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mitteldeutscher verlag


Sternstunden eines schlechten Verlierers

ROMAN ANDRÉ BERGELT

INHALT

Cover

Titel

Zitat

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

Über den Autor

Impressum

„Ein guter Verlierer zu sein, ist eine Kunst. Eine, die ich ungewöhnlich schlecht beherrsche.“

KAPITEL 1

An einem lauen Sommerabend im Gartenbereich des Berliner Techno-Clubs Zoo, einem mehrgeschossigen, neoklassizistischen Industriebau aus den 50ern.

Die untergehende Sonne spiegelt sich in den Fenstern der Fassade. Der letzte Tag der Woche neigt sich dem Ende zu. Doch im Garten des Clubs ist die herkömmliche Zeitrechnung außer Kraft gesetzt. Begriffe wie Wochentag oder Monat wirken hier wie Relikte einer mir fremden, von banalen Verpflichtungen dominierten Welt. Einer Welt, die ich nicht vermisse.

„Bist du öfter hier?“ Ihr südfranzösischer Dialekt reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich versuche, scharf zu stellen. Die Sitzelemente aus Beton und die dort abhängenden üblichen Verdächtigen sind noch immer da. Auf der winzigen Tanzfläche wippen fünf halbtote Touris vor sich hin. Wer hinter dem DJ-Pult steht und für den holprigen Sound verantwortlich ist, kann ich von meinem Stück Wiese aus nicht erkennen. Das attraktive Pärchen mir gegenüber ist hingegen nicht zu übersehen. Sie, groß, apart, mit unendlich langen Wimpern. Er, blass, halblanges, zotteliges Haar, faszinierend dunkle Augen.

„Wir waren erst zwei Mal hier, aber der Laden ist echt genial“, springt er seiner Freundin bei, womöglich weil ich noch immer nicht geantwortet habe.

Menschen, die nicht reden, werden von ihrer Umwelt ja oft als Bedrohung wahrgenommen und das, obwohl Stille gern mit Harmonie gleichgesetzt wird.

„Ja, der Club ist ganz ordentlich. Gute Musik, kreative Künstler. Ich überlege selbst, hier zu spielen. Hatte ich dir meiner neuen Klanginstallation erzählt?“

Er nickt interessiert, während sie weiter meinen Stoff auf ihrem Flyer zerkleinert.

„Das Untergeschoss ist eigentlich zu verbaut, als dass man einen wirklich guten Sound kreieren könnte“, erkläre ich und wackle wichtigtuerisch mit dem Kopf.

„Bei uns in Toulouse gibt’s nichts Vergleichbares. Also zumindest nicht so was.“

Er breitet ehrfürchtig die Arme aus und deutet auf das imposante Gebäude des Zoo.

„Stimmt“, pflichtet sie ihm bei und reicht mir Flyer und Ziehröhrchen.

„Südfrankreich hat aber auch was für sich“, antworte ich, taxiere die drei aufgebauten Lines und ziehe die größte.

„Warst du schon mal in Toulouse?“, fragt er und sieht mich erwartungsvoll an.

Ich gebe ihr den Flyer zurück und lächle ihn an. Seine mandelförmigen Augen sind in der Mitte dunkelbraun, umfasst von einem bernsteinfarbenen Kranz. Ich muss an einen altaischen Esel denken. Altaische Esel haben riesige, melancholische Augen.

„Ich mag Esel“, blubbere ich.

Er sieht mich irritiert an. Die von mir unbedacht vorgetragene Sympathiebekundung scheint ihm vor seiner Freundin unangenehm zu sein.

„Nun, ich wollte sagen, ich meine …“, mein Hirn schaltet einen Gang höher, „… also der Punkt ist, ich hatte mal einen Studienkollegen, der kam aus einem Dorf in der Nähe von Toulouse, und dessen Vater … der hatte eine altaische Eselzucht.“

Das Mädchen sieht erstaunt zu mir.

„Echt? Altaische Esel?“

„Ja, bemerkenswert, oder? Aber jetzt wohnt der Typ in München. Berlin war, glaube ich, nicht so sein Fall, jobtechnisch jedenfalls nicht.“

„Dafür sind die Partys besser“, mischt er sich ein und lächelt versöhnlich.

Sie zieht ihre Line, wischt sich die Nase ab und gibt ihm den Rest, sie sieht zu mir und fragt: „Und was ist mit den Eseln passiert?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Keine Ahnung, der alte Mann wird sie wohl geschlachtet haben.“

„Oha“, entfährt es ihr.

Ich nicke zufrieden und freue mich, dass das Gespräch wieder in geordneten Bahnen verläuft. Er legt sich den Flyer auf die Knie und zieht sich den Stoff bis in die Stirnhöhlen hoch. Langsam richtet er sich auf und streckt sich ein paar Mal. Eine seltsam erotische Spannung legt sich über unseren Teil der Wiese.

„Im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Spanien, da gibt es noch immer Bauern, die Esel als Lastentiere halten“, erklärt er und leckt sich über die taub gewordenen Lippen.

„Das wusste ich gar nicht“, antworte ich und versuche, interessiert zu gucken.

Sie bietet mir eine Zigarette an. Ich greife zu. Wir geben uns gegenseitig Feuer. Er legt sich auf die Seite und schließt die Augen. Ich kreise mit dem Kopf hin und her und starre Löcher in die Luft. Sie spielt an ihrem Nasen-Piercing herum. Das Gespräch droht zu versiegen.

Erneut gibt er sich einen Ruck und sagt: „Wir wohnen übrigens in Weißensee.“

„Also faktisch um die Ecke“, witzele ich und sehe zu ihr.

„Mit der Straßenbahn ist es ein Katzensprung“, antwortet sie und lächelt einladend.

Zweieinhalb Stunden später sitze ich mit einem Kater namens Henri auf dem Schoß auf einer dreiteiligen Couch in Weißensee.

Sie wirtschaftet in der Küche herum, kocht Kaffee. Er sitzt neben mir und präsentiert stolz seine Bewerbungsmappe für die hiesige Kunsthochschule.

„Die habe ich selbstgemacht. Erst im Park gesammelt, dann getrocknet und anschließend mit Acryl und Öl aufgearbeitet.“

Ich sehe nur ein paar bunte Laubblätter, deren Ränder in unterschiedlichen Farben schillern.

„Das Projekt ist in mehreren Phasen entstanden, von denen jede an eine kunstgeschichtliche Epoche angelehnt ist“, erklärt er und blättert weiter.

Ich halte mir eine kalte Flasche Wasser an den Kopf und versuche, mich an meine Schulzeit und das Fach Kunst zu erinnern.

„Kommt gut, irgendwie expressiv“, quäle ich mir eine Stellungnahme heraus.

„Findest du? Aber eigentlich ist das Projekt als Post-Impressionisten-Zitat angelegt.“

„Ach so? Nun, der einzige Post-Impressionist, den ich kenne, ist Toulouse-Lautrec.“

„Du kennst Henri de Toulouse-Lautrec?“

Ich nicke. Er sieht mich fasziniert an. Unsere Ellenbogen berühren sich leicht.

„Der Kaffee ist fertig!“, brüllt es aus der Küche.

Ich zucke vor Schreck zusammen, schubse versehentlich den Kater von der Couch und greife mir eine der herumliegenden Zigaretten. Henri huscht fauchend unter den Tisch.

„Mit Milch und Zucker?“, fragt sie und sieht mich an, als hätte sie vor, mich zu vernaschen.

„Ich nehme ohne alles“, antworte ich.

Die beiden prusten los.

„Was ist denn?“, frage ich verunsichert.

„Wenn man den Satz eins zu eins ins Französische übersetzt, klingt er etwas …“

Das Mädchen stockt.

„Anzüglich?“, frage ich.

„Ja, genau“, antwortet sie und reicht mir eine große Tasse.

„Die Unterhaltung über Toulouse-Lautrec hat meine Gedanken in die Welt des Unmoralischen gelenkt“, versuche ich mich zu rechtfertigen.

Sie setzt sich neben mich und sieht mich forschend an. Ich nippe verlegen an meinem Getränk. Er beugt sich nach vorne, sieht an mir vorbei und sagt: „Er spielt sicher auf dessen wilde Zeit in Paris an.“

„Nun, eigentlich auf die inzestuöse Beziehung seiner Eltern“, verbessere ich altklug.

„Stimmt, die Mütter seiner Eltern sollen angeblich Schwestern gewesen sein“, springt er mir wieder mal bei und grinst spitzbübisch.

„Nur gut, dass wir keine Geschwister sind“, ergänzt sie und lacht hell auf.

„Was seid ihr denn?“, frage ich unsicher.

„Spielt das denn eine Rolle für dich?“, fragt sie und streicht mir mit der Hand über die Innenseite meines Oberschenkels.

Ich spucke den Kaffee in hohem Bogen über den Tisch. Die bunten Laubblätter der Collage färben sich braun. Er nimmt ein Taschentuch zur Hand und wischt das entstellte Kunstwerk sauber. Er sieht mich gespielt vorwurfsvoll an und fragt: „Kann es sein, dass du meine Arbeiten nicht magst?“

„Mann, das war ein Versehen. Nein wirklich, ich finde deine Arbeiten sehr spannend“, antworte ich und wundere mich, wieso mir plötzlich heiß wird.

„Willst du noch eine Mappe von mir sehen?“, fragt er und sieht mich erwartungsvoll an.

Ich wedle mir Luft zu. Vergeblich, ein eigenartiger Druck legt sich auf meinen Kopf.

„Na ja, wenn du noch etwas Interessantes von dir zeigen magst …“

„Trink deinen Kaffee aus!“, herrscht mich das Mädchen unvermittelt an.

Ihre Stimme überschlägt sich im Raum und knallt mir um die Ohren. Ohne nachzudenken, komme ich ihrer Aufforderung nach, stelle die leere Kaffeetasse ab und atme durch. Die Hitzewallungen werden stärker. Er deutet auf meinen Pullover.

„Zieh dich doch aus, wenn dir zu warm ist!“

Auch seine Stimme hallt merkwürdig nach. Ich versuche, mich meines Oberteils zu entledigen. Aus irgendeinem Grund schaffe ich es jedoch nicht mehr, beide Arme gleichzeitig anzuheben. Erst als er mir hilft, gelingt es mir, den Pullover auszuziehen. Ich fühle mich seltsam erschöpft und lehne mich zurück. Meine Gastgeber sehen mich prüfend an. Ihre Gesichter haben sonderbar farbige Flecken. Es kommt mir vor, als wären die beiden ganz nah und weit weg zugleich. Auch das, was sie sagen, ist sonderbar verzerrt.

„Der Kaffee war ganz schön stark …“, versuche ich meinen Ausfall zu erklären.

„Schon gut … das lässt wieder … nach …“, ruft er mir aus der Ferne zu. Sie fasst mich an den Schultern und setzt sich unvermittelt auf mich.

Ihre Haare fallen auf meinen Bauchnabel. Ich spüre ihre warmen Hände auf meinem Körper. Er nimmt hinter ihr Platz und zieht dem Mädchen das T-Shirt aus. Seine Lippen liebkosen ihren Hals. Seine Hände lassen ihre kleinen, weißen Brüste über mir auf und ab tanzen. Ich fühle eine starke Erregung in mir aufkommen. Mein ganzer Körper mutiert zu einer erogenen Zone. Die Haut kribbelt. Die Hose fühlt sich an, als hätte sie jemand mit Beton ausgegossen. Ich taste nach meinem Reißverschluss. Sie lässt von mir ab. Er zieht sich das Hemd aus. Ich zerre, fummle und hebele, lasse mir erst von ihr, dann auch von ihm helfen. Vergeblich, der Reißverschluss meiner Hose lässt sich nicht öffnen.

Verzweifelt sehe ich zu ihr auf und stottere: „Habt ihr … vielleicht … eine Zange?“

Sie deutet kichernd zur Küche hinüber.

„Unter der Spüle … da müsste … ein roter Werkzeugkasten sein.“

Ich drehe mich in die angezeigte Richtung um und falle kopfüber von der Couch. Über mir geht es derweil ohne mich weiter.

Er hält sie von hinten am Becken fest, flüstert ihr Formeln und Beschwörungen ins Ohr und dringt langsam ihn sie ein. Dass ich ihnen dabei zusehe, scheint die beiden nicht zu stören. Im Gegenteil, es kommt mir vor, als würde es sie antörnen. Doch noch habe ich die sich mir bietende Chance auf einen Dreier nicht aufgeben.

Ich rappele mich hoch, halte mich an der mir entgegenkommenden Stehlampe fest, verliere das Gleichgewicht und krache mit der Schulter gegen den Türrahmen. Diesmal gelingt es mir jedoch, auf den Beinen zu bleiben, was ich als kleinen, aber wichtigen Zwischenerfolg werte.

„Ich bin … gleich … wieder da“, erkläre ich feierlich, reiße mich vom Anblick der sich Liebenden los und stürze wankend in den mit Punktstrahlern erleuchteten Korridor. Auch hier schreien mir selbstgemachte Holzdrucke und farbenfrohe Aquarelle von den Wänden entgegen. Mit halbgeschlossenen Augen kämpfe ich mich bis zur Küche durch. Buntbemalte Kacheln und hochkopierte Fotocollagen springen mich ohne Vorwarnung an. Ich richte meinen Blick zum Boden und taste mich bis zur Spüle vor. Hektisch wühle ich mich durch den Hausrat der Franzosen.

Noch immer bin ich fest entschlossen, den Hebel Richtung Orgie umzulegen. Doch weder unter der Spüle noch in einem der zahlreichen Regale ist so etwas wie ein Werkzeugkasten zu finden. Mein Magen zieht sich zusammen. Mir wird übel. Ich setze mich auf einen der Hocker. Um nicht vornüberzukippen, halte ich mich an der Tischkante fest.

Wieso in aller Welt war mir nur derart schlecht? Hatte ich zu viel genommen? Oder war es die Gesamtsituation, die mir derart zu schaffen machte?

Unter mir schnurrt es. Der Kater bewegt sich zwischen meinen Beinen hindurch und sieht mich verführerisch an. Ich atme ein paarmal kontrolliert aus und versuche erneut aufzustehen. Doch diesmal versagen meine Beine. Henri ist es recht. Er reibt sich weiter an meinen Waden. Dann macht er einen Buckel, streckt sich zweimal und scharwenzelt zum Balkon hinüber. Plötzlich erfasst mich ein unwiderstehlicher Drang, dem Tier zu folgen. Ich lasse mich auf den klebrigen Fußboden plumpsen, ziehe meine Socken aus und krieche dem Kater auf allen Vieren hinterher.

„Nur eine kurze Auszeit, eine ganz, ganz kurze Auszeit“, beruhige ich mich selbst.

Tatsächlich, die kühle Luft tut mir gut. Alle Anspannung fällt von mir ab. Ich lege mich neben Henri, umfasse seinen warmen, gleichmäßig atmenden Körper, schließe für ein paar Sekunden die Augen und schlafe zufrieden ein.

KAPITEL 2

In Mischas Neuköllner Einraumwohnung. Ich liege auf Mischas Diwan und kühle mir die schmerzenden Nebenhöhlen mit einem Eisbeutel. Im Fernsehen läuft Fußball, Milan gegen Manchester.

