Czytaj książkę: «FLEXEN»

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

O, jetzt geht’s vorwärts! Gerhild Steinbuch

Friendly Fire

Katia Sophia Ditzler

Jakarta

Nadire Y. Biskin

Borderline

Mirjam Aggeler

Wenn du lächeln würdest

Deniz Ohde

Dresden – Chemnitz (drei Männer)

Anke Stelling

Brausen Schrägstrich Abspülen

An vielen Fassaden siehst du nur noch den Schimmel, diese Stadt wurde seit Jahrhunderten nicht mehr gelüftet Karin Peschka

Favoritenstraße

Luna Ali

Auf halber Strecke

Katharina Sucker

Auf die andere Seite

Özlem Özgül Dündar

Die Luders

Kamala Dubrovnik

Hausnummer 29

Anneke Lubkowitz

Alleen und Frauen

Erstmal Mund auf und raus und danach heimlich schämen Svenja Gräfen

Schritte machen

Julia Lauter

Wie man eine Stadt erobert

Bettina Wilpert

Der Himmel ist überall

Anna Hetzer Gedichte

flaneuses

plac zbawiciela

an der stralauer brücke

die frauen von uamdo

Leona Stahlmann

Schaumnest

Ronya Othmann

Gedichte

Gehe fluchtartig geradeaus und versuche, meine Gesichtsmuskeln zu entspannen Cornelia Manikowsky

Abend im Sommer

Mia Göhring

Flirren

Leyla Bektaş

Güerita

Halina Mirja Jordan

Always Hungry

Judith Coffey

Am Bayerischen Platz

Sandra Burkhardt

Das Exterieur

die zu uns sprechen mit einem messer als zunge Andra Schwarz Gedichte

Überall zuhause sein allein

Dinçer Güçyeter

Byzanz will es ohne Kondom

Lea Sauer

Eine Überlebende, Eine Zeugin, Ein Bericht

Svenja Reiner

Otis

Simoné Goldschmidt-Lechner

sur d’autres heures

Sibylla Vričić Hausmann

Feste Dinge

Interview mit Lauren Elkin

Impressum und Copyright

FLEXEN

Flâneusen* schreiben Städte

Herausgegeben von Özlem Özgül Dündar, Mia Göhring, Ronya Othmann und Lea Sauer


VORWORT

Die Flâneuse* zusammen mit den Herausgeberinnen

Flex | en, das, – kein Pl.: 1.trennschleifen 2.biegen 3.Sex haben 4.das Variieren der Geschwindigkeit beim Rap 5.die Muskeln anspannen 6.seine Muskeln zur Schau stellen 7.Flâneuserie

Ich flexe. Ich flexe mich in die Stadt, durch die Stadt. Ich flexe mir die Stadt zurecht. Flexen – das Wort mache ich. Ich gehe durch die Stadt, flaniere und flexe. Alles, was ich in den Texten dieses Buches mache, findet sich in diesem Wort wieder. Ein Wort mit vielen Bedeutungsebenen. Ich schneide mit ihm eine Kerbe in das ursprüngliche Verständnis vom Umherwandeln in Städten. Ich dehne den Begriff des Flanierens aus, so weit wie er auch faktisch ist. Mein Blick ist manchmal ins Detail verliebt, manchmal bohrend, stechend,manchmal lässig, verträumt oder sexy, manchmal schnell und hastig, langsam und besonnen. Manchmal knallhart.

Braucht man dafür ein neues Wort? Muss es wirklich das Flexen sein? Ja, muss es. Denn das, was ich mache, ist nicht einfach nur ein nettes Herumspazieren, ein Lustwandeln, eine Selbstverständlichkeit. Ich bin noch kein Teil einer Tradition, es gibt von mir noch kein Bild mit Spazierstock und Zylinder auf den großen Boulevards, keine Literaturgeschichte. Wenn ich mich in Städten bewege, heißt das: Aufpassen. Oder es heißt: Gesehen werden. Oder: Vollkommen unsichtbar sein. In jedem Fall wurde meine Stimme bis heute zu selten angehört und hat zu selten die Seiten von Büchern gefüllt. Flexen heißt, mich dort zu bewegen, wo ich nicht vorgesehen bin und etwas tun zu wollen, was für mich erst einmal als etwas Ungewöhnliches gilt. Deswegen flexe ich.

Meine Präsenz ist nicht ungefährlich und einfach für mich, fraglos akzeptiert wie sie es für die traditionellen Flaneure ist. Auch darum stelle ich hier meine Kraft zur Schau, die ich brauche, um mich im öffentlichen Raum zu bewegen. Flexen, es bedeutet all das. Das Wort Flâneuseurie gibt es nicht, in keinem Wörterbuch. Mich aber gibt es. Ich bin hier. Die begriffliche Annäherung von Flexen und Flâneuserie, die ich euch auftische, ist nicht zufällig. Sie zeigt die Anstrengung und die Vielschichtigkeit, die sich hinter meinem Gehen im urbanen Raum verbirgt.

Wie werde ich gesehen, wenn ich die Wohnung verlasse, wenn ich im Supermarkt bin, in der Straßenbahn? Ich bin weder besonders auffällig, noch unauffällig. Im Vorbeigehen falle ich schnell unter den Radar der anderen Blicke. Manchmal bleiben Blicke an mir haften wie gebannt, zu oft. Ich haste nicht. Ich habe kein Ziel. Ich stolpere durch Straßen, breit und gigantisch, schmal und schattig. Mich treibt die Neugier, die Lust am Wandeln, das Alleinsein mit der Stadt. Es ist mein Raum. Er gehört mir wie er jeder Person gehört, die sich in ihm bewegt. Das passt nicht allen. Ich gerate ins Blickfeld. Ich störe. Ich habe Lust am Stören, und das kann ich schon durch meine reine Anwesenheit. Es war nicht vorgesehen, dass ich hier bin und dort. Wo ich es sein kann, wurde es von mir erkämpft. Ohne Anstrengung ging es nie. Mir wurde gesagt, es sei zu gefährlich, bleib zu Hause. Bleib drinnen, da wo es sicher ist. Nur bedeutet drinnen sein nicht gleich Sicherheit und draußen sein nicht zwangsläufig Freiheit. Aber es kann Freiheit werden, wenn ich präsent sein kann, wo ich präsent sein will, auch dort, wo niemand außer mir das möchte. Wenn ich laut sein kann oder unbemerkt gehe, auf den Asphalt spucke und alles überall, zu jeder Zeit und ohne Einschränkung tun kann. Mir ist bewusst: Das ist auch ein Privileg, das ich mir erkämpfen kann. Es gibt Dinge, die es unmöglich machen, Flâneuse* zu sein. Zum Beispiel nur in bestimmter Kleidung und in Begleitung rausgehen zu dürfen oder wenn es sich generell nicht gehört, sich Zeit dafür zu nehmen, umher zu gehen und die Umgebung anzuschauen. Das passiert hier und anderswo. Manchmal durch gesetzliche Verbote, manchmal einfach durch gesellschaftliche Konventionen. Es kann ein abfälliger Kommentar sein, wenn ich meinen liebsten Minirock trage, Beleidigungen, wenn meine Hautfarbe für einige nicht ins Stadtbild passt, ich zu männlich oder weiblich aussehe. Es können aber auch Polizeikontrollen und Strafen sein. Berührungen, ungewollte Küsse, Verfolgungen, unangenehme Blicke, die totale Ignoranz. All das hat nur eine Botschaft: So in der Stadt unterwegs zu sein – das solltest du nicht.

Mir fallen nur wenige Autor*innen ein, die über mich geschrieben haben – Virginia Woolf, Jean Rhys, George Sand, Frederika Amalia Finkelstein, Teju Cole, um nur einige Beispiele zu nennen. Ich bin sicher, dass es mehr gab, aber ihre Stimmen wurden und werden von der Stimme des traditionellen Flaneurs, weiß, heterosexuell und männlich, überdeckt. Hier erhebe ich nun meine eigene Stimme und mache sie lesbar. Ich spreche nicht mit gespaltener Zunge. Meine Zunge ist von Grund auf vielstimmig.

Ich lebe in Städten. Sie sind mein Zuhause. Der urbane Raum ist mein Alltag. Ich bewege mich durch ihn wie durch mein Wohnzimmer. Ich kenne seine Ecken und Kanten, seine Kuschelorte. Ich kenne die Straßen, viel befahren, viel begangen, auch von mir. Er ist Teil meines Denkens, meiner Welt. Aber wo sind meine Perspektiven in der Literatur? Wo sind die Blicke der Frauen*, der People of Colour, der Queeren? Mir fehlt das auf Papier geschriebene Wort. Mir fehlt meine Stadterfahrung in den geschriebenen Geschichten, in den geschriebenen Figuren. Im geschriebenen Wort von Frauen*, People of Colour und queeren Menschen. Um dieses Wort auf Papier zu bringen, nachlesbar zu machen, gibt es dieses Buch mit mir und über mich. Flâneusen* schreiben Städte. Ich schreibe meinen Blick auf die Stadt und schreibe damit die Stadt neu, definiere sie neu im Geschriebenen, mache mein Erleben sichtbar. Die verschiedenen Erlebnisse, Blicke und Momente wachsen zu einem Chor an Stimmen; jede ist einzigartig und alle schreiben zusammen die Stadt.

In jedem der Texte, die in diesem Buch versammelt sind, findet sich eine neue Facette von mir. Ich bin die Mutti, die den Kinderwagen schiebt, Beobachterin der Straße. Ich bin der Mann, der seinen Vater verloren hat. Ich bin die Frau, die auf der Straße trödelt aus Protest. Ich bin die Frau, die protestieren geht, deren Füße im Alltag Mahnmale berühren, die anhält und darüber schreibt. Ich bin die­jenige, die geschunden wurde und nachts durch die Straßen geht, um sich wieder sicher zu fühlen. Ich laufe durch Gebiete, in denen Krieg herrscht. Ich bin diejenige, die den Krieg in ihren Erinnerungen mit sich trägt. Ich höre genau hin. Ich beobachte unsere Räume in Zeitlupe von der Shoppingmall bis zu deinem Hinterhof. Ich verschlinge jeden einzelnen Pflasterstein. Durch mich läuft der Rhythmus der Stadt. Ich bin die Bouncerin im Club deiner Wahl. Ich wandle zwischen den Geschlechtern und ihren Vorstellungen, auf der Suche nach Sex, auf der Suche nach nichts Bestimmten, ich bin überall auf der Welt und laufe und laufe und laufe. Und ich schreibe darüber. In Romanen, in Gedichten, in Reportagen, in Essays. Ich bin da. War ich schon immer. Ich existiere. Und ich möchte gesehen werden. Meine Anwesenheit soll dokumentiert sein. Ich möchte euch einladen, mich auf meinen Streifzügen zu begleiten, die Städte mit meinen Augen zu sehen, selbst auf die Straße zu gehen und darüber zu schreiben, was ihr denkt und fühlt, was ihr seht und hört.

O, jetzt geht’s vorwärts!

