Czytaj książkę: «Wiener Bagage»
Andreas Pittler
Wiener Bagage
14 Wiener Kriminalgeschichten
Impressum
Wiens dunkle Seite Stephansdom, Hofburg, Schloss Schönbrunn – selbst das malerischste Gebäude ist nicht davor gefeit, zum Tatort eines Verbrechens zu werden, und so rückt Inspektor Bronstein von der Wiener Mordkommission ein ums andere Mal aus, um vor glanzvoller Kulisse den Tätern zu Leibe zu rücken. Doch nur die Hälfte der historischen Geschichten basiert auf einer wahren Begebenheit, die andere Hälfte ist frei erfunden, was der Leserschaft Gelegenheit bietet, selbst zum Detektiv zu werden. Im Anhang findet sich schließlich die Lösung, gemeinsam mit touristischen Erläuterungen zu den diversen Sehenswürdigkeiten der Donaumetropole. Spannung, Rätselspaß und City-Guide, vor allem aber eine vergnügliche Lektüre.
Andreas Pittler wurde 1964 in Wien geboren und absolvierte dort auch seine Ausbildung. Später wandte er sich dem Journalismus zu. Seit 1985 veröffentlicht er Sachbücher, meist historischen Inhalts, sowie Biographien. Pittler ist als Historiker auch ein gern gesehener Gast in Radio und TV. Von Bundespräsident Heinz Fischer wurde er mit dem Berufstitel Professor und mit dem Silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.
Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:
Bronstein (2019)
Die Spur der Ikonen (2017)
Der göttliche Plan (2016)
Mischpoche (2011)
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
5. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Imagno / Getty Images
ISBN 978-3-8392-4536-1
Tödliche Eifersucht
I.
»Was ist denn mit Ihnen los, Bronstein? Wieso sind Sie immer noch im Amt? Haben Sie kein Privatleben, oder wie seh’ ich das!« Bronstein sah verwirrt von seinen Akten auf und blickte direkt in die blauen Augen seines Vorgesetzten. »Äh, wie bitte?«
»Na ich bitt Sie, Bronstein, irgendein Pläsier werden S’ doch haben! Wenn schon nicht Frau und Kind daheim warten, dann vielleicht die alten Herren Ihrer Verbindung in der Bierklinik. Oder wenigstens der Briefmarkensammlerverein im Kaffeehaus. Irgendwo muss doch der Beamte in Ihnen enden und der Mensch beginnen.«
Bronstein blies gepresst Luft aus. »Wie Sie wissen, bin ich ledig und habe keine Kinder. Ich war nie in einer Studentenverbindung, und Briefmarken sammle ich auch keine mehr, seit ich die Blaue Mauritius habe.«
Die Augen des Vorgesetzten sprangen schier aus den Höhlen. Doch noch ehe er seine logische nächste Frage aussprach, dämmerte ihm, dass Bronstein gerade einen Witz gemacht hatte. Die Miene wandelte sich von Erstaunen zu Mitleid. »Bronstein, Bronstein! Bei mir sind Ihre Witzchen fehl am Platz. Die holde Weiblichkeit müssen S’ umgarnen damit. Sie sind 43, Mensch! Wann wollen S’ denn endlich zu leben anfangen?«
Eigentlich wollte Bronstein diese Worte souverän abschmettern, doch irgendetwas in ihm hielt ihn zurück. Eigentlich hatte der Chef ja recht. Ohne, dass er es gemerkt hätte, war er alt geworden. Das Leben zog an ihm vorbei. Seit Jahr und Tag bestand das Sein für ihn nur aus Aufstehen, zur Arbeit Gehen, Heimgehen und Schlafengehen. Wären alle Wiener wie er, Nachtlokalbesitzer, Kabarettisten, Theaterdirektoren und Kinobetreiber könnten umgehend Konkurs anmelden. Ohne es zu wollen, seufzte er.
»Schau’n S’, Bronstein. Ich geh jetzt ins Theater. Da entspannt man sich, tut etwas für seine Bildung, und unterhalten tut man sich auch. Schau’n S’ doch, dass Sie wieder einmal unter die Leut’ kommen, Bronstein! Sonst sind S’ am End genauso verstaubt wie Ihre Akten.«
»Ich werde Ihren Rat beherzigen, Herr Hofrat«, quälte sich Bronstein ab, während sein Chef mit einem nonchalanten »Machen S’ das, Bronstein, machen S’ das« seiner Wege zog.
II.
Was hatte er sich da wieder aufschwatzen lassen? Bronstein stöhnte still in sich hinein, ehe er wieder auf die Opernkarten blickte. Gleich am Morgen war der Hofrat bei ihm im Zimmer angetanzt und hatte ihm zwei Billetts für die Aufführung von Rigoletto am selben Abend auf den Tisch gelegt. »Meine Frau ist unpässlich, und ich muss ohnehin mit dem Herrn Präsidenten soupieren. Also ist das die willkommene Gelegenheit für Sie, endlich einmal wieder etwas Kulturluft zu schnuppern. Gehen S’ ruhig! Ist eine gute Oper. Verdi. Da ist immer etwas los. Und die Titelpartie wird von diesem jungen Rumänen gesungen, von dem alle sagen, er ist der neue Caruso. Der soll noch besser sein als der Kiepura.«
Natürlich sagte der Name Traian Grozavescu Bronstein rein gar nichts. Auch Jan Kiepura war ihm völlig unbekannt, und Caruso bedeutete ihm kaum mehr als ein fernes, fernes Klingeln in den hintersten Bereichen seines Gehirns, welches ein »da war doch was« umschrieb. Ja, er wusste nicht einmal, worum es in Rigoletto überhaupt ging.
»Nehmen S’ Ihnen ein fesches Mäderl mit, das können S’ mit den Karten da beeindrucken!«
»Aber Herr Hofrat, ich wüsste nicht, wen …«
»Ach papperlapapp! Die kleine Doleschal von der Registratur, die schaut Sie doch eh immer so sehnsüchtig an. Ich bin mir sicher, die sagt Ja, noch bevor Sie sie gefragt haben.« Bronstein bemühte vergeblich die Schatztruhen seines Gedächtnisses. Eine Doleschal kam da nicht vor. »Wer soll denn das sein? Die hagere Brünette? Die üppige Blondine? Die blade Schwarze?«
»Bronstein, wie reden S’ denn daher! Ich muss doch sehr bitten! So spricht man doch nicht über Damen. Obwohl, zugegeben, die Bruckner is scho ziemlich blad. Aber die is ja auch keine Dame, bitte schön. Na, na, die Doleschal. Das ist die Brünette mit den sinnlichen Lippen. Ich geb schon zu, ihr fehlt’s a bisserl an dem, was Männer wild macht, aber Sie sollen ja mit ihr auch in die Oper und ned ins Separee. Alsdern, Bronstein, fragen Sie sie. Sie wird ned Nein sagen.«
»Aber …«
»Sagen S’ jetzt nur ned, Sie haben heut Abend schon was vor, weil sonst werd’ ich fuchtig! Wissen S’ was, Bronstein, das is eine Weisung.« Der Hofrat grinste breit, und Bronstein konnte nur noch nicken.
In der Mittagspause nahm er all seinen Mut zusammen. Er trank noch schnell einen Slibowitz, dann nahm er einen alten Akt, der schon lange auf Pokornys Schreibtisch verschimmelte, und ging unsicheren Schritts in die Registratur.
»Na so was, der fesche Herr Major Bronstein! Beehrt mich da mitten am helllichten Tag! Sie sind mir aber ein ganz Forscher. So schamlos die weibliche Schwäche ausnützen, das hamma schon gern.«
»Äh …«
»Sie kommen sicher wegen dem Akt, gell. Ich kenn aber einen viel besseren Akt. Soll ich Ihnen den zeigen, Herr Major? Soll ich?«
»Können S’ bitte ihre Bluse geschlossen halten, Frau Bruckner. Das wär’ echt zuvorkommend von Ihnen. Und den Akt habe ich, wie Sie vielleicht bemerkt haben, in der Hand und ned vor meiner Brust. Da suchen S’ also vergeblich nach ihm.«
Augenblicklich war das maliziöse Lächeln im Gesicht der Bruckner verschwunden. »Dann halt ned, depperter Itzig«, murmelte sie, während sie sich umdrehte. Bronstein hatte die Worte dennoch deutlich gehört. Er überlegte, ob und wie er regieren sollte, als plötzlich das Fräulein Doleschal den Raum betrat. »Da bin ich wieder, Sissi …, oh, der Herr Major Bronstein. Schönen guten Tag zu wünschen.«
»Bemüh dich ned. Der is stocksteif wie ein Stockfisch. Und ned an der richtigen Stell’, wennst mich fragst.«
Bronstein sah die Doleschal erstmals mit anderen Augen, als sie ob der herabsetzenden Aussage der Bruckner hold errötete. Sie blickte betreten zu Boden und scharrte verlegen mit den Füßen. »Fräulein Doleschal«, hörte sich Bronstein in die Stille sagen, »die Freude ist ganz meinerseits. Ob ich Sie vielleicht auf ein Wort unter vier Augen …« Dabei fixierte er die Bruckner, als wäre sie eine zum Angriff bereite Giftschlange. »Hab’ schon verstanden«, grollte diese und trollte sich. »Was wünschen Sie denn, Herr Major?«, fragte die Doleschal kaum hörbar.
»Ich hab’ da ein kleines Problem. Ich hab’ für heute Abend zwei Opernkarten, hab’ aber noch keine Begleitung. Ich mein’, ich hoff’, Sie versteh’n das jetzt nicht falsch … meine diesbezügliche Anfrage ist vollkommen honetter Art, und ich frag’ auch nur, weil man mir gesagt hat, dass Sie gern in die Oper geh’n … also … was ich sagen … äh fragen will, ist, ob Sie vielleicht …«
»Heute spielen sie ›Rigoletto‹«, hauchte die Doleschal ganz vergeistigt. »So eine wunderbare Oper. Ja, die tät ich sehr gern seh’n, Herr Major. Und natürlich weiß ich, dass dieses Angebot keineswegs anzüglich gemeint ist. Sie sind schließlich als absoluter Ehrenmann im ganzen Haus bekannt.«
Ohne es zu wollen, schlug Bronstein die Hacken zusammen und verbeugte sich dabei leicht. »Dann darf ich das gnädige Fräulein heute um halb sieben abholen?«
Die Doleschal kicherte verlegen. »Ja, das dürfen S’, Herr Major.«
»Bedanke mich höflichst. Man sieht sich!« Bronstein war ob der Doleschalschen Zusage ganz flau im Magen geworden. Er spürte, wie seine Beine zu zittern begannen, und so wollte er nur noch so rasch als möglich aus dem Zimmer fliehen. Er verbeugte sich, drehte sich um und strebte der Tür zu.
