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Das Decoronam

Alexander Kordik

1. Auflage (2021)

Urheberrechtshinweis

© Copyright 2021

Alle Inhalte dieses Buches, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken sind urheberrechtlich geschützt. Das Urheberrecht liegt, soweit nicht anders gekennzeichnet, bei Alexander Kordik.

Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung, Bearbeitung und Übersetzung, bleiben vorbehalten.

Texte: © Copyright und Urheberschaft Alexander Kordik

Umschlagsgestaltung: © Copyright und Urheberschaft Alexander Kordik

Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhalt

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  Inhalt

  Das Decoronam I II III IV V VI VII

  Impressum

Das Decoronam

In der schwindenden Wintersonne wirkt der Hof fast unwirklich. Wo sie noch das Dach berührt, glitzert der Schnee, rinnt ihr Licht an Fensterscheiben und Dachrinnen entlang, ein zähflüssiges, honiggelbes Schimmern. Aber darunter ist nichts mehr zu sehen, kein Fundament, kein Fachwerk, keine Balken; was immer einmal alles andere stützte, ist längst im Dunkel verschwunden. Es mag früher ein Gebäude gewesen sein, jetzt ist es eine Ansammlung einzelner Teile, die nur darauf wartet, unter der Last endlich zusammenbrechen zu dürfen.

Sieht so unsere Rettung aus? Nein, natürlich nicht, aber es kann eine Atempause sein und das ist im Moment alles, auf das wir hoffen können. Eventuell liegt es nur am mangelnden Licht, daran, dass meine Augen nichts anderes als Bruchstücke mehr erwarten. Am Morgen mag das Gebäude schon wohnlicher scheinen, mögen sich die Teile zu einem temporären Heim zusammengeschoben haben.

Ich parke neben Mirkos silbernem Kombi, in dessen offenem Kofferraum sich Kisten und Konserven stapeln, strecke mich nach der langen Fahrt. Den Spuren im Schnee nach hat er seinen Wagen ein paar Mal vor- und wieder zurückgesetzt, um die perfekte Position zum Ausladen zu finden, nur um dann doch zwei Meter neben der Tür zu stehen. In der Dämmerung kann ich sein Gesicht kaum sehen, als er und Daniela für die nächste Ladung nach draußen treten, aber er spurtet die paar Schritte auf mich zu – und zögert, nur für einen Moment, aber sein Bedenken ist doch sichtbar, bevor er seine Arme um mich schlingt, mir auf den Rücken klopft.

Nichts daran nehme ich ihm übel, natürlich war es auch mein erster Gedanke, ob das eine gute Idee, ob eine Umarmung wirklich notwendig ist. So schnell haben wir uns angewöhnt, dass jede Nähe zu vermeiden oder doch zumindest zu hinterfragen ist. Angst ist kein guter Lehrer, aber eben doch ein effektiver. Er steht mit dem Rohrstock in der Hand hinter jeder Handlung, ist einer, der oft genug zugeschlagen hat, bis schließlich schon sein Blick ausreicht, um wieder zusammenzuzucken.

„Schön, dass es geklappt hat! Wir laden gerade aus, Sanja ist drinnen am Einräumen, ich stelle euch gleich einander vor. Chris hat angerufen, dass sie und ihr Gunnar etwas später losgekommen sind, aber sie sind unterwegs und in zwei Stunden oder so hier. Was hältst du von dem Hof?”

Das Hauptgebäude ist kleiner, als es auf den Fotos wirkte, die Scheune daneben ein detailloser Kasten. Es ist nicht weit bis zu den Bäumen, die das letzte Licht am Boden schon geschluckt haben, das in den Wipfeln gerade noch verschonen.

„Mal schauen, wie er am Tag aussieht, aber wir werden schon zurechtkommen.”

„Ja, der Umbau ist nicht fertig, aber sie sind ziemlich weit gekommen, die Fenster sind neu, alles ist gut isoliert und warte, bis du die Inneneinrichtung siehst!”

Ich mache Platz für Daniela, die einen Koffer hineinträgt und zeige auf den schweren Block neben der Tür, über dem eine Axt an der Wand hängt.

„Wir müssen aber nicht Holz hacken, oder?”

„Es gibt eine Solaranlage, ich weiß nicht, ob die im Winter alles abdeckt und einen Generator, der genug Benzin für eine Weile haben sollte, ich werfe ihn nachher an. Aber vielleicht sollten wir es uns heute Abend gemütlich machen und ein Feuer im Kamin anzünden, wenn alle da sind, so als kleine Feier zum Einzug. Ich meine, wir haben es geschafft, wir sind hier, wir sind in Sicherheit. Jetzt müssen wir nur ein paar Wochen abwarten, das ist alles.”

Abwarten ist alles, was wir tun können. Wir sind am Scheitelpunkt der Pandemie, hoffen zumindest, dass wir dort sind, hoffen darauf, dass die ganzen Maßnahmen greifen, die Zahlen wieder nach unten gehen. Ich will nur eine Weile lang weg von Tod und Krankheit, weg von anderen Menschen, vor allem aber weg von der Angst, von der Anspannung, die sich mit ihrer beharrlichen Gefräßigkeit in den Alltag genagt hat.

Aber was ist überhaupt noch Alltag? So viel hat sich geändert, so viele Gewohnheiten wurden zur Gefahrenquelle erklärt, so viele Dinge, über die wir Jahrzehnte lang nicht nachdachten, mussten hinterfragt werden, wurden eingeschränkt oder sicherheitshalber gleich ganz abgeschafft. Wir leben in einem Katastrophenfilm oder einem Zombie-Comic, aber seltsamerweise liegt trotzdem noch die Stromrechnung im Briefkasten und schmeckt der Morgenkaffee aus der Lieblingstasse besser. Es sind die Details, die kleinen Momente der Normalität, auf die ich nicht vorbereitet war, das Aufblitzen des einmal Vertrauten, das mich manchmal mehr schockiert als das, was sich wie das Ende der Menschheit anfühlt.

Als alles anfing, dachte ich noch, ich könne damit ganz gut zurechtkommen. Ich saß sowieso die meiste Zeit vor dem Rechner, arbeitete in meinem Luxus der Isolation, der in vielen anderen Berufen unmöglich war. Zuerst war es auch kein Problem, änderte sich wenig, außer dass ich eine Maske aufsetzte, wenn ich zu einer eiligen Runde durch den Supermarkt gezwungen war, früh am Morgen, bevor sich zu viele Menschen durch die Regalreihen drängelten.

Doch aus den Wochen wurden Monate, aus den Ausnahmeregelungen der Ausgangssperren die neue Normalität. Stück für Stück musste ich feststellen, dass mir jeder Ausgleich abhanden gekommen war, die Stunde im Café, die zufällige Begegnung mit jemanden, den man lange nicht mehr gesehen hatte, neue Eindrücke überhaupt, ganz einfach der Kontakt mit anderen. Deswegen bin ich mitgekommen, wenn ich ehrlich zu mir bin; ich kann die Wände des Immergleichen nicht länger ertragen.

„Ich kenne sie auch nicht, sie hat bisher nicht viel gesagt, keine Ahnung. Aber wie geht es dir in dem ganzen Mist?”

„Gerade bin ich einfach nur froh, dass wir aus der Stadt raus sind. Es ist das Richtige, oder? Gunnar hatte seine Zweifel, ob das eine gute Idee ist, er traut auch dem Netz hier auf dem Land nicht wirklich und ich verstehe ja, dass er weiter arbeiten muss, soweit es irgendwie geht.”

Chris schaut zu ihm, wie er am Tisch mit seinem Laptop und Handy hantiert, versucht, alles zum Laufen zu bekommen. Er spürt ihren Blick auf sich, lächelt ihr kurz zu, bevor er sich wieder seiner Elektronik zuwendet. Sie atmet tief ein, dann langsam aus, bevor sie weiterredet.

„Wir kriegen das hin. Das müssen wir ja, was bleibt uns anderes übrig? Entschuldige, ich schwafle, oder? Ich will gerade nur, dass mir jemand sagt, dass alles gut wird.”

Ich fasse sie sanft an der Schulter, schaue sie direkt an.

„Alles wird wieder gut werden. Wir werden ein wenig Geduld brauchen, aber wir werden das überstehen, da bin ich mir sicher.”

Natürlich ist es eine Lüge, wie soll ich auch wissen, was geschehen wird? Sie muss es ebenfalls wissen, sollte mich gut genug kennen, um meine eigene Unsicherheit an den Augen abzulesen. Doch sie nickt.

„Es wird schon werden. Vielleicht tut es uns ganz gut, aus allem einmal rauszukommen und der Hof scheint ganz in Ordnung zu sein.”

