Czytaj książkę: «Liebe und Eigenständigkeit»
Alfie Kohn
Liebe und Eigenständigkeit
Alfie Kohn
Liebe und Eigenständigkeit
Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung
Aus dem amerikanischen Englisch von Cordula Kolarik

© 2005 Alfie Kohn
© 2010 der deutschen Ausgabe: Arbor Verlag GmbH, Freiburg
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel:
Unconditionalparenting: moving from rewards andpunishments to love and reason
Alle Rechte vorbehalten
E-Book 2019
Titelfoto: © 2010 Svea Anais Perrine / photocase.com
Lektorat: Richard Reschika
Gestaltung: Anke Brodersen
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-271-9
Wichtiger Hinweis:
Die Ratschläge zur Selbstbehandlung in diesem Buch sind vom Autor und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft worden. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Sie brauchen psychotherapeutische Hilfe, wenn Sie sich durch die Übungen von Emotionen und Erinnerungen überwältigt fühlen. Bei ernsthafteren und/oder länger anhaltenden Beschwerden sollten Sie auf jeden Fall einen Arzt oder einen Heilpraktiker Ihres Vertrauens zu Rate ziehen. Eine Haftung des Autors und des Verlages für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
Inhalt
Einleitung
1 Wenn Elternliebe an Bedingungen geknüpft ist
2 Liebe schenken und Liebe entziehen
3 Zu viel Kontrolle
4 Strafen sind schädlich
5 Zum Erfolg gedrängt
6 Was hindert uns daran, bessere Eltern zu sein?
7 Grundsätze bedingungsloser Elternliebe
8 Liebe ohne Wenn und Aber
9 Mitspracherecht für Kinder
10 Die Sicht des Kindes
Anhang: Erziehungsstile
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Danksagung
Ein wenig Menschlichkeit ist viel mehr wert als alle Vorschriften der Welt.
Jean Piaget
Einleitung
Schon bevor ich Kinder hatte, wusste ich, dass es nicht nur eine Freude, sondern auch eine Herausforderung sein würde, Eltern zu sein. Aber ich wusste es nicht wirklich.
Ich wusste nicht, wie erschöpft oder ratlos man sich fühlen konnte und wie ich jedes Mal, wenn mir alles über den Kopf wuchs, irgendwie doch weitermachen musste.
Ich begriff nicht, dass Kinder manchmal deshalb so laut schreien, dass die Nachbarn kurz davor sind, das Jugendamt zu rufen, weil man die falsche Sorte Nudeln zum Abendessen gekocht hat.
Mir war nicht klar, dass sich die Atemübungen, die Frauen bei Kursen zum Thema natürliche Geburt lernen, erst dann wirklich auszahlen, wenn das Kind schon lange auf der Welt ist.
Nie hätte ich voraussehen können, wie erleichtert ich sein würde, zu hören, dass die Kinder anderer Leute mit den gleichen Dingen zu kämpfen haben und sich manchmal ähnlich verhalten wie meine. (Noch befreiender ist die Erkenntnis, dass auch andere Eltern dunkle Momente haben, in denen sie merken, dass sie ihr eigenes Kind nicht mögen, oder sich fragen, ob es das alles wert ist, oder diverse andere unaussprechliche Gedanken hegen.)
Fazit: Kinder großzuziehen ist nichts für Schwächlinge. Meine Frau sagt, es sei ein Test der Fähigkeit, mit Unordnung und Unberechenbarkeit umzugehen – ein Test, für den man nicht üben kann und dessen Ergebnisse nicht immer beruhigend ausfallen. Vergessen Sie „Raketentechnik“ oder „Gehirnchirurgie“: Wenn wir betonen wollen, etwas sei eigentlich nicht so furchtbar schwer, sollten wir sagen: „Hey, es ist ja nicht so schwer wie Kinder großzuziehen …“
Eben weil es so schwierig ist, sind wir vielleicht versucht, unsere Energie darauf zu konzentrieren, den Widerstand unserer Kinder gegenüber unseren Wünschen zu durchbrechen und sie zu bewegen, das zu tun, was wir ihnen sagen. Wenn wir nicht aufpassen, kann das unser Hauptziel werden. Es kann passieren, dass wir uns all den Leuten um uns herum anschließen, die Fügsamkeit und kurzfristigen Gehorsam bei Kindern über alles schätzen.
Vor ein paar Jahren saß ich während einer Vortragsreise in einem Flugzeug, das gerade gelandet war und zum Flugsteig rollte. Sobald ein Ton signalisierte, dass wir aufstehen und unser Handgepäck herunterholen durften, beugte sich einer meiner Sitznachbarn in die Reihe vor uns und beglückwünschte die Eltern eines kleinen Jungen, der dort saß. „Er war auf dem Flug so ein guter Junge!“, erklärte er.
Denken Sie einen Augenblick lang über das Schlüsselwort in dem Satz nach. Gut ist ein Adjektiv voller moralischer Bedeutungen. Es kann ein Synonym für ethisch oder ehrenwert oder mitfühlend sein. Doch wenn man von Kindern spricht, heißt das Wort oft nichts weiter als ruhig – oder vielleicht keine Nervensäge. Als ich diese Bemerkung im Flugzeug hörte, machte es bei mir klick. Mir wurde klar, dass die meisten Menschen in unserer Gesellschaft sich genau das am meisten von Kindern wünschen: nicht, dass sie fürsorglich, kreativ oder neugierig sind, sondern einfach dass sie sich gut benehmen. Ein „gutes“ Kind – vom Säugling bis zum Jugendlichen – ist eines, das uns Erwachsene nicht allzu sehr stört.
Es mag sein, dass sich die Strategien, dieses Ergebnis zu erreichen, im Lauf der letzten paar Generationen geändert haben. Während Kinder einst harten körperlichen Bestrafungen unterworfen waren, werden sie jetzt vielleicht zu Auszeiten verurteilt oder bekommen Belohnungen, wenn sie uns gehorchen. Doch verwechseln Sie neue Mittel nicht mit neuen Zielen. Das Ziel ist noch immer Kontrolle, auch wenn wir diese mit moderneren Methoden sicherstellen. Der Grund dafür ist nicht der, dass uns unsere Kinder nicht am Herzen lägen. Es hat mehr damit zu tun, dass uns der ständige alltägliche Druck des Familienlebens überwältigt. Die Notwendigkeit, die Kinder ins Bett oder Auto, in die Badewanne und wieder heraus zu bekommen, macht es uns schwer, einen Schritt zurückzutreten und zu sehen, was wir eigentlich tun.
Wenn es uns nur darum geht, Kinder dazu zu bewegen, zu tun, was wir sagen, ist das unter anderem deshalb problematisch, weil es möglicherweise im Widerspruch zu anderen, höher gesteckten Zielen, die wir für sie haben, steht. Heute Nachmittag geht es Ihnen vielleicht nur darum, dass Ihr Sohn damit aufhört, im Supermarkt einen Aufstand zu machen, und sich damit abfindet, dass Sie ihm keine große, bunte Tüte Süßigkeiten, die als Frühstücksflocken getarnt sind, kaufen werden. Aber es lohnt sich, etwas weiter zu blicken. In den Workshops, die ich für Eltern leite, beginne ich gern mit der Frage: „Was sind Ihre langfristigen Ziele für Ihre Kinder? Welches Wort oder welcher Ausdruck kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie beschreiben möchten, wie Sie sich Ihre Kinder wünschen würden, wenn sie erwachsen sind?“
Denken Sie einen Moment darüber nach, wie Sie diese Frage beantworten würden. Wenn ich Elterngruppen auffordere, die wichtigsten langfristigen Ziele zu nennen, die sie für ihre Kinder haben, bekomme ich landesweit bemerkenswert ähnliche Antworten zu hören. Die Liste, die von einer Gruppe erstellt wurde, war typisch: Die Eltern sagten, sie wünschten sich, dass ihre Kinder glückliche, ausgeglichene, selbstständige, ausgefüllte, produktive, selbstbewusste, seelisch gesunde, freundliche, rücksichtsvolle, verantwortungsbewusste, liebevolle, wissbegierige und zuversichtliche Menschen würden.
Was an dieser Liste von Adjektiven interessant ist – und was daran nützlich ist, überhaupt über diese Frage nachzudenken –, ist, dass sie uns dazu anregt, uns zu fragen, ob das, was wir tun, mit dem im Einklang steht, was wir wirklich wollen. Helfen meine alltäglichen Erziehungsmethoden wohl meinem Kind, zu dem Menschen heranzuwachsen, den ich mir wünschen würde? Trägt das, was ich gerade im Supermarkt zu meinem Kind gesagt habe, wenigstens ein bisschen dazu bei, dass es ein glücklicher, ausgeglichener, selbstständiger, ausgefüllter und so weiter Mensch werden kann – oder ist es möglich (schluck), dass die Art, wie ich mit solchen Situationen umgehe, ein solches Ergebnis weniger wahrscheinlich macht? Falls ja, was sollte ich stattdessen tun?
Wenn Sie es zu entmutigend finden, sich vorzustellen, was für Menschen Ihre Kinder in vielen Jahren vielleicht sind, denken Sie darüber nach, was Ihnen heute wirklich wichtig ist. Stellen Sie sich vor, Sie wären bei einer Geburtstagsfeier oder im Flur der Schule Ihres Kindes. Hinter einer Ecke stehen zwei andere Eltern, die nicht wissen, dass Sie da sind. Sie hören, wie die beiden über… Ihr Kind reden! Von all dem, was sie sagen könnten – worüber würden Sie sich am meisten freuen?1 Denken Sie einen Moment darüber nach, welches Wort oder welchen Satz Sie besonders gerne hören würden. Ich vermute – und hoffe –, dass es nicht der Satz wäre: „Mensch, dieses Kind tut alles, was man ihm sagt, und macht nie einen Mucks.“ Die entscheidende Frage ist, ob wir uns nicht manchmal so verhalten, als wäre es das, was uns am wichtigsten ist.
Vor fast fünfundzwanzig Jahren rezensierte eine Sozialpsychologin namens Elizabeth Cagan eine Reihe zeitgenössischer Erziehungsratgeber und kam zu dem Schluss, dass sie größtenteils eine pauschale Akzeptanz „elterlicher Vorrechte“ mit „kaum ernsthafter Berücksichtigung der Bedürfnisse, Gefühle oder der Entwicklung eines Kindes“ widerspiegelten. Die vorherrschende Grundannahme, fügte sie hinzu, sei offenbar die, dass die Wünsche der Eltern „automatisch legitim“ seien und man daher nur über die Frage diskutieren müsse, wie man Kinder dazu bewegen könne, all das zu tun, was man ihnen sage.2
Leider hat sich seitdem nicht viel geändert. Jedes Jahr werden in den Vereinigten Staaten mehr als hundert Erziehungsbücher veröffentlicht,3 außerdem zahllose Artikel in Elternzeitschriften, und die meisten sind voller Ratschläge, wie man Kinder dazu bringen kann, unsere Erwartungen zu erfüllen, wie man ihr Verhalten steuern kann, wie man sie dressieren kann, als ob es Haustiere wären. Viele dieser Ratgeber enthalten auch aufmunternde Worte über die Notwendigkeit, Kindern Paroli zu bieten und unsere Macht durchzusetzen – und in manchen Fällen werden jegliche Zweifel, die wir angesichts dessen haben mögen, explizit für unnötig erklärt. Diese Tendenz spiegelt sich sogar in den Titeln jüngst erschienener Bücher wider: Keine Angst vor Disziplin; Eltern haben die Zügel in der Hand; Eltern an der Macht; Die Macht in die Hand nehmen; Zurück an der Macht; Disziplin für Ihr Vorschulkind – ohne schlechtes Gewissen; Weil ich die Mama bin – darum; Das Steuer in die Hand nehmen; Erziehung ohne Schuldgefühle; „Die Antwort lautet Nein“ und so weiter.
Einige dieser Bücher verteidigen altmodische Werte und Methoden („Dir wird der Hintern ganz schön wehtun, wenn dein Vater nach Hause kommt“), während sich andere für neumodische Verfahren einsetzen („Gut gemacht! Du hast Pipi ins Töpfchen gemacht, Schatz! Jetzt kannst du deinen Aufkleber haben!“). Doch in keinem Fall fordern sie uns auf, uns zu vergewissern, ob das, was wir von unseren Kindern verlangen, auch vernünftig – oder in ihrem Interesse – ist.
Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, enthalten viele dieser Bücher Vorschläge, die sich als, sagen wir mal, nicht sonderlich hilfreich erweisen, auch wenn sie bisweilen mit Hilfe absurd unrealistischer Eltern-Kind-Dialoge, die zeigen sollen, wie gut sie funktionieren, veranschaulicht werden.4 Zwar kann es frustrierend sein, über Methoden zu lesen, die sich als unwirksam erweisen, doch es ist viel gefährlicher, wenn in Büchern überhaupt nicht die Frage gestellt wird, was wir eigentlich unter „wirksam“ verstehen. Wenn wir uns keine Gedanken über unsere Ziele machen, haben wir nichts weiter als Praktiken, die nur dazu dienen sollen, Kinder dazu zu bewegen, zu tun, was man ihnen sagt. Das heißt, wir konzentrieren uns nur darauf, was für uns am bequemsten ist, nicht darauf, was sie brauchen.
Noch ein Wort über Erziehungsratgeber: Der Rat, den die meisten von ihnen geben, beruht nur auf der willkürlichen Meinung des Autors, illustriert durch sorgfältig ausgesuchte Anekdoten, die seine Sichtweise stützen. Selten wird überhaupt erwähnt, was Forschungen über die betreffenden Themen zu sagen haben. Ja, es ist möglich, das Erziehungsregal in Ihrer örtlichen Buchhandlung Titel für Titel durchzugehen, ohne überhaupt zu merken, dass es eine bedeutende Menge wissenschaftlicher Studien über verschiedene Erziehungsmethoden gibt.
Ich weiß, manche Leser sind skeptisch, wenn behauptet wird, „Studien zeigten“, dies und das sei wahr, und das ist auch verständlich. Erstens sagen Menschen, die mit solchen Sätzen um sich werfen, oft nicht, von welchen Studien sie eigentlich reden, geschweige denn, wie sie durchgeführt wurden oder wie signifikant ihre Ergebnisse waren. Und zweitens stellt sich wieder diese vertrackte Frage: Wenn ein Forscher behauptet, er habe bewiesen, es sei wirksamer, seinem Kind gegenüber x zu tun als y, möchten wir ihn sofort fragen: „Was genau verstehen Sie unter wirksam? Meinen Sie, dass es Kindern in psychischer Hinsicht besser geht, wenn man x tut? Führt x dazu, dass sich die Kinder mehr Gedanken darüber machen, welche Auswirkungen ihr Handeln auf andere Menschen hat? Oder ist bei Anwendung von x einfach nur die Wahrscheinlichkeit, blinden Gehorsam zu erreichen, größer?“
Manche Experten und auch manche Eltern scheinen sich nur für diese letzte Frage zu interessieren. Eine erfolgreiche Strategie ist nach ihrer Definition alles, was Kinder dazu bringt, Anweisungen zu befolgen. Ihre Sicht beschränkt sich mit anderen Worten darauf, wie Kinder sich verhalten, ohne zu berücksichtigen, was sie empfinden, wenn sie einer bestimmten Aufforderung nachkommen sollen, oder was sie über denjenigen denken, dem es gelungen ist, sie zum Befolgen der Anweisung zu bewegen. Dies ist eine recht zweifelhafte Weise, den Wert elterlichen Eingreifens zu beurteilen. Forschungsergebnisse legen nahe, dass sich selbst Erziehungsmethoden, die zu „wirken“ scheinen, oft als sehr viel weniger erfolgreich herausstellen, wenn man sinnvollere Kriterien anlegt. Die Festlegung des Kindes auf ein bestimmtes Verhalten ist oft nur oberflächlich, und das Verhalten ist daher von kurzer Dauer.5
Doch das ist noch nicht alles. Das Problem liegt nicht nur darin, dass uns viel entgeht, wenn wir unsere Strategien nur danach beurteilen, ob sie Kinder dazu bringen, uns zu gehorchen, sondern auch darin, dass Gehorsam selbst nicht immer wünschenswert ist. Es gibt so etwas wie zu gutes Benehmen. In einer Studie etwa wurden Kleinkinder in Washington, D.C., beobachtet, bis sie fünf Jahre alt waren, und es wurde festgestellt, dass „häufige Fügsamkeit manchmal mit Verhaltensstörungen assoziiert“ war. Umgekehrt könne ein gewisses Maß an Widerstand gegen die elterliche Autorität ein „positives Zeichen“ sein. Andere Psychologen schildern im Journal of Abnormal Child Psychology ein beunruhigendes Phänomen, das sie als „zwanghafte Fügsamkeit“ bezeichneten und bei dem Kinder aus Angst vor ihren Eltern alles tun, was man ihnen sagt – sofort und ohne nachzudenken. Auch viele Therapeuten haben sich zu den emotionalen Folgen eines exzessiven Bedürfnisses, Erwachsenen zu gefallen und zu gehorchen, geäußert. Sie weisen darauf hin, dass Kinder mit auffallend gutem Benehmen tun, was ihre Eltern von ihnen wollen, und das werden, was sich ihre Eltern von ihnen wünschen – jedoch oft um den Preis, dass sie ein Gefühl für sich selbst verlieren.6
Man könnte sagen, dass Disziplin Kindern nicht immer hilft, Selbstdisziplin zu entwickeln. Doch selbst dieses zweite Ziel ist nicht immer so ausschließlich positiv, wie man denkt. Es ist nicht unbedingt besser, Kinder dazu zu bewegen, unsere Wünsche und Werte zu verinnerlichen, so dass sie auch dann, wenn wir nicht in der Nähe sind, tun, was wir wollen. Verinnerlichung – oder Selbstdisziplin – fördern zu wollen, kann auf den Versuch hinauslaufen, das Verhalten von Kindern per Fernsteuerung zu lenken. Das ist nur eine stärkere Form von Gehorsam. Schließlich ist es ein großer Unterschied, ob ein Kind etwas tut, weil es glaubt, es sei richtig, dies zu tun, oder ob ein Kind etwas nur aus Pflichtgefühl tut. Dafür zu sorgen, dass Kinder unsere Werte verinnerlichen, ist nicht dasselbe wie ihnen zu helfen, eigene Werte zu entwickeln.7 Und es ist genau das Gegenteil von dem Ziel, dass Kinder selbstständig denken sollen.
Die meisten von uns, davon bin ich überzeugt, wünschen sich tatsächlich, dass unsere Kinder selbstständig denken, Durchsetzungsvermögen und innere Festigkeit haben… wenn sie mit ihren Freunden zusammen sind. Wir hoffen, dass sie Menschen, die andere schikanieren, die Stirn bieten und Gruppendruck widerstehen können, vor allem wenn es um Sex und Drogen geht. Doch wenn es uns wichtig ist, dass unsere Kinder nicht „Opfer der Ideen anderer“ werden, müssen wir sie lehren, „selbst über alle Ideen, einschließlich der von Erwachsenen, nachzudenken“.8 Oder anders herum: Wenn wir zu Hause großen Wert auf Gehorsam legen, kann das dazu führen, dass unsere Kinder auch das befolgen, was Menschen außerhalb von zu Hause ihnen sagen. Die Autorin Barbara Coloroso bemerkt, dass sie Eltern von Teenagern oft klagen hört: „Er war so ein braves Kind, so wohlerzogen, hatte so gute Manieren, hat sich so gut gekleidet. Doch sehen Sie sich ihn jetzt an!“ Darauf antwortet sie:
Seit er klein war, zog er sich so an, wie Sie es ihm sagten; er verhielt sich so, wie Sie es ihm sagten; er sagte das, was Sie ihm vorsagten. Er hat stets darauf gehört, dass ihm jemand anders sagte, was er tun sollte … Er hat sich nicht verändert. Er hört noch immer darauf, dass ihm jemand anders sagt, was er tun soll. Das Problem ist nur, dass derjenige nicht mehr Sie sind, sondern Leute in seinem Alter.