Mischa schenkt uns beiden Whisky nach. Er sieht mich interessiert an und fragt: „Und, hast du den Toulouser noch flachgelegt? Oder bist du mit dem Kater auf dem Balkon geblieben?“

Mischa ist gebürtiger Moskauer und hat seit kurzem einen deutschen Pass. Nachts verdingt sich der Vater einer sechsjährigen Tochter als Sportkommentator, tagsüber dealt er mit gebrauchter Film- und Tontechnik.

Ich sehe zu Mischa auf und antworte: „So weit ich mich erinnern kann, habe ich niemanden mehr flachgelegt. Stattdessen träumte ich, wie ich als Junge mit meiner Mutter am See baden war. Meine Mutter saß auf einer blaugrün karierten Wolldecke. Sie trug ihren gelben Bikini und sonnte sich. Ich kletterte auf dem alten Sprungturm herum und sprang ein ums andere Mal in den See. Meine Mutter sah mir vom Strand aus zu. Das Klatschen der Wellen, das Lachen der anderen Kinder, alles wirkte so friedlich. Ich kam aus dem Wasser und lief auf meine Mutter zu. Da fing ein Kind an zu weinen. Mehrere Erwachsene versuchten es zu beruhigen. Das Kind aber weinte immer mehr. Es tobte und schrie so intensiv, dass alle anderen Kinder verunsichert aufsahen. Einige stimmten in das Weinen ein. Es war ein furchtbares, herzzerreißendes Geheul. Ich erschrak und wachte auf.“

Mischa fährt sich mit der Rechten über die polierte Glatze.

„Und was ist dann passiert?“

„Ich öffnete die Augen und erschrak ein zweites Mal. Um mich herum standen lauter Kinder. Sie sahen mich von oben herab an und rümpften ihre kleinen Nasen. Als wäre ich Abfall.“

„Aber du sagtest doch, dass du dich auf den Balkon gelegt hattest? Wie können da plötzlich Kinder um dich herum stehen?“

„Es stellte sich heraus, dass der Balkon gar kein Balkon, sondern eine Terrasse war. Diese wiederum grenzte an den Spielplatz des benachbarten Kindergartens.“

„Verstehe“, antwortet Mischa und fragt: „Und bist du wieder zu den beiden in die Wohnung, oder haben die Kindergärtnerinnen deinetwegen die Polizei gerufen?“

„Die Terrassentür war seltsamerweise abgeschlossen. Zum Glück hatte ich noch immer meine Hose an, du weißt ja, der Reißverschluss hatte sich nicht öffnen lassen. Also lief ich ums Haus und klingelte ein paarmal. Da mir jedoch niemand öffnete, entschied ich mich, mit der Straßenbahn nach Hause zu fahren. Und weil ich kein Geld für eine Fahrkarte hatte, durfte ich barfuß von Weißensee bis nach Stralau laufen.“

Ich deute auf meine Füße.

„Hier, willst du meine Schwielen sehen?“

Mischa verzieht seinen Mund.

„Deine Schwielen interessieren mich nicht. Sag mir lieber, was dein Erlebnis auf der Terrasse mit der Entscheidung, deine Installation zu überarbeiten, zu tun hat.“

Ich nippe an meinem Whisky und sehe meinen russischen Freund einen Moment lang an.

„Dieser Ausdruck in den Gesichtern der Kinder war unglaublich, eine Mischung aus Neugier, Entsetzen und Verachtung. Als wären sie Götter, die auf ihre Schöpfung hinabschauen, teils ungläubig, teils angewidert.“

„Meine Güte, meine Tochter sieht mich auch manchmal an, als könnte sie mir direkt in den Kopf gucken. So etwas kommt immer ein wenig schräg rüber und hat vielleicht sogar einen eigenen Reiz. Aber nochmal, wieso willst du schon wieder alles über den Haufen werfen?“

„Ich bin einfach davon überzeugt, dass meine Installation noch sehr viel besser werden könnte. Ich würde gern noch viel stärker kontrastieren, sowohl bildlich als auch musikalisch.“

„Aber du hattest doch letztens im Club einen Super-Auftritt hingelegt.“

Ich nicke Mischa zu und ziehe entschuldigend die Schultern hoch.

„Ja schon. Aber der Mann, auf den es ankam, ist gar nicht erst erschienen.“

„Der Zoo-Booker ist nicht dagewesen? Und wieso erfahre ich das erst jetzt?“

„Habe ich dir alles gemailt, letzte Woche schon.“

„Ich habe nichts bekommen“, erwidert Mischa und sieht mich verwundert an.

„Ich habe ihn eingeladen, und er ist nicht gekommen. Außerdem hat mir ein befreundeter DJ gesteckt, dass der Zoo-Booker großen Wert auf Exklusivität legt. Mein Installations-Konzept ist aber strenggenommen zwei Jahre alt. Wenn ich also wirklich sichergehen will, dass der Zoo-Booker auf meine Arbeit abfährt, muss ich nochmal gründlich Hand anlegen.“

„Und wo wirst du deine neue Installation präsentieren? Im Hinterhof eures Mietshauses oder auf dem Kinderspielplatz in Weißensee?“

„Auf dem Schwarzlicht-Festival, auf deren Talent-Floor. Da präsentiert sich dieses Jahr der musikalische Nachwuchs Berlins. Zwar gibt es nur eine begrenzte Zahl an Startplätzen, mein Mitbewohner kennt aber die rechte Hand des Veranstalters. Der wird mich entsprechend empfehlen.“

Mischa nickt stumm vor sich hin. Er überlegt einen Moment lang, sieht zu mir und sagt: „Nimm es mir bitte nicht übel, aber meine Entscheidung steht fest. Ich bin nicht mehr in der Lage, dein Projekt weiter zu sponsern.“

Ich trinke einen Schluck Whisky und genieße das kurze, aber intensive Brennen im Rachen.

„Weißt du, Mischa, mein Anspruch an mich selbst ist irgendwie gewachsen. Meine Musik ist viel klarer geworden. Ich spiele jetzt nicht mehr so viel herum, verliere mich nicht im Klein-Klein. Alles folgt einer Linie, auch das Licht und die Videosequenzen ordnen sich einer leitenden Idee unter. Die Leute verstehen das oft nicht sofort, aber sie spüren es irgendwie, also instinktiv. Sie steigen dann unbewusst auf die von mir kreierten Welten ein und lassen sich davontreiben. Dieser Austausch zwischen Zuhörer und Künstler schafft eine unglaubliche Nähe. Deshalb habe ich auch so viele Fans, im Netz.“

„Fans zu haben ist toll. Aber mit Gefällt-mir-Buttons kann man keine Miete zahlen. Oder gibt es eine neue Tauschbörse im Netz, von der ich noch nicht weiß?“

Ich überlege, was ich meinem russischen Freund auf dessen Einwände hin entgegnen könnte.

Mischa aber kommt mir zuvor: „Wie es aussieht, produzierst du mal wieder ins Blaue hinein. Natürlich hoffst du, dass sich der Aufwand am Ende lohnt. Was aber, wenn du keinen Startplatz für dieses Festival zugelost bekommst? Was, wenn der Zoo-Booker wieder nicht kommt? Was, wenn du wie letztes Jahr abstürzt und wieder wochenlang ausfällst?“

„Ich bin gar nicht mehr so unstet. Ich arbeite sehr viel konzentrierter und fühle eine neue Kraft in mir. Eine Kraft, die mich antreibt und mich voranschreiten lässt. Früher wusste ich oft nicht, warum ich eine Entscheidung treffe. Mir fehlte die Selbstsicherheit und die Ruhe. Doch das alles hat sich mit der Perspektive Zoo grundlegend verändert. Jetzt bin ich in der Lage zu sagen, was ich will und wohin es mit meiner Musik und meinen Bildern geht.“

Mischa beugt sich zu mir, schenkt uns Whisky nach und fragt mit süffisantem Lächeln: „Du bist also reif für die ganz große Bühne? Klingt großartig. Ich steige trotzdem aus. Einen Künstler wie dich kann ich mir im Moment einfach nicht leisten.“

„Kein Problem, dich zwingt ja keiner, dabeizubleiben. Obwohl ich es sehr schade finde, dass du mich in so einer wichtigen Situation im Stich lässt. Und ja, ich denke schon, dass ich für den nächsten großen Schritt bereit bin.“

Mischa hebt sein Glas an und prostet mir zu: „Na dann, auf deine neue Kraft und darauf, dass dir das Projekt nicht irgendwann über den Kopf wächst.“

„Was meinst du damit?“, frage ich und sehe Mischa mit schmalen Augen an.

„Nun, wenn man dir so zuhört, könnte man meinen, du seist Christo und Copperfield in einer Person und hättest vor, den Vatikan mit Hilfe eines überdimensionalen Kondoms verschwinden zu lassen.“

Trotzdem wir gut befreundet sind, fühle ich mich ob Mischas unqualifizierter Kritik angegriffen. Auch sein spontaner Rückzug als mein Hauptsponsor schlägt mir gehörig auf den Magen. Ich fixiere den Russen und knurre: „Das ist ja drollig, dass ausgerechnet du findest, dass ich mich zu wichtig nehme?“

Mischa sieht mich überrascht an und fragt zurück: „Wieso, was ist denn mit mir?“

„Na, überleg mal! Erst hintergehst du deine Frau mit ihrer besten Freundin, und kaum, dass Gras über die Sache gewachsen ist, knallst du euer neues Kindermädchen.“

Mischa zieht die Schultern hoch.

„Ja und?“

„Dein Vergnügen ist dir das Wichtigste. Platz eins für Mischa und seinen unermüdlich ackernden Freudenstab. Alles andere kommt an zweiter Stelle. So weit du beim Ficken überhaupt bis zwei zählst. Wer nimmt sich hier also zu wichtig, du oder ich?“

Mischa winkt ab und antwortet: „Jetzt übertreibst du aber gehörig. Die Affäre mit der Freundin meiner Frau ist gar nicht mehr aktuell. Und unser neues Kindermädchen habe ich bisher nur einmal vernascht. Abgesehen davon bin ich nicht immer uneingeschränkt glücklich mit dem, was ich tue.“

„Nicht uneingeschränkt glücklich? Was genau soll das heißen?“

„Na ja, manchmal frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich als Mormone oder Moslem geboren wäre. Muslime leben nach wie vor polygam und dürfen so viele Frauen haben, wie sie wollen. Als Jude musst du dich inzwischen für eine Einzige entscheiden und dann auch noch bei ihr bleiben. Das wiederum widerspricht meinem Naturell.“

Ich stelle mir Mischa in einem weißen Kaftan und Sandalen vor und muss lachen. Meine innerliche Aggression verpufft.

„Du wärst also lieber Moslem? Du müsstest dann während deines Urlaubs nach Mekka pilgern. Keine besonders leichte Aufgabe, bei deinem Übergewicht.“

„Moslem oder was auch immer. Ich wäre auf jeden Fall gern jemand, der sich und sein Begehren in Bezug auf Frauen nicht ständig moralisch hinterfragen muss.“

Ich schüttle belustigt den Kopf und antworte: „Aber du liebst es doch, moralische Grenzen zu überschreiten, und noch mehr liebst du deinen Genuss.“

„Nun, eigenartigerweise habe ich in letzter Zeit immer mal wieder ein schlechtes Gewissen, vielleicht wäre ich deswegen gern religiöser“, erwidert Mischa.

Ich lehne mich zurück und frage: „Du würdest also freiwillig deine Freiheit und deinen Verstand opfern, nur um im Gegenzug ein klein wenig mehr zur Ruhe zu kommen?“

Mischa rückt ein Stück näher an mich heran.

„Ja, das würde ich. Grenzenlose Freiheit bringt doch auf Dauer eh nur Ärger. Übrigens glaube ich, dass auch dir etwas mehr Spiritualität gut zu Gesicht stehen würde. Sie würde dir Halt geben.“

Ich wende mich kopfschüttelnd ab und sehe zum Fernseher rüber. Der Schiedsrichter hat den Italienern einen Elfmeter zugesprochen. Der Gefoulte schießt selbst – daneben.

„Ich sollte also lieber mit dir in die Synagoge gehen, statt am Wochenende im Club abzuhängen? Glaubst du wirklich, dass mich so ein Schnickschnack weiterbringt?“

Mischa lässt seine linke Hand eine unsichtbare Linie in der Luft nachzeichnen und antwortet: „Na ja, womöglich existiert zwischen deinen exzessiven Abstürzen und deiner unendlichen Sehnsucht nach Anerkennung ja ein Zusammenhang? Ich zumindest habe manchmal den Eindruck, dass du nicht in der Lage bist, dich als Teil von etwas Übergeordnetem zu begreifen. Deshalb fehlt dir auch die nötige Entspanntheit beim Lösen von Problemen.“

„Ich wusste gar nicht, dass du so ein Fan von Hausfrauen-Psychologie geworden bist. Außerdem, was bitte ist so schlimm an meinen exzessiven Abstürzen?“

„Eigentlich nichts. Du lebst das Leben eines Künstlers, so gesehen hast du das Recht, dich ab und an treiben zu lassen oder durchzudrehen“, antwortet Mischa und ergänzt: „Wie gesagt, ab und an, denn sonst besteht die Gefahr, dass du dich verlierst und gar kein Land mehr siehst.“

„Aber du bist doch auch nicht in der Lage, dich einer spirituellen Kraft unterzuordnen. In die Synagoge gehst du doch nur an Feiertagen, und den Talmud, der da so demonstrativ in deinem Bücherregal steht, hast du den etwa gelesen?“

„Es geht doch nicht darum, irgendwelchen religiösen Mustern oder Traditionen zu folgen“, antwortet Mischa.

„Um was geht es denn?“, frage ich.

„Es geht darum, zu wissen, wer man ist und wo man hingehört.“

„Ach, und du weißt, wo du hingehörst?“

„Na logisch weiß ich das. Ich hintergehe zwar gelegentlich meine Frau, und ja, sie hat mich gerade aus unserer gemeinsamen Wohnung rausgeschmissen. Aber prinzipiell weiß ich, wo ich hingehöre und welchen Prioritäten ich mich unterzuordnen habe. Ich bin verheiratet, habe eine kleine Tochter, lebe für meine Familie und glaube an die Selbstverwirklichung innerhalb der kapitalistischen Konsumgesellschaft.“

„Gerade noch wolltest du zum Islam wechseln, um tausendundeine Frau zu knallen, und nun erklärst du mir, dass dir deine Familie am wichtigsten ist?“

Mischa breitet die Arme aus und lächelt mich zufrieden an.

„So ist es, mein Freund.“

Ich schüttle genervt den Kopf und versuche, das Gesagte nicht an mich heranzulassen. Zu spät, gnadenlos wechselt mein Hirn in seinen Frage-Terror-Modus: ‚War mein Lebenswandel tatsächlich derart unstet? Neigte ich in Bezug auf meine Arbeit deshalb zu chronischen Neustarts? Stand ich mir am Ende gar selbst im Weg?‘

Da mein Kopf mich regelmäßig auf diese Weise ins Kreuzverhör nahm, wusste ich, was in solchen Momenten zu tun war. Es galt, die unangenehmen Fragen mit Alkohol und niederer Unterhaltung zu torpedieren, so lange, bis diese sich verpisst hatten.