»Herr Major?«
Das war ja zu befürchten gewesen. Natürlich würde sie absagen. Was sollte eine junge Frau auch mit ihm alten Deppen in der Oper. Seine Frage hatte sie überfahren, und deshalb war es ihr nicht gleich möglich gewesen, nein zu sagen. Das aber würde sie jetzt nachholen. Er hielt sich krampfhaft an der Türschnalle fest und drehte seinen Kopf leicht nach hinten.
»Ja?«
»Wäre es nicht hilfreich, wenn Sie wüssten, wo ich überhaupt wohne? Oder haben S’ schon das zentrale Melderegister nach mir durchforscht?«
Ach, er hasste die Frauen! Dass sie immer so überlegen sein mussten! Jetzt saß er in der Patsche. Würde er behaupten, er kenne die Adresse, dann würde sie ihn für einen Unhold halten, der ihr bereits heimlich nachstellte. Gab er aber zu, die Adresse nicht zu kennen, dann war sie sicher der Ansicht, er interessiere sich ohnehin nicht für sie.
»Operngasse 14. Im vierten Bezirk. Gar nicht weit von der Oper, sehen S’.«
Vielleicht war die Doleschal doch nicht so böse. Sie hatte ihn eben vom Haken gelassen, ohne dass er sich irgendeine Blöße hatte geben müssen. Das sprach für sie, fand er. Er bemühte sich um ein freundliches Lächeln. »Danke schön«, flüsterte er, »bis heute Abend dann.«
»Ja, bis heute Abend.«
III.
Die Operngasse 14, so fand er heraus, lag schief gegenüber des Café ›Museum‹ an der Ecke zur Elisabethstraße, in welcher wiederum das ›Smutny‹ beheimatet war, in dem er besonders gerne verkehrte. Allerdings wusste er deswegen noch nicht, ob das Fräulein Doleschal dort alleine wohnte! Sollte er Blumen mitbringen? Für die Frau Mama zum Beispiel, falls sie mit ihren 25 Jahren noch bei den Eltern wohnte. Oder würde das schon wieder genau jene Nähe insinuieren, die es ja eigentlich zu vermeiden galt? Und was, wenn sie doch alleine wohnte? Dann waren die Blumen ohnehin ein Fehlgriff. Ach, wenn er bloß jemanden hätte, den er in solchen Angelegenheiten um Rat fragen könnte.
Wenige Minuten vor 18 Uhr fühlte sich Bronstein, als hätte er im Casino gewonnen. Am Weg durch die Margaretenstraße war er doch glatt an diesem Grammophon-Geschäft vorbeigekommen, wo man ausgerechnet eine Schellackpressung von ›La Donna e mobile‹, gesungen vom großen Meister Caruso persönlich, für wenige Schilling angeboten hatte. Mit einem solchen Geschenk, so befand er, lag er in jedem Fall richtig.
Er legte die wenigen Meter zu Doleschals Wohnhaus fast im Laufschritt zurück, besah sich das Parteienverzeichnis und klopfte schließlich an die entsprechende Tür. Als hätte sie hinter selbiger gewartet, öffnete Doleschal die Pforte, noch ehe Bronstein seine Hand wieder an der Hosennaht hatte. »Guten Abend, gnädiges Fräulein. Äh, das wäre nachher für Sie. Quasi als Erinnerung für den heutigen Abend.« Mit einer ungelenken Bewegung drückte er ihr die Platte in die Hand. Die Doleschal strahlte. »Caruso ist halt doch der Beste. Obwohl der Grozavescu wirklich ganz große Klasse sein soll. Na, davon werden wir uns ja in Kürze persönlich ein Bild machen können. Wollen wir?«
»Unbedingt.«
Die wenigen Meter zur Oper legte Bronstein schweigend zurück. Die Doleschal redete dafür umso mehr. Sie erklärte ihm, dass Rigoletto der Hofnarr des Herzogs von Mantua sei, der wiederum Rigolettos Tochter verführe und entehre, woraufhin Rigoletto die Ermordung des Herzogs plane. Rigolettos Tochter aber verliebe sich in den Herzog und opfere sich für diesen, sodass Rigoletto am Ende statt des toten Herzogs die sterbende Tochter vor sich habe. »Womit sich Rigolettos Fluch auf grausige Art erfüllt«, schloss sie ihre Erzählung.
»Danke, gnädiges Fräulein. Jetzt weiß ich wenigstens, worum es da geht. Ich kann ja kein Italienisch, da hätt’ ich kein Wort verstanden. Jetzt aber bin ich im Bilde.« Dabei lächelte er sphingenhaft, was der Doleschal nicht entging.
»Was denken S’ denn g’rad?«, fragte sie.
»Na ja, der Rigoletto ist schuldig nach Paragraph 5 in Verbindung mit den Paragraphen 134 und 135 StG, Anstiftung zum Mord, und der Herzog ist schuldig nach Paragraph 128 StG, Schändung einer Minderjährigen. Jetzt ist das Ganze für mich auch dienstliche Fortbildung und nicht nur kultureller Genuss.«
Doleschal sah geradeaus und sagte nichts. Der Scherz, so musste er sich eingestehen, war ein Rohrkrepierer gewesen. Aber das passte vielleicht durchaus zum bevorstehenden Abend. ›Rigoletto‹ war ja offensichtlich auch eine Tragödie, und die Architekten des Opernhauses hatten gleichfalls kein gutes Ende genommen. Soweit Bronstein sich entsann, war der eine dem Wahnsinn verfallen, während sich der andere selbst entleibt hatte.
Doch all das zählte nicht mehr, als er den schüchternen jungen Rumänen erblickte, der den Rigoletto spielte. Bronstein hätte niemals geglaubt, dass ihn eine Stimme, zumal eine männliche, so zu fesseln vermochte. Er wurde von einer tiefen Traurigkeit umfangen, als die Vorstellung zu Ende war. Und er beschloss, künftighin öfter in die Oper zu gehen, insbesondere, wenn dieser Grozavescu auf der Bühne stand. Dass die Doleschal seine Ansicht am Heimweg teilte, fand er dabei durchaus erfreulich, denn sie hatte sich als überaus charmante Begleitung entpuppt. Wer weiß, dachte Bronstein, als er seiner Wohnung zustrebte, vielleicht bahnte sich da ja etwas an. Gleich darauf schalt er sich selbst für seinen völlig unbegründeten Optimismus. Und während er die Treppe emporstieg, ertappte er sich dabei, wie er »Oh wie so trügerisch, sind Frauenherzen« trällerte.
IV.
Als Bronstein am nächsten Morgen den Weg zum Büro einschlug, musste er immer noch an die Doleschal denken. Sie hatte zwar mehr von Grozavescu geschwärmt, doch vielleicht lag gerade darin eine Möglichkeit, ihr eine Gefälligkeit zu erweisen. Aus alter Routine heraus wusste er, dass Opernsänger am Vormittag immer Probe hatten, und so beschloss er kurzerhand, den Rumänen abzufangen und ihn um ein Autogramm für das Fräulein Doleschal zu bitten. Üblicherweise waren diese Künstler doch allesamt eitle Gesellen, sodass sie sich stets geschmeichelt fühlten, wenn man sie bat, ihren Namenszug irgendwohin zu setzen. Mit diesem Präsent gedachte Bronstein sodann, sich in die Registratur zu begeben. Ihm gefiel sein Plan ausnehmend gut, und so sagte er Pokorny, er solle die Stellung halten, denn er, Bronstein, habe eine Besorgung zu erledigen.
Für einen Polizisten war es eine Leichtigkeit, in den Künstlerbereich vorzudringen. Sicher, objektiv beging er Amtsmissbrauch, als er am Eingang die Kokarde hob und erklärte, er müsse Grozavescu sprechen, doch derartige kleine Manöver fielen schlimmstenfalls unter »Kavaliersdelikt«. Jedenfalls verfehlte seine Legitimation nicht die erhoffte Wirkung. Der Portier griff umgehend zum Telefon und schickte sich an, Bronstein zu melden. Dann aber folgten ein ernstes Gesicht und ein längeres Schweigen. Der Portier legte auf und richtete seinen Blick auf den Major. »Der Herr Grozavescu ist heute entgegen seinen Gepflogenheiten nicht bei der Probe erschienen.«
»Mein Gott, es wird doch nicht am Ende etwas Ernstes sein?«
»Mit Verlaub, Herr Inspektor, das glaube ich nicht. Der Herr Grozavescu hat ein Gastspiel in Berlin, und soviel ich gehört habe, reist er heute Abend dorthin ab. Vielleicht ist er also einfach zu Hause geblieben, um zu packen.«
Bronstein bemühte sich, seine Enttäuschung zu verbergen. Dann folgte er einer spontanen Eingebung. »Und zu Hause wäre dann wo?«
»Aber Herr Inspektor. Das darf ich Ihnen doch gar nicht sagen.«
»Ich bin die Polizei. Mir dürfen Sie nicht alles sagen, mir müssen Sie alles sagen«, versuchte es Bronstein mit einem gerüttelt Maß an Autorität. Dabei starrte er den Portier mit zusammengekniffenen Augen an, sodass dieser tatsächlich zu transpirieren begann.
»Lerchenfelder Straße 62«, sagte er knapp.
»Na bitte«, schnalzte Bronstein mit der Zunge, »geht doch.«
Mit federndem Schritt legte er die wenigen Meter zur Zweierlinie zurück, auf welcher er dann zügig bis zur Lerchenfelder Straße marschierte. Dort angekommen bog er links ab und hielt nun auf den Gürtel zu. Gute zehn Minuten später hatte er das Haus erreicht, in dem der Sänger wohnte. Er öffnete das Portal, warf wieder einmal einen Blick auf das Parteienverzeichnis und suchte sodann die entsprechende Wohnung auf.
Zu diesem Zeitpunkt kamen ihm erstmals Zweifel über sein Tun. Konnte er, ein kleiner Kieberer, einfach so einen großen Künstler zu Hause überfallen, um diesen um eine persönliche Gefälligkeit zu bitten? Doch, so fand er, wo er schon so weit gegangen war – buchstäblich –, sollte er die Sache auch zu Ende bringen. Er atmete tief durch und klopfte dann an.
Eine erstaunt dreinblickende Frau öffnete ihm. Er beschloss, sich mit seiner Dienstmarke zu legitimieren, um nicht als gewöhnlicher Verehrer dazustehen, und fragte dann, ob der Hausherr zugegen sei. Dies schien die Frau nur noch mehr zu verwirren. »Aber der ist doch in der Oper …«, kam es schleppend aus ihrem Munde.