„Ja, wir haben wirklich Glück, dass Danielas Schwester den gekauft hat. Das Hauptgebäude ist über zweihundert Jahre alt, aber alles stand lange leer. Sie wollte ihn zum Tagungszentrum umbauen, du weißt schon, Seminare für Firmen und so, aber das war vor der ganzen Sache, bevor sowieso alle auf Videokonferenzen umgestiegen sind, bevor es sie... du weißt schon. Soweit ich es gesehen habe, ist nicht alles fertig, aber für ein paar Wochen werden wir es hier schon gut aushalten können.”

„Wenn wir uns nicht gegenseitig auf die Nerven gehen, Andrei.”

„Es gibt genug Zimmer, wir müssen nicht ständig aufeinander herumsitzen. Aber du hast schon Recht, wir sollten alle schauen, dass wir etwas zu tun haben – ich versuche, es als Chance zu sehen, alles fertigzuschreiben, vielleicht schon mit der Korrektur zu beginnen. So ein bisschen Normalität, etwas Routine mitzubringen ist eine gute Idee, denke ich.”

Sie schweigt, eine Stille, von der ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Ihre Hand fährt durch die Haare, eine Geste, die wohl noch aus der Zeit stammt, bevor sie so kurz geschnitten waren. Als Chris antwortet, redet sie leiser als zuvor.

„Keine Ahnung, was ich von meiner bisherigen Routine halten soll. Es hat so viel Mühe gekostet, sie mir zu erarbeiten, auch wenn ich mich immer gefragt habe, ob es das wert ist. Klar, sie gab schon ein wenig Halt und ich weiß nicht, was passieren wird, wenn sie jetzt wegbricht. Diese ganze leere Zeit macht mir fast mehr Angst als das Virus. Fast.”

Wir wussten alle, dass das Virus wiederkommen wird.

Genaugenommen war es nie verschwunden, hatte sich nur in die Schatten verkrochen, versteckte sich vor der Aufmerksamkeit der Medien, die ihm vielleicht dann doch etwas zu viel wurde. Als im Sommer die Ausgangssperren Stück für Stück gelockert wurden, Geschäfte wieder öffneten und das Leben in ausgetrocknete Innenstädte zurücktröpfelte, wurde auch die Angst ein wenig müde.

Manchmal schreckte sie aus ihrem unruhigen Schlaf hoch, geweckt von einem Niesen im Bus. Doch wir schoben sie zur Seite, meistens jedenfalls, wie soll man sonst auch weiterleben? Wir konzentrierten uns auf die erträglicheren Vorhersagen, darauf, dass das Sonnenlicht vielleicht doch dem Virus zusetzte, dass die Entwicklung eines Impfstoffs zügig voranschritt, dass die Fallzahlen um zwölf Prozent weniger anstiegen als am Vortag und auf niedrigem Niveau verharrten.

Die zweite Welle kam im Herbst. Ich würde gerne sagen, dass davon niemand überrascht war, wir aus der ersten gelernt hatten und sie schnell eingedämmt wurde. Und sicher, einiges lief besser, Infektionsketten wurden konsequenter nachvollzogen und stückweise erst Städte, dann wieder ganze Regionen isoliert, während sich Pharmalabore einen Wettkampf um den ersten, allgemein zugelassenen Schutz lieferten.

Es ist zur Binsenweisheit geworden, dass Viren ständig mutieren, immer instabil sind, wie uns unzählige Artikel und Fernsehbeiträge von Wissenschaftsjournalisten erklärt haben, gerne mit dem Zusatz, dass das nicht unbedingt ein Grund zur Sorge sein müsse. Was das aber auch heißen kann, zeigten uns die im Dezember in England entdeckten B117-Viren. Ihr Spike-Protein hatte sich angepasst, damit sie noch leichter an menschliche Zellen andocken konnten, auch wenn die ausgelöste Erkrankung kaum schwerer verlief. Dass die bald darauf aufgetretene C-Variante in klinischen Studien deutlich schlechter auf die gerade einsatzfähigen A-Impfstoffe ansprachen, schien ein Rückschlag zu sein, mit dem wir zurechtkommen würden. Es war eine Verzögerung, aber die Entwicklung der Medikamente würden sich schon anpassen lassen, wenn es nur etwas Zeit dafür gab.

Das D-Corona-Virus trat zum ersten Mal in einem Vorort von Florenz auf. Zunächst wurden die Todesfälle dort für eine statistische Anomalie gehalten, konnte keiner glauben, wie tief es sich in die Lungen auch junger und größtenteils gesunder Patienten hineingraben konnte. Die Abriegelung der Stadt erfolgte so schnell und konsequent, wie es nur irgendwie möglich war.

Aber es gibt wohl Dinge, die sich nicht aufhalten lassen.

Es ist eine hohe Decke, von alten Balken unterteilt. Das Licht der Stumpenkerze reicht kaum bis nach oben, stößt dafür aber seitlich bald an die neu eingezogenen Zwischenwände, mit denen ein einmal größerer Raum in einzelne enge Schlafzimmer unterteilt wurden.

Ich stopfe den letzten Pullover in die Kommode, ein auf den ersten Blick rustikal scheinendes Möbelstück, das sich auf den zweiten als aus billigen Spanplatten zusammengesteckt erweist. Obwohl ich gar nicht so viele Kleidungsstücke mitgebracht habe, ist nicht genug Platz darin, war sie nur für ein langes Wochenende gedacht. Zuerst hatte ich überlegt, einen Teil in meiner Reisetasche zu lassen, aber diese halbherzige Lösung hätte unserem Entschluss widersprochen; wir sind nun einmal hier, werden hier bleiben und wir werden mit den Einschränkungen schon zurechtkommen, bis alles überstanden ist.

Der Laptop liegt auf dem Bett, ein Gegenstand gewordener Vorwurf, der mich mit vorgetäuschter Gelassenheit daran erinnern will, heute gar nicht erst aufgeklappt worden zu sein. Dabei müsste er doch wissen, dass ich sowieso nur auf seinen weiß grinsenden Bildschirm starren würde, an dem sich einfach keine schwarze Zeichen festklammern können. Will er einfach nicht wahrhaben, dass meine Gedanken gerade woanders sind, dass es vielleicht Wichtigeres gibt, um das ich mich zuerst kümmern muss?

Ein Knacken reißt mich aus den Gedanken. Zuerst bin ich mir nicht sicher, ob jemand das Zimmer betreten, sich hereingeschlichen hat, bis ihn eine Bodendiele verriet. Aber niemand ist hier, ich bin alleine, wieder einmal. Es sind nur die Balken, Geräusche im Holz, die ich mir lauter einbilde, als sie es sein können.

Ich lösche den Docht, schließe die Tür hinter mir. Die enge Treppe hinunter ins Erdgeschoss tasten sich meine Füße von Stufe zu Stufe voran, immer dem Lichtschein dort entgegen. Kurz überlege ich, die Einladung der offen stehenden Kellertür anzunehmen und dem Summen zu folgen, mir den von der Wintersonne gefütterten Stromspeicher anzuschauen, der uns die Zeit hier überhaupt erst ermöglichen soll, aber die anderen scheinen schon alle in dem Raum zu sein, der wohl unser Wohnzimmer ist.

Mirko wischt die Hände an seiner Jeans ab, bevor er sich uns zuwendet. Hinter ihm greifen die Flammen im Kamin langsam auf das Holz über, umkreisen gierig die größeren Scheite. Noch hält das Glas jede Wärme von uns fern, frösteln wir auf den Sofas, Chris und Gunnar haben sich unter eine Decke gekuschelt.

Ich setze mich neben Daniela. Sie hat sich nie um ihre grauen Haare geschert, auch wenn sie dadurch älter wirkte, aber mir sind die Fältchen um ihre Augen zuvor nicht aufgefallen. Andererseits, wann habe ich sie das letzte Mal gesehen, vor zwei Jahren, vor drei? Der Kontakt zu den beiden war nicht abgerissen, ist eher tröpfchenweise versickert, eine kurze Nachricht hier, ein Anruf zum Geburtstag da, ein Nachholen, kein Teilnehmen mehr.

Auch Mirko hat sich verändert. Der Vollbart steht ihm, obwohl er etwas zu viel von seinem Gesicht verbirgt, seine Züge schwerer lesbar macht. Ich kannte ihn immer als recht offenen Menschen, habe ihn aber lange genug nicht mehr gesehen, um mir nicht sicher zu sein, was bei ihm anders geworden ist oder ob mich vielleicht einfach nur der ungewohnte Bart irritiert. Auch seine Stimme ist nicht mehr ganz dieselbe, es liegt etwas darin, was Härte, Verbitterung oder Entschlossenheit sein mag.

