Czytaj książkę: «Schlaf schön»
Andrea Revers wurde 1961 in Brühl/Rheinland geboren. Sie ist Diplom-Psychologin, studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften und machte eine Ausbildung zur Journalistin und Marketing-Beraterin. Sie lebt in der Eifel und widmet sich nach langjähriger Tätigkeit als Management Trainer und Coach nun voll und ganz dem Schreiben. Sie verfasste Bücher, Fachartikel und zahlreiche Kurzkrimis. 2011 wurde sie für den »Deutschen Kurzkrimipreis« nominiert. Schlaf schön ist ihr Romandebüt. www.andrearevers.de
Andrea Revers
Schlaf schön
Eifelkrimi


Originalausgabe
© 2020 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim
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Telefon: 0 65 93 - 998 96-0
Umschlaggestaltung: Ralf Kramp unter Verwendung von
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Lektorat: Nicola Härms, Rheinbach
Druck: CPI books, Ebner & Spiegel GmbH, Ulm
Printed in Germany
Print-ISBN 978-3-95441-537-3
E-Book-ISBN 978-3-95441-547-2
Dieser Roman wurde durch eine reale Begebenheit inspiriert: Im Mai 2009 erkrankten im Hillesheimer Katharinen-Stift dreizehn Bewohner auf zunächst unerklärliche Weise. Elf von ihnen starben. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. Nach einigen Wochen wurden diese ergebnislos eingestellt. (Quelle: Spiegel Online vom 1.7.2009, 18:14 Uhr: »Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein«)
Diese vorliegende Geschichte ist reine Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Inhalt
Über den Autor
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Epilog
Danke
Prolog
Die alte Frau lag zitternd in ihrem Bett. Ihre Hände fuhren unruhig über die Bettdecke, ihre Augen zuckten hin und her. Alles war so fremd hier. Wo war sie? Wie war sie hier hergekommen? Sie stöhnte laut auf. Da öffnete sich die Tür ihres Zimmers. Blinzelnd erkannte sie im hellen Schein des Flurlichts eine dunkle Gestalt. »Ich will nach Hause«, ächzte die Alte und wollte aufstehen.
»Psst!«, flüsterte die Stimme. »Ruhig! Bald bist du zu Hause. Schlaf schön.«
Die alte Frau schloss die Augen, riss sie aber sofort wieder auf. Etwas geschah mit ihr. Sie hatte plötzlich einen metallischen Geschmack im Mund. Mit schreckgeweiteten Augen wollte sie sich aufrichten, doch eine feste Hand drückte sie zurück in ihr Kissen und fixierte ihre Hände.
»Bald geht es dir besser! Versprochen.«
Die alte Frau wehrte sich nicht länger und beruhigte sich langsam. Ihre Gesichtszüge entspannten sich. Sie hatte die Augen geschlossen.
Die dunkle Gestalt wartete noch einen Augenblick und verließ dann das Zimmer.
Am nächsten Morgen war die alte Frau tot.
1. Kapitel
Änne ist tot!«
Frederike hatte kaum den kleinen Saal der dörflichen Gaststätte betreten, als Grete sie schon mit der Nachricht überfiel. Sie schob sich auf ihren Platz an der Eckbank. Die Chorprobe hatte noch nicht begonnen. Gerade lief der Wirt durch den Saal und nahm die Bestellungen entgegen.
Frederike konnte es kaum glauben. »Das gibt’s doch nicht! Ich habe sie doch kürzlich erst auf dem Kirchhof getroffen. Da wirkte sie noch so fit.« Sie war bestürzt.
Die nun tote Änne war bis zu ihrem Umzug ins Heim vor knapp zwei Wochen eine feste Größe im Sopran gewesen, und auch wenn ihre Stimme in den Jahren etwas zittrig geworden war, galt Änne als ausgesprochen tonsicher. Da war es schon ein Verlust gewesen, als sie mit ihren sechsundachtzig Jahren beschlossen hatte, ins St. Ägidius nach Hillesheim zu ziehen und damit Leudersdorf und dem Kirchenchor den Rücken zu kehren.
Elsbeth, ein voluminöser Alt mit einem Mordsbusen – alles Resonanzboden, wie sie gerne kicherte –, war erst vor zwei Tagen bei ihr zu Besuch gewesen.
»Änne sah gar nicht gut aus. Ich persönlich würde ja nie in ein Altersheim gehen, da kümmert man sich doch kaum um den Einzelnen. Und diese hektische Pflegerin – also, das geht gar nicht. Ich sag ja immer, zu Hause ist es am schönsten. Nein, was bin ich froh, dass ich Kinder habe. Die Silke hat schon gemeint, dass sie mich später zu sich ins Haus holen würde. Aber da gibt es ja nur diese kleine Einliegerwohnung, und da liegt der Eingang auch noch hinterm Haus …«
»Was hat sie denn erzählt?«, unterbrach Frederike den Redefluss.
»Die Silke meint …«
»Nein«, stöhnte Frederike, »natürlich die Änne. Wir reden hier von Änne. Schon vergessen?«
Elsbeth sah sie leicht beleidigt an. »Nichts hat sie erzählt, sie hat ja kaum geredet.«
»Kein Wunder, bei deinem Redefluss ist sie wohl nicht zu Wort gekommen«, nuschelte Frederike in sich hinein und erntete dafür ein zustimmendes Grinsen von Grete rechts von ihr.
»Wie hat sie denn ausgesehen?«
»Hab ich doch gesagt: schlecht!«, pampte Elsbeth, die die kleine Nebenbemerkung anscheinend gehört und durchaus übel genommen hatte.
»Was meinst du mit ›schlecht‹? Kannst du das konkretisieren?«, hakte Frederike nach und bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass sie ihren »Verhörmodus« eingeschaltet hatte. Bis zu ihrer Pensionierung war sie Kommissarin bei der Düsseldorfer Kripo gewesen (Mordkommission!), und alte Muster sterben eben schwer.
Grete mischte sich ein: »Schaltet mal einen Gang runter. Wir sind schließlich zum Singen hier«, und zeigte auf das genervte Gesicht des Dirigenten.
»Meine Damen, meine Damen«, fistelte der, »Silentium! Ich erinnere an unsere nächste große Aufgabe. Wir wurden gebeten, für die Wallfahrt nach Barweiler drei Lieder beizusteuern. Wie sieht es aus?«
Versonnen ging Frederike nach der Probe nach Hause. Das mit Änne tat ihr leid, sie hatte die Alte gemocht.
Im Wohnzimmer fiel sie in einen bequemen Ledersessel, zog die Schuhe aus und legte die Füße entspannt auf den Tisch. Sie mochte dieses Zimmer, so wie sie ihr ganzes Haus mochte. Es war ihr ehemaliges Elternhaus, und daher verband sie viele Erinnerungen mit den einzelnen Räumen. Doch hatte sie, als sie vor acht Jahren in die Eifel zurückehrte, das Haus von Grund auf sanieren lassen. Erinnerungen waren gut und schön, doch sie wollte nicht in einem Museum leben. Sie bewohnte ihr Haus allein, nur Hannelore durfte ihr Gesellschaft leisten. Hannelore war ein Kater – gut, der Name war nicht klug gewählt, aber was wusste man schon bei einem acht Wochen alten Katzenkind über das Geschlecht –, und beide hatten sich schon an den Namen gewöhnt, als die Tierärztin bei der Impfung den Irrtum feststellte. Hannelore war inzwischen vier Jahre alt, ein wenig behäbig und leicht übergewichtig, wie viele seiner kastrierten Artgenossen. Er lag auf dem anderen Ledersessel, der schon deutliche Spuren seiner Krallen aufwies.
Frederike war geschieden – schon seit achtzehn Jahren, und ihre Erleichterung, als sie ihren Mann endlich los war, war so groß gewesen, dass sie nie mehr Interesse daran gezeigt hatte, sich wieder zu binden. Es war eine unangenehme Scheidung gewesen, mit viel schmutziger Wäsche und einer anschließenden fast einjährigen Stalking-Phase. Sie war weggezogen, hatte die Stelle gewechselt und hörte nach einigen Jahren, dass ihr Mann wieder geheiratet hatte. Inzwischen dachte sie nur noch selten an ihn. So war Hannelore der einzige Kerl in ihrem Leben.
Hier, in diesem Vierhundert-Seelen-Dorf, hatte sie mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen. Es war ihr leichter gefallen als vermutet. Die heimische Sprache, alte Bekannte aus der Schulzeit und der Nachbarschaft – all das war »Heimat« und strahlte ein Gefühl von Geborgenheit aus, das Frederike seit ewigen Zeiten nicht mehr erlebt hatte und von dem sie gar nicht wusste, wie sehr sie es vermisst hatte. Sie war angekommen in der Eifel. Oder vielleicht auch nie richtig weg gewesen.
Müde ging sie zu Bett. Sie dachte an Änne. So schnell konnte es gehen.
2. Kapitel
Es nieselte. Das richtige Wetter für eine Beerdigung, dachte Frederike. Sie fuhr mit dem Kamm durchs strubbelige Haar und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel: ein rundes Gesicht mit rötlich-grauem Wuschelkopf, leicht geröteten Wangen und blitzenden grauen Augen, zweiundsiebzig Jahre Lebenserfahrung, die sich in kleinen Fältchen und Runzeln niederschlug. Sie gefiel sich immer noch ganz gut, wenn sie auch sonst ihrem Äußeren kaum Aufmerksamkeit schenkte. Mit dem schwarzen Trenchcoat war sie wohl angemessen gekleidet. Der Chor würde in der Kapelle zu Ehren von Änne ihr Lieblingslied singen. Die Himmel rühmen. Ausgerechnet! Sie seufzte, ein letzter Blick in den Spiegel. Los ging’s.
Frederike betrat die Kapelle und stellte sich zu ihren Sangesschwestern. Was für ein dämliches Wort! Alle wirkten angespannt und traurig. Die Beerdigung war gut besucht, denn Änne hatte ihr ganzes Leben hier in diesem Dorf verbracht und war in der Gemeinde beliebt gewesen. Zudem boten Beerdigungen im dörflichen Umfeld eine gewisse Attraktion. Da ging man einfach mit, fürs letzte Geleit, weil es sich so gehört, weil es immer so war. Interessiert betrachtete Frederike die beiden Töchter von Änne, die mit ihren Familien einschließlich Kindern und Enkeln erschienen waren. Alle in schwarzer Kleidung, mit ernsten Gesichtern und leisen Stimmen. Hier war echte Trauer spürbar. Und auch eine gewisse Fassungslosigkeit. Trotz des hohen Alters von Änne hatte anscheinend keiner, der sie kannte, mit ihrem plötzlichen Ableben gerechnet.
Nach der Beerdigungszeremonie verliefen sich die Besucher, nur ein harter Kern von Verwandten und Freunden, zu denen natürlich auch der komplette Kirchenchor gehörte, sammelte sich, um gemeinsam in der örtlichen Dorfkneipe, in der man sonst probte, bei Kaffee und Kuchen gemeinsam weiterzutrauern. Wie schon oft von Frederike beobachtet, veränderte sich die Stimmung der Beerdigungsteilnehmer nach und nach. Es wurde lauter, man begrüßte alte Bekannte und Verwandte und schwelgte in Erinnerungen. Der Kaffee floss in Strömen, und Butterkuchen mit Streusel bot die kohlehydrathaltige Basis für Loslassen und Lebensmut. Das Leben ging schließlich weiter. Nirgendwo spürte Frederike den Lauf des Lebens deutlicher als bei solchen Beerdigungsritualen. Deshalb hielt sie nichts von anonymen Urnenbegräbnissen. Da war sie ganz traditionell. Zum Abschiednehmen gehörten eine Aufbahrung im Sarg, eine Messe und der Beerdigungskaffee. Haken dran und weitermachen. So hatte sie es immer gehalten. Bei ihrer Arbeit bei der Mordkommission hatte ihr der Tod oft näher gestanden als das Leben.
»Was bist du so gedankenverloren?«, fragte Grete sie von der Seite. »Willst du noch einen Kaffee?«
»Gerne.« Frederike schob ihr die Kaffeetasse hin.
»Ist aber nur der koffeinfreie.« Grete kicherte. »Anscheinend gönnt man uns in unserem Alter die volle Dröhnung nicht mehr.«
Frederike runzelte die Stirn. Da machte die Plörre ja überhaupt keinen Sinn. Doch dann winkte sie ab. »Schütt rein. Zumindest ist er heiß. Es hat heute tüchtig abgekühlt. Ich bin ganz durchgefroren von dem Nieselregen.«
Elsbeth drängte sich mit auf die Bank und hob Grete die Kaffeetasse entgegen. »Ooh, wat usselich. Ich hoffe ja, dass es bei meiner Beerdigung schönes Wetter gibt. Da bleiben die Leute wenigstens noch ein bisschen auf dem Friedhof und leisten mir Gesellschaft.«
»Bei mir soll’s richtig regnen«, entgegnete Grete fröhlich. »Der Himmel soll weinen.«
»Ganz großes Kino!«, kommentierte Frederike. »Habt ihr sonst keine Sorgen?«
Doch Elsbeth ging gar nicht auf die Kritik ein, sondern quatschte munter weiter. »Letzte Woche war ich bei Kurt Weiler auf der Beerdigung. Strahlender Sonnenschein. Da kamen die Blumengestecke ganz anders zur Geltung.«
»Habt ihr den Kranz vom Kirchenchor gesehen? Rote und weiße Nelken. Das sah aus wie ein Fan-Schal von Bayern München«, mischte sich Eva Kuchen kauend ins Gespräch ein.
Grete lachte auf. »Den hat ja auch Norbert in der Gärtnerei bestellt. Für den gibt es keine anderen Farben.«
»Na, dann können wir froh sein, dass nicht Johann unser Vorstand ist. Bei ihm als überzeugten Borussia-Dortmund-Fan hätte der Kranz schon ziemlich merkwürdig ausgesehen.« Elsbeth schüttelte den Kopf. »Letzte Woche bei Trudchen hatte jemand ein Gesteck gestiftet mit Sommerblumen: roter Mohn, weiße Margeriten und blaue Kornblumen. Das war so schön – das hätte ich am liebsten vom Grab geklaut.«
Frederike musterte sie. »Ist das ein Hobby von dir? Beerdigungen?«
Grete kicherte. »Nein, aber Kuchen essen.«
Doch Elsbeth wurde plötzlich ernst. »Die Einschläge kommen näher. Im letzten Monat war ich auf drei Beerdigungen. Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn rundherum die Nachbarschaft ausstirbt.«
»Sag so was nicht.« Eva schauderte.