Gerhild Steinbuch
Friendly Fire

Ist es das jetzt, das sogenannte Draußen? Oder sind wir jetzt so weit drin im Ich, dass alles was da sonst noch sein kann, ohnehin egal ist? Egal. Jetzt geht’s vorwärts. Jetzt fangen wir an, jetzt brechen wir auf, jetzt legen wir los, jetzt jagen wir los, jetzt greifen wir an, jetzt greifen wir zu, jetzt drücken wir zu, jetzt treten wir zu, jetzt treten wir vor, jetzt treten wir auf. Das war einfach! Jetzt stehen wir im Licht, und das Licht ist ziemlich schön und ziemlich gleißend, ja schon schön, wenn man eine Geschichte hat, die so groß ist, dass alles, was man selbst nicht ist, darunter verschwindet. Wir erzählen uns so lange in eine Geschichte hinein, bis die sogenannte Wirklichkeit dahinter nicht mehr auffällt, bis sie nicht mehr ins Gewicht fällt, wir erzählen uns so lange in eine Geschichte hinein, bis alles, was da einmal fremd war, unter uns verschütt gegangen ist. Gibt es das noch, das sogenannte Draußen? Egal. Jetzt legen wir los, jetzt fegen wir los, jetzt fangen wir an, jetzt packen wir an, jetzt packen wir zu, jetzt kommen wir an. Nein, das war gelogen. Denn ankommen, tja, das ist etwas, das wir ohnehin nicht können. Im Leben? Nein, dort auch nicht. Und in der Liebe? Nein, dort auch nicht. Und im Körper? Nein, dort auch nicht. Und in der sogenannten Wirklichkeit? Nein, dort ganz bestimmt nicht. Wir wandern immer weiter, wir machen immer weiter, wir ziehen immer weiter, wir gehen immer weiter, wie die Geschichte weitergeht, das Leben das Reden das Vorwärts, wir fangen an, wir fangen immer von vorne an.

Und das ist die Geschichte: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus, um aber doch immer leider nur zu mir zurückzukommen, na, besonders viel ist das ja nicht. Fremd zieh ich also wieder einmal aus, und nochmal und nochmal, um in der Fremde auf was anderes als mich zu treffen. Auf das Fremde vielleicht? Nein, vielleicht eher nicht, denn die Angst ist ein treuer Geselle, wie das Glück einer ist, die schieben sich vor das, was stattfinden könnte, nein, was nur stattfinden kann, wenn ich endlich nicht mehr da bin. Ja, ich müsste selbst den Weg mir weisen, in dieser Dunkelheit, nein, in diese Dunkel­heit hinein, bis dorthin wos dann nicht mehr weitergeht, wo es mit mir dann nicht mehr weitergeht, aber Konsequenz das ist noch nie etwas gewesen, das mich, das uns ausmacht. Immer noch rechtzeitig in alle Richtungen abgebogen in Höchstgeschwindigkeit, Grenzen überwunden, Grenzen niedertrampelt, Grenzen gezogen, Grenzen wieder ausgelöscht, Leben als Geschichte geschrieben und mich in die Geschichte geschrieben, Namen gegeben und genommen, Wörter übergeworfen, mir übergezogen, das Ebenbild betrachtet, dem gleichmäßigen Atemgeräusch gelauscht, meine Stimme sagt nichts. Tja, würde sagen, das ist dann ja wohl eher dumm gelaufen, wenn diese Stimme alles ist, was mir geblieben ist. Nein, wenn Worte alles sind, das mir geblieben ist. Oder Wörter?

Egal.

Und das ist die Geschichte: Der Mensch stapft durch die trübe Weltlandschaft und passt auf, dass er aus dem Tritt kommt, nein, dass er nicht aus dem Tritt kommt. Egal! Wir wandern immer weiter. Na, der ist aber ziemlich undurchsichtig, dieser Weg, der ist aber ziemlich unübersichtlich, weil der Weltwind dauernd drüber wegfegt. Egal, wir wandern immer weiter! Der ist aber ziemlich dunkel dieser Weg, dass ich die Augen kneifen muss, nein, fest verschließen, damit das innere Licht die Dunkelheit erhellt und mir in seiner hellsten Helligkeit den Weg leuchtet. Egal, wir wandern immer weiter! Na, würde sagen, das ist aber ziemlich duster, dieses innere Licht. Egal. Ob du wirklich richtig stehst, siehst du, wenn das Licht angeht. Na, würde sagen, da kann ja nicht mehr so viel schiefgehn, denn wenn wir etwas können, ist es, uns ins rechte Licht zu rücken. Fangen an, wandern los, brechen ein, brechen auf, treten auf, und das Licht ist immer das rechte Licht, das ist ziemlich schön und ziemlich hell und ziemlich gleißend. Na, würde sagen, da kann ja nicht mehr so viel schiefgehn, denn wenn wir etwas können, ist es, so in andre Standplätze einzubrechen, dass sie postwendend wie unsre Standplätze aussehen. Oder in andre Körper?

Und das hier stimmt. Herausbrennen müsste man uns, so lange, bis wir endlich nicht mehr da sind. Aber das ist nicht die Geschichte, tut mir leid, tut mir wirklich leid. Konsequenz, das ist noch nie etwas gewesen, das uns auszeichnet.

Jetzt geht’s vorwärts!

Der Mensch strebt vorwärts mit einer Riesengeschwindigkeit, denn je höher die Geschwindigkeit desto mehr Tage desto mehr Ordnung. Je höher die Ordnung desto mehr Vorwärts desto weniger Abbruch. Das war einfach. Ja, aber die lassen sich leider nicht ganz vermeiden, diese Abbrüche, wenn sie einmal ankommen, nein, wenn wir einmal ankommen, wenn wir an die andren rankommen. Fremd aus- und eingezogen, das Fremde angezogen, vorher die schöne Oberfläche betrachtet und dann reingeschlagen mit den Fingernägeln und ordentlich zugepackt. Das war einfach. Ja, das lässt sich leider nicht vermeiden, wenn wir rankommen, dass wir die rannehmen, dass wir sie auch einnehmen, nein, dass wir sie in Kauf nehmen: die Sprachabbrüche und die Beziehungsabbrüche und die Knochenabbrüche. Egal. Wir steigen drüber weg, wir gleiten drüber weg, wir gehen zur Tagesordnung über, gehen die Tagesordnung auf und ab, wir promenieren, auf ab auf ab auf, bis wir die Lust daran verliern. Das war einfach. Ja, so ein Leben, so ein fremdes Leben, das ist schon was Schönes. So ein schönes fremdes Leben leben, das sich noch aus der Geschichte streichen lässt. Wir bitten den Fremden herein, nein, wir bitten uns als die Fremden herein, und dann ziehen wir uns das über, wir werfen uns über, wir stürzen uns drauf und wir fallen drauf rein, wir fallen da ein und hernach wird dann sogleich fremd auch wieder ausgezogen, und noch mal und noch mal: Grenzen überwunden, Grenzen niedergetrampelt, Grenzen gezogen, Grenzen wieder ausgelöscht, so, und jetzt gehts vorwärts! Nein, jetzt geht’s von vorne los: Leben als Geschichte geschrieben, uns in die Geschichte geschrieben, Namen gegeben und genommen, Leben gegeben – nein, das war gelogen – und Leben genommen – ja das natürlich schon.

Immerhin. Aber ist das jetzt ein neuer Anfang? Nein, natürlich nicht. Aber eine Schwelle ist das immerhin. Ja, aber pass auf, dass du dir an den Weltkanten nicht die Finger blutig schnitzt. So und da jetzt auf die Schwelle eins zwei drei Tropfen drauf als Menschlichkeitsbeweis, dass die Fremden draußen bleiben, die sich ständig hereinbitten lassen wollen. Na, da können die aber lange warten. Ich habe Zeit, denn manchmal, wenn die Zeit vorbeirast, schlage ich ja wie gesagt dann meine Nägelchen so schnell ein, dass sie mir nicht widerstehen kann, dass sie sich nicht widersetzen kann und mich ein hübsches Stückchen mitschleift. Verweile, Wanderer! Äh, ja, tut mir leid, keine Zeit. Jetzt bist du zwanzig, jetzt bist du achtundzwanzig, jetzt bist du zweiunddreißig, jetzt bist du neununddreißig, jetzt lernst du Eloquenz, jetzt lernst du Rhetorik, jetzt wirst du geliebt, macht ein ziemlich gutes Gefühl, machst ein ziemlich gutes Gefühl, engagierst dich, engagierst dich für was andres, engagierst dich für dich. Wenn man eine Geschichte hat, das ist schon was Schönes.

Und das ist die Geschichte: Der Mensch läuft durch die Landschaft, um sich so mit ihr zu verwachsen, dass ihm die Echtwelt nichts mehr anhaben kann. Und die unvorhergesehenen Momente? Die auch nicht. Und die ungeplanten Aufeinandertreffen? Die auch nicht. Und die Zeit? Die bestimmt nicht. Trotzdem: Unter meinen Händen zerfällt sie, meine, nein, unsere Geschichte wiederholt sich, wir stehen in den Trümmern, na, die sehen aber ziemlich gut aus, na, aber selbst wenn die ziemlich gut aussehn, müssen die jetzt leider trotzdem draußen bleiben, denn da klebt die Welt dran, pfui. Ach, wenn alles so leicht fernzuhalten wäre wie die Konsequenzen dieser Ohnmacht, die die Körper so flauschig warm ummantelt, dass sie uns gar nicht mehr auffällt. Dass uns dazu nichts mehr einfällt. Ja, dazu fällt mir jetzt auch nichts mehr ein. Na, würde sagen, dann verlass ich mich auf mein Gefühl Glaube Liebe Hoffnung als die schönen scharfen unsichtbaren Stützen, von Schützen bewacht, die ihr Ziel nie verfehlen, ja, zuerst haben wir die Stützen eingegraben und so einen Zaun in die Landschaft wachsen lassen, der das Außen vom Innen trennt. Und daran hochgezogen: weite weiße Fläche. Und darauf dann: Landschaft, die erst ihresgleichen suchen muss. Und darauf dann: trümmerlose Welt, dass die echte auseinanderfällt. Jetzt bist du müde, langweilst dich, wo ist der sogenannte Feind, der die Geschichte vorwärts treibt? Nichts von Fremden annehmen, nichts vom Fremden annehmen, – oder das Fremde annehmen als das, was fremd ist, um es hernach hereinzubitten und vertraut zu werden? Nein, natürlich nicht. Lieber das Fremde ansprechen als das, was es ja eben ist, nein, was es sein sollte und es hernach als neu geschaffene Bedrohung einfalln lassen. Ach, wenn alles nur so einfach wäre wie anstelle anderer zu sprechen, die wir ohnehin nicht hören können, nein, nicht hören wolln, weil wir mit ihrem Standplatz, der ohnehin schon immer unsrer war, so schön platzsparend verschmolzen sind. Eins zwei drei Tropfen auf die Schwelle, dass die Toten draußen bleiben, die sich ständig hereinbitten lassen wollen. Na, da können die aber lange warten. Ja, und das werden sie auch. Macht nichts. Wir haben Zeit.

Lasst uns enger aneinanderrücken, Freunde, draußen tobt die Welt! Aber ist sie das jetzt, die Schwelle in den endlich neuen Anfang? Nein, natürlich nicht. Auf der sogenannten Schwelle staut sich Mensch. Egal. Die Toten werden hier jedenfalls ganz bestimmt nicht eingelassen, die werden nicht hereingebeten, die Namenlosen, und die andren Namenlosen auch nicht, tut uns leid, die Namen des erlauchten Kreises hier, die sind ja leider alle schon vergeben und, das Recht zu sprechen, ausgebucht für dieses Jahr, aber Sie können sich gerne in diese Liste hier eintragen, ja, das können Sie machen, auch wenn das nichts bringt. Wir parken auf der Schwelle, die keinem außer uns das Leben sein soll, auch wenn unser Leben längst ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trippelt, dort drüben, wohin es geflüchtet ist, vor uns. Egal. Aufgehoben in der massigen Mitte. Oder inmitten der Masse? Wenn man eine Geschichte hat, nein, wenn man einen Körper hat, das ist schon was Schönes.