„Das Benzin sollte schon reichen. Achtet trotzdem darauf, keinen unnötigen Strom zu verbrauchen, nicht mehr, als die Solarzellen liefern. Ich werde die nächsten Tage genau auf die Anzeige achten, dann kann ich es besser einschätzen. Wem langweilig ist, der kann gerne Holz hacken, wenn wir damit heizen, unterstützt es die Anlage.”

„So ein Kaminfeuer macht es ja auch gemütlicher.”

Dass Chris mit ihrem Kommentar vor allem versucht, sich selbst zu überzeugen, ist so offensichtlich, dass niemand darauf reagieren will. Das Schweigen dehnt sich einige Augenblicke zu weit, auch wenn Mirko sich sichtlich Mühe gibt, zügig weiterzureden.

„Wir haben alle genug Vorräte hierher geschleppt. Niemand kann wissen, wie lange das alles dauert, aber verhungern werden wir erst einmal nicht.”

„Falls uns etwas ausgehen sollte, ich habe beim Herfahren einen kleinen Laden in dem Dorf gesehen. Es ist was, fünfzehn oder zwanzig Kilometer weit weg, da können wir schon ein paar Einkaufstouren machen, wenn es sein muss.”

Gunnar hat sich ein wenig aus der Decke herausgewickelt und aufgerichtet, scheint zufrieden zu sein, auch etwas zum Gespräch beitragen zu können und schaut von einem zum anderen.

„Ja, das könnte schon eine Möglichkeit sein”, denkt Mirko mehr laut, als dass er sich an uns wendet, „wir haben tonnenweise Nudeln, Reis und Konserven, aber ein paar frische Sachen, Obst und Gemüse, wären sicher nicht schlecht.”

Es ist Daniela, die ihn sofort unterbricht.

„Nein. Ist es nicht Sinn dieser ganzen Sache, dass wir eben nicht rausgehen? Okay, wenn es sich wirklich so weit zieht, dass uns die Vorräte ausgehen sollten, ist es etwas anderes, aber wir sind hier, wir sind gesund, ich will das nicht wegen ein paar Äpfeln riskieren.”

Ich kann ihn vielleicht nicht mehr so gut einschätzen wie früher, aber es ist deutlich, wie sehr es in Mirko arbeitet, seine Lippen öffnen und schließen sich einige Male, während seine Augen sich an Daniela festkrallen. Keiner von uns will sich einmischen, einen Stromschlag von der so schnell angestiegenen Spannung zwischen ihnen bekommen, dass sie eine Vorgeschichte haben muss. Selbst Sanja, die bisher teilnahmslos auf ihrem Sofa saß, hat sich aufgerichtet, wischt eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wartet darauf, was passiert.

Aber es passiert nichts.

Mirko nickt zwei Mal.

„Du hast wohl Recht.”

Die Füße bewegen sich von alleine, ganz ohne mein Zutun. Unter ihnen rollt der Waldweg entlang, ein schneebedecktes Band, das sich kaum vom Weiß der Umgebung abhebt, sich von ihr nur dadurch unterscheidet, dass meine Stiefel dort Spuren hinterlassen.

Ich kann gar nicht genau sagen, was mich so früh hinaus getrieben hat, warum ich nicht wenigstens versucht habe, noch einmal einzuschlafen, auch wenn das Bett sich als eher unbequem erwiesen hat, eine zu weiche Matratze, die vielleicht für ein Tagungswochenende ausreichend ist, von der ich aber jetzt schon sagen kann, wie sehr ich sie in ein paar Wochen hassen werde. Zunächst wollte ich mich gleich ans Schreiben machen, keine Zeit verlieren, auch wenn ich mich dann dem Unbehagen der leeren Seite stellen müsste. Aber als ich in der Küche den Kaffee aufsetzte und die ersten Sonnenstrahlen sah, Lichtspitzen zwischen glitzernden Zweigen, hielt mich nichts mehr drinnen.

Mein Atem ist frei. So schnell sind die Masken Normalität geworden, haben wir Mund und Nase verdeckt, eine ständige Erinnerung an das Virus, jedes Mal, wenn man die Wohnung verlässt. Natürlich waren sie eine Notwendigkeit, eine kleine Einschränkung nur, deren Lästigkeit in keinem Verhältnis zu ihrem lebensrettenden Nutzen stand. Aber wie sehr habe ich mich daran gewöhnt, dass mich jetzt der Anblick des Wölkchens in der Kälte überrascht, eine kleine Freude in jedem Ausatmen! Und das Einatmen erst, ein tiefes Hineinsaugen der froststarren Luft in die Lungen, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, wer in der Nähe steht!

Menschen sind zur Gefahr geworden, lösten eine spürbare Anspannung bei mir aus, ein Zusammenziehen aller Muskeln, jedes einzelne Mal, wenn einem jemand entgegen kam – würde der andere Abstand halten, sich die Mühe machen, zumindest einen halben Schritt auszuweichen? Hier gibt es keinen Jogger, der einen schwer atmend überholt, kein kleines Kind, das mir plötzlich in den Weg rennt, es gibt niemanden um mich herum, nur das verzweifelte Kreischen irgendeines Tieres in der Ferne, in der ungewohnten Weite hinter den Bäumen.

Mirko muss fast zeitgleich mit mir wieder am Hof angekommen sein, er stellt den Motor seines Kombis ab, steigt aus und winkt mir zu, als er mich zwischen den Bäumen herauskommen sieht. Aber es ist erst, als er den Kofferraum öffnet und hineinschaut, dass ich zu begreifen beginne, wo er eben war.

„Schau mal, was ich alles noch bekommen habe!”, begrüßt er mich, „Das war gerade noch rechtzeitig, die haben den Laden fast schon überrannt und alles in ihre Einkaufswägen geschmissen, was sie in die Finger gekriegt haben. Es gab in dem Ort wohl den ersten bestätigten D-Fall und es gibt Gerüchte, dass alles komplett abgeriegelt wird, wer weiß, morgen hätte das Geschäft schon zu sein können.”

„Das mag ja sein, Mirko, aber wir haben doch gestern Abend eigentlich gesagt...”

Er lässt mich nicht ausreden. Ich habe gar nicht so sehr den Eindruck, dass er damit meinem Einwand ausweichen will, er ist ehrlich begeistert von seinem Einkauf, will das Erreichte vorführen.

„Sogar Klopapier habe ich – der Laden wollte jedem Kunden nur eine Packung abgegeben, aber ich habe auf dem Parkplatz noch ein paar Leuten eine abkaufen können. Ich weiß, so schnell sollte es nicht knapp werden, aber ich gehe eben lieber auf Nummer sicher.”

Die anderen müssen uns beim Frühstücken gehört haben. Sie bleiben in der Tür stehen und schauen vom Flur aus mit Kaffeetassen in der Hand zu, auch wenn es nicht lange dauern kann, bis sie die Situation verstanden haben. Und auch Mirko scheint langsam zu begreifen, dass sich seine Begeisterung nicht überträgt.

„Okay, ich weiß schon, wir haben gesagt, dass wir nicht mehr rausgehen. Aber ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und habe darüber nachgedacht, dass wir uns damit vielleicht eine einmalige Gelegenheit entgehen lassen. Wir müssen vorbereitet sein, um das zu überstehen, so viel ist sicher. Statt also noch einmal rumzudiskutieren, habe ich eine Entscheidung getroffen und bin gleich los. Keine Sorge, ich war vorsichtig.”

Es gibt zu viel, was ich darauf antworten möchte, so viel, dass ich nicht weiß, womit ich anfangen soll. Es scheint nicht nur mir so zu gehen, keiner sagt etwas, wir alle schweigen.

Daniela ist die erste, die reagiert.

Sie dreht sich um, geht ohne ein Wort zurück ins Haus.

Ich hämmere auf die Taste ein, lösche erst einzelne Zeichen, halte sie dann gedrückt und schaue zu, wie Wort um Wort, Satz um Satz verschwindet, sich der Text wieder in dem digitalen Nichts auflöst, aus dem er einmal gekommen ist. Warum einen Absatz korrigieren, der niemanden interessiert, am allerwenigsten mich selbst?

Die Sprache ist langweilig, altbacken, abgestanden. Sicher, es mag daran liegen, dass ich sie zu oft gelesen, zu lange schon daran herumgebastelt habe. Aber das ist nicht alles. Es ist der Inhalt, der antiquiert wirkt, eine Handlung aus einer Welt, in der Menschen noch dicht beieinander sitzen, sich in schummrigen Bars treffen oder die Köpfe zu einem Flüstern zusammenschieben, ohne dass der andere zurückweicht. Wie auch immer die Literatur in der Zeit danach aussieht, wenn es sie denn gibt, das hier ist sie sicher nicht. Ich klappe den Laptop zu, beende die Stromverschwendung, um zumindest eine nützliche Sache an diesem Nachmittag getan zu haben.