Doch Frederike zuckte mit den Schultern. »Wir haben alle ein Verfallsdatum. Und das ist auch gut so. Stell dir vor, wir würden alle hundertzwanzig.« Sie schüttelte sich.
»Nee, so alt will ich gar nicht werden«, bemerkte Grete. »Aber doch neunzig. Ich will ja was haben von Rudis Rente.« Grete hatte nach dem Tod ihres Mannes eine Vorliebe für Gruppenreisen und Kaffeefahrten entwickelt. »Solange man noch fit ist, ist Alter kein Problem.«
Damit war der Einstieg gegeben in einen durchaus deprimierenden Austausch über typische Altersgebrechen und Krankheitssymptome. Leichenschmaus, dachte Frederike, was für eine dämliche Bezeichnung für eine solche »After-Show-Party«. Sie blieb noch rund ein Stündchen und verdrückte sich dann unter Beileidsbekundungen an die engsten Verwandten. Auf dem Heimweg verspürte sie eine leichte innere Unruhe. Etwas hatte sie angerührt. Vielleicht war es die Fassungslosigkeit von Ännes Töchtern ob des plötzlichen Todes der Mutter, die sie an die eigene Fassungslosigkeit erinnert hatte, als plötzlich ihre Schwester und ihr Schwager bei dem Unfall »tot geblieben sind«. Auch so eine merkwürdige Formulierung. Wäre es besser, wenn die Betreffenden nicht tot blieben – der Beginn einer Zombieapokalypse? Vielleicht war es aber auch die Häufung der Beerdigungen, von denen Elsbeth berichtet hatte, die sie irritierte. Irgendetwas hatte auf jeden Fall ihren Instinkt geweckt.
Am anderen Morgen stand Frederike schon früh auf. Die Knochen knackten beim Aufrichten, und sie brauchte einige Schritte, bis wieder alles rund lief. Sie seufzte. Ans Altwerden würde sie sich nie gewöhnen. Hannelore strich um ihre Beine und maunzte auffordernd. Anscheinend brauchte er gerade seine Schmuseeinheiten; er war daran gewöhnt, dass sie alles stehen und liegen ließ, um ihm zu Willen zu sein. Sie beugte sich über ihn und kraulte ihn hinter den Ohren. Die gebückte Haltung tat ihr nicht gut, ein Ziehen in der Lendenwirbelsäule ließ sie leicht aufstöhnen.
Sie begann den Tisch zu decken, denn gleich würde Angela, ihre Nichte, vorbeikommen. Angela arbeitete als Pflegekraft im Gerolsteiner Krankenhaus. In den letzten Jahren hatte sie sich angewöhnt, öfter mal bei ihrer Tante vorbeizuschauen. Frederike hatte sich vor fünf Jahren um sie gekümmert, als es ihr sehr schlecht ging, damals, nach dem tödlichen Autounfall ihrer Eltern. Kurz davor war schon ihr Freund mit dem Motorrad tödlich verunglückt. Frederike hatte ihr über die schwere Zeit hinweggeholfen. Für sie war Angela wie eine Tochter.
Während Frederike noch die Eier abschreckte, schenkte Angela den Kaffee ein. Sie hatte die Sonntagszeitung mitgebracht. Es gehörte zu ihren Ritualen, den Sonntagmorgen miteinander zu verbringen, ausgiebig zu frühstücken und sich dann gegenseitig aus der Zeitung vorzulesen.
»Gib mir mal den Sportteil«, bat Angela, als man die Vorbereitungen abgeschlossen hatte und endlich beide am gemütlichen Frühstückstisch in der Küche Platz genommen hatten. Die Küche, eine alte Schwarzküche mit Kaminesse und Spülstein in der Fensternische, war liebevoll mit Töpfen und Handwerksgeräten aus alter Zeit dekoriert. Man fühlte sich hier ein wenig aus der Zeit gefallen.
»Ich muss gerade noch den Bericht über den Dopingfall lesen, dann kannst du ihn haben. Lies so lange Kultur«, beschied Frederike die Bitte abschlägig, ohne auch nur einmal aufzublicken.
Angela stöhnte. »Da stehen doch bloß die Todesanzeigen drin.«
»Guck doch gleich mal nach der Anzeige von Änne Maurer. Da war ich am Donnerstag auf der Beerdigung.«
Angela blätterte durch den Anzeigenteil. »War die etwa auch im St. Ägidius in Hillesheim?«
Frederike hob den Kopf. »Ja, seit zwei Wochen. Warum fragst du?«
Angela zuckte mit den Schultern und faltete die Zeitung zusammen. »Hier ist sie nicht drin. Die haben wahrscheinlich nur im Amtsblättchen geschaltet. Machen die doch hier fast alle.«
»Kann sein. Aber was war jetzt mit dem St. Ägidius?«
Angela schnappte sich den Sportteil. »Ach, nur so eine Frage. In letzter Zeit hatten wir jetzt öfter Todesfälle aus dem Hillesheimer Altersheim.« Sie blätterte die Seiten durch. »Komisch, ich verstehe nicht, wieso heute am Sonntag die Ergebnisse vom Samstag noch nicht drin sind.«
»Ganz einfach! Weil die Sonntagszeitung bereits Freitag fertig gemacht wird. Die Redaktion hat schließlich auch Wochenende.« Frederike dachte wehmütig an alte Zeiten, als die Morgenzeitung nicht schon am Vorabend gegen zehn Uhr im Briefkasten lag.
»Weicheier! Unsereiner muss ja schließlich auch am Wochenende ran.« Angela biss erbost in ihr Brötchen.
»Wem sagst du das?« Frederike blätterte entspannt durch den Lokalteil.
»Redest du jetzt von deinem alten Job oder vom Rentnerlotterleben?«
»Letzteres.« Frederike grinste. »Nie mehr frei, rund um die Uhr im Einsatz.«
»Na, da habe ich was zum Vorfreuen. Im Moment krachen bei uns die Dienstpläne aus allen Nähten. Wir haben Ausfälle wegen einiger Todesfälle in der Familie. Ich werde heute den freien Tag genießen.«
Doch Frederike musste noch mal auf die Todesfälle zurückkommen. »Wer ist denn alles gestorben? Und was war mit dem St. Ägidius?«
»Das waren echt viele in den letzten zwei Wochen. Ich muss mir das mal gerade durch den Kopf gehen lassen, wer da alles aus der Seniorenresidenz kam. Also, das waren Heinz Mauer, Gisela Meinerzhagen, Clemens Morus …«, sie zählte die Namen mit den Fingern auf. »Nein, der war aus Daun. Hilde Klassen … Rolf Meuren oder Meuer oder so ähnlich … Ich muss echt nachdenken, das zieht sich ja schon ein paar Tage. Und wir haben so viele Patienten.«
Frederike stand auf und holte einen Zettel und einen Kugelschreiber. »Schreib die Namen mal auf, dann kannst du dich besser erinnern und kommst nicht so schnell durcheinander.«
»Typisch Kriminalkommissarin, immer auf der Spur.«
»Du sollst das doch nicht an die große Glocke hängen«, murrte Frederike. »Die meisten hier wissen nur, dass ich bei der Verwaltung in Düsseldorf gearbeitet habe.«
»Warum machst du eigentlich so ein Geheimnis daraus? Mordermittlerin – das ist doch was. Da kannst du doch stolz drauf sein«, wunderte sich Angela.
»Was meinst du, was hier los ist, wenn die das mitbekommen? Dann darf ich meinen Lebensabend damit verbringen, Schauergeschichten aus meinem Job zu erzählen, verschwundene Katzen zu suchen oder bei Ehekrisen zu intervenieren.« Frederike blies die Backen auf. »Ich bin froh, dass ich das hinter mir gelassen habe. Hier habe ich meine Ruhe. Ja, ich schlafe sogar ab und zu mal eine Nacht durch.«
»Welch ein Luxus!« Angela lachte. »Vielleicht hast du recht. Nachher verlangt man noch von dir, Krimis zu schreiben.«
»Geh bloß weg! Davon gibt es hier schon viel zu viele. Inzwischen schreibt auch meine Nachbarin Kriminalgeschichten. Wenn die wüsste, dass ich vom Fach bin, hätte ich keine ruhige Minute mehr.« Frederike runzelte die Stirn. »Aber jetzt schreib auf!«
»Ach herrje, das ist echt schwierig. Die meisten landen ja direkt bei uns in der Pathologie. Ich bekomme die gar nicht zu Gesicht.«
»Ach, die sterben gar nicht bei euch?«
»Nein. Die meisten sind über Nacht in ihrem Bett gestorben. Da die Todesursache dann nicht so klar ist, werden die bei uns untersucht. Ich glaube, bei den ersten Fällen hat Frau Dr. Burkhardt noch einfach die Totenscheine ausgestellt. Es ist ja nicht völlig abwegig, dass Menschen über neunzig friedlich einschlafen. Aber inzwischen ist sie hellhörig geworden.«
Frederikes professionelle Aufmerksamkeit war geweckt. »Das heißt, es gab mehrere ungeklärte Todesfälle im St. Ägidius, und man untersucht nun die Leichen?«
»Ganz genau. Wobei das jetzt aber nichts Kriminelles ist oder so. Frau Dr. Burkhardt ist nur gründlich. Schließlich war es ja die letzten beiden Wochen ziemlich warm. Es könnte durchaus sein, dass da manche die Hitze nicht vertragen haben oder so. Ich bin echt froh, dass es die Tage mal geregnet hat.« Angriffslustig setzte sie hinzu: »Du musst übrigens nicht gleich deine Dienstmarke auspacken.«
Doch Frederike zeigte nur auf den Zettel. »Die Liste!«
Nach einigen Minuten intensiven Nachdenkens standen neun Namen auf dem Zettel.
»Ich bin mir nicht sicher, ob alle Namen stimmen und die Liste komplett ist, aber an mehr kann ich mich nicht erinnern. Da müsste ich in der Klinik noch einmal nachhören.« Angela legte den Stift hin.
»Neun Namen, mit Änne sogar zehn. Das ist eine Menge!« Frederike überflog die Liste. »Elsbeth erzählte auf Ännes Beerdigung auch von einigen Todesfällen. Ich werde mal bei ihr nachfragen, auf welchen Beerdigungen sie überall war.«
Angela blickte sie über die Kaffeetasse hinweg an. »Glaubst du, da steckt mehr dahinter als nur die Hitzewelle?«
»Das lässt sich ja recht schnell klären. Gibt es denn ansonsten eine Häufung von Todesfällen? Ich meine, ältere Menschen, die zu Hause wohnen oder in anderen Einrichtungen?«
Angela überlegte länger. »Nein, eigentlich nicht. Du hast recht. Es gab zwar noch drei Unfalltote und auch einen Schlaganfallpatienten, aber ansonsten ist es wie immer. Wir haben im Moment am meisten zu tun mit Sportunfällen, Alkohol und Verbrennungen.«
»Verbrennungen?«
»Ach, du glaubst gar nicht, wie dusselig sich manche Menschen beim Grillen anstellen. Und natürlich auch Sonnenbrände. Inzwischen sollte doch jeder geschnallt haben, dass es furchtbar ungesund ist, sich zu bräunen. Aber die Dummen sterben halt nicht aus.« Angela schüttelte den Kopf.
»Na, in der Evolution ist Dummheit möglicherweise auch ein positiver Faktor. Du kennst doch das Sprichwort: ›Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln‹«, sinnierte Frederike und griff gierig nach dem Brötchenkorb.
In dieser Nacht schlief Frederike nicht allzu gut. Hannelore war den ganzen Tag in seinem Körbchen geblieben, hatte gegen ein Uhr laut gejammert und anschließend auf den Teppich gekotzt. Sie war aufgestanden, hatte ihn dabei festgehalten, anschließend das Malheur entfernt und den kleinen Teppich in der Scheune entsorgt. Als sie wieder nach dem Kater schaute, schlief der in ihrem Bett den Schlaf der Gerechten. Sie legte sich neben ihn, genoss das weiche Fell an ihrem Arm und hörte ihm eine Weile beim Schlafen zu. Dabei ging sie in Gedanken noch einmal das Gespräch mit Angela durch. Eigentlich sollte sie es dabei bewenden lassen – Tote im Altersheim waren ja nicht ungewöhnlich, und man konnte wirklich schlimmer sterben als im Schlaf. Da hatte sie ganz anderes gesehen. Doch kamen ihr erneut die Gesichter von Ännes Töchtern in den Sinn – die Fassungslosigkeit und Trauer über ihren Verlust. Auch Elsbeths Sorge um die eigene Vergänglichkeit. Sie war sicher, Änne hatte noch nicht sterben wollen. Sie strotzte vor Energie und Lebensfreude, auch wenn sie alleine nicht mehr klarkam und schon mal das Essen vergaß. Sie hatte noch Pläne fürs Altersheim gehabt, sich auf den Singkreis und die Bingorunde gefreut.
Es konnte nicht schaden, sich ein wenig umzuhören. War Klara, ihre alte Nachbarin aus Kindertagen, nicht auch im St. Ägidius? Die musste inzwischen auch schon über neunzig sein, und Frederike hatte sie nicht mehr gesehen, seit sie wieder in der Eifel lebte. Kurz regte sich das schlechte Gewissen, denn damals, in der Kinderzeit, war Frederike bei Klara ein und aus gegangen, hatte Plätzchen stibitzt und beim Einwecken geholfen. Bei den seltenen Besuchen hier bei ihrer Schwester hatte sie Klara manchmal getroffen, aber jetzt lebte die alte Dame schon seit vielen Jahren im Betreuten Wohnen, und Frederike hatte es nie geschafft, dort einmal vorbeizuschauen.
Morgen fahre ich Klara besuchen, nahm sie sich vor, und mit diesem Gedanken schloss sie die Augen und schlief endlich ein.