Ich komme an, aber schon im Ankommen der erste misslungene Versuch, denn was uns trennt, die Welt und mich, ist etwas, das ich ohnehin nicht überwinden kann, schon gar nicht durch die Kraft der Worte, die ja niemals meine waren, die immer schon unsre waren. Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus, um aber doch ja immer leider nur zu mir zurückzukommen, na, besonders viel ist das ja nicht. Aber es ist von Frauen auch ohnehin nichts Großes zu erwarten, vom Geburtsrecht einmal abgesehn. Nein, nicht das der grundsätzlichen Menschenwürde, nein auch kein familiäres Privileg oder schon, aber nur als sicherer Hafen, aus dem die Schiffe auslaufen, bis er sich nicht mehr selbst in Stand halten kann. Aber gestanden wird ohnehin nicht, bloß gelegen. Der steht schließlich immer schon in Frage, dieser Körper, der steht so in Frage, dass er den andren braucht, um daran festzuwerden, nicht wahr? Ja, wenn dieser Körper hier sich einmal so in Frage stellen könnte, dass dann endlich was andres kommt. Aber der stellt keine Fragen – auch weil ich mir schon die Frage stelle – egal, – nein, weil ich mir ja schon die Frage stelle –, egal, ja egal, – aber manchmal da frag ich mich, nein, ja, aber manchmal da frag ich, nein aber nein nein nein nein, dieser Körper, der stellt keine Fragen, weil er sie nicht zu stellen hat, weil er sich zu stellen hat, als Auslaufmodell Zielscheibe Zeitvertreib schöne Aussicht, der wird höchstens manchmal angesprochen, hallo, du etwas aussichtsloses Werkzeug!, ach, oder er wird einfach anspruchslos gleich mitgenommen, ohne zu fragen, sicher ist sicher. Es ist ein ständiges Zurückgerissenwerden in diesen Körper, der nicht in die Geschichte passt. Nur als Unterwerfung. Was nicht passt, wird passend gemacht. Und diese Geschichte einer Unterwerfung ist eine schöne Geschichte.

Wenn ich diesen Körper endlich nur als Frage stellen könnte, ohne Kontext, ja, wenn ich diesen Körper so als Frage stellen könnte, dass ihm die Erinnerung endlich nichts mehr ausmacht. Den Körper so in Frage stellen, dass er die Verwechslung erlaubt – Und was ist das für ein Anfang?

Egal.

Du läufst durch die Stadt, die Stadt ist eine von vielen, du schließt kurze Bekanntschaften, du schließt lange Bekanntschaften, du fickst, du redest, du unterhältst, du machst ein ziemlich gutes Gefühl, du dankst und dir wird gedankt, du bist richtig jämmerlich, egal, du machst immer weiter, du lächelst, du läufst durch den Tag, du arbeitest, du entspannst, du bist ziemlich entspannend, du schläfst, du heulst, du kommst nirgendwohin, jetzt bist du müde, egal, jetzt bist du müde, du stehst morgens auf, du schläfst oder auch nicht, liebst oder auch nicht, du benutzt deinen Kopf oder auch nicht, du benutzt ihn, um dich zu verstellen, und jetzt geht’s vorwärts: mehr Tempo mehr Tag mehr Ordnung, du kontrollierst, du redest, du hast nichts zu sagen, du weinst ein bisschen, weil dir sonst nichts einfällt, du redest, du machst immer weiter, draußen die Welt, die nicht einbricht, die nie in dich einbricht, du bleibst intakt, du redest, das ist nicht meine Stimme. Egal. Wir stehen im Licht, Grenzen gezogen, andre Grenzen ausgelöscht, in diverse Leben eingebrannt, Namen gegeben und genommen, Wörter übergeworfen: Jetzt geht’s vorwärts!, und meine Stimme, nein, jetzt geht’s vorwärts!, meine Stimme, nein, jetzt geht’s vorwärts, wir / stehen im Licht, und das Licht ist ziemlich hell und ziemlich gleißend und der Körper, jetzt ja jetzt!, läufst die Straße runter, von einer in die andre, von einer Geschichte in die andre, wir / stehen im Licht, und das Licht ist ziemlich hell und ziemlich, ja, und der Körper, aber wenn ich, nein, wenn ich –, und du bist müde, egal, bist immer müde, egal egal, und das ist die Geschichte: Alles geht immer weiter, aber das ist nicht meine, nein, aber, und das ist die Geschichte: Wir finden statt und dann finden wir statt, nein, aber, und das ist die Geschichte: Das ist nicht besonders viel, egal, jetzt geht’s vorwärts!, das ist nicht meine, nein, aber nein, jetzt geht’s, ja! Und das ist die Geschichte: Du bist immer müde, nein und das ist die Geschichte: Alles geht immer weiter, nein das ist nicht meine, nein das ist nicht meine nein das ist nicht meine nein nein nein nein nein

Einmal aufhörn, ja, das wäre schön.

Katia Sophia Ditzler
Jakarta

Jakarta I

Das Bildungsministerium hatte zu viele Steuereinnahmen und investierte sie in Ausländer/innen, die für ein Jahr ihre Probleme zu Hause gegen indonesische Probleme eintauschen wollten. Die Mitstipendiat/innen aus Schwellen- und Entwicklungsländern studierten die indonesische Sprache, die aus dem Westen studierten irgendeine Kunst, denn was ist schon ein Jahr deines Lebens, wenn dein Leben gesichert ist? Wir würden Musik, Schattenpuppentheater und Tanz studieren. Als wir ankamen, war der Himmel grau und dramatisch, die Flughafenlichter waren Diamanten. Es dämmerte.

Während einer der viel zu langen Willkommensveranstaltungen sollten wir aufstehen und die indonesische Nationalhymne singen. Der Text wurde auf eine Leinwand projiziert. Ich blieb sitzen und sang die sowjetische Hymne, aus Spaß. Die Litauerin und die Ukrainerin neben mir waren nicht begeistert. Du und ich flohen in unser Zimmer, verschliefen den Rest des Orientierungsseminars, schauten im Fernsehen japanische Pathologiekrimis und hatten Sex. Die Kamera zoomte immer rein und raus, auf die geschockten Gesichter der Gerichtsmedizinerinnen. Wir schlichen uns raus und gingen spazieren. Es gab in der Umgebung nichts, ein paar Essensstände, Motorräder, die viel zu nah vorbeirasten. Die Leute schrien uns Wörter wie bule oder londo hinterher, die man zur grenzbeleidigenden Bezeichnung europäisch aussehender Menschen verwendet. Man musste ehrlich mit sich selbst sein: Man konnte niemals mit Leuten, von denen man sich zu sehr unterschied, sei es charakterlich, sei es finanziell, auf einer Stufe sein. In solchen Konstellationen gibt es aufgrund des Gefälles niemals echte Freundschaften. Wir würden in zwei verschiedenen, nah beieinander liegenden Städten in Zentraljava wohnen. Alles war voller Verheißung.

Im Westen Jakartas gibt es ein Diorama, in dem mit Kunstharz­figuren dargestellt wird, weshalb man 1965 unbedingt echte und angebliche Kommunist/innen sowie ethnische Chines/innen umbringen musste. Es ist dort gelegen, wo am 30.09.1965 die sieben Generäle umgebracht worden sind, was dann Suharto als Vorwand benutzte, um Sukarno loszuwerden, sich an die Macht zu putschen und Säuberungsaktionen durchzuführen. Ich versuchte, dich zu überreden, dorthin zu fahren, aber dafür war keine Zeit. Man brachte uns zum Flughafen. Ein Mann stand auf einer Friedhofsmauer, starrte auf die Straße wie ein König, obwohl sein Blick durch die Äste eines Baums behindert wurde. In den Flughäfen hingen Farbtafeln zur Urinselbstdiagnose. Ich diagnostizierte mich nicht. Wir flogen in verschiedenen Flugzeugen in unsere verschiedenen Städte. Es war September.

Jakarta II

Ich war zutraulich. Deshalb verlangte der Motorradtaxist einen anderen Preis, drei Mal so hoch wie abgemacht, vier Mal so hoch wie angebracht. Ich protestierte, er schrie, bezog die Passanten mit ein, beschimpfte mich. Ich lenkte ein.

Mein Hostel war in der Altstadt. Ich freundete mich mit einem Jungen aus meinem Zimmer an. Er war gerade aus Dublin angekommen und hieß Ryan/Eoin/Aidan mit Vornamen und Murphy/O’Sullivan/Kelly mit Nachnamen. Mein Ethnographinnenherz war glücklich. Er hatte einen Literaturpreis gewonnen, wollte Gedichte über Orang-Utans und die Zerstörung des Regenwalds schreiben. Alle heulten über Palmöl, ich sagte, dass es vielleicht keine Alternative zu Palmöl gäbe, weil Kokosöl aus Kokospalmen gewonnen wird und Kokospalmen sogar noch mehr Platz, gerodeten Regenwald und traurige Orang-Utans brauchen als Ölpalmen. Am liebsten hätte ich eine Fernsehsendung, in der ich Umweltaktivismusmythen auf süffisant-arrogante Weise aufklären würde. »Hey Miss…ter Miss…ter«, nervten die Leute am Straßenrand, als könnten sie sich nicht für ein Geschlecht entscheiden. Wir stolperten. Die Bürgersteige ergaben keine gerade Summe. Meistens gab es überhaupt keine Bürgersteige, wenn doch, dematerialisierten sie sich an den ungünstigsten Stellen oder waren ein schwarzes Loch, ein Portal zu den unendlichen Weiten der überforderten Kanalisation. Ein junger Amerikaner, Kai, war schon monatelang in diesem Hostel. Hatte eine Easy Listening-Band gegründet mit positiven, motivierenden, lebensbejahenden Texten. Er bat uns um Stichwörter, mit denen er dann positive, motivierende, lebensbejahende Liedtexte über die immer gleichen vier Akkorde improvisierte. Ich ließ ihn positive, motivierende, lebensbejahende Liedtexte über Kätzchen mit Syphilis und Hundewelpen mit Gonorrhö improvisieren, was ihm gelang. Am Tag darauf gingen wir nach Chinatown. Ich kaufte einige kleine Wachteln aus einem überfüllten Käfig frei, für je 2000 Rupiah. Der Verkäufer gab sie mir in einer braunen Papiertüte, sie sahen aus wie sich windende Karamellbonbons. Ich ließ sie im chinesischen Tempel frei. Sie waren zu benebelt von der Freiheit, die streunenden Katzen fingen die verwirrten Tiere sofort, brachen ihnen das Genick, zerkauten sie. Sie wussten, was sie taten, und sie waren zu räudig und hautkrank, als dass ich irgendetwas mit ihnen zu tun haben wollte. Die Familie Kais stammte aus der gleichen Stadt wie Mao Zedong. Weil es chinesisches Neujahr war, stellte er ein paar Räucherstäbchen auf. Ich wollte ins Propagandadiorama fahren, vergaß das aber. Auf der Straße malte einer Porträts von Osama bin Laden. Wir skypten, während ich unterwegs war, ich zeigte dir die Stadt.

Der Süden von Jakarta war nachts verwunschen, voller maligner Pflanzen und gebogener Straßen. Ich ging zu einem Poetry Slam. Eine Bekannte trat auf, sie war halb Sizilianerin, halb Britin aus London. Vor einigen Jahren war sie nach Südafrika gezogen, wo sie der malaiischen Minderheit »deren Kultur« beibrachte.

Deshalb lernte sie indonesische Tänze. Zehn Jahre zuvor war sie aus ihrer Gewaltehe geflohen, zum Islam konvertiert, lebte seitdem zölibatär. Sie sang ein Lied darüber, dass Allah ihr ein Schlaflied singen und sie fliegen lehren solle. Ich lernte eine berühmte Oberklassendichterin kennen. Die Dichterin war sehr hübsch, ihre Tochter auch, ihr Mann bösartig. Später sollte er ein Übersetzungsstipendium gewinnen und zufälligerweise den Gedichtband seiner Frau auswählen. Ein paar Monate später outete sie sich als bipolar, woraufhin sie Aktivistin für die Aufklärung über psychische Krankheiten wurde. Fernsehteams kamen zu ihr nach Hause, baten sie, beim Geschirrspülen möglichst verrückt auszusehen. Sie protestierte öffentlich.

Die Exfreundin meines Vaters löschte mich auf Facebook. Ihre Familie wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben, ich chattete oft mit ihr. Wenn ich nicht schnell genug antwortete oder erklärte, dass es Nacht war in Indonesien, löschte sie mich. Kurze Zeit später schickte sie mir wieder eine Freundschaftsanfrage.

