Czytaj książkę: «Höllenteufel»
Andre Rober
Höllenteufel
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Impressum neobooks
Kapitel 1
Als ein junges Paar nachts durch den verschneiten Schwarzwald von einem Familientreffen nach Hause fährt, haben sie ein schockierendes Erlebnis: Plötzlich steht ein in Weiß gekleidetes junges Mädchen auf der Fahrbahn. In der Hand hält es einen blutigen Dolch und auch das Gewand ist blutdurchtränkt! Den Ermittlern Sarah Hansen und Thomas Bierman mangelt es zunächst an Ansatzpunkten, denn das geheimnisvolle Mädchen spricht kein Wort! Auch der Fund des Ortes der gruseligen Geschehnisse bringt die Polizei nicht weiter. Schließlich ist es eine missglückte Entführung, die eine Verbindung zu dem seltsamen Fall aufweist und die Ermittlungen in eine andere Richtung lenkt.
Andre Rober, geboren 1970 in Freiburg im Breisgau, studierte Volkswirtschaftslehre und arbeitete nach dem Abschluss mehrere Jahre für Banken im In- und Ausland. Mit der Absicht, sich beruflich zu verändern, machte er eine Ausbildung zum Business Coach und arbeitete parallel an seinem Erstlingswerk „Sturmernte“.
Mit „Höllenteufel“ erscheint der vierte Band rund um die Ermittlerin Sarah Hansen, ihren Partner Thomas Bierman und deren Team bei der Kriminalpolizei Freiburg.
Andre Rober
Höllenteufel
Thriller
Ungekürzte Taschenbuchausgabe
1 Auflage Dezember 2021
© Andre Rober, Merzhausen
Korrektorat: Christiane Portele, Martina Woppman, Bettina Lieke-Rober, Nicole Rober-Kleber
Umschlaggestaltung: Andrea Budig, Merzhausen
Umschlagfoto: © Andre Rober
Satz: Andre Rober
Gesetzt aus der Palatino
„Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier“
(William Shakespeare, Der Sturm)
Kapitel II
комната вскрытия - Obduktionsraum - stand auf der wuchtig anmutenden, doppelflügeligen Tür. Der einstige Glanz des Edelstahls war im Laufe der Jahrzehnte zu einer matten, mit Kratzern übersäten, unansehnlichen Oberfläche verkommen. Der Einsatz scharfer Scheuermittel hatte aber nicht nur auf dem Metall seine Spuren hinterlassen: Auch das Glas der beiden bullaugenähnlichen Fenster, die in je einem der Flügel in genieteten Rahmen für einen Ein- oder Ausblick sorgen sollten, war stumpf geworden. Nicht blind, aber man konnte dahinter nur noch schemenhaft Strukturen erkennen.
Vor dieser Barriere, der Grenze zwischen den Lebenden und den Toten, stand der junge Uniformierte und starrte vor sich auf den Boden. Betroffen zum einen und ängstlich, verlegen zum anderen. Sein erstes Mal. Nicht dass er im Laufe der Ausbildung schon den obligatorischen Gang in die Gerichtsmedizin hinter sich gebracht hatte. Heute war es etwas anderes. Scheu blickte er auf und als er merkte, dass seine Begleiterin in den Anblick einer Fotografie vertieft war, erlaubte er seinen Augen, einige Momente auf der jungen Frau zu verweilen. Zusammengesunken, fast kauernd, saß sie auf einem der Plastikstühle und hielt das Bild mit beiden Händen geradezu andächtig vor ihr Gesicht. Ihre Lippen formten stumme Laute, fast, als würde sie allein in einer Kirche sitzen und innig beten. Sie war schlank, zierlich, aber nicht dünn. Ihr ebenmäßiges Gesicht wurde eingerahmt von einigen lockigen Strähnen, die nicht wie der Rest ihrer blonden Haare in dem wilden Dutt an ihrem Hinterkopf gezähmt waren. Das Blau ihrer Augen konnte er auch aus dem gebotenen Abstand noch leuchten sehen, die Stupsnase, gerötet vom Gebrauch zu vieler Taschentücher, stand gerade über dem kleinen, aber volllippigen Mund. Zerbrechlich wirkte das Mädchen, und erschöpft. Er kannte ihre Geschichte und wusste, dass ihr das Leben in ihren jungen Jahren schon zu viel zugemutet hatte. Umstände, die ihr schon früh Verantwortung abgerungen hatten, die Entscheidungen und Taten erforderten, denen Menschen in ihrem Alter eigentlich noch nicht ausgesetzt werden sollten. Und wenn sich gleich hinter dieser Tür, die so abweisend kalt den Raum dahinter verschloss, die Vermutung bestätigen würde… ein weiterer Schicksalsschlag für seinen Schützling, als den er sie zumindest für den Moment ansah. Da sie immer noch das Foto betrachtete, von dem er nur vermuten konnte, was darauf zu sehen war, studierte er die zarten Finger, die schlanken Beine. Ihm fiel auf, dass sie die Füße, die in weinroten Stiefeletten steckten, ein wenig nach innen gedreht hatte, was ihre Verletzlichkeit in dieser Situation noch unterstrich.
Da waren sie nun: Er, wahrscheinlich kaum fünf Jahre älter als sie, und die blonde Frau, zwei Fremde, die sich erst kurz zuvor getroffen hatten, um an diesem unwirtlichen Ort zusammen zu warten. Zu warten, dass entweder eine schreckliche Ahnung zur nicht minder schrecklichen Gewissheit würde oder aber, dass die Erleichterung einen Atemzug lang durch den Körper strömte, um dann der zernagenden Ungewissheit wieder jenen Raum zu geben, der von allen anderen Gedanken Besitz ergriff.
Jetzt blickte sie auf, jedoch richtete sie ihre traurigen Augen nicht auf ihn, sondern auf die Uhr, die ihr gegenüber neben der Stahltür an der Wand hing. Was sie sah, löste keine erkennbare Reaktion aus: keine Langeweile, keine Ungeduld, keine Verärgerung. Wahrscheinlich schaute sie nur auf die Uhr, weil es Menschen, die auf etwas warten, einfach tun – und fragte man sie nach der Zeit, sie wüssten die Antwort nicht…
Hinter den Bullaugen veränderte sich das Licht ein wenig und kurz darauf öffnete sich ein Türflügel nach innen. In der Öffnung erschien ein Mann, vielleicht Anfang sechzig, untersetzt. Sein langer weißer Kittel war schmuddelig, die Finger, die an der Tür zu sehen waren, ungepflegt. Um seinen Hals baumelte eine OP-Maske und die dicken Gläser seiner Weitsichtbrille vermochten nicht, seinen glasigen Blick zu verschleiern. Ebenso wie die rote Nase und das aufgedunsene Gesicht gab er davon Zeugnis, dass auch am heutigen Vormittag schon zu viel Vodka die Kehle des Rechtsmediziners benetzt hatte.
„модойдите сюда“, grunzte er kaum verständlich und ohne Begrüßung. Kommen Sie.
Er trat einen Schritt zur Seite.
Zögerlich erhob sich die junge Frau, sah unsicher zu dem Uniformierten und trat, nachdem dieser genickt und mit der Hand Richtung Tür gewiesen hatte, in den Raum. Der junge Mann blieb dicht bei ihr. Schüchtern sah sie sich um, während sie dem Arzt zu einer Wand aus Kühlfächern folgte, deren Stahltüren ebenso abgenutzt und überaltert aussahen, wie die am Eingang. Sie fröstelte augenscheinlich, schob die gestrickten Pulswärmer bis über die Handfläche, stellte den Kragen ihres Mantels auf und zog den Schal etwas enger. Wieder suchte sie Augenkontakt zu dem Beamten, der ihren Blick unbeholfen erwiderte und sich dann dem Kühlfach zuwandte, an dem sich der bekittelte Mann zu schaffen machte. Die Tür schwang auf und eine Bahre wurde sichtbar. Ein Laken, weiß und sauber, deckte den menschlichen Körper ab, der auf der metallenen Schublade lag. Der Pathologe zog sie heraus, bis etwa die Hälfte davon in den Raum ragte. Ohne Ankündigung, ohne vorbereitende Worte und ohne die Frage, ob sie denn bereit sei, schlug er das Leinentuch zurück, so dass Kopf und Schultern einer jungen Frau zum Vorschein kamen. Der Tod war gnädig mit ihr gewesen. Die an Alabaster erinnernde Haut war unversehrt, die Augen und Lippen waren geschlossen. Sie strahlte eine paradoxe Friedlichkeit aus, fast, als würde sie schlafen. Der Polizist konnte sich dem zarten Antlitz der Toten ebenso nicht entziehen wie zuvor auf dem Gang dem Anblick seines Schützlings. Trotz der schulterlangen, rotgefärbten Haare der Verstorbenen war die verwandtschaftliche Beziehung zu seiner Begleiterin leicht zu erkennen. Innerlich sank er ein wenig zusammen. Wie musste sie sich fühlen? Er sah hinüber und bemerkte, dass sie vor sich auf den Boden starrte – sie hatte es noch nicht fertiggebracht, den Leichnam anzusehen. Und wie sie dastand, noch hilfloser und angreifbarer als zuvor, hätte er ihr die Notwendigkeit am liebsten erspart, auch wenn er wusste, dass dies nicht möglich war. Doch bevor er sich mit tröstenden Worten an die Frau wenden konnte, raunte der ungeduldig wirkende Arzt ein barsches „это ее?“ – Ist sie es?
Die Frau blickte auf und sofort zeigte sich der Schmerz auf ihrem Gesicht. Es dauerte eine Zeit, bis sie schweigend nickte und sich, bevor einer der beiden Männer es hätten verhindern können, nach vorne beugte und der Toten einen Kuss auf die Stirn gab. Dann wandte sie sich dem Polizisten zu, den die feste, fast entschlossene Stimme überraschte, als sie ihn bat, ihr genau zu erzählen, was passiert sei.
Kapitel III
Heute, 14 Jahre später
„Ich habe doch gleich gesagt, dass es keine gute Idee ist, zu diesem Treffen zu gehen!“ Holger Wohlfahrt sah seine Frau Iris nicht an, der vorwurfsvolle Ton erübrigte eine Verstärkung durch einen scharfen Blick. Außerdem konnte er trotz des Ärgers, den er verspürte, den Anblick ihres verheulten Gesichts nicht gut ertragen, immerhin war sie es, die es in dieser Situation am schwersten hatte, das musste er ohne Abstriche eingestehen. Aber warum Iris im Vorfeld geglaubt hatte, dass es bei diesem – dem x-ten – Versuch besser laufen sollte als die Male zuvor, konnte Holger sich nicht erklären. Ein harmonisches Zusammentreffen mit ihrer Schwester und deren Mann hatte sie sich trotz der niederschmetternden Erfahrungen gewünscht. Er hatte sich gleich gefragt, warum es auf einmal anders sein könnte. Warum Patrick sie diesmal nicht von oben herab behandeln sollte, sich nicht über seine Tätigkeit als Sachbearbeiter in dem Logistikunternehmen lustig machen und nicht das halbe Deputat von Iris an der Grundschule kleinreden? Nicht über die faszinierenden Reisen prahlen würde oder ihn nicht gönnerhaft zu einer Probefahrt in seinem neuen Ferrari oder McLaren einzuladen, damit Holger auch einmal im Leben dieses Gefühl haben konnte? Er hatte Iris diese Frage gestellt, aber in ihr schien der Wunsch, von ihrer Schwester ein wenig Beachtung, Zuneigung, vielleicht gar Anerkennung zu erhalten, so bestimmend zu sein, dass sie seine Bedenken ausgeblendet und das Treffen organisiert hatte. Im Waldesruh, jenem sündhaft teuren Schlosshotel weit abseits gelegen in einem engen Schwarzwaldtal, in dem sie sich jetzt bei wildem Schneetreiben durch die immer höher werdenden Verwehungen in Richtung Freiburg kämpften.
„Wir nehmen bei diesem Wetter selbstverständlich ein Zimmer“, hatte Patrick spontan entschieden, obwohl es in Holgers Augen nichts gab, was den Mercedes G 4x42 seines Schwagers hätte aufhalten oder in Gefahr bringen können. Doch sie mussten zurück nach Freiburg: Der Gutschein, den Iris von ihren Kolleginnen zum Geburtstag bekommen hatte, deckte nicht einmal die Hälfte der Kosten für das Abendessen ab. Und so fanden sie sich, frustriert, genervt, erniedrigt und in Sorge um eine sichere Heimkehr in ihrem 2001er Renault Clio und schwiegen sich seit Holgers Feststellung gegenseitig an.
Die Bedingungen verschlechterten sich zusehends. Die Nebelscheinwerfer halfen wenig dabei, die Straße unter der Schneedecke auszumachen, und wären nicht die schwarz-roten Stangen am Fahrbahnrand gewesen, hätte man sich nicht sicher sein können, noch Asphalt unter den Rädern zu haben. Wenn es so weiterging, würden sie bald nicht mehr vorwärtskommen. Schon jetzt schob der Clio mit seiner Frontschürze Schnee auf, der dann und wann von Windböen über die Motorhaube und die Windschutzscheibe geblasen wurde. Nach und nach wurden Holgers Gedanken an den desaströsen Abend verdrängt von Plänen und Szenarien, wie Iris und er die Nacht in dem Auto verbringen könnten, sollten sie tatsächlich nicht mehr weiterkommen. Er sinnierte über die Risiken und Chancen, die Temperatur im Wageninneren bei laufendem Motor aufrechterhalten zu können und versuchte einzuschätzen, wie lange der Tankinhalt im Leerlauf die lebenserhaltende Wärme wohl bereitstellen konnte.
„Vorsicht!“
Erschrocken trat Holger auf die Bremse und riss das Steuer herum, um der Gestalt auszuweichen, die wie ein Geist aus dem Dunkel vor dem Renault aufgetaucht war! Im Augenwinkel erkannte er in Sekundenbruchteilen ein zierliches Mädchen mit langen, roten Haaren, die in ihrem weißen Nachthemd über der Straße zu schweben schien, dann schleuderte der Wagen um die eigene Achse und das Bild verlor sich Schneegestöber. Doch als das Auto nach zwei kompletten Drehungen mit dem Heck in einen Schneeberg prallte und entgegen der ursprünglichen Fahrtrichtung wieder zum Stehen kam, erfassten die Scheinwerfer die groteske Erscheinung wieder! Etwa zehn Meter vor ihnen stand das Mädchen, fast noch ein Kind. Erst jetzt nahm Holger Details der Szenerie war: Das weiße Nachthemd schien an Bauch und Brust blutdurchtränkt zu sein! Die Arme und Beine, die nackt aus dem dünnen Stoff ragten, waren blau vor Kälte und das furchteinflößende Messer, das das Mädchen in der Hand hielt, war ebenfalls blutverschmiert! Doch das bei weitem Schlimmste war der ausdruckslose, irre anmutende Blick, mit dem die Unbekannte ins Wageninnere starrte. Erst als die Gestalt mit zombieähnlichen Bewegungen auf sie zuwankte, hörte Holger die verzweifelten Schreie seiner Frau auf dem Beifahrersitz.
Als das Klingeln ihres Mobiltelefons Sarah Hansen aus der ersten Tiefschlafphase riss, musste sie sich zuerst orientieren. Die vier Wochen zuvor hatte sie sich, den Resturlaub nutzend, um ihre Mutter gekümmert, die nach einem Beinbruch aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen worden war. Sarah hatte selbstverständlich in ihrem Elternhaus übernachtet und war erst gestern Abend aus Kiel zurückgekehrt. Und da sie die Wohnung in ihrer Wahlheimat Freiburg erst vor einem guten halben Jahr bezogen hatte, war die Zeit im Norden lang genug gewesen, um jetzt im schlaftrunkenen Zustand erst einmal stirnrunzelnd umherblicken zu müssen. Doch nach wenigen Sekunden hatte sie die Gedanken sortiert, stand auf und steuerte zielsicher die Tür zur Wohnküche an, wo sie das Handy offensichtlich drei Stunden zuvor vergessen hatte. Im Display sah die Polizistin die Nummer ihres Partners Thomas Bierman, mit dem sie, seit sie sich zur Kriminalpolizei in der Breisgaumetropole hatte versetzen lassen, zusammenarbeitete. Dass ihr wortkarger Kollege um diese Uhrzeit bei ihr anrief, konnte nichts anderes bedeuten, als dass es einen Fall gab, bei dem ihrer beider Anwesenheit zwingend erforderlich war.
„Hallo Thomas, was gibt es?“, meldete sie sich.
„In einem Nebental zwischen Furtwangen und Titisee hat ein Ehepaar fast ein Mädchen überfahren. Sie konnten ausweichen, ohne den Teenager zu verletzen, stehen aber selbst unter Schock. Ich bin schon auf dem Weg zu dir.“
„Und was haben wir damit zu tun?“, fragte Sarah, steuerte jedoch bereits wieder das Schlafzimmer an, um sich der eisigen Nachtkälte angepasste Kleidung zusammenzusuchen. Denn eins war sicher: Wenn Thomas anrief, um sie abzuholen, war die Frage der Zuständigkeit eigentlich belanglos. Es würde triftige Gründe geben und er würde recht bald bei ihr vor der Tür stehen.
„Es sind äußerst merkwürdige Umstände: Die Kleidung des Mädchens war mit Blut geradezu durchtränkt. Außerdem trug sie nichts außer einem weißen, ja, sagen wir Gewand und hatte obendrein ein merkwürdiges Messer bei sich.“
Sarah hatte bereits die Merinounterwäsche hervorgeholt, stellte das Telefon auf Lautsprecher und streifte sich die warme Unterkleidung über. Jetzt nahm sie die Skisocken und die etwas dickere Jeans aus dem Schrank und langte auch nach ihrem wärmsten Winterpullover.
„Hat das Mädchen irgendetwas gesagt? Ist sie ansprechbar?“
Sie begann, in die Sachen zu schlüpfen.
„Es war hochgradig unterkühlt, wurde von den Rettungssanitätern stabilisiert und ist auf dem Weg in die Kinderuniklinik. Wann bist du soweit?“
„Ich brauche noch drei bis vier Minuten. Wo bist du?“
„Ich biege gerade in deine Straße ein, stehe also gleich vor der Haustür.“
Das hatte Sarah in etwa erwartet. Sie beeilte sich, ihr Outfit zu komplettieren, stieg in die kanadischen Winterboots und steckte sich auf die Schnelle einen Apfel in die Tasche. Auch wenn es ihr überflüssig erschien, holte sie noch ihre Dienstwaffe aus dem Möbeltresor hervor, steckte sie in den Gürtelholster, angelte den Schlüsselbund vom Küchentisch und verließ die Wohnung. Durch die Fenster im Treppenhaus konnte sie sehen, dass es wieder heftig schneite und sich bereits eine mehrere Zentimeter dicke Schneeschicht auf den parkenden Autos gebildet hatte. Auf der ebenfalls verschneiten Straße fuhr gerade im Moment Thomas in dem brandneuen Mercedes ML vor und hielt direkt vor der Haustür. Sarah trat hinaus in die Kälte und beeilte sich, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen.
„Hallo“, sagte sie, schlug die Tür zu und schnallte sich an.
„Grüß dich“, entgegnete ihr Partner und fuhr sofort los.
„Ich habe dich“, erläuterte er, „so kurzfristig informiert, weil ich erst noch Schwarz gebeten habe, das Kind in der Klinik in Empfang zu nehmen und Spuren zu sichern, bevor sie vernichtet werden. Außerdem habe ich die Hundestaffel organisiert. Die werden wir bei diesen Bedingungen dringend brauchen, denn Spuren sind innerhalb einer halben Stunde zugeschneit. Zudem musste ich die Rettungssanitäter dazu bewegen, ein Stück Kleidung zu entfernen, welches wir als Probe für die Hunde verwenden können. Sie haben sich ziemlich geziert, aber sie haben den Streifenpolizisten ein Stückchen dagelassen.“
Sarah war wie schon mehrfach zuvor von der Übersicht und der tadellosen Organisation Biermans beeindruckt. Den Rechtsmediziner Dr. Schwarz in die Klinik zu beordern und dafür zu sorgen, dass vor Ort die Spuren verfolgt werden konnten, war angesichts der unklaren Sachlage sehr vorausschauend.
„Okay“, antwortete Sarah. „Da du nur von Unterkühlung gesprochen hast, gehe ich davon aus, dass das erwähnte Blut nicht von dem Mädchen stammt?“
„So ist es“, bestätigte Thomas. „Auf dem Messer, das die Polizisten vor Ort als merkwürdig bezeichnet haben, soll auch jede Menge Blut gewesen sein. Aber ganz offensichtlich stammt es nicht von dem Mädchen.“
„Konnte schon festgestellt werden, ob es sich um menschliches Blut handelt?“
„Nein. Aber die Skurrilität der Szenerie hat ausgereicht, dass die Streifenpolizisten es für angesagt hielten, die Kripo zu informieren. Und du kennst ja Gröber, wenn ein Fall das Potential hat, spektakulär zu werden, reißt er ihn sich unter den Nagel.“
Sarah musste lächeln, kannte sie doch die Profilneurose des Chefs nur allzu gut.
„Ist das Paar noch vor Ort?“, fragte sie, während Thomas in Richtung der Schnellstraße Richtung Höllental fuhr.
„Ja, auch wenn den beiden sicherlich recht kalt sein dürfte, habe ich darauf bestanden, dass sie dortbleiben. Im Umfeld der Vorkommnisse ist das Erinnerungsvermögen besser und wer weiß, welches Detail uns später weiterhilft.“
Trotz der fortgeschrittenen Zeit näherten sie sich einem Schneepflug, der vor ihnen die Straße freiräumte und am Heck Salz auf der Straße verteilte. Thomas schien die Geschwindigkeit des Räumfahrzeugs aber nicht auszureichen. Kurzum scherte er auf die noch schneebedeckte linke Spur und gab ordentlich Gas. Sarahs fragenden Blick von der Seite bemerkte er offensichtlich, denn er lächelte und murmelte nur etwas von Allradantrieb und Winterreifen.
„Wo ist das Ganze denn eigentlich passiert?“, fragte Sarah, als sie am Ende der Schnellstraße auf die rechte Spur wechselten.
„Gegen Ende des Höllentals müssen wir erst Richtung Furtwangen abbiegen und dann in ein Seitental, dessen Namen ich nicht kenne. Es führt wohl zu einem Schlossrestaurant irgendwo in den Tiefen des Schwarzwalds.“
Sorge darüber, dass auch irgendwann für das SUV der Schnee zu hoch liegen konnte, hatte er offensichtlich nicht.
Als sie die Gemeinde Kirchzarten hinter sich gelassen hatten und schon ins Höllental einfuhren, läutete Thomas` Mobiltelefon und der Anruf sprang auf die Freisprecheinrichtung des ML. Die Nummer war beiden Polizisten bekannt.
„Schwarz, was haben Sie für uns?“, fragte Thomas den Rechtsmediziner ohne jegliche Begrüßung.
„Ich wollte Sie beide nur informieren: Die Kleine ist gerade angekommen“, informierte der Anrufer. „Sie scheint stabil, wird aber erst untersucht, ob nicht doch Verletzungen vorliegen, die lebenserhaltende Maßnahmen erfordern. Danach kann ich mit der behandelnden Ärztin zusammen die Untersuchungen vornehmen und Beweismaterial sichern. Sie ist sehr kooperativ.“
„Sehr gut!“, ließ Thomas zufrieden verlauten. „Stellen Sie bitte so schnell wie möglich fest, ob das Blut an der Kleidung des Mädchens menschliches Blut ist. Davon hängt unsere weitere Vorgehensweise ab.“
„Das werde ich“, versprach Schwarz. „Haben Sie sonst noch etwas, auf das ich im Besonderen achten soll?“
Thomas wandte Sarah den Kopf zu und sah sie fragend an.
„Fesselungsspuren werden Ihnen ja sicherlich ohnehin auffallen“, meinte er, fügte aber einer Intuition folgend noch eine Bitte hinzu.
„Ist ein Tox-Screening Standardprocedere? Ich würde gerne überprüft haben, ob Sedativa oder andere Betäubungsmittel nachzuweisen sind“, fragte Sarah.
„Werde ich an das Labor weitergeben. Und die Fingerabdrücke sowie physiologische Daten werde ich Ihnen zukommen lassen, dass Sie so schnell wie möglich bei den Vermisstenmeldungen und in der Datenbank forschen können.“
Schwarz hatte aus den Nachfragen geschlossen, dass die Polizistin einen Zusammenhang mit einem Vermisstenfall oder gar einer Entführung für möglich hielt.
„Sehr gut, danke“, quittierte Thomas den Vorschlag.
„Die Ärztin kommt gerade aus dem Untersuchungsraum, ich lege jetzt auf“, unterbrach Schwarz das Telefonat und es klickte in der Leitung.