Am nächsten Morgen wurde Frederike recht unsanft von Hannelore geweckt, der ihr auf die Brust geklettert war und in ihrem Gesicht schnupperte. Bevor er auf den Gedanken kam, ihr durchs Gesicht zu lecken, schubste sie ihn vom Bett.
»Lauf in die Küche, ich komme gleich nach.« Sie stand auf und wankte ins Bad. Kaltes Wasser durchs Gesicht, die Zähne geputzt – der Rest kam später. Zunächst musste Hannelore versorgt werden.
Während der Kaffee durchlief, zog sie einen Jeansrock und ein T-Shirt an und plante den Tag. Sie war früh dran. Also konnte sie sich in Ruhe fertig machen und in Richtung Hillesheim aufbrechen. Sie überlegte, ob sie vorher bei Klara anrufen sollte, entschied sich dann aber dagegen. So könnte sie erzählen, sie sei zufällig in der Gegend gewesen und einfach mal auf einen Sprung vorbeigekommen. Sie lächelte in ihre Kaffeetasse. So hatte sie es früher auch immer gehalten. Die besten Ermittlungsergebnisse waren beiläufig, wie zufällig, erzielt worden. Das Gegenüber in Sicherheit wiegen, die Freundlichkeit in Person sein – good cop!
3. Kapitel
Klara strahlte über das ganze Gesicht, als Frederike ihr gegenübersaß. »Das ist ja eine schöne Überraschung.«
»Ach, weißt du, ich war gerade in der Apotheke, und weil es noch früh war, dachte ich, ich schaue mal vorbei«, log Frederike locker das Blaue vom Himmel herunter.
»Papperlapapp! Du bist wegen der Todesfälle hier.« Klara kicherte. »Ich habe mich schon gefragt, wann du hier auftauchst.«
Klara war eine der wenigen im Dorf, die Frederikes beruflichen Werdegang verfolgt hatte.
»Erwischt!« Frederike wirkte etwas zerknirscht. »Ich habe so ein schlechtes Gewissen, dass ich dich nie besucht habe.«
»Ja, das solltest du auch haben. Da müssen erst zwölf Leute sterben, bevor ich dich mal zu Gesicht kriege.« So schnell ließ Klara sie nicht von der Leine.
Frederike sog zischend die Luft ein. »Zwölf? Ich hatte nur von zehn gehört.«
»Zwölf ungeklärte Todesfälle!« Klara nickte. »Und bevor du auf dumme Gedanken kommst – ich war es nicht. Auch wenn ich mich freue, dass du dich endlich mal bei mir blicken lässt, würde ich doch so weit nicht gehen.«
»Da bin ich aber erleichtert«, grinste Frederike. »Mich wundert, wie ruhig du das nimmst.«
»Ach, ich habe hier in den letzten Jahren schon so viele sterben sehen, da hängt man sein Herz nicht mehr so an die Menschen.«
»Das hört sich aber traurig an.« Frederike erkannte hinter dem Pragmatismus auch eine gehörige Portion Einsamkeit.
»In meinem Alter – ich bin jetzt zweiundneunzig – sitzt der Tod immer mit am Tisch. Das ist auch in Ordnung. Viele meiner Mitbewohner warten eigentlich nur noch auf das Ende. Sie haben ihr Leben gelebt und sind fertig. Das passt schon. Wir machen uns hier nicht verrückt.«
»Aber dir geht es nicht so«, mutmaßte Frederike.
»Nein, mir geht es nicht so. Ich möchte zwar auch keine großen Sprünge mehr machen und erwarte mir nicht mehr viel vom Leben, aber für mich ist es ein Riesenunterschied, ob der Tod mich holt oder jemand nachhilft.« Jetzt war das Lächeln aus ihrem Gesicht verschwunden, und man konnte ihr die zweiundneunzig Jahre ansehen. »Ich habe Angst!«
Frederike schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Ich bin froh, dass ich gekommen bin. Kannst du mir helfen?«
Das Gesicht von Klara hellte sich schlagartig auf, und sie setzte sich gerade hin. »Was brauchst du?«
Das Gespräch mit Klara hatte fast drei Stunden gedauert und wurde mit einem gemeinsamen Rundgang durch die Einrichtung beendet. Frederike hatte Informationen über alle Todesfälle in den letzten Wochen bekommen. Klara kannte nicht nur die Namen der Toten, sondern auch in den meisten Fällen ihre Geschichte. Sie war schon lange im Heim und hatte häufig »Patenschaften« übernommen, um neue Bewohner in den Heimalltag und das Unterhaltungsprogramm zu integrieren. Nur bei den Todesdaten und -zeiten war sie sich nicht sicher gewesen.
Jetzt saßen sie gemeinsam in der Cafeteria. Beide hatten ein Stück Erdbeerkuchen und eine Tasse Pfefferminztee vor sich stehen. Von dem Kaffee hatte Klara dringend abgeraten.
»Okay, jetzt habe ich einen Überblick über die Toten gewonnen. Sie wohnten in unterschiedlichen Hauseinheiten, wurden von verschiedenen Pflegegruppen betreut, nahmen nicht alle an denselben Veranstaltungen teil«, fasste Frederike die gewonnenen Erkenntnisse zusammen. »Mir fehlt der gemeinsame Faktor.«
»Ja, das verstehe ich. Aber ich wüsste auch keinen. Ich habe die Befürchtung, dass ein Todesengel am Werk ist«, seufzte Klara. Sie war besorgt. Mit Abscheu hatte sie den Fall von Niels Högel, dem Krankenpfleger, der mehr als hundert Menschen auf dem Gewissen hatte, in der Presse verfolgt. »Meinst du, es könnte jemand von der Belegschaft sein?«
Frederike zuckte mit den Achseln. »Möglich wäre es natürlich, aber auf den ersten Blick spricht nichts dafür. Es waren ja nicht immer die gleichen Pflegekräfte im Einsatz, wenn ich das richtig verstanden habe.«
»Na ja, vielleicht erinnere ich mich bloß nicht mehr. Wir haben teils so viele Wechsel hier. Da vergesse ich schon mal die Gesichter und Namen.« Klara hob bedauernd die Schultern.
»Vielleicht kannst du dich mal umhören«, tastete sich Frederike vor. »Hier ist doch nicht allzu viel los. Möglicherweise ist ja jemandem etwas aufgefallen. Hilfreich wären auch eine Liste der Belegschaft und die Dienstpläne. Kommst du da ran?«
»Mal sehen, was sich machen lässt.« Klara lächelte. »Es ist wirklich schön, dich bei der Arbeit zu sehen.«
Frederike grinste verlegen. »Na ja, manchmal fehlt es mir schon ein bisschen.«
»Ich werde mal mit Heike reden. Sie arbeitet bei uns auf der Station. Die ist nett. Vielleicht kann sie uns mit den Dienstplänen helfen.«
»Wie ist denn überhaupt die Stimmung in der Belegschaft?«
»Ich habe den Eindruck, dass das Thema heruntergespielt wird. Das will natürlich keiner wissen. Dementsprechend wird abgewiegelt, wenn man die Pflegekräfte darauf anspricht.«
»Meinst du, dass hier jemand mauert?«
»Ach, so würde ich das nicht nennen. Aber man möchte natürlich keine Unruhe bei den Kunden!« Klara wiegte mit dem Kopf. »Bisher ist die Auslastung ja gut. Es gibt sogar eine Warteliste. Aber wenn es sich rumspricht, dass man hier schneller den Löffel abgibt, als man gucken kann, wird sich das flott ändern.«
Frederike grinste böse. »Vielleicht erschließt es ja auch neue Zielgruppen. So kommt man schneller ans Erbe.«
Klara drohte mit dem Finger. »Vorsicht! Du bringst die Leute noch auf dumme Gedanken.« Sie erhob sich. »Ich muss jetzt zum Seniorenturnen.«
Frederike stand ebenfalls auf. »Was willst du denn beim Turnen? Ich wäre froh, wenn ich noch so fit wäre wie du.«
Klara gluckste stolz, bückte sich und drückte bei durchgestreckten Knien ihre Handflächen auf den Boden. Am Nebentisch wurde applaudiert. Klara bewegte sich wieder in die Senkrechte und knickste kurz in Richtung der Klatschenden. Frederike lachte, nahm ihren Arm und hakte sich ein. »Du bist mir ’ne Marke!«
Gemeinsam gingen sie in Richtung des Turnraums. Als sie sich an der Tür verabschiedeten, kündigte Frederike an, in den nächsten Tagen wieder vorbeizuschauen. Sie küsste Klara auf die Wange. »Ich bin froh, dass ich zu dir gekommen bin.«
Klara lächelte. »Fast wie früher, als wir gemeinsam das große Puzzlespiel gelegt haben.«
»Fast!«, lächelte Frederike zurück, winkte noch einmal kurz, drehte sich um und verließ die Anlage.
Als sie im Auto saß, atmete sie tief durch. Sie verspürte wieder dieses Kribbeln – wie in alten Zeiten. Klara würde ihr jetzt ein paar Antworten beschaffen. Bei dem Gedanken befiel sie ein plötzliches Unbehagen. Was wäre, wenn Klara mit ihrer Vermutung recht hätte? War wirklich ein Todesengel am Werk? Dann begab sie sich möglicherweise in Gefahr, wenn sie Fragen stellte. Nicht dass sie soeben Klara zur Zielscheibe gemacht hatte …
4. Kapitel
Endlich war die Sonne wieder da. Die letzten beiden Tage waren schwül und völlig verregnet gewesen, und auch wenn Frederike über die Wassermengen im Garten froh war, tat es nun gut, wieder rausgehen zu können. Sie hatte bereits morgens früh mit Unkrautjäten begonnen. Dabei ging es ihr weniger darum, einen perfekt gepflegten Garten zu haben. Sie liebte kreatives Chaos in den Beeten und sorgte nur dafür, dass das Wildkraut nicht überhandnahm. Während sie die Wurzeln entfernte, schickte sie ihre Gedanken auf Reisen. Es machte ihr Freude, Pflanzen und deren Aussehen und Eigenschaften mit Menschen in Verbindung zu bringen. Klara war in ihrer Vorstellung eine Margerite, hell und freundlich, eine dezente Schönheit im Beet, die sich mit allen gut vertrug, die um sie herum wuchsen. Angela war wie eine Lilie, ein echter Solitär, herrlich duftend und besonders, aber auch ein wenig empfindlich. Welche Blume wäre sie selbst? Bei anderen war das viel leichter zu beantworten als bei sich selbst. Vielleicht ein Lavendel? Sie mochte den Duft und die eigentlich ein wenig unscheinbaren Blüten. Eher eine Begleitpflanze, gut zu gebrauchen. Ja, sie wäre ein Lavendel. Sie nahm sich vor, am Nachmittag mit Angela über ihre Blumenanalogien zu sprechen. Mal sehen, welche Pflanze Angela für Frederike in petto hatte.
Nachmittags saßen Frederike und Angela im Garten auf zwei bequemen Liegestühlen, jede mit einem großen Pott Kaffee in der Hand. Von Weitem hörte man das Geschrei der beiden Nachbarsenkel Lena und Kai, die auf der Straße Fahrrad fuhren, nachdem sie sich bei Frederike mit frisch gebackenen Marzipanschnecken eingedeckt hatten. Hannelore lag zusammengerollt im hohen Gras und schlief, umsummt von ein paar Fliegen. Manchmal, wenn diese allzu dreist waren, peitschte der Schwanz hin und her, aber der Kater war viel zu müde, um sich allzu sehr um seine Umgebung zu scheren.
Frederike stellte die Kaffeetasse auf der Lehne ab.
»Vorgestern war ich bei Klara im St. Ägidius. Meine alte Nachbarin. Ich weiß nicht, ob du dich an sie erinnerst?«
»Klara? Aber sicher.« Angela schaute zu Frederike. »Ich habe ihr früher beim Einmachen geholfen.«
Frederike schmunzelte. »Ich auch.«
»Und mir anschließend den Bauch mit Waffeln und frisch gekochter Marmelade vollgeschlagen.« Angela schloss die Augen in wohliger Erinnerung.
»Ich auch. Oh, war das gut!« Beide gaben sich eine Weile ihren Erinnerungen hin.
»Wie geht es ihr? Sie hat sich doch bestimmt gefreut, dass du vorbeigeschaut hast.«
»Ja, das hat sie. Und ich hatte dann auch gleich ein schlechtes Gewissen, dass ich das nicht schon viel früher getan habe. Aber irgendwie kommt ja doch immer etwas dazwischen. Heute ist es die Gartenarbeit.« Frederike seufzte.
»Ja, das kenne ich gut. Und schwuppdiwupp ist die Woche schon wieder um … Hat sie etwas über die Todesfälle erzählt?«
Frederike nickte bedächtig mit dem Kopf. »Ja, einiges. Ich habe den Eindruck, dass da mehr dahintersteckt.«
Angela grinste. »Das wäre dir doch bloß recht. Ich hatte die letzten Monate den Eindruck, dass du dich langweilst.«
Frederike schaute sie erstaunt an. »Ich mich langweilen? Wie kommst du denn darauf? Ich hätte nie gedacht, wie wohltuend so ein Rentnerinnendasein ist. Nein, im Ernst: Klara hat Angst.«
Das Lächeln schwand aus Angelas Gesicht. »Angst? Das ist dann wirklich übel. Ich habe nie erlebt, dass sich Klara von irgendetwas aus der Ruhe bringen lässt.«
»Genau.« Frederike erzählte Angela von Klaras Befürchtungen.
Angela trank den letzten Schluck Kaffee. »Ich habe mich inzwischen bei uns auch schon mal umgehört. Kathrin, meine Kollegin, hatte kürzlich selbst einen Todesfall in der Familie. Mit ihr habe ich mich gestern in der Cafeteria getroffen und sie ausgequetscht.«
Frederike hörte gespannt zu.