Bronstein wollte bereits dazu ansetzen, der Frau auseinanderzusetzen, dass er eben von dort komme, den Künstler jedoch nicht angetroffen habe. Doch irgendetwas riet ihm, den Satz ungesagt zu lassen. Wenn Grozavescu seiner Frau erklärt habe, er gehe in die Oper, dies dann aber unterlassen hatte, so gab es dafür wohl Gründe, die ihn, Bronstein, nun einmal gar nichts angingen. Es war schon dreist genug, einen Opernsänger zu Hause aufzusuchen, um ein Autogramm von ihm zu erhalten, hernach aber auch noch eine Ehekrise zu provozieren, überspannte fraglos jeden Bogen. »Ach so«, meinte er daher, »richtig. Natürlich. Na dann frag ich einmal dort nach.«
Er schickte sich an zu gehen, doch die Frau hielt ihn zurück. »Ist leicht was mit ihm? Sagen Sie es mir. Bitte! Treibt er sich mit einer anderen herum?« Na bitte, die Ehekrise war schon da. »Nein nein, Gnädigste. Es handelt sich um eine reine Routineangelegenheit, die Ihren Herrn Gatten nur als Auskunftsperson betrifft.«
Bronstein war direkt stolz auf seine Formulierung. Ganz streng genommen war die Aussage nicht einmal gelogen. Bevor er sich jedoch endgültig in Widersprüche verhedderte, war es besser, das Weite zu suchen. Er empfahl sich und ging auf direktem Wege zurück ins Amt. Die Doleschal musste vorerst auf ihr Autogramm warten, entschied Bronstein, was ihr umso leichter fallen mochte, als sie ja nicht wusste, dass sich Bronstein um ein solches bemüht hatte.
V.
Doch irgendwie kam er von der Vorstellung, Doleschal just den authentischen Schriftzug des Rumänen zu besorgen, nicht los. Bis zur Mittagspause und auch noch danach saß er an seinem Schreibtisch und starrte dieselbe Berichtsseite an, ohne deren Inhalt in sich aufnehmen zu können. Er blickte auf die Uhr. Es ging auf zwei zu. Wenn er jetzt losmarschierte, so dachte er, könnte er Grozavescu beim Packen überraschen, ihm das Autogramm abluchsen und im Amt zurücksein, bevor die Doleschal Dienstschluss hatte.
Gesagt, getan. »Pokorny, ich muss noch einmal weg. Ich weiß nicht, wann ich zurück bin. Halt die Stellung, ja!« Der Alte nickte nur, setzte dann zu einer Replik an, die Bronstein durch ein rasches Schließen der Zimmertür unterband. Diesmal lief er den Ring in entgegengesetzter Richtung entlang, ehe er beim Parlament rechts abbog. Erneut verschaffte er sich Zugang zu Grozavescus Wohnhaus, vermied diesmal aber, sich bemerkbar zu machen, sondern lauschte erst einmal an der Tür, ob er Stimmen vernahm. Doch drinnen war alles ruhig. Der Sänger befand sich also noch nicht wieder in den eigenen vier Wänden. Bronstein verließ das Haus und setzte sich in das benachbarte Café, von wo aus er einen direkten Blick auf das Haustor hatte. Egal, von welcher Seite Grozavescu kam – und dass er kommen musste, schien ja angesichts der geplanten Berlin-Reise außer Zweifel zu stehen –, Bronstein würde ihn sehen und ihm danach folgen können.
Zwei Schalen Gold und sieben Zigaretten später wurde Bronstein aus seinem Grübeln gerissen. Deutlich und unverkennbar schritt der Orpheusjünger die Straße herauf und verschwand Augenblicke später in seinem Haustor. Bronstein zahlte eilig, überquerte die Fahrbahn und heftete sich an Grozavescus Fersen. Kurz überlegte er, den Rumänen noch im Stiegenhaus anzusprechen, doch dieser Plan wurde vom Sänger vereitelt, der seine Wohnung zu schnell für Bronstein erreicht hatte, der nun abermals vor der verschlossenen Tür stand. Und neuerlich lauschte.
Was drang da für ein merkwürdiger Lärm an sein Ohr? Spitze, schrille Schreie der Dame des Hauses! Doch sie klangen nicht verängstigt. Nein, viel eher vorwurfsvoll. Keine Frage, die Dame war tatsächlich eifersüchtig! Bronstein konnte nicht verstehen, was genau gesagt wurde, doch es bestand kein Zweifel daran, dass die Gattin dem Ehemann bittere Vorhaltungen machte und der sich rechtfertigte.
Streitereien in den eigenen vier Wänden waren die denkbar schlechteste Voraussetzung, jemandem ein Autogramm zu entlocken. Bronstein seufzte kurz und drehte sich um. Zumindest vorerst musste das Fräulein Doleschal auf die kostbare Signatur verzichten. Nun ja, ein andermal vielleicht, tröstete sich Bronstein und setzte sich in Bewegung. Er war am Treppenabsatz angelangt, als er einen lauten Knall hörte. Er war zu erfahren, um sich einreden zu können, da sei irgendwo eine Tür zugefallen oder eine Fehlzündung eines Motors erfolgt. Nein, das war eindeutig ein Schuss gewesen! Und seine Erkenntnis wurde durch ein dumpfes Geräusch verstärkt. Der Körper eines getroffenen Menschen, der zu Boden gefallen war.
Ohne zu zögern, eilte er zurück zur Wohnungstür. Die wurde auch schon aufgerissen, und die Ehefrau stand mit irrem Blick vor ihm. Überraschenderweise erkannte sie in ihm sofort den Polizisten vom Vormittag. »Verurteilen Sie mich, ich habe ihn erschossen«, sagte sie tonlos.
Bronstein drängte die Frau zurück in die Wohnung und eilte, sie am Arm festhaltend, in den Salon. Dort lag Grozavescu mit seltsam überraschtem Gesichtsausdruck am Perserteppich, der sich immer mehr mit Blut vollsaugte. Die Frau immer noch festhaltend, eilte er zu der reglosen Gestalt, ging dort in die Knie, was dazu führte, dass die Schützin beinahe umgefallen wäre, und fühlte mit der freien Hand den Puls. Nichts!
»Um Gottes willen, was ist denn da los?« Unbemerkt von Bronstein war die Hausbesorgerin in die Wohnung gekommen und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Wissen Sie, ob es im Haus einen Arzt gibt?«, schrie Bronstein mehrmals, da es eine Weile dauerte, bis sich die Frau wieder gefangen hatte. Endlich nickte sie. »Einen Stock drüber!«
»Dann holen Sie ihn, und zwar schnell.«
Doch der Arzt hatte nicht mehr viel zu tun. Er sah Bronstein traurig an und schüttelte den Kopf.
»Tja, gnä’ Frau«, sagte Bronstein fast ein wenig bedauernd, »dann werden wir Sie wohl mitnehmen müssen.«
VI.
Bronstein war untröstlich, dem Fräulein Doleschal nun kein Autogramm Grozavescus überreichen zu können. Vielleicht verfolgte er darum umso mehr den Fall, auch wenn er nicht an der Befragung der Frau Grozavescu beteiligt gewesen war. Drei Monate nach der Tat war formell Mordanklage gegen sie erhoben worden, einen guten Monat später begann der Prozess. Da Bronstein ohnehin nichts Besseres zu tun hatte, nahm er sich zum Zwecke der Fortbildung, wie er es nannte, eine kleine Auszeit von der Büroarbeit und setzte sich in den Schwurgerichtssaal.
Doch was er dort zu hören bekam, erstaunte ihn doch einigermaßen. In den Medien war der Fall schon abgeurteilt gewesen, selbst seine eheliche Untreue hatte man dem Sänger angesichts der Furienhaftigkeit seiner Gattin nachgesehen. Für kein Blatt Wiens war eine andere als die Höchststrafe für den kaltblütigen Mord an einer großen Künstlerseele denkbar.
Die Grozavescu erklärte rundweg, keine Reue oder Schuldgefühle zu empfinden, sie habe sich nur, durch das Verhalten ihres Gatten bis zum Äußersten gereizt, zur Wehr gesetzt, weshalb sie sich auch nicht für schuldig im Sinne der Anklage bekennen könne. Diese Verteidigung schien nicht nur Bronstein absurd. Auch das übrige Publikum gab deutliche Zeichen des Unmuts von sich, das durch sämtliche Zeugenaussagen nur noch bekräftigt wurde. Kein einziger Zeuge ließ auch nur ein gutes Haar an der Mörderin.
»Na ja«, sagte Bronstein, als er am nächsten Tag doch wieder im Amt erschien, »die kriegt den Frack, das ist sicher. Die mag niemand, alle beschreiben ihn als Helden und sie als kranke Hysterikerin mit ausgeprägtem Hang zur Erinnye. Das wird lebenslang am Felsen, wirst sehen.«
Allerdings entnahm Bronstein in den folgenden Tagen den Zeitungen doch merkwürdige Meldungen über den Prozessverlauf. So schien es mit einem Mal, als hätte die Grozavescu doch Grund zur Eifersucht gehabt, da sie ihr Mann mit einer Frau Stransky betrogen zu haben schien. Außerdem war die Grozavescu schon einmal verheiratet gewesen, mit einem Major, von dem offenbar auch die Tatwaffe stammte. Bronstein wurde wieder neugierig. Welche Rolle spielte der in diesem Drama?
Und so begab sich Bronstein doch noch einmal ins Gericht, um die Plädoyers der Anwälte zu hören. Der Staatsanwalt malte den Schrecken und die Verderblichkeit der Tat noch einmal in den düstersten Farben aus, um dann an die Laienrichter zu appellieren: »Meine Herren Geschworenen! Am Abend des 14. Februar 1927 sang Traian Grozavescu den Rigoletto. Er ahnte nicht, dass die Arie ›La donna è mobile‹ – ›Ach, wie so trügerisch sind Frauenherzen, mögen sie klagen, mögen sie scherzen …‹ sein Schwanenlied war! Nelly Grozavescu hat getötet, weil sie töten wollte! Denn als Grozavescu sie nicht nach Berlin mitnehmen wollte, hatte sie erkannt, dass dies das Ende ihrer Herrschaft über ihren Mann war! Der Mann, der bisher ein fügsamer Sklave war, hatte einen Rest von Männlichkeit in sich entdeckt. Wenn auch nur ein Funke der heiligen Flamme in Ihnen glüht, die man die Gerechtigkeit nennt, dann müssen Sie mit dem Wahrspruch herauskommen: Nelly Grozavescu, du bist schuldig und du sollst deine Tat sühnen!«
Der Verteidiger sah die Dinge freilich gänzlich anders. Er plädierte auf geistige Verwirrung seiner Mandantin, und das schien auch die einzige Möglichkeit, wie er sie noch vor der Höchststrafe retten konnte. Seine Rede war dabei so rührselig, dass Bronstein sich lange nicht entscheiden konnte, ob er nun lachen oder doch lieber weinen sollte. Er wurde von Ausdrücken wie »unglückselig«, »arm« und »tragisch« nur so bombardiert, dass er sich am Ende fragte, ob die Grozavescu nicht tatsächlich bloß ein verwirrtes Opfer der Umstände war. Er erinnerte sich an den Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte, und war erstmals froh, nicht über sie urteilen zu müssen.
