Czytaj książkę: «Achtung Ahnen, ich komme!»

Czcionka:

Achtung Ahnen, ich komme!

Praxisbuch moderne Familienforschung


Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-86408-001-2 (Print) //

978-3-86408-043-2 (epub) //

978-3-86408-044-9 (pdf)

Lektorat/ Korrektorat: Frank Petrasch;

redaktionelle Mitarbeit: Philipp Baur

Grafisches Gesamtkonzept, Titelgestaltung, Satz und

Layout: Stefan Berndt – www.fototypo.de

© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin / 2011

www.vergangenheitsverlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen,

der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe

und der Übersetzung, vorbehalten.

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Mehr Geschichte erleben in der 1. multimedialen App mit Zeitreisefunktion

http://itunes.apple.com/app/zeitreiseguide/id540321470?mt=8

... und viele weitere spannende Bücher zur Geschichte bei

www.vergangenheitsverlag.de

Viktoria Urmersbach / Alexander Schug

Achtung Ahnen, ich komme!

Praxisbuch moderne Familienforschung


Inhalt

Einleitung: Was Sie schon immer über Ihre Familie wissen wollten, aber nie zu fragen wagten

1. Kapitel: Zum Warmlaufen, oder: Notizen über Familie, Geschichte und biografische Figuren

Der Patriarch, das Geld und die Macht

Blutsbrüder und verschwundene Frauen

Märtyrerinnen oder Mannweiber – über typische Frauenrollen

Das Leben der Anderen: Auswanderer und Außenseiter

Das Erbe der Schuldigen und Bösewichte

Verstrickte, Verräter und Versöhner

Das Familiengeheimnis: Über Traumata und Unsagbares

Familienehre und die Kraft der Mythen

Interview mit Dr. Silke Wiegand-Grefe über vererbte Traumata

2. Kapitel: Die ersten Schritte, um den Ahnen auf die Spur zu kommen

1. Schritt: Eigenes Wissen protokollieren

Interview mit Dr. Usha Peters über Gene und Ahnen

2. Schritt: Die Quellen um sich herum erfassen

3. Schritt: Das Handwerkszeug zulegen

4. Schritt: Gespräche mit der Familie führen

5. Schritt: Internet-Genealogie

6. Schritt: Behördenauskünfte einholen und Kirchämter kontaktieren

7. Schritt: Arbeiten im Archiv

Gastbeitrag von Andrea Bentschneider:

Die häufigsten Fehler in der Ahnenforschung

Zwischenbilanz

3. Kapitel: Daten der Familiengeschichte darstellen

Die Familien-Karte

Ahnenliste und Ahnentafel

Die Kekulé-Zahlen

Kekulé-Zahlen und Ahnenliste

Von der Ahnenliste zur Ahnentafel

Die Begrenztheit der Blutsverwandtschaft

Stammbaum

Interview mit Dr. Satuila Stierlin über Genogramme

4. Kapitel: Kreativ sein: Familiengeschichte in Szene setzen

Quellen sprechen lassen

Vom Thema zur Geschichte – Der rote Faden

Chronologische Gliederung

Thematische Gliederung

Aufs Papier – Familienchronik als Buch

Interview mit Judith Barrington über kreatives Schreiben

Freies Schreiben

Erzählperspektive und Schreibstil

Inhalte einer Familienchronik

Die Familiengeschichte als Buch

Ein Buch drucken lassen und publizieren

Interview mit Sebastian Wolff-Marting über Persönlichkeitsrechte bei der Ahnenforschung

Familiengeschichte online stellen

Bloggen – die einfachste Art, Familiengeschichte online darzustellen

Stimmen aus der Vergangenheit – Familiengeschichte als Podcast

Bewegte Vergangenheit – Familiengeschichte als Film

5. Kapitel: Der letzte Schliff bei der Famlienforschung: Kreativen Input suchen

6. Kapitel: Wie Sie selbst ein guter Ahne werden – doing history im Alltag

Besondere Lebenslagen

Gesellschaftsspiel Familienalltag

7. Kapitel: Fazit – Vergessen Sie nicht, zu vergessen!

Anhang

Bibliografie: Historische Familienforschung

Anmerkungen

Abbildungsverzeichnis

Einleitung:
Was Sie schon immer über Ihre Familie wissen wollten, aber nie zu fragen wagten

Die Schichten unseres Lebens ruhen so dicht aufeinander, dass uns im Späteren immer Früheres begegnet, nicht als Abgetanes und Erledigtes, sondern gegenwärtig und lebendig. (Bernhard Schlink) 1

Unsere Freundin Britta glaubt, von Attila dem Hunnenkönig abzustammen. Sie ist rothaarig und ihre Familie lebt seit vielen Generationen im Norden von Hamburg. Eltern, Großeltern und sogar noch ihre Urgroßmutter erzählten mit leuchtenden Augen davon, dass ihre besondere Nervenstärke und die robuste Gesundheit gewissermaßen über die Siegergene des Hunnenkönigs (der im Jahr 451 gestorben ist) bis heute ins 21. Jahrhundert weitergereicht wurden. Asiatische Gesichtszüge und besondere Sattelfestigkeit mögen über die Zeit verloren gegangen sein, nicht aber die Unbeugsamkeit dieser Sippe. »Ihr Heulsusen! Seid kernig wie die Hunnen – wie wir alle!«, herrscht Britta ihre Kinder bei kleinen Jammereien an. Nur: Die Hunnen kamen, so der heutige Forschungsstand, auf ihren Streifzügen nie nördlicher als Köln. Die Familie S. wohnte nie südlich der Elbe. Trotzdem lebt der Familienmythos auch noch in Britta weiter. So haben es ihre Vorfahren gesagt, so war es nie Wirklichkeit. Aber: Es wirkt!