Vielleicht hat Chris die richtige Idee mit ihrer Lektüre, ein altmodisches Papierbuch auf der Couch, das unsere Ressourcen nicht belastet. Wie lange ist es her, dass ich einen Stift verwendet habe, dessen Spuren nicht einfach getilgt werden können, der ein vorheriges Nachdenken erzwingt, das besser als mein ständiges Vor und Zurück sein muss, dieses ständige Tippen und Löschen, in dem ich festhänge?

Durch das Fenster sehe ich Mirko, einen Schemen in der hereinbrechenden Dunkelheit, wie er wieder zurück in die Scheune geht, in der wir die Autos geparkt haben. Er hat sich etwas halbherzig entschuldigt, theoretisch ist alles geklärt, auch wenn immer noch eine Schwere in der Luft hängt, die sich so leicht nicht lösen will. Wir sollten darüber reden, aber wie, welche Worte können noch gesagt werden? Es wird Zeit brauchen, sie zu finden, Zeit für uns und für ihn und es mag nicht einmal die schlechteste Idee sein, dass er sie gerade eher getrennt vom Rest verbringen will.

Ihr Buch nimmt Chris nicht wirklich gefangen, oder sie ist von gewichtigeren Gedanken gefesselt und kann sich nicht konzentrieren. Wie die anderen Male an diesem Nachmittag schaut sie eine Weile im Raum herum, starrt dann wieder für eine kurze Weile in die Seiten, bevor sie sie weglegt, aufsteht und hinaus geht. Sie scheint nicht aufgeben zu wollen, sich zum Lesen zu zwingen, bisher kam sie jedes Mal nach ein paar Minuten zurück. Etwas nagt an ihr, knabbert mit bissiger Boshaftigkeit an ihrer Aufmerksamkeit herum und ich weiß nicht, ob ich mich mit einer Frage einmischen soll. Geht mich das noch etwas an?

Ich ziehe die Zahnbürste aus dem Mund und murmele eine schaumverschmierte Zustimmung, als ich das Klopfen an der Tür höre. Chris trägt schon ihr übergroßes Schlaf-T-Shirt, drückt sich zu mir in das kleine Badezimmerchen.

„Sorry, ich will nur schnell noch mal meine Hände waschen.”

Mit ein wenig Mühe spüle ich meinen Mund aus, spucke an den Rand des Waschbeckens. Während ich mein Kinn trockne, schaue ich ihre Hände an, die sie gewissenhaft einseift, dann jeden Finger einzeln unter dem fließenden Wasser abreibt.

„Ist es wieder schlimmer geworden?”

„Was meinst du?”

„Chris, lass das, ich kenne dich gut genug.”

Sie greift nach dem Handtuch am Haken, wendet aber ihr Gesicht von mir ab, bevor sie spricht.

„Es war schon besser, viel besser sogar. Aber plötzlich soll man sich ständig die Hände waschen, verstehst du? Nachdem man eine Türklinge angefasst hat, vor dem Essen oder wenn man sich die Nase geputzt hat – und jetzt sind wir noch in diesem alten Haus, überall der Staub, ich weiß schon, es ist nicht wirklich dreckig, aber alles fühlt sich so an, als ob es das wäre, jedes Zimmer, die Fenster, das Bett, alles, was man berührt.”

Sie sinkt auf dem Klodeckel zusammen, als ob jemand alle Luft aus ihr herausgelassen hätte.

„Chris, ich verstehe schon, dass das für dich nicht einfach ist. Aber dir ist schon klar, dass dein Händewaschen wenig mit dem medizinisch empfohlenen zu tun hat? Du machst es, um dich zu beruhigen, nicht wegen dem Virus?”

„Gibt es da noch einen Unterschied, waschen wir uns nicht alle die Hände, um das Gefühl zu haben, irgendetwas tun zu können? Natürlich ist das zwanghaft bei mir, war es immer und wird es wohl auch immer sein und ich kann damit halbwegs umgehen. Aber inzwischen weiß ich nicht mehr, ob ich es überhaupt einschränken will, selbst wenn ich es könnte. Was ist, wenn das die richtige Reaktion geworden ist, wenn mein ständiges Waschen jetzt normal und sinnvoll ist?”

„Was meinst du, dass du in gewisser Weise deiner Zeit voraus warst?”

„Nein, das wäre übertrieben, ich weiß schon, dass ich nur spinne. Aber vielleicht bin ich einfach durch einen dummen Zufall schon dort gelandet, wo wir alle ankommen werden.”

Mein Schlaf war unruhig. Ich hatte gehofft, dass es hier ein wenig besser würde, dass die Ortsveränderung oder die Landluft mich durchschlafen lassen, einmal eine Nacht am Stück, ohne zwischendurch aufzuwachen, mich herumzuwälzen und wieder wegzudriften. Mich am Nachmittag für eine Stunde hinzulegen war auch keine gute Idee, hat eher geschadet als geholfen, aber mein Tagesrhythmus ist sowieso schon durcheinander.

Ich erinnere mich selten an meine Träume, gehöre nicht zu den Menschen, die am Morgen noch eine Abfolge von Szenen erzählen können oder gar zu denen, die diesen eine besondere Bedeutung zumessen. Aber manchmal bleibt eben doch so etwas wie ein Gefühl zurück, eine Ahnung davon, dass das Gehirn nie ganz aufhört, sich Geschichten auszudenken.

So einen Eindruck trage ich aus der letzten Nacht, den Nachklang von Schritten, die um den Hof herumschlichen. Es waren schwere Stiefel, die sich tief in den Schnee drückten. Jemand schlurfte von Fenster zu Fenster, stahl Blicke ins Innere, suchte einen Weg hinein. Mit einem metallenen Werkzeug, einem Messer oder kleinem Beil, kratze die Gestalt an den Ritzen der Rahmen, an schwachen Stellen schabend.

Natürlich weiß ich, dass es nur ein Traum war, den ungewohnten Geräuschen geschuldet. Wir sind hier so abgelegen, das nächste Dorf so weit entfernt, dass es nur eine Einbildung im Halbschlaf gewesen sein kann. Und trotzdem fühlte es sich so wirklich an, dass ich versucht bin, draußen nach Spuren zu suchen, dass ich am Morgen fast die anderen frage, ob sie auch etwas gehört haben.

„Die Zahlen sind nicht gut.”

Es ist dieser Satz, der aus dem Gespräch hängengeblieben ist, sich im Inneren meines Kopfes festgekrallt hat, dort nun um sich schlägt, noch Stunden danach.

Ich gebe gerne zu, dass ich die Nachrichten irgendwann nur noch halbherzig verfolgt habe. Einerseits sicher aus Ermüdung, meine Aufmerksamkeit mürbe gerieben vom Mühlstein der ständigen Wiederholung, sicher aber auch, weil ich einfach Angst davor hatte, was sie mir sagen könnten. Es war wohl keine bewusste Entscheidung, eher eine Art Schutz: Manchmal ist die Unwissenheit leichter zu ertragen, trägt sie doch wenigstens die Möglichkeit in sich, dass sich alles längst zum Besseren gewendet, man es nur noch nicht erfahren hat.

Ob Danielas Herangehensweise eine bessere ist, kann ich nicht sagen; sie hat sich für das Gegenteil entschieden, verfolgt auf ihrem Handy die unablässigen Aktualisierungen der Nachrichtenseiten, überfliegt die Ticker zu steigenden Fallzahlen, verschärften Ausgangssperren und der Ankündigung weiterer klinischer Studien mit einem angepassten Impfstoff, der zu fast dreißig Prozent auch gegen D-Corona schützt, aber vielleicht dieses Mal derjenige ist, der den Durchbruch bringen wird, in ein paar Monaten, wenn je genug davon hergestellt und verteilt werden kann.

Eigentlich will ich gerade gar nichts davon hören, aber ihr scheint es wichtig zu sein, davon zu erzählen, uns auf dem Laufenden zu halten. Beruhigt es sie, davon zu erzählen, gibt es ihr ein Gefühl von Kontrolle über die Ereignisse, die da draußen ablaufen? Oder sie zieht sich aus Selbstschutz in die vermeintliche Klarheit von Statistiken zurück, kann eine abstrahierte Datenfolge leichter ertragen als die Katastrophen in jedem Einzelschicksal. Die Zahlen sind schließlich normal geworden, an sie haben wir uns gewöhnt, an das Dutzend, dann an die hundert, dann an die tausend Toten jeden Tag, jeden einzelnen Tag, und das nur in diesem reichen Land mit einem relativ guten Gesundheitssystem.