Während der nächsten zwanzig Minuten, die die Polizisten schweigend nebeneinandersaßen, wurden die Straßen immer schmaler, der Wald immer dichter und die Schneehöhe erreichte geschätzte vierzig Zentimeter. Trotzdem kamen sie in der weißen Winterlandschaft zügig voran. Sarah, für die es der erste Winter im Schwarzwald war, beobachtete interessiert das Spiel von Licht und Schatten, das die Scheinwerfer auf Straße und Bäume vor ihnen zauberte. Die Szenerie löste ambivalente Gefühle in ihr aus. Zum einen spürte sie einen tiefen Frieden, strahlten die unberührte Schneedecke und die dicken, niedersinkenden Flocken doch etwas Beruhigendes, fast Weihnachtliches aus. Ein Gefühl von Geborgenheit, einer warmen Stube mit einem knisternden Kaminfeuer. Zum anderen aber erschienen ihr die bewegten Schatten zuweilen wie flüchtige Geister oder bösartige Kreaturen, die vor dem Licht des SUV zu fliehen suchten. Sie stellte sich vor, was für ein Schock es für das Ehepaar gewesen sein musste, als plötzlich die blutverschmierte Gestalt auf der Straße aufgetaucht war, und sie fröstelte unwillkürlich. Ja, der Wald hatte auch eine sehr bedrohliche Ausstrahlung!
Nach einer Kurve, die Thomas Bierman mit leicht ausbrechendem Heck etwas zu schnell durchfuhr, war in gut einhundert Metern Entfernung ein Blaulicht zu erkennen. Aus der Entfernung sah es aus, als wäre die Stelle, an der auch zwei Fahrzeuge zu erkennen waren, aus einer Märchenerzählung entnommen, in der ein Zauberer mit blauen Blitzen die schneebedeckten Bäume mystisch zum Leuchten brachte. Ob ihr Partner ebenfalls von dem fast magischen Schauspiel gefesselt war, oder er einfach gerade nichts mitzuteilen hatte, vermochte Sarah nicht zu entscheiden. Aber er starrte auch durch die von den Wischblättern vom Schnee freigehaltene Windschutzscheibe und sprach kein Wort, bis der ML hinter dem Einsatzfahrzeug der Polizei zum Stehen kam.
„Da wären wir“, sagte er kurz, zog sich den Kragen seines Parka fester zu und stülpte sich die Kapuze über. Dann öffnete er die Tür und stieg aus. Sarah folgte seinem Beispiel und optimierte den Sitz ihrer Kleidung, verließ das Fahrzeug und stapfte neben ihrem Partner auf den Polizeiwagen zu, der mit laufendem Motor sowohl den zwei Polizisten als auch offensichtlich dem unbekannten Ehepaar Wärme und Schutz bot. Thomas klopfte an die Scheibe. Als das Glas heruntergefahren war und einen mehrere Zentimeter hohen Schneerand im Rahmen stehen ließ, bat Thomas zunächst das Paar auszusteigen und zu schildern, was ihnen widerfahren war. Erstaunlich gelassen berichteten die beiden von dem Vorfall und zeigten auch, wo das Mädchen zum ersten Mal aufgetaucht war, wie ihr Fahrzeug ins Schlittern geriet und an die Stelle rutschte, an der es immer noch stand.
„Wie haben Sie danach mit dem Kind interagiert?“, fragte Sarah.
Der Mann blickte kurz zu seiner Frau und antwortete, nachdem diese ihm zugenickt hatte.
„Zunächst haben wir nur dagesessen, im Schock sozusagen, denn es sah unheimlich gruselig aus, wie diese Gestalt mit dem Messer in der Hand auf uns zugetorkelt ist.“
Er schüttelte sich ein wenig
„Aber wir haben recht schnell bemerkt, dass das Mädchen orientierungslos war und sich in einer Notlage befand. Ich bin ausgestiegen und habe es angesprochen.“
„Hat es irgendwie reagiert?“, hakte Thomas nach.
„Es hat aufgeschaut, aber eher durch mich durch. Ich bin ganz langsam zu ihm gegangen und habe leise und beschwichtigend auf es eingeredet.“
„Sie haben sich ihr trotz des Messers genähert? Das ist mutig!“ stellte Sarah fest.
„Ja, aber es war doch ganz offensichtlich noch fast ein Kind. Aber vorsichtig war ich trotzdem, das können Sie mir glauben. Meine Frau hat auch gerufen, ich solle von ihm fernbleiben.“
Er warf einen Blick auf seine Partnerin, die sofort anfing, sich zu verteidigen.
„Ich hatte so eine Angst um ihn! Diese groteske Situation, wir zwei allein hier im verschneiten Wald…man hat schon so viele entsetzliche Geschichten gehört.“
„Und 99,99 Prozent davon sind Urban Legends“, ließ Thomas verlauten, doch Sarah beschwichtigte die Frau.
„Ich hätte auch große Sorge gehabt, werfen Sie sich nichts vor.“ Dann wandte sie sich wieder dem Mann zu, der gerade den frischen Schnee von der Mütze schüttelte.
„Wie haben Sie das Mädchen entwaffnet?“
„Es hat das Messer in den Schnee fallen lassen und ist schnurstracks auf mich zu gelaufen, da habe ich es in den Arm genommen und festgehalten. Daraufhin stieg meine Frau aus, wir haben es ins warme Auto gebracht und die Heizung weiter aufgedreht.“
„Ich habe“, warf die Frau ein, „es mit auf den Rücksitz genommen und die ganze Zeit im Arm gehalten, während Holger den Notruf gewählt hat. Gott sei Dank hat man hier einigermaßen Empfang.“
Sarah und Thomas nickten wissend, gab es in den dünn besiedelten Ecken des Schwarzwalds noch so einige Funklöcher.
„Hat das Mädchen irgendetwas gesagt, während Sie mit ihm zusammen waren?“, wollte Thomas wissen.
Beide schüttelten den Kopf.
„Nicht ein einziges Wort. Es hat auch keine Emotionen wie Weinen oder Schreien gezeigt, ließ sich einfach von mir festhalten.“ Der Frau standen Tränen der Rührung in den Augen.
„Als dann die Sanitäter kamen, ließ es sich widerstandslos aus den Armen meiner Frau nehmen und in den Rettungswagen bringen“, beendete der Mann den Bericht.
„In Ordnung.“ Thomas schien mit der Befragung zufrieden. „Machen Sie sich auf den Heimweg, wir brauchen Sie im Moment nicht mehr. Ihre Personalien haben wir?“
Der Mann nickte, Thomas deutete die Straße hinunter.
„Glauben Sie, die Spur, die wir mit dem SUV gezogen haben, reicht aus, um sicher zu den Hauptstraßen zu kommen?“
Der Angesprochene sah sich den Weg hinter dem Mercedes an, wo die Schneise, die die beiden Kriminalbeamten zuvor gebahnt hatten, bereits wieder weichere Konturen annahm.
„Ja, das schaffen wir“, entgegnete er, den skeptischen Blicken seiner Frau zum Trotz, und stieg in den Wagen. Als auch seine Begleitung eingestiegen war, gelang es ihm nach einigen Anläufen und mit durchdrehenden Reifen, an den beiden Polizeifahrzeugen vorbeizumanövrieren und schließlich auf dem festgefahrenen Schnee ohne sichtbare Beeinträchtigung weiterzufahren.
Als die Rücklichter in der Dunkelheit verschwunden waren, stiegen Sarah und Thomas kurzerhand in den Streifenwagen.
„So, Kollegen. Zeigen Sie uns doch als erstes das Messer, welches das Kind bei sich gehabt hat.“
Der Uniformierte auf dem Beifahrersitz langte in den Fußraum und reichte eine transparente Beweismitteltüte nach hinten. Sarah nahm die Stichwaffe entgegen. Sie und ihr Partner betrachteten das blutverschmierte Corpus Delikti eine Weile. Dann ergriff Sarah das Wort.
„Das ist eher ein Dolch als ein Messer.“
Sie hielt die einschneidige, spitze Waffe näher an die Fondbeleuchtung des Autos.
„Der sieht aus, als käme er direkt aus einem Fantasyfilm. Aus Herr der Ringe oder so.“
Thomas nickte bekräftigend.
„Ja, er erinnert an eine rituelle Waffe, eine Art Opferdolch.“
Schweigend studierten sie Klinge und Griff des Objekts, die reich verziert und mit seltsamen Symbolen graviert waren. Die beiden bemühten sich, die Geschehnisse und die Waffe in einen plausiblen Kontext zu bringen. Nach einigen Minuten trafen sich ihre Blicke und Thomas sagte:
„Du zuerst!“
Sarah nahm die Einladung gerne an und begann, ohne auf die schweigend auf die in der Front sitzenden Beamten zu achten, ihre Theorie vorzutragen.
„So grotesk das auch klingen mag, aber ist es möglich, dass das junge Mädchen an einer rituellen Zeremonie teilgenommen hat? Sie nach Vollzug an dem Opfer, sei es ein Tier oder ein Mensch einen Schock erlitt und verwirrt in den Wald lief?“
„Genau diesen Gedanken hatte ich auch.“ Er sah ungeduldig auf die Uhr.
„Wir brauchen dringend die Hunde und auch die Spurensicherung. Ich bin sicher, dass es einen Tatort zu finden gibt.“
Jetzt erst wandte sich Thomas an die Beamten auf dem Fahrer- und Beifahrersitz.
„Haben Sie noch etwas bemerkt, was Ihnen aufgestoßen ist oder was für uns von Relevanz sein könnte?“
Zwei übermüdete Augenpaare trafen sich, dann drehten sich beide nach hinten um und schüttelten den Kopf.
„Nicht, dass ich mich an etwas erinnern könnte“, sagte der ältere Polizist auf dem Fahrersitz.
„Okay, dann wären Sie beide eigentlich hier fertig. Den vollständigen Einsatzbericht bitte an das K11 zu meinen Händen.“
Nachdem er ein verlangsamtes, fast resigniertes Nicken entgegengenommen hatte, setzte er im Laufe des Montagvormittags hinzu, woraufhin die Gesichter der Polizisten deutlich entspannter wirkten. Sarah nahm diese verständnisvolle Geste ihres Partners ein wenig erstaunt aber erfreut wahr, ließ Thomas doch für gewöhnlich keine Verzögerungen oder Entschuldigungen zu, wenn es um berufliche Anweisungen ging. Der Uniformierte auf dem Beifahrersitz übergab Thomas, der die Tür bereits geöffnet hatte, einen weiteren Beutel, in dem ein Stück weißer, mit Blut beschmutzter Stoff zu sehen war.
„Dankeschön! Ihnen einen stressfreien Abend“, wünschte Sarah den Beamten, nachdem ihr Kollege den Wagen grußlos verlassen hatte. Sie stieg ebenfalls aus, setzte sich zurück in den ML und beobachtete das Wendemanöver des Einsatzfahrzeugs. Noch bevor der Wagen außer Sicht war, kündigte eine Komposition aus gelben und blauen Blinklichtern die Ankunft der Hundestaffel und der Kriminaltechnik an. Voraus fuhr ein ziviler Schneepflug, den die Kollegen irgendwie zu dieser nächtlichen Stunde organisiert hatten. Sofort nahm sich Thomas eine Taschenlampe und das mobile Funkgerät. Dann stieg er aus, um das städtische Fahrzeug und die ihm folgenden Wagen der Polizei vor der Stelle zu stoppen, an dem das Mädchen aus dem Wald aufgetaucht war. Sarah rüstete sich ebenfalls mit WalkieTalkie und Taschenlampe aus und verließ den Wagen. Noch während ihr Partner den Schneepflug anwies, zu wenden und die Straße weiter freizuhalten, verließen zwei in Winteruniformen gepackte Beamte der Hundestaffel das erste Fahrzeug und gingen in Richtung der Hecktüren des Kastenwagens. Sogleich war aufgeregtes Gebell zu hören. Auch dem Wagen der Spurensicherung entstiegen den Witterungsverhältnissen entsprechend gekleidete Polizisten. Thomas wandte sich an die Kollegen.
„Guten Abend, oder besser: Guten Morgen zusammen. Wir haben folgende Situation: Dort vorne“, er wies auf die Stelle, die das Ehepaar zuvor gezeigt hatte, „ist es zu einem Beinaheunfall mit einer Minderjährigen gekommen, die nur mit einem Nachthemd bekleidet und einem Messer in der Hand aus dem Wald aufgetaucht ist. Die Kleidung war mit einer ziemlichen Menge an Blut beschmutzt. Das Mädchen hat sich nicht zu dem Vorfall äußern können, aber wir vermuten in der Umgebung einen wie auch immer gearteten Tatort. Das bedeutet: Die Hunde gehen voraus, um die Spur aufzunehmen. Meine Partnerin und ich folgen, um gegebenenfalls den Tatort zu sichern. Sie von der Spusi haben also noch etwas Zeit, um Ihre Ausrüstung zu packen. Wir rufen Sie, wenn wir etwas finden, das kriminaltechnisch untersucht werden muss. Kanal 48.“
Er stöpselte den Kopfhörer in das Gerät und drückte sich den Lautsprecher in den Gehörgang. Dann winkte er mit dem Funkgerät und wandte sich an die Hundeführer.
„Ich habe eine Geruchsprobe, die sowohl von dem Kind als auch von unbekanntem Blut kontaminiert ist.“
Sarah zog die Tüte aus ihrer Tasche und zeigte sie den Beamten.
„Das Mädchen war wohl barfuß unterwegs. Entscheiden Sie, welcher Ihrer Vierbeiner am besten geeignet ist.“
Die beiden sahen auf das Stück Stoff in dem Beutel, blickten einander kurz an und schienen wortlos übereingekommen zu sein.
„Das mache ich mit Connor“, sagte der jüngere Hundeführer, ging um den Wagen herum und erschien kurz darauf mit einem Australian Shepherd Rüden. Der Ältere nahm Sarah die Tüte ab, öffnete sie und ließ den Hund die Schnauze hineinstecken. Dieser schnüffelte, zog nach einer knappen halben Minute die Nase aus der Tüte, setzte sich auf die Hinterläufe und wartete.
„Such!“
Es dauerte nicht lange, bis Connor anschlug, und den Erzählungen der Zeugen zufolge musste dies die Stelle gewesen sein, wo das Kind das Messer hatte fallen lassen. Der Hundeführer blickte fragend in Sarahs und Thomas` Richtung. Letzterer bedeutete dem Kollegen, den Hund weitersuchen zu lassen. Wieder vergingen keine fünf Minuten, bis der Vierbeiner sein Herrchen schnurstracks von der Straße weg in den Wald zog.
„In Ordnung“, meinte Sarah und schaltete die Taschenlampe ein. „Dann mal los.“
„Ohrhörer rein und Funkgerät auf VOX stellen! Ich möchte nicht, dass wir uns lautstark unterhalten müssen. Handys auf lautlos!“
Während Sarah und der Beamte der Hundestaffel der Aufforderung nachkamen, kramte Thomas noch sein Smartphone aus der Tasche, aktivierte die GPS gestützte Streckenaufzeichnung und ließ ebenfalls die Lampe aufleuchten. Dann folgten sie Connor in kurzem Abstand ins Dickicht des Waldes.
Auch wenn unter den hohen Tannen, um die sie der Spürhund leitete, nicht ganz so viel Schnee lag wie auf der Straße, war es anstrengend, sich durch den Wald zu bewegen. Was von den Flocken am Boden ankam, reichte allemal aus, um die Spuren des Kindes innerhalb der letzten zwei Stunden unkenntlich zu machen. Zusammen mit dem Altschnee, der in den vorangegangenen Tagen im Südschwarzwald niedergegangen war, bildete er einen anspruchsvollen Untergrund für die Vierergruppe. Allein Connor, der mit der Schnauze den Neuschnee durchpflügte, brach nicht tief ein. Manchmal versanken die Polizisten bis zur Hüfte in der weißen Pracht und Sarah begann sich zu fragen, wie das Mädchen es überhaupt bis zur Straße geschafft hatte. Wahrscheinlich, so mutmaßte sie, war das Kind wie auch der Vierbeiner einfach nicht schwer genug gewesen, um die knapp unter dem Neuschnee liegende, angefrorene Schicht zu durchbrechen und einzusinken. Während sie sich wieder einmal aus einem Loch befreite und etwas zurückblieb, sah sie, wie ihr Partner und der Hundeführer mit ihren Lampen geradezu gespenstische Szenen heraufbeschworen. Mal mutierte der Schatten des Hundes zu einer übergroßen Bestie, die mit geöffnetem Maul alles zu verschlingen versuchte, mal wurde einer der Kollegen zu einem riesigen Troll, der von Baum zu Baum sprang, bereit, alles und jeden mit seiner gewaltigen Keule zu zerschmettern! Da es selbst Sarah bei diesem Schauspiel ein wenig mulmig wurde, war sie einerseits froh, dass das Mädchen im Dunkel der Nacht unterwegs gewesen war. Allerdings wurde ihr schnell gewahr, dass sie in fast absoluter Dunkelheit von einem Baum zum nächsten gestolpert sein musste, vollkommen orientierungslos und ohne erkennbares Ziel; vor Kälte zitternd, mit halberfrorenen Gliedmaßen, das Messer wie eine Art Rettungsring krampfhaft umklammernd. Sarah schüttelte sich.
Dann doch viel lieber so, dachte sie und beeilte sich, zu ihren Kollegen aufzuschließen.
„Licht aus!“, zischte Thomas ohne Ton aber mit viel Druck in der Stimme, dass sowohl Sarah als auch der Hundeführer die Aufforderung gut hören konnten. Fast gleichzeitig erloschen die Taschenlampen der drei Polizisten. Keiner von ihnen regte sich! Das einzige Geräusch, das wahrzunehmen war, war das Hecheln des Hundes, welches über die Schneedecke merkwürdig gedämpft an die Ohren drang. Nach etwa einer Minute bemerkte Sarah, dass sie begann, Konturen wahrzunehmen. Erstaunt stellte sie fest, dass offensichtlich trotz der Dunkelheit und der Wolkendecke ein klein wenig Restlicht des Mondes den Waldboden erreichte. Jetzt erkannte sie auch, warum ihr Partner sie aufgefordert hatte, die Lampen auszuschalten: Etwas entfernt, es mochten weitere einhundert Meter sein, war ein erleuchtetes Fensterkreuz zu erkennen, das leicht flackernd zwischen den Bäumen zu schweben schien. Wie groß die Behausung, oder was auch immer sich dort befinden musste, war, konnte Sarah nicht sagen. Vom Bauwagen bis hin zu einem Schwarzwaldhof hielt sie alles für möglich. Langsam bewegte sie sich auf Thomas zu, der immer noch an der Stelle verharrte, von der aus er das Licht entdeckt hatte.
„Und tut sich dort etwas?“, fragte Sarah, als sie ihren Partner erreicht hatte.
„Hat man uns entdeckt?“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Gerührt hat sich bisher nichts. Keine Silhouette hinter dem Fenster, keine Tür, die sich geöffnet hat oder Ähnliches. Vielleicht ist niemand da. Oder aber man hat unsere Taschenlampen nicht bemerkt. Steuert der Hund diese Hütte dort an?“
Der Hundeführer drehte sich um.
„Ja, Connor zieht schnurstracks in Richtung dieses Fensters. Von dort ist das Mädchen gekommen. Oder sie lief in der Nähe daran vorbei.“
„Dann sehen wir uns das einmal genauer an“, entschied Thomas und setzte seinen Weg fort. Sarah und der Hundeführer folgten ihm. Alle behielten das flackernde Licht und dessen Umgebung scharf im Blick und als Thomas seine Waffe zog, durchlud und vor sich hielt, taten Sarah und der Kollege es ihm gleich. Es hatte mittlerweile aufgehört zu schneien und als sich das Trio plus Vierbeiner bis auf knappe fünfzig Meter angenähert hatten, konnten sie erkennen, dass es sich bei dem Gebäude um eine Waldhütte handelte, einstöckig, aber doch recht groß. Anhand der Anzahl der unbeleuchteten Fenster mochten es drei, vielleicht sogar vier Räume sein. Einer davon, am rechten Ende des länglichen Gebäudes, war möglicherweise eine Küche oder zumindest mit einer Möglichkeit zu heizen ausgestattet, denn an der rechten Seitenwand ragte ein Kamin in die Höhe. Dass dieser in Betrieb war, erkannten die Polizisten erst jetzt, offensichtlich hatte eine leichte Brise den angenehmen Geruch von Buchenfeuer von ihnen weggetrieben. Außerdem war in diesem Raum ein leichtes Flackern zu erkennen, deutlich dezenter als in dem Fenster am anderen Ende des Hauses; es entsprang wohl einem Ofen oder Herd. Die Hütte befand sich nicht auf einer Lichtung, sondern war von Wald umgeben. Wahrscheinlich hatte man nur eine Anzahl Bäume gefällt, um Platz für die Behausung zu schaffen. Allerdings verriet eine relativ schmale Schneise, die sich neben der Hütte im Dunkel verlor, dass dieser Ort auch mit dem Auto zu erreichen war. Sicher nicht mit einem gewöhnlichen Fahrzeug, aber mit einem tauglichen Geländewagen und der richtigen Bereifung mochte dieser Weg durchaus befahrbar sein. Und wenn der Anschein nicht trog, hatte ein solches Auto vor nicht allzu langer Zeit den Weg benutzt; es waren zwei parallele Vertiefungen zu erahnen, wo der Neuschnee ein bisschen weniger an Höhe erreicht hatte, als auf dem Rest der Fläche.
„Sie gehen einmal um das Haus und klären ab, ob es eine weitere Tür gibt“, wies Thomas den Hundeführer an. „Und sorgen Sie dafür, dass der Hund nicht Laut gibt!“
Der Angesprochene nickte, vermittelte dem Australian Shepherd mittels einer Geste, dass er nicht mehr anschlagen musste, und entfernte sich von Thomas und seiner Partnerin.
„Was glaubst du, erwartet uns da drinnen?“, fragte Sarah ihren Kollegen. Ihre Stimme war nicht mehr als ein leises Flüstern.
„Keine Ahnung!“, lautete die lakonische Antwort.
„Meinst du, wir finden dort tatsächlich Spuren, die auf die Anwesenheit des Mädchens hindeuten?“
Thomas wandte sich ihr zu und rümpfte die Nase.
„Ich habe mehrere Ideen, wie es da drin aussehen könnte, und keine davon gefällt mir sonderlich.“
Kapitel IV
Professor Doktor Schwarz, Leiter der Rechtsmedizin an der Uni Freiburg, sah mit hoffnungsvollen Augen auf die junge Ärztin, die aus dem Behandlungszimmer kam, sich kurz umsah und dann auf ihn zuschritt.
„Physisch gesehen geht es der Patientin bis auf die leichten Erfrierungen und eine mittelschwere Unterkühlung gut“, begann sie ohne Umschweife. „Sie weist bis auf die eindeutigen Fesselspuren an Hand- und Fußgelenken keinerlei äußere Verletzungen auf, hat guten Pupillenreflex, Greifreflex, reagiert auf Ansprache mit Drehung des Kopfes. Sie ist gefügig bezüglich meiner Anweisungen, ich meine, sie tut, was ich ihr zeige. Aber sie spricht nicht! Es ist ein mittelschwerer Zustand von Lethargie. Sie reagiert nicht auf Fragen, die eine Antwort oder Geste wie Nicken oder Kopfschütteln erfordern. Wenn ich sie bitte, den Arm zu heben, tut sie nichts, bis ich ihr den Arm führe. Das lässt sie aber bereitwillig zu.“
Schwarz runzelte die Stirn. Diese Art, auf ein Trauma zu reagieren, kam, neben einer in unterschiedlichen Ausprägungen auftretenden Lethargie, gelegentlich vor.
„Nicht ungewöhnlich“, sagte er. „Wir wissen zwar nicht, was ihr widerfahren ist, aber die Kollegen vor Ort vermuten, dass es etwas Schreckliches gewesen sein muss. Sie haben die Kleidung ja ebenfalls gesehen. Nichtsdestotrotz müssen wir so schnell wie möglich mit der Beweissicherung anfangen. Ich habe leider derzeit keine medizinische Mitarbeiterin. Würden Sie mich unterstützen?“
„Natürlich! Aber gestatten Sie mir eine Frage. Sie erinnern sich nicht an mich?“
Der Rechtsmediziner musterte die Ärztin einen Moment eindringlich.
„Ja, Sie kommen mir irgendwie bekannt vor“, gab er von sich. „Sie saßen sicher während des Studiums in einem meiner Kurse zum Thema Rechtsmedizin?“
Die Frau lachte.
„Ja, das auch. Außerdem haben Sie mich mündlich geprüft. Vier Jahre ist das her, damals wog ich satte 20 Kilo mehr, hatte noch kurzes Haar und war blond.“
Jetzt klickte es bei Schwarz.
„Saskia Fichter!“, brach es aus ihm heraus. „ich erinnere mich! Ich gab Ihnen damals eine Eins.“
Die Ärztin wiegte den Kopf ein wenig hin und her.
„Eine Eins minus“, korrigierte sie und lächelte. „Und dass ich nicht mehr Fichter heiße, sondern Wiese, hat es Ihnen neben den Haaren sicher nicht leichter gemacht.“
Der Rechtsmediziner nickte zustimmend.