Je mehr wir über unsere langfristigen Ziele für unsere Kinder nachdenken, umso komplizierter wird es. Jedes Ziel könnte sich als problematisch herausstellen, wenn wir es isoliert betrachten: Nur wenige Eigenschaften sind so wichtig, dass wir bereit wären, alles andere zu opfern, um sie zu erreichen. (Zum Thema Glück etwa siehe Kapitel 10, Anmerkung 1.) Vielleicht ist es klüger, Kindern zu helfen, ein Gleichgewicht zwischen entgegengesetzten Eigenschaften zu erreichen – also etwa unabhängig, aber auch fürsorglich zu sein oder zuversichtlich und dennoch bereit, die eigenen Grenzen zu erkennen. Ebenso betonen manche Eltern vielleicht, ihnen sei es am wichtigsten, ihren Kindern zu helfen, sich selbst Ziele zu setzen und sie zu erreichen. Wenn wir derselben Ansicht sind, müssen wir uns auf die Möglichkeit gefasst machen, dass sie andere Entscheidungen treffen als wir und sich Werte zu eigen machen, die nicht dieselben sind wie unsere.
Das Nachdenken über langfristige Ziele kann uns in vielerlei Richtungen führen, doch was ich betonen will, ist, dass wir gründlich über diese Ziele nachdenken sollten. Sie sollten unser Prüfstein sein und uns daran hindern, im Treibsand des täglichen Lebens mit seiner ständigen Versuchung, alles zu tun, wodurch sich Folgsamkeit erreichen lässt, zu versinken. Als Vater zweier Kinder kenne ich die Frustrationen und Herausforderungen, die zu diesem Job dazugehören, nur zu gut. Es gibt Zeiten, wenn meine besten Strategien versagen, wenn mir die Geduld reißt, wenn ich einfach nur will, dass meine Kinder tun, was ich ihnen sage. Es ist schwer, den Gesamtzusammenhang im Blick zu behalten, wenn eins meiner Kinder im Restaurant herumkreischt. Im Übrigen ist es manchmal ebenso schwer, daran zu denken, was wir eigentlich für Menschen sein wollen, wenn wir gerade einen hektischen Tag erleben oder merken, wie uns weniger edle Regungen überkommen. Es ist schwer, aber es lohnt sich.
Manche Menschen begründen das, was sie tun, dadurch, dass sie die bedeutsameren Ziele – etwa den Versuch, ein guter Mensch zu sein oder sein Kind zu einem guten Menschen zu erziehen – als „idealistisch“ abtun. Doch das bedeutet nur, Ideale zu haben, ohne die wir nicht viel wert sind. „Idealistisch“ muss nicht „praxisfern“ bedeuten. Ja, sowohl pragmatische als auch moralische Gründe sprechen dafür, sich auf langfristige Ziele statt auf sofortige Folgsamkeit zu konzentrieren und daran zu denken, was unsere Kinder brauchen, statt nur daran, was wir von ihnen verlangen, und das ganze Kind statt nur das Verhalten zu sehen.
In diesem Buch werde ich erläutern, warum es sinnvoll ist, sich von den üblichen Strategien, Kinder als Objekte zu behandeln, abzuwenden und Wege zu finden, mit ihnen zusammen zuarbeiten. Zwar wird mit vielen Menschen – Erwachsenen wie Kindern – ständig etwas getan, als wären sie Objekte. Doch es genügt nicht, zu antworten: „Nun, so ist die Welt eben“, wenn man etwas dagegen einwendet, Strafen und Belohnungen zu benutzen, um das Verhalten von Menschen zu steuern. Die entscheidende Frage lautet: Was für Menschen sollen unsere Kinder werden? Menschen, die Dinge so hinnehmen, wie sie sind, oder Menschen, die versuchen, etwas zu verbessern?
So etwas zu sagen, ist subversiv. Es verkehrt konventionelle Erziehungsratschläge ins Gegenteil und es stellt das kurzsichtige Bemühen, sie dazu zu bringen, nach unserer Pfeife zu tanzen, auf die Probe. Für manche von uns stellt es vielleicht vieles von dem, was wir tun – und möglicherweise auch das, was mit uns getan wurde, als wir klein waren –, in Frage.
In diesem Buch geht es nicht nur um Erziehungsmethoden, sondern umfassender um die Art, wie wir uns unseren Kindern gegenüber verhalten sowie darum, wie wir über sie denken und fühlen. Das Buch soll Ihnen helfen, zu Ihrer eigenen Intuition zurückzufinden und sich bewusst zu werden, was wirklich wichtig ist – nachdem der Schlafanzug angezogen ist, die Hausaufgaben erledigt und die Geschwisterstreitereien endlich beigelegt sind. Es fordert sie auf, Ihre grundlegenden Annahmen über Eltern-Kind-Beziehungen zu überdenken.
Vor allem bietet dieses Buch praktische Alternativen für die Taktiken, die wir manchmal versucht sind zu benutzen, um unsere Kinder dazu zu bewegen, sich besser zu benehmen oder erfolgreicher zu werden. Ich glaube, dass diese Alternativen unseren Kindern helfen können, zu guten Menschen heranzuwachsen – gut im umfassendsten Sinne des Wortes.
| 1 | Wenn Elternliebe an Bedingungen geknüpft ist |
Bisweilen hat mich der Gedanke getröstet, dass sich meine Kinder trotz all der Fehler, die ich als Vater gemacht habe (und die ich weiterhin machen werde), gut entwickeln werden, ganz einfach deshalb, weil ich sie aus ganzem Herzen liebe. Schließlich heilt Liebe alle Wunden. Alles besiegt die Liebe. Liebe bedeutet, sich nie dafür entschuldigen zu müssen, dass man heute Morgen in der Küche einen Wutanfall bekommen hat.
Dieser beruhigende Gedanke beruht auf der Vorstellung, es gäbe ein Ding namens Elternliebe, eine einzige Substanz, die man seinen Kindern in einer größeren oder kleineren Menge schenken könne (wobei eine größere Menge natürlich besser sei). Doch was ist, wenn sich diese Annahme als verhängnisvolle Vereinfachung erweist? Was ist, wenn es tatsächlich verschiedene Arten gibt, ein Kind zu lieben, und wenn nicht alle davon gleichermaßen wünschenswert sind? Die Psychoanalytikerin Alice Miller hat einmal bemerkt, es sei möglich, ein Kind hingebungsvoll zu lieben – ihm jedoch nicht die Art von Liebe zu schenken, die es braucht. Falls sie Recht hat, ist nicht nur die Frage entscheidend, ob – oder wie sehr – wir unsere Kinder lieben. Es kommt auch darauf an, wie wir sie lieben.
Wenn wir das verstanden haben, könnten wir ziemlich schnell eine lange Liste verschiedener Arten elterlicher Liebe erstellen und Ratschläge geben, welche besser sind als andere. In diesem Buch wird ein solcher Unterschied näher beleuchtet: Kinder dafür zu lieben, was sie tun, oder Kinder dafür zu lieben, wer sie sind. Die erste Art von Liebe ist an Bedingungen geknüpft, das heißt, Kinder müssen sich unsere Liebe dadurch verdienen, dass sie sich so verhalten, wie wir es für angemessen halten, oder dadurch, dass ihre Leistungen unseren Erwartungen entsprechen. Die zweite Art von Liebe ist bedingungslos: Sie hängt nicht davon ab, wie sie sich verhalten, ob sie erfolgreich sind oder gute Manieren haben oder irgendetwas sonst.
Ich möchte das Konzept bedingungsloser Elternliebe mit einem Werturteil und einer Voraussage begründen. Das Werturteil lautet ganz einfach: Kinder sollten sich unsere Anerkennung nicht verdienen müssen. Wir sollten sie, wie meine Freundin Deborah sagt, „ohne jeden Grund“ lieben. Darüber hinaus kommt es nicht nur darauf an, dass wir selbst davon überzeugt sind, sie bedingungslos zu lieben, sondern dass sie sich auch auf diese Weise geliebt fühlen.
Die Voraussage lautet, dass es sich positiv auswirken wird, wenn wir Kinder bedingungslos lieben. Es ist nicht nur in moralischer Hinsicht das Richtige, sondern es ist auch klug, dies zu tun. Kinder haben das Bedürfnis, so, wie sie sind, und als die Menschen, die sie sind, geliebt zu werden. Wenn sie das erleben, können sie sich selbst als im Grunde gute Menschen annehmen, auch wenn ihnen etwas misslingt oder sie einmal versagen. Und wenn dieses Grundbedürfnis erfüllt ist, sind sie auch freier, andere Menschen anzunehmen und ihnen zu helfen. Kurz gesagt, bedingungslose Liebe ist das, was Kinder brauchen, um zu gedeihen.
Dennoch tendieren wir Eltern oft dazu, unsere Anerkennung an Bedingungen zu knüpfen. Dies liegt nicht nur an den Überzeugungen, die uns vermittelt wurden, sondern auch an der Art, wie wir erzogen wurden. Man könnte sagen, wir wurden dazu konditioniert, unsere Liebe von Bedingungen abhängig zu machen. Die Wurzeln dieser Neigung reichen tief ins amerikanische (und auch deutsche) Bewusstsein. Tatsächlich scheint bedingungsloses Annehmen sogar als Vorstellung Seltenheitswert zu haben: Wenn man im Internet nach Varianten des Wortes bedingungslos sucht, stößt man größtenteils auf Diskussionen über Religion oder über Haustiere. Offenbar fällt es vielen Leuten schwer, sich Liebe zwischen Menschen ohne Bedingungen vorzustellen.
Für ein Kind beziehen sich diese Bedingungen zum Teil auf gutes Benehmen und zum Teil auf Leistung. In diesem und dem folgenden Kapitel geht es um das Benehmen und vor allem darum, wie viele verbreitete Erziehungsstrategien bei Kindern das Gefühl hervorrufen, sie würden nur dann akzeptiert, wenn sie sich so benehmen, wie wir es von ihnen verlangen. In Kapitel 5 werde ich erläutern, wie manche Kinder schlussfolgern, die Liebe ihrer Eltern hänge von ihrer Leistung – etwa in der Schule oder beim Sport – ab.
In der zweiten Hälfte dieses Buches mache ich konkrete Vorschläge, wie wir diesen Ansatz hinter uns lassen und unseren Kindern etwas schenken können, was der Art von Liebe, die sie brauchen, näher kommt. Zunächst jedoch möchte ich das Konzept von Elternliebe, die an Bedingungen geknüpft ist, umfassender untersuchen: welche Annahmen ihm zugrunde liegen (und inwiefern sich diese von denen unterscheiden, die bedingungsloser Liebe zugrunde liegen) und welche Auswirkungen es auf Kinder hat.
Zwei Arten, mit Kindern umzugehen: Annahmen, die ihnen zugrunde liegen
Meine Tochter Abigail machte einige Monate nach ihrem vierten Geburtstag eine schwierige Phase durch, vielleicht weil ein Rivale in die Familie gekommen war. Sie widersetzte sich, wenn man sie um etwas bat, war oft schlecht gelaunt, schrie, stampfte mit den Füßen auf. Alltägliche Rituale eskalierten schnell zu Machtkämpfen. Ich weiß noch, wie sie eines Abends versprochen hatte, nach dem Essen gleich in die Wanne zu gehen. Doch sie tat es nicht – und als wir sie an ihr Versprechen erinnerten, schrie sie so laut, dass ihr kleiner Bruder aufwachte. Als wir sie baten, leiser zu sein, schrie sie weiter.
Nun stellt sich folgende Frage: Sollten meine Frau und ich, nachdem sich alles wieder beruhigt hatte, zum normalen Abendritual, das darin bestand, mit Abigail zu kuscheln und ihr ein Buch vorzulesen, übergehen? Bei einem Erziehungsansatz, bei dem Elternliebe an Bedingungen geknüpft ist, lautet die Antwort nein: Wir würden ihr inakzeptables Verhalten belohnen, wenn wir die üblichen angenehmen Beschäftigungen darauf folgen ließen. Diese Beschäftigungen sollten heute ausfallen und man sollte ihr sanft, aber bestimmt mitteilen, warum diese „Konsequenz“ verhängt werde.
Diese Handlungsweise kommt vielen von uns angenehm vertraut vor und stimmt mit dem überein, was in vielen Elternratgebern empfohlen wird. Darüber hinaus muss ich zugeben, dass ich eine gewisse Genugtuung dabei empfunden hätte, meine Autorität zu demonstrieren, weil ich mich über Abigails Trotz wirklich ärgerte. Ich hätte das Gefühl gehabt, dass ich, der Vater, mich durchsetzte, ihr klarmachte, dass sie sich nicht so aufführen durfte. Ich wäre wieder derjenige, der die Macht hätte.
Der bedingungslose Erziehungsansatz sagt jedoch, dass dies eine Versuchung sei, der man widerstehen sollte, und dass wir sehr wohl mit unserer Tochter kuscheln und ihr wie gewohnt eine Geschichte vorlesen sollten. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir das, was gerade geschehen war, einfach ignorieren sollten. Bedingungslose Elternliebe ist kein schicker Begriff für die Vorstellung, man solle Kinder alles tun lassen, was sie wollen. Es ist sehr wichtig (sobald der Sturm vorüber ist), etwas zu lehren, gemeinsam nachzudenken – und genau das taten wir auch mit unserer Tochter, nachdem wir ihr eine Geschichte vorgelesen hatten. Was wir ihr vermitteln wollten, konnte sie viel besser lernen, wenn sie wusste, dass unsere Liebe zu ihr durch ihr Verhalten ungeschmälert war.
Ob wir uns darüber Gedanken gemacht haben oder nicht – jeder dieser beiden Erziehungsstile beruht auf ganz bestimmten Ansichten über Psychologie, über Kinder und sogar über die Natur des Menschen. Zunächst einmal steht der an Bedingungen geknüpfte Erziehungsansatz in einem engen Zusammenhang mit einer als Behaviorismus bekannten Gedankenrichtung, die im Allgemeinen mit B. F. Skinner verbunden wird. Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie den Blick ausschließlich auf das Verhalten richtet, wie der Name schon sagt. Gemäß dieser Ansicht ist an Menschen nur das von Bedeutung, was man sehen und messen kann. Einen Wunsch oder eine Angst kann man nicht sehen, daher konzentriert man sich nur darauf, was Menschen tun.
Weiterhin glaubt man, alle Verhaltensweisen träten nur auf, wenn sie „verstärkt“ würden, und hörten ebenso wieder auf, wenn sie nicht „verstärkt“ würden. Behavioristen gehen davon aus, dass sich alles, was wir tun, dadurch erklären lässt, ob es eine Art Belohnung nach sich zieht, sei es eine, die gezielt angeboten wird, oder eine, die von Natur aus auftritt. Wenn sich ein Kind seinen Eltern gegenüber liebevoll verhält oder seinen Nachtisch mit einem Freund teilt, liege das nur daran, dass dies in der Vergangenheit positive Folgen für es gehabt hat.
Kurzum: Äußere Faktoren, zum Beispiel wofür man schon einmal belohnt (oder bestraft) wurde, bestimmen, wie „wir uns verhalten“ – und „wie wir uns verhalten“, ist gleichbedeutend mit „wer wir sind“. Sogar Menschen, die noch nie ein Buch von Skinner gelesen haben, scheinen seine Annahmen akzeptiert zu haben. Wenn Eltern und Lehrer ständig über das „Verhalten“ eines Kindes sprechen, tun sie so, als käme es nur darauf an, was auf der Oberfläche zu sehen ist. Es spielt keine Rolle, was für ein Mensch ein Kind ist, was es denkt oder fühlt oder braucht. Vergessen Sie Motive und Werte: Es kommt nur darauf an, das, was sie tun, zu ändern. Das ist natürlich eine Aufforderung, sich auf Erziehungsmethoden zu verlassen, deren einziger Zweck darin besteht, ein bestimmtes Verhalten von Kindern zu fördern oder abzustellen.
Ein konkreteres Beispiel für alltäglichen Behaviorismus: Vielleicht sind Sie schon Eltern begegnet, die ihre Kinder zwingen, sich zu entschuldigen, wenn sie etwas Verletzendes oder Gemeines getan haben. („Kannst du sagen, dass es dir leid tut?“) Was geschieht hier? Glauben die Eltern, dadurch, dass sie ihre Kinder dazu bewegen, diesen Satz auszusprechen, stellte sich auf wundersame Weise das Gefühl ein, es tue ihnen wirklich leid, trotz jedes gegenteiligen Anscheins? Oder, was noch schlimmer wäre, interessiert es Sie gar nicht, ob es dem Kind wirklich leid tut, weil Ehrlichkeit unwichtig ist und es nur darauf ankommt, die richtigen Worte auszusprechen? Durch erzwungene Entschuldigungen lernen Kinder nur, Dinge zu sagen, die sie gar nicht wirklich meinen – mit anderen Worten, zu lügen.
Doch dies ist nicht einfach eine isolierte Erziehungspraxis, die man überdenken sollte, sondern eins der vielen möglichen Beispiele dafür, wie das Skinnersche Denken – die alleinige Konzentration auf das Verhalten – unser Verständnis von Kindern eingeschränkt und der Art, wie wir mit ihnen umgehen, geschadet hat. Man kann dies auch bei Programmen feststellen, mit deren Hilfe kleine Kinder lernen sollen, alleine einzuschlafen oder aufs Töpfchen zu gehen. Vom Blickwinkel dieser Programme aus gesehen, spielt es keine Rolle, warum ein Kind im Dunkeln weint. Der Grund könnte Angst, Langeweile, Einsamkeit, Hunger oder sonst etwas sein. Ebenso ist es unwichtig, warum ein Kleinkind nicht in die Toilette pinkeln will, wenn seine Eltern es dazu auffordern. Experten, die Schritt-für-Schritt-Rezepte anbieten, damit Kinder „lernen“, alleine in einem Zimmer zu schlafen, oder die uns empfehlen, das Pinkeln in die Toilette mit Sternchen, Süßigkeiten oder Lob zu belohnen, interessieren sich nicht für die Gedanken, Gefühle und Absichten, die einem Verhalten zugrunde liegen, sondern nur für das Verhalten als solches. (Zwar habe ich nicht nachgezählt, um den Beweis zu erbringen, aber ich würde versuchsweise folgende Faustregel vorschlagen: Der Wert eines Erziehungsbuches ist umgekehrt proportional zu der Anzahl der Erwähnungen des Wortes Verhalten.)
Kommen wir noch einmal auf Abigail zu sprechen. Bei einem an Bedingungen geknüpften Erziehungskonzept wird angenommen, dass wir, wenn wir ihr vorlesen oder auf andere Weise das Fortbestehen unserer Liebe zu ihr zum Ausdruck bringen, sie nur ermutigen, noch einen Tobsuchtsanfall zu bekommen. Sie lerne, es sei in Ordnung, das Baby zu wecken und sich gegen das Baden zu wehren, weil sie unsere Zuneigung angeblich als Verstärkung für das, was sie getan hat, interpretiert.
Bei einem bedingungslosen Erziehungsansatz sieht man diese Situation – und Menschen im Allgemeinen – völlig anders. Zunächst einmal sollten wir diesem Konzept zufolge darüber nachdenken, dass die Gründe für das, was Abigail getan hat, möglicherweise mehr „innen“ als „außen“ zu finden sind. Ihr Handeln kann nicht unbedingt auf mechanische Weise erklärt werden, indem man externe Faktoren wie positive Reaktionen auf früheres ähnliches Verhalten betrachtet. Vielleicht fühlt sie sich überwältigt von Ängsten, die sie nicht benennen kann, oder von Frustrationen, die sie nicht auszudrücken weiß.
Das bedingungslose Erziehungskonzept geht davon aus, dass Verhaltensweisen nur der äußere Ausdruck von Gefühlen und Gedanken, Bedürfnissen und Absichten sind. Auf den Punkt gebracht: Es geht um das Kind, das ein bestimmtes Verhalten zeigt, nicht nur um das Verhalten selbst. Kinder sind keine Haustiere, die man dressiert, oder Computer, die man darauf programmiert, auf eine Eingabe immer gleich zu reagieren. Kinder verhalten sich aus vielen unterschiedlichen Gründen, die manchmal schwer zu ermitteln sind, so und nicht so. Doch wir können diese Gründe nicht einfach ignorieren und nur auf die Auswirkungen (sprich die Verhaltensweisen) reagieren. Ja, jeder dieser Gründe erfordert wahrscheinlich eine ganz unterschiedliche Vorgehensweise. Sollte es sich zum Beispiel herausstellen, dass Abigail so trotzig war, weil es sie verunsichert, dass wir ihrem kleinen Bruder so viel Aufmerksamkeit widmen, müssen wir uns damit auseinandersetzen und nicht einfach versuchen, die Art, wie sie ihre Angst zum Ausdruck bringt, zu unterdrücken.
