Czytaj książkę: «Die Erinnerten»

Czcionka:

ANDREAS PAVLIC

DIE
ERINNERTEN

ROMAN


In Erinnerung an

Wolfgang Purtscheller

Autor und Antifaschist

11. September 1955 – 6. Januar 2016

Inhalt

27. MAI 1932

1. AUGUST 1934

1. JANUAR 1937

1. OKTOBER 1939

18. JUNI 1941

19. DEZEMBER 1943

3. MAI 1945

ZEITLEISTE

WEITERFÜHRENDE LITERATUR UND LINKS

DANKSAGUNG

27. MAI 1932

Annemarie saß zu Hause auf der alten Eckbank, hinten im spärlich eingerichteten Raum, wo auch ihr Bett stand. Sie nahm das Zwirnende in den Mund, hob das Nadelende gegen das Licht, fädelte den Zwirn durch die Öse und verknotete die beiden Enden. Sie hatte eben den zweiten Pfeil fertig gestickt und machte sich daran, den dritten, den obersten, auf das rote Tuch zu bringen. Sie mochte die Stickerei nicht besonders, aber den Vater freute es, wenn sie handarbeitend zu Hause saß, und der Gruppenleiter hatte ihr aufgetragen, ein Tüchlein mit drei Pfeilen, die einen Kreis durchkreuzen, zu machen. Die Partei hatte sich nämlich ein neues Zeichen ausgedacht, das ihren Kampf gegen die Hakenkreuzler symbolisieren sollte. Und deswegen ging an alle Frauen und Mädchen der Gruppe die Anweisung, eines zu sticken. Eine jede hatte ein rotes Tuch oder eine Fahne und eine Vorlage bekommen.

Die Mutter war beim Stricken. Zumindest war sie es gewesen, denn Hände, Stricknadeln und das Wollknäuel lagen bereits seit geraumer Zeit ruhend in ihrem Schoß. Sie saß in ihrem Stuhl, den Kopf nach hinten geneigt, den Mund offen. Sie war eingeschlafen. Der Vater war im Gasthaus bei seiner Kartenrunde, die beiden jüngeren Geschwister irgendwo unterwegs, im Wald wahrscheinlich. Gleich nach dem Abendbrot waren sie aufgestanden und rausgelaufen. Die Mutter konnte ihnen nur noch nachschreien, dass sie nicht zu spät nach Hause kommen sollen. Fast jeden Abend war es das Gleiche. Aber es waren ja noch Kinder.

Thusnelda hatte Annemarie am Vortag von einer Hakenkreuzler-Veranstaltung hier im Ort erzählt, und dass sie da unbedingt hinschauen mussten. »Es ist unsere Pflicht«, hatte sie gesagt. Aber Annemarie war gar nicht begeistert gewesen. Sie hatte geantwortet, dass sie noch die Stickerei fertig machen müsse, für den Ausflug in der kommenden Woche. Dann wollte sie mit den anderen Frauen die neuen Tücher und Fahnen der Gruppe präsentieren.

Natürlich war das eine Ausrede gewesen. Das hatte Thusnelda gleich erkannt: »Sticken kannst du später auch noch. Wenn Zeit dazu ist. Jetzt gibt es wichtigere Dinge zu tun.« Dann hatte sie gelacht. Thusnelda war aus Wien und schon über dreißig. Von ihrem ersten Ehemann war sie abgehauen, weil er grob zu ihr gewesen war. In den Zwanzigern ist sie dann wegen einem anderen Mann nach Innsbruck gezogen, der hier seinen Militärdienst ableisten musste. Bald darauf hatte sie mit ihm einen Sohn bekommen.

Thusnelda sagte manchmal wirklich verrückte Sachen. Gestern zum Beispiel, dass doch der Vater für sie sticken soll, der würde ansonsten ohnehin nur Karten spielen. Dabei schaute sie so ernst drein, dass Annemarie keine Ahnung hatte, ob sie nun lachen soll oder nicht. Der Vater und Sticken. Sie war sich gar nicht sicher, ob Männer das überhaupt können. Mit diesen Händen.

Einmal waren sie am Waldrand spazieren und weiter zum Planötzenhof rauf, da erzählte Thusnelda ihr von der Sowjetunion, von der Befreiung der werktätigen Frauen, die neben den Männern in den Fabriken stehen und das Land aufbauen. Und dann meinte sie, dass die sexuelle Emanzipation der Frau der Grundstein des Sozialismus sei. Annemarie wurde zunächst ein bisschen schwindelig, aber es gefiel ihr. Vor allem das mit der sexuellen Emanzipation.

Was diese Versammlung der Hakenkreuzler anbelangte, war Thusnelda stur geblieben: »Wir müssen uns diesen Kerlen stellen. Bevor sie noch die ganzen Leute verseuchen.« Annemarie blieb keine Ausrede mehr übrig: »Ich hol dich gegen halb acht ab«, sagte sie. Jetzt war es schon knapp vor halb acht.

Plötzlich hörte Annemarie ein dumpfes Poltern weit unten aus der Gasse langsam heraufziehen. Eine Amsel am Fenster zwitscherte aufgeregt. Annemarie legte ihr Tuch auf die Seite, um besser lauschen zu können. Es waren Schritte. Marschschritte. Die müssen von Innsbruck heraufkommen, dachte sie sich und ging Richtung Fenster, um nachzuschauen. Der Vogel flatterte davon und setzte sich auf die Mauer der gegenüberliegenden Gassenseite, blieb dort aber nicht lange allein, weitere gesellten sich hinzu, und gemeinsam, so schien es Annemarie, empörten sie sich über den ungebührlichen Lärm. Sie schmunzelte. Das rhythmische Auftreten war immer deutlicher zu hören. Marschierende Stiefel, wie bei den Hahnenschwänzlern oder den Schützen, dachte sie. Dieser ewige dumpfe Gleichschritt. Viele Männer hatten große Freude daran, an dem gemeinsamen Herumgehen im Gleichschritt. Vor allem im Stadtzentrum von Innsbruck machten sie das gerne. Paraden. In der Maria-Theresien-Straße, wo man sie gut sehen konnte, in ihren Uniformen und mit ihren Abzeichen. Aber auch hier in Hötting. Der Obsthändler Penz mit seiner Gausturmkompanie. In der ganzen Ortschaft war er gefürchtet. Wenn der mit seinen Männer herumzog, dann gab es nichts zu lachen. Der war schlimmer, als die Nazis es bis jetzt waren, richtige Rotehasser. Annemarie hatte sie ebenfalls bereits kennengelernt.

»Der Krieg hat noch nicht aufgehört. Er ist noch da. Er wird auch nicht aufhören, solange es arm und reich gibt.« Das hat Thusnelda einmal zu ihr gesagt, als sie diese Truppe bei einem Aufmarsch erblickten, und halblaut sagte sie dann ins Leere: »Und es liegt am Proletariat, diesen Krieg zu gewinnen und zu beenden.«

»Was machst du denn am Fenster, Annemarie?«, rief die Mutter, eben aufgewacht und nach Orientierung ringend.

»Nichts, Mama. Ich schau nur. Nach den Amseln. Die haben so aufgeregt gezwitschert.«

»Lass doch die Vögel. Mach lieber die Küche zusammen.«

»Ich muss doch das Deckerl … und dann kommt ja Thusnelda. Wir gehen auf die Versammlung.«

»So spät noch? Morgen musst du ja früh aufstehen, arbeiten. Oder wäscht morgen der Chef für dich die Wäsche?«

»Nein, aber morgen ist nicht so viel los, weißt.«

Als Annemarie wieder bei ihrem Tuch saß und den dritten Pfeil stickte, schlief die Mutter erneut ein. Dabei war auch ihre Tochter schon müde. Beim Abendbrot-Zubereiten beklagte sie sich, dass sie einmal mehr den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war. In der Früh musste sie beim Vater in der Werkstatt aushelfen, dann war sie bei den Herrschaften, die unten am Inn das große Hotel hatten, in der Küche, denn die brauchten zu Mittag immer eine Aushilfskraft, und am Nachmittag war sie beim Bauern oben beim Käsen. Seit ihrer Kindheit machte sie das schon. Sogar ihre Mutter hatte bereits in der kleinen Käserei gearbeitet, erzählte sie immer wieder voller Stolz. Das war eine Familientradition. Zumindest bei den Mädchen und Frauen.

Draußen kamen die Stiefelschritte immer näher. Die müssen jetzt schon mitten in der Höttinger Gasse sein, dachte sie, während sie den schwarzen Faden hochzog. Dass in der Vorlage die drei Pfeile nach links unten zeigten, störte sie, darum hatte sie sie nach rechts oben zielen lassen. Es musste ja was weitergehen, nicht immer nur zurück. Und der Name »Eiserne Front« gefiel ihr auch nicht so gut. Im Scherz hatte ihr Vater einmal gesagt, dass sein Körper magnetisch sein müsse. Denn damals an der Front hatte er das Eisen angezogen wie kein anderer, und dann zeigte er auf die Stellen, wo sie ihm die ganzen Splitter, die Kugeln und das Schrot herausgezogen hatten. »Ein Wunder, dass ich noch am Leben bin. Dieses Stahlbad der Völker, von dem sie alle reden, macht nur die gesund, die nicht reinsteigen müssen. Die Oberen. Die unten macht’s nur hin.« Ansonsten erzählte er vom Krieg nicht viel. »Hauptsache keinen Krieg«, murmelte er manchmal beim Zeitunglesen oder wenn ihm Annemarie von den wiederkehrenden Aufmärschen in der Stadt berichtete.

Jetzt waren die Schritte da. In kräftigem Gleichschritt zogen sie unter dem Fenster vorbei, laut und wuchtig. Im Geschirrschrank klapperten das Geschirr und die Tassen im Marschrhythmus, die Spitze eines Fahnenbanners tauchte im Fenster auf und wanderte weiter, die Gasse dröhnte, als stiefelte eine ganze Armee nach Hötting hinauf. Die Mutter schnarchte, Gläser tänzelten klirrend auf der Kredenz, die Spitze einer weiteren roten Fahne zog vorbei, gleich darauf eine dritte. Die Mutter schmatzte kurz auf, draußen forderte eine keuchende Stimme im angestrengten Befehlston ein Lied, und, als würde die Mutter darauf antworten, murmelte sie im Schlaf: »Ist’s schon so weit?« Dazwischen donnerte das gleichzeitige Auftreten durch das ganze Mauerwerk, die Tassen schepperten immer lauter, und nun stimmte voller Inbrunst ein Haufen Männerstimmen an: »Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen …« Die Mutter schreckte kurz hoch, furzte, entschuldigte sich halblaut-verschlafen, griff wortlos zum Wollknäuel und begann zu stricken. Die Marschiergeräusche, der Chorgesang, der ganze Spuk entfernten sich langsam, auch das Geschirr beruhigte sich. Am Fensterbrett saß bald wieder eine Amsel, gleich darauf gesellte sich eine zweite hinzu, und sie begannen zu zwitschern. Das müssen sie gewesen sein, dachte Annemarie. Die Hakenkreuzler. Die unsrigen marschieren anders, singen anders, und dieses Lied, das war doch das Kampflied der SA. In diesem Moment ging die Tür auf und Thusnelda kam herein. Sie war ganz außer Atem.

»Annemarie, sie rücken schon an. Komm! Schnell, wir müssen gleich hin. Wir müssen die Abkürzung … beeil dich.« Dann nahm Thusnelda Annemaries Mutter wahr, wie diese sie aufgeschreckt ansah.

