Czytaj książkę: «Bonjour, Frankreich!»
Almut Fehrmann
BONJOUR,
FRANKREICH!
Drei Reiseerzählungen
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Zeichnungen © Antje Rahnenführer
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Für Lorli
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Vorwort
Teil 1 – 2007
Französische Südküste von der spanischen bis zur italienischen Grenze
Walter Benjamin
Bamberger Zwiebel
Camping in Freiburg
Über den Rhein
Oben ohne
Königlicher Stinker
Bis zum West-Zipfel von Südfrankreich
Strafbare Handlung mit Frühstück
La Corrida
Gardianne
Wenn ein Olivenbaum erzählt
Französische Spezialität bei den Römern
Inselgefühle vor Marseille
Moniques Balkonbrüstung
Die Schönen, die Reichen und die Kunst
Kontraste in Italien
Schweizer Berge, Gummistiefel und Bregenz
Muss i denn
Teil 2 – 2010
Paris, Bretagne und Normandie
Auftakt im Westerwald
Stress und Kunst in Paris
Bier-Unterricht und Möwenmahlzeit
Folklore bretonisch
Morlaix im strömenden Regen
Zwiebeln von Roscoff, Artischockenfelder und Megalithe
Missbrauch des Geschirrspülers
Auf dem heiligen Berg des Michael
Luxus in der Normandie
Hollywood und Schickimicki
Keine verlorene Zeit
D-Day-Reminiszenzen
Rouen, Jungfrau und General
Meeresfrüchte und Kathedrale von Amiens
Junggesellenabschied in Belgien und Knöten
Teil 3 – 2013
Atlantikküste und Loire
Silberhochzeit
Metz
Nancy
Orléans
Chambord und Blois
Bordeaux
La Rochelle
Île de Ré
Stadt-Tag in La Rochelle
Die Festung im Meer – Fort Boyard
La Rochelle – Schritt für Schritt
Die drei Türme
Saumur
Villandry
Bourges
Schweiz und Schwarzwald
Rothenburg ob der Tauber
Dank
Vorwort
»Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen« ist der Anfang eines Gedichtes von Matthias Claudius. Also gab es auch schon vor über zweihundert Jahren diese Erkenntnis und bis heute hat sich an der Beliebtheit, auf Reisen zu gehen, nichts geändert.
Und jeder, der seine Erfahrungen beim Reisen macht und darüber schreibt, entdeckt das jeweilige Reiseziel stets neu, obwohl schon unzählige Menschen die gleiche Reise angetreten sind. Deshalb erfreuen sich Reisebeschreibungen so großer Beliebtheit beim Leser.
Franka und Rolle treten nun endlich nach über dreißig Jahren Wartezeit, im Mai 2007, ihre geplante Reise an. Zunächst an die französische Südküste von der spanischen Grenze bis hin zur italienischen. 2010 geht es nach Paris, in die Bretagne und die Normandie. An Frankreichs Atlantikküste und Loire geht es im Jahre 2013.
Was diese Reisebeschreibungen ausmacht und so anziehend auf den Leser wirkt, ist die Kombination von akkurater Wissensvermittlung, persönlicher Eindrücke und Beschreibung der Menschen, die ihnen begegnen. Missgeschicke und schöne Emotionen wechseln sich ab und werden humorvoll geschildert. Schon allein die mehr oder weniger Auseinandersetzungen des Ehepaares, mal freundlich, mal missmutig, mal fröhlich lässt einen an eigene Erfahrungen erinnern. Nicht nur deshalb macht es Freude, dieses Buch zu lesen. Es macht auch Lust, selbst zu verreisen und zu sagen: »Bonjour, Frankreich!«
Luise Wilsdorf, 2016
TEIL 1 – 2007
FRANZÖSISCHE SÜDKÜSTE VON DER SPANISCHEN BIS ZUR ITALIENISCHEN GRENZE

Walter Benjamin
Immerwiederkehrender Alltag mit Aufstehen, Frühstücken, Einkaufen, Mittagessen kochen, mit dem Ehemann die Mahlzeit einnehmen, Mittagsruhe halten, spazieren gehen. Einzige Sondermerkmale der Wochentage sind Arztbesuch, Klöppelnachmittag, ein Telefonat mit Tochter oder Sohn.
Nein, auf keinen Fall wollte Franka, dass ihr Leben nach der Berufstätigkeit so einförmig verläuft. Mehr Zeit und Gelassenheit wünschte sie sich wohl, allerdings war sie auch neugierig und traf deshalb täglich auf Spannendes und Wissenswertes. Ihre Interessen und Neigungen, die sie bisher notgedrungen vernachlässigt hatte, wollte sie vertiefen und im vorgerückten Alter noch ein paar Leerstellen füllen. Ein frommer Wunsch. Bald stellte Franka, inzwischen Rentnerin geworden, fest, dass sie mit ihrer Umtriebigkeit schon wieder in Pflicht und Verantwortung geraten war. Das hatte auch sein Gutes. Von einem Schriftsteller, der Gründer und Vorsitzender des Freien Deutschen Autorenverbandes Sachsen war, wurde ihr Engagement gebraucht. Als aus der Zusammenarbeit Freundschaft geworden war, erhielt sie von ihm einen fesselnden Bildband.
Der jüdische Philosoph Walter Benjamin war auf dem Weg aus Nazideutschland ins amerikanische Exil an der französisch-spanischen Grenze ums Leben gekommen. Dani Karavan, israelischer Bildhauer, schuf in Portbou einen eindrucksvollen Erinnerungsort mit Symbolcharakter für Flucht und Angst und Ausweglosigkeit.
Kein Denkmal im herkömmlichen Sinne.
»In kongenialer Übereinstimmung mit Benjamins Philosophie hat Karavan vielmehr eine künstlerische Form gefunden, die dessen Biographie gleichsam verhüllt, sein Schicksal vor der allzu großen neugierigen Nähe der Nachfahren schützt und sich gleichzeitig öffnet für ein Memento Mori im Benjaminschen Sinne.« (Schutzumschlag des Bandes »Dani Karavan, Hommage an Walter Benjamin« von Ingrid und Konrad Scheurmann)
Dieses Buch hatte Franka fasziniert. Zudem war sie auf eine ihrer Wissenslücken gestoßen.
In der »Erweiterten Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule«, wie ihre Bildungseinrichtung damals hieß, hatte sie von dem Philosophen Walter Benjamin nichts erfahren, auch später während der Studienzeit nicht. Sensibilisiert für das Thema Emigration, entdeckte sie in den Tageszeitungen ab und zu einen Artikel, ließ sich immer mehr hineinziehen in die Wirkung, die Fotos über Karavans »Passagen« in Portbou auf sie ausübten. Schließlich plante sie, endlich selbst an diesen besonderen Ort zu reisen und die Atmosphäre selbst zu erfahren.
»Walter Benjamin, Philosoph, Literatur- und Kulturkritiker, Übersetzer, geboren 15.07.1892 in Berlin, gestorben 27.09.1940 durch Selbstmord, als seine Flucht vor den hitlerfaschistischen Truppen an der französischspanischen Grenze behindert wurde.«
Diese sachliche Erklärung las sie in »Meyers Neues Lexikon«.
Sie fand weitere Informationen: Der Jude Walter Benjamin war einer der vielen Verantwortungsbewussten, die bereits zu Beginn der Diktatur des Hitlerfaschismus öffentlich gegen das Regime ihre Stimme erhoben und die Menschen vor den Gefahren warnten. In dem Werk »Theorien des deutschen Faschismus« erkannte er bereits 1930 als demokratisch gesinnter Gelehrter das heraufziehende Unheil und sprach seine Gedanken offen aus. Sein Leben in Deutschland war deshalb bedroht. Das zwang ihn ins Exil nach Frankreich, wo er bald wieder in Lebensgefahr war.
Nach tagelanger kräftezehrender Flucht hätte er nur noch eine bange Nacht überstehen müssen, dann wäre er mit dem Überschreiten der Grenze nach Spanien gerettet. So hatte er vermutlich gehofft. Nichts als sein nacktes Leben wollte er retten, zu Fuß mit einem Köfferchen, dort wo die Pyrenäen im Osten aus dem Mittelmeer aufsteigen.
Benjamin heißt auf Hebräisch »Glückskind«. In der letzten Nacht vor dem erhofften Aufatmen muss ihn das Glück verlassen haben. Einen einzigen Tag hielt er sich angeblich in der kleinen Küstenstadt Portbou auf. Sein Ziel in der Freiheit konnte er schon sehen, wenn er den Kopf hob während der Quälerei über die unwegsamen Bergpfade hinter dem französischen Ort Banyuls-sur-Mer. Er hatte nur noch den Übergang ins Nachbarland zu bewältigen, den einzigen, der zu dieser Zeit nicht bewacht gewesen sein soll.
Warum ist der Plan nicht gelungen? Warum gibt es heute einen Grabstein auf dem Friedhof des Städtchens Portbou mit der Aufschrift »Walter Benjamin«, fernab seiner Heimat auf der Ruhestätte eines kleinen Grenzortes, der übrigens im spanischen Bürgerkrieg hart mitgenommen worden ist. Die Gräber scheinen an dem Fels zu hängen; drüben über einem schmalen Meeresstreifen steigen massig die Pyrenäen auf. Im Bildband hatte Franka gelesen, dass die Dorfbewohner den Toten zunächst für den Katholiken Dr. Benjamin Walter hielten und ihm ein christliches Begräbnis spendeten. Fünf Jahre lang war er als Jude Walter Benjamin in die Mauernische Nr. 563 umgebettet worden. Heute liegt er angeblich auf dem kleineren Teil des Kirchhofes in einem Sammelgrab, das man über eine Steintreppe erreicht.
Was war passiert? War es Mord, war es Herzversagen oder gar Selbstmord?
Zweimal wurde die Totenruhe gestört, dachte Franka beim Lesen, was geschieht dabei mit der Seele?
All diese Fragen können bis heute nicht eindeutig beantwortet werden.
Benjamin-Forscher, die sich mit der Aufklärung der Ereignisse in der Nacht zum 26. September 1940 befassten, wurden von Einwohnern und ehemaligen Fluchthelfern an die geschichtsträchtigen Plätze geführt. Eindeutige Erkenntnisse haben sie nicht abgeleitet.
Den israelischen Künstler Dani Karavan zog es offensichtlich auch dorthin. Wo es keine klaren Antworten gibt, haben Phantasien Platz. Karavan ließ sich von seinen Visionen an diesem Ort leiten und gestaltete das Gelände um den Friedhof zu einem Gesamtkunstwerk, das nach jahrelanger praktischer Arbeit im Jahr 1994 für jeden Interessenten erlebbar gemacht und würdevoll eingeweiht wurde.
Die Liste der Ehrenden ist lang. Prinzessin Helga zu Löwenstein und Dr. Volkmar Zühlsdorff, verdienstvolle Persönlichkeiten des Freien Deutschen Autorenverbands, sind auch darin zu finden. Auf Anregung des damaligen Bundespräsidenten Dr. Richard von Weizsäcker entstand ein von den Ländern Deutschland und Katalonien sowie von privaten Spendern finanziertes Territorium, dessen Eindringlichkeit bei künstlerischer Ausdeutung von dem Gelände selbst ausgeht. Ohne Pathos, ohne Zeigefinger, aber auch ohne Trost.
Das alles entnahm Franka aus den Begleittexten im Buch.
Du musst hinfahren; der Gedanke ging ihr nicht aus dem Sinn und entwickelte sich allmählich zum Urlaubsplan.
Ihren Mann hat sie relativ schnell mit ihrer Neugier angesteckt. Er hat sich sofort als Chauffeur empfohlen. Die Vorbereitungen zur Reise wurden immer konkreter. Schließlich kaufte Franka ein knallrotes blütengeschmücktes DIN-A-5-Buch, in das sie alle Erlebnisse eintragen wollte.
Nur ein einziges Problem tat sich noch auf: Der Vorname ihres Mannes war fürs Tagebuch zu lang: Rolle-Bolle-Schlummerrolle-Zuckerstolle-Schmusewolle. Das musste er doch einsehen.
»Darf ich abkürzen und dich Rolle nennen?«, fragte Franka ihren Gatten.
Er war sofort einverstanden.
Und nun die Aufzeichnungen der folgenden drei Wochen:
Bamberger Zwiebel
Am 20. Mai spät nachmittags stand das Auto voll beladen vor dem Haus, bereit für den Start am nächsten Morgen.
Zwei Sommerbettdecken mit Kopfkissen, Wolldecken, ein Campingtisch und zwei Stühle, ein Weidenkorb voller Küchenutensilien, ein Korb mit Verpflegung, das Verderbliche in der Kühlbox, für Jeden eine Reisetasche mit Kleidung, ein Schuhbeutel, Kosmetikbox und Tablettentäschchen, eine Aktenmappe mit Reiseunterlagen und Kartenmaterial, französisch-deutsche Wörterbücher, Insidertipps des Autoklubs, zwei weiß-rote Toyota-Regenschirme und alle möglichen anderen Dinge, die man brauchte oder auch nicht. Wenn das keine Vorsorge für eine Fahrt aufs Geratewohl war. Ein konkretes Ziel hatten sie ja, Portbou. Alles Weitere wollten sie unterwegs entscheiden. Man weiß nie, was bei Unwägbarkeiten von Nutzen sein kann.
Rolle hatte berechtigte Sorgen, ob der Kofferraum des Toyota Avensis Kombi groß genug war für den sorgfältig zusammengestellten Hausstand der nächsten drei Wochen. Sie mussten wahrhaftig die Zunge gerade in den Mund nehmen beim Einbasteln.
»Von mir aus kann’s losgehen! Ich bin startklar.« Bei Rolle schwang wohl Vorfreude mit. Ja, warum eigentlich nicht?
Tatsächlich verabschiedete sich das Ehepaar einen Tag früher als geplant von der Mutter, die oben im Haus wohnte. Franka und Rolle hatten trotz Protestes zu ihrer eigenen Beruhigung alle Nachbarn gebeten, die Haushüterin bei der notwendigen Gießarbeit zu unterstützen.
Insgeheim freute die Mutter sich, dass sie eine Zeit lang selbstständig schalten und walten konnte, so wie früher in ihrem eigenen Berliner Anwesen.
Aber drei ganze Wochen allein, mit 85 Jahren – da tat es schon gut, fürsorgliche Menschen um sich zu wissen. Sogar ein Arzt im Ruhestand war erfreulicherweise dabei.
Franka und Rolle stiegen ein. Der Innenraum des Autos sollte für diese Zeit ihr wichtigster Lebensbereich werden. Das rote Buch und ein Kugelschreiber lagen griffbereit im Handschuhfach.
Aufgeregt düsten die zwei Reiselustigen auf der Autobahn in Richtung Süden und wussten noch nicht, wo sie die erste Nacht verbringen würden. Hauptsache Kilometer gewinnen.
Es reizte die Stadt Würzburg. Dort wohnten Thekla und Jo.
Rolle hielt nichts davon, unangemeldet aufzukreuzen. Franka war ein wenig enttäuscht.
Wie von Geisterhand geführt, rollte der beladene Toyota weiter nach Bamberg.