Neben unseren Bemühungen, Gründe für bestimmte Verhaltensweisen zu finden und uns damit zu befassen, ist eines unbedingt erforderlich: Sie muss wissen, dass wir sie lieben, komme, was wolle. Ja, heute Abend ist es besonders wichtig für sie, mit uns kuscheln zu können, an dem, was wir tun, erkennen zu können, dass unsere Liebe zu ihr unerschütterlich ist. Das wird ihr helfen, diese schwierige Phase zu überstehen.
Auf jeden Fall wird das Verhängen von etwas, was auf eine Strafe hinausläuft, kaum einen konstruktiven Beitrag leisten. Wahrscheinlich wird sie daraufhin noch einmal zu weinen anfangen. Und selbst wenn diese Maßnahme sie vorübergehend zum Schweigen bringt oder sie daran hindert, ihre Gefühle morgen Abend zum Ausdruck zu bringen, aus Angst, dass wir dann auf Distanz zu ihr gehen, wird die Gesamtwirkung kaum positiv sein. Das liegt erstens daran, dass diese Maßnahme nicht berücksichtigt, was in ihrem Kopf vorgeht, und zweitens daran, dass das, was wir als Lektion für sie ansehen, in ihren Augen wie ein Liebesentzug wirkt. Im Allgemeinen wird sie sich dadurch noch unglücklicher, einsamer und hilfloser fühlen. Im Besonderen wird sie lernen, dass sie nur dann geliebt wird – und liebenswert ist –, wenn sie sich so verhält, wie wir es wollen. Die vorhandene Forschung, mit der ich mich gleich befassen werde, legt nahe, dass die Lage dadurch nur verschlimmert wird.
Im Lauf der Jahre habe ich über diese Dinge nachgedacht und bin zu der Überzeugung gelangt, dass sich ein an Bedingungen geknüpftes Erziehungskonzept nicht allein durch den Behaviorismus erklären lässt. Noch etwas anderes spielt hier eine Rolle. Stellen Sie sich noch einmal die Situation vor: Ein kleines Mädchen schreit, offenbar ganz außer sich, und als sie sich wieder beruhigt hat, liegt ihr Vater mit dem Arm um sie im Bett und liest ihr eine Geschichte vor. Der Verfechter eines an Bedingungen geknüpften Erziehungskonzeptes erwidert darauf: „Nein, nein, nein, dadurch verstärken Sie nur ihr schlechtes Benehmen! Sie bringen ihr bei, es sei in Ordnung, ungezogen zu sein!“
Diese Interpretation spiegelt nicht nur eine Annahme darüber wider, was Kinder in einer bestimmten Situation lernen, sondern auch wie sie lernen. Sie zeugt von einer schrecklich negativen Ansicht über Kinder – und, davon abgeleitet, über die menschliche Natur. Sie beruht auf der Annahme, dass Kinder uns ausnutzen wollen, wo sie nur können. Wenn man ihnen den kleinen Finger reicht, nehmen sie gleich die ganze Hand. Sie ziehen den schlimmstmöglichen Schluss aus einer mehrdeutigen Situation (nicht „Ich werde trotzdem geliebt“, sondern: „Ja! Es ist okay, Ärger zu machen!“). Ein Kind ohne Wenn und Aber anzunehmen wird dann nur als Erlaubnis interpretiert, sich selbstsüchtig, fordernd, gierig oder rücksichtslos zu benehmen. Zumindest teilweise beruht das an Bedingungen geknüpfte Erziehungskonzept also auf der zutiefst zynischen Überzeugung, das Annehmen von Kindern so, wie sie sind, gebe ihnen nur die Freiheit, schlecht zu sein – weil sie eben schlecht seien.1
Im Gegensatz dazu sollten wir uns beim bedingungslosen Erziehungskonzept als Erstes ins Gedächtnis rufen, dass Abigails Ziel nicht darin besteht, mich unglücklich zu machen. Sie handelt nicht böswillig. Sie teilt mir auf die einzige Weise, die sie kennt, mit, dass etwas nicht stimmt. Das kann etwas sein, was geschehen ist, etwas, was ihr unterschwellig schon eine Weile zu schaffen macht. Dieser Ansatz zeugt von Vertrauen in Kinder und stellt die Annahme in Frage, sie würden die falsche Lektion lernen, wenn man ihnen Zuneigung schenkt, oder sie wollten sich immer schlecht benehmen, wenn sie glaubten, damit durchkommen zu können.
Eine solche Sichtweise ist weder romantisch noch unrealistisch, noch leugnet sie die Tatsache, dass Kinder (und Erwachsene) manchmal gemeine Dinge tun. Kinder brauchen Anleitung und Hilfe, ja, aber sie sind keine kleinen Monster, die gezähmt oder gefügig gemacht werden müssen. Sie besitzen die Fähigkeit, mitfühlend oder aggressiv zu sein, altruistisch oder selbstsüchtig, kooperativ oder konkurrierend. Viel hängt davon ab, wie sie aufwachsen – einschließlich der Frage, ob sie das Gefühl haben, bedingungslos geliebt zu werden. Und wenn kleine Kinder einen Trotzanfall bekommen oder sich weigern, wie versprochen in die Badewanne zu gehen, lässt sich dies oft auf ihr Alter zurückführen – das heißt auf ihre Unfähigkeit, die Ursache ihrer Unzufriedenheit zu verstehen, ihre Gefühle auf angemessenere Weise auszudrücken, sich an ihre Versprechen zu erinnern und sie einzuhalten. Die Entscheidung zwischen einem an Bedingungen geknüpften und einem bedingungslosen Erziehungskonzept ist also eine Entscheidung zwischen zwei radikal unterschiedlichen Sichtweisen der menschlichen Natur.
Doch es gibt noch mehr Annahmen, die wir offenlegen sollten. In unserer Gesellschaft wird uns beigebracht, etwas Gutes müsse man sich stets verdienen und dürfe es niemals geschenkt bekommen. Viele Menschen werden sogar wütend, wenn sie glauben, diese Regel sei verletzt worden. Denken Sie zum Beispiel an die Ablehnung, die viele Menschen gegenüber Sozialhilfe und denjenigen, die sie beziehen, empfinden. Oder an die rasante Ausbreitung von leistungsorientierten Entlohnungssystemen am Arbeitsplatz. Oder an die vielen Lehrer, die alles, was Spaß macht, (etwa die Pause) als eine Art Lohn dafür definieren, dass die Schüler den Erwartungen des Lehrers entsprechen.
Letztlich spiegelt ein an Bedingungen geknüpftes Erziehungskonzept die Tendenz wider, fast jede Interaktion, sogar zwischen Mitgliedern einer Familie, als eine Art wirtschaftliche Trans aktion anzusehen. Die Gesetze des Marktes – Angebot und Nachfrage, wie du mir, so ich dir – haben den Status universeller und absoluter Grundsätze angenommen, als entspräche alles in unserem Leben, einschließlich unseres Verhaltens gegenüber unseren Kindern, dem Kauf eines Autos oder dem Mieten einer Wohnung.
Ein Autor eines Erziehungsratgebers – ein Behaviorist, was natürlich kein Zufall ist – drückt es so aus: „Wenn ich mit meinem Kind einen Ausflug machen oder wenn ich es umarmen und küssen möchte, muss ich mir erst sicher sein, dass es das auch verdient hat.“2 Bevor Sie dies als die Ansicht eines einzelnen Extremisten abtun, denken Sie daran, dass die berühmte Psychologin Diana Baumrind (siehe S.124) ein ähnliches Argument gegen ein bedingungsloses Erziehungskonzept vorbringt: „Das Gesetz der Wechselseitigkeit, des Bezahlens für einen erhaltenen Wert, ist ein Lebensgesetz, das für uns alle gilt.“3
Auch scheinen viele Autoren und Therapeuten, die das Thema nicht explizit ansprechen, dennoch von einer Art ökonomischem Modell auszugehen. Wenn man zwischen den Zeilen liest, scheinen ihre Ratschläge auf der Ansicht zu beruhen, man solle Kindern das, was sie mögen, vorenthalten, wenn sie sich nicht so verhalten, wie wir es wollen. Schließlich sollte man nichts ohne Gegenleistung bekommen. Nicht einmal Glück. Oder Liebe.
Wie oft haben Sie Leute schon sagen gehört – nachdrücklich und trotzig –, etwas sei „ein Privileg und kein Recht“? Manchmal male ich mir aus, eine wissenschaftliche Studie durchzuführen, um zu ermitteln, welche Persönlichkeitsmerkmale im Allgemeinen bei Menschen zu finden sind, die diese Haltung vertreten. Stellen Sie sich jemanden vor, der darauf besteht, dass man alles, von Eis bis hin zu Aufmerksamkeit, davon abhängig machen sollte, wie Kinder sich benehmen, und es nie einfach verschenken sollte. Können Sie sich diese Person vorstellen? Welchen Gesichtsausdruck sehen Sie? Wie glücklich ist dieser Mensch? Genießt er oder sie es wirklich, mit Kindern zusammen zu sein? Hätten Sie diese Person gern zum Freund?
Wenn ich den Spruch „ein Privileg und kein Recht“ höre, frage ich mich oft, was derjenige, der das sagt, überhaupt als Recht ansehen würde. Gibt es irgendetwas, auf das Menschen einfach einen Anspruch haben? Gibt es keine Beziehungen, auf die wir lieber keine Wirtschaftsgesetze anwenden wollen? Zwar erwarten Erwachsene, für ihre Arbeit entlohnt zu werden, ebenso wie sie erwarten, für Essen und Trinken bezahlen zu müssen. Doch die Frage ist, ob oder unter welchen Umständen eine ähnliche „Gegenseitigkeitsregel“ auch für unseren Umgang mit Freunden und Familienmitgliedern gilt. Sozialpsychologen haben festgestellt, dass es tatsächlich Personen gibt, zu denen wir eine Art Austauschbeziehung haben: Ich tue nur etwas für dich, wenn du etwas für mich tust (oder mir etwas gibst). Doch sie fügen hinzu, dass dies (glücklicherweise) nicht für all unsere Beziehungen gilt, von denen manche auf Zuneigung statt auf Austausch beruhen. Eine Studie kam sogar zu dem Ergebnis, dass Menschen, die ihre Beziehungen zu ihrem Ehepartner als ein Tauschgeschäft sehen und darauf achten, genau so viel zu bekommen, wie sie geben, oft Ehen führen, die weniger befriedigend sind.4
Wenn unsere Kinder heranwachsen, werden sie reichlich Gelegenheit haben, wirtschaftlich zu agieren, ihre Rolle als Verbraucher und Arbeitskraft einzunehmen, wobei die Regeln des Eigeninteresses und die Bedingungen jedes wirtschaftlichen Austausches präzise kalkuliert werden können. Doch das bedingungslose Erziehungskonzept plädiert dafür, dass die Familie ein sicherer Hafen, ein Ort der Zuflucht vor solchen Geschäften sein sollte. Insbesondere sollte man in keiner Hinsicht für die Liebe seiner Eltern bezahlen müssen. Sie ist schlicht und einfach ein Geschenk. Es ist etwas, worauf alle Kinder ein Anrecht haben.
Wenn Ihnen das einleuchtet und auch andere der zugrunde liegenden Annahmen des bedingungslosen Erziehungskonzepts für Sie plausibel klingen – dass wir das ganze Kind und nicht nur einzelne Verhaltensweisen betrachten sollten, dass wir nicht stets das Schlechteste über die Neigungen von Kindern annehmen sollen und so weiter –, müssen wir all die konventionellen Erziehungsmethoden, die auf dem Gegenteil dieser Annahmen beruhen, in Frage stellen. Diese Praktiken, die das an Bedingungen geknüpfte Erziehungskonzept bestimmen, sind meistens Arten, mit Kindern (als Objekten) etwas zu tun, um Gehorsam herbeizuführen. Im Gegensatz dazu sind die Empfehlungen in der zweiten Hälfte dieses Buches, die sich ganz natürlich aus dem bedingungslosen Erziehungsansatz ergeben, Variationen des Themas, mit Kindern zusammenzuarbeiten, um ihnen zu helfen, gute Menschen zu werden und gute Entscheidungen zu treffen.
Die Unterschiede zwischen diesen beiden Konzepten könnte man also folgendermaßen zusammenfassen:
| BEDINGUNGSLOS | AN BEDINGUNGEN GEKNÜPFT | |
| Blick richtet sich auf | Das ganze Kind (einschließlich der Gründe, Gedanken und Gefühle) | Verhalten |
| Sicht der menschlichen Natur | Positiv oder ausgeglichen | Negativ |
| Sicht der Elternliebe | Ein Geschenk | Ein Privileg, das verdient werden muss |
| Strategien | Zusammenarbeiten (Problemlösungen finden) | Mit Kindern als Objekten etwas tun (Kontrolle durch Belohnungen und Bestrafungen) |
Die Folgen eines an Bedingungen geknüpften Erziehungskonzepts
Ebenso, wie es sein kann, dass unsere Erziehungsmethoden nicht im Einklang mit unseren langfristigen Zielen für unsere Kinder stehen (siehe Einleitung), kann es einen Widerspruch zwischen Methoden des an Bedingungen geknüpften Erziehungsansatzes und unseren tiefsten Überzeugungen geben. In beiden Fällen kann es sinnvoll sein, zu überdenken, was wir mit unseren Kindern tun. Doch die Argumente gegen ein an Bedingungen geknüpftes Erziehungskonzept hören nicht damit auf, dass es im Zusammenhang mit Werten und Annahmen steht, die viele von uns beunruhigend finden. Sie werden sogar noch stärker, wenn wir untersuchen, wie sich ein solcher Erziehungsstil tatsächlich auf Kinder auswirkt.
Vor fast einem halben Jahrhundert antwortete der bahnbrechende Psychologe Carl Rogers auf die Frage: „Was geschieht, wenn die Liebe der Eltern davon abhängt, was Kinder tun?“ Er erklärte, dass die Empfänger einer solchen Liebe die Teile von sich, die nicht geschätzt werden, ablehnen. Schließlich sehen sie sich selbst nur dann als wertvoll an, wenn sie sich auf eine bestimmte Weise verhalten (oder entsprechend denken oder fühlen).5 Das ist im Grunde ein Rezept für eine Neurose – oder schlimmer. In einer Publikation des irischen Department of Health and Children (die von anderen Organisationen auf der ganzen Welt verbreitet und übernommen wurde) sind zehn Beispiele für „emotionale Misshandlung“ aufgeführt. Die Nummer zwei auf dieser Liste, gleich hinter „ständiger Kritik, Sarkasmus, Feindseligkeit oder Beschuldigung“, lautet „an Bedingungen geknüpfte Erziehung, bei der das Maß an Zuneigung, das einem Kind gegenüber ausgedrückt wird, von seinem Verhalten oder seinen Handlungen abhängig gemacht wird“.6
Wenn man sie fragte, würden die meisten Eltern beteuern, natürlich liebten sie ihre Kinder bedingungslos, und dies gelte trotz der Verwendung von Strategien, deren Problematik ich (und andere Autoren) herausgestellt habe. Manche Eltern würden vielleicht sogar sagen, dass sie ihre Kinder auf diese Weise disziplinieren, weil sie sie lieben. Doch ich möchte auf eine Bemerkung zurückkommen, die ich bisher nur nebenbei geäußert habe. Welche Gefühle wir gegenüber unseren Kindern empfinden, ist nicht so wichtig wie die Frage, wie sie diese Gefühle erleben und wie sie unsere Art, mit ihnen umzugehen, ansehen. Pädagogen erinnern uns daran, dass es in einer Klasse nicht so sehr darauf ankommt, was der Lehrer lehrt, wie darauf, was der Schüler lernt. So verhält es sich auch in Familien. Es kommt auf die Botschaft an, die bei unseren Kindern ankommt, nicht auf die, die wir zu senden glauben.
Forscher, die sich bemüht haben, die Auswirkungen unterschiedlicher Erziehungsstile zu untersuchen, hatten oft Schwierigkeiten, das, was bei den Leuten zu Hause tatsächlich geschieht, zu ermitteln und zu erfassen. Es ist nicht immer möglich, die relevanten Interaktionen aus erster Hand zu beobachten (oder auf Video aufzuzeichnen), daher mussten einige Versuche in Labors durchgeführt werden, wo ein Elternteil und ein Kind aufgefordert wurden, gemeinsam etwas zu tun. Manchmal werden Eltern auch befragt oder gebeten, einen Fragebogen auszufüllen, um Angaben über ihren Erziehungsstil zu machen. Wenn die Kinder alt genug sind, werden vielleicht sie gefragt, was ihre Eltern tun – oder, wenn sie schon erwachsen sind, was ihre Eltern früher getan haben.
Jede dieser Methoden hat ihre Nachteile und die Wahl der Methode kann sich auf die Studienergebnisse auswirken. Wenn Eltern und Kinder zum Beispiel aufgefordert werden, einzeln zu beschreiben, was bei ihnen zu Hause üblich ist, weichen ihre Schilderungen oft deutlich voneinander ab.7 Wenn es eine objektive Möglichkeit gibt, die Wahrheit herauszufinden, erweisen sich die Berichte der Kinder über das Verhalten ihrer Eltern interessanterweise als genauso zutreffend wie die Berichte der Eltern über ihr eigenes Verhalten.8
Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wer Recht hat, was sich ohnehin kaum beantworten lässt, wenn es um Gefühle geht. Vielmehr kommt es darauf an, wessen Sicht im Zusammenhang mit verschiedenen Auswirkungen auf die Kinder steht. Betrachten wir eine Studie, in der eine Variante des an Bedingungen geknüpften Erziehungsansatzes untersucht wurde. Kindern, deren Eltern angaben, auf diese Weise zu erziehen, ging es nicht schlechter als Kindern, deren Eltern angaben, anders zu erziehen. Doch als der Forscher die Kinder daraufhin einteilte, ob sie den Eindruck hatten, dass ihre Eltern diesen Erziehungsstil verwendeten, war der Unterschied auffallend. Im Durchschnitt ging es Kindern, die sagten, nach ihrem Empfinden sei die Zuneigung ihrer Eltern zu ihnen an Bedingungen geknüpft, nicht so gut wie Kindern, die den gegenteiligen Eindruck hatten.9 Die Einzelheiten der Studie werde ich später diskutieren; hier geht es mir darum, dass das, was wir zu tun glauben (oder wovon wir überzeugt sind, dass wir es nicht tun), hinsichtlich der Auswirkungen auf unsere Kinder keine so große Rolle spielt wie die Art, wie sie unser Tun erleben.
Im Lauf der letzten Jahre hat es einen kleinen Anstieg der Forschungsarbeiten über den an Bedingungen geknüpften Erziehungsstil gegeben, und eine der bemerkenswertesten wurde 2004 veröffentlicht. Im Rahmen dieser Studie wurden über hundert Hochschulstudenten einzeln befragt, ob die Liebe, die sie von ihren Eltern bekommen hätten, von einem der folgenden vier Faktoren abhängig gewesen sei: ob der Betreffende als Kind (1) in der Schule erfolgreich gewesen sei, (2) sich beim Sport angestrengt habe, (3) sich anderen gegenüber rücksichtsvoll verhalten habe oder (4) negative Gefühle, wie etwa Angst, unterdrückt habe. Den Studenten wurden noch mehrere andere Fragen gestellt, unter anderem, ob sie tatsächlich dazu neigten, sich so zu verhalten (also ihre Gefühle zu verbergen, viel für Prüfungen lernten usw.), und wie sie sich mit ihren Eltern verstanden.
Es stellte sich heraus, dass das Knüpfen von Liebe an Bedingungen zumindest teilweise das erwünschte Verhalten hervorrief. Bei Kindern, die nur dann Anerkennung von ihren Eltern bekamen, wenn sie ein bestimmtes Verhalten zeigten, war es etwas wahrscheinlicher, dass sie sich entsprechend verhielten – sogar auf der Hochschule. Doch der Preis dieser Strategie war erheblich. Die Studenten, die glaubten, die Liebe ihrer Eltern zu ihnen sei an Bedingungen geknüpft, neigten viel eher dazu, sich abgelehnt zu fühlen und als Folge davon ihre Eltern nicht zu mögen und Groll gegen sie zu empfinden.