Die Geschworenen waren sich erstaunlich rasch einig. Sie fällten einen Freispruch wegen vorübergehender Verwirrung der Sinne. Bronstein war schon bereit, sich für die Frau, die als freier Mensch das Gericht verlassen konnte, trotz allem zu freuen, als er erstarrte. Die Grozavescu stand auf, lächelte klaren Sinnes und fiel in die Arme eines Mannes, in dem Bronstein deren ersten Gatten erkannte. Arm in Arm mit dem Major entschwand sie glückselig aus dem Gebäude. »Na«, schnalzte Bronstein in die Richtung der Laienrichter, »die hat euch ja schön geleimt.«
VII.
Eigentlich war sein frisch erwachter Eifer für die Oper durch diese Ereignisse jäh wieder abgekühlt. Doch als er Ende Juni im Café ›Herrenhof‹ seine ›Wiener Zeitung‹ las, wurde er plötzlich von einem jungen Feschak aus seiner Lektüre aufgeschreckt. Mit sanfter Tenorstimme fragte der Mann, ob die auf Bronsteins Tisch liegende ›Sportwoche‹ schon frei sei. Der Major sah dem Jüngling in die ausdrucksstarken Augen und war sich sicher, das Gesicht zu kennen. »Entschuldigen der Herr«, begann er daher, »sind Sie nicht der Herr Kiepura?« Der so Angesprochene lächelte. »Ich fürchte, das lässt sich nicht leugnen.«
»Dann, Herr Kiepura, kann ich Ihnen zweierlei sagen. Erstens, die ›Sportwoche‹ ist frei, zweitens, ich gebe sie nicht so einfach her.« Dabei grinste er. »Das kostet Sie etwas, Herr Kiepura.« Nun war der Pole doch erstaunt. Er wollte wohl eben darauf verweisen, dass die Zeitungen in einem Kaffeehaus für alle Gäste frei benützbar waren, als Bronstein nachsetzte: »Ein Autogramm, wenn ich bitten dürfte.«
Kiepura nahm den letzten Satz mit spürbarer Erleichterung zur Kenntnis. »Wenn’s weiter nichts ist …«
»Es ist weiter nichts. Und können S’ bitte schreiben: Für Anna Doleschal mit besten Grüßen oder so …«
Letztes Mittagmahl
Dieses Zittern! Diese Nervosität! Diese unerträgliche Angst! Wann hörte das alles endlich auf? Konnte er dem allen nicht Herr werden? War er denn kein Mann? Hunderttausenden war es wie ihm ergangen, und die suhlten sich auch nicht tagein tagaus in ihren vermeintlichen Wehwehchen! Vor allem: Er saß hier, er war gesund, hatte keine Gliedmaßen verloren und war, zumindest theoretisch, voll einsatzfähig.
Weshalb wachte er dann Nacht für Nacht von Albträumen geplagt auf? Er war 33 Jahre alt, da durfte man doch erwarten, dass er sich nicht mehr fürchtete wie ein kleines Kind. Schon gar nicht, wenn die Gefahr längst vorbei war!
Bronstein zündete sich eine Zigarette an und trank den trüben Eichelkaffee ohne jeden Zusatz. Zucker gab es schon lange keinen mehr, und die Milchfrau war am Vortag nicht mehr in ihrem Geschäft gewesen. Warum, so fragte sich Bronstein, während er den Rauch ausblies, musste er immer wieder an Tarnow-Gorlice denken? Eine Woche hatte dieses grauenvolle Schlachten gedauert, und am Ende waren fast 100.000 Soldaten der eigenen Seite und ebenso viele Feinde tot oder verwundet am Schlachtfeld geblieben. Und er, Bronstein, musste sich eingestehen, niemals in seinem Leben hätte er sich so etwas Schreckliches auch nur vorzustellen vermocht.
Mit einer Infanteriedivision der 4. Armee war er als Oberleutnant nach Kleinpolen beordert worden. Dort hatten sie als Erstes erfahren, dass die deutschen Waffenbrüder, namentlich die Generale Mackensen und von Seeckt, den Oberbefehl hatten, was in der Mannschaft sofort für Unruhe sorgte. Bronstein war am ersten Tag mehr damit beschäftigt gewesen, den Leuten zu erklären, dass es egal sei, wer das Oberkommando innehabe, als dass er Zeit für eine Überprüfung der Ausrüstung gefunden hätte. Die einfachen Soldaten hatten es damals schon besser gewusst. Er erinnerte sich an einen böhmischen Lackl, der ihm unverfroren gesagt hatte: »Nichts für ungut, Herr Oberleutnant, aber die Piefke haben da das Kommando, weil sie euch Österreichern nichts mehr zutrauen.« Damals hatte Bronstein den Mann angebrüllt, er solle gefälligst die Disziplin wahren, doch heute blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Tschechen beizupflichten. Die Deutschen trauten den Österreichern tatsächlich nichts zu, und das wurde mit jedem neuen Tag nur offenkundiger.
Damals aber, an jenem 2. Mai 1915, hatten sie die deutschen Offiziere kurz nach sechs Uhr morgens aus den Schützengräben gejagt. Er hatte sich dabei ertappt, wie er an jenen dummen Witz des Schriftstellers Roda Roda denken musste, worin denn der Unterschied zwischen einem ungarischen und einem österreichischen Frontoffizier bestehe. Ersterer rufe »mir nach«, Letzterer »vorwärts«. An diesem Tag wollte Bronstein ein Ungar sein. Er rief lautstark »mir nach« und sprang nach dem Pfeifton aus dem Graben. Geduckt lief er durch das völlig zerfurchte Terrain, das von Geschützfeuer, Maschinengewehrgarben und Minenwerfern bis zur Unkenntlichkeit umgepflügt worden war. Seine 60 Mann folgten ihm in kurzem Abstand. Er hätte es nicht für möglich gehalten, eine Distanz von drei Kilometern im Sprint zurückzulegen, doch nackte Todesangst spornte einen anscheinend zu ungeahnten Höchstleistungen an. Links und rechts pfiffen Kugeln an seinem Helm vorbei, und er war so außer sich, dass er nicht einmal mehr daran zu denken vermochte, eine der Kugeln könnte ihn treffen.
Als sie den Stacheldrahtverhau des gegnerischen Schützengrabens erreicht hatten, bot sich ihm ein Bild der Apokalypse. Leichen über Leichen türmten sich da, in der schwarzen Erde versickerten Ströme von Blut. Hier lagen Gedärme, dort Augäpfel, wiederum dort ein abgetrennter Arm oder ein abgerissenes Bein. Dazu ein pestilenzartiger Gestank, der die ohnehin schon vorhandene Übelkeit nur noch verstärkte. Sein Gehirn gebot ihm, den Draht zu überwinden und in den Schützengraben zu springen. Doch er sah nur diese unbeschreibliche Verwüstung und sich selbst vollkommen bewegungsunfähig.
Erst Wochen später, als er halbwegs wieder auf dem Damm war, erfuhr er im Lazarett vom Ausgang der Schlacht. Lemberg war durch den grandiosen Sieg zurückerobert worden, hieß es, und er, so beschied man ihm, habe unendliches Glück gehabt, dass die Kugel, die ihn am Kamm getroffen hatte, die Schlagader um einen Zentimeter verfehlte. Denn sonst, so lautete das ärztliche Urteil, wäre er dort binnen weniger Augenblicke verblutet. So aber sei er spätestens im Juli wieder voll einsatzfähig. Welch ein Trost!
Und dabei war Tarnow-Gorlice noch gar nicht das Schlimmste gewesen! Der Gasangriff vor einem halben Jahr war es, der für seine Albträume verantwortlich war. Denn immer noch wachte er schweißgebadet mit der fixen Vorstellung auf, er sei gerade im Giftgas erstickt. Er zündete sich eine neue Zigarette an, die er mit fahrigen Bewegungen zum Mund führte. Wie lange, so fragte er sich, konnte man mit dieser beständigen Angst leben? Würde er ihr irgendwann einmal nachgeben? Nach außen hin war es ihm bisher gelungen, die Fassade aufrechtzuerhalten, doch tief in ihm nagte die fortwährende Furcht, die ihn bei der kleinsten unvorhergesehenen Entwicklung schier in Panik ausbrechen ließ.
Mit nicht geringer Erleichterung stellte er fest, dass Samstag war. Wenigstens musste er an diesem Tag nur bis zur Mittagsstunde im Amt ausharren. Danach freilich war ein Lunch mit dem Herrn Papa angesetzt, der sich, wie Bronstein nur zu gut wusste, um den Sprössling ernstlich sorgte. Ihm gegenüber konnte er sich also schwerlich offenbaren, und dies umso weniger, als der Vater sich redlich Mühe gab, dem Sohn wieder in ruhigere Fahrwasser zu verhelfen. So hatte Bronstein senior extra einen Tisch im Hotel ›Meissl & Schadn‹ reserviert, wo es, zumindest nach der Meinung von Karl Kraus, dem Herausgeber der ›Fackel‹, das beste Ochsenbeinfleisch des gesamten Planeten gab. Ein solch lukullisches Mahl durfte man also kaum durch banales Wehklagen über die eigene Befindlichkeit entweihen. Es galt vielmehr, die Zähne zusammenzubeißen und ein ›keine besonderen Vorkommnisse‹ zu rapportieren.
Erfreut stellte er wenig später fest, dass die Straßenbahn klaglos funktionierte und ihn direkt zur Universität fuhr. Der Oktoberwind blies ihm scharf ins Gesicht, als er den Ring abwärts marschierte, sodass ihn fröstelte, als er seine Amtsstube betrat. Er befeuerte den Kanonenofen, rieb sich die Hände und setzte sich dann endlich an seinen Schreibtisch. Stumm blickte er das Porträt Kaiser Franz Josephs an, wie um damit zu signalisieren, dass er nun mit seiner Arbeit beginne.
Im Nachhinein hätte er selbst nicht mehr zu sagen vermocht, wie es ihm gelungen war, die vier Stunden zu überstehen, doch diese Frage zählte nicht angesichts des kleinen Erfolgs, den er über sich selbst und seine Angst errungen hatte. Er durchquerte flotten Schrittes die Schottengasse, hielt dann auf den Graben zu und erreichte so, um einiges zu früh, wie er feststellte, den Neuen Markt. Da er nicht im Freien auf den Vater warten wollte, zog er sich in das Café des Hotels zurück, wo er einen kleinen Braunen und einen Trebernen orderte, sich von Letzterem ein wenig mehr Ruhe und Sicherheit erhoffend.
Er stellte fest, dass er schon zu viele Zigaretten für diese Zeit des Tages geraucht hatte, und so erwarb er beim Kellner eine weitere Packung, dabei inständig hoffend, der Herr Papa würde für das Mittagmahl aufkommen, da seine pekuniäre Lage sonst allzu prekär geworden wäre.