»Es ging um ihre Tante. Sie lebte erst seit einer Woche im St. Aegidius, war dort gestürzt und kurz darauf verstorben.« Angela zupfte mit ihren nackten Füßen etwas Gras aus. »Ich glaube, das spielt für uns keine Rolle.«
»Wahrscheinlich nicht. Warum erzählst du es dann?«
Angela streckte Frederike die Zunge heraus. »Du hast gesagt, du wolltest alles über die Todesfälle wissen«, sie stockte kurz, »… und außerdem gab es eine Besonderheit während der Beerdigung.«
Frederike seufzte auf. »Könntest du mal aufhören, dir alles aus der Nase ziehen zu lassen? Was war auf der Beerdigung?«
»Eigentlich hatte sich Kathrins Tante ein Urnenbegräbnis gewünscht und auch alles so schon mit dem Beerdigungsinstitut vereinbart. Aber das ging nicht.«
»Man hat auf einem normalen Begräbnis bestanden? Dann ist da aber jemand sehr misstrauisch geworden.«
»Na ja, ›bestanden‹ ist zu viel gesagt, eher ›angeregt‹. Kathrins Mutter war ganz schockiert. Man hatte ihr gesagt, dass es wohl ein natürlicher Tod gewesen sei. Der Verzicht auf eine Feuerbestattung sei eine reine Vorsichtsmaßnahme.«
»Pffft!« Frederike machte ein abfälliges Geräusch. »Das glaubt doch kein Mensch. Nein, da läuft im Hintergrund schon was.«
»Du kannst dir ja vorstellen, dass bei der Beerdigung ganz schön getuschelt wurde. Kathrin hatte alle Hände voll zu tun, ihre Mutter zu beruhigen. Die hat sich dann auch gleich von der Warteliste für das Heim streichen lassen. Eigentlich wollte sie in den nächsten Monaten zu der Tante ziehen. Offiziell heißt es jetzt natürlich, dass dazu ja nun keine Notwendigkeit mehr besteht. Aber ich glaube eher, die macht sich Sorgen, dass sie schneller zu ihrer Schwester zieht als erwartet. Nämlich auf den Friedhof!«
»Na, ich werde morgen mal zu Klara fahren und nachhören, was sie rausbekommen hat. Und du hältst bitte auch die Ohren und Augen offen, ja?«
»Klar, mache ich. Vielleicht schnappe ich in der Cafeteria ja noch mehr auf.«
Frederike nickte. »Jetzt aber mal Themenwechsel. Wie geht es dir sonst?«
Angela lachte. »Ich dachte schon, du fragst nie. Ich war vorgestern Abend noch auf der Gerolsteiner Kirmes.«
Frederike guckte sie scheel an. »Was wolltest du denn da? Da ist doch abends meist nur noch Besäufnis.«
»Na, so schlimm ist es auch nicht«, wiegelte Angela ab. »Es hat gerade mal die Sonne geschienen, und ich wollte noch ein wenig an die frische Luft. Und ja, ich habe mir ein Kölsch gegönnt.«
Frederike winkte ab. »Kölsch? Diese Pipi-Brühe!«
Angela grinste breit. »Da spricht die typische Düsseldorferin! Als ob das Altbier besser schmecken würde! Aber gut. Also habe ich da auf einer Bank gesessen und wollte in Ruhe meine Pipi-Brühe trinken. Ja, und dann …«, sie zögerte, »… dann bin ich mit einem jungen Mann ins Gespräch gekommen.«
Frederike lachte. »Ach was, ein junger Mann. So ein Zufall!«
Angela stimmte in das Lachen ein. »Ja, was für ein Klischee.« Sie berichtete, dass der junge Mann etwas verloren auf der Nebenbank gesessen habe und man ins Gespräch gekommen sei.
»Du hast dich verknallt!« Frederike war begeistert.
Angela wurde ein wenig rot. »Nun ja, Jochen …«
»Jochen, und wie weiter?« Frederike konnte in ihrer Neugier gnadenlos sein.
»Jochen Anstruth. Er kommt aus Trier. Und er ist Chemielaborant.« Angela bekam einen verträumten Blick. »Er wird dir bestimmt gefallen.«
»Wieso?«, fragte Frederike sachlich.
Angela schaute sie erbost an. »Weil er echt nett ist, gut aussieht, einen gepflegten Eindruck macht, wunderschön lächelt, superschöne blaue Augen hat …«
Frederike unterbrach sie lachend: »Ist gut. Ich glaube es dir ja. Ein ganz toller Typ. Wann lerne ich ihn kennen?«
»Gleich. Er kommt mich abholen.« Angela blickte auf die Uhr. »In einer Viertelstunde.«
Frederike war ein wenig verärgert. »Gleich? Wollten wir nicht gemeinsam noch eine Runde drehen?«
Angela zog einen Schmollmund und legte den Kopf schief. »Bitte! Er ist doch so nett. Sei nicht böse.«
Frederike lächelte über Angelas Flunschgesicht. »Du siehst aus wie ein Badeentchen. Nein, ist schon gut. Ich war ja auch mal jung.«
»Ja, aber das ist schon ewig her. Dass du dich daran noch erinnern kannst …«, flachste Angela zurück.
Frederike warf ein Kissen nach ihr, traf aber bloß die Tasse, die ins Gras fiel, doch nicht zerbrach.
Angela hob sie ungerührt auf. »Früher hast du besser getroffen.«
Frederike nahm ein weiteres Kissen und warf es ihrer Nichte ins Gesicht. »Alles eine Frage der Übung«, dozierte sie. Sie schaute auf die Uhr. »Wo arbeitet Jochen? Um aus Trier hier rüberzukommen, ist es ja noch ziemlich früh.«
Angela seufzte. »Das musstest du natürlich jetzt fragen. Meine Tante, die Verhörspezialistin! Er ist zurzeit arbeitslos.«
Frederike schnalzte mit der Zunge. »Bei der Arbeitslosenquote und dem Fachkräftemangel dürfte er das nicht lange bleiben.«
Angela kniff die Lippen zusammen und meinte zögerlich: »Er ist schon fast ein halbes Jahr ohne Arbeit.«
Frederike zog die Augenbrauen hoch. »Aha.« Doch sie verzichtete auf einen weiteren Kommentar, was Angela dankbar zur Kenntnis nahm. »Und er kommt dich gleich abholen?«
Angela blickte auf die Uhr. »Ja, er müsste jeden Augenblick da sein. Ich hatte ihm vier Uhr gesagt. Wir wollen noch an den Badesee.« Sie seufzte und klopfte auf ihren Bauch. »Ich hoffe, mein Bikini passt mir noch.«
Frederike lächelte sie an. »Du bist wunderschön. Jochen kann sich glücklich schätzen.«
»Meinst du? Ich hoffe sehr, dass er dir gefällt. Er ist … wirklich toll.« Angela strahlte.
»Wenn er eine Pflanze wäre, welche Pflanze wäre er dann?«, fragte Frederike gespannt.
»Häh?« Angela war mit der Frage sichtlich überfordert.
»Ich habe mir heute Vormittag überlegt, dass Menschen und Pflanzen oft gleiche Eigenschaften aufweisen«, erläuterte Frederike ihren Gedankengang. »Du bist für mich eine Lilie.«
»Echt? Sind das nicht Friedhofsblumen?« Angela war wenig begeistert von der Zuschreibung, wirkte aber versöhnt, nachdem Frederike ihr die Eigenschaften von Lilien genannt hatte. »Und was bist du?«
»Ich bin Lavendel, von der Optik eher unscheinbar, aber gut riechend und praktisch. Und ich kann Motten vertreiben«, lachte Frederike.
»Ja, das passt ganz gut. Ich finde aber, du bist mehr ein Baum, gerade gewachsen und stark.«
»Mmh, das hört sich auch gut an. Und was ist Jochen?« Frederike ließ nicht locker.
»Der ist ein Rittersporn. Er hat so schöne blaue Augen«, schwärmte Angela.
»Und er ist dein Ritter«, spottete Frederike.
Da stieg auch schon jemand ohne anzuklopfen übers Gartentörchen. »Ich hoffe, ihr redet von mir.« Ein junger Mann – groß, dunkelhaarig, mit leicht strubbeliger Frisur – kam mit einem strahlenden Lächeln in den Garten. »Guten Tag, ich bin Jochen Anstruth«, begrüßte er Frederike und gab ihr die Hand. »Ich wollte Angela abholen.« Er blickte sich im Garten um. »Schön haben Sie es hier.«
Frederike betrachtete ihn von Kopf bis Fuß. »Sie sind also der Bekannte von Angela. Schön, Sie kennenzulernen.«
Jochen hielt ihrem Blick stand.
Angela stupste sie in die Seite. »Nun mustere ihn doch nicht so.«
Frederike zuckte mit den Schultern und wandte sich ihr zu. »Ich bin halt neugierig. Wollen Sie eine Tasse Kaffee?«
Doch Jochen hakte Angela unter und winkte ab. »Nein danke. Wir wollen noch schwimmen gehen.« Er blickte Angela an. »Bist du so weit?«
Die strahlte ihn an und schnappte sich die Badetasche. »Auf geht’s!« Schnell noch ein Küsschen auf die Wange, und dann waren beide auch schon verschwunden.
Frederike schaute versonnen hinter ihnen her.
Sie lehnte sich im Gartenstuhl zurück und ließ die Gedanken wandern. Soso, die Kleine war verliebt. Es war schön, sie so strahlend zu erleben. Seit Toms Tod, ihrer ersten großen Liebe, hatte sie um Männer einen Bogen gemacht. Frederike hatte Tom kaum gekannt, aber er musste ein Goldschatz gewesen sein. Angela hatte ihr wahre Wunderdinge von ihm erzählt. Sie hatte lange um ihn getrauert. Frederike war froh, dass sie heute ein so fröhlicher Mensch war.
Jochen also, gut aussehend, arbeitsloser Chemielaborant, der allein in Gerolstein auf der Kirmes ein Bier trank. Ein echter Strahlemann! Er sah ja ganz gut aus. Nur sein Auftreten war ihr eine Spur zu forsch. Er war eingetreten, als würde ihm der Garten gehören. Schön haben Sie es hier. Und auch Angela … Wie er sie am Arm gepackt hatte! Der Typ war eher eine Berg-Flockenblume als Rittersporn. Sah gut aus, aber machte sich breit, sodass man ihn kaum wieder loswurde, und schleppte Mehltau ein. Mensch, warum musste sie immer gleich so kritisch sein und das Schlechteste annehmen? Er muss mir nicht gefallen, dachte sie. Hauptsache, er macht sie glücklich. Ach was, sie gehen nur miteinander schwimmen, und ich denke schon über eine feste Beziehung nach. Halt den Ball flach.
Vermutlich war sie einfach nur eifersüchtig, weil Angela sie sitzengelassen hatte. Dabei war Angela es doch gewesen, die angeregt hatte, heute eine kleine Wanderung zum Schützenplatz zu machen. Nun ja … Wahrscheinlich war Jochen total nett und würde ihrer Nichte guttun. Frederike riss sich zusammen und beschloss, sich zu freuen und statt zu grübeln lieber die Büsche zu schneiden.
Seufzend erhob sie sich und ging ins Haus, um Gartenschere und Handschuhe zu holen. Doch ihre Gedanken blieben bei Jochen. Sie war allergisch gegen Märchenprinzen. Jochen erinnerte sie ungut an ihren ersten Mann. Auch so eine Flockenblume.
5. Kapitel
Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel, und es waren bereits über zwanzig Grad, als Frederike sich ins Auto setzte und Richtung Hillesheim fuhr. Die Hitze würde ihr heute Nachmittag zu schaffen machen, aber im Moment war es sehr angenehm, und sie genoss den Sonnenschein. Die Eifel ist einfach schön, dachte sie, als sie am Golfplatz vorbeifuhr, die Hügel in sanftem Grün. Zwei Golfer kreuzten mit ihren Wägelchen die Straße und grüßten freundlich.
Im St. Ägidius traf sie Klara in ihrem Zimmer an. Sie beschlossen gemeinsam, die morgendliche Frische zu nutzen und in die angrenzende Grünanlage zu gehen.
Klara setzte sich mit einem Stöhnen auf die Bank. »Mein Hüfthalter bringt mich um.«
Frederike schaute sie prüfend an. »Echt jetzt? Du trägst einen Hüfthalter? Bei dem Wetter?«
Klara schnaubte: »Quatsch! Die linke Hüfte tut weh. Aber kannst du dich nicht mehr an die Reklame erinnern?«
»Dunkel. Ist aber schon lange her.«
Frederike setzte sich neben Klara auf die Bank und blickte sich anerkennend um. »Sehr gepflegt habt ihr es hier. Was sind das für Rosen?« Sie deutete auf einen Strauch lachsfarbener Rosen.
»Keine Ahnung. Frag an der Rezeption. Sind wir hier, um über Blumen zu sprechen?« Klara wirkte etwas ungehalten.
»Du liebe Güte, bist du heute aber mürrisch und unfroh! Was ist denn los?«
»Ach«, seufzte Klara. »Ich hab Mist gebaut!«
»Was ist passiert?«
»Ich habe heute Morgen aus Versehen meine Hörgeräte verschluckt.«
Frederike prustete los. »Wie in Gottes Namen hast du das denn geschafft?«
Klara kratzte sich verlegen an der Stirn. »Ich war am Abend ziemlich müde und bin früh ins Bett. Als ich schon lag, fiel mir auf, dass die Hörgeräte noch drin sind. Ich habe sie also rausgefriemelt und auf den Nachttisch gelegt.«
»Und?«
»Direkt neben meine Blutdrucksenker, die ich morgens als Erstes einnehme.«
»Und?«
»Na ja, als ich die Hörgeräte ins Ohr schieben wollte, lagen dort nur noch die Tabletten – die Hörgeräte waren weg. Ich bin aber sicher, dass ich meine Medis genommen habe. Also habe ich wahrscheinlich meine Hörgeräte eingeworfen.«
»Aber sind die denn nicht viel größer als die Tabletten? Das hättest du doch merken müssen?« Frederike war bemüht, ernst zu bleiben, giggelte aber die ganze Zeit.