»Grüß Gott und einen guten Abend. Ich hab sie gar nicht gleich gesehen.«

»Na, weil ihr Jungen immer so hetzen müsst. Da habt ihr gar keine Zeit mehr für eure Augen.«

»Drüben beim Bären ist eine Versammlung, und die möchten wir uns gerne anschauen. Die Hitleristen reden dort.«

»Die Gottverfluchten? Die werden noch so lange schreien, bis sie ihren nächsten Krieg haben. Werdets schon sehen. Die werden noch unser Unheil sein.«

»Die stellen wir schon noch ab. Das dauert nicht mehr lange. Komm, Annemarie, wir müssen los!«

Die beiden machten sich auf den Weg, rannten über das Stamser Feld durch die Wiesen, die steile Kirschentalgasse hoch und schafften es knapp vor den anmarschierenden Nationalsozialisten zum Gasthaus. Durch die herumstehende Menge schlüpften sie in den Vortragssaal. Der Saal war bereits gut gefüllt, viele Arbeiter mit grimmigen Blick. Dazu ein, zwei Bauern und ein paar Beamte. Die Stimmung war angespannt.


Johann ging in einer Gruppe von Frauen und Männern, die alles unternahm, um äußerst entschlossen zu wirken, die Höttinger Gasse hinauf. Er ballte seine Hand in der Hosentasche zur Faust, andere Fäuste wurden sogar gegen den Himmel gestreckt, manche hatten Haselnussstöcke, die sie teils drohend, teils lässig mit sich führten. Es war fast zu sehen, wie der Mut von einer Person auf die andere übersprang, hin und her hüpfte, voller Übermut, bis die Gruppe von fünf Männern und acht Frauen von vorn nach hinten und wieder zurück zu albern, zu spotten und zu johlen begann. Hinten kicherten schelmisch ein paar Männer, vorne lachten Frauen lauthals und klopften sich dabei auf die Schultern.

Unten in der Innstraße sangen sie zeitweise und schrien ihre Parolen: »Diesen Hakenkreuzlern werden wir es zeigen«, skandierte eine vorne, und von hinten kam: »Diese germanischen Schweinehunde!«

»Arbeitermörder sind’s, und Südtirolverräter.«

Die Gruppe kam vom Gasthaus Ritter, dort hatte es zuvor eine Parteiveranstaltung gegeben, zu der der Kuprian gerufen hatte. Johann mochte ihn, weil er ein intelligenter Mann war und gut reden konnte. Letztes Jahr war ganz überraschend der Schutzbundführer Wagner verstorben. Alle, natürlich auch Johann, waren verzweifelt gewesen, denn die Zeiten waren schwierig. So diskutierten und analysierten sie es zumindest im Heimlokal. Die Heimwehr und die anderen Faschisten waren bis an die Zähne bewaffnet und konnten sich vollkommen frei und ungestört bewegen, wurden von den Christlichsozialen sogar unterstützt. Auch die Nazis wurden immer gefährlicher, und in genau diesem Moment starb der Wagner. Es hatte aber zum Glück nicht lange gedauert, und der Gustl, also der Kuprian, wurde zum neuen Führer des Republikanischen Schutzbundes ernannt.

So eine Veranstaltung und Herumrederei muss man aber mögen. Ein Haufen Schutzbündler stand recht unmotiviert herum, einige plauderten, andere hörten zu. Die Stimmung war zwar etwas angespannt, aber grundsätzlich gut. Dass die SA gestern Abend Schmählieder singend durch die Ortschaft gezogen war, sorgte immer wieder für Unmut. Johann stand in einem Kreis, in dem gerade darüber geredet wurde. Alle waren empört. Er selbst hatte die SAler am Vortag auch gehört, weil sie direkt an seinem Fenster vorbeimarschiert waren. Aber das erwähnte er nicht, sondern tat so, als sei es auch für ihn eine Neuigkeit. Er schlug mit seiner Faust in die Hand, dass es klatschte, und rief: »Denen wird das Singen schon noch vergehen!«

Dann sagte Jakob zu Johann, dass sie jetzt losgehen würden, zu viel von diesem Gequatsche sei nicht gut für die Ohren, und man könne das ja morgen sowieso in der »Volkszeitung« nachlesen. Er sagte zu ihm, dass sie nun raufgehen wollten zum Bären und deutete auf die Gruppe, die bereits beim Ausgang zusammenstand.

»Ausgerechnet im Gasthof Goldener Bär, in unserem Gasthaus, hier bei uns in Hötting will diese Germanenbande sich versammeln? Das werden wir zu verhindern wissen!« So hatte Johann am Vorabend im Bären zu den Genossen gesprochen. In den Tagen zuvor war viel über diese Veranstaltung der Hitleristen geredet worden. Geschichten machten die Runde, denn in den letzten Monaten war es immer wieder zu Angriffen der SA gekommen. Ein paar von den Jungen mussten einiges einstecken. Johann klopfte auf den Tisch, und beim Gestikulieren schwappte ihm, weil er schließlich ganz aufgeregt wurde, ein großer Schluck Bier aus dem Krug – mitten auf die Hose vorne beim Schritt. Das sah natürlich etwas unvorteilhaft aus, aber war auch kein Malheur. Der bärtige Marinus nahm den Redeschwung gleich auf, auch wenn er nicht mehr ganz nüchtern war, aber seine Ausflüge ins Philosophische waren allseits beliebt, und er konnte auch betrunken noch Schlauheiten von sich geben, während andere nur noch lallten. Über Marinus wusste ansonsten jeder etwas zu berichten in Hötting. Es hieß, er würde lesen wie andere Karten spielten. Jeden Abend. Er habe schon über hundert Romane gelesen und auch Bücher und Broschüren, die von der Partei herausgebracht worden waren. Schriften von Friedrich Nietzsche, Max Adler, Otto Bauer, sogar Marx und Engels habe er gelesen und dann noch einen gewissen Spinoza und Bücher von der Frau Woolf. Als Johann noch ein Junge gewesen war, hatte ihm Marinus öfter ein Buch von Alfons Petzold geliehen, das er dann heimlich nachts las.

Jetzt zitierte Marinus den Adler, wobei er diesen fast bei jeder passenden Gelegenheit ins Spiel brachte, und zwar mit einer geradezu theatralischen Hingabe. Er hatte ein Gespür dafür, welche Wörter eine Situation am besten zum Ausdruck bringen konnten, sodass alle am Tisch ausriefen: »Genau, Marinus!«, »Sapperlot, ja, so ist es!« oder gar: »Besser hätt ich es nicht ausdrücken mögen!« Seine Beobachtungsgabe und Treffsicherheit versetzten Johann und die anderen immer wieder in Erstaunen. Am gestrigen Abend war es genauso gewesen, als Marinus anhob, über das Flugblatt der Hakenkreuzler zu philosophieren: »Man erkennt die Faschistensprache an dem ›statt‹«, sagte er, legte den Zettel in die Tischmitte und zeigte mit dem Finger auf das Wort, das zwischen »Gebt Arbeit« und »Almosen!« stand. »Das ›statt‹ ist die Zuckerspur der Verführer. Doch wir wollen nicht nur Arbeit, wir wollen Sozialismus. Denn die Dialektik beginnt dort, wo das ›statt‹ aufhört. Was die wollen, ist, dass wir in den Fabriken oder Buden verrecken. Denn in Wirklichkeit paktieren sie nicht nur mit den ganzen Industriellen, wie wir das gerade in Deutschland sehen, sondern scheren sich einen Pfifferling um uns Arbeiter.«

»Und hier, schaut, was soll denn das heißen – ›Juden bleiben zu Hause‹«, setzte sich Johann in Szene. »Das soll heißen, dass die Arischen am End’ die Narrischen sind. Dieser Hitler hat nämlich ganz schlechte Nerven. Er glaubt, dass überall die Juden lauern, und es zwickt ihn auch schon überall. Darum schreit und zuckt er auch ständig herum.« Das war die Adelheit. Wenn die sich das Wort nahm, war immer eine Gaudi. »Der leidet nämlich unter einem Judenverfolgungswahn.« Sie hatte die seltene Gabe, jede Geschichte in einem Gelächter enden zu lassen, wobei sie selbst meist am lautesten lachte und die Schlusspointe noch mit einer aufschlagenden Faust unterlegte. Den Männern gefiel das.

An diesem Abend vereinbarten sie, dass sie etwas unternehmen mussten und dass sie sich den Vortrag dieses Hakenkreuzlers Theo Stadler einmal genauer anhören würden.

Ähnliche Gespräche wurden auch im Gasthaus Ritter geführt. Jakob, der schon die ganze Zeit zum Aufbruch drängte, meinte: »Man darf den Hakenkreuzlern nicht die Chance bieten, sich ungestört auszubreiten. Sind sie auch keine wirkliche Gefahr für uns, denn so dumm sind die Arbeiter und die Arbeiterinnen nicht, dass sie auf Hitler reinfallen. Aber die Beamten, die Studenten und die ganzen Geschäftstreiber … Na, ihr werdet sehen, auch in Deutschland werden sie das bald begreifen und dem eine Ende bereiten. Ich bin jedenfalls dafür. Gehen wir hinauf und machen Schluss mit den germanischen Spinnereien!«

Dann gingen sie vom Gasthaus Ritter los.

In der steilen Höttinger Gasse wurde es in der Gruppe ruhiger. Einige hörte man bereits keuchen, und die Schritte schepperten in der Gasse. Johann war zunächst an den Spitze des Zuges, fiel aber im Verlauf des Aufstiegs immer weiter zurück. Es lag nicht an der Anstrengung. Mit jedem Schritt näher zum Gasthaus sank sein Mut, denn jetzt, wo sie nicht mehr sangen oder herumalberten, kamen Gedanken auf, die ihn an ihrem Vorhaben zweifeln ließen. Die Hakenkreuzler waren landesweit als Schläger bekannt, ein paar ihrer Fäuste hatte er bereits persönlich kennengelernt, und bei der Polizei waren sie, die Sozialisten, sowieso schon unten durch. Die würde ihnen wohl kaum helfen, sondern in ihrer rustikalen Manier zeigen, auf welcher Seite sie stand. Ein geschlagener Hund läuft seinem Peiniger nicht schwanzwedelnd entgegen, dachte er sich. Besser sich etwas zurückfallen lassen und, wenn es brenzlig wird, laufen. Aus ihm sprach weniger die Feigheit oder die Vernunft, sondern seine Erfahrung aus der gebeutelten Wirklichkeit. Wie oft hatte er schon Schläge abfangen müssen, weil er unbedingt in der ersten Reihe stehen musste oder seinen Mund nicht halten konnte. Dieses Mal wollte er keine Prügel abbekommen, und solange er es sich aussuchen konnte, würde er weglaufen, denn hier kannte er sich aus. Hier war er zu Hause, es war sein Revier. In Hötting, oberhalb des nördlichen Innufers, keine halbe Stunde von der Innsbrucker Altstadt entfernt, war er aufgewachsen und lebte dort mit seinen Geschwistern und der Mutter. Seit vier Jahren arbeitete er in einer Möbeltischlerei, unten in der Kirschentalgasse, und er war zufrieden damit. Achtzehn Jahre war er alt, kräftig und geschickt, und seine Welt war das Inntal und das Karwendel. Jede Gasse, jedes Haus und jeden Hof, die Wiesen und natürlich auch die Wirtshäuser kannte er. Warum sich schlagen lassen und nicht einfach laufen?

Sie waren nun schon fast oben an der Kreuzung zur Schneeburggasse. Links bei dem großen Bürgerhaus standen ein paar Gestalten, ihre Schiebermützen hatten sie ins Gesicht gezogen. Sie wirkten eindrucksvoll konspirativ. Die Gruppe schien sie kaum zu beachten, gleichwohl fühlte sich Johann bei jeder Bewegung bis auf die Knochen beobachtet. Dann ein kurzes Servus. Man kannte einander schließlich. Diese Rätekommunisten sind ein sonderbares Völkchen, immer abseits, dachte er, als er grüßend mit seinem Finger ans Schild der Ballonmütze strich. Sind gegen Sozialdemokraten, gegen Bolschewiken, und trotzdem wollen sie Sozialismus. Die große Welt im Kleinen, das war Hötting und Innsbruck. Zwar seien die Klerikalen und Deutschnationalen überproportional vertreten, aber auch die könnten die weltgeschichtliche Bewegung nicht aufhalten, hatte Jakob einmal in einem Vortrag gut erklärt. Dass nämlich die Geschichte immer von einem Extrem ins andere umschlage und dass jetzt die Zeit der Arbeiter und Arbeiterinnen gekommen sei. Das Bürgertum sei der Extremismus des Kapitals, die Kleinbürger die Extremisten des Faschismus und die Arbeiter und Arbeiterinnen würden mit dem Sozialismus dem Ganzen ein Ende setzen. Punkt. Und diese Zeit gelte es nun vorzubereiten, sagte er.