Familiengeschichte fasziniert. Über die Familiengeschichte konstruieren wir unsere Identität, erfahren, wer wir sind. Über die erforschte Familiengeschichte können wir uns besser innerhalb der Gesellschaft verorten, wissen dann, wohin wir gehören. Feste Zugehörigkeiten und das Gefühl der Verwurzelung ist in Zeiten postmoderner Entgrenzung und Beschleunigung sowie steter Mobilität zwar kaum noch zu denken. Wir sehen unser Hobby aber gerade deshalb als Gegengewicht zum hektischen Alltag und der Geschwindigkeit der Gegenwart. Familiengeschichte zu erforschen und zu dokumentieren hat aber auch noch weitere Funktionen: Es kann sehr aufklärend und bildend sein, durch die eigene »bucklige Verwandtschaft« etwas über die Geschichte zu erfahren. Geschichte hat darüber hinaus für uns auch einen Unterhaltungswert. Wir sind der festen Meinung, dass es richtig ist, über die Vergangenheit zu lachen, das Komische und Anekdotische in ihr zu suchen – genauso wie man natürlich auch die traurigen Momente wahrnehmen muss. Insofern bietet Familiengeschichte in vielerlei Hinsicht Orientierung – und wer weiß, vielleicht werden Sie ja am Ende noch dieses Hobby zum Beruf machen und als Genealoge arbeiten?! Familienforschung kann süchtig machen… Und Familiengeschichte ist auch immer eine Herausforderung für das detektivische Gespür, denn: Nicht immer sind die erzählten Familiengeschichten faktentreu, vielmehr werden Geschichten von Generation zu Generation weitergeben – man spielt »Stille Post« über Generationen. Was aus so einer narrativ übermittelten Geschichte wird, wissen wir: Märchen. Diese Märchen und Legenden können positiv sein und Sie stärken, sie können aber auch als geheimnisvolle Luftblase auf Ihnen und Ihrem Lebensweg lasten. Womöglich sind es jede Menge Fantastereien, denen Sie über die Jahre Glauben geschenkt haben. Sie haben das Gefühl, schon immer eine festgezurrte Rolle in der Familie gespielt zu haben, die gar nicht so sehr Ihrem eigenen Lebensgefühl entspricht? Sie spüren die Tabus, die ein bestimmtes Thema in Ihrer Familie herauf beschwört?

Fangen Sie an, der »wahren« Familiengeschichte einmal auf den Grund zu gehen und auf die Botschaften Ihrer Ahnen zu horchen. Das kann unglaublich viel Spaß machen, zum Hobby werden, ein kreatives Gesellschaftsspiel sein. Familienforschung zu betreiben ist ein kommunikatives Hobby. Inspirierende Begegnungen und Reisen werden Sie bereichern. Sie werden neue Themen in der Familie haben, mit Freunden viel diskutieren können. Aus den Antworten, die Sie auf Ihre Fragen finden, wachsen neue Fragen und vor Ihrem inneren Auge nimmt eine immer länger werdende Ahnenfolge Gestalt an. Es kann aber auch schmerzlich werden, wenn man sich den Familiengeheimnissen nähert. Plötzlich ist da eine »heiße Kartoffel«, die von Generation zu Generation weiter gereicht wird und die Sie auf einmal in der Hand halten. Familienforschung zu betreiben heißt auch, bislang Unaussprechliches in Worte zu fassen, nachzuhaken, aufzudecken. Dies Buch will Ihnen dabei ein Ratgeber sein.


Wir wollen Sie zu dem Abenteuer einladen, Ihre Familie und Ahnen besser kennenzulernen. Ein großes Vorhaben ist das, zugegeben. Ein Vorhaben, für das Sie einen guten Plan brauchen. Aber keine Sorge: Wir zeigen Ihnen den Weg in die Geschichte Ihrer Familie. Dabei wollen wir Ihnen einen Ansatz vorstellen, den wir als besonders ertragreich ansehen: Unser Ansatz berührt viel mehr Aspekte, als sich »konventionell« arbeitende Genealogen vorstellen, die sich bis heute – und unserer Meinung nach fälschlicherweise – oftmals nur aufs reine Sammeln von Lebens- und Sterbedaten konzentrieren und ausschließlich nach Blutsverwandtschaften suchen. Die psychologische Seite der Forschungsarbeit innerhalb der eigenen Familie macht allerdings für uns einen ebenso wichtigen, wenn nicht sogar den entscheidenden Anteil bei der Familienforschung aus. Ihre Ahnen sind auch Ihre Vorgänger, prägen also ganz entscheidend Ihren Lebensweg mit – ob Sie wollen oder nicht. Bei den Naturvölkern in Australien und Afrika ist die Vorstellung, ja Verehrung, von den immer noch präsenten, wenn auch längst toten Verwandten eine absolute Selbstverständlichkeit. Man müsste nicht darauf hinweisen. Die Aborigines beispielsweise leben ganz konkret mit diesen Landschaften, Orten und Menschen, denen sie sich über die Geschichte ihrer Vorfahren verbunden fühlen und halten sie heilig. Verehrt und in alle offiziellen und familiären Riten, Entscheidungen und auch den Alltag eingebunden, spielen die Ahnen dort eine wichtigere Rolle, als wir es uns vorstellen können, auch wenn das Gespräch mit den Ahnen eine der christlichen Kultur nicht fremde Praxis war. So genannte Wiedergänger waren auch in Europa fester Bestandteil der Vorstellungswelten der Menschen. Die Ahnen blieben so in der Erinnerung der Lebenden verankert: Man betete für sie, spendete Almosen, wenn sie sich in schlechten Träumen zeigten und sie offenbar ihren Seelenfrieden noch nicht gefunden hatten. Dieser alltägliche Dialog mit den Ahnen ist jedoch verloren gegangen.2 Unsere Memorialkultur hat sich grundlegend gewandelt.3

Wir aufgeklärten Europäer glauben heute daran, mit Bildung und Persönlichkeit unseren Lebensweg ganz autonom gehen zu können. Tatsächlich aber tragen auch wir ein emotionales Erbe mit uns. Denn unser Weg fängt dort an, wohin unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern vorangegangen sind. Sie haben uns den Weg geebnet und in eine Erinnerungslandschaft geboren. Manchmal allerdings ist der Weg felsig. Aufgewachsen sind wir mit den Erwartungen der Eltern an uns und dem, was wir als Vorbilder erkannt haben. Es ist die Summe vieler Faktoren, die in Ihrer Vergangenheit liegen und Sie beeinflussen. Sei es nun die Macht Ihrer Gene oder aber die emotionale, psychische Erbsubstanz eines kollektiven Gedächtnisses, das Ihr Lebensgefühl prägt: Der Vergangenheit entkommen Sie nicht. Glücklich ist, wer wie der ursprünglich aus Dresden stammende Schauspieler Jan Josef Liefers in seiner Autobiografie sagen kann: »Ich glaube, dass ich von allen meinen Familienmitgliedern das Beste abbekommen habe.«4