Klara rollte mit den Augen. »Nichts da, ich habe doch diese niedlichen Innenohrdinger. Mit einem Schluck Wasser sind die schnell runtergespült.«
»Und jetzt?«
Klara hob die Schultern. »Jetzt warte ich auf meine Verdauung. Aber jetzt lass uns das Thema wechseln. Wir haben Wichtigeres zu tun. Ich war nicht untätig.«
»Ja, aber kannst du denn überhaupt etwas verstehen, so ohne Hörgeräte?«
»Häh?«, grinste Klara. »Nein, Spaß beiseite. Solange du deutlich sprichst und keiner hier reinquatscht, geht es.«
»Na, dann erzähl. Was hast du rausbekommen?«
Klara setzte sich zurecht und begann: »Also, ich habe mich gestern hauptsächlich in der Cafeteria und in der Lobby aufgehalten. Die Todesfälle sind tatsächlich überall Thema. Wenn auch meist hinter vorgehaltener Hand. Aber ich habe festgestellt, dass sich die meisten Bewohner Gedanken machen. Und auch innerhalb der Belegschaft wird gequatscht.«
»Was erzählt man sich dort?«
»Ich habe mich länger mit Heike unterhalten. Heike Simonis. Sie ist eine Pflegekraft bei uns, schon seit ein paar Jahren im Geschäft und eine der wirklich Netten hier. Sie tratscht auch ganz gerne und bekommt viel mit. Wenn sie morgens nach mir schaut, steht ihr Mundwerk nicht still.« Klara lächelte. »Ein wirklich hübsches Mädchen, hilfsbereit, flirtet gern. Sie hat mir erzählt … aber da ist sie ja.«
Klara winkte einer jungen Frau zu, die sich mit einer Tragetasche der Eingangstür näherte. »Heike! Hast du kurz Zeit?«
Sie wandte sich Frederike zu: »Ich glaube, es ist besser, wenn sie dir das selbst erzählt. Ich bringe sowieso das meiste wieder durcheinander.«
Heike nähert sich den beiden Damen. »Na, ihr beiden Hübschen. Genießt ihr die Sonne?«
»Morgen, Heike«, begrüßte Klara sie. »Ich habe dir doch von meiner alten Nachbarin erzählt. Das hier ist Frederike Suttner.«
»Ach, die Kriminalkommissarin a. D.«, sagte Heike mit gesenkter Stimme und gab Frederike die Hand. »Es ist gut, dass sich hier mal einer kümmert!«
»Setzen Sie sich doch«, lud Frederike sie ein.
»Mmh«, Heike guckte sich um, »aber nur ein paar Minuten.« Sie setzte die Tragetasche ab.
»Heike, erzähl doch mal, was du mir erzählt hast«, forderte Klara sie auf.
Heike lachte. »Du lieber Gott, wir haben so viel geredet. Frau Suttner, was wollen Sie wissen?«
»Du kannst gerne Frederike sagen«, lud Frederike sie ein. »Was hältst du von den Todesfällen?«
»Nun ja, es wird darüber gesprochen. Eine solche Häufung an Todesfällen erlebt man ja nicht so oft. Das ist schon merkwürdig«, äußerte sich Heike sehr vorsichtig.
»Was heißt ›nicht so oft‹? Du hast das also vorher schon mal erlebt?«
Heike überlegte ein paar Sekunden und schüttelte dann den Kopf. »Nein, eigentlich nicht. Wir hatten hier mal eine Grippewelle, das war auch heftig, aber das jetzt … das ist noch heftiger!«
»Aber grundsätzlich kann das durchaus passieren, dass es zu einer Epidemie kommt?« Frederike ließ nicht locker.
»Na ja«, Heike zuckte mit den Schultern. »Möglich ist das schon. Virusinfektionen, die hoch ansteckend sind, lange Hitzewellen oder auch Probleme in der Küche – EHEC, Salmonellen. Viele der alten Leutchen haben ja körperlich nichts entgegenzusetzen. Wir tun natürlich alles, um das zu vermeiden.«
»Aber du bist beunruhigt!« Klara schaute Heike in die Augen.
»Ja, ehrlich gesagt schon.«
»Was ist anders?« Frederike hatte gelernt, dass es auf die Unterschiede ankam.
»Wir wissen nicht, was es ist. Und es trifft nicht unbedingt die Leute, von denen man es erwartet.« Heike hatte offensichtlich beschlossen, nun die Karten auf den Tisch zu legen. Sie beugte sich zu den beiden herüber. »Es gibt zurzeit keinen Virus. Die Hitze ist zwar da, aber wir haben die Aufenthaltsräume klimatisiert und in den Zimmern Ventilatoren. Das sollte eigentlich reichen. Und die Küche …« Sie zögerte.
»Was ist mit der Küche?«, fragte Frederike, als Heike nicht weiterredete.
»Die meisten von uns glauben ja, dass das Problem in der Küche liegt. Das ist ein ziemlicher Sauhaufen!« Heike schnalzte mit der Zunge: »Heinz, unser Koch, ist nicht besonders beliebt bei den Angestellten und auch nicht bei den Bewohnern. Dem traut man so einiges zu.«
»Was macht ihn so unbeliebt?«
»Da kommt einiges zusammen. Er kocht ziemlich einfallslos, ist kein besonders netter Chef und streitet sich häufig mit der Heimleiterin. Die beiden können sich wirklich nicht riechen.« Heike lachte auf, es klang genervt. »Davon können wir alle ein Lied singen. Man muss höllisch aufpassen, nicht zwischen die Fronten zu geraten. Wenn sie eine Anweisung erteilt, macht er schon aus Prinzip das Gegenteil.«
Klara ergänzte: »Und er macht auch keinen Hehl daraus, wenn er sich über jemanden ärgert. Otto hat kürzlich mal laut in der Cafeteria die Reibekuchen kritisiert – da war aber was los! Heinz ist richtig ausgerastet. Solche Schimpfwörter habe ich schon ewig nicht mehr gehört.« Sie kicherte.
Frederike nickte verstehend mit dem Kopf. »Das erklärt, warum er nicht sehr beliebt ist, ist aber kein Indiz dafür, dass es in der Küche zu einer Verkeimung oder Ähnlichem kam.«
»Nein, das stimmt«, bestätigte Heike, »es wirft allerdings kein gutes Licht auf einen, wenn die Heimleitung die Order gibt, dass die Essensreste aufbewahrt werden sollen, um sie untersuchen zu können, und diese dann trotzdem vernichtet werden.«
Frederike horchte auf. »War das jetzt hypothetisch oder ist das tatsächlich passiert?«
Heike nickte verzagt. »Ich rede mich hier um Kopf und Kragen. Wenn das rauskommt, bin ich wegen übler Nachrede dran. Pflegekräftemangel hin oder her, meinen Job kann ich dann knicken.«
Klara tätschelte beruhigend ihre Hand. »Keine Sorge! Du bist bei uns in guten Händen. Frederike wird das alles vertraulich behandeln, nicht wahr, Frederike?« Sie schaute ihre Ex-Nachbarin beschwörend an.
»Äh, ja, vertraulich, natürlich.« Frederike kratzte sich am Kopf. »Gut, erzähle mal genauer, was passiert ist.«
»Na ja, letzten Donnerstag sind ja gleich zwei gestorben, und beide hatten mittags das Gleiche gegessen. Da hat Frau Bader, unsere Heimleiterin, Heinz Fernmüller angewiesen, von allen Speisen Reste in einzelne Tupperdosen zu packen und diese zu verkleben und zu beschriften. Sie wollte die Proben untersuchen lassen. Doch Heinz hat einfach alles in den Bottich für die Biogasanlage geworfen und abtransportieren lassen. Er meinte, das wäre ein Misstrauensvotum gegen ihn und seine Küchenkräfte. Sie würden sauber arbeiten, er hätte schließlich die Verantwortung, und Frau Bader solle sich raushalten. Ihr könnt euch vorstellen, was da los war. Frau Bader war auf hundertachtzig und sprach von einer Abmahnung, die Pflegekräfte sind nun misstrauisch und die Küchenkräfte sauer, dass man ihnen unterstellt, sie wären für die Todesfälle verantwortlich. Gleichzeitig schimpfen sie auf Heinz Fernmüller, weil er die Essensreste vernichten ließ. Jetzt können sie nicht nachweisen, dass sie es nicht schuld sind. Sie verdächtigen jemanden von uns … Und so beäugen wir uns nun alle misstrauisch, und die Stimmung ist völlig im Eimer.«
Sie wirkte niedergeschlagen. »Jetzt haben auch noch alle von der Chefin die Anweisung erhalten, nicht über die Sache zu sprechen, aber die Augen aufzuhalten. Ich fühle mich gerade ganz prima … Und jetzt muss ich los!« Sie stand auf, nahm ihre Tragetasche und wandte sich dem Eingangsbereich zu.
»Danke«, rief Frederike hinter ihr her, doch Heike drehte sich nicht mehr um.
Frederike wandte sich Klara zu. »Na, das war ja mal interessant. Den Heinz Fernmüller, den schau ich mir mal genauer an. Was hältst du von ihm?«
Klara winkte ab. »Der perfekte Sündenbock! Der hat hier nicht viele Freunde. Das Essen ist eher mittelmäßig, und er zeigt auch keine Ambitionen, dass das besser wird. Mit Kritik kann er nicht gut umgehen. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund. Damit hat er den einen oder anderen schon heftig vor den Kopf gestoßen.«
Frederike hob verwundert die Augenbrauen. »Das spricht alles nicht für ihn. Trotzdem habe ich den Eindruck, du glaubst nicht, dass er der Todesengel ist.«
Klara schnaubte. »Schlechtes Essen hat noch niemanden umgebracht. Sonst wäre ich schon längst tot.«
Frederike grinste. »Stimmt, deine nicht vorhandenen Kochkünste sind legendär – mal abgesehen von deinen Plätzchen und Marmeladen.«
»Eben. Heinz ist ein sehr direkter Mensch, der sich damit Feinde gemacht hat. Aber ehrlich gesagt: Zu mancher Beleidigung habe ich ihm nachträglich gratuliert. Wir haben hier auch einige echte Miesepeter. Otto ist auch so ein Fall. Was der sich aufgespielt hat wegen der Reibekuchen. Das war echt unter der Gürtellinie. Ich habe nur darauf gewartet, dass ihm Heinz eins mit dem Bratpfanne überzieht. Da hätte ich noch Beifall geklatscht!«
Frederike lachte. »Ich habe den Eindruck, du magst Heinz.«
Klara zögerte kurz. »Behalte es bitte für dich. Manchmal lässt er mich in der Küche backen. Eigentlich darf er das nicht wegen der Hygienebestimmungen. Wenn die Bader das erfährt, ist er seinen Job los. Aber er weiß halt, wie gerne ich Plätzchen backe.«
Frederike seufzte. »Verstehe. Na gut, ich habe jetzt einen Eindruck bekommen. Mal sehen, was sich noch so tut. Jetzt muss ich los.«
Auf dem Weg zum Auto dachte sie über das Gehörte nach. Heinz Fernmüller nahm es anscheinend mit den Hygienevorschriften nicht allzu genau. Möglicherweise lag ja hier wirklich die Ursache für die Todesfälle. Es beunruhigte sie, dass anscheinend manche Heimbewohner – speziell auch Klara – Zugang zur Küche hatten und damit eventuell sogar eine Mitschuld an den zahlreichen Todesfällen trugen. Das würde Klara umbringen.
Klara traf sich nachmittags mit ihrem Freundeskreis zum Kaffee. Es gab frisch gebackenen Pflaumenkuchen. Das war ein Service des Hauses, den sich keiner entgehen ließ. Im bereits gut gefüllten Frühstücksraum war für die kleine Runde ein Ecktisch reserviert.
Zum Kreis gehörte Käthe Gilles, die seit knapp zwei Jahren neben Klaras Appartement eine kleine Zweizimmerwohnung bewohnte. Sie war eine vornehme, große Dame, die Haare immer gut frisiert und ein wenig geziert in den Bewegungen. Heute trug sie einen schlicht geschnittenen lavendelfarbenen Hosenanzug mit weißer Bluse. Der Dritte im Bunde war Horst Blume, ein ehemaliger Steuerberater, groß und hager, mit einem warmen Lächeln, der leider nicht mehr allzu gut zu Fuß war. Er trug stets ein weißes Hemd und oft auch einen Strohhut. Original Panama, wie er gerne betonte. Da er seine Hüte stets an der Krone packte, sah das Stroh dort immer etwas zerfleddert aus. Doch hielt er es für unmännlich, Hüte mit beiden Händen an der Krempe zu fassen. Auf der kleinen Bank saßen Ursula und Helga Mauer, zwei unverheiratete Schwestern aus Berndorf, die einander glichen wie ein Ei dem anderen, nur dass sich Ursula die Haare rot färbte und eine Vorliebe für wallende Batikgewänder hatte, während Helga, eine ehemalige Chefsekretärin, ihr kurz geschnittenes Herbstblond mit Würde trug und meist ganz pragmatisch in Jeans und T-Shirt unterwegs war. Die Zwillinge waren charakterlich sehr unterschiedlich: Ursula, die Extravertierte, stand gerne im Mittelpunkt, Helga zählte zu den ruhigen Vertreterinnen, war eher zurückhaltend und sachlich.
Klara war noch ein wenig aufgedreht von dem Gespräch mit Frederike. Ihr ging es nahe, dass Heinz Fernmüller in Verdacht stand, für die Todesfälle verantwortlich zu sein. Als Todesengel konnte sie sich ihn nun so gar nicht vorstellen. Mangelnde Hygiene wäre da sicher schon eher ein Thema, aber sie hatte erlebt, wie pingelig er immer hinter ihr her geräumt hatte, wenn sie ihre Backsessions abgehalten hatte. Trotzdem sprach sie nun in der Runde den Verdacht an, denn natürlich gab es auch hier kein anderes Thema als die letzten Todesfälle.
»Der Heinz? Das kann ich mir nicht vorstellen.« Ursula schüttelte ihre dünnen Locken. »Überhaupt, wenn was im Essen gewesen wäre, hätte das doch jemand mitbekommen.«
»Wieso? Wenn hier einer die Scheißerei hat, ist das doch nichts Besonderes«, dröhnte Horst.
Käthe räusperte sich indigniert. Sie schätzte die rustikalen Kommentare von Horst nicht, was dieser natürlich wusste und sich dementsprechend noch häufiger danebenbenahm, nur um sie zu schockieren. Das war ein kleines Spiel zwischen den beiden, das die anderen drei mit Heiterkeit betrachteten.