Wie aufs Stichwort erschien die gebeugte Gestalt des alten Bronstein in der Lobby und sah sich mit wachen Augen um. Nahezu im selben Augenblick erspähte er den Sohn, und ein schmales Lächeln zeigte sich auf dem zerfurchten Antlitz. Jener aber überwand behände die Entfernung zwischen ihnen und schüttelte dem Vater freudig die Hand. »Ich freu mich, Papa, dass wir uns endlich wieder einmal sehen.«
»Und ich erst, mein Junge. Du glaubst ja gar nicht, wie fad es ist, wenn man immer nur Zeitung liest und Briefmarkenalben abstaubt. Da tut es gut, wenn man einmal aus der Wieden herauskommt.«
Die beiden wandten sich an einen Pikkolo, und Bronstein senior verwies auf die von ihm vorgenommene Reservierung. Der Bedienstete sah in einem großen Buch nach, nickte dann und sah die Bronsteins dienstbeflissen an. »Jawohl, die Herrschaften, das wär’ dann im ersten Stock. Die Bedienung dort wird Sie an Ihren Tisch führen.« Die Bronsteins machten sich an den Anstieg und befanden sich eine gute Minute später an der Tür zum großen Speisesaal des Hotels.
Ein Kellner mit weißem Sakko verbeugte sich vor ihnen. »Wenn die gnädigen Herrschaften mir zu folgen belieben.« Dabei machte er eine einladende Geste mit der rechten Hand. Bronstein senior übernahm das Nicken und die Vorhut. Bronstein junior folgte ihm auf dem Fuß. Eigentlich achtete er nur auf das Jackett seines Vaters, und doch entging ihm im Augenwinkel nicht der kahle Schädel mit den kalten Augen, der genau in der Mitte des Saales mit der Einnahme einer Mahlzeit beschäftigt war. Er konnte nicht umhin, seinen Vater anzustupsen und aus bereits sicherer Entfernung einen leichten Wink mit dem Kopf in die Richtung des Bartträgers zu machen. Des Vaters Blick folgte der imaginären Linie, dann zuckte er mit den Schultern. »Der Herr Ministerpräsident«, stellte er leise fest, »der isst jeden Tag hier. Das ist doch kein Geheimnis.«
Der junge Bronstein war nun seit fast zehn Jahren im Staatsdienst, aber Ministerpräsident Graf Stürgkh hatte er noch nie leibhaftig erblickt. So sieht der also aus, der Schinder, dachte er, behielt diesen Gedankengang aber für sich. Schon waren sie an ihrem Tisch angelangt, der sich etwa fünf Meter von jenem des Regierungschefs entfernt befand. Der Kellner rückte den beiden die Stühle zurecht, unmittelbar danach überreichte er ihnen die Menü-Karte. »Der Hirsch wär’ heute besonders zu empfehlen«, flötete er, »mit viel Saft und echten Semmelknödeln.« Bronstein senior beugte sich zum Sohn hinüber und flüsterte: »Wenn er das echt bei den Semmelknödeln so betont, dann heißt das wahrscheinlich, dass der Hirsch nicht echt ist.« Der Sohn gluckste. »Ja, sicher ein armes Karnickel, das posthum befördert wurde.«
Nach einer kleinen Weile entschieden sich beide für eine Leberknödelsuppe, als Hauptgang wählte der Vater Tafelspitz, während sich der Sohn, wohl aus einer Laune heraus, tatsächlich den Hirsch bestellte. Dazu orderten sie eine Karaffe Tafelwein und Wasser. Nachdem die Bestellung abgegeben war, zündete sich der Vater eine Virginier an, während sich der Sohn an seine Zigaretten hielt.
Der Vater begann daraufhin die Konversation mit der Frage, was denn das Verbrechen mache, doch irgendwie vermochte sich Bronstein nicht darauf zu konzentrieren, dem Vater die schuldige Aufmerksamkeit zu schenken. Immer wieder wanderte sein Blick zum Tisch des Ministerpräsidenten, der mit sichtlichem Genuss speiste. Der Mann war kein Trottel, sonst hätte er sich nicht seit fünf Jahren in einem Amt gehalten, dessen Träger üblicherweise schneller aus Selbigem schieden, als man die Visitenkarten mit ihrem Namen drucken konnte. Also musste Stürgkh ganz genau wissen, dass exakt in dieser Minute, als er sich an seinem Mahl erfreute, wieder Zigtausende Männer aus allen Teilen der Monarchie irgendwo an der Front ihren letzten Seufzer taten. Doch das focht den Herrn Ministerpräsidenten sichtlich nicht an.
»Entschuldige, Papa, aber wenn ich den Ministerpräsidenten dort so sehe, dann vergeht mir beinahe der Appetit.«
»Aber warum denn das, mein Sohn?«
»Der sitzt da satt und selbstzufrieden in einem der besten Hotels des Kontinents, und keine 500 Kilometer von hier sterben die Menschen vollkommen sinnlos wie die Fliegen.«
»Bedrückt dich das immer noch so, mein Sohn?«, fragte der alte Bronstein ernsthaft besorgt.
»Wie soll es denn nicht? Die Zahl der Toten geht mittlerweile in die Millionen, und die, die es in der Hand hätten, dieses gnadenlose Gemetzel endlich zu beenden, sitzen da und völlern.«
»Mein lieber David, jetzt tust du ihm aber Unrecht, dem Herrn Grafen! Was hätte er denn tun sollen vor zwei Jahren? Die Ermordung unseres geliebten Erzherzog-Thronfolgers einfach so zur Kenntnis nehmen? Die Monarchie musste auf diesen feigen Anschlag reagieren! Und dass uns der Russe in den Rücken fällt, das war ja nicht vorherzusehen.«
»Mit Verlaub, Papa, genau das musste vorhergesehen werden. Jeder, der auch nur oberflächlich die politischen Entwicklungen verfolgte, wusste, dass die Serben mit den Russen verbündet sind. Und die wiederum mit dem Franzmann und dem Tommy. Also war vollkommen klar, dass diese Auseinandersetzung kein Spaziergang werden würde. Und außerdem, wenn du mir die Bemerkung gestattest, es ist immer leicht, andere in den Krieg zu schicken.«
Der Vater verzog das Gesicht. »Der Graf ist fast 60. Soll der sich noch in den Sattel schwingen, oder wie?«
»Nein, natürlich nicht. Ich meine nur, dass eine Schlacht sich eben ganz anders ausnimmt als eine Parade über die Ringstraße. Glaub mir, Papa, ich habe das damals auch gesehen im Sommer ’14, als alle gejubelt haben, als die Soldaten Blumen an den Bajonetten trugen, als es hieß, man sei Weihnachten wieder zurück. Viele waren schon viel früher zurück. Aber im Leichensack.«
Der Vater seufzte. »So jung, und schon so verbittert.«
»Ich bitte dich, Papa, das hat nichts mit Verbitterung zu tun. Viel eher mit ehrlicher Empörung. Wie kann man so gemütlich dasitzen, wenn der Tod von Hunderttausenden auf einem lastet?«
Das Auftragen der Suppe unterbrach die Debatte für eine kleine Weile. Beide aßen schweigend ihre Vorspeise. Und während der junge Bronstein seine Suppe schlürfte, fiel sein Blick auf eine schüchterne Person, die eben den Saal betrat. Wäre der Mann nicht so jung gewesen, Bronstein hätte geglaubt, der Chef der Sozialdemokraten habe sich ebenfalls in dieses Etablissement begeben. Doch gleich danach fiel Bronstein ein, dass dieser ja einen Sohn namens Friedrich hatte, der seinem Vater Victor zum Verwechseln ähnlich sah. »Schau, Papa, der junge Adler ist auch da«, sagte er daher zwischen zwei Löffeln Suppe und bewegte dabei sein Kinn in die Richtung des Genannten.
»Nun ja, die Sozialdemokratie weiß halt auch, was gut ist«, zuckte der Vater nur mit den Schultern. Bronstein sah dem alten Herrn deutlich an, dass ihn die Diskussion verärgert hatte, und so beschloss er, nicht mehr auf das Thema zurückzukommen. Während die Teller abserviert wurden, fragte er daher, wie es denn der Frau Mama gehe.
»Na ja, du kennst sie ja. Sie macht sich immer und überall Sorgen. Wenn ich einmal huste, dann will sie schon den Doktor holen. Und deinetwegen löchert sie mich ja auch in einer Tour!«
»Meinetwegen?«
Der Vater machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ob der Bub eh genug einheizt, jetzt, wo’s wieder kalt wird. Und dass er ja auf sich schaut und was G’scheites isst. Sie war es ja eigentlich, die g’sagt hat, wir sollen da hergehen, damit du ja was Ordentliches zwischen die Zähne kriegst.«
Unweigerlich musste Bronstein schmunzeln. Ja, das passte zu seiner Mutter. Er war halt doch ihr ein und alles. Für den Sprössling nur das Beste! Mit einigem Befremden erinnerte er sich daran, dass sie ihm anno ’14 einen ganzen Koffer mit Kleidung hatte mitgeben wollen, als er an die Front abreiste. Er musste sie damals inständig bitten, ihn nicht vor den Männern zu blamieren, und deutlich hatte er ihr die Enttäuschung angesehen, als er die Übernahme des Koffers verweigerte, nach dessen Inhalt er sich im Winter ’14 auf ’15 nicht nur einmal gesehnt hatte!
Ich wette, solche Probleme hat der Herr Ministerpräsident nicht, dachte er sich, während der Vater von irgendeinem Treffen mit alten Freunden berichtete. Die Worte drangen aber nur wie aus weiter Ferne an Bronsteins Ohr, denn er war völlig fasziniert von dem Bild, das sich ihm bot. Er, Bronstein, saß da und fixierte den Regierungschef, während, genau spiegelverkehrt, auf der anderen Seite des Raumes der junge Adler saß, der, ja, den Regierungschef fixierte. Dieser wiederum schlürfte seinen Kognak und schien von der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, rein gar nichts zu ahnen.
Rundum erhoben sich mehr und mehr Gäste, die offensichtlich ihr Mahl beendet hatten. Kein Wunder, es war ja auch bereits nach zwei Uhr. Allein dem Ministerpräsidenten hatten sich noch zwei ältere Herren hinzugesellt, wobei es der alte Bronstein mit Wohlgefallen registrierte, dass ihn einer der beiden durch ein Kopfnicken grüßte. »Das ist der alte Aehrenthal«, belehrte der Vater den Sohn, »der Cousin vom Herrn Außenminister a.D., den kenn ich noch von der gemeinsamen Zeit im Ministerium.«
Es war offensichtlich, dass die beiden Herren etwas mit dem Ministerpräsidenten zu besprechen hatten, denn sie bestellten nur Wein, aber keine Mahlzeit. Auch die beiden Bronsteins waren mittlerweile mit dem Hauptgang fertig, sodass Ruhe in der Räumlichkeit einkehrte. Die beiden Bronsteins rauchten, die drei Politiker diskutierten leise, und der versonnene Adler nippte an einem Mineralwasserglas.
Irgendetwas hatte Bronstein irritiert. Mit einem Mal saß der junge Adler so krumm am Tisch, als laste alle Not der Welt auf seinen Schultern. Doch das war es nicht, was Bronstein neugierig machte. Es schien, als blitze etwas unter dem Tischtuch hervor. Hantierte der junge Mann wie ein Schuljunge unter der Bank mit einem Gegenstand?