Die einzigartige Altstadt hatte sie schon auf der Rückreise von Reni und Conny aus dem Westerwald fasziniert. Jetzt bot sich Gelegenheit, noch einmal an einem schönen warmen Sommerabend im Garten- Restaurant zu sitzen und Schlenkerla-Bier zu genießen. Der dunkle Gerstensaft mit Duft und Geschmack von geräuchertem Schinken mundet vor Ort, direkt in der Brauerei, bekanntlich am besten. Bier braucht Heimat, heißt es. Das hatte Rolle nach der Wende als Verkaufsleiter der Hofer Scherdelbräu gelernt.
Kurz nach dem Ortseingangsschild sahen die Beiden ein Hotel, das warb mit dem Preis von 29 € für ein Doppelzimmer. An der Rezeption sollte es 79 € kosten.
»Für den Preis können wir auch im Zentrum übernachten«, behauptete Franka. Die vollschlanke Hotelfrau half sogar bei der Auswahl. Anhand einer Liste fiel den Sachsen der Name des Hotels wieder ein, das sie bereits kannten. »Alt Ringlein« hieß es, mit furchteinflößendem Auto-Fahrstuhl zur Tiefgarage und einer körpergewaltigen Besitzerfamilie. Während sie sich für die Nacht einrichteten, lasen sie durch das geöffnete Zimmerfenster auf einer schwarzen Schiefertafel: »Bamberger Zwiebel«. Franka erinnerte sich, dass sie bei ihrem letzten Aufenthalt eine Stunde lang vergeblich auf dieses Gericht gewartet hatte. Kellner hatten im Eiltempo duftende runde Leckerbissen an ihr vorbeigetragen, aber keine der mit Hackfleisch gefüllten und im Ofen gebackenen Zwiebeln war für sie. Als Rolle endlich nachfragte – er hatte sein Schäuferla schon lange vertilgt – sagte die Kellnerin lakonisch: »Die Zwiebeln sind aus.«
Das sollte Franka heute nicht passieren. Voller Vorfreude gingen die Beiden in die Gaststätte »Zum Glasbläser«, wo die schwarze Tafel einlud.
Aber: keine Gäste und kein Zwiebelaroma.
Nebenan »Am Kachelofen« gab es Schäuferla und knusprige Haxen, leider auch keine Bamberger Zwiebel. Gingen sie eben zum ›Schlenkerla‹, dort hatten sie das Gericht schließlich zum ersten Mal entdeckt. »Bamberger Zwiebel? Sonntags nie.«
Ach so …, das musste man wissen!
Franka tröstete sich: »Vielleicht schmeckt sie gar nicht so gut wie sie aussieht und ist schwer verdaulich.«
Rolle ließ sich nicht abhalten und erkundigte sich bei der Wirtin nach einer anderen Möglichkeit.
Die empfahl den »Domwirt«. Hier war es wie beim »Glasbläser«: keine Gäste, keine Zwiebel.
Der Ober schickte die Frager über eine Brücke zum »Domreiter«.
Hoffnung stieg erneut auf. An einer großen Tafel stand: Fränkische Spezialitäten.
Doch es herrschte Verwunderung: »Bamberger Zwiebel, was ist das?«
Schon kurz vor dem Verzweifeln beschrieben die Sachsen das Gericht und unterstrichen die Schilderung mit dem Zusatz: »Eine fränkische Spezialität«.
Das kannten die Wirtsleute jenseits des Flusses nicht. Waren sie im falschen Film?
Aber sie waren doch in Deutschland und beherrschten die Sprache.
Augenblicklich hatten Rolle und Franka mit leerem Magen die Nase voll.
Sie setzten sich in das Gartenrestaurant ihres Hotels, bestellten zwei Haxen, zwei Schlenkerla-Rauch-Bier und halfen mit Kräuterschnaps namens »Bamberger Sieben Hügel« der Verdauung von Ersatz-Essen und Enttäuschung nach. Nahmen sie halt die fränkische Spezialität in flüssiger Form.
Camping in Freiburg
21. Mai, 10:00 Uhr, Abfahrt vom Hotel.
Die Ausfahrt aus der Garage war nicht so schwierig wie das Einparken am Tag zuvor und gelang ohne professionelle Anweisung der stimm- und körpergewaltigen Chefin.
Autobahn über Schweinfurt, Würzburg, Karlsruhe.
Rast bei Eppingen mit Käse und Brot, weiter nach Heilbronn.
»Wir kommen nach Karlsruhe, wollen wir Elfi und Herbert überraschen?«, versuchte es Franka noch einmal. Elfi war eine Schulkameradin von Frankas Eltern in Bodenbach und schon als junges Mädchen verliebt in den Klassenbesten Rudi. Da der »Rudsch«, wie er liebevoll genannt wurde, den zähen Überlebenskampf gegen Krankheiten verloren hatte, übertrug Elfi einen Teil ihrer Verliebtheit auf dessen Tochter Franka. Sie hatten sich kennengelernt während eines Urlaubs im Schwarzwald kurz nach der Wende und trafen sich wieder bei einem Klassentreffen am Achensee in Südtirol. Neuerdings übertrug Elfi ihre Verehrung auch auf Rolle, mit dem sie nach eigener Aussage »bis ans Ende der Welt« fahren würde. Es bedurfte diesmal keiner Überredungskünste bei Rolle, einen Besuch zu wagen. Guter Dinge fuhren die Abenteurer in Richtung Karlsruhe.
Vor ihnen bummelte ein Auto mit dem Kennzeichen PF.
Das Ehepaar machte sich gern während der Fahrt den Spaß, die Autokennzeichen individuell zu deuten. Rolle schlug vor: »Pfeife«. Auf der Liste, die immer in der Beifahrertür bereitlag, las Franka vor: Pforzheim.
»Mutti-Stadt«, hörte Rolle vom Beifahrersitz her. Was gab es da zu lachen? Nur sie beide wussten das.
In Karlsruhe folgten sie einem Auto, auf dem die Heckscheibe beschriftet war: »Jesus – der Weg, die Wahrheit und das Leben«. Zu Jesus wollten sie gerade nicht, sondern zu Walter Benjamin.
Im Schaufenster einer Bäckerei entzifferten sie: »heute frischer Kuchen«.
»Was meinst du, ob morgen dran steht: ›Kuchen von gestern‹?«
»Ach Frauchen, was hast du immer zu lästern?«
So gut gelaunt konnte es weitergehen.
Elfi war wirklich überrascht. Sie wollte die Beiden vor der Wohnungstür erst gar nicht erkennen, geschweige denn einlassen. Herbert, ihr Mann, war nicht zu Hause, er machte Krankenbesuch.
Kaffee bei 32 Grad lehnten sie dankend ab. Elfi servierte Wasser in geschliffenen Weingläsern und bedauerte immerfort, dass Herbert nicht da war. Das war auch schon alles. Ein Gespräch kam leider nicht zustande. Sollte man doch lieber unangemeldetes Aufkreuzen unterlassen?
Wieder im Auto, lenkte Rolle in Richtung Campingplatz Hirzberg – zur einzigen Übernachtungsstätte, die sie für die Reise vorher gebucht hatten. Trotz Navigation fanden sie den Platz nicht. Sie gelangten immer höher hinauf und hatten vor einem feinen Hotel einen traumhaften Blick auf die Stadt Freiburg. Dafür hatte sich die Irrfahrt dreimal gelohnt.
Auf dem Parkplatz unterhalb des Hotels übte ein junges Paar mit einem Mädchen das Fahrradfahren. Die Mutter kannte das Zwischenziel der Fragenden und wies ihnen den richtigen Weg dorthin.
Ein sehr schöner Flecken war das, mit Bäumen und Wiesen. In Privatbesitz, gepflegt und unterhalten von einem Ehepaar. Eigentum spornt an, gesellschaftliches Eigentum macht desinteressiert, das waren die Erfahrungen der Zwei aus der DDR, die sie hier bestätigt fühlten.
Nebenan im Wohnwagen freuten sich zwei junge Radler über die hinzugekommene Nachbarschaft und hofften, mit den Neuen am Abend ein Bierchen zu trinken. Doch die wollten sich lieber umsehen. Es brauchte nur 20 Minuten zu Fuß in die Altstadt, die schon von oben am Berg in der herrlichen Abendsonne eine starke Anziehungskraft auf die Beiden ausgeübt hatte.
Mit gebackenem Ziegen-Käse, Puten-Streifen im Salat und badischem Wein vor dem Münster am Rathausplatz wurde es auch sehr lukullisch und romantisch. Friedliche Atmosphäre an einem warmen Sommerabend, was waren sie doch für Glückspilze.
Über den Rhein
Am 22. Mai um 10:30 Uhr rollten Franka und Rolle weiter nach einem wunderbaren Camping-Frühstück in der Morgensonne.
Letzter deutscher Einkauf beim Aldi Süd in Bad Krozingen: Butter, Margarine, Marmelade, Pulvercafé. Rechts und links von der Straße wurde geerntet auf riesigen Spargelfeldern.
Sie erwarben ein Kilo der weißen Stangen, holländische Soße und Kartoffeln am provisorischen Stand. Dann führte die Straße zweimal übers Wasser.
Beim ersten Mal sagte Rolle: »Hier ist der Rhein ganz klein?«
Franka schmunzelte, sie konnte auf der Karte erkennen, dass sie noch nicht den großen Strom, Vater Rhein genannt, überquerten. Das bemerkte auch Rolle, als sie wieder Wasser rechts und links und unterhalb sahen: »Ach so, jetzt erst.« Es klang fast feierlich.
Genau 11:50 Uhr passierten die Sachsen die deutsch-französische Grenze und konnten sich nicht genug wundern.
»Vive la France! Ganz ohne Grenzposten«, jubelte Franka.
»Ich habe so einen schönen Reisepass; niemand will ihn sehen.« Der Jubel erstickte in doppeldeutigem Schmollen.
Gegen 17:00 Uhr erreichten sie Dijon, unternahmen einen Bummel zwischen hohen Mauern der wuchtigen Altstadt, gönnten sich Café und Eis, kauften mehrere Senfsorten im Glas.
Weiter ging es Kilometer für Kilometer entlang an ausgedehnten Feldern im Wein-Anbau-Gebiet Bourgogne. Am Straßenrand informierten große Schilder über die Namen der Rebsorten und Eigentümer. Außerdem lasen sie: »Route des Grands Crus« (Straße der edlen Gewächse) und »Dégustation« (Verkostung). Original beim Winzer probieren, das wollten sie unbedingt. Jetzt konnte die Ehefrau zum ersten Mal testen, wie weit sie kam mit dem ausgekramten Schulfranzösisch. Zwei Rotweine ließen sie sich einschenken; sie probierten – und nahmen nach einem Seitenblick auf die Preisliste ganz schnell Reißaus.
»9,80 € bis 33 € für eine Flasche, die müssen doch verrückt sein!«, empörte sich Rolle hinterm Lenkrad. Gerade glaubten sie noch, sie könnten das Nationalgetränk der Franzosen hier besonders preiswert erwerben. Ganz schön naiv, mussten sie feststellen. Von dem Wein, den sie gekostet hatten, sollte eine Flasche beim Erzeuger 18,60 € kosten. Sooo gut hat er ihnen auch wieder nicht geschmeckt.
Die erste Übernachtungsmöglichkeit im fremden Land wollten sie auf dem Campingplatz in Meursault finden. Dort war laut Campingführer ein schön gelegener Platz mit Wiese und Parzellen zwischen Bäumen. Von erhöhter Lage konnte man weit auf den Ort und die Weinfelder schauen.
Leider waren sie erst 20:00 Uhr auf dem Campingplatz angekommen – trop tard – (zu spät).
Bis 19:00 Uhr hatte die Rezeption geöffnet. Danach war niemand mehr zu Diensten.
Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als mit langen Gesichtern in den Ort zurückzufahren. An einem Grundstückszaun entdeckte Franka ein Holzbrettchen mit einem aufgemalten Bett und den Worten: Chambres d’hôtes (Privatzimmer). Das einzige Quartier war zwar schon besetzt, aber sie gelangten durch telefonische Vermittlung der Eigentümerin Madame Bernadette Ecobichon zu Madame Pinquier.
Patricia Pinquier, 5, Rue Pierre Mouchoux, 21190 Meursault.
Die freundliche Dame im Navi wusste den Weg. Das Quartier erwies sich als Volltreffer.
Familie Pinquier hatte nicht nur eine steile Holztreppe zum heimeligen Gäste-Appartement ganz in Rot, sondern auch einen Weinkeller, zwei süße kleine Kinder, zwei edle Windhunde und eine Katze.
In den Boden der Dusche eingefasste runde Natursteine massierten den Urlaubern die müden Füße. Auf der Bad-Kommode die Wattebällchen, Kosmetiktücher und Hautcreme deuteten familiäre Atmosphäre und Gastfreundschaft an. Die Reisenden fühlten sich willkommen und plünderten als Erstes ihre Kühltasche. Es war genug darin für ein Abendmahl, das sie hinterm Haus zwischen hohen grünen Hecken genossen. Sie fühlten sich wie im Traum – die Luft war noch mild und warm. Lediglich Rotwein fehlt noch, dachten sie gleichzeitig.
Ob sie um 22:00 Uhr noch klingeln dürfen? Sie trauten sich.
Der Hausherr, offensichtlich nicht überrascht, führte sie voller Stolz in seinen Weinkeller. Jede Menge neue Holzfässer in Reih und Glied, Franka und Rolle staunten nicht schlecht.
Es war kalt in der Probier-Ecke, viel kälter als draußen. Darum entschieden sie sich schnell; hier konnten sie nicht viel falsch machen. Eine Flasche wanderte für läppische zehn Euro in ihren Besitz. Damit setzten sie sich freudestrahlend auf die Hollywood-Schaukel.
Wer das kennt: himmlische Ruhe, eine laue Nacht, ein guter Rotwein, dem muss man nichts weiter erzählen.

Oben ohne
23. Mai, 8:30 Uhr, Madame Pinquier hatte bereits in ihrer rustikalen Wohnküche das Frühstück zubereitet und gerade eine Waffel gebacken. Auf einem langen Holztisch waren Käse, Wurst, Joghurt appetitlich angerichtet. Café gab es in Müslischalen, und besonders reizvoll präsentierte sich ein knuspriges Baguette im Weidenkorb. Der Backduft hatte die Hausbewohner herbeigezogen, auch die Kinder. Die liefen um die Tafel herum und hatten Spaß daran, die Fremden zu beobachten. Franka und Rolle wollten ihre Befangenheit überspielen mit einem Gesprächsversuch. Dabei erfuhren sie, dass die Familie über sechs Hektar Weinanbaufläche verfügt.
»Die Arbeit wird ausnahmslos in Handarbeit bewältigt; in den Hauptzeiten beschäftigen sie zwanzig Helfer«, erläuterte Monsieur Pinquier, der Winzer.