»Nein, im Ernst. Hat denn jemand von euch etwas gemerkt?«, fragte Klara.
Helga schüttelte den Kopf. »Wir kriegen davon sowieso nicht viel mit, Ursula und ich kochen meist selbst.«
Horst grinste. »Meine Verdauung ist kein Maßstab. Da würden selbst die Salmonellen dran verzweifeln.«
Käthe flötete fein: »Ich bekomme mein Essen nach oben gebracht, da ich Schonkost benötige.«
Horst haute ihr lachend auf die Schulter, sodass sie hustend nach vorne sackte. »Aber Pflaumenkuchen geht immer, was?«
Käthe tupfte sich mit der Serviette die Kuchenkrümel von der Bluse. »Also wirklich! Benehmen ist wohl Glückssache.«
Klara lachte und hob ein Stückchen Pflaume auf, das heruntergefallen war. »Ein wenig mehr Ernst, meine Lieben.«
Helga winkte ab. »Was soll das Ganze? Der Tod sitzt doch hier immer mit am Tisch. Schaut euch doch mal um. Die alte Frau Hummel da vorne. Otto, der nur noch im Rollstuhl unterwegs ist, da hinten die drei, die den Kuchen nur noch mümmeln – würdet ihr euch ernsthaft wundern, wenn die in den nächsten Wochen oder Monaten sterben?«
Ursula lachte. »Ich wundere mich eher jeden Morgen, dass ich noch lebe.«
Klara schaute die beiden Schwestern liebevoll an. »Unkraut vergeht nicht. Euch beide muss man irgendwann mal notschlachten.«
Doch Horst wurde nun ernst. »Aber hier geht in der Tat irgendetwas nicht mit rechten Dingen zu. Ich habe mal eine Statistik aufgestellt. In den letzten beiden Wochen sind signifikant mehr Menschen zu Tode gekommen als in den Jahren davor.«
Ursula spottete: »Da spricht der Buchhalter.«
Horst nickte. »Genau. Von Statistik verstehe ich etwas. Und wenn etwas aussieht wie eine Kröte und klingt wie eine Kröte, dann ist es meistens auch eine Kröte.«
Das überforderte Käthe nun ein wenig. »Was hat es denn jetzt mit Kröten auf sich?«
Klara legte ihr die Hand auf den Arm. »Das ist doch nur eine Analogie, Käthe. Was er damit sagen will, ist …«
Horst unterbrach sie: »Was ich damit sagen will, ist, wir sollten davon ausgehen, dass es sich nicht nur um eine Häufung natürlicher Todesfälle handelt. Da hilft jemand nach.«
Das schockierte die kleine Runde so sehr, dass alle die Gabeln niederlegten und eine Weile schwiegen.
»Bist du sicher?«, fragte Klara.
Helga beugte sich nach vorne und zischte: »Machen wir uns nichts vor. Das denkt doch hier jeder. Horst hat es nur ausgesprochen.«
Doch Ursula wollte davon nichts wissen. »Ihr unkt doch bloß. Wenn hier wirklich was nicht mit rechten Dingen zuginge, wäre doch schon längst die Polizei im Haus.«
Käthe schüttelte den Kopf. »Nicht unbedingt. Die machen sich viel zu große Sorgen, dass Bewohner ausziehen. Andrea würde das sicher nicht an die große Glocke hängen.« Sie war über ein paar Ecken mit der Heimleiterin verwandt und kannte sie daher recht gut.
Klara schaute sie an. »Kannst du nicht mal mit der Bader sprechen und sie aushorchen? Mir hat Heike im Vertrauen erzählt, dass beim Personal auch schon getratscht wird.«
Sie erzählte der Runde von ihrem Gespräch mit Heike und Frederike. »Meine ehemalige Nachbarin – sie war früher bei der Polizei, aber behaltet das bitte für euch, sie spricht da nicht gerne drüber – ist auch schon misstrauisch geworden. Uns würde interessieren, wie die Heimleitung zu der Sache steht.«
Horst nickte bedächtig. »Für eine solche Einrichtung könnten allein schon Gerüchte extrem geschäftsschädigend sein. Möglicherweise wäre das wirklich ein Grund, die Sache unter den Teppich zu kehren, weil man sich einen Imageverlust finanziell nicht leisten kann. Ich kann mir ja mal die Bilanzen anschauen.«
Ursula schaute ihn fragend an. »Wie kommst du denn daran?«
Helga mischte sich ein. »Kein Problem, ich besorge dir den Geschäftsbericht.« Sie verstand sich gut mit Frau Weißbrot, der Leitungsassistenz, und gab ihr manchmal Tipps für ihre Arbeit.
Horst nickte. »Prima, da bekomme ich schon ein gutes Bild.«
Ursula fragte: »Was können wir sonst noch tun? Zwar glaube ich eigentlich nicht, dass an der Sache wirklich etwas dran ist, aber jetzt passiert hier wenigstens mal was.«
Klara schaute sie und Helga erwartungsvoll an. »Ihr seid doch hier gut vernetzt. Hört euch doch mal um bei Bewohnern, die die Toten gekannt haben. Vielleicht haben sie etwas mitbekommen oder noch Kontakt in die Dörfer zu den Verwandten und Nachbarn. Zumindest Hubert und Werner wirkten doch noch ganz fit, von Gertrud ganz zu schweigen.«
Käthe schaute sie irritiert an. »Gertrud war sechsundneunzig!«
»Ja, schon! Ich dachte, die überlebt uns alle und wird mindestens hundertfünf«, erwiderte Klara traurig. »Solange Gertrud da war, so geistig fit und beweglich, hatte ich keine Angst davor, alt zu werden.«
Horst tätschelte ihr die Hand. »Bis du mal alt bist, ist noch lange hin. Du bist doch erst siebenundachtzig, du junger Hüpfer!«
Klara, die ihm gegenüber bei der Altersangabe fünf Jahre weggemogelt hatte, zog bedauernd die Hand weg und meinte trocken: »Da hüpft nicht mehr viel. Aber was soll’s. Gehen wir an die Arbeit.«
Die Runde löste sich auf.
Nachts hörte Klara Stimmengemurmel aus der Nebenwohnung. Sie schlief nicht mehr besonders gut und war nicht selten schon gegen drei Uhr wach. Statt sich dann wieder ins Bett zu legen, stand sie meist auf und frühstückte schon einmal. Das war einer der Gründe, weshalb sie inzwischen nur noch selten zu den offiziellen Mahlzeiten ging. Die Zeiten passten einfach nicht mehr für sie.
War Käthe vor dem Fernseher eingeschlafen? Das passierte ab und zu. Dann hörte Klara, dass auch draußen auf dem Flur Bewegung war. Sie zog ihren Bademantel über und öffnete leise die Tür. Hoffentlich war nichts mit ihrer Nachbarin.
Heike, die Nachtdienst hatte, sprach gerade mit zwei jungen Notfallsanitätern. Dann sah sie Klara in der Tür und ließ die beiden mit einer kurzen Entschuldigung stehen. Sie kam zu Klara, mit Tränen in den Augen: »Ach, es tut mir so leid. Du warst ja mit Käthe Gilles befreundet.«
Klara stand stocksteif und fragte mit bebender Stimme: »Ist sie tot?«
Heike nickte: »Ja, sie hat noch geklingelt, aber wir konnten nichts mehr für sie tun. Sie wird gerade nach unten gebracht. Ich bin gleich wieder da.«
Doch Klara hatte sich schon abgewandt. »Nicht nötig.« Sie brauchte jetzt einige Zeit für sich.
Am nächsten Morgen mochte Klara gar nicht nach unten gehen. Gestern hatte man noch so schön zusammengesessen. Käthe hatte doch fit gewirkt und auch keinerlei Hinweise gegeben, dass es ihr nicht gut ging. Klara verstand das nicht. Sie beschloss, Frederike anzurufen. Sie musste mit jemandem reden.
Frederike kam eine Stunde später vorbei. Sie blieben in Klaras Räumen, und Klara brühte einen Tee auf.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, ich bin noch völlig fassungslos.« Klara konnte sich gar nicht beruhigen. Die Tränen liefen über ihre Wangen.
Frederike saß nur still in ihrem Sessel und ließ Klara reden.
»Gerade gestern haben wir über die Todesfälle gesprochen. Käthe war nichts aufgefallen, aber sie wollte bei der Heimleiterin nachforschen.«
»Erzähl mir von gestern. Was ist passiert?«
Klara schilderte den Verlauf der Gesprächsrunde und die Ideen, die sie gesammelt hatten.
»Ihr wollt also gemeinsam recherchieren, und jeder hat Aufgaben übernommen«, fasste Frederike das Gehörte zusammen.
Klara nickte.
»Hat jemand bei euch zugehört? Möglicherweise hat euch jemand belauscht.«
»Wir waren nicht besonders leise«, gab Klara zu. »Allerdings war es ziemlich laut im Raum, Geschirrklappern und laute Gespräche. Die meisten hier hören nicht mehr besonders gut, deshalb reden wir alle recht laut.«
»Apropos – ist dein Hörgerät wieder aufgetaucht?«
»Nein, ist es nicht. Vor lauter Stress habe ich Verstopfung. Aber bleib beim Thema.«
Frederike akzeptierte den Verweis mit einem leichten Kopfnicken. Heute war kein guter Tag für Klara. »Ich dachte beim Lauschen mehr ans Personal. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass sich jemand der Bewohner auf seine alten Tage als Massenmörder betätigt.«
»Unterschätze die Alten nicht.« Klara sah sie aufmerksam an. »Manche sind hier ganz schön aggressiv.«
»Denkst du da an jemand Besonderen?«, hakte Frederike nach.
»Nein, tue ich nicht. Aber ich kenne auch nicht alle so gut, dass ich für jemanden die Hand ins Feuer legen würde.«
»Gut zu wissen«, bemerkte Frederike und nahm sich noch eine Tasse Tee.
Klara stand auf, um Gebäck zu holen.
»Mmh, Schokoladenplätzchen!« Frederike bediente sich und kaute erst mal eine Weile, bevor sie fortfuhr: »Wie ist es mit dem Personal? Jemand aus der Küche …«
»Du hast Heinz Fernmüller und seine Leute in Verdacht?«
»Ich haben jeden in Verdacht. Solange wir nicht wissen, was passiert ist, können wir nichts und niemanden ausschließen«, stellte Frederike klar.
»Mich kannst du ausschließen«, erklärte Klara bestimmt.
»Nein, ehrlich gesagt kann ich das nicht.« Frederike schaute Klara fest in die Augen. »Aber du stehst ganz unten auf meiner Liste.«
Klara lachte kurz auf. »Ich sollte jetzt beleidigt sein. Ich weiß nur noch nicht, weshalb. Weil du mich verdächtigst oder weil ich ganz unten auf deiner Liste stehe?«
Frederike zuckte mit den Schultern. »Denk drüber nach. Ich muss jetzt los. Bei Gelegenheit würde ich gerne deine nette Runde kennenlernen.« Sie erhob sich und ging zur Tür. »Bleib sitzen, ich finde schon allein raus.« Sie stockte kurz, bevor sie das Appartement verließ, und schaute Klara noch einmal an. »Passt auf euch auf. Bitte!«
Sie war beunruhigter, als sie zugab. Hatte Käthe Gilles möglicherweise gestern in ein Wespennest gestochen? Und was war dann mit den anderen der Caférunde? Waren auch sie in Gefahr? Sie wusste nicht, wo sie anpacken sollte. Aber sie spürte: Irgendetwas stank hier ganz gewaltig!
6. Kapitel
Drei Tage nach Käthes Tod gab es eine Trauerandacht. Die Leiche war noch nicht freigegeben, und Käthe hatte sich ein Urnenbegräbnis im Jünkerather Friedwald gewünscht. So feierten die Hinterbliebenen zunächst eine Totenmesse. Frederike entschloss sich, daran teilzunehmen. Sie wollte einen Blick auf die Trauernden werfen. Vor der Kirche stand Klara mit einigen Bewohnern des St. Ägidius. Sie löste sich von der Gruppe, als sie Frederike sah, und kam zu ihr herüber.
»Was für ein Tag! Sie fehlt mir so sehr«, sagte sie traurig. »Inzwischen wird schon ihr Appartement geräumt. Es bleibt so wenig von uns zurück, wenn wir sterben.«
Frederike drückte liebevoll ihren Arm. »Dir bleiben die Erinnerungen. Keiner geht so ganz, solange es Menschen gibt, die sich erinnern.«
Klara lächelte unter Tränen. »Ein schöner Gedanke. Ich hoffe, dass man sich auch an mich erinnert.«
Frederike nickte. »Lass uns reingehen und ein paar Spuren im Leben hinterlassen.«
Während der Trauerfeier saß Frederike in der vorletzten Bank und musterte die Besucher. Allzu viele waren es nicht. Die meisten waren aus dem Altenstift, Bewohner, Zimmernachbarn und Betreuer. Sie entdeckte auch ihren Zahnarzt. Plötzlich blieb ihr Blick an einem jungen Mann hängen, der ihr irgendwie bekannt vorkam. Klara, die neben ihr saß, folgte ihrem Blick und flüsterte ihr zu: »Das ist Käthes Neffe.«
»Den habe ich schon mal gesehen. Ich weiß nur gerade nicht, wo ich ihn hintun soll. Wie heißt er?,« flüsterte Frederike zurück.
Doch da begann gerade die Wandlung, und alle knieten sich hin. »Später!«, hauchte Klara.
Nach der Messe gingen beide zurück zum Altersheim. »Erzähl mir von dem Neffen«, forderte Frederike. Sie hatte gehofft, sie könne nach der Feier noch einen Blick auf den jungen Mann werfen, doch der war in der Menge verschwunden.
