Czytaj książkę: «Heart to heart»

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eISBN 978-3-649-63770-7

© 2020 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugweise

Text: Alexia Meyer-Kahlen

Umschlaggestaltung: Frauke Maydorn, unter Verwendung

einer Fotografie von Janis Jean Fotografie

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

www.coppenrath.de

Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-63214-6.

Alexia Meyer-Kahlen

ZUSAMMEN SIND WIR FREI

Nach Motiven der Geschichte von Lisa Röckener

und ihrem Pferd Vite Valoo


Inhalt

NEUE WEGE

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

VON HERZ ZU HERZ

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

ZUSAMMEN SIND WIR FREI

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

MEIN NAME IST LISA RÖCKENER,

ich bin 25 Jahre alt und darf Teil dieser Geschichte sein. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen und bin direkt tief in der Geschichte versunken.

Ich hatte eine tolle Kindheit und habe sportlich gesehen schon in jungen Jahren viele Dinge erleben dürfen. Bis ein Sturz kam, der mein Leben veränderte. Ich hatte schon immer eine gute Bindung zu meinen Pferden – dachte ich! Allerdings habe ich durch meinen mittlerweile besten Freund und Sportskameraden »Vite Valoo« gelernt, was eine echte Bindung ist und wie viel weiter ich auf einer ganz anderen Ebene kommen kann. Nach dem Sturz waren meine Motivation und auch meine Kraft weg, um erneut im Sport Fuß fassen zu können. Durch Valoo und einen ganz anderen Blickwinkel, eine tolle Familie und ein Quäntchen Glück nahm das Schicksal dann seinen Lauf. Vielleicht waren wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort oder haben uns einfach auf einen neuen Weg eingelassen, den wir bislang immer nur im Schatten wahrgenommen haben. Er wurde überdeckt von dem Ziel, immer weiter und höher reiten zu wollen. Bessere Platzierungen, schwierigere Prüfungen. Doch es sollte nicht sein … und das war gut so!

Ich könnte mir kaum einen schöneren und spannenderen Weg vorstellen als den jetzigen. Wir durchlaufen Höhen und Tiefen, lachen, weinen und strahlen zusammen um die Wette. Wir dürfen unser Resultat der täglichen Arbeit vor Tausenden Menschen in Shows auf den Bühnen der Welt zeigen und dabei viele tolle Menschen kennenlernen. Ich darf die Menschen auf meinen Social-Media-Accounts mitnehmen und ihnen meine Welt präsentieren.

Das Besondere an unserer Arbeit ist die Verknüpfung zwischen Horsemanship, der Freiarbeit und dem Turniersport. Mir liegt der Sport immer noch sehr am Herzen – ich betrachte ihn lediglich aus einer ganz anderen Sicht. Ich bin weiterhin bereit, meine Sicht zu ändern und neue Positionen einzunehmen. Das ist, glaube ich, eine Sache, die wir Menschen uns öfter erlauben sollten. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß im Turniersport oder beim Horsemanship zu sehen. Beides hat unterschiedliche Facetten – wie so vieles Leben, und es ist unsere Aufgabe, die richtigen für uns herauszupicken. Und: Wir sollten uns mehr an die eigene Nase fassen und aufhören, uns durch das Kleinreden von anderen selber größer zu fühlen. Wir alle lieben die Pferde und den Pferdesport mit all seinen tollen Sparten. Wenn wir zusammenhalten und offen dafür sind, voneinander zu lernen, können wir unseren Partnern und uns selber das Beste geben.

Beim Lesen dieses Buchs war ich selbst total gerührt und habe ziemlich oft mich und meine Familie in dem Buch wiedererkannt. Die Geschichte hat unsere Geschichte in abgewandelter Form unglaublich gut widergespiegelt und mich mit ihren Höhen und Tiefen total in ihren Bann gezogen.

Viel Spaß beim Lesen!

Eure Lisa


NEUE WEGE
1.

Paula griff in ihr Regal, in dem die Bandagen fein säuberlich aufgerollt und nach Farben sortiert nebeneinandergestapelt waren. Sie brauchte die weißen, auf jeden Fall zwei Paar, dann hatte sie für die Springprüfung noch einen Ersatz, bevor im Gelände dann die weißen Gamaschen draufkamen. Bogart sollte nicht nur durch Leistung glänzen, sondern auch durch ein tadelloses Aussehen, das war ihr einfach wichtig. Sie blickte auf die getippte Packliste, die in einer Klarsichthülle innen an ihrer Spindtür hing. »Schabracken« kam als Nächstes.

Als sie noch überlegte, ob sie die dünneren aus Baumwolle oder doch lieber die gepolsterten nehmen sollte, schlenderte ihr sechzehnjähriger Bruder Johannes in den elterlichen Stall.

»Na, Schwesterchen, mal wieder im Organisations-Overkill?«, feixte er mit Blick auf die ordentlichen Stapel, die Paula auf Bogarts Pferdedecke vor sich auf dem Boden ausgebreitet hatte.

Sie entschloss sich, nicht auf die Sticheleien ihres älteren Bruders zu reagieren, und warf einen verachtungsvollen Blick in seine Ecke der Sattelkammer, in der Chaos pur herrschte.

Johannes fing ihren Blick auf und zuckte lässig mit den Schultern. »Genies überblicken eben das Chaos.«

Das Geplänkel gehörte irgendwie zu Paula und Johannes Lippold dazu. Auch wenn ihre Ausrichtungen sehr verschieden waren – Paula als ehrgeizige Turnierreiterin im Vielseitigkeitssport und Johannes als Freigeist, der mit seinem Pferd am liebsten auf einem Westernsattel stundenlang durchs Gelände streifte –, zogen sie umso mehr an einem Strang, wenn es um Pferde ging. Von Kindesbeinen an waren sie mit Pferden auf dem elterlichen Hof vertraut, auf dem zurzeit sechs von ihnen standen – die beiden alten Friesen Aaron und Caius, die ihre Eltern als Kutschpferde nutzten, Paulas Hannoveranerwallach Bogart, Johannes’ Quarterhorse Easy Joe sowie Kaya und Shirkan, die beiden alten Reitponys der Kinder, die ihr Gnadenbrot bekamen. Entsprechend waren die Abende, an denen am Esstisch im Hause Lippold nicht über Pferde geredet wurde, äußerst selten. Mit Unterstützung ihrer Eltern sowie viel persönlichem Einsatz hatte Paula sich über Ponyspiele, Führzügelwettbewerbe und erste Turniererfolge in Reiterprüfungen mit Bogart bis zu Prüfungen der Klasse M hochgearbeitet, die sie jetzt auf Turnieren bestritt. Doch das war für sie erst der Anfang.

Sie wollte sich gerade wieder ihrer Packliste zuwenden, als sie Johannes fluchen hörte: »Mist, hast du irgendwo mein Bodenarbeitsseil gesehen? Ich hätte schwören können, dass ich es vorgestern am Knotenhalfter drangelassen habe, aber irgendwie ist es jetzt … einfach weg.«

Ratlos blickte er seine jüngere Schwester an, die sich ein überhebliches Grinsen nicht verkneifen konnte. Sie wusste genau, was jetzt kam. Und schon murmelte Johannes zerknirscht: »Kannst du mir vielleicht suchen helfen?«, und schenkte ihr seinen treuherzigsten Augenaufschlag.

An dieser Stelle hielt sie ihm für gewöhnlich erst mal einen kurzen Vortrag über die Tugenden der Ordnung und Selbstdisziplin, die sie selbst in Perfektion verwirklicht hatte, bevor sie ihm half, in seinem Durcheinander zu finden, wonach er schon wieder suchte. Doch heute war ihr nicht danach, die Fopperei mit ihrem Bruder weiterzuführen. Auch wenn die Qualifikationsprüfung für den Jugend-Perspektivkader erst in drei Tagen stattfand, konnte Paula schon jetzt eine innere Anspannung fühlen. Zu viel stand auf dem Spiel. Wenn sie es schaffte, in den Kader zu kommen, war sie ihrem großen Traum, einmal bei den Olympischen Spielen als Vielseitigkeitsreiterin dabei zu sein, ein großes Stück näher gekommen. Sie wusste, sie hatte das Zeug dazu – sowohl reiterlich wie auch in ihrem 12-jährigen Bogart.

»Schwesterherz?«, unterbrach Johannes ihre Gedanken.

»Räum dein Zeug weg, wenn du es benutzt hast, dann musst du nicht ständig was suchen«, schoss es aus Paulas Mund. Überrascht riss Johannes die Augen auf.

Auch Paula war für einen Moment erschrocken über die Schärfe in ihrer Stimme. »Sorry«, schickte sie gleich hinterher. »Weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Komm, ich helfe dir suchen.«

»So genervt kenne ich dich gar nicht«, schüttelte Johannes den Kopf. »Und dann schon drei Tage vorher das ganze Turnierzeug einzupacken, ist auch nicht normal. Ist es wegen Warendorf?«

Paula entfuhr ein unwillkürlicher Seufzer. »Ich mache mich irgendwie total verrückt.«

»Mensch, kleine Schwester«, versuchte Johannes sie zu beruhigen. »Du hast doch noch alle Zeit der Welt, auf dem Treppchen zu stehen. Vielleicht musst du einfach mal ein bisschen loslassen und entspannen. Nicht immer alles bis ins Letzte kontrollieren wollen.«

»Wenn ich nicht alles unter Kontrolle habe, kommen Bogart und ich nirgendwohin!«, rutschte Paula heraus.

Johannes blickte seine jüngere Schwester einen Moment nachdenklich an. »Vielleicht gerade?«

Paula schüttelte den Kopf. »Du verstehst das nicht, Johannes. Du bist einfach anders. Für Deutschland in der Vielseitigkeit zu starten ist mein Leben. Wenn ich jetzt in den Jugend-Perspektivkader komme, sitze ich im Zug, verstehst du? Dann muss ich nur noch schauen, dass ich mein Level immer weiter nach oben verschiebe, und bin da. Am Ziel all meiner Träume.«

»Ich weiß nicht«, sinnierte Johannes. »Ich gönne es dir ja, aber weißt du, was das für ein Druck ist? Immer Bestleistung bringen zu müssen? Da sind schon ganz andere dran zerbrochen.«

Paula presste die Zähne aufeinander. Zerbrechen war für sie keine Option.

2.

Machst du heute noch was oder lässt du Bogart stehen?

Paula las die Textnachricht ihrer Reiterfreundin Anne, als sie gerade aus der Haustür trat, um Bogart aus seiner Box zu holen.

Freundin war eigentlich das falsche Wort, denn auf den Turnieren, wo sie sich regelmäßig trafen, waren sie erbitterte Konkurrentinnen. Mit ihrem Fuchs Furioso war die gleichaltrige Anne ähnlich ambitioniert wie Paula und auch sie stand auf der Auswahlliste für den Kader.

Weiß nicht, was machst du?, textete Paula zurück. Eigentlich hatte sie ihrem Pferd heute einen Ruhetag gönnen wollen, bevor es morgen nach Warendorf zum Bundesstützpunkt des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei, kurz DOKR, ging. Bogart war für die Kader-Qualifikationsprüfung top in Form, und es tat seiner Kraft sicher besser, den Tag heute einfach auf der Weide zu verbringen, als noch mal irgendwelche Lektionen abzurufen oder einen Parcours zu springen.

Ich glaube, ich lasse Furioso noch mal über ein paar Geländesprünge gehen, sonst wird der mir zu gechillt, textete Anne jetzt zurück.