Johann hatte damals einfach nur eine Lehrstelle finden wollen, und schließlich hatte er sie auch gefunden. Später wollte er mehr Lohn, weil er sich ein Fahrrad kaufen wollte. Dass er dabei irgendwie auch die ganze Geschichte mitveränderte, daran zu denken, das war ihm anfangs zu viel.

Doch dann hatte er den Otto Bauer reden gehört, unten in Innsbruck. Der erklärte alles so schön, dass Johann ganz stolz darauf wurde, ein Arbeiter zu sein. Seither hatte es für ihn auch etwas Erhabenes, ein Sozialdemokrat zu sein und sich nicht nur um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Er verstand, dass, wenn er mehr Geld bekommen würde, es schließlich für die ganze Menschheit besser war.


Kaum waren die Nazis in Formation mit Faschistengruß und Heil-Hitler-Geschrei in den Saal marschiert, kam es auch schon zu lautstarken Auseinandersetzungen und Beschimpfungen.

Hier ein »Ihr arischen Sauschädel!«, dort ein »Deutschland erwache!«, und so folgte Ruf um Ruf um Ruf – »Hinaus mit den Faschisten!«, »Ein Volk, ein Reich!«, »Wir werden euch eure Misthemden schon ausziehen!«, bis schließlich gar kein Wort mehr zu verstehen war, sondern nur noch Geschrei.

Thusnelda zupfte Annemarie am Ärmel und rief ihr ins Ohr: »Pass auf, da wird’s bald losgehen. Da wird nicht mehr viel geredet.«

Annemarie drehte sich launig in alle Richtungen, überall sah sie zornige Gesichter, aufgerissene, schreiende Münder, Frauen, die ihre Fäuste hoben, Männer, die wild gestikulierten, und von allen Seiten wurde bereits geschubst und gedrängt. Die ganze Menge wogte hin und her, schlug wie eine Welle in einer felsigen Brandung auf und wie ein Kreuzer drängte sich die SA durch die Menge und schob sich immer tiefer in den Raum.

»Nein, schaut nicht so aus, als würde da noch ein Vortrag kommen.«

Die wenigen Polizisten im Raum gestikulierten heillos überfordert und versuchten, der Gruppe Hakenkreuzler den Weg zur Bühne zu bahnen. Plötzlich flog eine Flasche, später hieß es, sie kam aus den Reihen der Faschisten. Annemarie sah sie erst, als sie bereits flog. Weil sie sich so schön in der Luft drehte, konnte sie gar nicht anders als hinzuschauen. Es war ihr, als würde sich die Zeit in dem Moment etwas Zeit nehmen, es ein bisschen gemächlicher angehen. Wie sie die Flasche durch den Raum fliegen ließ, als würde die Zeit abwarten, was passierte. Das kleine gläserne Flugzeug steuerte in weitem Bogen genau auf einen Arbeiterkopf zu, der selbst noch ganz mit Schreien beschäftigt war, nichts davon ahnte, was in diesem langen Moment auf ihn zugeflogen kam. Ganz im Zorn war er, und den drückte er in voller Leidenschaft aus, die Halsadern gespannt – das Blut im Kopf erzeugte eine deutliche Rötung in seinem Gesicht, bis die Flasche plötzlich aufschlug, mitten auf den Arbeiterkopf, von dort abprallte, wie ein Flugzeug mit Maschinenschaden weiterflatterte, eine Schulter traf, zurücktaumelte und im Sturzflug schließlich am Boden zerschellte. Nun ging der Radau richtig los. Von allen Seiten flogen Flaschen, Gläser und Fäuste hin und her, dort sauste ein Stuhlbein knapp neben Annemaries Kopf vorbei, krachte auf einen Rücken, der zu Boden ging. Ein Ellbogen stieß in ein Gesicht und verschob eine Nase, vorne touchierten zwei Schädel im Taumel, Schmerzensschreie, Blutspritzer versprengten sich in der Luft, eine Faust flog zwischen abwehrende Hände und landete punktgenau im Gesicht, ein Kopf wankte, Haut platzte auf, irgendwo wurde kräftig ausgespuckt, Blut mit Zähnen, dort focht ein SA-Mann mit spitzen Gesten und seinem Totschläger gegen den Hilfsschmied, der in seiner groben Hand ein Stöckchen hielt und ihn mit hochrotem Kopf anbrüllte.

»Thusnelda, pass auf!«

Doch Annemaries Zuruf kam zu spät. Ein abgebrochener Flaschenhals streifte Thusneldas Stirn, anschließend prasselten Schläge wie ein Platzregen auf ihren Rücken nieder. Thusnelda versuchte gekrümmt seitlich wegzutauchen. Annemarie schrie nach ihr und drückte sich durch das Menschenknäuel, schob irgendwelche Leiber auf die Seite und kämpfte sich immer weiter zu ihr durch, bis ein uniformierter SAler sie von der Seite anrempelte, sie belustigt an den Haaren zog und als rotes Raufweib beschimpfte, was in Annemarie einen unvermittelten Reflex auslöste, der sie selbst überraschte. So schnell und zielsicher, wie ihr Bein diese Angelegenheit trittsicher erledigte, war das für alle Anwesenden beeindruckend, vor allem für den SAler, der sichtlich überrascht seine Augen verdrehte und in die Bodenregion abtauchte. In diesem Moment konnte Annemarie ihre taumelnde Freundin ergreifen und sie auf die Seite ziehen, wo schon andere verletzte Personen lagen, die stöhnten und fluchten und notdürftig behandelt wurden.

Kaum saßen sie am Saalrand, öffnete Thusnelda ihre Hand und zeigte sie Annemarie. Ein NS-Parteiabzeichen glänzte darin.

»Für die Fische im Inn«, sagte sie grinsend.

»Siehst du den Typen dort drüben, den Miniatur-Adolf mit dem Zahnbürstlbart und dem schütteren Haar? Nein, der weiter rechts, der so x-haxert dasteht und sich die Hände vor den Schoß hält. Einen schönen Gruß aus Hötting hab ich ihm gesagt. Rate mal, wohin ich dem getreten habe, diesem Schwein?«

Beide lachten laut auf, und Annemarie wischte Thusnelda mit einem Taschentuch das Blut von der Stirn. Es half jedoch nur wenig, die Wunde blutete zu stark. Überall hatte sie bereits rote Schmieren im Gesicht.

»Du musst es gegen die Stirn drücken – fest –, bis es aufhört. Komm, gib mir die Hand. Hier musst du draufdrücken. Ich hol einen Arzt, das muss genäht werden.«

»Wart noch, lass mich ein bisschen hier sitzen. Hier bewegt sich alles so schnell. Ich möchte noch ein bisschen ausruhen.«

So saßen sie nun mit dem Rücken zur Wand. Annemarie hatte ihren Arm um Thusneldas Schulter gelegt, fuhr ihr streichelnd durchs Haar und kraulte ihren Hinterkopf, als wollte sie sie trösten. Aber hier gab es nichts Trauriges. Annemarie war, als säßen sie gemeinsam in den hinteren Reihen eines Theaters und vorne auf der Bühne kämpfte der Wahnsinn zum Gaudium des Publikums, das alte Stück »Wie es euch gefällt!«.

»Glaubst du, es wird einen Sieger geben?«

»In der Politik gibt es immer einen Sieger.«

»Und was, wenn man nicht mitspielen möchte? Wenn man sich einfach raushält?«

Thusnelda lächelte: »Das kann man leider nicht selbst bestimmen. Das kommt auf den Sieger an. Der bestimmt das Spiel und die Regeln.«

»Glaubst du, dass wir gewinnen werden?«

»Ich weiß es nicht. Hinter dem Brenner der Faschismus und hinter Scharnitz die Nazis, die immer stärker werden. Die Kommunisten und Sozialdemokraten bekämpfen sich überall bis aufs Blut und die Bourgeoisie und die ganzen Kleinbürger scharen sich jubelnd um Hitler. Und hier in Tirol die Hahnenschwanzler und die Kirche. Da gibt es wenig Land zum Leben.«

»Ohne Ufer geht die beste Schwimmerin unter.«

»So ist es. Entweder lassen wir uns die Haxen wachsen bis zum Grund oder wir werden Fische.«

Während vorne noch Gläser klirrten, Stühle, Tische und Menschen herumflogen, schoben sich die beiden langsam Richtung Ausgang, nicht ohne einem hereinstürmenden Uniformierten das Bein zu stellen, dass dieser Kopf voraus in den Hintern eines Burschen stolperte, der sich kurz umdrehte und den Hakenkreuzler schließlich zu Boden drosch.

Draußen lagen die verwundeten Arbeiter und Arbeiterinnen, die uniformierten Nazis und Polizisten. Die Rettungskräfte waren bereits voll im Einsatz und versuchten, die Ersten notdürftig zu verarzten. Einige wurden gleich abtransportiert. Als einer der Sanitäter Thusnelda mit dem blutverschmierten Gesicht sah, nahm er sie beim Arm und führte sie zum Krankenwagen. Annemarie blieb stehen, als warte sie auch darauf, abgeholt zu werden, bis sie von einer heranströmenden Polizeieinheit auf die Seite geschoben wurde. Dort stand sie noch eine Weile und stierte gedankenverloren ins Treiben, drehte sich schließlich auf die Seite und wollte gerade die Schneeburggasse hinuntergehen, als ihr plötzlich ein junger Mann in die Arme lief.


Als die Gruppe – Johann hatte sich längst zurückfallen lassen – links in die Schneeburggasse einbog, kam ihnen ein Bursche mit wedelnden Armen entgegengelaufen: »Kommt schnell! Es geht schon los. Die Hakenkreuzler hauen alles kurz und klein.«

»Wie viele sind es?«

»Sicher hundert. Sie haben Totschläger und Messer dabei, und es kommen bestimmt noch mehr.«