Nach einer Viertelstunde konzentrierten Fußballschauens und zwei doppelten Single Malt habe ich meine Gedanken endlich wieder im Griff.

Mein Kopf ist befriedet und ich der Überzeugung, dass alles nur eine Frage der Zeit und des sich verändernden Energieflusses ist und es sich definitiv nicht lohnt, sich von Mischas kruden Hypothesen den Abend versauen zu lassen. Schon in wenigen Tagen würden sich meine Endorphin-Depots regeneriert haben. Dann würde sich alles wie von selbst finden. Es gab also keinerlei Grund, sich derart verunsichern zu lassen.

Entspannt sehe ich zu Mischa, deute auf die vor dem Bücherregal stehende schwarze Reisetasche und frage: „Dein neues Mikrofonset ist aber auch dabei, oder hast du das vorsorglich rausgenommen?“

Mischa überlegt einen Moment lang.

„Nein, mein neues Set ist nicht dabei.“

„Aber ein einheitliches Mikrofonset würde mir meine Arbeit deutlich erleichtern.“

„Du wolltest mit vier herkömmlichen Mikrofonen eine Flächenatmosphäre nachstellen. Deshalb habe ich dir vier Mikrofone besorgt. Von meinem neuen Set war nie die Rede. Außerdem kannst du dir so ein hochwertiges Mikroset gar nicht leisten.“

„Wie viel muss ich denn abdrücken, wenn das neue Set nicht dabei ist?“

„Dreihundertfünfzig.“

„Aber so viel habe ich gar nicht.“

„Du kannst mir die Miete in Raten zu je fünfzig Euro abstottern, vorausgesetzt, du zahlst einen Hunderter an.“

Ich hole mein Portemonnaie hervor und versuche, mir einen Überblick über meine Barbestände zu machen.

„Wenn ich dir einen Hunderter anzahle, bin ich faktisch pleite.“

„Keine Hände, keine Kekse“, antwortet Mischa und dreht den Ton des Fernsehers lauter.

„Und ich dachte, wir sind Freunde. Oder hat der Mann, der an die Selbstverwirklichung innerhalb der Konsumgesellschaft glaubt und sich weigert, weiter Geld in meine Installation zu investieren, keine Freunde?“

„Natürlich sind wir Freunde, mein Lieber. Deshalb mache ich dir ja auch einen Freundschaftspreis“, erwidert Mischa.

„Dreihundertfünfzig, das ist doch kein Freundschaftspreis. Dafür könnte ich den Schrott ja schon fast kaufen“, antworte ich.

„Dann kaufe ihn dir doch, den Schrott. Dann musst du auch kein Geld mehr für Technikmiete ausgeben“, erwidert Mischa gereizt.

„Schon gut. Ich weiß dein Angebot wirklich zu schätzen. Ich bin nur gerade etwas knapp bei Kasse. Es wäre daher schön, wenn du mir den Gesamtbetrag stunden könntest?“

Mischa tut so, als er hätte er meine letzte Frage nicht gehört. Er kneift die Augen zusammen und versucht, den Spielstand abzulesen. Ich packe mein letztes Geld auf den Tisch, trinke meinen Whisky aus und stehe auf. Mischa sieht verdutzt zu mir.

„Wie denn, du willst schon los? Ich dachte, wir schauen noch das Spiel bis zu Ende?“

Ich nehme mich der Tasche an und checke die Technik.

„Ich verpasse sonst die letzte Bahn. Keine Angst, meine Sonne, du bekommst deine erste Rate spätestens Ende des Monats, versprochen.“

Mischa zählt mein Geld, steckt es sich in die Hose und steht ebenfalls auf.

„Ich weiß, dass du ein ehrenwerter Geschäftsmann bist. Ach, und manchmal ist es gut, wenn man jemanden an seiner Seite hat, der einem nicht nur nach dem Mund redet. Jemand, der einem ein Stück weit die organisatorische Verantwortung abnimmt. Jemand, der musikalisch kompetent ist und eine unabhängige Meinung einbringt.“

Ich wuchte die Tasche hoch und drehe mich zu Mischa um.

„Nun, ich hatte gerade versucht, dich zu überzeugen, nicht aus dem Projekt auszusteigen. Um das finanzielle Risiko überschaubar zu halten. Aber eher geht wohl ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass du ein Underground-Musik-Projekt bis zu dessen Vollendung sponserst.“

Mischa schenkt mir ein breites Lächeln und umarmt mich zum Abschied.

„Vergiss nicht, wenn man allein arbeitet und auch alle Entscheidungen selbst trifft, besteht die Gefahr, dass man vor lauter Arbeit den Blick fürs Wesentliche verliert.“

„Ich bin nicht allein, Mischa. Meine Gedanken, meine Bilder und Ideen sind stets bei mir.“

„Na, dann hoffe ich für dich, dass dir deine Gedanken weiter beistehen“, sagt Mischa und geleitet mich zur Tür.

„Du wirst sehen, diese Klanginstallation wird mein Durchbruch werden. Ein Auftritt im Zoo ist wie eine Aufführung am Broadway. Allein der Fakt, dass man sich auf dieser Bühne präsentiert, katapultiert einen in die Top 20 der Berliner Kunstszene. Danach werde ich mir eine ganze Schar an Mitarbeitern und Assistenten leisten können. Du darfst dann gern als Buchhalter bei mir anfangen und mein Geld zählen“, erwidere ich.

KAPITEL 3

Zwei Tage später um acht Uhr morgens auf dem Flughafen Tegel. Ich stehe vor der Anzeigetafel. Die Maschine meines Mitbewohners hat Verspätung. Zerknirscht setze ich mich in die Cafeteria und bestelle einen Kaffee.

Trotzdem ich die letzten beiden Nächte durchgearbeitet habe, bin ich noch immer keinen Schritt weiter. Die Bilder aus meinen Archiven sagen mir nicht mehr zu. Auch mein Versuch, meinem musikalischen Konzept mittels weniger Umstellungen neues Leben einzuhauchen, ist nicht aufgegangen.

„Das macht vier fünfundneunzig!“

Ich sehe zu der Serviererin auf. Das dicke Mädchen sieht mich gelangweilt an und wartet auf eine Reaktion meinerseits. Ich fummle einen Schein hervor.

„Mach fünf und kauf dir was Schönes!“

Das dicke Mädchen nimmt mir das Geld aus der Hand und watschelt Flüche murmelnd davon. Ich nehme mir die aktuelle Ausgabe des „Star-Magazin“ zur Hand. Im Leitartikel werden die Berliner Clubs beschrieben. Der musikaffine Autor, ein gewisser Lars Lerchenberg, schwärmt von der hiesigen DJ-Szene und den exzessiven Partys und schildert seinen Versuch, in den Club Zoo zu gelangen. Dass er am Ende mehrere Stunden umsonst angestanden hat, tut seiner Euphorie keinen Abbruch. Im Gegenteil, in pathetischen Wortgebilden beschreibt er sein Scheitern und ergießt sich in gewagten Thesen in Bezug auf das, was er möglicherweise verpasst hat.

‚Kein Wunder, dass der Zoo derzeit als das Maß aller Dinge gehandelt wird‘, denke ich bei mir, während sich ein Schatten über mein Journal legt. Ich sehe zu dem Verursacher auf und erkenne die Silhouette meines Mitbewohners.

„Ich dache, ich werde abgeholt? Nun darf ich feststellen, dass der Herr sich hier zum Kaffeetrinken und Zeitunglesen eingefunden hat“, motzt Eddy mich an und entledigt sich seiner überdimensional großen Reisetasche.

Eddy ist Ende zwanzig und gebürtiger Charlottenburger. Seine Mutter ist Südkoreanerin, der Vater Deutscher. Eddy arbeitet als Cutter. Er ist ein fanatischer Technikfreak und der größte Anime-Fan, den ich kenne.

„Die Anzeigetafel meinte, dein Flug hätte Verspätung“, antworte ich und stehe auf.

Eddy sieht mich an, als wäre ich ein Hilfsarbeiter.

„Keine Ahnung, was die Leute vom Flughafen für Informationen weitergeben. Laut meiner Uhr sind wir pünktlich gelandet. Der Einzige, der nicht da war, warst du.“

Eddy dreht sich um und läuft los. Ich greife mir seine Reisetasche, hänge sie mir um und laufe ihm hinterher.

Kurz darauf auf dem Parkplatz. Eddy setzt sich auf den Beifahrersitz meines geliebten 244er Volvos und sieht sich im Spiegel an.

„Und, wie sehe ich aus, erholt?“

Ich nehme neben meinem Mitbewohner Platz, starte und antworte: „Braungebrannt und erholt, man könnte meinen, du wärst im Urlaub gewesen.“

„Urlaub, was für Urlaub? Ich habe jeden Tag Sport gemacht, bin am Strand spazieren gegangen und habe mir nachts die Seele aus dem Leib getanzt. Jetzt könnte ich tatsächlich ein paar Tage Ruhe vertragen.“

„Und wie lief es mit deinem Lover? Zieht er es noch immer in Betracht, sich von seinem Freund zu trennen?“

Eddy sieht mich an, als hätte ich Kim Jong-Ils Nachfolger zum Amtsantritt gratuliert.

„Peter kann sich gar nicht von seinem Freund trennen, die beiden sind verheiratet.“

„Ach so, echt?“

„Ja, echt. Er hat es mir am Flughafen gesagt, also bevor wir losgeflogen sind.“

„Netter Zug von ihm“, antworte ich.

„Egal, wir waren ja nicht nur zu dritt unterwegs.“

„Wie viele wart ihr denn?“, frage ich.

„Peter, Peters Mann, die Affäre von Peters Mann und ein vor Ort arbeitender Surflehrer. Alles in allem fünf Männer, die wechselnden Disco- und Ressortbekanntschaften nicht mitgezählt.“

„Und mit wem von denen hast du dir dein Zimmer geteilt?“

„Mal so, mal so.“

„Wie jetzt?“, frage ich und biege auf den Stadtring ein.

„Na, den meisten Sex hatte ich natürlich mit Peter. Dann hat der sich den Magen verdorben. Ab da war ich viel mit Peters Mann und dessen Affäre zusammen. Und weil es so heiß war, haben wir ein paar Mal zusammen geduscht.“

„Und Peter hat das einfach so hingenommen?“

„Peter hat das gar nicht mitbekommen. Er hat zwar mit mir Tür an Tür gewohnt, aber die Diarrhö hat ihn echt ausgeknockt.“

Ich schalte einen Gang höher, sehe zu Eddy rüber und frage: „Das heißt, du bist jetzt mit Peters Mann zusammen?“

Eddy sieht mich gespielt überrascht an und winkt ab.

„Na Hilfe, der ist doch gar nicht mein Typ und außerdem viel zu alt. Nein, ich habe mich an jemand anderen gehalten.“

„Du meinst, an Peter, als der wieder fit war?“

Eddy grinst vielsagend.

„Ja schon, aber nicht so, wie du denkst!“

„Das heißt?“

„Na ja, die meiste Zeit habe ich mit unserem Surflehrer verbracht. Und da es auf Gran Canaria nur selten gute Wellen gibt, mussten wir unsere Zeit anderweitig totschlagen.“

Eddy leckt sich über die Lippen, als könnte er den Surferlehrer noch immer schmecken.

„Du hattest also auch noch was mit eurem Surflehrer angefangen?“, frage ich erstaunt.

„Nun, ich hatte hauptsächlich was mit unserem Surflehrer, der übrigens auf denselben Namen hört wie Peter. Wir mussten die beiden Peters deshalb mit entsprechenden Attributen versehen, um sie besser unterscheiden zu können.“

„Lass mich raten, dein Berliner Peter heißt jetzt Peter der Große?“

„Richtig. Und diesen Namen hat er nicht wegen seiner Körpergröße bekommen“, erwidert Eddy und grinst spitzbübisch.

„Klingt doch nach einem erlebnisreichen Urlaub“, resümiere ich und ordne mich links ein.

„Stimmt, ich habe eigentlich keinen Grund zu klagen. Aber der Urlaub hätte gern auch noch zwei Wochen länger gehen können. Und wie läuft es bei dir so?“

„Könnte nicht besser sein“, lüge ich und donnere über die Bornholmer Brücke.

„Ich meine arbeitstechnisch, kommst du mit deiner Installation voran?“

„Gerade suche ich einen neuen Partner. Einen, der sein Geld sinnvoll investieren will. Immerhin geht es um einen Auftritt im Zoo. Das wäre sicher auch eine Super-Werbung für dich. Du als Cutter könntest ein Engagement wahrscheinlich sogar von der Steuer absetzen.“

Eddy sieht mich erstaunt an.

„Was ist denn passiert? Ist Mischa abgesprungen?“

„Mischas Cousin hat mit seinem letzten Pornodreh ein sattes Minus erwirtschaftet. Mischa war an dem Dreh beteiligt. Jetzt kann er sich einen Künstler wie mich nicht mehr leisten.“

Eddy schaut auf die Straße und überlegt.

„Ich weiß dein Angebot wirklich zu schätzen. Aber mein Konto war schon vor meinem Urlaub hoffnungslos überzogen. Zudem glaube ich, dass eine projektbezogene Zusammenarbeit unsere Freundschaft mit Sicherheit überstrapazieren würde. Mir reicht es schon, mit dir in einer WG zusammen zu wohnen.“

„Wieso bist du dir da so sicher? Du hast doch noch nie mit mir zusammengearbeitet.“

„Glaube mir, das würde hundertprozentig gegen den Baum laufen. Außerdem bin ich bis Ende September ausgebucht. Ich habe also gar keine Zeit, dich bei deiner Arbeit zu unterstützen.“

„Na gut, wie du meinst“, antworte ich und schiebe nach: „Wenn du es dir doch noch anders überlegen solltest, weißt du ja, wo du mich findest!“

„In der Tat, das weiß ich wohl“, antwortet Eddy und grinst.

KAPITEL 4

Stunden später auf dem Dach des Suicide Circus. Es ist windig und unangenehm nasskalt. Ich stehe frierend vor meinem aufgebauten Technikturm und checke das neu installierte Aufnahmeprogramm.

Unter mir ist die Völkerwanderung in vollem Gange. Aufgetakelte Russinnen in Miniröcken, volltrunkene Engländer in Chelsea-Trikots, grölende, hahnenkammgeschmückte Holländer in Hortklassenstärke – halb Europa strömt von der Warschauer Brücke kommend Richtung RAW-Gelände zu den vor Ort ansässigen Clubs. Ich fahre mein Aufnahmeprogramm hoch, aktiviere die Funkstrecken der von mir links und rechts der Ausgehmeile platzierten Mikrofone, setze meine Kopfhörer auf und schalte den Aufnahmemodus ein. Statt der zu erwartenden, bunten Geräuschkulisse höre ich nur ein kratzendes Rauschen. Ich schalte noch einmal alles aus, überprüfe den Ladestand der Akkus und die Geräteverbindungen. Dann fahre ich alles ein zweites Mal hoch. Doch auch dieser Versuch bringt wenig Zählbares. Einzig das Rauschen ist stärker geworden. Im Hintergrund höre ich zwei Personen auf Türkisch streiten. Möglicherweise, weil eines meiner Mikrofone die Kebab-Bude unterhalb der Warschauer Straße eingefangen hat.