Ach, wahrscheinlich war es nur das Portemonnaie gewesen, denn jetzt erhob sich Adler und ging wohl, um seine Rechnung beim Zahlkellner zu begleichen.
Aber halt! Der Mann ging in die falsche Richtung. Statt dem Ausgang strebte er dem Tisch Stürgkhs zu. Nun gut, immerhin waren beide Politiker. Vielleicht gab es etwas über alle Parteigrenzen hinweg zu besprechen oder auch nur einen Termin für ein diesbezügliches Treffen zu vereinbaren. Bronstein wollte sich schon wieder von der Szene abwenden und die Unterhaltung mit dem Vater wieder aufgreifen, als er plötzlich sah, wie Adler in seine Sakkotasche griff, etwas Metallenes daraus hervorbeförderte und den Arm in Richtung des Ministerpräsidenten ausstreckte.
Der Vater erschrak halb zu Tode, als der Sohn abrupt von seinem Sessel aufsprang. Dieser hatte jene Reaktion gesetzt, als ihm bewusst geworden war, dass Adler eine Waffe in Händen hielt. Er wollte selbst zu seiner Dienstpistole greifen, doch wie so oft in seinem Leben führte er selbige gar nicht mit sich, was ihn innerlich einen Fluch ausstoßen ließ. Dann blieb ihm nichts anderes übrig, als einen Warnruf auszustoßen. Doch der ging bereits im Lärm, der nun durch den gesamten Saal tönte, unter.
Adler war bis auf wenige Zentimeter an Stürgkh herangekommen und feuerte ohne weiteres Zögern drei Mal auf den Regierungschef, noch ehe Bronstein auch nur einen einzigen Schritt in die Nähe des Tisches hatte machen können. Deutlich sah Bronstein, wie der Kopf des Mannes getroffen wurde. Bronsteins Schrei war verstummt, sein Mund blieb offen, und sein ganzer Körper wirkte wie eine Statue. Nun drehte sich auch sein Vater, so schnell er es eben vermochte, um. Beide sahen mit schreckgeweiteten Augen, wie der Leib des Grafen langsam den Sessel abwärtsrutschte. Adler betrachtete noch einmal den hinscheidenden Mann und strebte dann dem Ausgang zu. »Aufhalten! Den muss man aufhalten«, stammelte Bronsteins Vater automatisch. Während er diese Worte hervorstieß, schien sich der alte Mann darauf zu besinnen, dass sein Sohn Polizist war, und so wendete er seinen Kopf abermals und sah seinen Junior auffordernd an.
Dieser versuchte nun auch endlich, sich selbst in Bewegung zu setzen. Adler hatte die Tür bereits fast erreicht, als er von Aehrenthal und dem zweiten Mann eingeholt wurde. Ein wildes Handgemenge entstand. Gerade als Bronstein die Gruppe erreichte und sich mit seiner Kokarde entsprechende Autorität verschaffen wollte, krachte ein weiterer Schuss, der sich wohl im Gefolge des Ringens der Männer gelöst hatte. Bronstein duckte sich und meinte, die Kugel sei haarscharf an ihm vorbeigeflogen. Dann jedoch erkannte er, dass Aehrenthal stöhnend zu Boden ging. Anscheinend hatte der Schuss ihn getroffen. Bronstein war darüber so erschrocken, dass er laut »genug jetzt« rief. Tatsächlich hielten die beiden auf den Beinen verbliebenen Männer inne und sahen den Neuzugang neugierig an. Bronstein hob nun wirklich seine Kokarde und erklärte mit ihn selbst erstaunender fester Stimme: »Herr Adler, Sie sind festgenommen!«
Der zeigte keinerlei Absicht, sich zu wehren, und händigte Bronstein die Waffe aus. Einige Kellner kamen herbeigelaufen und wollten Adler fesseln. Bronstein hob die Hand und sah dabei Adler fest in die Augen: »Sie werden uns jetzt keine Schwierigkeiten machen, oder, Herr Adler?« Dieser stand nur stocksteif da und schüttelte den Kopf. »Gut, dann verzichte ich darauf, sie zu fesseln.« An die Kellner gewandt, meinte er: »Lasst ihn nicht aus den Augen! Wo kann ich hier telefonieren?« Ein Kellner deutete zur Schank, wo Bronstein tatsächlich einen Apparat stehen sah. Er ging hin und wählte die Vermittlung an.
»Das Polizeipräsidium, bitte. Oberinspektor Nechyba.«
Nach einigem Knacksen und Knacken in der Leitung hörte er den polternden Bass seines Vorgesetzten. »Was ist?«, knurrte der kurz angebunden.
»Chef, Sie sollten ganz schnell ins ›Meissl & Schadn‹ kommen! Sie werden nicht glauben, was gerade passiert ist.«
Geständnis im Dom
I.
»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, vergeben Sie mir, Vater, denn ich habe gesündigt.«
Pater Gerhard stützte seinen Kopf in die rechte Hand. Seit zwei Stunden saß er nun schon im Beichtstuhl im hinteren Teil des Stephansdoms und er konnte nicht umhin, sich einzugestehen, dass ihn die Litaneien der Gläubigen langweilten. Zumeist, dies war seine zentrale Erkenntnis aus fast zwei Jahrzehnten als Geistlicher, beichteten just jene, die am wenigsten Grund dazu hatten. Vor allem die alten Frauen nervten ihn. In ihrer panischen Angst, demnächst abberufen zu werden und dann nicht ihrem Schöpfer gegenübertreten zu dürfen, weil auf ihnen ach so schreckliche Sünden lasteten – die Bandbreite reichte von einem furchtbaren Fluch á la »Fix Laudon« bis zu einem Stück Dürre an einem Freitag –, trieb sie fast jeden Tag in den Beichtstuhl. Wobei es auch durchaus möglich war, dass sie einfach nur eine Art Ansprache suchten, die sie in dieser neuen Zeit, da alles immer schneller zu werden drohte, nicht mehr finden konnten. Und als Gottesdiener hatte man ganz einfach Verantwortung für die Herde. Und wenn sie sich fürchtete, dann musste eben der gute Hirte dafür sorgen, dass der Herde kein Leid widerfuhr.
Immerhin aber hatte da eben ein Mann seine Beichte eingeleitet. Das mochte für ein wenig Abwechslung sorgen. Männer trieb es in der Regel dann in den Beichtstuhl, wenn sie gegen das 7. Gebot verstoßen hatten, und mit etwas Glück würde er dem Mann dann ein paar Details entlocken, die ihm, aus rein sachlichen Gründen natürlich, ein klareres Bild geben könnten, wodurch die Zeit dann nicht gar so lang werden mochte.
»Meine letzte Beichte war … ach, das weiß ich nicht mehr, Vater. Bitte vergebt mir.«
Pater Gerhard wusste, nun musste er etwas sagen. »Sprich weiter, mein Sohn. Was bedrückt dich?«
»Ich habe ein Menschenleben ausgelöscht.«
Pater Gerhard fuhr hoch. Hatte er da eben richtig gehört?
»Wie war das eben, mein Sohn?« Der Gottesmann wollte sich des gerade Gehörten versichern.
»Ja, Vater, es ist wahr. Ich habe getötet. Und ich bereue zutiefst.« Der Mann im Beichtstuhl seufzte hörbar. »Ach, wenn ich es nur ungeschehen machen könnte. Aber die Tat ist getan, und ich, ach … ich weiß nicht weiter! Helfen Sie mir, Vater! Vergeben Sie mir.«
Pater Gerhard rutschte nervös auf seiner Sitzgelegenheit hin und her. Mit einer solchen Äußerung war er noch nie in seinem ganzen Leben konfrontiert worden. Er musste sich eingestehen, nicht zu wissen, wie er nun reagieren sollte.
»Aber mein Sohn«, stammelte er, »was ist geschehen?«
»Ich habe mir nicht mehr zu helfen gewusst«, kam es von der anderen Seite des Beichtstuhls, »sie war … ein Teufel in Menschengestalt. Eigentlich war es … Notwehr.«
»So erkläre dich doch, mein Sohn«, forderte der Pater den Beichtenden auf, »ich kann dir Gottes Vergebung nicht geben, wenn du mir nicht genau sagst, worum es eigentlich geht.«
Wieder kam ein Seufzen. Es war offenkundig, dass der Mann sich zu sammeln versuchte, sich ein Korsett zurecht legte, das ihn in der Schilderung seiner Tat stützen sollte. Der Priester aber vermochte sich kaum noch zurückzuhalten. Um ein Haar hätte er den Sünder angebrüllt, er solle endlich reden. Doch das verbat die Situation, Pater Gerhard atmete tief durch und sandte ein Stoßgebet zum Himmel.
»Ich war immer ein gottesfürchtiger Mann, das müssen Sie mir glauben, Vater. Das war ich wirklich.«
»Schon recht«, replizierte der Pater eilig, »aber wer war nun der Teufel in Menschengestalt?«
»Das … ist nicht … so einfach …«
»Wer?«, beharrte der Priester, »deine Frau?«
»Aber ich bin doch ledig«, entfuhr es dem Beichtenden.
»Dann eine … Venuspriesterin?«
»Wie meinen?«
»Eine Dirne, eine Liebesdienerin, eine Bordsteinschwalbe …«
»Aber Vater, wie reden Sie von meiner Schwester?«
Immerhin, so dachte sich Pater Gerhard, wusste er nun, wen der Mann auf dem Gewissen hatte. Aber was nutzte ihm diese Information, hier in den hehren Hallen des Wiener Stephansdoms? Vor allem handelte es sich hier um eine Gewalttat! Konnte er die überhaupt den Behörden gegenüber verschweigen? Mein Gott, er befand sich in einem wahren Gewissenskonflikt, und das nur, weil dieser Mörder ausgerechnet jetzt den Weg zu seinem Beichtstuhl gefunden hatte.