Profis der Historikerzunft lieben Archive, Daten, Fakten. Wenn sie erfolgreich arbeiten, tragen sie eine lange Ahnenreihe der Familie, am besten bis ins Mittelalter, zusammen. Auch wir zeigen Ihnen, wie Sie mithilfe der genealogischen Methoden den Überblick behalten und systematisch in frühere Epochen vorstoßen. Geburts-, Heirats- und Sterbedaten bilden das Gerüst. Aber war das schon alles über Ihre Familie? Darüber hinaus wird es doch erst interessant. Was Berufsgenealogen aber gar nicht mögen, sind Spekulationen. Dabei sind die oft viel mächtiger als die Wahrheit. In diesem Buch werden wir der Realität so weit nachgehen wie möglich und uns auch durch Mutmaßungen und Imagination inspirieren lassen. Denn Familiengeschichte besteht nicht nur aus Daten und Fakten, sondern umfasst viel mehr. Sentimentale, amüsante, sinnliche und auch schmerzliche Erfahrungen gehören dazu, so wie sie zum Leben gehören. Auch der Tod ist Teil unseres Lebens. Vielleicht haben Sie einen Menschen verloren, mit dem Sie sich mehr Zeit gewünscht hätten und überlegen nun, wie Sie die Erinnerung an den Verstorbenen wach halten können. Es gibt viele Möglichkeiten, die über die Grabpflege hinausgehen. Wir möchten Ihnen mit diesem Buch also auch eine neue Art von Erinnerungsarbeit vorstellen.

Vielleicht macht es Sie traurig, an Ihr Ende zu denken. Wenn es Sie bedrückt, dass Ihre Lieben dann ohne Sie leben müssen, können Sie etwas hinterlassen, das mehr ist als ein Gedenken Ihrer Person. Weiterleben in Form von einer Art Ahnen-Fortsetzungsgeschichte – dazu wollen wir Sie ebenso anleiten.

Keine Angst vor den Ahnen: Im Mittelalter wurden die verstorbenen Vorgänger gepfählt, um sie unschädlich zu machen. Denn Leichname würden sonst ihr Unwesen unter den Lebenden treiben und mit Vorliebe in der Nacht Schrecken verbreiten – glaubte man damals. Mit Steinen beschwert oder gefesselt sollten sie so entmachtet werden und ihre Schatten nicht mehr so weit in die Zukunft werfen. Schrecklich! Aber so müssen Sie mit Ihren Ahnen nicht verfahren. Wir haben die Idee, dass Sie Ihre Vorfahren zum Kaffeeklatsch laden – die Lebenden und auch die Toten. Nehmen Sie Letztere als natürlichen Teil Ihrer Existenz wahr. Lachen Sie Ihre Ahnen an und winken Sie zuweilen in die Vergangenheit. Von den Lebenden werden Sie über die Toten Dinge hören, die Ihnen lieber unbekannt geblieben wären. Verwandte werden Sie fragen, warum Sie in der Vergangenheit graben und in fröhlichen wie traurigen Kapiteln der Familiengeschichte wühlen. Jeder Therapeut kann Ihnen sagen, was viele Menschen mit Herzensbildung wissen: Wie gut das Darüber-Reden tut.

Jede Generation muss sich die Geschichte der Vorgänger neu erschließen und dabei neu formen, an ihre eigenen Fragen und ihre Lebenssituation anpassen. Sie werden erleben, wie Eltern und Großeltern im Gespräch Ihren Erwartungen gerecht werden wollen und die Vergangenheit immer wieder anders schildern, wenn beispielsweise die Enkel sie danach fragen. Seien Sie gewiss: Langweilig wird Familienforschung nicht. Denn Forscher wie Harald Welzer, die sich mit dem Familiengedächtnis beschäftigen, finden in den meisten Gesprächen über Vorfahren abenteuerliche Helden- oder Opfergeschichten.

Helden und Hugenotten, so in etwa sind die Vorstellungen vieler Menschen über ihre Ahnen. Entweder waren es mutige Widerstandskämpfer, die sich gegen die Machthaber gestellt haben, oder aber aufrichtige gute Menschen, die z. B. von den bösen Nazis verfolgt wurden. Die wenigsten Zeitgenossen damals waren tatsächlich so. Das heißt nicht, es würden nur Lügengeschichten erzählt. Es zeigt aber, dass die historische Wahrheit manchmal Interpretationssache ist. So können die Nachfahren am besten damit umgehen, dass sie oft von »ganz normalen Nazis« abstammen, wie eben der Großteil der Deutschen. Wir leiten Sie an, den Wahrheitsgehalt der Erzählungen nicht pauschal anzuzweifeln oder aufzugeben, sondern als eine »datengestützte Erfindung« zu betrachten und für Ihre Erforschungen zu nutzen. Wie Sie in solchen Situationen selbst einfühlsam, ehrlich, kreativ und ref lektiert mit den Vergangenheitsentwürfen Ihrer Verwandten umgehen, ist ein wichtiges Thema unserer Überlegungen. Spannend ist es ja vor allem zu erklären, weshalb bestimmte Interpretationen oder Heldenepen in die Familiengeschichte hineingeflochten werden. Oftmals sind Familiengeschichten selbst zugedachte Kompensationen des Erlebten. Viele bekommen so die Familiengeschichte, die sie gerade so ertragen können.