Sie rückt ihre Lesebrille zurecht und zeigt mir auf dem Display die neue Grafik der Infizierten, eine steil ansteigende hellblaue Linie, ein exponentielles Wachstum, das am heutigen Datum aufhört, doch in meinen Befürchtungen fortgesetzt wird, bis es die Bevölkerungszahl erreicht. Ein zweiter, rot dargestellter Strich markiert die bestätigten Todesfälle, auch er klettert mit jedem Tag höher, wird irgendwann die erste Linie einholen.

„Es ist diese Zahl, die mir die meisten Sorgen macht”, erklärt sie mir, „sie steigt viel zu schnell. Wenn die schweren Verläufe weiter so zunehmen, kommen unsere Krankenhäuser nicht mehr nach und dann bricht alles zusammen, werden auch die leichteren Fälle zum Problem.”

„Das muss aber nicht so sein”, werfe ich wenig überzeugt ein.

„Nein, muss es natürlich nicht. Ich bin keine Ärztin und jede Statistik zeigt die Vergangenheit, nicht die Zukunft. Aber ich verstehe genug von Zahlen, um die Entwicklung beängstigend zu finden. Ich will es nicht aussprechen und mir ist klar, wie zynisch es klingt, aber weißt du, was die einzige gute Nachricht ist, die ich daraus ablesen kann? Wenn das Virus weiterhin so aggressiv ist, sterben die Infizierten, bevor sie zu viele andere anstecken können. Es wird da draußen schlimmer werden, bevor es besser wird.”

„Hast du mit Mirko geredet?”

Ich kann mir die Antwort denken und frage wohl vor allem, um nicht weiter über eine Statistik nachdenken zu müssen, auf die ich sowieso keinen Einfluss habe.

Daniela seufzt, legt aber ihr Handy auf den Couchtisch.

„Ja und nein. Ich habe es versucht und er hat schon verstanden, dass er einen Fehler gemacht, uns einem vollkommen unnötigen Risiko ausgesetzt hat. Aber es will nicht in seinen Dickschädel, dass es vor allem ein Vertrauensbruch war, mir gegenüber, uns allen gegenüber. Wenn wir jetzt hier sind, müssen wir uns auch aufeinander verlassen können.

Wusstest du, dass ich zuerst gar nicht herkommen wollte? Es war seine Idee, er meinte, in der Stadt wäre es zu gefährlich für mich. Er musste mich überzeugen, dass wir hier sicherer sind, wenn wir das Schlimmste möglichst isoliert aussitzen, bis sich die Lage wieder beruhigt hat – und jetzt sabotiert er es?

Ich kenne ihn so nicht. Hat er früher schon manchmal solche Phasen gehabt, wo er grundlos unüberlegt oder irrational war? Hast du das bei ihm gesehen?”

„Nicht dass ich wüsste; klar, Mirko konnte schon immer etwas eigensinnig sein, aber er war zuverlässig, wenn es darauf ankommt. Aber du kennst ihn inzwischen viel besser als ich, ob sein Verhalten ungewöhnlich ist, kannst du eher beurteilen.”

„Ich weiß nicht, ob ich das noch kann. Er hat sich verändert, seit er seinen Job verloren hat, hat sich zurückgezogen und saß die meiste Zeit vor dem Computer. Es war sicher nicht einfach für ihn und ich wollte ihm ein wenig Raum lassen und nicht drängen. Jetzt fürchte ich, dass dabei etwas von unserer Verbindung verlorengegangen ist.”

Sie holt tief Luft, bevor sie weiterredet.

„Entschuldige, dass ich so über ihn meckere. Seit wir alle monatelang zuhause aufeinander hocken, es keine Abwechslung mehr gibt, ist es sicher nicht einfacher, eine Ehe zu führen und ich mache mir ernsthaft Sorgen um Mirko. Aber ich sollte mit ihm darüber reden, nicht dich damit nerven.”

Und wieder schaue ich nur zu. Manchmal habe ich das Gefühl, das ist das einzige, was ich tue; ich bleibe daneben, immer ein wenig abseits von den anderen, ein Beobachter, der nicht handeln kann.

Mirko und Daniela schneiden Gemüse, sitzen nebeneinander am Küchentisch, ohne große Worte zwar, aber ich sehe vereinzelte Berührungen zwischen ihnen, vorsichtig tastende Finger. Es liegt sicher nicht nur an den Messern, dass ihre Bewegungen abgemessen, noch etwas zu besonnen sind. Ich hatte gefragt, ob ich ihnen helfen kann, aber vielleicht ist es besser, dass sie es verneinten. So kann ich ihnen Zeit geben, auch wenn der Grund einfach sein mag, dass sie keinen dritten zum Schnippseln brauchen.

Für das Nudelwasser bin ich ebenfalls unnötig. Chris hat alles unter Kontrolle, hebt den Deckel an, legt ihn wieder zurück. Gunnar muss es irgendwie geschafft haben, sich von seinem Laptop loszureißen, er verschafft sich mit einem einzigen weit schweifenden Blick in die Küche Übersicht, bevor er zu ihr geht und ein Gespräch beginnt.

Das Klappern der Teller zieht meine Aufmerksamkeit zu Sanja, die mit dem Decken des Tisches begonnen hat, sorgfältig Besteck arrangiert und Gläser zurechtrückt. Sie muss meine Augen gespürt haben, schaut zurück. Ich hebe mich aus dem tiefen Sessel, doch sie bedeutet mir mit einer Geste, dass sie keine Hilfe braucht und ich sinke zwischen die Armlehnen zurück. Sanja gibt sich sichtlich Mühe, tritt einen Schritt zurück, um ihre Arbeit mit dem Geschirr zu überprüfen, bevor sie beginnt, die Papierservietten zu Fächern zu falten. Es mag den Tisch ja ein wenig schöner machen, aber eine hartnäckige Stimme in meinem Hinterkopf will sie darauf hinweisen, dass es eine Verschwendung von Ressourcen ist, wir sie einmal als Taschentücher oder Klopapier statt hier als nutzlose Dekoration benötigen könnten. Doch vielleicht ist die kleine Freude letztlich mehr wert, müssen wir auf vermeintliche Nebensächlichkeiten bestehen, um durchzuhalten.

Also sage ich nichts, bleibe sitzen und beobachte die anderen. Was soll ich auch sonst tun? Was kann ich sonst tun? Mein Handeln hat keinen Nutzen, kann nichts erreichen oder verändern. So sinnlos es auch sein mag, zuzuschauen und mir Gedanken dazu zu machen ist das Einzige, was mir bleibt, wenn es nichts zu tun gibt.

Aber ist das wirklich so?

Ich klappe den Laptop zu.

Es ist mir nicht peinlich, was ich schreibe, auch wenn es gerade eher noch Skizzen sind, Fingerübungen, die ich nur tippe, um sie lesen zu können, um auszuprobieren, wie die Worte sich anfühlen, wenn sie von der Seite zurückschauen. Trotzdem sind sie noch nicht für die Augen anderer bestimmt, bleiben sie noch ein kleines Geheimnis zwischen mir und den Zeichen, die mir verschwörerisch zuzwinkern. Vor allem aber möchte ich mich ohne Ablenkungen auf Chris konzentrieren, ohne dass sie fragt, was ich gerade schreibe.

„Ist alles in Ordnung?”

Schon beim Aussprechen fühlt sich der Satz bedeutungslos an, hat keinerlei Inhalt, dient nur dazu, ein Gespräch zu beginnen. Ich weiß nicht, ob die anderen etwas an ihr bemerkt haben, bevor sie zu Bett gegangen sind. Nur Mirko wandert noch aus dem Wohnzimmer heraus und wieder hinein, räumt die Asche aus dem Kamin, wischt ihn mit einer Bürste aus, trägt den leeren Korb nach draußen. Chris sitzt am anderen Ende der Couch, das Buch zwar noch in der Hand, die Aufmerksamkeit aber auf ihre Atemübungen gerichtet, den sichtbaren Versuch, ruhig ein- und langsam auszuatmen, das Zittern in jedem Zug auszugleichen.

Sie schaut mich an, als hätte sie ganz vergessen, dass noch anderen im Raum sein könnten, eine Mischung aus Erstarren und Verwirrung in den Augen.

„Chris, ist alles in Ordnung bei dir?”

„Es geht schon, ich bin gerade ein bisschen panisch, aber ich denke, ich habe es halbwegs unter Kontrolle.”

„Du bekommst kaum Luft und siehst so bleich aus, als hättest du einen Geist gesehen – was ist los?”

„Nichts, ich bilde es mir nur ein, es gibt keinen realen Grund und ich weiß das. Ich weiß nur nicht, wie ich mich davon überzeugen soll.”

„Wovon denn genau überzeugen?”

Chris legt das Buch zur Seite und steht auf, geht ein paar tastende Schritte auf und ab, wie wenn sie jede Bewegung erst erlernen müsste.

„Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Wie gesagt, es gibt eigentlich nichts zu sagen.”

„Es ist okay, wenn du nicht mit mir darüber reden willst – vielleicht ist es einfacher, wenn du mit Gunnar sprichst, aber du solltest nicht versuchen, alles alleine zu klären und es in dich hineinzufressen.”

„Wie soll ich mit Gunnar reden, wenn er die ganze Zeit nur arbeiten will? Schau, Andrei, es ist nett gemeint von dir, aber es ergibt keinen Sinn und dann kann ich auch keine Worte dafür finden.”

„Doch, das kannst du, gut, du musst ein wenig suchen, aber probiere es zumindest.”

Ich weiß nicht, was sie gesagt hätte, wenn Mirko nicht mit dem aufgefüllten Korb voller Feuerholz wieder hereingekommen wäre, ihn neben dem Kamin abstellt. Aber ich bin mir sicher, dass es etwas anderes gewesen wäre, als dass sie jetzt schlafen gehen will.

Bevor sie hinausgehen kann, stehe ich auf und nehme sie einen Moment lang in den Arm. Ob das gerade das richtige für sie ist, ob es ihr hilft, ob es das ist, was sie gerade will, kann ich nicht sagen. Doch es ist die einzige Idee, die ich habe.

Mirko nickt mir noch zu, bevor auch er geht, mich alleine im dunkel gewordenen Wohnzimmer zurücklässt.

Ich klappe den Laptop wieder auf, bade mein Gesicht in seinem fahlen Licht. Schreiben scheint das einzige zu sein, was ich noch tun kann, das einzige, bei dem ich mich nicht vollkommen hilflos fühle. Es mag eine Illusion sein, eine allzu feige Methode, um das Unfassbare auf irgendeine Weise ins Fiktionale zu bannen, das Schicksal sterbender Menschen in geisterhafte Buchstaben zu verwandeln, mit denen ich besser umgehen kann.

Aber was soll ich auch sonst tun?

Andrei kann es nicht verstehen. Es ist kein Vorwurf, ich nehme es ihm nicht übel, wie soll er auch einen Zustand begreifen, den ich selbst nicht zu fassen bekomme, der meinen Fingern immer wieder entgleitet. Worte könnten ihn eingrenzen, aber wenn ich es ausspreche, ihm gegenüber oder mir selbst, bin ich mitgefangen, muss ich eingestehen, dass es kein Zurück mehr gibt.

Der Nachthimmel ist klar, eine mattschwarze Weite, in deren Unendlichkeit so viel mehr Sterne schimmern als zuvor in der Stadt. Aber keines der fernen Lichter interessiert sich für die schneeglitzernden Wälder, den darin verlorenen Hof oder gar für mich hinter dem Fenster. Die Isolierung kann den Frost nicht ganz draußen halten, seine geduldigen Zähnchen haben sich längst durch die Scheibe genagt, beißen sich mit jeder Minute ein wenig eifriger in meine Haut. Ich sollte unter die Bettdecke fliehen, mich in die Wärme kuscheln, mich von der Regelmäßigkeit, mit der Gunnar atmet, in den Schlaf wiegen lassen.

Aber Schlaf scheint weiter entfernt als die Sterne, ist etwas, was anderen Menschen zustößt, denen, die Luft bekommen und nicht bei jedem Atemzug fürchten, die Lungen nicht mehr füllen zu können. Weil es bisher noch nicht passiert ist, steigt nur die Chance, beim nächsten Versuch zu ersticken, verzweifelt nach etwas zu schnappen, was sich einem Körper entzieht, der keine Kraft zum Schreien mehr findet und leblos auf den Boden sinkt. Warum ist Atmen so schwer geworden, ein Ankämpfen müder Muskeln gegen einen unsichtbaren Widerstand, einen unheimlichen Gegner, der meinen Brustkorb umklammert, mir dabei noch den Hals zudrückt, nur um sicher zu gehen, dass ich ihn nicht abschütteln kann?

Auch Andreis unerwartete Umarmung hängt mir noch nach, hat das Gefühl des Umschlungenseins noch verstärkt. Woher kam so eine für ihn untypische, spontane Nähe, die mich zu sehr überrascht hat, um vor ihm zurückzuweichen? Was, wenn ich ihn angesteckt habe? Nein, ich habe mir nichts vorzuwerfen, muss mir immer wieder klar machen, wie unwahrscheinlich es ist, muss mir wiederholen, dass es nur die Furcht ist, die mir die Luft nimmt.

Aber was, wenn es nicht so ist? Ich bin mir sicher, dass es mich inzwischen vollkommen erwischt hat – ich weiß nur nicht, ob es das Virus oder die Angst davor ist.

Und ich habe keine Ahnung, wie ich es unterscheiden soll.

Wie alle anderen habe ich es zuerst als Medienereignis verfolgt, Berichte von einem weit entfernten Kontinent. Es war etwas, das nichts mit mir oder meinem Leben zu tun hatte, ein Erdrutsch in Südamerika, ein Zugunglück in einem Land, über das ich nicht viel mehr als dessen Namen weiß, Katastrophenbilder, die man mit einem Schaudern zur Kenntnis nimmt, die aber bald wieder im Alltagsrauschen verblassen.

Aber es hörte nicht einfach auf, wurde nicht durch die nächste Nachricht ersetzt, die um die Aufmerksamkeit der Zuschauer rang. Im Gegenteil, die Einschläge kamen näher, Echos von Explosionen, die in stillen Nachtstunden nachhallten, mich in im Moment des Einschlafens noch einmal hochschreckten und mich verwirrt zwischen den Laken zurückließen.

Es war schließlich beim Einkaufen, wo ich es das erste Mal wirklich begriffen habe. Ein junger Mann kramte am Eingang des Supermarkts eine Maske aus seiner Tasche, zog sie über Mund und Nase, nestelte sie zurecht und versuchte mit mäßigem Erfolg, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen, die Blicke der anderen zu ignorieren, als er zur Gemüsetheke schritt. Ich weiß, dass man sich das heute nur noch mit Mühe vorstellen kann, dass einmal eine Person mit Mundschutz dasselbe ratlose Staunen hervorrufen konnte, den inzwischen jemand ohne eine Maske beim Einkaufen auslöst, kann manchmal selber noch nicht glauben, wie schnell sich die Welt verändern kann.

Doch als ich ihn damals sah, wusste ich, dass das Virus auch bei uns angekommen war – das Virus namens Angst.

Er nimmt das Headset ab, legt die Kopfhörer neben den Laptop und massiert seine Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger, schließt dabei die Augen. Es ist wohl die beste Gelegenheit, die ich heute bekommen kann. Ich stehe auf, stelle mich hinter Gunnars Stuhl und lasse meine Hände über seine Schultern gleiten.

„Wie lief es?”

„Es ging so, zu viel Gelaber. Für manche scheinen Videokonferenzen eine Ausrede zu sein, von ihrer Lieblingsserie zu schwafeln, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, um wie viel anstrengender als ein persönliches Gespräch das ist. Man kann sie nicht stummschalten oder währenddessen mit anderen beim Thema bleiben, ohne dass es noch chaotischer wird. Und dann war der Empfang hier wieder eine Katastrophe, ich hing immer wieder ein paar Sekunden hinterher oder hatte Audio-Aussetzer und durfte raten, was gesagt wurde.

Irgendwann finde ich heraus, wo dieser eine verdammte Funkmast steht, in dessen Reichweite wir sind, und trete kräftig dagegen. Der wackelt schon, wenn sich ein Vogel draufsetzt oder ein leichte Brise aus einer bestimmten Richtung kommt und sobald ein Blatt auf der Antenne liegt, ist sowieso alles zu spät. Ich kann nicht weitermachen, bis ich die Datei habe und schau dir den Datendurchsatz an!”

Er zeigt auf den Bildschirm, wo ein Ladebalken bei acht Prozent verharrt, während die geschätzte Zeit bis zum Abschluss zwischen 43 Minuten und einigen Stunden hin- und herspringt.

„Wenn du sowieso warten musst, kommst du dann zu einem Spaziergang mit? Ich muss raus, brauche ein wenig frische Luft und dir würde es vielleicht auch gut tun.”

„Ich weiß nicht, ich wollte schauen, ob ich woanders weitermachen kann. Magst du jemand von den anderen fragen, ob sie dich begleiten wollen, vielleicht will Sanja ein wenig rausgehen?”

„Bitte, ich würde wirklich gerne was mit dir zusammen machen. Seit wir hier sind, habe ich keine zwei Sätze mit dir reden können.”

Der Balken quält sich auf neun Prozent. Gunnar wuchtet sich mit einem übertriebenen Seufzer aus dem Stuhl, ohne zu begreifen, wie sehr er mir mit diesem wehtut.