»Ich kenne ihn nicht persönlich, habe ihn nur mal von Weitem gesehen. Käthe nannte ihn Jogi, mehr weiß ich auch nicht.«
»Standen sie sich nahe?«
»Ach, ich glaube, das ist zu viel gesagt. Sie freute sich, wenn er sie besuchen kam. Du weißt ja, wie das hier läuft. Selbst wenn das Verhältnis zur ›buckelijen Verwandtschaft‹ nicht besonders herzlich ist, freut man sich über Besuche, da man weiß, dass die anderen Bewohner diese neidvoll zur Kenntnis nehmen. ›Du hast ja noch Verwandtschaft‹, ist bei uns die Statusaussage schlechthin. Hier ist ja sonst auch nicht allzu viel los. Ich hatte aber den Eindruck, dass sie ihn ein bisschen gönnerhaft behandelte.« Klara dachte nach. »Sie hat erzählt, dass er in Trier arbeitet. Warum fragst du?«
Frederike schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht … Er erinnert mich an jemanden, aber ich komm nicht drauf, an wen. Vielleicht ist er mir auch nur aufgefallen, weil er den Altersdurchschnitt der Trauergäste deutlich gesenkt hat.«
»Käthe bezeichnete sich mal als seine Erbtante. Ich glaube, sie vermutete hinter den Besuchen durchaus niedere Beweggründe. Das war für sie aber kein Grund, sich nicht auf ihn zu freuen.«
Frederike horchte auf. »War Käthe so gut betucht?«
Klara zuckte mit den Schultern. »Das Appartement von ihr ist das teuerste hier im Haus, und sie hat nie über Geldsorgen geklagt – im Gegensatz zu vielen anderen hier. Aber sie ist natürlich auch verwandt mit Andrea Bader, unserer Heimleiterin. Vielleicht bekam sie Sonderkonditionen.«
»Woher stammt Käthe?«
»Sie ist wohl ursprünglich aus der Eifel, hat aber lange in Meerbusch gewohnt. Ich habe immer gedacht, dass es ihr in der Stadt zu teuer wäre«, vermutete Klara. »Aber ich kann es dir nicht sagen. Für Käthe war Geld ein Tabuthema.«
»Ich schaue mal, was ich herausbekommen kann.«
Als Frederike Klara von der Seite ansah, fiel ihr der kleine Knopf in Klaras Ohr auf. »Ach, du hast ja deine Hörgeräte wieder. Sind das die besagten?« Ihr Mundwinkel zuckte leicht.
Klara blickte sie indigniert an. »Natürlich nicht! Die habe ich gestern zu meinem Hörgeräteakustiker gebracht.«
»Na, der war bestimmt begeistert. Was hat er gesagt?«
Klara kicherte. »Ich habe ihm die Geschichte erzählt. Da hat er ohne viel Federlesens das Döschen an sich genommen und gesagt, dass er die Dinger zum Hersteller schickt. Da könne er sowieso nichts machen.« Sie seufzte. »Aber ich habe nicht viel Hoffnung. Die sahen wirklich übel aus. Und dabei waren sie verdammt teuer!«
»Ich staune ja, dass du sie überhaupt wiedergefunden hast.«
Klara winkte ab. »Ich hatte Glück im Unglück. Das Gäste-WC im Foyer hat noch einen Flachspüler. Ich hatte schon Sorgen, dass ich tagelang auf eine Zeitung kacken müsste.«
»Ohhh, wie eklig. Sei still, ich will gar nichts mehr davon hören.« Frederike schüttelte sich.
Sie beschlossen, zum Abschluss ihres Besuches noch ein Runde durch den Garten zu drehen. Die Stockmalven blühten um die Wette.
»Die hätte ich gerne noch in Dunkelrot in meinem Garten.« Frederike hielt Ausschau nach Samenständen.
Da hielt Klara einen älteren Mann an. »Mensch, Horst, gut, dass ich dich sehe.«
Horst schaute sie irritiert von oben herab an. »Du weißt schon, dass ich bei der Trauerfeier für Käthe neben dir gesessen habe?«
»Ja, schon, aber da habe ich dich noch nicht gebraucht.«
Horst richtete sich auf. »Du brauchst mich? Ich fühle mich geehrt«, bemerkte er mit leichtem Sarkasmus.
Frederike betrachtete ihn amüsiert. »Und das ist …?«, fragte sie Klara.
»Darf ich vorstellen? Horst Blume, Steuerberater a. D. … Horst, das ist meine Nachbarin … also, meine frühere Nachbarin Frederike Suttner«, stellte Klara die beiden einander vor.
Beide nickten sich zu, dann wandte sich Horst wieder an Klara: »Also, was erfreut dich so an meiner Gegenwart?«
»Bestimmt nicht das, was du hoffst«, schnauzte Klara.
Horst grinste. »Schade! Vielleicht später?«
»Lass gut sein, du bist mir zu alt. Nein, wir haben eine Frage zu Käthe. Weißt du, wie ihr Neffe heißt?«
»Ich kenne nur den Spitznamen, der kleine Jogi.«
Frederike mischte sich ein: »Wissen Sie vielleicht, wie Käthe finanziell gestellt war?«
Horst schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Ist das wichtig?«
»Das weiß ich noch nicht.«
Er nickte. »Also gut, jetzt kann es ja nicht mehr schaden. Sie hat mich vor einiger Zeit mal um einen steuerlichen Rat gebeten. Daher weiß ich, dass Käthe über einige Immobilien verfügte.«
Klara machte große Augen. »Wirklich? Das hätte ich jetzt nicht gedacht.«
Horst lächelte. »Sie war noch eine feine Dame vom alten Schlag. Über Geld spricht man nicht, das hat man.«
Frederike bedankte sich für die Information und ließ beide im Garten zurück. Immobilien? Das könnte spannend werden.
Eins hatte die Erfahrung Frederike gelehrt: Die meisten Morde geschahen, wenn die Liebe verloren ging oder Geld ins Spiel kam. Doch war es hier Mord? Frederike spürte dieses innere Jucken – ihr Instinkt sagte ihr, dass die Todesfälle keine natürlichen Ursachen haben konnten. Sie fragte sich, wieso hier noch keine Ermittlungen aufgenommen worden waren. Auf jeden Fall könnte es sich lohnen, der Spur des Geldes zu folgen. Für alle Fälle …
Zu Hause angekommen, wartete ihr Nachbar Max schon auf sie und übergab ihr ein Paket mit Blumenstützen, das der Paketbote bei ihm abgegeben hatte. Sie kaufte vieles im Internet, denn die Auswahl vor Ort war oft zu bescheiden für ihre noch aus Düsseldorfer Zeiten geprägten Ansprüche. In ihrer Nachbarschaft waren inzwischen fast alle schon im Rentenalter, sodass ihre Päckchen und Pakete stets irgendwo in der Nachbarschaft landeten und kein Paketbote zweimal kommen musste. Man hatte hier viel Zeit. So setzten sich Frederike und Max erst einmal auf die Bank vor dem Haus und plauderten über Gott und die Welt. Max zündete sich genüsslich ein Pfeifchen an und zog die Luft geräuschvoll ein.
»Du hörst dich an wie Darth Vader«, kommentierte Frederike den Lungenzug. »Ich habe mal gehört, dass man Pfeife nicht auf Lunge raucht.«
»Mache ich auch gar nicht«, rechtfertigte sich Max, »ich atme immer so!«
»Dann solltest du mal über ein anderes Laster nachdenken. Das hört sich ja furchtbar an.« Frederike betrachtete ihn aufmerksam. »Geht es dir gut?«
»Schlechten Leuten geht es immer gut!«, brummelte Max. Er gehörte zu den wenigen Menschen in Frederikes Umfeld, die nicht alle naselang von ihren Krankheiten redeten, was sie sehr erholsam fand.
»Was treibst du so in letzter Zeit? Du bist viel unterwegs.« Auch wenn Max nicht zu den neugierigen Menschen zählte, war ihm nicht verborgen geblieben, dass sie in den letzten Tagen häufiger als gewöhnlich das Auto aus der Garage geholt hatte.
»Ach, ich war öfter mal Klara Limes in Hillesheim besuchen.«
»Klara? Das ist schön. Wie geht es ihr?«, fragte Max interessiert.
»Wie soll es ihr schon gehen? Sie sitzt im Altersheim und dreht Däumchen. Gesundheitlich und geistig ist sie aber noch richtig gut zurecht.« Frederike reckte sich. »Was machen eigentlich deine Enkel? Ich habe sie schon ewig nicht mehr in meinem Garten gesehen.«
Max winkte ab. »Die haben jetzt einen E-Scooter bekommen und sind die ganze Zeit hier auf den Feldwegen unterwegs. Da sind wir Alten abgemeldet.«
»Dürfen die denn schon mit so einem Teil fahren?«
»Ach, du weißt ja, wie das hier läuft. Auf den Feldwegen interessiert das doch keinen. Früh übt sich …«
»… wer sich mit achtzehn den Hals brechen will«, vervollständigte Frederike das Sprichwort sarkastisch. »Na, die werden sich schon irgendwann an meinen Kuchen erinnern und wieder auf der Matte stehen.« Sie stand auf. »So, ich hab zu tun.«
»Überarbeite dich nicht«, spottete Max und blieb noch eine Weile auf der Bank sitzen.
Als Frederike ins Haus trat, griff sie nach dem Telefon. Auch bei ihrem Gespräch mit Max war ihr Käthe Gilles nicht aus dem Kopf gegangen. Ihre Gedanken kreisten um den Nachlass und um die Rolle des Neffen. Kurz entschlossen wählte sie ihre alte Büronummer.
»Frau Suttner, das ist ja eine Überraschung«, begrüßte sie ihr junger Ex-Kollege, der inzwischen aber wohl auch schon über fünfzig war.
»Guten Morgen, Herr Wieland. Es ist schön, dass ich Sie erreiche.« Sie erinnerte sich gerne an den Kollegen, den sie damals eingearbeitet und mit dem sie lange Jahre eng zusammengearbeitet hatte. »Ich bin heute Nachmittag in Düsseldorf unterwegs und wollte fragen, ob Sie Lust hätten, mit mir eine Tasse Kaffee zu trinken?«
Wieland wirkte zunächst etwas verdutzt, aber durchaus erfreut, und so verabredeten sie sich für sechzehn Uhr im Bazzar Caffè in der Düsseldorf Altstadt.
Frederike hatte sich früh auf den Weg gemacht und die diversen Staus rund um den Kölner Ring eingeplant, sodass sie schon gegen halb vier im Café eintraf. Es dauerte eine Weile, bis ein Tisch frei wurde. Sie hatte diesen gerade in Beschlag genommen, als auch schon Klaus Wieland eintraf. Nachdem sie sich begrüßt hatten, bestellten beide einen Cappuccino. Frederike beschloss, direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. »Können Sie mir einen Gefallen tun?«
Wieland lachte. »Ich dachte mir schon, dass Sie nicht nur mit mir über alte Zeiten sprechen wollen. Was liegt an?«
Frederike zögerte kurz. »Ich bin bei mir in der Eifel auf eine Sache gestoßen, die ich merkwürdig finde.«
Klaus Wieland wurde hellhörig. »Dann schießen Sie mal los. Wenn Sie etwas merkwürdig finden, steckt auch etwas dahinter. Ich habe noch nie erlebt, dass Ihr Instinkt Sie im Stich gelassen hat.«
»Und mein Instinkt arbeitet gerade auf Hochtouren. In einem Altersheim bei mir in der Nähe gab es mehrere Todesfälle. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Aber die Häufung verwundert mich. Und dass es anscheinend auch Leute erwischt hat, von denen man dachte, dass die noch hundert werden.«
»Was vermuten Sie?«
»Für Vermutungen ist es zu früh. Aber ich möchte sichergehen, dass hier keiner nachhilft.«
»Wird in der Sache schon ermittelt?«
»Nein, nicht offiziell. Aber ich habe mitbekommen, dass die letzten Todesfälle in der Pathologie in Gerolstein gelandet sind.«
»Das ist sehr vernünftig. Die meisten Mediziner schreiben viel zu schnell den Totenschein aus, zumal bei alten Menschen. Ich möchte nicht wissen, wie hoch die Dunkelziffer hier ist.«
»Genau! So eine Erbtante ist schnell aus dem Weg geräumt, wenn keiner genauer hinschaut.«
Klaus Wieland grinste. »Aber das sind da ja anscheinend ganz schön viele Erbtanten und -onkel. Um wie viele Tote handelt es sich denn?«
»Zwölf, von denen ich weiß.« Frederike erschrak selbst, als sie sich die Zahl nennen hörte.
Klaus Wieland sog die Luft zwischen den Zähnen ein. »Das ist eine ganze Menge. Das sollte sich wirklich die Polizei ansehen.«
»Ich denke, das ist nur noch eine Frage der Zeit. Vor Ort läuft schon die Gerüchteküche heiß.«
»Wollen Sie, dass wir uns hier einschalten?«
»Nein, das ist ja nicht Ihr Bereich. Aber eine der Toten kommt aus dem Düsseldorfer Umland und hat anscheinend einiges an Vermögen hinterlassen. Das interessiert mich.«
Wieland schmunzelte. »Also daher weht der Wind. Vielleicht doch ein Erbfall? Wollen Sie, dass ich ein wenig recherchiere?«
»Lieb, dass Sie fragen. Ja. Können Sie mir Auskünfte einholen über die Vermögensverhältnisse einer Käthe Gilles, früher wohnhaft in Meerbusch?«
»Meerbusch? Die Hochburg der deutschen Millionäre?«
»Genau. Bei uns strolcht nämlich auch noch ein Neffe herum. Da lohnt sich vielleicht ein Blick.«
»Bauchgefühl? Ihr Riecher fehlt uns hier wirklich. Haben Sie nicht ab und zu Sehnsucht nach uns und Ihrer alten Tätigkeit? So etwas wie eine externe Beraterin? Ich räume für Sie auch gerne wieder meinen Schreibtisch«, scherzte er. »Wissen Sie eigentlich, dass man Sie intern immer noch als den ›Bluthund‹ rühmt?«
»Ach herrje, ist Ihnen allen da nichts Besseres eingefallen?«
»Zumindest nichts Passenderes! Wenn Sie an etwas dran waren, ließen Sie nicht locker, unter keinen Umständen! Das war schon beeindruckend und manchmal auch ein wenig angsteinflößend. Also überlegen Sie es sich. Wir hätten da gerade einen ganz besonders interessanten Fall!«
»Stopp! Das will ich gar nicht wissen. Ich komme gerne mal ab und an vorbei, um mit Ihnen einen Cappuccino zu trinken. Aber die Arbeit fehlt mir nicht. Mein Leben besteht nun aus Katzenpflege und Gartenarbeit. Das wöchentliche Highlight ist die Probe des Kirchenchors. Ich lese nicht mal Krimis.«
Klaus Wieland lachte. »Das kann ich gut verstehen. Wenn meine Frau abends den Tatort einschaltet, gehe ich ins Nebenzimmer und lese Zeitung.«
»Die ist doch auch voll von schlechten Nachrichten. Probieren Sie es mal mit Unkrautjäten – das macht den Kopf frei.«
»Ich werde es mir merken. Ist das jetzt Ihr neues Hobby?«
Frederike nickte. Sie tauschten sich noch eine Weile über die Entwicklungen der letzten Jahre aus, dann schaute Wieland auf die Uhr. »Ups, schon so spät. Ich muss los!« Er stand auf. »Ich melde mich, sobald ich etwas weiß.«
»Wird es lange dauern?«, fragte Frederike schnell.