„Verdammter Mist“, fluche ich ungehalten.

Auch ein dritter Versuch, mein Aufnahmeprogramm hochzufahren, scheitert kläglich. Ich nehme mein Handy zur Hand und wähle Mischas Nummer. Der Russe nimmt ab.

„Kann es sein, dass du mir wieder mal ausrangierte Ware angedreht hast?“, brülle ich in mein Telefon und trete wütend mit dem Fuß gegen einen der stillgelegten Schornsteine.

„Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“, echauffiert sich mein russischer Freund, um so meiner Attacke auszuweichen.

„Es ist gerade mal null Uhr, und wir beide wissen, dass du noch nicht schläfst. Also, hast du mir ausrangierte Ware angedreht oder nicht? Ja oder nein?“

„Wieso regst du dich denn so auf? Hauptsache ist doch, dass die Technik funktioniert“, quakt es vom anderen Ende der Leitung.

„Sag mal, hast du was mit den Ohren? Genau das tut sie nicht! Die Mikros funktionieren nicht! Das Einzige, was ich höre, ist das Geschrei türkischer Kebab-Verkäufer, die sich lautstark über die Zubereitung ihrer Gerichte auseinandersetzen.“

„Reden die zufällig auch über Feigenkompott? Die Mutter meines neuen Kindermädchens kommt doch aus dem Süden von Aserbaidschan. Sie spricht ein ganz seltsames Türkisch. Was nicht schlimm ist, weil sie ein exzellentes Feigenkompott macht. Allerdings bin ich der Überzeugung, dass sie in ihrer Rezeptur zu wenig Zimt verwendet. Mit zu wenig Zimt schmeckt das Kompott wie eine fade Ansammlung von Fallobst, ohne jeden Biss.“

„Keine Ahnung, mein Türkisch ist zu übersichtlich, als dass ich dir in dem Punkt weiterhelfen könnte. Aber vielleicht bist du ja so nett und beantwortest mir endlich meine Frage. Hast du die Technik auf dem Trödelmarkt eingesammelt?“

Für einen Moment ist es verdammt still. Nur der nasskalte Wind pfeift mir um die Ohren.

„Mischa, ich frage dich genau noch einmal und sollte dir nichts dazu einfallen, demoliere ich dir deinen Mercedes. Also, woher stammt der Schrott, den du mir angedreht hast?“

„Schade, dass du kein Türkisch verstehst. Der alte Mann versicherte mir übrigens, dass die Technik noch bis vor wenigen Wochen ihren vollen Dienst tat. Er hat sie sich aus den Restbeständen des Offenen Kanals organisiert.“

„Der alte Mann? Mischa, welcher alte Mann?“, frage ich, während mir der Nacken steif wird.

„Na der Typ, der neben dem Radioverkäufer, rechts hinter dem Teppichhändler sitzt. Du kennst doch die Hallen am stillgelegten Omnibusbahnhof …“

Ich halte mich kopfschüttelnd an meinem Technikturm fest und schnappe nach Luft. In meinem Hals bildet sich ein Wutkloß.

„Sag mal, hat dir euer Kindermädchen den letzten Rest Hirn rausgevögelt? Ich bin auf diese Aufnahmen angewiesen!“

Mischa zieht es vor zu schweigen.

Ich aber schreie weiter in mein Handy: „In ein paar Wochen will ich meinen neuen Entwurf präsentieren, und du vermietest mir Technik vom Trödelmann? Wie gestört muss man denn sein, dass man so einen Risikokauf kommentarlos weitergibt? Ist das bei dir pathologisch? Musst du deine Mitmenschen abziehen? Kannst du sonst nicht einschlafen?“

„Vielleicht hast du die Mikrofone ja nicht richtig ausgerichtet“, antwortet Mischa und tut so, als wäre alles in Butter.

„Wieso denn Plural? Es ist nur eins dabei, das überhaupt funktioniert. Da muss ich nichts mehr richtig oder falsch ausrichten!“

Mischa aber bleibt weiter entspannt.

„Es tut mir wirklich leid, dass du so schlecht mit deinem Projekt vorankommst und darüber hinaus derart unter Zeitdruck stehst. Aber ich hatte dir ja schon gesagt, dass es Sinn machen würde, sich mit jemandem zusammenzutun. Dieser Jemand hätte auch deine Technik vorab checken können. Möglichweise wäre dir dann schon vorher aufgefallen, dass ein Teil leicht überholungsbedürftig ist.“

Ich hole ein letztes Mal Luft: „Deinen Rat kannst du dir sonstwohin schieben!“

„Hör zu, mein Lieber, ich mache dir einen Vorschlag. Du kannst die Mikrofone inklusive Kabelage gern noch eine Woche länger behalten. Ich lege noch mein neues Mikrofonset oben drauf und mache dir einen wirklich fairen Preis“, schlägt Mischa vor.

Ich bin ob seiner Ignoranz sprachlos, drücke den Russen aus der Leitung und werfe mein Handy schreiend gegen den Schornstein.

Über mir haben sich dunkle Wolken zusammengezogen. Es donnert.

Ich sehe zum Himmel hoch und brülle: „Wenn es dich gäbe, würdest du mir das nicht antun! Oder würdest du? Na, komm schon, gib mir ein Zeichen, du Popanz!“

Es fängt an zu regnen.

„Haha! Mehr hast du nicht drauf? Das kann doch nicht wirklich dein Ernst sein!“

Der Regen wird stärker.

„Gut, verstehe. Ich bin also da, damit du was zu lachen hast? Ist das so? Denkst du, ich bin ein Komiker, der deiner Unterhaltung dient? Weißt du was, ich mag keine Komiker und Regen mag ich noch weniger! Ja, genau, ich hasse Regen!“

Jenseits des Ostbahnhofs schlägt ein Blitz ein, kleine Hagelkörner prasseln auf das morsche Dach des Clubs nieder.

Ich ziehe mir die Jacke über den Kopf und versuche meinen Technikturm in Sicherheit zu bringen. Das Problem ist, dass ich nicht alles auf einmal über das in die Jahre gekommene Dach schieben darf. Die Bretter unter mir könnten nachgeben. Mit viel Mühe und noch mehr Geduld schaffe ich es, die Technik unter das Vordach des angrenzenden Nachbargebäudes zu evakuieren. Ich decke alles mit Hilfe einer Plane ab, laufe zurück und bücke mich nach ein paar liegengebliebenen Kabeln. Als ich das letzte Kabel zu fassen bekomme, rutsche ich auf einem Stück Dachpappe aus. Ich drehe eine astreine Pirouette und setze zu einem unfreiwilligen „doppelten Lutz“ an. Mit einem mächtigen Krachen packe ich mich auf meinen Arsch. Warum mein Steißbein plötzlich höllisch brennt und mir das kalte Wasser direkt in die Hose läuft, verstehe ich nicht sofort. Erst als meine Versuche aufzustehen, ein ums andere Mal scheitern, begreife ich, was passiert ist. Ich bin mit meinem Arsch an einem überstehenden Nagel hängengeblieben.

KAPITEL 5

Friedrichshain, Ring-Center 2. Ich bin an einen mobilen Gasgrill angeschlossen und versuche, dem Berliner Thüringer Bratwürste zu verkaufen, um so die Miete für die bei Mischa ausgeliehene Technik zusammenzubekommen.

„Wat soll die Wurst denn kosten?“

Eine alte Frau sieht mich durch ihre mit fettigen Fingerabdrücken übersäten Brillengläser an.

„Einen Euro die Wurst“, antworte ich.

Das Mütterchen kaut auf ihrem Gebiss hin und her, knackt und schmatzt in einer Tour.

„Und die Schrippe, jibt’s die Schrippe umsonst?“

„Der Senf ist umsonst, die Schrippe kostet fünfzig Cent.“

„Wat, so viel? Da ist die Schrippe ja halb so teuer wie die Wurst.“

Ich drehe mit meiner Zange die vor mir brutzelnden Würste um und versuche, dem Mütterchen ein freundliches Lächeln zu schenken.

„Sie können die Wurst auch ohne Schrippe haben, auf die Hand quasi.“

„Auf die Hand, ach wirklich?“

Ich nicke. Das Mütterchen greift in ihren Beutel, fischt eine Brotbüchse hervor, öffnet diese und zwinkert mir schelmisch zu.

„Na, dann man los, junger Mann! Sonst wird die Wurst am Ende noch janz schrumplig.“

Eine Stunde später, nun vor dem Ring-Center 1, näher am U-Bahn-Ausgang.

Mein Rücken schmerzt, ich schwitze wie ein Tier und müsste dringend mal aufs Klo.

„Kauft Würste, Leute! Feinste Thüringer Bratwürste! Nur ein Euro das Stück!“

„Da sind Sie ja, junger Mann! Wieso haben Sie denn schon wieder ihren Platz gewechselt?“

Das Mütterchen von vorhin steht vor mir und sieht mich vorwurfsvoll durch ihre Brille an. Sie hat sich Verstärkung mitgebracht. Einen alten Mann mit Gehhilfe, der sich nur mühsam auf den Beinen hält, und einen dicken Glatzkopf, dem der Bauch unter dem zu kurz geratenem Oberhemd hervorquillt.

„Wir hätten gern zehn Würste, auf die Hand“, erklärt der Glatzkopf und hält mir eine Einkaufstüte entgegen.

„Zehn Würste, ohne Schrippen?“, frage ich nach.

Der Dicke nickt. Ich nehme ihm die Tüte ab, lege die Würste hinein und rufe meinen Preis auf: „Das macht dann bitte zehn Euro!“ Der Dicke hält mir einen Zwanziger entgegen und fragt: „Gibt’s denn keinen Mengenrabatt oder eine Wurst umsonst?“

Ich tue so, als hätte ich die Frage nicht gehört und gebe dem Dicken einen Zehner zurück. Das Mütterchen sieht mich mit großen, traurigen Augen an.

„Und ich dachte, sie hätten ein Herz, junger Mann“, sagt sie beinahe vorwurfsvoll.

Ich atme genervt aus und schüttle den Kopf.

„Na gut, von mir aus. Eine Wurst gibt’s noch obendrauf.“

„Für jeden eine?“, fragt das Mütterchen.

„Ja, für jeden eine. Aber macht bitte keine Werbung bei euren Kollegen. Sonst zahle ich am Ende noch drauf.“

Ich packe zwei Wüste zusätzlich ein und reiche dem Dicken seine Tüte. Das Mütterchen sieht mich zufrieden an. Sie fummelt aus ihrer Manteltasche eine Kette mit Anhänger hervor, tritt ganz nah an mich heran, hängt mir die Kette um den Hals und flüstert: „Auch wenn aus einem Kätzchen nicht ohne weiteres ein Tiger wird, so ist ein Tiger in erster Line auch immer eine Katze.“

Ich nicke, ohne irgendetwas verstanden zu haben. Das Mütterchen lacht in sich hinein, hakt sich beim Dicken unter und tippelt mit ihren beiden Begleitern in Richtung Stadtpark davon. Ich taste nach dem erhaltenen Präsent. Neugierig begutachte ich den Anhänger. Es ist eine Art Amulett, ein mit Patina überzogener, winziger, um sich selbst tanzender Affe.

„Ich habe gar keinen Hunger, aber vielleicht könnten Sie mir ja eine Wurst einpacken?“

Ich sehe zu der jungen Frau auf und bin wie vom Blitz getroffen. „Betty? Was machst du denn hier?“

Betty fasst mich an der Schulter und küsst mich zur Begrüßung auf die Wange.

„Hallo, mein Lieber, ich bin wieder in der Stadt.“

Betty ist Australierin. Ihr Vater ist Major in der Royal Australian Navy, die Mutter Deutschlehrerin, beide sind Nachkommen deutscher Einwanderer. Betty selbst hat in Sydney Musik und Kunstwissenschaften studiert. Danach war sie ein Jahr in Berlin, zwei Monate davon waren wir zusammen.

Ich verliere mich in Bettys himmelblauen Augen und stottere: „Ich … dachte, du bist in Sydney, an der … an der Musikhochschule?“

Betty fährt sich durch die halblangen, blonden Haare und antwortet mit ihrem weichen, australischen Akzent: „Ich war da ein Jahr lang als Lehrerin angestellt, richtig. Aber jetzt bereite ich an der Humboldt-Universität meine Promotion vor.“

„Du promovierst? Das ist ja großartig!“, entgegne ich und überlege, wie ich meinen peinlichen Aufzug erklären könnte.

Vielleicht sollte ich behaupten, dass ich einen Freund vertrete oder bei einer Studie für arbeitslose Teilzeitkräfte mitmache?

Eine der Würste platzt. Es zischt. Der Geruch billigen Schweinefetts steigt auf und zieht mir in die Nase. Betty wedelt mit der Hand den Rauch weg und sieht zu mir.

„Das Thema ist dir sicher vertraut: ‚Johann Sebastian Bachs Musikalische Wissenschaft und ihr Einfluss auf die Musiktheorie des späten 18. Jahrhunderts‘“, erklärt sie.

Ich mache eine ausweichende Bewegung, verbrenne mich beinahe am Grill und sage: „Natürlich ist mir Bach ein Begriff. Ich kenne alle Komponisten, die mit B anfangen.“

Für einen Moment sehen wir uns schweigend an.

„Übrigens, ich bin in meiner alten WG untergekommen, in der Samariterstraße. Ich suche aber noch immer ein Atelier, nur falls du was hören solltest“, sagt Betty schließlich.

„Unglaublich. Also das mit der WG … und überhaupt …“

„Ja, das ist es. Ich hatte mich an mehreren Unis beworben. Die Humboldt hat mir ein Stipendium für zwei Jahre angeboten. Da musste ich nicht lange überlegen.“

„Du hast ein Stipendium bekommen?“, frage ich nach.

Betty nickt.

„Fantastisch“, stelle ich fest und huste ab.

„Ja, schon. Aber ohne ein Atelier kann ich nicht richtig arbeiten, und du weißt ja selbst, wie schwer man heutzutage was Vernünftiges in Friedrichshain findet.“

„Na, wenn du magst, kann ich mich ja mal für dich umhören. Du bekommst die Miete fürs Atelier doch sicher bezahlt, oder?“

„Ja, natürlich. Ich hab sogar ein Technik-Budget bewilligt bekommen.“

„Ein Budget für Technik, soso …“, in meinem Kopf springt die Rechenmaschine an.

Betty zeigt auf mein Gestell und fragt: „Und du verkaufst neuerdings Würste?“

„Nun, na ja, äh …“, stammle ich und suche nach der passenden Antwort.