Sicher können Sie sich vorstellen, dass diese Eltern, wenn man sie gefragt hätte, alle verkündet hätten: „Ich weiß nicht, wie mein Kind auf so eine Idee kommt! Ich liebe es, egal, was geschieht!“ Nur dadurch, dass die Forscher die (inzwischen erwachsenen) Kinder direkt befragten, bekamen sie eine ganz andere – und sehr beunruhigende – Geschichte zu hören. Viele der Studenten hatten den Eindruck, regelmäßig weniger Zuneigung bekommen zu haben, wenn es ihnen nicht gelungen war, ihre Eltern zu beeindrucken, oder wenn sie ihnen nicht gehorcht hatten – und bei eben diesen Studenten waren die Beziehungen zu den Eltern oft angespannt.
Zum Beweis führten die Forscher eine zweite Studie durch, diesmal mit über hundert Müttern erwachsener Kinder. Auch bei dieser Generation erwies sich das Knüpfen von Liebe an Bedingungen als schädlich. Die Mütter, die als Kinder den Eindruck gehabt hatten, nur geliebt zu werden, wenn sie die Erwartungen ihrer Eltern erfüllten, fühlten sich nun als Erwachsene weniger wertvoll. Erstaunlicherweise jedoch neigten sie dazu, denselben Erziehungsstil zu verwenden, sobald sie Eltern wurden. Die Mütter knüpften bei ihren eigenen Kindern Zuneigung an Bedingungen, „obwohl diese Strategie negative Auswirkungen auf sie gehabt hatte“.10
Zwar ist dies (soweit ich weiß) die erste Studie, die zeigt, dass ein an Bedingungen geknüpfter Erziehungsstil an die eigenen Kinder weitergegeben werden kann, jedoch haben andere Psychologen ähnliche Belege für dessen Folgen gefunden. Manche davon werden im nächsten Kapitel diskutiert, in dem zwei bestimmte Arten, wie ein an Bedingungen geknüpfter Erziehungsansatz praktisch umgesetzt wird, geschildert werden. Doch auch in allgemeiner Hinsicht sind die Ergebnisse ziemlich erdrückend. So hat etwa eine Gruppe von Forschern an der Universität Denver gezeigt, dass es bei Teenagern, die das Gefühl haben, bestimmte Bedingungen erfüllen zu müssen, um die Anerkennung ihrer Eltern zu gewinnen, passieren kann, dass sie sich schließlich selbst nicht mehr mögen. Das wiederum kann einen Heranwachsenden dazu bewegen, ein „falsches Selbst“ zu konstruieren – mit anderen Worten, vorzugeben, er sei die Art von Mensch, den seine Eltern lieben werden. Diese verzweifelte Strategie, Anerkennung zu gewinnen, ist oft verbunden mit Depression, einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und einer Tendenz, das Gefühl für das eigene wahre Selbst zu verlieren. Irgendwann wissen solche Teenager vielleicht gar nicht mehr, wer sie wirklich sind, weil sie sich solche Mühe geben mussten, etwas zu sein, was sie nicht sind.11
Über Jahre hinweg haben Forscher festgestellt, dass „je mehr die Unterstützung (die man bekommt) an Bedingungen geknüpft ist, umso geringer das allgemeine Selbstwertgefühl“ ist. Wenn Kinder Zuneigung nur unter bestimmten Bedingungen erleben, neigen sie dazu, auch sich selbst nur unter bestimmten Bedingungen zu akzeptieren. Im Gegensatz dazu tendieren diejenigen, die den Eindruck haben, bedingungslos angenommen zu werden – von ihren Eltern oder einer anderen Studie zufolge sogar von einem Lehrer –, dazu, ein besseres Selbstwertgefühl zu haben,12 genau wie Carl Rogers es vorhersagte.
Und das führt uns zum eigentlichen Zweck dieses Buches, der zentralen Frage, über die Sie vielleicht einmal nachdenken können. In den Fragebögen, die verwendet werden, um den an Bedingungen geknüpften Erziehungsansatz zu untersuchen, werden Teenager oder Erwachsene meist gebeten, anzugeben, ob sie Sätzen wie den folgenden „stark zustimmen“, „zustimmen“, „neutral gegenüberstehen“, „nicht zustimmen“ oder „überhaupt nicht zustimmen“: „Meine Mutter bewahrte selbst bei unseren schlimmsten Konflikten ein Gefühl liebevoller Verbundenheit zu mir“ oder „Wenn mein Vater anderer Meinung ist als ich, weiß ich, dass er mich trotzdem liebt.“13 Wie würden Sie sich wünschen, dass Ihre Kinder eine derartige Frage in fünf oder zehn oder fünfzehn Jahren beantworten würden – und was glauben Sie, wie sie sie beantworten werden?
| 2 | Liebe schenken und Liebe entziehen |
Als Wissenschaftler in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts anfingen, Erziehungsmethoden zu untersuchen, neigten sie dazu, das, was Eltern mit ihren Kindern taten, danach zu klassifizieren, ob es auf Macht oder auf Liebe beruhte. Auf Macht beruhende Erziehungsmethoden umfassten Schlagen, Schreien und Drohen. Auf Liebe beruhende Erziehungsmethoden umfassten so ziemlich alles andere. Die Forschungsergebnisse zeigten schnell, dass Macht zu schlechteren Ergebnissen führte als Liebe.
Leider wurden unter dieser zweiten Rubrik sehr viele verschiedene Strategien in einen Topf geworfen. Manche bestanden daraus, vernünftig mit Kindern zu reden und ihnen etwas zu erklären, ihnen Wärme und Verständnis entgegenzubringen. Andere Methoden jedoch waren viel weniger liebevoll. Ja, manche von ihnen liefen darauf hinaus, durch Liebe Kontrolle über Kinder auszuüben, entweder indem ihnen Liebe entzogen wurde, wenn sie sich schlecht benahmen, oder indem man sie mit Aufmerksamkeit und Zuneigung überhäufte, wenn sie sich gut benahmen. Dies sind die beiden Gesichter des an Bedingungen geknüpften Erziehungsansatzes: „Liebesentzug“ (Peitsche) und „positive Verstärkung“ (Zuckerbrot). In diesem Kapitel möchte ich untersuchen, wie diese beiden Methoden in der Praxis aussehen, welche Folgen sie haben und welche Gründe es für diese Folgen gibt. Später werde ich das Konzept der Bestrafung noch genauer betrachten.
Auszeit von der Liebe
Wie alles andere kann Liebesentzug auf verschiedene Weise und in unterschiedlichen Intensitätsgraden eingesetzt werden. An einem Ende der Skala kann ein Elternteil als Reaktion auf etwas, was das Kind getan hat, ein ganz klein wenig zurückweichen, kühler und weniger herzlich werden – vielleicht ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Am anderen Ende der Skala kann eine Mutter oder ein Vater ganz direkt verkünden: „Ich hab dich nicht lieb, wenn du dich so benimmst“ oder: „Wenn du so etwas tust, will ich überhaupt nicht in deiner Nähe sein.“
Manche Eltern entziehen ihre Liebe einfach dadurch, dass sie sich weigern, auf ihr Kind zu reagieren – das heißt, indem sie es absichtlich ignorieren. Vielleicht sprechen sie es nicht aus, doch die Botschaft, die sie senden, ist ziemlich klar: „Wenn du etwas tust, was mir nicht gefällt, schenke ich dir keine Aufmerksamkeit. Ich tue so, als wärst du gar nicht hier. Wenn du willst, dass ich dich wieder zur Kenntnis nehme, solltest du mir lieber gehorchen.“
Wieder andere Eltern trennen sich räumlich von ihrem Kind. Dies kann man auf zweierlei Art tun. Die Mutter oder der Vater kann entweder selbst weggehen (woraufhin das Kind möglicherweise schluchzt oder in Panik schreit: „Mama, komm zurück! Komm zurück!“) oder das Kind in sein Zimmer oder an einen anderen Ort verbannen, wo der Elternteil nicht ist. Diese Taktik könnte man zutreffend als erzwungene Isolierung bezeichnen. Doch dieser Ausdruck wäre vielen Eltern unangenehm, daher wird meist eine harmlosere Bezeichnung verwendet, die uns ermöglicht, das, was wirklich dabei geschieht, nicht beim Namen nennen zu müssen. Der verbreitete Euphemismus lautet, wie Sie vielleicht schon erraten haben, Auszeit.
In Wirklichkeit ist diese sehr beliebte Erziehungsmethode eine Form von Liebesentzug – zumindest dann, wenn Kinder gegen ihren Willen fortgeschickt werden. Nichts ist verkehrt daran, einem Kind die Möglichkeit zu geben, in sein Zimmer oder an einen anderen angenehmen Ort zu gehen, wenn es wütend oder aufgeregt ist. Wenn sich das Kind selbst entschieden hat, etwas Zeit alleine zu verbringen, und wenn es alle Aspekte (wann es gehen kann, wohin es gehen kann, was es tun kann und wann es wieder zurückkommen kann) selbst bestimmen kann, wird dies nicht als Verbannung oder Strafe erlebt und ist oft hilfreich. Darum geht es mir hier jedoch nicht. Ich meine „Auszeit“ in dem Sinne, wie der Begriff gewöhnlich verwendet wird, als Urteil, das von der Mutter oder dem Vater verhängt wird: Einzelhaft.
Einen Hinweis zum Wesen dieser Methode liefert der Ursprung des Begriffs. Auszeit im pädagogischen Sinne ist dem Ausdruck Auszeit von positiver Verstärkung entnommen. Diese Methode wurde vor fast einem halben Jahrhundert zum Trainieren von Versuchstieren entwickelt. B. F. Skinner und seine Schüler bemühten sich beispielsweise, Tauben beizubringen, als Reaktion auf blinkende Lichter auf bestimmte Tasten zu drücken, und zu diesem Zweck experimentierten sie mit verschiedenen Systemen, Futter als Belohnung für das anzubieten, was die Forscher wollten. Manchmal probierten sie auch aus, die Vögel zu bestrafen, indem ihnen das Futter vorenthalten wurde oder indem alle Lampen ausgeschaltet wurden, um zu sehen, ob dies das Verhalten, auf die Tasten zu picken, „auslöschen“ würde. Die Versuche wurden auch an anderen Tierarten durchgeführt. So veröffentlichte ein Kollege Skinners im Jahr 1958 einen Artikel mit dem Titel „Verhaltenssteuerung bei Schimpansen und Tauben durch Auszeit von positiver Verstärkung“.
Binnen weniger Jahre erschienen in denselben Zeitschriften über experimentelle Psychologie mehrere Artikel mit Titeln wie „Dauer der Auszeit und Unterdrückung von abweichendem Verhalten bei Kindern“. Die Kinder, für die im Rahmen der betreffenden Studie Auszeiten verhängt wurden, wurden als „zurückgebliebene Heimkinder“ beschrieben. Doch bald wurde diese Art des Eingreifens ganz allgemein empfohlen, und sogar Erziehungsexperten, die über die Vorstellung, Kinder wie Versuchstiere zu behandeln, entsetzt gewesen wären, gaben Eltern enthusiastisch den Rat, ihren Kindern eine Auszeit zu geben, wenn sie etwas Falsches getan hatten. Rasch wurde die Auszeit zu dem „in der Fachliteratur am häufigsten empfohlenen Verfahren zur Disziplinierung vorpubertärer Kinder“.1
Wir sprechen also von einer Methode, die ursprünglich zur Steuerung tierischen Verhaltens eingesetzt wurde. Jedes dieser drei Worte kann Anlass zu Fragen geben, die uns beunruhigen können. Dem letzten Wort sind wir natürlich schon begegnet: Sollten wir unseren Blick nur auf das Verhalten richten? Bei einer Auszeit geht es, wie bei allen Bestrafungen und Belohnungen, nur um die Oberfläche. Sie dient ausschließlich dazu, ein Geschöpf zu bewegen, etwas Bestimmtes zu tun (oder damit aufzuhören).
Das Wort in der Mitte – tierischen – erinnert uns daran, dass die Behavioristen, die die Methode der Auszeit erfanden, der Ansicht waren, Menschen unterschieden sich nicht sehr von anderen Arten. Zwar „zeigen“ wir ein komplexeres Verhalten, einschließlich der Sprache, doch die Grundsätze des Lernens sind angeblich ziemlich ähnlich. Wer diese Überzeugung nicht teilt, denkt vielleicht lieber noch einmal darüber nach, ob er bei seinen Kindern eine Methode anwendet, die für Vögel und Nagetiere entwickelt wurde.
Und schließlich bleibt noch die Frage, die sich durch dieses ganze Buch zieht: Ist es sinnvoll, der Erziehung unserer Kinder ein Modell der Steuerung, der Kontrolle, zugrunde zu legen?
Selbst wenn die Geschichte und die theoretische Grundlage Sie nicht beunruhigen, betrachten Sie noch einmal den ursprünglichen Titel Auszeit von positiver Verstärkung.. Meist sind ja Eltern nicht gerade dabei, ihren Kindern Aufkleber oder Süßigkeiten zu geben, und beschließen plötzlich, damit aufzuhören. Was also ist die positive Verstärkung, die ausgesetzt wird, wenn ein Kind eine Auszeit bekommt? Manchmal macht es vielleicht gerade etwas, was Spaß macht, und wird gezwungen aufzuhören. Doch das ist nicht immer der Fall – und selbst wenn es so ist, steckt noch mehr dahinter, denke ich. Wenn man ein Kind fortschickt, ist das, was ihm wirklich weggenommen oder entzogen wird, Ihre Gegenwart, Ihre Aufmerksamkeit, Ihre Liebe. Vielleicht haben Sie das noch nicht so gesehen. Ja, möglicherweise bestehen Sie darauf, Ihrer Liebe zu Ihrem Kind habe sein Fehlverhalten nichts anhaben können. Doch wie wir gesehen haben, kommt es darauf an, wie sich die Dinge für das Kind darstellen.
Die Folgen des Liebesentzugs
In einem späteren Kapitel werde ich mehr über Alternativen zu Auszeiten sagen. Doch schauen wir uns zunächst das ganze Konzept des Liebesentzugs einmal genauer an. Für viele Menschen würde die erste Frage lauten, ob diese Methode funktioniert. Jedoch erweist sich diese Frage wieder als komplizierter, als sie scheint. Wir müssen fragen: „Was heißt ‚funktioniert‘?“, und wir müssen eine zeitweilige Änderung des Verhaltens gegen mögliche tiefer greifende und länger andauernde negative Folgen abwägen. Mit anderen Worten, wir müssen über die kurzfristigen Auswirkungen hinausblicken und wir müssen auch darauf achten, was sich unter der Oberfläche des sichtbaren Verhaltens abspielt. Denken Sie an die im letzten Kapitel beschriebene Befragung von Hochschulstudenten, bei der sich herausstellte, dass sich durch eine an Bedingungen geknüpfte Liebe zwar das Verhalten von Kindern mitunter erfolgreich ändern lässt, jedoch zu einem gewaltigen Preis. Dasselbe gilt auch für die konkrete Methode des Liebesentzugs.
Betrachten wir diesen Bericht der Mutter eines kleinen Jungen, den wir Lee nennen wollen:
Vor einiger Zeit stellte ich fest, dass ich, wenn Lee anfing Theater zu machen, gar nicht drohen musste, ihm irgendwelche schönen Dinge zu verbieten; ich musste nicht einmal laut werden. Ich teilte ihm nur ruhig mit, dass ich jetzt das Zimmer verlassen würde. Manchmal brauchte ich bloß auf die andere Seite des Zimmers zu gehen, von ihm weg, und zu sagen, ich würde warten, bis er aufhörte, zu schreien oder sich zu wehren oder was auch immer. Meistens war das erstaunlich wirkungsvoll. Er bettelte dann: „Nein, nicht!“, und wurde sofort ruhig oder tat, was ich ihm gesagt hatte. Anfangs zog ich daraus den Schluss, dass eine leichte Hand genügte. Ich konnte ihn dazu bringen, zu tun, was ich wollte, ohne ihn bestrafen zu müssen. Aber ich musste ständig an die Angst denken, die ich in seinen Augen sah. Mir wurde klar, dass das, was ich tat, für Lee eine Strafe war – vielleicht nur eine symbolische, aber eine, die ihm verdammt viel Angst einjagte.
Eine bedeutende Studie über die Wirksamkeit des Liebesentzugs stützt im Prinzip die Schlussfolgerung dieser Mutter: Manchmal scheint diese Methode tatsächlich zu wirken, doch das bedeutet nicht, dass wir sie anwenden sollten. Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts untersuchten Forscher des amerikanischen National Institute of Mental Health (NIMH), was Mütter mit ihren ungefähr ein Jahr alten Kindern machten. Offenbar wurde Liebesentzug – das bewusste Ignorieren eines Kindes oder das Erzwingen einer Trennung – in der Regel mit anderen Strategien kombiniert. Unabhängig davon, um welche Methoden es sich dabei handelte – vom Erklären bis hin zum Schlagen –, steigerte die zusätzliche Anwendung von Liebesentzug die Wahrscheinlichkeit, dass diese noch sehr kleinen Kinder die Wünsche ihrer Mütter befolgen würden, zumindest im Moment.
Doch die Forscher waren angesichts dessen, was sie sahen, eher besorgt als beruhigt und sie betonten, dass sie Eltern nicht raten würden, Liebesentzug anzuwenden. Erstens wiesen sie darauf hin, dass „Disziplinartechniken, die sofortige Folgsamkeit wirksam sicherstellen, nicht unbedingt auf lange Sicht wirksam sind“. Zweitens stellten sie fest, dass „Kinder auf Liebesentzug möglicherweise auf eine Weise reagieren, die in den Augen der Eltern Anlass zu weiteren Disziplinarmaßnamen gibt“. So kann ein Teufelskreis entstehen, bei dem Kinder schreien und protestieren, was zu weiterem Liebesentzug führt, was wiederum zu weiterem Schreien und Protestieren führt und so weiter. Und schließlich waren die Forscher auch dann, wenn diese Methode zum Erfolg führte, besorgt darüber, warum sie funktionierte.2
Vor vielen Jahren stellte ein Psychologe namens Martin Hoffman die Unterscheidung zwischen auf Macht beruhenden und auf Liebe beruhenden Erziehungsmethoden in Frage, indem er darauf hinwies, dass Liebesentzug, ein verbreitetes Beispiel für die zweite Methode, in Wirklichkeit viel mit härteren Formen von Bestrafung gemeinsam hat. Bei beiden Methoden wird Kindern vermittelt, dass wir ihnen, falls sie etwas tun, was uns nicht gefällt, Leid zufügen werden, um ihr Verhalten zu ändern. (Die einzige Frage ist dann nur noch, welche Art von Leid wir ihnen zufügen werden: körperlichen Schmerz durch Schlagen oder seelischen Schmerz durch erzwungene Isolierung.) Und beide beruhen darauf, dass Kinder dazu bewegt werden, sich auf die Folgen ihres Handelns für sich selbst zu konzentrieren, was natürlich etwas ganz anderes ist, als Kinder dazu zu erziehen, darüber nachzudenken, wie sich ihr Handeln auf andere Menschen auswirkt.
Hoffman äußerte daraufhin eine noch überraschendere Vermutung: In manchen Situationen könne Liebesentzug sogar schlimmer als andere augenscheinlich härtere Strafen sein. „Auch wenn Liebesentzug für das Kind keine körperliche oder materielle Bedrohung darstellt“, schrieb er, „kann er emotional verheerender sein als Durchsetzung von Macht, weil er die elementare Drohung des Verlassenwerdens oder der Trennung beinhaltet.“ Außerdem „weiß die Mutter oder der Vater, wann es wieder vorbei sein wird, doch ein sehr junges Kind weiß das möglicherweise noch nicht, weil es vollkommen von den Eltern abhängig ist und ihm darüber hinaus die Erfahrung und das Zeitgefühl fehlen, um zu erkennen, dass die Haltung der Eltern nur vorübergehend so ist“3.