Hätten die Urlauber nicht so neugierige Fragen gestellt, wären sie auch ohne den Besuch im Verkaufsladen und die Mitnahme von vollmundigem »Beaune les Chaumes Gauffriots« davongekommen. Das Ehepaar hielt sich an den Rat: Hat man in Frankreich eine Flasche Rotwein, ein Baguette und Käse im Auto, kann einem nichts passieren. Dass das nicht billig zu haben war, hatten Rolle und Franka wohl oder übel verstanden.
Die Lufttemperatur hatte inzwischen 24 Grad Celsius erreicht. Auf dem Marktplatz von Meursault erwarben sie bei einem deutschsprechenden Händler eine Autokarte ihres Reiselandes. Selbstbewusst erklärte der Verkäufer seine guten Deutschkenntnisse: er hatte fünf Jahre in München gearbeitet.
Das Tachometer stand auf 984 Kilometer. Aus dem rollenden Toyota sahen die Insassen weiße Kühe auf grüner Wiese grasen und in der Ferne machte eine Basilika aus dem 11. /12. Jahrhundert in der Stadt Paray le Monial auf sich aufmerksam.
Kaffeetrinken in Vichy. Spaziergang im Kurpark mit prächtigen alten Bäumen. Zurück zum Auto. Hurra, es war noch da! War die Sorge wirklich begründet?
Das Tagesziel hieß Clermont-Ferrand. Auf dem Campingplatz hätten sie mindestens zwei Nächte bleiben müssen und auf einem anderen sogar eine ganze Woche.
Also fuhren die Sachsen weiter auf der mautfreien A 75 gen Süden bis Issoire.
Wieder das Gleiche: Campingplatz mindestens zwei Nächte. Sie mussten auf Hotels zurückgreifen. Das ACE-Hotel hatte ein Zimmer für zwei Personen frei, 40 € plus 5,80 € Frühstück. Franka kam mit der freudigen Nachricht zum Auto, aber Rolle wollte vorankommen.
Fahren Sie auf dieser Straße weiter … sang die Dame im Navi.
Das taten sie, noch 60 Kilometer auf der Autobahn bis St. Flour.
Ein Bett für die Nacht fanden sie endlich im Hotel Deltour.
Franka hatte schon seit zwei Tagen die Hoffnung, ein Studio zu finden, in dem sie den Spargel zubereiten konnte. Das wurde hier wieder nichts.
Aber es war schon spät und sie entschlossen sich, zu bleiben.
Vom Hotel, das am Ortseingang lag, schauten sie auf die Ville Basse (Unterstadt) und auf die herrlich am Berg gelegene Ville Haute (Oberstadt).
Es sah nicht weit aus, aber laut Auskunft an der Rezeption war es eine Stunde Fußweg dorthin. Das war ihnen zu anstrengend. Die Füße konnten sie sich auch innerhalb der Oberstadt wund laufen. Genau das passierte bei der mühsamen Suche nach einem Restaurant durch unwegsame bedrückende Gassen. Zwischen die hohen Mauern drang um diese Zeit kein Lichtstrahl mehr.
»Das ist ja wie im Knast«, stöhnte Franka. »Von hier oben sieht die Unterstadt verlockender aus, wie sie so schön in der Abendsonne glänzt.«
Was sollte Rolle da sagen? Wortlos zwängte er sich mit dem Auto, das für diese Straßen viel zu breit war, abwärts und fand sogar auf dem Parkplatz nach mehrmaligem Abbiegen eine freie Stelle.
»Es sieht nach Regen aus«, sagte er mit prüfendem Blick zum Himmel.
»Musst du schon wieder unken, lass uns hier einkehren«, murrte seine »reizende Gattin«.
Mit den bloßen Oberschenkeln an der Restaurant-Kunstleder-Bank klebend verzweifelten sie fast an den französischen Begriffen auf der Speisekarte in der Grillstube »Vieux Pont«. Was der Ober bald an den Tisch gebracht hatte, sah sehr gut aus und schmeckte ausgezeichnet. Sie waren angenehm überrascht und Franka stolz auf ihre Sprachkenntnisse. Vielleicht war es auch Zufall, wer weiß.
Welches Menü sie hatten, haben die kommenden Ereignisse in den Erinnerungen gelöscht. Draußen ging schlagartig ein Gewitter los, Blitz, Donner und wolkenbruchartiger Regen im gleichen Moment. Sie beeilten sich mit dem Essen und dem Bezahlen, denn aus den besorgten Gesichtern der Einheimischen schlossen sie, dass so ein Unwetter hier nicht zum Standard gehörte.
Aber auch das, was danach passierte, gab es hier offensichtlich nicht alle Tage:
Ein älterer, wohlstandsbeleibter aber muskulöser Herr mit nichts als einem schwarzen Slip bekleidet, rannte über den Parkplatz. Der Herr war Rolle. Er hatte beim Verlassen des Lokals vor dem Ausgang blitzartig seine Kleidung ausgezogen, seiner Frau über die Arme gelegt, und war mit dem Autoschlüssel in der Hand fortgewetzt. Franka drückte sich unter einem Baldachin an die Hauswand, hielt die Männer-Garderobe vor den Bauch und beobachtete, wie ihre Schuhspitzen allmählich durchnässten. Ihr Mann kam mit dem Auto ganz nah vorgefahren, stieg aus – triefender Männerkörper unterm aufgespannten Regenschirm – Franka stieg ein, das Auto raste davon. Beim Zurückschauen erkannte Franka den Ober mit weit aufgerissenen Augen und platt gedrückter Nase hinter der gläsernen Eingangstür. Wenn das ein BILD-Fotograf eingefangen hätte, wären sie berühmt geworden …

Der Regen hatte aufgehört, als die Beiden im Hotel ankamen. Voller Vorfreude, sich im Zimmer trocknen und entspannen zu können, erschrak Franka über den klatschnassen Teppich. Rolles Befürchtungen, dass sie das schräge Dachfenster offen gelassen hatten, waren rüde bestätigt. So viel zum Thema Unken! Franka versuchte kleinlaut mit Badetüchern die Nässe aufzusaugen. Aus der Tagesdecke faltete sie einen Laufsteg zum Bad, damit sie nicht noch auf den glatten Fußbodenfliesen ausrutschten.
Der Rest war Schweigen.
Königlicher Stinker
24. Mai, Frühstück im Zimmer, 10:00 Uhr Abschied vom Hotel Deltour.
Auf der mautfreien A 75 verließ der Toyota an der letzten Ausfahrt vor dem berühmten Viadukt, das die Lederstadt Millau überspannt, die Autobahn. Im Departement Aveyron macht seit dem Jahr 2004 mit 2,4 Kilometern Länge und 270 Metern Höhe eine beachtliche Konstruktion von sich reden. Franka und Rolle verließen die Route nicht nur, weil sie die 6,50 € Gebühr sparen wollten. Das Ausmaß der höchsten und längsten Schrägseilbrücke der Welt, konstruiert von Sir Norman Foster, wollten sie von unten in ihrem vollkommenen Ausmaß erfassen. Sie suchten die beste Position, die das beste Fotomotiv der langgestreckten Tal-Brücke ermöglichte und gratulierten sich zu dieser Reise-Unterbrechung.
Franka nahm ihre Aufgabe als Kopilotin sehr ernst und war ständig bestrebt, während der Fahrt interessante Abstecher zu finden. Gerade hatte sie während der Weiterfahrt nach Süden auf der Landkarte den Ort Roquefort entdeckt, nur 20 Kilometer entfernt. Feinschmecker und Liebhaber des aromatischen Edelpilzkäses gleichen Namens mussten natürlich dorthin. An der Landstraße wies ein Schild auf eine mögliche Besichtigung der unterirdischen Grotten, in denen die zart schmelzende Köstlichkeit reift.
Im Ort war es heiß, voller Menschen und Autos. Durch enge Straßen schoben sich riesige Transporter der Sociétés de Caves, der Kellergenossenschaft, mit appetitlich aussehenden Käserädern an den Seitenwänden. In der Region Midi-Pyrénées im Süden Frankreichs stößt man auf ein einzigartiges und außergewöhnliches Gebiet. Venez vivre la Légende! (Kommen Sie, um die Legende zu leben!) Dieser Versuchung stellten sie sich gern.
»Es (das Gebiet) entstand aus einer Reihe klimatischer Veränderungen, die sich vor mehreren Millionen Jahren ereigneten und zum Einsturz der Combalou-Berge führten, wodurch sich Felsengewölbe bildeten. In diesen natürlichen Grotten, die sich in mehreren übereinander liegenden Geschossen 300 Meter tief und über 2 Kilometer weit ausbildeten, befinden sich die berühmten Roquefort-Veredelungskeller. Die Höhlen bieten ein feuchtes, frisches und rund ums Jahr gleich bleibendes Mikroklima, das nirgends anderswo zu finden ist.«
Franka hatte ein Rezeptheft der Confédération Générale in Millau Cedex entdeckt, aus dem sie ihrem Mann vorlas. Weiter stand darin:
»Mindestens drei Monate sind für die Herstellung dieses besonderen Käses nötig. Alles beginnt mit dem Einsammeln der Milch der Lacaune-Schafe in ihrem traditionellen Weidegebiet, das Teile der Regionen Midi-Pyrenäen und Languedoc-Roussillon umfasst. Die Lacaune-Schafe gehören zu den besten Milchschafrassen der Welt. Sie sind ideal an das in dieser Gegend herrschende Klima angepasst und produzieren eine Milch von unvergleichlichem Duft, die als rohe Vollmilch verarbeitet wird. Man lässt die Milch in der Käserei gerinnen und gibt dann Sporen des Edelpilzes Penicillium roqueforti hinzu, die dem Käse seine blauen Adern verleihen.«
Der Fels ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse und der Edelpilz vermehrt sich darin bestens, und zwar auf Brotteig. Auch wenn man das alles nicht weiß, schmeckt einem der Käse wunderbar. Hier in dieser Umgebung sogar noch besser als Zuhause.
Beim Ticketerwerb fragte ein charmantes junges Mädchen in adrettem dunkelblauem Dienstkostüm mit neckischem Halstuch die Ankömmlinge nach dem Herkunftsland. Daraufhin erhielten sie ein hellgrünes Papier mit dem Inhalt der Vorträge in deutscher Sprache. Das half ihnen sehr. Die vielen Zahlen und Daten fesselten nicht so, aber wenn sie die Erläuterung der Tonbildschau nicht verstanden hätten, wäre ihnen etwas Interessantes entgangen, nämlich die Legende von der Entstehung des königlichen Stinkers. Die wurde in Form von Zeichnungen, an die Mauern des Kellergewölbes projiziert und mit Musik untermalt, phantastisch präsentiert. Die Geschichte soll sich wie folgt zugetragen haben:
Ein Hirte aß sein Brot mit Schafskäse, (womit denn sonst?) in einer kühlen Grotte.
Halb hier halb da ließ er sich von einem reizenden Mädchen betören und vergaß darüber seine Mahlzeit. Es geschah, dass er nach zwei bis drei Wochen wieder an diesen Platz gekommen war und sich an sein Käsebrot erinnerte. Wie wunderte er sich, dass es noch dalag und zudem mit grau-grün-blauem Schimmel überzogen war. Seine Neugier und sein Appetit waren so stark, dass er sogleich in das Brot biss, um forschend zu kosten. Groß war sein Erstaunen darüber, dass es ihm besonders gut schmeckte.

Könnte man aus dieser Überlieferung den Beweis herleiten, dass Frauen imstande sind, nicht nur Liebreiz zu verströmen, sondern auch lustvolle Genüsse hervorzurufen, bei denen man sogar Gestank ignorieren kann?
Nach einstündiger Führung in französischer Sprache hatten sich die Beiden aus dem Sachsenland akklimatisiert, waren über die Roquefort-Produktion informiert, haben verkostet und im riesengroßen Verkaufsraum »zugeschlagen«.
Roquefort ist in Frankreich Philosophie, man schreibt ihm aphrodisische Wirkung zu und behandelt ihn wie ein Nationalheiligtum. Glaubt etwa jemand, dass ausgerechnet deshalb in dieser Region das Zentrum des Widerstandes gegen die faschistische Belagerung erwachsen ist?
Das Mittagessen im Ort fiel allerdings nicht so geschichtsträchtig aus. Rolle hatte eine große dicke Scheibe rohen Schinken. Das war schmackhaft, aber er hätte lieber etwas Warmes gehabt. Seine Partnerin hatte ihn schlecht beraten, weil sie glaubte, jambon sei warmer gekochter Schinken, vergleichbar mit dem saftigen Prager Fleisch in Brotteig gebacken. Aber erst ihr eigenes Essen. Sie hatte »tripaux« bestellt und bekam zwei mit Bindfaden verschnürte Säckchen, die aus Rindermagenwand bestanden, gefüllt mit Spinat und Schinkenwürfeln. Das Gericht war zwar weicher als Rolles, aber es schmeckte ihr »ziemlich schräg«.
Riesige Flächen mit gelb blühendem Ginster, weißen Akazienblüten und rotem Mohn entschädigten sie auf der Weiterfahrt für die unerfüllten Gaumenfreuden.
»Die viel gerühmte französische Küche haben wir wohl nicht erwischt«, sagte sie enttäuscht. »Vielleicht ist man hier nur für guten Käse zuständig«, versuchte Rolle zu trösten.
In Agde, der von griechischen Händlern im 6. Jahrhundert v. Chr. gegründeten ältesten Stadt des Languedoc, entdeckten sie bis zu drei Meter dicke Mauern der im 12. Jahrhundert erbauten Kathedrale, Häuser aus schwarzem Vulkangestein, und im Stadtteil Tamarissière gab es endlich ein Quartier, in dem Franka den Spargel kochen konnte. Sie war gespannt, in welchem Zustand die weißen Stangen inzwischen waren.
Die nette Madame Crisias bot ein Appartement in ihrer »Résidence Le Clot« für 40 € inklusive Frühstück. Der Spargel von Freiburg hatte sich in der Kühltasche erstaunlich gut gehalten, glücklich schälte ihn Franka auf der Terrasse unter exotischen Bäumen. Mit den deutschen Kartoffeln und der holländischen Soße ergab er eine köstliche Mahlzeit. Essen wie Gott in Frankreich mit Zutaten aus mehreren Ländern Europas. Die Reisenden speisten unter sogenannten Myrrhen-Platanen, deren Baumkronen ein schattenspendendes Flachdach bildeten. Sie wollten wissen, wie man die Bäume so raffiniert zurechtschneiden kann.
»Gut für Bauch«, erklärte Madame Crisias und zeigte stolz auf die Blätterpracht.
Lag es an den erbärmlichen Sprachkenntnissen? Bäume wollten sie zu der Zeit wirklich nicht essen und ihren Bäuchen ging es gerade sehr gut.
Der Tag war noch nicht so fortgeschritten wie sonst. Sie gönnten sich einen gemütlichen Abendspaziergang und sahen zum ersten Mal auf dieser Reise das Mittelmeer. Auf dem Rückweg hatten sie Lust, im Restaurant den Blick auf die von der Abendsonne vergoldeten Häuser über der Flussmündung des Hérault und dazu einen Rotwein zu genießen. Sie wählten einen der vielen eingedeckten Tische aus, bestellten Wein und eine Karaffe Wasser und freuten sich ihres Lebens. Plötzlich kam die Kellnerin genervt angestürmt und verlangte ihre Bestellung für das Essen. Höflich lehnten sie ab. Da war die Frau völlig außer sich. Im Restaurant müsse man etwas essen, zum Trinken gäbe es eine Bar.