„Was machen deine Klanginstallationen?“

„Meine Installationen, ja, genau. Mensch, die laufen super! Gibt zwar kaum noch Clubs, die sich Künstler wie mich leisten können, aber hier und da habe ich mittlerweile einen echt guten Stand. Leider wird man als Kreativer in Berlin nach wie vor nur unzureichend gewürdigt. Die meisten Aufträge laufen noch immer unter der Hand, also schwarz. Und wenn mal was offiziell entlohnt wird, fallen die Gagen eher mickrig aus. Deshalb tue ich ein paar Tage im Monat so, als würde ich richtig arbeiten.“

Ich deute auf den Grill und erkläre: „Das Finanzamt wird sonst skeptisch.“

„Der Wurst-Job ist also nur Tarnung?“

„Richtig. Ach, und dieses Wochenende bin ich wieder mit meinem Aufnahmegerät unterwegs. Ich muss nochmal aufs RAW-Gelände, O-Töne aufnehmen. Die Geräuschkulisse da ist phänomenal. Deshalb nehme ich auch mit mehren Mikrofonen gleichzeitig auf. So entsteht ein mehrdimensionaler städtischer Klangteppich.“

Betty lächelt mich wohlwollend an.

Ich breite die Arme aus und sage: „Ach, und demnächst spiele ich wahrscheinlich im Zoo.“

Betty pustet sich eine Strähne aus dem Gesicht und fragt: „Und, mischst du den Sound vor Ort ab oder später im Tonstudio?“

„Erstmal vor Ort. Nachbearbeiten will ich später. Komm doch rum, wenn du magst! Ich bin so gegen eins da. Das wird bestimmt spannend, insbesondere für so eine kompetente Zuhörerin wie dich. Im Anschluss könnten wir ja noch ein paar Bierchen zischen und ein bisschen zusammen feiern, so wie früher.“

Betty zuckt mit den Schultern und sagt: „Klar, gern. Kann aber sein, dass ich es nicht so früh schaffe. Kannst du mich denn im Zoo auf die Gästeliste setzen, nur für den Fall, dass ich später komme?“

„Kein Problem. Gästeliste, das bekomme ich hin“, antworte ich.

Betty holt einen Stift aus ihrer Tasche. Sie notiert mir ihre aktuelle Telefonnummer auf eine Serviette, küsst mich zum Abschied ein zweites Mal auf die Wange und entschwindet ebenso schnell, wie sie aufgetaucht war.

KAPITEL 6

Samstagabend in Lales Bar-Restaurant. Ich stehe an der Bar, nuckle gelangweilt an einem kleinen Bier und blättere im Kinoprogramm des Stadtmagazins.

Die meisten Filme habe ich schon gesehen. Und in den wenigen, die ich noch nicht kenne, spielt Til Geiger die Hauptrolle. „Wusstest du, dass Tilman Valentin Geiger in Meuchelhain, Hessen aufgewachsen ist?“

Lale schüttelt den Kopf.

Die türkischstämmige Deutsche glaubt an Jesus Christus. Sie war schon dreimal verlobt und ist eine der wenigen Barbetreiberinnen, die eine meiner Klanginstallationen im Vorraum ihrer Toilette laufen hat.

„Seine Eltern waren Lehrer, und ihm ist auch nichts Besseres eingefallen, als sich für ein Lehramtsstudium einzuschreiben.“

Lale sieht mich vorwurfsvoll an. Sie mag es nicht, wenn ich derart lautstark vor ihren Gästen rumpöble. Ich aber ignoriere Lales Blick und echauffiere mich weiter.

„Das Studium hat er natürlich verrissen. Ebenso wie seine ersten Theater- und Fernsehauftritte, und dennoch hat es dieser talentfreie Stricher geschafft, bis ganz nach oben zu kommen. Das ist doch krank! Ich meine, dieses ganze Business ist doch total krank!“

Lale stellt mir eine halbe Flasche meines Lieblingswodka hin und sieht mich eindringlich an.

„Hör mal, du kannst den hier gern aufs Haus haben. Aber nur, wenn du deine Ausfälle auf Zimmerlautstärke zurückschraubst. Wenn du das nicht bringst, könnte es sein, dass ich mich vergesse, meine drei Brüder anrufe und dich an die frische Luft setzen lasse.“

Natürlich weiß ich, dass Lales Ansage nicht ernst zu nehmen ist. Sie hat gar keine Brüder, lediglich drei Schwestern, und die wohnen nicht mal in Friedrichshain. Dennoch bin ich ob Lales aggressiven Untertons ein wenig überrascht. So entschlossen habe ich die Betreiberin meiner Lieblingsbar noch nicht erlebt.

Ich entscheide mich für den angebotenen Wodka, erhebe mein Glas und brülle in den halb gefüllten Gastraum: „Til Geiger ist der letzte Kunde. Er ist ein Muttersöhnchen, ein zwergenhafter Clown mit Muschi-Kinn und Sprachfehler.“

Lale schiebt mich durch die Tür nach draußen. Ich ziehe weiter lautstark über Til Geiger her, überschütte den Laiendarsteller mit Verwünschungen übelster Sorte, verfluche seine Eltern und wünsche dem Lackaffen die Schweinepest ins Haus.

„Was ist denn hier los?“

Luca steht hinter mir und sieht mich fragend an. Sein schwarzblaues Inter-Mailand-Trikot ist blutverschmiert. Aus der Umhängetasche lugen mehrere Schlachtermesser hervor. Offensichtlich kommt Luca gerade von der Arbeit.

Luca ist Chefkoch in einem Restaurant am Gendarmenmarkt. Er hat einen 56er Halsumfang, ist am ganzen Körper tätowiert und wechselt häufiger seinen Arbeitgeber als andere. Früher war Luca Hooligan, mittlerweile geht er lieber feiern als zum Fußball.

Ich falle Luca um den Hals und klage: „Luca, niemand will mit mir zusammenarbeiten, alle sind gegen mich. Sogar meine Technik streikt. Das Einzige, was ich aufs Band bekomme, sind türkische Rezepte.“

Nach einer Viertelstunde guten Zuredens seitens Luca gestattet mir Lale, an meinen Stammplatz zurückzukehren. Zwar würdigt mich die Chefin keines Blickes mehr, dennoch darf ich mit Luca weiter trinken und mich selbst bemittleiden.

„Mischa ist einfach ausgestiegen. Eddy bis Ende September ausgebucht. Na, und Betty will anscheinend auch nichts mehr von mir wissen. Ich hatte gehofft, dass sie mir mit ein paar Ideen weiterhilft. Aber sie hat auf keinen meiner Anrufe reagiert. Und nun hat auch noch mein Handy seinen Geist aufgegeben. Die ganze Welt hat sich gegen mich verschworen.“

Luca sieht verdutzt zu mir.

„Dein Handy hat einfach so seinen Geist aufgegeben?“

„Ja, natürlich einfach so. Oder denkst du, ich hätte es gegen die Wand geschmissen?“

Luca lächelt verschmitzt und fragt: „Nun, vielleicht kann ich dir ja mit der einen oder anderen Idee weiterhelfen?“

„Nimm es bitte nicht persönlich, Luca, aber es geht um Musik, um Klangwelten, um große Kunst. Ich meine, du flambierst Lammrücken, tranchierst Seehecht und kreierst Desserts. So gesehen bist auch du ein Künstler. Betty aber promoviert gerade zu Johann Sebastian Bachs Einfluss auf die Musiktheorie des späten 18. Jahrhunderts.“

Luca nickt stumm vor sich hin, was so viel bedeutet, dass er mich, trotz meiner Schmeicheleien, nicht verstehen will. Ich entschließe mich, weiter auszuholen.

„Schau Luca, Christo hatte seine Jeanne-Claude, Bert Brecht die Weigel, Pasolini seine Vorstadtjungs. Will sagen, jeder große Künstler braucht eine Muse.“

Luca runzelt die Stirn.

„Du meinst, so wie Michael Schumacher und Jean Todt damals bei Ferrari?“

„Richtig!“, antworte ich erleichtert.

„Aber bisher hast du doch auch immer alleine gearbeitet.“

Es geht um einen möglichen Auftritt im Zoo. Da muss ich mich ganz anders vorbereiten. Die wollen von mir eine komplett neue Installation, wenn sie mich überhaupt nehmen. Wie soll ich das allein und in nur acht Wochen schaffen?“

„Es ist also wegen der zu geringen Zeitspanne?“, fragt Luca.

„So ist es, die Zeit ist knapp. Vor allem aber brauche ich eine neue Komposition, ein überzeugendes Videokonzept und ein paar ausgefallene Ideen fürs Licht. Du weißt doch, wie riesig das Untergeschoss des Zoo ist. Das ist fast zehn Meter hoch, der Grundriss ist total verschachtelt und die Akustik durch die vielen Säulen unberechenbar.“

„Und deswegen willst du, dass Betty dir hilft?“

„Genau das“, antworte ich.

„Und was, wenn Betty sich wieder in dich verliebt? Ist das nicht ein wenig riskant? Oder glaubst du, dass sie über dich hinweg ist?“

Ich überlege einen Moment lang.

„Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht so weit gedacht.“

„Solltest du aber. Wer weiß, vielleicht will sie ja immer noch was von dir“, erwidert Luca und sieht mich fragend an.

Ich nehme mir eine zuvor gedrehte Zigarette und schaue nach draußen.

„Ach, und selbst wenn da wieder was mit Betty laufen würde. Immerhin war sie die Einzige, die meine Klanginstallationen wirklich gemocht hat.“

„Und was ist mit diesem Typen, dem von dem du mir wochenlang vorgeschwärmt hast und dessen Namen ich nicht mehr aussprechen darf?“

„Den Toulouser versuche ich zu vergessen“, antworte ich.

Luca runzelt die Stirn und gibt mir Feuer.

„Ihr trefft euch gar nicht mehr, auch nicht im Club?“

Ich schüttle den Kopf.

„Verstehe. Na ja, vielleicht ist das ja besser so“, antwortet Luca.

„Wieso denn das?“, frage ich.

„Nun, du hast echt ein Händchen, was Typen angeht. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass du dir grundsätzlich Jungs aussuchst, die dir nicht gut tun.“

„Aber der Toulouser tut mir gut. Er ist alles, was ich will“, antworte ich.

„Letztes Jahr wolltest du noch diesen Typen aus Dresden. Dem hast du die halbe Diplomarbeit geschrieben, bevor du ihn an die Luft gesetzt hast. Davor gab’s da noch den vorbestraften Brandenburger, den drogenabhängigen Züricher und den Moskauer, der wollte, dass du ihn heiratest, damit er eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt.“

„Das waren alles Typen mit einem Riss in der Schüssel“, antworte ich.

„Sagt man eigentlich Moskauer oder Moskowiter?“, fragt Luca.

„Die Deutschen sagen Moskowiter.“

„Echt?“

„Ja, echt.“

„Klingt irgendwie behindert.“

„Behindert ist einzig, dass der Toulouser wirklich der Eine ist. Deswegen gelingt es mir auch nicht mehr, mich auf andere Typen einzulassen.“

„Du würdest also mit Betty in die Kiste hüpfen, nur weil du den Einen nicht bekommst?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Einfach so weiterzumachen wie bisher, hat ja auch keinen Sinn.“

„Du hast also vor, ein ganz normales bürgerliches Leben zu führen?“

Ich sehe zu meinem italienischen Freund und frage: „Was genau meinst du mit bürgerlich?“

„Na, mit Haus und Hof und Hund und so“, antwortet Luca.

Ich umklammere die Wodkaflasche. Ein unangenehm stechender Schmerz steigt mir langsam die Speiseröhre hoch. Ich schlage mir mit der Hand auf den Brustkorb und atme tief durch.

Luca sieht mich besorgt an: „Alles klar bei dir?“

„Weißt du, meine russische Tante, die hat ihr ganzes Leben allein verbracht. Sie wollte frei und unabhängig sein. Am Ende aber ist sie derart vereinsamt, dass sie angefangen hat, Pendel zu schwingen. Nebenher hat sie sich mit billigen Bonbons vollgestopft und kiloweise Schokolade vernichtet. Irgendwann hat dann ihre Bauchspeicheldrüse versagt, und da sie wie fast alle Sowjetrussen eine Ärzte-Phobie hatte und partout nicht ins Krankenhaus wollte, ist sie jämmerlich daheim zugrunde gegangen.“

Luca schüttelt bestürzt den Kopf.

„Die Schwester meines Großvaters ist auch als Single von dieser Welt gegangen.“

Ich schüttle ungläubig den Kopf.

„Ja, wirklich. Erst ist ihre Lieblingssau aus heiterem Himmel an einer Lungenentzündung verreckt. Zwei Wochen später ist sie dann selbst gestorben. Hatte sich wohl bei ihrer Sau angesteckt.“

Ich sehe Luca mitfühlend an, klopfe ihm auf die Schulter und sage: „Einsamkeit, Luca, Einsamkeit ist schlimmer als Krebs oder die Pocken. Der Mensch ist nicht dafür geboren, allein zu sein. Vor allem aber hindert Einsamkeit einen daran, kreativ erfolgreich zu sein, egal ob man sich nun als Künstler oder Koch durchschlägt.“

„Oh Mann, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber irgendwie hast du Recht, unser Leben ist echt nicht einfach“, seufzt Luca, während ich ihm nachschenke.

Nach fünf weiteren Runden Wodka auf Lucas Rechnung fühle ich plötzlich, wie meine Energie zurückkehrt.

Ich nehme das Zweithandy meines Mitbewohners zur Hand, wähle die Nummer unseres Dealers und gebe meine Koordinaten durch. Luca fallen sofort die Gesichtszüge ein. Er ist für den nächsten Tag für die Frühschicht eingeteilt und hat ganz offensichtlich keine Ambitionen, sich noch im Zoo die Kante zu geben.

„Ach komm schon, was willst du denn allein daheim, an einem Samstagabend? Du bist doch keine alte Frau“, versuche ich, den Italiener zum Mitfeiern zu überreden.

Noch während Luca mir seine vertrackte Situation darlegt, fährt draußen der bestellte Lieferservice vor.

Ich steige zu unserem Mann ins Auto, lasse mich auf den üblichen Plausch ein und bezahle den bestellten ‚Proviant‘. Freudig kehre ich in die Bar zurück.

„Und, bist du bereit, mein Freund?“, frage ich und sehe Luca herausfordernd an.

„Ehrlich gesagt, habe ich kein gutes Gefühl. Ich dachte, wir wollten nicht mehr so viel feiern, auch wegen deiner Installation und der vielen Arbeit, die damit verbunden ist. Außerdem hattest du mir versprochen, meine Steuer fertigzumachen.“

„Mach dir mal keine Sorgen, deine Steuer mache ich dir kommende Woche fertig.“

Luca rollt mit den Augen und sieht mich kopfschüttelnd an.

„Wir sind zu alt für so was. Glaub mir, wir sind definitiv zu alt.“

„Komm schon, Luca. Bist du müde oder Rüde? Oder hast du kein frisches T-Shirt dabei?“

„Ein frisches T-Shirt habe ich immer dabei“, antwortet Luca und grinst breit.

„Also, ja oder ja?“, frage ich und schenke Luca nach.

„Na gut, was soll’s“, gibt Luca sich geschlagen, wohl wissend, wie der Abend jetzt weitergeht und dass er sich den so dringend benötigen Schlaf in die Haare schmieren kann.