„Ja, das stimmt. Brünett steht Ihnen aber gut! Nun, dann sind Sie ja geradezu prädestiniert, die Beweise abzunehmen. Eine Frage vorweg: Haben Sie das Mädchen schon gynäkologisch untersucht?“
Dr. Wiese nickte.
„Ja, und zwar ohne Befund. Ich meine, keinerlei Anzeichen eines sexuellen Missbrauchs. Das Hymen ist intakt, sie ist definitiv noch Jungfrau.“
„Gott sei Dank!“, entfuhr es Schwarz. „Wenigstens ist ihr das erspart geblieben. Einen Moment bitte.“
Er griff nach seinem Handy, das stummgeschaltet in seiner Kitteltasche vibrierte.
„Ja, Mustafa?“, meldete er sich und lauschte dem Gegenüber.
„Haben Sie Bierman schon Bescheid gegeben?“, hakte er nach.
Das Gespräch war kurz. Als Schwarz aufgelegt hatte, sah er mit ernster Miene zu Dr. Wiese hinüber.
„Das war ein Mitarbeiter des kriminaltechnischen Labors, dem schon eine Blutprobe gebracht wurde. Er ist schnell und gut, und er hat herausgefunden, dass es sich bei dem Blut auf der Kleidung des Mädchens und auf dem Messer, das es bei sich trug, eindeutig um menschliches Blut handelt! Ich wage mir gar nicht auszumalen, was die Kleine hat ansehen müssen!“
„Schrecklich!“, pflichtete Dr. Wiese bei. „Wollen wir loslegen?“
Sie schritt voran und führte den Rechtswissenschaftler zu dem Behandlungsraum, aus dem sie kurz zuvor gekommen war. In dem einzigen Bett lag mit aufgerichtetem Oberkörper das etwa vierzehn Jahre alte Mädchen unter einer Schicht warmer Decken, und ein Bedienmodul, das am Bett hing, zeigte an, dass auch eine Heizdecke in Betrieb war. Außer einer Fingermanschette, welche die Sauerstoffsättigung und den Puls auf einen Monitor übertrug, war die Patientin an keine weiteren Geräte angeschlossen. Die Schwester, die neben der Jugendlichen auf der Bettkannte saß und ihr die freie Hand hielt, sah auf, als die beiden Ärzte eintraten. Auch das Mädchen hob den Kopf und wandte sich der Tür zu, ihr Blick aber war leer und ausdruckslos und sie zeigte keinerlei Mimik.
„Da bin ich wieder“, flötete Dr. Wiese in fröhlichem Tonfall, um die Situation gar nicht erst bedrückend oder beängstigend werden zu lassen.
„Und wie ich dir gesagt habe, habe ich dir einen netten Herrn mitgebracht, der sich deine Arme, Hände und Füße anschauen möchte. Hab keine Angst, du brauchst dich nicht auszuziehen!“
Ob das Mädchen die an sie gerichtete Erklärung verstand, war in keiner Weise festzustellen. Kaum waren die Worte der Ärztin verklungen, sah sie wieder mittig auf die Bettdecke vor sich, ohne dass eine Regung auf dem Gesicht zu erkennen gewesen wäre. Sie zuckte nicht einmal zurück, als die Ärztin vorsichtig ihren rechten Arm von der Bettkante aufnahm und ihrem Kollegen das Handgelenk zeigte, an dem sich blauunterlaufene Einschnürungen abzeichneten. Sogar das Muster eines sehr groben, dicken Stricks oder Seils war zu erkennen. Schwarz winkte seine Kollegin in eine Ecke des Raumes und besprach sich mit ihr in gedämpfter Lautstärke.
„Hatten die Sanis die Hände in Plastiktüten gepackt?“, fragte Schwarz hoffnungsvoll.
Mit einem belustigten und gespielter Empörung durchsetzten Blick sah Wiese den Rechtsmediziner an.
„Ihnen merkt man aber auch an, dass Sie sonst nur an Leichen arbeiten“, gab sie zurück. „Selbstverständlich nicht, schließlich musste die junge Frau erst mal stabilisiert werden.“
Schwarz zuckte die Schultern.
„Machen Sie bitte trotzdem einen Abstrich rund um das Gelenk und sehen Sie sich die Schürfmale unter der Lupe an. Vielleicht lässt sich ja doch noch ein Faserstück finden. Die Fingernägel?“
Die beiden Mediziner traten wieder ans Bett und Dr. Wiese nahm die Hand des Mädchens behutsam, ja fast zärtlich, und hob die Fingerspitzen ins Licht. Es waren immer noch Reste von dem Blut zu erkennen, das wohl nur notdürftig weggewischt worden war.
„Nichts zu sehen, ich nehme natürlich trotzdem Proben“, sagte die Ärztin und begann, das Gelenk mit einer Lupe abzusuchen. Schwarz sah ihr interessiert zu, wie sie im Anschluss geschickt ein steriles Tuch nahm, um das Handgelenk fuhr und es in eine Beweismitteltüte gleiten ließ.
„Meinen Sie nicht, bei den Mengen an Sanguis ist eine Tatortzuordnung auch ohne weitere forensische Spuren eindeutig?“, fragte sie, während sie mit dem Fuß des Mädchens auf die gleiche Weise verfuhr. Um das Mädchen nicht zu verschrecken nutzte sie bewusst den medizinischen Fachausdruck für Blut.
„Sicher“, bestätigte Schwarz. „Aber meist gilt es, verschiedene andere Dinge ebenfalls forensisch in Verbindung zu bringen. DNA von Drittpersonen, die Eigentümerschaft beziehungsweise den Lagerort des Seils, vielleicht sogar die Einzigartigkeit eines Knotens. Deswegen machen Sie auch bitte Makroaufnahmen jeder einzelnen Druckstelle. Eine entsprechende Kamera habe ich dabei. Stopp!“
Wiese hielt inne.
„Hatten die Sanis einen Zugang am Fuß der Patientin gelegt? Oder Sie hier in der Klinik?“
Die Angesprochene schüttelte den Kopf.
„Ich sehe, was Sie meinen“, kam sie Schwarz zuvor und deutete auf einen Punkt am Spann des Fußes, um den sich ein blauer Fleck gebildet hatte.
„Als sie eingeliefert wurde, waren ihre Gliedmaßen noch kälteinduziert zyanotisch, da ist mir das nicht aufgefallen.“
Sie beäugte die kleine Wunde mit der Lupe.
„Ja, das wird ein Zugang gewesen sein. Mit einer sehr dünnen Kanüle.“
„Machen Sie ein Foto!“, ordnete Schwarz an. „Wird bei dem Tox-Screening auch auf BTM getestet?“
Wiese hob den Kopf.
„Sie glauben, dass sie über diesen Zugang anästhesiert wurde? Wäre denkbar. Und ja, auch diese Werte habe ich angefordert.“
„Sehr gut!“, kommentierte der Rechtmediziner und reichte seiner Kollegin die digitale Spiegelreflexkamera. Bevor diese den Apparat entgegennahm, warf sie einen prüfenden Blick auf die kleine Patientin. Das Mädchen schien von nichts, was um es herum vorging, Kenntnis zu nehmen. Selbst dass die Krankenschwester auf dem linken Bettrand fürsorglich durch seine Haare strich und ihm beruhigend zuflüsterte, lag offenbar außerhalb seiner Wahrnehmung. Erst als der Ringblitz, der sich vorne auf dem Objektiv befand, das erste Mal das Behandlungszimmer erleuchtete, zeigte die junge Patientin eine sehr massive Reaktion: Sie schlug so plötzlich beide Arme über dem Gesicht zusammen und zog die Knie ruckartig bis ans Kinn, dass sie heftig mit der über sie gebeugten Dr. Wiese zusammenstieß. Die Kamera, hinter deren Sucher sich das Gesicht der Ärztin befand, schlug ihr hart ins Gesicht und die Getroffene taumelte zwei Schritte zurück, in der einen Hand die Canon, die andere Hand auf die rechte Augenbraue gepresst. Alle im Raum waren schwer erschrocken und der erste Blick von Schwarz und der Krankenschwester galt der jungen Patientin, die jetzt bewegungs- und tonlos im Bett saß und die Arme weiter vor dem Gesicht verschränkt hielt. Da sie keine Anzeichen einer weiteren Dekompensation hatte, legte die Schwester wieder ihre Hand auf die Stirn des Mädchens und Dr. Schwarz wandte sich seiner Kollegin zu. Dr. Wiese hatte die Kamera inzwischen abgelegt und fing mit der frei gewordenen Hand einige Blutstropfen auf, die sich ihren Weg zwischen den Fingern hindurch gebahnt hatten.
„Oh, da haben Sie wohl eine Platzwunde über dem Auge“, stellte Schwarz in aller Ruhe fest. „Haben Sie was zum Nähen da?“
„Da drüben, zweite Schublade links.“
Auch Dr. Wiese schien die Folge des Zwischenfalls recht pragmatisch zu sehen und machte keinerlei Anstalten, zu fluchen oder zu jammern.
„Können Sie denn mit so feinem Garn noch umgehen?“, fragte sie lächelnd, auf das grobe Paketgarn anspielend, mit dem der Rechtsmediziner nach Abschluss einer Obduktion die Leichname wieder zuzunähen pflegte.
„Sie werden staunen!“, kokettierte er, desinfizierte sich die Hände und nahm das Nähbesteck. „Setzen Sie sich mal da auf den Hocker und legen Sie den Kopf in den Nacken. Ja genau so.“
Er zog etwas sterilen Verbandsmull aus dem Spender an der Wand.
„Betäubungsmittel?“, fragte er und reichte der Verletzten den Mull, um das Blut etwas abzutupfen.
„Wie viele Stiche werden es denn?“, entgegnete sie.
Schwarz blickte auf die Wunde, die seine Kollegin geschickt mit Daumen und Zeigefinger zusammendrückte.
„So zwei bis drei, denke ich.“
„Dann legen Sie los.“
Schwarz sah noch einmal zu dem Mädchen, das sich zurück in eine liegende Position begeben hatte und abermals in Apathie gefallen war. Nachdem die Krankenschwester ihm durch ein aufmunterndes Nicken versichert hatte, dass sie die Situation kontrollierte, setzte er die Nadel an.
„Ich denke“, begann er, um Dr. Wiese abzulenken, „dass unsere Patientin, während sie traumatisiert wurde, unter anderem Blitzlicht ausgesetzt wurde. Sei es ein Gewitter, ein Stroboskop oder das Blitzlicht eines Fotoapparates gewesen. Nicht auszudenken, was abgelichtet wurde!“
Dr. Wiese war so sehr bei der Sache, dass sie den ersten Stich nicht wahrnahm.
„Ja, schrecklich! Ich werde für die nächsten Aufnahmen den Blitz abschalten und die ISO nach oben drehen. Die Fotos werden trotzdem sehr gut.“
„Das sehe ich auch so“, pflichtete Schwarz bei. „Wer weiß, was wir bei dem armen Kind mit dem Flashlight auslösen, beziehungsweise ob sie uns nicht komplett durchdreht.“
Er zog den Faden ein weiteres Mal durch. Diesmal zuckte seine Patientin leicht zusammen.
„Keine Sorge, mit drei komme ich aus“, beruhigte er sie und beeilte sich, die Arbeit zum Abschluss zu bringen.
„So, das war`s. Brauchen Sie ein Päuschen?“
„Nein, sagte Dr. Wiese bestimmt. „Lassen Sie uns weitermachen, damit die Kleine ihre Ruhe bekommt.“
Sprach es, stand auf und nahm sich den Fotoapparat vom Sideboard.
„Reinschleichen oder stürmen?“, flüsterte Sarah, als sie mit Thomas an der Tür angekommen war und sie rechts und links davon Position bezogen hatten. Sie hielt die Pistole mit beiden Händen knapp über der rechten Schulter nach oben gerichtet und wartete, was ihr Partner entscheiden würde. Thomas sprach leise in das Mikrofon am Ohrhörerkabel.
„Wie sieht die Rückseite aus? Gibt es da noch einen Eingang?“
Unter leichtem Rauschen kam die Antwort des Kollegen.
„Hier ist eine weitere Tür, die auf eine Art Veranda führt. In diesem Raum brennt ein sehr schwaches Licht, wie wir es schon von der anderen Seite aus gesehen haben. Ansonsten ist nichts zu erkennen. Keinerlei Regung.“
„Okay, dann sichern Sie die Rückseite, wir gehen rein. Behutsam und leise, um deine Frage zu beantworten.“ Er blickte auf die Türklinke und sah Sarah an, die daraufhin mit der linken Hand vorsichtig zu dem verrosteten Stück Eisen griff, es hinunterdrückte und die Tür langsam nach außen öffnete. Thomas ging in die Knie und wagte einen schnellen Blick in das Zimmer dahinter. Dann einen weiteren, etwas längeren, und schließlich schob er seinen Oberkörper nach vorne, um sich den schwach erleuchteten Raum genauer anzusehen.
„Leer!“, informierte er mit gedämpfter Stimme. „Rechter Hand sehe ich einen Ofen, in dem noch schwach ein Feuer brennt. Mittig steht ein Küchentisch mit fünf Stühlen darum. An den Wänden befinden einfache Holzschränke. Linker Hand ist eine geschlossene Tür, die zum nächsten Raum führt.“
Er richtete sich auf, behielt die erwähnte Tür über das Visier seiner Waffe im Auge und betrat den Raum. Sarah folgte ihm und hielt ihre Pistole ebenfalls in Richtung des weiteren Zugangs zu dem Zimmer, während sie die Eingangstür mit der Linken vorsichtig hinter sich schloss. Wie aus der Beschreibung ihres Kollegen herauszuhören gewesen war, handelte es sich bei dem Raum um eine Art Wohnküche, das mit alten, nicht zueinander passenden Möbeln ausgestattet war, die gespenstische, flackernde Schatten an die Wände warfen. Sie sah zu dem Ofen, in dessen nur knapp über dem Boden liegenden Heizklappe ein einzelner Scheit die Reste seines brennfähigen Materials den spärlichen Flammen opferte. Sarah wurde bewusst, dass wegen der tiefen Position des Feuers die Schatten der Stühle und des Tisches so groß und bedrohlich über die Wände zitterten und die unheimliche Stimmung im wahrsten Sinne des Wortes befeuerten. Thomas vor ihr hatte inzwischen seine Taschenlampe eingeschaltet und leuchtete, den Lichtstrahl stark abgeschirmt, auf den Boden. Er deutete mit seiner Heckler&Koch nach unten. Dort waren zwei, drei Blutstropfen zu sehen, ein Stückchen weiter konnte Sarah den roten Teilabdruck eines kleinen menschlichen Fußes erkennen. Das Mädchen war bei seiner Flucht durch diesen Raum gekommen und zuvor in Blut getreten! Es gab also keinen Zweifel mehr, dass sie hier richtig waren! Ein Schauer überkam Sarah, würden sie doch möglicherweise in wenigen Augenblicken entdecken, was dem Kind widerfahren war oder welche Umstände dazu geführt hatten, dass es halbnackt und blutverschmiert auf der Straße aufgetaucht war.
Thomas hatte sich inzwischen der rückwärtigen Tür genähert. Er bedeutete Sarah, auch herzukommen und erneut gingen sie rechts und links davon in Stellung. Thomas zog sein Smartphone aus der Tasche, schaltete auf Kamera und hielt es an den Türrahmen. Sarah war klar, dass er diese Vorsichtsmaßnahme ergriff, weil sich diesmal seine Silhouette vor dem mäßig beleuchteten Raum deutlich abzeichnen und somit ein leichteres Ziel sein würde. Dem aufmunternden Nicken folgend legte sie die Hand an die Klinke und zog das Blatt nur einen spaltbreit auf, so dass Thomas das Handy durch die entstandene Öffnung schieben konnte. Der LED-Blitz fiel unter der Tür durch, als er den Auslöser betätigte, und sofort zog er das Telefon wieder aus dem Schlitz. Er betrachtete die Aufnahme und hielt sie nach einigen Sekunden Sarah hin. Zu sehen war eine Art Wohnzimmer, doch Couches und Sessel waren an eine Wand geschoben, einen kniehohen Tisch hatte man ebenfalls an den Rand des Zimmers gestellt. Stattdessen befand sich in der Mitte des Raums ein schwerer, wuchtiger Tisch, der Sarah unweigerlich an einen Altar erinnerte. Viel mehr konnte man auf dem dunklen Bild nicht erkennen, doch es schien sicher genug zu sein, den Raum zu betreten. Dieser Meinung war wohl auch Thomas, der sich aufrichtete, die Tür öffnete und innen neben dem Rahmen nach einem Lichtschalter tastete. Der Art, wie er nach wenigen Sekunden den Arm verdrehte, und das mit dem Aufflackern des Lichts ertönende Klacken zeigten Sarah, dass er fündig geworden war und es sich bei dem elektrischen Bauteil um ein solches handeln musste, wie sie es aus dem Keller ihres Elternhauses kannte: einen Drehschalter, der mit erheblichem mechanischen Widerstand zu betätigen war und laut in der nächsten Position einrastete. Das Licht indes, das jetzt durch die geöffnete Tür fiel, verdiente diesen Namen kaum. Funzelig erhellte es die Szenerie, und als Sarah hinter Thomas in den Raum trat, war es immer noch nicht leicht, die Details des Horrorkabinetts zu erkennen, in dem sie sich befanden. Zuerst blieben die Blicke an dem altarähnlichen Tisch haften, in dessen vier Ecken metallene Ösen schweren Ketten als Anker dienten. An deren Enden befanden sich gürtelähnliche Schnallen aus Leder, deren Zweck eindeutig die Fixierung von Hand- und Fußgelenken sein musste. Die Schlaufen sahen neu aus und der Gedanke, dass sie noch nicht allzu oft in Gebrauch gewesen sein konnten, dämpften die schrecklichen Vorstellungen, die Sarah mit dem Anblick verband. Doch die zentrale Opferstelle, denn danach sah die massive Platte aus, war bei Weitem nicht das einzige schreckenerregende Accessoire. An den Wänden hingen Jagdtrophäen, bei denen der Präparator sich augenscheinlich viel Mühe gegeben hatte, einen aggressiven, bösen Gesichtsausdruck zu konservieren. So säumten Dachse mit gefletschten Zähnen, Füchse mit hochgezogenen Lefzen, Marder mit kampfbereiten Kiefern und Wildschweine mit entblößten Hauern die Wände. Selbst die schwarze Krähe, die auf einem Rundholz saß, stellte einen eigentümlich menschlichen, hasserfüllten Gesichtsausdruck zur Schau. Lediglich ein Chamäleon, das als Exot definitiv nicht in die Sammlung der sonst heimischen Fauna passte, sah recht friedlich aus. Auf einem Highboard neben der Tür dienten mehrere Totenschädel als Kerzenhalter, ein weißes Huhn war dazwischen an die Wand genagelt und der Bauchraum geöffnet worden, so dass die Innereien in eine aus Silber anmutende Schale hingen. Der Geruch des Ensembles bestätigte dessen Echtheit, während den Totenschädeln anzusehen war, dass sie eher in China hergestellt denn einem Grab entnommen worden waren. Als sich Sarah der Wand zuwandte, durch deren offenstehende Tür sie den Raum betreten hatten, sah sie ein gigantisches Pentagramm, in dem keltische Runen in verschiedenen Farben wohl Schreckliches offenbarten. In dem Bild eines gehörnten Ziegenkopfes erkannte Sarah die Darstellung von Baphomet, dem Götzenbild, dem den Templerprozessen zufolge die Ritter des Ordens angeblich huldigten. Auf einem Eckregal ragte eine Hühnerpfote aus einem Messingtiegel und die Spritzer von geronnenem Blut, die auf einer kruden Zeichnung eines Gesichtes zu sehen waren, ließen keinen Zweifel an dem Inhalt des Gefäßes.
„Meine Güte!“, entfuhr es Sarah und ihre Blicke trafen sich mit denen Thomas`, der die widerlichen Artefakte ebenfalls eindringlich musterte.
„Haben wir es möglicherweise mit einer Sekte zu tun? Oder mit schwarzer Magie?“, fragte sie ihren Partner, der mit den Schultern zuckte, aber nicht auf ihre Frage einging. Also sah sie sich weiter um. Erst jetzt wurde ihr gewahr, dass der schwere Hochlehner, der sich dem riesigen Highboard gegenüber an der Wand befand, auf einem Sockel stand, und ihn wie einen Thron erscheinen ließ. Hätte man alles, was sich in diesem Raum befand, in einer großen Halle mit Geschick angeordnet, hätte das Ergebnis, so gruselig es auch sein mochte, etwas Erhabenes ausgestrahlt. So wie der Saal des Eisernen Throns aus der Fantasy Serie, die sie so gerne ansah. Hier aber, auf engem Raum zusammengepfercht, erweckten die Gegenstände den Eindruck eines Provisoriums, bei dem ein Notbehelf die Erfordernisse eines Besessenen befriedigen musste. Als sie sich umdrehte, entdeckte sie auf dem Highboard neben einem Blatt Taro-Karten eine nicht hierher passen zu wollende Fernbedienung für ein TV-Gerät oder einen DVD-Player. Obschon sie das dazugehörige Gerät hinter den Türen des Highboards vermutete und auch die Sichtachse zwischen dem Thron und dem Möbel erkannte, widerstand sie der Versuchung, sie zu öffnen und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Partner zu. Thomas wies mit seinem Kopf auf die rückwärtige Seite des Raumes.
Sarah nickte und bewegte sich umsichtig in Richtung der Tür, die zum hinteren Teil der Hütte führen musste. Doch bevor sie diese erreichte, stockte ihr der Atem! Hinter dem massiven Highboard ragten zwei Beine reglos in den Raum. Der Größe der Schuhe und der Dicke der Unterschenkel nach gehörten sie zu einem Mann, der hinter dem Möbelstück an dessen Seitenwand lehnen musste!
„Thomas!“, flüsterte sie scharf und näherte sich dem Beinpaar mit vorgehaltener Waffe. Ihr Partner kam hinzu, sah sofort, was Sarahs Aufmerksamkeit erregt hatte, und nahm seine Dienstpistole ebenfalls in Anschlag.
„Vorsicht!“, raunte er halblaut und umrundete Sarah, um ihr Deckung geben zu können. Die Polizistin schob sich langsam weiter vor, bis sie den Rest des Mannes sehen konnte, der tatsächlich mit aufgerichtetem Oberkörper halb an der Wand, halb an dem Highboard lehnte. Er saß in einer Lache aus dunklem Blut, seine rechte Hand lag offen im Schoß, seine linke neben dem Oberschenkel auf dem Boden. Beide Hände waren blutig und Sarah schlussfolgerte, dass der Unbekannte sie auf die große Bauchwunde gepresst hatte, die sich unter dem komplett durchtränkten Hemd befinden musste. Jetzt erkannte Sarah auch Schnitte in den Unterarmen. Hals und Gesicht wiesen ebenfalls grässliche, klaffende Wunden auf. Der Täter musste mit großer Wut auf sein Opfer eingestochen haben oder aber, sofort kam Sarah das Mädchen wieder in den Sinn, mit panischer Angst versucht haben, sich zu retten. Ohne in die Blutlache zu treten wagte sie sich anzunähern, ging in die Knie und versuchte, an den geschlossenen Augenlidern des Mannes eine Bewegung zu erkennen, doch es war nicht einmal das geringste Zittern zu sehen. Etwas mutiger rutschte sie näher und streckte die linke Hand aus, um möglicherweise einen Puls zu ertasten. Sie bemühte sich, nicht in das Blut zu fassen, das auch am Hals hinunterlief, legte die Finger auf die Carotis und hoffte, noch ein Lebenszeichen feststellen zu können.
Mit einem Mal richtete sich der Körper unter lautem Schreien auf! Die blutverschmierte Hand griff nach Sarahs Schulter und das groteske Gesicht näherte sich ihr mit weit aufgerissenen Augen. Sarah versuchte panisch zurückzuweichen, doch der Mann hielt sie mit eisernem Griff! Der laute Schrei ging in ein Gurgeln über. Sekundenbruchteile darauf schoss ein Schwall Blut aus dem Mund und ergoss sich über Sarahs Jacke und Jeans. Dann würgte und hustete der tödlich Verwundete und Sarah konnte die Spritzer des warmen Blutes in ihrem Gesicht spüren! Endlich gelang es ihr, sich von dem Mann wegzustoßen. Sie landete unsanft auf dem Boden und war erst jetzt in der Lage, zitternd die Pistole zu heben. Doch trotz des Schreckens und des Ekels realisierte sie, dass keine Gefahr mehr von dem Verletzten ausging. Spasmisch schüttelte sich sein Körper, ein letztes Röcheln kam über seine Lippen, blutiger Schaum quoll aus dem Mund. Langsam kippte er zur Seite. Sarah war sofort klar, dass er in eben diesem Moment den letzten Rest Lebens ausgehaucht hatte, und sie ließ die Waffe sinken. Sie sah zu Thomas, der seine H&K aus dem Anschlag nahm und begriff, dass er zwar hätte schießen können, aber rechtzeitig erkannt hatte, dass es sich bei dem vermeintlichen Angriff lediglich um die Reflexe eines unbewaffneten Totgeweihten gehandelt haben musste. Mit zitternden Händen legte sie die Pistole neben sich, öffnete die Seitentasche ihrer Winterjacke und brachte eine Packung Papiertaschentücher zum Vorschein. Diese aufzureißen vermochte sie nicht zu bewerkstelligen, doch Thomas, der seine Pistole weggesteckt hatte, ging neben ihr in die Knie, öffnete die Cellophanhülle, entnahm eines der Tücher und wischte Sarah vorsichtig durch das Gesicht. Erst um den Mund, dann um die Augen und schließlich über Nase, Wangen und Stirn. Perplex über das unerwartete Verhalten und dankbar für die Hilfe ihres Partners, ließ sie die fast zärtlich anmutende Prozedur über sich ergehen.