Wenn man so über die Jahrhunderte schaut und liest, was Menschen über ihre Vorfahren gedacht und geschrieben haben, war das oft von Ehrfurcht und Begeisterung für die Leistungen der Altvorderen geprägt. Das damals ganz normale, zugegeben oft mühevolle Leben f lößt uns Respekt ein, voller Mitgefühl informieren wir uns über Alltagsbedingungen. Und exotisch finden wir das auch. Die ersten Italienreisen im Opel Senator und die verwackelten, gelbstichigen Bilder dieser Generation rühren uns. Die Aufregung um die Pille halten wir für kaum mehr nachvollziehbar. Unseren eigenen Alltag beurteilen wir als weniger spannend und mit unseren Nachfahren, unseren Kindern nämlich, sind wir noch weniger einfühlsam. Typisch ist die Klage über Bildungsverfall, mangelnde Leistung, fehlendes Verantwortungsbewusstsein. Alles Meckereien, die Sie in Ihrer Jugend vielleicht als »langhaariger Gammler der 68er-Generation« gehört haben, vielleicht als Vertreter der »Null-Bock-Generation«. Wann auch immer ein neuer Trend unter jungen Erwachsenen sichtbar wird, sind die Älteren davon nicht begeistert und beschwören den Niedergang des Abendlandes.

Aber: Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen. Wir wollen Sie durch unsere Reflexionen deshalb dazu anregen, den Generationen (und sich) mehr Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Das ist etwas anderes als Ehrfurcht. Es ist der Versuch, vergangene Zeiten und die damit zusammenhängenden Chancen und Nöte zu verstehen. Familienforschung braucht Empathie.

Und moderne Familienforschung ist auch auf die Zukunft gerichtet: Weil Ihre Ur-Ur-Ur-Urenkel wiederum ganz neue Fragen an Sie stellen werden, wollen wir in diesem Buch den Blick dafür schärfen, dass es eine sinnvolle, zuweilen lustige Aufgabe sein könnte, den Nachkommen Botschaften zu hinterlassen. Flaschenpost für die Ahnen: Sehen Sie die flüchtige Gegenwart auch als Teil Ihrer Familiengeschichte. Bringen Sie Ihrem Alltag Wertschätzung entgegen und dokumentieren Sie ihn für Ihre Nachfahren! Was Ihnen heute banal und langweilig vorkommt, ist in ein paar Jahrzehnten oft schon völlig vergessen, vielleicht exotisch, zumindest skurril. Was Sie nicht festhalten, werden Sie schnell vergessen. Die Erinnerung nämlich muss gepflegt werden, sonst verschwindet sie. Nur was wir wiederholt formulieren, erzählen, das memorieren wir auch später noch. Im Mittelalter übte man sich in der Kunst des Gedächtnisses, nannte es »ars memorativa« und schulte so das Gehirn, sowohl die bildlich-imaginative als auch die verbal-textliche Erinnerung. Schließlich war es unmöglich, »externe Gedächtnisspeicher« wie Tagebücher, Fotos oder Filme mit dem eigenen Leben zu füllen.5 Während wir heute unser eigenes Gedächtnis mit Hilfsmitteln entlasten, beschäftigten sich Denker wie Aristoteles, Cicero, Augustinus, Alkuin, Albertus Magnus oder Thomas von Aquin mit der Frage, wie sie ihre Gedächtnisleistung stimulieren und stabilisieren konnten.6 Beim Essen, so hielten es die Mönche im Kloster, konnte man am besten einer Lesung lauschen, in Meditation versinken und sich den Inhalt gewissermaßen einverleiben. Sinnliche Erfahrungen und körperliche Bezüge sollten helfen, die geistigen Substrate im Menschen zu verankern. Aber es kommt auch darauf an, das verankerte eigene Wissen weiter zu geben, so dass später Geborene sich in 100 Jahren einmal ein Bild von Ihnen und Ihrer Zeit machen können.

Vom täglichen Frühstück über die Lieblingsschauspieler bis zu Ihren ganz persönlichen Einstellungen zur Politik oder emotionalen Angelegenheiten – das Aufschreiben lohnt sich! Manche Zeitgenossen schreiben Tagebuch für sich und ihre Psyche. Schreiben Sie für die Nachwelt, damit die Familie und alle, die Sie dazu zählen, Ihr Leben lustvoll und sinnlich im Strom der Zeit erfahren können. Sie haben keine Familie, oder aber Ihre Kinder interessieren sich nicht dafür? Stadtarchive freuen sich sehr über persönliche Nachlässe, über aufgeschriebene Erinnerungen, Fotos, Drumherum. Denn genau dieser Alltag fehlt im Archiv. »Essen, Trinken, Schlafen, Sex – das fehlt hier im Bestand, und zwar über die Jahrhunderte«, klagt Dr. Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt, Oberarchivrat am Hamburger Staatsarchiv. Je persönlicher und auch kleinteiliger die Aufzeichnungen sind, desto besser für das Archiv und die Nachgeborenen. Wir zeigen Ihnen in praktischen Schritten, wie Sie ein Buch oder einen Film produzieren können. Wir glauben fest daran, dass jeder eine lesenswerte Geschichte hat. Wir sind, was wir erinnern, wie wir erinnert werden und woran andere sich mit uns erinnern, die auch Teil unserer Erinnerungslandschaft sind.


Lesetipp:

Falls Sie begleitend zum Einstieg noch literarische Inspirationen suchen, empfehlen wir – sozusagen als Reiselektüre – folgende Bücher:

Christina von Braun, Stille Post.

Eine andere Familiengeschichte, Berlin 2008.

Monika Maron, Pawels Briefe.

Eine Familiengeschichte, 5. Aufl., Frankfurt/M. 2001.

Uwe Timm, Am Beispiel meines Bruders,

München 2005.