Wir stehen auf, durchqueren den hinteren Gästeraum und betreten unsere persönliche VIP-Lounge, den von Lale stets 1a gewienerten Vorraum der Damentoilette.

Aus den von mir an der Decke installierten Boxen hört man einen experimentellen Mix aus O-Tönen, die ich in der altaischen Hochebene eingefangen habe. Ich schließe die Tür hinter mir ab, hole den erstandenen Stoff hervor und bastle uns binnen weniger Sekunden zwei riesige Lines. Luca reicht mir einen gerollten Schein.

Ich beuge mich über den nach Katzenpisse duftenden Stoff, sehe mit einem schelmischen Grinsen zu Luca hoch und flüstere: „So lange ich mir nicht wie meine russische Tante in die Tasche lüge, ist es mir egal, mit wem ich am Ende glücklich werde.“

KAPITEL 7

Kurz darauf auf der unteren Tanzfläche des Zoo. Basslastiger Sound durchdringt Hirn und Magen, das Stroboskoplicht durchschneidet die Dunkelheit.

Luca wippt wie ein Tanzbär hin und her und tut sich schwer, den richtigen Rhythmus zu finden. Auch ich rudere mit den Armen herum, trete unbeholfen Löcher in die Luft und schaue vergeblich nach mir bekannten Gesichtern. Dabei gab es eine Zeit, da kannte ich fast jeden hier. Nicht nur die Stammgäste, auch das Barpersonal, die Putzbrigade und natürlich das Türsteherkollektiv. Doch über die Jahre haben sich Belegschaft und Publikum stetig verändert. Mittlerweile habe ich an manchen Tagen den Eindruck, überhaupt niemanden mehr zu kennen. Entweder weil keiner meiner Bekannten da ist oder weil ich zu betrunken bin, um die wenigen, die da sind, zu erkennen.

Einen Monat später ist dann plötzlich wieder alles wie früher. Man trifft auf alte Freunde, erfährt, wer jetzt mit wem ein Kind hat und wieso und wie lange Dealer XY im Knast sitzt. Anschließend geht man zusammen auf Toilette, zieht sich gegenseitig den guten Stoff weg und kramt die alten Geschichten hervor. Am Ende gibt man sich noch mehr die Kante als sonst und tut so, als sei die Zeit stehen geblieben – clubtypischer Anachronismus eben. Und dennoch ergreift mich jedes Mal ein seltsam erhebendes Gefühl, wenn ich die heiligen Hallen des Zoo betrete. Dieser erste, stets aufwühlende Gang durch die untere Säulenhalle, das anschließende Erklimmen der Stahltreppe hinauf zur minimalistisch ausgeleuchteten Tanzfläche, wo einem der Sound der besten Berliner Musikanlage gnadenlos in die Fresse kracht. All das ist bombastisch. Ich zumindest kenne keinen anderen Club, der mit einer solch eigenen Mischung aus Düsternis und Erhabenheit überzeugt. Der mich, kaum dass ich einen Fuß hineingesetzt habe, gleich einem urzeitlichen Organismus verschlingt.

Das viele Nachdenken macht mich durstig. Ich sehe zu Luca, deute mit der Hand zur seitlich der Tanzfläche liegenden Bar hinüber und brülle: „Trinken?“

Luca nickt, dreht sich um und bahnt sich einem Bulldozer gleich den Weg durch das zappelnde Feiervolk.

Ich nutze den entstehenden Korridor und folge meinem Freund an die Bar.

„Mann, ist das eine Hitze hier“, keucht Luca, drückt mir einen Wodka-Bull in die Hand und flirtet ansatzlos zwei spanischsprechende Mädels an.

Lucas Augen fangen an zu lachen, sein Becken schwingt im Rhythmus der Musik mit. Es sieht aus, als wollte er im wahrsten Sinne des Wortes beim weiblichen Geschlecht andocken.

„Ich dachte, du stehst nicht auf Spanierinnen“, sage ich und mache einen erstaunten Gesichtsausdruck.

Luca zuckt mit den Schultern.

„Ich stehe nicht auf spanischen Fußball. Alles andere ist mir egal. Iberisch, baskisch, katalonisch, Hauptsache, die Post geht ab!“

„Aber sind das nicht alles verklemmte Katholiken?“

Luca lacht auf.

„Glaube mir, je gestörter der Kopf, desto besser der Sex!“

Ich nippe an meinem Wodka-Bull und überlasse Luca den beiden Spanierinnen. Nach fünf Minuten Gekicher und Geflüster hat Luca die Mädels klargemacht. Er sieht zu mir und deutet grinsend mit dem Kopf in Richtung des oberen Floors.

„Lass uns mal auf Toilette gehen!“

Kurze Zeit später auf den oberen Toiletten des Zoo.

Ich stehe vor dem riesigen Einheitswaschbecken. Mein Puls rast, gefühlte 180 Schläge pro Minute. Der Kopf glüht. Ich wasche mir das Gesicht mit kaltem Wasser, trockne mich mit meinem T-Shirt ab und sehe mich um. Auch hier oben hat die nächste Generation schon alle Spielfelder besetzt. Mädchen und Jungs, die gerade mit Studieren angefangen haben, drücken sich knutschend auf den Sitzelementen herum. Touristen aus aller Welt lauern vor den Toiletten auf die Runner der Clubticker oder unterhalten sich in bizarr anmutenden Dialogen über das zuletzt gehörte DJ-Set.

Ist das überhaupt noch mein Publikum? Oder bin ich, ohne es zu merken, der Clubszene entwachsen?

„Mach mal Platz, bitte!“

Ein blutjunges Mädel mit über die Maßen geschminkten Augen, die ihre leere Wasserflasche auffüllen will, sieht mich herausfordernd an. Ich trete beiseite, lehne mich an einen der Heizkörper und atme gleichmäßig ein und aus. Von der gegenüberliegenden Couch lächelt mir der Toulouser zu. Er bedeutet mir etwas Unverständliches in Zeichensprache und winkt mich freundlich zu sich. Ich stoße mich vom Heizkörper ab, umkurve ein Skinhead-Pärchen und steuere auf meinen Schwarm zu. Doch als ich an der Couch ankomme, ist sie leer. Ich sehe mich hilflos um und werde zu einem Hindernis. Hinter mir bildet sich ein Stau. Die Leute fangen an zu schieben. Sie wollen zur Tanzfläche.

Der Strom der Feiernden reißt mich hinfort. Auf Höhe der Gitterbar gelingt es mir, mich mit Hilfe einer Körpertäuschung in Richtung Raucherlounge abzusetzen.

Von hier aus führt eine nicht ganz so stark frequentierte Außentreppe zum unteren Floor hinunter. Vorsichtig nehme ich Stufe für Stufe. Mir ist plötzlich, als würde diese Treppe niemals enden wollen. Erneut klinke ich mich aus, parke auf dem Zwischenpodest und gönne mir eine weitere Auszeit. Die Leute drücken sich an mir vorbei. Einige hinterlassen seltsame Duftsäulen, als würden sie mir so heimlich ihre Visitenkarte zustecken wollen. Ich fühle mich unwohl. Noch immer bin ich zu schwach, um meinem Umfeld zu entfliehen. Ich schlage mir mit der flachen Hand ins Gesicht. Das so freigesetzte Adrenalin löst meine letzten Energiereserven. Vorsichtig nehme ich die verbliebenen Stufen, passiere mit angehaltener Luft die Raucherlounge und durchschreite einen dunklen Zwischenraum. Ich biege nach rechts ab und nehme meinen Lieblingsplatz hinter der vergitterten Balustrade ein. Endlich kann ich wieder frei atmen. Von der Bühne her dröhnt ein ohrenbetäubender, glasklarer Lärm. Eine aus drei vor sich hin wackelnden Jungs bestehende Band malträtiert die Tasten ihrer Instrumente. Die langhaarigen Elektro-Punks geben einen mitreißenden Liveact zum Besten. Auch diese Jungs spielen zusammen. Sie bieten ihre Musik gemeinsam dar. Erst jetzt erfasse ich die Bemerkung des Russen in all ihrer Komplexität. Ich brauche dringend einen Unterstützer. Jemanden, der vorbehaltlos an mich und meine Visionen glaubt. Jemanden, der mir den Rücken freihält, mir zuarbeitet und sich, wenn nötig, für mich und meine Kunst opfert. Nur so würde ich es schaffen, der Welt eine epochale Klanginstallation zu schenken.

Die Massen unter mir pfeifen und grölen vor Begeisterung.

Ich breite meine Arme aus und murmle verzückt: „Bald schon werde ich euch mit meinen Bildern und Klängen verzaubern. Ihr werdet mich bedingungslos und für alle Zeit lieben. Ich werde kometengleich aufsteigen und mit meiner Kunst der Welt Frieden schenken …“

Luca tritt von hinten an mich heran. Er schaut durch die vergitterte Balustrade zur Bühne hinüber und knöpft sich den Hosenstall zu.

„Ich dachte schon, du bist gegangen. Was war denn los?“

„Noch bin ich ja da. Aber vielleicht hast du Recht, vielleicht sollte ich mal ausnahmsweise einen vorzeitigen Abgang in Erwägung ziehen“, antworte ich.

„Wie, du willst schon wieder ziehen?“, fragt Luca.

Ich schüttle den Kopf.

„Nein, Mann! Ich meinte, vielleicht sollte ich heute mal früher nach Hause gehen.“

Luca sieht mich an, als hätte ich das letzte Einhorn geschändet.

„Du willst gehen? Aber die Party hat doch gerade erst angefangen!“

Ich deute auf die Bühne, wo die Elektro-Punks abermals in ihre Instrumente dreschen.

„Na, mal sehen, was die Jungs da unten noch so anzubieten haben. Bisher war die Mucke ja ganz annehmbar.“

„Ja, aber welche Bar, die oben oder die unten?“

„Ich meinte, die Musik“, brülle ich zurück.

Luca nickt zufrieden und sagt: „Gut, dann lass uns nach unten gehen. Die eine Barfrau hat mir vorhin zugezwinkert.“

Ich gebe es auf, mich Luca gegenüber verständlich zu machen, hebe den Daumen und signalisiere meinem italienischen Freund so, dass ich seine Entscheidung, sich weiter hemmungslos zu betrinken, vorbehaltlos teile.

KAPITEL 8

In einem italienischen Restaurant. Ich sitze mit Frau Schulz, einer ketterauchenden Architektin aus der Steiermark, an dem für uns reservierten Tisch. Frau Schulz leidet unter einer massiven Essstörung und steht auf blutjunge Typen.

Von meinem Lammkotelett ist nichts mehr zu sehen. Auch die Bratkartoffeln habe ich verspeist. Nun widme ich mich, mit einem Stück Weißbrot bewaffnet, den Überresten meiner Soße. Frau Schulz hingegen kämpft noch immer mit der Vorspeise, einem riesigen, venezianischen Salatteller. Ungeschickt schiebt sie die frittierten Garnelen hin und her. Das Gemüse hat sie erst gar nicht angerührt.

„Natürlich gibt es noch Atelier- und Ausstellungsflächen, aber wir richten die Räume ja nur her. Als Architektin habe ich weder ein Nutzungs- noch ein Vorkaufsrecht.“

Ich nicke meiner österreichischen Freundin zu, stopfe mir das vollgetunkte Weißbrot in den Mund und lecke mir die Fingerkuppen ab. Frau Schulz wischt sich den Mund mit der Serviette sauber. Sie gönnt sich einen Schluck Rotwein, schiebt ihren Salatteller zu mir herüber und winkt elegant in Richtung Tresen. Der Kellner, ein gutaussehender Albaner Anfang zwanzig, sieht es und serviert meiner Freundin ihren zweiten Gang.

„Gefüllte Entenbrust mit Bärlauch-Risotto an Feigenquark“, raunt der albanische Adonis und lässt den Teller wie eine Frisbee-Scheibe über den Tisch schlittern.

Frau Schulz bedankt sich höflich, sieht zu mir und erklärt: „Was ich allerdings in Erfahrung bringen kann, ist, ob es derzeit ein Atelier-Programm gibt. Irgendetwas, das der Senat unterstützt. Der Vorteil bei so einem Modell sind die übersichtlichen finanziellen Belastungen.“

„Aber muss man da nicht ewig lange warten? Weil, ich bräuchte das Atelier sofort. Meinen ersten Entwurf muss ich in wenigen Wochen präsentieren. Das schaffe ich nur, wenn ich konzentriert und ohne Ablenkung arbeiten kann.“

„Nun, die Wartezeiten sind schon ordentlich, aber wenn du die Leute kennst, die die Bewerberlisten führen, ist da sicher was zu machen“, erwidert die Schulz.

„Wie gesagt, ich brauche das Atelier unmittelbar!“

Frau Schulz sieht mich skeptisch an und fragt: „Aber wie willst du dir denn ein freies Mietobjekt leisten? Hast du Geld geerbt?“

Ich mache mich über die Reste des venezianischen Salattellers her und antworte mit vollem Mund: „Du weißt doch, bei uns Ostlern gibt’s nicht viel zu erben, und das Wenige, was ich mal hätte bekommen sollen, habe ich schon lange durch den Schornstein gejagt. Aber ich habe einen Mäzen an Land gezogen, der mir finanziell unter die Arme greifen will.“

„Einen Mäzen, soso …“

Frau Schulz nickt anerkennend. Sie legt sich die Entenbrust zurecht und schneidet diese seitlich auf. Gekonnt löst sie ein Stück Fleisch aus, legt es sich auf die Zunge und kaut darauf herum. Mit angestrengtem Gesichtsausdruck würgt Frau Schulz den Bissen hinunter.

„Keine Ahnung, was das sein soll, gefüllte Ente ist es jedenfalls nicht.“

Mir wird übel. Ich taste nach meinem Glas, stürze den Wodka runter, um so Platz für die von der Schulz verschmähte Ente zu schaffen.

Gut eine halbe Stunde später. Ich kämpfe noch immer mit der Ente.

„Ich werde mal sehen, was sich da machen lässt. Aber versprechen kann ich nichts“, erklärt meine österreichische Freundin zum wiederholten Male.

Ich nicke benommen. Mein Bauch schmerzt. Der Gaumen brennt. Noch immer darf ich die ‚Reste‘ der Schulz’schen Portion vertilgen, nur damit sie nicht als mäklig rüberkommt. Widerwillig schaufelt meine Rechte Fleisch und Reis in mich hinein, während die Linke mir mit Hilfe der Speisekarte Luft zuwedelt.

„Das wäre wirklich, wirklich sehr lieb von dir“, antworte ich gequält.

Von der Bar eilt der Kellner herbei. Geistesgegenwärtig lasse ich von der Ente ab und schiebe den halbleeren Teller zu Frau Schulz rüber. Meine Freundin nimmt ihre Serviette, breitet diese über den Resten aus und lässt diese so verschwinden. Nur das Bärlauch-Risotto lugt noch unter dem Sichtschutz hervor, als wollte es gegen seine Entsorgung protestieren.