»Also trotz der entspannenden Gartenarbeit immer noch ungeduldig! Es hätte mich auch gewundert«, grinste Wieland, »nein, ich melde mich heute noch. Versprochen.«
»Klasse! Dafür zahle ich Ihren Cappu.« Frederike schwenkte ihre Geldbörse, und Wieland verließ winkend das Lokal.
Frederike bummelte noch eine Weile durch die Altstadt, stellte aber fest, dass der Trubel um sie herum sie einfach nur noch nervte. Also machte sie sich auf den Heimweg. Sie war froh, in Kürze Informationen über Käthe Gilles zu bekommen. Irgendwie hatte sie den Eindruck, dass hinter diesem Tod mehr steckte. Oder war es doch bloß Zufall? Wie passte das Ganze zu den anderen Todesfällen? Sie wusste es nicht und beschloss, sich von ihren Zweifeln erst einmal nicht abhalten zu lassen. Tja, vielleicht war das Bild mit dem Bluthund gar nicht so falsch! Und irgendwie waren das ja auch ganz liebe Tiere, oder?
Ihre Gedanken wanderten zu Angela und ihrem neuen Galan. Sie machte sich Sorgen. Ein arbeitsloser Chemiker – in einer Region mit einer Arbeitslosenquote unter drei Prozent und nachgewiesenem Fachkräftemangel. Wo gab es denn so was? Hatte sie etwa Vorurteile gegen gut aussehende junge Männer, die auf Kosten der Allgemeinheit lebten? Oder war sie einfach bloß eifersüchtig? Trotzig schüttelte sie diesen Gedanken ab.
Als sie zu Hause ankam, hatte Klaus Wieland ihr schon auf den Anrufbeantworter gesprochen und um Rückruf gebeten. Sie wählte seine Handynummer und lobte: »Das ging ja wirklich schnell.«
»Ja, ich habe eben nicht geschaltet, als Sie mir den Namen sagten. Käthe Gilles – die kennt hier jeder. Sie ist in Düsseldorf als Stifterin und Sponsorin eine große Nummer gewesen, hat jahrelang die UNICEF-Gala organisiert und war eine große Kunstmäzenin. Sie kennen sie übrigens.« Klaus Wieland wartete auf ihre Reaktion.
»Lassen Sie mich nachdenken. Der Name Gilles ist hier in der Region häufiger vertreten, sodass ich keine Verbindung hergestellt habe, und ich bin der Dame hier nie begegnet. Käthe Gilles … mmh … war da nicht irgendetwas mit der Kunstsammlung?«, dachte Frederike laut nach.
»Genau, wir sind ihr im Rahmen der Ermittlungen im Fall Küpper begegnet. Eine nette ältere Dame, sehr vornehm. Klingelt es jetzt bei Ihnen?«
Frederike nickte: »Ja, jetzt wo Sie es sagen. Das war also Käthe Gilles. Eine angenehme Person. Wie schade, dass ich ihr hier nicht mehr begegnet bin. Sie war sehr aufmerksam und hochintelligent.«
»Und schwerreich«, ergänzte Klaus Wieland. »Sie verfügte in Düsseldorf über mehrere Immobilien, teils sogar in Kö-Lage. Dazu gibt es auch noch eine exquisite kleine Kunstsammlung. Die Lady war millionenschwer.«
Frederike pfiff durch die Zähne. »Na, wenn das kein Motiv ist. Gibt es direkte Nachkommen?«
»Soweit ich weiß, nicht. Der Ehemann ist bereits vor zwölf Jahren verstorben, und das Paar war kinderlos. Es gibt natürlich Verwandtschaft. Da wird das Rennen auf das Erbe jetzt losgehen!«
»Haben Sie vielleicht etwas über den Neffen herausgefunden?«
»Nein, so genau habe ich aber auch nicht recherchiert.«
»Man müsste mal einen Blick ins Testament werfen.«
»Da müssen Sie bis zur offiziellen Testamentseröffnung warten. Ohne konkreten Anlass können wir hier keinen Einblick nehmen.« Anscheinend waren die Grenzen von Klaus Wielands Hilfsbereitschaft erreicht.
Doch Frederike wollte auch gar nicht mehr. »Nein, das ist klar. Ich bin froh über die Infos. Damit kann ich arbeiten. Ich habe den Eindruck, dass zumindest der Neffe keine Zeit verlieren wird, einen Erbschein zu beantragen. Sollten Sie etwas hören oder lesen, vielleicht in der Rheinischen Post, lassen Sie es mich wissen.«
»Das mache ich. Es war schön, mal wieder mit Ihnen zu plaudern«, verabschiedete sich Klaus Wieland.
Käthe Gilles – Frederike erinnerte sich gut an die hochgewachsene stolze Frau mit dem klaren Blick und der melodischen Stimme. Ihre Begegnung war schon mehrere Jahre her. Das musste in den Neunzigern gewesen sein. Käthe Gilles entsprach überhaupt nicht dem blond gefärbten und braun gebrannten Klischee der typischen Düsseldorfer Hautevolee. Ihre Kleidung war schlicht und geschmackvoll, und sie hatte sich viel Zeit genommen für die Ermittler. Damals wieselte ein kleiner weißer Zwergpudel um sie herum, den sie sogar mit in die Kunstsammlung nahm. Das war aber auch das einzige Indiz, das für ihre Sonderstellung sprach, denn normalerweise herrschte hier striktes Hundeverbot. Frederike fühlte eine leichte Trauer, als sie sich an die Begegnung erinnerte. Sie hatte die Frau gemocht. Schade, dass es nun zu spät für ein Wiedersehen war. Es wäre schön gewesen, hier in der Eifel ein Gesicht aus der alten Heimat zu entdecken. Frederike fragte sich, was Käthe Gilles in die Eifel verschlagen hatte. Vielleicht war es Käthe ja genauso gegangen wie ihr – zurück zu den Wurzeln.
Sie atmete geräuschvoll aus, stand auf und ging in die Küche, um Hannelores Abendessen zuzubereiten.
Für den nächsten Tag hatte sich Frederike wieder Gartenarbeit verordnet. Dabei konnte sie ihre Gedanken fließen lassen. Jetzt, nachdem sie sich an die Begegnung erinnert hatte, war Käthe Gilles’ Tod zu etwas Persönlichem geworden. Sie würde keine Ruhe geben, bis sie das Geheimnis um den Todesengel gelüftet hatte. Und sie war sicher, dass es ein Geheimnis gab. Noch kannte sie nicht alle Fakten, aber das wäre nur eine Frage der Zeit. Und der richtigen Herangehensweise.
Die Zeit verging im Nu. Nachmittags stand unerwartet Angela am Gartentörchen. »Na, kann ich helfen?«
Frederike erhob sich stöhnend aus dem Blumenbeet, das sie gerade von Unkraut säuberte, und zog ihre schmutzigen Arbeitshandschuhe aus. »Gut, dass du da bist. Pause!«
Angela lachte. »Da komme ich ja gerade richtig! Soll ich uns einen Kaffee machen? Ich habe Teilchen mitgebracht.« Sie hob eine Tüte von der Dockweiler Biobäckerei in die Höhe.
Frederike lief das Wasser im Mund zusammen. »Wundervoll! Du bist ein Engel.«
Beide gingen ins Haus. Frederike wusch sich die Hände und wechselte die Schuhe, während Angela den Kaffeekocher auf den Herd setzte. Kurz danach zog würziger Kaffeeduft durch die Küche. Die beiden nahmen sich Tassen und Teller aus dem Regal und setzten sich an den alten Küchentisch. Frederike schob einen Hocker heran und legte die Füße hoch. Beide tranken schweigend ihren Kaffee und verzehrten die Fruchtschnitten. So konnte man das Leben genießen!
»Schön, dass du hier bist. Ich wollte sowieso etwas mit dir besprechen«, eröffnete Frederike das Gespräch, nachdem beide ihren ersten Hunger gestillt hatten. »Aber zunächst interessiert mich mal dein neuer Freund: Wie läuft es mit Jochen?«
Angela begann zu strahlen. Sie sprang auf und umarmte Frederike. »Ach, Tantchen, ich bin so glücklich. Jochen ist so ein wunderbarer Mensch. Jeden Tag schickt er mir kleine verliebte Botschaften aufs Handy. Und wir telefonieren jeden Abend, manchmal stundenlang. Er ist so verständnisvoll.«
Sie plapperte wie ein Wasserfall von den Vorzügen ihres neuen Galans, und Frederike hörte ihr amüsiert zu. Sie genoss es, Angela so glücklich zu sehen, auch wenn sie sich für ihre Nichte einen anderen Partner gewünscht hätte. Aber es war ja sicher nur ein Flirt, beruhigte sie sich selbst.
Nach einer Weile kam das Gespräch auf das St. Ägidius. Angela war voller Bedauern. »Die arme Klara! Dass ihre Freundin nun auch gestorben ist, tut mir so leid! Und schon wieder ein Todesfall im St. Ägidius. Bei uns im Krankenhaus haben wir kaum ein anderes Thema. Die Pathologie arbeitet auf Hochtouren, aber es herrscht anscheinend immer noch keine Klarheit. Zumindest habe ich davon nichts mitbekommen.«
»Gibt es denn bereits offizielle Ermittlungen?«, fragte Frederike interessiert nach, »im Altersheim weiß man nichts davon.«
»Na, das würde ja wohl auch keiner an die große Glocke hängen«, bemerkte Angela trocken, »aber das ist sicher nur noch eine Frage der Zeit. Im Moment ist es aber, glaube ich, vor allem Frau Dr. Burkhardt, die Genaueres wissen will.«
Frederike nickte gedankenvoll. »Das hätte mich auch sonst gewundert. Ich wüsste zu gerne, was sie denkt, was hier vorgeht.«
Angela zuckte nur mit den Schultern und nahm sich noch einen Kaffee. »Und wie ist es mit dir? Ermittelst du schon? Bei so was kannst du doch sicher die Füße nicht stillhalten.« Sie stupste mit ihrem Zeh an Frederikes Bein.
»Ein bisschen. Ich habe mich etwas umgehört und bin im Kontakt mit Klara. Da hätte ich eine Bitte an dich.«
»Na, da bin ich mal gespannt.«
Frederike zögerte kurz. »Ich langweile mich in letzter Zeit ein wenig und fühle mich einsam.«
Angela starrte sie an. »Häh?«
Frederike schaute in ihre leere Tasse. »Ja, mir kam vorhin die Idee, ich könnte mir mal etwas Abwechslung verschaffen und ein paar Tage in die Tagespflege ins Altersheim gehen. Das war es, was ich mit dir besprechen wollte.«
Angela prustete los. »Du willst ins Altersheim? Also wirklich!«
Frederike zog einen Flunsch. »Die haben im St. Ägidius ein ganz tolles Programm. Singstunden, Seniorenturnen, Bingorunde und Nachmittagskaffee – das wird bestimmt schön.«
Angela lachte. »Ich weiß genau, was du willst. Spionieren! Dir reicht Klara nicht aus – du willst selbst undercover ermitteln!«
Frederike hob die Hände. »Ertappt! Kannst du mich anmelden? Ich glaube, das wirkt besser, als wenn ich selbst anrufe.«
»Klar, kann ich machen. Ab wann soll’s losgehen?« Angela stand auf und griff zum Telefon.
»So flott wie möglich. Ich will keine Zeit verlieren.« Frederike brannte förmlich darauf, selbst aktiv zu werden.
Angela telefonierte mit dem Seniorenheim und meldete ihre Tante an. Nachdem alle Daten erfasst waren, wurde ausgemacht, dass Frederike am nächsten Morgen gegen neun Uhr mit dem Seniorenbus zu einem Schnuppertag abgeholt werden sollte. Danach würde man weitersehen.
Als Angela aufgelegt hatte, meinte Frederike mürrisch, sie hätte doch auch selbst fahren können, doch Angela schaute sie mit ernstem Gesicht an.
»Du bist sowieso noch relativ jung für die Tagespflege. Wenn du auch noch selbst mit dem Auto vorfährst, nimmt dir keiner deine neue Rolle ab. Schick dich drein – du bist leicht dement und erholst dich zudem noch von einer Operation. Das ist perfekt für die Tagespflege. Und du kannst ungestört und naiv alle dummen Fragen stellen, ohne dass ein Todesengel oder was auch immer auf dich aufmerksam wird.«
Frederike lachte. »Ermittlungstaktisch an alles gedacht. Du würdest eine hervorragende Polizistin abgeben.«
Angela freute sich über das Lob, setzte aber noch nach: »Bitte, bitte, pass auf dich auf!«
Dann verschwand sie so schnell wie sie gekommen war.
Es war schon Jahre her, dass Frederike verdeckt im Einsatz gewesen war. Sie wurde jetzt doch nervös. Schließlich war sie nicht mehr die Jüngste und schon etwas eingerostet. Wie sollte sie dort auftreten, wie würde Klara reagieren? Und würde es ihr gelingen, dem mutmaßlichen Todesengel das Handwerk zu legen? Oder war sie doch zu sehr aus der Übung? Zu alt? Und wieso tat sie das eigentlich? Sie stellte den Wecker auf sieben Uhr, um nicht zu verschlafen. Doch nötig war das nicht, denn in der Nacht tat sie kein Auge zu.
Darmowy fragment się skończył.