„Also gut, ich suche nach meinen Stiefeln.”

„Es ist eigentlich recht schön hier draußen, oder?”

„Ja, wenn das Wetter besser wäre. Aber ich bin eben nicht der große Spaziergänger, es fühlt sich immer wie Zeitverschwendung an. Ich muss etwas tun, nicht nur rumgammeln, verstehst du?”

Unsere Stiefel knirschen über grauen Schnee, verlorene Schritte unter einem wolkenverhangenen Himmel. Das Licht lässt den Abend näher scheinen, als uns die Uhr glauben machen will; nicht mehr lange, bis die Bäume ineinanderfließen, jede Kontur aufgeben und in ihren eigenen Schatten verschwimmen.

Es ärgert mich, dass ich Mut aufwenden muss, um mit ihm zu sprechen. Sollte es in einer Beziehung nicht selbstverständlich sein, das zur Sprache zu bringen, was uns bewegt oder gefangen hält? Ich zumindest kann nicht ewig durch eine Kälte wandern, die sich mit jeder Minute ein wenig mehr durch die Kleidung arbeitet.

„Gunnar, mir geht es nicht gut.”

Er antwortet nicht, geht nur mit gleich langen Schritten neben mir und ich bin ihm dankbar dafür, dass er nicht nachfragt, nicht erklärt, sondern einfach zuhört, einfach da ist.

„Seit ein paar Tagen habe ich ein Kratzen im Hals und fühle mich ein wenig schummrig, fiebrig vielleicht. Es hat nach Mirkos Einkaufstour angefangen und ja, ich weiß, dass das zu kurz ist, dass ich selbst im ungünstigsten Fall noch gar keine Symptome haben kann. Mir ist schon klar, dass ich es mir nur einbilde, dass es nur in meinem Kopf ist. Aber es macht keinen Unterschied, es fühlt sich so echt an, dass ich mir langsam nicht mehr sicher bin. Ich fühle mich nicht mehr sicher. Wir sind hierhergekommen, um weg von dem ganzen Mist zu sein und ich hatte gedacht, dass die Angst nicht mitkommt. Aber sie ist hier.”

Er greift nach meiner Hand, eine beiläufig scheinende Geste, während wir weitergehen, eine Geste, die mir gerade mehr bedeutet, als seine Worte es könnten.

„Ich kann an nichts anderes mehr denken. Seit wir vor die Tür gegangen sind, hänge ich ständig an dem Gedanken fest, dass ich mich bei dem Wetter erkälten könnte – ich würde völlig durchdrehen, wenn ich nur einmal niesen oder husten müsste. Und gleichzeitig wünsche ich es mir in gewisser Weise, weil es mich vielleicht beruhigen könnte, weil dann zumindest die Unsicherheit weg wäre und ich mir sagen könnte, dass es nur eine Erkältung ist, auch wenn ich nicht weiß, ob ich mir das glauben würde.”

Die Tränen trauen sich nicht aus den Augenwinkeln, warten noch an den Rändern ab, aber ich kann ihre Gegenwart spüren.

„Ich habe so sehr gehofft, dass ich schon weiter bin, dass ich mit meinen Ängsten inzwischen halbwegs umgehen kann. Und dann kommt dieses verdammte Virus und jetzt ist alles noch schlimmer als zuvor. Ich komme mir so unglaublich dumm vor, so nutzlos, so hilflos – wie kann ich meinen Einbildungen so ausgeliefert sein?”

Es mag am Tränenschleier oder am einsetzenden Schneefall liegen, aber ich erinnere mich nicht an den Weg zurück zum Hof, nur daran, dass seine Lichter sich unvermutet durch die Schemen schälten.

Es wäre so viel einfacher, wenn ich die Gefahr sehen könnte.

Vor einem Waldbrand kann man fliehen, weiß zumindest, in welche Richtung man rennen müsste, um dem flackernden Funkenwirbel zu entkommen. Eine Sturmflut kündigt sich mit drohenden Wolken in einem schwarz gewordenen Himmel an, gibt einem wenigstens die Gelegenheit, sich in Sicherheit zu bringen, bevor die Wassermassen hereinstürzen. Gewiss, ich hätte in so einer Situation auch Angst, aber es wäre eine, die einen Sinn hat, die die Herzfrequenz und den Blutdruck hochtreibt, um mir die Flucht zu erleichtern.

Das Virus ist für meine Augen unsichtbar – und deshalb könnte es überall sein. Es gibt keine Möglichkeit für mich, eine Gefahr auszuschließen, keinen Ort, der zu hundert Prozent sicher ist. Selbst wenn ich den direkten Kontakt zu allen anderen Menschen vermeiden könnte, gibt es immer noch die Aerosole, die über Stunden in der Luft hängen, die das Atmen, das Leben selbst, zum Risiko machen.

Wäre die Katastrophe zu sehen, würde sie sich nicht so sehr in meinen Gedanken festsetzen, davon bin ich überzeugt. Sie hätte ihren Platz in der Welt dort draußen, müsste sich nicht einen in meinem Kopf suchen. Und weil ich nicht wegrennen, weil ich der Gefahr nicht entkommen kann, mache ich das andere, was meine Angst verlangt: Ich erstarre.

Der würzige Duft hängt noch im Raum, vom Wasserdampf überall in der Luft verteilt. Bei jedem Einatmen gleitet sein Geruch in die Nase, Eukalyptus und Latschenkiefer breiten sich tief in der Lunge aus, wärmt mich mehr, als es das heiße Wasser tat. Ein Teil von mir weigerte sich zuerst, das Erkältungsbad auszuwählen, reichte mir die Flasche mit Kirschblütenxtrakt und sagte mir immer wieder, dass mich ein paar ätherische Öle nicht schützen, noch weniger heilen würden, sollte ich wirklich krank sein. Es sei ein magisches, höchst abergläubisches Denken, als solches letztlich möglicherweise gefährlicher als das Virus.

Aber ich hörte nicht auf diesen Teil und bin froh, es nicht getan zu haben. Ich fühle mich besser, ein wenig zumindest, der Duft ist überwältigend genug, dass ich immerhin irgendetwas anderes spüre als die ständige Angst und mir ist egal, warum es so ist. Vielleicht liegt es wirklich an den anderen Eindrücken, daran, dass ich mich auf das Gefühl konzentrieren kann, wie das eigentlich zu harte Handtuch über die Haut gleitet, über den Arm oder meine Schenkel reibt, nicht angenehm, ein Kratzen fast, etwas, das ich nicht einfach ignorieren kann, das mich in den Moment drängt, einen Teil meiner Aufmerksamkeit zu sich zwingt, der dann der Angst fehlt.

War es egoistisch von mir, den Boiler anzuwerfen, etwas von dem Strom für mich abzuzweigen, ihn der Allgemeinheit wegzunehmen, nur für ein heißes Bad? Ja, vermutlich schon, aber am meisten ärgere ich mich darüber, dass ich mir diese Frage überhaupt stelle, dass ich die Notwendigkeit oder den Drang verspüre, mich dafür rechtfertigen zu müssen, weniger den anderen gegenüber als mir selbst. Warum fällt es mir so schwer zu akzeptieren, dass ich auch einmal selbstsüchtig sein darf, etwas für mich tue, das mich wohl nicht gerade rettet, aber wenigstens dazu beiträgt, den nächsten Abend zu überstehen? Ich weiß es nicht.

Bevor ich aus dem kleinen Badezimmer gehe und die Tür offen lasse, in der vagen Hoffnung, dass der Duft sich überall verteilen möge, wasche ich mir die Hände – nur sicherheitshalber, nur wegen dem öligen Gefühl auf meiner Haut, um es nicht mit den Fingern im ganzen Haus zu verteilen, wie ich mir einzureden versuche.

Es ist ein Abend, an dem einfach keine Unterhaltung aufkommen will. Jeder Satz versickert zwischen den Sofaritzen, bevor jemand einen weiteren dazugießt, ihn zu einem Bächlein anreichern kann, das irgendwann in einem Gesprächsfluss mündet. Ich gebe niemandem die Schuld dafür, bin selber zu ausgelaugt, zu sehr mit mir beschäftigt. Der Tag war anstrengend, auch wenn ich kaum etwas getan habe, vielleicht auch genau deswegen. Angst kostet Kraft, ist nunmal ein Vollzeitjob, der keine Freizeit zulässt, noch nach dem vermeintlichen Feierabend auf dem Privathandy anruft, nur um nicht in Vergessenheit zu geraten.

Mirko legt zwei Kugelschreiber über sein Glas, versucht vorsichtig, eine Tasse auf ihnen zu platzieren, die die Balance nicht halten will, polternd auf den Teppich rollt. Er zögert einen Moment, hebt sie auf und probiert es erneut. Seine Frau schaut ihm eine Zeitlang zu, zeigt dann auf das Regal.