„Bist du okay?“, fragte er und fixierte sie eindringlich.
„Ja“, antwortete sie knapp und hauchte noch ein Danke hinterher.
„Gut! Wir sind nämlich noch nicht fertig!“
Er wandte sich dem unbekannten Mann zu, tastete jetzt seinerseits nach der Halsschlagader und verharrte mit geschlossenen Augen. Kurz darauf sah er zu Sarah und bestätigte mit einem Kopfschütteln, dass das Opfer nunmehr wirklich tot war.
„Reanimieren?“, flüsterte Sarah, doch Thomas` Kopfschütteln wurde eindringlicher.
„Sieh dir den Blutverlust an. Und die Anzahl der Stichwunden. Die Lunge ist sicher etliche Male perforiert. Da ist nichts mehr zu machen. Ein Wunder eigentlich, dass er es bis so lange geschafft hat.“
Er stand auf, reichte ihr die Hand und zog sie mühelos in die Senkrechte. Dann griff er erneut zu seiner Waffe, wartete, bis Sarah die ihre aufgehoben hatte, und wandte sich der Tür zu. Doch bevor sie in den hinteren Teil vordringen konnten, meldete sich der Hundeführer in den Ohrhörern.
„Was war da los? Was war das für ein Schrei?“
„Alles in Ordnung“, beruhigte Sarah in gedämpftem Tonfall den draußen wartenden Kollegen. „Wir hatten einen Vorfall der minder schweren Art.“
Sie sah ein Schmunzeln über Thomas` Gesicht huschen und konzentrierte sich wieder auf die Tür vor sich. Unter dem Türblatt drang ein schwacher Lichtschein durch und Sarah erinnerte sich, dass sie von außen gesehen hatten, dass der Raum ein wenig beleuchtet war.
„Eigentlich können wir reingehen, oder? Nach dem Lärm wäre selbst Beethoven in seinen späten Jahren auf uns aufmerksam geworden, meinst du nicht?“, meinte Sarah trocken, doch trotzdem betraten sie den nächsten Raum unter größter Vorsicht.
Die Kammer, in der eine kleine, abgedunkelte Nachttischlampe für etwas spärliches Licht sorgte, hatte ganz offensichtlich als Zelle gedient. An einem metallenen Bettgestell, das in der hinteren linken Ecke an der Wand stand, hingen dicke, faserige Seile, mit denen, so ließ der Anblick vermuten, das rothaarige Mädchen festgebunden worden war. Da sich außer dem Bett lediglich eine Kommode in dem Raum befand, und sich somit keinerlei Versteckmöglichkeit für einen Hinterhalt bot, tastete Thomas nach einem Lichtschalter und schaltete, nachdem eine nackte Neonröhre flackernd ansprang, seine Taschenlampe. Auch Sarahs Maglite erlosch, bevor sie sie in die Seitentasche ihres Parkas gleiten ließ. Wortlos sahen sich die beiden um. Sarah näherte sich der wuchtigen, schwarzen Kommode, in deren Schatten sie einen Plastikabfalleimer entdeckte. Bis auf einige Papierfetzen und einer Ansammlung kleiner Fläschchen war dieser leer, doch ein Blick auf die Kommode bestätigte ihr, dass es sich bei dem Inhalt der braunen Ampullen um eine medizinische Flüssigkeit gehandelt haben musste: Sie erkannte eine Injektionsspritze und ein wenig Verbandsmull sowie eine Rolle Leukoplast.
„Er muss dem Mädchen etwas gespritzt haben“, informierte Sarah ihren Partner. „Das sind die Utensilien dazu.“
„Und zwar immer wieder“, ergänzte Thomas, der an das Bett herangetreten war. „Dort liegt ein Venenzugang mit einem Stück Schlauch. Ich vermute, sie wurde auf diese Weise ruhiggestellt.“
Noch bevor Sarah den Fund auf der zerwühlten Bettdecke in Augenschein nehmen konnte, ertönte abermals die Stimme des ungeduldigen Hundeführers aus den Funkgeräten.
„Ist da drin alles okay? Brauchen Sie meine Hilfe?“
„Alles in Ordnung, wir brauchen Sie nicht“, antwortete diesmal Thomas dem Kollegen.
„Wir kommen gleich raus und überlassen das Feld der Spurensicherung. Finden Sie bitte heraus, wie die mit einem Fahrzeug hierherkommen. Ich habe ein wenig die Orientierung verloren, aber vielleicht ist ja irgendein Kaff in der Nähe. Der Weg, den wir genommen haben, ist mit dem ganzen Equipment zu weit und zu beschwerlich.“
„In diesem Fall würde ich trotzdem gerne zu Ihnen reinkommen“, tönte es zögerlich von draußen. „Da drinnen ist es bestimmt etwas wärmer, oder?“
Sarah und Thomas tauschten kurze Blicke, wobei es Sarahs Miene war, aus der etwas Bittendes zu lesen war, während Thomas ein skeptisches Stirnrunzeln offenbarte. Trotzdem lenkte er ein.
„In Ordnung, kommen Sie durch den Vordereingang rein und bleiben Sie in dem ersten Zimmer. Legen Sie den Hund in der Nähe des Herdes ins Platz und sehen Sie zu, dass weder er noch Sie etwas kontaminieren.“
Ein erleichtertes Danke drang zu den beiden in den Raum und die knirschenden Schritte des Kollegen entfernten sich. Sarah und Thomas sahen sich weiter um.
Just in dem Moment als Dr. Wiese der digitalen Spiegelreflex die Speicherkarte entnahm und die Kamera zur Seite legte, klopfte es an der Tür des Behandlungsraums und herein trat eine leicht untersetzte Mitdreißigerin. Ein dunkelblonder Lockenschopf umrahmte ein freundliches, offenes Gesicht, aus dem neugierig warme, braune Augen herausstrahlten. Dem sympathischen Erscheinungsbild entsprach auch die angenehme, fast beruhigende Stimme, mit der sich die Dame vorstellte.
„Ich bin Melanie Escher, Psychologin vom Jugend- und Sozialamt Freiburg. Hier wartet eine kleine Patientin auf mich?“
Sie streckte ihre Hand aus, die sowohl von Dr. Wiese als auch von Professor Schwarz unter Nennung ihres jeweiligen Namens ergriffen wurde. Beiden fiel das am Hals hervorlugende Etikett auf, das verriet, dass sich die Psychologin zu dieser nachtschaffenden Stunde in aller Eile angezogen hatte und daher den Merinopullover falschherum trug. Die Dame vom Jugendamt bemerkte die Blicke der Ärzte, so scheu und kurz sie auch gewesen sein mochten. Sie lächelte breit.
„Meine Socken passen sicher genauso nicht zueinander und von dem Rest wollen wir gar nicht erst sprechen“, sagte sie mit einem schelmischen Grinsen. „Wo ist denn nun die Kleine?“
„Gleich hier drüben.“
Wiese geleitete Escher in das Nebenzimmer, wo immer noch die Krankenschwester neben dem unbekannten Mädchen saß und ihre Hand auf deren Unterarm liegen hatte.
„Sie kommen gerade rechtzeitig“, informierte Wiese. „Wir sind mit unserer Arbeit fertig und werden die Patientin auf Station verlegen, da ist es sicher gut, wenn Sie auf dem Weg dorthin schon dabei sind.“
Die Psychologin nickte, war mit ihrer Aufmerksamkeit jedoch schon voll bei dem Mädchen, das apathisch mit gestütztem Oberkörper in dem Bett lag. Escher blieb zunächst am unteren Ende des Bettes stehen.
„Hallo“, sagte sie mit fast seidiger Stimme und legte ihre Hand sacht auf den Knöchel des Mädchens. „Ich bin Melanie. Ich werde zunächst einmal bei dir bleiben und wenn du schläfst auf dich aufpassen. Ist dir kalt? Soll ich dich ein wenig zudecken?“
Sie trat an das Bett heran, und erst jetzt drehte sich das Gesicht etwas und das Paar grüne Augen blickten zu Melanie Escher. Es sollte bei dem seelenlosen Blick bleiben, das Kind zeigte keine weitere Reaktion. Die Psychologin legte die Hand vorsichtig auf dessen Schulter und sowohl Dr. Wiese als auch Schwarz wussten, dass sie über die Körperlichkeit eine Verbindung zu dem Mädchen aufzubauen versuchte, ohne ihm zu nahe zu treten oder, schlimmer, etwas zu triggern, das mit dem Erlebten zusammenhing. Da keine erkennbare zurückschreckende oder abweisende Reaktion erfolgte, beließ Escher die Hand auf der Schulter, als sie mit der anderen in ihrer voluminösen Tasche kramte und nach einigem Suchen ein Kinderbuch zum Vorschein brachte. Der kleine Klabautermann war auf dem Cover zu lesen.
„Magst du Geschichten mit Piraten und Schatzkarten?“, erkundigte sie sich, doch abermals verweigerte das Mädchen eine Reaktion.
„Können wir auf die Station? Dort ist es kindgerechter und nicht so steril wie hier“, beendete sie den Versuch, jetzt schon zu der Patientin vorzudringen.
Wiese nickte.
„Kinderstation, Zimmer 314“, antwortete sie. „Medizinisch ist es nicht notwendig. Soll ich der Patientin trotzdem etwas geben, damit sie schläft?“
Escher schüttelte den Kopf.
„Nein. Später, wenn wir feststellen, dass sie traumabedingt nicht schlafen kann, dann vielleicht. Aber nicht im Moment. Vielleicht kann ich ja schon etwas in Erfahrung bringen.“
„Wenn dies der Fall sein sollte, dokumentieren Sie bitte alles haarklein“, schaltete sich Schwarz ein. „Ich kenne die Kollegen, die diesen Fall bearbeiten sehr gut und sie legen viel Wert darauf, jede scheinbar noch so unbedeutende Information zu erhalten.“
„Das werde ich“, versprach die Psychologin.
„Morgen im Laufe des Vormittags werden sie sicher persönlich herkommen, um die Patientin, soweit es die Umstände zulassen, zu befragen.“
„Aber nur, wenn ich dabei bin, und in dem Maße, wie ich das erlaube!“
Zum ersten Mal lag etwas Schärfe in der Stimme Eschers, doch Schwarz beruhigte die Psychologin.
„Sie denken zu sehr in Klischees“, sagte er. „Die Kollegen werden sogar auf Ihre Anwesenheit bestehen und selbstverständlich einfühlsam agieren.“
Escher quittierte das Statement mit einem Nicken.
„Also zumindest Frau Hansen“, fügte Schwarz noch mit einem Augenzwinkern hinzu.
Kapitel V
In dem Holzhaus im tief verschneiten Wald herrschte emsiger Umtrieb. Nachdem der Hundeführer ihre Position mitgeteilt und man einen einigermaßen gut zugänglichen Punkt in der Nähe der Hütte ausfindig gemacht hatte, mussten die drei Polizisten geschlagene anderthalb Stunden warten, bis die Spurensicherung bei ihnen eingetroffen war. Da auch Sarah und Thomas dem Tatort keine weiteren eigenen Spuren hinzufügen wollten, hatten sie sich zu dem Kollegen und dessen Hund in den wärmsten Raum gesellt und sich über dies und jenes unterhalten. Über das Einkochen von Himbeermarmelade über Einsteins allgemeine Relativitätstheorie bis hin zu der Tatsache, wie einfach es für Terroristen sei, Senfgas aus verschiedenen Allzweckreinigern selbst herzustellen.
Doch jetzt erhellten die Blitze zweier Kameras die Räume, mit denen die Techniker jedes Objekt, jedes Möbelstück und jede Spur dokumentierten, bevor sie Beweismaterial bewegten, eintüteten oder gar Einrichtungsgegenstände verrückten, um gegebenenfalls Corpora Delicti freizulegen. Auch Luminol und Schwarzlicht kamen zum Einsatz, ganz zu schweigen von Unmengen von unterschiedlichen Fingerabdruckpulvern, mit dem die Techniker Klinken, Flächen und Artefakte bepinselten. Aufmerksam verfolgten Sarah und Thomas die Arbeiten, während der Kollege der Hundestaffel begann, sich zu verabschieden.
„Sicher“, murmelte Thomas fahrig, doch Sarah bedankte sich und wünschte ihm und Connor einen guten Heimweg und eine erholsame Rest-Nacht.
„Friedhelm, seid ihr mit dem Schrank dort fertig? Auch innen?“, fragte ihr Partner einen regelrechten Hünen in weißem Overall und deutete auf das Highboard.
„Mhmmm“, nickte der Gefragte und wandte sich wieder dem Altar zu, an dem er mit Wattestäbchen versuchte, mögliche DNA-Spuren zu sichern.
„Dann schauen wir mal“, ermunterte Thomas Sarah und öffnete die Tür, die dem seltsamen Thron gegenüberlag. Erwartungsgemäß befand sich dahinter ein Fernseher, ein älteres Flachbildgerät, auf dessen Bedientasten sich fluoreszierendes Fingerabdruckpulver befand. Darunter konnten er und seine Partnerin sowohl einen DVD-Player als auch einen VHS-Recorder erkennen. Thomas schaltete Fernseher und Player ein. Sogleich switchte das TV-Gerät auf den Player als Bildquelle.
Auf dem Bildschirm waren zunächst nur Dunkelheit und das leicht flackernde Licht einer Kerze zu erkennen. Nach einigen Sekunden trat aus dem schwarzen Hintergrund eine Gestalt in den Kerzenschein. Sie trug eine Art Kutte und die Maske, die Sarah und ihr Partner zuvor schon auf dem Sideboard hatten liegen sehen. Vor sich hielt die Person mit beiden Händen den seltsamen Dolch, den das rothaarige Mädchen bei sich gehabt hatte. Je näher die Gestalt dem Aufnahmegerät kam, desto deutlicher konnte man gemurmelte Worte vernehmen, die Sarah als ein Sammelsurium aus Latein, Altgriechisch und einer ihr unbekannten Sprache identifizierte. Fast musste Sarah lachen, denn das Intro zu dem Video erinnerte sie stark an Horrorfilme aus den sechziger Jahren.
„Fehlt nur noch Orgelmusik und die Ankündigung von Vincent Price“, flüsterte sie mit einem Seitenblick auf ihren Partner, der sofort lächelte. Er nahm die Fernbedienung und schaltete das Video ab.
„Ich möchte mir nicht vorstellen, was da noch so alles zu sehen ist. Vor allem aber will ich es nicht hier an diesem grotesken Ort ansehen. Das machen wir morgen im Präsidium.“ Er blickte an einen Teil der Wand, wo in einer Höhe von etwa einem Meter achtzig massive Ringe in der Wand verankert waren. An diesen waren verschließbare Metallschnallen angebracht. Er trat einen Schritt zurück, machte Sarah darauf aufmerksam und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Das erinnert mich an ein Verlies, wo Menschen einer Kreuzigung gleich an einer Wand fixiert werden“, brachte Sarah hervor und schüttelte sich. „Wie grausam ist das denn?“
„Wenn er das Mädchen da hineingehängt hätte, wäre sie mit der Zeit erstickt. Die Fesseln waren also, wenn überhaupt, nur kurzzeitig in Gebrauch.“
„Die Vorstellung ist trotzdem quälend! Egal wie lange oder wie kurz jemand so etwas ausgesetzt wird.“
Thomas nickte bestätigend und sprach einen Mitarbeiter der Spurensicherung an, der eine digitale Spiegelreflexkamera mit einem aufgesetzten Systemblitz in eine Beweistüte packen wollte.
„Warten Sie bitte kurz! Darf ich die mal haben?“
Der Kollege übergab ihm die Kamera. Thomas orientierte sich kurz, schaltete sie nach wenigen Momenten an und drückte den Knopf für die Bildwiedergabe. Schon das erste Bild war erschreckend. Erschreckend grausam. Erschreckend ästhetisch. Tatsächlich war das rothaarige Mädchen zu sehen, wie es in dem weißen Gewand vor der weißen Wand in den Fesseln hing. Allerdings war auf dem Boden ein Holzschemel zu erkennen, auf dem sie sich gerade eben noch mit den Zehenspitzen abstützen konnte. Die High Key Aufnahme, auf der sich lediglich die blasse Haut, einige Falten in dem Gewand und das fast feuerrote Haar sowie die grünen Augen des Mädchens von dem gleißenden Weiß abhoben, strahlte eine Magie aus, der man sich als Betrachter schier nicht entziehen konnte! Der Mann hinter der Kamera hatte gewusst, was er tat! Thomas klickte sich durch eine ganze Serie ähnlicher Bilder, dann schaltete er die Kamera aus und übergab sie zurück an den Kollegen der Spurensicherung.
„Komm“, sagte er an Sarah gewandt. „Wir schauen zu, dass wir noch ein paar Stunden Schlaf bekommen. Das wird morgen ein langer Sonntag.“
„Guten Morgen allerseits“, begrüßte Thomas Bierman die Anwesenden Karen Polozek, Nico Berner und Hans Pfefferle, als er mit Sarah im Schlepptau den kleinen Konferenzraum betrat.
„Da wären wir fünf mal wieder beisammen. Gröber scheint unsere Arbeit zu gefallen“, setzte er hinzu, legte einen recht dünnen Aktenordner auf den Tisch und ließ sich am Kopfende nieder. Sarah ließ ebenfalls ein Guten Morgen verlauten und suchte sich den Platz neben ihrer Kollegin, die freudig lächelnd bereits den Stuhl vom Tisch weggerückt hatte.
„Er kommt später vielleicht dazu. Hätten wir Sommer, wäre er wohl auf dem Golfplatz. Aber ich habe keine Idee, was er bei diesen Wetterbedingungen am Sonntagmorgen so macht. Skifahren wird er ja wohl kaum“, kündigte Thomas den eventuellen Besuch des nicht übermäßig beliebten Ressortleiters an. „Zum derzeitigen Stand wird er schlimmstenfalls einen Schwall heiße Luft verbreiten, also können wir sicher einige Zeit konzentriert und ungestört arbeiten.“
Auf allen Gesichtern zeichnete sich ein süffisantes Lächeln ab, wussten alle um das zwanghafte Geltungsbedürfnis und die bisweilen unkontrollierten Anfälle ihres cholerischen Chefs.
„Also gut“, eröffnete Thomas das Meeting. „Es ist fünf nach elf, den vorläufigen Bericht haben schon alle gelesen, nehme ich an. Irgendwelche Fragen?“
Sein Blick machte die Runde.
„Wie geht es dem Mädchen?“, fragte Karen und in ihrer Stimme schwang Besorgnis mit.
Sarah, die Thomas genau beobachtete, konnte sehen, dass die Frage ihrer empathischen Kollegin nicht zu den Themen gehörte, die er hier und jetzt besprechen wollte, doch er riss sich zusammen und antwortete sachlich.
„Sie hat die Nacht augenscheinlich gut überstanden und ohne ein Sedativum verabreicht bekommen zu haben, sehr lange geschlafen. Sarah hat eben mit der behandelnden Ärztin telefoniert.“
Ein erleichtertes Nicken, das auch von Hans Pfefferle aufgegriffen wurde, quittierte diese Information.
„Hat sie bereits irgendetwas gesagt? Spricht sie überhaupt unsere Sprache?“, hakte Karen nach.
„Hat sie nicht“, sprang Sarah ein, „und das mit der Sprache ist ein guter Ansatz. Dr. Wiese, die Ärztin, geht zwar davon aus, dass ihre Apathie und das damit verbundene Schweigen auf die erlittenen Traumata zurückzuführen sind. Dr. Schwarz jedoch hat bei der Auswertung der gestern angefertigten Bilder in Bezug auf ihre Zähne eine Vermutung aufgestellt. Die meisten Problemstellen sind wohl nie richtig behandelt worden, aber immerhin hat ihr Gebiss eine Plombe aufzuweisen, von der Schwarz sicher ist, dass sie nicht in Mitteleuropa angefertigt und platziert wurde. Da ja auch in Polen, Tschechien und der Slowakei seit etlichen Jahren erstklassige zahnmedizinische Arbeit geleistet wird, tippt er entweder auf Russland oder Weißrussland beziehungswiese auf den Balkan.“
„Wie gehen wir in Bezug auf das Mädchen weiter vor?“, wollte Nico Berner wissen.
Da Thomas dabei war, die losen Seiten aus dem Aktenordner zu sortieren, antwortete abermals Sarah:
„Vorausgesetzt, wir sind nicht in der Lage, zeitnah ihre Eltern zu ermitteln, wird sie noch mindestens zwei Tage in der Klinik unter der Obhut von Frau Dr. Wiese und dem Jugendamt bleiben. Die zwei werden auch entscheiden, wann und in welcher Intensität wir mit der Kleinen arbeiten dürfen. Wir hoffen, dass wir heute Nachmittag ein erstes Gespräch wagen können. Bis dahin werden die Damen auf jeglichen Hinweis, der zu Klärung ihrer Identität und Herkunft beitragen kann, achten. Derweil“, sie nahm Thomas das Blatt, welches er ihr hinhielt, aus der Hand, „haben wir ihre Beschreibung und Portraitbilder.“
Sie legte den Steckbrief auf den Tisch und wartete darauf, dass ihr Partner etwas dazu sagen würde. Da dieser jedoch keine Anstalten machte, die sich aus dem Blatt Papier ergebende Aufgabe zu delegieren, nahm Sarah es zum Anlass, selbst aktiv zu werden.
„Wer kümmert sich um die Recherche?“, fragte sie, da sie als jüngstes Mitglied des Teams nicht befugt und auch nicht gewillt war, eine Anweisung zu erteilen. Selbst wenn sie, so ihre Überzeugung, von Thomas dafür Rückendeckung bekommen hätte.
„Ich mach das“, meldete sich sofort Karen Polocek eifrig zu Wort. „Ich gehe die Vermisstendatenbanken durch und nehme Kontakt zu den anderen Behörden und den Kollegen im Ausland auf.“
Sarah schob ihr das Papier über den Tisch, blickte fragend zu Thomas, der ein kaum wahrnehmbares Nicken des Einverständnisses zeigte.
„Du wirst mit den Kollegen heute nicht viel Glück haben. Genauso wenig verspreche ich mir Erfolg bei der Identifizierung des Toten. Fingerabdrücke können wir zwar durchlaufen lassen, aber was die Besitzverhältnisse bezüglich der Waldhütte angeht et cetera, müssen wir ebenfalls bis morgen warten, genau wie bei den genauen Ergebnissen der Spusi. Zurückverfolgung der elektronischen Geräte anhand der Seriennummern macht auch erst Sinn, wenn morgen die Geschäfte wieder geöffnet haben. Für die Überprüfung der Funkzellen im Bereich der Hütte brauchen wir einen Beschluss. Hans, das machst du morgen. Ich denke, was im Moment am produktivsten ist, wäre die Durchsicht der DVDs vom Tatort. Vielleicht können wir da etwas ermitteln, was uns weiterbringt.“
Er suchte den Augenkontakt mit jedem Einzelnen, und nachdem niemand eine Frage hatte, legte er seine Dokumente zurück in den Schnellhefter.
„Okay, wir können es uns leisten, jeweils zu zweit das Material zu sichten. Ich habe die Discs im Büro. Nico, holst du die Scheiben für Hans und dich dort ab? Sarah und ich übernehmen den Rest.“
Drei Minuten später saßen die beiden an Sarahs Schreibtisch. Thomas hatte seinen Bürostuhl um den Tisch herumgerollt und sich so positioniert, dass sie einen guten Blick auf den Computermonitor hatten. Er öffnete das DVD-Laufwerk des Desktops und legte die CD ein, die sich in der Hütte im Player befunden hatte. Noch bevor Sarah die Aufnahme startete, kam Nico Berner ins Büro. Ohne ein Wort zu sagen zeigte Thomas auf einen Stapel DVDs, die er auf seinem Schreibtisch für ihn bereitgestellt hatte.
„Schon was gesehen? Ist es übel?“, fragte er.
Sarah schüttelte den Kopf, während Thomas letzte Anweisungen zu den Beweisstücken gab.
„Schwerpunkt ist klar, denke ich. Screenshots von allem, was uns in irgendeiner noch so erdenklichen Form weiterbringt. Schatten oder Spiegelungen, die auf Anwesenheit einer zweiten Person hindeuten. Schrift oder Ton, die uns etwas über den Mann verraten. Ach, ihr wisst schon…“
Berner nickte.
