er angemessen, aber er war seiner Zeit wohl zwei Schritte voraus. Er dachte von Chloe nie als seine Ex-Frau, in seinen Gedanken kam dieser Begriff nicht vor. Für seinen Onkel, der ihren Namen nur äußerst selten benutzte, war sie stets: Garths Tochter. Es war ein Makel, der schwerer lastete als jede eigene Leistung, die sie in ihrem Leben vollbringen könnte. Chloe hatte Gernhardt immer ein wenig eingeschüchtert. Sogar mehr als ein wenig. Nicht, weil sie Garths Tochter war. Das mochte bei anderen funktionieren, aber bei ihm bewirkte es nur das Gegenteil. Es war ihr ganzes Wesen, das ihm in ihrer Gegenwart ein Gefühl von Minderwertigkeit und Mittelmäßigkeit einflößte. Sie sprach drei Sprachen und beherrschte jede einzelne davon besser als Gernhardt seine Muttersprache.
Kurz darauf trat auch ihr Vater aus der Tür der Gemeindeverwaltung und entdeckte Felix sofort. Seine Augen glühten hinter der Sonnenbrille auf. Es konnte allerdings auch ein Lichtreflex auf den Gläsern gewesen sein. Garth fasste seine Tochter am Arm und führte sie davon. Dabei hatte Chloe überhaupt nicht die Absicht gehabt, ihrem Ex-Mann zu begegnen oder sich mit ihm zu unterhalten. Doch es gehörte zur Absprache zwischen Vater und Tochter, dass Felix nicht mehr Bestandteil von Chloes Leben war. Dafür bemühte sich Garth, über die Existenz seines ehemaligen Schwiegersohns hinwegzusehen und seine Anwesenheit im Ort zu tolerieren. Etwas, das ihm in letzter Zeit immer schlechter gelang.
Felix und Besher sahen ihnen nach, wie sie zum Nebengebäude gingen, in dem sich der Versammlungssaal befand. Der einzige Raum der Gemeindeverwaltung, der groß genug war für die bevorstehende Pressekonferenz.
“Ich gehe mal besser mit, bevor er ohne mich anfängt“, sagte der Hauptkommissar und klopfte Felix aufmunternd auf die Schulter. “Aber lass mich dir noch eins sagen: Du bist mein persönlicher Held, weil du sie zur Heirat überreden konntest.“
“Ich musste sie eigentlich nicht überreden. Und wenn, dann wäre es mir wohl kaum gelungen.“
“Und auch noch Pia. Eine tolle Frau. Beide zur gleichen Zeit“, strahlte Besher für einen Moment und wechselte dann zur Trauermiene. “Und dann auf einmal keine mehr von beiden.“
Die Wandlung auf Beshers Gesicht war beeindruckend, so, als habe er den Verlust ertragen müssen und nicht Felix. Er nickte seinem Bewunderer zu, weil er das Gefühl hatte, Besher trösten zu müssen.

Die Gernhardts betrachteten sich schon immer als Gründer des Ortes. Anfang des 18. Jahrhunderts trug noch fast jeder zweite Bewohner des Ortes diesen Nachnamen. Die Verwandtschaftslinie war zwar etwas verzwickt, aber mit Geduld und ausreichend Papier ließ sich der weitverzweigte Stammbaum darstellen, der die meisten alteingesessenen Familien Ginsbergs zumindest streifte. Knapp zweihundert Jahre später gab es nur noch die Witwe Gernhardt, ihre beiden Töchter, die den Namen bei der Heirat ablegen würden, und ihren Sohn, dem man nachsagte, dass er sich nicht viel aus weiblicher Gesellschaft mache. Die Witwe hatte ihrem Mann auf dem Sterbebett versprechen müssen, den Familiennamen nicht aussterben zu lassen. Als hätte es sonst nichts gegeben, um das sie sich sorgen müsste. Zum Beispiel, wie sie die Familie mit dem so ungemein wichtigen Namen ernähren sollte. Zu dieser Zeit suchte man sich seinen Partner im eigenen Dorf oder höchstens im Nachbarort und es kam zu manch glückloser Verbindung. Es geschah nicht selten, dass sich Kinder aus verfeindeten Familien verliebten, so wie in Shakespeares Werk oder den überspannten Sippen bei Mark Twain. Natürlich kam es dabei nur selten zu Mord und Totschlag. Die Familien rauften sich entweder zusammen oder das glückliche Paar verließ den Ort und wurde fortan von den Verwandten totgeschwiegen. Zwei Weltkriege und die allgemeine Mobilität durch den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt mischten den Ginsberger Genpool ordentlich durch. Die Witwe Gernhardt war lange verstorben, ihre Töchter längst verheiratet und weggezogen. Nur der Sohn war in Ginsberg geblieben und hatte die Gerüchte um seine sexuelle Orientierung Lügen gestraft, indem er einen Jungen und ein Mädchen zeugte. Den Jungen nannte er Leopold, das Mädchen Ursula. Damit wäre der Fortbestand des Namens für die nächste Generation gesichert gewesen, doch Leos Ehe blieb kinderlos und Hochzeitspläne seiner Schwester waren unter dem Aspekt der Namensfortführung eher belanglos. Da diese später allerdings unverheiratet niederkam, rettete sie den Namen Gernhardt für eine weitere Generation.
Darmowy fragment się skończył.