Ich traf mich mit Umer, einem Mitstipendiaten, der eine Firma gestartet hatte. Er importierte Skalpelle aus Pakistan nach Indonesien. Erzählte mir, dass er insgeheim Israel gut fand – aber wir stritten uns darüber, ob Armenien oder Aserbaidschan im Unrecht war. Verkrochen uns hinter Marmorsäulen in einer architektonisch lächerlichen Mall und tranken Kaffee. Auf einmal sprang jemand von hinten auf mich: Anzhelika – was ein Zeichen Gottes sein musste, da wir uns von diversen Anarchistencamps in Europa kannten. Ich dachte, sie sei in Sri Lanka, sie wusste nicht, dass ich in Indonesien war, und auf einmal waren wir zur gleichen Zeit in der gleichen Mall in Jakarta. Dann verließ ich Jakarta. Es war Januar, es wurde Februar.

Jakarta III

Jakarta ist Jayakarta, Stadt des Sieges. Ich dachte immer, ich würde jemanden treffen, der jung war, solange ich ebenfalls jung war. Wir würden langsam älter werden, und wenn ich in der Zukunft das alte Gesicht sehen würde, dann würde das junge noch zu erkennen sein.

Du hattest versucht, meinen Namen zu beschmutzen, Soldaten mit Halbwahrheiten rekrutiert, sie gegen mich in Stellung gebracht. Ich verkroch mich im klimatisierten Hostel, aß eine Mahlzeit am Tag. Ich fastete. So wollte ich meine Erinnerungen verhungern lassen. Ich wusch mich nicht, denn wenn man trauert, soll man verwildern. Du wolltest, dass ich mein Haar abschneide. Ich habe mein Haar nicht abgeschnitten. Ich ließ mich auf Motorradtaxen umherfahren und weinte ästhetisch, ging zu Kurzfilmabenden. Ich spürte, dass du in der Stadt warst.

Ich konnte mich nicht verteidigen. Ich ging in Wahnsinn. Du zwangst mich zu Gesprächen, ich fand immer mehr heraus. Ich provozierte dich, lachte über dich. In mir baute ich den Widerstand auf. Meine Sehnen waren durchlöchert wie die Bürgersteige dieser Stadt, und in unvorhersehbaren Abständen gab es tiefe Löcher, in die ich fallen konnte. Ich wusste nicht, ob du strategisch vorgingst wie ein Feldherr, oder ob du einfach nur den Horror der bevorstehenden Vernichtung spürtest, das Enttarntwerden, deine Auflösung in Dampf und Asche, wenn jemand dich durchschaute. Ich sah dich, ich erkannte dich, ich sprach das Zauberwort. Du wurdest zu Nichts, du gingst in die Leere. Ich durchschaute deine Gewalt, die Mechanismen und Taktiken deiner Kontrolle. Du warst ein schlechter Gefängniswärter. Du warst zu sehr überzeugt, alles im Griff zu haben, so dass du die Löcher in deinem Netz nicht gestopft hattest. Ich hatte die Löcher entdeckt, angefangen, die Maschen zu dehnen. Bis sie groß genug waren.

Ich hielt mein Telefon fest in der Hand und las Artikel über Cluster B-Persönlichkeitsstörungen. Nahm mir fest vor, ins Diorama zu fahren. War zu müde, obwohl ich nichts tat. Manchmal arbeitete ich ­diszipliniert und besessen an Projekten. Lud Tinder herunter. Am gleichen Tag ein erstes Date, in der Nähe der Jalan Thamrin. Der Typ hatte Psychopathenaugen. Er ging bald, ich trank weiter mit westlichen Expats. Einer war ein Exdiplomat aus Kanada.

Der Exdiplomat sang Sowjetlieder mit einem Vibrato. Ich kannte die Lieder entweder nicht oder sein Akzent war zu krass, aber ich war sehr angetan. Ich ging nach Hause, bevor ich zu betrunken oder die Situation zu sexuell werden konnte. Tanzte mit der jungen indonesischen Frau eines alten Amerikaners. Er sagte mir »Gut, dass du sie eingeladen hast, sie wird sonst immer sehr eifersüchtig, wenn ich mit jungen Mädchen rede«. Der Psychopath hatte seine ziemlich hohe Rechnung nicht bezahlt, wollte, dass ich sie bezahlte, versprach, mir das Geld zurückzugeben. Ich sagte Nein, löschte seine Nummer und seine Nachrichten, blockierte ihn. War stolz auf mich. Meine Wut hattest du mir gestohlen. Jetzt kam sie wieder – sie war mächtig. Du hattest mich zuerodiert, aber es war genug von mir übrig, um mich wieder aufzubauen.

In meiner Stadt brach der Vulkan aus. Instagram und Facebook waren voller Videos der Rauchsäule, die das, was auf der Erde passierte, an den Himmel verrieten. Ich fuhr zum Flughafen und klaute aus Versehen die Codekarte des Hostels. Es war Mai.

Jakarta IV

Das erste Mal war ich in Liebe gekommen, das zweite in Sehnsucht, das dritte in Trauer. Jetzt kam ich in Heilung. Ich war im gleichen Hostel, gab ihnen die Codekarte zurück. Jeden Morgen sah ich in meinen Mails nach, ob das Visum für Australien schon angekommen war. Die Flüge nach Melbourne wurden jeden Tag teurer. Eine Bekannte, die mal mit ihrer Schwester und ihrem besten Freund (der der Scheinehemann einer meiner besten Freundinnen war) bei mir in Deutschland gewohnt hatte, würde mich aufnehmen.

Adam saß da, aus Melbourne. Seine Arme und Beine waren zerkratzt nach einer viertägigen Wanderung in Sumatra. Er sagte, sein Sohn habe viel über Politik auf Reddit gelernt. Und von Jordan Peterson. Ich sagte ihm, dass dessen Verdienst nur sei, junge Männer von aufgeräumten Zimmern zu überzeugen und Hummersymbolik zu verderben. Er fand das alles sehr positiv, denn Hummer seien unterschätzt.

Er verhörte alle Gäste, entlockte ihnen ihre geheimsten Geheimnisse. Dann erzählte er mir ihre Geheimnisse weiter. Vielleicht sollte ich einen Youtubekanal aufmachen, auf dem ich dann kontroverse politische Thesen verbreiten würde. Leute würden angepisst sein. Ich würde viel Erfolg haben.

Eine Freundin aus meiner Schule, Hannah, war auch in Indonesien für ein Praktikum und gerade in Jakarta, für ein Visum. Wir gingen zu dem Poetry Slam, bei dem die goldene Jugend Südjakartas schlechte Gedichte las und mit zittrigen Stimmen sang. Sie sprachen leidenschaftlich darüber, dass sie gerade eine einmonatige Challenge machten: keine Plastikstrohhalme mehr zu benutzen.

Am Morgen fuhren wir zum Hafen, der nach Katzenfutter roch. Die Ratten waren schamlos. Die Menschen im Hafen lebten in Ställen vor den neuen Hochhäusern, die eigentlich niemals hätten gebaut werden dürfen, aber die Regeln pflegten sich zu ändern. Korruption macht die Welt flexibel. Sie sahen aus wie normale postsowjetische Hochhäuser in der kasachischen Steppe, in der es erst unendlich leer war und dann unerwartet eine Stadt auftauchte.

Auf einem der Boote stand in Himmelblau Revolution. Kinder winkten. Die Boote waren Brücken über den Kanal, Motorräder benutzten sie. Man setzte uns im Kampung-Aquarium aus – der Slum hieß so, weil Fische seit den 1970ern von der Inselgruppe vor der Küste hergebracht wurden.

Der Fährmann war ein lächelnder Hüter der Unterwelt, reichte den Leuten beim Aussteigen die Hand. Am Eingang der Unterwelt ein Stand mit Schokoladenbananen, pisang coklat, oder in der renitenten Liebe zu Abkürzungen piscok. Wo die Fische gesalzen wurden, lebten die fettesten Katzen von Jakarta.

Wir gelangten zum Fluss, in den die Scheiße der umgebenden Hochhäuser geleitet wurde. Die Scheiße formte Muster, ich machte ein Foto, das aussah wie ein Luftbild einer majestätischen Wüste. Zwei Monate später wurde für die Asian Games das Abwasser in eine Kammer unter den Fluss geleitet, der eigentliche Fluss nahm die Farbe eines Smaragds an. Eine Blondierte trug ein blaues Kolonialzeitkleid aus synthetischem Samt, drehte ihren Papierschirm in den Händen. Sie war dazu da, mit ihr Fotos zu machen, hatte viele Kunden.

»Hit me in the face I need to feel alive«, stand auf dem T-Shirt eines Mannes.

In der Ausstellung der Kunstuni Jakartas bestand ein Exponat aus Zitaten auf Papier: »Go as a river, true love heals, drink your tea, I am here for you.«

Am Taman Ismail saßen Chuck, Nesha und ich bei den Wahrsagern, ließen unsere Beine von Moskitos zerbeißen. Die Masseure griffen ihren Kunden erotisch ins Körperfett, sehr intim und sehr öffentlich. Der Alte neben mir heulte wie ein Wolf, obwohl Vollmond vorbei war. Wir aßen gebratenes Tempeh. Am Tag danach fuhr ich mit Nesha ins Diorama. Sie war eine der vielen Affären von Chuck, die alle voneinander nichts wussten.

Sie studierte, arbeitete in Teilzeit als Hijabmodel und Modedesignerin. Beim Diorama stand ein Schild:

»Links zur blutverschmierten Kleidung der Helden, rechts zum Brunnen des Todes«. Blut war rotgeschrieben, der Rest schwarz. In den sechs Schaufenstern, die die Entführung der sechs Generäle zeigten, hatten die Privatbibliotheken der Generäle immer kultivierte Bücher stehen. Die beiden größten Schaufenster waren für den besten Propagandacoup reserviert: Sie zeigten beide die versehentliche Erschießung der fünfjährigen Tochter des Generals Nasution aus verschiedenen Perspektiven unter Verwendung viel Acrylfarbenbluts, das aber schon lange nicht erneuert worden war und abblätterte. Denn wie kann man Besucher am besten von der absoluten Bösartigkeit des Kommunismus überzeugen, wenn nicht durch überlebensgroße Kinderleichen aus Kunstharz? Ich zeigte fassungslos rhetorische Propagandastrategien auf, kommentierte Falschinformationen. Nesha nickte. Sie sagte, sie seien hier mit ihrer Grundschulklasse gewesen.

»Was denkst du darüber?«, fragte ich sie.

»Ach, ich finde es schlimm, was die Kommunisten gemacht haben.« Sie lachte diplomatisch. Ich schwieg.

Ich erinnerte mich an das, was Edward gesagt hatte, als er ein Diorama an der amerikanisch-mexikanischen Grenze besucht hatte, das die Arbeit der Grenzschützer glorifizierte: Man stellt Dioramen immer dann auf, wenn reale Artefakte oder Fotos kein gutes Licht auf einen selbst werfen würden. Mit Dioramen schafft man ein Narrativ, und Geschichten sind immer gut, denn Geschichten mag man, selbst wenn sie unwahr sind.

Am folgenden Tag fuhren Juan und ich zum Taman Mini Indonesia, dort lungerten wir mit der Diaspora von Aceh herum. Juan lernte bei ihnen Bodypercussion. Er schlug auf seine Knie ein und seine Schultern. Ich fragte mich, ob ich mit ihm schlafen sollte. Dann dachte ich mir, dass er mich eigentlich nicht interessierte.

Es waren nur Männer da.

»Willst du mal heiraten?«, fragten sie mich.

»Ich will fünf Männer«, sagte ich, »habe genug Liebe für alle.«

»Sowas gibt es bei uns nicht. Nur vier Frauen pro Mann.«

»Würdest du vier Frauen wollen?«, fragte ich den Hübschesten.