Sie waren arglos in einen französischen Fettnapf getappt und hatten plötzlich keine Freude mehr an dem Wein und dem Anblick, zumal die erboste Kellnerin ihnen bei jedem Vorübergehen einen demoralisierenden Blick zuwarf. Rolle schaute zwar genüsslich auf die Muscheln des Gastes am Nachbartisch, aber leider war er satt. Sie hatten nur noch im Sinn, schnell zu entkommen und die Peinlichkeit zu vergessen.
Bis zum West-Zipfel von Südfrankreich
25. Mai, 9:45 Uhr, Start in Richtung Beziers – aber nicht ohne vorher beim Bäcker ein knuspriges Baguette erworben zu haben. Der verlockende Duft des frischen Brotes triumphierte über alle Gerüche im Fahrzeug. In der Stadt Beziers kamen sie auf der 600 Meter langen Pracht-Straße nur im Schleichtempo vorwärts und konnten deshalb gut das Marktgewimmel beobachten, das sich unter ausladenden Platanenkronen ausbreitete. Die Statue, die Pierre Paul de Riquet darstellt, den hier geborenen Schöpfer des »Canal du Midi«, war zwar im Reiseführer genannt, aber zwischen den Buden nicht zu entdecken. Aufgeregte Hühner drängelten sich in hochbeinigen Metallkörben, den Sachsen als Wühltische bekannt. Die Tiere wollten vermutlich nicht gekauft und geschlachtet werden. Viel lieber würden sie auf einem Bauernhof Körner picken und Eier legen, so glaubten voll Mitgefühl die fremden Beobachter.
Rolle schaute nach vorn und Franka in den Regionalführer des ADAC-Reiseklubs.
»Stell dir vor, hier an diesem Ort soll eines der schlimmsten Blutbäder der französischen Geschichte stattgefunden haben. Nach der Devise: ›Tötet sie, der Herr kennt die Seinen!‹ ließ der Kreuzfahrer Simon de Montfort im Juli 1209 alle 15.000 Einwohner niedermetzeln, weil sie sich weigerten, ihre 225 katharischen Mitbürger auszuliefern.«
»Ich sehe keine Spuren von Grauen, es wirkt friedlich und schön hier«, wunderte sich Rolle.
»Dank Wein- und Olivenhandel ist die Stadt wieder neu erblüht, steht hier. Heute wird lediglich das Federvieh ›gemetzelt‹, wie wir sehen mussten, um als Coq au Vin oder Bouillon uns zu ernähren.«
»Allein für diesen Zweck werden sie ja gemästet«, erwiderte Rolle.
Cèst la vie! So ist das Leben!
Oleanderbüsche wuchsen hier so üppig, dass sie, zur Hecke gestutzt, eine meterlange Blütenwand bildeten. Zuhause in Sachsen goss und düngte das Ehepaar die Pflanzen im Topf, und würde am liebsten jede Blüte besprechen. Hier fand sich Schönheit in Fülle, unbändige Naturkraft und Farbenreichtum.
Eine Tafel am Straßenrand machte auf ein Reservat beim Ort Sigean aufmerksam. Innerhalb eines naturbelassenen Terrains von 300 Hektar lebten in eingeschränkter Freiheit 3800 Tiere, die normalerweise in Afrika beheimatet sind. Am Eingang erfuhren die Reisenden, dass man mit dem geschlossenen Auto im Schritttempo hindurchtuckern kann. Das sollte mindestens drei Stunden in Anspruch nehmen. Die Versuchung war groß. Aber als sie den Preis entdeckt hatten, 27 € pro Person, fiel die Entscheidung zur Weiterfahrt relativ leicht.
»Wenn der Copilot ein diplomierter DDR-Ökonom ist, kann man sich als Chauffeur nicht jeden Wunsch spontan erfüllen.« Rolle hätte gern die Mini-Safari gemacht, aber der Preis hatte auch ihn abgeschreckt.
»Man muss schließlich mitrechnen«, instruierte weiter sein Weib mit derartiger Forschheit, die keinen Gedanken an Widerspruch zuließ. Rolle hatte seine Erfahrungen und entschied sich für harmonische Weiterfahrt. Vielleicht wollte sie ihn einfach nur trösten. So genau wusste er das manchmal nicht.
Erneut Wein-Domänen rechts und links der Fahrbahn und Hinweistafeln mit den Namen der Eigentümer und der hier gedeihenden Rebsorten. An einer Holzbretter-Bude am Straßenrand deckten sich die Selbstversorger ein: Paprikaschoten, Aprikosen und Bananen, ein Schlauch mit drei Litern Wein. Du weißt, einen guten Tropfen muss man in Frankreich immer im Auto haben …
So dachten die Zwei jedenfalls. Keine schlechte Idee, die sie später übrigens auf allen Auslandsfahrten in die Tat umsetzten.
Außerhalb des Ortes Perpignan kamen Franka und Rolle nicht vorbei an dem Restaurant »Sanxo Panxa«. Der Rundbau mit dem leuchtend-roten Ziegeldach hatte mächtig gereizt. Sie ahnten wohl, dass sie drinnen wie lang erwartete Familienmitglieder empfangen wurden? Diensteifrig wurde von einem drahtigen, das Alter schwer zu schätzenden Ober, in deutscher Sprache ein Tisch angeboten und eine deutsche Speisekarte gereicht. Schon wieder im Weggehen rief er: »Ich komme gleich.«
Hat jemand gesagt, die Franzosen können die Deutschen nicht leiden? Das Ehepaar wollte das nicht bestätigen. Die Gaststätte lebte durch viele Gäste in heiterer Plauderei. Franka und Rolle fühlten sich sofort zugehörig. Sie bestellten das Plat du Jour (Tagesgericht). Ein Viertel Liter Wein pro Person, eine große Flasche Wasser, Salat Catalane, Fischfilet auf Spinat mit einer halben Kartoffel, dazu gegrillte Tomate und Auberginenscheibe, sie waren begeistert.
»Alles super lecker«, freute sich Franka.
»Fängst du auch schon mit dem komischen Westdeutsch an?«
Rolle konnte Frankas gute Laune nicht trüben. Sie benahmen sich wie echte Franzosen, genossen den obligatorischen Café Petit, den kleinen Espresso, der ihnen ganz schnell zur Gewohnheit geworden war. Draußen veränderten Regen und Sonnenschein in kurzen Abständen die Stimmung.
»Wenn wa uns ne verfranzt hätten bei dem Wein- und Gemüsestand, hätt’n wa dis schöne Restaurant garne gefund’n.« Es war Rolles Art, mit solchen überwältigenden Feststellungen einen Schlusspunkt zu setzen. Diesmal galt sie glücklich und zufrieden dem lukullischen Mittagsmahl. Au revoir, a bientôt, auf Wiedersehen, bis bald.
Vorn lockten die »albernen« Berge (Monts Albères), draußen waren 22 Grad Celsius, Franka und Rolle fuhren durch das größte Weinanbaugebiet Frankreichs.
Hier versetzten sie nicht nur die besonders ausgedehnten Weinfelder in Erstaunen, sondern auch baumhohe Oleanderbüsche in wechselnden Farben. Die Pflanzen waren hier nicht gestutzt und schaukelten mit blütenprallen Armen im Wind. Kleinwüchsige Eichen und fremdartiger Ginster winkten den Vorbeifahrenden zu.
Ob der Ginster auch bei uns im Garten gedeiht? Franka wollte am liebsten von allen unbekannten Gewächsen einen Ableger ausgraben und als lebendige Erinnerung mitnehmen.
Die Luft schien besonders klar und mild, die Farben so rein, der Himmel so blau, die Wolken so kuschelig.
»Jetzt kann ich nachfühlen, dass es die impressionistischen Maler hierher gezogen hat.«
»Und was hat dich hergezogen, mein Schatz?«
»Das weißt du genau!«
Es waren Walter Benjamin und das von Dani Karavan zum Denkmal gestaltete Gelände, das der Bildband zeigt. Vor drei Jahren schrieb Franka, fasziniert von diesem Buch, einen Brief für eine Anthologie, in dem sie einer fiktiven Freundin von dem denkwürdigen Ort erzählte und sie aufforderte, nach Portbou zu fahren. Man muss dortgewesen sein, behauptete Franka und kannte die Gegend selbst nicht. Es reizte sie immer mehr, die Bilder in ihrem Kopf mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Eine Distanz von über 1500 Kilometern war zu überwinden, bis an die Grenze zu Spanien am Fuße der Pyrenäen. Bloß mal so am Wochenende ging das nicht. Das für sie bisher unerlaubte »nichtsozialistische Ausland« kennen zu lernen, stand schon seit Jahren auf Frankas Wunschliste. Als sie noch Schülerin war, hatte sie während des Französisch-Unterrichts bereits große Sehnsucht nach dem Land empfunden. Das war damals ein unerfüllbarer Teenager-Traum. Nun, wo die Rätsel um den Tod des jüdischen Philosophen die Neugier noch anheizten, konnte sie ihn verwirklichen.
In Banyuls-sur-Mer, der letzten französischen Bahnstation vor der spanisch-französischen Grenze, haben die zwei Suchenden kein geeignetes Quartier gefunden. Sie sahen wunderbare Hotels, aber für ihren Kostenplan zu luxuriös. Im Touristenbüro konnten sie Privat-Adressen erfahren. Auf dem Weg zu der gewählten Wohnung quälten sie sich eine enge Stiege hinauf bis in den dritten Stock. Der Reiz der schönen Unterkunft mit Badewanne und einladender Terrasse über den Dächern der Stadt, auf der sie sich in Gedanken schon sitzen und Rotwein trinken sahen, erwies sich am Ende doch schwächer als Rolles Sorgen um das entfernt abgestellte Fahrzeug und um die lädierten Knie ob der schmalen Wendeltreppe.
Ein Zimmer mit märchenhaftem Meerblick aus göttlicher Höhe in einem feinen Hotel auf dem Berg war ihnen mit 71 € zu teuer. Es reizte Frankas Sinne; aber auch den Darm und blieb als komfortable Toiletten-Sitzung in Erinnerung und »sonst nüscht«.
Es zog sie weiter bis nach Cerbrère, das war nun wirklich der letzte französische Ort vor ihrem spanischen Ziel. In Frankreich wollten sie schon noch übernachten, weil Frankas Gehirn seit Tagen mit Mühe auf Französisch programmiert war und keinen spanischen Speicher enthielt.
Die Angewohnheit, in einer fremden Stadt die Tourist-Information zu suchen, um dort Auskunft über Unterkünfte zu erhalten, erwies sich als hilfreich. Es war ein Leichtes, die Adresse ins Navigationsgerät einzutippen und sich dirigieren zu lassen.
An der Durchfahrtsstraße zur Grenze am steinigen Strand in einer Bucht fanden sie das Hotel »La Dorade«, in dem sie nun endlich zur Ruhe kommen wollten.
Franka beabsichtigte, frisch und aufnahmefähig bei Walter Benjamin zu erscheinen und warf sich im geräumigen Zimmer quer in eins der zwei französischen Betten. Der herrliche Anblick aufs Meer interessierte sie wenig. Die müde Frau aalte sich auf dem Riesenlager und genoss es, so viel Platz für sich alleine zu haben. Keine zwei Minuten konnte sie das auskosten, da kam Rolle von der Rezeption und rief: »Es sind nur acht Kilometer bis Portbou.«
»Kaum habe ich mich entspannt, drängelst du!«
»Ich habe gar nicht gedrängelt«, protestierte Rolle völlig unnötigerweise. Diesmal hatte Franka keine Lust, ihn wegen der Sinnlosigkeit dieses Einwandes zu verspotten, es ging um Wichtigeres. Sie straffte sich; schließlich befand sie sich ganz nah vor dem Ziel, das sie seit Jahren im Kopf hatte. Zehn Minuten schlängelnde Autofahrt über die Berge, rauf und runter. Auf dem höchsten Punkt der Achterbahn, wahrhaftig nach nur wenigen Kilometern, sahen sie mit Graffiti verschmierte baufällige Betonhütten, von Unkraut umwuchert.
»Keine Polizei und nüscht.«
Rolle konnte nicht genug staunen. Das musste er fotografieren.
Wer nicht in der DDR gelebt hat, kann sich die Verwirrung über derartige Landesgrenzen, die keine mehr sind, nicht vorstellen. Es ging weiter aufwärts. Am höchsten Punkt stiegen die Beiden aus dem Auto und standen vor einem kleinen kompakten Feldsteinhaus am rechten Straßenrand.
»Vielleicht ist das die alte Kontroll-Station, an der Walter Benjamin gescheitert sein soll. Es hieß, dass der Grenzübergang offen war. Und doch ist er nicht weitergekommen.«
Franka spürte die Abgespanntheit nicht mehr.
Drüben, wo man auf die Stadt Cerbrère hinunter blicken kann, sah sie ein Mauerstück mit einer Inschrift. Sie lief hin und übersetzte: Das Denkmal ist all den Menschen gewidmet, die an dieser Stelle auf der Flucht vor dem Hitlerfaschismus ihr Leben retten konnten.
»Ihr Leben retten konnten …«, wiederholte Rolle, »Walter Benjamin nicht.«
Während der Auffahrt hierher waren ihre Blicke dem Verlauf von Bahngleisen gefolgt.
»Hätte Walter Benjamin nicht hier den Zug verlassen müssen, wäre er bestimmt bis Lissabon gekommen. Dort erwarteten ihn Freunde mit dem Einreisevisum ins sichere Exil Amerika.«
»Er ist ausgestiegen und hat den lebensgefährlichen Gebirgsweg riskiert, heißt es.«
»Ja, vielleicht war es so. Er war herzkrank, habe ich gelesen, er war vielleicht zu schwach für den mühsamen Fußmarsch.«
»Vielleicht war auch alles ganz anders.«
»Ja, das denke ich auch. Ausgerechnet ende September sollen hier doch Kontrolleure gestanden haben, wer weiß warum.«
Rolle und Franka versuchten, sich die Situation vorzustellen. Dass in diesem unwegsamen Gelände Menschen zu Fuß vorwärts gekommen sind, erschien ihnen unmöglich. Sie wussten, dass Walter Benjamin bereits tagelange Belastungen hinter sich hatte, die einem Gesunden schon zugesetzt haben mussten, geschweige denn einem Herzkranken. Sie waren mit dem Auto die kurvenreiche Asphaltstraße hochgefahren, schon das kam ihnen gefährlich vor.
»Ob es diese Straße 1940 überhaupt gab?« Franka sinnierte immer noch.
»Da unten im Tal liegt malerisch Portbou, wollen wir weiter?«
Es war Rolle, der nie die Übersicht verlor. Irgendwo außerhalb des Ortes musste der kleine Friedhof sein.
»Fahr schön langsam diese Serpen-tinen hinunter, Rolle. Nicht etwa, weil ich Angst habe. Nein, ich will dieses Bild ganz in mich aufnehmen.«
Rolle schmunzelte. Er kannte die romantische Ader seines Weibes. Aber auch ihre Ängstlichkeit.