„Natürlich!“, sagte er in neutralem Tonfall und verließ mit den DVDs das Büro.
Sarah startete den ersten Videoclip, der trotz der Dunkelheit in der Hütte eine erstaunlich gute Qualität aufwies. Sie sprang vorwärts, bis ungefähr zu der Stelle, an der sie des Nachts abgebrochen hatten. Auf dem Monitor konnten sie jetzt verfolgen, wie der Mann seine Maske abnahm, den Dolch mittig in den Gürtel des Gewands steckte und eine Schale nahm, die außerhalb des Bildausschnitts gestanden hatte. Erneut sprach er Verse auf Latein und Altgriechisch, hob die Schale mit ausgestreckten Armen nach oben, senkte sie bis auf Kniehöhe, bewegte sie nach rechts und nach links, bevor er sie wieder über den Kopf hob.
„Müssen wir das Kauderwelsch übersetzen, das er da von sich gibt?“, fragte Sarah.
„Was würdest du sagen?“, entgegnete Thomas.
„Von mir ein klares Nein“, antwortete sie. „Zumindest so lange nicht, bis sich eindeutig ermittlungsrelevante Gründe dafür ergeben.“
Thomas nickte nur.
„Gleiches gilt auch für die Choreografie. Wenn sich abzeichnet, dass wir es mit einer Gruppierung zu tun haben, könnte man das einem Anthropologen vorlegen, aber im Moment halte ich das für überflüssig“, fügte Sarah ihrem Statement noch hinzu.
„Sehr gut, so machen wir das.“ Thomas schien sehr zufrieden mit der Antwort.
Auch wenn sie und ihr Partner erst ein halbes Jahr zusammenarbeiteten sah Sarah die Fragen, die ihr Thomas hin und wieder stellte, nicht als Tests an, sondern eher als Aufforderung, ihre eigenen Ideen und Ansätze einzubringen. An Thomas‘ Reaktionen hatte sie bisher immer ablesen können, dass er ihr Feedback sehr schätzte und eine unterschiedliche Meinung in seine eigenen Überlegungen mit einbezog.
Auf dem Monitor hatte der Unbekannte mittlerweile sein Gebet beendet. Er tauchte Zeige- und Mittelfinger in die Schale und malte sich mit der roten Flüssigkeit, bei der es sich um Blut zu handeln schien, ein Kreuz auf die Stirn. Dann öffnete er die Kutte über der Brust und versah sein Sternum ebenfalls mit einem roten Kreuz. Als Letztes malte er das christliche Symbol auf seinen Mund, stellte die Schale außer Sichtweite, zog den Dolch aus dem Gürtel und hob ihn mit beiden Händen hoch, so als wollte er sich diesen gleich in den Unterleib rammen. Doch stattdessen senkte er die Arme, den Dolch in der Rechten, bis sie seitlich in der Waagrechten angekommen waren und er quasi die Position eines Gekreuzigten eingenommen hatte. Nach einem lauten, langen Schrei trat er rückwärts, bis er wieder in der Dunkelheit verschwand, danach brach der Clip ab.
„So“, sagte Thomas. „Was sollen wir von dieser kranken Scheiße denn halten?“
Er klickte auf die Eigenschaften der Dateien auf dem Datenträger.
„Diese Clips hat er alle gestern gemacht, als ihn später der plötzliche Tod durch seine Gefangene ereilte“, stellte Sarah fest. „Oder zumindest hat er sie an dem Tag auf DVD gebrannt. Aber das war am Nachmittag. Immerhin verrät uns das Video etwas. Erstens ist es nachbearbeitet. Denn wir sehen weder, wie er die Kamera startet, noch wie er sie wieder stoppt. Er hat also, vorausgesetzt er war allein, den Anfang und das Ende der Aufnahme nicht auf die DVD überspielt. Ich vermute, er empfand das als unpassend oder wider seines Sinns für Ästhetik.“
Sarah knetete nach ihrer Feststellung nachdenklich die Unterlippe.
„Und das Erscheinen und Verschwinden in der Dunkelheit muss er hinterher mittels eines Effekts eingefügt haben. Die Qualität der Kamera ist so gut, sie hätte selbst bei Kerzenlicht das andere Ende des Raumes aufgezeichnet. Wobei wir an einem Punkt sind, der uns ja gestern schon klar war: Die wirklich wichtigen und aktuellen Aufnahmen sind auf der Kamera. Ich frage mal nach, ob die von der Technik uns die Aufnahmen schon auf einen Stick gezogen haben. Ansonsten sollen sie uns die originale SD-Karte geben.“
Er griff zum Telefon und wählte die Nummer der Kriminaltechnik.
„Hallo Friedbert. Gestern Nacht wurde unter anderem eine Kamera sichergestellt. Habt ihr das Material, das dort drauf war, schon kopiert? ….ja, dir auch einen schönen Sonntag. Okay. Ja, ich warte.“
„Eins muss man wirklich zugeben“, stellte Sarah fest. „Die Arbeitsmoral hier ist wirklich bemerkenswert.“
„Vor dem Hintergrund, dass ihn seine Frau vor ein paar Wochen verlassen hat, kann man allerdings nachvollziehen, dass er sonntags im Büro oder Labor anzutreffen ist“, erklärte Thomas. „Und vergiss nicht, wir sind ja schließlich ebenfalls da.“
„Auch wieder richtig“, gab Sarah zu und verstummte, da Thomas auf den Hörer zeigte, um zu sagen, dass sich der Techniker wieder gemeldet hatte. Sie beugte sich vor und aktivierte kurzerhand den Lautsprecher.
„Hallo Herr Kollege, hier ist Sarah Hansen, Sie sind auf laut“, informierte sie den Kriminaltechniker.
„Hallo Frau Hansen. Ich habe mir gerade die SD-Karte geholt und schau mir den Inhalt auf meinem Laptop an. Moment. Ah, ja. Sind nur drei Files drauf. Ich lege sie euch mal auf den Server, dann könnt ihr sie abgreifen. Habt ihr ein Verzeichnis, wo sie hinsollen?“
Thomas nannte dem Kollegen einen Pfad.
„Okay. Das geht ne Minute oder zwei. Kann ich sonst noch was tun?“
Thomas sah Sarah an, die den Kopf schüttelte.
„Nein, das wars“, sagte er. „Danke dir und schönen Sonntag.“
Er legte den Hörer auf die Gabel.
„Ich bin gespannt, was darauf zu sehen ist“, sagte Sarah, während Thomas immer wieder die Ansicht aktualisierte, bis drei neue Dateien in dem von ihm benannten Ordner aufgetaucht waren.
„Die letzte Datei zuerst?“, fragte er.
Sarah nickte
„Na dann mal los!“
Wie zu erwarten war das Erste, das auf dem Bildschirm zu erkennen war, das unscharfe Gesicht des Unbekannten in Nahaufnahme, der ganz offensichtlich damit beschäftigt war, die Einstellungen der soeben eingeschalteten Kamera zu überprüfen. Nach einigen Sekunden verschwand er aus dem Bild, und noch während der Bildausschnitt von dem offenbar jetzt hinter der Kamera befindlichen Mann angepasst wurde, hatte man schon den Blick auf den furchteinflößenden Altar. Darauf befand sich das rothaarige Mädchen. Ihr Kopf war leicht zur Seite geneigt, so dass man ihr Gesicht erkennen konnte. Die Augen waren zwar nicht geschlossen, aber ihr Blick ging mit geweiteten Pupillen ins Leere. Offenbar stand sie unter dem Einfluss eines Betäubungsmittels oder einer anderen Droge und befand sich in einer Art Wachtrance. Die Lederriemen, auf denen ihre Hand- und Fußgelenke lagen, waren nicht zugezogen. Sie trug dasselbe weiße Gewand, in dem sie in der Nacht aufgegriffen wurde, nur war es zu diesem Zeitpunkt noch strahlend sauber. Im Hintergrund auf dem Highboard brannten etliche Kerzen unterschiedlicher Größe. Da das Gesicht und der Körper des Mädchens ebenfalls gut ausgeleuchtet erschienen, mussten sich auch diesseits des Altars neben der Kamera eine ganze Batterie von Kerzen befunden haben. Das leichte Flackern der Schatten auf der gegenüberliegenden Wand verriet, dass der Unbekannte auf eine Videoleuchte verzichtet hatte. Jetzt trat er ins Bild. Er trug dieselbe Kutte wie in dem Video auf der DVD und der Dolch steckte ebenfalls vorne im Gürtel. Er nahm eine Position hinter dem Altar ein und stand dort zunächst regungslos mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen.
„Hier wollte er später schneiden“, sagte Sarah.
Thomas nickte kaum merklich. Er blickte voll konzentriert auf den Monitor.
„Siehst du, dass sie nicht gefesselt ist? Die Gelenke liegen nur auf den Lederriemen“, sagte er. „Das erklärt, wie sie es überhaupt schaffen konnte, ihn während oder nach der Zeremonie anzugreifen.“
Er wandte die Aufmerksamkeit wieder dem Mann in der Kutte zu. Mit einem Mal kam Bewegung in die Szene. Der Unbekannte breitete die Arme aus und stimmte eine Art gregorianischen Gesang an, das Haupt hielt er immer noch gesenkt. Als er den Choral mit einem langen Diminuendo beendet hatte, trat er an das Ende des Opfertischs, nahm den Kopf des Mädchens in beide Hände, so dass seine Finger entlang der Wangen und die Handflächen über dem Kiefergelenk lagen. Obwohl die Szene wahrhaft gruselig war, und Sarah darum betete, dass die junge Frau nichts von alldem mitbekam, schien die Berührung sehr zärtlich, fast liebevoll zu sein. Behutsam dreht der Mann den Kopf der Rothaarigen, bis ihr Gesicht der Decke zugewandt war. Dann murmelte er erneut einige Verse, diesmal in Altgriechisch. Nachdem er verstummt war, legte er seine Stirn auf die des Mädchens und verharrte mindestens eine Minute. Schließlich gab er ihr einen sanften Kuss und nahm danach seine Position hinter dem Altar wieder ein. Abermals ertönte ein Gesang und Sarah fiel jetzt erst auf, dass der Mann über eine sehr schöne Stimme verfügte und die Töne treffsicher hervorbrachte. Als der Choral beendet war, zog der Unbekannte den Dolch und hielt ihn mit der stumpfen Seite der Klinge an den Hals seines Opfers. Er strich damit nach unten, über die linke Brust, den nackten Arm, zurück und über den Bauch in Richtung Schoß. Sarah hielt die Luft an, so sehr verinnerlichte sie, was sie vor sich sah. Es war faszinierend und unsäglich abstoßend zugleich, und als die Klinge in den Genitalbereich des Mädchens wanderte, hielt sie diese entsetzliche Spannung, die von ihr Besitz ergriffen hatte, schier nicht mehr aus! In ihr tobte der Kampf zwischen dem Wunsch, die Augen zu schließen oder das Video anzuhalten und dem Sog, der sie mitriss und dazu brachte, jedes noch so kleine Detail aufzunehmen, mit den Augen, mit den Fingern, die zu Fäusten verkrampft waren, mit der Luft, die sie atmete! Unfähig sich zu bewegen, unfähig wegzusehen verfolgte sie, wie der Priester, als den sie den Mann nun wahrnahm, mit dem Klingenrücken das Bein des Mädchens herunterfuhr, über den Rücken des nackten Fußes, zurück nach oben, nur um für einen Sekundenbruchteil im Schritt zu verweilen und im Anschluss das andere Bein hinunterzufahren. Das leise Murmeln des Mannes und die unerträglichen, mächtigen Bilder lösten fast einen Schwindel bei Sarah aus! Wie hypnotisiert verfolgte sie, wie das Messer das Bein wieder hinauf, über den Bauch, den Arm, die Brust und den Hals wanderte und er es schließlich mit der Spitze zum Kehlkopf weisend auf ihrem Brustbein ablegte. Er schwang die Kutte zurück, kletterte auf den Altar und setzte sich, fast wie zu einem Geschlechtsakt knapp unterhalb der Hüften auf das Mädchen. Als er die Kutte zurechtgezogen hatte, beugte er sich vor, nahm den Dolch und hob ihn weit nach oben, ging ins Hohlkreuz, schnellte nach vorne und ließ die Waffe auf das Mädchen niedersausen! Sarah zuckte nicht einmal mit den Wimpern, als das Messer mit einem dumpfen Geräusch in das Holz des Altars schlug – knapp neben dem Hals der Rothaarigen! Der Priester schrie laut, legte seinen Kopf auf der Brust des Mädchens ab und verharrte mehrere Minuten. Schließlich richtete er sich auf, schlug die Kapuze nach hinten und kletterte von dem Altar. Ohne jeglichen Pathos steuerte er die Kamera an und streckte den Arm aus. Unmittelbar danach wurde das Bild schwarz und das Video war zu Ende.
Sarah schnappte nach Luft! Hatte sie die ganze Zeit den Atem angehalten? Erst mit dem einströmenden Sauerstoff nahm sie den Rahmen des Bildschirms wieder wahr, weitete sich ihr Sichtfeld und sie sah den Schreibtisch, das Fenster, ihre Hände mit den Abdrücken ihrer Fingernägel, Thomas, der unbeweglich neben ihr saß. Wie konnte es sein, dass diese schrecklichen Bilder sie derart in den Bann gezogen hatten? Sie blickte zu ihrem Partner. Auch er atmete sehr tief und schien dem eben gesehenen nachzuhängen. Immer wieder schloss er die Augen und schüttelte ganz leicht den Kopf. Nach einer Weile sah er sie mit festem Blick an. Er war in der Realität angekommen.
„Ich kann es nicht glauben“, sagte er, doch Sarah wusste nicht, was er meinte: die grausamen, grotesken Bilder, oder aber seine Reaktion darauf. Hatte er die Szene genau so erlebt wie sie? Voller Emotionen, Neugier, Faszination? Verspürte er in diesem Moment dieselbe Scham, weil er, wie sie, dem Schauspiel fast lüstern gefolgt war? Sie vermochte es nicht zu beurteilen.
„Ich brauche eine Pause und etwas Ablenkung“, brach er nach einer gefühlten Ewigkeit das Schweigen.
„Ich bin zu einhundert Prozent bei dir“, befürwortete sie dankbar den Vorschlag.
Thomas erhob sich und nahm seinen Anorak von der Stuhllehne.
„Einmal um den Block?“, fragte er.
Sarah nickte, nahm ihrerseits ihre Jacke von dem Garderobenständer und folgte ihrem Partner auf den Flur. Den Weg zum Aufzug und die Fahrt ins Erdgeschoss brachten sie schweigend hinter sich, auch als sie nebeneinander bis zum Haupteingang gingen, sagte keiner ein Wort. Erst als sie durch die Glastür in die strenge Kälte getreten waren, begann Sarah ein Gespräch.
„Ich weiß nicht, wie es dir ergangen ist, aber das, was dieser Mann in der Kutte in dem Video veranstaltet hat, ist widerlich pervers.“
Sie zog die fellbesetzte Kapuze enger.
Thomas sah sie von der Seite an und meinte dann:
„Ja, das war abscheulich. Aber du hast doch bei deinem letzten Fall in Husum auch Schreckliches gesehen? Und das sogar in Realität und nicht auf Video?“
Sarah hatte sich schon gedacht, dass er, bevor sie vor einem halben Jahr nach Freiburg wechselte, genau studiert hatte, was sie zuvor im Norden gemacht hatte. Folglich waren ihm die Details ihres letzten Falls bestens bekannt.
„Ja, allerdings habe ich da ja lediglich die Bilder der Leichen gesehen, und nicht live mitverfolgen können, wie der Täter seinen Opfern diese schrecklichen Dinge angetan hat.“
„Nun, zu dem Mord ist es diesmal Gott sei Dank nicht gekommen“, sagte Thomas. „Aber du hast Recht, ich habe mir die ganze Zeit über verschiedene Fragen gestellt: Was geht in diesem Kopf vor? Was hat das Mädchen mitbekommen? Was nimmt er noch für Handlungen vor, vor allem auch sexueller Natur? Schließlich kann bei solchen Opferungen die Sexualität eine entscheidende Rolle einnehmen. Immerhin wissen wir, dass das Mädchen nicht oder zumindest nicht im Sinne der ursprünglichen Definition missbraucht wurde. Trotzdem hat mich die Art, wie er den Dolch geführt hat, an pervers-sexuelle Handlungen erinnert.“
Sarah hob den Blick und sah in Thomas‘ sorgenvolles, nachdenkliches Gesicht.
„Du hast dir auch ausgemalt, was passiert wäre, wenn es sich nicht um eine Art Übung gehandelt hätte, sondern die tatsächliche Opferungszeremonie?“
„Allerdings“, antwortete er. „Stell dir vor, er hätte all die Bewegungen mit der scharfen Seite des Messers vollführt. Nicht nur, dass er Arme, Beine, Hände und Füße geritzt hätte. Möglicherweise hätte er auch gezielt Verstümmelungen vorgenommen. Nach diesem Video mag ich mir nicht im Ansatz vorstellen, vor welch schrecklichen Taten das arme Mädchen sich selbst gerettet hat. Ich habe nämlich eine Befürchtung.“
„Und die wäre?“, fragte Sarah, da Thomas nicht von sich aus fortfuhr.
„Das Mädchen war nicht festgeschnallt, sondern betäubt. Wir wissen, dass er die Opferung sozusagen im Leerlauf durchgespielt hat. Ich befürchte, dass er bei dem finalen Akt auf eine Betäubung verzichtet und sie stattdessen mit den Lederriemen fixiert hätte. Immerhin, so die Fachliteratur, zieht ein sadistisch veranlagter Täter einen sehr großen Teil seines Thrills und seiner Befriedigung aus der Reaktion des Opfers. Die Todesangst in den Augen, das Schreien…“
Sarah schüttelte sich, ihr war ein Schauer übergelaufen.
„Und Gott sei Dank ist ihr die Flucht so rechtzeitig gelungen, dass er sie noch nicht hatte verletzen können.“
Thomas nickte.
„Und wir können einigermaßen sicher sein, dass wir das Schlimmste schon gesehen haben. Egal, was auf den zwei anderen Videos zu sehen ist, er wird ihr nichts angetan haben. Also rein physisch, meine ich. Wobei ich mich wirklich frage, wieso ihr Angriff auf ihn und die anschließende Flucht nicht zu sehen war. Es war das letzte Video auf der Kamera.“
„Vielleicht hat er nochmal geübt und dabei vergessen, die Kamera einzuschalten?“, mutmaßte Sarah.
„Das scheint mir im Moment die einzig logische Erklärung zu sein“, pflichtete Thomas ihr bei. „Komm, lass uns an der Tankstelle einen Snack holen und dann die Videos weiter durchsehen. Ich bin froh, wenn wir das hinter uns haben.“
„Herein, herein“, empfing Dr. Schwarz Sarah und Thomas an seiner Bürotür, hielt diese offen und wies mit der anderen Hand auf die Ledersessel vor seinem Schreibtisch. „Ich dachte mir schon irgendwie, dass Sie heute bei mir vorbeischauen würden. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee, Tee? Ein bisschen was Stärkeres, bevor wir in den Obduktionsraum gehen?“
„Kaffee“, brummte Thomas, während Sarah im Anschluss höflich um einen Tee bat. Die Polizisten setzten sich, Schwarz hob den Hörer vom Apparat, bestellte bei seiner Sekretärin zwei Kaffee und – nachdem er sich bei Sarah erkundigt hatte – einen Roibush-Vanille-Tee. Dann umrundete er den Schreibtisch und nahm ebenfalls Platz.
„Sie hatten ja sicher eine ähnlich kurze Nacht wie ich, deswegen verstehen Sie bestimmt“, sein Blick blieb auf Thomas haften, „dass ich den übel zugerichteten Herrn, den Sie gestern aufgetan haben, noch nicht unters Messer genommen habe. Doch wie ich Sie kenne, wollen Sie ohnehin erst einmal über das Mädchen sprechen, habe ich Recht?“
„Da liegt unser Fokus, genau“, antwortete Sarahs Partner. „Dass das Mädchen sich in der Gewalt des Toten befunden haben muss, ist durch die Indizien hinreichend, durch die Blutanalysen und DNA-Vergleiche eindeutig belegt. Wir haben eine einigermaßen genaue Vorstellung, was gestern Abend passiert ist und gehen auch davon aus, dass sie es war, die ihren Peiniger in Notwehr getötet hat. Hier können Sie uns vielleicht später Gewissheit verschaffen. Wir haben die Waffe, die das Mädchen bei sich führte, mitgebracht.“
„Fall gelöst!“, witzelte Schwarz, stand auf, ging zu dem Buffet, das rechts von seinem Schreibtisch stand und kam mit einer Flasche Dalwhinnie und drei Nosing-Gläsern zurück.
„Auch ein Schlückchen?“, bot er an und reichte, während Thomas angewidert das Gesicht verzog, Sarah den Whisky, die das Etikett neugierig begutachtete. Schwarz freute sich wie ein kleines Kind, als sie nickte und mit zwei Fingern andeutete, dass der Dram aber klein ausfallen sollte.
Schwarz goss ein, verstöpselte den Single Malt und stellte die Flasche zurück. Natürlich war dem Rechtsmediziner klar, dass die Ermittlungen jetzt erst so richtig anliefen und zunächst vordringlich die Identität des unbekannten Mädchens geklärt und das gesamte Umfeld der Ereignisse aufgedeckt werden musste.
„Ich habe gehört, dass Sie Satanisten hinter der Entführung und Beinahe-Opferung vermuten“, warf er deswegen ein. „Haben Sie da schon konkrete Anhaltspunkte?“
Er hob sein Glas an die Nase, um die Düfte, die dem Trinkgefäß entströmten, einzufangen und beobachtete, wie Sarah ihrerseits etwas schüchterner an dem Whisky schnüffelte und dann vorsichtig probierte.
„Ihr erstes Mal? Dafür ist dieser Highland Malt genau das Richtige, er…“
„Ich möchte Sie nur ungern unterbrechen“, grätschte Thomas hinein, der offensichtlich einem ausschweifenden Vortrag über das schottische Nationalgetränk Einhalt gebieten wollte. „Aber Sie fragten gerade nach Anhaltspunkten. Hier sind welche.“
Er reichte dem Rechtsmediziner ein Tablet über den Tisch.
„Nach links wischen.“
Schwarz nahm das Gerät entgegen, setzte sein Glas ab und begann, die Tatortfotos zu studieren. Während er damit beschäftigt war, öffnete sich die Tür und die Sekretärin trat ein, stellte ein Tablett mit Kaffee und Tee sowie einigen Plätzchen auf den Tisch und huschte, ohne ein Wort zu sagen, wieder aus dem Büro.
„Und? Interessant, oder?“, fragte Sarah nach einer Weile der Stille.
„Dasselbe wollte ich Sie in Bezug auf den Dalwhinnie auch gerade fragen“, entgegnete Schwarz. „Aber das hat Zeit. Lassen Sie mich eins vorwegschicken: Wenn Sie eine Abteilung für Okkultismus, Esoterik oder was Ähnliches haben, brauchen Sie diese nicht zu bemühen.“
„Nein?“, fragte Sarah erstaunt.
„Nein. Sie wissen das nicht, aber ich verfüge nicht nur über das Medizinstudium und den Facharzt für Rechtsmedizin, sondern habe mich im Rahmen meines Ethnologiestudiums auch mit Religionen, Okkultismus, Riten und Ritualen beschäftigt. Und das, was Sie mir gerade zeigen ist, Sie verzeihen den Ausdruck, ziemlicher Bullshit.“
„Sie sehen darin keine Sekte oder einen Teufelskreis oder so etwas?“, hakte Thomas ein.
„Nein!“, sagte Schwarz bestimmt. „Ich sehe eine Mischung aus sehr verschiedenen okkulten Strömungen. Da haben wir Zeremoniengegenstände aus dem Voodoo, Bilder, die dem Satanismus entspringen, sowie Anleihen aus der ägyptischen Mythologie um Thot. Und die Zeichen des keltischen Okkultismus haben in dem Pentagramm weiß Gott nichts zu suchen!“
„Und daraus schließen Sie was genau?“, fragte Sarah.
„Das ist keine Sekte oder ernst zu nehmende okkulte Gesellschaft, die die Hütte so eingerichtet hat. Das ist jemand oder sind mehrere, die meinen, sie seien Teil eines mystischen Ordens, Erben einer Bestimmung oder so etwas. Oder jemand, der den parapsychologischen oder esoterischen Geschichten einfach nur verfallen ist und seinen Fantasien materiellen Ausdruck verleihen will. Dabei hat er so ziemlich aus jeder Zivilisation alles zusammengetragen, das in irgendeiner Weise eine Verbindung zum Übernatürlichen mit sich bringt. Aber einem Geheimbund sind Sie definitiv nicht auf die Spur gekommen. Auch keiner Gruppierung, die es mit ihrer, nennen wir es Neigung zum Okkulten, wirklich ernst meint. Das hier sind eher ein paar durchgeknallte Spinner, die absolut keine Ahnung von dem haben, was sie tun.“
„Irgendwie erleichtert mich das“, entfuhr es Sarah, als sie sich in dem Sessel zurücklehnte. „Denn wenn wir es mit einer professionellen Gruppierung zu tun hätten, wäre es für uns deutlich schwieriger, zu ermitteln. Ganz zu schweigen von der Gefahr, die davon ausgehen könnte. Vielleicht war es nur ein Einzeltäter, den unsere mutige kleine Dame ins Jenseits hat schicken können.“
„Das wird sich ja dann herausstellen.“
Der Unterton in Thomas‘ Reaktion war eher skeptisch.