»Nein, ich möchte nur eine. Meine Seelenverwandte«, sagte er, der Riaji hieß. Ich wollte Seilbahn fahren, er wollte mitkommen. Ich kaufte uns Tickets.

»Gehst du deine Familie oft besuchen?«, fragte ich Riaji.

»Meine Familie ist beim Tsunami 2004 umgekommen.«

Wir schwiegen. Dann fuhren Juan und ich wieder in die Stadt zurück.

Man bezahlt für alles. Ich habe bei der Lotterie am Anfang meiner Empfängnis viel gewonnen und vieles bekommen, das nicht wünschenswert ist. Ich habe die Exsowjetunion noch in der Gebärmutter meiner Mutter verlassen, was wahrscheinlich das Beste war, das hatte passieren können. Ich habe viel Glück und viel Pech gehabt, und manche Rechnungen wurden mir nie gestellt. Deshalb bezahle ich in Raten, vorsorglich. Ich weiß, dass noch viele unbezahlbare Rechnungen auf mich zukommen, aber ich war auch schon oft Millionärin, dank diverser Inflationen – in indonesischen Rupiah, iranischen Rials und vietnamesischen Dong.

Umer schickte mir auf Whatsapp Bildchen mit motivierenden Sprüchen und darüber, wie man sich von Liebeskummer zu heilen hatte. Dann wollte er, dass ich in sein Business einstieg, aber ich hatte keine Ahnung von Import und Export und Skalpellen. Das australische Visum kam. Ich buchte den nächsten Flug. Es war August.

Nadire Y. Biskin
Borderline

O[1] wird zu spät kommen. Der Grund dieser Verspätung lässt sich mit der Fußballfeldtheorie erklären. Man spielt ehrgeizig auf dem Feld, ein Tor schießen und noch ein Tor schießen. Man begehrt das Tor. Eines Tages stolpert man auf dem Fußballfeld, weil zum Beispiel die Schnürsenkel offen sind. Nicht mal Zeit für eine Schleife bleibt auf dem Fußballfeld. Das hat man davon und muss außerhalb des Feldes stehen, um die anderen beim Spielen nicht zu behindern. Schnell die Schnürsenkel zusammenbinden. Die tägliche Routine des Schnürsenkelschnürens bietet die Möglichkeit des Multi-Tasking. Man bindet sich die Schuhe zu und beobachtet dabei die anderen Spieler auf dem Feld. Man beginnt zu lachen, so viele Menschen rennen einem Ball hinterher, halten sich an die Regeln, die vorgegebene Zeit, singen Nationalhymnen und lassen sich vorschreiben, wie ihr Trikot auszusehen hat. Man geht wieder aufs Feld. Doch die Außenperspektive auf das Spielfeld lässt nicht mehr zu, dass man jemals wieder so ehrgeizig und angepasst mitspielt. O nimmt sich also an diesem Tag die Zeit auf dem Weg zum Ziel und stillt den Durst seiner Augen. O schaut sich die Backwaren in der Vatan Bäckerei an. Laugenstangen, Laugenbrötchen, Schrippen, Backwaren vom Vortag zum reduzierten Preis, Simit und Müslibecher. Die Waren erinnern o an die deutschen Nachbarn, die in den ersten Wochen nach der Eröffnung der Bäckerei des Deutschländers Umut stirnrunzelnd daran vorbeigingen. »Wozu diese Sesamringe? Wir haben doch Schrippen.« Nachdem das fremde Simit bekannt wurde, wurde es vertraut und gegessen. Die Deutschländerläden waren eine Bereicherung ohne einen Nachteil für die Deutschen. Die Preise blieben gleich. Die Läden der Deutschen mussten nicht schließen. Die Deutschländer lernten Deutsch, weil die Deutschen die Sprache der Deutschländer nicht lernen wollten. Sie konnten ihre Kunden auf Türkisch, Deutschländisch und Deutsch bedienen und beendeten ihre Fragen mit »wa«. Obendrein vertrieben die Deutschländer-Bäckereien die Einsamkeit der Deutschen. Stundenlang saßen Deutsche in den Bäckereien und wurden von den Deutschländern unterhalten.

O verlässt die Bäckerei Vatan ohne etwas gekauft zu haben, denn os[2] Portemonnaie liegt zu Hause. O läuft zur U-Bahn Afrikanische Straße im Afrikanischen Viertel. Der Name hält nicht, was er verspricht. Es fliegen höchstens nach zehn Uhr immer noch Flugzeuge über das Viertel nach Tegel, die aus Afrika kommen. Noise pollution ist ein Fremdwort hier. Nur die Kolonialherren machten ihren Namen alle Ehre und hauchten die Straßen mit ihren deutschen Namen afrikanisch an. O selbst wohnt auf der Müllerstraße. Sie ist 3,5 Kilometer lang. Im Fernsehen sagen die Omis, sie war mal der Kudamm des Westens. Ein Fachgeschäft berührte mit den Schultern ein anderes Fachgeschäft. Heute berühren sich nur die Schultern der betenden Männer beim Freitagsgebet in der Moschee. Die Opis ergänzen, dass alles jetzt in türkischer Hand sei. Sie finden diesen Umstand doof. Dabei haben sie bis heute nie das Geld gehabt, um in den teuren Fachgeschäften einzukaufen. Die Zugezogenen, die mit Geld und Status ihrer Väter nach Wedding ziehen, interessiert das nicht. Sie wünschen sich Vielfalt und verstehen darunter, dass man die verschiedenen Hautfarben, die sie von den Pantone-Hautfarbenfächer kennen, auf der Straße wiederfinden kann. Bunt soll es sein. Also sollen die türkischen Supermärkte weg. Stattdessen wünschen sich die Zugezogenen Bio-Supermärkte. Das ist natürlich nicht mit den Omis und Opis abgesprochen. So wünschen sich diese wieder die türkischen Supermärkte zurück. Die waren zwar nicht deutsch, aber wenigstens preisgünstig. Manchmal steht der Ali dem Kevin in der Einkaufsschlange näher, als der Konstantin tut.

Von der Bäckerei bis zum U-Bahn-Eingang ist es ein Kasino weit. Die Kasinos auf der Müllerstraße sollten weg. Doch sie bleiben da, während das Geld dort gewaschen wird und der Berliner, der dort rauskommt mit gesenktem Kopf und leeren Händen auf dem Bahnsteig mit o wartet. Dort im Untergrund gibt es dann doch Afrika. Auf dem Bahnhof sind Bilder von Tieren zu sehen, die man in Deutschland in Zoos sehen kann oder in Dokumentationsfilmen über Afrika. Nollywood-Filmstars und Ghana-Must-Go-Beutel sucht man auf den Bildern dieses Bahnhofs vergeblich. Dafür kommt die U-Bahn an und fährt Richtung Alt-Mariendorf. U-Rehberge ist die nächste Station. Dort hat o bereits die Schrebergärten der Deutschländer entdeckt. Man erkennt sie daran, dass sie als erstes in den Schrebergärten die Gartenzwerge entsorgen. Sieht man einen Gartenzwerg neben der Biotonne, aus dem Kartoffelschalen herausragen, dann weiß man, ein Deutschländer hat einen Schrebergarten gekauft. Die Schrebergärten lassen ihre Besitzer erkennen. Die Schrebergärten der Deutschländer haben Blumen mit Paprika und Tomaten ersetzt. O hat hier auch das legendäre Schwein der Rehberge entdeckt. Es ist das Haustier einer Anwohnerin. Sie meint, als sie sich damals dieses Tier zulegte, wollte sie sich vor dem Klingelstreich der Nachbarskinder schützen. Kurz darauf hatten die meisten Kinder Smartphones und stellten die Notwendigkeit des Schweins in Frage. Als o das erste Mal von der Station hörte, wusste o nichts von all dem. O stellte es sich oben unschuldig mit Rehen, Hügeln und einer Eisdiele vor. In der U-Bahn lauscht er jetzt dem Gespräch einer Frau, die aufgeregt am Telefon erzählt, dass die Schule, an der sie arbeiten wird, nach dem Typen benannt sei, der in der Rehberge die Ausstellung von Tieren und Menschen aus den deutschen Kolonien geplant hatte. Dann wäre der Krieg dazwischengekommen. Glück im Unglück. Die Unschuldsaura der Rehberge geht in dem Moment verloren und im gleichen Moment steigt ein Deutschländerjunge mit seiner vollen Unschuld ein. O hört den Frauen zu, die neben ihm sitzen und über den Jungen tuscheln. Seine Mutter hatte einen Schlaganfall. Seitdem ist sie ein Pflegefall und ihr ältester Sohn am Brennen. Die Frauen sagen, damals hat er Alkohol auf dem Spielplatz getrunken. Alkohol und dann noch in der Öffentlichkeit, ist eine Kombination, die für die Deutschländer im Wedding nicht üblich ist. Als sei das Alkoholverbot in der Öffentlichkeit aus Polen nach Berlin übergeschwappt. Die Routine des Jungen hat sich geändert. Er steht seit diesem Jahr stundenlang vor der City-Toilette oder vor Kaufland. Manchmal auch vor dem Friedhof, neben dem Institute Français, auf dem die Gastarbeitergroßeltern des Jungen am Wochenende gearbeitet hatten. Heute wird er seine Stunden in der U-Bahn verbringen. Ohne nach Geld zu fragen, ohne zu singen, ohne zu reden, ohne ein Spiel auf dem Smartphone zu spielen. O hört den Hunger in seinem Magen so laut schreien und denkt, dass deswegen sogar die tuschelnden Frauen ihn kurz anblicken und aufhören, über den Jungen zu reden. O überlegt, ob er aussteigen und im Gözleme-Laden frühstücken soll. Die Schlange dort ist kurz, seitdem Menschen mit mehr Geld, mehr Bildung, Bürgschaften und einem merkwürdigen Selbstverständnis in der Gegend selbstverständlich bevorzugt Wohnungen bekommen. Die Gözleme-Ladies erfuhren von einem jungen Studierenden, wieviel Miete er zahlt und wie er sich darüber freute, weil es so billig war und fortan stiegen die Gözleme-Preise mit den Mietpreisen zusammen und die Schlange wurde immer kürzer, das Lächeln der wartenden Kunden immer breiter.

Der U-Bahnfahrer, der davon träumt der Busfahrer der Buslinie 100 zu werden, kontrolliert die Bahn vom ersten bis zum letzten Waggon. »Endstation, der Ersatzverkehr fällt aus, wird nicht ersetzt. Aussteigen. Hab nicht ewig Zeit hier.« O steigt mit den Pfandflaschensammlern aus, die vormittags auf der Müllerstraße Pfandflaschen sammeln und am Nachmittag am Flughafen Tegel, um Alkohol kaufen, die Familie in den zurückgelassenen Ländern unterstützen oder um Pilgerfahrten nach Mekka finanzieren zu können.

O nimmt die Treppe in Fahrtrichtung hinten, die geradeaus zur Tramhaltestelle der einzigen Tramlinie im Westteil der Stadt führt, dann nach links zum Café mit Watson-Glühbirnen und Flaggen der WM-Länder, dem Kiosk mit Zigarren und Messern, dann nach rechts zum Dönerrestaurant Saray. Kiosk und Saray stehen sich so seit Jahren royal auf der Müllerstraße gegenüber. Auf den Treppen sieht o einen Mann in Weiß. Es ist der Syrer, der kaum Türkisch oder Deutsch kann und für wenig Geld im Folienkartoffel-Geschäft eines Deutschländers Tandoori-Brot backt. Der Deutsche zahlt dem Deutschländer wenig, der Deutschländer zahlt dem Syrer wenig und der Syrer zahlt davon seine teure Wohnung an den deutschen Vermieter aus dem Schwabenland. In diesem Bezirk haben alle so ihre Kreislaufprobleme.