Nach einigem Suchen im Ort und als Rolle endlich die Straßen emporfuhr, die sein aufgeregtes Weib empfahl, fanden sie den Friedhof. Auf dem Vorplatz saß eine junge Mutter und stillte ihr Baby. Rolle ignorierte das, ging heran und schaute neugierig in den dunklen Eisenschacht. Er hatte die Stufen hinunter zum Meer entdeckt, aber offensichtlich auch die Mutter gestört. Die stand auf und ging mit dem Baby zu dem Mann, der mit einem größeren Kind auf dem anderen Ende der weißen Mauer sitzend gewartet hatte.
Schade. Franka hätte das friedliche Bild gern noch eine Weile genossen. Sie fühlte, gerade an diesem einzigartigen Ort trug diese Situation Symbolcharakter für den Zusammenhang von Schmerz im Tod und Trost durch neues Leben. Jetzt nicht philosophieren. Rolle hatte ihr den Weg frei gemacht. Sie mussten auf rostbraunen Stufen hinunter. Bereits hier begann die Beklemmung, es wurde immer finsterer in dem geschlossenen Korridor im Fels, der plötzlich beim Absteigen den Blick in den Himmel freigab. Noch einige Stufen in die Tiefe zum Meeresspiegel und sie standen vor einer Glaswand. Nicht Trübheit des Materials, eingeritztes Zitat von Walter Benjamin:
»Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren, als das der Berühmten.«
Durch die gewiss starke Scheibe zeichneten sich Sprünge ab. Hat das jemand mutwillig zerstört oder arbeitete der Fels? Die Deutschen entdeckten Laub und Abfälle und meinten, dass hier mal jemand sauber machen könnte. Willkommen in der Wirklichkeit. Die Stufen endeten hier. Franka schaute eine Weile durch das schützende Hindernis nach unten auf den weiß schäumenden Strudel unten im Meer, der sie hinabzuziehen drohte. Lockte dort unten die Freiheit oder drohte der Tod?
Der Aufstieg war erlösend und endete auf dem kahlen Vorplatz. Links führte ein Bogen-Durchgang durch eine weißgetünchte Mauer in den Friedhof hinein. Daneben erblickten die Sucher ein Schild, das auf das Grab des deutschen Philosophen Walter Benjamin verwies. Das wollten Franka und Rolle finden. Innerhalb der Abgrenzung liefen sie direkt auf eine Menschenansammlung zu und konnten beobachten, wie gerade eine Grabnische zugemauert wurde. Alte und Junge, sogar Kinder verfolgten das Geschehen, scheinbar beiläufig. Sie plauderten miteinander, von Trauer keine Spur. Überraschend undeutsches Verhalten, empfanden die Fremden. Also benahmen sie sich auch ganz unverkrampft und guckten herum. Einer der Friedhofsarbeiter wunderte sich wahrscheinlich, dass zwei Ausländer aufgeregt diskutierend auf dem Hang umherstrichen. Er sprach sie an, auf Spanisch natürlich. Franka erahnte, dass er nach dem Grund ihres Hierseins gefragt hatte und sagte nur: »Walter Benjamin«.
»Der ist tot«, deutete sie die Antwort.
Na klar, deshalb waren sie ja auf dem Friedhof, aber wo ist die Mauernische 536?
Der Mann wies in die Richtung der Anlage, wo Rolle bereits kundschaftete.
Franka war erleichtert, als der Spanier plötzlich Französisch sprach, sonst wäre die Unterhaltung beendet gewesen. Sie malte die Ziffern 536 mit dem Zeigefinger auf die Steinplatten. Der Spanier verstand und führte sie in eine Ecke, in der leere Nischen mit der Friedhofsmauer einen rechten Winkel bildeten. Die Nummer war gut erkennbar, aber es stand ein anderer Name dabei. Vielleicht hatte Franka die Zahlen vertauscht, so aufgeregt wie sie war? Rolle hatte schon die 563 entdeckt, sie war ebenfalls belegt, mit frischen Blumen geschmückt. Ob die Wandgruften wieder verwendet werden wegen des Platzmangels? Nicht weiter nachdenken.
Der Spanier ließ nicht locker und fragte die Ausländer: »Was suchen Sie?«
Franka radebrechte, dass Walter Benjamin zunächst in dieser Mauernische bestattet gewesen sein soll.
»Woher wissen Sie das?«, fragte er.
»Aus einem deutschen Buch«, sagte Franka. Kopfschütteln. Von einer Umbettung war dem Einheimischen nichts bekannt. Gewiss hatte sich Franka nicht verständlich genug ausgedrückt. Egal. Sie war endlich hier und wollte an diesem Platz ungestört sein. Rolle erkannte das und sah sich geduldig um. Als er am Hang etwas entdeckt hatte, rief er seine Frau herbei. Franka fand sich im Mittelgang eines terrassenförmig ansteigenden Geländes. Auf den einzelnen Ebenen waren jeweils mehrere Ruhestätten. Aber ein Plateau fiel aus dem Rahmen. Es enthielt nur ein einziges Grab. Ein schmaler Weg aus Kies und Steinplatten führte hin zu einem unbearbeiteten Gedenkstein mit der Aufschrift: Walter Benjamin. Auffallend viel Platz für das gedrängt wirkende von Mauern eingefasste Gebiet. Franka und Rolle fühlten Dank für die Menschen, die in Spanien dem deutschen Juden trotz der Enge auf dem Fels einen blühenden Garten gewidmet haben.
Zeit verging, bis Franka und ihr Mann auf der obersten Ebene einen Ausgang fanden. Sie setzten sich ins Gras. »Du bist so nachdenklich«. Rolle brach als Erster das Schweigen.
»Ich möchte wissen, welche Nischennummer die Richtige ist«, grübelte Franka immer noch.
Handyfreunde waren sie nicht, aber jetzt freuten sie sich, dass so ein Wunderding im Rucksack war. Sie riefen bei Lindstedts in Chemnitz an und baten, in der Anthologie nachzusehen. Ihr eigenes Exemplar lag vergessen im Hotelzimmer. Beim Rückruf erfuhr Franka endlich, dass in dem Bildband die 563 genannt ist. Auf einmal interessierte sie das nicht mehr. Fotografiert hatten sie alles und wozu sollte die Nummer wichtig sein? Franka war viel zu bewegt, um logisch zu denken. Alles war so, wie sie es sich ausgemalt hatte; als wäre sie schon einmal hier gewesen. Zum Verrücktwerden war das.
Da war der tröstende Olivenbaum an der weißen Mauer, bereits ausladender als auf dem Foto im Buch. Dort der Schotterweg außerhalb der Abgrenzung, hier die drei Eisenstufen ohne Anfang und ohne Ende, da oben die Eisenplatte mit dem rostigen Quader.
Franka glaubte zu träumen und wollte ihrer Mutter mitteilen, dass sie gerade ein Wunder erlebte. Sie kam nicht dazu. Wie von einem anderen Stern drang die Frage aus dem Telefon: »Soll der Nachbar den Rasen mähen?«
»Rasen mähen, das hat Rolle doch vor einer Woche gemacht. Ist das Gras seit der Abreise so gewachsen?«
In Spanien war der Rasen verbrannt.
Franka und Rolle sortierten die Gedanken: So ein idyllischer Ort. Es sieht aus, als ob die Pyrenäen ihre Füße im Meer baden. Hier saß Walter Benjamin in der Falle und musste fürchten, jeden Augenblick gefasst und nach Hitlerdeutschland ausgeliefert zu werden. Hielt er dem Druck nicht stand und brachte sich um? Ja, auch Selbstmord war als Möglichkeit genannt. Oder wurde der Jude ermordet? Oder haben die sieben Jahre im französischen Exil und die Herzkrankheit seinen Körper so geschwächt, dass er im Alter von 48 Jahren eines natürlichen Todes gestorben ist?
Diese Fragen beschäftigen Experten in Deutschland, Spanien, Frankreich und Israel. Alle Zeitzeugen sind inzwischen verstorben. Auch die deutsche Jüdin und Antifaschistin Lisa Fittko, die gemeinsam mit ihrem Mann viele von der Auslieferung an die Gestapo bedrohte Personen durch das gefährliche Gelände in die Freiheit geführt hatte. Sie starb 2005 im Alter von 95 Jahren in Chicago. Hat man sie je nach Walter Benjamin befragt?
Dass ein katalanischer Künstler, ebenfalls Jude, ein Denkmal gesetzt hat, Geschehenes nachempfinden lässt und in mahnender Erinnerung hält, dieser Gedanke tat den beiden Weltenbummlern gut. Wenn die Erinnerung auch quälend ist – beruhigend ist die Kenntnis, dass die deutsche Regierung mit Geldgaben daran beteiligt ist.
Mit diesen gemischten Gefühlen und Gedanken fuhren die Sachsen vom Friedhof hinunter in das spanische Küstenstädtchen Portbou. Erst jetzt entdeckten sie im Ort ein grünes Hinweisschild vom Baum verdeckt vor einer Hauswand, das auf die Gedenkstätte aufmerksam machte. Hätten sie das zuvor entdeckt, hätten sie die nervige Sucherei nicht nötig gehabt.
Es wurde Abend. Ein Getränkeladen hatte noch geöffnet und die Reisenden kauften ein.
Sie bezahlten 49,80 € mit Master-Card. Preiswert oder nicht? Hauptsache fremdländisch.
Während der Rückfahrt konzentrierten sich Franka und Rolle auf den interessanten Anblick der haffähnlichen Bassins am Meeressaum, die der Auster- und Muschelzucht dienten.
Abendbrot auf dem Balkon über dem Hotelrestaurant mit traumhaftem Blick aufs Meer. Wellenrauschen und aus einem Radio von irgendwoher Chorgesang; spanisch klingende Orchestermusik aus der Oper La Traviata. Sehr friedvoll, sogar beseelt. Welch ein Kontrastprogramm zu den aufwühlenden Empfindungen auf dem Friedhof.
Die Austrittfläche aus dem Zimmer war gerade so breit, dass ein Plastikstuhl seitlich zwischen Mauer und Gitter passte. Unten auf der Straße und auf dem steinigen Strand in der Bucht ging lau und still der Tag zu Ende. Die beiden Sachsen nahmen schweigend diese Stimmung auf, ließen sich den Rotwein schmecken und die Gedanken spazieren gehen.
Dann hatten sie Lust, im schlafenden Ort zu bummeln, sich ans Meer zu setzen. Sie begegneten ein paar Jugendlichen, die das Autoradio wummern ließen. Ganz erstaunt waren sie, weil sie das Gefühl hatten, dass das die allgemeine Ruhe nicht stören konnte.
Wieder im Hotel, beobachteten die Beiden, wie der Ober den Hoteleingang verschloss und zwischen Restaurant und Treppenaufgang ein Scherengitter schob. Er brachte den letzten Gästen ein Glas Rotwein. Danach verschwand er ganz gemächlich schlendernd in der Dunkelheit. Ein paar Motorräder brummten die Küstenstraße entlang und erschreckten streunende Hunde. Am Himmel leuchtete ein einziger Stern.
Strafbare Handlung mit Frühstück
Frankas letzte Gedanken vor dem Einschlafen galten dem Einchecken am Nachmittag und ihrer Nachforschung, ob das Frühstück im Zimmerpreis enthalten sei.
»Nein«, hatte Anna, eine deutschsprechende Frau an der Rezeption, gesagt, »die Franzosen machen, was sie wollen. Sie können im Hotel-Restaurant frühstücken, nebenan beim Bäcker, auf dem Zimmer oder gar nicht.«
Da Rolle immer als Erster aufsteht, hatte er Zeit, das Frühstück herzurichten, während seine Langschläferin im Bad war. So geschah es auch am 26. Mai, dem Pfingst-Samstag in Cerbrère. Frühaufsteher Rolle besorgte ein Baguette vom Bäcker um die Ecke.
Franzosen waren sie nicht, aber sie machten auch was sie wollten. Franka und Rolle ließen es sich schmecken auf dem schmalen Balkon mit Meerblick. Tauchsieder, Kaffeepulver, Butter, Marmelade und Käse hatten sie dabei und Franka kaute sich an dem knusprigen Baguette das Zahnfleisch wund. Wundes Zahnfleisch war allerdings nicht das, was sie wollte.
Mit abfahrbereit bepacktem Auto lenkten sie 9:30 Uhr noch einmal nach Spanien, diesmal zum Tanken.
Am Abend zuvor hatten sie festgestellt, dass der ach so wichtige Diesel in Spanien preiswerter war als in Frankreich und anderswo. Sparfüchsin Franka war manchmal nicht zu übertreffen.
Während der Fahrt erinnerte sie sich, dass sie an der Tankstelle einen verzweifelten jungen Mann gesehen hatten, der offensichtlich Hilfe brauchte. Dort oben gab es nichts weiter als diese Tankstelle, Berge, Gesträuch und eine Straße. Doch der Tankwart hatte Feierabend und trottete träge und teilnahmslos in den Ort hinunter. Für die Zwei, die noch tanken wollten und für den ratlosen Mann hatte er offensichtlich kein Mitgefühl. Die Fremden waren erbost und schimpften. Doch am Morgen regte sich bei Franka schlechtes Gewissen. Waren sie nicht ebenso selbstorientiert gewesen wie der Tankwart? Hätten sie hier in der Einsamkeit nicht dem verzweifelt wirkenden Mann beistehen müssen?
Der neue Tag vertrieb die alten Gedanken, sie tankten 30 Liter in Spanien für 1,12 € pro Liter statt bisher in Frankreich 1,30 € bis 1,47 €. Dafür kurvten sie gern noch einmal über die Serpentinen an der französischen Mittelmeerküste, die sie stark an die Kehren zum Großglockner erinnerten. Klöster, Kapellen und Einsiedeleien auf dem Weg verwiesen darauf, dass im Mittelalter Pilger das Languedoc durchquert hatten, um am Ende des Jakobswegs den Schrein des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela anzubeten.
Übrigens ist Frankreich das Land des Kreisverkehrs.
Die Ansage aus dem Navigationsgerät: »Im Kreisverkehr geradeaus – nehmen Sie die zweite Ausfahrt«, erklang am Tag mindestens hundert Mal.
Ab Port Vendres wurde das Wetter schlecht, nur noch 16 Grad und Regen.
Für solche Fälle lagen die Jeans im Kofferraum bereit; der nächste Parkplatz wurde zur Umkleidestelle. Am Rand der Schnellstraße leuchteten zweimeterhohe gelb blühende Ginsterhecken.
Das Paar erreichte Perpignan bei 17 Grad Celsius. Das sollte die heißeste Stadt Frankreichs sein?
Im 13. Jahrhundert residierten hier die Könige von Mallorca und erst seit 350 Jahren ist sie die Kapitale Französisch-Kataloniens. Traditionell und öffentlich gebüßt wird hier am Karfreitag auf Katalanisch mit der Prozession de la Sanch von Mitgliedern einer christlichen Bruderschaft, verborgen unter scharlachroten Kapuzengewändern. Das ist der Höhepunkt des Kirchenjahres und wird für alle Welt im Fernsehen übertragen.