Viktoria Urmersbach & Alexander Schug

1. Kapitel:
Zum Warmlaufen, oder: Notizen über Familie, Geschichte und biografische Figuren

Jede Familie ist einzigartig. Andererseits gibt es auch Gemeinsamkeiten, Muster und archetypische Persönlichkeiten. »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie jedoch ist auf ihre besondere Weise unglücklich.« – so lautet der Romanfang von Anna Karenina, so beobachtete es Lew Tolstoi im Russland des 19. Jahrhunderts. Familiengeschichte zu betreiben und Kontakt zu den Ahnen aufzunehmen, bedeutet, sich mit den Mustern der Vergangenheit auseinanderzusetzen. In Familien werden oftmals immer wieder die gleichen Rollen besetzt, grundlegende Gefühle von Glück oder Leid, von Außenseitertum oder Erfolg werden über die Generationen geradezu vererbt. Natürlich werden solche Rollen ganz stark durch soziale und wirtschaftliche Verhältnisse mitgeprägt. Wenn eine Familie Geld hatte, ist es relativ erwartbar, dass die Nachkommen es im Leben zumindest in Bezug auf Ausbildung und Beruf einfacher haben werden. Diese Konstellationen sind vielfach untersucht worden: Die Reichen rekrutieren und verheiraten sich immer wieder aus den gleichen Milieus, die Eliten sind mehr oder weniger abgeschlossen, ebenso wie Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe über Generationen vererbt werden können. Der Sozialstatus hat Auswirkungen auf Glücksempfinden und das Gefühl, »richtig« zu sein. Aber darüber hinaus gibt es noch mehr, was bei der Familienforschung eine Rolle spielt.


Was also sind die prägenden Faktoren für Familienkonstellationen, wodurch entsteht Kontinuität und das Gefühl einer Familientradition? Macht und Liebe – beides kann großen Einfluss auf eine Familie ausüben. Gerade die materiellen Gegebenheiten – Besitztümer und Erbansprüche – sind in der Geschichte jeder Familie ein wichtiges Element für Konflikte. Und Konflikte und damit negative Emotionen machen einen großen Teil von Familiengeschichten aus. Gefühle allerdings sind für Historiker ein schwieriges Terrain: Von Person zu Person wird schon so unterschiedlich empfunden und dann müssen noch zeitspezifische Gefühlsprägungen berücksichtigt werden, so dass deren Analyse von der Geschichtswissenschaft als zu wenig akademisch gemieden und vernachlässigt worden ist. Aber: Sprechen wir trotzdem darüber! Denn auch Sie als Nachfahren werden bei Ihren Recherchen mit Gefühlen konfrontiert, die Ihnen fremd sind. Sowohl Gefühle der Vorfahren, von denen Sie erzählt bekommen, oder die Sie sich erschließen wollen, als auch Gefühle, die in Ihnen selbst plötzlich hochkommen. Denn fast jede Familiengeschichte bietet auch befremdliche, schräge oder einfach nur unverständliche »Typen«, mit denen Sie biografisch existenziell verbunden sind.

Nehmen Sie diese Gedanken einmal als Anlass, um einen ersten Schritt zu Ihren eigenen Familienforschungen zu machen. Stürzen Sie also nicht gleich drauf los. Es ist immer wichtig, eigene Forschungsfragen zu haben, um darauf aufbauend Suchstrategien und Ziele zu definieren. Zu Beginn steht deshalb für uns das Nachdenken über die eigene Familie, offensichtliche Traditionen, und vor allem auch die Rollen, die die einzelnen Familienmitglieder spielen. Also führen wir uns zunächst einmal einen Reigen von typischen Figuren aus Familiengeschichten vor Augen. Die biografischen Figuren, die wir hier vorstellen, haben zum Zweck, dass wir Ihnen vorstellen wollen, in welchen Dimensionen sich Ihr Verhältnis zur Vergangenheit und den Ahnen abspielt. Gleichzeitig sind diese biografischen Figuren bereits eine Stütze, um Familiengeschichte zu deuten und zu erzählen. Entziffern Sie die Rollenspiele in Ihrer Familie!

Der Patriarch, das Geld und die Macht

Denken Sie nicht an einen sizilianischen Paten. Dreh- und Angelpunkt vieler Familiengeschichten ist (fast) immer schon der älteste Mann – der Patriarch. Hier geht es um die Macht: Der Älteste hat das Erbe zu verteilen. In ländlichen Gegenden, das trifft also in vergangenen Jahrhunderten auf die Mehrzahl der Menschen zu, wurden Land, Hof und alles andere innerhalb der Familie vom Vater auf den erstgeborenen Sohn vererbt. Patrilinear nennt man das. Dieses Erbrecht war in Deutschland auf vielen Höfen Norddeutschlands gebräuchlich, um sicherzustellen, dass der Hof groß genug und damit überlebensfähig blieb. Andererseits war das Erbrecht lange Zeit lokal geregelt, d. h. es konnte je nach Kirchspiel oder Gut unterschiedlich gehandhabt werden. Jede kleine Ortschaft konnte einen Mikrokosmos mit ganz eigenen Erbregeln bilden.

Töchter wurden oft mit einer Aussteuer abgefunden und damit für die Ehe ausgerüstet. Die jüngeren Söhne mussten ausgezahlt werden und sich einen neuen Beruf suchen. Nur manchmal wurden Bauernhöfe geteilt und das Erbe somit auf mehrere Söhne verteilt. Das materielle Erbe ist in vielen Familien Auslöser von Konflikten, und sicher gibt es auch in Ihrer Familie zerstrittene Flügel, ausgelöst durch einen Erbstreit. Damit befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Denken Sie nur an die Familie von Bismarck und ihre zwei rivalisierenden Brüder Carl Eduard und Gregor. Seit dem 15. Jahrhundert besitzt die Familie einen riesigen Wald, heute 70 Quadratkilometer groß, und ein stattliches Anwesen östlich von Hamburg. Fürst Ferdinand von Bismarck, über 80 Jahre alt, und seine Frau Gemahlin, Fürstin Elisabeth, seien sich nicht ganz einig über die Erbfolge, so las man in der Presse. Der Erstgeborene Carl Eduard sei in den Augen des Patriarchen Fürst Ferdinand der natürliche Nachfolger, der jüngere, Gregor, in den Augen der Fürstin allerdings der Geeignetere. Bis zum SEK-Einsatz kam es schon bei den Rangeleien um den Wald. Ur-Ur-Opa Otto, erster deutscher Reichskanzler, dreht sich im Grabe um!