Selbst Kinder, denen klar ist, dass Mama oder Papa irgendwann wieder mit ihnen sprechen (oder sie von ihrer Auszeit befreien) werden, erholen sich vielleicht nicht ganz von den Nachwirkungen dieser Bestrafung. Methoden des Liebesentzugs können zwar erfolgreich dazu führen, dass das Verhalten eines Kindes für Erwachsene akzeptabler wird, doch die Triebkraft hinter diesem Erfolg ist die tief empfundene „Angst vor einem möglichen Verlust der elterlichen Liebe“4, sagt Hoffman. Eben das stimmte auch die Forscher vom NIMH nachdenklich, obwohl sie festgestellt hatten, dass Liebesentzug zu zeitweiligem Gehorsam führen kann. Ja, eine andere Gruppe von Psychologen beobachtete, dass diese Form der Disziplinierung „ein Kind oft länger in einen Zustand emotionalen Unbehagens versetzt“5 als eine Prügelstrafe.
Es gibt nicht sehr viele wissenschaftliche Forschungsarbeiten über Liebesentzug, doch die wenigen, die es gibt, haben erschreckend übereinstimmende Ergebnisse zutage gebracht. Kinder, bei denen diese Methode angewandt wird, neigen dazu, ein geringeres Selbstwertgefühl zu haben. Sie zeigen Anzeichen einer allgemein schlechteren emotionalen Gesundheit und sind möglicherweise sogar stärker gefährdet, straffällig zu werden. Wenn wir die umfassendere Kategorie der „psychologischen Kontrolle“ seitens der Eltern zugrunde legen (Liebesentzug gilt als „definierendes Merkmal“ einer solchen Kontrolle), können wir feststellen, dass bei älteren Kindern, die so behandelt werden, die Wahrscheinlichkeit, Depressionen zu entwickeln, im Vergleich zu Gleichaltrigen erhöht ist.6
Keine Frage: Eltern haben erhebliche Macht, „ihre Kinder aufgrund ihres Bedürfnisses nach elterlicher Zuneigung und Anerkennung und ihrer Angst vor Verlust der emotionalen Unterstützung der Eltern zu manipulieren“7. Jedoch ist diese Angst etwas anderes als beispielsweise die Angst vor der Dunkelheit, aus der die meisten Menschen irgendwann herauswachsen. Vielmehr ist es die Art von Angst, die ebenso dauerhaft wie erdrückend sein kann. Wenn wir jung sind, ist für uns nichts wichtiger als das, was unsere Eltern für uns empfinden. Ungewissheit darüber oder Panik davor, verlassen zu werden, können ihre Spuren bis ins Erwachsenenalter hinterlassen.
Daher ist es absolut einleuchtend, dass die auffallendste langfristige Auswirkung von Liebesentzug Angst ist. Menschen, die von ihren Eltern so behandelt wurden, neigen oft auch als junge Erwachsene noch dazu, ungewöhnlich ängstlich zu sein. Viele von ihnen haben Angst, Ärger zu zeigen. Sie neigen zu erheblichen Versagensängsten. Und ihre Beziehungen zu anderen Erwachsenen sind oft durch das Bedürfnis, eine engere Bindung zu vermeiden, beeinträchtigt –vielleicht weil sie in der Angst leben, erneut verlassen zu werden. (Erwachsene, die in der Kindheit Liebesentzug erlebt haben, haben möglicherweise „beschlossen, dass ‚die Bedingungen dieses Vertrags unmöglich zu erfüllen sind‘. Das heißt, sie konnten nie damit rechnen, die Anerkennung und Unterstützung ihrer Eltern, die sie brauchten, zu verdienen, und daher versuchen sie nun ihr Leben so zu gestalten, dass sie nicht von Schutz und emotionalem Beistand anderer abhängig sind.“8)
Damit will ich nicht sagen, das Leben Ihres Kindes sei ganz sicher verpfuscht, nur weil Sie es einmal in sein Zimmer geschickt haben, als es vier Jahre alt war. Gleichzeitig ist jedoch diese Liste möglicher Folgen nichts, was ich mir heute Morgen unter der Dusche überlegt habe. Sie beruht nicht auf Spekulationen oder auch auf Anekdoten von Therapeuten. Kontrollierte Studien haben einen Zusammenhang zwischen all diesen Ängsten und der früheren Anwendung von Liebesentzug durch die Eltern erwiesen. In Erziehungsratgebern werden diese Daten fast nie erwähnt, doch ihre Gesamtwirkung muss ernst genommen werden.
Noch ein weiteres Forschungsergebnis sollte genannt werden: die Folgen für die moralische Entwicklung der Kinder. Im Rahmen einer Studie an Siebtklässlern stellte Hoffman fest, dass die Anwendung von Liebesentzug mit einer weniger entwickelten Form von Moralität assoziiert war. Bei der Entscheidung, wie sie sich anderen Menschen gegenüber verhalten sollten, berücksichtigten diese Kinder weder die jeweiligen Umstände noch die Bedürfnisse einer bestimmten Person. Da sie gelernt hatten, genau das zu tun, was man ihnen sagte, um die Liebe ihrer Eltern nicht zu verlieren, neigten sie dazu, einfach nur auf eine starre, pauschale Art Regeln anzuwenden. Wenn es uns ein ernstes Anliegen ist, unseren Kindern zu helfen, zu mitfühlenden und psychisch gesunden Menschen heranzuwachsen, müssen wir uns bewusst werden, wie schwer das ist, wenn wir uns auf Liebesentzug – oder, wie wir später sehen werden, auf irgendeine Art von Strafen – stützen.
Belohnungen nützen nichts
Finden Sie es beunruhigend zu hören, dass Auszeiten und andere „mildere“ Formen von Bestrafungen in Wirklichkeit vielleicht gar nicht so harmlos sind? Dann machen Sie sich jetzt auf etwas gefasst. Die Kehrseite des Liebesentzugs – das heißt, die andere Methode, die im Zusammenhang mit einer an Bedingungen geknüpften Liebe steht – ist nichts anderes als positive Verstärkung, ein Konzept, das bei Eltern, Lehrern und anderen Leuten, die mit Kindern zu tun haben, enorm beliebt ist. Selbst Menschen, die Warnungen hinsichtlich der unbeabsichtigten Folgen strafender Disziplin aussprechen, fordern uns meist völlig bedenkenlos auf, unsere Kinder zu loben, wenn sie sich gut benehmen.
Etwas mehr Hintergrundangaben sind hier angebracht.10 In unserer Kultur gibt es am Arbeitsplatz, in der Schule und in der Familie zwei grundlegende Strategien, mittels derer Menschen mit mehr Macht ver suchen, Menschen mit weniger Macht zum Gehorchen zu bewegen. Eine davon ist das Bestrafen von Ungehorsam. Die andere ist das Belohnen von Gehorsam. Die Belohnung kann eine Bezahlung oder ein Privileg sein, ein Sternchen oder eine Süßigkeit, ein Aufkleber oder die Mitgliedschaft in einer angesehenen studentischen Vereinigung. Doch auch Lob kann eine Belohnung sein. Um zu verstehen, was es bedeutet, wenn Sie zu Ihrem Kind „Gut gemacht!“ sagen, müssen Sie die ganze Zuckerbrot-und-Peitsche-Philosophie, zu der eine solche Bemerkung gehört, verstehen.
Als Erstes gilt es zu verstehen, dass Belohnungen auffallend unwirksam darin sind, die Qualität der Arbeit oder der schulischen Leistungen von Menschen zu verbessern. Eine große Anzahl von Studien kam zu dem Schluss, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene weniger Erfolg bei vielen Aufgaben haben, wenn ihnen eine Belohnung dafür angeboten wird, sie zu erledigen – oder sie gut zu erledigen. Die ersten Wissenschaftler, die das entdeckten, waren davon ganz überrascht. Sie hatten erwartet, eine Art Prämie für gute Leistungen würde Menschen motivieren, bessere Leistungen zu erbringen, doch sie stellten immer wieder fest, dass das Gegenteil zutraf. So haben Studien wiederholt gezeigt, dass Schüler unter ansonsten gleichen Voraussetzungen in der Regel besser lernen, wenn es keine Einsen zur Belohnung gibt – das heißt in Klassen, wo Leistungsbeschreibungen ohne Noten verwendet werden.
Doch was ist, wenn wir den Blick mehr auf Verhalten und Werte als auf Leistungen richten? Natürlich müssen wir zugeben, dass sich mit Belohnungen – ebenso wie mit Bestrafungen – oft zeitweiliger Gehorsam erkaufen lässt. Wenn ich Ihnen jetzt sofort tausend Dollar dafür anbieten würde, dass Sie Ihre Schuhe ausziehen, würden Sie wahrscheinlich darauf eingehen – und ich könnte triumphierend verkünden, dass „Belohnungen zum Erfolg führen“. Doch ebenso wenig wie Bestrafungen können sie jemandem helfen, sich für eine Aufgabe oder Tat wirklich zu engagieren, einen Grund zu haben, damit weiterzumachen, auch wenn es keine Entlohnung mehr dafür gibt.
Tatsächlich haben etliche Versuche gezeigt, dass Belohnungen nicht nur unwirksam sind – sondern oft sogar kontraproduktiv. Beispielsweise haben Forscher festgestellt, dass Kinder, die dafür belohnt wurden, etwas Nettes zu tun, sich selbst weniger oft als nette Menschen ansehen. Stattdessen neigen sie dazu, ihr Verhalten auf die Belohnung zurückzuführen. Und wenn kein Lohn mehr zu erwarten ist, helfen sie weniger oft als Kinder, die von Anfang an keinen Lohn dafür bekamen. Auch helfen sie weniger oft, als sie es selbst früher getan haben. Schließlich haben sie gelernt, dass man nur jemandem hilft, um eine Belohnung zu bekommen.
Kurzum: Es geht fast immer nach hinten los, wenn man Kindern so etwas wie einen Hundekuchen dafür anbietet, dass sie das tun, was wir wollen. Doch das liegt nicht daran, dass wir die falschen Hundekuchen genommen oder sie nach einem schlechten System verteilt hätten. Vielmehr ist der Grund der, dass das ganze Konzept, Menschen durch Belohnungen (oder Bestrafungen) ändern zu wollen, problematisch ist. Für Eltern ist es oft nicht leicht, herauszufinden, was daran problematisch ist, und oft höre ich von Eltern, die ein vages Unbehagen dabei empfinden, wenn sie ihre Kinder belohnen, aber nicht wirklich benennen können, warum sie sich dabei nicht wohl fühlen.
Eine Hilfe, um zu verstehen, was das Problem ist, ist Folgendes: Die meisten von uns gehen davon aus, es gäbe eine bestimmte Sache namens „Motivation“, von der Menschen viel, wenig oder gar nichts besitzen könnten. Natürlich wünschen wir uns, dass unsere Kinder große Mengen davon besitzen, mit anderen Worten, dass sie hochmotiviert sind, ihre Hausaufgaben zu erledigen, verantwortungsvoll zu handeln und so weiter.
Doch die Schwierigkeit liegt darin, dass es in Wirklichkeit verschiedene Arten von Motivation gibt. Die meisten Psychologen unterscheiden zwischen der intrinsischen und der extrinsischen Motivation. Intrinsische Motivation bedeutet im Wesentlichen, dass einem das, was man tut, aus sich heraus Freude bereitet, während extrinsische Motivation heißt, dass man etwas als Mittel zum Zweck tut – um eine Belohnung zu bekommen oder eine Bestrafung zu vermeiden. Es ist der Unterschied zwischen dem Lesen eines Buches, weil man erfahren will, was im nächsten Kapitel passiert, und dem Lesen eines Buches, weil einem dafür ein Aufkleber oder eine Pizza versprochen worden ist.
Das Entscheidende hier ist nicht nur, dass extrinsische Motivation etwas anderes ist als intrinsische oder dass sie ihr unterlegen ist, obwohl beide Aussagen wahr sind. Was ich betonen möchte, ist, dass die extrinsische Motivation dazu neigt, die intrinsische zu untergraben. In dem Maße, wie die extrinsische Motivation steigt, sinkt meist die intrinsische Motivation. Je mehr jemand dafür belohnt wird, etwas zu tun, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er das Interesse an dem, was er tun musste, um die Belohnung zu bekommen, verliert. Natürlich gibt es bei einer Zusammenfassung psychologischer Erkenntnisse in einem Satz immer Einschränkungen und Ausnahmen, doch die grundlegende Aussage ist von Dutzenden von Studien an Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und kulturellen Hintergrunds – und mit einer Vielzahl unterschiedlicher Aufgaben und Belohnungen – bewiesen worden.11
Kein Wunder also, dass Kinder, die für ihre Hilfsbereitschaft belohnt werden, schließlich weniger hilfsbereit sind, wenn die Belohnungen ausbleiben. Es gibt auch noch etliche andere Beweise. Wenn man kleinen Kindern ein ihnen unbekanntes Getränk gibt, werden diejenigen, die dafür belohnt werden, es zu trinken, es nächste Woche weniger gern mögen als Kinder, die dasselbe getrunken haben, ohne eine Belohnung dafür bekommen zu haben. Oder wenn man Kinder für den Versuch, ein Puzzle zu legen, bezahlt, neigen sie dazu, mit dem Spiel aufzuhören, nachdem das Experiment vorbei ist – während diejenigen, die keine Bezahlung erhalten, danach oft von sich aus weitermachen.
Die Moral, die wir aus all dem ziehen, ist, dass es keine Rolle spielt, wie sehr Ihr Kind „motiviert“ ist, etwas zu tun (aufs Töpfchen zu gehen, Klavier zu üben, zur Schule zu gehen, was auch immer). Vielmehr sollten Sie die Frage stellen, wie Ihr Kind motiviert ist. Anders ausgedrückt, es kommt nicht auf den Grad, sondern auf die Art der Motivation an. Und die Art, die durch Belohnungen erzeugt wird, schmälert gewöhnlich die Art, die wir uns für unsere Kinder wünschen: ein echtes Interesse, das auch anhält, wenn die Belohnungen längst nicht mehr da sind.
Nicht so positive Verstärkung
Und jetzt zu der wirklich schlechten Nachricht: Was für materielle (Geld oder Lebensmittel) und für symbolische Belohnungen (Noten oder Sternchen) gilt, kann auch auf verbale Belohnungen zutreffen. In vielen Fällen kann es ebenso unheilvolle Auswirkungen haben, wenn man Kinder lobt, wie wenn man ihnen andere Arten von Belohnungen gibt.
Zunächst einmal kann die Bemerkung „Gut gemacht!“ beeinträchtigen, wie gut etwas tatsächlich gemacht wird. Forscher stellen immer wieder fest, dass Menschen, die dafür gelobt werden, eine kreative Aufgabe gut bewältigt zu haben, oft bei der nächsten Aufgabe ins Straucheln geraten. Warum? Erstens, weil das Lob Druck erzeugt, „weiter so“ zu machen, und dieser Druck wirkt als Hemmnis. Zweitens, weil das Interesse der Menschen an dem, was sie tun, nun möglicherweise gesunken ist (weil es jetzt vor allem darum geht, mehr Lob zu bekommen).12 Und drittens, weil sie lieber kein Risiko eingehen – eine Voraussetzung für Kreativität –, wenn sie darüber nachdenken, wie sie dafür sorgen können, dass die positiven Kommentare auch weiterhin kommen.
Auch wenn es nicht um Leistung geht, funktioniert positive Verstärkung nicht besser. Ebenso wie andere Belohnungen und wie Bestrafungen kann sie bestenfalls das Verhalten eines Kindes vorübergehend ändern. So mochten Kinder, die dafür gelobt wurden, jenes unbekannte Getränk zu trinken, es daraufhin viel weniger – genauso wie die Kinder, die materielle Belohnungen dafür bekommen hatten. (Die Forscherin hatte mit diesem Ergebnis übrigens nicht gerechnet: Sie hatte vermutet, Lob würde sich nicht so destruktiv wie andere extrinsische Anreize auswirken.)
Noch beunruhigender ist eine Studie, bei der festgestellt wurde, dass kleine Kinder, die von ihren Eltern oft für Zeichen von Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft gelobt wurden, dazu neigten, im Alltag ein bisschen weniger großzügig und hilfsbereit als andere Kinder zu sein – wiederum ebenso wie Kinder, die materielle Belohnungen bekamen. Jedes Mal, wenn sie „schön geteilt!“ oder „ich bin so stolz auf dich, dass du hilfst“ hörten, ließ ihr Interesse am Teilen oder Helfen ein wenig nach. Sie sahen diese Dinge dann nicht mehr als etwas in sich selbst Wertvolles an, sondern nur als etwas, was sie tun mussten, um noch einmal dieselbe Reaktion von einem Erwachsenen zu bekommen. In diesem Fall waren es die Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, die zu Mitteln zum Zweck wurden. In anderen Fällen könnte es Malen oder Schwimmen oder Rechnen oder irgendetwas anderes sein, das wir mit positiver Verstärkung belohnen.
Lob zeugt wie andere Belohnungen gewöhnlich davon, dass der Blick auf das Verhalten gerichtet wird – das bereits erwähnte Vermächtnis des Behaviorismus. Wenn wir anfangen, über die Motive nachzudenken, die dem Handeln der Menschen zugrunde liegen, erscheint es plötzlich einleuchtend, dass positive Verstärkung fehlschlagen könnte. Denn wenn wir uns wünschen, dass sich ein Kind zu einem aufrichtig mitfühlenden Menschen entwickelt, genügt es nicht festzustellen, ob das Kind gerade jemandem geholfen hat. Uns sollte auch die Frage nach dem Warum interessieren.
Nehmen wir das Beispiel von Jack: Er teilte sein Spielzeug mit einem Freund in der Hoffnung, dass seine Mutter dies bemerken und ihn mit Lob überschütten würde („Ich finde es wirklich toll, dass du Gregory auch spielen lässt“). Zack dagegen teilte sein Spielzeug mit seinem Freund, ohne zu wissen oder sich dafür zu interessieren, ob seine Mutter das bemerkte. Er tat es einfach deshalb, weil er nicht wollte, dass sein Freund traurig war. Wenn man Kinder lobt, weil sie etwas teilen, werden diese unterschiedlichen Motive meist außer Acht gelassen. Ja, ein solches Lob kann sogar das weniger wünschenswerte Motiv stärken und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Kinder in Zukunft nur noch das Lob im Blick haben.
* * *
Bisher ist mein Hauptargument gewesen, dass Lob oft kontraproduktiv ist, weil es eine extrinsische Motivation darstellt. Doch nun möchte ich das Konzept des Lobens von einem neuen Blickwinkel aus betrachten. Das Problem ist nicht nur, dass es eine Belohnung ist. Das Problem ist, dass positive Verstärkung ein Beispiel für eine an Bedingungen geknüpfte Erziehung ist.
Denken Sie darüber nach: Was ist das Spiegelbild des Liebesentzugs – dem Versagen von Zuneigung, wenn Kinder etwas tun, was uns nicht gefällt? Es müsste wohl das Bekunden von Zuneigung sein, wenn sie etwas tun, was uns gefällt: das selektive Bekunden bedingter Zuneigung, oft in der expliziten Hoffnung, dieses Verhalten zu verstärken. Lob ist nicht nur etwas anderes als bedingungslose Liebe; es ist ihr genau entgegengesetzt. Dadurch vermittelt man einem Kind: „Du musst nach meiner Pfeife tanzen, damit ich Unterstützung und Freude zum Ausdruck bringe.“
Fürsorgliche Eltern sind aufmerksam und oft (wenn auch nicht immer) beschreiben sie etwas, was das Kind getan hat, und fordern es auf, darüber nachzudenken, was das bedeutet. „Gut gemacht!“ jedoch ist keine Beschreibung, sondern ein Urteil. Und das hat beunruhigende Auswirkungen darauf, wie Kinder unsere Gefühle für sie wahrnehmen. Anstelle von „ich hab dich lieb“ kommt ein Lob vielleicht als „ich hab dich lieb, weil du das und das gut gemacht hast“ an. Dazu ist es gar nicht nötig, dass wir das explizit aussprechen – was natürlich auch fast niemand tut. Es genügt, dass wir es tun – das heißt, dass wir Liebe und Freude nur unter bestimmten Bedingungen äußern. (Umgekehrt findet auch Liebesentzug oft statt, ohne dass die Mutter oder der Vater sagt: „Ich hab dich nicht lieb, weil du das und das nicht gut gemacht hast.“ Doch in beiden Fällen ist die Botschaft ganz eindeutig.)