Alle rannten los. Manche mit Gebrüll, manche schwangen ihre Stöcke, alle liefen sie, so schnell sie konnten. Es war ja nicht weit, die Schneeburggasse entlang, ein, zwei leichte Kurven in einer kleinen Steigung, und dann war man schon dort. Diese Flucht hieß Angriff. Ganz egal, wie viele es schließlich sein würden, sie waren fest entschlossen, ihren Genossinnen und Genossen zu Hilfe zu eilen. Johann auch, zumindest die ersten zehn, fünfzehn Meter. Dann löste er sich aus dem Pulk und schoss wie in Panik die Bachgasse hoch, wandte sich kurz um, sah nur noch Schemen von Gesichtern und Körpern seiner Freundinnen und Freunde die Schneeburggasse weiterlaufen, manche riefen: »Johann, Johann, wohin läufst du? Da lang!« Doch die Entfernung wuchs zu schnell mit jedem Schritt. Er war abgezweigt, er lief die Bachgasse hoch. Er war wie ein verwirrtes Projektil, ein Querschläger, der nicht hinüberrannte zum Gasthaus, sondern weiter hinauf in Richtung der alten Kirche, die Arme angewinkelt, der ganze Körper pulsierte, das Herz raste … die alte Glockengießerei, weiter rauf in die Bildgasse, er lief. Ein Bauer trat plötzlich aus einem Hauseingang, kurz stieß er an ihn, machte einen Zwischenschritt, sprang ein wenig zur Seite. Er war wie ein im Schwung von einem Hindernis zurückgeworfener Körper von einem weichen menschlichen Hindernis abgeprallt, ein dickes, bärtiges Bauernhindernis, das nach hinten kippte, leicht die Standhaftigkeit verlor, denn Johann hatte die Schutzhand vorgestreckt, ihn zur Seite gedrückt, wenig, nur ein wenig, er entschuldigte sich sogar, er atmete ein knappes Pardon aus, hechelte, stockte, ein unverständliches Schnauben, schon lief er wieder weiter, hinauf, immer nach oben. Das ganze Hötting bestand nur aus hinauf und hinunter, lag es doch am Fuß der Nordkette. In ganz Tirol ging es nur hinauf oder hinunter – außer im Inntal, ein kleiner Streifen, auf dem man sich hin und her bewegen konnte, ansonsten nur vertikal, und Johann dachte sich: Hinauf, bis es in der Lunge sticht, die Luft einem messerscharf die ganze Brust bis in den Magen hinunterschneidet und wieder rausfährt mit einem säuerlichen Geschmack, einem trockenen Röcheln, einem Schnauben wie ein alter Blasebalg eines Schmiedefeuers – und die nächsten Glutspritzer jagten die Brust runter und stoßen ins Hirn rauf, dass die Füße rennen, als wären sie unter eine Lok geschnallt. Johann rannte die Bildgasse weiter, »bis zum Höttinger Bild rauf«, sagte er hechelnd, leise, mehr zu sich selbst, wie ein Gedanke, der ohne Zutun zur Stimme drängte und laut wurde, »bis zu Jesus und der Maria – der ganze göttliche Glanz und Krempel –, bis zum heiligen Kreuz, dem Kreuz, das sie zum Hakenkreuz umbauen wollen. Weiter muss ich, immer weiter, nur nicht aufhören mit dem Laufen«, sagte sich Johann und spuckte aus, blies den Rotz weg, schnäuzte in die Luft hinaus. Mit einem seitlichen Bauernschnäuzer war er um die Ecke, die Stiegen hoch, zwei, drei, vier Stufen, ein kurzer Blick auf die obere Straße, dort lief ein Genosse, er erkannte Alfons an seiner dunkelblauen Jacke und seinem Hut, ansonsten sah er Bewegung, die sich drehenden Beine.

»Wo läufst denn du hin, Johann, du läufst ja rauf? Runter zum Bären müssen wir!«

Johann antwortete nicht, war schon längst hinter dem vorbeilaufenden Alfons über die Kirchengasse und weiter die Bildgasse rauf. Wie ein Gehetzter kam er sich vor. Er riss seinen linken Arm vor, zeitgleich stieß er seinen rechten Fuß nach vorn, ein Bein am Boden, eines in der Luft, Bewegung ist Kraft mal Wille und – zack – jetzt der rechte Arm, das linke Bein – zack – der heiße Rhythmus eines Sklaven auf der Flucht, aber wohin, wohin? Sein Kopf pulsierte, diese Hitze innen und die ansetzende Feuchtigkeit im Nacken, bei den Achseln, der ganze Rücken, der Druck auf den Schläfen, der Schweiß, der ihm von der Stirn zu rinnen begann, und dieser sanfte Wind, der ihm angenehm ins Gesicht fuhr – zack – zack – er sprang vom Gehsteig, blickte nach hinten: Kann sein, kann es sein, dass mich jemand verfolgt? Ein weiterer tanzender Umriss, der unten die Kirchengasse runterlief, mit einer Rute, mit einem Stock, war das einer von uns, einer von denen?

Er spuckte aus, bog links um die Ecke, ein unerwarteter Zusammenprall, ein kurzer Rempler, leichte Rückenlage, er ruderte mit den Armen, drehte die Hüfte, stieß den rechten Fuß in ein schlammiges Loch, rutschte, setzte nach, glitt, machte Tempo, trat in eine Lache – aus einer schwierigen Situation Geschwindigkeit machen, alles zu seinen Gunsten drehen, das ist die hohe Lebenskunst. Im Rutschen Tempo machen. So ist das fliehende Kämpferherz, kam ihm kurz in den Sinn, als er mit den Armen ruderte.

Er zog mit der linken Schulter das Sakko, das ihm im Drehen und Winden über die Schulter gerutscht war, wieder nach oben, riss den Kopf in die neue Richtung, sprang über ein Mäuerchen, stand in einer Wiese, sprang wieder zurück auf die Straße, vollendete die Kurve und rannte plötzlich wieder runter. Nur nicht die Dorfgasse, wenn sie mich da sehen, ist es aus, dachte er, beim Haus vorbei, über einen Zaun, er holperte einen kleinen Abhang hinunter, stampfte und bremste mit dem linken Fuß auf einem Maulwurfshügel, kippte mit dem Oberkörper nach vorn und sprang, um den Schwung nicht zu verlieren, über eine kleine Kuppe, ein, zwei Meter, stieß bei der Landung mit beiden Fersen in die Wiese, in den Hang, die Taschen des Sakkos flogen auf beiden Seiten nach vorn und hinauf. Das Taschenmesser, das in ein Taschentuch gewickelte Taschenmesser, schlug an seine Hüfte, er spürte es, dann rutschte er, die Hände am Boden, den Hintern auf Grashöhe, richtete sich auf, er fand den Tritt wieder und ritt in springenden Schritten die Wiese hinunter. Von hinten hörte er plötzlich jemanden schreien: »Bleib stehen, du Trottel! Was ist denn los? Was rennst denn so? Ist der Teufel hinter dir her?«

Dann der Zaun. Der ist zum Überspringen, der ist zu schaffen. Mit Schwung. Nur mit Schwung. Wer vor einem Hindernis stehen bleibt, hat verloren. Das ist eine alte Weisheit. Hindernisse nur im vollen Lauf, mit Geschwindigkeit. Der Schwung. Das ganze Universum würde in sich zusammenfallen, würde es nicht pausenlos rennen. Alles läuft, alles läuft wie geschmiert. Wohin nur? Es dämmerte bereits. Die Sonne stand schräg über dem Oberinntal. Ein Licht wie gelbes Feuer. Schatten. Die Schatten der knorrigen Obstbäume. Ein Baum stand genau vor dem Zaun und der Ast ragte hinüber, zeigte in voller Blüte auf Innsbruck hinunter, dass alles kräftig ist, treibt und wächst. Nichts machte es dem Baum, dass die Bretter an seinem Stamm festgenagelt wurden, er zu einer Zaunstütze wurde. Das hinderte ihn kein bisschen daran, im Frühling zu blühen und Früchte zu tragen, aber wie jetzt? Der Zaun, der Baum, springen? Hechten? Durchrollen? Seitensprung? Alles Möglichkeiten, und plötzlich ein erstes Brennen in den Oberschenkeln. Zu leicht wäre es, gäbe es immer nur eine Möglichkeit zum Weiterkommen, aber meistens, und das ist das Schwierige, gibt es zwei, drei. Daran scheiterten die Menschen. Selten an der Ausweglosigkeit. Selten landeten sie in einer Sackgasse. Meist waren es die freien Felder, die Wüsten, das offene Meer, wo sich die Menschen verliefen. Im Gebirge ist die Anzahl der Wege überschaubar. Das ist es, was er mochte. Eine überschaubare Anzahl von Möglichkeiten.

Er entschied sich, ohne weiter zu überlegen. Er war instinktiv, elegant, geschmeidig und sah eine leichte und erfrischende Variante. Er griff mit der linken Hand auf die oberste Latte des Zauns, beugte sich mit dem Schwerpunkt auf der linken Seite nach vorn, stieß ein Bein auf den Stamm, setzte das zweite nach, lief ihn mit ein, zwei Schritten hoch, streckte den linken Arm durch, der ganze Körper stieg immer weiter empor, bis er knapp über dem obersten Zaunbrett angelangt war – und jetzt sprang er schließlich drüber, mit der linken Hand am Zaun, der rechte Arm wehte durch die Luft. So landete er mit beiden Beinen parallel auf der anderen Seite. Elegant. Doch der Untergrund war weich. Richtig weich war er nur auf der rechten Seite, eine Mulde gab es da, und Johanns rechter Fuß, sein Talfuß, gab nach, sein Knie, sein Talknie gab nach, seine ganze rechte Seite, seine Talseite, wurde weich und sackte ein, als er in dem Moment nach links oben, zum Zaun und zum Obstbaum und den ganzen Hang hinaufblickte, da sah er zwei, drei Gestalten ebenfalls die Wiese hinunterpoltern wie eine Herde wild gewordener Ochsen, schnaubende und stöhnende Körper, die außer Tritt geraten waren, die den Hang heruntersprangen und -rutschten.

Scheißdreck! Verfluchter Scheißdreck!, dachte sich Johann. Klare Worte kamen ihm durch den Kopf. Doch er fing sich wieder. In der Furcht lernt man laufen.

Runter. Jetzt nur noch runter. Er überquerte einen weiteren Weg, dann über die nächste Wiese, stolpernd, jagend, was die Beine hergaben, was der Boden zuließ. Wir sind nichts weiter als Geröll am Abhang. Die ganze Menschheit, eine einzige Lawine, die alles zudrückt und unter sich vergräbt. Die großen Zeiten sind große Katastrophen, dachte er sich, und dann sah er diese Kleinigkeit, dass sich auf den letzten Metern sein Schuhband geöffnet haben musste, die beiden Bänderhälften schlenkerten wild durch die Gegend. Albtraum. Bei dieser Geschwindigkeit den Hang runter, in einem solchen Lauf offene Schuhbänder, da war ein Sturz vorgezeichnet, das war wie das »Bitte Lächeln« beim Fotografen, und dann Puff! Das ist wie im Bilderbuch, wie es Vater, Mutter, Oma, Opa, alle Verwandten, sogar die Nachbarn, alle erwachsenen Menschen immer berichtet hatten, das sich immer irgendwie zeigte und unausweichlich war.

Und jetzt waren seine Schuhbänder offen. Wie irre schwangen die beiden Enden der Bänder links und rechts über den linken Schuh. Was sollte er tun? Da kam schon die nächste Querung, ein Weg, davor eine Senke. Es drückte ihn rein, links weiter, straucheln, rutschen, in die Knie gehen, ausgleichen, die Arme links, rechts, rudern, Flügel schlagen, es geht weiter, alles stabil. Er lief die Straße nach oben, eine kleine Steigung, riss das linke Bein hoch. Er sprang, so gut es ging, mit dem rechten weiter, auf einem Bein hüpfte er die Straße entlang, mit kräftigen Sprüngen, das linke Bein angewinkelt, sein Körper leicht vorgebeugt, hochkonzentriert, hüpfend, in gleichmäßiger Fortsetzung seines springenden Rhythmus’: Nur nicht das Gleichgewicht verlieren!, und mit den Händen schnell, aber ohne Hektik, mit Ruhe, die beiden Enden des Bandes wieder zu einer Masche bringen, mit geschickten Fingern, sie verknoten und dabei das rechte Bein mit voller Kraft vorwärts stoßen, mit laut aufschlagender Sohle – und fertig! Beide Beine wieder am Boden, rechts hinunter, wieder in der Dorfgasse, ein guter Laufweg, fester Boden, vorbei am ersten Bauernhaus, seitlich der Garten, wie schön es wächst!

Doch plötzlich sah Johann einen Kuhkopf und dachte an Goebbels. In dem Moment, als dieses Rindvieh den Kopf aus seiner Koppel streckte, in seine Laufbahn hinausstreckte, und er die braunen Kuhaugen erblickte, dachte er an Goebbels. Kuh – Goebbels – Rindvieh – braune Augen, wie kam der Goebbels jetzt hierher? In seinen Gedanken dieser Goebbelskopf mit spitzem Kinn, breiter Stirn, und hier dieser lange Kuhschädel mit den großen Augen und rosa Nüstern, und da vorne, was stehen da so viele Menschen, Uniformierte überall … dieser Kuhkopf von Goebbels …

Ganz verwirrt war der Johann, ausgelaufen war sein Verstand vom vielen Rennen. Von Beginn an hatte ihn die Furcht weggetrieben von der Gruppe, den Berg hinauf, und der Wahn jagte ihn nun wieder hinunter. Wie blind hetzte er auf Wegen, die ihn wegführen sollten und doch wieder zurückführten. Zunächst erkannte er es gar nicht. Er sah den Kuhschädelgoebbels wie ein riesiges Bild vor sich, als er weiter die Dorfgasse hinunterlief, ohne zu beachten, dass sie vorne ja in die Schneeburggasse führte, genau dort, wo das Gasthof Goldener Bär war. Ein paar Schritte noch, vor ihm eine riesige Menschenmenge, die er nicht sah, die Polizei, Arbeiterinnen und Arbeiter, die herumstanden, schreiend, in Hektik, und Hakenkreuzler, die brüllten, im Chaos, und Johnann lief plötzlich nicht mehr weg, sondern direkt auf das Gasthaus zu, mitten in die Menge hinein, doch er sah nichts, hatte die Dorfgasse bereits verlassen und querte die Schneeburggasse wie blind. Aber jetzt, jetzt riss er doch die Augen auf und sah, wo er angekommen war, wollte abdrehen, stehen bleiben, rutschte und stieß mitten in die Annemarie.


So lernten sie sich kennen, die Annemarie und der Johann. Es war natürlich nicht Liebe auf den ersten Blick, aber dieser Zusammenstoß beeindruckte beide. Annemarie war zuerst recht verärgert, als dieser junge, keuchende und schwitzende Mann an ihr klebte, und Johann war es zunächst unangenehm, von einer Frau so abgebremst zu werden. Lieber wäre er in eine Mauer gelaufen. Aber sie kamen ins Reden. Annemarie erzählte, was so vorgefallen war, wie sie die Hakenkreuzler verprügelt hatten, und Johann spielte den Verärgerten, der trotz der Eile zu spät zur Auseinandersetzung gekommen war. Am nächsten und auch am übernächsten Tag trafen sie sich wieder. Der Vorfall beim Gasthaus Goldener Bär, der sich noch über Stunden hinzog – spätabends kam es sogar in Innsbruck noch zu weiteren Auseinandersetzungen –, war auch Tage später noch in aller Munde und ging schließlich als Höttinger Saalschlacht in die lokale Geschichte ein. Ein SA-Mann kam bei der Saalschlacht durch ein Messer zu Tode und wurde in einer groß angelegten Trauerfeier zu Grabe getragen. Beide Seiten hatten einige Verletzte, und etliche mussten ins Krankenhaus. Thusnelda blieb eine Narbe an der Stirn. Der Tiroler Landeshauptmann Dr. Stumpf verurteilte die Ereignisse und sprach von einer schweren Schädigung des Tiroler Fremdenverkehrs und der Tiroler Wirtschaft und von seiner Entschlossenheit, derartige Katastrophen zukünftig zu verhindern. In den Augen der Christlichsozialen und der Nazis lag die Schuld bei den marxistisch verhetzten Arbeiterinnen und Arbeitern und bei ihrem Anführer, dem Kuprian.

Annemarie und Johann saßen am darauffolgenden Sonntag oben beim Planötzenhof und lasen die Zeitung. Sie schimpfte über die Berichterstattung der »Innsbrucker Nachrichten«, bezeichnete es als Naziblatt und meinte, dass die Hahnenschwanzler auch noch draufkommen würden, dass mit den Hitleristen nicht anders umzugehen sei. Johann stimmte ihr zu und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass man sich noch irgendwie mit allen einigen könnte. Das hatte der Kuprian später auch gemeint. Und als Johann über das Inntal schaute, mit dem schönen Innsbruck und den Bergen rundherum, manche waren noch etwas angezuckert, und er die Annemarie reden hörte, wie sie von der Befreiung der Frauen redete und der Sexualität, da freute er sich schon auf den Sommer.

1.

Das war der Tag der Höttinger Saalschlacht, und in diesem Moment trafen sich die Wege von Annemarie und Johann zum ersten Mal. Sie stießen zusammen, verknäulten sich, und von diesem Zeitpunkt an waren ihre Lebensfäden miteinander verwoben. Von hier nahm auch mein Leben seinen Ausgang. Nun, nicht direkt, aber es ist mir wichtig, von hier zu beginnen, um meine Geschichte zu erzählen. Es wird nicht meine persönliche sein, denn meine eigene Lebensgeschichte spielt keine Rolle mehr.

Es geht mir um die Geschichte meiner Eltern, um die Geschichte dieser Stadt, wie sich die Gesellschaft in diesen Breitengraden entwickelt hat. Ich möchte erzählen, was sich hier zugetragen hat, da ich in den letzten Jahren meines Lebens so viele Ähnlichkeiten in einzelnen gesellschaftlichen Entwicklungen gesehen habe. Ich befürchte, dass es wiederkommt. Es geht dabei nicht um mich, denn für mich ist es zu spät. Ich habe die Auswirkungen des Faschismus gesehen und jene des Nationalsozialismus, und wir alle wissen, dass sie brutal sind und tödlich. Für sehr viele. Ich habe lange nicht gewusst, was es braucht und wie man sein muss, damit man das mitmacht. Es ist nicht viel. Es braucht so wenig, und man ist dabei – und so viel, um dagegen zu sein.

In den letzten Jahren sind mir einige Dinge durch den Kopf gegangen. Mir wurde immer mehr bewusst, wie sich vieles verändert hat. Nicht nur, dass ich älter und gebrechlicher wurde, sondern rund um mich entstand eine neue Zeit. Damit meine ich gar nicht nur die technischen Entwicklungen, die meine Gegenwart so anders als jene meiner Jugend oder Erwachsenenzeit erscheinen ließ. Ich meine die soziale Sicherheit, den aufkommenden Wohlstand, mit dem ich aufgewachsen und groß geworden war, den ich erlebt und so gut gekannt hatte. Diese Errungenschaften – und das waren sie für mich – wurden für immer weniger Menschen erreichbar. Mir wurde bewusst, dass wir, also die Generation, der ich angehörte, auf Pump lebten. Dass wir von der Zukunft einen Kredit genommen hatten und dass dieser zurückbezahlt werden musste.

Der Wunsch, davon zu erzählen, meine Eindrücke, Erfahrungen und Befürchtungen mitzuteilen, hat sich über die Jahre immer wieder bemerkbar gemacht. Und doch habe ich ihn so lange zurückgehalten. Immer, wenn sich dieses Bedürfnis zu reden, zu erzählen in mir aufgebaut hatte, stellte ich alle möglichen Dinge, Gründe und Bedenken darauf ab, bis es wieder verschwand. Also habe ich bis zum Schluss, bis zum Ende meines Lebens mit niemandem darüber gesprochen.

Vor drei Tagen wurde ich begraben. Als ich verstarb, konnte ich auf ein langes Leben zurückblicken. Meine Beerdigung, die ergreifenden Abschiedsworte, das viele Schwarz und die Tränen, das hatte mich berührt und nachdenklich gemacht, und plötzlich gab es nichts mehr, was draufzuschieben und zu stellen war, und da wusste ich, dass ich nun in die Erinnerung greifen und heben muss, was es noch zu erfassen gibt.

Zuvor kam mir bereits die Einsicht, dass sich die Zeit nicht nur vorwärts bewegt, sondern in ihrer Bewegung auch immer wieder Geschehnisse aufgreift, die vergangen sind. Ich stelle mir das wie bei einem Wasserrad vor, das stets von Neuem in den Fluss des Lebens hineingreift und Dinge und Menschen emporhebt, die schon einmal da waren. Ich weiß nicht, wie ich das besser ausdrücken kann. Ich versuche, es noch einmal anders zu sagen: Ich sah einzelne Personen und Figuren bereits zu meinen Lebzeiten immer wieder auftauchen und auch wieder verschwinden, und mich hat das nie wirklich beunruhigt. Die Herrschsüchtigen, die Quäler und Sadisten, die Hochstapler und all die Schnösel, Blender und Prahler. Aber heute, so scheint es mir, werden alle gleichzeitig emporgehoben und bestimmen über weite Teile unseres Lebens. Als würde unsere Zeit, die eine schwierige ist, weil sie irgendwie an einem Kipppunkt liegt, genau diese Kräfte wieder anschwemmen. Die Aussicht auf ein gutes Leben für alle Menschen zieht sich zurück, und angespült wird eine neue Form von Elend und Endzeit, Wut, Hass und Unsicherheit.

Ich verstehe nicht viel von Politik und bin grundsätzlich der Meinung, dass sich die Politik an der Zukunft orientieren soll. An der Jugend, damit diese überhaupt eine Zukunft haben kann. Ich weiß, dass das eine Binsenweisheit ist. Ich weiß auch, dass das alle behaupten. Niemand sagt ja: »Ich bin gegen Zukunft. Ich will, dass die kommende Generation den ganzen Dreck abkriegt.« So redet ja keiner. Und Dreck sagen sie schon gar nicht. Alle reden darüber, dass sie die Welt wieder zukunftsfit machen wollen und so weiter. Aber das ist pure Phrasendrescherei. Darüber will ich auch keine weiteren Worte verlieren.

Aber seltsam ist: Schon als junger Mann habe ich, wenn ich an meine Zukunft gedacht habe, zurückgedacht. An einen Ort, den ich mochte, an den ich mich gerne erinnerte, und von dort aus habe ich mir die zukünftige Zeit vorgestellt. Ich war als Kind viel in den Wäldern und Wiesen der Umgebung. Auf einem kleinen Hang an einem Waldrand gab es einen großen und kräftigen Kirschbaum. Durch die leichte Schräglage war er einfach zu ersteigen, denn er hatte auch eine starke Astgabel, an der man sich gut hinaufstemmen konnte, und dann war der Stamm leicht zu erklettern bis zu einer anderen Gabel, die eine ideale Sitzgelegenheit bildete und von der man einen wunderbaren Blick auf die Stadt hatte. Mein Ausblick. Manchmal war er blätter- und kirschenverhangen, jedoch war der Baum an dieser Stelle nicht so dicht verwachsen. Später habe ich sogar ein Sitzbrett in der Gabelung befestigt.

Stunden verbrachte ich dort und lauschte den Geräuschen der Vögel, dem Glockenspiel der Kühe, der Stadt mit ihren Motoren, sah zu, wie aus den Ruinen wieder Häuser wuchsen, sich die Stadt auszubreiten begann und die Jahreszeiten ins Land zogen. Von dort aus, von diesem Baum aus, erdachte und erträumte ich mir meine Zukunft, sowohl als Kind als auch später, als ich schon längst erwachsen war und woanders lebte. Nur von diesen Baum aus konnte ich mir eine Zukunft überhaupt erst vorstellen.

Gleichzeitig ist es nicht gut, sich oder irgendetwas anderes nur in der Vergangenheit zu suchen. Mit dem Blick nach hinten wird es schwierig, voranzugehen. Meistens ist das, was aus der Vergangenheit so golden glänzt, nichts weiter als eine Sinnestäuschung, da das Licht in einem zu spitzen Winkel darauf scheint. Wie beim Sonnenuntergang.

Wie beim Gehen sollten sich Zukunft und Vergangenheit hin und her bewegen. Ein Bein ist hinten und das andere ist vorn. Daraus resultieren die Bewegung und die Zeit. Nur wenn wir die Vergangenheit nicht verstehen, laufen wir Gefahr, das zukünftige Leben zu eliminieren, zu zerstören. Sie haben richtig gelesen. Bei meinem Begräbnis wurde mir bewusst, dass die Gegenwart den Weg der Zerstörung geht. Sie eliminiert Zukunft.

Doch die Gegenwart erscheint uns stets als vollkommen normal und gewöhnlich. Es gibt gute und schöne Zeiten, dann gibt es schwere Zeiten der Krisen und Spannungen, aber man gewöhnt sich schnell daran. Entlang der vielen Ereignisfäden bekommt alles einen Schein von Normalität, bis wir dann das Teppichmuster betrachten. Dann sehen wir es. Nur, wer schafft es schon, aus der Gegenwart aufzustehen und alles zu überblicken? Dafür reicht auch kein Baum, und sei er noch so groß.