Neben einem Streit um materielle Güter kann auch die Frage der richtigen künstlerischen Gesinnung Anlass für Bruderzwist um das moralische Erbe sein. So zankten sich Thomas und Heinrich Mann in feinster Intellektuellenart darum, wer das Erbe der Weltgeschichte als Literat besser ausdrücke. Heinrich forderte direkt nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der Romancier müsse »das rhythmische Wogen der modernen Demokratie« in sich walten lassen: »Hinauf Menschen! Heraus aus eurem Schmutz, den ich nachmale… hinauf mit mir, arbeitend ich und ihr!« Wer da nicht künstlerisch-politisch aktiv sei, schade der Gesellschaft wie ein Parasit. Thomas Mann fühlte sich davon zu Unrecht angegriffen und schrieb am 3. Januar 1918 ein paar letzte böse Zeilen: »Mögest Du und mögen die Deinen mich einen Schmarotzer nennen. Die Wahrheit, meine Wahrheit ist, daß ich keiner bin.«7 Konkurrenz und Entfremdung herrschte, jahrelange Funkstille, die die gesamte Familie belastete und erst 1922 im Angesicht einer schweren Krankheit Heinrich Manns beendet wurde.

Auch wenn es in Ihrer Familie nicht um gigantische Forstbetriebe, kleine Schlösser oder Zivilisationskritik geht, die Frage nach der gerechten Verteilung von Geld und Gut ist von großer Relevanz in jeder Sippe. Jede Generation muss sich wieder damit auseinander setzen. Zweieinhalb Billionen Euro sind in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren vererbt worden – genug Geld für viele, viele hässliche Streitigkeiten, die auch schon vor dem eigentlichen Erbfall beginnen können. Der Erblasser hat mit dem Vermögen jede Menge Macht über seine Nachfahren, kann den Kurs des Unternehmens steuern und die Lebenswege seiner Kinder über Jahrzehnte lenken. Ohne sein Einwilligen ändert sich nichts. So war es auch beim Wagner-Clan, der bis 2008 von dem schon fast 90-jährigen Wolfgang Wagner dominiert wurde. Noch als Greis, nach einem halben Jahrhundert im Dienste des Gedenkens an seinen Großvater Richard Wagner, ließ er sich keine Entscheidung auf dem Grünen Hügel in Bayreuth abnehmen und machte seinen designierten Nachfolgerinnen, seinen Töchtern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, das Leben schwer. Jahrelang dauerte das Ringen um die Nachfolge und viele Familienmitglieder kämpften darum, das Erbe des großen Komponisten Richard Wagner auch in der dritten und vierten Generation in Ehren zu halten.

Darüber hinaus spielt der Patriarch auch eine wichtige Rolle als moralische Instanz. Vor seinen hohen Ansprüchen gilt es als Sohn und Tochter und als Enkel und Enkelin zu bestehen. Die biografische Figur des Patriarchen zeigt aber auch: Im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft, oft auch im Familiengedächtnis, haben Männer und Frauen sehr unterschiedliche Rollen.

Gibt es auch bei Ihnen Urväter oder Mütter, die solche Rollen ausgefüllt haben? Wie war das Verhältnis dieser Menschen zu ihren Kindern? Was hat sich an Wissen über den Patriarchen oder die Matriarchin bis zu Ihnen durchgesetzt? Welche Eigenschaften leitet man in Familiengesprächen von diesen Personen ab?

Blutsbrüder und verschwundene Frauen

Wenn Sie an Vorfahren und Verwandtschaftsverhältnisse denken, dann muss man sich heute auch fragen, wie die modernen Patchworkfamilien in die Familienforschung eingebunden werden können. Ebenso ist es übrigens an der Zeit, den Glauben aufzubrechen, dass Familien nur über Stammväter verfügen und die männlichen Vorfahren das Konstrukt Familie aufrechterhalten. Weil Frauen die höhere Lebenserwartung als Männer haben, ist es manchmal schließlich eine Matriarchin, die das Sagen hat. Eine typische Matriarchin kämpfte im Fernsehen heroisch um das Ansehen ihrer Familie: Herta Gräfin von Guldenburg, verkörpert von Brigitte Horney, war so eine Frauenfigur, die über zwei Staffeln in der vor Jahren erfolgreichen ZDF-Serie versuchte, den Niedergang der Familie und ihrer Privatbrauerei zu verhindern. Marge Simpson stellte in der Comicserie »Die Simpsons« einen anderen Urtyp von Frau dar, der die Männer der Familie mit Humor gut zu dirigieren weiß. Unsere Meinung ist ganz klar: Schluss mit dieser altmodischen und vielfach sehr fragwürdigen Blut-und-Boden-Ideologie. Und: Her mit den Frauen! Ja, genetisch kann man eine Familie als Reproduktionsgemeinschaft sehen, aber: Neben den Eiweißverbindungen gibt es auch eine soziale Familienschaft. Der zweite Mann der Großmutter kann für einen Enkel wesentlich bestimmender in seinem Leben gewesen sein als der leibliche Großvater, der schon früh verstarb und den der Enkel nie gesehen hat. Der leibliche Großvater tauchte nie in Erzählungen auf, er konnte als Vorbild und Referenz für den Enkel nie genutzt werden. In solchen Konstellationen kommt die soziale Familienschaft zum Tragen. Auch wenn Sie nur Genealogie-Bücher finden werden, die Ihnen die strenge Lehre der Blutsverwandtschaft vermitteln, möchten wir Sie ermuntern, sich darüber hinwegzusetzen. Integrieren Sie die Menschen, Blutsverwandtschaft hin oder her, die für Sie oder Menschen in den Generationen vor Ihnen eine Rolle gespielt haben. Sampeln Sie sozusagen sowohl die biologische als auch soziale Familienschaft.