Als meine Frau und ich vor ein paar Jahren eine Babysitterin suchten, begegneten wir einer jungen Frau, die ihre Erziehungsphilosophie knapp zusammenfasste: „Durch gutes Benehmen gewinnen Kinder meine Aufmerksamkeit.“ Wahrscheinlich wollte sie ihr Konzept einem Erziehungsansatz gegenüberstellen, bei dem es vor allem darum geht, Kinder für schlechtes Verhalten zu tadeln. Doch wir wussten sofort, dass wir sie nicht in der Nähe unserer Kinder haben wollten. Wir wollten nicht, dass unsere Kinder je den Eindruck bekämen, die Aufmerksamkeit der Babysitterin würde in Abhängigkeit davon bemessen, wie sie sich benähmen – mit anderen Worten, dass diese Frau sie nur ansehen und ihnen nur zuhören würde, wenn sie der Ansicht war, sie hätten es verdient.
Dennoch bin ich dieser Frau dankbar dafür, dass sie mir geholfen hat, mir darüber klar zu werden, was genau mir nicht recht war und warum. Auch bin ich froh über die Erkenntnis, zu der mir jemand anders verhalf, eine Frau im Publikum bei einem Vortrag, den ich vor einiger Zeit hielt. Ich kann mich nicht mehr an ihren Namen erinnern oder auch nur daran, in welcher Stadt ich gerade war. Alles, was ich noch weiß, ist, dass sie zu mir kam und sagte, sie habe von der Schule ihres Kindes gerade einen Autoaufkleber bekommen, auf dem stand:
Ich bin stolz auf mein Kind,
das Schüler des Monats ist.
Sie erzählte, sobald sie nach Hause gekommen sei, habe sie sich eine Schere geholt, die untere Hälfte abgeschnitten und die verbliebenen sechs Wörter – also das, was die erste Zeile gewesen war – auf ihr Auto geklebt. Mit ein wenig Einfallsreichtum hatte sie nicht nur der Versuchung widerstanden, ein an Bedingungen geknüpftes Erziehungskonzept zu vertreten, sondern daraus eine Gelegenheit gemacht, die Bedingungslosigkeit des Stolzes, den sie für ihr Kind empfand, zu beteuern.
Ich sollte noch einmal betonen, dass man keine absoluten Aussagen über menschliches Verhalten machen kann. Ob positive Verstärkung schädliche Auswirkungen hat (und wenn ja, wie schädlich), kann von mehreren Faktoren abhängen. Es spielt eine Rolle, wie es gemacht wird: wie das Lob formuliert wird, welcher Ton dabei verwendet wird und ob es unter vier Augen oder vor anderen ausgesprochen wird. Es spielt eine Rolle, wer gelobt wird: Das Alter und Temperament des Kindes und noch weitere Variablen sind zu berücksichtigen. Und es spielt eine Rolle, warum gelobt wird: wofür Kinder gelobt werden und welchen Zweck man beim Loben verfolgt – oder vielmehr, welchen Zweck man in den Augen des Kindes verfolgt. Es ist ein Unterschied, ob man Kinder für etwas beglückwünscht, was einfach nur Ihr Leben einfacher macht (zum Beispiel wenn sie ordentlich essen), oder ob man sie für etwas beglückwünscht, was wirklich eindrucksvoll ist. Es ist ein Unterschied, ob man Freude über blinden Gehorsam (etwa wenn Ihr Kind eine Regel von Ihnen befolgt) oder Freude über eine wirklich durchdachte Frage zum Ausdruck bringt.
Es gibt also Möglichkeiten, die negativen Auswirkungen des Lobens zu minimieren. Doch viel wichtiger ist, dass selbst die besseren Versionen nicht ideal sind. (Aus diesem Grund schlage ich in Kapitel 8 Alternativen zum Loben und nicht etwa andere, vielleicht nicht ganz so schlimme Arten, zu loben, vor.) So stimmt es sicher, dass gegen den Ausdruck spontaner Begeisterung über etwas, was Kinder getan haben, weniger einzuwenden ist als gegen den Einsatz positiver Verstärkung mit dem Zweck, sie zu einer Änderung ihres Verhaltens zu bewegen. Nur Letzteres ist gezielte Manipulation im Sinne Skinners. Doch das ist keine Garantie dafür, dass Ersteres harmlos ist.
In manchen Fällen dient eine Bemerkung wie „Gut gemacht! Du hast nicht über die Linien gemalt“, oder, an einen Teenager gewandt, „Gut gemacht! Du bist nicht über die durchgezogene Linie gefahren“ vielleicht nur dazu, eine Information mitzuteilen, und fungiert nicht als verbaler Anreiz, das Verhalten zu wiederholen. Doch wie lautet die Information, die hier vermittelt wird? Wir sagen dem Kind nicht nur, was es getan hat; wir sagen ihm, dass wir das, was es getan hat, für gut befinden. Wird es daraus schließen, wir freuten uns gemeinsam mit ihm über seine Leistung? Das wäre der günstigste Fall. Doch aus einem Muster selektiver Verstärkung kann das Kind leicht schließen, dass es nur dann unsere Anerkennung findet, wenn es das tut, was uns gefällt. (Schau, wie begeistert Papa ist, wenn ich den Ball treffe … und nur, wenn ich den Ball treffe.)
Daraus wiederum entwickelt sich oft eine an Bedingungen geknüpfte Anerkennung des eigenen Selbst. Die Kette könnte folgendermaßen aussehen: (1) „Ich finde es gut, wie du das und das gemacht hast“ kann für ein Kind klingen wie: (2) „Ich finde dich gut, weil du das und das gemacht hast“, und das wiederum kann implizieren: (3) „Ich finde dich nicht gut, wenn du das und das nicht machst.“ Der letzte Schritt ist, dass das Kind den Eindruck gewinnt: (4) „Ich bin nicht gut, wenn ich das und das nicht mache.“ Wenn Lob von einem an Bedingungen geknüpften Erziehungsstil zeugt, kann es unabhängig von den Motiven des Lobenden und selbst dann, wenn kein gezielter Lenkungsversuch vorliegt, gefährlich sein. Das gilt vor allem dann, wenn unsere positiven Bemerkungen und anderen Ausdrucksarten von Liebe größtenteils für Situationen reserviert sind, in denen das Kind etwas tut, was uns gefällt.
Vielleicht sind Sie schon Menschen begegnet, die ähnliche Bedenken zum Thema Loben zu haben scheinen, doch möglicherweise erheben sie nur Einspruch dagegen, wie oft wir Kinder loben oder dass Kinder heutzutage nicht viel zu tun brauchen, um ihren Eltern ein „gut gemacht!“ zu entlocken. Gewiss ist an dieser Beobachtung etwas dran. Ja, ich habe schon Eltern auf dem Spielplatz zu ihrem Kleinkind „gut geschaukelt!“ flöten hören. (Du liebe Güte, das liegt an der Schwerkraft!) Dennoch sehe ich diesen Einwand kritisch. Zum einen geht er am Wesentlichen vorbei: Gegen positive Verstärkung ist nicht nur deshalb etwas einzuwenden, weil sie zu häufig und schon für Kleinigkeiten eingesetzt wird. Die Probleme liegen viel tiefer.
Zum anderen trägt diese Kritik das Potential in sich, die Lage noch schlimmer zu machen. Wer verkündet, es sei sinnlos, Kindern für jede Kleinigkeit den Kopf zu tätscheln, fügt meistens hinzu, wir sollten beim Loben selektiver, anspruchsvoller sein – was bedeutet, dass Kinder mehr leisten sollten, um sich unsere Anerkennung zu verdienen. Und das bedeutet natürlich, dass unsere Erziehung noch stärker an Bedingungen geknüpft würde, als sie es bereits ist. Wahrscheinlich haben diese Kritiker Recht mit ihrer Beobachtung, wenn man Kinder ständig lobte, würde das Lob zu einem Hintergrundgeräusch, das von den Kindern kaum mehr wahrgenommen würde. Darauf könnten wir erwidern: Gut! Wenn Lob zeitlich und von der Formulierung her auf die größtmögliche Wirkung ausgelegt ist, müssen wir uns wirklich Sorgen machen. Denn dann ist (zumindest vom Blickwinkel des Kindes aus) die Bedingungslosigkeit unserer Liebe am stärksten gefährdet.
In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts stellte Mary Budd Rowe, eine Forscherin in Florida, bei der Untersuchung verschiedener Unterrichtsmethoden etwas Interessantes fest: Kinder, die von ihren Lehrern oft gelobt wurden, wirkten zaghafter bei ihren Antworten. Sie neigten mehr als andere Kinder dazu, in einem fragenden Tonfall zu antworten („ähm, Photosynthese?“). Sie teilten anderen Schülern seltener ihre Ideen mit und blieben auch nicht so häufig bei einer einmal angefangenen Aufgabe. Außerdem zogen sie eigene Vorschläge oft zurück, sobald der Lehrer anderer Ansicht war.13
Diese Studie bestätigte etwas, was wir auch bei uns zu Hause beobachten können: Das Selbstvertrauen und vielleicht auch das Selbstwertgefühl von Kindern kann in Folge unserer Reaktionen wachsen oder schrumpfen. Kinder richten den Blick im übertragenen und bisweilen auch im wörtlichen Sinne auf uns, um zu sehen, ob wir das, was sie getan haben, gutheißen. (Es ist ein bisschen wie bei Kleinkindern, die sich nach unserer Reaktion richten, wenn sie hinfallen, und an unserem Gesichtsausdruck abzulesen versuchen, ob sie sich wehgetan haben. Wenn wir beunruhigt wirken – „O mein Gott! Schatz, alles in Ordnung mit dir?“ –, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie in Tränen ausbrechen.)
Loben führt dazu, dass Kinder weniger in der Lage oder bereit sind, Stolz auf ihre eigenen Leistungen zu empfinden – oder zu entscheiden, was überhaupt eine Leistung ist. In extremen Fällen können sie „süchtig“ nach Lob werden und auch als Erwachsene noch von der Bestätigung anderer abhängig sein, überglücklich oder niedergeschlagen sein, je nachdem, ob ihr Partner, ihr Chef oder jemand anders, den sie als Autorität ansehen, ihnen sagt, sie hätten etwas gut gemacht oder nicht.
Alle kleinen Kinder haben ein tiefes Bedürfnis nach der Anerkennung ihrer Eltern. Das ist der Grund, weshalb Lob kurzfristig oft „funktioniert“, um sie dazu zu bewegen, das zu tun, was wir wollen. Doch wir haben die Verantwortung, ihre Abhängigkeit nicht um unserer eigenen Bequemlichkeit willen auszunutzen – und genau das tun wir, wenn wir sie demonstrativ anlächeln und etwas sagen wie: „Ich finde es wirklich toll, wie schnell du dich heute Morgen für die Schule fertig gemacht hast!“ Es kann sein, dass sich Kinder durch diese „mit Zuckerguss überzogene Kontrolle“14 manipuliert fühlen, auch wenn sie nicht recht erklären können warum. Doch unabhängig davon, ob sie es durchschauen und sich dagegen auflehnen oder nicht, hat diese Methode etwas entschieden Unangenehmes. Im Grunde ist sie nicht viel anders, als ob Sie warten würden, bis Ihr Kind Durst bekommt, und ihm nur Wasser gäben, wenn es etwas täte, was Ihr Leben ein bisschen leichter macht.
Zudem lässt positive Verstärkung oft einen Teufelskreis entstehen, der an den erinnert, der beim Liebesentzug zu beobachten ist: Je mehr wir loben, umso mehr wächst das Bedürfnis unserer Kinder nach Lob. Sie wirken unsicher, sehnen sich danach, dass wir ihnen noch einmal den Kopf tätscheln; wir tun es und ihr Verlangen steigert sich noch. Carol Dweck, Psychologin an der Columbia University, hat Voruntersuchungen angestellt, die vielleicht erklären können, was hier geschieht. Wenn wir Bemerkungen äußern, die „eine bedingte Anerkennung andeuten (und dadurch vermutlich das Gefühl eines nur bedingten Wertes aufkommen lassen)“, beginnen kleine Kinder, Zeichen von Hilflosigkeit zu zeigen. Positive Verstärkung ist eine Form bedingter Liebe, und Dweck argumentiert, es sei nicht nur eine bestimmte Eigenschaft oder ein Verhalten, das wir nur unter gewissen Bedingungen akzeptierten. Vielmehr sehe das Kind sein „ganzes Selbst“ nur dann als gut an, wenn es den Eltern gefällt. Dies ist eine wirksame Art, das Selbstwertgefühl zu untergraben. Je öfter wir „gut gemacht!“ sagen, umso schlechter wird das Selbstwertgefühl des Kindes und umso mehr Lob braucht es.15
Natürlich sollte uns das skeptisch hinsichtlich der Behauptung machen, Lob sei in Ordnung, weil Kinder offenbar danach verlangten. Wenn Sie Geld verdienen müssen und der einzige verfügbare Job aus sich ständig wiederholender, stumpfsinniger Plackerei besteht, nehmen Sie ihn vielleicht als letzten Ausweg an. Doch das bedeutet nicht, dass Sie eine solche Arbeit gutheißen. Es heißt nur, dass man das nimmt, was man bekommen kann. Was Kinder wirklich brauchen, ist Liebe ohne Bedingungen. Doch wenn alles, was ihnen angeboten wird – als einzige Alternative zu Kritik oder Missachtung – Anerkennung ist, die auf dem beruht, was sie getan haben, saugen sie die auf und verlangen vielleicht mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit nach mehr. Manche Eltern, die in ihrer Kindheit zu wenig bedingungslose Liebe bekommen haben, diagnostizieren dieses Problem traurigerweise falsch und glauben, es habe ihnen an Lob gefehlt. Dann überschütten sie ihre Kinder mit „gut gemacht!“ und sorgen so dafür, dass wieder eine Generation nicht das bekommt, was sie wirklich braucht.
Viele Eltern haben mir gesagt, es sei hart, diese Erklärungen zu hören, besonders beim ersten Mal. Es ist schon schlimm genug, wenn jemand andeutet, dass Sie bei Ihren Kindern vielleicht etwas falsch machen, doch es ist noch schlimmer, gesagt zu bekommen, dass genau das, was man richtig zu machen glaubte und worauf man bisher stolz war – etwa darauf, die eigenen Kinder zu loben, damit sie ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln –, in Wirklichkeit vielleicht mehr Schaden als Nutzen anrichtet.
Manche Leute erwidern darauf: „Was ist die Alternative?“ Das ist eine sehr vernünftige Frage, sofern wir uns mit Alternativen zum ganzen Konzept einer an Bedingungen geknüpften Erziehung befassen (wie ich es später tun werde), statt nur oberflächliche Änderungen dessen, was wir zu Kindern sagen – eine neue, verbesserte Version des Lobens –, anzustreben.
Manche Leute fühlen sich bei diesen Gedanken unbehaglich und machen nervöse Witzchen: „Haha. Dann kann ich Ihnen wohl nicht sagen, dass mir Ihr Buch gefallen hat, weil ich Sie dadurch ja loben würde. Hahaha.“16 Das ist verständlich. Es dauert eine Weile, bis man eine neue Vorstellung akzeptieren kann, vor allem eine, die uns veranlasst, vieles von dem, was wir bisher getan haben und wovon wir ausgegangen sind, zu überdenken. Wir müssen uns an das neue Konzept gewöhnen, es ausprobieren und während der Übergangsphase kann sich unser Unbehagen auf vielerlei Weise Ausdruck verschaffen.
Manche Leute fragen sich, ob das bedeutet, dass sie schlechte Eltern seien, weil sie sich lange auf Liebesentzug und positive Verstärkung verlassen haben (selbst wenn sie diese Bezeichnungen nie verwendet haben). In den meisten Fällen ist es jedoch einfach so, dass niemand ihnen bisher die Möglichkeit aufgezeigt hat, die Dinge so zu sehen, oder ihnen Beweise präsentiert hat, die Zweifel aufkommen lassen an all den ständigen unkritischen Ratschlägen, unsere Kinder öfter zu loben oder Auszeiten zu verhängen.
Manche Leute allerdings fragen weder nach Alternativen, noch versuchen sie, lustig zu sein, noch machen sie sich Sorgen. Stattdessen tun sie diese Kritik ab und weisen (mit einer gewissen Berechtigung) darauf hin, dass wir mit unseren Kindern viel Schlimmeres tun könnten, als Enthusiasmus über das, was sie getan haben, zum Ausdruck zu bringen. In der Tat wird Kindern jeden Tag viel Schlimmeres angetan. Jedoch ist das keine gute Grundlage für einen Vergleich – jedenfalls nicht für Menschen, die die besten Eltern sein wollen, die sie sein können. Wichtig ist, dass wir etwas Besseres tun können.
Die Kontroverse zum Thema Selbstwertgefühl
Liebesentzug und positive Verstärkung können eine Reihe beunruhigender Folgen haben, von einem Gefühl der Hilflosigkeit bis hin zu einer mangelnden Bereitschaft, anderen zu helfen, und (wenn die Kinder erwachsen sind) von der Angst, verlassen zu werden, bis hin zu einem Groll gegenüber ihren Eltern. Doch die Auswirkung, die sich durch die in diesem und dem vorigen Kapitel zusammengefassten Forschungsergebnisse hindurchzieht, hat damit zu tun, wie sich Menschen, die einer an Bedingungen geknüpften Erziehung ausgesetzt waren, selbst einschätzen.
Die übliche Bezeichnung dafür ist Selbstwertgefühl, was im Lauf der letzten Jahrzehnte zu einer Art Schlagwort geworden ist. Bevor ich dieses Kapitel abschließe, möchte ich ein paar Seiten dafür aufwenden, dieses Konzept zu analysieren, weil es für den an Bedingungen geknüpften Erziehungsansatz wichtig ist. Etliche Leute aus den Bereichen Psychologie und Pädagogik, ganz besonders jene, die mit dem, was als Selbsthilfebewegung bezeichnet wird, zu tun haben, scheinen zu glauben, ein starkes Selbstwertgefühl sei gut, ein geringes sei schlecht, und wenn man den Grad des Selbstwertgefühls bei jemandem steigere, führe das automatisch zu einer Reihe positiver Auswirkungen: akademischen Leistungen, konstruktiven Lebensentscheidungen und so weiter. Auf der anderen Seite ist Selbstwertgefühl zum Blitzableiter für Gesellschaftskonservative geworden, zum Kürzel für alles, was sie als Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft und besonders unseren Schulen ansehen.
Meiner Ansicht nach sind beide Positionen problematisch. Vor ein paar Jahren habe ich mich recht umfassend mit der vorliegenden Forschung beschäftigt17 und etwas überrascht festgestellt, dass ein höheres Selbstwertgefühl nicht immer von besseren Ergebnissen begleitet ist, und selbst wenn dies der Fall ist, bedeutet dies nicht, dass es die besseren Ergebnisse hervorgerufen hätte.
Allerdings bringt mich das nicht in das Feld derjenigen, die vom ganzen Konzept des Selbstwertgefühls nichts halten. Manche sind dieser Ansicht, weil sie glauben, wenn Kinder im Grunde mit sich selbst zufrieden seien, hätten sie keine Motivation, irgendetwas zu leisten. Wenn ihre Aufmerksamkeit auf den Wert dessen, wer sie sind, statt auf das, was sie tun, gerichtet sei, würden sie wahrscheinlich nicht viel leisten. Man müsse unzufrieden sein, um etwas zu lernen oder herzustellen. Wer es zu etwas bringen will, muss leiden.