Paula zögerte einen Moment. Da war sie wieder, diese innere Anspannung, die ihren Magen zusammenkrampfen ließ und ihren Herzschlag in die Höhe trieb.

Ich auch, schrieb sie schnell zurück. Wollte Bogart noch mal über unsere festen Sprünge auf der Wiese nehmen, dann bleibt er schön knackig.

Einen kurzen Moment ärgerte sie sich darüber, was sie Anne geantwortet hatte. Eigentlich war der Tag so geplant gewesen, dass sie heute Morgen Bogarts Mähne und Schweif waschen und ihn einflechten wollte und am Nachmittag mit ihren Eltern und deren Friesengespann auf eine Kutschfahrt gehen würde. Es gab für Paula nichts Entspannenderes, als neben ihrem Vater auf dem Kutschbock zu sitzen und die Welt einfach an sich vorbeiziehen zu lassen.

Sie seufzte. Daraus wurde dann wohl nichts. Aber wahrscheinlich hatte Anne recht, und es war gut, die Pferde im Training zu halten. Ausruhen konnten sie sich nach der Quali noch genug.

Beim gemeinsamen Mittagessen drehte sich alles um die bevorstehende Qualifikationsprüfung. Paulas Vater war von Beruf Hufschmied, und wenn seine Tochter ein wichtiges Turnier hatte, legte er seine Kundentermine immer so, dass er Paula und ihr Pferd begleiten konnte.

»Alles gepackt, mein Schatz?«, meinte er jetzt und nahm sich einen ordentlichen Schlag Kartoffelsuppe.

»Schon vorgestern«, versuchte Johannes seine Schwester aufzuziehen, doch ein Blick von Paula brachte ihn zum Schweigen.

»Bogart sieht wunderschön aus«, bemerkte ihre Mutter. »Vielleicht könntest du ihm den Schweif noch etwas kürzen, meinst du nicht?«

Paula nickte und schob ihren vollen Teller zur Seite.

»Komm, komm, du musst doch was essen«, protestierte ihr Vater jetzt.

»Ich kann nicht, bin zu nervös«, gab Paula zurück.

»Die Kutschfahrt wird dir gleich richtig guttun«, schaltete sich ihre Mutter wieder ein. »Papa und ich haben eine neue Route, die geht eine Stunde nur durch den Wald. Du wirst sehen, danach kommt auch dein Appetit zurück.«

Paula zögerte, dann stieß sie schnell hervor: »Ich komme nicht mit. Ich wollte Bogart noch mal über die festen Sprünge auf der großen Wiese gehen lassen.«

»Was soll das denn?«, runzelte ihr Vater die Stirn. »Wir hatten doch abgesprochen, dass du ihn heute stehen lässt.«

»Kind, damit machst du deine Nervosität sicher nicht besser«, fügte ihre Mutter hinzu.

Paula wandte ihren Blick Hilfe suchend Richtung Johannes, doch auch der schüttelte langsam den Kopf. »Keine gute Idee, Schwesterherz. Du springst den nur sauer.«

»Aber Anne macht das auch«, protestierte Paula hilflos.

»Ach, daher weht der Wind«, warf ihre Mutter sofort ein. »Anne trainiert heute noch mal, also musst du auch trainieren. Die erzählt dir das doch nur, damit du dein Pferd müde reitest und sie morgen abräumen kann.«

Paulas Magen zog sich noch mehr zusammen. Sie hasste es, wenn das Gespräch auf Anne kam und ihre Mutter so reagierte. Und vielleicht hatte sie ja noch nicht mal ganz unrecht. Paula wusste oft nicht, woran sie bei der ehrgeizigen Anne war. Aber vielleicht war es ja doch so, dass sie Furioso heute noch mal sprang, und dann war er morgen vielleicht den Hauch besser, der über Platz oder Sieg entschied.

»Ich habe das für mich so beschlossen«, gab sie mit betont fester Stimme zurück. »Ich nehme Bogart nur mal über ein paar Baumstämme, ganz locker, damit er elastisch bleibt.«

Ihre Mutter schüttelte resigniert den Kopf. »Den Dickkopf hast du von deinem Vater.«

»Paula, du bist alt genug, um deine eigenen Entscheidungen zu treffen«, schaltete sich dieser nun ein. »Und du musst deine Prüfungen selbst reiten. Ich persönlich würde dir davon abraten, aber tu, was du meinst, tun zu müssen. Mama und ich machen unsere Kutschfahrt auf jeden Fall. Um zwei geht es los, wenn du es dir noch anders überlegst.«

»Danke, Papa, aber ich weiß echt, was ich tue«, meinte Paula. Aber irgendwie klang ihre Stimme nicht so überzeugt, wie sie es gerne gehabt hätte.

Bogart war ein angenehmes Pferd, das ohne Zögern die Leistung brachte, die man von ihm verlangte. Nachdem Paula ihn mit ein paar Biegungen und Seitengängen im Schritt, im leichten Trab und Galopp aufgewärmt hatte, ließ sie ihn zuerst locker über einzelne Natursprünge gehen. Aus verschieden dicken Stämmen und Stangen, Reisern und Strohballen hatte sie zusammen mit ihrem Vater und Johannes auf der großen Wiese einen Parcours aufgebaut, damit sie auch für den Geländeteil der Vielseitigkeitsprüfungen zu Hause ein wenig trainieren konnte. Bogart nahm die Hindernisse elastisch und in den Kombinationen war sein Gefühl für Distanzen tadellos.

Jetzt einmal den ganzen Parcours durchspringen. Er lief wie ein Uhrwerk.

Eigentlich ist es echt nicht nötig gewesen, dachte Paula. Wie schön wäre es jetzt, stattdessen auf der Kutsche zu sitzen und entspannt durch den Frühlingswald zu zockeln. Sie beschloss, zum Abschluss noch mal den dicken Baumstamm zu nehmen und ihr Pferd dann wirklich in Ruhe zu lassen.

War es eine Unachtsamkeit des Pferdes oder der Reiterin? Der zu frühe Absprung, den Paula überrascht wahrnahm, als sie schon über dem Sprung waren, oder eine Ermüdungserscheinung bei Bogart, dass er die Beine nicht mehr richtig hob? Alles ging so irre schnell, und bevor Paula wusste, wie ihr geschah, drehte sich das Unterste zuoberst, sie wurde vom Pferd geschleudert und nahm aus den Augenwinkeln wahr, dass auch Bogart sich irgendwie überschlug. Dann knallte sie hart auf dem Boden auf.

Als sie die Augen öffnete, galt ihr erster Gedanke ihrem Pferd. Bogart hatte sich wieder aufgerichtet und stand mit hängendem Kopf und zerrissenem Zügel ein paar Meter von ihr entfernt.

Scheiße, Scheiße, Scheiße, schoss ihr durch den Kopf, und sie wollte sich ruckartig aufsetzen, um nach ihm zu sehen. Sofort schoss ein scharfer Schmerz durch ihren Kopf, ihr wurde schwindlig und übel. Paula musste sich wieder hinlegen.

Was sollte sie jetzt nur tun? Ihr Handy. Die Eltern waren noch unterwegs, aber vielleicht Johannes?

Mit übermenschlicher Konzentration zog sie ihr Telefon aus der Tasche und fand unter den Kontakten ihren Bruder, immer wieder unterbrochen durch Flimmern vor den Augen und einen stechenden Schmerz in ihrem Kopf. Schließlich gelang es ihr, den Ruf rauszusenden. Es klingelte und klingelte. Die Mailbox sprang an.

Als Paula versuchte, Johannes etwas draufzusprechen, lauschte sie verwundert dem Klang ihrer eigenen Stimme: nur einzelne krächzende Worte. Wieso hatte sie sich gerade nur so wenig im Griff?

Das ganze Ausmaß des Ereignisses traf sie plötzlich mit voller Wucht. Die Kader-Quali! Sie drehte den Kopf vorsichtig zur Seite und blickte wieder zu Bogart. Er belastete alle vier Beine gleichmäßig. Das war schon mal ein gutes Zeichen. Ein Ersatzzügel war schnell besorgt. Wenn nur ihr blöder Kopf nicht wäre. Der Schmerz kam jetzt in Wellen und raubte ihr fast das Bewusstsein.

Es konnte nichts Schlimmes sein, sie hatte doch eine Kappe getragen. Wenn der Familienarzt Dr. Kopp ihr ein gutes Schmerzmittel verschrieb, wäre sie schon wieder einsatzfähig.

Paula hatte jedes Gefühl für Zeit verloren, als sie plötzlich rennende Schritte wahrnahm und die Stimmen von Johannes und ihrem Vater. »Sieht aus, als wäre sie vom Pferd gestürzt. Schnell, ruf den Rettungswagen.«

Paula wollte protestieren: »Es ist doch nichts. Ich bin voll einsatzfähig«, doch aus ihrem Mund kam nur ein unzusammenhängendes Gebrabbel.

Was dann folgte, nahm sie nur durch einen Nebel wahr. Das Martinshorn, Sanitäter, die sie mit größter Vorsicht auf einer Bahre fixierten, ein Notarzt, der irgendwelche neurologischen Tests an ihr durchführte, und dann ging es mit Blaulicht ins Krankenhaus. Wieder endlose Tests und Untersuchungen, bis der Oberarzt schließlich Entwarnung gab. Die Wirbelsäule und der Schädel waren unverletzt.

»Du hast dir eine ordentliche Gehirnerschütterung zugezogen, kleine Schwester«, waren die ersten Worte, die sie wieder klar vernahm. Paula blickte in die besorgten Gesichter von Johannes und ihren Eltern, die sich um ihr Krankenbett versammelt hatten.

»Sie wollen dich noch bis morgen zur Beobachtung hierbehalten, dann kannst du wieder nach Hause«, fügte ihre Mutter hinzu.

Paula hörte gar nicht richtig hin. »Was ist mit Bogart?«, schoss es aus ihrem Mund.

»Der Tierarzt checkt die Beine noch mal gründlich durch, und die Osteopathin habe ich auch gleich angerufen, damit sie sich den Rücken anguckt. Aber für mich sieht es so aus, als wäre er noch mal mit einem blauen Auge davongekommen«, ließ ihr Vater jetzt hören. »Genau wie du.«

Paula stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Wo ist mein Handy?«

»Du hast jetzt erstmal handy- und pferdefrei. Der Arzt sagt, dass du dich ein paar Wochen schonen musst«, ermahnte sie ihre Mutter.

»Ein paar Wochen?«, rief sie aus. Sofort lief wieder eine Welle von Schmerz und Schwindel durch ihren Kopf. Paula versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und möglichst normal weiterzusprechen. Warum klang ihre Stimme nur so schleppend?

»Ich muss Anne anrufen und ihr sagen, dass es mir gut geht. Ich will auf keinen Fall, dass Horst Ernst und die Kader-Kommission denken, ich sei aus dem Rennen.«

»Ich würde mal sagen, du bist aus dem Rennen, kleine Schwester«, meinte Johannes. »Und komme jetzt bitte nicht auf die Idee, die Hans-Günther-Winkler-Halla-der-Ritt-meines-Lebens-Nummer abzuziehen.«

»Ich will keine Nummer abziehen, sondern einfach nur tun, was ich tun muss«, gab Paula zurück. Sie kniff die Augen zusammen, in der Hoffnung, das unangenehme Stechen auszuschalten, das vom Tageslicht in ihren Augen verursacht wurde. »Wenn Bogart okay ist und der Arzt mir irgendwas gegen diese blöden Schmerzen gibt, sehe ich kein Problem darin, in Warendorf an den Start zu gehen.«

»Es ist die Halla-Nummer«, wandte Johannes sich trocken an seinen Vater.