»Ihre Schwester also? Warum war sie der Teufel?«
»Ausgenützt hat sie mich. Seit ich denken kann. Das hätte ich ja noch hingenommen, aber dann ist sie auch noch dazu übergegangen, mich absichtlich zu quälen. … Und, Vater, … krümmt sich nicht auch ein Wurm, wenn er getreten wird?«
»Sie hat dich gequält? In welcher Weise, mein Sohn?«
Nur wenige Augenblicke später sollte Pater Gerhard die Frage bereuen, denn was er zu hören bekam, ließ ihn sich mehrfach bekreuzigen. Jener Mensch, der da Erleichterung im Beichtstuhl gesucht hatte, erwies sich als weitaus üblerer Sünder, als er ursprünglich angenommen hatte. »Dass sie mich nie ernst genommen hat, damit konnte ich ja noch leben. Ebenso damit, dass sie mir jeden Heller sofort abgenommen hat. Und dass sie sich in meiner Wohnung aufführte, als gehörte sie ihr. Doch dann, die Geschichte mit Christoph, die konnte ich ihr einfach nicht nachsehen.«
An dieser Stelle hatte Pater Gerhard naturgemäß gefragt, wer denn nun Christoph sei. Und da stellte sich heraus, dass es sich bei jenem Christoph um den Mann handelte, in den sich der Beichtende unsterblich verliebt hatte. In einer dunklen Stunde, so berichtete er weiter, habe er seiner Schwester von dieser Leidenschaft erzählt. »Und da hat sie sich den Christoph einfach geangelt. Sie kam mitten in der Nacht nach Hause, ihn im Schlepptau. Ich hab’ sie angefleht, das nicht zu tun, doch sie hat nur gelacht, ihn vor meinen Augen ausgezogen und sich ihm hingegeben.«
Das war nun normalerweise die Stelle, an der Pater Gerhard gerne nach Details fragte, doch die Lust auf solche Erzählungen war ihm gründlich vergangen. »Die beiden haben fleischlich miteinander verkehrt. Vor meinen Augen. Angefleht hab’ ich sie, damit aufzuhören, doch sie hat nur gelacht. Nur gelacht.«
Pater Gerhard wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er hätte sich nie träumen lassen, dass er in den Tiefen des gotischen Gemäuers jemals so etwas wie Hitze empfinden würde, doch angesichts der Offenbarungen, die ihm hier zuteil wurden, vermochte er keinesfalls, kühlen Kopf zu bewahren.
»Und dann, Vater, … dann habe ich die Bratpfanne genommen und … und zugeschlagen!«
Pater Gerhard schnellte nach vorn. Die Bratpfanne? Das konnte doch unmöglich des Mannes Ernst sein! Hatte man schon jemals davon gehört, dass jemand durch einen Schlag mit der Bratpfanne zu Tode gekommen war?
»Du hast sie mit einer Bratpfanne erschlagen?«
»Aber geh! Herr Pfa… Hochwürden! Ich habe beiden das Pfandl über den Schädel gezogen, damit sie ohnmächtig werden. Und dann hab ich alles fest zugemacht und das Gas aufdreht. Ich hab’ mir dacht, dann spüren sie wenigstens nichts, wenn sie hinübergehen in die andere Welt. Und dann bin ich weggegangen, weil ich mich besaufen wollt’. Und … immer hab ich daran denken müssen. Immer hab’ ich mir g’sagt, jetzt sind s’ bestimmt schon tot. Jetzt aber sicher. Und dann hab ich es nicht mehr ausgehalten und bin hierher in den Dom gegangen. Oh Gott! Was habe ich nur getan.«
Pater Gerhard war sich sicher, den Mann auf der anderen Seite weinen zu hören. Daher brauchte es eine Weile, bis ihm die Bedeutung des zuletzt Gesagten voll bewusst wurde. »Das heißt, du weißt gar nicht, ob du sie getötet hast?«
»Na ja«, der Mann zog schniefend Rotz hoch, »das war ja schon vor Stunden. In der Zwischenzeit müssen die ganz einfach erstickt sein …«
»Aber was, wenn nicht? Vielleicht kannst du sie noch retten!«
»Sie noch retten …«, echote der Mann. Dann hörte Pater Gerhard ein merkwürdiges Rumoren. Der haut ab, dachte er sich, mitten in der Beichte. Das Knarren des Holzes ließ keinen anderen Schluss zu. Der Priester erhob sich und öffnete die Tür des Beichtstuhls. Tatsächlich sah er eine kleine ärmlich gekleidete Gestalt an der Kanzel des Meisters Pilgram vorbei in Richtung des Seitenausgangs laufen. Pater Gerhard wollte die Verfolgung aufnehmen, doch sein Alter, vor allem aber sein Körperumfang, ließen ihn dieses Vorhaben bald aufgeben. Als er endlich auch ins Freie kam, war von dem Mann keine Spur mehr zu sehen.
II.
»Sie glauben also, Ihnen hätte jemand zwei Morde gestanden, aber Sie sind sich nicht sicher, ob das auch stimmt. Ist das soweit richtig, Hochwürden?«
Bronstein ließ den Blick auf dem Geistlichen ruhen, der unruhig auf dem Besuchersessel hin und her rutschte. »Schauen Sie, Herr Kommissar, eigentlich hat mir der Mann seine Tat in der Beichte anvertraut. Also gilt das Beichtgeheimnis. Ich dürfte Ihnen ergo nicht einmal unter Androhung der Folter davon berichten, was der Mann mir gesagt hat. Aber andererseits war es ja gar keine vollständige Beichte, da ich nicht dazu kam, ihm die Absolution zu erteilen, und außerdem besteht immerhin die Möglichkeit, dass seine Opfer noch leben, sodass sie eventuell gerettet werden könnten. Und wer weiß«, fügte der Pater hinzu, »ob er es sich dann nicht doch wieder anders überlegt und sie ganz totmacht, falls sie noch am Leben sein sollten.«
»Nun, der Gedanke ist nicht abwegig«, konzedierte Bronstein. »Wann war der Mann bei Ihnen?«
»Ich würde sagen, vor einer guten halben Stunde. Sowie er aus der Kirche geflohen ist, habe ich vor dem Dom ein Taxi genommen und bin hierher gefahren. Die Tat, von der er sprach, müsste demnach vor knapp fünf Stunden begangen worden sein.«
Bronstein seufzte. »Aber Hochwürden, wie stellen Sie sich das vor? Wir können doch unmöglich ganz Wien durchkämmen, um herauszufinden, ob irgendwo jemand einer Gasvergiftung erlegen ist. Und solange nicht erwiesen ist, dass jemand einem Verbrechen zum Opfer fiel, gibt es für uns auch keinen Fall und daher auch keinen Verdächtigen. Es tut mir leid, aber ich wüsste nicht, wo ich hier zu einer konkreten Handlung ansetzen sollte.«
Die Miene des Paters gefror. »Ich habe mein Möglichstes getan. Ich habe das Beichtgeheimnis verletzt, um zwei Menschen zu retten. Wenn Sie nichts tun, dann liegt das in Ihrer Verantwortung. Nicht in meiner!«
»Beruhigen Sie sich, werter Herr Pfarrer«, begütigte ihn Bronstein, »niemand wird Sie irgendeiner Fehlleistung beschuldigen. Aber wir wissen zum gegenwärtigen Zeitpunkt ja nicht einmal, ob das überhaupt stimmt, was der Ihnen erzählt hat. Vielleicht ist das nur ein Gestörter, der sich das ausgedacht hat. Dann wäre es doppelt unangenehm, wenn wir hier mit der vollen Mannschaft ausrücken und ein Hornberger Schießen veranstalten würden. Nein, nein, Hochwürden, gehen Sie beruhigt nach Hause auf den Stephansplatz. Sollte uns wirklich ein Fall gemeldet werden, der den von Ihnen gemachten Beobachtungen entspricht, werde ich Sie natürlich sofort aufsuchen, denn dann können Ihre Ausführungen für uns von größter Wichtigkeit sein.«
Der Gottesmann zögerte noch eine kleine Weile, dann erhob er sich, nickte kurz und verließ Bronsteins Büro. Der seufzte noch einmal, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder seiner Zeitungslektüre zu.
Als Bronstein von der Mittagspause zurückkehrte, war er eben im Begriff, sich an seinen Schreibtisch zu setzen, als sich Pokorny vernehmen ließ: »Wir haben zwei Tote in der Beatrixgasse. Gasvergiftung. Aber der …« Bronstein fuhr hoch: »Was sagst du da?«
»Beatrixgasse 7. Weißt eh, dritter Bezirk. Zwei Tote durch Gasvergiftung, Verdacht auf Fremdeinwirkung«, wiederholte Pokorny ungewöhnlich wortkarg. Bronstein war in der Zwischenzeit auf ihn zugestürmt, hatte ihn am Ärmel gepackt und Richtung Ausgang geschoben. Vor dem Präsidium sprang Bronstein überraschend behände in den eben einfahrenden Ringwagen und trieb Pokorny zur Eile an. »Ich versteh’ gar nicht, warum es dich auf einmal so pressiert. Ich mein’, die zwei sind in einer halben Stund’ auch noch tot. Da brauch’ ma jetzt nicht hetzen wie die wilde Jagd.«
»Doch, weil … ach was, ich erklär’s dir später.«
In der Beatrixgasse angekommen stürmte Bronstein förmlich die Treppe hinauf und kam erst zur Ruhe, als er in der genannten Wohnung die Bescherung mit eigenen Augen sah. Am Boden lagen ein ziemlich geckenhaft aussehender Mann von Anfang, Mitte 20 und eine grelle Blondine mit üppigen Brüsten, die sich in einem ähnlichen Alter befunden haben musste. Beide waren nackt, was Pokorny zu einem verlegenen Hüsteln veranlasste. Bronstein wandte sich an den Hausmeister, der den Beamten in die Wohnung gefolgt war.
»Wissen Sie, wer die Toten sind?«
»Die Frau ist die Marie Oberhollerer. Sie ist … war, wenn S’ so wollen, Herr Inspektor, die Schwester vom Wohnungsmieter, dem Josef Oberhollerer. Den Herrn da, den kenn ich nicht. Der ist da fremd.«
Bronstein nickte kurz. »Und wann haben S’ die zwei da g’funden?«
»Ich?« Der Hausmeister gab sich erstaunt. »Ich gar nicht. Vor einer halben Stund’ hat mich der Oberhollerer aus der Wohnung pumpert und hat g’schrien, ein Unglück ist g’scheh’n. Na bin ich rauf, nachschau’n, ned? Und da hab ich das da g’seh’n.« Dabei deutete er auf die Toten. »Na, bin ich sofort wieder runter, doch da war der Oberhollerer schon nimmer da. Ich hab’ mir gleich denkt, da stimmt was nicht, weil sonst pascht der ja nicht einfach so ab, und drum bin ich zum Hirschen in der Ungargasse gangen, weil der ja ein Telefon hat. Na und von dort hab’ ich dann Sie ang’rufen.«
Bronstein blieb nur, seine ursprüngliche Kopfbewegung zu wiederholen. »Oberhollerer, sagen Sie?«, meinte er dann, Bestätigung heischend, in Richtung des Hausmeisters. Worauf dieser es Bronstein nachmachte und ebenfalls nickte. »Gut. Dann lassen wir einmal die Kollegen ran. Die sollen die zwei auf die Gerichtsmedizin bringen. Aber so, wie’s ausschaut, ist das Ergebnis eh klar. Und ein Geständnis hamma praktisch auch.«
»Ah, war das gar kein Unglück, war das ein Mord?«
Bronstein ärgerte sich insgeheim darüber, sich in Gegenwart des Hausmeisters verplappert zu haben, doch gelang es ihm, seinen Fehler rasch auszubügeln. »Na ja, wenn es ein Unfall gewesen wäre, dann wär’ der Oberhollerer ja ned abpascht, ned wahr?« Der Hausmeister gab sich mit dieser Antwort zufrieden.