Diese Behauptung beruht auf mehreren falschen Prämissen, die ich in Kapitel 5 näher erläutern werde. Im Moment möchte ich aber nur auf Folgendes aufmerksam machen: Zwar behaupten viele Kritiker, ein höheres Selbstwertgefühl habe keinerlei positive Auswirkungen, jedoch liegt der Kern ihrer Argumentation darin, dass Selbstwertgefühl einfach etwas Schlechtes sei, unabhängig von seiner Wirkung. Für sie ist der schlimmste Begriff, den sie sich vorstellen können, Wohlfühlpädagogik, was andeutet, dass sie offenbar glauben, mit sich selbst zufrieden zu sein habe etwas zutiefst Suspektes an sich. Knapp unter der Oberfläche ihrer Polemik lauert die Angst, Kinder könnten sich zufrieden fühlen, ohne sich das Recht verdient zu haben, so zu empfinden. Hier haben wir die Welt der Tatsachen verlassen und sind durch die Hintertür in das Reich der moralistischen Grundüberzeugungen eingetreten. Dies ist ein Ort puritanischer Inbrunst, wo Menschen nur im Schweiße ihres Angesichts essen dürfen und Kinder keine gute Meinung von sich selbst haben dürfen, wenn sie nicht eine greifbare Leistung vorweisen können.
Mit anderen Worten, die Konservativen richten sich eigentlich gegen ein bedingungsloses Selbstwertgefühl. Jedoch erkennen Forscher gerade, dass eben diese Dimension entscheidend ist, um die Lebensqualität von Menschen einschätzen zu können. Wenn wir uns für die psychische Gesundheit eines Menschen interessieren, ist die entscheidende Frage vielleicht nicht die, wie viel Selbstwertgefühl er besitzt. Vielmehr kommt es darauf an, wie stark sein Selbstwertgefühl je nachdem, was in seinem Leben geschieht – etwa wie erfolgreich er ist oder was andere von ihm denken –, schwankt. Das wirkliche Problem besteht gar nicht darin, dass jemand ein zu geringes Selbstwertgefühl hat („Ich hab das Gefühl, nicht viel wert zu sein“), sondern dass sein Selbstwertgefühl zu sehr an Bedingungen geknüpft ist („Ich hab nur dann das Gefühl, etwas wert zu sein, wenn …“).18
Edward Deci und Richard Ryan, zwei in der Forschung tätige Psychologen, die die Wichtigkeit dieser Unterscheidung betont haben, räumen ein, dass selbst Menschen mit etwas, was dem „wahren“ – oder bedingungslosen – Selbstwertgefühl nahe kommt, „sich wahrscheinlich freuen, wenn ihnen etwas gelingt, und enttäuscht sind, wenn etwas misslingt. Doch ihr Gefühl des eigenen Werts würde nicht in Abhängigkeit von ihren Leistungen schwanken, daher würden sie sich nicht als etwas Besseres oder als überlegen fühlen, wenn sie Erfolg haben, oder deprimiert und wertlos, wenn sie versagen.“19
Diese extreme Schwankung ist nur eine der Folgen davon, das eigene Selbstwertgefühl darauf zu stützen, ob eine Reihe von Erwartungen – seien es die anderer Leute oder die eigenen – erfüllt werden oder nicht. Eine ganz aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass ein an Bedingungen geknüpftes Selbstwertgefühl bei Hochschulstudenten mit „einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, zu trinken, um soziale Anerkennung zu erreichen und soziale Ausgrenzung zu vermeiden“, verbunden ist. Andere Forschungsarbeiten stellen einen Zusammenhang zu Ängstlichkeit, Feindseligkeit und einer defensiven Grundhaltung her. Solche Menschen neigen dazu, um sich zu schlagen, wenn ihr Selbstwertgefühl bedroht ist, was regelmäßig geschehen kann. Ebenso kann es sein, dass sie an Depressionen leiden und sich in selbstzerstörerisches Verhalten flüchten. Wenn sie sich nur wohlfühlen, wenn sie glauben, gut auszusehen, können sie anfällig für Essstörungen sein.20
Im Gegensatz dazu stellt sich heraus, dass ein bedingungsloses Selbstwertgefühl – eben das, worüber man sich in manchen Kreisen lustig macht – das beste Ziel ist, das man anstreben kann.21 Menschen, die in der Regel nicht glauben, ihr Wert hinge von ihrer Leistung ab, neigen eher dazu, Misserfolge nur als vorübergehende Rückschläge anzusehen, als Probleme, die man lösen kann. Auch neigen sie offenbar weniger zu Ängsten oder Depressionen.22 Und noch etwas: Sie neigen auch weniger dazu, sich Sorgen um das Thema Selbstwertgefühl zu machen! Viel Zeit mit der Überlegung zu verbringen, wie gut man wohl ist, oder mit dem gezielten Versuch, sein Selbstwertgefühl zu steigern, funktioniert meist nicht besonders gut und ist auch ein schlechtes Zeichen. Es weist auf andere Probleme hin – speziell darauf, dass das Selbstwertgefühl verletzlich und an Bedingungen geknüpft ist. „Ein Paradox des Selbstwertgefühls: Wenn man es braucht, hat man es nicht, und wenn man es hat, braucht man es nicht.“23
Was bringt Menschen dazu, diesen unglücklichen Zustand eines an Bedingungen geknüpften Selbstwertgefühls zu entwickeln? Welche Umstände führen dazu, dass sie sich selbst nur für gut halten, wenn…? Eine wahrscheinliche Ursache ist Wettbewerb: eine Situation, in der jemand nur dann Erfolg haben kann, wenn andere versagen, und wo der Ruhm nur für den Sieger reserviert wird. Das ist eine ausgezeichnete Methode, um den Glauben von Menschen an sich selbst zu untergraben und zu lehren, man sei nur dann etwas wert, wenn man triumphiert.24 Es gibt auch Grund zu der Annahme, dass ein an Bedingungen geknüpftes Selbstwertgefühl die Folge eines Erziehungsstils sein kann, bei dem Kinder zu stark kontrolliert werden, wie ich im folgenden Kapitel erläutern werde.
Vor allem jedoch scheint ein an Bedingungen geknüpftes Selbstwertgefühl daher zu rühren, dass man von anderen nur unter gewissen Bedingungen anerkannt wird. Dies führt uns wieder dahin zurück, womit wir angefangen haben: Wenn Kinder das Gefühl haben, von ihren Eltern nur unter bestimmten Bedingungen geliebt zu werden – ein Gefühl, das typischerweise durch die Verwendung von Methoden des Liebesentzugs und der positiven Verstärkung hervorgerufen wird –, fällt es ihnen sehr schwer, sich selbst anzunehmen. Und von da an geht alles bergab.
| 3 | Zu viel Kontrolle |
Neulich kam meine Frau nachmittags mit unseren Kindern von einem Ausflug in den Park zurück. Sie schüttelte den Kopf und sprudelte hervor: „Ich kann es kaum fassen, wie manche Eltern mit ihren Kindern sprechen – so erniedrigend und feindselig. Warum haben sie überhaupt Kinder?“ Da ich selbst auch schon mehr als einmal etwas Ähnliches erlebt hatte, beschloss ich, etwas von dem, was wir in der Stadt hörten und sahen, aufzuschreiben. Innerhalb weniger Tage hatte ich unter anderem folgende Beobachtungen notiert:
• Ein Kleinkind wurde scharf zurechtgewiesen, weil es im Kinderbereich der öffentlichen Bücherei mit einem Stoffbär geworfen hatte, obwohl niemand sonst in der Nähe war.
• Ein Junge, der im Supermarkt gefragt hatte, ob er ein Plätzchen haben dürfte, bemerkte, dass ein anderer kleiner Junge eins aß. Als er seine Mutter darauf hinwies, sagte sie zu ihm: „Nun, das liegt sicher daran, dass er aufs Töpfchen geht.“
• Ein kleiner Junge stieß einen lauten Freudenschrei aus, als er auf dem Spielplatz von einer Schaukel sprang. Daraufhin zischte seine Mutter: „Hör sofort mit dem Blödsinn auf! Das Schaukeln hat sich für heute erledigt. Noch einmal, und du bekommst eine Auszeit.“
• An einem Wassertisch im Kindermuseum versuchte eine Mutter, ihren kleinen Sohn an allem Möglichen zu hindern, indem sie fälschlich behauptete, in dem Museum aufgestellte Schilder verböten genau das, was er gerade vorhatte – zum Beispiel: „Auf dem Schild steht, dass man nicht spritzen darf.“ Als er fragte warum, antwortete sie: „Es steht eben drauf.“
Schon bald gab ich es wieder auf, mir Notizen zu machen. Abgesehen von der schieren Menge dieser Vorfälle, glichen sie sich untereinander auch ziemlich und es schien mir bald überflüssig und deprimierend zu sein, sie festzuhalten. Immer wieder erlebten wir, wie Eltern auf dem Spielplatz unvermittelt verkündeten, es sei Zeit zu gehen, und manchmal sogar ihr Kind am Arm packten. (Wenn es daraufhin weinte, wurde das gewöhnlich darauf zurückgeführt, dass es „müde“ sei.) Wir sahen Eltern, die unwissentlich einen Feldwebel imitierten, der seine Truppen einschüchtert – Nase an Nase, wobei sie ihren Finger nur Zentimeter vor dem Gesicht des Kindes in die Luft stießen und brüllten. Und wie oft hatten wir in Restaurants beobachtet, wie Eltern an ihren Kindern herumfuhrwerkten – ihre Manieren korrigierten, sie wegen ihrer Haltung zurechtwiesen, Bemerkungen darüber machten, was (und wie viel) sie aßen, und ganz allgemein das Essen zu etwas machten, von dem die Kinder so schnell wie möglich flüchten wollten. (Kein Wunder, dass so viele Kinder bei Mahlzeiten mit der Familie keinen Hunger haben, jedoch kurze Zeit später Appetit bekommen.)
Lassen Sie mich Ihnen versichern: Bevor ich eigene Kinder hatte, habe ich viel härter geurteilt. Solange man nicht selbst einen Kinderwagen geschoben hat, begreift man nicht wirklich, wie so winzige Menschen es schaffen können, einen auf die Palme und ans Ende seiner Geduld zu bringen. (Natürlich kann man dann auch nicht die Augenblicke übernatürlichen Glücks, die sie einem bescheren können, genießen.) Das versuche ich im Hinterkopf zu behalten, wenn mich das Verhalten anderer Eltern zusammenzucken lässt. Und ich sage mir, dass ich die Geschichte der Familie, die ich nur ein paar Minuten beobachtet habe, ja nicht kenne – dass ich nicht weiß, was die Mutter oder der Vater an dem Morgen vielleicht erlebt hat und was das Kind gerade getan hat, bevor ich zufällig auf dem Schauplatz erschien.
Dennoch. Trotz allem, was wir vielleicht berücksichtigen sollten, und aller Umstände, die wir bedenken sollten, ist eine Beobachtung festzuhalten: Für jedes Kind, das in der Öffentlichkeit unbeaufsichtigt herumrennt, gibt es Hunderte von Kindern, die von ihren Eltern unnötig eingeschränkt, angeschrieen, bedroht oder schikaniert werden, Kinder, deren Protest routinemäßig ignoriert und deren Fragen abgetan werden, Kinder, die sich daran gewöhnt haben, auf ihre Bitten ein automatisches „Nein!“ zu hören und ein „Weil ich es gesagt habe!“, wenn sie nach einem Grund fragen.
Sie brauchen mir das nicht einfach so zu glauben. Tun Sie so, als wären sie Anthropologe, und beobachten Sie genau, was vor sich geht, wenn Sie das nächste Mal auf einem Spielplatz, in einem Einkaufszentrum oder auf einer Geburtstagsparty sind. Sie werden nichts sehen, was Sie noch nie gesehen haben, aber vielleicht bemerken Sie Einzelheiten, auf die Sie bisher kaum geachtet hatten. Vielleicht bieten sich einige Verallgemeinerungen über das, was sie miterleben, an. Doch seien Sie gewarnt: Es ist nicht immer angenehm, für das, was um einen herum vorgeht, sensibilisiert zu werden. Wenn Sie zu genau hinschauen, ist ein Tag im Park plötzlich kein Tag im Park mehr. Eine Mutter aus Kalifornien schrieb mir:
Waren Sie in letzter Zeit mal im Supermarkt? Es ist schlimmer denn je geworden! Zu sehen, wie Eltern Bestechungen, Demütigungen, Strafen, Belohnungen und allgemein beleidigende Taktiken einsetzen, ist fast unerträglich. Was ist nur aus meiner schönen rosaroten Brille geworden? Jedes „Wenn du dich nicht beruhigst, gehen wir nie mehr einkaufen!“ und „Wenn du aufhörst zu schreien, gehen wir ein Eis essen, Schatz!“ droht mich zu ersticken. Wie habe ich es früher nur geschafft, das auszublenden?
Denken Sie noch einmal über die in den letzten beiden Kapiteln beschriebenen Methoden eines an Bedingungen geknüpften Erziehungsstils nach. Ein Grund, weshalb sie so schädlich sind, hat damit zu tun, dass das Kind die Erfahrung macht, von außen gesteuert zu werden. Anders herum läuft es ähnlich: Wenn wir Strafen, Belohnungen und andere Strategien zur Manipulation kindlichen Verhaltens einsetzen, bekommt das Kind vielleicht den Eindruck, es werde nur geliebt, wenn es unseren Anforderungen entspricht. Ein an Bedingungen geknüpfter Erziehungsstil kann die Folge zu starker Kontrolle sein, selbst wenn er nicht beabsichtigt war, und umgekehrt kann Kontrolle die destruktiven Auswirkungen erklären helfen.
Doch übermäßige Kontrolle ist schon an sich ein Problem und verdient ein eigenes Kapitel. Sie ist nicht auf eine bestimmte Form der Disziplinierung beschränkt, auf eine Auszeit oder eine Tabelle mit Sternchen, eine Tracht Prügel oder ein „gut gemacht“, ein gewährtes oder entzogenes Vergnügen. Eine Methode durch eine andere zu ersetzen bewirkt nicht viel, wenn wir uns nicht mit der folgenden grundlegenden Tatsache auseinandersetzen: Das verbreitetste Erziehungsproblem in unserer Gesellschaft ist nicht zu große Toleranz, sondern die Angst vor zu großer Toleranz. Wir fürchten uns so davor, Kinder zu verwöhnen, dass wir sie im Endeffekt oft übertrieben kontrollieren.
Zugegeben, manche Kinder werden verwöhnt – und manche werden vernachlässigt. Doch worüber im Allgemeinen viel seltener diskutiert wird, ist die Epidemie, Kinder bis ins Kleinste hinein zu managen, so zu tun, als seien sie Ableger von uns, die uns gehörten. Daher lautet eine wichtige Frage, auf die ich später zurückkommen werde, wie wir Orientierung bieten und Grenzen setzen können (was beides nötig ist), ohne es mit der Kontrolle zu übertreiben. Zunächst jedoch müssen wir uns darüber klar werden, inwieweit wir es vielleicht tatsächlich übertreiben und warum das eine Versuchung ist, der wir widerstehen sollten.
Die Art, wie mit vielen Kindern umgegangen wird, zeugt von mangelndem Respekt für ihre Bedürfnisse und Vorlieben – ja, von einem mangelnden Respekt für Kinder, Punkt. Viele Eltern verhalten sich so, als glaubten sie, dass Kinder gar keinen Respekt wie den, den man Erwachsenen entgegenbringt, verdienten. Vor vielen Jahren forderte uns der Psychologe Haim Ginott auf, einmal darüber nachzudenken, wie wir reagieren würden, wenn unser Kind versehentlich etwas liegen gelassen hätte, was ihm gehörte – und es damit zu vergleichen, wie wir reagieren würden, wenn ein chronisch vergesslicher Freund von uns dasselbe täte. Kaum jemand käme auf den Gedanken, einen anderen Erwachsenen in dem Ton auszuschimpfen, der gegenüber Kindern an der Tagesordnung ist: „Was ist nur los mit dir? Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du nachsehen sollst, ob du alles hast, bevor du gehst? Meinst du, ich hätte nichts Besseres zu tun als .“ und so weiter. Zu einem Erwachsenen würden wir wahrscheinlich einfach nur sagen: „Hier ist dein Schirm.“1
Manche Eltern greifen aus reiner Gewohnheit ein und bellen: „Hör auf zu rennen!“, auch wenn kaum ein Risiko besteht, sich oder andere zu verletzen oder etwas zu beschädigen. Manche erwecken den Eindruck, als versuchten sie, ihrem Kind seine eigene Machtlosigkeit unter die Nase zu reiben und ihm zu zeigen, wer der Boss ist: „Weil ich die Mama bin, deshalb!“ „Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst.“ Manche versuchen, durch körperliche Gewalt Kontrolle über Kinder auszuüben, während andere Schuldgefühle einsetzen („Nach allem, was ich für dich getan habe! Du brichst mir das Herz.“). Manche Eltern meckern ständig an ihren Kindern herum, ermahnen und kritisieren sie permanent. Andere lassen sich gar nicht anmerken, dass sie gegen das, was ihre Kinder tun, etwas haben, bis sie anscheinend aus dem Nichts heraus explodieren; eine unsichtbare Grenze – die vielleicht mehr mit der Stimmung des Erwachsenen als mit dem Verhalten des Kindes zu tun hat – ist überschritten worden, und plötzlich wird die Mutter oder der Vater erschreckend wütend und wendet Zwang an.
Natürlich tun nicht alle Eltern all diese Dinge und manche tun nie irgendetwas davon. Studien haben ergeben, dass Überzeugungen und Verhaltensweisen im Bereich der Kindererziehung unter anderem je nach Kultur, sozialer Schicht und ethnischer Zugehörigkeit und danach, wie viel Druck die Eltern selbst erleben, variieren. (Siehe Anhang für nähere Angaben zu diesen Themen.) Darüber hinaus versichern uns Forscher, dass die meisten Eltern nicht immer denselben Erziehungsstil anwenden, sondern dazu neigen, auf verschiedene Arten von Fehlverhalten unterschiedlich zu reagieren.2
Doch die interessanteste Frage ist vielleicht, wie Eltern überhaupt entscheiden, was „Fehlverhalten“ eigentlich ist. Manche wenden diese Bezeichnung regelmäßig auf Dinge an, die Sie oder ich als harmlose Handlungen ansehen würden – und gehen dann scharf gegen ihre Kinder vor.3 Dies mag Teil eines Erziehungsstils sein, der manchmal als „autoritär“ bezeichnet wird. Solche Eltern sind eher streng und fordernd als tolerant und ermutigend. Sie geben selten Erklärungen oder Rechtfertigungen für die Regeln ab, die sie vorschreiben. Sie erwarten nicht nur absoluten Gehorsam und setzen reichlich Strafen ein, um diesen zu erreichen, sondern sind auch der Ansicht, es sei wichtiger für Kinder, sich Autoritäten zu fügen, als selbstständig zu denken oder die eigene Meinung auszudrücken. Sie bestehen darauf, Kinder müssten sorgfältig überwacht werden; und wenn Regeln verletzt werden – was ihren dunklen Verdacht darüber, wie Kinder wirklich sind, nur bestätigt –, neigen autoritäre Eltern zu der Annahme, das Kind habe die Regel mit voller Absicht übertreten, unabhängig von seinem Alter, und müsse nun zur Rechenschaft gezogen werden.
Erschreckenderweise sind dieselben Themen der „Unterwürfigkeit gegenüber den Forderungen der Eltern und… eine frühe Unterdrückung von Impulsen, die für die Eltern nicht hinnehmbar waren“ in einem klassischen, nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführten Forschungsprojekt zu finden, das sich mit dem psychologischen Gerüst des Faschismus und insbesondere der Kindheit von Menschen befasste, die damit aufwachsen, ganze Gruppen von Menschen zu hassen, und machtbesessen zu sein scheinen.4
Natürlich sind das die Extreme des breiten Spektrums der Kontrolle. Wenn man von solchen extremen Fällen hört, ist es ganz natürlich zu sagen: „Nun, offenbar bin ich ja nicht so. Ich bin weder autoritär, noch würde ich mein Kind auf dem Spielplatz anschreien, nur weil es Spaß hat.“ Doch fast jeder gibt zumindest gelegentlich dem Impuls der übertrieben starken Kontrolle nach. Manche tun dies aufgrund ihrer Überzeugung, Kinder müssten lernen zu tun, was man ihnen sagt (denn schließlich wissen es Erwachsene doch besser als Kinder, oder?). Manche Menschen haben eine kontrollierende Persönlichkeit und haben sich von Anfang an angewöhnt, ihren Kindern ihren Willen aufzuzwingen.5 Andere sind einfach hin und wieder ratlos, vor allem, wenn ihr Kind sich gegen sie auflehnt. Und vielen Eltern liegt das Wohlergehen ihrer Kinder wirklich am Herzen, jedoch haben sie nie die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass das, was sie tun, übermäßige und kontraproduktive Kontrolle darstellt.
Für die meisten von uns ist es leicht, Paradebeispiele schlechter Erziehung zu beobachten, Eltern, die ihre Kinder viel stärker kontrollieren als wir, und dann befriedigt festzustellen: „Wenigstens würde ich das nie tun.“ Doch die wirkliche Herausforderung besteht darin, über die Dinge zu reflektieren, die wir tun, und uns zu fragen, ob sie wirklich im Interesse unserer Kinder sind.
Welche Kinder tun, was man ihnen sagt?
Lassen wir die ehrgeizigen Ziele, die wir für unsere Kinder haben, einmal außer acht und richten den Blick nur darauf, was sie dazu bewegt, unseren Bitten Folge zu leisten. Wenn es uns nur darum ginge, sie zu bewegen, jetzt sofort, während wir da stehen, irgendetwas zu tun oder mit etwas aufzuhören, müssten wir zugeben, dass es manchmal funktioniert, wenn man seine Macht einsetzt, um dieses Verhalten zu erzwingen – zum Beispiel indem man droht, straft oder lautstark Forderungen stellt.6 Doch im Allgemeinen sind Kinder, die tun, was man ihnen sagt, oft die, deren Eltern nicht mit dem Einsatz von Macht arbeiten, sondern eine warme und sichere Beziehung zu ihnen entwickelt haben. Ihre Eltern behandeln sie mit Respekt, verwenden so wenig Kontrolle wie möglich und legen Wert darauf, Gründe und Erklärungen für das, worum sie bitten, zu liefern.
In einer klassischen Studie unterschieden die Forscher zwischen der Art Mutter, die sensibel, tolerant und kooperativ ist, und der, die davon ausgeht, dass sie „jedes Recht hat, mit ihrem Kind zu tun, was sie will, ihm ihren Willen aufzwingt, es nach ihren Vorstellungen formt und es willkürlich unterbricht, ohne seine Bedürfnisse, Wünsche oder das, was es gerade tut, zu berücksichtigen“. Und siehe da, die Mütter der ersten Kategorie – die weniger stark auf Kontrolle setzten – waren es, deren kleine Kinder eher dazu neigten, zu tun, was ihnen gesagt wurde.7
In einer zweiten Studie war die Wahrscheinlichkeit, einer bestimmten Aufforderung Folge zu leisten, bei den Zweijährigen am höchsten, deren Eltern „sehr klar sagten, was sie wollten, sich jedoch nicht nur die Einwände ihrer Kinder anhörten, sondern darüber hinaus noch auf eine Weise, die Respekt für die Autonomie und Individualität der Kinder ausdrückte, darauf eingingen“8.
Eine dritte Studie erhöhte quasi das Risiko, indem sie sich auf Vorschulkinder konzentrierte, die als besonders aufsässig galten. Einige ihrer Mütter wurden gebeten, so mit den Kindern zu spielen, wie sie es gewöhnlich taten, während die anderen aufgefordert wurden, „sich auf jede Beschäftigung einzulassen, die das Kind wählte, und die Art und Regeln der Interaktion vom Kind bestimmen zu lassen“. Sie wurden gebeten, dem Kind nichts zu befehlen, es nicht zu kritisieren und nicht zu loben. (Beachten Sie, dass auch Loben neben anderen Formen der Manipulation eingeschlossen wurde.) Nach dem Spiel richteten die Mütter auf die Bitte der Versuchsleiter an ihre Kinder eine Reihe von Aufforderungen, die mit dem Wegräumen der einzelnen Spielsachen zu tun hatten. Das Ergebnis: Die Kinder, über die weniger Kontrolle ausgeübt worden war – das heißt diejenigen, die mehr über ihr Spiel hatten bestimmen dürfen –, neigten mehr dazu, die Anweisungen ihrer Mütter zu befolgen.9
So bemerkenswert diese Versuchsergebnisse auch sein mögen – die Probleme, die mit traditioneller, auf Kontrolle beruhender Erziehung verbunden sind, werden noch deutlicher, wenn wir uns ansehen, was Kinder tun, nachdem der Erwachsene das Zimmer verlassen hat. Ein Forscher fragte sich nicht nur, welche Kleinkinder wohl eine Bitte, etwas zu tun (aufzuräumen), befolgen würden, sondern auch, welche Kinder die Bitte, etwas nicht zu tun (nämlich mit bestimmten Spielsachen zu spielen), befolgen würden, wenn sie alleine im Raum wären. Die Antwort auf beide Fragen war dieselbe: Die Kinder, die sich nach den Anweisungen richteten, waren die, deren Mütter sie im Allgemeinen unterstützten, liebevoll waren und gewaltsame Kontrolle vermieden.10
Es gibt noch viel mehr Beweismaterial. Zwei Psychologen untersuchten, was die aufrichtige, „engagierte“ Folgsamkeit im Gegensatz zur widerwilligeren, „situationsbezogenen“ Folgsamkeit fördert. Zwei andere wollten wissen, was ein Kind dazu bewegt, die Anweisungen eines Erwachsenen, der nicht seine Mutter oder sein Vater ist, zu befolgen.11 In beiden Fällen waren die Ergebnisse besser, wenn Kinder bei Eltern aufwuchsen, die sie mit Respekt behandelten und auf sie eingingen, als bei solchen, die den Schwerpunkt auf Kontrolle legten.
Ein Grund, weshalb ein strenger, autoritärer Erziehungsstil meist nicht besonders gut funktioniert, ist, dass wir unsere Kinder letzten Endes nicht steuern können – jedenfalls nicht dort, wo es darauf ankommt. Es ist sehr schwierig, ein Kind dazu zu bewegen, dieses Lebensmittel statt jenem zu essen oder hierhin statt dorthin zu pinkeln, und es ist einfach unmöglich, ein Kind zu zwingen, einzuschlafen, mit dem Schreien aufzuhören, uns zuzuhören oder zu respektieren. Diese Dinge sind für Eltern am anstrengendsten, eben weil wir hier an die natürlichen Grenzen dessen stoßen, was ein Mensch einem anderen aufzwingen kann. Besonders bei Säuglingen und dann wieder bei Jugendlichen erweist sich das Ziel der Kontrolle letztlich als Illusion.12 Doch leider hindert uns das nicht, neue, schlauere oder gewaltsamere Strategien auszuprobieren, um Kinder zum Gehorchen zu bewegen. Und wenn diese Methoden versagen, wird das oft als Beweis dafür angesehen, dass … noch mehr davon nötig sei.
Gegensätzliche Extreme
Es hat etwas Paradoxes, dass gerade die Eltern, denen das Kontrollieren ihrer Kinder am wichtigsten ist, letztlich oft am wenigsten Kontrolle über sie haben. Doch das ist noch nicht alles. Viel bedeutender ist die Tatsache, dass dieser machtzentrierte Ansatz nicht nur ineffektiv ist, sondern auch furchtbaren Schaden anrichtet, selbst wenn er zu funktionieren scheint. Wie der verstorbene Thomas Gordon, Begründer des Parent Effectiveness Training, einmal zu mir sagte: „Eine autokratische Umgebung macht die Menschen krank.“
Natürlich werden nicht alle Menschen auf die gleiche Art krank. Psychotherapeuten haben schon lange erkannt, dass eine einzige Ursache zu ganz unterschiedlichen Ergebnismustern führen kann. So setzen manche Menschen, die Zweifel an ihrem eigenen Wert haben, sich ständig selbst herab und verhalten sich unsicher, während andere mit den gleichen Zweifeln arrogant und selbstgefällig wirken, weil sie offenbar versuchen, ihr geringes Selbstwertgefühl durch ihr Auftreten auszugleichen. Diese anscheinend gegensätzlichen Persönlichkeiten können demselben Ursprung entstammen.
Ähnlich verhält es sich bei Kindern, deren Eltern auf absoluter Kontrolle bestehen. Manche dieser Kinder werden übermäßig folgsam, andere übermäßig aufsässig. Betrachten wir beide Reaktionen nacheinander.
Viele Eltern träumen davon, Kinder zu haben, die stets tun, was man ihnen sagt, doch wie ich schon in der Einleitung erläutert habe, ist es eigentlich kein gutes Zeichen, wenn Kinder durch Einschüchterung zum Gehorsam bewegt werden. Bei Erwachsenen machen wir uns über „Ja-Sager“, die immer derselben Meinung sind wie ihr Chef, lustig – wie kommen wir dann auf den Gedanken, „Ja-Sager-Kinder“ wären ideal?
1948 wurde in der Zeitschrift Child Development eine der ersten Studien zu diesem Thema veröffentlicht. Das Ergebnis der Studie war, dass Kinder im Vorschulalter, deren Eltern starke Kontrolle über sie ausübten, dazu neigten, „ruhig zu sein, sich gut zu benehmen und sich nicht aufzulehnen“. Jedoch interagierten sie nur wenig mit anderen Kindern, und es schien ihnen an Neugier und Originalität zu mangeln. „Autoritäre Kontrolle… führt zu Konformität, jedoch auf Kosten der persönlichen Freiheit“, schloss der Forscher aus seinen Beobachtungen.13
Über vier Jahrzehnte später erschien in derselben Zeitschrift eine Studie an rund 4100 Jugendlichen. Wieder lautete das Ziel der Studie, das psychische und soziale Wohlergehen dieser Jugendlichen zu untersuchen und dies dazu in Bezug zu setzen, wie sie erzogen wurden. Es stellte sich heraus, dass diejenigen, die autoritäre Eltern hatten, oft ein hohes Maß an „Gehorsam und Übereinstimmung mit den Erwartungen der Erwachsenen“ aufwiesen. Jedoch fügten die Forscher hinzu: „Diese Jugendlichen scheinen einen Preis hinsichtlich ihres Selbstbewusstseins bezahlt zu haben – sowohl, was ihr Selbstvertrauen angeht, als auch im Hinblick darauf, wie sie ihre eigenen sozialen und akademischen Fähig keiten wahrnehmen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Gruppe junger Menschen zum Gehorsam gezwungen wurde.“14
Übermäßige Folgsamkeit ist also eine mögliche Folge übermäßiger Kontrolle. Jedoch treibt derselbe Erziehungsstil manche Kinder auch in das andere Extrem – dazu, dass sie sich gegen alles und jedes auflehnen. Ihr Wille, ihr Urteilsvermögen, ihr Bedürfnis, etwas Selbstbestimmung über ihr Leben zu haben, sind unterdrückt worden, und sie können nur dadurch ein Gefühl von Autonomie wiederbekommen, dass sie sich übermäßig viel auflehnen.
Wenn wir Kinder dazu bringen, sich machtlos zu fühlen, weil wir sie zwingen, sich unserem Willen zu unterwerfen, löst das oft heftige Wut aus, und nur weil diese Wut in dem Augenblick nicht zum Ausdruck gebracht werden kann, bedeutet das nicht, dass sie verschwindet. Was mit der Wut geschieht, hängt von der Persönlichkeit des Kindes und den genauen Umständen ab. Manchmal kommt es zu weiteren Gefechten mit den Eltern. Wie die Autorin Nancy Samalin bemerkt: „Selbst wenn wir ‚gewinnen‘, verlieren wir. Wenn wir Kinder durch Gewalt, Drohungen oder Strafen zum Gehorchen bewegen, fühlen sie sich hilflos. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit können sie nicht ausstehen, daher provozieren sie eine weitere Konfrontation, um zu beweisen, dass sie noch eine gewisse Macht haben.“15 Und von wem lernen sie, diese Macht zu benutzen? Von uns. Ein autoritärer Erziehungsstil macht sie nicht nur wütend, sondern lehrt sie auch, diese Wut gegen andere Menschen zu richten.16
Es kann passieren, dass solche Kinder ständig das Bedürfnis verspüren, Autoritätsfiguren eine lange Nase zu machen. Manchmal bringen sie die ganze Feindseligkeit mit in die Schule oder auf den Spielplatz. (Studien lassen darauf schließen, dass Kinder stark kontrollierender Eltern – sogar Kinder, die erst drei Jahre alt sind – besonders dazu neigen, sich Gleichaltrigen gegenüber störend und aggressiv zu verhalten, woraufhin diese vielleicht nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen.17 Natürlich ist eine solche erzwungene Isolation nicht gut für ihre Entwicklung.)
Es kommt auch vor, dass ein Kind Angst hat, sich offen aufzulehnen, jedoch einen Weg findet, es hinter dem Rücken seiner Eltern zu tun. Ein autoritärer Erziehungsstil kann dazu führen, dass die Kinder sich so gut benehmen, dass die ganze Nachbarschaft die Eltern darum beneidet. Doch oft haben diese Kinder nur gelernt, ihr Fehlverhalten, das bisweilen erschreckend bösartig sein kann, besser zu verbergen. Nach außen hin scheinen sie perfekt zu sein, doch in Wirklichkeit führen sie ein „Doppelleben“, wie ein Therapeut es formuliert hat: „Die Kontrolle der Erwachsenen und ihre Machtausübung (machten es) nötig, eine Art Doppelleben zu etablieren – eines, zu dem die Eltern zugelassen waren, und eines, von dem sie möglichst nichts wissen sollten.“18 Solche Kinder können ein erhöhtes Risiko haben, diverse psychische Störungen zu entwickeln. Auch können sie große Angst vor den Menschen entwickeln, die sie so behandelt haben, und sich dauerhaft von ihnen entfremden. Ähnlich wie eine an Bedingungen geknüpfte Liebe kann eine starke Kontrolle manchmal auf kurze Sicht zu Erfolgen führen, jedoch um den Preis, dass unsere Beziehung zu unseren Kindern im Lauf der Zeit schwer geschädigt wird.
Eine Mutter berichtete in einem Online-Diskussionsforum von einem verblüffenden Erlebnis. Sie erzählte, wie sie die Weihnachtsfeiertage einmal bei den Verwandten ihres Mannes verbracht habe, die mit strenger Disziplin erzogen worden waren und ihre Kinder nun ebenso erzogen. Während der Feiertage erzählten sie Geschichten über ihre diversen Jugendstreiche. „Diese wohlerzogenen, regelmäßig disziplinierten, höflichen Kinder verwandelten sich jedes Mal, wenn ihre Eltern ihnen den Rücken zuwandten, in wilde Rowdys“, berichtete sie. „Sie taten Dinge, die mir nie eingefallen wären.“ Auf ihrer Seite der Familie habe es dagegen „nie einen Verhaltensplan gegeben, ein Bonus- oder Bestrafungssystem, Stubenarrest, eine Tracht Prügel oder ein Wegnehmen von Vergnügungen“. Und ebenso wenig, beteuert sie, habe es ernsthaftes Fehlverhalten gegeben.
Damit will ich nicht sagen, man müsse sich immer gleich Sorgen machen, wenn ein Kind sich auflehnt. Ein gewisses Maß an Nein-Sagen ist völlig normal und gesund, vor allem im Alter von etwa zwei oder drei Jahren und dann wieder im frühen Teenageralter. Vielmehr meine ich hier ein übertriebenes, reaktives Sich-Auflehnen, das länger andauert und tiefer geht. Solche Kinder sind der lebende Beweis dafür, dass ein Erziehungsstil, der vor allem Gehorsam zum Ziel hat, oft sogar nach seinen eigenen Maßstäben versagt, ganz abgesehen davon, dass er eine Menge weiterer Probleme schafft.
Was ist die Alternative dazu, übermäßig folgsam zu sein oder sich übermäßig viel aufzulehnen? Was kennzeichnet solche Kinder? Wenn sie von ihren Eltern – und später auch von anderen Leuten – um etwas gebeten werden, sagen sie manchmal ja und manchmal nein und fühlen sich weder gezwungen, die Bitte zu befolgen, noch sich dagegen aufzulehnen. Oft tun sie das, worum man sie bittet, vor allem wenn sie den Eindruck haben, dass es vernünftig oder demjenigen, der die Bitte äußert, sehr wichtig ist. Mit einiger Wahrscheinlichkeit sind dies die Kinder von Eltern, die eine gute Vertrauensgrundlage aufgebaut haben, indem sie sie mit Respekt behandeln, ihre Bitten begründen und unrealistische Erwartungen an den Gehorsam der Kinder vermeiden. Solche Eltern haben sich mit der Tatsache angefreundet, dass ihre Kinder sich behaupten, indem sie sich ab und zu auflehnen, und sie überreagieren nicht, wenn dies geschieht.
Zu viel essen, weniger Freude an dem, was man tut – und andere Folgen von Kontrolle
In Kapitel 2 habe ich die Auswirkungen eines an Bedingungen geknüpften Selbstwertgefühls geschildert und die Arbeiten der an der Universität Rochester tätigen Psychologen Richard Ryan und Edward Deci erwähnt. (Deci war auch an der Studie an Hochschulstudenten beteiligt, bei der diverse negative Folgen eines an Bedingungen geknüpften Erziehungsstils festgestellt wurden.) Diese beiden Forscher sowie ihre Mitarbeiter und ehemalige Studenten haben im Lauf der vergangenen Jahrzehnte Beweismaterial dafür zusammengetragen, dass es meist ungünstige Folgen hat, wenn sich Menschen verschiedenen Alters kontrolliert fühlen, ganz gleich, ob die Kontrolle durch Strafen, Belohnungen, durch eine an Bedingungen geknüpfte Liebe, durch offenen Zwang oder andere Mittel erreicht wird.
Im Hinblick auf die Erziehung von Kindern haben sie festgestellt, dass je stärker sich Kinder eingeschränkt und kontrolliert fühlen, umso höher die Wahrscheinlichkeit „offenen Widerstands gegen das, was Sozialisieret fördern wollen“, ist – und umso instabiler ist meist auch die Identität oder das Selbstgefühl des Kindes.19 Betrachten wir noch einmal die Studie an Hochschulstudenten. Warum richtete es solchen Schaden an, wenn sie von ihren Eltern die Botschaft „Ich liebe dich nur, wenn du…“ zu hören bekamen? Weil diese Botschaft dazu führte, dass sie sich von innen kontrolliert fühlten. Sie wuchsen mit dem Gefühl auf, sie müssten sich auf eine bestimmte Weise verhalten – oder Erfolg haben –, um ihren Eltern zu gefallen und letztlich um mit sich selbst zufrieden sein zu können. Die zentrale Formulierung in dem Satz ist sie müssten: Sie fühlten sich psychologisch gesehen nicht frei, anders zu handeln.
Eine Verinnerlichung des Drangs, sich gut zu benehmen, hart zu arbeiten oder sonst etwas zu tun, um Mama oder Papa zu gefallen, ist nichts Gutes, wenn man nicht das Gefühl hat, dass das Handeln einer echten Entscheidung entspringt. Und laut dieser Studie war das bei den Hochschulstudenten nicht der Fall. Diejenigen, die glaubten, ihre Eltern liebten sie nur unter bestimmten Bedingungen, neigten viel eher zu der Aussage, ihr Handeln beruhe oft mehr auf einem „starken inneren Druck“ als auf „dem Gefühl, wirklich eine Entscheidung getroffen zu haben“. Sie äußerten auch, dass ihr Glücksgefühl über einen Erfolg gewöhnlich nur von kurzer Dauer sei, ihre Meinung über sich selbst stark schwanke und dass sie sich oft schuldig fühlten oder schämten.20
Deci und Ryan sind der Überzeugung, dass Kinder nicht nur mit bestimmten grundlegenden Bedürfnissen einschließlich des Bedürfnisses, in einem bestimmten Maß selbst über ihr Leben bestimmen zu können, geboren werden, sondern auch mit der Fähigkeit, Entscheidungen auf eine Weise zu treffen, die ihren Bedürfnissen entspricht; sie verfügen über ein „Gyroskop natürlicher Selbstregulierung“. Wenn wir Kinder übermäßig kontrollieren – etwa indem wir ihnen Belohnungen und Lob dafür anbieten, dass sie tun, was wir wollen –, beginnen sie von externen Steuerungsquellen abhängig zu werden. Das Gyroskop gerät ins Wanken und sie verlieren ihre Fähigkeit der Selbstregulierung.21
Darmowy fragment się skończył.