Und: Wir sind keine Emanzen, aber was Sie als Zweites ignorieren sollten ist, dass es in der konventionellen Familienforschung immer nur um die Männer als konstituierende Elemente von Familie geht. Sie müssen sich dieser Sichtweise zwar vielfach unterwerfen. So zum Beispiel, wenn Sie alte Ahnenlisten finden und sehen, dass immer nur die Stammväter, die männlichen Linien, erfasst worden sind. Die Frauen verschwinden, nehmen die Namen der Männer an, und wurden in der Geschichte insgesamt als eher unwichtig angesehen. Sie wissen vielleicht aus Ihrer eigenen Familie, dass eine solche Weltsicht und Gewichtung der Geschlechter kaum zutreffend ist. Es gibt Familien, da haben die Frauen das Sagen (Stichwort Matriarchin), oder sind selbst dann die emotional dominanteren Vorfahren, wenn sie auch aufgrund ihres öffentlichen Sozialstatus kaum in Erscheinung traten. Für Sie heißt das heute: Lassen Sie sich nicht von der überalterten Herangehensweise leiten, den Stammvätern alleine eine Vererbungsfähigkeit zuzuschreiben. Es bleibt Ihnen überlassen, Ihre Forschungsfragen und Ihr Erkenntnisinteresse auf die Männer oder die Frauen unter Ihren biologischen oder sozialen Vorfahren zu beziehen. Wir finden, dass dieses herkömmliche »Generationenabklappern« sich überholt hat. Entscheiden Sie selbst, wohin Sie Ihre Taschenlampe richten und welchen Bereich der Vergangenheit Sie erhellen wollen. Wenn Sie zum Beispiel meinen, dass die Frauen in Ihrer Familie immer alles zusammengehalten haben, vor allem in Kriegszeiten oder danach, als die Männer starben, in Kriegsgefangenschaft kamen und gebrochen heimkehrten, dann bildet eben das den roten Faden für Ihre Familiengeschichte.

Welche Rolle spielen Frauen und Männer generell in Ihrer Familiengeschichte? Ist eine Familiengeschichtsschreibung in Ihrem Fall nur über die männlichen Vorfahren sinnvoll? Welche sozialen Verwandten waren für Sie prägend und müssten in Ihrer Familiengeschichte eine Rolle spielen?

Märtyrerinnen oder Mannweiber – über typische Frauenrollen

Ja, die Rolle der Frauen hat sich in den vergangenen Jahrhunderten stark verändert. Aber vieles ist auch noch wie eh und je: Es sind die Frauen, die die Kinder bekommen und meist sind es auch sie, die jahrelang für ihr Wohl sorgen und nebenbei ihrem Gatten den Rücken freihalten. Weder in Hinsicht auf politischen und gesellschaftlichen Einf luss noch in Bezug auf die Gehaltsklasse sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Sie müssen sich also eher wundern, sollten Sie in Ihrer Familie Frauen finden, die Unternehmerinnen, Ärztinnen oder Bürgermeisterinnen waren. Ausnahmen bestätigen nur die Regel, dass Frauen nicht dieselben Chancen hatten wie Männer. Lange Zeit konnte man die Frauenrollen mit den drei berühmten K’s beschreiben: Küche, Kinder, Kirche. Innerhalb dieses Dreiecks befand sich der weibliche Kosmos. Anstandslos zogen sich die Frauen bescheiden darin zurück. Sollten Sie dennoch eine Frauenfigur in Ihrer Familiengeschichte treffen, die davon abweichend Expeditionen nach Afrika machte, mehrere Liebhaber hatte, Fußball spielte, studierte, rauchte etc. – dann haben Sie nicht nur eine interessante Begegnung, sondern sofort eine wunderbare Story für Ihre Familiengeschichte.

Märtyrer(innen) sind aber typischerweise nicht nur weiblich, das sei auch noch betont. Auch Männer tauchen immer wieder gerne in dieser Rolle auf, wenn sie sich totschuften, weil sie alles für die Familie geben. Märtyrer gab es auch in den Zeiten, als sich ganze Generationen von Männern für »Gott und Vaterland« im Krieg opferten und darin ihre Erfüllung sahen. Verbunden sind mit diesen biografischen Rollen oft aber auch problematische Konstellationen. Hinter dem Märtyrertum kann tiefe Enttäuschung über das eigene Leben stecken und das Gefühl, dass man selbst nicht mehr glücklich werden wird – deshalb opfert man alles für die Kinder oder Enkel, investiert endlos Zeit und Geld in ihre Ausbildung oder in das Familienunternehmen. Schnell kann daraus aber auch eine Erpressung werden: Märtyrer erpressen sich manchmal mit ihrer Selbstaufopferung Aufmerksamkeit und Dankbarkeit. Und hier fängt dann an, was zu heimlichem Groll, passiver Aggressivität und zu Verwerfungen zwischen den Generationen führt. Die Bringschuld, die die Alten mit all ihrem Opfertum von den Jüngeren einfordern, kann von denen gar nicht eingelöst werden. Dann wird das Kind zum Beispiel zum undankbaren Filou, der die Aufopferung der Eltern nicht wertschätzt – in ihren Augen ist es nie genug, was zurückkommt. Und ist der Filou selbst Vater, erwartet er von seinen eigenen Kindern vielleicht wieder mehr, als er selbst seinen Eltern geben konnte. Eine Art von intergenerationeller »Familienbuchführung« wirkt dann über Jahrhunderte.8

Gucken Sie genau hin, wie sich bestimmte Rollen auf das Leben Ihrer Vorfahren ausgewirkt haben – und fragen Sie sich auch, was davon vererbt wurde. Vielleicht geht es Ihnen ja auch immer noch so, dass Sie das Gefühl haben, gar nicht wirklich zu leben, sondern sich immer nur für andere aufzuopfern? War Ihre eigene Mutter auch eine dieser typischen Märtyrerinnen? Welche Rolle spielten grundlegende Zufriedenheit oder Unzufriedenheit über das Leben in Ihrer Familie?

Das Leben der Anderen: Auswanderer und Außenseiter

Zwischen 1890 und 1920 emigrierten 30 Millionen Menschen aus Europa nach Amerika. Allein im Hamburger Hafen bestiegen fünf Millionen Menschen Schiffe, um ihre Heimat zu verlassen. Weil diese Angehörigen bei Gesprächen über die Familie oft einfach ausgelassen wurden, ist die Überraschung manchmal groß, wenn Verwandte in den USA entdeckt werden. WDR-Moderatorin Bettina Böttinger fand bei den Recherchen über ihre Familie heraus, dass ein Ur-Onkel seine Frau und Kinder zurückgelassen hatte, um ins Ausland zu gehen und dort sein Glück zu suchen. Seine Nachfahren hatten aus Enttäuschung über sein Schicksal geschwiegen, Bettina Böttinger lüftete das Geheimnis.