Während o an dem Juweliergeschäft des Mardiner Christen vorbeiläuft, schaut o sich den Jesus-is-Lord-Imbiss, den Bismillah-Baklava-Laden, die AOK-Filiale, die Graffitis »No borders« und »Wohnraum ist keine Warte« an. Angekommen an der Ampel blickt o auf ein Gebäude mit Studierendenapartments. In Heidelberg wäre so ein Gebäude eine Hand des Stadtkörpers, auf der Müllerstraße hingegen hinterlässt es den Eindruck, ein Prothesefinger zu sein. Vollkommen im Vergleich zum Rest der Straße. Im Erdgeschoss soll laut einem Plakat am Fenster ein Bio-Supermarkt öffnen. Es ist grün. O läuft über die Kreuzung und schaut sich die restlichen Räume im Erdgeschoss an. Er blickt auf Menschen, die teilnehmende Beobachter in Wedding sein möchten, die mit Wörtern wie »echt« und »ehrlich« das Wort »arm« ersetzen. »Select a name« steht auf dem Klingel­display. Ein Arbeitsraum mit einer tapezierten Wand, auf dem Monstera-Pflanzenblätter abgedruckt sind. Ein Versammlungsraum mit eingerahmten Aphorismen: »You always have a choice.«, »Kindness is always free.«, »Never stop believing in yourself.«

O läuft schnell weiter, möchte das Gesehene auf dem Weg verlieren, wie Äpfel, die einem aus einer gerissenen Tüte fallen. Auf os linken Seite ist Risa-Chicken, der KFC á la halāl. Auf seiner Rechten ist der Coffee-Shop, vor dem möchtegern-open-city Psychiater ihren Espresso trinken und ihre zukünftigen Patienten beobachten. O schaut nach links zu einem Café mit einem englischsprachigen Namen, nach rechts zum Simit-Haus, der Stadtbibliothek und dem Graffiti »Hartz Vier essen Seelen auf« am Ärztehaus. O ist vor Karstadt angekommen. Jedes Mal, wenn o an dieser Kreuzung steht, schaut o auf die andere Seite der Straße und denkt an Frau Vogel. Frau Vogel kam aus der westdeutschen Provinz nach Berlin. Sie ist weder Favela noch Heidelberg. Aufgrund ihres mittelmäßigen sozio-ökonomischen Status bekam Frau Vogel nur eine Zusage für eine Wohnung in Wedding. Wenigstens sind mein Therapeut und meine Eismanufaktur fußläufig, tröstete sie sich. Bei Manufaktur-Eis lernten o und os deutschländische Freundin Frau Vogel sich zwischen Mango-Sorbet und Matcha-Eis kennen. Frau Vogel bestand darauf, die beiden auf ihrer Geburtstagsparty dabei zu haben. Frau Vogel, Herr Vogel, eine Heidelbergerin, eine Düsseldorferin und eine Frau Stern aus dem Osten saßen am Tisch mit o und der deutschländischen Freundin. Das Abendmahl von Wedding. Das Symposium der Fremden. Jeder Schluck Moscow Mule hatte die Wirkung eines Spa-Wochenendes. Das Gefühl von Wellness ging schnell zu Ende. Frau Vogel meinte: »Am Leopoldplatz steige ich nicht aus. Das ist mir zu viel Ghetto.« Sie klärte auf: »Ich meine die betrunkenen Menschen.« Die Deutschländerin fragte dann: »Was ist der Unterschied zwischen dir, die jetzt Alkohol trinkt, und denen? Ich hab’s. Du hast Geld und sie nicht.« Frau Vogel und alle anderen am Tisch wünschten sich in dem Moment Vögel zu sein, um aus der Wohnung, aus Wedding raus fliegen zu können.

O läuft weiter, vorbei am Hakiki-Döner-Stand, dem Tipster-Wettbüro und dem Job-Center, das regelmäßig frische Farbe, meistens Rot oder Braun, von Unbekannten verpasst bekam. Die nächstgelegenen U-Bahnhof- und S-Bahnhof-Stationen waren hier nach dem Bezirk benannt und stellten eine erste Grenze dar. Jene, die innerhalb des S-Bahnrings wohnten, deklarierten die Zone außerhalb des Rings als weniger angesagt. Jene, die außerhalb des Rings wohnten, wussten nichts davon. »Armes Mexiko, so nah an den USA« – bekommt bereits hier eine neue Dimension, wenn man weiter Richtung Mitte schaut. Die nächste Station der U-Bahn-Linie Sechs ist innerhalb des Rings, doch immer noch Wedding zugehörig. Als o das erste Mal mit der Bahn hier vorbeifuhr, freute er sich über das Werbeplakat eines Pharmakonzerns. Auf dem Plakat waren zwei Menschen zu sehen: ein Wissenschaftler und eine Wissenschaftlerin. Beim zweiten Mal freute sich o, weil der Wissenschaftler weiße Haut und die Wissenschaftlerin schwarze Haut hatte. Beim dritten Mal, als o davon ausging, dass das Bild ihm keine große Freude bereiten würde, wurde er überrascht. Diesmal fiel o auf, dass die schwarze Wissenschaftlerin dem weißen Wissenschaftler etwas zu erklären schien. Beim vierten Mal entschied o, das letzte Mal auf das Plakat geschaut zu haben. Die schwarze Wissenschaftlerin hielt Baumwolle in der Hand und schien ihren Kollegen – beide mit Blick Richtung Baumwolle, sie mit offenem und er mit geschlossenem Mund – darüber aufzuklären. Die U-Bahn fährt wieder ab dieser Station. O läuft trotzdem bis zur nächsten. Die Satellitenschüsseln, die Panke, die unter der Mettalbrücke vor dem Häuserblock fließt, passt noch zum Wedding. Im Gegensatz zur Fashion Week, die hier jährlich im Erika-Hess-Eisstadion stattfindet und exklusiv für Menschen ist, die in Mitte schlafen und sich so kleiden wie Kinder im Wedding angezogen sind, die als letztes Geschwisterkind die Kleidung der Älteren bekommen. Gated Communitys, die an Südafrikaurlaube erinnern, Häuser, über die Kinder von Stararchitekten behaupteten, ihre Väter hätten sie gebaut und Kinder von Weddinger Bauarbeitern, ihre Väter hätten sie gebaut, reihen sich an Häuser, in denen es Vegetarier und Jagdvereine Wohnungen als Mieter gibt. Die REWEs und Edekas mit prostitutionsartigem Smalltalk führenden Verkäufern, die von emotional verwahrlosten Kunden besucht werden, ebenso wie von heimlichen Paybackpunktesammlern, quetschen sich in die Chausseestraße ein. Eine Form von Kolonialismus erreicht die Straße, auf der Gesundheit, neben Reisen, die Hauptsäule des guten Lebens ist. Ein Supermarkt-LKW hält vor dem denkmalgeschützten Haus an. O nimmt heimlich einen Bergpfirsich aus der Delivery-Box. O isst den Bergpfirsich schnell auf, weil die Kinder, die im überteuerten Hostel gegenüber wohnen, sich frisches Obst nicht leisten können und o auf dem Bahnhof anstarren würden, um sich besser vorstellen zu können, dass sie diesen Bergpfirsich in dem Moment essen. Auf dem Bahnhof Schwartzkopffstraße steht o neben zwei Frauen, die sich Bergpfirsiche leisten können und sich auf Englisch unterhalten. Vermutlich lebt die eine Frau seit Jahren in Deutschland und hat nie Deutsch lernen müssen, da alle um sie herum, bis auf die Mitarbeiter der Ausländerbehörde, Englisch gerne als ihre zweite Muttersprache betrachten. Eine dritte Frau, die mit o die ganze Strecke bis hierherlief, läuft an den beiden Frauen vorbei und schreit »Gringo.« Während die deutsche Frau tröstet: »Darling, don’t bother, they call us Kartoffel, potatoes. There is all over the world racism.« Sie steigen alle vier in die Bahn, fahren am Naturkundemuseum vorbei. Die beiden Frauen bemitleiden, laut genug, so dass alle es hören können, all die armen Lehrerinnen, die in Wedding wohnen müssen. O ist eine weitere Station Ohrgast der beiden Frauen. Mittlerweile sind sie beim Thema Faltencreme angekommen und fragen sich, ab wann man von »reiferen Haut« spricht. Sie einigen sich beim Aussteigen auf siebenunddreißig Jahre. O fährt neben der Notfallbremse stehend eine Station weiter mit geschlossenen Augen und steigt am U-Bahnhof Friedrichstraße aus. Die Treppen, die Montag bis Samstag gefüllt sind mit Dussmanntüten, mit Staatsbibliothekstüten, Karls Erdbeeren Liebhaberinnen und Studierenden, die vor dem Grimm-Zentrum warten, um in der Universitätsbibliothek einen Sitzplatz zu ergattern. O gähnt die Leere auf dem Bahnhof an und in dem Moment entdeckt er einen Bildschirm auf dem Bahnhof: »Die BVG wünscht Ihnen einen schönen Sonntag.«

Mirjam Aggeler
Wenn du lächeln würdest

Heute lieber Hose. Heute lieber unsichtbar. Heute lieber unbemerkt. Gestern den Welpenschutz verloren. Im Bus von X nach Y. Neben mir ein alter Mensch. Sich männlich behauptend. Ein freundliches Nicken, als ich mich zu ihm setzte. Ich glaubte an einen Zufall. Als sein Bein das meine berührte. Selbst beim zweiten Mal: Das Gleichgewicht verloren vielleicht. Nichts, was nicht passieren kann. Nichts, was der Rede wert wäre. Nur eine leichte Berührung. Nur eine leichte Gänsehaut. Ein leichtes Zurückzucken. Das war’s. Aber das war es nicht. Ich wurde schmaler neben ihm. Ausgleichsversuch. Er wurde breiter neben mir. Ausgleichsversuch. Von Gleichgewicht keine Rede. Ich versuchte, mir ein Bild zu machen, und schaute zu ihm hinüber. Ein Mustern überzog meinen Körper. Einmustern, Ausmustern. Und wieder, wie zufällig: Berührung der Beine. Meine schon fast neben dem Sitz. Mitleidiger Blick einer Frau, die sich bei der Tür an die Stange klammerte. Fast hätte ich mich daran festhalten können, aber sie zog ihn zurück und warf ihn aus dem Fenster. Lieber du als ich. Draußen das vorbeiziehende Brückengeländer, der Fluss in der Ferne, das Sonnenlicht auf dem Wasser. Möwenkreise über kleinen Köpfen. Es waren weniger geworden. Der Sommer in den letzten Zügen. Dort unten sich treiben lassen, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr. Ein Ziehen in meinem linken Bein. Griff auf meinen ganzen Körper über. Anspannung. Fast das Atmen vergessen. Der Versuch, mir nichts anmerken zu lassen. Denn was ist schon dabei. Ich bin keine Zimperliese. Nimm es als Kompliment. Die Frau an der Tür, ihr Blick nach draußen, noch immer. Nichts zu machen. Lieber du als ich. Aber ihre Fühler im Raum. Das war schon viel, mehr als nichts. Aber nicht genug. Die Ahnung, dass etwas hätte sein können. Der Bus hielt, die Türen öffneten sich. Ein letzter Blick über die Schulter. Ein Lächeln. Gequält, quälend. Sie stieg aus. Die Sitzreihen leerten sich. Ein Impuls, den Platz zu wechseln. Die Sitzreihen füllten sich. Mein rechtes Bein im Durchgang, ein Störfaktor. Rückzug. Nein. Jetzt noch aufstehen. Als einzige. Eine Gegenbewegung. Was würden die anderen denken: Was hat die für ein Problem? Was hat er denn gemacht? Was ist denn dabei? Nimm es als Kompliment. Kein Wunder, nimmt die Frauen niemand ernst. Ein Theater wegen nichts. Oder: Was bildet die sich ein? Armer Kerl. Gemeine Unterstellung. Rufmord. So eine bin ich nicht. Oder: Zieht ein Kleid an und wundert sich. Er ist auch nur ein Mann. Dem Zauber erlegen. Das hast du doch gewollt. Gib es zu. Das wollt ihr doch alle. Hexe. Ich sah schon den Schein der Fackeln. Oder schlimmer noch: Sie zeigen auf ihn. Lustmolch. Grabscher. Mit ihren Fackeln in der Hand. Vergewaltiger. Das wollte ich nicht. So war es nicht. Ich wollte nur. Schuldgefühl. Die Bustüren schlossen sich. Ich sank auf meinen Sitz zurück. In mich zusammen. Sein Bein an meinem. Selber schuld. Ich riskierte noch einen Blick, verstohlen. Schuldbewusst. Und schaute in ein faltiges Gesicht mit buschigen Augenbrauen. Knollennase, weiches Kinn. Verschmitztes Lächeln. Ein Zwinkern in den Augen. Zwischen Opa und nettem Onkel. Und auf jeden Fall: unschuldbewusst. Nein. Kein Bewusstsein. Eine Gewissheit. Jetzt auch bei mir: Die Fackeln hätten nicht ihm gegolten. Ich schaute auf die Anzeigetafel, noch fünf Haltestellen. Sein Blick blieb an mir kleben. Herausgefordert. Selber schuld. Noch sieben Minuten. Durchatmen. So gut es ging. Den Umständen entsprechend, halbwegs. Bloß nicht nach links ausdehnen. Bloß kein Missverständnis wecken. Bloß nicht. Selber schuld. Das Summen der Stimmen gleichförmig. Alles in Ordnung. Nur vorne im Bus eine höhere Frequenz. Ein schreiendes Kind. Eine beruhigende Mutter. Bestimmt hatte sie einen langen Tag hinter sich. Und noch einen langen Tag vor sich. Nervös, unter all den Blicken. Den kritischen. Muss das sein. Was macht sie nur. Warum schreit dieses Kind. So geht das nicht. Es wird Hunger haben. Müde sein. So schwierig ist das nicht. Wahrscheinlich aus der KiTa geholt. Rabenmutter. Wir haben Feierabend. Sie legte es an die Brust. An meinem Bein ein anderes. Ich gab nach. Etwas noch. Etwas ging noch. Die Berührung blieb. Sein Fokus auf der stillenden Frau. Ich sah es in meinem Augenwinkel. Ekel. Erregung. Vielleicht beides. Ihr Blick tauchte ab auf das Gesicht des Kindes. Tauchte ein in einen eigenen Raum. Und schloss sich dort ein. Sicher. Das ist besser als nichts. Dort lässt sich einiges aushalten. Das Summen wieder ungestört. Gleichförmig. Auf dem Bein neben meinem eine Hand. Locker hingelegt. Zufällig bequem. Die Knöchel auf meiner Haut. Den Fuß noch ein wenig eindrehen, Knie gegen Knie. Wieder ein, zwei Zentimeter gewonnen, verloren. Meine Arme vor der Brust. Ich hielt mich. Auf Abstand. Verdreht. An den Rand gedrängt. Die Sitzkante. Einschneidend. Pochen in den Adern. In der Busmitte ein paar Anzüge. Zwei von ihnen linsten verstohlen in meine Richtung. Steckten die Köpfe zusammen. Einmustern. Der eine verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. Ein aufmunterndes Lachen. Eine auffordernde Kopfbewegung. Ich kenne den Text: Was schaust du so böse, du machst mir ja Angst. Lächle doch mal. Dann wärst du viel schöner. Eine Grenze überschritten. Ungeahnt. Da kann keine gewesen sein: Denn schöner sein will jede. Muss jede wollen. Das ist Gesetz. Und wider die Natur, wer die Blicke nicht erntet, wer sie verrotten lässt. Nur einmal lächeln, für mich, bitte. Aber ich will nicht. Ein Lächeln kostet nichts. Wenn sie wüssten. Eingemustert, ausgemustert. Es kann sich an einem Lächeln entscheiden. An der Bereitwilligkeit zu gefallen. Die Entscheidung dagegen. Ein Wutgefühl. Ich gefalle nicht. Ausgemustert. Ein Mäuschengefühl. In der Falle, grau. Und kauernd. Als würde einer wie er. Eine wie mich. Blick nach rechts, das Fenster: eine Spiegelwand. Haare sortieren, Haltung korrigieren. Du gehst wie ein Bergbauer, die Erinnerung an eine Stimme aus einer anderen Zeit. Als wäre etwas falsch daran. Etwas daran ist falsch. Wo war der Blick nach draußen. Links, ein drohendes Missverständnis, gerade aus, ein Augenschein. Von einer Frau aus der Gruppe der Anzüge. Ich blieb hängen. Ein Ausmustern. Die Wände so nah, rücken immer näher. Werden mich zerquetschen. Mir den Rest geben. Wohin nur mit den Blicken? Die mich mustern. Einmustern, ausmustern. Was hat das mit mir zu tun? Nichts. Alles. Meine Beine klebten, zusammengepresst. Ob ich sie nicht doch hätte, ob das Kleid nicht zu, ob es genug, ob meine Haare noch, meine Schminke noch, ob sie nicht zu viel, zu wenig, ob ich zugenommen, abgenommen. Ob meine Brüste zu, ob sie überhaupt, wem gehört dieser Körper: Wer gibt mir den Rest? Wäre ich nur zu Hause geblieben. Aber es spielte keine Rolle. Bodenwelle. Halt verloren. Eine Hand an meinem Handgelenk. Hielt mich fest. Zog mich zurück auf den Sitz. Der alte Mann. Ein gutmütiges Lächeln. Gerade nochmal Glück gehabt. Nein. Das Fass bis zum Rand voll, schwappte über. In diesem Moment. Mit Glück hatte das nichts zu tun. Ich riss mich los. Und endlich die Haltestelle. Nicht meine, aber eine: im letzten Moment aufgetaucht. Ich zwängte mich zwischen den Leuten hindurch, ein Rempeln hier und da, für Rücksicht weder Raum noch Zeit: Ich musste raus, einfach nur raus. Hinter mir ein Raunen, sich schließende Türen. Unter mir ein schwankender Boden. Ein Blick zurück. Gesichter mit hochgezogenen Augenbrauen hinter Glas, verständnislos. Was war das? Ich schaute dem Bus hinterher, bevor er um die nächste Ecke verschwand. Mich zurückließ. Mit einer Unsicherheit. Einer Erschütterung. Mit der ich allein war. Niemand sonst nahm sie wahr. Niemand ließ sich etwas anmerken. Alle gingen ihren Gang: seinen Gang. Alles in Ordnung. Aber ich war mir sicher. Der Boden unter meinen Füßen, ein Schwanken. Und dabei nichts Neues. Ausgedehnte Räume, bedrängte Räume, unterstellte, umstrittene, gestohlene Räume. Alles in Ordnung. Woher das Schwanken. Er war nicht nur zu nah, er war auch zu alt. Uralt. Urgroßvateralt. Ich stellte mir vor, wie seine Hand nach mir greift, aus dem offenen Grab heraus. Wie sie mich zu sich hinunterzieht, wie sie mich aus dem Leben reißt. Hinein in einen Sarg voller Trophäen. Alle schön, still, und alle tot. Es gäbe ihm nichts zu denken. Und die Trauergemeinde weinte nicht. Um mich. Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Ein betretenes Schweigen vielleicht. Ein verlegener Blick. In frommer Andacht. Reihum Anerkennung. Nimm es als Kompliment. Darunter ein spöttischer Mund mit Bitterkeit und Neid gefüllt. Die Hand betrauernd, die nicht nach ihr gegriffen hat, die Trophäen verfluchend, zu denen sie nicht zählt. Nimm es als Kompliment. Das eine oder andere erleichterte Wegschauen. Lieber du als ich. Etwas beschämt, vielleicht. Noch einmal davongekommen. Noch einmal überlebt. Der Vorhang fällt. Applaus für den Schürzenjäger. Unerbittlich standhaft bis zuletzt. Siegestaumel der bewahrten Tradition, alterslos, nicht konservierte Grenzüberschreitung. Noch ein Gesetz. Und deshalb: fraglosen Beifall wert.

Aber heute nicht. Heute lieber Hose. Und Pullover. Kapuze auf, die Treppe hinunter. Heute lieber unsichtbar. Heute lieber keine Blicke. Sie können mir gestohlen bleiben. Die Zuvielen, die Zuwenigen, die mit Absicht. Denn es fragt sich keiner. Sagt höchstens einer, wenn du mehr lächeln würdest. Nimm es als Kompliment. Draußen die Sonne, die letzten Strahlen noch. Etwas zu warm. Der Pullover, die Kapuze. Nur etwas zu warm. Auszuhalten.

Deniz Ohde
Dresden – Chemnitz (drei Männer)

Es ist viel Polizei zu sehen am Bahnhof. In ihren dicken dunkelblauen Jacken gehen sie in der Halle herum und stehen vor den Aufgängen zu den Gleisen, stecken die Hände vorn in ihre schusssicheren Westen, drehen die Köpfe in Alarmbereitschaft hin und her. Der Eindruck weißer Turnschuhe und Sneaker-Socken unter Caprihosen drumherum, Einkaufstüten, die an mir vorbeiziehen auf dem Weg durch die Halle. Der Geruch von Parfümerie im Windschatten jeder Person, eine Mischung aus Handseifen, Weichspülern und sich überlagernder Duftwässer, die nach Wasserlilie oder Bergfrische riechen sollen, aber eine Schärfe an sich haben, einen lungernden Nachhang in der Luft, der in keinem natürlichen Gewässer vorkommen kann. Die Kläranlagen müssen verklebt sein damit. Die Abflüsse verstopft mit heruntergewaschenem Haarspray. Im Lidl, der sich in der Passage der Bahnhofshalle befindet, ist es der Eindruck hinter sich hergezogener Handwägen, schlurfender Schritte von älteren Männern in beigen Hosen, die sich behäbig umdrehen nach Weißbrot und Tomaten, die sich an den Weizensäcken vorbei schleppen. Die vier- und fünfköpfigen Familien, die Ölflaschen und Konserven in die Wägen laden, das Geräusch von Glas auf den Metallgittern. In Schlangenlinien muss ich an ihnen vorbei, von den Gemüseauslagen vor zu den Kühlschränken, immer einen Schritt ausweichen. Die unangenehme Alltäglichkeit, die mit mir an diesem Tag nichts zu tun hat, sich hier aber ins Bewusstsein drängt. »Mein Mund ist ganz trocken«, sagt die Kassiererin, nachdem sie einen Schluck Limonade getrunken hat, als Entschuldigung für den dadurch entstandenen Verzug. Es kommen Polizisten herein, murmeln etwas mit dem Sicherheitsmann, der vor den Kassen stehend alles im Blick behält. Einer spricht etwas in sein Funkgerät, der andere nimmt die Mütze ab, stellt sich auf die Zehenspitzen und versucht, in den Menschenschlangen jemanden wiederzuerkennen.

Vor der Buchhandlung stehen vier Polizisten im Halbkreis um einen jungen Mann, der etwas aus seinen Hosentaschen holt, sie müssen schwitzen in diesen dicken Monturen und unter den Mützen, unter der Schrift, in der sich das Licht reflektiert. Sie schauen an dem Mann auf und ab, abschätzig über seine Hosenbeine, abschätzig über sein Hemd, sie sprechen knappe Worte auf ihn ein, bei denen sie das Kinn heben; es sind zerknüllte Verpackungen, die er aus seinen Taschen zieht und den Polizisten in seiner hohlen Hand vorzeigt.