Dennoch, auch schon als junger Mensch hatte ich immer wieder das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Zwar verschwand dieses Gefühl später wieder, jedoch in den letzten Jahren meines Lebens kehrte es wieder zurück. Es wurde sogar stärker. Es passte nicht mehr zusammen. Hundert Puzzlesteine aus hundert verschiedenen Bildern.

Das hatte nichts mit Pessimismus zu tun, mit meinem Alter oder der Tatsache, dass ich mein Lebensende schon anrücken sah. Meine Mutter hat immer gesagt: »Es wird schon werden.« Das war ihr Spruch, wenn sie nicht mehr weiterwusste. Es wird schon. Im Grunde hatte ich nie wirklich an ein Ende gedacht.

Erst jetzt, wo ich tot bin, sehe ich klarer. Erst durch mein Sterben konnte ich den Mut fassen, darüber zu reden, damit Sie selbst die Rückschlüsse zu den Geschehnissen in Ihrer eigenen Zeit ziehen können. Erst jetzt habe ich die Unbeschwertheit, darüber zu reden, wie es sich damals ereignet hat. Wie sich meine Eltern im Faschismus bewegten und später im Nationalsozialismus. Wie sie ein Teil davon wurden. Ich werde ein paar Episoden herausgreifen. Jene, von denen ich mir denke, dass ich sie unbedingt erzählen muss, da sie etwas zeigen und vielleicht auch unterhaltsam sind. Ich setze mit einem Tag im Sommer 1934 fort.

1. AUGUST 1934

Es war eine gute Idee, sich wieder mal gemeinsam zu amüsieren. Ob die Preise des Konzertabends mit Charly Gaudriot wegen der Vorfälle der letzten Woche gesenkt wurden, damit sich die Leute unbeschwert vergnügen konnten, war nicht auszuschließen. Annemarie vermutete es. Es kam ihr auch gelegen, denn mit dem Geld war das gerade so eine Sache.

Vor allem war es eine gute Gelegenheit, sich mit Thusnelda zu treffen. Sie hatten einander einige Monate nicht mehr gesehen. Etwas war passiert, und damit meinte Annemarie nicht die Hochzeit von Thusnelda und Romed und dass sie vor zwei Monaten einen weiteren Sohn bekommen hatten. Den kleinen Romed. Nein, es war etwas anderes. Annemarie wusste nicht genau, woran es lag. Vielleicht war es nur eine kleine Verschiebung, in den letzten Monaten war viel passiert und es hatte sich einiges verändert. Vielleicht war es aber auch nur eine Phase und es würde bald wieder so sein wie vorher. Die Hoffnung war, dass der Tanzabend die vollkommen aufgeraute Zeit wieder glätten könnte.

Dass beide, Thusnelda und ihr Gefährte Romed, zugesagt hatten, war eigentlich ein gutes Zeichen. Den kleinen Romed konnte sie für den Abend zu Antonia geben. Einer Freundin, die Annemarie kannte und auch mochte, aber ebenfalls seit Monaten nicht mehr gesehen hatte. Und das, nachdem sie sich mit Thusnelda über eine lange Zeit, es waren sogar fast zwei Jahre, mindestens ein bis zwei Mal in der Woche getroffen hatte. Da waren die Ausflüge, die sie in einer Gruppe mit anderen Freunden und Freundinnen unternahmen, gar nicht miteingerechnet. Nach Bregenz an den Bodensee fuhren sie, sogar nach Meran, und Wanderungen unternahmen sie, die zwei, drei Tage dauerten, mit Hüttenübernachtungen. Einmal gingen sie ins Landestheater, eine Oper anschauen. Aber meistens waren es Spaziergänge am Inn oder durch den Burggarten. Sie redeten viel, sehr viel. Annemarie wurde manchmal richtig schwindlig. Denn Thusnelda hatte einen ungewöhnlichen Blick auf die Welt. Das hatte sie von Anbeginn fasziniert. Bei ihr gab es keinen Herrgott, der dieses oder jenes machen würde. Bei ihr gab es nichts, das sie nicht tun konnte, weil sie eine Frau war. Ihr war es egal, ob sich etwas nicht gehörte oder schickte. Wenn etwas ethisch vertretbar war, ließ sie keine Einwände gelten, und das oberste ethische Gebot war die Gleichheit, gleichauf mit der Gerechtigkeit. Das war nicht selbstverständlich, denn vieles durften Frauen einfach nicht. So durfte die Frau vom Kuprian, die Maria, zum Beispiel nicht mehr als Lehrerin arbeiten, da sie verheiratet und Unterrichten für verheiratete Frauen verboten war. Und der Kuprian war ja nicht irgendwer, sondern ein Gemeinderat. Und solche Sachen gab es viele.

Annemarie hatte sich als junges Mädchen wahnsinnig für Medizin interessiert. Sie hatte auch immer Ärztin werden wollen. Kinderärztin. Aber das war unmöglich. Nicht nur, dass sie sich das sowieso nicht leisten konnten, der Vater verbot ihr auch, von solchen Dummheiten überhaupt zu reden. Dabei kannte sie sich mit 14 Jahren besser bei der Anatomie aus als Doktor Berner von Hötting. Der verwechselte nämlich immer die Leber mit der Niere und antwortete bei Fragen stets: »Ach, das geht vorbei. So oder so.« Als ihre Mutter so schwer mit Fieber im Bett gelegen war, hatte der Berner auch nur gewusst, dass es so oder so vorbeigehen würde, und sie pflegte dann die Mutter wieder gesund. Dennoch meinten alle damals, dass das eine hirnrissige Idee sei. Sie und Ärztin. Thusnelda war die Erste, die sagte, dass sie eine wunderbare Kinderärztin geworden wäre und es eine fabelhafte Idee gewesen sei. Aber, das meinte sie auch, dass es bei ihrer Herkunft schwer zu erfüllen sei. Hebamme oder Krankenschwester, das sei für Frauen aus ihrem Stand möglich, aber weiter würde es kaum gehen. Dann erzählte sie ihr, dass auch sie selbst nicht studieren konnte. Dass es ihr nicht erlaubt wurde, obwohl sie unbedingt wollte und aus einer bürgerlichen Familie kam und sich der Vater sehr liberal gegeben hatte. Zumindest nach außen.

»Wir müssen noch viele Hindernisse aus dem Weg räumen, bis wir Frauen so werden können, wie wir es uns vorstellen.« Diesen Satz schrieb sich Annemarie zu Hause auf, denn es gibt Sätze, die eine Hebelwirkung besitzen und Lasten, die man im Kopf hat, wegkippen können.

»In der Sowjetunion«, so erzählte sie ihr auch, »marschierten Frauen an der Spitze der Revolution mit und kämpften Seite an Seite mit den Männern und sind ihnen heute in allen Belangen gleichgestellt. Kolontai« – den Namen wiederholte sie immer wieder – »das ist eine unerschrockene Genossin. Von ihr können wir alle viel lernen. Dort, in der Sowjetunion, könntest auch du auf die Universität gehen, wie jede andere Arbeiterfrau auch. Dort könntest du ohne Probleme Ärztin werden.«

Aber nicht nur von der Sowjetunion erzählte sie ihr, sondern auch von Wien, der Hofburg und dem Prater mit dem Riesenrad, von dem man die ganze Stadt überschauen kann.

»In Wien findest du Menschen aus ganz Europa«, meinte sie, »wenn du da mit der Straßenbahn fährst oder durch die Straßen gehst, hörst du Menschen in allen möglichen Sprachen reden. Denn jede Großstadt wird aus den Trümmern des Turms zu Babel gebaut. Jeder Ziegel ist wie ein Wort aus einer anderen Sprache. Das macht die Schönheit einer Großstadt aus.«

Annemarie begann zu überlegen, wie viele Wörter anderer Sprachen sie kannte. Allzu viele fielen ihr nicht ein. Shalom und Bale. Das eine sagen die Juden, das andere die Jenischen. Friede und Kopf.

Dass es viele mehr waren, erfuhr sie dann von Marinus. Der zählte, nachdem sie ihm von Wien und dem Turm von Babel erzählt hatte, einen ganzen Abend lang Wörter auf. Die meisten davon kannte sie sogar, und er sagte dazu, aus welchen Ländern und Sprachen sie kommen. Aus dem Italienischen, Lateinischen, Griechischen, oder wie das Wort Rendezvous, das ursprünglich aus dem Französischen kommt. An diesem Abend war ihr, als wäre die ganze Welt zu Gast in ihrem Kopf.

In manchen Nächten, wenn Thusnelda ihr wieder einen ganzen Nachmittag von Wien erzählt hatte, träumte sie von dieser Stadt, den riesigen Häusern, die Bergen gleich in den Himmel ragten und den vielen verschiedenen Menschen, die in fliegenden Straßenbahnen durch die Straßen fuhren und auf breiten Gehsteigen gingen, von der Oper ins Theater, und wenn sie etwas kaufen wollten, spuckten sie einige Worte in die Faust und legen sie auf den Ladentisch. Ein paar Strümpfe kostet zum Beispiel ein amerikanisches ›Hello, how are you?‹.

Aber vor allem die Größe faszinierte sie: »In der Leopoldstadt«, so erzählte Thusnelda, »leben mehr Menschen als in ganz Innsbruck, und die meisten davon sind Juden«, fügte sie lachend hinzu. Annemarie schreckte es richtig. Sie konnte sich das gar nicht vorstellen, wie das gehen sollte. So viele Juden. In Innsbruck gab es zwar auch welche, aber bis auf die vom Bauer und Schwarz, also die vom Kaufhaus, kannte sie keine. Zumindest nicht bewusst. Sie kannte sie hauptsächlich aus der Zeitung, den »Innsbrucker Nachrichten«, denn dort wurde viel über das Problem mit den Juden geschrieben. Auch einige Professoren von der Universität warnten davor. Dass sie die Heimat zerstören würden und für unser Unglück verantwortlich seien. Da war sie richtig überrascht, als ihr Thusnelda erzählte, dass das eine Lüge sei. Richtig streng wurde sie dabei. Zwar gebe es im Land viel Unglück, aber für dieses seien andere verantwortlich. Die Klasse der Kapitalisten.

Dass die Juden an allem schuld sein sollten, das war ihr immer schon komisch vorgekommen. Denn was konnten Bauer und Schwarz dafür, dass es anderen schlecht ging? Die machten ja auch nur ganz normal ihr Geschäft wie die anderen Kaufleute. Manche Dinge waren bei Bauer und Schwarz wirklich günstiger, und wenn etwas zu teuer war, brauchte man es ja nicht kaufen. So kompliziert war die Sache eigentlich gar nicht. Man musste sich einfach selber Gedanken machen und die Dinge genau anschauen, fand Annemarie. Deshalb las sie auch viel, vor allem Broschüren und Zeitungen, die sie von Thusnelda ausgeliehen hatte. Dazu auch vieles aus der Bücherei. In der Zeit, als sie Johann kennenlernte, las sie gerade eine Reportage über Amelia Earhart. Die bewunderte sie! Die erste Frau, die den Atlantik überquert hatte. Den Atlantik! Hier in Innsbruck schauen sie eine Frau schon schief an, wenn sie mit einem Auto fährt. Aber die Earhart zeigte, dass alles, was die Männer können, auch von einer Frau gemacht werden kann. Sogar über ein riesiges Meer fliegen. Darum sagte sie damals beim Planötzenhof, bei einem ihrer ersten Spaziergänge mit Johann, auch zu ihm: »Wenn du mich nicht lieb hast, flieg ich über den Atlantik. Und wenn doch, dann nehm ich dich mit.«

Tanzen, das Annemaries Leidenschaft war, mochte Thusnelda gar nicht. Musik schon, aber eher eine zum Zuhören. Klassische Sitzmusik, nannte Annemarie das einmal, als sie ihr von der Oper in Wien erzählte. Ganz verdutzt hatte Thusnelda sie damals angeschaut, bis sie auflachte, so laut, dass schließlich beide darüber lachten. »An Ihnen erkennt man wieder einmal das Mädel aus der Provinz, weiß nichts von den Feinheiten orchestraler Klänge«, näselte Thusnelda ihr im kaiserlichen Tonfall zu, so, als wäre sie eine hochgestellte und feine Dame.