Es wurde wärmer, die Eheleute durchfuhren die Stadt Fiton bei angenehmen 21 Grad. Während der Fahrt ließen sie sich beeindrucken von einem Tableau, auf dem eine einzigartige Kathedrale prangte. Bisher haben die Benjamin-Forscher den zahlreichen mittelalterlichen Bauten keine Beachtung geschenkt. Aber jetzt begann die Kür ihrer Reise und sie wollten diesen steinernen Palast von Nahem sehen. Er thronte inmitten der Stadt Narbonne, dem ehemaligen mittelalterlichen Bischofssitz. Vor dem Rathaus hatte man ein Stück der Via Domitia freigelegt, der ersten römischen Straße in Gallien vom Jahr 100 v.Chr. Sie verläuft etwa 20 km vom Meerufer entfernt parallel zur heutigen Autobahn, der »Languedocienne«.
Zunächst fesselte die Beiden der Anblick einer außergewöhnlichen Markthalle.
»Wir könnten etwas essen, ich habe Hunger«, meldete sich Franka zaghaft zu Wort. Wenn man mit Rolle unterwegs ist, muss man laut meutern, sonst bekommt man lange nichts. Sie hatte ihre Erfahrungen. Nach zeitraubender Parkplatzsuche konnten sie endlich in die Halle hinein, die war wirklich sehenswert. Zunächst bekamen sie die Nase voll von Fischgeruch und die Schuhe voll von Wasser. Aber dann wurde es appetitanregend: Stände über Stände mit Obst, Gemüse, Fischen, Käse, Backwaren und Weinen aus der Umgebung in Vielfalt und Schönheit.
Am lebhaftesten war es bei den Händlern, die etwas zum Sofortessen anboten.
Franka wollte beim Erstbesten bleiben, aber Rolle musste sich noch den Überblick verschaffen. Das konnte dauern, auch darin hatte die Gattin Erfahrungen. Als ihr Überblicker ein Schnäppchen entdeckt hatte, zwei Briekäse für zusammen nur einen Euro, da hob sich ihre Laune ganz schnell wieder. Trotzdem mussten sie sich entscheiden, weil an einigen Verkaufsständen schon hektisch zusammengeräumt wurde. Sie wählten am Gar-Stand Chicorée in Schinken gewickelt mit Sauce Bernaise und gefüllte Tomaten mit Reis. Während Rolle bezahlte, holte Franka ein Baguette vom Backwarenstand gegenüber. Plötzlich war allgemeines Gewusel ausgebrochen, sie mussten raus. Fürstliches Mittagessen im Auto bei strömendem Regen. Um sie herum verschwanden nach und nach die parkenden Autos und es wurde heilige Siesta in Frankreich. Ein Franzose reichte ihnen seinen noch nicht abgelaufenen Parkschein durchs offne Fenster mit dem Zusatz, dass die Halle um 13:00 Uhr schließe und das Parken jetzt bis 17:00 Uhr kostenlos sei. Prima! Da hatten sie Zeit. Merci beaucoup, Monsieur Français.
Der Toyota mit den beglückten Urlaubern stand vor einem stilvollen Pavillon in der Nähe des Robine-Kanals, der laut Prospekt mit seiner prächtigen Metallstruktur, seinen steinernen Pfeilern und Toren, und seinem prächtigen Dach noch heute einer der schönsten Märkte Frankreichs ist. Diese Pracht nahmen die Beiden jetzt erst richtig wahr.
Gestärkt und ausgeruht besichtigten sie den Palast der Erzbischöfe, der die wichtigsten Museen der Stadt beherbergt, daneben die Kathedralen Saint-Just et Saint-Pasteur mit dem ausladenden strahlenden Chor.
»Sechzig Jahre lang wurde daran gebaut, von 1272 bis 1332!« Franka hatte es im Reiseführer gelesen. Sie standen und staunten über die mit 40 m Scheitelhöhe höchste gotische Kirche Südfrankreichs.
Besonders sehenswert empfanden sie den monumentalen Altaraufsatz mit reichem Skulpturwerk in farbigem Gestein in der Kapelle Notre-Damede-Bethlehem.
Laut Prospekt ist es das Hauptwerk der gotischen Bildhauerkunst in Europa aus dem 19. Jahrhundert.
»Ich erinnere mich jedes Mal beim Anblick solcher Gebäude an den Roman von Ken Follet über ›Die Säulen der Erde‹ und kann nicht genug bewundern, wie Menschen allein mit Hammer und Meißel derart filigrane Kunstwerke aus Stein geschaffen haben«, sagte sie überwältigt zu ihrem Begleiter. »Und doch gibt es Wunder.«
Dort drinnen standen windgeschützte Kerzen mit dem Abbild des Bauwerkes darauf gegen eine Spende von 3 Euro zum Mitnehmen bereit.
»Ein Licht für den Abend am Campingplatz können wir gut gebrauchen.« Rolle dachte wie so oft ans Praktische. Angezündet haben sie die Kerze erst zu Hause auf der heimischen Terrasse.
Das war alles sehr eindrucksvoll, aber mindestens ebenso interessant war es, einen Café Petit zu schlürfen, im Trockenen zu sitzen und die lebenden Geschöpfe aus Fleisch und Blut zu beobachten. Die eine abgewrackte Dame neben der Treppe zur Toilette rührte schon die ganze Zeit in ihrer Kaffeetasse und sah aus, als wäre sie auf einem anderen Trip als die zwei Sachsen …
Die fuhren weiter nach Colombiers, westlich von Beziers, und stoppten an der Boot-Station am Kanal Midi. 1681 wurde hier eine 240 Kilometer lange Wasserstraße zwischen dem Bassin de Thau und Toulouse eingeweiht. An den geistigen Vater waren sie bereits in Beziers aufmerksam geworden, während sie an dem wuseligen Markt mit den aufgeregten Hühnern vorbeigefahren sind. Bis zum Bau der Eisenbahn Ende des 19. Jahrhunderts war der Kanal mit 126 Brücken, 64 Schleusen, 55 Aquädukten und sieben Kanalbrücken der wichtigste Transportweg zwischen Mittelmeer und Atlantik. Heute bietet er ein extravagantes Freizeitvergnügen per Boot und zählt sogar seit 1996 zum Weltkulturerbe.
Laut Reiseführer befand sich das Paar gerade in der Nähe des Abschnittes, an dem der Kanal am reizvollsten sein soll. Für Reize waren sie zu haben, standen aber trotzdem unschlüssig vor den Wasserfahrzeugen, die man ohne Führerschein mieten konnte. Sie trauten ihren Bootslenkerkünsten nicht und zogen es vor, zu Lande weiter zu reisen.
Bei Air de St. Annes, Ausfahrt Nummer 32, passierten sie eine Mautstelle ganz ohne Hindernis, die Gebühren zog ein Automat per Master-Card ein, deren Höhe sollten sie zu Hause auf dem Kontoauszug erfahren. Franka wollte sich gerade echauffieren darüber, dass sie im Ausland berappen müssen, die deutsche Regierung sich aber schwer tut, die Mautgebühr einzuführen. Die deutschen Autobahnen erschienen ihr zum Teil in viel besserem Zustand als in anderen europäischen Staaten. Doch ein Hinweisschild lenkte sie vom Ärgern ab und weckte ihr Interesse. Olivenöl aus Eigenproduktion versprach es. Auf holprigen Feldwegen quer durch die Camargue, vorbei an Reiterhöfen, suchten sie schon eine ganze Weile zwischen Weinbergen den privaten Hof, leider vergeblich. Zum Glück fand sich wiederholt französische Freundlichkeit, diesmal in Gestalt einer Frau, die ihr kleines Auto anhielt und die Beiden ansprach: »Ich spreche Deutsch, kann ich Ihnen helfen?« Natürlich konnte sie. Sie fuhr voraus bis zum Ziel der Begierde.
Das Öl gab es zwar nicht auf dem Hof zu kaufen, aber in einem Laden ungefähr zwei Kilometer weiter. Sie hatten die Hausfrau hoffentlich nicht in der Mittagsruhe gestört. Die ließ sich jedenfalls nichts anmerken. Sie schwang sich in ihr Auto, raste davon; die Sachsen hinterher, und öffnete allein für die Neukunden ihr Geschäft mit verschiedenen Naturprodukten.
Jetzt müssen sie aber auch kaufen, dachten die Urlauber, und entschieden sich für eine Mini-Abfüllung Olivenöl. Acht Euro für das rechteckige Blechkanisterchen, kein Pappenstiel. Das hat Überwindung gekostet. Doch später zu Hause freuten sie sich jeden Tag beim Salatessen und genossen jeden Tropfen.
Auf dem Rückweg zur Landstraße, durch Weinfelder mit Jungpflanzen kam einer von Beiden auf die verwerfliche Idee, dass so ein kleiner Weinstock als Souvenir sehr gut in ihren Garten passen würde. Es war Rolle, der mutig mit einem zusammenklappbaren Spaten, den zünftige Camper immer dabeihaben, ans Werk ging. Franka wurde es heiß. Sie beobachtete, wie am Horizont ein Riesentraktor anhielt, von dem ein Riesenbauer abstieg und bedrohlich auf sie zukam. Sie rief ihren Mann und schnell suchten sie das Weite. Eine Hochzeitsgesellschaft auf Pferdekutschen zog an ihnen vorbei und vertrieb mit deren ausgelassener Stimmung das schlechte Gewissen.
Wo sie heute übernachten würden? Sie wussten es noch nicht.
Eventuell in der Stadt Arles, die befand sich in der Nähe. Da könnten sie sich doch die berühmten Motive des Malers Vincent van Gogh in natura ansehen. Schnell waren sich die Beiden im Toyota einig und freuten sich über eine herrliche Fahrt mit immer wieder faszinierenden Ausblicken auf das Mittelmeer.
»Fahren Sie auf dieser Straße weitaaa…« sang es aus dem Navi.
Sie konnten die vielgepriesene Eleganz pinkfarbener Flamingos in der Natur bewundern und erreichten die Stadt Saintes-Marie-de-la-Mer.
Unzählige Wohnmobile und lagernde Zigeuner fielen ihnen auf. Franka ließ verlauten: »Vielleicht sind das Teilnehmer der hier jährlich stattfindenden Wallfahrt der Zigeuner. Der Sage nach wurden an der Stelle, wo die Kirche steht, die Gebeine der Schutzheiligen Sarah gefunden. Seit Jahrhunderten ist sie jetzt Pilgerstätte für Zigeuner aus aller Welt, hier wählen sie feierlich ihre Königin.«
»Was du alles weißt!«, bewunderte Rolle seine Frau.
»Das habe ich aus dem Reiseführer vorgelesen«, kam es lachend zurück.
In Arles angekommen hatten sie den schlimmsten Kampf um einen freien Parkplatz und ein Hotelzimmer zu bestehen. Franka stand vor dem Café de Nuit, das sie von dem van-Gogh-Gemälde mit den roten runden Stühlen wiedererkannt hatte und freute sich wie ein Kind. Doch Rolle konnte die Begeisterung nicht teilen. Im Hotel »Nord Pinon«, gegenüber der berühmten Terrasse, war zwar ein Zimmer frei aber kein Platz mehr in der Tiefgarage.
Auf dem öffentlichen Parkplatz wollten sie das vollgepackte Auto nicht die Nacht über stehen lassen, und ausräumen wollten sie wegen der einen Nacht auch nicht so gern. Es gab ja genügend Ermahnungen zur Vorsicht. Vielleicht ging es auch noch preiswerter mit der Übernachtung, überlegten sie.
Ja, das ging, aber am Ende blieb ihnen nichts anderes übrig, als den umfangreichen Reisehaushalt aus dem Auto auszupacken, weil sie auf dem öffentlichen Platz parken mussten. Was mögen wohl die zwei Männer, die das Hotel »Le Relais de Poste« führten, gedacht haben, als sie sahen, wie zwei Ausländer die vielen Koffer und Taschen auf dem Fußweg deponierten. Franka und Rolle kamen mächtig ins Schwitzen. Sie hatten einen Auto-Stau verursacht und waren überrascht, dass die Franzosen geduldig warteten. »Bei uns wäre längst ein Hupkonzert ausgebrochen!«, kommentierte Rolle.
»Den Tisch und die zwei Stühle kannst du drin lassen«, sagte Franka zu Rolle, und atmete erleichtert auf, als er nicht widersprach.
»Ich bleibe beim Gepäck, bis du das Auto abgestellt hast und wiederkommst«, schlug sie vor. Doch einer der Hotel-Chefs begann, etwas davon in die erste Etage zu tragen. Franka schleppte nach und nach manches ins ebenerdige Restaurant. Als schließlich alle Gepäckstücke im Zimmer waren, war Rolle immer noch weg. Franka machte sich langsam Sorgen und lief in Richtung des Parkplatzes, auf dem sie zuvor schon lange erfolglos herumgekurvt waren. Wahrhaftig. Ihr Mann schien kurz vor dem Durchdrehen zu sein. Schneller als ein herannahendes Auto stellte sich Franka in eine gerade freigewordene Lücke und verteidigte diese mit dem Mut der Verzweiflung. Als Rolle sie im Scheinwerferlicht entdeckte, war endlich alles gut.
»Das ist verboten, was du gemacht hast; aber froh bin ich trotzdem.«
Zum Hotel war es nur ein kurzer Fußweg. Dort fanden sie an der Rezeption einen Schmierzettel, auf dem stand:
»Parking für die Auto
9 h bis 12h und 14 h bis 17 h: 1€
Die Nacht: 0 €«
Das war erfreulich und eindeutig.
»Es ist bereits lange nach 17 Uhr und bis morgen früh um Neune sind wir weg«, entschied Rolle.
Endlich hatten sie ein Zimmer, sogar mit Dusche, was wollten sie mehr. Die Behausung war zwar stickig und eng, und wenn man die Toilettenspülung im abgeteilten Kämmerchen betätigt hatte, machte eine Pumpe höllischen Lärm. Auf dem von Pflanzen überrankten Mini-Balkon dröhnte es aus einem Metallkasten, der wohl als Klimaanlage fungieren sollte. Das alles war den Beiden im Moment ziemlich egal.
»Wir wollen ja bloß schlafen«, trösteten sie sich.
Inzwischen war es völlig dunkel und die Atmosphäre in den Restaurants sehr französisch. Die Beiden gesellten sich zu den Nachtschwärmern und kamen mit Rotwein und Käse bei Akkordeonmusik unter freiem Himmel endlich zur Besinnung. Zu Füßen eines van-Gogh-Standbildes mit Gemälde-Blick auf das reale Café de Nuit freuten sie sich ihres erwünschten Lebens.
»Das haben wir uns verdient. Endlich können wir das erleben.«
»Ja, du hast recht, du sprichst mir aus dem Herzen«, stimmte Rolle seinem Weib zu.
Franka schoss es kurz durch den Kopf, dass sie eine derartige Situation, im Fernsehen von Künstlern gespielt, schnulzig finden würde. In Arles, an diesem Platz, an diesem Abend empfand sie nichts als Freudentaumel und ergab sich ihrem Gefühl.
Sichtlich fußlahme Ober und Oberinnen, darunter eine Rubens-Figur in einem zwei Konfektionsnummern zu kleinen Kostüm, räumten bereits die Tische ab und sammelten die Sitzkissen ein. Da spürten auch die Sachsen ihre Abgespanntheit. Bloß gut, dass sie ein Bett hatten. Der Lüfter auf dem Balkon war zwar abgestellt und die höllische Toilette benutzten sie selten, aber die Nacht blieb trotzdem sehr geräuschvoll. Lärmende Jugendliche schienen im leichten Regen, der nicht einmal Abkühlung brachte, die ganze Nacht unterwegs zu sein.
»Wenn es hier Grillen gäbe, dann würden sie vergebens zirpen, niemand würde sie hören«, seufzte es aus Frankas Bett.
»Die Zimmerrechnung ist bezahlt, wir hauen so zeitig wie möglich ab«, stöhnte auch Rolle, der auch keinen Schlaf fand, was selten vorkam.
Das Aufstehen fiel sogar Morgenmuffel Franka leicht, denn um 7 Uhr erfüllte eine Straßenkehrmaschine mit unbeschreiblichem Getöse auf grobe Weise die Weckfunktion.
Zu Zeiten der Impressionisten kann die Stadt nicht so chaotisch gewesen sein, sonst hätten sich sensible Künstler hier nicht wohl gefühlt. Sie hätten es gewiss genau so gemacht, wie die zwei Durchreisenden: »nischt wie weg«.
Mit wohlriechendem Baguette aus der Boulangerie suchten sie sich neben der Landstraße einen sonnigen Platz. Nach fast 2000 Kilometern war endlich Gelegenheit für den Auftritt von Campingtisch und zwei Stühlen gekommen. Vor blühendem Ginsterbusch, umgeben von Weinreben und niedrigem Mischwald, durften sie 12 Kilometer südlich von Nîmes aus dem Kofferraum und das Frühstücks-Mobiliar für zwei unausgeschlafene aber glückliche Menschen im Freien sein. Lediglich Kaffee fehlte zur Vollkommenheit. Rein zufällig war hier der ideale Platz, um den Wunsch nach einem Weinstock als Andenken in die Tat umzusetzen.
Der Weinbauer möge ihnen vergeben und das Pflänzchen möge in ihrem Garten gedeihen.
Ganz nebenbei: Es waren zwei, und inzwischen haben sie im Sachsenland Wurzeln geschlagen. Ob die Politiker das meinen, wenn sie proklamieren: Europa wächst zusammen? Wer weiß das schon, was Politiker meinen. Alles eine Frage der Auslegung, meinten Rolle und Franka.
Der Weg zurück auf die Landstraße war trotz Satellitenführung nicht leicht zu finden.
Rolle lenkte durch Apfelplantagen mit Bewässerungsschläuchen am Erdboden und Franka bedauerte außerordentlich, dass die Früchte noch nicht reif waren. Zucchini- und Erbsenfelder, Olivenhaine, Weinanbaugebiete, Pfirsichplantagen und unbearbeitete Felder säumten ihren Weg.
Die Quartiersuche für die Nacht wurde wieder problematisch.
La Corrida
Es war nämlich Pfingstsonntag, der 27. Mai, und sie befanden sich im Umkreis von Nîmes.
Im »Dumont direkt« vom ARCD war zu lesen:
»An Pfingsten lockt die Feria de Pentecôte etwa 2 Millionen Besucher nach Nîmes, doch die Wenigsten unter ihnen sind passionierte Stierkampfliebhaber. Die Menschen strömen in die Stadt, um auf Straßen und Plätzen oder in den improvisierten Bodegas bei Sangria und Flamenco-Rhythmen fünf Tage und Nächte ausgelassen zu feiern. Open-Air-Konzerte und Kostüm-Umzüge, eine Pferdeschau und Abrivados bilden das ganz und gar unblutige Rahmenprogramm.«
Na, das klang toll. Das wollten sie sich anschauen. Wer weiß, ob sie noch einmal hierher kämen. Hatten sie ein Glück, dass sie gerade zu Pfingsten hier waren. Sie brauchten bloß noch eine Bleibe.
»La Feria, la Feria (das Fest)«, sagte man ihnen achselzuckend.
So kann man auch französisch lernen. Das Wort »complet« für »restlos ausgebucht« meißelte sich in ihr Gedächtnis.
Nach mehreren ergebnislosen Versuchen konnten sie im Hotel »Campanile« in Caissargue kaum glauben, dass sie ab 14:00 ein Zimmer bekommen könnten. Die zwei Stunden brachten sie leicht herum und freuten sich darauf, nach der unruhigen Nacht in Arles Mittagsruhe zu halten.
Ob sie zwei oder drei Nächte bleiben? Sie wollten sich nicht festlegen.
»Kürzen ist leichter als Verlängern«, Pflichtete der gefällige Empfangschef in deutscher Sprache bei. Das überzeugte die Glücksritter. Franka hegte die Hoffnung, dass der Freundliche beim Beschaffen von Eintritts-Karten für die Feria im nahe gelegenen Nîmes behilflich sein würde.
Sie bezogen ein schönes Zimmer mit Bad im ersten Stock und Blick in dichte Baumkronen. Eine Service-Station an der Wand bot Wasserkocher, zwei Plaste-Tassen, Kaffeesahne, Kaffeepulver, Teebeutel, Zucker und Butterkekse und erfreute sie zu dieser Stunde am meisten. Das war nicht nur Begrüßung, wie sie glaubten, sondern wurde jeden Tag vom Zimmermädchen aufgefüllt und ersparte ihnen die in Frankreich so hohen Frühstückskosten im Hotelrestaurant.
»Hier gibt es nur ganz kleine Tiere, die heiter zwitschern«, sagte der Hotelmann, als sie ihre Begeisterung über die schöne Anlage und die Ruhe ringsum ausgedrückt hatten. Diese Bemerkung verstanden sie erst später. Zunächst erkundigten sie sich nach der Corrida (Stierkampfspektakel).
»Da war ich nie«, sagte er mit unverkennbarer Abneigung, »Karten müssen Sie an der Kasse kaufen!«. Er war mit einem Schlag ohne Freundlichkeit.
Die erlebnishungrigen Touristen dachten nicht länger nach und fuhren in die Stadt. Bei herrlichem Sonnenschein stellten sie sich an das Ende einer Menschenschlange und frohlockten, weil noch Karten verfügbar waren:
17 € für die 18:00 Uhr –Veranstaltung »Amphitheater«, preiswert, jubelten sie.
Die alten Römer haben im ersten Jahrhundert vor Christus ein grandioses Oval hinterlassen, in das sich Rolle und Franka in der wartenden Menschenschlange Schritt für Schritt schieben ließen. Vor jedem Zugang standen junge Männer und verlangten die Eintrittskarte. Nach oben, bitte, deuteten sie deren Gesten. Hohe Steinstufen waren zu erklimmen – nichts für lädierte Knie. In der nächsten Etage hieß es wieder: nach oben. Das ging solange, bis es nicht mehr höher ging. Sie drängelten sich seitlich weiter und fanden eine Lücke für zwei Personen. Einzelne Plätze waren nicht erkennbar, geschweige denn nummeriert. Sie fanden sich sitzend auf warmen Steinstufen; Frankas Füße hingen in der Luft. Das bedeutete also »Amphitheater«. Glaubten sie doch zuvor, das sei die gesamte 133 Meter lange und 101 Meter breite elliptische Arena.
Dem Himmel ein Stück näher. Das hatte den Vorteil, dass das Geschehen dort unten im Miniatur-Format nicht so nahe an sie herankommen konnte. Dass das ein Vorteil war, erkannten sie allerdings erst später. Zunächst erlebten sie eine eindrucksvolle Schau. Live-Musik aus der Carmen-Oper: Auf in den Kampf, Torehehehero…, Stolz in der Brust, siegesbewusst..
Feierliche Blasmusik live gespielt mit schmetterndem Trompetensignal.
Bis der erste Stier herein kam.
Der wollte gleich wieder umkehren.
Er erahnte wohl das unheilvolle Spektakel, in dem er das Opfer war. Die Zwei im Amphitheater ahnten nichts. Sie erwarteten die im Prospekt beworbene »unblutige Schau«.
Fremdartiges Zeremoniell um einen ausgesuchten Stier begann, dessen Name, Alter und Gewicht im Programmheft standen. Zunächst boten sich imposante Anblicke; Franka gefielen besonders die eleganten buntbetressten Männer. Doch bald mussten sie ein grauenvolles Spiel beobachten. Die herausgeputzten Kämpfer wirkten gegen die unbändige Urgewalt des schwarzen Kolosses mit den bedrohlichen Hörnern schmächtig und verletzlich. Und doch geschah vor emotional aufgeladenem Publikum in heiliger Manier, dass der Stier von einem Menschen durch List und Gerät innerhalb von 30 Minuten bezwungen und getötet wurde. Wer braucht diesen Beweis? Diese Frage stand Franka ins entsetzte Gesicht geschrieben.
Was haben die Menschen in sich, dass sie Grausamkeit als Freizeitvergnügen erleben lässt?
Unten im Sand wurden Blutspuren weggeharkt und die Markierung neu gezogen.
Franka starrte und fror trotz der Sommerhitze.
»Liebling, wollen wir gehen?«
»Wo wir schon einmal hier sind …«
Ihrem Mann zuliebe hielt sie noch aus und hoffte, dass er auch bald gehen wolle. Sie schaute sich um und empfand Fassungslosigkeit über das Verhalten der Zuschauer, die nicht für den Stier, sondern ausschließlich für den Matador Sympathie zeigten. Alleweil blickte Franka auf den großen Zeiger der Uhr. Nach 30 Minuten ein gefeierter Matador.
Und ein fortgeschleifter Stier.
Franka zuckte plötzlich zusammen. Eine schlanke junge Frau nebenan – Franka hatte sie bislang nicht wahrgenommen – stieß einen gellen Schrei aus. Weit unten hatte der Gladiator vom Pferd aus in den bereits blutenden Stier seine Lanze gestoßen und immer weiter in den Leib hineingedreht. Dem Mädchen mit hochrotem Kopf traten die Adern am Hals hervor. Aus ihrem Mund stießen unverständliche Worte wie scharfe Messer. Dabei war sie vom Geschehen unten auf dem Sand so weit entfernt, dass ihre Schreie garantiert nicht ankommen konnten. Übergangslos verstummte die Maid, griff nach der Wasserflasche und verfolgte wieder schweigend und in sich gekehrt die Tortur wie zuvor. Diese erreichte eine weitere Steigerung. Franka glaubte, fremdes Hexenwerk über der Arena zu spüren, als sie mit 24 Tausend Menschen den Atem anhielt, während der nächste Stier starb. Als die angeschlagene Kreatur getaumelt war, hatte die Menge noch vor Erregung gebebt. Jetzt war Stille, unheimliche Stille, die alles anzuhalten schien.
Nach der dritten Bluttat konnte Franka nicht mehr. Rolle hatte endlich Erbarmen und stahl sich mit ihr die halsbrecherischen Stufen hinunter. In jeder Etage schauten sie nach unten auf die fröhlichen Menschen in den herausgeputzten Straßen, aber in der vorletzten zog es Rolle mit dem Fotoapparat noch einmal in die Runde hinein. Hier keuchte gerade der vierte Bulle. Sie wollten es nicht und mussten es doch: aus unvermeidlicher Nähe den schwarzen Tierbauch pumpen sehen wie ein Blasebalg.
Würdevoll rückten Franzosen mit weißen Hemden und roten Dreiecktüchern zur Seite und boten wortlos aber eindeutig den Hinzugekommenen Platz. Die konnten nicht anders; jetzt hatten sie den vierten Kampf auch noch zu ertragen, glaubten sie. Warum eigentlich haben sie die Einladung nicht abgelehnt? Aus Respekt vor dem Gastland?
Rolle fotografierte ununterbrochen. Sie mussten, jetzt in Originalgröße, mit ansehen, wie gerade der Torero auf dem Pferde sitzend, mit klirrender Rüstung an Beinen und Füßen, der sichtlich geschwächten Kreatur die Riesenlanze in die Herzgegend bohrte. Der Torero traf genau an der Stelle, wo ein blutgetränktes Band wehte. Und er stach und drehte und er stach und bohrte tiefer. Dreißig Zentimeter tief sollte er laut Reglement in den Stier eindringen. Wieder erstarrte der Kosmos; wieder kein Geräusch zu hören, nicht einmal ein Hauch. Der Bulle stieß im Todeskampf seine Hörner seitlich gegen das Pferd, das sich gerade noch auf den Beinen halten konnte. Das Pferd hatte man übrigens geschützt mit einem schweren Mantel an den Flanken und Lederlappen über den Augen.
Wen das gesamte Ritual der Corrida interessiert, der lese bei Hemingway nach oder gehe selbst hin. Franka und Rolle hatten nun wirklich genug des grausamen Spiels. Im Weggehen nahmen sie noch wahr, wie der am Boden liegende schwarze Berg mittels Machete abgeschlachtet wurde. Dann verließen sie endgültig die blutgetränkte Arena, um sich in die tanzende Gemeinschaft auf der Straße zu gesellen. Aber die Übelkeit blieb. Sie überlegten, warum sich Traditionen, die noch so schrecklich sind, dermaßen zäh erhalten und niemand auf der Welt die abscheuliche »Volksbelustigung« verhindern kann. Dennoch blieb die Frage offen, was die beiden Urlauber trotz aller Widerwärtigkeit in den Bann ziehen konnte.
»Erleben Sie die Faszination und die Emotionen der Stierkämpfe in der Arena, einem außergewöhnlichen Zeugnis römischer Zivilisation«, las Franka noch einmal im Prospekt nach.
»Zivilisation oder allerniedrigste Triebe?« Rolle fand auf Frankas Fragen ebenfalls keine Antwort.
Im Hotel Campanile gab es nur kleine Tiere und die sangen fröhlich in den Bäumen. Da zog es die Beiden nun hin.
Gardianne
28. Mai, Pfingstmontag
Zum ersten Mal auf ihrer Tour konnten sie ausschlafen und leisteten sich ein fürstliches Frühstück im Hotel. Wieder im Zimmer studierten sie erneut die Landkarte und planten in Ruhe die nächsten Tage. Doch um 14:00 Uhr lockten unbekannte Mächte die Beiden wieder ins Gewimmel von Nîmes und in die allgemeine Fröhlichkeit. An den Eingängen der Arena die langen Menschenschlangen erfüllten sie heute mit Entsetzen.
»Nie wieder bin ich so naiv!«
»Bist du sicher?«, zog Rolle sein Weib auf und wies mit ironischem Lächeln auf ihren Teller. »Vielleicht ist das Fleisch vom gestrigen Stier …«
»Ich esse das Mahl der Cowboys, und das ist aus Rindfleisch und heißt Gardianne …«
Rind, Stier? Sollte sie auf vegetarische Kost umstellen? Rolle hatte ein mit geräuchertem Schinken und Käse belegtes Baguette gewählt. Der Schinken war gewiss vom Schwein.