„Aber da wir beim Thema sind, Dr. Schwarz, was können Sie uns über das Mädchen berichten?“
Sachlich und detailliert informierte der Rechtsmediziner die beiden Polizisten über die Stunden mit Dr. Wiese und die Ergebnisse, zu denen ihre Untersuchungen geführt hatten.
„Das ist der Stand dieser Nacht, heute habe ich noch nichts Neues gehört“, schloss er den Vortrag.
„In Ordnung, um das Mädchen kümmern wir uns im Anschluss. Wir haben schon Nachricht von Frau Dr. Wiese, die Nacht ist wohl friedlich verlaufen. Was für ein tapferes, kleines Ding. Unglaublich, dass sie es trotz Betäubung geschafft hat, sich gegen ihren Entführer zu wehren. Wir haben schon vermutet, dass er sie vielleicht bei Bewusstsein, nennen wir es beim Wort, opfern wollte und sie deswegen dazu in der Lage war.“
Seit Sarah gehört hatte, dass keinerlei sexuelle Handlungen an dem Kind vorgenommen worden waren, und sie auch keine sonstigen Verletzungen aufwies, war sie deutlich redefreudiger geworden.
„Nun, was den Angriff auf ihren Entführer anging, habe ich eine eigene Theorie. Nein, Erklärung. Ich bin mir sicher, dass es sich so verhält.“
„Und das wäre?“, wollte Thomas wissen.
„Ich gehe einfach einmal davon aus, dass der Tote im Keller kein Anästhesist gewesen ist, sondern als Laie versucht hat, sein Opfer mit einem entsprechenden Medikament zu sedieren oder ganz zu betäuben. Da er unerfahren ist, und er seine Gefangene zumindest für eine gewisse Zeit am Leben halten will, ist er mit der Dosierung, die er angewendet hat, sehr vorsichtig gewesen.“
„Und Sie glauben, dass er übervorsichtig war, und deswegen das Mittel nicht in ausreichender Menge verabreicht hat?“, unterbrach Sarah Schwarz.
„Nicht ganz“, lächelte dieser. „Unter normalen Umständen hätte die Dosierung vielleicht gepasst. Aber was er sicher nicht wusste, ist der Umstand, dass man bei rothaarigen Menschen bis zu zwanzig Prozent mehr Anästhetikum verabreichen muss, um sie in Morpheus` Schoß zu schicken. Das würde meiner Meinung nach erklären, warum sie fit genug war, ihn mit dem Messer zu attackieren. Und der darauffolgende Adrenalinschock hat dafür gesorgt, dass sie den Weg durch den Wald überlebt hat.“
„Wollen Sie uns veräppeln?“, schoss es ungefiltert aus Sarah heraus. „Rothaarige brauchen mehr Narkosemittel?“
Das Grinsen in Thomas` Gesicht und das verschmitzte Kräuseln der Lippen seitens Schwarz machten Sarah ihren Fauxpas bewusst.
„Entschuldigung“, stammelte sie. „Ich wollte nicht…also keineswegs war es meine Absicht…“
Schwarz schob anstatt einer Antwort die Whiskyflasche über den Tisch.
„Nehmen Sie sich noch einen“, forderte er Sarah auf, und es fiel ihm sichtlich schwer, einen Lachanfall zu unterdrücken. Zwar hatte Sarah sofort begriffen, dass sie dem Rechtsmediziner keinesfalls auf den Schlips getreten war. Bezüglich des Wahrheitsgehalts seiner Aussage war sie aber immer noch nicht überzeugt, ob er ihr einen Bären aufbinden wollte. Schwarz schien ihre Gedanken zu lesen.
„Ja, meine liebe Frau Hansen, das ist wirklich so. Dabei führt eine Mutation auf Chromosom 16 zur Veränderung des Melanocortinrezeptors. Der Rezeptor wird blockiert und das hat zwei Auswirkungen: Erstens, das Pigment Phäomelanin, das zur roten Färbung der Haare führt, wird vermehrt hergestellt. Zweitens, durch die Blockade kann Melanocortin nicht mehr an dem spezifischen Rezeptor andocken und deswegen seine schmerzreduzierende Wirkung nur zum Teil entfalten. Witzig, oder?“
„Ja, tatsächlich witzig“, antwortete Sarah und schob den Dalwhinnie erleichtert zurück.
Kapitel VI
Stefan Wellner stand am Fenster und folgte mit seinen Blicken den Flocken, die im Wind umherstieben, um nach etlichen Kapriolen zu ihresgleichen auf den Boden zu fallen und die dichte, weiße Pracht um ein weiteres winziges Stückchen anwachsen zu lassen. Während er an seiner Богатыри sog und den Rauch mit viel Luft inhalierte, schweifte sein Blick über die friedliche, fast märchenhaft anmutende Parkanlage des Anwesens. Der mittlerweile sicher einen Dreiviertelmeter hoch liegende Schnee verwischte die Konturen der Beete, Sträucher, Bänke und Wege, so dass nicht zu erkennen war, wie verwahrlost sich der riesige Garten tatsächlich darstellte. Die Besitzer des Schlösschens, Wellners Arbeits- und Auftraggeber, hatten kein Interesse daran, ihren Besitz in das preziöse Kleinod zu verwandeln, das es mit ein wenig Aufwand wieder hätte werden können. Eigentlich eine Schande, dachte Wellner, denn er hatte etwas übrig für malerische Plätze. Und man musste weiß Gott kein Fachmann sein, um das Potential dieses abgelegenen Orts zu erkennen. Die Frage, warum eine solche Anlage zehn Kilometer von der nächsten Behausung inmitten der fast mystischen Tannenhaine des Schwarzwalds errichtet worden war, hatte ihn beschäftigt, aber nicht so sehr, als dass er sich die Mühe gemacht hätte, einmal etwas über die Geschichte des Hauses zu googeln. Darüber, warum es perfekt geeignet für die Machenschaften seiner Bosse war, brauchte er nicht lange zu sinnieren. Sein Blick blieb an dem Mercedes G hängen, den er am Vorabend mühsam vom Schnee befreit hatte. Noch war er gut zu erkennen, sollte es aber so weiterschneien, würde es abermals sehr viel Mühe kosten, ihn wieder freizuräumen, ganz zu schweigen von der Auffahrt, die er dank der extremen Offroad Eigenschaften des Gefährtes hatte benutzen können, ohne zuvor die motorgetriebene Schneefräse einsetzen zu müssen. Am besten war es, er überwand seine Unlust, das Haus zu verlassen und machte sich die Mühe, den Mercedes in eine der zahlreichen Garagen zu stellen. Lieber jetzt noch einmal raus in die Kälte und am nächsten Tag ein schneefreies Fahrzeug vorfinden, als in Herrgottsfrühe das Auto auszugraben. Immerhin wurde die Verbindungsstraße regelmäßig geräumt, aber die gut anderthalb Kilometer bis dahin vom Schnee zu befreien, stellte einen nicht zu unterschätzenden Aufwand dar. Die Vorstellung, bei diesem Wetter mehrere Stunden hinter der Fräse herzugehen, nur um das möglicherweise drei Tage später erneut tun zu müssen, missfiel Wellner sehr. Er hatte sogar überlegt, zu einem Baumarkt zu fahren, um den G mit einer Art Sperrholzpflug auszustatten und zweimal am Tag den Weg bis zur Landstraße abzufahren. Aber dies wiederum hätte ein deutlich ausgeprägteres Geschick erfordert als jenes, über das er selbst verfügte, und so hatte er den Gedanken schnell ad acta gelegt.
Ein Holzscheit, der hinter ihm im Kachelofen lautstark knackte, lenkte seine Aufmerksamkeit weg von der winterlichen Landschaft draußen zurück in den Raum, in dem er sich befand. Er trat neben seinen massigen Hochlehner und drückte den Stummel seiner russischen Zigarette in einem Messingascher aus. Dann nahm er sich den Stapel an Reisepässen, der auf dem riesigen Eichenschreibtisch lag, setzte sich in den thronartigen, reich verzierten Stuhl und begutachtete das oberste der Dokumente.
Maria Palijewa, siebzehn Jahre alt. Geboren in Boriwske, Ukraine. Haare mittelblond, Augen blau, Größe 1,69 m.
Das Bild in dem Pass zeigte ein etwa fünfzehnjähriges, auffallend hübsches Mädchen, das unbekümmert in die Linse der Kamera lächelte. Vor seinem inneren Auge sah Wellner die junge Frau, die gemeinsam mit den anderen zwei Ukrainerinnen zwei Stockwerke über ihm in der „Wohnung“ eingesperrt war. Die ungefähr zwei Jahre, die seit Aufnahme des Fotos im Ausweis vergangen waren, hatten Maria reifen lassen, ohne sie ihrer natürlichen Schönheit zu berauben - im Gegenteil!
Wellner atmete tief durch, legte den Pass beiseite und blätterte in dem nächsten.
Daria Kowalewa, dreiundzwanzig. Haarfarbe braun, Augen braun, Größe 1,73. Ebenfalls aus einem Ort in der Ukraine, von dem er nie gehört hatte: Tschuhujiw, etwa vierzig Kilometer südöstlich von Charkiw. Und auch sie ein echter Hingucker, aber das waren sie schließlich alle. Zumindest diejenigen, die seine Bosse als „im fickbaren Alter“ bezeichneten. Dies galt nach Wellners Maßstäben allerdings für das nächste Mädchen nicht:
Tiana Vasileva, dreizehn Jahre alt, Haarfarbe rot, Augenfarbe grün, 1,53. Geboren in Targowischte, Bulgarien. Zu sehr Kind, als dass man von sexueller Attraktivität sprechen könnte. Aber nicht unansehnlich. Und Wellner wusste, dass sie ihrer Haarfarbe wegen eine „Bestellung“ war und der Kunde auch nicht vorhatte, sie wegen sexueller Dienstleistung zu ordern. Oder zumindest nicht ausschließlich. Sein Vorhaben war wohl weitaus perverser, denn er hatte den Full Service gebucht. Dies bedeutete, dass er sie zu gegebener Zeit zurückgeben würde, ohne dass ihr Zustand dabei eine Rolle spielte. Wellner war lange genug im Geschäft, um nahezu vollkommen abgehärtet zu sein, doch in ihrem Fall hatte er einen leichten Kloß im Hals, denn er wusste, dass er das Mädchen vermutlich endgültig entsorgen musste…wie schon so manche junge Frau zuvor.
Nermina Suthampong, die kleine Thai aus Pattaya blickte ihm aus dem nächsten Dokument entgegen, einundzwanzig Jahre jung, 1,56 groß, Haare schwarz, Augen dunkelbraun. Sie war wohl das Mädchen, in das sich Wellner verliebt hätte, wäre sie nicht Ware seiner Auftraggeber gewesen. Die siebenundzwanzig Jahre Altersunterschied hätten ihm nun wirklich nichts ausgemacht! Er warf die restlichen fünf Reisepässe auf den Tisch vor sich, griff zu der Flasche Mineralwasser, schenkte sich ein Glas ein und leerte es in einem Zug.
Wellner wandte seine Aufmerksamkeit einem Stapel anderer Dokumente zu. Dass er Importware entgegennahm, versorgte und bei Laune hielt, um sie bei Abruf weiterzuschleusen, war seinerzeit der Bestandteil der geschäftlichen Abmachung gewesen. Eine Abmachung, die ihm aufgezwungen wurde, nachdem er bei den falschen Leuten Schulden gemacht hatte. Das Modell habe bereits Schule gemacht, er könne durch seine Arbeit den erheblichen Geldbetrag, mit dem er bei den Männern aus Russland in der Kreide stand, recht schnell abarbeiten, sozusagen als eine Art Franchisenehmer. Widerwillig, aber ohne erkennbare Alternative hatte er angefangen, zumeist einzelne junge Frauen bei sich aufzunehmen. In der Regel blieben sie nur einige Tage, bis sie von ebenso unangenehmen Männern wieder abgeholt wurden, wie die, die sie zuvor bei ihm abgeliefert hatten. Nicht nur die Schuldenlast konnte er so bedienen, er bekam auch Spesen, die ihm erlaubten, sein bescheidenes Leben zu finanzieren. Mit der Zeit schien das Geschäft zu expandieren: Die Lieferungen kamen regelmäßiger und öfter. Die Männer waren nach und nach besser gekleidet, und die Fahrzeuge, mit denen die Mädchen gebracht wurden, sahen teurer aus. Als zum ersten Mal zwei junge Damen gleichzeitig bei ihm abgeliefert wurden, hatte er sich getraut, nachzufragen, wann denn seine Schuldigkeit getan sei. Mehr aus Neugier, denn er hatte bereits zuvor darüber nachgedacht, was er wohl tun möge, wenn das auch für ihn immer einträglichere Geschäft eines Tages ein Ende haben würde. Seine Gläubiger hatten dies wohl in den falschen Hals bekommen, denn tags darauf tauchten wieder zwei von den unangenehmeren Typen bei ihm auf und machten ihm klar, dass es vollkommen unerheblich war, ob er noch etwas schuldig sei oder nicht. Er sei mittlerweile Teil der Familie, семья́, wie ihn der Schläger wissen ließ, und als ob ihre physische Präsenz nicht genug Nachdruck verlieh, zog er auch noch zwei Fotos aus der Tasche. Auf dem einen war Wellner mit einer seiner jungen Gäste zu sehen, wie sie zusammen einen Einkaufswagen schoben. Sofia, er erinnerte sich gut an sie. Auf dem zweiten Bild war sie nur schwer zu erkennen und Wellner hatte Mühe gehabt, sie überhaupt zu identifizieren, so übel zugerichtet war sie.
„Sie war erst fünfzehn und wird aussagen, du seist das gewesen, und zwar als du sie zum Sex gezwungen hast“, hatte der Mann ihm mitgeteilt, und auf seinem Sackgesicht, so wie Wellner es beschreiben würde, hatte sich ein breites Grinsen breitgemacht.
„Und außerdem, was willst du, Towarischtsch? Du verdienst doch gut Geld damit, oder?“
Der Gedanke an den darauffolgenden Schlag auf seine Schulter ließ ihn heute noch zusammenzucken. Nicht auszudenken, wenn ihn das Sackgesicht mit seinen kochtopfgroßen Fäusten aufgemischt hätte. Natürlich hatte Wellner seine weitere Mitarbeit versichert und das nicht nur wegen der unverhohlenen Drohungen. Er hatte schließlich längst begriffen, dass er sich des Menschenhandels strafbar gemacht hatte und außerdem war seine Tätigkeit tatsächlich mittlerweile sehr einträglich. Trotzdem musste er sich eingestehen, dass er seinerzeit ziemlich cleveren Geschäftsleuten auf den Leim gegangen war, die genau wussten, was sie taten und welche Knöpfe sie drücken mussten.
Als sie schließlich nach etwa acht Jahren die Tätigkeiten in das Schlösschen verlegten, hatte er praktisch immer mindestens drei Mädchen zu betreuen, die mitunter auch mehrere Wochen in dem Anwesen verbrachten. Zu diesem Zeitpunkt begannen auch die Partys, bei denen in unregelmäßigen Abständen offensichtlich sehr gut betuchte Gäste auf das Schloss kamen und ein Wochenende lang ihre sexuellen Fantasien ausleben konnten. Nur wenige Monate nachdem Wellners Arbeit in das Schloss verlegt worden war, wurde ihm zum ersten Mal die Aufgabe zuteil, eine junge Frau, die kurz zuvor aus seiner Obhut abgeholt worden war, verschwinden zu lassen. Ein Betriebsunfall, hatte man ihm gesagt, doch da es nicht bei dieser einen bleiben sollte, wurde ihm schnell klar, dass seine семья́ ihr Angebot erweitert hatte und nun die abscheulichsten, perversesten Bedürfnisse ihrer Klientel bediente. Die Bezeichnung full service hatte sich bei der Besprechung in sein Hirn gefressen, bei der er zwei Mitglieder aus der Führungsriege kennenlernte. Einen smarten Businessman, der rein äußerlich eher ein Oligarch zu sein schien als ein Mitglied der russischen Mafia. Und eine ebenso wirkende Russin, atemberaubend schön, vielleicht Mitte dreißig, die so eiskalt über Ware, Termine und Service sprach, dass es selbst den mittlerweile abgebrühten Wellner anekelte und er sich fragte, wie eine Frau derartig grauenvolle Taten an anderen Frauen nicht nur zulassen, sondern sogar organisieren konnte. Zu diesem Zeitpunkt war er so tief verstrickt in die Machenschaften und verdiente so viel Geld, dass an ein Aufhören nicht mehr zu denken war – selbst wenn sich dann und wann der zarte, schwer zu hörende Ruf eines noch rudimentär vorhandenen Gewissens bei ihm regte.
Der Ordner, den er jetzt aufgeschlagen vor sich gelegt hatte, stand für eine zweite Änderung in dem geschäftlichen Gebaren. Waren in den ersten Jahren nur Frauen aus dem Osten hergebracht worden, gelegentlich auch aus asiatischen Ländern, wurden seit geraumer Zeit zusätzlich Mädchen und Jungen in dem Anwesen untergebracht, die aus mittel- und westeuropäischen Staaten stammten und nach der hiesigen Zwischenstation ihren Weg in andere Länder nahmen, vorwiegend in den Nahen Osten, aber auch nach Russland und Nordamerika. Die Anzahl der Bestellungen gezielter Phänotypen war im Laufe der Zeit deutlich gestiegen. Und um genau solch eine Bestellung handelte es sich bei dem Ordner, dessen Inhalt er jetzt vor sich ausbreitete. Genauer gesagt war diese Akte schon weit in der Bearbeitung vorangekommen, denn einer der Beschaffer hatte bereits ein Opfer ausgespäht, das den Kriterien entsprach. Die Beschaffer waren Männer und Frauen, deren echte Namen nur Wellner kannte. Die Kommunikation lief über Prepaidhandys, die nach jedem Einsatz vernichtet wurden, und zu Gesicht bekam er sie nur bei der Übergabe von Unterlagen oder der Ware. Diese Übergaben fanden an unterschiedlichen Treffpunkten statt und Wellner wusste, dass die Beschaffer keine Ahnung von der Existenz dieses Anwesens hatten. Genausowenig wie die Schleuser, die die Mädchen oder – wie in diesem Fall – Jungs, an anderer Stelle entgegennahmen, um sie ihrem Ziel näher zu bringen. Näher bringen deshalb, weil auf dieser Reise mindestens zweimal eine Übergabe stattfand. Wellner hatte sich seinerzeit überlegt, warum dieses Risiko eingegangen wurde, doch irgendwann hatten es ihm seine Chefs erklärt: Zum einen wurde dadurch deutlich erschwert, dass nach einer Verhaftung am unteren Ende des Netzwerks die Verbindungen zu den Köpfen und Auftraggebern verfolgt werden konnte. Zum anderen solle erreicht werden, dass jeder Mitarbeiter auf genau seinem Gebiet spezialisiert ist – was die genaue Ortskenntnis mit einbezog. So kannte jeder Einzelne Risiken und Vorteile bestimmter Streckenabschnitte und konnte gegebenenfalls schnell über Alternativrouten entscheiden. Diese Erklärungen leuchteten Wellner immer noch ein. Aber auch horizontal war das Netz vor Aufdeckung bestens abgesichert, so musste er selbst dafür sorgen, dass die Beschaffer, die sich untereinander nicht kannten, niemals treffen durften. Die Prepaid Handys, die er stets zugeschickt bekam, durften auf keinen Fall in dem Schlösschen und im Umkreis von dreißig Kilometern eingeschaltet werden. Sollte einmal ein Handy in die Hände der Ermittlungsbehörden fallen, war so sichergestellt, dass eine nachträgliche Auswertung der Verbindungen und der Funkzellen nicht in die Nähe des Hauses führen würde. Überhaupt war er verpflichtet, für die mobile Kommunikation jedes Mal unterschied-liche Stellen aufzusuchen, was einen erheblichen Fahrauf-wand bedeutete. Aber so konnte man die Polizei im Fall der Fälle zuverlässig vom Verteilerzentrum, wie er seinen Wirkungsbereich nannte, fernzuhalten. Das Anwesen und seine Person stellten natürlich grundsätzlich einen sehr sensiblen Knoten dar, deswegen waren die Versicherungen seine Loyalität betreffend auch entsprechend scharf gewählt.
Die Bilder des Jungen, die er vor sich ausgebreitet hatte, zeigten ein etwa zwölfjähriges Kind mit strohblonden Haaren und riesigen, auffallend blauen Augen. Die Fotos, offensichtlich mit einem starken Teleobjektiv aufgenommen, ließen erkennen, dass der Junge von zarter Statur war, was sich auch in den feinen Gesichtszügen widerspiegelte. Es musste wohl die androgyne Ausstrahlung sein, die den Auftraggeber ansprach, vermutete Wellner, der wusste, dass dieser Junge für einen Kunden aus Saudi Arabien ausgesucht worden war. Wellner langte in die Brusttasche seines Hemdes, fischte die Packung Богатыри heraus und zündete sich eine der Zigaretten an. Packung und Benzinfeuerzeug warf er auf den Tisch. Innerhalb der nächsten zwei, drei Tage sollte Juri des Jungen habhaft werden, dann würden sie sich auf einer abseits gelegenen Straße weitab einer Behausung treffen und die Übergabe veranstalten. Das Prepaid Handy hatte er bereitgelegt. Um sechzehn Uhr war eines der Zeitfenster, um mit Juri Kontakt aufzunehmen. Sollte er dies nützen, würde er das Mobiltelefon irgendwo auf einem Parkplatz im Südschwarzwald einschalten und fragen, ob Juri schon bereit sei, die Ware zu übergeben. Bewusst hatte man einfachste Seniorenhandys gewählt, die weder über GPS verfügten noch in der Lage waren, über Schnickschnack wie Skype, Massenger oder WhatsApp zu kommunizieren. Wellner trat wieder ans Fenster. Vor seinem inneren Auge sah er sich mit Schneeschaufel und Sandblechen bewaffnet Wege ebnen, um mit dem Wagen eine Stelle im Nirgendwo aufzusuchen, nur damit er das Telefonat führen konnte. Missmutig blickte er auf das Handy. Hier würde er es gemäß den Anweisungen keinesfalls einschalten! Aber sein Entschluss stand fest. Er würde heute keinesfalls mehr das Haus verlassen. Der nächste Termin für ein Telefonat wäre übermorgen. Früh genug, um nachzufragen, wann er mit der Übergabe rechnen konnte! Also legte er das Handy zurück auf den Schreibtisch.
Stattdessen nahm er sich aus dem Stapel der Reispässe den thailändischen, klappte ihn auf und betrachtete Nerminas Bild. Mit dem Finger strich er über die Wange und den Mund und begann unwillkürlich, tiefer zu atmen. Und als sich unterhalb seines Gürtels etwas zu regen begann, legte er den Pass auf den Tisch und verließ den Raum in Richtung des Badezimmers.
„Dann wollen wir uns John Doe mal ansehen“, sagte Dr. Schwarz nüchtern und trat an die Kühlfächer. „Schieben Sie bitte mal den Wagen dort herüber?“, bat er Thomas Bierman und öffnete die ihm nächstgelegene Edelstahltür. Der Polizist ging zu dem einige Meter entfernt stehenden Rollwagen, nahm kurz Maß und gab dem Gestell einen wohldosierten Tritt, der es in Richtung des wartenden Rechtsmediziners bewegte. Dieser machte einen Schritt zur Seite und beobachtete gespannt, wo das Gefährt wohl zum Stillstand kommen würde. Er schnalzte anerkennend mit der Zunge, als es exakt vor dem offenen Kühlfach fast genau senkrecht dazu aufhörte, sich zu bewegen. Sarah, die die Szene ungläubig beobachtete, schüttelte nur den Kopf und verdrehte die Augen. Das gezischte Männer war gerade noch laut genug, dass Thomas und der Arzt es hören mussten. Ohne sich davon beirren zu lassen, rückte Schwarz den Rollwagen die letzten Zentimeter zurecht und zog eine mit einem weißen Tuch abgedeckte Bahre auf das Transportmittel. Er schob den Leichnam neben den Obduktionstisch, nahm drei Gummischürzen von einem Kleiderhaken und griff nach einer Packung ellenbogenlanger Handschuhe. Er streckte die Schutzkleidung Sarah und Thomas entgegen.
„Wenn Sie mir bitte kurz zur Hand gehen würden?“, bat er, legte sich die verbleibende Schürze um und stülpte sich die Handschuhe über.