Der Albaner sieht uns mitleidig an und fragt: „War gut, aber zu viel, richtig?“

Der Trick mit der Serviette ist ihm offensichtlich bestens bekannt. Frau Schulz lächelt den jungen Mann an und entgegnet: „Ein wenig zu viel, so ist es.“

„Aber geschmeckt hat’s toll“, antworte ich und rülpse aus Versehen.

Der Albaner schüttelt den Kopf und räumt wortlos ab. Ob meine Freundin noch einen Nachtisch möchte, interessiert ihn nicht. Frau Schulz ist not amused. Sie sieht mich böse an und zischt: „Wenn du so weitermachst, werden wir hier nicht alt!“

„Wieso, das Essen war doch wunderbar, und überhaupt, der Kellner steht total auf dich, wie der dich angesehen hat. Das ist dir wohl entgangen?“

Die Schulz aber lässt sich nicht so einfach einlullen.

„Meine Güte, wie du isst, man könnte meinen, man hätte ein halbverhungertes Flüchtlingskind vor sich.“

„Ich hatte ja auch nicht vor, für zwei Personen zu essen, nur weil jemand anderes auf Kinderportionen konditioniert ist“, erwidere ich gereizt.

„Mein Magen verträgt halt nicht so viel. Das weißt du ganz genau. Ganz zu schweigen davon, dass das Risotto völlig versalzen war.“

„Kein Wunder, wenn du den Salzstreuer über dem Teller ausleerst.“

„Ach, jetzt bin ich wieder schuld, wie?“

„Das habe ich so nicht gesagt“, versuche ich die Situation zu entschärfen.

Zu spät, die Schulz verzieht verächtlich das Gesicht.

„Du bist doch bloß eifersüchtig, weil sich der junge Mann für mich interessiert.“

Ich entscheide mich, den Mund zu halten. Erneut steigt eine Druckwelle aus meinem Magen hoch. Ein halbverdautes Stück Ente legt sich in meiner Speiseröhre quer. Ich ringe nach Luft. Die Schulz aber stichelt munter weiter: „Da, schon wieder! Ein wenig mehr Manieren, wenn ich bitten dürfte!“

Mein Blutdruck steigt. Der Hals schwillt an. Der Kragen meines Hemdes droht zu platzen. Ich schlage mir mit der flachen Hand gegen die Brust und würge die Ente ein zweites Mal hinunter.

„Als hätte ich es nötig, dir diesen Schnulli auszuspannen.“

Frau Schulzens Gesicht bekommt weiße Flecken. Beleidigt fummelt sie ihr Portemonnaie hervor und legt es demonstrativ auf den Tisch.

„Das war das letzte Mal, dass ich mit dir in dieses Restaurant gegangen bin.“

„Dann sind wir uns ja einig“, antworte ich mit hochrotem Kopf. Frau Schulz hebt ihren Arm und winkt den Kellner heran. Der Albaner eilt herbei, sieht zu uns herab und glotzt. Das dicke Portemonnaie der Schulz scheint ihn zu inspirieren. Er greift sich ungefragt vom Nachbartisch die Speisekarte und offeriert Frau Schulz charmant den nächsten Gang: „Darf ’s noch ein Nachtisch sein oder ein Wein?“

Frau Schulz erblüht und kehrt die Dame raus: „Gesättigt bin ich schon, das Essen war ja reichlich. Zu einem kleinen Wein sag’ ich jedoch bestimmt nicht nein.“

Die beiden sehen sich an und flirten. Ich selbst verstehe die Welt nicht mehr. Noch eben war der Typ total verstockt. Und jetzt gräbt er die Schulz an?

Der junge Mann trabt ab. Frau Schulz sieht triumphierend zu mir herüber.

„Da hast du es, der mag mich. Ich glaub’, ich komme jetzt öfter her, allein. Apropos öfter, wolltest du dich nicht noch mit Luca treffen?“

Ich stehe wortlos auf und werfe einen Zwanni auf den Tisch. Der junge Mann indes serviert den Wein. Erneut wirft er der Schulz heiße Blicke zu.

„Der geht aufs Haus, wenn Sie die Einladung erlauben?“

Frau Schulz erstrahlt. Ich kann noch immer nicht glauben, was da gerade läuft.

„Ich bin in Lales Bar, nur falls du noch rüberkommen magst.“

„Du musst nicht auf mich warten“, antwortet die Schulz und flirtet weiter mit dem Kellner.

„Und wie kommst du nach Hause?“, frage ich. „Zur Not nehme ich den Bus“, erwidert die Schulz, ohne mich anzusehen.

Natürlich nimmt sie nicht den Bus. Wie immer fahre ich sie noch nach Hause. Was zwischen ihr und diesem Kellner-Schnulli noch gelaufen ist, verrät sie nicht. Stattdessen lässt sie sich weiter über meine nicht vorhandenen Manieren aus.

Zwei Stunden später stehe ich betrunken vor einem Hauseingang in der Samariterstraße.

Ich schaue in den hell erleuchteten dritten Stock hoch. Die Fenster in Bettys WG stehen offen, man hört Musik und Gelächter. Das Zweithandy meines Mitbewohners klingelt. Ich sehe auf das Display und versuche, die Nummer zu erkennen. Frau Schulz meldet sich. Sie hat ihr Portemonnaie verloren.

„Ich hab’ die halbe Wohnung auf den Kopf gestellt. Hast du vielleicht was in deinem Auto gefunden?“ Plötzlich kombiniert die Schulz: „Vielleicht hab’ ich’s im Restaurant vergessen?“

„Dann ruf doch an und frag den smarten Kellner. Den, der sich so unglaublich um dich bemüht hatte“, antworte ich spöttisch.

„Ja, stimmt, da hab ich’s noch gehabt. Na gut, dann ruf ’ ich da mal an. Der junge Mann wird mir bestimmt sagen können, ob jemand etwas abgegeben hat.“

„Mit Sicherheit“, steche ich nach.

Frau Schulz legt auf. Ich sehe abermals zum dritten Stock hinauf. Ein Mann hält eine Frau im Arm und küsst sie auf den Mund. Erschrocken weiche ich in den Hauseingang zurück und überlege: ‚War das nicht gerade Bettys Silhouette? Wer aber war der Mann an ihrer Seite? Hat Betty etwa einen neuen Freund?‘

Gedankenverloren überquere ich die Frankfurter Allee und steuere auf meinen Volvo zu. Ich schließe die Fahrertür auf und lasse mich erschöpft in den Sitz plumpsen. Mein Blick wandert über das Armaturenbrett. Im Schein der Laterne sehe ich was funkeln. Ich beuge mich vor und muss lachen. Es ist Frau Schulz’ Lederportemonnaie. Die chromfarbenen Nieten spiegeln sich in der Frontscheibe.

„Mein Gott, und ich mach noch die Schulz nass“, stelle ich schuldbewusst fest, schüttle den Kopf und schaue auf mein Amulett.

„Da bleibt nur eins, der Albaner muss dran glauben“, raunt es hinter mir.

Ich sehe erschrocken in den Rückspiegel. Auf der Rückbank meines Volvos lümmelt ein menschengroßer, schwarz-gelb gestreifter Affe.

„Du musst es dem Burschen unterschieben, sonst wird das nichts mit eurem Atelier“, sagt er und grinst.

Ich bin wie gelähmt und suche nach einer Erklärung für diese skurrile Sinnestäuschung. Der Affe fasst nach meiner Schulter. Seine behaarte Hand fühlt sich gruselig realistisch an.

„Komm schon, entspann dich! Ich will dir nichts Böses!“

„Was willst du denn?“, frage ich, ohne nachzudenken.

„Ich will dir helfen. Mit meiner Unterstützung wird aus dir ein Tiger.“

Ich verstehe nur Bahnhof.

„Ich bin dein neuer Coach für besonders knifflige Angelegenheiten“, erklärt der Affe erneut.

Ich sehe dem Affen in die Augen und höre meine Stimme fragen: „Du meinst, ich sollte das Portemonnaie dem Kellner unterschieben und es dann im Beisein seiner Kollegen finden?“

„Steck es ihm in die Hosentasche, das wäre überzeugender“, verbessert mich der Affe und zeigt mir seine gelben Zähne.

Ich stelle mir die Szene vor. Plötzlich erfasst mich eine seltsam angenehme Schadenfreude. Amüsiert wiege ich den Kopf und sage: „Das wäre wirklich kurios.“

Der Affe klopft mir auf die Schulter und konstatiert: „So ist es, mein Freund. Am Ende hat die Schulz dank dir tatsächlich etwas gut bei diesem Typen!“

Der Affe lässt sich auf die Rückbank zurückfallen. Sein hämisches Gelächter klingt schaurig schön. Ich drehe mich nach meinem neuen Coach um. Doch als ich auf die Rückbank spähe, muss ich feststellen, dass da nirgendwo ein Affe zu sehen ist.

KAPITEL 9

Eine Woche nach meinem Essen mit Frau Schulz, in einem ehemaligen Bürohochhaus in Alt-Stralau in der vierten Etage. Ich habe Betty die Augen mit einem Halstuch verbunden und geleite sie in einen zirka fünfzig Quadratmeter großen Raum.

Ich schließe die Tür hinter mir und schiebe Betty in die Mitte des lichtdurchfluteten Raums.

„Was ist eigentlich mit deinem Handy passiert?“, fragt Betty und bleibt stehen.

„Das ist mir kaputtgegangen. Aber lass uns jetzt bitte nicht über mein Handy reden.“

„Schon gut, ich sage nichts mehr.“

„Schön, wenn du nichts mehr sagst“, antworte ich und nehme Betty ihre Augenbinde ab.

„Ta-ta! Na los, schau dich um! Und, was sagst du?“

Betty sieht mich unsicher an.

„Was ist das, ein unmöbliertes Zimmer mit offener Küche?“

„Das ist unser Atelier, Einstein!“

„Unser Atelier?“

„Ja, unser Atelier.“ Betty ist sprachlos.

„Du wolltest doch einen Arbeitsraum oder etwa nicht?“

Betty nickt. Sie sieht mich an.

„Du bist wirklich unglaublich.“

Ich nehme Betty in die Arme. Betty lässt es für einen Moment zu. Dann aber macht sie sich von mir los, schlendert durch den Raum und fragt: „Wie hast du so schnell ein Atelier organisiert?“

„Ach, weißt du, ich bin ein Kind dieser Stadt. Wir Berliner haben so unsere Kontakte. Ehrlich gesagt, war es gar nicht so schwer. Ich habe Frau Schulz erklärt, dass ich binnen einer Woche einen Raum für eine begabte Künstlerin und ihren in der Musikbranche arbeitenden Freund brauche. Da sonst zwei begnadete Nachwuchskünstler auf der Straße sitzen und nicht mehr ihrer Passion nachkommen können.“

Betty sieht mich forschend an und fragt: „Wer ist denn mein begnadeter Freund?“

„Na, ich natürlich“, antworte ich und gehe abermals einen Schritt auf Betty zu.

„Aber wie genau stellst du dir denn eine gemeinsame Nutzung vor?“, fragt Betty.

„Hör mal, meine Sonne, du bist doch ein Tagmensch. Du bist am Meer aufgewachsen, du liebst die morgendliche Frische des Windes und den Blick aufs Wasser. Euer Haus in Sydney liegt doch am Meer oder nicht?“

Betty nickt. Ich fasse sie an den Handgelenken.

„Siehst du, ohne Licht geht bei dir nichts. Ich hingegen bin ein Grübler. Einer, der bis in die Puppen schläft und gern mal die Vorhänge zugezogen lässt. Ja wirklich, ich arbeite sehr viel lieber nachts, nicht nur, wenn ich im Club unterwegs bin, auch unter der Woche.“

„Du meinst also, wir nutzen das Atelier rund um die Uhr, du nachts und ich tagsüber?

„Ja, warum denn nicht? Raum für zwei haben wir doch hier. Außerdem möchte ich, dass du wieder bei mir einsteigst, also musikalisch. Ich brauche wirklich dringend jemanden, der mir hin und wieder mit einer konstruktiven Kritik zur Seite steht.“

Betty runzelt fragend die Stirn.

„Aber du kommst doch auch so gut mit deiner Arbeit voran oder etwa nicht?“

„Na klar, ich komme sogar bestens voran“, lüge ich und ergänze: „Das Problem ist nur, ich bin überzeugt, dass ich mit dir zusammen noch viel besser vorankommen würde. Und da mir nicht mehr allzu viel Zeit bis zu meiner Präsentation auf dem Schwarzlicht-Festival bleibt, würde ich mich riesig freuen, wenn du mir ab und an unter die Arme greifen könntest.“

Betty zieht ihre Augenbrauen hoch und überlegt.

„Ich könnte dich sogar ein wenig unterstützen, also finanziell“, schiebe ich hinterher, da Betty noch immer nicht ja gesagt hat.

„Du willst mich finanziell unterstützen? Aber wie soll das denn bitteschön gehen?“, fragt meine potentielle Muse ungläubig.

„Schau, Betty, das Atelier muss so oder so auf meinen Namen angemietet werden. Ich wiederum vermiete es an dich weiter. Natürlich mit einem kleinen, aber feinen Aufschlag. Die Universität zahlt deine Unkosten, auch die fürs Atelier. Am Ende des Monats bleibt also der kleine, aber feine Aufschlag übrig und den können wir uns dann brüderlich teilen.“

Betty nickt still vor sich hin. Sie sieht sich um und überlegt.

„Hm, Platz genug für zwei wäre ja. Aber was erwartest du von mir, also in Bezug auf deine Installation? Wie soll ich dir dabei zur Hand gehen? Unsere musikalischen Ausrichtungen sind doch eher konträr.“

„Sei einfach nur da. Sei meine Muse, inspiriere mich! Und wenn ich dich mal um Rat frage oder wissen will, was du von meiner Arbeit denkst, nimm dir Zeit und kritisiere mich. Darum geht es mir in erster Linie. Ich brauche einen Mensch an meiner Seite, dem ich vertraue und dessen Kritik ich vertrage.“

Betty sieht mich erstaunt an und fragt: „Das ist alles? Keine Recherche-Touren während der Rushhour, keine Aufnahmen im strömenden Regen, keine Nachtschichten im Studio?“

Ich schüttle mit dem Kopf und frage: „Und?“

„Tut mir leid, aber irgendwie habe ich kein gutes Gefühl“, antwortet Betty.

Ich setzte meinen Hundeblick auf, sehe hilfesuchend zu meiner Ex und sage: „Ohne dich schaffe ich es nicht, Betty. Bitte, hilf mir!“

Betty weicht meinem Blick aus, dennoch scheint ihr Mutterinstinkt anzuspringen. „Gut, aber ich hätte ein paar Bedingungen, bevor ich deinem Angebot zustimme. Wenn wir wirklich zusammen arbeiten wollen, erwarte ich von dir eine professionellere Einstellung. Ich möchte dich nicht wieder irgendwo im Club auflesen oder von der Polizeiwache abholen müssen. Sprich, Drogen- und Alkoholexzesse sind erstmal tabu für dich. Gleiches gilt für Affären mit Jungs, die nicht wissen, was sie wollen. Das alles kannst du gern wieder nach deinem Auftritt haben.“

Betty streckt mir ihre Hand entgegen. Nun bin ich derjenige, der zögert. Bettys Forderungen erscheinen mir unerfüllbar. Ich beiße mir auf die Lippen und überlege.