Das war schon zu einer Zeit, als sie sich bereits seltener trafen, aber noch bevor so vieles verboten wurde. Als man noch frei reden konnte. Im Spätsommer 1932 musste es gewesen sein. Die Nordkette nahm schon eine gelb-rote Färbung an, und an diesem Tag war es mittags ungewöhnlich heiß und sonnig. Von der Verletzung im Mai war eine Narbe zurückgeblieben, darüber und über die Raufereien der sogenannten Saalschlacht beim »Goldener Bär« redeten sie an dem Tag viel. Thusnelda wurde dabei immer ernster und pessimistischer. Sie meinte, dass Hitlers Zeit bald kommen würde. Annemarie begann sich am Ende fast schon vor der Zukunft zu fürchten. Während ihres Treffens fing es zudem an, stark zu regnen, sodass beide furchtbar nass wurden. Sie waren den Inn entlang nach Kranebitten spaziert und hatten vor lauter Reden gar nicht bemerkt, wie es bewölkter und dunkler wurde. Als sie umdrehten und zurückgingen, setzte ein wildes Gewitter ein. Zunächst stellten sie sich unter einen Baum und redeten weiter, doch der Regen wurde stärker. Immer mehr Tropfen flogen zwischen die Blätter, und sie wurden allmählich nass. Doch Thusnelda sprach immer verbissener und lauter, über das Donnergrollen hinweg, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter zu wenig täten, dass man den Einsatz verdoppeln müsse, die Stärke der Nazis immer mehr zunehme und sie nun alle Anstrengungen unternehmen müssten, um die Revolution hier einzuleiten, meinte sie, bis sie schließlich vollkommen nass dastanden. Und da sie nun schon mal nass waren, gingen sie im strömenden Regen nach Hause. Thusnelda erzählte Annemarie noch von Portugal, wo sich bereits eine Diktatur etabliert habe. Ein gewisser Salazar habe dort die Macht übernommen und reihenweise Männer und Frauen der kommunistischen Partei und Gewerkschaften verhaften lassen. Annemarie merkte in diesem Moment, wie wenig Kraft und Überzeugung sie für so eine Aufgabe hatte. Hier im Regen.

In dieser Zeit ging sie auch immer weniger ins Vereinsheim. Johann ebenso. Thusnelda hatte ihre eigenen politischen Treffen. Sie leitete das Frauenreferat der kommunistischen Partei in Tirol. Das hatte sie ihr nie verheimlicht und sie auch zu Treffen eingeladen, zu denen Annemarie anfangs auch hin und wieder gegangen war, aber die Kommunisten waren ihr ein bisschen zu radikal. Sie wollte ja keine Revolution, sondern nur ein besseres Leben, ohne viel Aufstand zu machen. Die Vorstellung einer Revolution hingegen machte ihr Angst. Sie verstand auch gar nicht, wie das gehen sollte, hier in Hötting oder in Innsbruck. Vielleicht war Thusnelda darüber enttäuscht, denn sie redete mit ihr viel über die Befreiung der Frauen und den Kampf der arbeitenden Massen und versuchte ihr zu erklären, wie das Leben in der Sowjetunion nun eine neue Gestalt annahm und sie es hier ebenso machen müssten. Einmal meinte Annemarie nur, der Stalin sei auch nicht besser und ein Halsabschneider. Dort würden die Menschen ebenfalls schuften und hätten alles andere als ein feines Leben. Vielleicht war das die Verschiebung.

Doch jetzt schauten die beiden einander an und strahlten. Annemaries Körper vibrierte. Ein sonderbares Glück schaukelte in ihren Beinen hin und her, alles in ihr war ausgefüllt von einer Zeitlosigkeit, vom Magen bis zur inneren Stirnseite rutschte ein zickiges Glänzen auf und ab, während sie sich im Tanzschritt drehte.

»Komm schon, Thusnelda. Komm, tanz doch auch!«

Die Kristalllichter warfen eine feinstoffliche Helligkeit in den Raum, in dem sich eine unbestimmte Gegenwart ausbreiten wollte, um so zu strahlen, als wäre sie das weiße Gebiss eines lachenden Mundes. Charly Gaudiot wusste, wie er Stimmungen erzeugen konnte. Er war ein richtiger Showman. Man sah, wie fröhlich die Leute waren, einige wurden ausgelassen, es wurde getanzt, geredet, getrunken und mit aufgerissenen Augen der Vorstellung gelauscht, denn jeder seiner Abende hatte auch seine romantischen Phasen und Momente der Sehnsucht. Das wusste Annemarie schon. Jetzt erlebte sie es hautnah. Die Komposition des Auftritts, für die er im ganzen Land berühmt war. Seine Bekanntheit als Bühnenmusiker bescherte ihm Dutzende Radioauftritte, zudem hatte er einige Lieder als Schellack herausgebracht, die fast alle zu Hits wurden. Seine Popularität wurde schließlich immer größer. Charly, wie ihn Annemarie für sich nannte, war ihr Star und sie war immer in heller Aufregung, wenn sie etwas über ihn in einer Zeitschrift lesen oder bei Bekannten im Radio hören konnte. Auch in Innsbruck wurde Charly Gaudriot mit seinem neuen Programm »Mein Herz ist eine Jazzband« groß angekündigt, und welches Herz will nicht ein Stück Jazz in sich tragen, den Rhythmus der Freiheit und Sorglosigkeit, der aus dem weiten Amerika selbst in dieses kleine Alpenstädtchen herüberschwappte und von Annemarie gierig aufgesogen wurde. In den Momenten, in denen sie tanzen konnte, fühlte sie sich entgegen ihrer sonstigen Ängstlichkeit so furchtlos, weil sie sich in ihrer unbedingten Unschuld erleben konnte. Deshalb tanzte sie in aller Anstrengung, warf ein Bein vor das andere, das eine, das andere, immer schneller schlug sie ihre Beine aus, wippte mit dem Becken, seitlich, vor und zurück, schaukelte die angewinkelten Arme hin und her, und dabei geriet sie in eine Leichtigkeit, die alles andere verdrängte. Doch es war genau die Art von Leichtigkeit, der etwas Tragisches anhaftet, mit der sie im Tanz ihrer Angst verzweifelt etwas viel Größeres entgegenzustellen versuchte: Das, was sie ihrer Ansicht nach eigentlich verdiente, war Glück.

Annemarie kannte diese berauschende Wirkung von Musik, Tanz und Alkohol bereits von den Jazzabenden im Tanzcafé Schindler, als sie mit ihrem ganzen Körper swingte und lachte, wildfremde Männer aufforderte, es ebenso zu versuchen, mit den Beinen und noch schlimmer mit dem ganzen Körper dem Rhythmus der Musik nachzugehen. Bis zum Ende, wenn sich alle Sinne und jeder Muskel weit draußen im Meer der Musik auflösen. Bei diesem Menschenschlag hier in Tirol war das – selbst beim Schindler – jedoch nicht einfach. Jede freie Bewegung wurde als liederlich gebrandmarkt. Dort im Tanzcafé wurde es zwar toleriert, dennoch ging sie dort nur mit Adelheit hin. Zur Sicherheit. Sie galten bald als die beiden tanzverrückten Mädchen aus Hötting. Als ein bisschen übergeschnappt, aber harmlos.

»Übergeschnappt ist man in dieser schwankenden Zeit recht bald«, hatte Annemarie einmal zum Kellner gesagt, der sich über ihre wilden Tanzfiguren ärgerte, wenn er sein Sekttableau durch die Menge balancierte. Aber das war jetzt auch schon ein Jahr her. Damals schien sich für sie das Glück an der Freude über die nächsten Tage zu erschöpfen. So schob es sich in einer schier endlosen Kette ewig neuer Morgen und Abende dahin.

In diesem Moment aber schien das Glück bei ihr zu sein. Sie spürte es jedenfalls und war zufrieden. Thusnelda stand etwas unbeholfen neben ihr an eine Säule gelehnt und lächelte ihr zu. Auf Annemaries Wink hob sich Johann vom Tisch und wackelte ihr rhythmisch entgegen. Als die Band ihren Klassiker anstimmte, hüpfte Annemarie vergnügt dem Johann entgegen, fasste ihn beim Nacken und flüsterte ihm ins Ohr: »Schön, dass du hier bei mir bist.« Dann begann sie gemeinsam mit einigen anderen in Einklang mit Charly, dem König dieses Abends, dem Jazzkönig, auf der Tanzfläche zu singen.

»Heiß küsst Anuschka, wenn du den Himmel offen siehst, heiß küsst Anuschka, bis du vor Glück besoffen bist.«

Dann ritten die beiden in entgegengesetzten Richtungen auseinander, drehten sich, Annemarie winkte im Drehen Thusnelda zu, und beide steppten einander wieder entgegen.

»Heiß küsst Anuschka, bis dir das Herz im Flammen steht, heiß küsst Anuschka, bis sein Verstand zum Teufel geht.«

Wie ein kleines Kind im Ringelspiel fühlte sie sich jedes Mal, wenn sie sich losgerissen von Johann um ihre Achse drehte, den Kopf nach hinten neigte und ihrer Freundin zuwinkte, als wollte sie ihr zeigen, wie gut sie schon fliegen konnte.

Nach dem Lied setzten sich beide wieder zu Tisch. Thusnelda saß bereits dort und war in ein Gespräch mit Romed vertieft, der etwas nervös an seiner Fliege herumfingerte.

»Thusnelda, Romed, ihr müsst unbedingt tanzen!«

Annemarie war ganz außer Atem und ließ keine Zweifel an ihrer Präsenz aufkommen. »Es ist wundervoll hier. Viel besser als beim Schindler. So groß und weit. Man fühlt sich in einer anderen Welt. In New York, Paris oder in Wien. Die Musik treibt einen richtig fort und lässt einen ganz adelig werden.«

»Wegen der Akustik«, ergänzte Johann. Animiert durch Annemaries Ausführungen und noch ganz in der Energie des Tanzes gestikulierte er ausladend in alle Richtungen, auf die Galerie und die Balkone, die Bühne mit dem kräftigen, weinroten Vorhang und die dicht stehenden Tische, als wäre er der Architekt und müsste den Auftraggebern sein Werk präsentieren. Zum Abschluss seiner kleinen Führung zeigte er auf die mit Stuck verzierte Decke, dass alle ihre Köpfe nach oben richteten, und ergänzte wissend: »Der Stadtsaal ist natürlich auch dafür gebaut.«

Thusnelda und Annemarie schauten nun interessiert in alle Richtungen und nickten zustimmend. Romeds Blick blieb eine Weile an den großen Lustern, die von der Decke hingen, haften.

»Nur dieses Klimbim dort, ich brauch es nicht«, meinte er.

Johann fühlte sich nun fast zu einer Antwort verpflichtet und nuschelte etwas vom »Glanz des Kristalllichts«, doch da setzte schon Thusnelda ein: »Mein Vater war mit mir einmal im Rathaus in Wien. Da gibt es einen Luster, der wiegt über drei Tonnen. Wenn da der Wind reinpfeift, muss es ein schönes Geklimpere geben, hab ich mir damals gedacht. Heute frage ich mich, wie sich bei solch einer tonnenschweren aristokratischen Pracht ein roter Bürgermeister überhaupt wohlfühlen konnte?«

»Der müsste ja jedes Mal rot werden, wenn jemand das Licht anmacht«, warf Johann lachend ein, doch Thusnelda ließ sich von ihren Ausführungen nicht abhalten.

»Man muss die Häuser, Zimmer und Säle prunklos und schlicht bauen und ihnen eine schöne Form geben. Einfach und funktional, dann hat man meistens auch verstanden, worum es bei dabei geht. Das Geschnörkel« – und dabei verdrehte Thusnelda mit ihren Fingern die beiden unsichtbaren Enden eines Zwirbelbartes – »zeugt vom abgehobenen Geschmack des Adels und der Bourgeoisie. Ich brauch es nicht mehr.«

»Und ich hab’s nie gebraucht«, schob Romed nach.