Nach dem Essen gingen sie ›Verkaufsstände gucken‹, Geld per Plastekarte aus dem Automaten ziehen, ein rotes Dreiecktuch für den jüngsten Enkel, König Oskar, kaufen, eine Muschelkette und Strohhüte probieren. Das Auto hatten sie übrigens, wie viele andere auch, inmitten der dreispurigen Zufahrtsstraße abgestellt. Ob mit den starren deutschen Gesetzen so ein Parken auf so engen Straßen denkbar wäre? Rolle und Franka hatten Zweifel.
Den täglichen Kaffee tranken sie im Zimmer dank des angenehmen Services, nahmen ein wonniges Wannenbad, zappten die Fernsehsender durch und lasen im Urlaubs-Buch.
Der nette Mann vom Empfang fungierte im Restaurant als Ober und brachte den Hungrigen eine deutsche Speisekarte. Er schien wieder gesprächsbereiter. Er habe in der Schweiz gearbeitet und sei von dort fünfmal nach Deutschland gefahren. Er erklärte, dass sie Gäste der Hotelkette Campanile waren, die in mehreren Ländern Europas und in den USA verbreitet ist und in Deutschland ebenfalls Gästehäuser im gleichen Stil eröffnen wolle.
An den Stierkampfbesuch wollten die zwei Sachsen nicht erinnert werden. Sie waren dankbar, dass der Kellner nicht danach gefragt hat und unverbindlich freundlich war.
Als nächstes Reiseziel entschieden sie sich für die Stadt Aix en Provence, und ließen sich von ihm im dortigen Campanile-Hotel schon mal ein Zimmer reservieren. Die Vorspeisen aus dem einladenden Buffet im Hotelrestaurant wirkten allesamt sehr appetitanregend. Rolle und Franka machten sich einen Spaß daraus, über die Franzosen zu lästern, weil die abends so viel verdrücken konnten. Wussten sie denn nicht, dass die Einheimischen meist nur einmal am Tag speisten, dafür aber ausgiebig? Andere Länder, andere Sitten.
Nach dem Abendbrot übertraf Franka ihren persönlichen Urlaubsrekord im Postkartenschreiben. Rolle hatte allerdings gut vorbereitet, indem er die Anschriften auf die rechte Hälfte notiert und damit mutig entschieden hat, wer von den zahlreichen Familienmitgliedern und Freunden einen Gruß erhalten sollte.
Wenn ein Olivenbaum erzählt
Am 29. Mai haben sich die Urlauber erst nach 9 Uhr 30 aus den Betten gewälzt und in aller Ruhe auf dem Zimmer gefrühstückt.
Im Nachbarort hatten sie einen Bäcker entdeckt, der konnte gaumenschonende Baguettes herstellen. Franka musste nicht »einditschen« und ihr von der harten Kruste wundes Zahnfleisch konnte sich erholen. Das Brot reichte auch für die Fahrt. Brot, Käse und Wein müssen in Frankreich immer im Auto sein, hatten sie sich schließlich geschworen.
Die Rechnung für drei Nächte begleichen, Briefmarken an der Rezeption kaufen, die Postkarten auf den Weg schicken und »sonst nischt«. Es konnte weitergehen.
Ihr erstes Tagesziel war Le Pont du Gard, das berühmte Wunderwerk der Wasserversorgung aus der Antike.
»Über 50 Kilometer mit einem Gefälle von 25 Zentimeter pro Kilometer fließen am Tag 35.000 Kubikmeter Wasser, kannst du das glauben?«, fragte Franka ihren Mann.
Der hatte sich diesmal auch belesen: »Die offene Leitung ist 2000 Jahre alt, von den Römern gebaut. Quellwasser des Flusses Eure von Uzes bis in die Stadt Nîmes.« So deklamierte er im Telegrammstil voller Stolz. Hätte seine Frau nicht Bedenken gehabt, ihn vom Fahren abzulenken, hätte sie ihm dafür einen dicken Kuss aufgedrückt.
Im Ort Remoulons ergänzten die Zwei ihren Proviant um ein frisches Baguette. Nach viereinhalb Kilometern haben sie das eindrucksvolle Viadukt erreicht. Voller Ehrfurcht vor diesem Monument, das zum Weltkulturerbe gehört, spazierten sie über eine Zwischenbrücke unterhalb des Wasserkanals und um das gut erhaltene Bauwerk herum und fotografierten.
Das Quellwasser wurde vor Zeiten in steinernen Rinnen 48 Meter hoch über den Fluss Gardon geleitet, auf dem gerade Touristenkähne schipperten. Der ganze Rummel um das Museum, die Breitwandvorführung und die Nachbildung der Ausgrabungsstätte waren gewiss eindrucksvoll, aber mindestens einer der Sachsen wollte weiterkommen.
Auf dem Rückweg zum Auto beeindruckte Franka ein alter knorriger Olivenbaum, geheimnisvoll, fast außerirdisch.
»Der ist mindestens 1000 Jahre alt, wenn der erzählen könnte …«
Franka lehnte sich an den dicken Stamm und lauschte eine Weile. Leider verstand sie die Signale des Olivenbaumes nicht, glaubte aber, Geheimnisvolles zu spüren. Die Verlockung der Früchte in den Kirsch-Plantagen entlang der weiteren Strecke war dafür sehr eindeutig. Rolle stellte das Auto unter einem riesigen Kirschbaum mit schwer herunterhängenden Ästen ab und Franka ging voraus, um von den schwitzenden Pflückern eine Kostprobe zu erbitten. Der Landmann ging zum Lastauto, schüttete etwas von der saftigen Ernte aus einer Holz-Stiege in einen dreckigen Plastebeutel, schätzte mit den Augen ab und sagte: »Zwei Kilo, sieben Euro.«
Ganz schön teuer, dachte Franka. Na gut, halt Schätzpreis, dafür frisch vom Baum. Sie wusste noch nicht, dass ihr Mann in der Zwischenzeit die tief hängenden Zweige über dem Auto geplündert und mindestens zwei weitere, aber kostenlose Kilo unbemerkt verstaut hatte. Scherzend schlugen sie sich den Bauch voll während der Weiterfahrt. Trotzdem tropfte erneut der Zahn beim Anblick der Aprikosen-Plantage. Hier durften sie auf einer abgeernteten Obstwiese selbst suchen. Der Ertrag war gering, sie freuten sich über jede einzelne Frucht und schauten bedauernd auf die Riesenaprikosen, die überreif auf dem Boden von gierigen Wespen belagert wurden.
Die Bauern erklärten den Beiden, dass der 6 Monate lange und viel zu kalte Winter »Influenza« für die Bäume gebracht hatte. Die Früchte seien zu klein und die Menge zu gering, um die Familie mit dem Ernteerlös zu ernähren. Obstbäume mit Grippe, eine eigenartige Vorstellung.
Er legte ihnen noch ein paar Aprikosen, frisch geerntet, aus seinem Pflückerkorb in den Beutel und wünschte lächelnd eine gute Reise. Die zwei großen, Furcht einflößend schnuppernden Hunde haben den Städtern zum Glück nichts getan. Die waren eventuell darauf dressiert, Obst-Diebe zu schnappen. Wer macht denn so was??
Für die nächsten Tage waren Franka und Rolle mit Vitaminen gut versorgt. Sie konnten sich getrost um geistige Nahrung kümmern, denn davon gab es in der Gegend zahlreiche Angebote.
Sie entschieden sich für ein kleines Museum der modernen zeitgenössischen Kunst in der Stadt Bagnols-sur-Cèze, das Museum »Albert-André« im Hotel de Ville (Rathaus). Es hat den Beinamen »Museum der Freundschaft«. Fast alle Kunstschätze, die dort ausgestellt sind, wurden von den Malern, ihren Familien oder Freunden gestiftet. Eine willkommene und sehenswerte Abwechslung war das.
Während des Bummels durch die hübsche kleine Stadt fanden sie in einer Einkaufsstraße endlich mal einen Yves-Rocher-Laden. Rolle wollte sich schon lange überzeugen, ob es diese Kosmetik-Firma, die mit ihrem Serum végétal seiner Frau täglich den Teint verjüngt, in Frankreich auch wirklich gab. Sie hatten als langjährige Kunden einige Preise aus dem Katalog im Kopf und stellten fest, dass es im Herstellerland teurer ist. Ob das mit dem höheren Durchschnittsverdienst zusammenhängt? Bestimmt.
Einen Café Petit genehmigten sie sich noch vor einem belebten Kneipchen, in dem sich stillende Mütter, junge Billardspieler und wacklige Greise drängten. Sie kauften Käse und Wurst und setzten bei 20 Grad Celsius ihre Tour fort. Der Gesang aus dem Navigationsgerät war auch wieder da:
»Fahren Sie auf dieser Straße weitaaa.«
Das Mittagessen fand an diesem Tage etwas spät statt, und zwar um 18:00 Uhr vor dem Ortseingang Montfancon mit herrlichem Blick durch die Autoscheibe auf ein Schloss.
Schade, dass sie das Glockengeläut der Ortskirche nicht mit auf dem Foto festhalten konnten.
Was es gab? Baguette und Camembert. Angenehm französisch.
»Tut dein Guschel eigentlich noch weh?«, fragte der fürsorgliche Chauffeur seine Begleiterin.
»Schon dein Interesse lindert den Schmerz, mein Lieber.«
Um 18:40 Uhr erreichten sie die Stadt mit dem schönen Namen Orange, mitten im Herzen der Provence. Hier war eines der größten Theater des römischen Reiches zu bestaunen, das fast vollständig erhalten ist. Wieder so ein beeindruckendes Zeugnis der römischen Zivilisation, das als Weltkulturerbe der UNESCO ausgewählt wurde. Im Juli und August werden hier Opern aufgeführt. Das hätte Franka gern erlebt. Leider fanden sie kein Büro zum Kartenreservieren. Rolle hätte sie gern so mal kurz zur Aufführung von Sachsen nach Frankreich gefahren. Das war nicht das Problem.
Noch eine Momentaufnahme von dem verzierten goldenen Türmchen während des Spaziergangs durch die stimmungsvolle Fußgängerzone von Orange und weiter mit dem Toyota an diesem sonnigen aber stürmischen Tag. Nach ungefähr einer Stunde Fahrt inmitten von ausladenden Weinfeldern las die Copilotin das Ortsschild Châteauneuf-du-Pape.
»Hier müssen wir anhalten, Rolle, unbedingt, hier gibt es den besten Rotwein der Welt.«
Meist fuhr er gelassen weiter mit der Bemerkung: »Wenn du da hin willst, musst du es sagen. Soll ich umlenken?« Da waren sie aber schon sonst wo und seine Frau fuhr nicht gern zurück. Das wusste Rolle genau.
Nein, diesmal reagierte der Fahrer sofort ohne überflüssige Rhetorik und sie standen punkt 19:43 Uhr auf einem Berg mit einem nicht mehr ganz vollständigen Schloss und wurden vom Sturm fast weggeblasen. Als Lohn für Standfestigkeit hatten sie klare Luft und ein phantastisches Rundum-Gemälde, das allein die Natur zu schaffen vermag.
Die bezaubernde Abendsonne, der klare Himmel, und rings herum dieses einmalige Panorama! In der Ferne auf der schmal wirkenden Rhône schlich majestätisch ein Dampfer dahin. Völlig fasziniert von all der Schönheit kam Franka ins Schwärmen: »Kein Wunder, dass der Papst sich hier ein Schloss bauen ließ. Hier könnte Gott höchstpersönlich wohnen.«
»Kann man hier mit dem Wohnmobil übernachten?« zweifelte Rolle beim Anblick von zwei Traumexemplaren auf der Anhöhe, »hier fliegt doch alles weg.« Mit dieser Bemerkung hatte der Sachliche seine Frau schlagartig in die Realität zurückgeholt.
Unten in dem schmucken Ort war um diese Zeit nur noch eine Dégustation geöffnet. Sie mussten den Kopf einziehen, um von der Straße sofort in den Weinkeller zu gelangen. Der Bogeneingang war sehr niedrig und die Stufen ausgetreten. Zwei Männer mit hochroten Gesichtern begrüßten die Hereinkommenden auf Englisch und luden sie geschäftig zur Kostprobe ein. Ein Seitenblick auf die Preisliste gemahnte sie, zu verschwinden. Welcher Teufel hat sie bloß geritten, dass sie nach ein paar genussvollen Schlucken eine Flasche Rotwein für 43 € mitnahmen?
»Egal, diese Flasche heben wir uns für einen ganz besonderen Anlass auf«, schlug Franka vor.
»Vielleicht zur Silberhochzeit.«
Rolle stimmte sofort zu. Das machte Franka stutzig:
»Aber die ist erst in fünf Jahren, ob der Wein solange hält?«
Draußen waren immerhin noch 17 Grad und sie erreichten um 21:00 Uhr die Stadt Avignon, deren alte Mauern und Gebäude um diese Zeit von unsichtbaren Lampen angestrahlt wurden und aussahen wie aus Tausendundeine Nacht in Alices Wunderland.
»An einem Sonntag in Avignon …«
»Sur le Pont d’Avignon, l’on y dance, l’on y dance, touts en rond …«
(Auf der Brücke von Avignon muss man tanzen immerzu …)
Schon manchmal sind den Reisenden während der Fahrt bekannte Liedtexte und Melodien eingefallen und sie haben sich glücklich vergegenwärtigt, dass sie an diesen besungenen und bedichteten Orten gerade leibhaftig anwesend waren. So eine Freude! Dass sie das noch erleben konnten! Ein Satz, der häufig ironisch gemeint ist. Für die zwei aus der ehemaligen DDR im fortgeschrittenen Alter kam er aus tiefstem Herzen. Bei solch romantischer Abendstimmung, ja, da käme doch Jeder ins Schwärmen. Abfälliges Schmunzeln überließen sie denen, die nicht wagen, Gefühle zu zeigen.
Die zwei Glücklichen haben die berühmte Brücke von Avignon erreicht, sie endet mitten im Flussbett. Der Zugang war leider schon geschlossen. Franka hätte am Ende wirklich begonnen, zu tanzen und ihren Mann mitzureißen.
Avignon am Abend. Es war wie im Wunderland. Sie fotografierten über den Fluss hinweg die beleuchtete Stadtmauer, den Papstpalast, das Fort St. André mit der Festungsmauer gegenüber in der Neustadt und begriffen voll und ganz, warum Avignon die heimliche Hauptstadt der Provence genannt wird.
Immer noch aufgekratzt von den Tageseindrücken erreichten sie gegen 23 Uhr das Hotel und waren völlig genervt, weil sich das Tor nicht öffnete. Am Morgen hatte es mit dem Code doch geklappt.
Gott sei Dank hatte noch jemand Dienst und konnte ihnen per Knopfdruck Einfahrt gewähren. Die Hotelbesitzer hatten im Laufe des Tages den Sicherheitscode ändern lassen. Na ja.
Endlich im Zimmer angelangt, spürten sie erst die Erschöpfung, retteten aber noch den letzten Wein und das Restbaguette vor dem Verderb.
Darmowy fragment się skończył.