„Keine Sorge, der Leichnam ist bereits gewaschen. Es wird also keine allzu große Sauerei, wenn wir ihn rüberheben.“
Thomas nahm eine der Schürzen entgegen, legte sie an und warf Sarah, nachdem sie ebenfalls die Plastikbändel auf dem Rücken zu einer Schleife gebunden hatte, zwei der Handschuhe zu. Sie fing sie geschickt auf und blies, dem Beispiel ihrer Kollegen folgend, erst einmal hinein, bevor sie die Hände und Unterarme hineinsteckte.
„Fertig?“
Sie nahmen Aufstellung an dem Leichnam, Schwarz an den Füßen, Sarah am Kopf und Thomas auf Höhe der Hüfte.
„Auf drei! Eins, zwei, drei!“
Gemeinsam wuchteten sie den Toten auf den Obduktionstisch. Sarah wartete mit dem Ablegen des Kopfes, bis Schwarz eine Art Nackenstütze untergeschoben hatte, dann trat sie neben ihren Partner.
„Genau genommen hätten Sie gar nicht herkommen müssen. Spektakuläres werde ich nicht zu berichten haben. Außerdem sind die Umstände hinreichend geklärt, oder? Nicht, dass ich Ihre Anwesenheit nicht schätze.“
Sarah schmunzelte.
„Sehen Sie keine Krimis? Da tauchen die Ermittler doch auch regelmäßig in der Rechtsmedizin auf, nur um ein Detail zu erfahren, das man auch am Telefon hätte mitteilen können. Wir halten uns einfach an die Klischees.“
Dr. Schwarz lächelte.
„Irgendwann, lieber Bierman“, sagte er, „wird sie Sie an Schlagfertigkeit überbieten. Und ich freue mich schon darauf, das zu erleben.“
Thomas zuckte nur die Schultern und half dem Mediziner, das Laken in Richtung der Füße zu falten und legte es auf einen Beistelltisch.
„Eigentlich ist der einzige Grund für unsere Anwesenheit sicherzustellen, dass Sie als erstes die Fingerabdrücke und eine DNA-Probe nehmen, so dass wir mit der Identifizierung weiterkommen“, frotzelte er, doch Schwarz ging nicht darauf ein. Stattdessen griff er hinter sich, legte ein Diktiergerät neben den Toten und schaltete es ein.
„Obduktion eines unbekannten Toten im Beisein zweier Nervensägen von der Kripo Freiburg. Größe etwa ein Meter fünfundsiebzig, Gewicht zirka achtzig Kilo. Alter zwischen fünfundvierzig und fünfundfünfzig.“ Er stoppte die Aufnahme und zeigte auf den Kopf der Leiche.
„Kaukasischer Typ. Sehen Sie die Physiognomie. Ich tippe auf einen Einheimischen. Wenn das kein Schwarzwälder ist! Schauen Sie es sich gut an, das kommt dabei raus, wenn über Generationen…naja, also wenn irgendwann jeder sein eigener Onkel ist. Das liegt daran, dass die ganzen Täler in der Umgebung früher im Winter über Monate vom Rest der Welt abgeschottet waren. Und dafür“, er wies auf den deutlich ausgeprägten Kropf des Toten, „ist der Jodmangel verantwortlich, unter dem die Menschen in dieser Region zum Teil selbst heute noch leiden. Zumindest, wenn sie kein jodiertes Speisesalz im Supermarkt kaufen.“
Sarah, die ihre anfängliche Zurückhaltung abgelegt hatte, beugte sich vor, betrachtete den Leichnam eingehend, musterte dann ihren Kollegen und antwortete:
„Ja, ich verstehe, was Sie meinen.“
Sie lächelte die beiden Männer keck an. Unterdessen schaltete Schwarz das Diktiergerät erneut ein und fuhr fort.
„Multiple Stichverletzungen an der Vorderseite des Torsos. Ich zähle mal die Messerstiche, die zweifelsohne zum Ableben des Mannes geführt haben. Zwo, vier, sechs, acht, naja Nummer Neun und Zehn sind etwas abgerutscht. Aber die zählen noch!“
„Strike“, kommentierte Thomas schamlos und Sarah schüttelte den Kopf.
Schwarz zwinkerte ihr zu.
„Außer den Messerstichen keine Auffälligkeiten an der Vorderseite.“
Er besah sich die Hände und Füße des Toten, prüfte die Beweglichkeit sämtlicher Gelenke und griff wieder zum Mikro.
„Bei äußerer Beschau keine Frakturen oder andere Verletzungen feststellbar.“
Er öffnete den Mund des Toten und leuchtete mit einer Taschenlampe in den Rachen.
„Atemwege sind, soweit von außen einzusehen, frei. Spuren von Blut in den Atemwegen und in der Speiseröhre lassen Verletzung von Lunge sowie Magen durch die Messerstiche vermuten. Und ich sehe Herrn Bierman an, dass er ganz dringend auf die Fingerabdrücke wartet.“
Schwarz bemerkte Sarahs hochgezogene Augenbrauen und meinte:
„Ich bin doch eh der Einzige, der sich das nochmals anhört. Außer meiner Sekretärin natürlich, die das abtippt. Aber sie ist erfahren genug, um den Blödsinn bei der Niederschrift wegzulassen. Das Besteck für die Fingerabdrücke ist da drüben in der obersten Schublade.“
Während der Rechtsmediziner Augen, Nase und Ohren des Verstorbenen untersuchte, holte Sarah das Tintenkissen, den Farbroller sowie ein Klemmbrett, auf dem sich ein Blankoformular für die Abdrücke aller zehn Finger befand. Ohne Schwarz zu behelligen oder Thomas um Hilfe zu bitten, begann Sarah, die Fingerabdrücke des Toten zu nehmen. Schwarz sah ihr einige Momente interessiert zu, blickte schließlich zu Thomas und sagte:
„Gute Frau, die Sie da an Ihrer Seite haben! Daumen hoch!“
Thomas nickte und lächelte seiner Partnerin anerkennend und aufmunternd zu, während Schwarz die Beweglichkeit des Genicks überprüfte. Dann legte er den Kopf wieder ab und diktierte weiter.
„Beweglichkeit des Atlanto-okzipital-Gelenks und der Atlanto-axial-Gelenke liegt innerhalb der Norm und lässt auf keine Verletzung in diesem Bereich schließen. Öffnungen des Caput sind frei und ohne Befund.“
Schwarz trat zu dem Seitenschrank und entnahm diesem einen dünnen Edelstahlstab mit Maßeinheiten sowie einen ebenfalls metallenen Winkelmesser. Den Stab führte er vorsichtig in die unterste der Stichwunden ein. Als sich das Messinstrument nicht weiterbewegen ließ, wandte er sich an Sarah.
„Halten Sie mal bitte?“
Sie tat wie geheißen. Schwarz legte jetzt den Winkelmesser an und las die Skalen ab. Dann schaltete er abermals das Mikro ein.
„Wunde eins im rechten Oberbauch, Tiefe etwa achtzehn Zentimeter, Breite etwa drei Zentimeter, dreiundzwanzig Grad aufwärts geneigt. Vermutlich Perforation der Lunge.“
Er nahm einen Permanent Marker aus der Kitteltasche, umkreiste die Wunde und schrieb eine Eins daneben. Er zog den Messstab heraus und machte sich daran, die zweite Wunde auf dieselbe Art und Weise auszumessen. Nach und nach vermaß und nummerierte er mit Sarahs Assistenz die übrigen Verletzungen, während Thomas seiner Partnerin zusah und es sehr zu schätzen schien, wie unerschrocken und selbstverständlich sie dem Rechtsmediziner zur Hand ging. Als dieser den letzten Kommentar zu den Wunden ins Mikro gesprochen hatte, nahm Thomas die Beweismitteltüte, die den extravaganten Dolch enthielt, aus seiner Aktentasche und reichte sie dem Doktor.
„Nur des Protokolls wegen: Können die Wunden von diesem Dolch hervorgerufen worden sein?“
Schwarz besah sich die Waffe.
„Interessantes Teil!“, sagte er. „Ja, das passt gut. Sehen Sie am Heft ist die Klinge ungefähr die drei Zentimeter breit, wie es die tiefsten Wunden ebenfalls sind. Die weniger tiefen sind auch schmaler, was der konischen Form der Klinge zuzuschreiben ist. Und hier finden sich noch die beiden kugelförmigen Ornamente, die am Ende rechts und links aus dem Heft nach vorne stehen. Die haben bei den tiefen Wunden Spuren hinterlassen. Passt also perfekt.“
„Okay, hatten wir ja vermutet“, bemerkte Sarah. „Wie kann eine etwa ein Meter fünfzig große Person diesem Mann die Verletzungen beigebracht haben?“
Schwarz dachte nach, doch bevor er eine Vermutung aussprechen konnte, ergriff Thomas das Wort.
„Wenn sie auf dem Rücken lag und er auf ihr saß, etwa auf Höhe der Oberschenkel. Würde ein Stich etwa zu diesen Verletzungen führen? Zumindest zu einer oder zwei?“
Schwarz lächelte.
„Reicht es, sich das vorzustellen? Ansonsten…“, er sah Sarah an und wies auf einen freien Obduktionstisch. „Wenn Sie so freundlich wären.“
Auch diesmal zögerte Sarah keine Sekunde, trat an den Edelstahltisch, zog sich hoch und legte sich der Länge nach darauf.
„Worauf wartest du?“, fragte sie Thomas, der kaum merklich mit den Schultern zuckte und sich dann rittlings auf Sarahs Beine setzte.
„Und jetzt tun Sie so, als ob Sie ein Messer in der Hand hätten und stechen Sie zu“, ermunterte Schwarz die amüsiert dreinschauende Sarah. Thomas, dem die verfängliche Position nicht ganz so egal zu sein schien, nickte seiner Partnerin zu. Sarahs Faust landete deutlich über dem letzten Rippenbogen.
„Rutschen Sie noch etwas höher und beugen Sie sich etwas nach vorne“, wies Schwarz Thomas an, der der Aufforderung prompt nachkam. Dieses Mal kam Sarahs Hand der Position der ersten Wunde deutlich näher.
„Und wenn wir zusätzlich in Betracht ziehen“, sagte Schwarz, „dass das rothaarige Mädchen etwa zehn Zentimeter kleiner ist als Sie, Frau Hansen, dann wäre es zumindest im Bereich des Möglichen, dass so die Verletzungen entstanden sind.“
„Zwanzig“, sagte Sarah, während Thomas von ihr herunterstieg. „Ich bin zwanzig Zentimeter größer als das Mädchen.“
„Entschuldigung“, lächelte Schwarz. „Wie dem auch sei, so kann es gewesen sein. Wie kommen Sie auf diese Pose?“
„Wir haben Videomaterial gesichtet, wo er hier“, Sarah wies auf den Toten, „genau diese Position einnimmt und so eine Art Ritual auf Latein durchspielt. Dabei hat er den Dolch auf die Brust des Mädchens gelegt. Ich vermute, diesen Moment hat die Kleine genutzt und sich die Waffe gegriffen.“
Schwarz runzelte die Stirn.
„Aber wie sie zusticht, ist nicht auf dem Video zu sehen?“
„Nein“, schüttelte Thomas den Kopf. „Die Szene ist dreimal auf Band. Offensichtlich hat er ein paar Mal geübt. Und bevor er es richtig machen wollte, ist ihm die Kleine in die Quere gekommen. Warum er ausgerechnet da die Kamera nicht eingeschaltet hatte, ist uns allerdings schleierhaft. Wahrscheinlich hat er es schlicht vergessen.“
Der Rechtsmediziner hob den Zeigefinger.
„Ich denke, er hatte ohnehin vor, es noch einige Male durchzuspielen. Bei dem tatsächlichen Akt, die dem er das Mädchen letztendlich umgebracht hätte, wäre ihm das sicher nicht passiert. Mit dem Üben habe ich meine Zweifel. Vielleicht wollte er den Moment einfach öfters genießen. Ihm musste ja klar sein, dass es, wenn sie tot ist, mit dem Spiel vorbei ist.“
„Trotzdem glauben wir, dass es eher eine Art Übung war“, wandte Sarah ein. „Sonst hätte er das Mädchen nicht betäubt. Hätte er den Kick mehrfach haben wollen, hatte er sie bei vollem Bewusstsein der Tortour unterzogen, ohne sie final zu töten.“
„Die Macht über den lebendigen Leib, den er vor sich hatte, würde ihm ein unglaubliches Gefühl, ein berauschendes Hormonbad bereitet haben, von dem ihm vermutlich bewusst war, dass er es so schnell nicht wiedererlangen konnte“, ergänzte Thomas. „Vergessen wir nicht, bei aller Perversion, der Mann war ein des rationalen Denkens fähiger Mensch. Wenn es nicht das erste Mal gewesen ist, dass er so etwas durchgezogen hat, wusste er aus Erfahrung, dass die Videoaufnahmen zwar deutlich besser die Stimmung und Gefühle beflügeln als die reine Visualisierung mittels der eigenen Erinnerung. Aber an das Ausführen des Aktes sozusagen live kommt das nicht heran. Die Motivation zu ermitteln, die Opferung dreimal durchzuspielen, ist jedoch keine unserer vorrangigen Fragen.“
„Da haben Sie sicher Recht“, sagte Schwarz. „Helfen Sie mir, ihn herumzudrehen?“
Sarah und Thomas traten an den Tisch, wo Schwarz den Toten bereits vorbereitete. Als ob er ihn in eine stabile Seitenlage bringen wollte, drehte er den Leichnam erst am Becken und schob den rechten Arm so weit, wie es ging, darunter. Dann winkelte er das linke Bein an, platzierte die linke Hand rechts neben dem Hals und hebelte ihn mit dem angewinkelten Bein über den rechten Arm. Sarah führte den Kopf, Thomas zog den Arm unter dem Körper hervor.
„Oha!“, ließ Schwarz verlauten. Das ist interessant!“
Die beiden Polizisten blickten sofort auf den Toten, um herauszufinden, was Schwarz‘ Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Sarah erkannte gleich, was er meinte.
„Da ist ein Stich rechts neben der Wirbelsäule“, sagte sie. „Und ich wage zu behaupten, dass dies der erste ist. Der Tote hat nicht vergessen, für den nächsten Take die Kamera einzuschalten. Unmittelbar nach der letzten Aufnahme hat sich die junge Frau den Dolch gegriffen, der neben ihr in dem Altar steckte und ihn damit von hinten angegriffen. Er hat sich verletzt herumgedreht und dann wurden ihm die zahlreichen Stiche von vorne beigebracht. Ist die Wunde tief?“
Schwarz nahm wieder sein Besteck zur Hand.
„Allein an der Breite kann ich sehen, dass sie die komplette Klinge versenkt hat. Und da sind auch die beiden Abdrücke der Kugeln“, sagte er vorab. Vorsichtig schob er den Messstab in die Wunde.
„Ja, sogar ein bisschen tiefer, als die Klinge lang ist. Da hat sie mit großer Wut zugestochen. Und das weiche Gewebe unter dem Rippenbogen hat nachgegeben, so dass sie die Klinge, nachdem das Heft am Körper aufsetzte, noch ein Stück weiter hineintreiben konnte. Richtung und Winkel nach hat sie da schon die Lunge perforiert.“
„Tapferes Mädchen“, entfuhr es Sarah.
„Ja, eine so schmächtige junge Frau, die sogar noch unter Drogen stand, muss schon einen ziemlich starken Willen aufgebracht haben, um einen ausgewachsenen Mann zu überwältigen. Aber klar: Als ihr Peiniger nach dem ersten Stich in den Rücken noch stand und sich herumgedreht hat, wird sie in Panik auf ihn eingestochen haben. Deswegen auch die hohe Anzahl der Stiche.“
„Wie dem auch sei“, sagte Thomas, „was die Ereignisse von letzter Nacht angeht, sehen wir schon deutlich klarer. Allerdings nicht, was die Identifizierung angeht. Was sagten Sie? Einheimischer?“
„Womöglich der Inhaber der Hütte?“, warf Sarah ein. „Liegt doch sehr nah. Schließlich war das keine heruntergekommene Ruine, sondern ein funktionelles Blockhaus in einem guten Zustand. Und wer sonst könnte so etwas über einen längeren Zeitraum und ohne die Gefahr, überrascht zu werden, nutzen, als der Besitzer oder Pächter?“
„Wer das ist, werden die Kollegen vielleicht schon herausgefunden haben“, meinte Thomas und zog sich die überlangen Gummihandschuhe aus. „Vielen Dank, Herr Doktor, Sie haben uns mal wieder sehr geholfen!“
Der Rechtsmediziner lächelte.
„Ist mir immer wieder eine Freude!“
„Und? Konnten Sie etwas von dem Mädchen erfahren?“, fragte Thomas Bierman Melanie Escher.
Die Mitarbeiterin des Jugendamts sah übermüdet aus. Ihre Augen waren leicht gerötet, das Haar unfrisiert und sie trug auch noch dieselbe Kleidung wie tags zuvor. Es war klar, dass sie seit dem Zusammentreffen mit ihrer jungen Schutzbefohlenen dieser nicht von der Seite gewichen war. Ein zweites Essenstablett auf dem Besuchertisch und die darauf befindlichen Packungen von Automatensüßigkeiten bestätigten ebenfalls diesen Eindruck. Langsam wandte sie den beiden Polizisten das Gesicht zu, und bevor sie etwas sagen konnte, schob Sarah ein Guten Morgen, Frau Escher. Wie geht es denn der Kleinen und wie geht es Ihnen zwischen. Sie wollte keinesfalls auf derselben Stufe der Sozialkompetenz wahrgenommen werden, wie ihr zuweilen ruppiger Partner. So konnte sie der Sozialarbeiterin auch ein müdes Lächeln entlocken.
„Guten Morgen, Frau Hansen, Herr Bierman. Lassen Sie uns kurz auf den Flur gehen“, schlug sie vor.
Thomas und Sarah folgten ihr durch die Tür, die sie offenließen, damit die Patientin sie noch sehen konnte.
„Ihr geht es physisch gut“, knüpfte Escher an die Frage an. „Die Unterkühlung ist schadlos überstanden. Blutdruck, Blutwerte et cetera sind allesamt in einem ordentlichen Bereich. Aber, um auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen, gesprochen hat sie bisher nicht. Die Psychiaterin hat einige vorsichtige Versuche mit ihr gemacht. Zeichnungen, Piktogramme, Fotografien und so. Auf Bilder von kleinen Tieren hat sie mit verhaltenem Lächeln reagiert, auf ein Foto von einem Christbaum mit leuchtenden Augen. Wir dürfen also annehmen, dass sie im christlich geprägten Umfeld aufgewachsen ist. Auf Bilder von Menschen hat sie nicht wahrnehmbar reagiert, sondern ist in der Lethargie verharrt, die Sie ja kennen.“
Sarah wies auf das Tablett, das noch auf dem Rollschrank neben dem Mädchen stand.
„Hat sie gegessen? Und auf welche Art und Weise, ich meine, ihren Umgang mit Besteck und so weiter.“
Melanie Escher nickte langsam und nachdenklich, bevor sie antwortete.
„Ihr ist der Umgang mit Messer, Gabel und Löffel vertraut. Sie benutzt das Besteck europäisch, nicht wie ein Amerikaner. Sie hat auch Butter, Streichwurst, Käse und das Ei ganz normal zu sich genommen, so wie Sie und ich das auch tun.
„Schön, dass sie die Nahrung nicht verweigert“, stellte Sarah diesen Aspekt in den Vordergrund. „Das hätte auch anders sein können!“
„Ja, das ist im Moment das Wichtigste“, bestätigte die Sozialarbeiterin und fuhr dem rothaarigen Mädchen mit der Hand über den Kopf.
„Hat sich die Psychiaterin schon dazu geäußert, wie wir an das Mädchen herankommen?“, fragte Thomas, dem die Fortschritte in dem Fall wichtiger zu sein schienen.
Escher schüttelte den Kopf.
„Sie hat nichts Konkretes gesagt. Dass sie Zeit brauche, mehr nicht.“
„Können wir denn irgendetwas besorgen? Ein Stofftier vielleicht?“, wollte Sarah wissen und die Betreuerin nickte dankbar.
„Ja, das bringt uns zwar nicht unbedingt weiter, aber erhöht möglicherweise ihr Wohlbefinden. Und es ist gut, wenn sie etwas Vertrautes in ihrer Nähe hat, sollten wir sie in den nächsten Tagen aus diesem Umfeld herausnehmen. Ich weiß nicht, wie lange sie noch hierbleiben soll, medizinische Gründe, außer ihres psychischen Zustandes, liegen jedenfalls keine mehr vor.“
„Dann gehen wir doch mal ein Stofftier kaufen.“
Sarah stupste ihren Partner in die Seite.
„Ein großes!“, bat Frau Escher. „Was zum Kuscheln!“
„Okay.“
In diesem Moment kam ein junger Mann im Pflegeroutfit den Gang entlang. Gutgelaunt warf er dem Trio ein Guten Morgen zu, betrat das Krankenzimmer, schnappte sich das Tablett vom Gästetisch und brachte es aus dem Zimmer, um kurz darauf wieder zu erscheinen um sich laut pfeifend das zweite Tablett vom Rollschrank zu nehmen. Sarah und Frau Escher bemerkten sofort die Reaktion des Mädchens, die den Pfleger mit offenem Mund anstarrte und mit großen Augen seinen Bewegungen folgte. Und als er wenige Sekunden später mit einer Flasche Apfelsaft und einem Eis am Stiel zurück in den Raum kam, immer noch die leicht melancholische Melodie pfeifend, nahm auch Thomas wahr, dass sich das Verhalten der Rothaarigen geändert hatte. Ihr Mund war jetzt geschlossen und mit einem Lächeln auf dem Gesicht summte sie ganz leise die Melodie mit! Der Pfleger stellte das Getränk auf den Rollschrank und reichte dem Mädchen das Eis. Er summte nun ebenfalls, grinste die junge Patientin an und machte sich daran, das Zimmer zu verlassen.
„Stopp“, hielt ihn Thomas auf und er wählte Lautstärke und Tonfall so, dass es nicht aggressiv herüberkam. Er trat in den Raum.
„Bleiben Sie bitte noch kurz“, bat er den jungen Mann. „Singen Sie weiter. Mit Text, wenn möglich.“
Gleichzeitig klopfte er mit der flachen Hand auf das Fußende des Bettes. Der Pfleger verstand sofort, wandte sich dem Mädchen zu, lächelte es an und begann, den Blickkontakt zu ihr herzustellen. Als sie zurücklächelte, setzte er sich auf das Bett und stimmte das Lied erneut an, diesmal sang er in einer den anderen Anwesenden unbekannten Sprache. Das Mädchen wiegte den Kopf im Rhythmus und auf einmal sang es ganz leise mit! Niemand wagte, diesen fast innigen, aber fragil wirkenden Moment zu stören, und so sangen die beiden drei Strophen, bis sie gemeinsam auf einem langen Ton verblieben und das Lied beendeten. Der Pfleger fragte das Mädchen etwas in der fremden Sprache, doch sie reagierte nicht darauf. Stattdessen kehrte sie ihre Aufmerksamkeit zurück auf ihr Inneres und drehte den Kopf zur Seite.
Thomas wandte sich dem Pfleger zu.
„Verraten Sie mir, was das für ein Lied war und welche Sprache Sie mit ihr versucht haben zu sprechen?“, flüsterte er dem jungen Mann zu.
„Das ist ein rumänisches Kinderlied. In der Heimat meiner Eltern kennt das jedes Kind“
„Rumänien“, echote Sarah, die mit Melanie Escher ebenfalls das Zimmer betreten hatte. „Die Kleine kommt also aus Rumänien.“
Die beiden Polizisten, der Pfleger und die Sozialarbeiterin betrachteten die Patientin, die die Augen geschlossen hatte und leise, kaum wahrnehmbar die Melodie summte.
„Sie sagten, die Heimat Ihrer Eltern“, brach Thomas das Schweigen. „Sie sind hier geboren?“
„Ja, aber da zu Hause immer Rumänisch gesprochen wurde und meine Verwandtschaft dort lebt, kann ich es ganz gut“, beantwortete der junge Mann gleich die Frage, die Thomas impliziert hatte.
„Sehr gut!“, meinte Thomas. „Dann werden wir nachher mit Ihrer Stationsleitung sprechen. Wir brauchen Sie jetzt, um eine Beziehung zu dem Mädchen aufzubauen. Machen Sie das über Musik, über Kinderbücher oder auf was auch immer sie reagiert. Es wird ständig jemand dabei sein, Frau Escher oder die Psychiaterin oder ein Kollege von uns. Wenn sie etwas sagen sollte, oder auf etwas, das Sie sagen, auffällig reagiert, notieren Sie das und teilen es uns mit. Herr?“
Der Mann deutete auf sein Namensschild.
„Dumitru“, sagte er. „Sie können mich aber gerne Liviu nennen.“
„In Ordnung, Liviu“, nahm Thomas den Vorschlag an. „Haben Sie noch rumänische Kinderbücher? Märchenbücher vielleicht? Oder kennen Sie weitere Kinderlieder?“
Der Pfleger überlegte kurz.