Zwei Stunden später saß Pokorny bei Bronstein im Büro und referierte, was er bei den diversen Behörden über Oberhollerer in Erfahrung gebracht hatte. Polizeilich war der Mann zwar noch nicht aktenkundig geworden, aber es existierten Aufzeichnungen über ihn beim Bundesheer und beim Arbeitsamt. Demnach war Oberhollerer unmittelbar nach dem großen Krieg beim Heer geblieben, ehe er vor zwei Jahren aus dem Militärdienst entlassen worden war. Er hatte sich als Tellerwäscher in einem Restaurant, als Tischabräumer in einem Café und zuletzt als Brotschani in einer Buschenschank durchgeschlagen, war nun aber bereits seit einem Jahr arbeitslos und daher ausgesteuert. Von der Hausverwaltung der Beatrixgasse erfuhren sie weiters, dass Oberhollerer zuletzt mit der Miete in Rückstand geraten war, sodass seine Delogierung nur noch eine Frage weniger Wochen war.
Seine Schwester wiederum war seit einem Jahr in der Beatrixgasse gemeldet gewesen. Fast zehn Jahre jünger als ihr Bruder, dürfte sie keinerlei Beschäftigung nachgegangen sein. Der Hausmeister hatte jedoch bei der Befragung angegeben, dass sie wohl als ›Geheime‹ angeschafft habe, wenngleich er, der Hausmeister, natürlich nichts gesagt haben wollte. Ob nun der zweite Tote ein Freier oder aber der Liebhaber der Maria Oberhollerer war, ließ sich vorerst nicht sagen, da über seine Identität nichts in Erfahrung zu bringen war. Zwar gab es die Aussage des Paters, wonach der Mann Christoph geheißen hatte, doch Christophs gab es viele in Wien. Bronstein beschloss, diese Frage vorläufig außer Acht zu lassen. Stattdessen gab er Pokorny den Auftrag, eine Großfahndung nach Josef Oberhollerer hinauszugeben. Er war zwar mehr als skeptisch, dass der Mann auf diese Weise wirklich geschnappt werden konnte, doch schadete es auch nichts, die größeren Bahnhöfe überwachen zu lassen, wenngleich die Personenbeschreibung, die man geben konnte, mehr als vage war.
III.
Natürlich blieb Oberhollerer verschwunden. Bronstein konnte es nach zwei Tagen auch nicht mehr verantworten, die Kollegen weiterhin am West- und am Südbahnhof, am Franz-Josephs-Bahnhof und am Nordbahnhof herumstehen zu lassen. Die ganze Sache drohte, auf Frist gelegt werden zu müssen. Bronsteins Laune war dementsprechend. Nicht einmal die Zigarette schmeckte ihm, als er lautstark über den schlechten Kaffee lamentierte. Da kam ihm Pokorny gerade recht. Dieser hatte eigentlich versucht, den Chef mit einer alten Anekdote aufzuheitern, als dieser ihn brüsk anfuhr: »Weißt was, Pokorny, deine alten Kamellen kannst du dir einrexen. Die brauch ich jetzt wie einen Kropf.« Unweigerlich schreckte Pokorny verletzt zurück und sah zu, dass er aus dem Zimmer kam.
»Was ist denn noch, verdammt noch einmal! Hast ned mitgekriegt, dass ich meine Ruhe haben will, sapperlot?!«
»Doch, Chef, aber da ist ein Anruf. Aus dem Erzbischöflichen Palais. Irgendein geistlicher Herr. Er sagt, er weiß was über den Oberholl…«
Bronstein war aufgesprungen und hatte sich in Windeseile an Pokorny vorbeigezwängt. »Jetzt gib schon her, du Unglückswurm!« Hektisch griff er nach dem Apparat. »Pater Gerhard?«
»Nein, Pater Sebastian. Aber ich rufe im Auftrag von Pater Gerhard an. Der hat mir gesagt, ich soll Sie verlangen, weil Sie über die ganze Sache Bescheid wissen.«
»Ja, der Fall Oberhollerer, ich bin im Bilde. Was will mir der Herr Pater ausrichten?«
»Also, er sagt, er ist sich nicht sicher, weil er den Oberhollerer ja nur g’hört und danach nur ganz kurz von hinten g’sehen hat, ned wahr. Aber er glaubt, dass der Oberhollerer jetzt gerade im Dom ist. Er sitzt im Gestühl bei der Kanzel und betet. Pater Gerhard beobachtet ihn vom Abgang zur Gruft aus, und deswegen hat er mich herübergeschickt, damit ich Sie anruf’.«
Bronstein dankte dem Geistlichen und legte auf. »Pokorny!«, brüllte er dann, »sofort einen Streifenwagen. Aber fix a no! Wir müssen zum Dom.«
Als sich der Wagen durch die Innenstadt schlängelte, quengelte Bronstein wie ein kleines Kind. »Geht das nicht schneller, Herrschaftszeiten!« Der Fahrer tat, was er konnte, doch die engen, verwinkelten Gassen verunmöglichten eine höhere Geschwindigkeit.
»Sakrament, da sind wir ja zu Fuß schneller«, fluchte Bronstein.
»Wollen Sie’s ausprobieren, Herr Major? Ich lass Sie gerne aussteigen«, gab der Fahrer über die Schulter zurück. Bronstein schluckte seine Antwort tapfer hinunter. Endlich hatten sie den Graben erreicht und donnerten mit neu aufgenommenem Schwung zum Stock-im-Eisen-Platz. Dort kam der mächtige Dom deutlich ins Bild. Bronstein sah die beiden Heidentürme und das Riesentor und wünschte sich, er wäre bereits darin verschwunden. Wenn er bloß noch da ist, der Halunke, betete er.
Das Automobil bog nach links ab und blieb direkt vor dem Haupteingang stehen. Bronstein hechtete aus dem Fond und eilte schnurstracks in die Kirche. Er war sicher schon Dutzende Male im Dom gewesen, doch erst jetzt fielen ihm dessen gewaltigen Dimensionen auf. Der Hauptaltar war so weit von ihm entfernt, dass er nicht einmal ansatzweise erkennen konnte, was dieser darstellte.
Doch dem galt sein Interesse ohnehin nicht. Bronstein blickte nach links. Dort musste sich, soweit er sich erinnerte, irgendwo die Kanzel befinden. In Bronstein rangen zwei Seelen. Einerseits wollte er weiterhasten, um keine Zeit zu verlieren, andererseits hätte übertriebene Eile den Mann, wenn er denn noch da war, vorzeitig gewarnt. Gemessenen Schrittes ging er also vorwärts und wurde in der Mitte des Langhauses endlich der Kanzel ansichtig.
Dunkel erinnerte er sich an seine Schulzeit. Damals hatte man ihn gelehrt, dass die vier Gesichter, die an der Außenseite der Kanzel angebracht waren, die vier lateinischen Kirchenväter darstellten. Ambrosius, Augustinus und Gregor fielen ihm sofort ein. Wer war noch mal der vierte gewesen? Ach ja, Hieronymus. Die Figuren an der Säule stellten die Apostel dar. Auch das wusste Bronstein noch, wiewohl er auf Anhieb nur den Heiligen Andreas erkannte, und auch den nur wegen seines charakteristischen Kreuzes.
Doch deshalb war er ja ohnehin nicht da. Hektisch sah er sich nach Pater Gerhard um. Er entdeckte ihn im linken Seitenschiff, und er kam nicht umhin, festzustellen, dass der Geistliche in seiner Pose stark an den ›Fenstergucker‹ gemahnte, der seit einem halben Jahrtausend aus dem Sockel der Kanzel in das Kircheninnere blickte. Nun hatte ihn auch der Pater gesehen, und dieser deutete auf ein Männchen, das in der zweiten Reihe kniete und ins Gebet vertieft schien. Bronstein trat langsam näher und setzte sich in die dritte Reihe, direkt hinter Oberhollerer.
Er wartete einen Augenblick, dann beugte er sich langsam nach vor. »Oberhollerer, gib auf! Du hast keine Chance mehr.«
Tatsächlich fuhr der so Angesprochene hoch, und noch ehe Bronstein reagieren konnte, stürzte der Mann aus der Bank und wollte Richtung Ausgang eilen. Doch sah er den uniformierten Fahrer direkt vor sich, weshalb er augenblicklich eine Drehung vollführte, um zum Seitenausgang zu gelangen. Dort freilich stand Pokorny und winkte aufmunternd mit der Kokarde. Oberhollerer wandte sich dem Hauptaltar zu und erkannte dort den Priester wieder, der ihm zwei Tage zuvor die Beichte abgenommen hatte. Mit Bronstein, der sich endlich auch aus dem Gestühl geschält hatte, im Rücken, blieb Oberhollerer nur noch ein einziger Fluchtweg. Er rannte auf die Kanzel zu. Mittlerweile hatte auch der Fahrer Bronstein erreicht. Er deutete auf den Kanzelaufgang.
»So ein Trottel! Was will er dort oben? Da kommt er ja nicht weiter.«
»Richtig«, bestätigte Bronstein, »aber es ist passend. Da gibt es den Kampf der Frösche mit den Lurchen. Gut gegen Böse. Vor allem, weil das Gute g’winnt.« Es war dem Fahrer anzusehen, dass er kein Wort verstanden hatte, aber sicherheitshalber nickte er. Die drei Polizisten begaben sich zur Kanzel und sahen, wie Oberhollerer oben ins Straucheln kam. Beim Versuch, sich festzuhalten, war er an der Abschlussfigur des Geländers, dem sogenannten ›Hündchen ohne Furcht‹ angekommen, von dem er in seiner Aufregung geglaubt haben mochte, es sei wirklich ein Hund. Darob war er erschreckt zurückgefahren, hatte das Gleichgewicht verloren und fiel nun unter einem entsetzlichen Schrei die gewundene Treppe abwärts.
»Na servas«, schnalzte der Uniformierte mit der Zunge, »da bricht er sich jetzt eh des G’nack.«
»So viel Glück wird er ned haben«, konstatierte Bronstein, und tatsächlich lag wenige Sekunden später ein wimmernder Oberhollerer zu ihren Füßen.
»Na ja, Oberhollerer, Doppelmord. Das wird der Frack. Am Felsen. Weißt eh.« Bronsteins Lakonie schien selbst Pater Gerhard das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Instinktiv beugte er sich zu dem gefallenen Sünder hinab und machte das Kreuzzeichen.
»Ego te absolvo«, sagte er laut und vernehmlich.
»Ja, Sie«, replizierte Bronstein knapp, »aber ned die Gesellschaft. Die kastelt ihn ein.« Dann wandte er sich an seine Kollegen: »Also, pack ma’s. Klaubt’s ihn auf und auße mit eam.« Schließlich nickte er Pater Gerhard zu. »Danke für die Hilfe, Hochwürden.«
Als der Geistliche darauf nichts erwiderte, trieb Bronstein ohne weitere Verzögerung seine Kollegen zum Ausgang. »Ite missa est«, flötete er. Pokorny fiel keine bessere Antwort ein als »Amen«.
Darmowy fragment się skończył.