Die vier redeten noch eine Weile so dahin. Über die Neue Siedlung, die gerade beim Inn in Sieglanger gebaut wurde und deren erste Häuser bereits fertiggestellt waren. Einhellig bekundeten sie ihre Ablehnung. Zu weit von der Stadt entfernt, und Romed fügte noch hinzu: »So was Hässliches baut man selten wo«, was den Beginn eines heiteren Austausches von Schadenfreude über die Regierung einleitete. Wobei die jetzige Regierung, und das wussten alle, die am Tisch saßen, eine Diktatur war.

»Der Dollfuß möchte zwar in die Fußstapfen von Mussolini steigen, und es kann schon sein, dass dieses Männlein große Füße hat, aber alles andere ist bei ihm um zwei, drei Nummern zu klein. Diese Diktatur wird nicht mehr lange halten.«

»Du meinst die Nazis, werden …?«

»Die Nazis oder wir.«

»Jetzt, wo sie den Hickel ermordet haben, werden die Heimwehrler wohl etwas härter mit den Nazis umgehen.«

Auch wenn Annemarie und Johann das Ereignis am Mittwoch vor einer Woche über die Zeitungen genau verfolgten, wurden sie doch etwas gleichgültig gegenüber den politischen Geschehnissen. Beide beschlossen nach den Ereignissen im letzten Februar, sich von der Politik abzuwenden. Annemarie meinte, wenn wir nicht mehr Sozialdemokraten sein dürfen, dann sind wir eben gar nichts mehr. Johann nickte und bestätigte lauthals ihren Entschluss. Er war froh darüber, denn jetzt noch Sozialdemokrat zu sein, hätte gefährlich werden können.

Die kampflose Niederlage im Februar hatten Annemarie trotz aller vorherigen Enttäuschungen dennoch einen Stich versetzt. Nach den ganzen Versprechungen und großen Worten der Vorsitzenden hatte sie insgeheim noch gehofft, dass auch hier etwas passieren würde. Dass sie sich wehrten. Fast ein ganzes Jahr, seit dem März 1933, als Dollfuß das Parlament aufgelöst hatte, war darüber debattiert worden, wie die Sozialdemokratie die Heimwehr und die Christlichsozialen mit ihrem wild gewordenen Kanzler in die Knie zwingen und wieder zurück in den Sitzungssaal bringen könnten.

»Das muss man sich vorstellen«, hatte Annemarie damals zu Johann gesagt und sich dabei an den Kopf gegriffen. »Da marschiert die Heimwehr mit ihren Revolvern und Gewehren vor unserem Parteihaus und dem der Gewerkschaft herum, obwohl jeder Aufmarsch von den Militärs verboten ist. Und was passiert? Nichts! Das wird geduldet. Kaum gibt unser Kuprian eine Alarmbereitschaft aus, werden unsere Lokale durchsucht, sogar in die Wohnungen kommen sie.«

Johann kannte diese Geschichte natürlich auch, denn es stand ja alles in der Zeitung, und Jakob hatte ihm ausführlich darüber berichtet. Jakob war ja beim Schutzbund und bekam alles hautnah mit.

»Aber was berichten die Zeitungen? Vom großen Waffenfund reden sie. Haselnussstöcke und ein paar alte Flinten und Revolver. Mit dem Gerümpel hätten wir sowieso nichts mehr anfangen können. Doch damit nicht genug, nehmen sie auch noch den Kuprian in Haft und verbieten gleich den ganzen Schutzbund. Und in der Zeitung schreiben sie, dass die Sozialdemokratie einen Putsch oder gar einen Bürgerkrieg geplant hätte. Wenn eine jede von diesen unnötigen Blättern abgedruckte Lüge riechen würde, dann würden die meisten Zeitungen mehr stinken als der größte Misthaufen von ganz Hötting.«

Das war am 1. April 1933. An diesem Tag explodierte in Annemarie etwas, und es kam alles heraus, was sich über die letzten Wochen bei ihr angestaut hatte. Und das war gar nicht wenig. Auslöser war ein Scherz, den Johann zuvor am Vormittag gemacht hatte. »Einen saudummen«, so bezeichnete ihn Annemarie nachher. Gerade als sie vom Bettenmachen ins Zimmer kam, rief er vom Küchentisch: »Schnell, zieh dir eine Weste über, Jakob war gerade da. Der Generalstreik fängt an. Wir sollen alle zum Hotel Sonne kommen!«

Das Hotel Sonne war der Hauptsitz der Sozialdemokratie und ein prächtiges Gebäude mitten in Innsbruck. Annemarie war natürlich sofort in voller Aufregung und warf sich im Nu eine Weste über und wunderte sich, dass Johann so ruhig am Tisch saß und sich die Hand so komisch vor den Mund hielt. Sie war schon bei der Tür und wollte ohne ihn losrennen, da blickte sie sich nochmals zu ihm um und sah erst jetzt, dass er sich bereits vor Lachen beugte und hustete. Vor lauter Belustigung hatte er das Frühstücksbrot verschluckt und bekam nur noch ein röchelndes »1. April, mein Schatz, 1. April« heraus. Sie fand es gar nicht lustig und war sogar so sauer, dass sie mit ihm den ganzen Vormittag nicht mehr redete. Doch zuvor hielt sie ihm noch wütend einen Vortrag. Mit »weißt du« eröffnete sie ihm rhetorisch geschickt, »das mit dem Schutzbund interessiert sowieso niemanden mehr. Heute in der Früh, am Markt, haben sie alle nur noch über das Lechtaler Erdbeben geredet. Da sind nämlich ein paar Bauernkästen umgeflogen. Das ist wahrhaftig eine Tragödie! Auch über die gestrigen Angriffe der Nazis auf die Heimwehrler in Imst, auch darüber hat niemand geredet. Das alles hat keine Wichtigkeit mehr, weil es ja im Lechtal einem Bauern die Tabakdose vom Tisch geschleudert hat. Verstehst du? Da hat es ein bisschen geruckelt und ein bisschen gepoltert, und schon sind die Menschen wie brave Rindviecher und froh, dass sie nur gemolken werden und nicht gleich geschlachtet, und dir fällt nichts Besseres ein, als darüber Witze zu machen. Ha! 1. April. Schick mich ruhig dorthin, wo der restliche Schutzbund schon längst sitzt. Im Witzfigurenkabinett!«

Dass Annemarie auf diesen Scherz so heftig reagierte, überraschte Johann dann doch. Er entschuldigte sich auch und meinte, dass ihm nichts Blöderes eingefallen sei. Am liebsten hätte er sie zu Mittag auch ausgeführt, sie zum Essen eingeladen, aber das mit dem Geld war gerade so eine Sache. Es war eine schwere Zeit. Er half ihr dafür beim Kochen und schälte die Kartoffeln besonders sauber und hoffte, dass es ihr auffallen würde.

Irgendwas war ihr auch aufgefallen. Vor allem, dass er sie im Haar streichelte und am Ohrläppchen küsste, wie er es anfangs gemacht hatte. Später entschuldigte sie sich bei ihm. Es war ja nicht seine Schuld, dass es keinen Generalstreik gab, sondern nur Hinhaltungen. Nach dem Essen redeten sie darüber bei einer Tasse Kaffee, den er sich in den letzten Wochen zusammengespart hatte – für besondere Momente. Und dieser 1. April war ein besonderer Moment.

Auch weil Annemarie mit Ende März so gut wie arbeitslos war. Im Hotel brauchte man sie nicht mehr, da kaum Gäste kamen, und in der Werkstatt vom Vater gab es auch kaum etwas zu tun. Nur in der Käserei half sie ein paar Tage im Monat noch aus. Noch schlimmer war es bei Johann. Seit dem vergangenen Sommer hatte er schon keine Arbeit mehr gefunden. Die Möbeltischlerei hatte zugesperrt. Anfangs konnte er noch bei einer anderen Tischlerei gelegentlich aushelfen, doch auch die waren nun in Schwierigkeiten. Das Geschäft lief überall schlecht. Johann war mittlerweile ausgesteuert und bekam überhaupt keine Unterstützung mehr.

Dabei hatte der letzte Sommer so schön begonnen. Die vergnüglichen Spaziergänge und Wanderungen zu Sommerbeginn – sie waren sogar ein paar Mal beim Schindler, sogar am Inn baden waren sie, und im August wollte er auch um ihre Hand anhalten, aber hatte zunächst nicht den Mut, weil er ja Annemarie nun nichts mehr bieten konnte. Doch eine frische Liebe ist kräftig, und auf Annemaries Zureden traute er sich dann doch.

Die Hochzeit hatte im Herbst stattgefunden. Nichts Aufregendes, eher im kleinen Rahmen und bescheiden. Thusnelda und Romed waren auch eingeladen, und Annemarie hatte zur Feier des Tages ein original ungarisches Gulasch gekocht, mit viel Paprika. Scharf hatte sie es gemacht, so wie die Liebe sein soll, mit viel Feuer. Das war schon außergewöhnlich für Hötting und darüber war in den darauffolgenden Tagen noch viel geredet worden.

Kurze Zeit später hatten sie eine kleine Wohnung bezogen, mit Zimmer und Kabinett, neben der Wohnung von Annemaries Eltern. In der Wohnung hatte zuvor ihr Cousin gewohnt, der nach Deutschland ausgewandert war, um dort zu arbeiten. Ihr Chef vom Hotel, Cornelius, dem auch das ganze Haus gehörte, gab es ihnen zu einem günstigen Preis. Er kannte ja die Familie schon lange und wusste, dass sie sehr fleißig, aber manchmal mit dem Geld etwas glücklos waren. So ungefähr drückte er sich bei der Übergabe aus, schüttelte den beiden anschließend die Hand und wünschte alles Gute.

Seit ihrer Hochzeit hatten sie Thusnelda und Romed kaum noch getroffen. Dass Johann arbeitslos war, hatten sie ihnen gar nicht erzählt, und dass es ihr auch nicht viel besser ging, auch nicht. Aber wem ging es in dieser Zeit schon gut, dachte sich Annemarie, als sie dann vor gut einer Woche zu Thusnelda spazierte, um ihr vom Abend mit Charly Gaudriot zu erzählen. Über die letzten Monate hatte sie eine kleine Geldreserve angelegt und von dieser die verbilligten Karten gekauft. Auch wenn ihr bewusst war, dass Thusnelda keine Tänzerin war und sie wahrscheinlich nur ihr zuliebe hingehen würde. Die Karten waren für Annemarie auch primär als Geschenk an sich selbst gedacht. Sie wollte wieder einmal ausgehen und sich mit Thusnelda vergnügen, aber vor allem wollte sie etwas von ihrer Kraft und Stärke spüren, denn die war ihr im letzten Jahr immer mehr verloren gegangen. Sie fühlte sich so matt wie ein altes ausgewundenes Bodentuch. Aber im Tanz würde sie sich wieder lebendig fühlen können und frei sein, und nur im Tanz spürte sie diese Kraft und Stärke in sich. Johann erzählte sie davon nichts. Er hätte sie wahrscheinlich für verrückt gehalten, denn für ihn war alles Leben ein bisschen wie ein Verbrennungsmotor. Einschalten, mit Treibstoff füttern, bewegen, füttern, bewegen und ausschalten. Aber das war es nicht, und manchmal muss man einfach seltsame Wege gehen, um wieder ein Stück weiterzukommen.

»Ich glaub nicht, dass die Nazis den Hickel wirklich ermorden wollten. Das waren zwei Lausbuben, die sich aufspielen wollten. Ihr wisst ja, wie das ist. Mit Brutalität kommst du bei dieser Bande am schnellsten zu Ansehen«, nutze nun Johann die kurze Jazzmusikpause.

»Und der Mord an Dollfuß, Johann: Waren das auch Lausbuben?«, widersprach ihm Romed. »Nein, nein, die Hakenkreuzler wollen die Kruckenkreuzler aufs Kreuz legen.«

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242 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783990650646
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Bookwire
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