„Ja, ich glaube, ich habe eine Kiste mit Kindersachen zu Hause stehen. Da dürfte das ein oder andere Buch ebenfalls dabei sein. Meine Frau ist der Meinung, dass, wenn wir mal Kinder haben, sie von ihren rumänischen Wurzeln etwas mitbekommen sollten.“
„Können Sie Ihre Frau bitte anrufen?“, übernahm Sarah von ihrem Partner. „Oder ist sie berufstätig? Es wäre schön, wenn wir zeitnah Sachen haben, mit denen Sie arbeiten können.“
„Sie hat noch Resturlaub. Ich rufe sie gleich an!“
„Ich danke Ihnen!“
Der Pfleger lächelte dem rothaarigen Mädchen ein letztes Mal zu und verließ den Raum.
„Jetzt haben wir den ersten Ansatz in diesem merkwürdigen Fall“, stellte Sarah fest. „Zumindest, was die Identifizierung dieser jungen Dame angeht. Wir werden umgehend mit der rumänischen Botschaft Kontakt aufnehmen.“
Sie sah zu dem Mädchen hinüber, das immer noch seinen Blick auf die Tür geheftet hatte, durch die Liviu gerade entschwunden war. Ganz offensichtlich hatte die Musik tatsächlich eine Art Verbindung geschaffen.
„Konnten Sie schon ermitteln, was der Kleinen zugestoßen ist? Wessen sie Zeuge wurde?“, fragte Melanie Escher Sarah.
„Wir dürfen Ihnen leider keine Details mitteilen“, antwortete diese. „Aber wir können bestätigen, dass sie Dinge erlebt hat, die sie definitiv traumatisiert haben dürften. Kein sexueller Missbrauch, aber sie hat mehrfach Todesangst durchlitten.“
„Mein Gott! Das ist ja schrecklich!“
Escher war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
„Wurden ihr körperliche Schmerzen zugefügt, die keine Spuren hinterlassen haben?“, fragte sie.
Sarah schüttelte den Kopf.
„Nein, die Misshandlungen waren vorwiegend psychischer Natur.“
Bevor Escher weitere Fragen stellen konnte, öffnete sich die Tür und Liviu betrat wieder den Raum.
„Meine Frau sucht ein paar Sachen zusammen und kommt sofort her“, berichtete er und als er die kleine Patientin anstrahlte, zeigte sich auch in deren Augen ein verhaltenes Leuchten.
Thomas stand auf.
„Dann werden wir uns jetzt verabschieden. Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt!“
Er und Sarah schüttelten den Anwesenden die Hände und verließen das Krankenzimmer.
Kapitel VII
„So, da wären wir“, begrüßte Thomas die Kollegen Hans Pfefferle, Nico Berner und Karen Polocek. Er und die ihm nachfolgende Sarah setzten sich ebenfalls an den Besprechungstisch und legten ihre Materialien vor sich.
„Kommt Gröber noch?“, fragte Sarah und Hans Pfefferle zog ein übertriebenes unzufriedenes Gesicht.
„Ja, und wir sollen warten, bis er da ist“, sagte er.
„Na gut“, quittierte Thomas die Information, blickte auf die Kaffeebecher der anderen und wandte sich an Sarah.
„Auch einen Kaffee?“, fragte er und stand bereits auf.
„Gerne, mit Milch und Zucker“, lautete ihre Antwort.
Nickend verließ ihr Partner den Raum. Noch bevor sich bei den Zurückgebliebenen ein Gespräch entwickeln konnte, flog die Tür auf und der Ressortleiter Gröber betrat den Besprechungsraum.
„Wo ist Bierman?“, blaffte er in die Runde, ohne sich zu bemühen, die Anwesenden zu begrüßen.
„Kaffee holen“, brummte Pfefferle wortkarg.
Es legte sich Schweigen über den Raum, da keiner Lust verspürte, während der Anwesenheit Gröbers eine Unterhaltung zu beginnen, geschweige denn mit ihm selbst in Kontakt zu treten. Kurz darauf kam Thomas zurück und stellte zur Überraschung aller einen Kaffeebecher vor seinen Chef, einen vor Sarah und setzte sich schließlich mit seinem Getränk an seinen Platz.
„Ja, äh, danke“, brachte Gröber mit verwirrtem Gesichtsausdruck hervor, hatte er sicherlich als Letzter mit einer solchen Geste gerechnet. Sarah wusste über die Beziehung zwischen ihrem Partner und Gröber nur zu gut Bescheid. Während Thomas von dem Choleriker und Opportunisten Gröber nichts hielt, hatte selbiger bisher nichts gegen den unkonventionellen, mitunter insubordinanten Bierman unternommen, weil dieser so brillante Ergebnisse ablieferte. Jedoch versuchte normalerweise keiner der beiden, seine Abneigung gegenüber dem anderen zu verbergen.
„Nun, da wir alle da sind“, ein strafender Blick in Thomas‘ Richtung wurde von allen als bemitleidenswerter Versuch erkannt, seine eigene Verspätung zu relativieren, „können wir ja anfangen. Berner, was haben Sie?“
„Unsere Recherche hat ergeben, dass die Hütte, in der das Mädchen aller Wahrscheinlichkeit nach gefangengehalten wurde und ihren Peiniger attackiert hat, einem gewissen Dr. Bernd Vogelsang gehört. Er ist pensionierter Psychiater, wohnhaft in Sankt Peter. Wir haben versucht ihn aufzusuchen, aber niemanden angetroffen.“
„Dann ist das unser Toter aus dem Wald?“, unterbrach Gröber.
Karen Polocek und Nico Berner schüttelten beide den Kopf.
„Wir haben daraufhin Nachbarn angesprochen, die uns berichteten, dass Dr. Vogelsang und seine Frau den Winter in Südspanien verbringen, wo sie eine Wohnung haben. Eine Nachbarin, die nach dem Haus schaut, hat uns eine Telefonnummer gegeben. Wir haben auf den AB gesprochen. Helen wird den Rückruf, wenn er erfolgt, zu uns ins Besprechungszimmer durchstellen.“
„Mhmmm“, quittierte Gröber den diesmal von Hans Pfefferle vorgetragenen Bericht. „Was hat die Vermisstendatenbank ergeben?“
Karen Polocek sah kurz auf das Blatt Papier vor ihr.
„Bisher nichts. Auch wenn unsere junge Dame über ein äußerst markantes Äußeres verfügt, konnte ich bisher nichts, aber auch rein gar nichts herausfinden.“
„Die Stellen der Nachbarländer haben Sie kontaktiert?“, fragte Gröber.
„Natürlich. Falls sich da etwas ergibt, rufen die Kollegen zurück.“
Diesmal nickte Gröber nur, bevor er sich an Sarah wandte.
„Und mit dem Mädchen? Sind Sie da weitergekommen?“
Sarah, die in ihren Notizen geblättert hatte, legte die Papiere zusammen, schlug zweimal leicht mit der Kante auf dem Tisch auf und legte sie beiseite.
„Nein, Herr Gröber“, wählte sie einen sehr förmlichen Ton. „Sie hat immer noch kein Wort gesprochen. Und konnte uns somit bisher nicht weiterhelfen. Das Einzige, was wir wissen ist, dass sie aus Rumänien kommt. Die offiziellen Stellen werden wir gleich kontaktieren. “
„Und was hat unsere Rechtsmedizin bisher zustande gebracht?“ Gröbers Ton war fast gelangweilt.
„Wir konnten ziemlich schlüssig nachstellen, was in der Hütte zwischen dem Mann und dem Mädchen passiert ist. Tiefe der Wunden, Stichkanal, all das lässt keinen anderen Schluss zu, als was wir ohnehin schon vermutetet hatten. Die Ergebnisse der DNA-Analyse sind nur noch Formsache.“
„In Ordnung“, fasste Gröber zusammen. „Dann ist der Fall als solches ja damit abgeschlossen. Gilt lediglich, den Toten zu identifizieren und die genaue Herkunft des Mädchens zu klären. Machen Sie weiter, ich erwarte, dass Sie die nächsten Tage damit fertig werden.“
Der Ressortleiter erhob sich, doch das Klingeln des Telefons veranlasste ihn, sich wieder hinzusetzen. In Erwartung des Rückrufes aus Spanien nahm Nico Berner den Hörer ab.
„Berner, Kriminalpolizei Freiburg“, meldete er sich und schaltete nach den ersten Worten des Anrufers auf laut.
„…und da wollte ich mich natürlich sogleich bei Ihnen melden“, vernahmen die Ermittler aus dem Lautsprecher.
„Das ist nett, dass Sie so zeitnah zurückrufen! Es geht um Ihre Jagdhütte im Schwarzwald. Wird die von jemandem mit Ihrer Erlaubnis benutzt?“
Dr. Vogelsang zögerte einen Moment und es schien offensichtlich, dass er den Grund erfahren wollte, warum sich die Polizei dafür interessiere. Letztendlich antwortete er aber doch direkt auf die Frage.
„Ja, immer wenn wir in Spanien sind, überlasse ich die Hütte einem Bekannten. Er ist sehr zuverlässig und ich weiß die Hütte in guten Händen.“
„Wie heißt denn dieser Bekannte?“, fragte Berner.
Wieder schien Dr. Vogelsang zu überlegen, ob er die Antwort so ohne Weiteres geben sollte. Schließlich rang er sich dazu durch.
„Sein Name ist Werner.“
„Wie lautet denn sein Nachname und die genaue Adresse?“
An diesem Punkt war Dr. Vogelsangs Kooperationsbereitschaft offensichtlich zu Ende.
„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“
„Das heißt, Sie kennen weder seinen Nachnamen noch wissen Sie, wo er wohnt?“, hakte Berner fast ungeduldig nach.
Dr. Vogelsang wich der Antwort durch Schweigen aus.
„Herr Dr. Vogelsang, wir ermitteln in einem Kapitalverbrechen und der Mann, der Ihre Hütte bewohnt oder versorgt oder wie auch immer, ist für unsere Ermittlungen von großer Wichtigkeit!“
„Sehen Sie“, erklärte der Anrufer, „es handelt sich dabei um einen ehemaligen Patienten, deswegen kann ich Ihnen beim besten Willen nicht weiterhelfen.“
Thomas platzte fast der Kragen, als er sich in das Gespräch einschaltete.
„Hier spricht Kriminalhauptkommissar Bierman, Herr Vogelsang, Sie haben in diesem Fall kein ethisches oder juristisches Problem. Wir fragen nach diesem Mann schließlich nicht im Zusammenhang Ihrer Therapeut-Patient-Beziehung, sondern weil er Ihre Jagdhütte benutzt. Sie hätten nicht einmal erwähnen müssen, dass er Ihr Patient war. Und wenn Sie trotz alledem immer noch moralische Bedenken haben, lassen Sie es sich gesagt sein, dass dieser Patient aller Voraussicht nach tot ist. Getötet in Ihrer Hütte! Und jetzt sagen Sie uns verdammt nochmal, wie er heißt.“
Die deutliche Ansage zeigte Wirkung.
„Tot? In meiner Hütte? Um Gottes Willen! Wie ist denn das passiert?“
„Nennen Sie uns doch bitte den Namen des Mannes“, insistierte Thomas.
„Sein Name ist Werner Bruckwald, er wohnt in Buchenbach“, brachte der Psychiater hervor.
„Sehr gut! Danke!“ Thomas lehnte sich nach diesem Ausbruch zurück. Nico Berner übernahm wieder die Gesprächsführung.
„Können Sie uns seine Kontaktdaten geben? Und eine kurze Personenbeschreibung?“, fragte er den Pensionär. Als dieser nach Durchgabe der Anschrift anfing, Werner Bruckwald zu beschreiben, war allen im Raum schnell klar, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei ihm um den Toten aus der Hütte handelte, sehr groß war.
„In Ordnung, Herr Vogelsang“, sagte Nico Berner in der Hoffnung, die momentane Redseligkeit des Psychiaters ausnützen zu können, „Was können Sie uns noch über Herrn Bruckwald sagen?“
Zur Überraschung aller gab der Arzt tatsächlich weitere Details preis.
„Ich habe ihn vor, ach, wahrscheinlich dreißig Jahren kennengelernt. Da war er ein junger Mann. Er hat mich in der Praxis aufgesucht und war bei mir sicher fünfzehn Jahre in Behandlung. Mit Unterbrechungen.“
„Gab es einen Grund, warum er nicht mehr zu Ihnen kam?“, hakte Berner ein.
„Ja, er hatte eine Frau kennengelernt. Die beiden haben geheiratet und dadurch hat sich sein Zustand bemerkenswert verbessert. Nach angemessener Zeit hat mich das Paar mal eingeladen, man hat sich dann und wann getroffen. Und seit, lassen Sie mich nachdenken, sechs Jahren nutzt er gelegentlich meine Hütte, wenn wir in Malaga sind.“
„Was war denn der Grund für seine Besuche als Patient?“, fragte Berner vorsichtig, doch diesmal schwieg Dr. Vogelsang. Die Pause nutzte Sarah, um sich in das Gespräch einzuschalten.
„Mein Name ist Hansen, ich bin ein Kollege von Herrn Berner. Herr Dr. Vogelsang, ich verstehe, dass Sie gemäß Gesetz an die ärztliche Schweigepflicht auch über den Tod hinaus gebunden sind. Lassen Sie mich trotzdem einige Schüsse ins Blaue machen. Zum Einen hatte Herr Bruckwald überbordende Machtfantasien, die er als Jugendlicher zum Beispiel in der Form ausgelebt hat, dass er Tiere getötet hat.“
Sehr zögerlich und wohl auch erstaunt klang ein jaaaa aus dem Lautsprecher.
„Gehe ich recht in der Annahme, dass er auch einen Hang zu Sadismus gehabt hat, der sich darin zeigte, dass er Tiere nicht nur getötet, sondern auch außerordentlich gequält hat?“
„Da liegen Sie richtig“, antwortete Dr. Vogelsang.
„Ich denke, auch Mitschüler wurden Opfer dieser Verhaltensauffälligkeiten?“
„Auch das trifft zu.“
„War zu diesem Zeitpunkt schon ein Hang zum Okkultismus zu erkennen? War er auf der Suche nach Gotteserfahrungen?“
„Frau Hansen, sind Sie eine Kollegin?“, fragte der Arzt jetzt. „Sie beschreiben meinen Patienten sehr gut. Woher nehmen Sie dieses Wissen?“
Ein wenig geschmeichelt und mit leicht geröteten Wangen schilderte Sarah nach einem Blickkontakt der Rückversicherung mit ihrem Partner, wie sie Werner Bruckwald inmitten der okkulten Artefakte aufgefunden hatten.
„Mein Gott“, gab der Psychiater entsetzt zurück. „Ich hätte niemals gedacht, dass so etwas passieren könnte. Er hatte so gute Fortschritte gemacht. Die Beziehung war gesund und hat ihn stabilisiert. Es stand ein Kinderwunsch im Raum. Mit einer derartigen Dekompensation konnte wahrlich niemand rechnen!“
„Wissen Sie, ob er immer noch mit seiner Frau zusammen ist oder besser war? In diesem Fall müssten wir sie vom möglichen Tod Ihres Mannes unterrichten und sie um die Identifizierung bitten.“
„Ich habe sie beide bei der Schlüsselübergabe noch gesehen. Das war Anfang November. Sie wirkten auf mich ausgeglichen, es gab keinerlei Anzeichen von Spannungen“, berichtete Dr. Vogelsang. Es war Thomas, der die nächste Frage stellte.
„Was hat Bruckwald beruflich gemacht? War seine Frau ebenfalls berufstätig?“
„Bruckwald selbst war Sachbearbeiter in einer Spedition. Er hatte ursprünglich eine Lehre zum Tierpräparator angefangen, wurde aber noch im ersten Lehrjahr rausgeworfen. Den Grund habe ich nie erfahren, aber Sie können sich genauso wie ich denken, was ausschlaggebend war.“
Thomas lächelte schnaubend.
„Wenn man jemand mit dieser Veranlagung zum Tierpräparator ausbildet, ist das, als wenn man einen Junkie in einen LKW mit Heroin setzt. Danach hat er eine kaufmännische Lehre gemacht, vermute ich.“
„So ist es. Von der Firma ist er auch übernommen worden und hat dort immer noch gearbeitet. Seine Frau ist übrigens Grundschullehrerin.“
Nico Berner blickte fragend in die Runde, alle schüttelten den Kopf.
„Herr Dr. Vogelsang, vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft! Sie haben uns sehr geholfen!“, leitete er das Ende des Telefonats ein.
„Gerne! Wenn Sie noch Fragen haben, können Sie sich gerne an mich wenden. Eins noch!“, fiel dem Arzt in letzter Sekunde etwas ein. „Darf ich mit Frau Bruckwald sprechen? Sie ist ja schon so etwas wie eine Bekannte.“
„Bitte tun Sie das nicht, bevor wir sie besucht haben“, bat Berner.
„In Ordnung, ich verstehe! Dann auf Wiederhören!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, legte Dr. Vogelsang auf. Abermals erhob sich Gröber, blickte in die Runde und ließ sich doch tatsächlich zu einem Lob hinreißen.
„Meine Damen, meine Herren, gute Arbeit“, sagte er und verließ das Besprechungszimmer.
„Okay“, unterbrach Thomas Bierman das erstaunte Schweigen. „Sarah und ich werden Frau Bruckwald besuchen. Und morgen Vormittag neun Uhr sehen wir uns wieder hier.“
Er packte die Unterlagen, Sarah die ihren und gemeinsam traten sie auf den Flur.
„Das war sehr gut, da drinnen“, lobte Thomas seine Partnerin, als sie den Flur in Richtung ihres Büros gingen.
„Danke“, antwortete Sarah. „Deine Intervention war aber auch nicht schlecht. Genau der richtige Ton zum richtigen Zeitpunkt.“
„Ich hatte es schon mal erwähnt“, zwinkerte Thomas mit dem Auge. „Wir sind ein gutes Team!“
Stefan Wellners Motivation war schon auf einem sehr niedrigen Level, als er sich die Winterstiefel über seine Thermosocken stülpte und die Verschlüsse zuzog. Nachdem er auch seinen dicken Mantel und die Handschuhe angezogen und die Tür geöffnet hatte, sank sie auf ein nicht mehr wahrnehmbares Maß! Nicht nur, dass es so dicht schneite, dass er das Stallungsgebäude rechter Hand kaum sehen konnte. Ein bissig kalter Wind sorgte dafür, dass die Flocken nicht senkrecht zu Boden fielen, sondern ihm ins Gesicht wehten. Schlecht gelaunt stapfte er durch den Schnee zu den Stallungen, die als Garage dienten, und musste, dort angekommen, erst einmal mit dem Fuß einen Freiraum schaffen, bevor er die in eines der Tore eingelassenen Tür nach außen öffnen konnte. Drinnen schüttelte er als erstes den Schnee von Kopf und Schultern, tastete nach dem Lichtschalter und trat zu dem G-Klasse Mercedes. Aus dem alten Schrank hinter dem Fahrzeug holte er einen grauen Leichensack und legte ihn in den Kofferraum des Wagens. Er hatte zwar noch keine Nachricht, dass er die rothaarige Rumänin abholen konnte, aber musste ja vorbereitet sein – und das war schließlich auch der Grund, warum er bei diesen Witterungsverhältnissen überhaupt die wohlige Wärme des Kachelofens verlassen hatte. Morgen würde er irgendwohin fahren, seine Mobiltelefone einschalten und nachsehen, ob jemand eine Nachricht gesprochen oder getextet hatte. Und wenn Werner Bruckwald Bescheid gab, dass er mit dem Mädchen fertig sei, musste er es abholen und entsorgen. Stefan Wellner schloss die Heckklappe des Mercedes, nahm sich aus einer Reihe an die Wand gelehnter Werkzeuge eine Schaufel sowie einen Spaten und machte sich daran, die Garage zu verlassen. Am Tor kehrte er jedoch um und nahm sich eine Spitzhacke, schließlich war zu erwarten, dass die ersten Zentimeter des Bodens gefroren waren. Als wenn es nicht schon anstrengend genug gewesen wäre, durch den tiefen Schnee zu stapfen, waren die langstieligen Werkzeuge zusätzlich hinderlich. Nicht zuletzt die Spitzhacke, die außer ihrer Unhandlichkeit zusätzlich ein beachtliches Gewicht mitbrachte, erschwerte den Weg durch den rückwärtigen Park. An einer Stelle angekommen, die ihm geeignet erschien, weil er wusste, dass hier das Erdreich, sofern nicht gefroren, recht locker war, legte er den Spaten und die Hacke ab, um zunächst mit der Schaufel eine einen Meter sechzig mal vierzig Zentimeter große Fläche vom Schnee zu befreien. Gott sei Dank war die Rothaarige recht klein. Als er im Anschluss mit dem Spaten in den Boden stechen wollte, konnte er ein lautes Fluchen nicht unterdrücken. Hatte er gehofft, dass unter dem Schnee der Boden vielleicht noch weich geblieben war, musste er feststellen, dass die Erde hart wie Stein war. Er erinnerte sich, dass es Wochen zuvor erst geregnet hatte, bevor ein eisiger Wind die Temperaturen über zwei Tage hinweg in den Keller geblasen hatte. Erst dann war der Schnee gefallen, obwohl es eigentlich schon zu kalt dafür gewesen war. Mit Wut im Bauch nahm er die Hacke auf und hieb sie mit der spitzen Seite in den Boden vor sich. Nach einigen Schlägen hatte er so viel Erdreich gelockert, dass er ein paar Schaufeln zur Seite räumen konnte. Glücklicherweise konnte er, nachdem er etwa dreißig Zentimeter tief war, auf die Hacke verzichten und mit dem Spaten allein weiterarbeiten. Wie tief sollte er gehen? Die Anweisung hatte stets gelautet, dass sich mindestens ein Meter Erdreich über dem Körper befinden musste, und bisher hatte er sich daran auch gehalten. Warum jetzt nachlässig werden, fragte er sich und musste feststellen, dass ihm die körperliche Arbeit bei dem Schneetreiben sogar guttat! Und da er bei der relativ stupiden Tätigkeit seinen Gedanken nachgehen konnte – sie drehten sich hauptsächlich um die junge Thai – war er selbst überrascht, wie schnell das Grab ein Meter fünfzig tief war. Beim Blick in das Erdloch musste er unwillkürlich an das erste Mal denken. Es war ganz in den Anfängen, als seine Auftraggeber mit kleinen Privatveranstaltungen in dem Schlösschen anfingen. Bei diesen Partys floss damals schon Champagner im Überfluss, Kaviar und Koks gab es per Flatrate. Und natürlich war die Auswahl an Mädchen sehr ansehnlich. Für jeden Geschmack war etwas dabei gewesen. Schüchtern unterwürfig, Dominas in Latex und Leder, Schulmädchen… Einer der betuchten Herren hatte eine Siebzehnjährige bei brutalen SM-Spielchen mehr oder weniger aus Versehen erwürgt. Die polnische Schönheit hatte Wellner begraben müssen. So wie heute war es im Winter gewesen, es hatte ebenfalls geschneit, wenn auch nicht so stark wie im Moment. Das Gefühl von damals kam ihm wieder hoch, als er die spärlich bekleidete junge Frau behutsam in das Grab gelegt hatte und sich tatsächlich Gedanken gemacht hatte, dass es doch so furchtbar kalt für sie sein musste. Er hatte sicherlich eine Viertelstunde am Rand des Grabes gestanden und beobachtet, wie sich eine lichte Schneedecke über die Lippen und Augen gelegt hatte, bis er es fertigbrachte, den Körper mit Erde zuzuschütten. Er hatte es als sehr intimen Moment wahrgenommen, allein mit dem toten Mädchen, das äußerlich unversehrt und so wunderschön war! Groteskerweise hatte er in jener Nacht ein weiteres Grab ausheben müssen, und zwar für den Verursacher der Tragödie. Der Mann war, nachdem er realisiert hatte, was passiert war, förmlich ausgerastet, wollte die Polizei verständigen und sich seiner Verantwortung stellen. Obwohl damals schon die Sicherheitsbestimmungen hoch waren – die Herren wurden alle mit verbundenen Augen und ohne Handy auf das Schloss gebracht – war man kein Risiko eingegangen. Und so kam es, dass Wellner nochmals ein Loch graben und einen Leichnam unter die Erde hatte bringen müssen. Außer bei diesem Mann war es für ihn nie leicht gewesen, jemanden auf diese Weise verschwinden zu lassen. Aber die Mischung aus Trauer, Mitgefühl, Fürsorge, die er für die junge Polin empfunden hatte, war einzigartig geblieben. Jetzt riss ihn sein knurrender Magen und eine durch die Sohlen seiner Stiefel nach oben kriechende Kälte aus den Gedanken. Er beließ die Schaufel auf dem kleinen Hügel aufgeworfener Erde, nahm Spitzhacke und Spaten an sich und besah sich sein Werk nochmals. Dann brachte er das Werkzeug zurück in die Garage, schloss alles ab und freute sich auf eine heiße Dusche.
Darmowy fragment się skończył.