„Lass dir ruhig Zeit mit deiner Entscheidung. Wenn du mir jetzt versprichst, dass du das alles zurückstellst, nehme ich dich natürlich beim Wort.“

Ich atme langsam aus und murmele: „Abgemacht, keine Exzesse mehr und keine halben Sachen mit Jungs, die nicht wissen, was sie wollen.“

Wir reichen uns die Hände. Betty sieht mich an wie eine Mutter, die gerade ihrem Jüngsten das Versprechen abgerungen hat, bis zum Ende des Jahres auf das Rauchen zu verzichten.

„Dir ist es also wirklich ernst damit?“

„Ja, es ist mir ernst.“

„Gut, das wollte ich hören. Denn ich habe weder Zeit noch Kraft, dich nochmal aus diesem Feiersumpf herauszuziehen.“

Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen.

„Haha, du hast gerade ziehen gesagt.“

Betty aber bleibt ernst.

„Versprich es mir!“

Ich hebe meine Hand zum Schwur und antworte: „Hiermit verspreche ich feierlich, mich ausschließlich auf meine Arbeit mit dir zu konzentrieren und allem anderen bis zum Ende unseres Projektes zu entsagen.“

Bettys Miene hellt sich schlagartig auf. Der Raum erstrahlt in ihrem Lächeln, fast so, als hätte jemand einen 12-k W-Scheinwerfer zugeschaltet.

„Also einverstanden, vorausgesetzt, ich kann sofort mit meinem Kram hier einziehen. Ach, und ein eigener Schlüssel wäre toll.“ Ich nicke zufrieden, greife in meine Jackentasche und fummle einen mit einer gelben Schleife drapierten Zweitschlüssel hervor.

KAPITEL 10

In der Folgezeit in unserem Atelier und auf den Straßen und Plätzen Berlins. Ich bin ich nur noch am Ackern und komme endlich mit meiner Arbeit voran.

Bettys Anwesenheit gibt mir Sicherheit. Ich fühle mich nicht mehr so labil und getrieben. Meine Gedanken sind klarer, neue Bilder oder Ideen verunsichern mich nicht, sondern fügen sich nahtlos in Vorhandenes ein. Auch auf kurzfristige Erfolgserlebnisse bin ich nicht mehr so stark angewiesen wie sonst. Ich schaffe es, auf Drogen und schnellen Sex zu verzichten, selbst mein Begehren nach dem Toulouser hat sich verflüchtigt.

Die Bande zwischen Betty und mir ist stärker als der trügerische Zauber meines Schwarms oder die künstlich von mir provozierten Hormonausschüttungen. Endlich führe ich das Leben eines asketischen Künstlers, der ausschließlich auf seine Arbeit fokussiert ist. Tagsüber tigere ich durch die Stadt, nehme an Straßenkreuzungen, auf Märkten und in Fabrikenhallen O-Töne auf. Nachts bereite ich die eingefangenen Atmosphären auf, mische ab und archiviere. Mein erstes Ziel ist es, einen unendlichen Pool an Tönen und Bildern zu erstellen, um später aus dem Vollen schöpfen zu können.

Ich experimentiere mit diversen Motiven herum, versuche mich an neuen Kompositionen oder improvisiere einfach ins Blaue hinein. Auch meine Freunde beziehe ich in meine Arbeit mit ein. Jeder, der mich am Abend im Atelier besuchen kommt, darf mitmachen. Eddy und Luca spielen mit Bass und Keyboard eine Elektro-Hymne aus den frühen Neunzigern ein. Betty und ihre Mitbewohnerin Daria lassen es auf einer selbstgebauten Trommel krachen, und Lale und ihre kleine Schwester decken mich mit türkischen Popsongs und farbenfrohen Super-8-Aufnahmen aus ihrer Kindheit ein.

Das stetig wachsende Material wird von mir digitalisiert und neu arrangiert. Ich bastele und probiere, kombiniere Altes mit Neuem, mische die so modellierten Sequenzen ab, verändere ihren Dynamikverlauf und jage Halbfertiges probehalber durch meinen Kompressor. Überzeugt mich eine meiner Ideen nicht, variiere ich den Entstehungsprozess und untersuche, wie sich Teile meiner Klangfragmente zu den von mir an Eddys Schnittprogramm vormontierten Bilderwelten verhalten.

Mitunter bin ich so von meiner Arbeit begeistert, dass ich mich in selbstverliebten Schwärmereien verliere. In solchen Momenten tritt meine neue Muse auf den Plan. Ihr geschultes Gehör und ihr kritisches Auge holen mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Bettys Einwände und Fragen lassen mich besser verstehen, klarer hören und schärfer sehen. Dabei geht es Betty nie darum, mich zu demontieren oder mir zu zeigen, was sie besser kann. Im Gegenteil, immer wieder versichert sie mir, wie sehr sie meine Arbeit schätzt. Dabei achtet Betty darauf, dass mir mein Mut und meine Zuversicht nicht verloren gehen. Auch ich bin um Bettys Wohl bedacht, störe sie tagsüber nicht bei ihrer Arbeit im Atelier. Am Abend verwöhne ich sie mit Kreationen aus Lucas Küche und erlesenen Weinen aus Lales Lagerbeständen. Gemeinsam spazieren Betty und ich durch das nächtliche Berlin, diskutieren über die Macht der Musik und die Unendlichkeit menschlicher Fantasie.

Betty und ich sitzen auf den Stufen des Schauspielhauses und trinken Wein. Vom Osten her weht ein warmer Wind. Der Mond scheint und taucht das Dach des Französischen Doms in ein weiches, silbriges Licht.

„Ich habe als kleines Kind immer nur allem zugesehen oder zugehört. Worte und Wortgebilde waren für mich wie kleine Melodien. Ich hätte sie durchaus auch wiederholen können, aber irgendwas in mir war wie blockiert. Als ich im Alter von fünf Jahren noch immer kein Wort sagte, bekamen meine Eltern allmählich Angst.“

„Du hast mit fünf Jahren noch kein Wort gesprochen?“, frage ich. Betty zuckt mit den Schultern und nickt.

„So ist es. Meine Eltern waren völlig fertig. Sie hatten mich zu den verschiedensten Ärzten und Spezialisten geschleift, aber das Problem blieb bestehen.“

Ich nicke und sehe Betty aufmerksam und gespannt an.

„Nun, eines schönen Tages machte ich Urlaub bei meiner deutschen Oma. Das Radio lief, und da hörte ich ein wunderschönes Lied. Ich mochte es sofort. Es hatte eine verwegene, aber auch melancholische Melodie.“

„Was für ein Lied war das?“, hake ich nach und frage: „Ich meine, welches Genre?“

Betty zuckt wieder mit den Schultern, tut so, als wüsste sie es nicht.

„Ich hatte mir lediglich die Melodie gemerkt. Und da ich das Lied wieder hören wollte, summte ich es meinen Eltern tagein, tagaus vor. Ich summte es am Morgen, am Mittag nach dem Essen, am Nachmittag beim Spielen und auch am Abend vor dem Schlafengehen. Irgendwann fiel bei meiner Mutter der Groschen. Sie wusste, wo sie suchen musste, und sie besorgte mir eine Schallplatte mit einer Aufnahme meines Liedes.“

Betty sieht zu mir, ihre Augen glänzen.

„Nun konnte ich mein Lied täglich hören. Ich hörte verträumt den Worten der Sängerin zu, summte fröhlich mit und eines Tages sang ich die erste Strophe. Als meine Eltern das hörten, waren sie sprachlos, denn meine ersten Worte sang ich auf Deutsch.“

„Aber wie hieß denn das Lied nun?“

Betty sieht zu mir, fast mich an der Schulter und singt: „Jeder kleine Spießer macht das Leben mir zur Qual, / ​denn er spricht nur immer von Moral. / ​Und was er auch denkt und tut, / ​man merkt ihm leider an, / ​dass er niemand glücklich sehen kann.“

„Das ist doch von Zarah Leander. Mensch, da wäre ich aber auch nicht ohne weiteres drauf gekommen.“

„Meine Eltern begriffen zumindest, dass mit mir alles in Ordnung war und das, obwohl ich so spät angefangen hatte, die Sprache als Kommunikationsmittel zu akzeptieren.“

Ich nehme die Weinflasche zur Hand und schenke Betty in ihren Pappbecher nach. Wir stoßen an und trinken. Ich sehe zu Betty und lächle verschmitzt.

„Als ich fünf Jahre alt war, hatten meine Eltern ein Grundstück in einer Datschen-Siedlung unweit von Strausberg zugewiesen bekommen. Die meisten der Pächter waren ranghohe Armeeoffiziere. Mein Vater arbeitete damals an der Bauakademie, wie er zu seinem Grundstück gekommen war, kann ich nicht genau sagen.“

„War dein Vater Kommunist? Also, war er in der Partei?“

„Ja, mein Vater war in der Partei, anfangs sogar aus Überzeugung. Er hatte den Krieg miterlebt. Sein großer Bruder war kurz vor Kriegsende von den Nazis eingezogen worden und kam nicht wieder. Mein Vater musste seiner Mutter beim Postaustragen helfen und sich als Bauhelfer verdingen, damit er und seine Geschwister halbwegs über die Runden kamen. Dann wurde ein neuer Staat gegründet. Mein Vater erhielt die Möglichkeit, die Schule zu beenden und sein Abitur zu machen. Kurz darauf bot man ihm an, im Ausland zu studieren und das, obwohl er aus einer armen Familie stammte. Ich denke, dass sich mein Vater von den damals propagierten Idealen sehr stark angesprochen gefühlt hat. Und er empfand gegenüber den Leuten, die ihm all das ermöglicht hatten, eine Verpflichtung. Aber ob man ihm deswegen ein Grundstück hinterhergeschmissen hat, wage ich zu bezweifeln.“

„Verstehe, dein Vater hat an die Ideale einer kommunistischen Gesellschaft geglaubt.“

„Tja, das haben wohl viele ein Stück weit. Insofern ist es schon bitter, wie sehr man diesen Demagogen, die ihre eigenen Ideale verraten haben, auf den Leim gegangen ist.“

„Das ist sicher keine einfache Einsicht. Aber ich wollte dich nicht unterbrechen. Ihr hattet also eine kleine Datsche in der Nähe von Strausberg bekommen.“

„Genau, ein Grundstück. Das Häuschen mit ihrer winzigen Terrasse haben meine Eltern an diversen Wochenendeinsätzen selbst gebaut. Ein Raum und eine Kochnische, mehr gab es damals nicht. Dafür war das Grundstück sehr schön gelegen. Direkt am Ufer mit Blick auf den See. Ich fühlte mich in dieser Welt pudelwohl, baute im Wald Buden, spielte mit anderen Kinder ‚Räuber und Gendarm‘ oder fuhr mit Schlauchboot über den See. Auch zu unseren Nachbarn hatte ich ein ausgezeichnetes Verhältnis. Kaum, dass unsere Familie das Wochenende eingeläutet hatte, seilte ich mich ab und ließ es mir bei den Frauen der Offiziere gut gehen. Selbstgebackene Waffeln, Obstkuchen mit extragroßen Streuseln und Sahne oder eine hausgemachte Mischung aus Kakao und Zucker als Schokoladenersatz, mein Leben war ein zuckersüßer Traum.“

Betty nickt mir lächelnd zu und nimmt sich meinen Tabak.

„Nun, eines schönen Tages lief ich mit meinem Vater zum Strand. Mein Vater lief zu Fuß, ich fuhr neben ihm auf meinem neuen Kinderrad hin und her. Kurz vor dem See gesellte sich ein fremder Mann aus der Nachbarsiedlung zu uns. Er war in etwa so alt wie mein Vater und hatte ein Badehandtuch dabei.“

Ich nehme einen kräftigen Schluck aus der Weinflasche und fahre fort: „Der Mann schaute zu mir und sagte plötzlich mit spöttischem Unterton: ‚Wetten, du schaffst es nicht, mit deinem Rad in den See zu fahren.‘ Ich war völlig durcheinander und sah den Mann verdutzt an. Wie sollte ich mich verhalten? Immerhin hatte mich dieser Erwachsene gerade herausgefordert. Ich sah also hilfesuchend zu meinem Vater, doch der sagte nichts. Also sah ich wieder zu dem fremden Mann, nahm seine Herausforderung an, schrie laut los und trat wie ein Bekloppter in die Pedalen.“

Betty zündet sich die selbstgedrehte Zigarette an und sieht mich überrascht an.

„Du bist aber nicht in den See gefahren? Sag nicht, dass du in den See gefahren bist?“

„Nun, ich mobilisierte alle Kräfte, überholte jeden, der gerade auf dem Weg zum Strand war, umkurvte mehrere ausgelegte Badedecken, nahm noch einmal richtig Tempo auf, hielt auf einen kleinen Sandhügel zu, flog gute drei Meter durch die Luft, überschlug mich und krachte kopfüber mit meinem neuen Rad in den See. Die Leute am Strand sahen mir perplex nach. Sie müssen sich wohl ziemlich erschrocken haben. Als ich wieder auftauchte und allen klar wurde, dass mir nichts passiert war, lachte die Menge los. Der ganze Strand lachte mich aus. Da begriff ich, dass mich der fremde Mann verarscht hatte. Er hatte sich einen Spaß auf meine Kosten gemacht, und mein Vater hatte es nicht verhindert. Ich heulte los und schwor bittere Tränen vergießend Rache. Natürlich kam mir mein Vater zu Hilfe. Er nahm mich in den Arm, versuchte mich zu trösten. Doch egal, wie sehr er sich auch bemühte, mein Vertrauen gegenüber der Welt der Erwachsenen war beschädigt worden.“

„Du Ärmster, da hat dir der Mann aber übel mitgespielt.“

„Ja, aber er hat auch dafür bezahlt“, antworte ich und lehne mich zurück.

„Wie, du hast du dich an ihm gerächt? Wie denn das? Hast du ihm in seine Blumenrabatten gepinkelt oder auf die Terrasse gekackt?“, fragt Betty.

„Ich habe gar nichts gemacht. Ich habe ihn nur jeden Abend beobachtet. Zwei Wochen später hat er sich dann beim Holzmachen ins Bein gehackt. Wäre seine Nachbarin, eine völlig verlotterte Sufftante, nicht rechtzeitig aus ihrer Bude gekommen, er wäre wohl jämmerlich auf seinem Grundstück verblutet.“

Betty sieht mich mit großen Augen an und fragt: „Du hast zugesehen, wie er sich ins Bein gehackt hat und hast keine Hilfe geholt?“ „Natürlich habe ich keine Hilfe geholt. Damals gab es ja noch keine Handys oder Notrufsäulen. Außerdem durfte ja niemand wissen, dass ich da war und ihn beobachtet hatte. Am Ende hätte meine Vater noch geglaubt, ich hätte etwas mit der Sache zu tun gehabt.“

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
26 maja 2021
Objętość:
301 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783954626526
Właściciel praw:
Автор
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