Frank Lippold ging erst gar nicht auf Paulas Worte ein und wandte sich an seinen Sohn: »Woher kennst du überhaupt die Geschichte von Hans Günther Winkler und seiner Halla? Das ist doch nun echt lange vor deiner Zeit.«

»Finde ich einfach cool, wie sie ihn damals in Stockholm fehlerlos durch den Parcours getragen hat, obwohl er komplett ausgeschaltet war«, zuckte Johannes mit den Schultern. »Wenn dein Pferd so was für dich tut … Respekt!«

»Hallo? Was redet ihr da?« In Paulas Stimme mischten sich Ärger und Verzweiflung. Sie wandte sich an ihre Mutter. »Mama, kannst du bitte mit dem Arzt reden, dass er mir was gibt und ich morgen reiten kann? Du weißt, was diese Qualifikation für mich bedeutet!«

»Das müssen wir gar nicht diskutieren«, gab ihre Mutter resolut zurück. »Du brauchst jetzt Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Ich rufe nachher im DOKR in Warendorf an und sage, dass du morgen nicht an den Start gehst.«

Da saß sie nun. »Du kannst alles tun, was deine Symptome nicht verschlimmert«, hatte ihr der Arzt bei der Entlassung mitgegeben. Sie durfte also draußen mit Familienhund Boomer spazieren gehen und Löcher in die Luft starren. Einmal am Tag besuchte sie Bogart auf der Weide, der gar nicht so traurig über die unverhoffte Pause zu sein schien.

Ihr Handy wurde ihr nur stundenweise von ihrer Mutter ausgehändigt, und wenn Paula ehrlich war, strengte es sie nach kurzer Zeit auch ziemlich an, sich auf die kleine Schrift zu konzentrieren. Oft schlief sie auf dem Sofa einfach ein.

Dafür lag sie nachts wach und starrte in die Dunkelheit. Wie sollte sie sich nun verhalten? Anne anrufen und hören, wie es gelaufen war und was man am Bundesstützpunkt über sie gesagt hatte? Doch der Gedanke, dass die Freundin nun vielleicht im Kader war, schien Paula unerträglich. Oder sollte sie direkt Horst Ernst, den Cheftrainer des Jugendperspektivkaders, anrufen und ihn fragen, ob sie noch eine Chance bekam? Doch was sollte sie ihm sagen? Ich bin bei einem einfachen Geländesprung vom Pferd gefallen?

Ehrlich gestanden wusste sie selbst gar nicht genau, was passiert war. Es schien, als sei Bogart irgendwie am Sprung hängen geblieben und habe sich überschlagen. Eigentlich hatten sie beide ein Riesenglück gehabt, dass ihnen nicht mehr passiert war. Paula versuchte, sich dazu zu bringen, es so zu sehen, doch irgendwie gelang es ihr nicht. Die Enttäuschung war einfach zu groß, dass die Tür, auf die sie so lange gestarrt hatte, sich wieder geschlossen hatte, als sie eben im Begriff war hindurchzugehen.

3.

Ich bin drin. Annes kurze Textnachricht platzte mitten in ihre nachmittägliche Döse- und Schlummerzeit. Paula hatte plötzlich das Gefühl, als würde in ihrem Magen ein Feuer brennen.

Sie sammelte sich einen Moment und textete zurück. Schön für dich. Herzlichen Glückwunsch.

Dann kam erst mal nichts. Sie starrte aufs Handy, als wolle sie es hypnotisieren.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schrieb Anne: Wie geht es dir?

Gut, tippte Paula zurück. Anne sollte bloß nicht denken, dass sie aus dem Feld geschlagen war. Wie war’s denn so?

Sofort kam zurück: Wann bist du wieder einsatzfähig? Ich habe gehört, wie Horst zum Assistenztrainer gesagt hat: Die kleine Lippold hätte ich gerne noch dabei.

Paula stockte der Atem, und sie ignorierte den Stich, dass Anne den Cheftrainer jetzt offenbar schon duzte.

Sofort tippte sie ins Handy: Ich bin einsatzfähig. Jetzt. Sofort.

Cool, textete Anne zurück. Horst meldet sich sicher bei dir. Es gibt noch eine Nachquali in drei Wochen.

Die Worte tanzten vor Paulas Augen und in ihrem Kopf: Nachquali in drei Wochen. Da war sie, ihre zweite Chance. Und sie würde sie ergreifen, egal, was irgendwer sagte.

Paulas Kopfschmerzen waren von Tag zu Tag besser geworden, und so staunte ihre Mutter nicht schlecht, als sie zehn Tage nach dem Unfall wieder in Reitsachen am Frühstückstisch saß.

»Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?«

»Ich muss Bogart wieder ins Training nehmen. Wir haben ja nur noch zwei Wochen, und ich kann förmlich zusehen, wie er jeden Tag mehr Muskeln abbaut.«

»Papa und ich haben deiner Teilnahme an dieser Nachqualifikation nur unter der Bedingung zugestimmt, dass dein Kopf wieder vollkommen in Ordnung ist.«

»Ist er«, gab Paula schnell zurück. Sie verschwieg, dass sie immer noch mit Übelkeit kämpfte, nachts schlecht schlief und dementsprechend tagsüber müde war.

»Ich würde das lieber erst noch mal mit Dr. Kopp abklären, ob du wirklich schon wieder reiten kannst. Du würdest mit einer Bänderzerrung am Sprunggelenk doch auch nicht gleich wieder Sport treiben.«

»Paula schon«, kam von Johannes, der gerade die große Wohnküche betrat. »Guten Morgen allerseits.«

»Mann, du nervst«, giftete Paula ihren Bruder an.

»Ich habe dich auch lieb«, gab Johannes grinsend zurück. »Was hältst du davon, wenn ich dein Olympiapferd einfach mal ein bisschen longiere. Ich kann ihn auch freispringen lassen. Dann hast du nicht so einen Stress mit dem Gesundwerden.«

Paula war hin- und hergerissen, was sie Johannes auf sein großzügiges Angebot antworten sollte. Sie spürte, dass sie von ihrer Konzentrationsfähigkeit und Reaktionszeit her noch nicht wieder die Alte war. Aber sie hatte nur noch knapp zwei Wochen, um sich und Bogart wieder in Topform zu bringen.

»Johannes kann Bogart doch heute einfach mal ein bisschen vom Boden aus arbeiten lassen, er hat ja jetzt zehn Tage gestanden. Und morgen setzt du dich drauf und beginnst, ihn wieder anzutrainieren«, schlug ihre Mutter vor.

Paula nickte langsam. »Okay, einverstanden.« Sie drückte den Arm ihres Bruders. »Danke, Jojo. Und sorry, dass ich dich vorhin so angepampt habe.«

»Dafür habe ich bei dir einmal Suchen gut«, gab Johannes grinsend zurück.

Ihr Bruder hatte Bogart einfach nur sein Stallhalfter angezogen und führte ihn an der Longe auf den Reitplatz. Paula und ihr Vater standen an der Umzäunung und sahen zu, wie er den Wallach im Schritt auf den Zirkel schickte. Bogart schnaubte entspannt ab.

Die tierärztliche Abklärung seiner Sehnen und Gelenke hatte nichts Auffälliges ergeben, und nachdem sie ein paar verklemmte Wirbel im hinteren Teil des Rückens gelöst hatte, erklärte auch die Osteopathin ihn wieder für uneingeschränkt leistungsfähig.

Nachdem er ein paar Runden Schritt gegangen war, ließ Johannes ihn antraben. Auch hier zeigte Bogart klare, elastische Gänge.

»Sieht alles super aus«, meinte ihr Vater.

Paula nickte. Warum hatte sie nur plötzlich so eine blöde Enge in der Brust?

Johannes wechselte die Hand und auch hier zeigte der Wallach einen klaren Trab. Paula entspannte sich allmählich und das Engegefühl klang ab.

»Lass ihn mal angaloppieren«, rief sie Johannes zu.

Dieser schnalzte und hob die Longierpeitsche. Das war wohl etwas zu viel für seine aufgestaute Energie, denn Bogart raste plötzlich wild buckelnd los, sodass Johannes ihn mit der Longe kaum auf der Kreisbahn halten konnte.

Im selben Augenblick hatte Paula das Gefühl, als schließe sich eine Eisenklammer um ihr Herz und nehme ihr die Luft zum Atmen. Ihr wurde schwindlig, ihr Herz begann wie verrückt zu rasen, und sie hatte das Gefühl, als müsse sie sich gleich übergeben.

»Der hat Dampf«, lachte ihr Vater neben ihr, doch Paula nahm ihn nur durch einen Nebel wahr. Sie war viel zu eingenommen von den intensiven Vorgängen in ihrem Körper. Das Schlimmste aber war die Angst. Wie eine gefräßige Krake nahm sie Paulas Denken und Fühlen vollkommen ein und schickte ihren ganzen Körper in ein unkontrolliertes Beben. Merkte denn keiner, was mit ihr los war?

Sie blickte auf den lachenden Johannes, dem Bogarts Temperamentsausbruch offenbar Spaß zu machen schien und der ihrem Vater jetzt irgendetwas zurief. Nein, nicht ihrem Vater. Ihr rief er scherzend etwas zu: »Willst du dich mal draufsetzen?«

Paula öffnete den Mund, aber konnte nicht antworten, weil sie das Gefühl hatte, als sei ihre Zunge auf die dreifache Größe angeschwollen. So plötzlich, wie der ganze Spuk gekommen war, flaute er auf einmal wieder ab.

»Alles gut?« Ihr Vater blickte sie an. »Bist ein bisschen blass um die Nase, Kleines.«

Paula schüttelte den Kopf. »Alles gut.«

Sie rief Johannes zu: »Lass ihn schon mal freispringen, ich muss nur mal eben aufs Klo.« Wenigstens ihre Stimme hatte sie wieder unter Kontrolle.

Sie rannte ins Haus und musste sich übergeben. Dann saß sie zitternd auf dem Klodeckel. Was war nur los mit ihr?

Wahrscheinlich hatte ihre Mutter recht und sie war einfach noch nicht wieder ganz fit. Sie würde Johannes fragen, ob er Bogart noch ein, zwei Tage länger bewegen konnte, und sie könnte sich noch ein bisschen erholen.

Paula spürte, wie sie sich bei dem Gedanken entspannte. Ja, das war ein guter Plan.

Die kleine innere Stimme, die ihr bedeutete, dass die Attacke eben nichts mit ihrer Gehirnerschütterung zu tun hatte, verdrängte sie irgendwo in den hintersten Teil ihres Bewusstseins.

4.

Selbstdiziplin war Paulas große Stärke, und so zwang sie sich drei Tage später aufs Pferd, nachdem Johannes Bogart für sie vorher noch mal ablongiert hatte. Ihr Vater bestand neben der Reitkappe auch auf die Reitschutzweste, und Paula spürte, dass sie ihm dafür irgendwie dankbar war.

Sie ließ Bogart erst mal am langen Zügel im Schritt gehen, und von irgendwoher kam das selbstverständliche Körpergefühl zurück, wie es war, auf ihrem Pferd zu sitzen.

Ihr Vater und Johannes standen außen am Reitplatz, nun kam auch die Mutter dazu. Als sie an ihrer Familie vorbeiritt, lächelte sie ihnen zu. Alles war gut.

Nachdem sie die Zügel aufgenommen und den Wallach etwas gestellt und gebogen hatte, trabte sie an. Sie ritt ein paar Bahnfiguren, die alte Routine war wieder da. Bogart stand einwandfrei an den Hilfen und ließ sich auch willig auf die höheren Dressurlektionen im Trab ein, die sie als Nächstes abfragte – Schulterherein, Traversale, Travers, alles lief prima.

Als sie an den Galopp dachte, wurde es in ihrem Magen kurz flau, doch sie gab die Hilfen, und Bogart sprang gleich an. Paula ließ ihr Pferd im versammelten Galopp auf dem Zirkel gehen. Jetzt aus dem Zirkel wechseln mit einem fliegenden Galoppwechsel. Auch das klappte wunderbar. Nun zum Abschluss noch mal die Schlangenlinie entlang der langen Seite mit zwei fliegenden Wechseln. Einwandfrei.

»Du hast ihn vorne arg festgehalten, achte da mal drauf«, kommentierte ihre Mutter, als sie an der Umzäunung durchparierte.

Doch das kümmerte Paula jetzt nicht. Sie war einfach nur grenzenlos erleichtert, dass sie ihr Leben offenbar wieder unter Kontrolle hatte.

»Johannes und Papa, baut ihr mal ein paar Sprünge auf? Wo ich schon dabei bin.«

Im Handumdrehen hatten ihr Vater und Johannes auf dem Reitplatz einen kleinen Parcours aus bunt angemalten Stangen aufgestellt. Einen Oxer, ein paar Steilsprünge, eine Kombination.

Als sie Bogart zwischen den Sprüngen angaloppierte, war da plötzlich wieder diese komische Enge in ihrer Brust. Paula verdrängte den Gedanken daran und konzentrierte sich auf ihr Pferd. Was sollte schon passieren? Wenn Bogart riss, flog die Stange eben runter. Fehlerfrei nahm der Wallach Sprung um Sprung. Doch das Gefühl blieb.

Am Abendbrottisch herrschte eine heitere Stimmung. Alle schienen irgendwie erleichtert, dass Paulas erster Ritt nach dem Unfall so glatt gelaufen war. Paula stimmte äußerlich in die allgemeine Heiterkeit ein, doch innen ließ sie die Erinnerung an das merkwürdige Engegefühl beim Reiten nicht los. Bis zu dem Unfall hatte sie sich tollkühn in jeden Parcours geschmissen und kein Geländesprung war ihr zu gefährlich gewesen. Und jetzt war da plötzlich diese komische Beklemmung, die sich wie eine Raubkatze irgendwo in ihr geduckt hielt, bereit, jeden Moment wieder zuzuschlagen.

Paula konnte in ihrem Magen ein Angstgefühl spüren. Die Angst vor einer weiteren Attacke, wie sie sie drei Tage zuvor überfallen hatte. Sie versuchte, das Gefühl abzuschütteln, doch es wollte ihr nicht gelingen.

Nach dem Essen setzte sie sich in ihrem Zimmer an den Laptop und gab Gehirnerschütterung und Angst ein. In der Tat schienen 30 bis 80 Prozent der Personen mit leichten bis mittelschweren Hirnverletzungen nicht nur unter Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Erschöpfung und Reizbarkeit zu leiden, sondern auch unter psychischen Symptomen wie Angst oder Depression, Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen. Dort stand auch, dass man sich an einen Arzt wenden sollte, wenn die Beschwerden zu einem Problem wurden.

Paula klappte den Laptop schnell zu. Unsinn. Mit ihr war alles in Ordnung.

5.

Eine Vielseitigkeitsprüfung bestand immer aus den drei Teilprüfungen Dressur, Geländeritt und Springen. Die Dressur und das Springen hatte sie sich gestern zurückerobert. Jetzt war es an der Zeit, sich dem Geländeritt mit seinen festen Hindernissen zu stellen.

Heute war sie allein. Ihr Vater war auf einem Kundentermin, ihre Mutter beim Einkaufen und Johannes in der Schule. Einen Moment huschte ihr der Gedanke durch den Kopf, dass es vielleicht besser gewesen wäre, bis zum Nachmittag zu warten, wenn alle zu Hause waren. Doch sie schob ihn wieder weg. Schließlich musste sie ihre Prüfungen auch allein bestehen, da hatte ihr Vater recht gehabt.

Paula ritt ihr Pferd zuerst auf dem Dressurplatz ab. Als Bogart warm war, wandte sie sich in Richtung der Wiese mit den Geländesprüngen. Sie spürte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann und ihre Hände feucht wurden. Die Nervosität übertrug sich sofort auf Bogart, der begann, unruhig zu tänzeln. Sie versuchte, ihn mit zittriger Stimme zu beruhigen, aber das schien alles nur noch schlimmer zu machen.

Als sie auf der Wiese angekommen waren, war er so angespannt, dass Paula meinte, er könne jeden Augenblick unter ihr explodieren. Ihr ruhiges Verlasspferd Bogart. Sie zwang sich dazu, sich auf ihren Atem zu konzentrieren. Ein, aus, ein, aus. Das hatte sie mal als Mentaltechnik von einem Sportpsychologen gehört. Sie wurde ein kleines bisschen ruhiger und trabte an.

Bogart schüttelte unwillig den Kopf und wehrte sich gegen das Gebiss. Paula wurde plötzlich bewusst, dass sie die Zügel extrem kurz hielt. Die Worte ihrer Mutter kamen ihr in den Sinn und sie gab etwas nach. Ihr Herz begann noch schneller zu schlagen, als gäbe sie damit auch das letzte bisschen Kontrolle auf, das sie noch zu besitzen glaubte.

Sie parierte Bogart durch. Was war nur los? Sie war doch gestern schon gesprungen und es war okay gewesen.

»Bei den Stangen konnte er ja auch nicht am Sprung hängen bleiben«, schoss ihr durch den Kopf und wie eine Welle brachen plötzlich die Bilder und Gefühle über sie ein: wie sie über dem Baumstamm mit Entsetzen bemerkte, dass Bogart viel zu früh abgesprungen war und sie nichts, absolut nichts mehr tun konnte, außer wahrzunehmen, wie er an dem festen Sprung hängen blieb, wie sie durch die Luft geschleudert wurde und ihr Pferd sich neben ihr überschlug.

Paula begann, am ganzen Körper unkontrolliert zu zittern, und die Übelkeit, die sie zusammen mit den Bildern überfallen hatte, zwang sich ihren Weg von ihrem Magen den Schlund hinauf. Gerade rechtzeitig konnte sie noch vom Pferd heruntergleiten, um sich auf der Wiese zu übergeben.

Alle Kraft war plötzlich aus ihr gewichen. Zitternd führte sie Bogart zu dem Baumstamm, an dem der Unfall sich vor knapp zwei Wochen ereignet hatte. Er schnupperte nur kurz daran und interessierte sich dann für das Gras. Nein, nicht er hatte das Problem, sondern sie.

Nachdem sie ihr Pferd mechanisch zum Stall zurückgeführt, abgesattelt und auf die Weide gebracht hatte, setzte sie sich einfach auf einen Stuhl in der Küche und wartete. Ob sie eine oder zwei Stunden hier saß, sie wusste es nicht. Jetzt war eh alles egal. Es war vorbei, das musste ihr keiner sagen. Sie war durch.

Irgendwann hörte sie ihre Mutter an der Haustür, Johannes war auch dabei, wahrscheinlich hatte sie ihn von der Schule abgeholt.

Als sie mit ihren Einkaufstaschen die Küche betrat, entdeckte sie Paula. »Warum sitzt du denn hier in der Küche, Schatz, und machst es dir nicht auf dem Sofa bequem?«

Paula begann einfach zu sprechen, als habe sie sich in den letzten zwei Stunden auf genau diesen Moment vorbereitet. »Ich bin nicht mehr locker. Kann mein Herz nicht mehr zuerst über den Sprung werfen, wie ich es früher immer getan habe. Das Vertrauen ist weg. Mein Kopf will alles kontrollieren und das bringt Bogart total in Stress. Und sein Stress macht mir den Megastress. So kann ich im Leben keine Vielseitigkeitsprüfungen mehr reiten.«

Paula war erstaunt, wie einfach die Worte über ihre Lippen kamen, obwohl ihr Körper sich immer noch irgendwie taub anfühlte, als sei sie gar nicht richtig da.

»Du bist kreideweiß«, rief die Mutter. »Was ist passiert?«

Nun kam auch Johannes in die Küche. »Alles frisch, kleine Schwester?«

Marlene Lippold bedeutete ihm, Paula jetzt mit irgendwelchen Sprüchen in Ruhe zu lassen.

Als ob sie das nicht bemerkte. Sie brauchte kein Mitleid. Von niemandem.

Abrupt erhob sie sich und rannte in ihr Zimmer.

»Willst du denn nicht wenigstens erzählen, was passiert ist?«, rief ihre Mutter ratlos hinterher.

Doch Paula hatte schon die Tür hinter sich abgeschlossen.

Am Abend konnte ihr Vater sie dazu bewegen, ihr Zimmer zu verlassen und zu erzählen, was passiert war. Endlich brach der Damm. Unter heftigem Schluchzen berichtete sie ihrer Familie von der Angst und Bogarts Unruhe, von den Ohnmachtsgefühlen, die sie auf dem Pferd ergriffen hatten, und den Bildern von dem Unfall, die sie nicht mehr losließen. Und auch von den heftigen körperlichen Reaktionen, dem Zittern und der Übelkeit. Sie fügte hinzu: »Als Johannes Bogart longiert hat und er so rumgebockt ist, habe ich keine Luft bekommen und ganz dolles Herzrasen. Und dann auf dem Klo musste ich mich übergeben.«

An den betretenen Gesichtern ihrer Familie konnte Paula ablesen, dass sie völlig ratlos waren.

»Und wenn es doch irgendeine Nachwirkung von der Gehirnerschütterung ist?«, versuchte ihre Mutter hilflos, sie zu trösten. »Vielleicht musst du dir einfach nur etwas mehr Zeit geben, Liebes.«

Paula schüttelte den Kopf. »Es ist nicht die Gehirnerschütterung. Es ist der verdammte Unfall. Das Vertrauen ist einfach weg.«

»Und jetzt?« Ihr Vater wagte auszusprechen, was alle dachten. »Wie soll es denn jetzt mit dir und der Reiterei weitergehen?«

Paula hatte sich verändert. Sie war zögerlich geworden, handelte nicht mehr spontan, sondern dachte drei Mal nach, bevor sie eine Entscheidung traf. Die Angst war ihr ständiger Begleiter geworden. Sie lauerte ihr morgens auf, wenn sie die Augen aufschlug, und war das Letzte, was sie wahrnahm, wenn sie abends einschlief. Wenn sie einschlief. Meistens lag sie gefühlt stundenlang in einem eigentümlich hellwachen Zustand einfach da, ihr Körper gerädert, während in ihrem Kopf die Gedanken rasten.

»Du hast eine Erfahrung von maximalem Kontrollverlust gemacht«, waren die Worte der Psychologin, die Paula nach langem Zureden der Familie schließlich aufsuchte.

Aber wirklich helfen konnte sie ihr auch nicht. Sie sprach von Panikattacken und riet an, eine Therapie zu machen, um die Auslöser ihrer Attacken zu verstehen und sie zu kontrollieren.

Dabei war der Auslöser so klar für sie. Es war genau der Moment, wo sie mit Bogart über den Sprung flog und realisierte, dass er nicht rüberkommen würde. Und sie nichts, aber auch gar nichts tun konnte, um es zu verhindern. Wieder und wieder spielte die Sequenz in ihrem Kopf, als hätte jemand eine Repeat- Taste gedrückt, und sie selbst hatte keine Ahnung, wie sie diese Endlosschleife unterbrechen konnte.

6.

Sie hatte gehofft, dass die Routine aus Schule und der Arbeit auf dem Hof, die zu den Verpflichtungen jedes der Lippold-Kinder gehörte, ihr Leben irgendwie wieder in eine Art Normalität bringen würde. Doch was war normal?

Paula fand sich mit der schmerzlichen Tatsache konfrontiert, dass sie durch ihren starken Fokus auf das Reiten und den Turniersport nie irgendwelche Freundschaften geknüpft hatte, die über oberflächliches Geplänkel hinausgingen. Die Interessen der meisten Mädchen ihres Alters waren auf Beauty, Fashion und natürlich Jungs ausgerichtet. Und die wenigen Mädchen in ihrer Klasse, die ebenfalls pferdebegeistert waren, hatten entweder »nur« ein Pflegepferd oder standen reiterlich weit unter ihrem Level, sodass jegliche Unterhaltung ihr sinnlos schien.

Anne hatte noch ein paarmal versucht, sie zu auf dem Handy telefonisch zu erreichen, aber nachdem Paula ihre Anrufe immer weggedrückt hatte, war auch da Funkstille eingekehrt.

Sie konnte spüren, dass sie sich mehr und mehr in eine Art Kokon einspann, der sie nicht nur vor der Außenwelt abschirmte, sondern auch die Wahrnehmung ihrer Gefühle auf ein für sie erträgliches Maß herunterdimmte.

Das blieb ihrer Familie nicht verborgen. Als sie eines Nachmittags mit ihrem Bruder schweigend die Boxen ausmistete, in denen die Pferde über Nacht standen, konnte Johannes sich nicht zurückhalten: »Mann, kleine Schwester, du rennst seit Wochen rum wie ein Zombie. Ich kann das echt nicht mehr mit ansehen. Komm endlich wieder ins Leben zurück.«

Paula zuckte mit den Schultern. Was sollte sie dazu sagen?

Doch Johannes ließ nicht ab. »Wann warst du das letzte Mal Bogart auf der Weide besuchen? Wann hast du überhaupt das letzte Mal auf einem Pferd gesessen? Bogart ist zu jung für den Ruhestand. Und du auch. Nur weil das mit dem Springen gerade nicht mehr geht, musst du doch nicht das Reiten aufgeben!«

»Ich überlege wirklich, es ganz dranzugeben«, erwiderte Paula. In der Tat hatte sie in den letzten Wochen des Öfteren darüber nachgedacht, wie es wäre, keine Pferde mehr sehen zu müssen und den Gedanken an sie ganz, ganz weit wegzuschieben.

Sich für den Jugend-Perspektivkader der Vielseitigkeitsreiter zu qualifizieren, war all die Jahre ihr innerer Brennpunkt gewesen, ob sie auf ein Turnier ging oder unermüdlich mit Bogart trainierte, um ihn immer besser zu machen. Jetzt, wo dieser Fokus sich in Luft aufgelöst hatte, schien alles andere plötzlich bedeutungslos. Als wäre die Mitte ihres Lebens einfach herausgefallen.

»Spinnst du?«, riss Johannes sie aus ihren trüben Gedanken. »Du hast schon auf Pferden gesessen, bevor du laufen konntest. Pferde sind dein Leben. Das kannst du gar nicht aufgeben!«

»Der Sport war mein Leben«, flüsterte Paula. »Aber das ist jetzt für immer vorbei.« Gegen ihren Willen standen plötzlich Tränen in ihren Augen, als sie Johannes anblickte. »Wie kann ich jemals wieder einem Pferd trauen?«

Johannes schüttelte den Kopf. »Aber Bogart hat doch nichts absichtlich getan, um dein Vertrauen zu brechen.«

»Ich weiß«, nickte Paula. »Das ist das Schlimmste. Wenn ich wenigstens einen Grund hätte. Aber ich habe keinen. Bogart hat einfach nur seinen Job gemacht. Die Wahrheit ist, ich vertraue mir nicht mehr.«

Was macht man, wenn man auf einem Pferdehof wohnt und beschlossen hat, mit Pferden nichts mehr zu tun haben zu wollen? Nach dem zehnten langen Waldspaziergang mit Boomer wurde Paula klar, dass sie den Pferden einfach nicht aus dem Weg gehen konnte. Gleichzeitig verspürte sie in sich keinerlei Regung, irgendetwas mit Bogart zu machen. Allein der Gedanke daran, ihn zu reiten, ließ in ihr sofort ein Gefühl von Übelkeit aufsteigen. Sie verurteilte sich dafür, zwang sich, zu ihm auf die Weide zu gehen, um ihn zu streicheln. Aber das machte alles nur noch schlimmer. Irgendetwas in ihr war einfach tot oder verschüttet in den Tiefen ihrer Seele.

Also verbrachte sie ihre Zeit damit, Johannes zuzuschauen, wenn er mit seinem Quarterhorse Easy Joe trainierte. Johannes war ein Freigeist, der ständig etwas Neues ausprobieren musste. Seine Grundausbildung hatte auch er in der englischen Reitweise erhalten und zu Anfang war er sogar zusammen mit Paula auf Turniere gegangen. Sie seufzte, als sie an diese Zeit zurückdachte, wie sie beide mit ihren deutschen Reitponys Kaja und Shirkan an den Sonntagen losgezogen waren, erst auf Turniere im näheren Umfeld, dann auf immer weiter entfernte Prüfungen. Wie leicht damals alles gewesen war, der Wettbewerb zwischen ihr und Johannes war nicht mehr als ein Spiel, und wer die bessere Platzierung errungen hatte, durfte den anderen bis zum nächsten Turnier damit aufziehen.

Doch irgendwann hatte sich bei ihr das Gefühl verändert, es ging nicht mehr um die Freude an der Sache, sondern es ging um »etwas«. Die Prüfungen nahmen in ihrem Leben immer mehr Raum und Gewicht ein, und wenn sie mal nicht unter die ersten drei kam, war sie zu Tode betrübt und trainierte umso härter.

Und dann war Johannes einfach ausgestiegen, verkündete von einem Tag auf den anderen, er habe keinen Bock mehr auf den ganzen Stress und man könne mit einem Pferd ja schließlich auch andere Sachen machen, als von einem Turnier zum anderen zu hetzen.

Paula war geschockt gewesen, sie fühlte sich verraten und verlassen. Doch wenn sie ehrlich war, hatte sie Johannes auf den Turnieren damals schon lange nicht mehr an ihrer Seite wahrgenommen. Ihre Augen waren nur auf eines gerichtet gewesen. Auf den Sieg und auf ihr großes Ziel Olympia.

Den Ponys waren sie ohnehin entwachsen, und Johannes entschied sich damals für den Quarterwallach Easy Joe, während Paula den 8-jährigen Hannoveraner Bogart bekam, mit dem sie sich in den vergangenen vier Jahren durch unermüdlichen Fleiß und hartes Training einen Namen als Vielseitigkeitstalent gemacht hatte.

Johannes dagegen sattelte um auf Westernreiten und probierte sich mit Joe in allen möglichen Disziplinen aus, blieb schließlich beim »Trail« hängen, einer Gehorsams- und Geschicklichkeitsprüfung für Geländepferde, wo es in einer vorgeschriebenen Zeit über simulierte Geländeschwierigkeiten wie Tor, Brücke, Bodenstangen oder Wippe ging.

»Vielseitigkeit für Faule« hatte Paula es immer scherzhaft genannt, doch als sie nun sah, wie Johannes aus dem Sattel in harmonischer Eleganz mit Joe das Tor vom Reitplatz öffnete, hindurchging und es wieder schloss, sehnte sich etwas in ihr für einen Moment nach so einem entspannten Miteinander, das sie in dieser Form mit ihrem Pferd noch nie erlebt hatte. Sie und Bogart hatten ein gutes Arbeitsverhältnis, sie war immer fair zu ihrem Pferd gewesen, doch ihre Ausrichtung war nicht die Beziehung zwischen ihnen gewesen, sondern dass Bogart die Leistung erbrachte, die sie von ihm verlangte. Saß der Schock über das, was geschehen war, vielleicht deshalb jetzt so tief?

Paula trottete hinter Johannes her, als er Joe zum Absatteln in den Stall führte, und setzte sich auf einen umgedrehten Eimer.

»Hey, kannst du ein Geheimnis für dich behalten?«, raunte ihr Bruder ihr zu.

»Klar«, antwortete Paula.

»Mama überlegt schon länger, dass sie nicht nur Kutsche fahren, sondern auch wieder selbst reiten will. Einfach ganz entspannt durch die Gegend zockeln. Aber die Friesen sind ihr zu groß. Und sind ja auch nicht mehr die jüngsten. Sie hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, ihr Joe zu überlassen.«

»Du willst ihn an Mama abgeben?«, gab Paula irritiert zurück.

»Joe wäre ideal für sie. Er ist super ausgebildet und lammfromm.«

Paula kannte ihren großen Bruder gut genug, um zu wissen, dass er nicht einfach so den barmherzigen Samariter spielte.

Sie fixierte ihn. »Und was springt für dich dabei raus?«

Johannes hockte sich neben seine Schwester. Seine Augen blitzten.

»Ich habe große Pläne. Und dafür brauche ich ein neues Pferd.«

»Sag mal, spinnst du jetzt? Du kannst doch nicht einfach die Pferde tauschen wie Kleider. Und wer soll das überhaupt bezahlen?«

»Sagen wir einfach, es ist eine Win-win-Situation. Also, hier ist das Geheimnis: Mama hat von Tante Luise ein bisschen was geerbt unter der Auflage, dass sie sich damit etwas Gutes tut. Sie will sich ein Reitpferd schenken. Und wenn ich ihr Joe abgebe, tut sie im Gegenzug mir etwas Gutes und schenkt mir ein neues Pferd.«

Paula merkte, dass sie stocksauer wurde. Das war wieder typisch, dass Johannes und ihre Mutter gemeinsame Sache machten und sie als Letzte davon erfuhr.

»Und wo ist da jetzt das Geheimnis, wenn alle es schon wissen?«, schnappte sie.

Johannes blickte sie treuherzig an. »Papa weiß es noch nicht. Und ich habe gedacht, wenn ich dich in unseren Plan einweihe, könntest du vielleicht ein gutes Wort für mich bei Papa einlegen.«

Paula seufzte. So waren eben die Rollen in ihrer Familie verteilt, Johannes der Mamasohn und sie die Papatochter. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Ich helfe dir, wenn du mir hilfst«, gab sie zurück.

Johannes blickte sie aufmerksam an und Paula fuhr fort. »Ich bin in einer totalen Zwickmühle mit Bogart. Ich würde ihn um nichts in der Welt abgeben, denn den Gedanken, dass er unter einem anderen Reiter Turniere geht, ertrage ich einfach nicht. Aber ich kann ihn auch nicht mehr selbst reiten. Da ist irgendwas total blockiert. Wenn Mama Joe übernimmt, dann könnte Papa Bogart als sein Pferd nehmen. Dann ist allen geholfen. Du kriegst dein neues Pferd, Mama und Papa reiten entspannt in der Gegend rum und ich bin meine blöden Gefühle gegenüber Bogart los. Er kann hierbleiben und hat eine neue Aufgabe, die nichts mit mir zu tun hat.«

»Das ist ein Deal«, nickte Johannes. »Ich arbeite an Mama, dass sie Papa Reiten statt Kutsche fahren schmackhaft macht, und du arbeitest an Papa, dass er unserem großen Pferdetausch zustimmt.«

»Ich sehe nicht, warum er etwas dagegen haben sollte. Platz ist genug da, Wiesen und Heu haben wir auch genug, und wenn Mama es dir bezahlt …«, gab Paula zurück. Sie blickte Johannes an. »Jetzt bin ich aber doch neugierig. Was hast du denn für tolle Pläne und was für ein Pferd brauchst du dazu?«

»Wird noch nicht verraten, aber sobald ich alle Facts beisammenhabe, erzähle ich es dir als Erste.«

7.

Paula kam früher aus der Schule, weil die letzten beiden Stunden überraschend ausgefallen waren. Marlene Lippold war gerade dabei, in der großen Wohnküche das Mittagessen zuzubereiten. Paula stellte ihre Schultasche ab und wollte gleich auf ihr Zimmer verschwinden, doch die Mutter hielt sie zurück.

»Ich habe das Gefühl, ich sehe dich kaum noch und wir reden auch gar nicht mehr.«

»Mir ist gerade nicht so nach Reden«, wich Paula aus.

Die Mutter ignorierte ihren Einwand und zog sie neben sich auf einen Stuhl. »Paula, du weißt, dass Papa und ich deine Entscheidung in Bezug auf das Reiten vollkommen akzeptieren. Bogart ist dein Pferd, du kannst mit ihm tun oder lassen, was du willst. Aber es tut mir weh zu sehen, wie du um die Pferde hier am Hof einen großen Bogen machst. Du bist doch gar nicht mehr du selbst! Wo ist meine kleine Paula, die praktisch in einer Pferdebox groß geworden ist, die wir schon als Kleinkind nur auf ein Pferd setzen mussten, wenn sie geschrien hat oder nicht einschlafen konnte, und die sich dann sofort beruhigt hat, deren Augen geleuchtet haben, wenn sie jede freie Minute draußen bei den Pferden sein konnte. Wo ist diese Paula geblieben?«

Bei den Worten ihrer Mutter spürte Paula plötzlich eine tiefe Traurigkeit. »Ich weiß nicht, wo sie geblieben ist, Mama. Ich weiß es nicht«, flüsterte sie. Und fügte hinzu: »Vielleicht habe ich sie ja schon lange vor dem Unfall verloren.«

»Darf ich dich in den Arm nehmen?«, fragte die Mutter sanft und Paula nickte.

Für einen Moment genoss sie in den Armen der Mutter einfach das Gefühl, dass alles gut war. Hier und jetzt war alles gut. Doch einen Augenblick später war die lauernde Angst wieder da und Paula machte sich steif. »Ich muss jetzt wirklich auf mein Zimmer, Hausaufgaben machen.«

Ihre Mutter blickte zur Schultasche hinüber, die Paula in der Küchenecke stehen gelassen hatte.

Paula atmete tief aus. »Ich will einfach nur allein sein, okay?«

»Ich glaube nicht, dass dir das guttut, Paula. Du igelst dich ein, kapselst dich ab, weichst aus. So bekommst du das nicht in den Griff. Was hältst du davon, vielleicht doch eine Art Therapie zu machen, um die Folgen des Unfalls zu verarbeiten?«

»Niemals«, stieß Paula aus. »Ich bin nicht psycho. Ich will einfach nur meine Ruhe haben.«

Sie sprang auf und rannte in ihr Zimmer.

Jeder in der Familie schien sich dieser Tage besonders um sie zu bemühen und Paula hasste das. Als ihr Vater sie ein paar Tage später fragte, ob sie mit ihm nicht mal wieder eine schöne Kutschfahrt machen wollte, hätte sie am liebsten ausgerufen: »Nicht auch noch du, Papa!«

Doch dann erinnerte sie sich an die Abmachung mit Johannes. Vielleicht war das ja eine gute Gelegenheit, mit ihm in Ruhe über den großen Pferdetauschplan zu sprechen, wie sie und Johannes ihn insgeheim nannten.

Es war ein prachtvoller Frühlingsnachmittag, und Paula überwand sich, mit ihrem Vater die beiden Friesen Aaron und Caius zu putzen und ihm beim Anschirren zu helfen.

Dann kletterte sie neben ihn auf den Kutschbock und es ging los.

Ihr Vater bohrte nicht in ihr rum, wie Johannes oder die Mutter. Da war eine Verbindung zwischen ihnen, die Paula guttat. Nachdem sie einige Zeit einfach nur dem rhythmischen Klang der Pferdehufe gelauscht hatte, spürte sie, dass sie sich ruhiger fühlte, fast schon ein bisschen glücklich.

»Johannes ist ja im Sommer mit der Schule fertig«, begann ihr Vater plötzlich aus heiterem Himmel ein Gespräch.

Paula nickte.

»Er hat mir gesagt, dass er auch das Schmiedehandwerk ergreifen will«, fuhr ihr Vater fort. »Das macht mich natürlich stolz und froh. Auf unserem Hof wird die Schmiedekunst dann in der vierten Generation weitergetragen.«

Paula riss überrascht die Augen auf. »Also, ich habe in den vergangenen Monaten viele Berufsideen von Johannes gehört, aber Schmied war nicht darunter«, gab sie zurück. »Aber wenn das so ist, dann freue ich mich natürlich für ihn«, setzte sie schnell hinzu. »Und für dich, Papa. Ich weiß, wie viel dir das bedeutet. Und diesen Wunsch kann ich dir leider nicht erfüllen.«

»Ach, meine Paula.« Der Vater legte einen Arm um sie. »Das musst du doch auch nicht. Ich will nur, dass du glücklich bist.«

Paula versuchte schnell, das Thema von sich wieder auf Johannes zu lenken.

»Hat er sonst noch was gesagt?«, fragte sie nach.

Ihr Vater zuckte mit den Schultern. »Wir haben besprochen, dass er in eine auswärtige Lehrschmiede geht, wie ich selbst, mein Vater und mein Großvater das auch schon getan haben. Wenn er sein Handwerk gelernt hat, kommt er zurück und steigt hier mit ein, Arbeit ist ja genug da.«

Ein Stich durchfuhr Paula. Johannes würde weggehen. »Und was will er mit Easy Joe machen? Lässt er ihn hier stehen oder nimmt er ihn mit?«, fragte sie betont nebensächlich.

»Hmmm, das ist die Frage«, gab ihr Vater zurück. Paula wartete, ob noch etwas von ihm kam. Das war eine Steilvorlage, um über den großen Pferdetauschplan zu sprechen. Auch wenn sie sich gerade etwas ärgerte, dass Johannes sie in seine Pläne, Schmied zu werden, nicht eingeweiht hatte.

Die Friesen schritten entspannt im Schritt an der Kuhweide des Biobauern vorbei. Paula gab sich einen Ruck.

»Papa, ich wollte schon länger mal mit dir über Bogart reden.« Sie spürte, wie ihr Herz zu klopfen begann, und zwang sich, einfach weiterzureden. »Ich kann ihn nicht abgeben. Aber ich kann ihn auch nicht mehr reiten. Das Vertrauen ist einfach nicht mehr da.«

Ihr Vater hörte ihr ruhig zu.

»Und ich habe gedacht, dass du ihn vielleicht als Reitpferd übernehmen könntest. Also, n-natürlich nur, wenn du das willst«, brachte Paula stotternd hervor und kam sich dabei total blöd vor.

Ihr Vater sagte nichts, aber mit einem schnellen Seitenblick sah Paula ein feines Lächeln auf seinem Gesicht.

»Du weiß es schon?«, fragte sie vorsichtig.

»Mama und ich haben gesprochen. Wir beide denken schon länger daran, vom Kutschbock wieder in den Sattel zu steigen. Mama will einfach nur so ein bisschen freizeitreiten, aber ich kann mir durchaus vorstellen, bei Geländeritten mitzumachen, vielleicht sogar die eine oder andere Jagd zu reiten. Da wäre ein gut ausgebildetes Vielseitigkeitspferd wie Bogart ideal.«

War das jetzt wahr? Lief sie mit ihrer Idee bei ihrem Vater wirklich weit offene Türen ein?

»Heißt das, du kannst dir echt vorstellen, Bogart zu übernehmen?«, hakte Paula noch mal nach.

»Die Frage ist eher: Kannst du dir vorstellen, Bogart wirklich abzugeben? Denn genau darüber wollte ich mit dir reden«, gab ihr Vater zurück.

Hier war er nun, der Ausweg aus der schmerzhaften Zwickmühle, in der Paula sich seit ihrem Unfall befand. Doch jetzt, wo die Lösung sozusagen auf einem Silbertablett vor ihr lag, zögerte sie. So viel Arbeit hatte sie in die Ausbildung von Bogart gesteckt, um ihn an den Punkt zu bringen, wo er jetzt war. Wenn sie ihn abgab, würde sich die Tür zu ihrem großen Traum endgültig schließen. Denn ein neues geeignetes Pferd zu finden und auf den Stand zu bringen, würde Jahre dauern. Und dann war der Zug mit dem Jugendperspektivkader endgültig abgefahren. Oder war er das vielleicht sowieso schon?

Zum ersten Mal seit dem Unfall wagte Paula, sich diese Frage zu stellen. Und es tat weh. Denn sie konnte spüren, dass unter all dem Nebel, in den sie sich in den vergangenen Wochen gehüllt hatte, ihre Leidenschaft noch brannte. Für Pferde, für die Vielseitigkeit und ja, auch für ihren großen Traum von Olympia.

»Ich brauche noch etwas Zeit«, flüsterte sie.

»Alle Zeit der Welt, mein Engel«, gab ihr Vater zurück und drückte Paula. »Du hast alle Zeit der Welt.«

Nachdem sie mit ihrem Vater Aaron und Caius versorgt hatte, beschloss Paula spontan, zu Bogart auf die Weide zu gehen.

Die Frage, die ihr Vater ihr gestellt hatte, wollte sie nicht mehr loslassen: »Kannst du dir vorstellen, Bogart wirklich abzugeben?«

Konnte sie das? Wollte sie das? Mit allen Konsequenzen? Oder war es für sie nur ein leichter Ausweg aus ihrem inneren Schmerz?

Am Weidetor blieb sie stehen. Ihr altes Reitpony Kaya hob sofort den Kopf und blickte zu ihr herüber. Bogart blieb mit seinem Kopf im Gras.

Das war ihr vorher noch nie bewusst aufgefallen. Kaya nahm sie immer wahr, wenn sie auf die Weide kam, egal, wie gut ihr das Gras schmeckte. Sie hatte sie bekommen, als sie fünf war, und in den ersten Jahren hatte Paula jede freie Minute mit ihrem Pony verbracht, nicht nur wenn sie sie ritt. Sie waren zusammen spazieren gegangen, hatten im Fluss geplanscht, und im Sommer hatte sie ihre Hausaufgaben immer auf der Weide gemacht, während Kaya neben ihr graste. Sie war irgendwie ihre beste Freundin gewesen, der sie alles anvertraut hatte und die ihr das Gefühl gab, sie wirklich zu verstehen.

Irgendwann, als sie älter wurde, war das in den Hintergrund getreten, und es war mehr um ihre Erfolge auf den Ponywettbewerben gegangen. Aber auch da hatte sie die Platzierungen und Siege immer stolz mit Kaya geteilt. Sie waren auf einer tiefen Ebene einfach fraglos verbunden.

Paula blickte zu Bogart hinüber, der sie immer noch nicht wahrnahm. Oder wahrnehmen wollte? Sie hatten den Wallach damals nach seinen Anlagen ausgesucht, er war gekauft worden als ein junges, vielversprechendes Turnierpferd. Das war von Anfang an die Natur ihrer Beziehung gewesen. Freundlich, fair, leistungsorientiert.

Unter dem Sattel hatten sie eine feine Verbindung, und Paula wusste, dass sie sich in Prüfungen hundert Prozent auf ihn verlassen konnte. Aber darüber hinaus gab es einfach keine Verbindung zwischen ihnen, das wurde ihr jetzt schmerzlich bewusst.

Sie schlüpfte unter dem Zaun hindurch auf die Weide und ging zu Bogart hinüber. Als sie sich näherte, hob er den Kopf und blickte sie an, als wolle er sagen: Was brauchst du heute von mir? Was kann ich für dich tun?

Sie strich über seine Mähne. Er war ein gutes Pferd. Johannes hatte recht. Viel zu jung, um in den Ruhestand zu gehen.

Ihr Kopf sagte: Behalte ihn. Versuch es noch mal. Du hast so viel in ihn reingesteckt. Er ist deine einzige Chance, deinen Traum doch noch zu leben.

Doch ganz tief in ihr verborgen wusste ihr Herz, dass es so nicht weiterging. Nicht wegen ihrer Angst, sondern weil sie vage spürte, dass etwas zwischen ihnen fehlte. Immer gefehlt hatte. Der Unfall hatte es nur schmerzlich ans Licht gebracht.

Paula sah plötzlich mit großer Klarheit, dass ihr Weg mit Bogart zu Ende war. Er hatte seine Aufgabe in ihrem Leben erfüllt, und wenn diese nur darin lag, sie genau an diesen Punkt zu bringen. Keine Ahnung, ob und wie es weiterging. Aber so nicht.

»Danke, du Lieber. Danke für alles, was ich durch dich lernen durfte«, flüsterte sie.

Als verstehe er ihre Worte, berührte Bogart mit seinen Nüstern sanft ihre Wange. Plötzlich war sie da, diese Verbundenheit, die sie mit Kaya so fraglos teilte. Und die zwischen ihnen immer gefehlt hatte. Sie zögerte kurz. Gab es vielleicht doch noch einen Weg für sie beide?

»Lass ihn gehen«, sagte eine innere Stimme.

Paula atmete tief aus. Ja, sie musste ihn freigeben. Alles andere wäre nicht fair.

»Du wirst mit Papa eine gute Zeit haben. Ein schönes Pferdeleben. Viel entspannter als mit mir«, flüsterte sie ihm zu und musste ein bisschen lächeln. »Definitiv entspannter.«

Sie strich ihm noch mal über den Rücken. Dann wandte sie sich um und verließ die Weide, ohne sich noch mal umzublicken.

Johannes passte sie ab, bevor sie ins Haus ging. Ihm war anzusehen, dass er es vor Spannung kaum aushielt.

»Und?«

»Verräter«, gab Paula zurück.

»Wieso bin ich ein Verräter?« Johannes konnte gucken wie die Unschuld in Person.

»Du hast gesagt, dass ich die Erste bin, die von deinen Plänen erfährt. Und jetzt muss ich es von Papa hören«, gab Paula zurück.

»Sorry.« Er blickte zerknirscht auf den Boden. »Es gab gestern einfach die perfekte Gelegenheit, da musste ich es tun.«

Schnell schob er hinterher: »Hast du ihm das mit Bogart verklickert?«

Paula schwieg. Sollte er ruhig ein bisschen zappeln.

»Okay, dann sage ich dir zuerst, was ich rausgefunden habe. Mama und Papa wollen …«

»Weiß ich alles schon«, unterbrach Paula ihn.

Johannes blickte sie überrascht an. »Also, wenn du es von Papa weißt, dann ist ja alles klar. Ich meine, dann weiß ja jetzt jeder alles.«

Paula verdrehte die Augen »Du machst mich wahnsinnig mit deinen komplizierten Manövern.«

»Schwesterherz, das nennt man Diplomatie«, grinste Johannes. »Und nun bin ich bereit, Phase 2 meines großen Plans zu launchen.«

»Zu was?«

»Launchen. Der Welt zu verkünden.«

Paula musste unwillkürlich über ihren Bruder lachen. »Und das wäre?«

»Ganz im Ernst jetzt«, antwortete Johannes. »Ich merke schon länger, dass mich das Trailreiten mit Joe nicht mehr reizt. Du kennst mich doch. Ich brauche immer neue Herausforderungen. Und was mich total fasziniert, ist, mit einem Pferd frei zu kommunizieren. So eine Verbindung aufzubauen, dass du dich vom Boden aus oder auch vom Pferderücken ohne merkliche Hilfen und auch ohne Hilfsmittel verständigen kannst.«

Paula blickte ihren Bruder fragend an. »Wieso brauchst du dazu ein neues Pferd? Du hast doch mit Joe schon eine total gute Verständigung.«

Johannes schüttelte den Kopf. »Da ist noch was ganz anderes möglich, das spüre ich. Ich will mit einem jungen Pferd arbeiten, das noch frisch im Kopf ist. Es von Anfang an ganz auf mich einstellen.« Er grinste breit. »Und dann ein Showprogramm machen, mit dem ich in den großen Arenen der Pferdewelt auftrete.«

»Du hast einen Knall«, gab Paula zurück. »Und den Teil mit den großen Arenen würde ich Papa nicht erzählen, der rechnet nämlich fest damit, dass du bei ihm einsteigst.«

Johannes machte eine Geste, als verneige er sich vor einem großen Publikum. »Johannes Lippold – Schmied und Showman«.

Paula gab ihm einen Schubs. »Du Träumer. Werde endlich erwachsen!«

Frank Lippold hatte für den Samstagabend eine Familienkonferenz einberufen. Paula hatte ihrem Vater noch am selben Abend von der Begegnung mit Bogart auf der Weide erzählt und was sie für sich verstanden hatte. Das erste Mal seit Wochen fühlte sie sich ums Herz etwas leichter. Hatte das mit ihrem Entschluss zu tun, Bogart gehen zu lassen?

Nachdem der Abendbrottisch abgeräumt war, ergriff der Vater das Wort. »Die letzten Wochen waren durch Paulas Unfall für uns alle nicht einfach. Und auch bei Johannes gibt es zum Sommer ja einen großen Umbruch. Am Ende sitzen Mama und ich hier allein mit einem Haufen Pferde, die versorgt werden wollen. Ich würde deshalb jetzt gerne von meinen Kindern wissen, wie ihr euch eure Zukunft mit oder ohne Pferd vorstellt, sodass wir planen können. Mamas Erbschaft gibt uns finanziell einen kleinen Spielraum und wir wollen euch daran teilhaben lassen.«

»Also, ich bin raus«, ergriff Paula als Erste das Wort.

Einen Moment erfüllte betretenes Schweigen den Raum.

»Liebes, du hast noch so viele Chancen, deine Träume zu verwirklichen …«, versuchte die Mutter, ihr zuzureden.

»Bitte, Mama«, unterbrach Paula sie. Sie fühlte sich so klar wie lange nicht mehr. »Ich brauche einfach Zeit, muss alles neu sortieren. Ich bin total froh, dass Papa mit Bogart weitermacht, und mehr weiß ich im Moment nicht.«

»Danke, Paula«, schaltete sich der Vater ein. »Für dich erwarten wir also in absehbarer Zeit erst mal kein Pferd auf dem Hof.« Er wandte sich an seinen Sohn. »Johannes? Was sind deine Pläne?«

Johannes räusperte sich. Für seine Verhältnisse war er ungewöhnlich ernst. »Ich will noch mal ganz neu anfangen. Ich meine damit nicht nur meinen Beruf als Schmied, sondern auch die Pferde. Ich weiß, dass ich es in mir habe, ganz frei mit Pferden zu kommunizieren und zu arbeiten. Ich will mir einen Namen damit machen, erst mal im Internet, auf YouTube und Instagram, und wenn ich dann wieder hier bin, will ich auch Kurse anbieten und so. Als zweites Standbein zur Schmiede. Wir haben hier doch alles: Reitplatz, Wiesen, Ställe, da will ich was draus machen. Das neue Pferd würde ich auch an die Lehrschmiede mitnehmen, wo immer das sein wird. Da kann ich dann jeden Tag mit ihm weiterarbeiten.«

Paula war beeindruckt. Ihr großer Bruder hatte sich richtig Gedanken gemacht. Und es schien im Moment in der Pferdeszene ja der Renner zu sein, die traditionellen Ausbildungswege hinter sich zu lassen und allen möglichen Schnickschnack mit den Pferden am Boden zu veranstalten. War nicht ihres, aber wenn es Johannes dahin zog, warum nicht.

Frank Lippold nickte. »Ihr wisst, dass wir euch bei allen Plänen unterstützen, sofern sie Hand und Fuß haben und ihr euren Beitrag dazu leistet. An was für ein Pferd hast du denn gedacht?« Und mit einem verschmitzten Seitenblick auf seine Frau fügte er hinzu: »Ich weiß ja nicht, welche Summe dir Mama in Aussicht gestellt hat.«

Johannes war plötzlich Feuer und Flamme. »Ich mache mir da schon länger Gedanken. Habe viel recherchiert. Es sollte auf jeden Fall ein Warmblut sein, das auch über ein gewisses Erscheinungsbild verfügt. Ich bin durch Zufall auf einen alten Hannoveraner-Züchter gestoßen, gar nicht so weit von hier entfernt, der eine kleine Zucht mit sehr besonderen Pferden hat. Es fängt schon damit an, dass er nicht jedem jedes Pferd verkauft. Er guckt sich die Leute ganz genau an und gibt ein Pferd nur ab, wenn es wirklich zum neuen Besitzer passt. Er hat auch keine festen Kaufpreise, sondern gibt seine Pferde Platz über Preis weg.«

»Wie heißt der?«, hakte der Vater nach.

»Martin Winkler.« Paula wollte den Namen in die Suchmaschine ihres Handys eingeben, aber Johannes winkte ab. »Vergiss es. Der hat keine Webseite, keine E-Mail-Adresse. Selbst um die Telefonnummer rauszufinden, habe ich bald eine Woche gebraucht. Man meint fast, der will nicht gefunden werden. Außer von den richtigen Leuten.«

»Hast du mit ihm schon Kontakt aufgenommen?«, schaltete Marlene Lippold sich jetzt ein.

»Ja. Wir könnten sogar jetzt am Wochenende hinfahren. Er hat im Moment zwei fast vierjährige Wallache, die im Prinzip abgegeben werden könnten, sagt er.«

»Sehr geheimnisvoll«, meinte Frank Lippold. »Komisch, dass ich den gar nicht kenne. Aber gut, fahren wir mal hin und schauen uns an, was er hat.« Er wandte sich an Paula. »Kommst du mit?«

Obwohl sie Johannes gespannt gelauscht hatte, schüttelte sie schnell den Kopf. »Macht das mal ohne mich. Boomer und ich hüten den Hof.«

8.

Paula spürte eine innere Unruhe, die sie sich selbst nicht erklären konnte. Sie hatte freiwillig den Stalldienst übernommen, damit ihre Eltern mit Johannes um zehn Uhr zu diesem geheimnisvollen Hannoveraner-Züchter fahren konnten.

Der Gedanke, dass er ein Pferd nur verkaufte, wenn es wirklich zum neuen Besitzer passte, faszinierte sie. Sie hatte versucht, durch das Internet irgendetwas über ihn in Erfahrung zu bringen, aber es war so, wie Johannes gesagt hatte. Martin Winkler und seine Zucht schienen in der digitalen Welt nicht zu existieren.

Gegen ihren Willen wanderten ihre Gedanken immer wieder zu den beiden Wallachen, die zum Verkauf standen. Ob einer von den beiden wohl das richtige Pferd für Johannes war?

Die Arbeit ging ihr schnell von der Hand, und als sie um kurz vor zehn zum Haus zurückging, saßen ihre Eltern abfahrbereit im Auto. Johannes hatte wie immer irgendetwas vergessen und war noch mal ins Haus gerannt.

Marlene Lippold ließ das Fenster herunter. »Wir sind sicher vier Stunden weg, ich habe dir einen Topf mit Gemüsesuppe in den Kühlschrank gestellt. Musst du dir nur noch warm machen.«

Paula nickte abwesend. Und wenn sie doch mitfuhr? Ob sie nun vier Stunden zu Hause rumsaß oder mit den anderen im Auto, war auch egal. Bei dem Gedanken spürte Paula plötzlich ein Kribbeln in ihrer Brust.

Johannes kam aus dem Haus gerannt. »Okay. Hab alles. Abfahrt.«

»Ich komme mit«, entfuhr es Paula, und als sie die Worte ausgesprochen hatte, tat ihr Herz einen Sprung. »Gebt mir zwei Minuten. Ich komme mit.«

Nach einer guten Stunde Fahrtzeit kamen sie an einen kleinen historischen Vierseithof mit einer mächtigen Kastanie in der Mitte. Es gab keine Hausnummer und keinen Namen am Tor.

»Das muss es sein«, meinte Johannes mit Blick auf sein Handy.

»Laut Navi dürfte dieser Hof gar nicht existieren«, kommentierte Frank Lippold. »Und die Straße auch nicht. Wir befinden uns kartografisch sozusagen auf Neuland.«

Sobald sie ausgestiegen waren, öffnete sich die Haustür, und ein feingliedriger, weißhaariger Mann trat heraus. Sein Alter war schwer zu schätzen, je nachdem, ob man nach den tausend Falten in seinem Gesicht ging oder nach seinen jugendlich strahlenden blauen Augen.

Er kam freundlich lächelnd auf sie zu und stellte sich als »Martin« vor, indem er jedem Einzelnen fest die Hand schüttelte.

Paula war er auf Anhieb sympathisch. Er strahlte eine ruhige Sicherheit aus, die ihr total guttat.

»Meine Schwester Emmi hat gerade einen Blechkuchen aus dem Ofen geholt. Kommt erst mal rein und trinkt einen Kaffee, dann reden wir ein bisschen. Die Pferde laufen uns nicht weg.«

Er geleitete die überraschten Lippolds in die gute Stube des Wohnhauses. Die ganzen Wände waren mit Pferdebildern gepflastert – Stuten mit Fohlen, stolze Hengste, aber auch Siegerehrungen von Turnieren.

»Mensch, ist das Willi Schultheis?« Frank Lippold trat an eines der alten Fotos heran, um es näher zu betrachten. Der überragende Dressurtrainer Schultheis stand neben einem Schimmel, auf dem ein sehr junger Martin Winkler saß.

Martin nickte. »Willi war einer meiner Lehrer. Leider gibt es heutzutage keine Ausbilder mehr von diesem Kaliber.«

»Anwesende ausgenommen«, vernahmen sie eine Stimme aus dem Hintergrund. Emmi Winkler kam mit einer Platte voll duftendem Streuselkuchen ins Zimmer. Sie war eine resolute Frau, die dieselbe Ruhe ausstrahlte wie ihr Bruder. »So, der Kaffee ist auch frisch aufgebrüht. Setzt euch.«

Paula ertappte sich bei dem Gedanken, wie Pferde wohl auf die Ausstrahlung der beiden Winklers reagieren mochten. »Sie, ähm, ich meine, du bist auch Turniere geritten?«, hörte sie sich sagen.

Martin Winkler winkte ab. »Das ist lange her. Ich habe meine Berufung darin gefunden, gute Pferde zu züchten. Das tue ich bis zum heutigen Tag mit ganzer Leidenschaft. Und ich werde bald 76.«

Er blickte Paula an. »Und du? Du hast noch das Feuer in dir, ganz oben auf dem Treppchen zu stehen, oder?«

Einen Moment war es totenstill am Tisch, dann wechselte Frank Lippold schnell das Thema. »Wir suchen ein Pferd für meinen Sohn Johannes. Aber erzähl doch mal selbst, was du dir vorstellst, Jojo.«

Bevor Johannes ansetzen konnte, entgegnete Martin: »Wir können kein Pferd nach unseren Vorstellungen kaufen. Denn sie sind genau das: VOR-Stellungen, die unsere Wahrnehmung verstellen. So wird nie eine echte Begegnung mit dem Pferd stattfinden. Sein wahres Wesen wird sich uns nie erschließen. Es wird sich uns nie ganz schenken. Immer wieder kommen Leute zu mir, die ein Pferd für den Sport suchen, das ihnen den Erfolg sichern soll. Doch Erfolg und feines Reiten sind zwei vollkommen verschiedene Paar Schuhe.«

Er blickte Paula einen Moment eindringlich an. Oder bildete sie sich das nur ein?

Dann fuhr er fort. »Es braucht erst mal unsere Offenheit. Uns ganz einzulassen auf das Pferd vor uns. Am Ende sucht das Pferd dich aus, nicht du das Pferd.«

»Martin, jetzt sei doch nicht so streng«, schaltete sich Emmi Winkler mit einem versöhnlichen Lächeln ein. »Man meint ja gerade, du wolltest die Leute verscheuchen.«

Doch Martin Winkler fuhr unbeirrt fort. »Ich muss mit der Pferdezucht kein Geld verdienen. Deshalb kann ich es mir leisten, meine Pferde nur in Hände abzugeben, die ihnen mit dem nötigen Vertrauen und Respekt begegnen. Meine Hannoveraner mögen vom Exterieur wie hochleistungsfähige Sportpferde aussehen. Ihre wahre Qualität liegt aber zwischen ihren Augen. In ihrem Wesen. Wenn ihr ein Pferd sucht, das ein echter Partner ist, der mit euch durch dick und dünn geht, auf den ihr euch zu hundert Prozent verlassen könnt, dann seid ihr bei mir an der richtigen Adresse. Wenn ihr ein Pferd sucht, um es auf den Turnierplätzen dieser Welt zu verheizen, dann muss ich euch leider bitten zu gehen.«

Für einen Moment war es totenstill im Raum. Paula fühlte wieder dieses Kribbeln in ihrer Herzgegend. Sie hatte noch nie jemanden so über Pferde sprechen gehört.

Dann ergriff Johannes das Wort: »Ehrlich, Martin. Genau deswegen sind wir bei dir. Also, bin ich hier. Ich will frei mit Pferden arbeiten. Eine Verbindung aufbauen, bei der wir wortlos miteinander kommunizieren. Ich wünsche mir ein Pferd, das klar im Kopf ist, wach und menschenbezogen.«

Martin nickte langsam. Ihm schien zu gefallen, was er hörte.

»Nach dem Kaffee können wir ja mal schauen.«

Als sie die sauber gekehrte Stallgasse mit den geräumigen Boxen betraten, schoben sich sofort zwei neugierige Pferdeköpfe über die Halbtüren. Ein selbstbewusster Fuchs und ein feingliedriger Brauner mit weißem Stern auf der Stirn und einer kleinen Schnippe zwischen den Nüstern.

»Die Pferde leben immer draußen auf Koppel. Aber wenn Besuch kommt, holen wir sie rein. Emmi hat sie sogar extra geputzt, obwohl ich alles getan habe, sie davon abzuhalten.«

Martin steuerte den Fuchs an. »Das ist Valentino. Er ist ein bildschöner Kerl mit einem starken Charakter, der den Menschen gerne auf die Probe stellt. Er braucht ein Gegenüber, das sehr klar ist und keine Angst hat vor seiner grenzenlosen Energie. Valentino liebt es, sich zu präsentieren. Und er liebt Publikum. Aber er muss sich zeigen können, wie er es will. Er will sich einbringen in die gemeinsame Arbeit. Ich würde sagen, wenn es dich zur Freiarbeit zieht und du vielleicht auch mal damit auftreten willst, könnte Valentino dein Pferd sein.«

Während Martin sprach, hatte Paula sich etwas abseits gestellt. Plötzlich spürte sie einen warmen Atem in ihrem Nacken. Wohlige Schauer rieselten durch ihren ganzen Körper. Sie schloss die Augen und spürte einfach nur hin zu dem Wesen, das da so zart mit ihr Kontakt aufnahm. Martins Worte verschwammen im Hintergrund, und Paula vergaß, wo sie war. Die Zeit schien stillzustehen. Irgendwann kitzelten sie ein paar Tasthaare und ein samtiges Pferdemaul berührte sie sanft an der Wange. Wieder verharrten sie und das Pferd eine gefühlte Ewigkeit in dieser Verbindung. Es war überirdisch schön.

Von weit her hörte sie plötzlich ihren Namen und wurde unsanft wieder in die Wirklichkeit gezogen. Als sie die Augen öffnete, blickten alle sie an. Sie hatten Valentino am Halfter aus der Box geholt und waren offenbar im Begriff, mit ihm auf den Reitplatz zu gehen.

»Wo bist du denn gerade gewesen?«, meinte ihre Mutter scherzhaft.

»Im Himmel«, flüsterte Paula spontan.

Martin nickte ihr kurz zu. Er schien zufrieden mit dem, was er sah. »Das ist übrigens La Vie. Das Leben.«

Während Johannes Valentino auf dem Platz bewegte, stellte Martin sich neben Paula. »Deine Eltern haben deinen Reitunfall erwähnt. Keine schöne Sache. Das macht was mit einem.«

Paula nickte. Sie hatte plötzlich das Gefühl, zum ersten Mal seit dem Unfall mit einem anderen Menschen alles teilen zu können. Ihre Ängste und Zweifel, ihre Traurigkeit und Wut, ihre Ohnmacht und innere Leere. Es lag nicht an dem, was Martin Winkler sagte, sondern wie er es sagte. Wie er hier, jetzt für sie einfach da war, flößte ihr ein grenzenloses Vertrauen ein. Gleichzeitig spürte sie, dass es gar keiner Worte bedurfte, dass er auch so genau wusste, wie es um sie stand.

Eine Träne lief langsam ihre Wange herab.

Martin blickte ihr in die Augen. »Nur du kannst die Entscheidung treffen, Paula. Das kann keiner für dich tun.«

»Was für eine Entscheidung?«, gab sie leise zurück, obwohl sie innerlich genau wusste, was er meinte.

»Die Entscheidung, dir selbst wieder zu vertrauen«, gab Martin Winkler zurück.

Paula senkte den Kopf und flüsterte: »Ich weiß. Aber ich weiß nicht, wie.«

Martin legte eine Hand auf ihre Schulter. »Sage einfach Ja.«

Paula blickte ihn an. »Ja zu was?«

Ein feines Lächeln huschte über Martins Gesicht. »Zum Leben.«

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
02 stycznia 2026
Objętość:
205 str. 10 ilustracji
ISBN:
9783649637707
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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