Im Zwinger stehen die Leute an den Brunnen, es sind Kinder mit Brustbeuteln, die schwatzen, es sind Paare mit Fotoapparaten vor dem Bauch, sind Touristengruppen, die von einem Mann mit Schlapphut und langem in die Luft gehaltenem Schirm angeführt werden, einmal durch die Anlage, über den roten Sand und unter den Statuen hindurch, die mit gequälten Blicken die Last der Torbögen tragen. Auf dem Platz vor der Semperoper stehen drei Jungen in schiefen Uniformen und spielen Musik, Pferde, vor Kutschen gespannt, schlagen mit den Hufen aufs Pflaster, eine Frau sitzt im Schneidersitz auf dem Boden, eine Decke über den Beinen, obwohl es heiß ist. Da, wo es zum Fürstenzug geht. Wo zu sehen ist: Eine lange Ahnenreihe Männer auf Pferden, abgebildet auf Meißner Porzellan, August und Friedrich und Johann; eine Frau ist dabei, in Form einer zertretenen Rose; ein Schwarzer Mann, der zu Füßen der Pferde einen Windhund in Schach hält. Wo zu sehen ist: Menschen, die gegenüber Schlüsselanhänger verkaufen. Es gibt Burger für zehn Euro an der Frauenkirche, um die herum die Leute stehen und ihre Blicke hoch zur Kuppel schicken. Manche haben den Mund offenstehen in schierer Begeisterung, einen abgerückten Blick, einen, der sagt: Ich erlebe etwas. An der Kirche ist ein Banner aufgespannt: »Selig sind, die Frieden stiften.« Auch dahinter, an den Balustraden, stehen Sprüche, die schon etwas ausgeblichen sind vom Sonnenlicht: »Weltoffenes Dresden«, steht dort, »Stadt der Vielfalt.« Die schweren Ecken schlagen gegen die Geländer, die Leute mit den offenen Mündern nehmen es als Beweis, dass noch nicht alles verloren ist.

Es wird gesagt, es liege an der Rückständigkeit. Es wird gesagt, es liege an den Provinzen, an der Landflucht, liege an einer späten Entwicklung und an den leeren Bushaltestellen, es wird Verständnis aufgebracht. Im Zug war mir einer aufgefallen (bevor ich die Nachrichten gesehen hatte). Er ließ seinen Blick schweifen und blieb bei mir hängen, er musste etwas an mir erkannt haben. Er trug ausgebeulte Cargo-Hosen, Turnschuhe, eine Gürteltasche (vorne und mittig über dem Hosenverschluss), ein T-Shirt der Marke Yakuza, eine Schirmmütze, deren Saum sich löste, hielt eine Bierflasche in der Hand und seine Wangen waren rot. Man sagt, es läge an einer bestimmten Stillosigkeit, für die der Mann als gutes Beispiel hätte herhalten können; man hat sie oft genug hervorgehoben, hat darüber gelacht, auf die bunt gefärbten Strähnen der Frauen gezeigt, und gesagt, es läge daran, oder wäre zumindest ein Zeichen; man hat im nächsten Atemzug bedauernd den Kopf geschüttelt und weggeblickt. Der Mann sagte nichts, er drehte seine Bierflasche in der Hand, er blickte hervor unter seiner Schirmmütze, hatte ein angedeutetes Lächeln auf den roten Bierlippen, hatte einen wissenden Blick, und seine Bauchtasche baumelte zwischen seinen über zwei Sitze gespreizten Beinen. Man zieht scharf die Luft ein, wenn man eine andere Version sieht, eine die man leicht erkennt, eine, die einem vertraut ist aus Spiegel-Artikeln von 1995. Diese Version war mir später begegnet, beim Aussteigen. Ich hielt Sicherheitsabstand, drückte mich an die Stangen neben den Türen und gab vor, es wäre noch nicht mein Halt. Ich ließ ein paar Leute vorgehen und beobachtete, in welche Richtung der Mann ging, sah, wie er mit breitem federndem Schritt die Füße auf den Bahnsteig setzte, die Sohlen seiner Springerstiefel mussten angenehm nachgegeben haben, die weißen Schnürsenkel waren abgestimmt auf das Weiß und Grau seiner Hosen in Camouflage-Muster, das Grau der Bomberjacke, das Schwarz des Eisernen Kreuzes, das sich in Falten warf, als er den Kopf in den Nacken legte und die Hand hob, um einen Freund am Bahnsteig zu grüßen. Die Polizisten streiften ihn kurz mit ihren Blicken und sahen dann weg, peinlich berührt, als hätten sie einen Nackten ohne sein Einverständnis betrachtet. Man nimmt es als Beweis für eine Zeit, die hier langsamer laufen soll. In bestimmten Ecken, in bestimmten und sehr kleinen, sehr vernachlässigbaren Einheiten.

Ich habe das Glück, dass ich verschwinden kann. Dass vielleicht etwas an mir vermutet wird, wenn man mich aus einer bestimmten Perspektive betrachtet, aber wenn ich aus dem Fenster sehe, ist es schon wieder vorbei. Sie sehen höchstens eine Brünette, eine linksversiffte vielleicht, eine, die dem Dresscode studierter Geisteswissenschaftlerinnen entspricht, aber das kann man austreiben. Ich nehme den Weg über die Brücke, fahre eine Station mit der Straßenbahn, die barocken Bauten, die ihre Spitzen in den Himmel strecken, das Licht so weiß und grell, dass es aussieht wie eine überbelichtete Schwarzweißfotografie. Ich nehme den Weg in das Viertel, in das ich passen soll, bemerke gleich, wie jung alle sind, wie viele Leute mit Pluderhosen hier herumlaufen, und dazwischen werden bunt bemalte Möbel verkauft, Bio-Gemüse und die ganze Auswahl regionaler Biersorten. Vor einem Laden, in dem meditiert wird, sitzen zwei mittelalte Frauen ohne eine einzige Falte im Gesicht, sie haben den Frieden gefunden. Eine von ihnen wendet sich mir zu und lächelt so ehrlich, dass ich meinen Blick auf meine schnellen Schritte richte. Familien mit Eistüten in der Hand besichtigen die Gegend und schauen an den verzierten Fassaden hoch.

Im Dönerladen ist keiner außer dem Verkäufer. Die vielen Tische und Stühle sind leer, ein Fernseher an der Wand läuft auf der leisestmöglichen Lautstärke. Durch die Pflanzen auf dem Fensterbrett sehe ich von meinem Platz aus die Leute, manche schlendern, manche fahren aufgebracht mit dem Fahrrad im Slalom um die Schlendernden herum. Zwei Punks sitzen auf der Treppe der Sporthalle gegenüber und ihr Hund läuft hinter ihnen auf und ab. Das Bild im Fernseher schwenkt um und eine Pressekonferenz beginnt, die Polizeidirektorin der Stadt Chemnitz bespricht die Vorkommnisse des Vortages, ich höre nur einzelne Wortfetzen heraus: »möchte mein Mitgefühl ausdrücken«, sagt sie, »sind für die kommenden Demonstrationen gut aufgestellt«, sagt sie. Neben ihr stehen die Bürgermeisterin, die Oberstaatsanwältin und der Innenminister des Landes und alle schauen sie auf die vor ihnen aufgebauten Mikrophone und in die Gesichter der Presseleute, die sich hinter den Kameras befinden. Ab und zu kommt das Klicken von Fotoapparaten durch. Eine Laufschrift drängt sich durchs Bild, die die Vorfälle der letzten vierundzwanzig Stunden zusammenfasst. Die Vorfälle, die ich nicht mitbekommen habe, weil ich mein Telefon ausgestellt hatte, absichtlich. Die Vorfälle, bei denen eine Person im Streit von zwei anderen erstochen worden ist, auf einem Stadtfest. Die Vorfälle, bei denen dieser Mord zum Anlass rechter Gruppierungen genommen wurde, um durch die Stadt zu ziehen, wutentbrannt. Die Vorfälle, bei denen diese Gruppierungen Migranten gejagt haben, bei denen das Wort Migranten wieder vorgeholt wurde, wie es immer wieder vorgeholt wird aus der Schatulle der falschen Kategorisierungen, die als Grund nicht genommen werden, sondern nur immer wieder die leeren Bushaltestellen, die in Bildern vorbei fliegen, die Fassaden der grauen Wohnblöcke hinter dem Schädel von Karl Marx. Immer öfter entlädt es sich und zieht als Laufschrift durch die Werbetafeln an den Bahnhöfen, hinter den Polizisten entlang, hinter den Personenkontrollen entlang; als Nachricht, die mich erreicht, wie ich vor dem Fernseher sitze und in mein Dürüm beiße. Eine Mutter kommt in den Laden mit drei kleinen Kindern, sie setzt jedes einzelne auf einen Stuhl an einem Tisch in der Nähe der Theke, sie bestellt bei dem Verkäufer, der immer wieder lächelnd die Kinder beobachtet, sie reichen Motivkarten unter sich herum, fahren sich durchs Haar, schieben ihre kleinen Brillen die Nasen hoch. Während sich das Brot im Toaster erwärmt, verschwindet der Verkäufer im Hinterzimmer. Er kommt zurück mit einem kleinen Stoffhasen in der Hand, er hält ihn über die Theke und sagt: »Ich habe ein Geschenk für euch.« An den Wänden, bezogen mit Tapeten, auf die Backsteine gedruckt sind, ranken sich die Pflanzen vom Fensterbrett bis über den Bogen, der zu den Toiletten führt. Ich wasche mir die Hände, eine Lampe hängt über dem Spiegel, und als ich aufsehe, wirft mein Gesicht Schatten. Die Leute im Fernseher fächern ihre Notizzettel auf dem Stehtisch mit den Mikrophonen auf. Es kommt einer rein, dem draußen sein Getränk umgefallen ist: »Hast du ein paar Servietten für mich?« Der Verkäufer gibt ihm einen schmalen Stapel in die Hand. »Reicht das, Bruder?«

Ich steige in einem anderen Bahnhof in meinen Zug nach Hause, weil er mir sicherer erscheint, jetzt, wo ich es weiß. In meinem Telefon schreiben Leute: passt auf euch auf, passt aufeinander auf, vor allem in den Zügen. Ich laufe auf die Bahnhofshalle zu, am Seiteneingang steht ein Mann und raucht. Er hat zurückgegeltes Haar, im Nacken ausrasiert, er trägt ein naturfarbenes Leinensakko und spitze Schuhe und im ersten Moment wirkt es, als wäre er ein Neureicher, der sich in die Gegend verirrt hat, der vielleicht eine Immobilie hier gekauft hat, der vielleicht auf der Suche ist nach etwas Szenigem, dem Besonderen. Ich denke es auf Grundlage seiner breiten Gürtelschnalle und dem dicken Ring an seinem Finger. Er schaut mich etwas belustigt an, wie ich zugehe auf den Eingang. Ich denke, ein Schnösel, ich denke, ein Macho, ich denke, einer, der sich vielleicht seiner selbst versichern muss, und ein abschätziger Blick ist eine gute, schnelle Gelegenheit. Er verlagert sein Gewicht dandyhaft auf ein Bein und zieht an seiner Zigarette, in Zeigefinger und Daumen gehalten. Ich erwidere seinen Blick, der auf meinem Gesicht klebt, der mir dabei folgt, wie ich die Stufen nehme, näher komme, das Abzeichen an seinem Revers erkenne. Sein Blick, der sich verzieht in ein genugtuendes Lächeln, wie er meine sich weitenden Augen beobachtet, mein Erkennen des gelben Lambdas auf schwarzem Grund, mein kurzer Schreckmoment, als ich es erkenne, das Zeichen der Identitären; und dann schaue ich weg. Frage mich, ob auch er etwas an mir erkannt hat. Frage mich, ob ein Wegdrehen des Kopfes gereicht hat. Ob mein Profil sich verändert hat in seinem Blick. Ob er nur etwas gesehen hat, das sich austreiben lässt, oder das, was mir in den Genen sitzt. Ob mir jemand hinterherlaufen würde, so schnell, dass ich rennen müsste, so schnell, dass ich mich retten müsste in einen anfahrenden Zug, so schnell, dass ich mich ducken, mich am Beinzipfel einer der Polizisten festhalten müsste und der würde entscheiden: was sitzt ihr im Gesicht –

Wahrscheinlich nicht.

Wahrscheinlich bin ich in Sicherheit.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
260 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783957324139
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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