„Sollen wir vielleicht etwas spielen?”

Unsere Blicke folgen ihrem Finger zu einer Pappschachtel mit abgestoßenen Ecken, die in einem seit Jahrzehnten unzeitgemäßen Design ‚100 Gesellschaftsspiele für jedes Alter’ anpreist, doch niemand antwortet Daniela, die ihren Vorschlag aber auch nicht weiter verfolgt. Gunnar steht auf, öffnet die Glastür des Kamins und bugsiert einen weiteren Scheit in die Flammen, obwohl noch genug Holz brennt. Ich weiß nicht, ob er mehr mit sich selbst oder mit uns redet, als er sich wieder setzt.

„Was haben die Menschen vor der Erfindung des Fernsehers oder der Eckkneipe mit ihrer ganzen Zeit gemacht?”

„Sie haben Geschichten erzählt.”

Andrei blickt von seinem Laptop auf, auf dessen Tastatur er bisher halbherzig herumgetippt hat.

„Warum nicht, dann erzähl uns etwas”, schlägt Mirko vor, „du kannst uns ja eine Kostprobe vorlesen, an was arbeitest du gerade?”

„Das ist alles noch eher skizzenhaft, ein paar Bruchstücke, die eigentlich noch nicht für andere bestimmt sind. Ich bin sowieso erst am Anfang und das kann sich noch vollkommen ändern.”

„Na komm, so schlimm wird es schon nicht sein, es ist zumindest besser, als sich weiter anzuschweigen.”

Ich kann Andrei ansehen, wie unangenehm ihm die Aufmerksamkeit gerade ist, dass er nach einer Ausrede sucht. Auch wenn ich mir fast sicher bin, dass es einen anderen Grund für seine Zurückhaltung gibt als das Gesagte, ist seine Verlegenheit der Grund, warum ich mich zu Wort melde. Der einzige Grund, wie ich mir sagen würde, hätte ich Zeit, darüber nachzudenken, bevor der Satz meinen Mund schon verlassen hat.

„Vielleicht kann ich etwas erzählen?”

„Ich würde Ihnen raten, sich eher der Kälte der Nacht dort draußen anzuvertrauen, als sie in diesem Haus zu verbringen. Sie können in drei Stunden im Ort sein, in zwei vielleicht, wenn Sie Ihr Pferd antreiben.”

„Es tut mir außerordentlich leid, dass ich Sie unangemeldet belästigen, auch noch um Unterkunft bitten muss, wenn Sie offensichtlich nicht auf einen Gast vorbereitet sind. Aber ich kenne die Gegend nicht und fürchte, mich im Moor zu verlieren. Bei Tageslicht würde ich den Weg schon wagen, aber die Dunkelheit hat mich überrascht, so dass mir keine andere Wahl bleibt, als um ein Zimmer zu bitten.”

„Oh, ich weiß, wie rasch sich die Nacht auf einen stürzen kann! Wenn es wirklich ihr Wunsch ist, lasse ich ein Bett herrichten, aber seien Sie gewarnt, es ist ein altes Haus, alt und gefüllt mit Geschichten, die in den Mauern raunen.”

Trotz des schwindenden Lichts hatte ich schon bei meiner Ankunft gesehen, dass das Anwesen in einem eher traurigen Zustand war. Gebaut in einer Zeit, in der man eher Festungen als Wohnstätten errichtete, thronte es über einer Klippe, gegen die die Wellen unablässig schlugen, ein Rauschen und Gurgeln, das mit dem Zischen des Windes durch das Mauerwerk wetteiferte und keinen Moment der Ruhe zuzulassen schien. Ein Turm, der einmal die See überblickte, war von Salz und Sturm so geschliffen worden, dass er wie ein gebrochener Finger als Geste einer kraftlos gewordenen Mahnung in den Himmel ragte. Die Last des Daches war zu schwer geworden für Balken, die sich bis fast zum Brechen bogen und die Decken niedriger wirken ließen, als sie vielleicht einmal waren.

Mein Gastgeber sprach während des Essens kaum ein Wort, entschuldigte sich dafür, dass lediglich kaltes Fleisch vom Vortag zum Brot gereicht wurde, er habe keine Besucher erwartet und esse selbst nur wenig am Abend, um seinen Schlaf nicht noch mehr zu gefährden. Derselbe hochgewachsene greise Mann, der mich an der Pforte empfangen hatte, wartete uns auf und ich fragte mich, ob dieser der einzige im Haus verbliebene Bedienstete sein konnte oder die anderen schon zu Bett geschickt worden waren.

Ich kann nicht sagen, ob seine Wortkargheit einer Veranlagung folgte oder einem Mangel an Höflichkeit entsprang, aber ich war überrascht, als der Hausherr mich noch in den Salon bat, er sei noch nicht müde und würde sich über Gesellschaft freuen, über ein Gespräch, dass die zähe Stunde bis zum Schlaf überbrücken könne. Doch er blieb stumm, während wir zwischen schweren Möbeln Platz nahmen und der Diener einen dunklen Wein in Gläser goss. Das einzige Licht kam von einem niedrig brennenden Feuer im Kamin, dessen Flammen flackernde Schatten über sein Gesicht warfen, die es mir erschwerten, seine Züge zu studieren.

Er war jünger, als ich zunächst vermutete, nicht mehr als fünf Jahre älter als ich, auch wenn die grau gewordenen Haare und die tiefen Furchen auf seiner Stirn einen anderen Eindruck nahelegten. Seine Kleidung war in einem penibel gepflegten Zustand, hinkte aber der Mode um einige Dekaden hinterher, auch wenn das hier auf dem Land, so weit entfernt vom schnelleren Leben in der Stadt, wohl niemanden verwundern durfte.

Obwohl er es war, der ein Gespräch wünschte, trug er wenig zu dessen Entstehung bei; die Geräusche des Hauses, das ewige Wispern des Windes, waren das einzige, was sich durch die Stille mühte, nur einmal unterbrochen von einem jähen Knistern des Feuers, das mich grundlos zusammenzucken ließ. Als darauf wie eine ratternde Antwort ein Knacken durch die Dachbalken fuhr, wollte ich das Schweigen nicht länger ertragen, sprach vor allem, um mich sprechen zu hören.

„Ist Ihre Familie gerade auf Reisen? Ihre Gattin außer Haus?”

„Meine Gattin?”, erhob sich seine Stimme, „Sie wissen nichts darüber, wo meine Gattin ist, keiner kann wissen, wo sie ist!”

„Entschuldigen Sie, wenn meine Unwissenheit zu einer Unhöflichkeit geführt hat”, versuchte ich ihn zu beruhigen, „nichts lag mir ferner, als Sie durch eine unbeabsichtigte Bemerkung zu beleidigen!”

Statt einer Antwort sank er zwischen die Armlehnen zurück, betrachtete das Gefäß in seiner Hand, bevor er den restlichen Wein in einer einzigen Bewegung hinunterstürzte.

„Mehr Wein!”

Aus welchem Schatten auch immer der Diener trat, er umfasste mit Spinnenfingern die Karaffe und goss seinem Herrn nach, bis dessen Glas fast überquoll. Wieder trank er mit gierigem Schlucken, ein Tropfen der dunklen Flüssigkeit rann noch sein Kinn entlang, als er endlich absetzte und sich mir zuwandte.

„Glauben Sie auch daran, dass nichts wirklich vergeht, wir immer vom Vergangenen verfolgt werden, von Schemen, die nicht vergessen wollen?”

In seinen Augen lag etwas, das ich nicht ganz deuten konnte, eine Aufregung oder Anspannung vielleicht, in jedem Fall ein Empfinden, das ihn bis ins tiefste Innere gefangen nahm.

„Ich bin leider kein Philosoph, ich weiß nicht, ob ich Ihnen ganz folgen kann...”

„Es sind die Schemen, die mir folgen! In Nächten wie diesen kriechen sie durch die Mauerritzen, drücken sich durch die winzigsten Risse, ihr Wispern schwillt zu einem Rauschen, in dem fast Worte liegen, Worte, die ich beinahe verstehen kann, Worte, die mich vernichten wollen!”

Ob er mich überhaupt noch wahrnahm oder nur noch mit sich selbst sprach, kann ich nicht sagen. Aber langsam begriff ich, welches Gefühl ich in seinen Augen gespiegelt sah: Es war Angst, rohe Angst, die ihre froststarren Finger um ihn geschlossen hatte, ein erbarmungsloser Griff, der sich nicht lösen würde. Nie werde ich diesen Blick vergessen, mit dem er sich schließlich erhob und ohne ein Abschiedswort den Raum verließ.

Darmowy fragment się skończył.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
190 str.
ISBN:
9783754945247
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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