Solche Schiffsreisen nach Amerika sind vergleichsweise gut dokumentiert. Auswandererlisten liegen beispielsweise im Hamburger Staatsarchiv.9 Auf der Webseite der Mormonen finden Sie auch Daten zu Neu-Amerikanern, die bei ihrer Einreise registriert wurden.10

Und dann gibt es noch die Angehörigen, die sich innerhalb des Landes entfernt und entfremdet haben. Sei es, weil sie in der Erbfolge auf aussichtslosem Posten standen, sei es, weil ihre beruflichen oder sexuellen Neigungen sie zum schwarzen Schaf machten. Männer und Frauen, die ins Kloster gingen, verließen den Schoß der Familie meist für immer. Das Leben in der Glaubensgemeinschaft ersetzte dann das Familienleben.

Während des Nationalsozialismus verließen viele Verfolgte Deutschland: Heinrich und Thomas Mann, Albert Einstein und Marlene Dietrich, Theodor W. Adorno, Anna Seghers und Ernst Bloch gehörten zu den vom Größenwahn der Nazis Bedrohten, denen die Flucht gelang. Aus heutiger Sicht gehören sie zu den Weitsichtigen, die immerhin ihr Leben retteten und denen zum Teil sogar im Ausland eine Karriere gelang. Andererseits bedeutete die Emigration immer auch, von der angestammten Basis fort zu gehen und damit stets einen Bruch in der Biografie hinzunehmen. Menschen, die das erlebten, ließen immer einen Teil von sich und ihrer Vergangenheit zurück. Als biografische Figur ist das sehr spannend: Im Bruch liegt schließlich die Möglichkeit zur Erneuerung und zum Abschließen mit alten, vielleicht auch schlechten Traditionen. Das Weggehen hat immer etwas mit dem Überlebenwollen zu tun. Dahinter verbirgt sich eine enorme Lebenskraft und großer Gestaltungswille, wenn das Weggehen eigenmächtig ausgeführt werden konnte. Damit wird die persönliche Souveränität unter Beweis gestellt. Umgekehrt kann es aber auch von den Wurzeln abschneiden und zur Verkümmerung führen, nämlich dann, wenn das Weggehen als erlittenes Schicksal und nicht als eigenständiges, gewolltes Abenteuer gedeutet wird. Die Linearität der Normalbiografie wird dann beendet. Das kann zu tragischen Verwerfungen führen, wenn sich jemand nicht mehr als Teil seiner Familie vorkommt, sich ungeliebt fühlt, in die Einsamkeit wegrennt, um seinen Schmerz zu betrauern.

Viele Menschen – und sicherlich auch der Großteil Ihrer Vorfahren – interpretiert eine erfolgreiche Lebensführung auf Basis eines linearen Lebensplans: Es geht immer weiter, das eine ergibt sich aus dem anderen. Ein solcher Lebensplan sieht keine Brüche und Eskapaden vor. Alles Abweichende wird dann als Unglück gesehen. Interessant sind aber Muster, wo Vorfahren genau von dieser Norm abweichen. Auch daraus entstehen dann Familienmythen: So zum Beispiel der Mythos einer Familie, deren Mitglieder angeblich schon immer große Abenteurer und Seefahrer waren. Brüche in der Biografie werden dann zur Normalität, können positiv gedeutet werden – und ein Pathos entwickeln, dass nachfolgende Generationen positiv infiziert und zu einem stolzen Selbstbild beiträgt.

Die Ausreißer und Abenteurer, werden sie in einer Familiengeschichte hochgehalten, bedienen vielfach aber auch nur tief verwurzelte Ängste, Ängste vor sozialem Ausschluss, aber auch die Lust auf das Fremde, die große Freiheit und das Durchbrechen von Konventionen. Selbst wenn solche protobiografischen Erfahrungen nicht gemacht wurden, sind sie offensichtlich für manche so attraktiv, dass sie erfunden werden (das Erfinden von Traditionen ist eine der Lieblingsbeschäftigungen unserer Ahnen offensichtlich gewesen). Ein Bekannter erzählte uns, dass sein Vater ihm als Kind immer wieder Geschichten über die Vorfahren im Alten Ägypten erzählt habe, als der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur…-Opa noch Sklaventreiber war und die schönen Pyramiden für die Pharaonen baute. Daraus entwickelte sich ein wirkungsmächtiger Mythos. Die Ferne, die Sonne, der Sand, das Auswandern wurden positiver Bestandteil der imaginären, aber lange geglaubten exotischen Familiengeschichte.

Auch wer versucht, als Teil der Familie zu leben, kann zum Außenseiter werden. Kaiser Wilhelm II. ist ein berühmtes Beispiel für ein klassisches Außenseiterschicksal. Von Geburt an konnte er schon körperlich nicht vor der Familie bestehen, denn sein linker Arm blieb als Folge von Komplikationen bei der Geburt zurück – für seine Mutter, Kronprinzessin Victoria, eine Art persönliches Versagen. Auch für ihn selbst bedeutete die Behinderung eine Kränkung, die vielleicht seinen Hang zu Theatralik und Pomp begünstigt hat. Was er auf dem Pferd an Repräsentation nicht leisten konnte, machte er durch immer exzentrischere Uniformen und aufwändige Reisereien wett. Nicht nur seine Mutter, die ganze Familie sah Wilhelm II. kritisch und bedauerte seine instabile Persönlichkeit in Zeiten, in denen die Monarchie an vielen Fronten gleichzeitig kämpfen musste. Anders als in Skandinavien und den benachbarten Benelux-Ländern war die deutsche Monarchie nach dem Ersten Weltkrieg mit ihrem Kaiser Wilhelm II. an ihr Ende gekommen.

Welche Außenseiter gab es in Ihrer Familie? Wie wurde deren Schicksal gedeutet? Fühlen Sie sich als integrierter Teil Ihrer Familie, fest verwurzelt, aufgehoben in dieser Welt? Oder sehen Sie sich eher als entfernter Satellit?

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
187 str. 29 ilustracji
ISBN:
9783864081286
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki